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Lymphödem bei Brustkrebs - was tun? - Christine Bernsen

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Lymphödem bei
Brustkrebs - was tun?
Ein Ratgeber für
Patientinnen, Angehörige
und andere Interessierte
UNI-MED Verlag AG
Bremen - London - Boston
Vorwort zur 2. Auflage
Mit diesem Ratgeber möchte ich verständlich und möglichst umfassend informieren, zudem für die Erkrankung "Lymphödem bei Brustkrebs" Aufmerksamkeit erreichen. Inzwischen hat das Thema eine deutlichere Präsenz. Viele Veranstaltungen befassen sich mit diesem Themenbereich sowie auch die verschiedenen medizinischen Fachgesellschaften.
Es hat sich gezeigt, dass dieser Ratgeber ganz unterschiedliche Menschen erreicht, in erster Linie Patientinnen und deren Angehörige, aber auch sehr viele, die sie auf dem Weg der Erkrankung behandeln und
begleiten.
Dieser Ratgeber betritt Neuland, da er von einer Lymphödemerkrankten geschrieben wurde. Er ist kein
klassischer Patientenratgeber, aber auch kein Fachbuch. Die Positionsbestimmung fällt bei dieser Auflage
vielleicht noch etwas schwer. Die Überarbeitung und Erweiterung des Inhalts ist die Konsequenz und
Umsetzung der Reaktionen auf die erste Auflage.
Es ist wichtig, dass das Lymphödem als eigenständige Erkrankung verstanden wird. Das Lymphödem bei
Brustkrebs ist immer eine sehr individuell verlaufende Erkrankung und das meist unabhängig von der
Grunderkrankung. In der Regel ist sie eine chronische und zum Fortschreiten neigende Krankheit; frühzeitige und kompetente Behandlung kann den Verlauf positiv beeinflussen.
Nach einer oft schweren und Kräfte raubenden Brustkrebstherapie fordert die Erkrankung vor allem von
der Patientin viel. Viele Patientinnen stehen davor wie vor einem sehr großen Berg. Der Gipfel scheint unerreichbar, ausgeschlossen, dass die Kraft für diesen Weg reichen wird.
Für erkrankte Frauen ist es auch heute oft noch schwierig, gute Informationen, Ärzte und Lymphtherapeuten zu finden, die sie auf ihrem Weg unterstützen. Jeder hat die Möglichkeit, die Therapie aktiv zu unterstützen, und das kann sich sehr positiv auf den Therapieerfolg auswirken. Die Therapie des Lymphödems ist eine Teamleistung, in dessen Zentrum die Patientin stehen muss.
Die nachfolgenden Seiten sollen helfen, die Erkrankung besser kennen zu lernen und vor allem besser damit umgehen zu können. Neben Informationen zur Erkrankung und Therapien finden sie auch Tipps für
den Alltag mit dem Krankheitsbild Lymphödem bei Brustkrebs.
Wissen macht manchmal Angst.
Wissen schafft aber auch Möglichkeiten.
Wissen ist die Voraussetzung für die Akzeptanz der nötigen Behandlungen,
sowie der damit verbundenen Veränderungen im Leben.
Veränderungen im Alltag sowie bei liebgewonnen Gewohnheiten fallen oft unendlich schwer. Es zu versuchen und auch wirklich durch zuhalten, dabei kann Wissen sehr hilfreich sein.
Leben mit einem Lymphödem muss Lebensqualität besitzen und dabei wird das Ödem behandelt. Nur so
sind Therapien langfristig erfolgreich und können Komplikationen vermieden werden.
Es ist oft ein langer schwerer Weg, aber ich kann ihnen versichern – es lohnt sich, ihn zu beschreiten.
Das Leben mit der Erkrankung Lymphödem ist immer wieder ein Spagat bzw. eine Gratwanderung. Jede
muss für sich immer wieder neu abwägen: Wie weit lasse ich Veränderungen und Einschränkungen in
mein Leben hinein? Jede wird hier ihren ganz eigenen Weg finden und gehen.
Haben sie den Mut und das Interesse, sich auf diesen Weg zu begeben.
Sorgen sie gut für sich. Meine besten Wünsche für sie.
Übrigens: Es wurde im Text nur die männliche Form bei personenbezogenen Bezeichnungen verwendet, selbstverständlich ist aber auch immer die weibliche Form gemeint. Zu guter Letzt noch der Hinweis: Für die Platzierung von
Produkten in diesem Ratgeber habe ich keine Gegenleistungen erhalten.
Bremen, im April 2011
Christine Bernsen
Autorin
Christine Bernsen (Jahrgang 1969) lebt in Bremen.
Im Jahr 2001 war ich 32 Jahre, frisch verheiratet und mit unserem Wunschkind schwanger. 14 Tage vor
dem Geburtstermin im August tastete ich in der rechten Brust eine Veränderung. Die Brustkrebsdiagnose
wurde im Januar 2002 gestellt.
Nach dem Abstillen folgte die Chemotherapie. Der Tumor hat sich darunter komplett aufgelöst. Dann
wurde ich brusterhaltend operiert mit einer beidseitigen Brustverkleinerung. Es wurden mir mit der konventionellen Methode 9 Lymphknoten entfernt, die tumorfrei waren, und dann folgte noch die Bestrahlung. Aufgrund der Tumorbiologie gab es keine weiteren Behandlungsoptionen. Im Dezember 2006 war
ein Eierstock auffällig. Nach sorgfältiger Überlegung und Information wurden die Eierstöcke entfernt.
Tumorzellen wurden keine gefunden.
Das chronische Lymphödem habe ich seit Ende 2002, inzwischen beidseits sowie am Brustkorb und in
beiden Händen ausgeprägte Sensibilitäts- und Kraftverluste. Meine Behandlung besteht heute aus regelmäßiger Lymphdrainage (die Häufigkeit ist von dem Ödembefund abhängig), Übungen (Atem- und Entspannungsübungen), Kraft- und Ausdauertraining sowie der Kompressionsbestrumpfung.
Folgende Aus- und Weiterbildungen habe ich abgeschlossen:
• Ausbildung zur Krankenschwester 1990
• Weiterbildung zur Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin 1993
• Ausbildung zur Rettungsassistentin 1997
• Weiterbildung zur Breast Nurse 2005
■ Kontakt
Christine Bernsen
Peerweg 48
28357 Bremen
0421–959 19 86
www.lymphoedeminfo.de
Hier finden sie u.a. auch Informationsmaterial zum Downloaden.
Des Weiteren freue ich mich über ihre Rückmeldungen und Anregungen.
10
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1.
Prolog: Was tun, damit kein Lymphödem entsteht?
14
2.
Daten und Fakten zum Lymphödem
18
2.1.
2.2.
2.3.
2.4.
2.5.
2.6.
2.7.
2.8.
2.9.
Lymphologisch spezialisierte Ärzte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Funktion des Lymphsystems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Ursachen des Lymphödems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Wie entsteht ein Lymphödem? Wie wird Lymphe transportiert? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Definition des Lymphödems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
Häufigkeit des Lymphödems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
Symptome des Lymphödems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
Diagnosestellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Lokalisationen des Lymphödems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
3.
Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE)
3.1.
3.2.
3.3.
3.4.
3.5.
3.6.
3.7.
3.8.
3.9.
Hautpflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
Verordnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
Manuelle Lymphdrainage (MLD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
Allgemeines zur Entstauungstherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Bandagierung (lymphologischer Kompressionsverband) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Komplikationen des Lymphödems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Stationäre Entstauungstherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Apparative intermittierende Kompression (AIK) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
Operative Behandlungsmöglichkeiten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
4.
Anpassen der Kompressionsbestrumpfung
4.1.
4.2.
Anziehhilfen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
Pflege der Kompressionsware . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
5.
Das besondere Problem – Lymphödem an Brust und/oder Brustkorb
(Thorax)
38
6.
Alltag mit dieser Lebenssituation
42
6.1.
6.2.
6.3.
6.4.
6.5.
6.6.
6.7.
6.8.
6.9.
Positive Effekte durch das Tragen von Einmal-(Über-)handschuhen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
Partnerschaft und Sexualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
Sozialrechtliche Aspekte der Erkrankung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
Zur Ruhe kommen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
Verletzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
Wetterumschwung – Wechsel der Jahreszeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
Leben mit Genuss. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
Kleidung und Schmuck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
Flugreisen und Urlaub . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
24
32
Inhaltsverzeichnis
11
7.
Sport und körperliche Aktivitäten
7.1.
Krafttraining für Brustkrebspatientinnen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
52
8.
Therapiemöglichkeiten beim Lymphödem
56
8.1.
Manuellen Lymphdrainage (MLD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
8.1.1.
8.1.2.
8.1.3.
Information zur Manuellen Lymphdrainage (MLD). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
Grundgriffe der Manuellen Lymphdrainage (MLD). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
Kontraindikationen der Manuellen Lymphdrainage. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
8.2.
8.3.
8.4.
8.5.
Bandagierung – Lymphologischer Kompressionsverband . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
Softcompress . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
Lymph-Taping . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
Lymphologische Kompressionswaren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
8.5.1.
8.5.2.
8.5.3.
8.5.4.
8.5.5.
8.5.6.
Weshalb ist eine Kompressionsversorgung notwendig? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
Druckverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
Kompressionsklassen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
Herstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
Möglichkeiten der Kompressionstherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
Weiteres zur Kompressionsversorgung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
8.6.
8.7.
8.8.
Strangbildung nach axillärer Lymphknotenoperation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
Unterstützende Selbstbehandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
Unterstützende Atem- und Bewegungsübungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
8.8.1.
8.8.2.
Übungs-Programm für Mamma-Patienten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
Stufenplan der Behandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
8.9.
Psychoonkologische Aspekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
9.
Anhang
9.1.
9.2.
9.3.
9.4.
9.5.
Listen mit spezialisierten Medizinern und Lymphtherapeuten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
Informationsbroschüren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
Links – Kontaktadressen – Zeitschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
Spezialkliniken für Lymphödempatienten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
Index
88
92
13
Prolog:
Was tun, damit kein
Lymphödem
entsteht?
14
1. Prolog: Was tun, damit kein Lymphödem entsteht?
1. Prolog: Was tun, damit kein Lymphödem
entsteht?
■ Ein wichtiger Fakt vorab
Der kürzeste Weg zum Lymphgefäßsystem führt
über die Haut.
Das erklärt auch, warum die Haut bei Verhaltensempfehlungen und Therapien eine so zentrale Rolle spielt. Die Haut benötigt besonderen Schutz und
Pflege. Sie sollten sich in ihrer Haut wohl fühlen.
Negativen Auswirkungen auf das Lymphgefäßsystem können unter folgenden Oberbegriffen zusammengefasst werden:
i Wunde/Verletzung
i zu großer Druck
i Überwärmung
ven Einflüsse ausbleiben, wird das Risiko reduziert.
Trotz allem Fortschritt bleibt es vielfach noch
unklar, warum genau die Frau ein Lymphödem
bekommt und die andere nicht.
Die folgenden Faktoren können dazu führen, dass
ein intaktes Lymphgefäßsystem ins Ungleichgewicht gerät und damit ein Lymphödem entsteht.
• Leistungsfähigkeit ↓
• Transportkapazität ↓
• Lymphpflichtige Lasten ↑
Wenn es zu einer Wunde kommt, muss diese desinfiziert und ggf. mit einer Wundauflage versehen
werden. Sollte diese nach drei Tagen nicht reizlos
abheilen, muss sie einem Arzt vorgestellt werden.
Besonders dann, wenn sich ihr Allgemeinzustand
verschlechtert und sie Fieber haben.
Auch (zu) großer Druck auf die Haut (z.B. durch
zu schwere Taschen, Druck von Nähten,
Schmuck) sowie die Überwärmung der Haut können negative Auswirkungen auf das Lymphgefäßsystem haben.
Dass ein Lymphödem entsteht, hängt von vielen
Faktoren ab; wenn diese oben genannten negati-
• Die Lebensweise aber auch Lebensumstände
(Ernährung, Belastung, Sport, Psyche) haben einen nicht unwesentlichen Einfluss auf ihr
Lymphsystem und damit auf die Entstehung eines Lymphödems.
Aus meiner Erfahrung gibt es nicht den Rat, wie
sie dem Lymphödem am besten vorbeugen können.
• Seien sie aufmerksam aber entspannt in Sachen
Lymphödem.
• Sollte ein Lymphödem auftreten, bleiben sie ge-
lassen.
Lymphgefäße
efäße
Lymphknoten
LLymphknoten
Lymphgefäße
Lymphgefäßsystem des Körpers
Lymphgefäßsystem der Brust
Abb. 1.1: Anatomische Übersicht. Modif. nach IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen).
15
• Jede Veränderung, die sich nicht nach einigen
Tagen zurückbildet, sollte einem Arzt vorgestellt
werden.
Alle Verhaltensempfehlungen und Therapien
müssen immer individuell zusammengestellt werden.
Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden:
Leben mit einem Lymphödem muss Lebensqualität besitzen und dabei wird das Ödem behandelt.
Nur so sind Therapien langfristig erfolgreich und
können Komplikationen vermieden werden.
2.8. Diagnosestellung
2.8. Diagnosestellung
Eine genaue Befragung (Anamnese) und eingehende Untersuchung durch ihren Arzt muss im
Vordergrund stehen.
Die Schilderung ihres persönlichen Empfindens
im Zusammenhang mit der Gewebebeobachtung ist das entscheidende Kriterium.
Hier ist unter anderem das Stemmer'sche Zeichen
(☞ Abb. 2.3) zu nennen. Zusätzlich gibt es auch
unterschiedliche
bildgebende
DiagnostikVerfahren (z.B. Ultraschall, Doppleruntersuchung, Lymphangiographie, Lymphszintigraphie). Diese Verfahren werden in der Regel nur bei
einer unklaren Ursache für das Lymphödem (z.B.
Fortschreiten der Tumorerkrankung und vor
Operationen) angewandt werden.
Sie als Patientin haben ihr ganz eigenes Körperempfinden. Vertrauen sie sich und ihrem Körper. Achten sie bei sich auf folgende Punkte:
• Verändert der betroffene Bereich seine Form?
• Lassen sich Dellen bilden, und wie verhalten
sich diese? Läuft diese Delle nur sehr langsam
wieder voll, ist es ein eiweißreiches Ödem. Im
Vergleich dazu füllt sich die Delle z.B. bei einem Herzkreislaufödem sehr schnell wieder,
da das Ödem hauptsächlich aus Wasser besteht.
• Haben sie Schmerzen und/oder Missempfindungen in diesem Bereich?
• Verändert sich evtl. ihre Hautstruktur?
Teilen sie bitte diese von ihnen festgestellten Beobachtungen ihrem behandelnden Arzt mit.
■ Stemmer'sches Zeichen
Das Stemmer'sche Zeichen beschreibt einen Hautfaltentest. Ursprünglich kommt dieser Test aus der
Phlebologie (Lehre von den Venenerkrankungen).
Der Elsässer Arzt Dr. med. Robert Stemmer, Facharzt für Phlebologie, beschrieb diesen Test als
Nachweis, wie weit eine Erkrankung fortgeschritten ist.
21
Er testete die Haut an der zweiten Zehe, indem
er versuchte eine Falte abzuheben.
• Ist dies leicht möglich und sind die Falten auf
beiden Seiten – gesunde und betroffene –
gleich dünn, so spricht man vom negativen
Stemmer'schen Zeichen.
• Ist eine Hautfalte dicker, lässt sich schwer
oder nicht abheben, so spricht man vom positiven Stemmer'schen Zeichen. In diesem Fall
befindet sich eiweißhaltiges Ödem im Gewebe.
Dieser Test wird auch in der Lymphologie angewendet, um aufzuzeigen, ob eine Region schon
lymphödematös verändert ist oder noch nicht. Er
kann an jeder Stelle, wo sich ein Lymphödem bildet, angewendet werden.
Da ein Armlymphödem immer körperstammnah
beginnt, sollte dieser Test an der Innenseite des
Oberarms im Seitenvergleich durchgeführt werden. Genau wie der Arm sind aber auch Brust- und
Rückenregion auf der operierten Seite zu beobachten, da sie ebenfalls zum Abflussgebiet der Axillarlymphknoten gehören.
Abb. 2.3: Klinische Diagnose des Lymphödems.
Stemmer'sches Zeichen: nicht oder schwer abhebbare
Haut und Kutisverdickung am 2. oder 3. Finger dorsal
als Zeichen der Fibrosierung. Quelle: W Döller. Mammakarzinom: klinische und apparative Diagnostik des
Lymphödems. http://universimed.com 8 Mär 2010,
mit freundlicher Genehmigung.
22
2. Daten und Fakten zum Lymphödem
■ Messverfahren zur Dokumentation
Zur Unterstützung bei der Diagnosestellung und
im Therapieverlauf ist es hilfreich, den Hand-,
Arm- und ggf. Rumpfumfang zu dokumentieren.
Beachten sie bitte, dass auch ohne ein Lymphödem
die Umfänge an den Händen/Armen nie seitengleich sind.
Besonders wichtig ist die Dokumentation für die
Kostenerstattung sowie weitere sozialrechtliche
Aspekte.
Darüber kann zudem die Effektivität der begonnenen Therapie, aber auch die anderer unterstützender Maßnahmen dokumentiert werden.
i Beispiel Hand- und/oder Armmessung:
Es werden vier Messpunkte auf beiden Seiten
ermittelt, Null-Punkt für die Messung ist die
Fingerkuppe des Mittelfingers (Handaußenseite). Von dort aus werden alle 15 cm mit einem
(wasserfesten) Stift Markierungen aufgezeichnet, wo im Verlauf immer wieder an der gleichen Stelle das Maßband angelegt werden soll.
So ergeben sich etwa folgende Punkte:
1. Mitte Handrücken
2. Mitte Unterarm
3. Mitte Oberarm
4. Oberarm in Höhe des Schultergelenks
Damit werden dann die Stellen erfasst, an denen
sich bei den meisten Patientinnen Flüssigkeitsansammlungen bilden können.
Zur Dokumentation dieser Messwerte ist es sinnvoll, einen Bogen anzulegen.
Dokumentationshilfen werden von verschieden
Stellen angeboten ( Kap. 9. "Anhang"). Ihr Arzt
oder Lymphtherapeut haben da sicher Vordrucke, mit denen sie immer arbeiten.
2.9. Lokalisationen des Lymphödems
Die Lokalisationen des Lymphödems scheinen
sich seit der flächendeckenden Einführung der
Sentinel-Operation zu verändern. Die ArmHandödeme nehmen ab, dagegen kommt es immer häufiger zu Brust- und Brustwandödemen.
Quelle:
Prim. Dr. W. Döller 2010-03-08 universimed.com;
Mammakarzinom: klinische und apparative Diagnostik
des Lymphödems.
Für sie ist es wichtig, sich gut zu beobachten,
trotzdem gelassen zu bleiben und nicht panisch
auf ein mögliches Ödem zu reagieren. Wichtig
ist es, zeitnah zu reagieren, d.h. jede Veränderung, die sich nicht nach einigen Tagen bessert,
sollte einem Arzt vorgestellt werden.
Bei der Lokalisation kann es alle Formen geben, oft
kommt es auch nur zu isolierten Befunden, z.B.
Hand und dort auch nur bestimmte Punkte (z.B.
Fingergrundgelenke, Daumenballen). Es kann
auch nur zu einem isolierten Rumpf-, Brust- bzw.
Brustwandödem (Thorax) kommen.
24
3. Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE)
3. Komplexe Physikalische Entstauungstherapie
(KPE)
Die Basistherapie zur Behandlung von Lymphödemen ist die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie. Sie umfasst:
• Hautpflege
• Manuelle Lymphdrainage
• Kompressionstherapie mit lymphologischem
Kompressionsverband und/oder lymphologischer Kompressionsbestrumpfung
• Bewegungstherapie
Die Therapie des Lymphödems ist auch abhängig
vom Stadium der Erkrankung. Je nach Befund,
das heißt z.B. wie ist das Ödem in seiner Beschaffenheit, welche Bereiche sind wie stark betroffen,
wird die Therapie geplant.
■ Die Therapie und Entlastungen planen
Nachdem die Diagnose gestellt wurde, muss gemeinsam mit ihnen und den Behandelnden (Arzt,
Physio- und Lymphtherapeut) ein Therapie- und
Behandlungsplan aufgestellt werden, in dem auch
ihre ganz persönliche Situation bei der Auswahl
der verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten berücksichtigt wird. Frühzeitig muss dabei auch die
lymphologische Kompressionsversorgung mit
dem Sanitätsfachhandel geplant werden (Bearbeitungszeit, Kostenvoranschlag sowie Lieferzeiten
sind zu berücksichtigen).
Als Beispiele sind hierzu die Art und die Stundenzahl ihrer evtl. Berufstätigkeit oder die Versorgung
des Haushaltes (z.B. Betreuung von Kindern oder
pflegebedürftigen Angehörigen) zu nennen. Hier
gilt es nach entlastenden Hilfsmitteln bzw. Unterstützungen zu suchen, die die nun nötige Therapie
begleiten, z.B. durch den Einsatz von Haushaltshilfe, Tagesmutter, Kurzzeitpflege für Angehörige
und Veränderungen am Arbeitsplatz.
Therapieziel ist, eine Befundbesserung bzw. Stabilisierung zu erreichen. Vor allem soll aber eine
Verschlechterung des Befundes vermieden werden.
3.1. Hautpflege
Wie schon erwähnt, hat diese einen besonderen
Stellenwert bei der Therapie des Lymphödems,
da die Haut der kürzeste Weg zum Lymphsystem ist. Sie müssen sich in ihrer Haut wohl fühlen.
Ihre ganz individuelle Hautpflege ist wichtig. Sie
sollte aber bitte die physiologischen Funktionen
erhalten bzw. wieder herstellen. Dabei soviel
Feuchtigkeit wie nötig und so wenig Fett wie möglich verwenden. Ein höherer Fettanteil in den Produkten könnte dazu führen, dass es zu vermehrtem
Schwitzen in diesem Bereich kommt und generell
kann dadurch die "Atemfunktion der Haut" eingeschränkt werden. So können im gestauten Bereich
leichter Reizungen bzw. Entzündungen entstehen,
die unter Umständen behandlungsbedürftig sind
und unbedingt die Vorstellung bei einem Arzt erfordern.
Für viele Frauen sind Reiz- und Duftstoffe (auch
natürliche Essenzen) nach den Therapien nicht
unproblematisch, deshalb bitte möglichst darauf
verzichten. Auf ihr Parfüm müssen sie in der Regel
nicht verzichten und sie können ja auch ausprobieren, was sie vertragen.
Tipp: Ideal sind in der Regel pH-neutrale, möglichst parfümfreie Produkte mit einem UreaAnteil. Es gibt sowohl in der Apotheke als auch im
Drogeriemarkt gute und günstige Pflegeprodukte,
die auch bei Allergien sowie Neurodermitis keine
Probleme machen. Auch die Anwendung von
Deodorants kann evtl. Probleme bereiten. Hier ist
es günstiger, auf alkoholfreie und nicht parfümierte Produkte zurückzugreifen.
42
6. Alltag mit dieser Lebenssituation
6. Alltag mit dieser Lebenssituation
Das Lymphödem beeinträchtigt in jeder Phase
der Erkrankung alle Bereiche des Lebens.
Es ist immer präsent, vom Aufstehen bis in den
Schlaf hinein.
Es fordert dabei nicht nur von der Patientin:
Umdenken – Abgeben – Anpassung – Annehmen von Veränderungen.
Diese Zeilen werden alle Lymphödempatienten
unterschreiben, unabhängig von ihrem Ödembefund und ihrer Behandlungsphase. Nach einer oft
schweren und kräfteraubenden Brustkrebstherapie nun noch ein Lymphödem.
Was für Ressourcen können sie für sich nutzen?
Wo können sie ihre Kraftdepots auffüllen?
Wo finden sie Unterstützung?
Wie können sie dieses praktisch und psychisch bewältigen?
Die Erkrankung Lymphödem ist eine enorme zusätzliche Belastung, die Reaktionen auslösen kann
wie: Verzweiflung, Wut, Ohnmacht, Depression
und Resignation. Das ist völlig normal und nachvollziehbar, aber kein Grund aufzugeben.
Suchen sie Hilfe und nehmen sie diese auch an.
Organisieren sie ihre körperlichen und psychischen Belastungen individuell für sich neu. Wo
sind Unterstützung und Hilfe nötig?
Fachliche und persönliche Unterstützung sind für
sie in dieser Situation sehr wichtig. Denn so können sie leichter ihren individuellen Weg mit dieser
Krankheit finden und gehen. Die Unterstützung
kann von ganz unterschiedlichen Personen geleistet werden: Freunden, Familie, anderen betroffenen Patientinnen bzw. deren Partnern, Selbsthilfegruppen, aber vor allem auch von Fachleuten, z.B.
Psychologen, Erziehungsberater, Therapeuten, Sanitätshandelfachkräften u.a..
Alle jetzt nötigen Therapien und Behandlungen
können nur so gut und so effektiv sein, wie sie
und ihr Umfeld diese durchhalten und unterstützen. Auch die Unterstützung ihrer Behandelnden kann sie hier zusätzlich motivieren.
Denn oft sind damit lebenslange Behandlungen,
Therapien und ebenso Veränderungen ihres
Alltages verbunden.
Die Brustkrebserkrankung hat ihr Körperbild,
Körperwahrnehmung, Körpervertrauen, Selbstverständnis und vielleicht auch ihr Selbstbewusstsein verändert. Diese Veränderungen müssen für
Außenstehende nicht immer sofort sichtbar sein.
Nun verändert das Lymphödem aber gerade ihr
Äußeres. Der Kompressionshandschuh/-strumpf
stellt möglicherweise sowohl für sie als auch für andere eine sichtbare Veränderung und ein deutliches Zeichen einer körperlichen Behinderung dar.
Möglicherweise erleben sie dies als ein Stigma, mit
dem sie sich praktisch und psychisch auseinander
setzen müssen. Oft fühlen sich erkrankte Frauen in
ihrer Lebensqualität dadurch erheblich eingeschränkt. Manchmal wird dies u.a. der Grund dafür sein, warum die Therapien, Behandlungen und
Verhaltensempfehlungen nicht konsequent eingehalten werden. Ich weiß, wie schwer gerade dieser
Teil der Therapie ist, aber er ist nötig. Eine große
Hilfe kann es für sie sein, wenn sie es schaffen, die
Therapien in ihren Alltag zu integrieren und sie
sich dabei der Unterstützung ihres Umfeldes und
ihrer Behandelnden sicher sein können.
Der Alltag mit Kind(ern) jeden Alters in dieser Situation ist eine ganz besondere Herausforderung.
Kinder gehen oft erfrischend normal mit dem
Kompressionshandschuh/-strumpf um. Für sie
und ihr Umfeld kann es aber durch die Erkrankung und Therapien bedingt zu einer erheblichen
physischen wie auch psychischen Mehrbelastung
kommen.
6.2. Partnerschaft und Sexualität
43
6.1. Positive Effekte durch das
Tragen von Einmal-(Über-)handschuhen
Wie ist es möglich, den Alltag mit so einer
Einschränkung zu gestalten?
Vermeiden sie es bitte, für diese Tätigkeiten den
Kompressionshandschuh immer wieder anund auszuziehen, da dies eine Ödemzunahme
zur Folge haben kann. Zu kurz gewählte Finger
am Handschuh verschieben das Lymphödem
nur weiter in die Finger, dadurch wird die Funktion (Kraft und Feinmotorik) nur noch schlechter.
Diese Veränderung in den Alltag zu integrieren
scheint auf den ersten Blick vielleicht unmöglich.
Hier hat es sich bewährt, einen passenden Einmalhandschuh über dem Kompressionshandschuh
zu tragen. Vinyl ist besser geeignet als Latex, da die
Handschuhe wiederverwendbar und allergenfrei
sind. Wichtig ist es hierbei, Produkte ohne Puderung zu verwenden, da Puder die empfindlichen
Fasern der Kompressionsware angreift. Diese können sie in der Apotheke oder auch im Internet in
100er-Kartons bestellen (Preisvergleiche lohnen
sich). Es gibt sie in drei Größen, eine passt sicher
auch über ihren Handschuh drüber.
Tipp: Die Belege aller krankheitsbedingten Mehrkosten sammeln (Fahrkosten, Zuzahlungen, Kosten für zusätzliche Therapien und Heil-/Hilfsmittel), diese dann bei der Einkommensteuer geltend
machen.
Bis heute bin ich vor allem in diesem Punkt sehr
konsequent. Natürlich hätte ich es gerne anders,
vor allem unser Sohn würde sich das sehr wünschen. Aber es ist wie es ist, und mein Lymphödem
an der Hand ist dadurch kein Thema mehr. Seitdem unser Sohn 18 Monate alt ist, erledige ich alles
im Alltag so.
Bei allen Tätigkeiten, wo die Versorgung nass oder
schmutzig werden kann, trage ich Einmalhandschuhe über dem Kompressionshandschuh.
Abb. 6.1: Privates Foto 2004.
6.2. Partnerschaft und Sexualität
Die Krankheit Brustkrebs verändert möglicherweise auch ihre Partnerschaft und Sexualität. In
Abhängigkeit von der Therapiephase und dem
Ausprägungsgrad ihres Lymphödems werden von
ihnen und ihrem Partner Kreativität und Rücksichtnahme nötig sein. Ihre Partnerschaft kann in
allen Belangen durch die Diagnose Lymphödem
beeinflusst werden. Hier sind beide aufgefordert,
sich verständnisvoll und liebevoll dieser Prüfung
zu stellen. Oft ist gerade der Aspekt der evtl. dauerhaften Behinderung der Partnerin eine schwere
Last für die Beziehung. Scheuen sie sich bitte nicht,
sich in dieser belastenden Situation von Dritten
Unterstützung zu holen.
Diese Hilfe kann von ganz verschiedenen Menschen geleistet werden
• Freunden
• Familie
• anderen betroffenen Patientinnen bzw. deren
Partnern
• Fachleuten für Partnerberatung oder entspre-
chende Beratungsstellen
Es gibt verschiedene Broschüren zu diesem Thema, eine sehr gute wurde vom norwegischen
Krebsverein herausgegeben. "Krebs und Sexualität" können sie unter dem folgenden Link als PDFDatei finden:
http://www.neocorp-onkologika.de/fileadmin/downloads/patientenbroschuere_krebs_sex.pdf
74
8. Therapiemöglichkeiten beim Lymphödem
• Zum Schluss kommen die Kurzzugbinden und
damit der Hauptteil der Kompression. Jetzt
brauchen wir unbedingt Zug auf der Binde. Die
erste Binde ist die 6 cm breite Kurzzugbinde. Die
wird wieder vom Daumen in der Handfläche gesichert und dann in mehreren versetzten Touren
um Handgelenk und Mittelhand gewickelt. Danach wird an dem Ende dieser Binde der Anfang
der breiteren Kurzzugbinde festgeklebt und weiter geht's den Arm hinauf. Wenn der Ellenbogen
beweglich bleiben soll, die "Acht" am Ellenbogen
nicht vergessen!
Ist die Binde zu Ende, wird am Ende der zweiten
Kurzzugbinde wieder der Anfang der letzten
Kurzzugbinde festgeklebt. Wichtig: Eine Bandage mit perfektem Zug sollte weder rutschen noch
kneifen, noch schmerzen, noch kribbeln. Wenn
es noch nicht perfekt ist, haben sie Geduld; suchen sie aus, was ihnen am besten gefällt!
Dieses Kapitel 8.7. wurde erst möglich durch:
Anke Kleine, Lymphtherapeutin und Fachlehrerin
ML/KPE und Physiotherapiepraxis Almut Schöler
8.8. Unterstützende Atem- und
Bewegungsübungen
Eine Frau mit einer Brustkrebserkrankung und einem Lymphödem ist dadurch sehr individuell eingeschränkt.
Zur Vorbeugung können sie schon in der der Klinik nach der Operation oder auch in der Anschlussheilbehandlung ein Bewegungsprogramm
erlernen, das sie zuhause regelmäßig durchführen
können. In dem Bewegungs- und Sportprogramm
werden sie individuell für sich sicher das passende
finden. Dabei ist die kompetente Anleitung durch
geschulte Trainer/ Physiotherapeuten wichtig. Der
Lymphödemverlauf sollte bei dem Sportprogramm beobachtet werden, um ggf. das Training
zu verändern oder anzupassen.
Ihre Kraft und die Beweglichkeit müssen erhalten bleiben.
Wenn sie Einschränkungen haben, sollten sie
versuchen, diese mit einem individuellen
Übungsplan wieder zu verbessern.
Damit sie eine gute Lebensqualität (be)erhalten.
Nachfolgend sehen sie einige beispielhafte Übungen. Diese sollen nur eine Anregung darstellen. Es
gibt eine Vielzahl von guten Übungen, die auch ei-
nen positiven Effekt auf den Lymphabfluss haben
und die sie zuhause machen können. Es ist sehr
wichtig, dass sie mit ihrem Lymphtherapeuten einen für sie abgestimmten Übungsplan erarbeiten
und diesen auch mit ihm einüben.
Bei der Durchführung der Übungen ist wichtig,
dass sie diese ruhig und ohne ruckartige Bewegungen ausführen. Schmerzen sollen dabei nicht entstehen, tasten sie sich an ihre Schmerzgrenze heran, um diese langfristig zu beeinflussen. Besprechen sie bitte mit ihrem Lymphtherapeuten, wie
viele Wiederholungen der Übungen sie ausführen
und wie oft sie diese pro Tag in Ihren Alltag integrieren.
Bei all diesen Übungen unterstützt eine gute und
tiefe Bauchatmung die positive und entstauende
Wirkung. Der Transport der Lymphe durch die
verschiedenen Lymphgefäße erfolgt u.a. durch
Muskeltätigkeit, durch Kontraktionen der Gefäße
selbst, durch die Bewegung des Zwerchfells (Atmung) und durch den Unterdruck, der während
des Atemvorganges im Brustkorb entsteht. Da sich
an den Wänden der Lymphgefäße Klappen befinden, kann die Lymphe nur in eine Richtung transportiert werden – auf die Venen am Hals zu, in denen sie sich dann mit dem Blut das zum Herzen
fliest mischt.
Über ihre Atmung können sie ihre Entspannung
beeinflussen; zusätzlich können die Frauen, die
dies mögen, auch den Lymphfluss visualisieren
(Körperreisen).
Gönnen Sie sich diese Auszeiten im Ihrem Alltag
(☞ auch unter Kap. 7. "Sport und körperliche Aktivität").
Im Folgenden stellt Heribert Jung sein ÜbungsProgramm für Mamma-Patienten stationär und
ambulant zur Verfügung. Es freut mich sehr, dass
dies möglich ist und sie sich auf diesem Wege darüber informieren können.
8.8.1. Übungs-Programm für Mamma-Patienten
Stationär und Ambulant
Heribert Jung – Physiotherapeut, Lymphdrainage und
Ödemtherapeut. Alle Rechte an diesem Programm (Text
& Bild) liegen bei Heribert Jung.
8.8. Unterstützende Atem- und Bewegungsübungen
Mit dem vorliegenden Beitrag liefern wir ihnen ein
Übungsprogramm für Mamma-Patienten. Der
Stufenplan und die Übungen sind das Ergebnis
jahrelanger Erfahrung des Autors in der Arbeit mit
Brustkrebs-Patienten aus der senologischen Abteilung der Kliniken der Landeshauptstadt Düsseldorf. Seine Aufgabe umfasste die tägliche krankengymnastische und lymphologische Arbeit mit
Mamma-Ca-Patientinnen, wie auch die Aufklärung der Patienten über risikomilderndes Verhalten nach Lymphknotenresektion.
i Ziele der physiotherapeutischen Behandlung
sind:
• die komplikationslose Abheilung
• Schmerzlinderung
• Vorbeugung von Ödemen/Stauungen der be-
troffenen Region
• Mobilisation der Schulter und des Wundgebie-
tes (Brustkorb und/oder Achsel)
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Abb. 8.35: Im rechten Winkel nach vorne abspreizen
= 90° Anteversion.
Bewegungsdefizite (-einschränkungen) in der
Schulter entstehen u.a. durch: Entzündungen,
Schmerzen und/oder Schwellungen im Operationsbereich. Auch unvermeidbare Nerven- und
Muskelläsionen (-verletzungen) sowie später auftretende Narbenkontrakturen (-zusammenziehungen) können die Beweglichkeit verringern. Psychogene Gründe (z.B. Angst) können ursächlich
sein bzw. verstärkend wirken.
Nicht nur in den ersten Tagen in der Klinik, sondern auch zu Hause, ist auf schmerzfreies Üben zu
achten. Grundsätzlich gilt, besonders aber für das
erste Jahr nach der Operation:
Spannung und/oder Zukurzgefühl: ja, Schmerz:
nein!
Die frühe postoperative Bewegungstherapie darf
jedoch nicht zu Schmerzen führen, wie Brennen,
Reißen, Stechen. Das Bewegungsausmaß des Armes an der operierten Seite sollte in den ersten Tagen 90° Abduktion (☞ Abb. 8.34) und 90° Anteversion (☞ Abb. 8.35) nicht überschreiten, bei Inlays (Expander oder z.B. Silikonimplantat) nur bis
max. 70°.
Beidseitiges Üben ist immer vorzuziehen, entsprechend neurophysiologischer Gesetzmäßigkeit
(Funktionsweise des Nervensystems).
Abb. 8.34: Im rechten Winkel zur Seite abspreizen =
90° Abduktion.
Ein besonders differenziertes Vorgehen ist bei Patientinnen mit Brustaufbau angezeigt.
In der Klinik ist die Thromboseprophylaxe (Vorbeugung der Bildung von Blutgerinnseln in Blutgefäßen) wichtig. Die Physiotherapie unterstützt
diese mit Anleitungen zur Atemgymnastik, Hinweisen zur Lagerung des Armes, es folgen Schultergelenk- und Thoraxmobilisation (Durchbewegen
des Oberkörpers). Vorsicht ist geboten bei Patienten, die gleichzeitig Schmerzmittel nehmen. Die
Verschiebung der Schmerzgrenze kann hierbei
leicht zu Fehleinschätzungen führen, d.h. es wird
zu viel des Guten getan, "der Bogen wird überspannt"! Informieren sie als Patientin immer ihren
Therapeuten vor/bei/nach dem Üben über
Schmerzen und ihre aktuellen Schmerzmittel.
76
8. Therapiemöglichkeiten beim Lymphödem
Als Begleittherapie des Schulter-Arm-Syndroms
bei Mamma-Ca-(Brustkrebs-)Patienten sind die
Reflexzonenmassage und/oder Interferenzstromtherapie sowie leichte Lymphdrainagegriffe zur
Schmerzlinderung die Mittel der Wahl.
Die Schulter- und Thoraxmobilisation erfolgt im
Wechsel von:
• Entspannung und Spannung
• Bewegung und Lockerlassen
8.8.2. Stufenplan der Behandlung
i Übung 2
Um die genannten Ziele zu erreichen, sollte die Behandlung der Mamma-Ca-Patienten nach einem
zeitlichen Stufenplan vollzogen werden.
Beide Arme bis in die Fingerspitzen durchspannen
und in Richtung Fußboden schieben, Spannung 45 Sekunden halten, Atmen nicht vergessen, locker
lassen und Arme leicht ausschütteln.
■ 1. Stufe – postoperativ (1. bis 3. Tag)
In leichter Abduktion den Arm in Schulterhöhe lagern, aus dieser Lage heraus passive Bewegungen
im absolut schmerzfreien Bereich. Förderung des
venösen und lymphatischen Rückflusses durch
Öffnen und Schließen der Faust im Sekundenrhythmus. Differenziertes Vorgehen ist besonders
bei allen brusterhaltenden Operationsverfahren
angezeigt.
Zwischendurch:
Leichtes Pendeln der Arme, erst parallel, dann gegenläufig, Körper leicht mitschwingen lassen.
■ 2. Stufe (ab ca. 4.Tag)
Ziel der Mobilisation ist die Herstellung der normalen Arm- und Schultergebrauchsbewegung.
Übungen auf dem Bett sitzend oder im Stehen, mit
der nicht operierten Seite beginnen. Schulter
hochziehen, herunterschieben, nach vorne und
hinten bewegen, danach vorsichtiges Schulterkreisen. Langsames Strecken und Beugen im Ellenbogen, Abduktion bis max. 90°, bei Inlays max. 70°.
■ 3. Stufe (ab ca. 5. Tag)
Weiterhin zunächst unter Anleitung eines Therapeuten, Übungen sind auch in der Gruppe möglich. Ausgangsstellung aller hier aufgeführten
Übungen: im Sitzen auf Stuhl ohne Armlehnen –
besser Hocker – und beide Arme seitlich am Körper locker hängen lassen.
i Übung 1
Gesamte Schultermuskulatur anspannen, sich
"schmal" machen. Spannung zwei bis drei Atemzüge lang anhalten, entspannen und durch leichtes
Schulterrollen Muskeln lockern.
i Übung 3
Beide Schultern in Richtung Ohrläppchen hochziehen, Arme dabei locker hängen lassen, weiter atmen, Spannung 4-5 Sekunden halten, Schultern
zurück in Ausgangsstellung locker lassen, entspannen.
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