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G ER H AR D STICKEL Was halten Sie vom heutigen Deutsch - IDS

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G E R H A R D S T IC K E L
W as halten Sie vom heutigen Deutsch? - Ergebnisse einer Zeitungsum frage
Inhalt
1.
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3.
3.1
3.2
3.2.1
3.2.2
3.2.3
3.2.4
3.2.5
3.2.6
3.2.7
3.3
3.4
3.5
4.
Sprachm einungen in Z eitu n g s te x ten
D ie Z eitu n gs u m fra g e
F ragen und A n tw o rte n
D ie F ra g e nach d e r B ew ertu n g d e r a llg e m ein e n S p rach entw icklu ng
F ragen zur B ew ertu n g des Sprachgebrauchs
D ie F ra g e nach d e r A u sd ru ck sfä h igk eit von Jugendlichen
D ie F ra g e nach den sp rachlichen U m ga n gsform en
D ie F ra g e nach den gram m atisch en A bw eich u n gen
D ie F ach sp rach en frag e
D ie F r e m d w o r tfr a g e
D ie E u ph em ism en frage
D ie F ra g e nach anderen bedenklichen Erscheinungen
D ie F ra g e nach p o sitiven Sprachveränderungen
D ie M u n d artfrage
D ie F ra g e nach dem Einw irken a u f Sprache und Sprachgebrauch
Zusam m enfassung und Konsequenzen
Anhang: D ie beiden V ersionen d e r U m fra g e
1.
Sprachmeinungen in Zeitungstexten
Eine M einu ngsu m frage zum heu tigen D eutsch w ar ga r n ich t g ep la n t. W ie es dazu kam ,
g eh ö rt zum m ethodisch en E rtra g des z w e is tu fig e n V erfah ren s, das sich aus d e r A usgangsfr a g e ers t nach und nach e n tw ic k e lte .
A n g e r e g t durch den U n te r tit e l d ie se r Tagung, "D e r S p ra c h b e g r iff in W issen sch aft und
A llta g ", w o llte ich e r m itte ln , w elch e A u ffassu n gen und w erten d en Meinungen von Sprache über d ie F ach g ren zen d e r Lin gu istik hinaus d e r z e it besonders v e r b r e it e t sind. D ies e
F ra g e s t e llt sich ve rm u tlic h auch anderen S p ra ch w issen sch aftlern h ierzu lan d e hin und
w ied e r, wenn s ie e tw a von N ich tlin g u isten zu e in e r A p o lo g ie des eig e n en Fachs g ed rä n g t
w erden. M ir ersch ien d ie F ra g e a ls u ntersu chensw ert, w e il sich aus e in er besseren
K enntnis v e r b r e it e t e r Sprachauffassungen und -ein stellu n g en nicht nur A nregun gen und
O rien tieru n g sh ilfen fü r w e it e r e Forschungen zu r G eg e n w a rts sp ra ch e gew innen lassen,
sondern auch H in w eise a u f D e f iz it e , d ie bei d e r V e rm ittlu n g und praktischen U m setzu n g
s p ra ch w issen sch aftlich er Ergebnisse bestehen.
Da sich Z e itu n g s te x te bei e in e r frü h eren U ntersuchung s p e z ie lle r Sprach einstellungen
als e r g ie b ig erw ies en h a tte n 1, w ä h lte ich als A u s ga n g sm a te ria l knapp 800 A r t ik e l aus
280
deutschsprachigen T a g es ze itu n g en und n ic h tfa c h lich en Z e its c h r ifte n , d ie in den le t z te n
fü n f Jahren ersch ien en sind. D ie T e x t e wurden aus dem Z eitu n gs a rc h iv des IDS zusam m e n g e s te llt, in dem Sprachglossen, L e s e r b r ie fe und a n d ere A r t ik e l zu sprachlichen T h emen g e s a m m e lt w erden.^
Für Z e itu n g s te x te sp rich t d ie g ro ß e V erb reitu n g, d ie Z eitu n gen im V e r g le ic h zu lin g u istischen V erö ffe n tlic h u n g e n w ie auch zu a llta g ssp rach lich en Ä ußerungen haben. Bei diesen
T e x te n ist fr e ilic h zu beach ten , daß sie w ed e r u n m ittelb a r an d ie A llta gsk o m m u n ik a tion
von Laien heranführen noch w ie lin g u istisch e F a c h te x te g ele sen w erden können. Sie g e hören zu dem 'm ittle r e n ' kom m u n ikativen B ereich zw isch en W issen sch aft und A llta g .
D ie T e x t e sind du rch w eg fü r Laien gesch rieb en , je d e n fa lls n ich t fü r L in gu isten , stam m en
a b er hä u fig von V erfassern m it g erm an istisch em H intergrund, g e le g e n tlic h auch von
S p rach w issen sch aftlern . Und fü r d ie La ien unter den L e s e rb rie fs c h re ib e rn ist der S c h ritt
von Meinungsäußerungen in A llta g sg es p rä c h en zur M e in u n g sve rö ffen tlich u n g in der Z e itung m eis t ein Ü b erg a n g zum N ic h ta lltä g lic h e n .
D ie w isse n sc h a ftlich e F orderu ng nach e x p liz ite r Begründung und kon sisten ter V erw en dung von B e g r iffe n lä ß t sich an d ie a lle rm e is te n d e r A r t ik e l und L e s e r b r ie fe nich t s t e llen . W egen ih rer Schreibanlässe und - z w e c k e , d e r g em ein te n A d res sa te n und ihres o f t
nur gerin g en U m fan gs en th a lten s ie s e lte n au sfü h rlich e B e g riffs e rlä u te ru n g e n o d er D e fin itio n e n . D ie w en igen lä n geren Essays von p ro fes sio n e llen Sp ra ch k ritik ern und e in z e lnen L in gu isten , d ie g e le g e n t lic h im F e u ille to n e in ig e r Z eitu n gen ersch ein en , r e iz e n zw a r
zur Diskussion der je w e ils d a r g e le g te n A u ffa ssu n gen . G em essen an den v ie le n anderen
G lossen, B erich ten und L e s e r b r ie fe n , in denen b e s tim m te S ehw eisen von 'S prache' od er
d e r G ebrauch des Ausdrucks S prache nicht näher begrü nd et und e r lä u te r t w erden , sind
sie jed och R a ritä te n .
T e rm in o lo g is c h e U ntersch eidu ngen w ie e tw a zw isch en Sprache und Sprachgebrauch od er
zw isch en Sprache a ls S ystem , N orm und R e d e w erden , von w en igen Ausnahmen a b g es ehen, nich t g em a ch t. Und da d e r Ausdruck Sprache nahezu b e lie b ig e Einschränkungen a u f
T e ila s p e k te und E in zelersch ein u n gen des kom p lexen Phänom ens 'S prache' erla u b t, ließ
sich das je w e ils G e m e in te o f t nur über e in e D eutung des gan zen E in z e lte x te s le id lic h e r schließ en.
A n g esic h ts der H erk u nft d e r T e x t e nim m t es nicht w e it e r wunder, daß m it S p rache in
d e r R e g e l d ie deu tsch e Sprache, V a rie tä te n od er b e s tim m te G ebrau chsw eisen des D eu tschen g e m e in t sind, wenn n ich t ohnehin Ausdrücke w ie das D e u ts ch e , (u n s e re ) M u tt e r s p ra ch e, Fa ch sprache, Jugend sprache, d ie S prache d e r M ed ien / d er Behörden/des Bun-
281
deskanzlers od er ähnlich e geb ra u ch t w erden.
Auch a llg e m e in e Äußerungen Uber d ie m enschliche Sprach e sind - s o w e it erkennbar m eist a u f das D eu tsch e b e zo g e n . H ä u fige r genannt w erden nur noch das a m erika n isch e
Englisch als Q u elle von A n g lizis m e n im D eu tschen und F ran zösisch als B eis p iel ein er auch
vom S taat g e p fle g t e n und g es ch ü tzten N a tion a lsp rach e.
B ei d e r A r b e it m it s a tz fö r m ig e n E x ze rp te n aus den versch ied en en A rtik e ln z e ig t e sich
ein m eth od isch es Hindernis, das anhand der fo lg e n d e n A usw ahl von Z ita te n w en igsten s
a n g ed e u tet w erden soll:
D ie Sprache le b t. S ie w and elt s ic h m it den Z e ite n . (F A Z , 24.7.85)
V e r fä llt d ie S p ra ch e ? (F ra n k fu rte r N eu e Presse, 13.5.85)
D ie S prache v e rk o m m t. (D a rm s tä d te r Echo, 11.5.85)
Das S chöne an d e r S prache is t ih re U n k a p u ttm a c h b a rk e it. (M dB H eid e Sim onis
z it . in A u fb a u / N .Y ., 13.11.81)
Sprache kann tö te n . (L e s e r b r ie f Süddeutsche Z eitu n g, 29.12.84)
Sprache s c h a fft G e m e in s c h a ft und V erständigung. (H e lm u t K oh l z it. in D eu tla n d m a ga zin , 1.11.84)
Nun ha t a b e r d ie S prache als s o lc h e , als S p ra ch b e s itz , k e in e r le i A b s ic h t ...
(H a n s-M artin G a u ger, Süddeutsche Z eitu n g, 12.1.85)
Sprache ist genaues Sagen. (G erh a rd S to rz z it . in Badische N eu es te
N ach rich ten , 19.1.85)
D ie Sprache is t das S tie fk in d d e r P u b lic R e la tio n s . (Jens P e te r , P R -M a g a z in ,
August 84)
D ie Sprache v e rm a g das Chaos in uns n ic h t m eh r zu ord nen. (H o rst S tein eck e,
der lit e r a t , 15.4.85)
D ie Sprache ha t nun e in m a l ih re e ig en e L o g ik . (K u rt Honolka, S tu ttg a r te r
N ach rich ten , 25.2.84)
Sprache ist M a ch t, is t W ort gew ord en e G e s c h ic h te . (C lau diu s Babst,
B asler Z eitu n g, 6.8.84)
U nsere Sprache s t e c k t v o lle r Tücken. (JUrgen Eick, F A Z , 9.3.85)
U n sere Sprache is t m ä n n lich d o m in ie rt. (B r ig it te Söhne, K ö ln isch e
Rundschau, 3.3.84)
A uch d ie S prache ha t ih ren S ch nu pfen . (K u rt H onolka, S tu ttg a r te r
N a ch rich ten , 24.11.84)
Sprache lie f e r t v ie le In fo rm a tio n e n . (U lf D. P o sé, M a n a gem en t und
Wissen, O kt. 83)
282
S prache is t m e h r als M it te ilu n g v on etw as. Sprache is t etw a s an und f ü r sich.
(K a r l K orn, F A Z , 28.11.83)
Was die S prache sa gt, wenn jem a n d ih r w eh tu t, in te re s s ie rt ja v ie le schon
lange n ic h t m ehr. (M arian n e K le rsp e l, K ö ln er S ta d t-A n z e ig e r , 29.5.84)
D ie Sprache s t e llt uns im m e r w ie d e r v ie le F ra gen. (O t to Schm id, N eu e Z ürcher
Z eitu n g, 17.9.83)
Eine so lch e M on ta ge aus S ä tzen , d ie versch ieden en T e x te n entnom m en sind, ist g e g e n über den z itie r te n V erfassern u nfair. D ie Z u sam m en stellu ng so ll le d ig lic h das Prob lem
illu strie ren , aus ein er V ielza h l h e te ro g e n e r T e x t e ein e überschaubare A n za h l von V e rwendungsweisen des W ortes Sprache zu e r m itte ln , ohne daß zw isch en den versch ied en en
Sprachglossen, L e s e r b r ie fe n und anderen A rtik e ln im m er w ie d e r te x t u e lle Zusam m enhänge g e d e u te t w erden . D abei en ts te h t le ic h t der Eindruck ein es k o lle k tiv e n A u tors, der
in einem kurios z u s a m m en g e flick te n G e s a m tte x t e in e h o c h d iffe r e n z ie r te , sch w er zugä n glic h e Sprachauffassung e n tfa lt e t .
Eine nüchterne B etrach tu n g versch ied en g e o rd n e te r Zusam m en stellu ngen der E x ze rp te ,
die deren H e te r o g e n itä t zu b erü ck sich tigen sucht, v e r m it t e lt a n d e re rseits nur e in e V orstellu n g davon, was sich m it dem Substantiv Sprache so a lle s m achen lä ß t. U n ter anderem
erga b sich h ierb ei ein e bunte L is te von Sprach m etaph ern und -hypostasen, g e le g e n tlic h
o r ig in e ll, m eist a ltb ekan n t und s te r e o ty p w ied erk eh ren d . W ie d erh o lt w ar zu lesen , daß
d ie deu tsch e Sprache e in e sc h w ere Sprache ist, daß s ie m ißbraucht, m ißhandelt, m anipulie r t , v e r g e w a lt ig t , verh u n zt od er m it Füßen g e t r e t e n w ird , daß sie v e r fä llt , v e r d o r r t,
v e r a r m t, ve rk o m m t, v e r w ild e r t, v e rlu d e rt (w ird ) o d er in der Gosse la n d e t, daß Sprache
etw a s L eb en d iges ist, ein H errsch a ftsin stru m en t, M it t e l zum Z u g r iff a u f d ie D in ge od er
der S p ieg el ein er N a tio n . Ich g e b e d a m it nur e in ig e der Wendungen w ied e r, d ie je w e ils
in m ehreren T e x te n v e rsch ied e n er V erfa s ser vo rk am en .
Da es m ethod isch fa lsc h g ew es en w ä re, aus der V ie lz a h l der E in zelm ein u n gen nur ein e
od er e in ig e w en ig e k o m p lexe Sprachau ffassu ngen zu add ieren , konnte d ie zusam m enfa ssen d e Sicht von In terp reta tio n en d e r versch ied en en T e x t e le t z t lic h nur zu ein em Ü b e rblic k davon führen, w as fü r b e m erk e n sw ert v ie le A r t ik e l- und B rie fs c h r e ib e r sp rachlich
in teressa n t und w ic h tig is t, das heiß t, zu ein em d e u tlich en Eindruck von den in den Z e itu n gstexten vorh errsch end en w erte n d e n Interessen an Sprache und 'S prach lich em '. D abei
m ußte in K a u f genom m en w erd en , daß ein e so lch e v e re in fa c h e n d e B etrach tu n g den
d iffe r e n z ie r te n Ü berlegu n gen von A u toren lä n g e r e r A r t ik e l n ich t g e r e c h t w ird.
283
W enig e r g ie b ig w aren h ie rfü r ein T e il d e r A gen tu rm eld u n gen und kom m en ta rlosen Ber ic h te , z.B . über neu ersch ien en e N ach sc h la ge w e rk e, so w ie v ie le G lossen, in denen le d ig lic h sp rach lich e K u riositä te n v o rg e fü h rt, W orterkläru n gen g e g e b e n o d er e in z e ln e 'Sprachs c h n itze r' g erü g t w erden , ohne daß d ie V erfa s ser ih re Interessen d eu tlich m achen, es sei
denn d ie A b sich t, d ie L e s e r zu u nterhalten od er s ie über gu tes od er sc h lech tes D eu tsch im
Sinne n o rm a tiv ric h tig e n od er stilis tis c h angem essen en Sprachgebrauchs zu b eleh ren .
Den übrigen T e x te n , gut d e r H ä lft e des M a teria ls , w aren v o r a llem z w e i g e n e r e lle Interessen zu entnehm en: an Sprache als sym p tom a tisch em Sprachgebrauch und an Sprache
als e in er w ie auch im m er verstandenen ve rä n d erlich en G es a m th eit 'd eu tsch e Sprach e'.
Bei der ersten In teressen rich tu n g w erden E ig en sch aften b e o b a ch te te n Sprachgebrauchs
als sym p tom a tisch b e tr a c h te t, und zw a r fü r das Denken o d er d ie m o ralisch e H altung
ein ze ln e r Menschen, m eis t w ic h tig e r A m ts tr ä g e r, fü r D en k w eise und so zia le s V erh a lten
b e s tim m te r g e s e lls c h a ftlic h e r Gruppen o d er auch fü r d ie vo rh errsch en d e M ora l, den g e g en w ä rtig en Zustand d e r G e s e lls c h a ft in sgesam t. A ls S ym p tom e g e d e u te te sp rach lich e
Erscheinungen sind h ierb ei A nlaß fü r ein e K r itik in d ivid u elle r V erh a lten sw eisen o d er politis c h e r und s o z ia le r V erh ä ltn isse.
Bei der z w e ite n Interessen rich tu n g w erden o f t nicht gen a u er lo k a lis ie r te A bw eich u n gen
im g e g e n w ä rtig e n Sprachgebrauch als A n ze ich e n d afü r g e w e r t e t , daß sich d ie "g a n z e "
deu tsch e Sprache o d er zum ind est d ie H ochsprache ve rä n d ert, und z w a r zum S ch lech ten .
Sprache w ird h ierb ei m eis t als b edroh tes "K u ltu rg u t" b e tr a c h te t.
In v ie le n A rtik e ln w ird ein Zusam m enhang zw isch en diesen beiden A spekten h e rg es te llt , od er es w ird ers t g a r nich t zw ischen ihnen u n tersch ieden . E igen sch aften des g e g e n w ä rtig e n Sprachgebrauchs w erden dabei als sy m p tom a tisch fü r den Zustand d e r deutschen
Sprache und d a m it auch fü r den Zustand d e r G e s e lls c h a ft o d er w ic h tig e r s o z ia le r Gruppen
angesehen, und d ie s e r w ird w ie d e r d e r Sprache m eis t als u n erfreu lich o d er bedrohlich
g ew ertet.
M it d ie se r Zusam m enfassung der vorh errsch end en Meinungen tu e ich den r e la t iv w en igen
V erfassern unrecht, d ie z w a r sp rach lich e E in zelersch ein u n gen o d er "S prach m od en " k r itisieren , ab er d ie Sprach veränderun g und g e s e lls c h a ftlic h e En tw ick lu ng a bw ägen d od er
gelassen b e tra ch ten . Einer bei w e ite m größ eren T e ilm e n g e w ar d ie o f t en tsch ied en f o r m u lie rte Ü berzeu gu ng o d er S org e zu entnehm en, b e o b a c h te te V eränderungen im Sprachgebrau ch seien S ym p tom e d afü r, daß sich d ie deu tsch e Sprach e und d ie G e s e lls c h a ft zum
S ch lech ten v e rä n d ert, wenn nicht schon v e rä n d ert hat.
284
Ein V erzeich n is der im ein ze ln en genannten Erscheinungen, d ie als S ym p tom e g e w e r t e t
w erden , erg ä b e ein e la n g e L is te . Es sind v o r a lle m :
- A bw eich u n gen von orth ograp h isch en , gram m atisch en od er stilistisc h en N orm en , d ie anscheinend m eist als ein fü r a lle m a l g ü ltig angesehen w erden
- A bw eich ungen von den als r ic h tig e ra c h te te n (" e ig e n t lic h e n " ) W ortbedeu tungen
- der G ebrauch von Euphem ism en und s te re o ty p e n A usdrucksw eisen besonders in der P o lit ik und den M edien
- d ie zunehm ende Verw endung von "F r e m d w ö rte r n ", besonders von Entlehnungen aus dem
am erikanischen Englisch
H ä u fige s K r itik m o tiv ist d ie B efü rch tu n g e in er a llg e m ein e n V errin geru n g d e r sprachlichen
K o m p e te n z , d ie besonders d eu tlich bei Jugendlichen zu beob a ch ten sei. F ast ebenso o f t
w ird e in e zunehm ende M ißachtung kom m u n ikation seth isch er G ru n dsätze, v o r a llem im
ö ffe n tlic h e n Sprachgebrauch, angenom m en , ln diesem Zusam m enhang w ird m eist der
schon erw ä h n te G ebrauch sch w er ve rstä n d lich e r od er "ü b e rflü s s ig e r" F re m d w ö rte r und
von Euphem ism en b em ä n g e lt. W ie d erh o lt, wenn auch nicht ga n z so h äu fig, w ird darüber
g e k la g t, daß "sp ra ch lich e U m g a n g sfo rm e n " im p riv a ten und b e ru flich e n A llt a g im m er
w e n ig e r b e a c h te t w erden.
3
Ich h ä tte d ie in und m it den Z eitu n gs a rtik e ln v e r b r e ite te n in teres se n b e stim m ten A u ffassungen und W ertungen g ern e etw a s näher q u a n tifiz ie r t. A b e r d ie se T e x t e erw iesen
sich a ls zu v e rs c h ie d e n a rtig in Schreibanlässen, T h e m e n v ie lfa lt, T e x t s o r t e und U m fan g
und auch nach der A u fla g en h ö h e und V erb reitu n g d e r e in ze ln en Z eitu n gen , um ein e S tatis tik nach le id lic h k o n tro llie rb a re n G rößen zuzulassen.
D eshalb habe ich nach anderen V erfah ren gesu ch t, um d ie aus den Z eitu n gen gew onnenen
Eindrücke zu ü berprü fen. F e s ts te lle n w o llte ich unter a n derem , in w ie w e it d ie in den
le t z t e n Jahren so hä u fig p u b liz ie r te B efürch tu ng, daß d ie deu tsch e Sprache (w ie d e r ein m a l) v e r fä llt , auch d e r A u ffa ssu n g von M itbü rgern en tsp rich t, d ie ihre Meinung nicht
ohne w e ite r e s in der Z eitu n g v e r ö ffe n tlic h e n .
Zu der Z eitu n gs u m fra g e kam es über m eh rere Z w is ch e n sc h ritte, d ie ich nur kurz erw äh nen m öch te. Da L e s e r b r ie fe nur rund e l f P ro z e n t d e r T e x t e ausm ach ten, kam der G edanke a u f, d iese le ic h t e r a b g ren zb a re U n term en g e d e r Z e itu n g s te x te m it H ilfe von z w e i
od er drei p ro v o k a tiv fo rm u lie r te n A rtik e ln zu ve rgrö ß ern . D ies w ä re jed och u nfeiner
A ktionsjournalism u s m it u ngew issem A usgang gew es en . A ls v e r tr e tb a r e s V erfah ren
b lie b deshalb nur ein e o ffe n d e k la r ie r te g e z ie lt e U m fra g e .
285
Das n ä ch stlieg en d e V erfah ren w ä re e in e dem osk opische R ep rä sen ta tiv erh e b u n g g e w e sen. H ierzu fe h lte n ab er Z e it und G eld . Eine so lch e Meinungserhebung h ä tte m ö g lic h e rw eise auch erb ra ch t, daß sich ein g ro ß er T e il d e r G es am tb evölk eru n g fü r F ragen nach dem
Zusam m enhang zw isch en Sprachgebrauch und Sprachveränderungen und nach deren Bew ertu ngen nich t so n d erlich in te r e s s ie rt. D ies e Verm utung lie ß e sich eben nur durch ein
solches V erfah ren b e stä tig en .
Da ich ohnehin m it Z eitu n g s te x ten g e a r b e it e t h a tte, la g es nahe, d ie d o rt besonders häuf i g a n g e tro ffe n e n A u ffassu n gen und W ertungen in F r a g e fo r m zu bringen und über Z e itungen in te re s s ie rte n L esern zur B eu rteilung v o rz u le g e n .
2.
D ie Z eitu n gs u m fra g e
Eine über Z eitu n gen v e r b r e it e t e U m fr a g e hat w ie e in e dem oskopische Erhebung den V orte il, daß sie a llen A d ressa ten den g leic h en Äußerungsanlaß b ie te t und dam it zu v e r g le ic h baren A n tw o rte n fü hrt. A n d e re rs e its hat sie den großen N a c h te il, daß s ie sich nich t an
ein e dem ograph isch r e p rä s e n ta tiv e Personengruppe w en d et, sondern zunächst nur an a u fm erksam e Z eitu n gs les er g e r ä t. Und von denen a n tw o r te t nur, w er d ie g e s te llte n Fragen
fü r so w ic h tig h ält, daß e r sein e A n tw o rte n a u fsch re ib t und auch absch ick t.
Solange d ie M ö g lic h k e it ein es V e rg leic h s m it dem M e n g en e rtra g ähnlich er U m fra g en
fe h lt, kann d ie G esam tza h l der A n tw o rte n le d ig lic h sta tis tis ch nich t begrü n d ete M engenerw artu n gen b e stä tig en , ü b e r tr e ffe n o d er en ttäu schen . D ies er p r in z ip ie lle N a c h te il des
V erfahrens w ird a b er zum T e il w ohl dadurch a u fg e w o g e n , daß es sich bei den A n tw o rte n
um Äußerungen sp rach lich besonders sensib ler und k ritisc h er Menschen handelt, d ie ihre
Meinung auch bei anderen G ele g en h e ite n v e r tr e te n und so m it d ie M einungsbildung andere r Menschen beeinflussen.
D a m it w ill ich das Ergebnis d e r U m fra g e n ich t doch noch als irg en d w ie rep rä se n ta tive n
M einungsquerschnitt durch d ie G esam tb evölk eru n g deu ten . Es b ie te t le d ig lic h ein quant ifiz ie r t e s Spektrum von M einungen und E instellungen zu Sprachveränderung und Sprachgebrauch, w ie sie d e r z e it von en tschieden u rteilen den und m einungsbildenden M itbü rgern
v e r tr e te n w erden. Ü b er den A n te il d ie se r Personengruppe an der G esam tb evölk eru n g
sa g t s ie nichts V erlä ß lich es aus.
Für das Vorhaben konnten z w e i R e d a k teu re
4
der beiden g röß ten Z eitu n gen der hiesigen
R egion gew onnen w erden . D iese Z eitu n gen , d e r M annheim er M orgen (M M ) und d ie R h ein N e c k a r-Z e itu n g (R N Z ), H eid elb erg , haben e in e A u fla g e von j e rund 100 000. Ihre V e rb re itu n g sg eb iete überlappen sich zum T e il, ln k le in reg io n a len Teilau sgaben erscheinen
286
sie auch außerhalb d e r beiden S tä d te in m ittle re n und klein eren O rts ch a ften der w e ite re n U m gebung.
D ie A n tw o r tb e r e its c h a ft der L es e r sc h ä tz te n d ie Jou rnalisten nicht besonders hoch ein.
Um ein m öglich st gü n stiges A n tw o r tv e r h a lte n zu erreic h en , w urde d ie U m fr a g e in b e iden Z eitu n gen e in ig e T a g e v o r W eihnachten 1985 v e r ö ffe n t lic h t und fü r d ie B eantw ortu n g
Z e it bis ins N eu e Jahr gelassen . Insgesam t tra fe n 673 A n tw o rte n ein (M M 399, R N Z 274),
außerdem e in ig e B r ie fe , d ie a u f den F ra g eb og en keinen B ezu g nehm en. 29 A n tw o rten
stam m en nich t aus d e r R e g io n . Es g ib t e in ze ln e Häufungen: In ein ige n F ällen wurden
F ra g eb ög en von m ehreren F a m ilie n m itg lie d e rn , A n g eh ö rig en ein es B etrieb s od er ein er
V e rw a ltu n g sstelle b e a n tw o r te t, k ein esw eg s a b er im m er e in h eitlich .
D ie beiden T extfa ssu n gen d e r U m fr a g e sind im A nhang (S. 314 f f . ) w ie d e rg e g e b e n . Sie sind
als K om prom iß aus m einem E n tw u rf entstanden und dem , w as den R ed a k teu ren als zum utbar fü r d ie L es er ersch ien . D ie F r a g e b o g e n te ile stim m en ü berein. M ein E n tw u rf für
den erlä u tern d en K o n te x t w urde von den R eda ktion en u n tersch ied lich b e a r b e ite t. In
ein er V ersion (M M ) fe h lt le id e r d ie B itte an d ie L es er, ihren B eru f und ihr A lt e r a n zu g eben. Da d iese B itte auch in den Z u s ch rifte n a u f d ie a n d ere Fassung nicht im m er b e a c h tet
w orden ist, lassen sich d ie A n tw o r te n nur zum T e il a u f A lt e r und B eru f d e r B e te ilig te n
b e zieh en . Eine Ü bersich t über d ie a n gegeb en en und ersch ließ ba ren Person a ld a ten b ie te t
d ie T a b e lle (1).
U n ter den angegeb enen B eru fen ü b erw iegen d ie m it Hochschulausbildung. D ie L eh rer der
v e rsch ied en en Schularten bild en z w a r d ie g rö ß te Gruppe, in sgesa m t a b er nur e tw a ein
V ie r t e l d e r T e ilp op u la tion m it B eru fsangaben. D er D u rchschnitt aus den A ltersan ga b en
b e tr ä g t 53 Jahre. D er M ed ia n w ert lie g t e tw a s darüber; s o w e it das A lt e r an gegeb en wurde, w ar d ie H ä lfte der B e te ilig te n 55 Jahre und ä lte r .
Von den vorhandenen A n gab en lä ß t sich natü rlich n ich t a u f A lt e r , G es ch le ch t und B eru f
d er anderen B e te ilig te n schließ en. Um das Fehlen so lch er D a ten w en igsten s t e ilw e is e zu
n e u tra lis ieren , wurde d ie A n tw o r tv e r te ilu n g zu ein igen F ragen g etre n n t nach A n tw o rten
m it und ohne Personalangab en b e re c h n e t. D abei erga b en sich kein e w esen tlich e n A b w eich ungen. Von den sta tis tis ch e n E in zelergebn issen w e rd e ich a b er im fo lge n d e n nur
5
d ie besonders b e m erk en sw erten erw ähnen.
287
T a b e lle (1 ): Person a ld a ten der B e te ilig te n
G es ch le ch t an gegeb en
Männer
Frauen
A lt e r
an gegeb en
0 A lt e r (z w . 18 u. 87 J. )
:
432 (ohne A n g a b e: 238)
:
:
271 = 62,3%
164 = 37,7%
:
256 (ohne A n g a b e: 417)
:
53,0 Jahre,
A lt e r u. G esch l. angeg.
:
0 A lt e r Frauen (aus 96)
:
51,6 Jahre
0 A lt e r Männer (aus 157)
:
53,7 Jahre
B eru f
:
an gegeb en
M edian: 55,0
253
312 (ohne A n g a b e: 361)
h ä u fig e B eru fe:
L eh re r (ve rsch . S chularten)
G y m n asialleh rer
D ip l.-In g en ieu r
Kaufm ann, kau fm . A n g est.
B e a m te r
A r z t , Z ah n arzt
D r. (ohne A n g a b e)
Hausfrau
Student
H ochschu llehrer (ohne sprachl. F ä c h er)
D ipl.B etriebsw ./V olksw ./-K au fm a n n
A n g e s t e llt e r
Soldat
T ech n ik er, H andw erker
Jurist (A n w a lt, R ic h te r )
V e rla g s le k to r
Journalist
Sek retärin
47
0Ji z u s . 67
2
24
19
18
15
15
14
14
11
8
8
8
8
8
7
6
6
256
an dere B e r u fe :
56
zus.
312
Eine Bum erangw irkung h a tte d ie in beiden Versionen d e r U m fr a g e en th a lten e B itte , d ie
A n tw o rte n m öglich st auch zu erlä u tern . N eben den F ra g eb ö g en m it S tic h w o rte in tra gungen und Randglossen w aren m ehr als der H ä lft e d e r Z u s ch rifte n K o m m e n ta re b e ig e ß
fü g t, o f t m eh rere S eiten . Hinzu kom m en hä u fig noch g lo s s ie r te Z eitu n gsau ssch n itte und
zum T e il re c h t u m fan greich e B eis p iellis te n , m eis t 'F eh lersam m lu n gen '.
D ie K o m m e n ta re und B eis p iellis te n v o r a llem zu den o ffe n e n F ragen sind zum T e il
lin gu istisch in teres sa n ter als d ie E in tragu ngen im F ra g eb o g en . Ich w erd e d ie h ä u figeren
K o m m e n ta re je w e ils zusam m enfassen und durch e in ze ln e Z it a t e illu strie ren .
3.
F ra g en und A n tw o rten
A u f d ie ein zeln en F ragen b e z ie h e ich m ich m it den im F ra g eb o g en v e rw e n d e te n O rdn u n g sziffern und K leinbu ch staben. W ie es zu der A lte r n a t iv fr a g e 1 nach d e r Einschätzung
der g e n e re lle n Sp rach entw icklu ng und zu den Fragen 2 a ) bis f ) gek om m en ist, wurde
schon e r lä u te r t. D ie T e ilfr a g e 2 g ) ist e in e o f fe n e F ra g e, m it d e r ohne B ezu g a u f d ie aus
den Z eitu n gen entnom m enen E in zelth em en w e it e r e a ls beden klich angesehen e E rscheinungen des Sprachgebrauchs e r m it t e lt w erden so llte n .
O ffe n ist auch d ie F ra g e 3, m it d e r im U n tersch ied zu den vorau sgehenden F ragen die
M ö g lic h k e it g eb o te n w urde, p o s itiv b e w e r te te Sprach veränderun gen anzu geb en. D ie eb en fa lls o f fe n e F ra g e 4 s o llte zur A n g ab e von Maßnahmen fü hren, d ie d ie B e te ilig te n als
K onsequ en z aus ihrer K r itik vo rsch la gen od er fo rd ern .
D ie F ra g e 5 w urde n ich t durch d ie Z e itu n g s te x te a n g e r e g t. Zu diesem Th em a gab es
in den Z eitu n gen nur w en ig . D ie F ra g e w urde au fgen om m en , w e il sich e in e B ew ertu ng
von Sp rach entw icklu ng und Sprach gebrauch auch m it Erscheinungen d e r D ig loss ie ausein a n d erse tzen m üßte. A u ßerdem s o llte d ie se F ra g e ein z u s ä tz lic h e r A n r e iz fü r Sprachin te r e s s ie rte in d e r R e g io n sein, sich überhaupt m it dem F ra g eb o g en zu befassen.
Nun zu den A n tw o rte n . Eine R o h s ta tis tik m it den A n tw o r tv e r te ilu n g e n zu den e in z e lnen F ragen b ie te n d ie T a b e lle n (2 ) und (3).
289
T a b e lle (2 )
A n tw o rte n
F ra g e 1.:
(673 = 10096 )
a ) zum Schlechten
b) kein e Sorge
a/b,keine A n tw .'
abs.
abs.
%
abs.
%
%
zus.
563
8 3 ,7
84
1 2 ,5
26
3 ,9
MM
336
84 ,2
47
11 ,8
16
4 ,0
RNZ
227
8 2 ,8
37
13 ,5
10
3 ,6
T a b e lle (3)
A n tw o rte n (673 = 100%)
nein
ja
F ragen :
abs.
%
abs.
%
kein e A n tw .
w eiß nicht o.a.
abs.
%
2a
596
8 8 ,6
51
7 ,6
26
3 ,9
2b
575
85 ,4
60
8 ,9
38
5 ,6
2c
633
94,1
14
2,1
26
3 ,9
2d
600
8 9 ,2
52
7 ,7
21
3 ,1
2e
523
7 7 ,7
126
18 ,7
24
3 ,6
2t
561
8 3 ,4
67
1 0 ,0
45
6 ,7
2g
503
7 4 ,7
83
1 2 ,3
87
12 ,9
3
148
2 2 ,0
451
6 7 ,0
74
11 ,0
4
554
82 ,3
77
1 1 ,4
42
6 ,2
432
6 4 ,2
184
27,3
57
8 ,5
i
290
3.1
D ie F ra g e nach d e r B ew ertu n g d e r a llg e m ein e n S p rach en tw icklu n g
Daß d ie d e r z e it ig e a llg e m e in e S p ra ch en tw icklu n g von d e r M eh rza h l a lle r B e te ilig te n neg a t iv b e w e r te t w ird , ist kein e Ü berraschung. In so w eit b e s tä tig t das Ergebnis d e r U m fr a g e den aus den Z eitu n gs te x ten gew on n en en Eindruck, daß d ie B efürch tu ngen ein es g e n e re llen S p ra ch verfa lls bei sp ra c h in teres sierten M itbü rgern im m er noch, v ie lle ic h t auch
w ie d e r ein m a l sehr v e r b r e it e t ist.
Ü berra sch t hat m ich a b er d e r sehr hohe P r o z e n ts a tz d e r Zustim m ungen zur A lte r n a t iv e
a ) d e r ersten F ra g e. Von a lle n A n tw o rte n sind es 83,7% . Z w isch en den nach den beiden
Zeitu n gen g e b ild e te n T eilp op u la tion en b esteh t in der M ein u n gsverteilu n g nur ein e D i f f e re n z von 1,4% (M M 84,2% , R N Z 82 ,8 % ). U n ter den M erkm alen A lt e r , G es ch le ch t und
B eru f, s o w e it a n gegeb en , ist fü r d ie A r t d e r A n tw o r t nur das A lt e r sig n ifik a n t. Das
du rch sch n ittlich e A lt e r d e rjen ig en , d ie e in e S p ra ch en tw icklu n g zum S ch lech ten annehmen,
7
ist 54,9 Jahre, das der 'S orglosen ' 44,7 Jahre.
D ies g ilt im übrigen m it kleinen Schwankungen auch fü r d ie a lte rs s p e z ifis c h e A n tw o r tv e r te ilu n g bei den F ragen 2a) bis 2c) und zu 2g). Das A lt e r d e rjen ig en , d ie den an geb otenen n e g a tiv e n Meinungen über den d e r z e itig e n Sprach gebrauch zu stim m en , lie g t im
D u rchschnitt rund zehn Jahre höher als das d e r anderen B e te ilig te n .
M o tiv e und A nlässe fü r d ie n e g a tiv e B ew ertu n g der S p ra ch en tw icklu n g w erden im e in z e lnen aus den K om m en ta ren zu den A n tw o r te n a u f d ie T e ilfr a g e n 2a) bis 2g) d e u tlich . Sow e it es a llg e m e in e E rläuteru ngen zur A n tw o r t l a ) g ib t, w erden fü r den angenom m enen
N ie d e rg a n g des D eutschen w ie d e rh o lt fo lg e n d e Gründe genannt:
- d ie n e g a tiv e E n tw icklung d e r G e s e lls c h a ft: "D ie Sprache e n tw ic k e lt sich zum Schlechten w ie d ie G e s e lls c h a ft"
- d ie zunehm ende "A m erik a n is ieru n g " d e r Bundesrepublik: " ... der S og d e r a m erik a n ischen Führungsm acht"
- d e r "M a n g el an sta a tlich e m B ew u ß tsein " s e it dem K rie gs en d e
- d ie sp rach lich e Beherrschung der A llta g s w e lt durch d ie "visu elle n M ed ien "
- das "Sprachu nverm ögen d e r Ju gend", unter anderem b ed in gt durch "sch lech ten D eu tschu n te rric h t”
- d ie a llg e m e in e "V ern ach lässigu n g der R e ch tsch reib u n g"
- d e r M angel an guten sp rach lich en V orbild ern b zw . d ie O rien tieru n g des S p rach gebrauchs "an fa lsch en V o rb ild ern "
291
Ein 4 5 -jä h rig e r L e h re r fo rm u lie r t das so:
"Sprache ist kein N atu rprodu kt, e n tw ic k e lt sich also im m er
zum S ch lech ten , wenn nicht sorgsam au sgew ä h lt w ird aus dem ,
was so von g an z a lle in e sich ein sch leich t, und dem , w as L it e r a ten und a n dere G e is te s s c h a ffe n d e z u ta g e fö rd e rn . Im A u gen b lick
geb en n ich t d ie G e is te sw iss en s ch a ftler, sondern d ie G e s c h ä fts le u te und R e k la m em a c h er den Ton a n ." (N r . 612) 8
B em erk en sw ert ist d ie Einschätzu ng der R ech tsch reib u n g a ls B ereich , an dem sich
S p ra ch verfa ll besonders d eu tlich erkennen lasse. Zu b each ten ist, daß d ie R e c h ts c h re ibung im F rageb ogen n irgen d w o erw äh n t ist. Sie w ird ab er auch in K om m en ta ren zu anderen F ragen , besonders zu 2 c ), 2g) und 4 , h ä u fig erw äh n t.
Insgesam t nur 16,2% der B e te ilig te n en tsch ieden sich fü r d ie A lte r n a t iv e l b ) o d er b e a n tw o rte te n d ie F ra g e nich t en tsprechend d e r vo rg e g e b e n en E n tsch eidu n gsm öglich k eit. Für
12,5% b ie te t d ie S p rach en tw icklu n g keinen Anlaß zur S o rg e. 3,7% lassen d ie F ra g e unbea n tw o r te t und w eisen o f t ausdrücklich da ra u f hin, daß d ie F ra g e fa lsc h o d er zu a llg e m e in
g e s te llt sei und sich nur d if fe r e n z ie r t b e a n tw o rte n lasse.
E in ige typ isc h e B eis p iele fü r Erläuteru ngen zu den A n tw o r te n l b ) sind:
"W ie d ie Z e ite n sich w andeln, u n te rlie g t auch d ie Sprache Wandlungen. Man sp rich t ja h eu te auch n ich t m eh r M ittelh och d eu tsch .
Und d ie E ltern sp rich t man auch nicht m ehr m it 'S ie' an, w ie es
zum T e il unsere G ro ß e lte rn noch ta t e n ." (H au sfrau , 54 J., N r. 221)
"D ie S ch lu d rigk eit im G ebrauch d e r Sprache ... m ag hä u fig e r schrecken d w irk en ... [A b e r ] Eine leb en d e Sprach e v e r m a g sich zu
w ehren. Ich h a lte unsere Sprache im g e g e n w ä r tig e n Z eitrau m fü r
q u ic k leb en d ig ." ( O f f iz ie r , 65 J., N r. 182)
"... K r itik an d e r Sprache [is t ] fa lsc h . S c h ließ lich w ird niem and
ein K ü ch enm esser k ritis ie re n , nur w e il G e w a ltta te n m it ihm m öglic h sind. K r itik an der Sprache ist im Kern v e r s te c k te K r itik an
den U m ständen, d ie zu d ie s e r s p e z ie lle n Sprachausprägung g e fü hrt haben." (D ip l.-V o lk s w ., 38 J., N r. 223)
W ie e in ig e d e r E rläuteru ngen zu den A n tw o rte n l a ) ein "ja , a b e r " en th a lten , g ib t es auch
ein ze ln e Einschränkungen zu lb ), z.B .:
"D ie F orm u lieru n g 'b ie te t keinen Anlaß zur S o rg e', ersch ein t m ir
unzureichend, da sie als A lte r n a t iv e zu 'v e rä n d e rt sich zum S ch lech ten ' a n geb o ten w ird . T a tsä ch lic h kann auch e in e Sprache, d ie sich
n ich t zum S ch lech ten ve rä n d ert, A nlaß zur S o rg e g e b e n ." (o .A .,
N r. 189)
D ie w en igen Enthaltungen und S ow o h l-a ls-a u ch -A n tw o rten a u f d ie F ra g e 1 w erden re c h t
u n tersch iedlich begrü nd et, v e r e in z e lt auch m it K r itik an d e r F ra g es te llu n g. H ierzu v ie r
Z ita t e :
292
"E s g ib t so v ie le T e n den zen , daß ein e a llg e m e in e B ew ertu n g
m ir s c h w e r fä llt." (o .A ., N r. 195)
"M an kann z w a r e in e Veränderung zum S ch lech ten f e s t s t e llen , a llerd in g s b ie te t d ie E n tw icklung m ein er Meinung nach
- d e r z e it - noch keinen A nlaß zur S o rg e ." (o .A ., N r. 145)
" ... ein deu tsch er Sprach freu nd o d er g ar S p ra ch forsch er d u rfte
zur Z e it w en ig Anlaß zum Jubeln haben. D och K u ltu rpessim ismus ist fa s t so a lt w ie d ie K u ltu r. ... Ich b rin ge es a lso nicht
über m ich, a ) od er b) a n zu k reu zen ." (G rap h iker, 64 J., N r. 167)
"Ich kann m it d e r F ra g e nich ts a n fa n gen , da 'd ie deutsche
Sprache' ein e A b stra k tio n ist ... Änderungen des S p ra ch verhaltens z e ig e n ... Änderungen des so zio k u ltu re llen U m fe ld e s
an. Im übrigen bin ich sic h er, daß sich in der Bundesrepublik
noch n ie so v ie le M enschen so d iffe r e n z ie r t ausdrücken konnten w ie h e u te." (G y m n a s ia lle h rer, 62 J., N r. 200)
D ie K r itik an d e r A lte r n a t iv fr a g e 1 und d ie J a -a b e r-A n tw o rte n zu l a ) und l b ) lassen v e r m uten, daß d e r P r o z e n ts a tz d e r n e g a tiv e n B ew ertu ngen d e r a llg e m ein e n S p ra ch en tw ick lung v ie lle ic h t nicht ga n z so hoch a u s g e fa llen w äre, wenn d e r F ra g eb og en ein e d r it te
En tsch eidu n gsm öglich k eit ausdrücklich an geb o ten h ä tte w ie z.B . "D as kann man nicht
a llg e m e in b e u rte ile n " o d er "D ie S p rach en tw icklu n g insgesam t lä ß t sich nicht b e w e rte n ".
D ies könnte a ber nur ein w e it e r e r Versuch b e stä tig en .
3.2
F ragen nach der B ew ertu n g des Sprachgebrauchs
Aus der T a b e lle (3 ) ist zu ersehen, daß d ie A n za h l d e r Zustim m ungen zu den v o rg e s te llte n
kritisch en Äußerungen 2a) bis 2d) noch größ er ist als zu der V erfa lls m e in u n g l a ) . D er
Grund ist n atü rlich, daß auch d ie B e te ilig te n , d ie keinen g e n e re lle n S p ra ch verfa ll b efü rch ten , w en igsten s ein em T e il d ie se r A n sich ten zu stim m en . Da d ie sta tistisch en K o rr e la tio n en darüber hinaus kein e w e ite r e n Schlüsse n a h elegen , beschränke ich m ich darau f,
je w e ils d ie Begründungen zusam m enzu fassen, d ie besonders h ä u fig fü r d ie A r t d e r A n tw orten a u f d ie T e ilfr a g e n von 2 g eg eb en w orden sind.
3.2.1
D ie F ra g e nach d e r A u sd ru ck sfä h igk eit d e r Jugendlichen
Zunächst zur F ra g e 2a), m it d e r zu e in er B ew ertu n g d e r Annahm e a u fg e fo r d e r t wurde,
daß d ie m ündliche und s c h r iftlic h e A u sd ru ck sfä h igk eit abgenom m en habe, und z w a r vo r
a llem bei Ju gendlichen. D ie zustim m enden A n tw o rten w erden nicht o f t k o m m e n tie rt. D ie
h ä u fig ste A nm erku ng ist "n ich t nur bei Ju gen dlich en " (2 0 -m a l). M e h rere M ale w ird auch
m o n ie rt, daß Ju gendliche h e u tzu ta g e w en ig er lesen und B r ie fe sch reib en , d afü r a b er umso
m ehr fern seh en und te le fo n ie re n . Ihre A usdrucksw eise w ird als "S p rech b la sen "- od er " C o m ic-S p ra c h e" b e ze ic h n e t, a ls "s c h le c h te r" o d er "v u lg ä re r Ja rgon ". Ihnen w erden unter anderem R e ch tsch reib sch w ä ch en und m an gelndes T e x tvers tä n d n is v o rg e w o r fe n und, daß sie
sich auch mündlich zu sehr in K lis ch e es und V erlegen h eitsau sd rü ck en äußern.
293
W ied erh o lt w ird a b er a n g em erk t, daran seien nich t d ie Ju gendlichen schuld, sondern das
Fernsehen und d ie W erbung od er g e n e r e ll der n ach lässige Sprachgebrauch v ie le r E rw ach sener. E in ige M ale w ird auch der Schule d ie Schuld g eg eb en : D ie hä u fige V erw endung von
A u fg a b e n b lä tte rn , d ie nur anzu kreuzen sind, habe d ie A u sd ru ck sfä h igk eit der Schüler zu
w en ig e n tw ic k e lt. In den nich tsprach lich en F ächern w erd e den sprachlichen Leistu n gen zu
w en ig B eachtung g eg eb en , ln ein ze ln en F ällen w ird d ie zu stim m en d e A n tw o r t auch e in g e schränkt durch B em erkungen w ie "n ich t g e n e r e ll", "ab h än gig vom B ildu ngsgrad" o d e r "je
nach Schulart versch ied e n ".
D er A n sich t m eh rerer L eh re r, d ie s c h r iftlic h e A u sd ru ck sfä h igk eit der heu tigen Schüler sei
g e r in g e r als frü h er, steh t unter den w en igen ablehnenden A n tw o rte n d ie Meinung ein es
G ym n asialleh rers en tg e g e n :
"E in d eu tig nein! Das A b itu r in D eutsch 1985 z e ig t im V erg leic h
zu dem von 1962 bei v e r g le ic h b a r e r s o z ia le r H erk u n ft d e r A b itu rien ten nach m ein er Erfahrung keinen 'S p ra c h v e rfa ll', obw oh l
der A n te il d e r A b itu rien te n am je w e ilig e n Jahrgang sich in d ie sem Z eitrau m m ehr a ls v e rd o p p e lt h a t." (62 J ., N r. 200)
A n d e re n e g a tiv e A n tw o r te n w erden d am it e r lä u te r t, daß es a lte rs s p e z ifis c h e sp rach lich e
B esonderheiten auch frü h er schon bei Ju gendlichen g eg eb en habe. Daß e r d ie F ra g e
o ffe n lä ß t, begrü nd et ein B e t e ilig t e r m it d e r B em erkung: "D as le g t sich m it dem A lt e r ,
dann w erden a n dere U narten a n gen om m en ." (o .A ., N r. 177)
W e ite re H inw eise a u f ju gen dsprach lich e Erscheinungen w erden auch in K o m m en ta ren zu
den A n tw o rte n a u f d ie F ragen 2g) und 3 g eg eb en .
3.2.2
D ie F ra g e nach den sprachlichen U m ga n gsform en
D ie A n tw o rte n a u f d ie T e ilfr a g e 2b) nach dem "Sinn fü r sp rach lich e U m g a n g sfo rm e n " w a ren w en ig er e r g ie b ig a ls d ie zu ein igen anderen F rag en . D er hohe P r o z e n ts a tz d e r Zustim m ungen (85 ,5 % ) z e ig t zw a r, daß den a lle r m e is te n B e te ilig te n d ie B eachtu ng konve n tio n e lle r Form en des sp rachlichen M itein an d eru m geh en s w ic h tig ist. Da es a b er zu
den A n tw o rte n v e r g le ic h s w e is e w en ig e E rläuteru ngen g ib t, lä ß t sich nur sch w er e r schließ en, was d e r z e it a lle s an A bw eich u n gen von a ngem essen en sp rachlichen U m gan gsfo rm e n b e tr a c h te t w ird . A ls M erk m ale w erden le d ig lic h "k u rz angebundener u nfreu nd lich er S til", "rü der T o n ", d e r G ebrau ch von "F ä kalau sdrü cken " und von "am erik an isch em
Slang" genannt. D ie h äu figsten K o m m e n ta re sind "D as w ar schon im m er so ", "D iesen Sinn
hatten d ie m eisten M enschen noch n ie " (zus. e lfm a l) o d er Einschränkungen w ie " v ie le s
ist ü b ertrieb en ".
294
D ie m an gelnde B eachtung sp rach lich er U m ga n gsform en w ird unter anderem zu rü ck g efü h rt a u f das Elternhaus, d ie Schule, das gesprächsbehin dern de F ernsehen, d ie H ek tik im
b e ru flich e n A llt a g und d ie H erstellu n g von B rie fe n m it T e x ta u to m a te n .
In e in ze ln en K o m m en ta ren zu den ablehnenden A n tw o rte n w ird d ie abnehm ende V erw en dung von H ö flic h k e its flo s k e ln begrü ßt, o d er es w ird d ie V era llg em ein e ru n g ein gesch rän k t,
z .B . durch "n ich t bei m einen B ekann ten". In w en igen F ällen (fü n fm a l) w ird d ie F ra g e ausd rü ck lich a ls unklar o d er fa lsc h g e s te llt zu rü ck gew iesen .
3.2.3
D ie F ra g e nach den g ram m atisch en A bw eich u n gen
E rtra g re ic h e r w ar d ie 'g ra m m a tis ch e ' F ra g e 2c). D ie A u ffa ssu n g, daß b e s tim m te Sprachreg eln von v ie le n Menschen nicht m ehr b e a c h te t w erden , fand d ie stä rk ste Zustim m ung
(9 4 % ). V ie le A nm erkungen und B eis p iele , d ie hier ein zu ordnen w ären , fin den sich auch in
den k o m m e n tie rte n A n tw o rte n a u f d ie o f fe n e F ra g e 2g).
D ie in den K om m en ta ren h ä u fig er erw äh n ten o d er durch B eis p iele e rlä u te r te n E rscheinungen sind d u rch w eg a lt e B ekannte. Daß G e n itiv und K on ju n ktiv besonders o f t genannt
sind, o f t nur durch U n terstreich u n gen im F rag eb og en , lie g t w ohl schon daran, daß s ie als
B eis p iele m it der F ra g e an geb o ten w urden. B em ä n gelt w ird w ie schon s e it langem in der
praktisch en Sp rach kritik , daß a n s te lle von G en itiv a ttrib u te n h ä u fig so lch e m it vo n g e braucht w erden, daß in Ausdrücken w ie in den Sälen des M a n n h e im e r R o s e n g a rte n das G e n it iv - S u ffix fe h lt , außerdem - n ich t ü berraschend - d e r G ebrau ch von w egen und t r o t z m it
D a tiv s t a tt G e n itiv . Nur ein m a l w ird u m gekeh rt d ie V erw endun g von t r o t z m it G e n itiv
s t a tt m it D a tiv g e rü g t, w as eb e n fa lls n ich t a b w e g ig ist.
B e v o r z u g te K ritik p u n k te beim K on ju n ktiv sind - auch nich t ü berraschend - sein e V e r m e idung in in d ire k ter R e d e w ie d e rg a b e und d ie h ä u fig e Verw endung von w ü rd e-P erip h rasen .
N eben e in e r R e ih e v e r s c h ie d e n a rtig e r B esonderheiten des d e r z e itig e n Sprachgebrauchs,
d ie je w e ils nur ein - o d er z w e im a l erw äh n t sind, w erden noch fo lg e n d e Erscheinungen
m eh re re M ale als ä rg e rlic h o d er g a r a ls V erfa lls s y m p to m e b e tr a c h te t:
- d ie V e rg leic h sp a rtik e ln w ie und als z.B . in g rö ß e r w ie und so g ro ß als
- d ie W ortstellu n g nach w e il ohne E ndstellung des fin ite n Verbs
- d ie V erw endung von t r o tz d e m a n s te lle von obw oh l a ls Konjunktion
- n a ch d em a n stelle von w e il als Konjunktion von K a u sa lsä tzen
- b rau ch en m it In fin itiv ohne zu
- Präsens in S ä tzen m it Z ukun fts- o d er V erg a n g en h e its b e zu g
295
- das Plu sq u am p erfek t ohne d ie Bedeutung 'V o rv e rg a n g e n h e it' in S ä tzen w ie Ic h w a r d o rt
gew esen
- sein s ta tt haben beim P e r fe k t von Verben w ie s teh e n und lie g e n
- wo als R e la tivu m z.B . in d ie L e u te , wo
- Ellipsen ohne fin ite s V erb in g esch rieb en en T e x te n .
Nur in ein ze ln en Erläuteru ngen w erden b e s tim m te g ra m m a tisc h e Erscheinungen (sein
s ta tt haben, a n ru fe n m it D a tiv -O b je k t, b ra u ch te s t a tt b ra u ch te o d er auch der sog. 'B adische A k k u sa tiv') z u tr e ffe n d a u f m u n dartlich e E in flü sse zu rü ck gefü h rt.
Sehr o f t w erden auch hier A bw eich ungen von den g e lte n d e n N orm en fü r d ie G roß - und
K leinschreibung, d ie Z eic h en s etzu n g und d ie W orttrennu ng am Z eile n en d e b e m ä n g e lt. D ie
o f t so genannte "C o m p u ter-T ren n u n g " in Z eitu n gen und anderen g ed ru ck ten T e x te n w ird
hier und noch h ä u fig er in den K om m en ta ren zur F r a g e 2g) als besonders ä rg e rlic h erw äh nt.
Wo d ie übrigen 'M ä n ge l' zu b eobach ten sind, ist nur se lte n a n gegeb en . N ur e in ig e M ale
w ird a u f den Sprachgebrauch von ein zeln en P o litik e rn , von Jugendlichen und in den M edien hin gew iesen und der 'la s c h e " G ra m m a tik - und R e ch tsc h reib u n terrich t in een Schulen
k r itis ie rt. In ein igen Z u s ch rifte n w erden deshalb d ie neuen R ic h tlin ien e in ze ln e r Bundesländer fü r das Fach D eutsch begrü ßt, nach denen n o r m g e re c h te r Sprachgebrauch w ied e r
m ehr geü bt und b e w e r te t w erden soll.
A n d e re rseits w erden a b er n ich t nur ableh nende, sondern auch e in ig e zu stim m en d e A n t w orten k o m m e n tie rt m it B em erkungen w ie "D as w ar schon im m er so " o d er "D as ist nich t
w e ite r sch lim m " (zus. neunm al); z .B .:
"D e r G ebrau ch von K on ju n ktiv, G e n itiv und anderen sprachlichen
F ein h eiten w ar w ohl schon im m er ein P r iv ile g d e r 'g e b ild e te n
Stände', in sofern hat sich ku rz- w ie la n g fr is t ig nicht v ie l g e ä n d e rt."
(o .A ., N r. 144)
3.2.4
D ie F a ch sp rach en frag e
Zu d e r Meinung 2d), daß sich F a c h leu te g egen ü b er Laien o f t u nverständlich ausdrücken,
g ib t es nahezu ebenso v ie le Zustim m ungen w ie zu d e r vorh ergeh en den F ra g e (8 9 ,2 % ). In
den m eisten E rläuteru ngen w erden F ach leu ten sp rach lich es "Im p on ierg eh a b e", "S elb std a rstellu n g", "V ortäuschu ng von Wissen und M a ch t", "B e q u e m lic h k e it" o d er das Bemühen
um s o zia le "A b g re n zu n g " v o rg e w o r fe n .
"F a ch leu te , d ie m it Laien F achch inesisch red en , sind sp rachliche
U ngeheuer, A n g eb e r, B esserw isser und v ö llig u n g eeig n e te G esprächspartner ..." (R e c h ts a n w a lt, o. A lte r a n g ., N r. 138)
296
D ie Zustim m ung w ird ab er m anchm al auch ein gesch rän k t a u f "a n g e b lich e F a c h le u te " od er
" fa c h lic h e F lasch en ". W en iger h art w ird g e u r te ilt m it H inw eisen, daß F a c h leu te o f t aus
"G ed a n k en lo s ig k eit" o d er " H ilflo s ig k e it " d ie V e rs te h en s fä h ig k e it von Laien fa lsc h ein sc h ä tzen ; z.B .
"zum T e il aus H ilflo s ig k e it. Manchen m erk t man an, daß s ie in
einem S p ra ch -G h etto leb en (z .B . in m anchen U n iv.-F a k u ltä te n )". (o .A ., N r. 142)
F ast ebenso h ä u fig w ie d ie V o rw ü rfe sind Einschränkungen, daß sich je nach dem fa c h lichen G egenstan d und d e r A r t des Laienpublikum s L eic h tv e rs tä n d lic h k e it nicht im m er e r r eich en lasse.
" H ie r lie g t es w ohl w e n ig e r an d e r Sprache a ls am Z u h örer.
Bei k o m p lizie rte n Zusam m enhängen d e r T ech n ik und d e r G e istesw issen sch aften müssen vom L e s e r o d er Z u h örer gew iss e
'T erm in i T e c h n ic i' v o ra u s g e s e tzt w erden, d ie ... n ich t m ehr
durch e in fa c h s te sp rach lich e M it t e l e r k lä r t w erden können."
(D ip l.-In g ., 46 J., N r. 129)
In ein ze ln en A nm erkungen w ird d ie u nverständ liche A usdru cksw eise von F ach leu ten nich t
als z e itty p is c h angesehen: "D as ist n ich t neu", "D as w ar schon im m e r so", "D as ist d eu tsche T ra d itio n ".
Eine der w enigen ablehnenden A n tw o rte n hat den K o m m e n ta r:
"Im a llge m ein e n fin d e ich , daß d ie m eisten F a c h leu te sich
v erstän d lich ausdrücken. Man kann nicht e rw a rte n , daß sie
den La ien auch noch das Basiswissen d e r A llge m ein b ild u n g
v e r m itte ln (o d er von Fächern, d ie in d e r Schule a b g ew ä h lt
w erd e n )." (S e k retä rin , 63 J., N r. 636)
A ls M erk m ale s c h w erve rs tä n d lich e r F achsprache w erden w ie d e rh o lt "la n g e , k o m p lizie r te
S ä tz e ", der G ebrauch von "F a c h w ö r te r n ", "F r e m d w ö rte r n " und von Abkürzungen g e nannt.
S o fern n ich t g e n e r e ll von "F a c h id io te n " und "F a ch ch in e sis ch " d ie R e d e ist, w erden als
B eis p iele von fa ch lich e m Sprachgebrauch w ie d e rh o lt genannt: "M ed izin erd e u tsc h ", " P a r teich in es isch ", " P o lit ik e r - und P o lito lo g e n s p ra c h e ", "S o z io lo g en d eu ts ch ", d ie Sprache der
Techn ik, besonders d e r C om pu terin du strie, d ie Sprache d e r Ju risten und d e r Behörden.
Vom "A m tsd e u tsc h " heißt es a ber auch, es sei "s e it K a ise rs Z e it e n " o d er "in l e t z t e r
Z e it " e tw a s ve rstä n d lich e r gew ord e n . A ls sch w er v e rstä n d lich e T e x ts o rte n w erden u.a.
B e ip a c k z e tte l fü r M ed ik am en te, G ebrauchsanw eisungen, B eh ö rd en form u la re und w issens c h a ftlic h e V o rträ g e erw äh n t. A ls B eis p iel fü r fa ch sp ra ch lic h e U n ve rs tä n d lich k eit wird
z w e im a l auch d ie A usdru cksw eise " v o r a llem von L in g u isten " genannt. (o .A ., N r. 451/452)
297
3.2.5
D ie F r e m d w o r tfr a g e
Zur F ra g e l e ) , ob in sgesam t z u v ie le F re m d w ö rte r geb ra u ch t w erden , ist d ie A n za h l der
zustim m enden A n tw o rte n nicht ga n z so groß w ie bei den vora n gega n gen en Fragen
(77 ,7 % ). D ies lie g t , w ie sich aus ein em T e il d e r K o m m e n ta re e r g ib t, v o r allem an der V e ra llge m ein e ru n g "in sg es a m t". A n d e re rs e its sind d ie zu stim m enden A n tw o rte n m eh re re M ale durch U n terstreich u n gen , A u s ru fe ze ich e n od er durch "3 x " o d er "1000 x j a " a ls besond ers nachdrücklich gek en n zeic h n e t.
Ä hnlich w ie bei ein em T e il d e r K o m m e n ta re zu der F ac h sp ra c h en fra g e w ird d e r G ebrauch
von F rem d w ö rte rn u.a. als Z eic h en von "P r e s tig e s u c h t", " A n g e b e r e i", als Bem ühen, "Ü b e r le g e n h e it vorzu tä u sch en " o d er "in " zu sein, g e d e u te t. V or a llem an den M edien, d e r W erbung, P o litik e rre d e n und T e x te n von F ach leu ten w ird ein ü b ertrieb e n er G ebrau ch von
F rem d w örtern b e m ä n g e lt.
"W enn nur d e r d ie R ed n er (und S c h reib e r) in Rundfunk, F ern sehen und Z eitu n g v e rs te h t, der 3 bis 4 Frem dsprachen e rle rn t
hat, ist doch e tw a s 'fa u l'." (L eh re rin , 61 J., N r. 551)
In v ie le n K o m m en ta ren w ird d ie h erk öm m lich e U ntersch eidu ng zw isch en u n ve rm e id lichen, verm eid b a ren , a b er n ü tzlich en , und ü berflü ssigen F rem d w ö rte rn g em a ch t und g e le g e n tlic h auch durch B eis p iele e r lä u te r t. A ls u n ve rm e id lich o d er n ü tzlich g e lte n F rem d w ö rte r in ein igen Fachsprachen , v o r a llem denen der T ech n ik. H ierzu w erden als B eis p iele
m eist W ö rter m it griech isch en od er rom anischen L eh n elem en ten a n gegeb en . A ls w e it g e hend überflüssig, wenn nich t soga r g e fä h rlic h fü r d ie 'g a n z e ' Sprache w erden F rem d w ö rt e r im ö ffe n tlic h e n o d er a lltä g lic h e n Sprachgebrauch angesehen . W ie auch in v ie le n K o m m entaren, d ie keinen b e stim m ten L eb en sb ereich b e ze ich n en , w erden hierzu im m er w ie d e r d ie Entlehnungen aus dem am erikanischen Englisch erw äh n t; z.B .:
"Es w erden zu v ie le en glisch e W ö rter in unsere Sprache übernom m en, d ie das V olk n ich t v e r s te h t und auch n ich t r ic h tig
aussprechen kann." (D ip l-In g . o. A lte rs a n g ., N r. 108)
"In te rn a tio n a l g eb rä u ch lic h e F re m d w ö rte r la te in isc h en ,
g riech isch en , auch fra n zösisch en o d er ita lie n isc h en U rsprungs s o llte n b eib eh alten w erden und nicht k ra m p fh a ft
verd eu tsch t w erden , w ie hä u fig im A m tsd eu tsch a n z u tre ffe n
... S trik t abzulehnen ist d ie Ü bernahm e m odischer Ausdrücke
aus dem A m e rik a n isc h en ." (K au fm an n , o. A lte rs a n g ., N r. 29)
"Es ist u n verm eid lich , daß sich in unserer h o c h tech n isierten G e s e lls c h a ft in tern a tio n a l geb rä u ch lic h e W o rte, aber
auch K ü rze l und a n dere W ortm on ster ein bü rgern , fü r d ie es
298
g r i f f i g e deutsche B ezeichnu ngen n ich t g ib t. A b e r v ö llig unsinnig ist es, daß ich m ir m indestens z w e i D u tzen d a m e rik a nische W orte und K u rzb ezeich n u n gen aneignen muß, ... wenn
ich m einen a lltä g lic h e n B ed a rf an W äsche und K leid u n g deck en
w ill." (A r z t , 55 J., N r. 558)
W ie bei einem T e il d e r J a -a b e r-A n tw o rte n w erden auch Ablehnungen und Enthaltungen in
e in igen F ällen durch d ie Zurückw eisung d e r V era llg em ein e ru n g "in sgesam t zu v ie le " e r lä u te r t, z.B .
"E s w erd en nich t in sgesa m t zu v ie le F r e m d w ö rte r geb ra u ch t.
A b e r haarsträubend fin d e ich d ie N eo lo g is m en in d e r S p ortsprache, vo r a llem im F ern seh en ." (o .A ., N r. 107)
O der es w ird d ie v o r g e s t e llt e Meinung dahin m o d ifiz ie r t, daß nur zu v ie le F re m d w ö rte r
"fa ls c h geb ra u ch t", "fa ls c h au sgesp roch en " od er "g e s c h rie b e n " w erd en . A ls B eis p iel w ird
w ie d e rh o lt der G ebrauch von T e c h n o lo g ie und T e ch n ik a n gegeb en .
Einer d e r w en igen F re m d w o r tb e fü r w o r te r m ein t:
"rig o r o s e eindeutschungsw ut sch a det d e r spräche m ehr, a ls es
k o rre k ter gebrau ch fre m d sp ra ch lich e r b e g r if fe v e rm a g , sow e it d iese a llg e m e in - und z w a r r ic h t ig - verstan d en w erden ,
sinn der spräche ist d ie kom m u nikation, nicht d ie n a tio n !"
(o .A ., N r. 116)
Und ein a n d erer sch reib t:
"W ir s o llte n s ie (d ie F r e m d w ö r te r ) im D eu tschen genau so
se lb s tv erstä n d lich ben u tzen , w ie es d ie A m e rik a n er tun. A l l e r dings nur dann, wenn sie a n g eb ra ch t sind, und r ic h t ig aussprechen so llte n w ir sie dann auch ...; Q u a rtz m it t z zu sch reib en ,
h a lte ich fü r blödsinnig, je d e n fa lls w ird dadurch kein e Uhr g e n a u er." (P h a r m a z e u tik -P r o f., o .A lte r s a n g ., N r. 651)
3.2.6
D ie E u ph em ism en frage
Zur F ra g e 2 f) nach irrefü h ren d er o d e r verh arm losen d er A usdrucksw eise im ö ffe n tlic h e n
Sprachgebrauch g ib t es v ie le K o m m e n ta re und B e is p iele , von denen ich nur d ie hä u figsten kurz zusam m enfassen und illu s trie re n kann. B em erk en sw ert ist übrigens, daß bei
g
d ie s e r F ra g e d ie A n tw o r tv e r te ilu n g nich t erkennbar a lte rs s p e z ifis c h ist.
W egen des G ebrauchs von Euphem ism en w erden besonders h ä u fig P o litik e r und danach
F ern seh - und Z eitu n gs b e ric h te, W e rb e te x te und Verlautbarun gen aus d e r W irtsch a ft g e rü gt. N eb en e in er V ie lz a h l a n d erer B eis p iele w erden w ie d e rh o lt Ausdrücke genannt, d ie
in d e r ö ffe n tlic h e n 'S em an tik'-D iskussion d e r le t z t e n Jahre besonders o f t d isk u tiert w o rden sind und d ie auch in ein igen d e r zu vor behandelten Z e itu n g s te x te n genannt wurden,
neben anderen:
299
A rb e its k rä fte f r e is e tz e n (s ta tt en tla ssen )
N u llw a ch s tu m , M inu sw achstum , A bsch w u ng (s t a tt z.B . W irts c h a fts k ris e )
Preisanhebung, -anpassung, -k o r r e k t u r (s t a tt V e rte u e ru n g )
V e rte id ig u n g s fa ll, K o n flik t, A u s ein a n d ersetzu n g (s t a tt K r ie g )
V ersorgungsengpaß (s t a tt H un gersnot)
L e rn p ro z e ß (s ta tt M einungsänderung)
E ntsorgungspa rk (s t a tt A to m m ü llk ip p e )
u m w e ltfre u n d lic h e s (s ta tt w e n ig e r u m w e lts ch ä d lic h e s ) A u to
M eh rere B e t e ilig te k ritisie re n auch d ie verh arm losen d e D a rstellu n g k r im in e lle r Handlungen durch Ausdrücke w ie V era n tw ortu n g ü bern eh m en (fü r e in e n M o rd ) od er B e k e n n e rb r ie f (von T e rro ris te n ).
A ls ä rg e rlic h b e ze ic h n e t w ird "d e r 'h u m o r ig -flo tte ' S til, m it dem h eu te k lein e und le id e r
auch g roß e G aunereien bis hin zum K a p ita lverb re ch e n (in den Z eitu n ge n ) d a r g e s te llt und
k o m m e n tie rt w erd e n ." (W e r b e le ite r , 59 J., N r. 611)
P o litik ern w ird sp rach lich e "B eruhigu ng" der B ürger v o rg e w o r fe n :
"U nru hige Kühe lassen sich bekan n tlich sc h lec h t m elk en !"
(Ingenieur, 76 J., N r. 602)
K r it is ie r t w ird d ie Irrefü hrun g und Verharm losu ng "durch e in e ra tio n a le , n e u tra le A usd ru ck sw eise" (M ein u n gsfo rsch erin , 29 J., N r. 567). Ein w e it e r e s B eisp iel:
"D a w erden N u k le a r w a ffe n g e z ä h lt, a ls ob es sich um d ie B ratw u rs tv o rrä te fü r ein B e tr ie b s fe s t h an d elte ..." (D ip l.-V e r w a ltu n gsw irtin , 55 J., N r. 587)
In ein igen d e r einschränkenden o d er ablehnenden Erläuteru ngen w erden Euphem ism en im
ö ffe n tlic h e n Sprachgebrauch n ich t als typ isch fü r d ie h eu tig e Z e it b e tr a c h te t. Zu den b etre ffe n d e n A n tw o r te n g ib t es A nm erkungen w ie "D a s w ar schon im m er so ", o d er es w ird
a u f d ie H erk u n ft des W ortes E uphem ism us aus dem A ltg r ie c h is c h e n h in gew iesen .
A n d e re sind d e r Meinung, verh arm losen d e od er irrefü h ren d e Ausdrucksw eisen "h ätten
nich ts m it Sprache an sich, sondern m it den A b sich ten d e r P o litik e r und a n d e re r V era n tw ortlic h en zu tun." (o .A ., N r. 35)
E in zeln e K o m m e n ta to ren m einen, daß neben U n tertreib u n gen auch zu v ie le ü b ertreib en d e
A usdrücke geb ra u ch t w erden :
"u m gek eh rt w erden sta rk e/ verstärk en d e W o rte zu o f t und
zu le ic h t fe r t ig b en u tzt und stu m pfen a b ." ( O f f iz ie r , 42 J.,
N r. 662)
300
Ein M edizinstu den t (23 J., N r. 582) k r itis ie r t beides:
"... sobald G re n z b e re ic h e e r r e ic h t w erden , r e g ie r t e n tw ed e r (aus A b sa tzgrü n d en ) d ie K a ta s tro p h en m e n ta litä t ... o d er a ber d ie S ch w a rzw a ld k lin ik -M a in zelm ä n n ch en -P h iloso p h ie."
Eine der w enigen G egenm einu ngen ist:
"M ein er A n sich t nach g ilt das G e g e n te il, zu m indest in
d er P resse. Es w erden o f t ü b ertreib e n d e o d er hochdram atisch e W ö rter v e rw e n d e t. Z.B ., es sind 'h o c h g iftig e '
C h em ik alien a u sgelau fen , wenn es sich um nur g e r in g fü g ig e g ift ig e S t o ff e handelt, o d er: 'Z ehntau sende' d e m on strierten , wenn es e in ig e hundert w a ren ." (C h e m ik er, 55 J., N r. 109)
3.2.7
D ie F ra g e nach anderen bedenklichen Erscheinungen
N eben der F ra g e 4 w ar d ie o f fe n e F ra g e 2g) nach anderen beden klich en Erscheinungen des
g eg en w ä rtig en Sprachgebrauchs Anlaß fü r besonders v ie le A nm erkungen und zum T e il ausfü h rlich e
K o m m e n ta re. Da a ber d ie se F ra g e in v ie le n Z u s ch rifte n nur g e n u tzt w urde, um
S tich w o rte ein zu tra g en o d er K ritik p u n k te zu nennen, d ie den vorau sgegan gen en F ra g en
zuzuordnen w ären, b ie te n d ie besonders hä u fig genannten Erscheinungen nur zum T e il
Neues. B em erk en sw ert o f t w erden - nach a b steig e n d e r H ä u fig k e it - fo lg e n d e E rsch einungen als bedenklich g e w e r t e t :10
- rund 200-m al: d ie Zunahm e an A n g lizis m e n , besonders A m erik a n ism en (auch "A n g lis m en ", "A n g lo m a n ie ", "e n g lis c h e W ö r te r ", "A n g lis ie ru n g ", "(V e r-)A m e rik a n is ie ru n g " u.a.),
in ein em T e il d e r K o m m e n ta re beschränkt a u f b e s tim m te Entlehnungsarten w ie H ybridbildungen, Scheinentlehnungen, Leh nübersetzu ngen o d er a u f b e s tim m te V e rw en du n gsbereiche w ie Jugend- und 'S zen e'-S p ra ch e, Prod u k tb ezeich n u n gen , F a c h te x te ,
Jou rnalisten- und W erb esprach e; hinzu kom m en noch 26 Erwähnungen nicht näher b es tim m te r "F r e m d w ö rte r " (" F r e m d w o r t e " ) und d ie zeh n m a l g eä u ß erte K r itik an " z u v ie l"
en glisch sp ra ch iger U nterhaltungsm usik
- rund 80 -m al: d ie V ernach lässigun g der O rth ogra ph ie, v o r a llem in Z e itu n g s te x ten (d ie
fe h le r h a ft e "C o m p u ter-T re n n u n g " w ird h ier 29-m al erw ä h n t), ab er auch in G e s c h ä fts b r ie fe n und S ch ü lerarb eiten , außerdem K lein sch reib u n g und a b w eich en d e Interpu nktion
in der Werbung und manchen lite r a r is c h e n T e x te n , d ie m an gelnde B erü cksich tigu n g der
R ech tsch reib u n g in der Schule und d ie P rop ag ieru n g d e r K lein sch reib u n g durch ein e
"M in d erh eit von Leh rern und S p ra ch w issen sch aftlern "
301
- zus. rund 6 0 -m al: d ie "G ossen - und P r im itiv s p r a c h e " in M edien , F ilm en , L ite r a tu r und
m odernen T h ea terstü ck en und im a lltä g lic h e n Sprach gebrauch von Erw achsenen; a n dere
Bezeichnungen sind "F ä k a l-/ F äk alien -/ K lo ak en -/ A n a l-/ V u lg ä rsp ra ch e", "V e r b r e c h e r ja r g on " und ähnlich e Ausdrücke
- rund 60 -m al: d ie "S p rech b la sen -", " C o m ic - " und "N u ll-B ock "-S p ra c h e n ich t nur von Jugendlichen, sondern auch von v ie le n E rw achsenen, in b e stim m ten Fernsehsendungen,
T h ea terstü ck en und Z e its c h r ifte n ; anders als in den K o m m en ta ren zur F ra g e 2a) w ird
hier besonders h ä u fig d ie Ü bernahm e ju gen d sp ra ch lich er A usdrucksform en durch Erw achsene und ih re V erb reitu n g durch Z e its c h r ifte n , Fernsehen und T h e a te r als sprachlic h e "A n b ied eru n g" od er als k o m m e rz ie ll o r ie n tie r t b em ä n g e lt
- 54-m al: d ie v e r m e h r te Bildung und Verw endung von Abkürzungen ("A b kü rzu n gsseu c h e / -fim m e l"), o f t m it dem H inw eis, daß d e r A bkü rzu ngsgebrauch außerhalb des j e w e ilig e n F a c h g eb iets in d e r A llta g ssp ra c h e und in den M edien besonders stören d sei
- 40-m al: k lis c h e e h a fte Ausdrücke und U n verb in dlich keitsw en du n gen ("W orth ü lsen ",
" S te r e o ty p e ", "P h ra sen " u .ä.) vo r a llem im Sprach gebrauch der P o litik e r und der M edien, aber auch in A llta g sg es p rä c h en ; b e v o r z u g te B eis p iele sind ich würde m einen / den ken/sagen11, ich geh e davon aus, irgen d w ie, a lle s klar, in etw a , v o r O r t, L e b e n s q u a litä t, d ra u f s a tte ln , (e tw a s ) s te h t ins Haus
- zus. 20 -m al: der M an gel an "S prech ku ltu r" in F ernsehen, Rundfunk und T h e a te r; e r wähnt w erden sc h lec h te A rtik u la tio n , A u ssprach e- und In ton a tion sm än gel von F ern seh und Rundfunksprechern und ein ze ln en P o litik ern
M eist ohne nähere Lok alisieru n g w erden e b e n fa lls rund z w a n z ig m a l k r itis ie rt:
- der h ä u fig e G ebrauch "ü b e rtrie b e n e r" od er "sinnlosei1' S teigeru n gen m it Ausdrücken w ie
u n b e sch re ib lich , u n h e im lic h , w ahnsinnig, ir r e , e c h t, t o ta l und ein igen anderen
- "g ed a n k en lose" o d er "unsinnige" W ortbildungen a u f -m ä ß ig , -fr e u n d lic h , -g e r e c h t - t r ä g e r (B e d a rfs trä g e r, H o ffn u n g s trä g e r, L e is tu n g s trä g e r u .a.), K o m p osita w ie V ie r a u gengespräch und Denkpause und Verben w ie a n m ie te n , a n d isk u tieren , a b k liire n und
v o rp ro g ra m m ie re n .
H inzu kom m en ein e V ie lz a h l w e it e r e r H in w eise a u f e in z e ln e le x ik a lis c h e und g r a m m a tische B esonderheiten und d ie h ä u fig e pauschale K r itik an der W erb esprache, an gra m m a tisch en und stilistisc h en M ängeln im Sprachgebrauch d e r M edien und von P o litik e r n , d ie
g e le g e n tlic h auch n a m en tlich genannt w erden.
302
F ü n fm al w ird erw äh n t, daß w egen des Fernsehens und a n d e re r neuer M edien w ie auch m it
der E inrichtung von im m er m ehr Su perm ärkten d ie G e le g e n h e ite n fü r G esprä ch e se lte n er
g ew ord en sind. Und ebenso o f t w erden sp rach lich e V eränderungen in der Bundesrepublik
a ls G e fa h r fü r d ie Verständigu ng m it den Menschen in der D D R g e d e u te t.
3.3
D ie F ra g e nach p o sitiven Sprachveränderungen
Im G e g e n s a tz zu den vora u sgega n gen en F ra g en z ie lt e d ie F ra g e 3 ausdrücklich a u f posit iv e B ew ertu ngen von Sprach veränderun gen ab. Durch den H in w eis a u f d ie Ü bernahm e
so lch e r V eränderungen in den eig e n en Sprachgebrauch w ird d ies noch b e to n t. D ie V e r t e ilung d e r A n tw o rten ve rh ä lt sich deshalb auch teilk o m p le m e n tä r zu d e r nach den n e g a tiven Einschätzungen von S p ra ch en tw icklu n g und Sprachgebrauch. Von den B e te ilig te n , die
bei F ra g e 1 d ie A lte r n a t iv e a ) ("zu m S c h lec h te n ") a n g ek re u zt haben, sehen über 80% k e in e rle i p o s itiv e Veränderung. D ie anderen d ie se r T e ilp o p u la tio n b e a n tw o rte n d ie F ra g e 3
e n tw e d e r g a r nich t od er lassen nur w e n ig e N eu eru ngen a ls n ü tzlich o d er u n verm eidbar
g e lte n , d ie sie zum T e il - w ie ein ige n K o m m en ta ren zu en tnehm en ist - "w id erstreb e n d "
in den eigen en Sprachgebrauch übernom m en haben.
A n d e re rs e its sieh t gut d ie H ä lft e (5 0 ,7 % ) d e rjen ig en , denen d ie a llg e m e in e Sprach entw icklu n g kein e Sorge b e r e it e t , p o s itiv e Sprach veränderun gen. D ie M eh rza h l d e r übrigen
d ie se r T e ilg ru p p e ve rn ein t d ie F ra g e 3. Ein solch es A n tw o r tv e r h a lte n ist jed och nicht w idersprü chlich. Wer d ie g e n e r e lle Sp rach entw icklu ng ohne S org e b e tr a c h te t od er ga r nicht
fü r b e w e rtb a r hält, braucht deshalb nicht ohne w e ite r e s e in z e ln e Sprachveränderungen für
gut zu halten.
D ie ablehnenden A n tw o rte n w erden bis a u f w en ig e F ä lle nicht k o m m e n tie rt. Zu den Ausnahm en gehören Anm erkungen, daß man z w a r Ä nderu ngen fe s t g e s t e llt , a b er nich t in den
eig e n en Sprachgebrauch übernom m en habe, "höch stens unbewußt" o d er v ie lle ic h t e in ig e
"n o tw e n d ig e " Fachausdrücke und F re m d w ö rte r. A u ch von den U nentschied enen, d ie w ed er
ja noch n e in a n g ek re u zt haben, g ib t es nur w en ig e A nm erku ngen w ie " v ie lle ic h t " , "w e iß
n ic h t" od er "M an erw is c h t sich im m er w ie d e r ein m a l" (o . B eru fsang., 69 J., N r. 182).
D ie m it den zu stim m enden A n tw o r te n h ä u fig er genannten V eränderungen lassen sich zu
fo lge n d e n Gruppen zusam m enfassen:
- V erein fa ch u n g sp rach lich er U m g a n g sform en : " W e g fa ll g e s t e lz t e r A nreden und G ru ß form eln ", "A b n ah m e b yza n tin is ch e r A n red en und U m gangsphrasen", "A b b a u von H ie ra rc h ie k o n ven tio n en " (d.h. abnehm ender G ebrau ch von " T ite ln , U n te rw e rfu n g s - und B efeh lsfo r m e ln "), "w e n ig e r Flosk eln in G e s c h ä fts b r ie fe n "
303
- Verbesseru ng des Sprachgebrauchs von B ehörden: w e n ig e r "ge sc h ra u b te", "g e k ü n s te lte "
F orm ulieru ngen , "m en sc h lich er a m tlic h e r B r ie fs til" , "v e r s tä n d lic h e r e " F orm u la re
- B ereich eru n g der G em ein sp ra ch e ("U m g a n gs sp ra ch e") durch "g e g lü c k t e " N euprägungen
w ie h in te rfra g e n , au sgrenzen , D u rc h b lic k , T e m p o lim it und andere
- Ausdrücke und Wendungen aus d e r Jugend- und 'S pon ti'-S prach e, d ie zum T e il auch in
den m ündlichen Sprach gebrauch von Erw achsenen übernom m en w erden (z .B . m o tz e n ,
re in zie h e n , H äm e, A ld ig o u rm e t und v ie le a n d ere)
- " N ü tz lic h e " N euprägungen und Entlehnungen im tech nischen F a c h w o rts c h a tz (u.a.
S ch ra u ben d reh er, S ch e rk o p f, R a d a r, B it, L a s e r)
- Syntak tische V erein fa ch u n g en in Z eitu n gs te x ten und m oderner P ro s a lite ra tu r: w en ig er
"Bandw urm - und S c h a c h te ls ä tze ", m ehr A usklam m eru ngen , V erm eid u n g von "geschrau bte n " K onjun ktiven , kein "T h om a s-M an n -S til"
- G ebrauch von "F re m d w ö rte rn , d ie d ie in te rn a tio n a le Verständigu ng e r le ic h te r n " (nur w e n ig e B eis p iele w ie C it y und L ob b y )
- Zunehm ende "T o le r a n z " und "A u fg e s c h lo s s e n h e it" g egen ü b er "reg ion a lsp ra ch lic h en B eson d erh eiten ", "D ia le k tre n a is s a n c e " als B ereich eru n g auch d e r H ochsprach e, "s e lb s tb e w u ß ter" M undartgebrauch e in ze ln e r Musikgruppen.
D e r V erg le ic h der K o m m e n ta re und B eis p iele zu d ie s e r F ra g e m it denen zu den F ragen
unter 2 v e rd e u tlic h t, w ie k o n tro v ers e in ig e Erscheinungen des g e g e n w ä rtig e n S p ra ch gebrauchs b e u r te ilt w erden.
3 .4
D ie M u n d artfrage
B ev o r ich a u f d ie F ra g e 4 als l e t z t e ein geh e, e in ig e B em erkungen zu den A n tw o rte n a u f
F ra g e 5 nach d e r F örderu n g d e r M undarten.
A bgeseh en von der F ra g e nach p o sitiven Sprach veränderun gen, g ib t es auch zu d ie s e r F ra g e m ehr Zustim m ungen a ls Ablehnungen und Enthaltungen. D er A n te il d e r Zustim m ungen
ist ab er m it 64,2% n ie d r ig e r als bei den anderen F rag en . Von d en jen igen , d ie e in e g e n e r e lle Sprach veränderun g zum S ch lech ten annehm en, ist d ie M eh rzah l (72 ,4 % ) fü r ein e
F örderu ng der Mundarten. Von den anderen ist nur gut d ie H ä lft e (5 5 ,5 % ) e b e n fa lls d afü r.
Es schein t danach, als ob v ie le n von denen, d ie keinen S p ra c h v e rfa ll b e fü rch ten , d ie Munda rten w e n ig e r w ic h tig sind.
304
Wenn man a b er d ie K o m m e n ta re zu den A n tw o rte n b e rü c k sic h tigt, z e ig t sich, daß d iese
Zahlen das M einungsbild nur u nzu reichend kennzeichnen . D ie F ra g e ist re c h t u ntersch iedlic h in te r p r e tie r t w orden . D ie F orm u lieru n g "neben o d er a n s te lle d e r H och sp rach e" in der
F ra g e e in le itu n g w ar etw a s u ngeschickt g e w ä h lt, und auch das V erb fö rd e rn in d e r e ig e n tlich en F ra g e ließ ve rsch ied e n e D eutungen zu. Aus den Zah len kann man deshalb nur zusam m enfassen d schließ en, daß w en igsten s z w e i D r itt e l a lle r B e te ilig te n den Mundarten
geg en ü b er p o s itiv e in g e s te llt sind. Aus den K om m en ta ren zu den Ablehnungen e r g ib t sich
außerdem , daß auch v ie le aus d ie se r T eilp op u la tion n ich t p r in z ip ie ll g e g e n M undarten ein g e s t e llt sind, sondern nur deren F örderu ng ablehnen. Daß e in e M einungsabgrenzung nach
d e r bloßen A n za h l der Zustim m ungen, Ablehnungen und Enthaltungen g e ra d e bei dieser
F ra g e ungenau ist, w ird aus den zum T e il re c h t ähnlichen Begründungen fü r a lle drei Entsch eid u n gsm öglich k eiten deu tlich .
D ie h äu figsten K o m m e n ta re (zus. rund 60 -m a l) zu den zu stim m enden A n tw o r te n sind Einschränkungen w ie "a b er neben der H och sp rach e", "n ich t zu La sten d e r H ochsp rach e",
"n ich t in d e r Schule", "nur in d e r H eim at/am O rt/ re g io n a l", "m a ß voll/ n ich t zu sehr".
Von den v ie le n u n kom m en tierten J a -A n tw o rte n abgesehen, w ird nur in w enigen Erläuterun gen d ie F örderu ng von M undarten uneingeschränkt bejah t. A ls B eis p iele h ie rfü r drei
k u rze Z ita t e :
"Ic h bin g era d ezu ein 'M u n d a rten -F e tis ch is t'" (O pern sä n ger, o.
A lte rs a n g ., N r. 13)
"S ich e r sollen M undarten g e p fle g t w erden - nirgends ist d ie
Sprache so leb en d ig w ie in d e r M u ndart." (H ausfrau , 45 J.,
N r. 598)
"W ährend das 'H ochd eu tsch' nur e in e Kunstsprache zur besseren, a llge m ein e n Verständigu ng in D eutschland ist, drücken
d ie versch ied en en M undarten F a r b ig k e it, L eb en s g efü h l und
G em einschaftssinn aus." (o .A ., N r. 656)
In d e r M ehrzahl d e r K o m m e n ta re zu den Enthaltungen w ird ein e F örderu n g von Mundarten a b geleh n t, zum indest in d e r Schule, a b er ihre B eib eh altu n g b e fü r w o r te t; je d e n fa lls
w erden M undarten als "sch ön " o d er "passend" in b e stim m ten L eb en sb ereich en angesehen.
O der es w ird u nterschieden zw isch en e in e rs e its e rh a lten s w e rten "noch ursprünglichen
M u n d artform en " w ie dem H ochalem ann isch en und N ied erd eu tsch en und a n d e re rseits
"M is c h fo rm e n ", d ie a b g eleh n t w erden , o d er M undarten, d ie nich t g e fö r d e r t zu w erden
brauchen; z.B .:
305
" A ls unbedingt erh a lten sw ü rd ig nenne ich b e isp ielsw eis e
das A lem an n isch e. A n d e re M undarten - w ie z.B . das
S chw äbische - bed ü rfen k ein er Förderu ng, w e il s ie durch
das B ew ußtsein des zu geh örigen Volk sstam m es, N ab el
der W elt zu sein, sich ohnehin, m ehr als m anchem lie b
ist, behaupten w erd e n ." (o . B eru fsang., 66 J., N r. 606)
M eh rere K o m m e n ta re zu den N e in -A n tw o rte n stam m en o ffe n s ic h tlic h von M enschen, d ie
in ih rer Mundart sich er zu Hause sind. Sie lehnen M u ndartförderung ab m it Bem erkungen
w ie "kann eh je d e r " , "sind in u nserer G egend/in Mannheim sta rk gen u g" o d er "brau ch en
nicht g e fö r d e r t zu w erden, da sie so w ieso nicht aussterben w erd e n ." (o .A ., N r. 228)
A n d e re w ollen z w a r kein e Behinderung d e r Mundarten, a b er auch kein e F örderu ng, a u f
keinen F a ll in d e r Schule; z .B .:
"M u ndart le r n t man ohne N a c h h ilfe . S ta tt F örderu n g
de r Mundart s o llte man m ehr für d ie deutsche 'H o ch sprache' tun." (S e k retä rin , 56 J./K aufm ann, 70 J.,
N r. 123/124)
W e ite re A rg u m en te g eg en M u ndartförderung sind unter anderen: daß Mundarten M enschen, d ie b eru fsb ed in gt ihren W ohnort w ech seln , d ie In te g ra tio n ersch w eren , daß Munda rtfö rd e ru n g zur "k u ltu rellen D ez en tra lisieru n g und zur Schwächung des gem ein sam en
Bandes der H ochsprache [fü h r t]" (P h y s ik p ro f., 67 J., N r. 650) od er daß D eu tsch im in te r nationalen Sp rach verk eh r "nur als H ochsprache ü b erleb en " könne (O b e rk e lln e r, 45 J.,
N r. 658).
Eine gen a u ere A u sw ertu n g d e r E rläuteru ngen könnte s ic h erlic h noch m ehr z u ta g e fö rd ern .
W ie d ie genannten Zah len und d ie Auswahl aus den K o m m en ta ren z e ig t , hat a b er d ie Mund
a r t fr a g e das g e s a m te M einungsspektrum zum h eu tigen D eu tsch in e r s te r L in ie noch etw as
bunter g e m a c h t. Für e in e g e z ie lt e E rm ittlu n g von E in stellu ngen zu M undarten und zur
D ig loss ie w ar d ie F ra g e w ohl zu a llg e m e in und zu u nscharf g e fa ß t.
3.5
D ie F ra g e nach dem Einw irken a u f Sprache und Sprachgebrauch
M it d e r F ra g e 4 s o llte n v o r a llem d ie K r itik e r u nter den B e te ilig te n ve ra n la ß t w erden,
K onsequ en zen aus ih rer S org e um d ie a llg e m e in e S p rach en tw icklu n g und ih rer n e g a tiven
B ew ertu n g des Sprachgebrauchs zu zieh en . Zur Gew innung ein es m ög lich s t b re ite n und
d iffe r e n z ie r te n M einungsbildes w ar d ie D o p p e lfra g e , bei d e r sich an d ie J a -N e in -E n tscheidung e in e o f fe n e F r a g e an sch ließ t, sehr a llg e m e in g e fa ß t . Zu den A n tw o r te n g ib t es
d ie m eisten E in tragu ngen in den F ra g eb ög en und d ie u m fan greich sten K o m m e n ta re.
82,3% a lle r B e te ilig te n sind der Meinung, daß a u f den Sprach gebrauch e in z e ln e r M enschen
und Gruppen o d er sogar a u f d ie Sprache in sgesam t e in g e w ir k t w erden s o llte . Von d en jen i-
306
gen , d ie ein e E n tw icklung d e r Sprache zum S ch lech ten annehm en, haben 90,1% d ie F ra g e 4 m it ja b e a n tw o rte t) von der T eilp o p u la tio n der 'S orglosen ', d ie nur e in ze ln e E rscheinungen des g e g e n w ä rtig e n Sprachgebrauchs bem ängeln, sind es 66,4% .
S o w eit A lte rs a n ga b e n v o rlie g e n , sind d ie A n tw o rte n zu d ie s e r F ra g e am stärk sten a lte rs s p e z ifis c h . Das du rch sch n ittlich e A lt e r d e r Z ustim m en den lie g t m it 54,7 Jahren knapp
12 Jahre höher als das d e rjen ig en , d ie m it n e in g e a n tw o r te t haben. D e r D u rch sch n ittsw ert
w urde a ber bei der z w e ite n G ruppe aus nur 33 A lte rs a n ga b e n e r m it t e lt , bei der ers te n aus
206 Angaben.
D ie ablehnenden A n tw o rte n sind nur in w enigen F ällen k o m m e n tie rt, und z w a r m eist dam it, daß ein e g e z ie lt e Einwirkung a u f den Sprach gebrauch nur in d e r Schule m öglich ,
darüber hinaus aussichtslos o d er n ic h t sin n voll sei.
D e r h ä u fig ste von den e b en fa lls w en igen Z u sätzen zu den Enthaltungen ist ein F r a g e z e ichen, außerdem B em erkungen w ie, g e z ie lt e Maßnahmen seien kaum m ög lich , hoffnu ngslo s od er zu teu er.
A uch ein e R e ih e zu stim m en d er A n tw o rte n en th a lten bei d e r o ffe n e n F ra g e nach dem
" w ie " und " w e r " ein F r a g e z e ic h e n o d er A nm erkungen w ie "w e iß n ic h t". H inzu k om m t ein e
R e ih e von A n tw o rte n , in denen z w a r Z ie le fü r Maßnahmen genannt w erd en , a ber deren
E r fo lg b e z w e if e lt w ird.
Wenn man d iese A n tw o r te n und d ie V ie lz a h l d e r anderen Zustim m ungen, in denen A dressaten , V e r m it tle r und V erfah ren fü r Einwirkungen a u f den Sprach gebrauch an gegeb en w erden, zusam m enn im m t, e r g ib t sich ein g e ra d e z u u m fassendes B ild d e r sprachlichen W elt,
a lso a lle r L eb en s b e re ich e , in denen g esproch en , g e h ö rt, g es ch rieb en und g ele sen w ird : vom
F a m ilien g esp räch bis zur P a rla m e n ts d e b a tte , vom G ed ich ta u fsa ge n in d e r Schule bis zur
P r e d ig t, vom R adiohören bis zum Th ea terb esu ch , vom B riefs ch re ib en bis zum V erfassen
von W e rb etex ten , vom L esen e in er B eh ö rd en m itteilu n g bis zur R o m a n lek tü re.
A ls A dressa ten und V e r m it tle r w erden a lle
Bildungs- und A usbildu ngseinrichtu ngen, d ie
M edien und ih re sta a tlich e n o d er p riv a te n T r ä g e r , ö ffe n t lic h e und g e w e r b lic h e O rganisation en s o w ie B eru fsa n g eh örige genannt, d ie besonders v ie l sp rech en und sch reib en , w ie
J ou rnalisten, L eh re r, P o litik e r , S c h r ifts te lle r , P fa r r e r , Ju risten und v ie le an dere. G enannt w erden auch d e r Bundespräsident, bekannte S p o rtle r, a lle E ltern und sch ließ lich
" a lle " od er "je d e r e in z e ln e ".
307
D ie vo rge sch la g en en Maßnahmen reich en von der V erbesseru ng der L e h re r-, Jou rnalisten - und Schauspielerausbildung über ve rsch ied e n e F orm en der Sp rach kritik , d ie E in setzung ein er verbin d lich en Sp rachnorm eninstanz bis zur sta a tlich e n Su bventionieru ng der
Buchpreise, Senkung des B rie fp o rto s (b e i g le ic h z e it ig e r Erhöhung der T e lefo n g eb ü h re n )
und der Einführung von Esperanto a ls Z w e its p ra ch e .
Ein d e u tlich er Eindruck e r g ib t sich e rs t, wenn d ie V orsc h lä ge nach ih rer H ä u fig k e it g e w ic h te t w erd en . H ierzu beschränke ich m ich w iederu m a u f d ie h ä u figsten . A u f d ie G e sa m tza h l der Zustim m ungen b e zo g e n e r e la t iv e A n te ile lassen sich dabei nicht angeben,
w e il d ie ein ze ln en K o m m e n ta re u n tersch iedlich v ie le V orsc h lä ge en th a lten : o f t nur ein
S tich w o rt w ie "M e d ie n " o d er a ber u m fa n gre ich e K a ta lo g e von Z ie le n und Maßnahmen.
Bei w e ite m am h äu figsten w erden pauschal d ie M assenm edien genannt, o f t auch als
D reierg ru p p e F ernsehen, H örfunk und P resse, und z w a r rund 150-m al. H inzu kom m en
Nennungen d e r ein ze ln en M edien : am hä u figsten das Fernsehen (6 1 -m a l), dann d ie P resse
(5 0 -m a l) und sc h ließ lich das R a d io (1 8 -m a l); zudem w erden o f t auch M e d ie n m ita rb e ite r
w ie Jou rnalisten, K o m m e n ta to ren , A n sa g er usw. angesp rochen. Insgesam t w ird a u f d ie
drei großen M edien und ihre M ita rb e ite r in rund 330 Z u s ch rifte n B ezu g g en om m en . Buchv e r la g e o d er ih re A u toren w erden d a g eg en nur s e lte n d ir e k t erw äh n t (zus. z w ö lfm a l),
T h e a te r nur sieben m al.
Aus den bloßen S tich w ortan ga b en ist nich t zu erseh en , w as m it den M edien geschehen soll
o d er was s ie tun so llen . Aus den a u sfü hrlicheren E rläuteru ngen e r g ib t sich z w e ie r le i: D ie
M edien b zw . ihre M ita rb e ite r sollen v o r a llem ihren e ig e n en Sprach gebrauch verb essern ,
außerdem sollen s ie - w ie rund 50-m al em p foh le n w ird - in s p e z ie lle n Sendungen od er
A rtik e ln m ehr S p rach kritik und Sprachbew u ßtsein v e r m it t e ln . H ierb ei g e h t es v o r a llem
um Sprachglossen in den Z eitu n gen und v e r g le ic h b a r e F ern seh - und Radiosendungen. Für
so lch e Sendungen w erden in ein igen K o m m en ta ren d e t a illie r t e V orsch lä ge g em a ch t.
Warum g e ra d e d ie M edien so o f t als A d ressa ten und V e r m it tle r von Einwirkungen a u f den
Sprachgebrauch genannt w erden , wenn sie a n d e re rseits a ls d ie 'S chu ldigen ' g e lte n , ist
klar: Ihnen w ird neben d e r Schule der stä rk ste Einfluß a u f den a llg e m ein e n S p ra ch gebrauch zu gesch rieb en .
"M an m üßte bei den Hauptschuldigen a n se tzen , das sind
Presse, Rundfunk und F ernsehen, a lso d ie J ou rn alisten ."
(P r o f.ln g ., o. A lte rs a n g ., N r. 30)
308
"H ie r sind d ie M edien a ngesprochen, und z w a r in sgesam t.
Sie könnten d ie V erb re itu n g und P f le g e g u te r deu tsch er
Sprache übernehm en. M it dem 'könnten' ist a b er ausgedrü ckt, daß dann e in e b essere Schulung der in den M edien
T ä tig e n vorau sgehen m üßte. Sonst könnte sich ja nichts
än dern ." (O .A ., N r. 87)
O b g le ich in d e r F ra g e 4 d ie Schulen ausdrücklich ausgenom m en w aren , w erden s ie nach
den M edien am h äu figsten genannt. D ie F ra g e w urde also von v ie le n in d e r g e s te llte n Form
nicht a k z e p tie r t. A u f Schulen od er L eh re r w ird in sgesam t 130-m al B ezu g genom m en,
m eh re re M a le m it dem Z u s a tz "zu erst/ vo r a llem d ie Schule” . S o fern es zu der Nennung
K o m m e n ta re g ib t, w ird m ehr und b esserer D eu tsch u n terrich t g e fo r d e r t , w ob ei m it dem
"b es se r" m eis t m ehr R ech tsch reib u n g, G ram m a tik , A u fs a tz s c h re ib e n und klassische L ite ra tu r ("n ich t nur B r e c h t") g e m e in t sin d. Nur g e le g e n tlic h w ird vo rg e sch la g en , m ehr " v e r n ü n ftig es D isk u tieren " zu üben, w e n ig e r N o ten zu geb en und "F re u d e an d e r S p rach e" zu
w eck en . N eb en ein er besseren Leh rerau sbildu ng w erden hä u fig auch m ehr Fortb ildu ngsm ö g lich k eiten fü r L eh re r g e fo r d e r t .
A u ch Volkshochschulen (4 7 -m a l), B eru fs- und Abendschulen und B e tr ie b e so llen m ehr
Sprachkurse ("D eu ts ch fü r D eu tsch e") a n bieten .
Im V e r g le ic h zu den Schulen w ird nur s e lte n (1 5 -m a l) a u f d ie B edeutung d e r F a m ilie fü r
d ie S p rach en tw icklu n g h in gew iesen .
M ö glic h k e ite n und B ed a rf schu lisch er Einflußnahm e a u f d ie S p rach en tw icklu n g w erden a lso in sgesam t sehr hoch e in g e s c h ä tz t. D ies paßt ähnlich w ie bei den M edien zu d e r an den
Schulen geü bten K r itik , s ie seien fü r d ie E n tw icklung d e r Sprache zum S ch lech ten m itv e r a n tw o rtlic h .
A m d ritth ä u fig s te n (rund 30 -m al) g e h t es um d ie P o litik e r , d ie sich um k o rr e k te r e und ang e m es se n ere A usdrucksw eise bem ühen sollen o d er en tsprechend a u f M edien und Schulen
ein w irk e n so llen . Auch ihnen w ird im G uten w ie im S ch lech ten d ie Funktion von V orb ildern fü r den a llge m ein e n Sprach gebrauch zu g esch rieb en . N eb en P o litik e r n a llg e m e in w e rden sieb en m al d ie K u ltu sm in ister erw äh n t, und z w a r vo r a llem w egen ih rer p olitisch en
V era n tw ortu n g fü r den S p ra ch u n terrich t in den Schulen.
R e c h t hä u fig (2 7 -m a l) w ird auch das IDS selb st angesp rochen, w ohl auch deshalb, w e il d ie
U m fr a g e von ihm kam . Sein e A u fg a b e n und M ö g lic h k e ite n w erd en jed o ch in ein igen Fällen
n ich t r ic h t ig gesehen o d er sind n ich t bekannt. N eb en den v ie le n Maßnahm en, d ie vom IDS
e r w a r t e t w erden , ist deshalb d e r e in ig e M ale g eä u ß erte Wunsch nach "m eh r Ö ffe n t lic h k e its a r b e it" verstän d lich .
309
U n ter der V ie lz a h l d e r anderen genannten A d ressa ten und vo rg esch lag en en V erfah ren zur
V erbesserung des Sprachgebrauchs, d e r "Sprachk u ltu r", ist q u a n tita tiv nur noch d e r Hinw eis a u f das Lesen b e m erk e n sw ert (1 7 -m a l). U n te r anderem m it k r ä ftig e n Sprüchen w ie
"W e g von der G lo t z e , ran an d ie B ücher" (o. B eru fsa n g., 77 J., N r. 215) w ird ein v e rm e h rtes Lesen und sein e F örderu n g durch E ltern , Schule, M edien und S taa t als besonders w ich t ig fü r d ie E n tw icklung a lle r sp rach lich en F ä h ig k eit em p foh len .
A bgeseh en von m ehreren, m eist a llge m ein e n H inw eisen a u f U n iv e rs itä te n und Hochschulen und den Erwähnungen des 1DS, w erden nur s e lte n S p ra ch w issen sch aftler o d er G e rm a nisten genannt, und dann m eis t a ls Z ie l k ritisc h er S e ite n h ieb e. N eben ein igen B e fü rw o rtern ein er R e c h ts c h re ib re fo rm m ein t e in e G egn erin :
"L eu te n , d ie im L eh rb ereic h t ä t ig sind, sich P ro fes so ren
und G erm a n isten nennen und g le ic h z e it ig (la u t Z eitu n gsm eldung) d ie Meinung v e r tr e t e n , R e ch tsch reib u n g sei
n icht w ic h tig , [s o llte ] das H andw erk g e le g t w erd e n ."
(Ü b e rs e tze rin , 62 J., N r. 31)
Und in einem P lä d o y e r fü r m ehr S p rach kritik heißt es:
"M eh r ö ffe n t lic h e und m ög lich s t volksn ahe S prach kritik an: M edien , P o litik e r n , W erbung - in: P resse, Rundfunk, F ernsehen. (D a b ei s o llte n d ie S p ra ch w issen sch aftle r den K ritik e rn n ic h t im m er an den W agen fa h ren , wenn
ihre U r t e ile lin gu istisch n ich t r e s tlo s fu n d ie rt sind. Es
g e h t um d ie Sen sib ilisieru n g fü r den Sprach gebrauch und
um k ritis c h e A u fm e rk s a m k e it) ..." (P ä d a g o g ik p ro f., o.
A lte rs a n g ., N r. 191)
D ie im F ra g eb o g en vo rg e g e b e n e h e ik le F orm u lieru n g e in er e v e n tu e lle n Einw irkung "a u f
d ie Sprache in s ge sa m t" hat w e n ig e r K o m m e n ta re p r o v o z ie r t, als ich e r w a r t e t h a tte. Nur
z w e im a l w ird a n g em erk t, daß nicht a u f d ie Sprache e in g e w ir k t w erden könne b z w . so lle,
sondern nur a u f den Sprachgebrauch. A n d e re rs e its w ird "in s g e s a m t" a ch tm a l h e rv o rg e h o ben, z .T . durch U n terstreich u n gen im F rag eb og en o d er m it dem K o m m e n ta r, daß man nur
au f d ie Sprache in sgesam t ein w irk en , a b er n ich t e in z e ln e M enschen od er Gruppen r e g le m en tieren so lle.
Wenn man von den k o m m en ta rlosen A n tw o rte n ab sieh t, heißt d ies also, daß d ie ü b erw iegen d e M eh rh eit a lle r B e te ilig te n das A bstrak tu m 'd eu tsch e Sp rach e' fü r g e z ie lt ve rä n d erbar h ält od er - d ie s ist w ohl d ie a n gem essen ere D eu tung - zw isch en Sprache und Sprachgebrau ch nicht u n tersch eid et. Eine U ntersch eidu ng w ird a lle n fa lls in sofern g e m a c h t, als
d e r d e r z e it ig e S prach gebrauch fü r ein e zum T e il a n dere, s c h le c h te re Sprache g eh a lten
w ird a ls ein e m ö g lich e , wünschbare Sprache m it E ig e n sc h a fte n , d ie m eis t einem frü h eren
Sprachgebrauch zu gesch rieb en w erden.
310
D a m it m öch te ich ab er nicht versu chen, aus der M ehrzahl der A n tw o r te n und K om m en tare
vo r a llem zur F ra g e 4 e in e A r t k o h ären ter 'volk s lin g u is tis ch e r' Sprachauffassung
zu d e s tillie r e n , d ie sich bei näherem Hinsehen v ie lle ic h t sogar a ls re c h t m odern e rw e is t.
M ein u n gsverteilu n gen lassen sich q u a n tifiz ie r e n ; ein e d if fe r e n z ie r t e , begrü n d ete Sprachauffassu ng, ein e S p ra ch th eorie, lä ß t sich jed o ch n ich t a ls A d d itio n o d er ga r D u rchschnitt
v ie le r E in zelm einu ngen gew innen.
4.
Zusam m enfassung und Konsequenzen
Das Ergebnis d e r U m fr a g e b e s tä tig t d ie in den Z e itu n g s te x te n vorh errsch en d en A u ffassungen und w erten den Meinungen. In ein em sta tis tis ch unpräzisen Sinne lä ß t sich daraus sch ließ en : W er sp ra c h in teres sierten M itbü rgern n e g a tiv e Meinungen über Jugendsprache, sp rach lich e U m ga n gsform en , F re m d w ö rte r, N orm ab w eich u n gen und den ö f fe n t lich en Sprachgebrauch a n b ie te t, kann d e r z e it m it v ie l Zustim m ung rechnen . Ob d ie
S p ra ch verfa lls so rg en zur Z e it g rö ß er sind als noch vo r ein ige n Jah rzeh n ten - was ich v e r m ute -, lä ß t sich aus dem U m fra g e e rg e b n is nicht ersch ließ en , da es kein e q u a n tita tiv e
V erg le ic h s m ö g lic h k e it g ib t. Man kann nur an e in ig e Gründe erinn ern, warum v ie le Menschen überhaupt d iese A n sich t äußern.
E in ige der in F ra g e fo rm g eb ra ch ten M einungen su g g erieren d ie V orstellu n g ein es Sprachgan zen . D ie A u ffa ssu n g von Sprache als ein em le id lic h geschlossenen G anzen, m oderner
g e s a g t, ein em System aus E in heiten, K o m b in a tion s- und G eb rau ch sregeln , das sich insgesam t m it d e r Z e it v e rä n d ert, haben G en eration en von S p rach w issen sch aftlern m itg e s ta lte t . D ie V orstellu n g ein er B e w e rtb a rk e it ein er 'ga n zen ' Sprach e w ird z w a r von der heutigen L in gu istik n ich t m ehr g e t e ilt , a b er s ie hat ein e la n g e T ra d itio n , und T ra d itio n hat
auch d ie S org e od er Ü berzeu gu n g, daß die Sprache w ie ein Organism us o d er ein G ebäude
13
v e r fa lle n kann, wenn s ie n ich t 'g e p fle g t ' w ird.
A b geseh en davon, daß d e r S p ra ch verfa lls to p o s s e it d e r R o m a n tik auch innerhalb d e r G e r m an istik w e it e r g e r e ic h t w orden ist, g ib t es Gründe fü r V e rfa lls s o rg e n in d e r in d ividu ellen
Erfahru ng und B ew ertu n g von b eoba ch tb aren Sprach veränderun gen. W er e r le b t, daß in der
Jugend e r le r n te Sprachnorm en, deren B eachtung von E ltern und Leh rern als besonders
w ic h tig h in g e s te llt wurden, nun von anderen, vo r a llem jü n geren M enschen n ich t m ehr b ea c h te t w erden , w ird in den b eoba ch tb aren A b w eich u n gen o f t auch e in e G efäh rd u n g der
eig e n en sp rachlichen K o m p e te n z und H andlu ngsm öglich keiten sehen. Eine V e r a llg e m e inerung d e r B efürch tu ngen und W ertu ngen a u f d ie 'g a n ze' Sprache - w as im m er das auch
sei - lie g t deshalb nahe, zum al sich d e r t r a d ie r te V e rfa lls to p o s hierzu a n b ie te t.
311
Lingu isten n eigen dazu, so lch e M einungen als u n w issen sch aftlich , a ls zu S te re o ty p e n g e ronnene V erein fa ch u n gen ü b erh o lter w isse n sc h a ftlich e r A u ffassu n gen b e is e ite zu sc h ieben. A b e r auch Sprachm einungen und -ein stellu n g en g eh ören zur sp rachlichen R e a lit ä t
- besonders dann, wenn s ie w e it v e r b r e it e t sind und w e it e r v e r b r e it e t w erden , wenn sie
das w erte n d e Sprachhandeln von M ein u n gsm u ltiplik atoren , von E rzieh ern im w e ite s te n
Sinne bestim m en . Auch S p ra ch vo ru rteile sind w irk lich und w irk sam . G roße T e ile e tw a der
heutigen gem ein sp ra ch lich en und fa ch sp ra ch lich en L e x ik haben sich nicht a u ssch ließlich
aus dem fr e ie n S p iel in d ivid u elle r in teressen gebu n d en er Sp rach gebräu che erg e b e n , sind
14
also nur bedin gt ein 'Phänom en d e r d ritte n A r t '
, sondern sind auch Ergebnis von d o m inierenden W erthaltu ngen , von ä sth etisch , h ygien isch o d er p o litis c h m o tiv ie r te n Sprach auffassu ngen. W elch e Wirkung v e r b r e it e t e Sprach ein stellu n gen haben können, z e ig t sich
d e r z e it besonders d e u tlich an den o f t h e ftig e n R e a k tio n en a u f V orsch lä ge zur R e c h tsc h re ib re fo rm . D ie H och sch ätzu n g der gelten d en O rth og ra p h ie m ag v ie le n Lin gu isten als
m aßlose Ü b erb ew ertu n g d e r sekundären, besonders a rb iträ ren graphischen R e p rä sen ta tion sp rach lich er A usdru cksform en ersch ein en . Sie ist a b er z w e ife llo s bislan g noch re c h t
w irksam .
W elch e Konsequ en zen können Lingu isten aus d e r U m fr a g e zieh en ? D ie M ö g lic h k e ite n spez ie lle r A u sw ertu ngen des gew onnenen M a teria ls , v o r a llem d e r E rläuteru ngen und B eis p iele , sind noch nicht ers c h ö p ft. D ie Ergebnisse können unter anderem auch als A n regu n g fü r
g e z ie lt e Untersuchungen d e r Funktionen von Sprachm einungen und -ein stellu n g en in A lltagsgespräch en dienen, d ie hier nicht behandelt w urden. A ls a tt r a k tiv ers ch e in t a ber
schon j e t z t ein e A u sw eitu n g d e r U m fr a g e , s e lb s tv erstä n d lich m it einem v e rb es se rten F ra geb ogen .
Es sp rich t e in ig e s d a fü r. D ie R eson anz w ar auch fü r m ich ü berraschend groß. D er U m fr a g e t e x t ist in zw isch en schon über d ie Z e itu n g s v e rö ffe n tlic h u n g hinaus v e r b r e it e t w orden.
L eh re r an ein igen Schulen d e r U m gebung haben K o p ien des F rag eb og en s im U n te rric h t
ausfü llen lassen. Von in sgesam t 180 R ealsch ü lern und G ym nasiasten im A lt e r von 16 bis
20 Jahren wurden d ie A n tw o r te n zur A u sw ertu n g g e s c h ic k t.11’
V erm u tlich lie ß e sich auch d ie U n terstü tzu n g w e it e r e r R e g io n a lze itu n g e n und e in ig e r
B lä tte r m it ü b erreg io n a le r V erb reitu n g gew in n en . Zur dem ograph isch en Einordnung des
M einungsspektrum s m üßte e in e R e p rä sen ta tiv erh e b u n g hinzukom m en. A u f d ie se W eise
könnte g e p rü ft w erden , in w ie w e it d ie bei sp rach kritisch en M itbü rgen d e r H e id e lb e r g M annheim er R egion fe s t g e s t e llt e n M einungen typ isch sind fü r d ie M ein u n gsverteilu n g im
'S prachbildungsbürgertum ' d e r gan zen Bundesrepublik. A u fsch lu ß reich w ären zudem V e rgleich serh ebu n gen in anderen deutschsprachigen Ländern . Eine so lch e A k tio n w ürde z w e i-
312
fe llo s auch das a llg e m e in e In teres se an d e r eigen en Sprach e, an S p ra ch kritik und
Sprach forschu ng verstä rk e n h e lfen .
A n d e re rs e its sprech en g e w ic h tig e A rg u m en te g eg en e in e A u sw eitu n g d e r U m fr a g e . D ie
R ed en sa rt "W er v ie l fr a g t , bek om m t v ie le A n tw o r te n " k e n n zeich n et nur d ie a rb eitspraktischen F o lg en . Eine a n d ere R e d e n sa rt, daß es k ein e dum m en F rag en , a lle n fa lls
dum m e A n tw o rte n g ib t, lä ß t sich a b er a u f F ragen , w ie sie in der bish erigen Form über
d ie Z eitu n gen g e s te llt wurden, nich t anw enden. E in ige davon, besonders d ie nach d e r B ew ertu n g der g e n e re lle n S p ra ch en tw icklu n g und nach e v e n tu e lle n Einwirkungen a u f d ie
Sprache in sgesam t, w aren s u g g estiv. S ie su g g erieren e in e Sprach au ffassu ng, d ie von der
m odernen L in gu istik nich t g e t e ilt w ird . Da m it solchen F ragen n ich t nur Meinungen e r kundet, sondern auch b e s tä tig t o d er e r z e u g t w erden können, w ä re e in e bloße A u s w e itung d e r U m fr a g e , d ie in e r s te r L in ie a u f K o n tr o lle und e v e n tu e lle K o rre k tu r der bish erigen Ergebnisse a b z ie lt e , s c h w erlich v e r tr e tb a r .
16
Außerdem w erden Erw artungen g e w e c k t. Und da w ir nun n ich t, w ie es d ie M ehrzahl der
A n tw o rte n n a h eleg t, g e z ie lt e Maßnahmen zur R e ttu n g d e r deutschen Sprache t r e ffe n
können und d ie F orderu ng nach solchen Maßnahmen auch n ich t p rop ag ieren so llte n , kann
ein e v e r tr e tb a r e Konsequ en z nur A u fk lä ru n g sein: A u fk lä ru n g darüber, was d ie neuere
Sprach w issen sch aft von den Zusam m enhängen zw isch en Sprache und G e s e lls c h a ft, von
ih rer r e la tiv e n K onstan z und ihren g es ch ic h tlic h en V eränderungen w eiß , und A u fkläru n g
Uber A n satzpu n k te und Z ie le e in er Sprach gebrau ch sk ritik, d ie aus lin g u istisch er Sicht
als sin n voll ers ch e in t. D ie aus den Z e itu n g s te x ten und durch d ie U m fr a g e e r m it te lte n
vorh errsch end en M einungen s o llte n also von der z ü n ftig e n Lin gu istik zum A nlaß fü r ein
in te n s iv e re s Bemühen um W issen sverm ittlu n g über d ie F ac h g ren zen hinaus und fü r ein e
v e r s tä r k te B eteilig u n g an Sprachdiskussionen in der Ö ffe n t lic h k e it genom m en w erden.
N ach m ein er - nicht a u f ein e U m fr a g e g e s tü tz te n - E in sch ätzu ng d e r bei Lingu isten v o rherrschenden In teressen scheinen d ie Voraussetzungen h ie rfü r zur Z e it re c h t gün stig
zu sein.
313
Anhang: D ie beiden Versionen der U m frag e
W ie d erg eg e b en ist nur der W ortla u t, nicht d ie ty p og rap h isch e A u fm ach u ng in den Z e itungen.
[R h e in -N e c k a r-Z e itu n g , 21.12.1985:]
W AS H A L T E N SIE VOM H E U T IG E N D E U TS C H ?
L e s e ru m fra g e des Instituts fü r deu tsch e Sprache Mannheim
Das 1964 ge g rü n d e te In s titu t f ü r d eu tsch e S prache in M a nnh eim is t e in e a u ß e ru n iv e rs itä re F o rs ch u n g s e in rich tu n g , d ie s ich m it d e r U n ters u ch u n g des D e u ts ch en v o r a lle m in
seinen g e g e n w ä rtig e n F o rm e n und Verw endungen b e fa ß t. A u ß e r G ru n d la ge n fo rs ch u n g en
zu G ra m m a tik und W o rts ch a tz g e h ö re n zu den laufend en P ro je k te n des In s titu ts a u ch s o lche ü b e r das V erh ä ltn is v on S prache und G e s e lls c h a ft. D ie n a ch steh en d e S p ra ch u m fra g e
is t T e il d ie s e r Forschun gsbem ü hu ngen. Sie s o ll S tand punkte und M einun gen e in es g rö ß e re n
Pers on e n k re is e s m ö g lic h s t d ire k t e in e r w is s e n s ch a ftlich e n A u s w e rtu n g zu fü h ren . D ie Z e itu n g e r f ü llt in dem a n g e s tre b te n D ia lo g g e rn ih re R o lle als V e r m ittle r in .
1. Manche M itb ü rger m einen, daß sich d ie deu tsch e Sprache in b e sorg n is erreg en d er W eise
zum Schlechten ve rä n d e rt o d er schon v e rä n d ert hat. A n d e re sind d a g eg en der A u ffassung, daß sich das D eu tsch e le d ig lic h nach den sich ändernden Lebensum ständen und
Bedürfnissen d e r M enschen w e ite r e n tw ic k e lt.
W elch er d e r beiden A u ffassu n gen n eigen S ie zu?
a ) D ie Sprache v e rä n d ert sich zum S ch lech ten :
b) D ie E n tw icklung d e r Sprach e b ie te t (d e r z e it ) keinen
( )
A nlaß zur S o rg e:
( )
2. E in ige S p ra ch k ritik er bem än geln b e s tim m te Erscheinungen des d e r z e itig e n S p rach gebrauchs. Stim m en Sie k ritisch en A u ffassu n gen w ie den fo lge n d e n zu o d er nicht?
a) D ie F ä h igk eit zu a n gem essen er m ündlicher und s c h r iftlic h e r A usdrucksw eise hat
sta rk a bgenom m en, v o r a llem bei Ju gendlichen :
Ja( )
N e in ( )
b) V ie le M itb ü rg er haben keinen Sinn m ehr fü r sp rach lich e U m ga n gsform en :
Ja ( ) N ein
()
c ) B es tim m te S p rach regeln (z .B . fü r den K on ju n k tiv in R e d e w ie d erg a b en , fü r den G e brauch des G e n itiv s o d er a n derer g ra m m a tisc h er F orm en ) w erden von v ie le n M enschen n ich t m ehr b e a c h te t:
Ja ( )
N ein ( )
d) F a c h leu te drücken sich o f t auch dann u nverständ lich aus, wenn sie sich an L a ien
w enden:
Ja ( )
N ein ( )
e ) Es w erden insgesam t zu v ie le F re m d w ö rte r g eb ra u ch t:
Ja ( )
N ein ( )
f ) Vor a llem im ö ffe n tlic h e n Sprachgebrauch w ird über unangenehm e od er g e fä h r lic h e
D in ge und V orgän ge o f t m it verh arm losen d en o d er irrefü h ren d en W örtern und W endungen gesproch en :
Ja ( )
N ein ( )
g ) H alten S ie a n dere Erscheinungen des g e g e n w ä r tig e n Sprachgebrauchs fü r bedenklich ?
Ja ( )
N ein ( )
Wenn ja , w elch e?
314
3.
Haben S ie Sprachveränderungen b e o b a ch te t, d ie S ie eh er p o s itiv b e w e rte n und d ie Sie
m ö g lic h e rw e is e schon in Ihren eig e n en Sprachgebrauch übernom m en haben
Ja ( )
N ein ( )
Wenn ja , w elch e?
4.
M einen Sie, daß man über den Sp rach u nterrich t in den Schulen hinaus a u f den Sprachgebrau ch e in ze ln e r Menschen und Gruppen g e z ie lt ein w irk en s o llte , v ie lle ic h t auch
a u f d ie deutsche Sprache in sgesam t?
Ja ( )
N ein ( )
Wenn ja , w ie s o llte dies g esch eh en , und w er s o llte das tun?
5. N eben o d er a n s te lle d e r H ochsprache w erden w eiterh in M undarten g esproch en . S o llte
der G ebrau ch von M undarten Ih rer Meinung nach g e fö r d e r t w erden?
Ja ( )
N ein ( )
Ihre M einungsäußerung ist fü r uns auch n ü tzlich , wenn Sie n ich t a u f a lle F ragen ein gehen .
N u tzen S ie a ber b it t e d ie M ö g lic h k e it, Ihre J a / N e in -A n tw o rten a u f ein em geson d erten
B la tt zu erlä u tern , m öglich st auch durch B eis p iele . Da auch S p ra ch w issen sch aftler keinen
e in h eitlich e n F a c h w o rts ch a tz haben, w ählen Sie fü r d ie sp rach lich en Erscheinungen, zu
denen S ie sich äußern, d ie Ihnen g e lä u fig e n Ausdrücke.
N o tie r e n Sie a u f dem F ra g eb og en b it t e Ihr A lt e r und Ihren B eru f. D a m it w ir in E in ze lfä lle n n a ch fragen können, w ä re es gu t, wenn Sie auch Ihren N am en und Ihre A n sc h rift
o d er T e lefon n u m m e r angeben würden. D ies e Angaben w erden a u f jed en F a ll ve rtra u lic h
behandelt.
Das Ergebnis w ollen w ir jed och nicht fü r uns beh alten , zum al auch S ie ve rm u tlich daran
in te r e s s ie rt sind.
G ep lan t ist ein zusam m enfassender B erich t in d ie se r Z eitu n g. Da a b er d ie A u sw ertu ng der
A n tw o rte n e in ig e Z e it e r fo r d e r t , b itte n w ir S ie um G eduld.
Senden Sie den au sgeschnittenen und a u sgefü llten F ra g eb og en zusam m en m it Ihren
e v e n tu e lle n Erläuterungen b it t e bis sp ätestens 7. Januar 1986 an das In stitu t fü r d eu tsche Sprache - S p rach u m frage -, P o s tfa c h 5409, 6800 Mannheim 1.
[M an n h eim er M orgen, 20.12.1985:]
Eine U m fr a g e des Instituts fü r deu tsch e Sprache in Mannheim
W AS H A L T E N SIE VOM H E U TIG E N D E U TS C H ?
Jedes Ja hr ein e Tagung m it T e iln e h m e rn aus v ie le n L änd ern, a lle zw e i Jahre d ie V e rle ihung des D u d e n -P re is e s - das sind im w es e n tlic h e n d ie E reign is s e , m it denen das In s titu t
f ü r d eu tsch e S prache in M a nnh eim an d ie Ö f f e n t lic h k e it t r i t t . A n s o n s te n g e h ö rt es zu den
E in ric h tu n g e n , d ie ih re A r b e it im v e rb o rg e n e n le is te n . E ine w ic h tig e A r b e it, g i lt sie d o ch
e in e m d e r w ic h tig s te n K u ltu r g ü te r u n s e re r S p ra c h g e m e in s c h a ft: eb en d e r d eutsch en Sprach e. V or a lle m m it d e ren g e g e n w ä rtig e n F o rm e n , E n tw ick lu n g e n und Anw endungen b e s c h ä ftig e n s ic h d ie W is se n sch a ftle r in d e r M a n n h e im e r F r ie d r ic h -K a r l-S tr a ß e 12.
S ie b e o b a ch te n , re g is trie re n , fo rs c h e n - a b e r sie m ö c h te n auch e in b e zie h e n , was M en schen, d ie n ic h t v o m F a ch sind, v o n ih r e r S prache h a lte n . M enschen, d ie red en d und
s ch re ib e n d Tag f ü r Tag am leb e n d ige n S p ra ch gesch eh en te ilh a b e n , a k tu e lle V eränderungen
a u fn eh m en , annehm en o d e r ablehnen. D eshalb w en d et s ich das M a n n h e im e r In s titu t m it
e in e m K a ta lo g v on F ra gen an d ie g e s a m te B e v ö lk e ru n g - in d e r H o ffn u n g , daß m ö g lic h s t
315
v ie le e in paa r ruh ige M in u te n fin d en m ögen , um s ich zum Them a D e u ts ch zu äußern. U m
also d ie A n tw o rte n an zu kreu zen und v ie lle ic h t auch, a u f g e s o n d e rte m B la tt, e in paa r E rlä u teru n gen b e iz u fü g e n o d e r e in p a a r B e is p ie le aus d e r a lltä g lic h e n E rfa h ru n g anzu fü hren.
D ie A n tw o rte n und d ie e v e n tu e lle n E rlä u te ru n g en w erd en bis zum 7. Januar k om m end en
Jahres an d ie fo lg e n d e A n s c h r ift e rb e te n : In s titu t f ü r d e u ts ch e S p ra ch e, - "S p ra c h u m fra g e " - , P o s tfa c h 5409, 6800 M a n n h eim 1. U b e r das E rgebn is w erd en w ir n a tü r lic h b e r ic h te n , sobald d ie A u s w e rtu n g s -A rb e it d e r M a n n h e im e r W is s e n s c h a ftle r b e e n d e t ist.
[F r a g e b o g e n te x t w ie in der R h e in -N e c k a r-Z e itu n g ]
Anmerkungen
1
Siehe S tic k e l, G erhard (1984): E instellu ngen zu A n g lizis m e n , in: F e s ts c h r ift fü r S ie g fr ie d G rosse zum 60. G eb u rtstag , hrsg. v. W ern er Besch e t a l., G öppingen 1984,
279-310. Z e itu n g s te x te als Q u elle n o rm a tiv e r Sprach au ffassu ngen b en u tzt auch
S t ö tz e l, G e o rg (1986): N orm ieru n gsversu ch e und B erufungen a u f N orm en bei ö f f e n t lic h e r T h em atisieru n g von Sp ra ch verh a lten , in: Schöne, A lb r e c h t (H rsg .), A k ten des
VII. In tern a tion alen G erm a n isten -K on g resses G ö ttin g e n 1985, Bd. 4, Tübingen 1986,
86- 100.
2
B ei der Z u sam m en stellu ng h a lf m ir C onrad P la s tw ic h . D u rchgesehen wurden 791 in
den Jahren 1981 bis 1985 ersch ien en e A r t ik e l aus 176 ve rsch ied en en Z eitu n gen und
Z e its c h r ifte n , d ie ein e b r e ite re g io n a le Streuung a u fw eisen (zw is ch e n dem Flensburg e r T a g e b la tt und der N eu en Zürcher Z eitu n g). D ie T e x t e v e r te ile n sich a b er inhom ogen a u f d ie versch ied en en B la tte r : Je zehn o d er m ehr A r t ik e l sta m m ten aus z w a n z ig
Z eitu n gen , b em erk e n sw ert v ie le , v o r a llem Sprach glossen, aus D er T a g e s s p ie g e l,
B erlin (55), F ra n k fu rte r A llg e m e in e (47), D a rm s tä d ter Echo (41), N eu e Z ü rcher Z e itung (26). 104 Z eitu n gen w aren nur m it ein em o d er z w e i T e x te n v e r tr e te n .
In d e r G esam tm en g e befanden sich le d ig lic h 89 m eist g e k ü r z te L e s e r b r ie fe . U n ter
den übrigen T e x te n w aren rund 70 z .T . g e k ü r z te o d er m it K o m m en ta ren verseh en e
M eh rfach abd ru cke von A gen tu rm eld u n gen und e in ze ln en Glossen.
D er ü b erw ieg en d e T e il der T e x t e w ar aus den Jahren 1984 und 1985. A b e r auch fü r
d iese Jahre e r w ie s sich das Corpus als lü ck e n h a ft. M e h rere G lossen, K o m m e n ta re und
L e s e r b r ie fe b e zieh en sich a u f T e x t e in vorau sgegan gen en A usgaben derselb en Z eitu n g,
d ie a ber in der Sam m lung fe h lte n .
3
M eh rere der in v ie le n anderen Z eitu n g s te x ten geä u ß erten M einungen und B efü rch tungen fin den sich g eb ü n d elt in dem z e h n s eitig en S P IE G E L -A r tik e l vom 9.7 .84:
"D eu tsch - ein e Indu strienation v e r lie r t ih re S p ra ch e". M it diesem A r t ik e l s e t z t sich
e in e H e id e lb e r g e r M a g is te ra rb e it auseinander: T ra b old , A n n e tte (1985): D ie SprachV e rfa lls th e o rie im S p ie g e l d e r P resse, H e id e lb e rg (v e r v ie lf .).
4
Herrn R o th von der R h e in -N e c k a r-Z e itu n g und H errn S c h ön feld t vom M annheim er
M orgen danke ich noch ein m a l fü r ihre H ilfe .
5
Für sachkundigen R a t und t a t k r ä ft ig e H ilfe bei der S ta tis tik (R o h s ta tis tik , K r e u z ta b e llen und C h i-Q u a d ra t-T e s ts ) bin ich m einem In stitu tsk o lleg en Tobias Brückner
v e r p flic h t e t . Ihm habe ich fü r das E rfassungsschem a, d ie D a ten erfa ssu n g, d ie A n w e n dung ein es im R e ch en zen tru m des Instituts vorhandenen S ta tistik p rog ra m m s s o w ie
fü r ein e R e ih e n ü tz lic h e r H in w eise zu danken. F ehldeu tu ngen der e r m it te lte n W e rte
gehen selb s tv erstä n d lich zu m einen La sten .
316
6
D er lä n g ste K o m m en ta r u m faß t 15 en g besch rieb en e S ch reibm asch in en seiten und
sta m m t n ich t e tw a von ein em A nhänger d e r S p ra ch verfallsm ein u n g.
7
Von der g röß ten B eru fsgru ppe, den b e te ilig te n Leh rern d e r versch ied en en Schularten , ist der A n te il der Entscheidungen für d ie A lte r n a t iv e l a ) ("zu m S ch lec h te n ")
noch etw a s größ er, n äm lich 86,6% .
8
D ie nach lä n g eren Z ita te n a n gegeb en en Zah len sind Ordnungsnum m ern der F ra g eb ö g en und K o m m e n ta re.
9
Das du rch sch n ittlich e A lt e r d e r T e ilp o p u la tio n , d ie der Meinung 2 f) zu s tim m t, ist
52,7 Jahre und lie g t d a m it nur 1,6 Jahre höher als das D u rc h sch n ittsalter d e re r, d ie
a n derer M einung sind. D ies g ilt selb s tv erstä n d lich nur fü r d ie A n tw o rte n , zu denen
A lte rs a n ga b e n v o rlie g e n .
10
W egen e in ze ln e r z w e ife lh a f t e r Zuordnungen sind e in ig e Zah len nur geru n det a n g e g e ben.
11
"D ie P e s t über Ic h würde s a g e n !" (H au sfrau , 47 J., N r. 584).
12
V g l. hierzu ein e 'sch w äbisch e' M einung: " A ls g e b ü rtig e Schwäbin m ußte ich m ir im
Ausland Hochdeutsch angew öhnen, da m ich niem and verstan d . D eshalb Mundart ja ,
a b er nich t a u ssch ließ lich ." (F rem d sp ra ch en sek retä rin , 42 J., N r. 525)
13
Den Zusam m enhang zw isch en V erfallsm ein u n gen und h olistisch en Sprachauffassungen
e r ö r t e r t auch K le in , W o lfg a n g (1986): D er Wahn vom S p ra c h v e rfa ll und a n d ere M ythen, in: Z e it s c h r ift fü r L ite ra tu rw is s e n s c h a ft und Lin gu istik 62, 1986, S. 11-28.
14
A ls Phänom en der " d r itte n A r t " , d.h. w ed e r kausal noch fin a l a ngem essen zu erk lä ren , w ird Sprach veränderun g von Rudi K e lle r g e d e u te t: Zur T h e o rie des sp rachlichen
Wandels, in: Z G L 10 (1982), 1-27; s. auch K e lle r s B e itr a g in diesem Band.
15
D ie M ein u n gsverteilu n g der Schüler w eich t z .T . erh e b lic h von cen Ergebnissen der
Z eitu n gs u m fra g e ab. So sieh t d ie M ehrzahl d e r Schüler (64 ,6 % ) im U n tersch ied zu
den an der U m fr a g e B e te ilig te n (12 ,5 % ) keinen A nlaß zur S org e um d ie Sprach entw icklu ng. D ies sp rich t d afü r, daß d ie B ew ertu n g von Sprach veränderun gen a lte rs s p e z ifis c h ist. Pla u sib el ist dies schon deshalb, w e il 16- bis 2 0 -jä h rig e M enschen im
V e r g le ic h zu den m eist erh eb lich ä lte re n an der Z eitu n g s u m fra g e B e te ilig te n kaum
Veränderungen des Sprachgebrauchs b eobach ten konnten. A b w eich u n gen g ib t es auch
bei den A n tw o rte n zu ein igen d e r anderen F rag en . Da a b er m it den Schülern g e schlossen e, r e la t iv h om ogen e Gruppen g e fr a g t w urden, eign en sich ih re A n tw o rte n
nur sehr ein gesch rän k t als K o n tr o ll- od er K o n tra std a te n zu den Ergebnissen der
o ffe n e n Z eitu n gs u m fra g e.
16
D ie F ra g e ein er e v e n tu e lle n A u sw eitu n g o d er W iederholung d e r U m fr a g e w urde
w ährend d e r Jahrestagu ng des IDS k o n tro v ers d is k u tie rt. Für ein e W iederholung
nach e in ig e r Z e it p lä d ie r te W ern er Abrah am (U n iv. G ron in gen ). D a das Ergebnis
d e r ein m a lig en U m fr a g e " a lle n fa lls in tu itive n W e rt" habe, könne es nur durch ein e
G eg en p rob e m ethod isch hinreichend g e s ic h e rt w erden . M e h rere andere Diskussionste iln e h m e r v e r tr a te n d ie A n sich t, daß durch d ie F orm u lieru n g d e r F ragen und d ie
Anordnung der A n tw o r tm ö g lic h k e ite n v o rw ieg e n d M enschen m it n e g a tiven Sprach ein stellu n gen angesprochen w ürden. H arald W einrich (U n iv. M ünchen) schlug vo r, ans t e lle ein es F ra g eb o g en v erfa h ren s, das n e g a tiv e E in stellu ngen begü n stige, V erfah ren
zur F örderu ng ein es p o s itiv e n Sprachbew ußtseins zu w ählen. Ein solch es V erfah ren
sei e tw a , d ie B e te ilig te n zu erm u tig en , p o s itiv e S p rach erleb n isse zu erzä h len :
"Sprachbew ußtsein in G es ch ic h ten ".
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