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Ernährungssituation von Migranten in Deutschland – was ist bekannt?

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Übersicht
Ernährungssituation von Migranten in
Deutschland – was ist bekannt?
Teil 1: Gesundheits- und Ernährungssituation
Gertrud Winkler, Fachhochschule Albstadt-Sigmaringen, Fachbereich 3: Studiengang Ernährungs- und
Hygienetechnik, Sigmaringen
Gemäß einer Definition der Vereinten Nationen leben in Deutschland über 10 Millionen Migranten. Nach der türkischen Bevölkerung
sind Spätaussiedler aus der ehemaligen UdSSR die zweitgrößte
Migrantengruppe. Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es in
Deutschland nur wenige Untersuchungen zur Gesundheits- und
Ernährungssituation von Migranten. Vor allem Aussiedler wurden
bisher von der Gesundheitsforschung kaum wahrgenommen. Dieser
Beitrag gibt – soweit das angesichts der Datenlage möglich ist –
einen Überblick über die Gesundheits- und Ernährungssituation von
Migranten. Die Schwerpunkte liegen dabei auf den Ernährungsgewohnheiten und der Anthropometrie.
Zuwanderungssituation in
Deutschland
Die Vereinten Nationen definieren als
Migranten1 alle Personen, die ihren
Wohnsitz in andere Länder verlegen,
unabhängig von der Motivation oder
dem kulturellen Hintergrund. Der international übliche Begriff „Migrant“
darf deshalb in Deutschland nicht mit
dem Begriff „Ausländer“ gleich gesetzt
werden. Zu den Migranten oder Zuwanderern zählen sowohl in Deutschland lebende Personen ausländischer
Staatsangehörigkeit als auch Eingebürgerte und Aussiedler, da sie alle
den umfassenden Sozialprozess der
Migration durchlaufen (haben) „von
der schrittweisen und unterschiedlich
weitgehenden Ausgliederung aus dem
Kontext der Herkunftsgesellschaft bis
zur ebenfalls unterschiedlich weit reichenden Eingliederung in die Aufnahmegesellschaft einschließlich aller damit verbundenen sozialen, kulturellen,
rechtlichen und politischen Bestimmungsfaktoren und Entwicklungsbedingungen, Begleitumstände und Folgeprobleme“ [1].
Offizielle Statistiken erfassen die
Anzahl in Deutschland lebender Migranten z. T. nur unzureichend [2].
Die komplexe Zuwanderungssituation
1
Der besseren Lesbarkeit halber wird in diesem Text
die männliche Form verwendet, wenn Frauen und
Männer gemeint sind.
170
lässt sich – stark vereinfacht – anhand
der folgenden Personengruppen skizzieren (vgl. Abb. 1), die hinsichtlich
der Aufenthaltsdauer, des sozialen
Status, aber auch bezogen auf den jeweiligen sprachlichen, ökonomischen
und kulturellen Hintergrund sehr heterogen sind:
■ Zur ausländischen Wohnbevölkerung zählen an erster Stelle Menschen
anderer Staatsangehörigkeit, die dauerhaft hier leben, und deren Familien. Teilweise erfolgt eine Zuordnung
nach der Zuzugsgeneration. Unter der
ersten Generation versteht man die
„typischen“ Arbeitsmigranten, die im
Rahmen der Anwerbeverträge in den
50er und 60er Jahren nach Deutschland eingewandert sind („Gastarbeiter“). Sie leben inzwischen seit Jahrzehnten im Land, sind bereits im Rentenalter und zahlreiche Faktoren lassen eine anfänglich beabsichtigte
Rückkehr in die Heimat meist nicht
mehr erstrebenswert erscheinen. Als
zweite Generation bezeichnet man
deren hier geborene oder im Rahmen
des Familiennachzugs nach Deutschland gekommene und aufgewachsene
Kinder. Sie leben häufig im Spannungsfeld zwischen den kulturellen
und traditionellen Normen des Herkunftslandes, verkörpert durch die Eltern, und dem Druck zur Assimilation
in Schule und am Arbeitsplatz. Die
mittlerweile hier geborene dritte Generation ist dem Herkunftsland und
seinen soziokulturellen Normen meist
weit entfremdet. Die Enkel sind im
engeren Sinn zwar Ausländer mit so
Formen der Zuwanderung
nach Deutschland
Abb. 1: Formen und Größenordnung der Zuwanderungsarten nach Deutschland in
den 90er Jahren
Quelle: Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen (Hrsg.): Migrationsbericht 1999.
Zu- und Abwanderung nach und aus Deutschland. Berlin und Bonn: S. 16 (1999).
Ernährungs-Umschau 50 (2003) Heft 5
Übersicht
genanntem „Migrationshintergrund“,
verfügen aber über keine eigene Migrationserfahrung mehr. Die vierte Generation wird gerade eingeschult
[2–5].
Im Rahmen des Ehegatten- und Familiennachzugs reisen weiter „Neuankömmlinge“ ein. Im Jahr 2000 waren dies etwa 76 000 Personen; Hauptherkunftsland ist die Türkei [6].
■ Als zeitlich befristete Arbeitsmigranten kommen jährlich ca. 200 000
Saison-, Werkvertrags-, Gast- und
Grenzarbeitnehmer aus Nicht-EUStaaten nach Deutschland [2, 6].
■ Flüchtlinge dürfen in aller Regel
nur für einen bestimmten Zeitraum in
Deutschland bleiben. Da Personen
vom anerkannten Asylbewerber bis
zum auf Zeit geduldeten Kriegs- und
Bürgerkriegsflüchtling dazu gezählt
werden, ist diese Gruppe naturgemäß
in vielerlei Hinsicht extrem heterogen
[2, 3]. Ende 2001 hielten sich 1,1 Mio.
Flüchtlinge im Bundesgebiet auf.
Hauptherkunftsländer waren im Jahr
2000 die Türkei, der Irak, die Bundesrepublik Jugoslawien und Afghanistan. Die Gesamtzahl der Flüchtlinge
ist in den letzten Jahren vor allem wegen der relativ hohen Zahl der Rückkehrer und einer relativ geringen Zahl
von Neuankömmlingen stetig zurückgegangen [7].
■ Zwischen 1990 und 2000 sind
137 000 jüdische Emigranten aus den
Nachfolgestaaten der Sowjetunion
nach Deutschland gemäß einem erleichterten Verfahren zugewandert.
Seit 1995 sind es jährlich 15 000 bis
20 000 Zuwanderer [6].
■ Weiter leben derzeit ca. 175 000
ausländische
Studierende
in
Deutschland, davon 65 % so genannte
„Bildungsausländer“. Sie sind im Ausland geboren, haben dort ihre Hochschulzugangsberechtigung erworben
und halten sich nur zum Studium in
Deutschland auf [2].
■ Daneben halten sich derzeit ca.
1 Million Illegale in Deutschland auf [2].
■ Seit 1950 reisten über 4 Millionen
Aussiedler2 in die Bundesrepublik
Deutschland ein, davon allein seit
1990 mehr als 2 Millionen. Während in
den 80er Jahren der Großteil der Aussiedler aus Polen und Rumänien kam,
bilden seit 1990 die Spätaussiedler aus
der ehemaligen Sowjetunion, und
zwar überwiegend aus den mittelasiatischen Republiken der früheren
UdSSR, die weitaus größte Gruppe [2].
2
Die Aussiedler, die nach 1987 nach Deutschland gekommen sind, werden als Spätaussiedler bezeichnet.
Ernährungs-Umschau 50 (2003) Heft 5
Aussiedler zählen nicht zur ausländischen Bevölkerung, da es sich, stark
vereinfacht dargestellt, um Angehörige der deutschen Minderheiten aus
den Staaten Südost- und Osteuropas
handelt, in denen von einem andauerndem „Vertreibungsdruck“ ausgegangen werden kann [3]. Sie zählen
aber ebenfalls zu den Migranten.
Vergleicht man die Entwicklung in
den 90er Jahren mit der früherer Jahre,
lässt sich eine Diversifizierung hinsichtlich der Herkunft der Migranten
beobachten [6]. Die —EU-Binnenmigration macht nur einen kleinen Anteil
aus: Nur jeder vierte in Deutschland lebende Ausländer stammt aus einem
Mitgliedstaat der Europäischen Union
[7].
Ende 2001 lebten insgesamt 7,319
Millionen Ausländer in der Bundesrepublik. Dies entspricht einem Anteil
von 8,9 % an der Gesamtbevölkerung
[7]. Die Anzahl der Migranten insgesamt lässt sich aus den oben genannten Zahlen auf deutlich über 10 Millionen Personen hochrechnen. Die größte Gruppe der ausländischen Wohnbevölkerung bildeten Ende 2001 die
Türken mit 1,95 Millionen Personen,
gefolgt von den Staatsangehörigen der
Bundesrepublik Jugoslawien (627 523
Personen), Italienern (616 282), Griechen (362 708), Polen (310432), Kroaten (223 819), Österreichern (188 957),
Bosniern
(159 042),
Portugiesen
(132 625) und Spanier (128 713). Die
ca. 1,8 Millionen Spätaussiedler aus
der ehemaligen UdSSR stellen nach
der türkischen Bevölkerung die zweitgrößte Migrantengruppe dar.
Im Jahr 2001 waren 54,0 % der Ausländer männlichen und 46,0 % weiblichen Geschlechts. 20,0 % der Ausländer waren unter 18 Jahre alt, 74,9 %
zwischen 18 und 65 Jahren und 5,1 %
waren 65 Jahre und älter. Somit ist die
ausländische Bevölkerung wesentlich
jünger als die deutsche. Der Anteil der
älteren Personen wird jedoch langsam
wachsen [7]. Auch bei den Migranten
insgesamt zeigt sich, verglichen mit
der deutschen Bevölkerung, ein höherer Anteil von Männern und eine zu
jüngeren Jahrgängen verschobene Altersverteilung [6].
Ein Drittel aller Ausländer lebte
Ende 2000 schon 20 Jahre und länger
in Deutschland, 40 % mehr als 15 Jahre und über die Hälfte mehr als 10 Jahre. Besonders lange halten sich Mitbürger aus den ehemaligen Anwerbeländern in Deutschland auf: 67,0 %
der Türken, 71,7 % der Griechen,
73,6 % der Italiener und 78,5 % der
Spanier leben schon 10 Jahre und länger hier. 21,4 % aller Ausländer sind
bereits in Deutschland geboren worden; in der Altersgruppe der unter 18Jährigen sind es 68,0 %, bei den unter
6-Jährigen sogar 88,3 %. Besonders
hoch sind die Anteile der bereits in
Deutschland Geborenen bei Türken
(36,3 %), Italienern (28,3 %), Griechen
(26,6 %), Marokkanern (23,8 %), Spaniern (23,9 %), Kroaten (22,4 %) und
Tunesiern (22,0 %) [7].
Migranten stellen bereits sehr lange
einen festen Bestandteil der Bevölkerung Deutschlands dar. Im Vergleich
zu anderen europäischen Ländern hat
Deutschland die höchsten absoluten
Zuwanderungszahlen [6]. Über die
Gesundheits- und Ernährungssituation dieser Bevölkerungsgruppe liegen
jedoch kaum Daten vor.
Morbidität und Mortalität
Laut Ottawa-Charta der WHO gelten
Migranten als vulnerable Gruppe, da
die mit der Migration verbundenen
Belastungen zu erheblichen Beeinträchtigungen der Gesundheit führen
können. Im Gegensatz zu anderen
Ländern gibt es in Deutschland nur
wenige Untersuchungen zu ihrer gesundheitlichen Situation. Diese zeichnen zudem wegen methodischer Probleme, die sich u. a. durch Unterschiede im Altersaufbau oder der sozialen
Situation ergeben, kein einheitliches
Bild. Es bestehen erhebliche Forschungsdefizite hinsichtlich des aktuellen Gesundheitsstatus und der gesundheitlichen Versorgung von Migranten. Vor allem Aussiedler wurden
bisher von der Gesundheitsforschung
kaum wahrgenommen.
Untersuchungen in den USA und in
verschiedenen europäischen Ländern
zeigen, dass Migranten und ethnische
Minderheiten häufig gegenüber der
einheimischen Bevölkerung schlechter gestellt sind. Auch in Deutschland
gibt es Hinweise darauf, dass ihre
gesundheitliche Situation schlechter
einzustufen ist als die von Deutschen:
■ Die Säuglingssterblichkeit ist bei
Ausländern in Deutschland höher als
bei Deutschen [8]. Die Sterblichkeit
von Müttern nicht deutscher Nationalität ist höher als die der deutschen
Mütter, ist aber zwischen den 80er
und 90er Jahren deutlich gesunken [9].
■ Die Arbeitsbedingungen der Ausländer sind häufig gesundheitlich besonders belastend, was sich in einer
höheren Zahl von Arbeitsunfällen und
171
Übersicht
Tab. 1: Beschreibung der Ernährungsgewohnheiten in wichtigen Herkunftsländer [24]
Türkei
Türkische Küche: Die Speisenfolge in der orientalischen Küche wird weit zwangloser zusammengestellt als in der deutschen Küche. Die Gerichte werden generell kräftiger gewürzt und
schmecken intensiver. (...) Fisch und Fleischmahlzeiten werden auf unterschiedlichste Weise zubereitet. Die wichtigsten Fleischarten sind Lamm-, Kalb- und Rindfleisch. In der türkischen Küche
spielen Gewürze eine große Rolle. Häufig werden Zwiebel, Knoblauch, Peperoni, Petersilie, Pfefferminze, Dill, Rosmarin, Pfeffer, Paprika, Kümmel, Zimt, Piment, Pinienkerne, Korinthen und Sesam verwendet. Außer den Gewürzen ist Joghurt eine wichtige Zutat beim Kochen. Er verfeinert
Suppen und wird als Soße zu Salat und Gemüse gereicht. Auch Ayran, ein Getränk, wird aus Joghurt hergestellt. Gemüsegerichte sind in der orientalischen Küche sehr vielfältig. Ihre Zubereitung ist äußerst unterschiedlich; Gemüse wird gekocht, in Teig gebacken oder frittiert. Als Fett
wird fast ausschließlich Olivenöl verwendet. Besonders beliebt sind Auberginen, für die es mindestens 40 verschiedene Zubereitungsarten gibt. Gerne gekocht wird auch mit Hülsenfrüchten
und mit Getreide. Sehr vielfältig sind außerdem Strudelteiggebäcke. Sie können süß oder salzig
sein. Süßes Gebäck und Süßspeisen zeichnen sich durch einen hohen Zucker- oder Honiggehalt
aus.
Türkische Ernährungsgewohnheiten: Wie überall in den Ländern rund ums Mittelmeer läst man
sich viel Zeit beim Essen. In der Regel gibt es täglich zwei warme Mahlzeiten, das Abendessen ist
dabei meist umfangreicher als das Mittagessen. Die Essenszeiten liegen im Tagesablauf etwas
später als in Deutschland. Zwischendurch werden häufig Kleinigkeiten gegessen, wie z.B. Nüsse,
Obst, Käse. Zu den Mahlzeiten werden immer Getränke und Brot bereitgestellt. Übliche Getränke sind Wasser, Tee und Ayran, ein aus Joghurt hergestelltes Getränk. Als Beilage zu Brot und zu
den Mahlzeiten gibt es viel sauer eingelegtes Gemüse, wie Auberginen, Gurken, Oliven, Paprika
und Kohl. Süßspeisen werden gerne und viel gegessen. Besonders zu Festen gibt es Süßigkeiten
und Kuchen. (...)
Russland
Russische Küche: Die russische Küche zeigt orientalische und okzidentale Einflüsse. Was sie am
meisten von den Küchen der westlichen Welt unterscheidet, ist die reichliche Verwendung von
dicker, saurer Sahne, von Kohl und von Roten Beeten. Weitere Gemüsesorten wie Pilze, Möhren,
Zwiebeln und Gurken schaffen Abwechslung. Die Zubereitung von Suppen und Eintöpfen ist in
der russischen Küche sehr vielfältig. Berühmte Suppen wie die Sauerkrautsuppe und die RoteBeete-Suppe stammen aus Russland. Auch beim Backen zeigt die russische Küche Vielfalt, in der
Ukraine sind über 70 Brotrezepturen bekannt. Neben Tee ist Kwas, aus vergorenen Roggenkörnern gewonnen, das weitest verbreitete Getränk in Russland.
Quelle: Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg und aid Infodienst Verbraucherschutz,
Ernährung, Landwirtschaft e.V. (Hg): Ernährungserziehung bei Kindern. 5. aktualisierte Auflage. Stuttgart: Kapitel
„Essen und Trinken in Europa“: 64-78 (2002), Auszüge
anschließenden Rehabilitationsmaßnahmen sowie in höheren Anteilen bei
der Berufs- und Erwerbsunfähigkeit
ausdrückt. Außerdem leben Ausländer
häufiger in schlechten Wohnverhältnissen, z. B. in Stadttei-len mit hohen
Umweltbelastungen [8, 10–12].
■ Nach einer Reihe von regionalen
Studien leiden Migranten deutlich
früher an schweren chronischen Erkrankungen wie Allergien, Asthma
oder Verschleißerkrankungen [5].
■ Psychische Belastungen durch kulturelle Unterschiede und ausländerfeindliche Diskriminierung werden für
eine höhere Rate an Selbstmordversuchen, gehäuftes Auftreten von psychosomatischen Störungen und Erkrankungen und psychische Krankheiten
verantwortlich gemacht [u. a. 13].
■ Ausländer, die niedergelassene
Ärzte konsultieren, haben häufiger
Schmerzen als Deutsche. Bei ihnen
werden am häufigsten Erkrankungen
der Harn- und Geschlechtsorgane sowie der Verdauungsorgane diagnostiziert, bei Deutschen solche der Atemwege [14].
■ Sprachprobleme, ein kulturell anders geprägtes Verständnis von Krank-
172
heit und Gesundheit und geringe biologisch-medizinische Kenntnisse erschweren die Behandlung [u. a. 5].
Allerdings beziehen sich viele Veröffentlichungen auf Beobachtungen,
zum Teil in Verbindung mit sozialpsychologischen Theorien und Untersuchungen. Nur selten handelt es sich
um statistisch abgesicherte Daten. Ein
breit angelegter Vergleich der Morbiditätsindikatoren von Deutschen und
Ausländern anhand des Sozio-ökonomischen Panels 1984 bis 1992 zeigte,
dass Ausländer in ihren täglichen Aktivitäten durch ihren Gesundheitszustand stärker eingeschränkt waren als
Deutsche [15].
Deutliche Unterschiede sowohl im
Bezug auf Krankheit und Gesundheit
als auch bei der Inanspruchnahme
von gesundheitsbezogenen Leistungen durch Migranten im Vergleich zur
deutschen Bevölkerung bestätigte
auch der im Rahmen der Landesgesundheitsberichterstattung erstellte
Bericht „Gesundheit von Zuwanderern in Nordrhein-Westfalen“ (z. B. für
die Bereiche Infektionskrankheiten,
Schwangerschaft und Geburt, Zahn-
gesundheit, Inanspruchnahme rehabilitativer Leistungen und Unfälle und
Berufskrankheiten, aber auch bei der
psychischen Gesundheit [16]).
Auf Grund der gesundheitlichen Belastungen und Probleme müsste die
Mortalitätsrate der Ausländern höher
sein als die der Deutschen. Dies kann
jedoch mit den wenigen vorliegenden
Untersuchungen [17, 18] nicht bestätigt werden.
Grundsätzlich muss Migration nicht
per se zu Krankheit und Leiden führen. Entscheidend ist, ob positive Lebensaspekte entstehen und persönliche Lebensziele verwirklicht werden,
unter welchen Umständen und Bedingungen sie erfolgt und wie sie verarbeitet wird. Vielen Migranten, die mit
bewusst positiver Einstellung ihren
Weg gegangen sind, stehen in irgendeiner Form gescheiterte Menschen gegenüber, die ihr persönliches Lebensziel nicht erreicht haben, und an
tatsächlich oder vermeintlich kränkenden und zurücksetzenden Lebenssituationen oder zu hohen Anforderungen an die persönliche Flexibilität
zerbrochen sind [5].
Ernährungsgewohnheiten
und anthropometrische
Daten
Bereits 1996 wurde im offiziellen Aktionsplan der Bundesrepublik Deutschland zur Verbesserung der Ernährungssituation bemängelt, dass die
Ernährungssituation
ausländischer
Mitbürger in Deutschland wegen fehlender Daten nicht beurteilt werden
kann [19]. Seither hat sich die Situation kaum geändert.
Lediglich die Ernährungsgewohnheiten in den Hauptherkunftsländern
sowie religiös bedingte Ernährungsgebräuche wurden vereinzelt skizziert
[z. B. 20–23]. Eine aktuelle Übersicht
gibt z. B. [24]; Auszüge daraus sind in
Tabelle 1 dargestellt.
Große Verzehrserhebungen beschränken sich aus Gründen der Praktikabilität häufig auf Personen mit
deutscher Nationalität bzw. deutschen
Sprachkenntnissen; teilweise wird die
Nationalität/Ethnizität nicht erhoben
oder bei der Auswertung nicht berücksichtigt. Insgesamt sind bisher nur wenige Untersuchungen zur Ernährung
von Migranten in Deutschland veröffentlicht worden. Diese beziehen sich
ausschließlich auf kleine, nicht repräsentative Gruppen erwachsener Migranten.
Ernährungs-Umschau 50 (2003) Heft 5
Übersicht
Ein 1999 von der Arbeitsgemeinschaft Ernährungsverhalten (AGEV
e. V.) durchgeführter Expertenworkshop zeigte, dass die Forschung zum
Thema Ernährung und Migration europaweit unkoordiniert ist und ebenfalls fast immer nur kleine, nicht repräsentative Migrantengruppen umfasst [25].
Anhand dieser wenigen Untersuchungen, ergänzt um Ergebnisse
aus anderen europäischen Ländern,
wird nachfolgend versucht, die Ernährungssituation zu beschreiben.
Zwangsläufig bleibt dabei Vieles spekulativ.
Ernährungssituation dauerhaft
hier lebender Ausländer und
deren Familien
Ernährungsgewohnheiten
Eine 1991 in Gießen durchgeführte
Ernährungserhebung [26] ermittelte
für 188 weibliche und 246 männliche
türkische Patienten der Medizinischen
Poliklinik einen deutlich höheren
Fleischverzehr, als er in ländlichen Gebieten der Türkei üblich ist (30 g/d vs.
19 g/d).
In der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 1993 wurden erstmals 535 nicht deutsche Mitbürger erfasst (davon 104 Personen türkischer,
27 italienischer, 26 griechischer, 13
polnischer, 10 spanischer und 355 anderer Nationalität). Die Lebensmittelverbrauchsdaten wurden auch nach
der Nationalität ausgewertet [27]. Dabei bestätigten sich spezifisch ethnische Ernährungsgewohnheiten. Es
zeigte sich, dass die untersuchten
Migrantengruppen mit Ausnahme der
Griechen den aktuellen D-A-CH-Referenzwerten 2000 näher kamen als die
Deutschen. Dies war hauptsächlich
bedingt durch einen geringeren Verzehr von Fleisch- und Wurstwaren,
Süßwaren und Alkohol und einem
höheren Verzehr von Obst und Gemüse. Auf Nährstoffebene fielen die Unterschiede insgesamt zwar kleiner aus,
es zeigten sich aber geringere Verbrauchswerte von Fett und gesättigten
Fettsäuren sowie ein höherer Verbrauch der antioxidativen Vitamine E
und C. Eine ergänzende Clusteranalyse mit 97 Lebensmittelgruppen ergab
ähnliche Verzehrsmuster für Griechen, Spanier und Italiener. Diese wichen deutlich von denen der anderen
Nationalitätengruppen und der Deutschen ab. Dass Türken danach am
meisten Schweinefleisch verzehren,
erstaunt. Die Aussagekraft der Untersuchung wird limitiert durch relativ
Ernährungs-Umschau 50 (2003) Heft 5
kleine Fallzahlen bei den einzelnen
Nationalitäten und durch die Tatsache, dass nur Deutsch sprechende
Ausländer teilnehmen konnten [27].
Mitte der 90er Jahre wurden 19 in
Solingen lebenden türkische Mütter
im Alter zwischen 21 und 39 Jahren im
Rahmen einer qualitativen, nicht standardisierten Befragung u. a. Fragen
zur Ernährung gestellt. Ziel der Untersuchung war es, die Bedeutung kultureller Grundeinstellungen für die Inanspruchnahme einer Ernährungsberatung zu beleuchten. Es zeigte sich,
dass die Frauen an traditionellen
Ernährungsgewohnheiten und Nahrungsmittelvorlieben festhielten, um
ihre kulturelle Identität zu wahren
[28].
Ende der 90er Jahre wurden 23 Türkinnen und 30 Türken, die mindestens
ein Jahr in Deutschland lebten, in
Gießen und Bad Nauheim zu ihren
Ernährungsgewohnheiten befragt, um
Basisdaten für die Ernährungsberatung und Gemeinschaftsverpflegung
zu erhalten [29]. Hinsichtlich der Speisenzusammensetzung zeigten sich
deutliche Unterschiede zu deutschen
Gewohnheiten. So aßen die Befragten
mittags und abends warme Speisen.
Aus der Herkunftsregion bekannte Lebensmittel (z. B. Auberginen, Linsen,
Nüsse und Ölsamen, Weizengrütze),
Getränke (z. B. schwarzer Tee) und
Zubereitungsformen (z. B. Grillen,
Frittieren, Füllen von Gemüsen) waren weiter beliebt und wurden bevorzugt. Das Alkoholverbot wurde weniger streng beachtet als das Schweinefleischverbot.
Zwischen Juni 2000 und März 2001
wurde im Umland von München eine
Untersuchung zu migrationsbedingten Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten durchgeführt [23]. Hieran
beteiligten sich je 100 italienische,
griechische und türkische Migrantinnen im mittleren Erwachsenenalter
aus regional abgegrenzten Herkunftsgebieten, die in kultureller und sozialer Hinsicht wenig assimiliert waren
und überwiegend der ersten Gastarbeitergeneration angehören. Es zeigte
sich, dass die zentralen Bestandteile
der jeweiligen Küchen, z. B. der häufige Verzehr von Brot, anderen stärkehaltigen Lebensmitteln und Gemüse
sowie traditionelle Lebensmittelzusammenstellungen, z. B. beim Frühstück, beibehalten wurden. Insgesamt
traten nur geringe Veränderungen auf:
Bei allen drei Gruppen nahm der Verzehr von Schaf- und Lammfleisch ab
und die Verwendung der in den Herkunftsländern unüblichen fettreichen
Produkte Mayonnaise, Sahne und
Crème fraîche zu. Bei den Türkinnen
stieg der Kartoffelverzehr, bei den
Griechinnen der Verzehr von Wurstwaren an und der von Fischen und
Meerestieren verringerte sich [23].
Ergebnisse aus Erhebungen in den
Niederlanden bestätigen, dass die Aufnahme der Hauptnährstoffe bei Migranten tendenziell eher den Empfehlungen entspricht (weniger Fett, bessere Fettqualität, mehr Kohlenhydrate) als die der einheimischen niederländischen Bevölkerung. Allerdings
scheint die Zufuhr an Mikronährstoffen geringer zu sein. Bei Türkinnen
und Marokkanerinnen fanden sich
niedrigere Serumcholesterinwerte als
bei Niederländerinnen. Generell war
das Risiko, nicht ausreichend mit Eisen versorgt zu sein, bei Migrantinnen
höher als bei Niederländerinnen [30].
Gesundheitsförderliche mediterrane Ernährungsgewohnheiten bei Migranten aus Südeuropa und Nordafrika
bestätigt auch ein Übersichtsartikel
aus Frankreich für dortige Migrantenpopulationen [31]. Untersuchungen
aus Großbritannien weisen darauf
hin, dass Migranten der zweiten Generation sich stärker der im Land üblichen Ernährungsweise mit einem
höheren Verzehr von Fett sowie einem
geringeren Verzehr von Obst, Gemüse
und Hülsenfrüchten annähern als die
der ersten Generation [32].
Zur Ernährung von Kindern der
ausländischen Wohnbevölkerung in
Deutschland liegen keine Daten vor.
Aus Skandinavien wird berichtet,
dass dort lebende türkische Frauen
ihre Säuglinge über einen wesentlich
kürzeren Zeitraum voll stillen als Mütter in der Türkei bzw. skandinavische
Mütter (die wiederum wesentlich häufiger und länger stillen als deutsche
Mütter [33]). Negative Veränderungen
des Stillverhaltens bei Migrantinnen
sind auch aus Portugal bekannt [34].
Auch die in Solingen befragten türkischen Mütter gaben an, ihre Kinder
nur kurze Zeit zu stillen, geleitet vom
kulturellen Ideal des „dicken“ Kindes
[28].
Die niederländischen Erhebungen
zeigen auch, dass Migrantenkinder
insgesamt seltener frühstücken und
türkische Kinder häufiger Eier, Hülsenfrüchte, Fisch, Reis und Teigwaren,
aber seltener Milch und Milchprodukte, Kartoffeln und Softdrinks verzehren als niederländische Kinder. Der
Gesamtfettverzehr entspricht bei den
ausländischen Kindern mit 35 % der
Energiezufuhr eher den Empfehlungen als der der niederländischen Kin-
173
Übersicht
Tab. 2: Prävalenz von und relatives Risiko für Übergewicht oder Adipositas bei Stuttgarter Vorschülern bei der U 9-Vorsorgeuntersuchung (Oktober 1998 bis Mai 2001) nach Geschlecht und Nationalität1 [39]
Mädchen Anteil (%) der Kinder mit
Fallzahl Übergewicht Adipositas
n
Relatives
Risiko
(95%CI) für
Übergewicht
oder
Adipositas
Jungen
Fallzahl
n
Anteil (%) der Kinder mit
Übergewicht Adipositas
Relatives
Risiko
(95%CI) für
Übergewicht
oder
Adipositas
deutsch
979
5,4 %
2,3 %
Referenz: 1,00
1105
5,4%
2,2%
Referenz: 1,00
türkisch
119
13,4 %
5,0 %
2,38 (1,54–3,68)
109
15,6%
5,5%
2,78 (1,83 – 4,21)
italienisch
41
4,9 %
7,3 %
1,57 (0,67–3,67)
50
6,0%
18,0%
3,16 (1,85 – 5,39)
ehem. Jugoslawien
67
7,5 %
4,5 %
1,54 (0,78–3,05)
65
9,2%
6,2%
2,02 (1,10 – 3,71)
griechisch
51
9,8 %
5,9 %
2,02 (1,03–3,96)
52
11,5%
3,8%
2,02 (1,04 – 3,95)
sonstige2)
82
6,1%
6,1%
1,57 (0,85 – 2,92)
84
9,5%
10,7%
2,66 (1,66 – 4,27)
1
Übergewicht und Adipositas definiert nach: Kromeyer-Hauschild K, Wabitsch W, Kunze D, Geler F, Geiß HC, Hesse V, von Hippel A, Jaeger U, Johnson D, Korte W, Menner K,
Müller G, Müller JM, Niemann-Pilatus A, Remer T, Schaefer F, Wittchen HU, Zabrabnsky S, Zellner K, Ziegler A, Hebebrabd J Perzentile für den Body-mass-Index für das Kindes- und
Jugendalter unter Heranziehung verschiedener deutscher Stichproben. Monatsschr Kinderheilkd 8 (2001) 807-818
2
Unter den Kindern sonstiger Nationalitäten sind etwa 40 % aus Europa (15 % Portugiesen als größte Nationalität), 35 % aus Asien, 10 % aus Afrika, 5 % aus Amerika und 10 %
Staatenlose beziehungsweise ungeklärter Nationalität. (Quelle: Landeshauptstadt Stuttgart, Statistisches Amt (2002) Ausländer in Stuttgart am 31.12.2001 nach Staatsangehörigkeit und Altersgruppen, Tabelle 1232, KOMUNIS-Datenbank (nicht veröffentlicht))
der, allerdings ist wie bei den erwachsenen Migranten die Zufuhr an Mikronährstoffen geringer [30].
Anthropometrie
Es liegen keine Daten zur Gewichtssituation dauerhaft in Deutschland lebender erwachsener Ausländer vor.
Untersuchungen aus den Niederlanden deuten auf ein erhöhtes Risiko für
Übergewicht bei Migrantinnen [30]
und solche aus Großbritannien auf ein
erhöhtes Risiko in bestimmten Gruppen [32] hin. Ein 1993 bis 1994 im
Schweizer Kanton Zürich durchgeführter Gesundheitssurvey an der
Migrantenpopulation aus Jugoslawien
ergab ebenfalls eine höhere Prävalenz
von Übergewicht im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung und sowohl
positiv als auch negativ zu wertende
Unterschiede im Ernährungsmuster
[35]. Eine neuere schwedische Studie
zeigt, dass die Prävalenz von Übergewicht bei Migranten aus anderen europäischen Ländern (einschließlich
Deutschland!) höher ist als bei der ein-
heimischen schwedischen Bevölkerung [36].
Die Gründe hierfür sind weitgehend
ungeklärt und sicherlich vielfältig. Ergebnisse einer britischen Studie weisen beispielsweise auf Unterschiede
im Körperbild und im Gewichtsbewusstsein bei Frauen unterschiedlicher Ethnizität hin [37]. Weiter wird
von einer geringeren körperlichen Aktivität bei Migranten im Vergleich zu
den Mehrheitsbevölkerungen berichtet [30, 32].
Ausländische Kinder scheinen häufiger übergewichtig bzw. adipös zu
sein als deutsche Kinder. So waren
11,2 % der ausländischen Kinder bei
der Einschulungsuntersuchung 1996
in Dortmund übergewichtig, aber nur
5,7 % der deutschen (gesamt: 5707
Kinder). Die in Deutschland geborenen ausländischen Kinder waren am
häufigsten übergewichtig [38]. Die
Schulanschlussuntersuchungen
in
Berlin 1991/92 zeigten eine höhere
Prävalenz von erheblichem Übergewicht bei ausländischen Jugendlichen.
Tab. 3: Häufig ausgeführte religiöse Handlungen von 2000 türkischstämmigen Migranten in Deutschland, nach Alter (in %; Mehrfachantworten)
Alter
Einhaltung
der Speisevorschriften
18-29 J.
88,9
30-45 J.
46-60 J.
Beteiligung
am
Opferfest
Almosen
Fasten
Wallfahrt
geplant
Feiertagsgebet
82,4
65,7
77,4
54,7
29,6
88,1
75,4
83,5
76,8
59,5
36,1
90,0
82,5
86,6
83,4
71,3
49,7
über 60 J.
89,2
84,2
92,6
82,5
68,3
66,1
Insgesamt
88,7
79,5
79,5
78,7
61,3
39,1
Quelle: Sen, F.; Sauer, M.; Halm, D.: Intergeneratives Verhalten und (Selbst-)Ethnisierung von türkischen Zuwanderern.
Gutachten des ZfT für die Unabhängige Kommission „Zuwanderung“. Essen: S. 81 (2001). (Tabelle gekürzt)
174
Diese betrug bei Jungen 11 % und bei
Mädchen 16 % (vs. 6 % und 9 % bei
deutschen Jungen bzw. Mädchen
[19]). Aus Stuttgart liegen Daten für
2804 Kinder aus der Einschulungsuntersuchung 2001 vor. Danach haben
nicht deutsche Mädchen und Jungen
ein mindestens 11⁄2-fach bzw. 2-fach so
hohes Risiko für Übergewicht oder
Adipositas wie deutsche Kinder ([39]
s. Tab. 2).
Ein gegenüber einheimischen Kindern erhöhtes Risiko für Übergewicht
bei Migrantenkindern ist auch aus den
Niederlanden bekannt [30].
Erwähnenswert erscheint in diesem
Zusammenhang, dass sich in Europa
generell ein Süd-Nord-Gefälle in der
Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen
andeutet [40, 41].
Zahlreiche Faktoren können zur
Entstehung von Übergewicht oder
Adipositas beitragen: Als Prädiktoren
für kindliches Übergewicht gelten u. a.
mütterliches Übergewicht und eine
geringe Stilldauer (s. o.). Denkbar sind
weitere, möglicherweise kulturell bedingte Einflussfaktoren, wie z. B. der
gesamte kindliche Tagesablauf mit
Schlafdauer, Fernsehverhalten, Vorstellungen über das ideale Körpergewicht von Kindern, die Bedeutung von
Essen zur Bewältigung von psychosozialem Stress oder als Form der Zuwendung.
Hinsichtlich der Energiebilanz ist
bei den ausländischen Kindern wohl
eher ein verringerter Energieverbrauch als eine höhere Energiezufuhr
zu vermuten. Nach einer Untersuchung aus Baden-Württembergs wirkte sich bei ausländischen Schülern
Ernährungs-Umschau 50 (2003) Heft 5
Übersicht
u. a. das Fernsehverhalten nachteiliger aus als bei ihren deutschen Mitschülern [42]. Niederländischen Untersuchungen zufolge treiben ausländische Kinder weniger Sport. Bei türkischen Mädchen scheint die körperlich Aktivität insgesamt niedriger als
bei niederländischen zu sein [30]. Eine
geringere körperliche Aktivität bei
Heranwachsenden verschiedener ethnischer Minderheiten ist auch aus den
USA bekannt [43].
Frauen ein deutlich höheres Körpergewicht und ungünstigere Blutfettwerte als einheimische Frauen, was
auf ungünstigere Ernährungsgewohnheiten hinweist [48].
Angesichts der Heterogenität gerade dieser Gruppe von Migranten muss
realistischerweise von einer ebenfalls
extrem heterogenen Gesundheitsund Ernährungssituation ausgegangen werden.
Aussiedler
Flüchtlinge
In Deutschland gibt es zur Versorgung
von Asylbewerbern lediglich eine auf
den Rhein-Sieg-Kreis beschränkte
Studie aus dem Jahr 1994 [44]. Danach
wurde bei der dort praktizierten Verpflegung mittels Lebensmittelpaketen
die soziokulturell gewachsene Ernährungsweise der Flüchtlinge nur äußerst unzureichend berücksichtigt;
die befragten Migranten bezeichneten
die Verpflegung als unbefriedigend.
Diese Erfahrungen wurden in Bremen
bestätigt [45]. Außerdem entsprach
die vergleichsweise teure Paketverpflegung v. a. durch Nichtverwertung
von Lebensmitteln nicht den ernährungsphysiologischen Empfehlungen.
Weitere Daten zur Ernährungssituation von Flüchtlingen in Deutschland
liegen nicht vor.
Studien an Flüchtlingskindern in
Norwegen weisen darauf hin, dass
Eisen- und Vitamin-D-Mangel bei ihnen prävalent sind und auch Rachitis
auftritt [46, 47].
Einer schwedischen Untersuchung
zufolge haben aus Bosnien geflüchtete
Zur Ernährungssituation und zum
Körpergewicht der großen Gruppe
von über 4 Millionen Aussiedlern liegen keine Daten vor. Lediglich die
bereits erwähnte Untersuchung aus
Dortmund [38] geht auf Aussiedlerkinder ein. Diese waren weniger häufig
übergewichtig als deutsche Kinder
(5,0 % vs. 5,7 %).
Weitere Gruppen von
Migranten
Mittels eines qualitativen Ansatzes
wurden die Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten bei 6 ghanaischen Studierenden in Deutschland
untersucht [49]. Wegen der geringen
Zahl der Befragten können die Ergebnisse allerdings nicht verallgemeinert
und auf andere ausländische Studenten übertragen werden. Ebenso liegen
zur Ernährungssituation der zeitlich
befristeten Arbeitsmigranten, der jüdischen Emigranten und sich illegal in
Deutschland aufhaltenden Menschen
keine Daten vor. Es kann lediglich auf
eine kürzlich erschienene Zusammen-
Zusammenfassung
Ernährungssituation von Migranten in Deutschland – was ist bekannt?
Teil 1: Gesundheits- und Ernährungssituation
G. Winkler, Sigmaringen
Der Beitrag gibt einen Überblick über den Kenntnisstand zur Ernährungssituation
von Migranten in Deutschland. Gemäß einer Definition der Vereinten Nationen
zählen in Deutschland über 10 Millionen Personen zu den Migranten. Dabei stellen Spätaussiedler aus der ehemaligen UdSSR nach der türkischen Bevölkerung
die zweitgrößte Migrantengruppe dar. Es sind kaum Daten über die Ernährungsgewohnheiten erwachsener Migranten verfügbar. Die wenigen Untersuchungen
deuten an, dass sich eher positive Abweichungen zur typisch deutschen Ernährungsweise zeigen. Dies bestätigen auch Studien aus anderen europäischen Ländern. Daten zu den Ernährungsgewohnheiten von Migrantenkindern fehlen komplett. Bezüglich der Anthropometrie weisen Studien aus anderen europäischen
Ländern auf ein erhöhtes Risiko für Übergewicht in einigen Gruppen von Migranten im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung hin. Bei Kindern anderer Nationalität wurde auch in Deutschland ein im Vergleich zu deutschen Kindern deutlich
erhöhtes Risiko für Übergewicht und Adipositas gefunden. Die wichtigste Schlussfolgerung ist, dass zum Thema Migration und Ernährung in Deutschland ein
erheblicher Forschungsbedarf besteht.
Ernährungs-Umschau 49 (2002), S. 170–175
Ernährungs-Umschau 50 (2003) Heft 5
fassung der jüdischen Esskultur verwiesen werden [50].
Danksagung
Die Autorin bedankt sich bei Herrn Jodok
ERB, Gesundheitsamt der Stadt Stuttgart,
und Herrn Dr. Bertram SZAGUN, Gesundheitsamt Bodenseekreis, für ein internes
Arbeitspapier zur Mortalität bei Migranten,
auf dem das entsprechende Kapitel beruht.
Literatur:
Das Verzeichnis der zitierten 62 Literaturstellen
findet sich im Internet unter www.ernaehrungsumschau.de (Service/Literaturverzeichnisse). Interessenten ohne Internetzugang können die Literaturangaben auch von der Redaktion oder der
Verfasserin anfordern. Zur Einführung und zum
besseren Verständnis sind folgende Zitate angefügt:
1. Bundesministerium für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend (Hrsgb.): Familien ausländischer Herkunft in Deutschland – Leistungen – Belastungen – Herausforderungen.
Sechster Familienbericht der Bundesregierung. Bonn (2000).
16. Wirtschaftliches Institut der Ärzte Deutschlands (Hrsg.): Gesundheit von Zuwanderern
in Nordrhein-Westfalen. Sonderbericht im
Rahmen der Gesundheitsberichterstattung
Nordrhein-Westfalen. Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf (2000).
23. Schmid, B.: Ethnische Ernährungsweisen
und ihre Veränderungen – Ernährungsgewohnheiten von italienischen, griechischen
und türkischen Migrantinnen in Süddeutschland. In: Gedrich, K.; Karg, G. (Hrsg.):
Berichte der Bundesforschungsanstalt für
Ernährung: Ernährung und Raum: Regionale
und
ethnische
Ernährungsweisen
in
Deutschland. 23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Ernährungsverhalten e.V. (AGEV) 11./12.10. 2001, Freising/Weihenstephan. Bundesforschungsanstalt für Ernährung, Karlsruhe: 101-120
(2002).
29. o. A.: Ernährungsgewohnheiten von in
Deutschland lebenden türkischen Migranten. DGE-info Heft 9: 132-134 (1999).
30. Brussaard, J.H.; van Erp-Baart M.A.; Brants,
H.A.M.; Hulshof, K.F.M.A.; Löwik, M.R.H.:
Nutrition and health among migrants in the
Netherlands. Public Health Nutrition 4,2B:
659-664 (2001).
31. Darmon, N.; Khlat, M.: An overview of the
health status of migrants in France, in relation to their dietary practices. Public Health
Nutrition 4,2B: 163-172 (2001).
32. Landman, J.; Cruikshank, J.K.: A review of
ethnicity, health and nutrition-related diseases in relation to migration in the United
Kingdom. Public Health Nutrition 4,2B: 647657 (2001).
39. Erb, J.; Winkler, G.: Übergewicht und Adipositas bei Vorschulkindern: Welche Rolle spielt
die Nationalität? Monatsschr Kinderheilkd
(im Druck).
56. Koctürk, T.: Structure and change in food habits. Scand J Nutr 40, Suppl. 31: S108-S110
(1996).
Anschrift der Verfasserin:
Prof. Dr. Gertrud Winkler M.P.H.
Fachhochschule Albstadt-Sigmaringen
Fachbereich 3: Studiengang
Ernährungs- und Hygienetechnik
Anton-Günther-Str. 51
72488 Sigmaringen
E-Mail: winkler@fh-albsig.de
175
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Seele and Geist
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