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Eine Stadt bietet alles, was Traceure brauchen - Webs

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Nürnberg plus
Samstag, 19. Februar 2011
Beim TV Glaishammer trainiert Mark Michaud Parkour-Sportler
Eine Stadt bietet alles, was Traceure brauchen
suchen, bevor ich sie auf dem harten
Asphalt ausprobiere.“
Videos im Internet haben den Ausauf
die
Sportart
Kevin Kirbach liebt die Treppen, zubildenden
Hauswände, Mauervorsprünge und gebracht. Auf der Trampolinanlage
Absperrungen dieser Stadt. Sie bieten am Dutzendteich hat er vor vier Jahihm alles, was er für seinen Sport ren zusammen mit seinen Freunden
benötigt: einen kurzen Moment der Robert Bretz und Mark Michaud seine
Schwerelosigkeit. Wenn er an der ersten Versuche gestartet. Seitdem
Lorenzkirche
sprichwörtlich
die trainiert er fast täglich.
Im Winter müssen Parkour-SportWand hochgeht, gewinnt der 20-Jährige so viel Abstand zum Boden, dass ler jedoch meist in die Halle ausweier nach einem gekonnten Rückwärts- chen. Die Verletzungsgefahr ist wegen
salto wieder sicher auf seinen Füßen Schnee, Matsch und Eis zu hoch. Das
Hallentraining hat Michaud möglich
landet.
Kirbach ist Parkour-Sportler, in gemacht, der beim TV Glaishammer
der Fachsprache Traceur. Alles, was bereits viele Jahre die Leichtathletiker für die akrobatischen Einlagen Jugend trainiert hatte. Im Mai grünbenötigt, sind saubere Sportschuhe, dete der 21-jährige Chemie- und Bioingenieurstudent eine
um die Wände nicht
eigene Abteilung im
zu
verschmutzen,
Verein, um seiner
eine locker sitzende
Wer bei uns anfängt,
Lieblingssportart zu
Hose, trockenes Wetmuss als erstes
mehr
Bekanntheit
ter – und die „Möbel“
unter Beweis stellen,
und vor allem zu
einer Stadt.
dass er die Vorwärts- und
einer Halle zu verhelFrüher war KirRückwärtsrolle beherrscht,
fen. Nun trainieren
bach Feldhockeytoreinigermaßen ein Rad
die etwa 30 Mitgliehüter, doch „irgendschlagen kann und
der der Parkour-Abwie forderte mich der
einen Handstand hinbekommt.
teilung jede Woche
Sport nicht“, sagt der
ein- bis zweimal in
20-Jährige. Er hat
Mark Michaud,
der Turnhalle des
sein Revier mit ParAbteilungsleiter
Neuen Gymnasiums.
kour nun weiter geDer Zulauf ist enorm.
steckt, als ihm Latte,
Pfosten und Netz jemals bieten konn- Hier trainieren ehemalige Turmsprinten. Es erstreckt sich über ganz Nürn- ger, Karatekämpfer, Leichtathleten
berg. Am Hauptbahnhof bieten sich und Bodenturner. Und jede Woche
schier endlose Möglichkeiten, ebenso werden es mehr.
Immer mit dabei sind auch die Zwilrund um die Kaiserburg, die Lorenzkirche, das Cinecitta oder am Rathenau- linge Max und Stefan Müller. Während viele ihrer Freunde in der Cplatz.
Sein Lieblingsplatz ist aber der oder D-Jugend Fußball spielen,
weitläufige Luitpoldhain. „Da gibt es erobern die 14-Jährigen die Nürnbergenug Fläche, um neue Tricks zu ver- ger Spielplätze. „Dort kann man gut
trainieren, weil man im
Sand weich fällt, sollte ein
Trick mal nicht so gelingen“, sagt Stefan. Heute
setzt er jedoch auf die weiche Turnmatte in der
Halle, um seinen derzeitigen Lieblingssprung zu
perfektionieren, den sogenannten Aerial. Das Rad
ohne Hände übt er am
liebsten vom Kasten auf
die Weichbodenmatte. Die
nächste Schwierigkeitsstufe ist derselbe Trick auf
einer
ebenen
Fläche.
„Beim Fußball kann man
nur schwer seine Erwartungen an sich selbst erfüllen. Beim Parkour schon“,
ist Stefan begeistert.
„Wer bei uns anfängt,
muss als erstes unter
Beweis stellen, dass er Vorwärts- und Rückwärtsrolle sowie ein Rad schlagen kann und einen Handstand hinbekommt“, sagt
Abteilungsleiter Michaud.
Der
Test,
liebevoll
Bodenturnprüfung
genannt, hilft dem Trainer,
die Fähigkeiten des Anfängers
einzuschätzen.
„Wenn sich herausstellt,
dass jemand nicht ausreichend Sprungkraft oder
Kevin Kirbach nutzt im Training gerne Elemente aus nach drei Salti hintereinder brasilianischen Kampfkunst Capoeira, wie hier ander massive Probleme
mit dem Orientierungsden Aú-Batido.
Von Katrin Meistring (Text)
und Uwe Niklas (Fotos)
Beim
sinn hat, dem rate ich von
diesem Sport ab“, sagt der
26-Jährige. Parkour geht
wie alle akrobatischen
Sportarten auf die Fußgelenke. Sie müssen das
gesamte
Körpergewicht
bei Salti und anderen
Sprüngen abfangen. „Verletzungsträchtiger ist der
Sport deshalb aber nicht“,
sagt Michaud, „Sicherheit
hat bei unserem Training
oberste Priorität.“
Die 1980er Jahre gelten
als die Geburtsstunde des
Parkour. In einem Vorort
von Paris versuchte sich
der Franzose David Belle
an der effizienten Fortbewegungskunst. Die betongepflasterten
Vororte
waren ideal für die ersten
Sprünge zwischen Mauern
und Hauswänden. Sein bester Freund Sebastian Foucan verhalf dem Sport
2006 durch seine Nebenrolle bei „Casino Royale“
an der Seite von JamesBond-Darsteller
Daniel
Craig
endgültig
zum
Durchbruch.
Die französischen Trickbegriffe wurden mit steigender Popularität, vor
allem in den USA, durch
die englischen Entsprechungen
ersetzt.
Der
ursprüngliche
ParkourSport ohne Salti, also Hindernisse möglichst schnell
und effizient zu überwinden, wurde mit der Zeit
durch die Disziplinen „Tricking“ (Bewegungen aus
Kampfsportarten, Akrobatik sowie Breakdance) und
„Freerunning“ (Tricks in
die Bewegung mit einbauen) ergänzt.
Noch hat es Parkour
nicht aus der Abteilung
Trendsportarten herausgeschafft. Obwohl ihn
theoretisch Akteure aller
Altersstufen ausüben können, begeistern sich vor
allem Jugendliche für den
akrobatischen
Sport.
Auch wenn die Szene in
Nürnberg relativ groß ist, Der Vorwärtssalto vom Kasten, Front Flip genannt, zählt zu den eher leichteren Tricks, an denen
gelten Köln und München sich der 14-jährige Max Müller derzeit probiert. Ihm und seinem Zwillingsbruder Stefan war
als die deutschen Hochbur- Bodenturnen auf Dauer zu langweilig.
gen.
Sobald der Frühling die Stadt
Das Training ist gewollt locker
Kevin Kirbach, der zu den erfahrensten in der Parkour-Gruppe zählt, gehalten. Nach einer kurzen Auf- erobert, werden die Parkour-Sportler
schätzt seine Könnensstufe „normal- wärm- und Dehneinheit wird die des TV Glaishammer jede Minute im
gut“ ein. Sein Ziel ist es, irgendwann Musik laut aufgedreht, und die Sport- Freien trainieren. Dann ist im wahrseinen dreifachen achsenverschobenen ler verteilen sich an der langen Weich- ten Sinne des Wortes wieder Zeit für
Salto Rückwärts mit eineinhalbfacher bodenmatte, den Geräten oder der gro- Öffentlichkeitsarbeit. So wie auch
Schraube, den sogenannten Triple ßen Mattenfläche. „Manche gehen mit während der „Blauen Nacht“ vor vier
Cork, zu schaffen. „Im Moment kön- dem Vorsatz ins Training, einen Jahren. Kirbach und seine Freunde
nen den Trick nur sechs Menschen bestimmten Trick schaffen zu wollen. zeigten in der Innenstadt, ganz in
weltweit.“ Unter anderem der 19-jäh- Andere entscheiden spontan, was sie Blau gekleidet, dass Traceure wahre
rige Finne Veli-Matti „Vellu“ Saarela, trainieren“, sagt Michaud. Nicht sel- Bewegungskünstler sind. Und die
der den Triple Cork als Erster gestan- ten finden sich zwei zusammen, die Zuschauer waren begeistert.
den hat und als weltweit bester „Tri- sich gegenseitig pushen, indem sie auf
m Eine Bildergalerie sowie ein Video
cker“ gehandelt wird. „Um so gut zu den Trick des anderen noch eine Drezum Thema finden Sie auf www.nz.de
werden, fehlen uns allerdings Feder- hung oder einen Salto mehr packen.
unter NZ-Sport sowie auf www.nordmatten und andere spezielle Parkour- Das Ziel ist nicht der Sieg über den
bayern.de. Training ist jeden SamsGeräte“, bemängelt Kirbach die für anderen, sondern die eigene Überwintag, 13–16 Uhr. Infos unter: www.nbgParkour wenig geeigneten Gerätschaf- dung, immer schwierigere Tricks ausmovement.webs.com
zuprobieren.
ten in der Halle.
Andreas Müller ist Vorstand im ersten deutschsprachigen Verein für Bewegungskünste
Namen genannt „Parkour bedeutet nicht, Gefahren einzugehen“
Seinen 85. Geburtstag feierte
Nürnbergs Radsport-Pionier
Leonhard Pfahler am
11. Februar. Bereits ab 1950
zählte Pfahler für acht Jahre zu
Bayerns besten Straßen-Amateuren. Sehr ärgerlich ist für ihn
immer noch die Tatsache, dass
er oft als Zweiter
ins Ziel kam. So
landete er auch
bei den großen
fränkischen
Straßen-Klassikern „Großer
Grundig-Preis“
und „Rund um
Nürnberg“ nach
über 260 Kilometern auf dem Ehrenplatz. Nach
dem Ende seiner aktiven
Laufbahn war Leonhard Pfahler
ab 1958 über 30 Jahre lang als
Funktionär für den RV 92 Schwabach und den Bezirk Mittelfranken des Bayerischen RadsportVerbandes im Einsatz. Als
Bezirks-, Wander- und Tourenfachwart motivierte er unzählige
Hobby-Radler alljährlich zu
großen und kleinen Touren. „Radtouren sind noch immer mein
schönstes Hobby, wenn sie auch
nicht mehr so lang wie früher
sind“, sagt der erstaunlich rüstige
Jubilar, der alljährlich noch
immer begeistert einige tausend
Kilometer radelt.
Free Arts of Movement (FAM) ist der
erste deutschsprachige, gemeinnützige Verband, der sich unter anderem
für Parkour und Freerunning einsetzt.
Die NZ sprach mit dem Vorsitzenden
Andreas Müller (26) über die Trendsportart und den Zuspruch in Franken
und Bayern, aber auch die Ziele des in
München ansässigen Vereins.
NZ: Eines Eurer Ziele ist, in den
Medien durch eine neutrale Berichterstattung dargestellt zu werden. Wie
berichten Medien Deiner Meinung
nach über den Sport?
Müller: Das Verständnis von Parkour
bei der Presse deckt sich nicht mit
dem, was wir über unseren Sport denken. Die Medien möchten über uns
immer so spektakulär wie möglich
berichten. Parkour bedeutet nicht,
Gefahren oder ein großes Risiko einzu-
NZ: Ist Parkour in Bayern weiter auf
dem Vormarsch?
Andreas Müller: Der Sport ist sogar
weltweit auf dem Vormarsch. Wir
beobachten in Bayern aber derzeit,
dass sich Parkour immer mehr auch in
den ländlichen Regionen und kleineren Städten durchsetzt. Immer öfter
wird Parkour auch in Sportvereinen
und den Schulsport integriert. Auch
das Angebot an freien Trainingsgrup- gehen oder besonders spektakulär zu
agieren. Vielmehr geht es darum, dass
pen wird immer größer.
man unnötige Gefahren vermeidet
NZ: Wie gut ist Parkour in Nürnberg und den Sport für sich selbst betreibt
und nicht, um anderen damit zu impovertreten?
Müller: In Nürnberg gibt es vor allem nieren.
freie Trainingsgruppen. Müsste ich es
NZ: Welche Möglichkeiten habt Ihr als
in schwach, mittel und gut bewerten,
Verein, dieses Image zu ändern?
würde ich sagen, Nürnberg liegt im
unteren Mittelfeld. Die Parkour-Hoch- Müller: Durch Veranstaltungen oder
burg in Bayern ist aber ganz klar Mün- Medienauftritte wollen wir neben
chen. Es gibt ein Stadtgebiet, das sich dem Sportlichen auch das wirklich
aufgrund der Architektur besonders Wertvolle an Parkour vermitteln, die
für Parkour eignet. Deswegen hat Philosophie, die dahintersteckt. Der
München auch über die bayerischen Mensch ist dazu geboren, seine UmgeLandesgrenzen hinaus einen guten bung und seine körperlichen Fähigkeiten zu entdecken. Dieser Drang wird
Ruf bei Parkour-Sportlern.
Frag-würdig
Das SamstagsInterview
mit dem Erwachsenwerden unterdrückt. Durch Parkour wird man
immer mehr von einem positiven
Gefühl durchflutet, weil man wieder
„Mensch“ sein kann.
NZ: Wie steht die Bevölkerung zum
Parkour-Sport?
Müller: In dem Moment, wo wir anfangen, die Wand hochzulaufen oder
über Geländer zu springen, ernten wir
schon öfters schiefe Blicke. Wir meiden deshalb private Grundstücke und
auch, Spuren oder Dreck zu hinterlassen. Es gibt leider immer noch solche
unter uns, die sich darüber keine
Gedanken machen und für Kritik sorgen. Von denen möchten wir uns allerdings ganz klar abgrenzen. Wir
bekommen aber genauso oft positives
Feedback. Auch, weil wir uns Zeit für
ihre Fragen nehmen.
NZ: Wodurch zeichnet sich die Parkour-Szene aus?
Müller: Alle Leute verbindet die Parkour-Philosophie. Wir haben ein ganz
eigenes Verständnis davon, wie wir
Sport betreiben. Es ist die Liebe zur
Bewegung, die uns eint. Wer als Nürnberger nach München reist, bekommt
bei Parkour-Sportlern vor Ort ein
Bett und ihm werden die besten
Ecken gezeigt. Es ist wie eine große
Familie.
Fragen: Katrin Meistring Andreas Müller, Vorsitzender des Vereins FAM, setzt sich für den Parkourm www.famjam.org
Sport ein.
Foto: privat
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