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innovative - Nordelbisches Frauenwerk - Nordkirche

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innovative
25
innovative
Zeitschrift
des Nordelbischen
Frauenwerkes
Nr. 25
Dezember 2011
- Mai 2012
Dorothee-Sölle-Preis für aufrechten Gang
Nur 7 % MwSt für Kinderartikel
Was wäre die Reformation ohne die Frauen?
Auf den Spuren unserer Kleidung
Fasten nach Hildegard von Bingen
Passionsbuchprojekt „Leidenschaftlich“
innovative
Inhalt | Impressum
2
Inhalt
Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
Von Frauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Editorial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
Hintergrund
Behindert? Verletzte Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
Anstoß
Und: Was haben Sie so gemacht in Ihrer Sabbatzeit? . . . . . . . . . . . . . 4
Projekte/Aktionen
Nur 7% für Kinderkleidung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
Hebammen-Protest . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
Alternativen … Frauensichten auf den Finanz- und Eurocrash . . . . . 6
Leidenschaftlich. Sieben Wochen das Leben vertiefen . . . . . . . . . . . 7
Steht auf für Gerechtigkeit. Weltgebetstag aus Malaysia . . . . . . . . . . 8
Vertrauen wächst durch den Dialog – das transkulturelle
und interreligiöse Lernhaus der Frauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Von der Konsum- zur Care-Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
Ernährungsbildung und Prävention von Essstörungen . . . . . . . . . . . 11
Gegen Burnout . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
GODE TIED genießen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
Lebensübergänge begleiten – Rituale in der Natur . . . . . . . . . . . . . . . 12
Auf den Spuren unserer Kleidung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
Verabschiedung von Gundula Döring . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
10 Jahre Trotz-allem-Gottesdienste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
innovative
Interview
mit Barbara Schmodde, Kommunikationstrainerin:
„Es macht mich immer wieder neugierig,
mit Menschen zu arbeiten“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
25
innovative 25
Zeitschrift des
Nordelbischen Frauenwerkes
Dezember 2011 - Mai 2012
(Redaktionsschluss: 1. Oktober)
Herausgeberin
Nordelbisches Frauenwerk
Kerstin Möller, Leiterin
Gartenstraße 20
24103 Kiel
Fon 0431 - 55 779 100
Fax 0431 - 55 779 150
Frauenwerk@ne-fw.de
www.ne-fw.de
Aus den Frauenwerken
Aufgestockt! Beratung für Müttergenesungskuren . . . . . . . . . . . . . . . 21
Frauenfußball spezial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Aufbruchsstimmung … und wie es weiter geht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
Sanftes Fasten nach Hildegard von Bingen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
Gesichter der Armut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
Jubiläum der Frauen Sinnstiftung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
Wie geht das mit dem Umkehren? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
Was wäre die Reformation ohne die Frauen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
Frauen-News . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Buch-Tipps
Mystik + Frauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Pilgern als innere Haltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Chancen des Alterns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
Wertvolle Impulse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
Und außerdem
Dorothee-Sölle-Preis verliehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
Oikocredit. Stolz geben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
Die Rückseite
Programm 2012 des Nordelbischen Frauenwerkes . . . . . . . . . . . . . 32
Verantwortlich, Konzept und Redaktion
Annette von Stritzky, Fon 0431 - 55 779 105, avonstritzky@ne-fw.de
Die Redaktion behält sich vor, Manuskripte redaktionell zu bearbeiten, evtl. auch zu kürzen. Die innovative erscheint i.d.R. im Juni und
Dezember.
Nachdruck mit Quellenangabe und Belegexemplar gern gestattet.
Gestaltung und Illustrationen
Susanne Adamek, Kommunikation & Design
Titelfoto Weltgebetstag der Frauen – Deutsches Komitee e. V.
Sekretariat Bärbel Rimbach
Auflage 10.000 Exemplare
Druck www.druckzentrum-neumuenster.de, gedruckt auf chlorfrei
gebleichtem Papier, Rohstoff aus nachhaltiger Forstwirtschaft
Redaktionsschluss für die inno 26: 15. März 2012
innovative
Editorial / LeserInnen-Forum
Liebe LeserInnen,
Muße, Aufbruchsstimmung, Pilgern als Lebenshaltung, sanftes
Fasten, leidenschaftlich die Passionszeit erleben, für Gerechtigkeit
aufstehen, im Dialog voneinander lernen, Gottesdienste gegen
Gewalt an Frauen, den ersten Dorothee-Sölle-Preis, Jubiläen und
vieles mehr finden Sie in dieser innovative Nr. 25.
Außerdem laden Kerstin Möller, Leiterin des Nordelbischen Frauenwerkes, und ich Sie herzlich ein: Am 15. Juni 2012 feiern wir mit der
innovative „silbernes“ Jubiläum. 25 Ausgaben sind ein guter Grund
für ein Fest. Feiern Sie mit uns, mit allen, die die innovative produzieren, mit allen, die schreiben und geschrieben haben, mit denjenigen, die das Layout entwickelt haben und immer wieder neue Akzente
setzen, mit denjenigen, die drucken, mit dem Redaktionsteam und
mit uns allen aus dem Nordelbischen Frauenwerk. Werfen Sie einen
kleinen Blick hinter die Kulissen.
Überraschungen wird es geben: Den ultimativen inno-Cocktail,
Musik, Kulinarisches, das innovative Rätsel, Lustiges und Humorvolles – Gespräche mit netten Leuten sind garantiert! Annette Hillebrand, Direktorin der Akademie für Publizistik (Hamburg), hat bereits
ein Grußwort zugesagt.
Foto: Nordbild
3
Wir wollen uns bei Ihnen, die für die innovative arbeiten und bei denjenigen, die sie lesen und verbreiten, bedanken! Die Vorbereitungen
sind noch längst nicht beendet, aber einladen möchten wir Sie
schon jetzt sehr herzlich zu einem Fest an einem hoffentlich lauen
Sommernachmittag! FR, 15. Juni, 16 - 19 Uhr in Kiel. Anmeldungen
erbitten wir unter 0431 – 55 779 112.
Alles Gute beim Lesen!
Ihre
Annette von Stritzky
Glückwunsch
Von all den Publikationen, die ich bekomme,
nehme ich die innovative besonders gerne in
die Hand. Ich finde sie: Sehr schön aufgemacht,
klasse gegliedert, schlau im Layout und voller
interessanter Informationen. Es ist eine starke
Visitenkarte des Frauenwerkes schon bevor
frau sich dem Inhalt zuwendet. Und dann freue
ich mich erst recht: Gute und engagierte Themen, Initiativen, Reise-Erkundungen, Beziehungsarbeit in der Nordkirche; pfiffige Titel
und brisante Themen, z.B.: Nachhaltige Ökonomie in Gesellschaft und Kirche, interreligiöser Wagemut und Feministische Theologie
und Spiritualität.
Schade, dass Frau nicht überall mitmachen
kann. Glückwunsch zur innovative von einer
begeisterten Leserin – weiter so!
Bärbel Wartenberg-Potter
Bischöfin i. R., Lübeck
Stärkend
Hier meine ganz konkrete positive Rückmeldung, damit ich mich nicht nur still für mich
freue, wie stärkend und hilfreich immer wieder
Beiträge in Ihrer Zeitung sind. In der Innovative
24 sprachen mich der ‚Anstoß‘, der ‚Hintergrund‘, der Buch-Tipp „Haltung zeigen“ (alles
von Gundula Döring) und das Interview besonders an. Danke, dass ich immer noch in Ihrem
Verteiler bin, obwohl ich schon vor einiger Zeit
von Hamburg weggezogen bin. Die Verbindung halten, tut gut.
Ich wünsche eine fröhliche Weihnachtszeit und
frohes Schaffen! Liebe Grüße aus Wunstorf,
Dr. Barbara Spengler
­
bAusschreibung
Bei uns ist die Stelle der stellvertretenden Leiterin und Theologischen
Referentin des Nordelbischen Frauenwerks mit einer Pastorin zu besetzen.
Die Stellenausschreibung findet sich
im Gesetz- und Verordnungsblatt
(November) und unter www.ne-fw.de.
Gern schicken wir sie auf Nachfrage zu.
Bewerbungsfrist: 31. Dezember 2011.
bSchreiben Sie uns
Wir freuen uns, wenn wir von Ihnen hören
– schreiben Sie uns Anregungen, Fragen,
Wünsche, Rückmeldungen zur innovative –
einfach so!
bSpenden
Sie bekommen die innovative kostenlos –
wir freuen uns über jede Spende:
Nordelbisches Frauenwerk, „innovative“,
EDG Kiel, Kto. 10 740, BLZ 210 602 37.
Einen herzlichen Dank allen SpenderInnen!
Sie finden die innovative auch unter www.ne-fw.de
innovative
Anstoß
4
Und: Was haben sie so gemacht in ihrer Sabbatzeit?
Diese Frage wurde mir unzählige Male gestellt. Meine Antwort
war in der Regel: „Nichts.“ Das war dann manchmal ein bisschen wie
bei Loriot. Oder es gab hochgezogene Augenbrauen oder ein mitleidiges: „Ach ja, Sie waren bestimmt auch ziemlich erschöpft …“. Aber
es gab auch das Andere: Viele Menschen, die sich mit mir gefreut
haben und sich für sich selbst auch so eine Zeit gewünscht haben:
Sabbatzeit.
Mein Bild und Vorbild zum Thema „Nichts“ ist Rahel Varnhagen geworden, die am 11. März 1810 eben diese Frage in ihrem Tagebuch
notiert: „Was machen Sie?“ Und ihre Antwort: „Nichts. Ich lasse das
Leben auf mich regnen.“ Auch dazu gab es in diesem Sommer
reichlich Gelegenheit.
Sabbatzeit. Auszeit. Drei Monate: Juni, Juli, August, ungefüllt. Freiraum. Eine solche Sabbatzeit löst im Vorfeld bereits eine Menge
Gedanken, Träume, Ideen und Sehnsüchte aus. Doris Voigt schreibt
in Ihrem Buch über ihre Sabbatzeit: „Sie erscheint … wie eine magische Zeit der großen Freiheit, in der all das endlich gelebt werden kann, was sonst im Alltag untergeht.“
Ganz schnell kann darin ein neuer Leistungsstress entstehen,
diese so einmalige Zeit möglichst gut zu füllen. Schließlich wird
man sie so schnell nicht wieder bekommen, vielleicht nie wieder. Eine
Dynamik kriecht hoch, die unseren Alltag schon sehr durchdrungen
hat. Der Drang, alle Dinge und damit auch die Zeit nur im Blick auf
ihre Verwertbarkeit und Nutzbarkeit hin anzusehen. Ich muss doch
am Ende einer solchen Zeit etwas Überzeugendes vorzeigen oder
zumindest berichten können, eine einleuchtende Antwort haben auf
jene Frage: „Was haben Sie denn mit Ihrer Zeit gemacht?“
Darüber kann leicht das wohl Wichtigste dieser Zeit in Vergessenheit
geraten: Das Loslassen, sich aus der Hand geben, die Kontrolle
und Planung abgeben und schauen, was passiert. Das Leben einfach kommen lassen, offen sein, das Nichtstun lernen. Die Zeit zu-
rücklegen in die Hände, aus der wir sie empfangen: In Gottes Hände.
In Psalm 31, Vers 16 heißt es: Meine Zeit steht in deinen Händen,
Gott. Oder wie die ÜbersetzerInnen der Bibel in gerechter Sprache
formulieren: In deiner Hand ruht meine Zeit.
Meine Sabbatzeit hat mir vor Augen geführt wie sehr ich im Alltag
gefangen bin in einem System, dass mir, dass uns die Vorstellung
suggeriert, wir hätten die Macht über die Zeit, alles wäre nur eine
Frage der Organisation, oder modern gesprochen des Zeit- und Selbstmanagements. Irgendwie ist alles machbar, schaffbar. Dabei wissen
wir doch eigentlich ziemlich genau, dass Zeit nicht wirklich verfügbar und schon gar nicht verlängerbar ist. Welche ist unter
euch, die ihres Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr
sie sich auch darum sorgt? (Matthäus 6, 27)
Zeit nicht besitzen, sondern immer wieder neu empfangen, aus
Gottes Händen. Und dann auch die Zeit immer wieder ganz bewusst
in Gottes Hände zurücklegen. Mit Unterbrechungen leben dürfen
und können, das – so meine Erfahrung in der Auszeit – ist ein
großer Reichtum, ein Geschenk. Es ist Leben in und unter der Verheißung des biblischen Sabbatgedankens.
Die Erfahrungen sind nicht leicht in Worte zu fassen. Das Leben wurde
in einem ganz besonderen Sinne scheinbar zielloser, weil ich nicht
planen musste, darauf vertrauen konnte, dass die Ziele mich holen …
– und sie haben es getan. Es ist als ob in der Sabbatzeit eine langsame, fast unmerkbare Bewegung in mir begonnen hat: Genauer
wahrnehmen, bewusster mit den Ressourcen umgehen. Wichtigkeiten verändern sich, Achtsamkeit wächst.
In deiner Hand ruht meine Zeit. Allein das, die Vorstellung, dass
Zeit nicht rennt, gefüllt oder gerechtfertigt werden muss, sondern ruht, ruhen kann, ja vielleicht soll. Allein das … Das ist einer
dieser Sabbatfäden, an denen ich festhalten möchte, denen ich
Raum und Zeit verschaffen möchte mitten in meinem Alltag.
Kerstin Möller
Lass mich langsamer gehen, Gott.
Entlaste das eilige Schlagen meines Herzens
durch das Stillwerden meiner Seele.
Lass mich die Zauberkraft des Schlafes erkennen.
Lehre mich die Kunst des freien Augenblicks.
Teil eines Gebets aus Südafrika
5
innovative
Projekte | Aktionen
Nur 7 % für Kinderkleidung Hebammen-Protest
Warum zahlen wir für Kinderkleidung 19 % Mehrwertsteuer, für Hundefutter, Hotelübernachtungen, Reitpferde
und Blumen 7 %?
Diese Frage führte zu einer bundesweiten Kampagne für einen reduzierten Mehrwertsteuersatz für Produkte und Dienstleistungen
für Kinder. Für uns in der Kirche sind Kinder Geschenke Gottes.
Dass sie gut und gesund aufwachsen können, liegt nicht nur in der
Verantwortung der Eltern, sondern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Eltern tragen neben der Verantwortung für die Kinder auch die nicht geringen Kosten. Als Kirche bekümmert es uns,
dass sich Kinderarmut in unserem reichen Land immer weiter
ausbreitet. Deshalb beteiligen wir uns an der ‚Aktion 7 % für Kinder‘. Die Reduzierung der Mehrwertsteuer von 19 % auf 7 % für
Produkte und Dienstleistungen für Kinder würde Familien finanziell
entlasten. Läge die Mehrwertsteuer für Kinderbekleidung, Schulbedarf, Spielzeug und Co. bei 7 %, hätten die Familien in Deutschland im vergangenen Jahr 950 Mio. € gespart.
Wir, die Fachstelle Familie, das Nordelbische Jugendpfarramt, das
Nordelbische Frauenwerk, das Nordelbische Männerforum, der
Verband Evangelischer Kindertageseinrichtungen in SchleswigHolstein e. V. und der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt, rufen
dazu auf, sich an der Kampagne zu beteiligen. Unterschriftenlisten
– online oder zum Ausdrucken – gibt es unter www.7fuerKinder.
de. Nähere Auskünfte zur Aktion in Nordelbien gibt die Fachstelle
Familie der Nordelbischen Ev. - Luth. Kirche: 0431 – 55 779 145,
mbaumgarten@kirche-familien.de.
Da die Bundesregierung eine Arbeitsgruppe eingesetzt hat, die ein
neues Konzept für die Reform der Mehrwertsteuer erarbeiten soll,
können wir das Ergebnis mit unseren Unterschriften, die PolitikerInnen übergeben werden, beeinflussen. Die Reduzierung der
Mehrwertsteuer wäre ein Zeichen für Familienfreundlichkeit in
unserem Land und könnte Familien nachhaltig unterstützen.
22.193 Unterschriften kamen in nur einem Monat zusammen!
Vor einem Jahr, in der innovative Nr. 23, hat die Nordelbische Kirche
zusammen mit den Hebammenverbänden Hamburg und Schleswig-Holstein aufgerufen zur Unterschriftenaktion für Hebammen.
Die Aktion stand unter dem Motto
1 Verlobter
3 Könige
Gold, Myrrhe und Weihrauch
1 Engel
1 Stern
Mehrere Nutztiere
Die himmlischen Heerscharen
1 lieber Gott
Und wer hilft bei der Geburt Ihres Kindes?
Am 5. Mai gab es als Abschluss des 3-tägigen Hebammenstreiks
eine Kundgebung mit Protestmarsch zum Landeshaus, an dem
auch Bischofsbevollmächtigter Gothart Magaard und für die Kirchenleitung Annette Pawelitzki teilnahmen.
Am 30. Mai übergaben in Berlin Margret Salzmann, Vorsitzende des
Hebammenverbandes Schleswig-Holstein, und Gothart Magaard die
Unterschriften dem ehemaligen Gesundheits- und jetzigen Wirtschaftsminister und Vorsitzenden der FDP, Dr. Philipp Rösler, und
machten auf die schwierige Lage der freiberuflichen Hebammen aufmerksam. Der Minister sicherte zu, dass das Bundesgesundheitsministerium sich um die wirtschaftliche Situation der Hebammen kümmern werde. Seitdem wartet man/frau auf Verbesserungen.
Durch die überdimensional gestiegenen Prämien zur Berufshaftpflicht ist die Versorgung – besonders im ländlichen Raum – durch Hebammen nicht mehr gesichert. Ein Drittel der freiberuflich geburtshilflich tätigen Hebammen musste diese Tätigkeit bereits aufgeben, weil sie von ihrem Einkommen nicht mehr leben können.
Annette von Stritzky
Fotos : Dorothea Frauböse
Margit Baumgarten
innovative
Projekte | Aktionen
6
Alternativen …
Frauensichten auf den Finanz- und Eurocrash
Die 60 TeilnehmerInnen des Fachtags „Frauensichten auf den
Finanz- und Eurocrash“, (veranstaltet vom Ev. Frauenwerk Altholstein, der Ev. Frauenarbeit Plön-Segeberg und dem Nordelbischen
Frauenwerk in der Kieler Landesbibliothek) lauschten fasziniert den
Ausführungen der taz-Wirtschaftskorrespondentin Ulrike Herrmann.
„Der Euro muss gerettet werden“ lautete deren zentrale Aussage.
Überraschend war die positive Sichtweise der taz-Journalistin auf
Bundeskanzlerin Angela Merkel, der der Ernst der Lage bewusst
sei, die aber mit inkompetenten PolitikerInnen in CDU und FDP zu
kämpfen hätte. Die Staatsschulden Griechenlands seien keine unmittelbare Folge der Finanzkrise (2008) und auch nicht spekulationsbedingt, sondern ein Konstruktionsfehler des Euro. Nicht bedacht habe man bei der Euroeinführung, dass es für Länder ökonomisch sei, sich in anderen Euroländern zu einem Zinssatz zu
verschulden, wenn dieser unterhalb der Inflationsrate des eigenen Landes liegt. Genau das hat Griechenland gemacht. Es bleibe
den anderen Euroländern und vor allem Deutschland nun nichts anderes übrig, als zu zahlen. Deutschlands Anteil bezifferte Herrmann
auf 50 Mrd. €. Die Alternative sei ein großer Crash, der die Regierungen zwinge, das Finanzsystem mit 500 Mrd. Euro zu stützen,
wolle man die Gelder in der privaten Altersvorsorge und in Lebensversicherungen schützen.
gen die Gier. Sie verdeutlichte dieses u. a. an der Geschichte vom
Manna in der Wüste. Die Pointe besagt, dass es nicht um das Anhäufen von möglichst viel geht, sondern um Vertrauen, dass genug
für alle da ist.
Wichtig sei, dass Deutschland seine Exportüberschüsse herunterfahre und seine vergleichsweise niedrigen Löhne anhebe. Denn unsere Überschüsse sind gleichzeitig die Defizite anderer Länder.
Eurobonds, die gemeinsame Staatsanleihe für den Euroraum, seien
ein wichtiger Schritt zur Vollendung der Währungsgemeinschaft.
Wenn alle gemeinsam haften, sinken die exorbitanten Zinsen für die
hoch verschuldeten Staaten.
Die Teilnehmerinnen formulierten zum Schluss Werte, die ihnen
wichtig sind für „Wirklich Wichtige Wertpapiere“: BankerInnen,
ManagerInnen, PolitikerInnen sollen zur Verantwortung gezogen
und in Haftung genommen werden. Sie wollen „aktiv werden in sozialen Netzwerken, in der Politik sich einschalten, durch Eingaben,
durch LeserInnenbriefe“. Sie forderten eine Wertediskussion über
unbezahlte, schlecht bezahlte soziale Arbeit, zu hoch bezahlte Arbeit von BankerInnen und Lohndumping Deutschlands gegenüber
andern Ländern sowie ein Grundeinkommen für alle. Schon jetzt
können alle „zu alternativen Banken wechseln und andere dazu ermutigen! Weitersagen!!“
Zum Schluss stellte Antje Schneeweiß, bundesweite Fachfrau
für nachhaltiges Geldanlegen, die Möglichkeiten vor, die wir als
BankkundInnen haben. Sie forderte auf, Konten bei Genossenschaftsbanken, der sozialökologischen GLS-Bank u. a. zu halten.
Wer etwas übrig hat, kann sich direkt an nachhaltig wirtschaftenden
Firmen beteiligen und Geld so gezielt in den ökologischen Umbau
der Wirtschaft lenken. Ethisch orientierte Investmentfonds seien
nach den Ausschlusskriterien, z. B. Atomkraftwerke, oder mit der
Frage, wer im Beirat ist, zu beurteilen.
Waltraud Waidelich
„Die Staatsschulden Griechenlands
seien keine unmittelbare Folge der
Finanzkrise (2008) und auch nicht
spekulationsbedingt, sondern
ein Konstruktionsfehler des Euro.“
Waltraud Waidelich
Fotos: Bärbel Rimbach
Spannend wurde es, als die Theologin Ulrike Sals die biblischrabbinischen Texte auf ihre Antworten zur Schuldenkrise befragte. Da war der Pfandschutz, der besagt, dass Arme etwas behalten sollen und der/die Verzichtende gesegnet wird – vielleicht ein
Hinweis, den von Sparpaketen geplagten GriechInnen einen Teil der
Schulden zu erlassen. Ulrike Sals setzte das Prinzip des Genug ge-
Interessant war auch das Erlassjahr. Alle 50 Jahre fällt unfreiwillig
verkaufter Besitz an den ursprünglichen Besitzer zurück. So soll völlige Verarmung verhindert werden und die Erinnerung daran wach
gehalten werden, dass das Land letztlich Gott gehört. Das wäre
doch ein wirksames Steuerungsinstrument zur Veränderung wirtschaftlichen Verhaltens. Es könnte den Griechen später helfen, die
jetzt verkauften Inseln und Häfen wieder zu bekommen.
7
innovative
Projekte | Aktionen
Leidenschaftlich
Sieben Wochen das Leben vertiefen
Passionszeit-Projekt des Arbeitskreises der
Theologinnen in den Frauenarbeiten – zum Thema
Feministische Ekklesiologie.
Wir saßen zusammen in Hofgeismar, Theologinnen aus der Frauenarbeit aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands und sprachen
über uns und über die Kirche, in der wir arbeiten. Über uns in dieser
Kirche. Wo sind wir leidenschaftlich dabei – wo verlieren wir uns
in Strukturfragen und immer neuen Ansprüchen und Erwartungen?
Können wir das, was uns theologisch wichtig geworden ist, einbringen in diese Kirche? Oder nur in die „Nischen“ der Frauenarbeit? Es wurde ein langes Gespräch. Einmal im Jahr führen wir es
weiter, zusammen mit dem Frauenstudien- und –bildungszentrum
der EKD, vertreten durch Claudia Janssen, und den Evangelischen
Frauen in Deutschland, vertreten durch Katharina Friebe.
„Mir fällt es immer wieder schwer, wenn ich in der Passionszeit in einen Gottesdienst gehe, und dann merke, wie – besonders in den alten Liedern – das Verständnis einer Passionstheologie vorherrscht,
in der die alte Sühnopfertheologie immer noch weiter verbreitet
wird. Ich würde so gern, dass wir Passion anders verstehen lernen“,
so eine Teilnehmerin unserer Runde. Passion – das heißt ja nicht
nur Leiden, das heißt auch Leidenschaft. Können wir die Passion
Jesu als Leidenschaft für das Leben verstehen? Und die Passionszeit als eine Einübung in diese Lebenshaltung? So wurde die
Idee zu einem „Passionsprojekt“ der Frauenarbeiten geboren.
Entstanden ist daraus ein kleines Buch, eine Wegbegleitung durch
die sieben Wochen der Passionszeit: „Leidenschaftlich. Sieben Wochen das Leben vertiefen“.
Anknüpfend an die alte Tradition der Wochensprüche will es inhaltlich neue Wege beschreiten. Einsichten der feministischen Theologie und der neueren Bibelwissenschaft sind die Basis, auf der
die Autorinnen ihre Gedanken und Assoziationen zu Leiden,
Tod, Sterben und Auferstehung formulieren.
Wer das Buch für sich Tag für Tag liest, hat ebenso Gewinn, wie die,
die sich nur einzelne Texte vornehmen und sie mit einer Gruppe bedenken. Das Buch will keine fertigen Richtigkeiten präsentieren,
sondern Anstöße geben zum eigenen Meditieren, Nachsinnen,
Weiterdenken. Präses Nikolaus Schneider schreibt in seinem Geleitwort: „Die Texte dieses Buches helfen, sprachfähig zu werden.“
Sprachliche, bildliche und musikalische Impulse begleiten auf einer
Entdeckungsreise durch die Passionszeit.
Herausgeberinnen sind Katharina Friebe (EFiD: Evangelische Frauen in Deutschland e.V.), Prof. Dr. Claudia Janssen (Frauenstudienund -bildungszentrum in der EKD / Comenius-Institut), Karin Lindner
(Evangelische Frauen in Württemberg) und Prof. Dr. Silke Heimes
(Institut für Kreatives und Therapeutisches Schreiben), in Zusammenarbeit mit Annegret Brauch, Gundula Döring, Helene DommelBeneker, Antje Hintze, Barbara Kohlstruck, Magdalena Möbius, Ute
Niethammer, Cornelia Radeke-Engst, Anne Rieck, Andrea Wöllenstein.
Das Buch (160 Seiten, gebunden mit Lesebändchen) erscheint 2012
im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen und kostet € 14,95.
Am 22. Februar 2012 wird es in der Marktkirche Hannover der Öffentlichkeit vorgestellt.
Gundula Döring
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Projekte | Aktionen
innovative
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Steht auf für Gerechtigkeit
Weltgebetstag 2012 aus Malaysia
Malaysia – das steht für Gegensätze, Kulturen und Religionen,
die nebeneinander leben. So setzt sich die Bevölkerung aus MalayInnen, Menschen chinesischer Abstammung, Menschen aus indigenen Völkern, aus InderInnen und anderen zusammen. Rund 60 %
der MalayInnen gehören zum Islam (Staatsreligion). Andere EinwohnerInnen gehören dem Christentum, Buddhismus, Hinduismus
und traditionellen Religionen an. Malaysia kämpft hart, um sich vom
Schwellenland in einen modernen Staat zu verwandeln.
Der Weltgebetstag (WGT) steht unter dem Motto „Steht auf für Gerechtigkeit“ – eine Aufforderung an uns alle, nicht länger die Augen
vor Ungerechtigkeit zu verschließen und sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Auf Ungerechtigkeiten weisen die Frauen aus Malaysia
immer wieder in der Gottesdienstordnung hin. So berichten sie von
der Menschenrechtsaktivistin Irene Fernandez, die sich seit
Jahren in ihrer Basisorganisation „Tenaganita“ (Frauenkraft) für
MigrantInnen einsetzt, die als Hausangestellte ausgebeutet werden. Malaysia ist das größte Zielland für ungelernte MigrantInnen im
südostasiatischen Raum. So wird ungefähr ein Drittel der Arbeitskraft in Malaysia durch Menschen mit Migrationshintergrund gestellt. Bis zu einer halben Million Menschen dieser Gruppe arbeiten
als Hausangestellte, oft ohne Verträge, ohne geregelte Arbeitszeiten,
ohne Mindestlohn und ohne soziale Absicherung.
Viele Hausangestellte arbeiten rund um die Uhr an sieben Tagen in
der Woche und erhalten dafür nur einen geringen Monatslohn. Oft
müssen davon die Schulden beglichen werden, die durch die
Arbeitsvermittlung entstanden sind. Für die Opfer dieser modernen Form der Sklaverei arbeitet „Tenaganita“. So kämpft die Organisation beispielsweise für einen freien Tag in der Woche oder bietet
Kurse an, in denen sich die Hausangestellten über ihre Rechte informieren und austauschen können. Für Irene Fernandez bedeutet
Gerechtigkeit: „Der Schutz der Rechte und der Würde aller Völker.
Denn alle Menschen wurden als Ebenbild Gottes geschaffen.“
Die Menschen- und ArbeitnehmerInnenrechte von Hausangestellten
werden aber nicht nur in Malaysia, Südafrika, Brasilien oder anderen
Ländern oft nicht beachtet, auch bei uns in Deutschland befinden
sich Hausangestellte häufig in schwierigen Situationen. So ist der
Bedarf an Hausangestellten, die pflegerische Tätigkeiten übernehmen, aufgrund des demografischen Wandels sehr groß. Die Zahl
der nicht gemeldeten Hausangestellten wird auf 4 Mio. geschätzt.
120.000 Frauen aus Osteuropa arbeiten als nicht gemeldete Pflegekräfte in deutschen Privathaushalten. Aus Unwissenheit unterschreiben viele von ihnen Knebelverträge, die ihnen von Agenturen
in ihren Heimatländern aufgezwungen wurden. Viele wissen nicht,
dass sie auch legal arbeiten können und welche Rechte ihnen als
Arbeitnehmerinnen zustehen. Falls Sie vorhaben eine Hausangestellte anzustellen oder dies schon tun und unsicher sind, wie
Sie vorgehen sollen, können Sie sich auf dieser Website informieren: www.faircare-diakonie.de
Seit vielen Jahren schon unterstützt die Projektförderung des Deutschen WGT-Komitees Anträge, die die Rechte von Hausangestellten
fördern und unterstützen. Mit dem Thema „Steht auf für Gerechtigkeit“ stellt der WGT 2012 das Empowerment (Stärkung) von
Hausangestellten weltweit in den Mittelpunkt. Neben Projekten
in Peru, Paraguay, Hong Kong und Mali, fördert der WGT ab 2012
auch „Tenaganita“, die mit einer landesweiten Kampagne das gesellschaftliche Bewusstsein fördern wollen.
Julia Lersch
Fotos: Weltgebetstag der Frauen – Deutsches Komitee e. V.
Wir nähern uns dem nächsten Weltgebetstagsland:
Im März 2012 feiern die Frauen aus Malaysia ihren
Gottesdienst mit Menschen überall in der Welt.
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innovative
Projekte | Aktionen
Vertrauen wächst durch den Dialog
Das transkulturelle und interreligiöse Lernhaus der Frauen
Stimmen und Lachen schwirren durch den Raum. P. hat anlässlich
des Ramadanendes eingeladen und für uns gekocht. Auch alle anderen haben etwas zum Buffet beigesteuert. Neben Couscous und
orientalischen Süßigkeiten finden sich Obstquark und Brezeln. Die
Tischgespräche kreisen um Persönliches und um politische Themen, Vertrautheit und Respekt im Miteinander sind zu spüren.
Dies ist nicht selbstverständlich, sondern das Ergebnis einer längeren Entwicklung.
Gut ergänzt wurde das Dialogtraining durch ein Seminar zur Biographiearbeit. Das Erzählen von eigenen Erfahrungen in einem geschützten Raum schafft Vertrauen. Gemeinsamkeiten können entdeckt werden, die z. B. eine Frau, die in Albanien aufgewachsen ist,
mit einer Frau, die in Deutschland lebt, verbindet. Unterschiede, die
zunächst befremdlich erscheinen, können wertgeschätzt werden.
Höhepunkt war ein „Museum der Erinnerungen“, in dem jede Frau
einen Gegenstand mitbrachte und ihre Geschichte dazu erzählte.
Vierzehn Frauen mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln haben im März 2011 einen spannenden und intensiven Lernprozess
miteinander begonnen. Ein Jahr lang nehmen sie an der Fortbildung „Transkulturelles und interreligiöses Lernhaus der Frauen“
teil. Unterschiede bewusst wahrzunehmen, sie zu respektieren und
konstruktiv damit umzugehen steht im Mittelpunkt des Lernhausprogramms. Es bedeutet, sich miteinander auf einen Weg zu machen, auch Hindernissen nicht aus dem Weg zu gehen und sich auf
Unterschiedlichkeit, die keineswegs nur im Kulturellen deutlich wird,
einzulassen. Das Erlernen von Methoden und Grundwissen über
andere Religionen und Kulturen unterstützen diesen Prozess. Die
Teilnehmerinnen entscheiden selbst, welche Schwerpunkte sie setzen möchten, Partizipation ist ein Grundgedanke des Lernhauses.
Aus der Biographiearbeit entwickelte die Gruppe das Thema „Werte“
und beschloss, einen Vertreter der Stiftung Weltethos einzuladen.
Die Frage, welche Werte das Zusammenleben in unserer Gesellschaft bestimmen sollen und wie interkulturell das sein kann, ist
hochaktuell. Das Projekt Weltethos will eine mögliche Antwort darauf geben, indem es ein Bewusstsein für ein allen Kulturen und
Religionen gemeinsames Ethos als einem kleinsten gemeinsamen Nenner schaffen möchte. Dieser besteht in der „Goldenen
Regel“: „Behandle andere Menschen so, wie du selbst behandelt
werden möchtest.“ Sie setzt beim einzelnen Menschen an und überzeugt durch ihre Einfachheit und Universalität. Sie kann in vielen Praxisfeldern angewandt werden, in Schulen ebenso wie in der globalen Wirtschaft, in der Familie wie in der Debatte um Organspenden.
Wie wir aus Kommunikationsstrukturen herauskommen können,
in denen es hauptsächlich darum geht, wer sich mit seiner Meinung durchsetzt und wie wir stattdessen in einen echten Dialog
miteinander eintreten können, war Thema des ersten Seminars.
Die Dialogidee lehnt sich an den jüdischen Religionsphilosophen
Martin Buber an. Für ihn findet Dialog dort statt, wo sich Menschen
einander mit ihrem ganzen Wesen „wahrhaftig“ zuwenden. Respekt,
empathisches Zuhören, erkundendes Fragen sind daher wichtige
Dialogregeln. Dinge, die selbstverständlich scheinen und doch im
Alltag oft schwer umzusetzen sind. Mit Übungen konnte die Gruppe
ihre Sensibilität schärfen.
Weitere Themen, mit denen sich die Gruppe noch auseinandersetzen möchte, sind Konzepte von Sterben und Tod sowie von Krankheit und Gesundheit in unterschiedlichen Kulturen. Am Schluss der
Fortbildung wird ein öffentlicher Workshop am 28. Januar 2012 stehen, den die Gruppe gemeinsam gestalten wird, um die Früchte ihrer Arbeit zu präsentieren. Für die Teilnehmerinnen steht jetzt schon
fest, dass das Lernhaus ein großer Gewinn für sie ist und ihnen viele
Anregungen für die berufliche Praxis und für das eigene Leben mitgibt. Wir laden bereits jetzt herzlich zum Abschlussworkshop ein.
Wenn Sie Interesse haben, ein solches Projekt an Ihrem Ort aufzubauen, sprechen Sie mich an, 040 - 306 20 1360.
Foto: Isabell Chowaniec
Irene Pabst
„Am Schluss der Fortbildung wird ein
öffentlicher Workshop am 28. Januar 2012
stehen, den die Gruppe gemeinsam
gestalten wird, um die Früchte ihrer Arbeit
zu präsentieren.“ Irene Pabst
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Von der Konsum- zur Care-Gesellschaft
Frauen in der Debatte um die Postwachstumsökonomie
„Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König“ stimmte
der ältere Herr mit brüchiger Stimme an und dirigierte die TeilnehmerInnen des Zukunftscafes des Kieler Attac-Kongresses „Eine andere Welt ist nötig! Wie wollen wir leben?“. Auch das Nordelbische
Frauenwerk war am Kongress beteiligt. Die Situation war an Skurrilität nicht zu übertreffen. Anderthalb Tage hatten die BesucherInnen des Alternativkongresses zum Global Economic Symposium
in Kiel über Alternativen zur Wachstumsökonomie und die Grenzen
des Kapitalismus diskutiert. Nun saßen sie an den Tischen im abschließenden Zukunftscafe und sangen im Kanon: „Froh zu sein bedarf es wenig“.
Die Ansätze der so genannten Postwachstumsökonomie kreisen
um die Frage, wie viel Wachstum unsere Erde noch verträgt. Die
Umschlagshäufigkeit unseres Konsums muss sich radikal verringern, damit unsere Nachfahren auf diesem Planeten überleben, insofern wäre „froh zu sein mit wenig“ ein gutes Konzept. Unsere natürlichen Ressourcen schwinden. Was kommt danach? Die Diskussionen kreisen um zwei Lösungswege. Darum, ob wir unseren
Verbrauch und Konsum radikal herunterfahren müssen, um die
Erde zu retten = Suffizienzstrategie. Oder, ob es technisch möglich
ist, durch intelligente nachhaltige Produktionsweise, Wärmedämmung, Windkraft, Solarenergie weniger zerstörerisch zu wirtschaften
und damit neue Erwerbsmöglichkeiten zu schaffen = Effizienzstrategie.
Es besteht eine gewisse Gefahr, in der aktuellen politischen Debatte
über den Ausweg aus der ökologischen Krise, schizophren zu werden. Wir prangern immer wieder die zunehmende Verteilungsungerechtigkeit an und fordern mehr Teilhabe von Frauen, wie ich
das auch in Vorträgen über „Armut von Frauen“ tue. Mehr Geld für
niedrigere Einkommensschichten bedeutet aber auch, dass diese erfahrungsgemäß jeden zusätzlichen Euro in den die Umwelt
schädigenden Alltagskonsum ausgeben. Hat nicht Ulrike Sals in
ihrem Vortrag bei „Frauensichten auf den Finanz- und Eurocrash“
theologisch gegen die Gier des Finanzkapitals argumentiert:
„Genug ist mehr als alles!“ und lag damit auf der Linie von „Froh zu
sein bedarf es wenig“? Sind die am meisten von Armut betroffenen
Frauen die Pionierinnen einer neuen Zeit, in der es darauf ankommt,
wegen des CO2-Verbrauchs möglichst wenig zu shoppen, zu reisen
und Auto zu fahren? Was fordern wir für Frauen vor dem Hintergrund
des Klimawandels und der schwindenden Ressourcen, wenn wir
über Teilhabe, Ausgrenzung und Armut sprechen?
Interessant aus Frauensichten wird es, wenn in den Debatten
über Postwachstum auch immer wieder die Dienstleistungsökonomie als mögliches Erwerbsarbeitsreservoir der Zukunft ins
Spiel gebracht wird. Es leuchtet ein, denn Dienstleistungen am
Menschen, Sorge und Pflege, verbrauchen weniger Ressourcen als
industrielle Produktion. Es ist erfreulich, dass sich in jüngster Zeit
feministische Ökonominnen und Sozialwissenschaftlerinnen verstärkt der Frage der Bedeutung der „Care-Ökonomie“ zuwenden.
Genannt sei bespielsweise „Gender and Economics“ (Hg. von
Christine Bauhardt und Gülay Calgar). Auch das Gunda-WernerInstitut diskutierte die Bedeutung von „Care“ intensiv im März 2010.
Das Argumentheft 292 (Hg.: Frigga Haug, Sabine Plonz u.a.) steht
unter der Überschrift „Care - eine feministische Kritik der politischen
Ökonomie?“
Die Armut von Frauen liegt darin begründet, dass ein Großteil
dieser Arbeit unsichtbar ist, dass Frauen Teilzeit arbeiten, im sozialen und Dienstleistungssektor schlechter bezahlt wird und
das Steuersystem die hohen Einkommen und Vollzeiterwerb begünstigt. Welche Rollen „Care“ und soziale Dienstleistungen in der
gegenwärtig diskutierten ökologischen Zeitenwende zugedacht
werden, wie die feministischen Positionen dazu sich unterscheiden
und welche Ziele mit welcher politischen Anschlussfähigkeit verfolgt werden, sollte betroffene Frauen „kümmern“ und „besorgen“,
damit sie auch nach den Verteilungskämpfen um Ressourcen in
Zukunft genug haben werden, um „froh sein“ zu können.
„Sind die am meisten von Armut betroffenen Frauen
die Pionierinnen einer neuen Zeit, in der es darauf
ankommt, wegen des CO2 -Verbrauchs möglichst wenig
zu shoppen, zu reisen und Auto zu fahren?“ Waltraud Waidelich
Waltraud Waidelich
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Lebenslust – Leibeslust
Ernährungsbildung und Prävention von Essstörungen im Ev. Kurzentrum GODE TIED
Lecker, abwechslungsreich und hochwertig – die Mütter und ihre
Kinder, die bei uns eine Mutter-Kind-Kur verbringen, können zwischen vegetarischer Küche und Gerichten mit Fisch oder Fleisch
wählen. Dazu kommen Besonderheiten aufgrund von Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Allergien, Neurodermitis und weitere Erkrankungen erfordern eine spezielle Ernährung. Das Ganze fürs Auge
schön zubereitet können die Mütter entspannt morgens und mittags
ohne ihre Kinder essen. Viele gute Gespräche kommen zwischen
den Müttern an den Tischen zustande. Gemeinsamkeiten werden
entdeckt, aber auch Sorgen besprochen Die Gespräche werden zu
einem wichtigen Bestandteil des Genesungsprozesses. Die Kinder
werden in dieser Zeit in unserem Kinder- und Jugendland betreut.
Ein motiviertes Küchenteam unter der Leitung von Sönke Christian,
gleichzeitig Hygienebeauftragter, sorgt dafür (auch abends und am
Wochenende), dass Mütter und Kinder eine hochwertige Verpflegung erhalten. Die Zufriedenheit unserer Gäste ist hoch. „Nun
kann ich mich mal verwöhnen lassen. Das trägt auf alle Fälle zu einer
guten Zeit in Ihrem Hause bei“, so die Rückmeldung einer Patientin. Nachmittags, bevor die Kinder zu ihren Müttern zurückkehren,
wird die Freizeit mit den Kindern bis zum Abendbrot eingeläutet. Im
Wechsel gibt es dann Obst und Kuchenvariationen, natürlich selbst
gebacken. Das besondere Highlight ist die „GODE TIED-Welle“, eine
Pfirsich-Variante der Donau-Welle.
Seit Dezember 2010 nehmen wir an dem von der Techniker Krankenkasse geförderten Präventionsprogramm „Lebenslust – Leibeslust!“
teil. Zusammen mit der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung in Schleswig-Holstein e. V. und einer Ernährungsexpertin,
Astrid Francke, führen wir seitdem Mütter in ein Angebots- und Entscheidungsmodell ein, das die Esssituationen zwischen Eltern und
Kindern entspannt. Diese Schulung mit praktischen Anregungen
stoßen auf große Resonanz. Die Mütter bieten an, WAS gegessen
werden kann, WANN gegessen werden kann und WIE gegessen
wird. Die Kinder dürfen entscheiden, OB sie etwas essen, WAS sie
essen und WIEVIEL sie essen. Wir geben den Müttern Tipps für die
Umsetzung und zeigen gesunde Ernährung und Ernährungsverhal-
ten. Bereits nach den ersten Durchläufen des Programms waren
deutliche Erfolge festzustellen:
l Ruhigere Esssituationen, Essen wird nicht vorenthalten
oder aufgenötigt,
l Kinder und Jugendliche trauen sich an neue Lebensmittel heran,
l der Stuhlgang der kleineren Kinder normalisiert sich
(weniger Verstopfungen),
l entspannter Umgang mit dem Programm.
Darüber hinaus bieten wir für übergewichtige Frauen ein Ampelmodell für Lebensmittel an. Nach „rot-gelb-grün“ werden verschiedene Nahrungsangebote markiert und mit entsprechenden
Fettpunkten ausgewiesen. Das schult das Bewusstsein für den Umgang mit Lebensmitteln. Kombiniert mit Anleitungen zu mehr Bewegung, beispielsweise dem Gelenk schonenden Nordic-Walking
oder ab 2012 mit ZUMBA-Fitness, setzen wir so Impulse für eigenverantwortliches, kindgereichtes und ungezwungenes Essverhalten
und ein neues Wohlbefinden – auch im Alltag.
Andrea Boyer
Gegen Burnout
GODE TIED bietet vor Beginn der Kursaison vom 20. - 23. Februar bzw. 2. - 5. März 2012 Prävention von Burnout an: „Innehalten am Meer – für mehr Zufriedenheit und Klarheit im
Beruf und Alltag“. Entspannung und Seminararbeit dienen
dazu, Ressourcen wieder aufzubauen und sich neu auszurichten. Das Angebot richtet sich an kirchliche Verantwortliche und MitarbeiterInnen. Die TeilnehmerInnen werden von
erfahrenen Personalberaterinnen angeleitet.
Kosten: 850 € (EZ, VP). Kinderbetreuung auf Anfrage.
Infos: Ev. Kurzentrum GODE TIED, Königsberger Str. 12 - 16,
25761 Büsum, 04834 – 95 090, godetied@ne-fw.de,
www.godetied.com.
Fotos: Photocompany, Sabine Thomas
GODE TIED genießen
Von März bis November können Sie in GODE TIED auftanken:
7 Übernachtungen, VP, Sauna, Schwimmbad, Massage, Wärmebehandlung, Sport- und Kreativangebote. Bei Bedarf Kinderbetreuung. Ab 350 € p. P. Mehr unter 04834 – 95 090.
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Lebensübergänge begleiten
Rituale in der Natur
Rituale zielen auf Wandlung – oft unterstützen sie uns in Schwellensituationen und eröffnen Zugänge zu spirituellen Räumen.
Ein Ritual ist eine symbolische Handlung, ein Moment des Innehaltens, um bewusster wahrzunehmen, was in uns und außerhalb
ist. „Indem wir das, was wir fühlen und wahrnehmen oder herausgefunden haben in die Mitte bringen, kann es sich verwandeln, wir
können berührt werden, es kann etwas geschehen, das uns im
Tiefsten anrührt und verändert.“ Diese Worte für ein Ritual entstanden nach der Langzeitfortbildung „Feministische Spiritualität und
Ritualgestaltung“ des Nordelbischen Frauenwerks.
Bei der Visionssuche begegnen uns Rituale in der Natur. Die Natur
im Ritual als Spiegel des eigenen Inneren und des Göttlichen
wahrzunehmen, kann heilende und inspirierende Wirkung haben. Seit Beginn der Menschheitsgeschichte sind Rituale eine wirksame Orientierungshilfe, um individuelle und soziale Wirklichkeiten
zu gestalten. Sie werden von allen Altersgruppen durchgeführt oder
neu erfunden, um Kontinuität und Gemeinsamkeit zu fördern (z. B.
Familienfeste), Schutz und Kraft zu geben (z. B. das abendliche Vorlesen oder Beten), einschneidende Lebensereignisse zu bewältigen. Die christliche Tradition hat seit jeher eine ihrer großen Stärken
in der Begleitung von Lebensübergängen: Taufe, Konfirmation,
Trauung, Bestattung aber auch Gottesdienste zur Einschulung, anlässlich einer Scheidung oder eines großen Unglücks. Rituale dienen dazu, Verbindungen zu erneuern, zu lösen, zu bekräftigen, in
Kontakt zu bleiben, sich von Vergangenem zu lösen, abzugeben
oder Neues ins Leben zu rufen.
Foto : Marascha Daniela Heisig
In Zeiten der Unsicherheit und in Lebenskrisen bieten Übergangsrituale Hilfe zur Bewältigung und erleichtern die Weiterentwicklung. In allen Kulturen zu allen Zeiten suchten Menschen in der
Begegnung mit der Natur nach Klärung ihrer Herzensthemen. Da ihr
Leben eng mit dem Rhythmus der Natur verknüpft war, wussten sie
um ihre heilsame und wegweisende Kraft. Menschen verbrachten
jenseits gewohnter Pfade eine Zeit allein und fanden Antworten für
ihren Weg.
Übergänge gehören zu unserem Leben. Sie sind schleichend oder
werden durch einschneidende Ereignisse ausgelöst. Je bewusster
eine alte Lebensphase durchlebt und „Krisen“ als Teil des natürlichen Kreislaufes des Lebens gesehen werden, desto weniger
„krisenhaft“ können Krisen verlaufen. Übergänge sind das Hineinwachsen in eine neue Rolle, zunächst mit dünner Haut, wobei die
alte Rolle wie bei einem Schmetterling, der aus dem Kokon schlüpft,
abgeworfen wird. Im Mittelpunkt aller Übergangsrituale steht die
Absicht, Veränderungen anzunehmen, den Übergang zu gestalten
und die Wandlung selbst in einem größeren Sinnzusammenhang zu
spüren. Wenn Rituale fehlen, fehlt etwas.
In der Begleitung von Menschen mit Ritualen in der Natur ist berührend, wie tief sich die Natur mit unserer Seele verbindet. Die Natur ist
nicht Hintergrundkulisse, sondern spiritueller Raum, dessen Botschaften „herausgelauscht“ werden können. Man / frau nimmt sich
Zeit für das, was besonders berührt oder auch ängstigt. Was wird
mir auf symbolischer Ebene gezeigt? Warum schaut mein Auge auf
diesen Stein? Was will er mir sagen? Wie erkenne ich mein Herzensanliegen darin? Ein Ritual könnte so aussehen: Ich möchte mich von
einem nahe stehenden Menschen trennen. Dies bringe ich in einem
Gebet oder in anderer Form zum Ausdruck. Ich habe z. B. einen
Abschiedsbrief geschrieben, den ich verbrenne oder zerbreche einen Stock, um meinem Wunsch nach Veränderung Ausdruck zu
verleihen. In einem letzten Schritt wird das Neue, in das ich nun
eingetreten bin, mit einem Satz, einem Lied, einem Segen begrüßt. Es braucht keine besondere Anweisung oder Vorbereitung,
um ein Ritual durchzuführen. Viele Rituale ergeben sich spontan, individuell und sind einfach strukturiert. Meist folgen sie einer dreiteiligen Struktur: 1. Würdigung und Verabschieden vom Alten; 2. bewusstes Eintreten in einen „Raum des Nichtswissens“, in dem die
Veränderung geschieht oder initiiert wird und 3. Begrüßung des
Neuen, Integration in den Alltag.
D r. M a r a s c h a D a n i e l a H e i s i g
Julia Lersch
Sibylla Hrosch
Die Kraft des Spiegelns:
Natur am Küstrinsee als
spiritueller Erfahrungsraum
11. - 13. Mai 2012
250 € (DZ, VP)
JETZT ___ ist die Zeit:
Visionssuche am Küstrinsee
24. Juli - 3. August 2012
850 € (DZ, VP)
Weitere Infos
Julia Lersch, 0431 – 55 779 101
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Made In? – Made By?
Auf den Spuren unserer Kleidung
„Der Konsument entscheidet, was produziert wird“, las ich in einer
Beilage der Wirtschaftswoche. Wenn dem wirklich so wäre, könnte
kein/e KonsumentIn mehr mit ruhigem Gewissen ihre Kleidung
auf der Haut tragen. Die Ausstellung MADE IN? MADE BY?, die im
Mai 2011 im Foyer des Dorothee-Sölle-Hauses von der Filmemacherin
Inge Altemeier mit der Dokumentation „Schick aber schädlich“ eröffnet wurde, klärte über den Entstehungsprozess unserer Kleidung
auf. In Begleitveranstaltungen wurden die kritischen Aspekte der
Bekleidungsherstellung beleuchtet.
Der wichtigste Rohstoff ist die Baumwolle. Da, wo sie noch mit Hand
gepflückt wird, z. B. in Usbekistan, geschieht dies häufig durch Kinder. Baumwolle wird bis zu 25mal im Jahr mit giftigen Pestiziden
gespritzt, die schlimmste Gesundheitsschäden verursachen.
Ca. 20.000 Menschen sterben jährlich weltweit durch Spritzmittel.
Problematisch ist vor allem das Färben und Bleichen. Bei der
Herstellung von Stoffen werden bis zu 8.000 Chemikalien, z. B.
Formaldehyd, organische Halogenverbindungen und giftige Schwermetalle sowie rund 4.000 Farbstoffe eingesetzt. Viele dieser Stoffe
stammen aus Europa, dürfen hier aber nicht angewendet werden! In
den Textilzentren Indiens und anderer Länder verunreinigen sie
Flüsse und gefährden das Ökosystem. Die Giftstoffe kommen in den
importierten Textilien wieder zu uns zurück. Dr. Erika Schmedt
vom Hamburger Amt für Verbraucherschutz rechnete zu diesem Teil
der Ausstellung vor, dass der rechtlichen Vorgabe zufolge nur 0,5 Proben auf Bedarfsgegenstände pro 1.000 EinwohnerInnen gemacht
werden müssen – nur ein Drittel davon betrifft Textilien und Spielzeug.
Man sucht nach Azofarbstoffen, die Krebs erregend sind, nach
Chromverbindungen in
Leder, die Kontaktallergien
verursachen können. „Knitterarm“, „bügelfrei“ und
„pflegeleicht“ signalisiert,
dass die Stoffe mit Hilfsmitteln wie Formaldehydharzen ausgestattet wur-
den. Deshalb empfiehlt es sich, die Kleidung vor dem Tragen mehrmals zu waschen oder noch besser, Second-Hand-Kleidung zu tragen.
Über den Arbeitsschritt der Konfektion in Billiglohnländern wie
Bangladesch, führte die Ausstellung die Betrachterin in die Filialen
des deutschen Discountereinzelhandels und endete mit Hinweisen
fairen Konsums. Verdi stellte seine Homepage „Handeln-ausgezeichnet.de“ vor, wo Verbraucherinnen sich über faire und unfaire
Arbeit im Hamburger Einzelhandel informieren können. Bei vielen
Firmen bewegt sich etwas, dies zeigte auch der Diskussionsabend mit Tchibo. Die Clean Clothes Campaign (CCC) im Jahr 2005
hat Früchte getragen! Doch ob die Näherin in Bangladesch persönlich davon profitiert, blieb unklar. Seit einiger Zeit gibt es das Global
Organic Textile Standard GOTS-Label, das ökologische Nachhaltigkeit und soziale Fairness in der Produktion in der gesamten Textilkette garantieren will. Es ist zu finden u.a. bei „Grüne Erde“ oder „Marlowe
Nature“ oder „Hess Natur“. Junge Marken wie „Privatsachen“, „fairliebt.de“, „fairtragen.de“ oder Marken die von der Agentur Linda Mohrmann vertreten werden, machen Hoffnung. Die Liste der Firmen, die
Mitglied bei der von der CCC empfohlenen „Fair Wear Foundation“
sind, wird immer länger.
Es sind nicht allein die KonsumentInnen die entscheiden, was produziert wird. Sie sind Teil eines Systems struktureller Gewalt, dass
es aufzubrechen gilt und zwar nicht durch Konsum, sondern
durch politische Maßnahmen. Strategischer Konsum kann nur ein
Hilfsmittel sein. In seinem Abschlussvortrag legte der Kieler Philosoph
Hilmar Schmiedl-Neuburg dar, dass Staaten für Gerechtigkeit sorgen
müssen und nicht die KonsumentInnen.
Die Ausstellung Made IN? MADE BY? wurde vom Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Entwicklung anlässlich des Kirchentages konzipiert. Infos dazu gibt es im Internet unter made-in-made-by/info. Träger der Ausstellung in Hamburg waren:
PAN-Pestizid Aktionsnetzwerk, Gewerkschaft Verdi, Verbraucherzentrale Hamburg, CCC-Gruppe Hamburg und das Nordelbische
Frauenwerk.
Waltraud Waidelich
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Verabschiedung von Gundula Döring
Danke
Gundula Döring war acht Jahre stellvertretende Leiterin und theologische Referentin im Nordelbischen Frauenwerk, davor vier
Jahre im Frauenreferat. Ihre Arbeit stand für Kontinuität der nordelbischen Frauenbewegung. Gleichzeitig verbinden sich mit ihr viele
Neuaufbrüche, so z. B. mit dem Erfolgsprojekt „Fernstudium Feministische Theologie“ und der Arbeit mit der Bibel in gerechter Sprache.
Mit ihrer Sorgfalt, ihrer sensiblen Sprache und dem Ringen darum,
Theologie und Spiritualität zusammen zu denken und zu leben hat sie
das Referat neu geprägt. Dafür sagen wir von Herzen Dank.
Kerstin Möller
Abschieds-Predigt in Auszügen
Kostbar – die Zeit! Das könnte so etwas wie eine Überschrift sein
über die Jahre, die ich im Nordelbischen Frauenwerk tätig war.
Aber diese Worte sind noch etwas anderes: Sie sind zugleich das
erste und das letzte Wort der Jahresthemen, die wir in diesen Jahren
miteinander in der Frauenarbeit entwickelt haben. „Kostbar der Herzschlag jeder Minute“ (aus einer Gedichtzeile von Rose Ausländer) …
Jetzt __ ist die Zeit. Das wird das neue Jahresthema ab 2012 sein.
Kostbar – dieses Wort klingt, wie das was es beschreibt. Man muss
es deutlich aussprechen. Man kann es nicht „nuscheln“. Es will deutlich hörbar sein. Hörbar. Spürbar. So ist es mit dem Kosten. Denn
kostbar ist, was etwas kostet. Und kostbar will „gekostet“ werden.
Der „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ will ausgebildet werden. Daran mitzuwirken war und ist auch noch meine Aufgabe. In den
Jahresthemen der Frauenarbeit haben wir dem nachgespürt, was
wichtig für uns war …
Für mich waren das immer sehr spannende Prozesse, durch die wir
gegangen sind, wenn wir gemeinsam nach Jahresthemen gesucht
haben, von welchen Worten wir uns leiten lassen wollen. Oder sollte
ich besser sagen: wovon wir uns infrage stellen lassen wollen. Denn
religiöses Verstehen entwickelt sich nicht von Antwort zu Antwort,
sondern von Frage zu Frage. Dieses Suchen und Ringen nach
Worten ist und war vielleicht sogar wichtiger als das Ergebnis
der prägnanten Formulierung eines Jahresthemas.
Wovon lebe ich und wofür lebe ich? Was brauche ich wirklich? Wofür
werde ich gebraucht? Was ist unbrauchbar geworden durch
Abnutzung oder dadurch, dass es nicht gebraucht wurde. Wenn wir
uns also mit diesen Fragen auf den Weg machen, dann bringen wir
unseren „ganz normalen Lebenssumpf“ (so hat es eine Frau neulich
ausgedrückt) in Berührung mit einer Gedichtzeile, einem Bibelvers,
einem wortlosen Innehalten. Und in dieser Berührung entsteht
neuer Raum. Kann neuer Raum entstehen. …
Viele von euch haben sich in den letzten 30 Jahren diese Suche etwas
kosten lassen. Der Aufbruch der Feministischen Theologie war der
Aufbruch aus einem erlernten Antwortenschema in neue Fragen
hinein. Und Antworten müssen nicht vorgegeben, sondern gefunden
werden. Darin sind sich viele der Aufbruchsbewegungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts einig. Thomas Merton, der amerikanische
Trappistenmönch, schrieb 1967: Unsere Antwort wird nicht abhängen
von schnellem Aufgreifen und Nachsprechen der jüngsten Antworten,
der allerneuesten Erklärungen, sondern von unserer Fähigkeit, uns
selbst und unsere Zeit als außerordentlich schwierig anzunehmen. Sie
wird abhängig sein von unserer Offenheit für die Zukunft, für das
Unvorhersagbare, für das, was uns aus der Fassung bringt. …
In vielen Seminaren und „Oasen“ des Nordelbischen Frauenwerks
haben wir das miteinander getan. Und wir haben miteinander die
Erfahrung gemacht: Es geht um etwas Kostbares. Und es kostet:
Nicht nur Geld. Sondern auch Bequemlichkeit, Sicherheit und manchmal auch vertraute Bindungen. Die Bibel erzählt davon. Zum Beispiel
so: Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute
Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und
verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie. …
Gundula Döring
Die Predigt in voller Länge können Sie bei uns bekommen,
0431 – 55 779 112 oder unter www.ne-fw.de.
Fotos: Bärbel Rimbach, Ida Wegener
Gundula Döring wurde am 30. September aus dem
Nordelbischen Frauenwerk verabschiedet. Sie hat seit
September eine Projektpfarrstelle für Erwachsenenarbeit
in der Region Alstertal, Kirchenkreis Hamburg-Ost.
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10 Jahre trotz allem
Gottesdienste für Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben und für Unterstützerinnen
„Nein! Zu Gewalt an Frauen“ – das ist das Motto des 25. November,
dem Internationalen Aktionstag gegen Gewalt an Frauen; Anlass vor
10 Jahren für uns zu einem ersten „trotz allem–Gottesdienst“ einzuladen, den wir mit einer Gruppe von Frauen gestalteten.
Probleme mit dem Vatergott
Viele Frauen, die sexualisierte Gewalt, häufig vom eigenen Vater, erlebt haben, können mit Kirche und einem Vatergott nichts mehr anfangen, sind traumatisiert und können Gebete wie das Vaterunser
nicht sprechen. So war es von Anfang an eine große Aufgabe, den
Gottesdienst sensibel zu gestalten und den Frauen Raum zu geben,
für sich selbst zu sorgen und Teile nicht mitzumachen. Beim ersten
Gottesdienst hatten wir selbst noch großes Herzklopfen: Wie nehmen die Frauen den Gottesdienst an, können wir das Vaterunser so
einleiten, dass alle es sprechen können?
Schreckens- und Hoffnungsgeschichten
Die Geschichten von der blutflüssigen Frau, Tamar, der gekrümmten
Frau oder das Märchen von Allerleirauh wurden mit pantomimischen
Szenen und Schattenspiel von Gewalterfahrungen zu Hoffnungsgeschichten. Der Ausblick in die Zukunft, in ein hoffnungsvolles Leben, ist uns immer ein großes Anliegen. In diesem Jahr ging es um
das „Mädchen ohne Hände“, das nach jahrelanger Gewalterfahrung
langsam wieder in ihre Kraft und in ihr eigenes Leben kommt. Eine
wichtige Rolle spielen in den Gottesdiensten die Texte von Carola
Moosbach, die 2000 den Gottespoetinnenpreis erhielt und viele
Gedichte und Gebete auf dem Hintergrund eigener Gewalterfahrung und dem Ringen mit dem eigenen Glauben und Gottesbild geschrieben hat. Mit ihrer deutlichen Sprache spricht sie vielen aus der
Seele. Im Gottesdienst ist auch Raum für eigene Klage und dafür,
sich etwas Gutes zu tun.
Kirche als Raum
Vor 10 Jahren war das Thema noch erheblich stärker tabuisiert, erst
recht in der Kirche. Wichtig war uns daher, gerade in der Kirche einen
Raum zu bieten, um auszusprechen, was geschehen ist. Damit Frauen, die sich durch ihre Erfahrungen von Kirche entfernt haben, ein
neuer Zugang zu Kirche und Glauben eröffnet wird, wo sie mit all
ihren Erfahrungen vorkommen dürfen. Bischöfin i. R. Maria Jepsen
war von Beginn an dabei und hat die Gottesdienste mit Grußwort
und Segen mit gestaltet. Bei unzähligen Gelegenheiten hat sie für
den Gottesdienst und das Thema geworben. Wir haben es sehr bedauert, dass sie zurückgetreten ist. Im vergangenen Jahr bestärkte
uns Pröpstin Kirsten Fehrs in unserem Anliegen und in diesem Jahr
Pröpstin Dr. Ulrike Murmann. Die Frauen in den Beratungsstellen,
die beim ersten Gottesdienst noch etwas skeptisch waren, sind nun
alljährlich gerne dabei und stehen schon während des Gottesdienstes zum Gespräch bereit.
Öffentlichkeit
In den zehn Jahren haben Mitwirkende und Teilnehmerinnen zum
Teil gewechselt. Geblieben aber ist die Brisanz des Themas. Viele
Menschen haben in den letzten Jahren sexualisierte Gewalterfahrungen öffentlich gemacht was auch die Kirchen sehr erschüttert hat.
Dazu gehört auch heute noch viel Mut, denn wie Statistiken belegen,
glaubt einer Betroffenen erst die siebte Person, der sie ihre Erlebnisse erzählt. Die öffentliche Aufarbeitung hat nun endlich begonnen
– auch mit den dafür bestellten Ombudsfrauen. Hin zu neuer Sensibilität – damit Betroffenen geglaubt und Tätern kein Raum geboten
wird, sondern sie zur Verantwortung gezogen und bestraft werden.
Nähere Infos www.trotz-allem-gottesdienst.de
Jessica Diedrich
Brauchbitten
Wir brauchen welche
die weinen können
die trauern um alle
die nicht überlebt haben
um alle
die gebrochen wurden in ihrer Würde
vergewaltigt verstümmelt und zu Tode gequält
Wir brauchen welche
die schreien können
die das Unrecht beim Namen nennen
laut und deutlich für alle
die zum Schweigen gebracht wurden
die sprachlos geworden sind in ihrem Schmerz
Das aktuelle Team der Gottesdienste:
Dörte Wiese, Jessica Diedrich, Hella Hinrichsen,
Margrit Sierts, Ute Gerstner, Karin Kluck (v. li.)
Wir brauchen welche
die kämpfen können
die nicht davonlaufen beim ersten Geruch des Schreckens
wir brauchen welche
die hoffen können
die dein Mund sind dein Ohr und dein Schrei
denen schick deine Kraft Gott
die lass ansteckend sein
Carola Moosbach
innovative
Interview
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„Es macht mich immer wieder neugierig,
mit Menschen zu arbeiten“
Babara Schmodde, Kommunikationstrainerin, im Gespräch
mit Annette von Stritzky über gelungene Kommunikation,
innere Einstellungen, Alltagserfahrungen, Gremien und
sich selbst in den Ruhestand schicken.
Sie sind Kommunikationsberaterin, wie war Ihr Weg dahin?
Ich habe mich in vielen nordelbischen Gremien engagiert, je „höher“
das Gremien wurde, umso mehr verstummte ich. So ging es anderen
Frauen damals auch. Durch ein Kommunikationstraining wurde mir
klar: Es lag an mir, dass ich mich „über den Tisch ziehen“ ließ, dass
ich „nicht zu Wort“ kam. Manchmal war ich nicht ausreichend vorbereitet, manchmal fehlte mir Selbstbewusstsein. Das brachte mich
dazu, mich mit Kommunikation zu beschäftigen.
Wie arbeiten Sie?
Als Freiberuflerin muss ich Aufträge oft schon ein Jahr im Voraus annehmen, weil Programme frühzeitig gedruckt werden. So stelle ich
mich langfristig auf Aufträge ein, bespreche, was die jeweilige Klientel
braucht. Ich bereite mich jedes Mal wieder intensiv vor, unmittelbar vor
dem Seminar bringe ich mich durch mentales Training auf den Punkt.
Gut geplant ist halb gewonnen. Ich stelle mir vor, welche Inhalte ich
transportieren will, um dann mit Schwung in die Gruppe zu gehen.
Das Arbeiten mit Gruppen macht mir ausgesprochen Spaß.
Welche Themen bieten Sie an?
Meine Themen haben einen journalistischen Titel, das macht neugierig. Die beliebtesten Seminare, viel von Unternehmerinnen gebucht,
sind: „Souverän auftreten bei vollkommener Ahnungslosigkeit“ und
„Leichterer Umgang mit schwierigen PartnerInnen“. Das können eigene PartnerInnen, Kolleginnen oder andere GesprächspartnerInnen
sein. Aber auch Zeit- und Selbstmanagementworkshops „Endlich
Schluss mit dem Chaos“ sind gefragt.
Gehen Sie mit Ihrer Zeit und mit sich gut um?
Ich bin (war) ziemlich chaotisch, habe sehr darunter gelitten und nicht
gewusst, wie ich mit all meinen Pflichten zurechtkomme. Ich habe
dann an der Universität Hamburg eine Zusatzausbildung in
Kommunikationspsychologie bei Professor Schulz von Thun gemacht. Im Rahmen dieser Ausbildung wurde mir bewusst, dass nur
ich mein Chaos ändern kann. Ich habe viel gelesen, viel ausprobiert
und nachdem ich nun 15 Jahre diese Seminare gebe, sind sie auch
bei mir angekommen! Ich gehe (meistens) achtsam mit mir um.
Sie arbeiten mit viel Elan. Sie können andere begeistern.
Woher kommt diese Kraft?
Ich bin ein typischer WechslerInnentyp. Mein ganzes Leben lang
Lehrerin (so bin ich ins Berufsleben gestartet) – ich wäre unglücklich
geworden. Ich habe in vielen unterschiedlichen Gremien mit gemacht, nicht nur in kirchlichen. Neue Aufgaben, neue Kraft. Das ist
das Belebende an den Seminaren: Sie sind jeden Tag neu. Jede
Gruppe hat eine eigene Weisheit, die gilt es zu heben. Es macht mich
immer wieder neugierig, mit Menschen zu arbeiten.
Sie bieten „Fit für Leitung“ an - was lernen Frauen dort?
Wer leitet, führt Menschen – und Menschenführung beginnt bei mir
selbst. Ich bestärke und ermutige Leiterinnen. Wo sind Optimierungspunkte? Wo gibt es persönliches Entwicklungspotential? Aber es
geht auch um praktische Tipps: Wie stelle ich eine Tagesordnung
auf? Wie viel Zeit sollen die einzelnen TOPs haben? Sehr hilfreich
sind die Sätze für Notfälle. Viele Frauen meinen, sie müssten z. B. alles sofort wissen, alles sofort beantworten. Alte Muster aus der
Vergangenheit. Dabei reicht: „Das muss ich mir in Ruhe überlegen“.
Für eine gute Leitung ist wichtig, sich gut vorzubereiten und persönliche Autorität zu haben.
Sätze für den Notfall - wie sind sie entstanden?
Aus Alltagserfahrungen. Es wird respektiert, wenn jemand sagt: „Das
muss ich mir erst einmal überlegen“. In der Literatur habe ich weitere
Sätze entdeckt und in mein Repertoire aufgenommen. Es gibt Situationen, in denen die Worte fehlen. Da helfen Sätze wie: „Da muss ich
mich erst informieren“ oder „ich spreche Sie später darauf an“. Das
macht kompetent und fit für Leitung.
„Wer leitet, führt Menschen
– und Menschenführung beginnt
bei mir selbst.“ Barbara Schmodde
Barbara Schmodde (* 1944)
Bestimmt …
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innovative
Ihr Erfahrungsschatz wird sehr geschätzt.
Was geben Sie Frauen mit auf den Weg?
Wichtig ist, dass Frauen im Ehrenamt sich nicht selbst ausbeuten. Es
wird oft gesagt, wenn du den kleinen Finger gibst, wird der ganze
Arm genommen. Dann muss Frau lernen, deutlich „NEIN“ (ohne
Gewissensbisse) zu sagen. Auch fühlen sich Frauen oft gedrängt, in
einem Amt zu bleiben, weil sich keine Nachfolgerin findet. Dazu kommen dann noch innere und äußere AntreiberInnen, die sagen, wir
brauchen dich doch, wir können uns gar nicht vorstellen, wenn du
nicht mehr dabei bist. Hier heißt es, achtsam zu sein.
Sie haben eine Kartenreihe veröffentlicht zu den Grundlagen
gelungener Kommunikation. Was meint das konkret?
Zuhören, ausreden lassen, das ist das Einfachste und zugleich das
Schwerste. Ich arbeite gern noch mit einem alten Modell von Thomas
Harris: Ich bin okay, du bist okay. Den anderen wertschätzen. Er/sie
ist ganz anders, als ich, vielleicht ärgert es mich, was er/sie sagt, aber
er/sie ist ein Mensch, ein Geschöpf Gottes. Ich bin okay und mein/e
KonfliktpartnerInnen auch. Es hilft in einer Konfliktsituation, kurz inne
zu halten und sich klar zu machen, dass Wertschätzung wichtig ist.
Sie wollen mit Respekt behandelt werden und Ihre GesprächspartnerInnen auch! Gute Kommunikation ist nicht nur eine Frage der
Technik, sondern viel mehr der inneren Einstellung.
Fotos: Annette von Stritzky
Sie sagen häufig: Stellen Sie Fragen! Was ist daran gut?
Fragen führen zur Klärung. Ich muss nicht gleich antworten, gebe
den Ball an die GesprächspartnerIn zurück. Dann muss er/sie nachdenken und antworten. Das beugt auch Missverständnissen vor.
„Das ist Ihre Meinung und meine Meinung ist …“
– das kleine Wörtchen „und“ ist Ihnen wichtig.
Das ist eine Gesprächstrategie, die hilfreich ist. Ich werte nicht gleich
ab, „was ist das denn für eine Meinung?“, sondern wiederhole das
Gesagte unkommentiert und setze meine Meinung daneben. Das
„und“ verbindet. Ich lasse beide Meinungen stehen und, wenn ich
gut vorbereitet bin, kann ich auch noch gute Gründe für meine Meinung dazu setzen.
Was war Ihre schönste Erfahrung in Gremien?
Von all den Arbeiten in meinem Leben, ist die kirchliche Arbeit nach
wie vor die wichtigste, Kirche ist meine Heimat. Diese Gemeinschaft
Bisher wurden inter viewt
Prof. Dr. h. c. Christa Randzio-Plath, Heike Schlottau, Annegret Bergmann, Erika Förster,
Dr. Ute Grümbel, Antje Röckemann, Susanne Jürgensen, Jutta Gross-Ricker,
Charlotte Knobloch, Prof. Dr. Annelie Keil, Uta Knolle, Dr. Elisabeth von Dücker,
Rut Rohrandt, Bischöfin Maria Jepsen, Annette Hillebrand, Dr. Frauke Hansen-Dix,
Ursula Schele, Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter, Margrit Semmler, Franziska Steiof,
Prof. Dr. Ulrike Wagner-Rau, Edelgard Lessing, Elisabeth Lingner, Elsbeth Süßebecker
Interview
zu erfahren, ob auf Synoden mit gemeinsamem Singen, in gemeinsamen Gottesdiensten, im Kämpfen für eine gemeinsame Sache,
auch mit Synodalen, die anders denken, ein großes gemeinsames
Haus Gottes bauen, das ist meine schönste Erfahrung.
Sind Sie christlich erzogen worden?
Die evangelische Jugend hat mich geprägt, sie öffnete mir in den
50er Jahren einen Weg, über Elternhaus und Schule hinaus in eine
neue Welt. Mein Kinderglaube hat mich mein Leben lang begleitet.
Hat dieser Kinderglaube sich irgendwann weiter entwickelt?
Wenn so eine Spötterin wie ich ein Leben lang trotzdem beim Glauben
bleibt, dann muss der liebe Gott schon mit mir irgendetwas vorhaben.
Zum Feminismus gehörte ich ursprünglich nicht, das war mir fremd.
Aber durch meine Arbeit in der nordelbischen Synode bin ich dann mit
dem Frauenwerk in Verbindung gekommen, mit Rut Rohrandt, Inge
Kerssenfischer und anderen. Das hat mich auf einen guten Weg gebracht. Ich bin inzwischen in gutem Sinne eine Feministin. Feministische Theologie ist mir allerdings fremd geblieben.
Gibt es für Sie Vorbilder?
In der Kirche gibt es zwei Menschen, die ich besonders geschätzt
habe, Elsbeth Süßebecker und Nils Hasselmann. Ihre souveräne, respektvolle, nachdenkliche Art, mit Menschen umzugehen, bleibt für
mich vorbildhaft.
Sie sind viel beschäftigt, gibt es Pausen?
Lange Jahre, gerade in der Zeit der Kirchenleitung, bin ich auf Kraftreserven gelaufen. Hildegard Reimers, ehemalige Vorsitzende unserer
Kirchenkreissynode Stormarn, auch ein Vorbild, hat einmal zu mir gesagt: „Wir Ehrenamtlichen müssen uns selbst in Pension schicken,
sonst schickt uns niemand“. Da habe ich beschlossen, mit 60 meine
Ämter abzugeben – ein sehr guter Entschluss. Seitdem habe ich viel
mehr Zeit. Überraschend kam dann ein Angebot, die Geschäftführung
einer Kulturstiftung zu übernehmen. Die Stiftung hat zum Ziel, die kulturellen Beziehungen zwischen Hamburg und Berlin auf den Gebieten
von Musik und Theater zu fördern. Ruhephasen genieße ich besonders auf den zahlreichen Bahnfahrten zwischen den Städten und in
unserer kleinen Wohnung in Berlin.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Neues Präsidium und
Leiterin der EFiD
Vorn v. li.: Marliese Walz,
Ilona Helena Eisner,
Antje Büsing, Miriam Aumeier,
Dr. Beate Blatz ( Leiterin EFiD)
Hinten v. li.: Petra Zulauf,
Sabine Zoske,
Angelika Weigt-Blätgen,
Kerstin Möller,
Brunhilde Raiser
… und quicklebendig
innovative
Von Frauen
Helga Haugland Byfuglien (61) wurde als erste Leitende
Bischöfin der Norwegischen Kirche eingeführt. Seit 2005 ist H. Haugland Bischöfin von Borg, südlich von Oslo. Sie ist eine von vier Frauen
unter den elf norwegischen BischöfInnen.
Kathrin Menges (46) tritt 135 Jahr nach Firmengründung als
erste Frau in die Geschäftsführung des Waschmittelriesen Henkel
ein. K. Menges verantwortet als neues Vorstandsmitglied den Personalbereich. Seit 2009 ist sie bereits Personalchefin des DAX-Unternehmens mit weltweit 48.000 MitarbeiterInnen.
Dr. Klara Butting und Béatrice Bowald wurde in Basel
der 11. Förderpreis der Marga-Bühring-Stiftung verliehen. Klara Butting,
Privatdozentin (Alttestamentlerin) aus Uelzen bekam den Preis für ihr
damals noch unveröffentlichtes Manuskript „Hier bin ich! Biblische
Spiritualität und gesellschaftliche Verantwortung“. Béatrice Bowald
wurde ausgezeichnet für ihre Dissertation „Prostitution. Überlegungen aus ethischer Perspektive zu Praxis, Werbung und Politik“. Der
Preis ist mit 5.000 SFr dotiert.
Dr. Katajun Amirpur (40) ist Hamburgs erste Professorin für
Islamische Theologie. Die international renommierte Wissenschaftlerin und Journalistin hielt im Oktober ihre Antrittsvorlesung in der
„Akademie der Weltreligionen“ der Universität Hamburg.
Kirsten Fehrs (50) ist seit November Bischöfin für den Sprengel
Hamburg und Lübeck, sie tritt die Nachfolge an von Bischöfin Maria
Jepsen (und auch von Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter). In der
nächsten innovative stellen wir Bischöfin Fehrs im Interview vor.
Christine Behle (43), Beate Mensch (49) und Stefanie
Nutzenberger (47) sind neu im Vorstand der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. 9 der 14 Vorstandmitglieder sind Frauen, der Frauenanteil ist auf 65% gestiegen. Grund hierfür ist eine Quotenregelung. Die
Satzung schreibt vor, dass Frauen mindestens entsprechend ihrem Anteil an der Mitgliedschaft in den Führungsgremien vertreten sein müssen.
Ilse Falk (68), ehemalige stellv. Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist neue Vorsitzende des Dachverbands Ev. Frauen in
Deutschland e. V. Zur stellv. Vorsitzenden wählte die Mitgliederversammlung Kerstin Möller.
Helga Haugland Byfuglien
Ellen Johnson-Sirleaf (72), Leymah Roberta Gbowee (39) und Tawakkul Karman (32) wurden für ihren gewaltfreien Kampf für die Sicherheit von Frauen und für das Recht der Frauen
auf eine vollständige Beteiligung an der Schaffung von Frieden mit dem
Friedensnobelpreis geehrt. E. Johnson-Sirleaf ist Präsidentin von Liberia
und erstes weibliches Staatsoberhaupt in Afrika. L. R. Gbowee ist liberianische Bürgerrechtlerin und T. Karman Frauenrechtlerin im Jemen.
Meg Whitman (55), frühere Ebay-Chefin, ist neue Direktorin des
weltgrößten Computerherstellers Hewlett-Packard.
Margot Käßmann (53) tritt im April 2012 ihr neues Amt als Botschafterin für das Reformationsjubiläum an. Die Ev. Kirche in Deutschland hat die Berufung der ehemaligen Ratsvorsitzenden beschlossen. Käßmann soll für das 500. Reformationsjubiläum, das 2017 gefeiert wird, werben.
Claudia Nemat (42) und Marion Schick (52) wurden von
der Deutschen Telekom in den Vorstand berufen. C. Nemat, Physikerin, Unternehmensberaterin und Partnerin bei McKinsey verantwortet
das Europageschäft, M. Schick, bislang Bildungsministerin von
Baden-Württemberg, ist neuer Personalvorstand. Die Telekom hatte
2010 als erster DAX-Konzern eine Frauenquote beschlossen.
Seit Juli 2011 ist Yingluck Shinawatra Thailands Ministerpräsidentin. Erstmals wird Thailand von einer Frau regiert. Die 44-Jährige ist Politik- und Verwaltungswissenschaftlerin und war bislang
Präsidentin einer Immobilienfirma. Sie ist die jüngste Schwester des
2006 vom Militär gestürzten Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra.
Kathrin Erdmann (40), Redakteurin bei NDR-Info, erhielt den
Deutschen Radiopreis für die beste Reportage, und zwar zum Thema
„Migration“.
Ina May Gaskin (71) erhielt den Alternativen Nobelpreis für ihr
Engagement für Hebammen und frauenfreundliche Geburtsmethoden. Die US-Amerikanerin setzt sich dafür ein, die Geburtshilfe
menschlicher zu gestalten, u.a. durch Gebärtechniken, die sie von
Frauen aus Guatemala lernte.
Yingluck Shinawatra
Ellen Johnson-Sirleaf
Meg Whitman
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Ina May Gaskin
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innovative
Hintergrund
Behindert?
Verletzte Körper
„Es sind Eure Bilder und Setzungen von Normalität, die uns behindern“, sagen Frauen und Männer, die wir mit dem Etikett „behindert“
versehen. Kein Mensch ist perfekt! Das kann wohl jede/r unterschreiben. Doch Menschen mit Behinderung machen oft die Erfahrung, dass sie wegen mangelnder Perfektion ausgegrenzt werden.
Politisch aktive VertreterInnen der Behindertenbewegung bringen
das auf den Punkt: „Behindert ist man nicht, behindert wird man“,
so auf dem Blog „kein-mensch-ist-perfekt“. Und weiter: „Wer wie ich
eine Behinderung hat, ist eine Exotin. Sie bekommt ständig neugierige Fragen zu ihrer Einschränkung gestellt. Jede andere, die nur
temporär krank ist, würde sich das verbitten. Meist hoffe ich vergebens, dass die Antwort das gegenseitige Verständnis verbessert …“.
„Wer definiert was normal ist?“ – „Warum fällt es uns so schwer,
Andere anders sein zu lassen?“. Diese Fragen begleiten mich
schon lange. Im Seminar „Weißsein in der Theologie“ mit Dr. Eske
Wollrad habe ich gelernt, das sog. „Normalität“ sich dadurch auszeichnet, dass sie nicht thematisiert wird, sondern selbstverständlich als „normal“ vorausgesetzt wird. Seither frage ich mich: „Was ist
normal? Wer hat die Definitionsmacht?“ Viele alltägliche Beziehungen sind von solcher Dominanzkultur der Normalität geprägt, das
Miteinander von Männern und Frauen, Christinnen und Muslima,
West- und Ostdeutschen und eben auch das Miteinander von sog.
„Gesunden“ und „Behinderten“. Die Definitionsmacht über das, was
behindert ist, wo es anfängt und aufhört, haben die scheinbar
Normalen.
Frauensicht auf Behinderung
Seit März 2009 ist die Konvention der Vereinigten Nationen (UN)
über die Rechte von Menschen mit Behinderungen auch für Deutschland verbindlich. Diese Konvention stellt einen Meilenstein in der
Behindertenpolitik dar, da sie das Selbstbestimmungsrecht und umfassenden Diskriminierungsschutz festlegt sowie eine inklusive
Gesellschaft fordert. Die Konvention geht auch explizit auf Behinderung und Geschlecht ein indem sie anerkennt, dass Frauen und
Mädchen mit Behinderungen mehrfacher Diskriminierung ausgesetzt sind.
Laut einer aktuellen Studie des Bundesministeriums für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend zu „Lebenslagen behinderter Frauen“
leben in Deutschland 1,685 Mio. Frauen (18 - 65 Jahre) mit amtlich
anerkannter Behinderung. Das sind 7,4 % der weiblichen Bevölkerung in dieser Altersspanne (Männer: 9,7 %). Der geringere
Frauenanteil wird darin vermutet, dass Frauen ihre Behinderung von
öffentlichen Stellen seltener anerkennen lassen. Bemerkenswert ist,
dass der Anteil von Menschen mit Behinderung mit zunehmendem
Alter ansteigt. Er liegt bei Frauen und Männern unter 30 Jahren bei
unter 5 %, während bei den 60jährigen Frauen jede fünfte eine
Behinderung hat und bei den Männern ab 60 sogar knapp ein Drittel behindert ist. Für eine Inklusionsperspektive ist wichtig: Das
Risiko einer Behinderung im Lebenslauf nimmt zu – trotz (oder gerade wegen [!]) aller medizinischen Fortschritte.
Alt und behindert?
Körperliche Beeinträchtigungen können in jedem Alter auftreten, sie
werden jedoch unterschiedlich bewertet. Eine Brille geht noch als
modisch schick durch, ein Hörgerät noch lange nicht. Wir sind geprägt davon, dass es eine gradlinige Körperentwicklung gibt. Behinderung in jüngeren und mittleren Jahren gilt als Abweichung, im
höheren Lebensalter als „altersbedingt“. Entsprechend heißt es im
Sozialgesetzbuch (SGB IX): „Menschen sind behindert, wenn ihre
körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit
mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für
das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.“ Eine solche
Normierung hat einschneidende Folgen für die Behandlung von alten
Menschen, in der medizinischen Versorgung und im Blick auf die
Rechte auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das beschreibt der
6. Altenbericht: Gesundheitsbeschwerden im Alter werden als altersgemäß eingestuft und sind nur begrenzt behandlungsbedürftig.
Gesetzlich ist ein Recht pflegebedürftiger (alter) Menschen auf Teilhabe nicht vorgesehen. Es geht lediglich um Betreuung und Versorgung. Alte Menschen werden so zu Objekten der Pflege. Die UNKonvention spricht nicht nur von Integration, sondern von sozialer
Inklusion, also von gesellschaftlicher Teilhabe. Die Praxis jedoch ist
„Dr. Michaela Geiger sagt vor diesem
Hintergrund von sich selbst, sie
sei ‚temporarily abled‘, also zeitweise
(be)fähig(t).“ Kerstin Möller
innovative
Hintergrund
Welten davon entfernt. Solche Teilhabe jedoch sollte nicht ein mühsam errungener Fortschritt für einige sein, sondern ein Menschrecht, das für alle gilt – ungeachtet der körperlichen und/der geistigen Verfassung, unabhängig vom Lebensalter.
Es geht auch anders: Angewiesen und verletzlich
Mit dem Begriff „Natalität“ hat Hanna Arendt darauf aufmerksam
gemacht, dass alle Menschen aufeinander angewiesen sind und in
ein Netz von Beziehungen geboren werden. Die Ambivalenz von
Angewiesenheit und Autonomie ist eine grundlegende menschliche
Bedingtheit. Zu Beginn des Lebens, meist auch am Ende und immer wieder auch im Erwachsenenalter, gilt: Ohne Fürsorge anderer
können wir nicht überleben, nicht die sog. Gesunden und Normalen
und auch nicht Menschen mit Behinderung. Hierzu wird in der
Debatte um den Begriff „Care“ (fürsorgliche Praxis und kritische
Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Verortung von „care
recievers“ und „care givers“) seit 30 Jahren das Verhältnis von Arbeit
und Liebe, Anerkennung und Teilhabe verstanden. Wesentlich ist, in
den fürsorglichen Praxen die wechselseitige Angewiesenheit von
Menschen zu verbinden mit Fragen von Gender-Gerechtigkeit, dem
Streben nach Eigenständigkeit, Autonomie und Gestaltungsmöglichkeiten – und zwar für alle!
In Anlehnung an den jüdischen Philosophen E. Lévinas entwirft die
amerikanische Philosophin Judith Butler eine Ethik der Verletzbarkeit. Diese setzt an bei der Anerkennung der Anderen, der Anerkennung der gegenseitigen Abhängigkeit, bei dem gefährdeten Leben
des Anderen. Die Wahrnehmung der eigenen Verletzlichkeit ist die
Voraussetzung für menschliches und verantwortliches Handeln. Diese Verletzbarkeit ergibt sich daraus, dass wir sozial erfasste Körper
sind, an andere gebunden, ungeschützt und darum gefährdet.
Biblisches zu verletzten Körpern
„Ich werde die Hinkende zum Anfang machen …“ so übersetzt die
Professorin für Altes Testament, Ulrike Bail, Micha 4, 1-7. Die Verletzbarkeit der Menschen wird hier zum „Grund einer Ethik der
Gewaltlosigkeit und des Friedens“. Generell sind nach Bail die biblischen Friedensutopien Überlebensstrategien und Bewältigungsversuche, die in und nach der Katastrophe, der Eroberung, Zerstörung
und Deportation entstanden sind. Sie können als ein Buchstabieren des Heilseins verstanden werden, das Verletztheit und Ver-
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letzlichkeit integriert. Das Hinken bleibt eingeschrieben in die Identität der Überlebenden:
6 An jenem Tage – Ausspruch des Ewigen – will ich sammeln die
Hinkende und die Umherirrende zusammenbringen, die, über die ich
Böses brachte.
7 Ich werde die Hinkende zum Anfang machen, und die Entfernte zu
einem mächtigen Volk. Regieren wird der Ewige über sie auf dem
Berg Zion von jetzt an und für immer.
So hat die Friedensvision des Micha eine subversive Kraft gegen
den Triumphalismus. Ins Zentrum des Neubeginns stellt der Prophet
die an den Rand Gedrängten und Verschwiegenen, die mit verletztem Körper und geschundener Seele. Ihr hinkendes Gehen und ihre
Perspektive prägen die Hoffnung auf eine Zeit und einen Raum, in
dem Frieden lebbar wird. Das Hinken begegnet uns auch bei Jakobs Kampf am Jabboq: „Ich habe Gott gesehen – von Angesicht zu
Angesicht, und mein Leben wurde gerettet. Da ging die Sonne für ihn
auf …, er aber war ein Hinkender“. (Genesis 32, 31-32). Jakob begeg-
net der göttlichen Macht und Kraft, wird gesegnet und geht zugleich
als Hinkender aus dieser Begegnung hervor.
Die Evangelisten des Zweiten Testaments knüpfen in Ihren Darstellungen Jesu an diese Tradition an. Jesus stirbt am Kreuz, wird verletzt, erweist sich als einer, der, wie wir, zutiefst verletzbar ist. Und
selbst als Auferstandener begegnet er den JüngerInnen als Verletzter, zeigt Ihnen seine Wundmahle. In dieser Tradition feiern wir
Abendmahl, als ein Erinnerungsmahl an diese Verletzlichkeit, an
den gebrochenen Leib.
Dr. Michaela Geiger sagt vor diesem Hintergrund von sich selbst, sie
sei „temporarily abled“, also zeitweise (be)fähig(t). Sie vergegenwärtigt damit sprachlich, dass wir über viele Jahre in Kindheit, Jugend
und Alter, auf Hilfe und Fürsorge angewiesen sind, und nicht nur da,
sondern immer wieder durch unser ganzes Leben. Ein solcher Blick
müsste eigentlich unsere Sichtweise wandeln. Inklusion heißt dann
nicht mehr, dass die scheinbar Normalen, Gesunden, Unversehrten
die „Anderen“ integrieren. Inklusion müsste dann bedeuten, dass wir
alle nicht mehr auf eine Idee von Normalität hin erzogen werden
– und entsprechend unser gesellschaftliches Miteinander neu
organisieren.
Kerstin Möller
„Die Wahrnehmung der eigenen
Verletzlichkeit ist die Voraussetzung für
menschliches und verantwortliches Handeln.“
Kerstin Möller
innovative
Aus den Frauenwerken
Aufgestockt!
Fraußenfußball spezial
Das Ev. Frauenwerk im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg
freut sich über die Aufstockung der Stelle Müttergenesung / Frauengesundheit. Durch Sprengelkollekten
2009 und 2010 erhielt es dafür ca. 10.000 €.
Im Bezirk Lübeck gibt es seit über 50 Jahren eine Beratungs- und
Vermittlungsstelle von Kuren für Frauen und Frauen mit ihren Kindern. Das Frauenwerk im Herzogtum Lauenburg hatte bisher keine
solche Stelle. Folglich wollten wir diese Lücke mit zweckgebundenen Spenden und Rücklagen schließen. Wir stellten einen Projektantrag: Angelika Lichtenthäler, MGW-Mitarbeiterin in Lübeck, sollte
in den nächsten zwei Jahren zusätzlich zu den zehn Stunden in Lübeck sechs Stunden Beratungstätigkeit in Ratzeburg übernehmen.
Wir freuen uns, dass das Kuratorium der Dienste und Werke und
der Kirchenkreisvorstand unserem Projektantrag zugestimmt
haben. Angelika Lichtenthäler kann am 1. Januar 2012 mit der Beratungsarbeit im Bezirk Herzogtum Lauenburg beginnen!
Die Nachfrage nach Kuren hat sich deutlich erhöht, in der heutigen Gesellschaft sind Mütter durch viele unterschiedliche Rollenanforderungen stark belastet. Vielen Frauen ist wichtig, eine Kur in
einem christlich orientierten Haus durchzuführen. Deshalb suchen
sie eine kirchliche Beratungsstelle auf. In der Nachsorge wird überlegt, wie die gewonnenen Erkenntnisse in den Alltag integriert werden können, um den Kurerfolg nachhaltig zu sichern. Die Frauen
werden zu unseren Angeboten eingeladen und können im Frauenwerk Beheimatung finden.
Film, Gespräche und viel mehr
Eine Turnhalle in Flensburg-Duborg, Leinwand, Buffet und eine buntgemischte ZuschauerInnentribüne: Die Kino-Kirche des Kirchenkreises Schleswig-Flensburg und das Ev. Frauenwerk zeigen zur
Frauenfußball-Weltmeisterschaft „Football under cover“.
Anfangs ein Gespräch mit Dilek Ibram und Aysegül Bagbars vom
Frauenfrühstück im Flensburger Norden. Wir reden über Traditionen
mit und ohne Kopftuch, über Respekt und Toleranz, und darüber, dass
die beiden Frauen aus der Türkei akzeptiert werden möchten so, wie sie sind – mit Kopftuch.
Dann folgt der Dokumentarfilm. Er handelt von einem Freundschaftsspiel zwischen der iranischen Frauen-Nationalmannschaft und
einer Frauenmannschaft aus Berlin-Kreuzberg. Emotionale Bilder.
Die offiziellen Stellen wollen die Frauen nicht unterstützen. Bis eine
Spielerin nach Teheran fliegt und für das Spiel wirbt. Die Bilder aus
der iranischen Hauptstadt sorgen für Überraschung: Frauen laufen
mit lockeren Schals durch die Straßen, Burkas sind nicht zu sehen.
Der Hauptsponsor der iranischen Nationalmannschaft sagt schließlich Hilfe beim Visum zu, die Aufregung in Teheran und Berlin-Kreuzberg steigt. Das iranische Sicherheitsministerium interessiert sich
immer mehr für das Freundschaftsspiel. Von der Gesellschaft im
Iran kommt viel Zuspruch. Im Stadion schließlich jubeln iranische
Frauen ihrer Mannschaft zu – normalerweise dürfen sie ein Stadion
nicht betreten, aber an dem Tag müssen die Männer draußen
bleiben.
Helga Westermann
„Der Film war hervorragend“, findet Karin Siggelkow. „Ich bin selbst
fußballbegeistert, gucke aber meistens nur Endspiele.“ Viele der weiblichen Gäste sehen eigentlich kein Fußball, aber dieser Film hat sie
beeindruckt. „Mich hat es atemlos gemacht, die Frauen in dem
Outfit spielen zu sehen“, meint Margret Lemke. Beim Buffet im Anschluss kommen die ZuschauerInnen ins Gespräch, über Fußball und
Kopftuch, Essen und andere Länder.
Eva Viedt
Foto: www.flyingmoon.com
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innovative
Aus den Frauenwerken
Aufbruchsstimmung …
… und wie es weiter geht
Anfang 2011 starb Waltraut Richers – Anlass, um
ihre Arbeit und die Geschichte der Ev. Frauenarbeit
des Kirchenkreises Plön (-Segeberg) zu würdigen.
Waltraud Richers war die letzte Kirchenkreisbeauftragte für Frauenarbeit, die im Kirchenkreis Plön ehrenamtlich das Frauenwerk
leitete. Allerdings schon 1960 war „Vikarin“ Dora Schneider als ausgebildete Theologin mit einem Teil ihrer Stelle für die Frauenarbeit im
Kirchenkreis Plön angestellt. Immer gab es auch ehrenamtlich Verantwortliche, z. B. Frau Kunze und „Konsi“ Schmidt sowie die jeweilige
Propstenfrau, bis 1974 Lisa Jagla zur ehrenamtlichen Kirchenkreisbeauftragten und Käthe Eulenberger zur Delegierten in die Nordelbische Arbeitsgemeinschaft für Frauenarbeit gewählt wurden. Als
Waltraut Richers mit ihrem Mann, Propst Hans-Günther Richers, nach
Preetz zog, war sie gleich im Frauenwerks-Team aktiv.
Diese äußerst lebendige Zeit spiegelt sich wider in den Themen
der ab 1980 monatlich stattfindenden Kirchenkreis-AGs und der
Kirchenkreisfrauentage. Hier eine Auswahl:
l Theologische Wochenendseminare „Fremdenführer
durch Neues und Altes Testament“ mit Pastor Wester.
l Südafrika-Früchteboykott.
l „Den Frieden wagen“ mit Manfred Wester.
l „Wie kann ich mit der Bergpredigt leben?“ mit Frau Dr. Rößler.
l „Was bedeutet für mich als Christin politisches Handeln?“
mit Paul-Gerhard Hoerschelmann.
l Weltgebetstagsvorbereitungen mit Elsbeth Süßebecker u. a.
l „Als Delegierte in Vancouver“ mit Rut Rohrandt.
l „Begegnung mit Sowjetfrauen“ mit Lieselotte Kutter.
l Vorbereitung von Meditationen und Bibelarbeit mit Lore Penz.
l „Ärger vermeiden um jeden Preis?“ mit Gerhildt Calies.
l „Hunger muss nicht sein“ mit Adelheid Wiedenmann.
l „Schöpfungsmythen“ mit Heide Emse.
l „Welche Anstöße gibt die feministische Theologie –
und wie anstößig ist sie?“ mit Ute Grümbel.
l „Sind in den Weisheiten der Märchen Schlüssel für unser Leben
verborgen?“ mit Jutta Gross-Ricker.
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Auf Waltraut Richers’ Initiative ging auch eine Besonderheit unserer
Frauenarbeit zurück: „Rundumtreffen“ der Verantwortlichen, die vor
Ort ihre Frauenarbeit mit Jahresprogramm darstellten.
1985 wurde Waltraut Richers zur Kirchendreisbeauftragen gewählt. In ihre bis 1987 dauernde Beauftragten-Zeit fiel die Ausbildung
von Frauen aus den Kirchenkreisen Plön und Segeberg. Wir waren
knapp 20 Frauen, die an dem „Lebendigen Lernen mit Frauen in der
Kirche“ in Waltrauts Haus teilnahmen und vor der Arbeit mit Heide
Emse liebevoll von Waltraut bewirtet wurden. Wichtiger war jedoch,
dass sie ein offenes Ohr hatte für Freuden und Belastungen in unserer Arbeit und auch uns teilnehmen ließ an ihren Empfindungen.
So bleibt sie Vielen unvergessen. Glücklich war sie über ihre beiden
Nachfolgerinnen: Ursel Sommer als hauptamtliche Kirchenkreisbeauftragte und Ursula Sontag als Propstenfrau.
I n g r i d K n o ke, U r s e l S o m m e r, U r s u l a S o n t a g
Seit Waltraud Richers ihr Amt als letzte ehrenamtliche Kirchenkreisbeauftragte abgegeben hat, wurde die Frauenarbeit im Kirchenkreis (heute Plön-Segeberg) hauptamtlich verantwortet. Unverändert geblieben ist die Themenvielfalt. Mit Staunen und etwas Neid
spüre ich die Aufbruchsstimmung der Gründerinnenzeit. Die AGTreffen sind heute nicht mehr zentraler Ort der Frauenarbeit, „frau“
kann sich in den vielen Veranstaltungen der Frauenarbeit treffen.
Geblieben ist, aus den AG-Treffen Impulse mit in die eigene Gruppe
zu nehmen. Über Jahre hat Marie-Luise Witt als AG-Vorsitzende diese Impulse mit hervorragend aufbereiteten theologischen Themen
gegeben, in jüngerer Zeit richtet sich der Blick mehr auf aktuelle gesellschaftliche Themen.
Die „Plöner AG“ ist entschlossen zu wachsen: Zum ersten Mal hat
eines der AG-Treffen im Bezirk Segeberg stattgefunden. Neben „festen“ Frauengruppen lädt die AG heute z.B. auch Vertreterinnen von
Frauenprojekten und Weltläden ein. Zusammen mit unserer AG-Vorsitzenden Angela Stark aus Bad Oldesloe wünsche ich mir, dass viele
aktive Frauen im Kirchenkreis die AG als Chance ergreifen – um über den
Tellerrand hinaus zu blicken, sich mit anderen Frauen im Kirchenkreis zu vernetzen und gemeinsame Interessen zu verfolgen.
Julia Patzke
„Unverändert geblieben ist die Themenvielfalt.“
Julia Patzke
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innovative
Aus den Frauenwerken
O, heilende Kraft, die sich Bahn bricht
Sanftes Fasten nach Hildegard von Bingen im Ev. Frauenwerk Altholtstein
„Gott möge dich zu einem Tempel des Lebens machen“, schreibt
Hildegard von Bingen einer Äbtissin, und weiter: „Hüten sollte sich der
Mensch, durch zu viel Arbeit seinen Leib zu ruinieren.“ Im Fasten
sieht Hildegard von Bingen einen Weg, das rechte Maß im Leben
zu finden, dem Rhythmus des Lebens zu folgen.
Getreu der Regel „ora et labora“ ist Maßhaltung (discretio) für Hildegard die höchste Tugend, Schlüssel für eine gottgemäße Lebensführung. Im Wechselspiel von Bewegung und Ruhe, Beten und
Arbeiten schwingt sich der Mensch in die göttliche Ordnung
ein. Unsere Fastenzeit orientiert sich daran. Neben dem strengen
Tee-Fasten praktizierte Hildegard auch Dinkelfasten, mit Obst und
Gemüse. Sie erkannte die elementare Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung. Für sie sind Lebensmittel die besten Heilmittel,
Dinkel der zentrale Bestandteil ihrer Medizin: „Dinkel bildet gutes
Fleisch, führt zu einem rechten Blut, gibt ein aufgelockertes Gemüt
und die Gabe des Frohsinns. Dinkel ist gut und leicht verdaulich.“
Ihre Erkenntnisse über dieses wertvolle Getreide sind wissenschaftlich belegt.
„Das tägliche Habermusfrühstück,“ so eine Teilnehmerin, „aus Dinkel und Obst hat mir so gut getan, dass ich es nach der Fastenwoche beibehalten habe. Es hilft mir, in den Tag zu kommen, mich auf
das Wesentliche zu besinnen und Hildegards Spiritualität in meinem
Alltag einen Platz zu geben. Schon beim Zubereiten habe ich das
Lied von der alles Leben durchwirkenden Grünkraft Gottes im Sinn.“
Wir erfahren in dieser Woche, dass es um die Ganzheitlichkeit des
Fastens geht. Leib, Seele und Geist bilden eine Einheit, mit einer
ausgewogenen Ernährung werden auch Seele und Geist genährt.
Umgekehrt finden geistliche Impulse auch im Körper einen Widerhall. So folgt die Fastenwoche einem ganzheitlichen Rhythmus, geleitet von Fragen, die Teilnehmerinnen mitbringen: Was heilt mich?
Was nährt mich wirklich? Was trägt mich? Wie finde ich meinen
Lebensrhythmus? Was will ich in meinem Leben verändern? Wie
verleihe ich meinem Alltag Glanz und Struktur?
Neben einer ernährungswissenschaftlichen Einführung, bei der die
Teilnehmerinnen leckere Rezepte erhalten, begleiten theologische
Impulse nach H. v. Bingen, ihre Hymnen und Visionsbilder, Meditation und Elemente des Bibliodramas die Fastenwoche. Der Hymnus
„O, heilende Kraft, die sich Bahn bricht“ z. B. wird mit Methoden
des Bibliodramas mit Körper, Leib und Seele bewegt. Wörter verkörpern sich in den Frauen und begleiten sie. Hieraus ergibt sich eine
Tagesstruktur. Jede findet die Gebärden und Worte, mit denen sie
den Tag beginnen wie sie den spirituellen Impulsen im Tagesverlauf
Raum geben und wie sie den Tag beschließen möchte. Beim abendlichen Tagesrückblick kann jede Frau einzelne Stationen Revue
passieren lassen, um den Tag in Gottes Hände zu geben. Für viele
Frauen ist so eine Tagesstruktur ungewohnt, nicht einfach durchzuhalten, schließlich aber tragend und heilsam. Der Alltag wird plötzlich durchlässig in eine spirituelle Dimension.
Wenn sich alle Frauen nach vier Tagen zum Pilgern in der Natur treffen, werden viele Erfahrungen ausgetauscht. Durch das bewusste
Gehen, Schauen, Schweigen sowie durch spirituelle Impulse gerät
des eigene Leben wieder in einen Rhythmus, der Körper, Seele und
Geist aufatmen lässt. „Ich fühle mich in dieser Fastenzeit mit mir
selbst und meiner Umgebung, besonders mit der Schöpfung,
tief verbunden. Vor allem spüre ich seit Langem wieder die alles
umgreifende göttliche Kraft; ich brauche nichts mehr auszuklammern aus meinem Leben, denn ich trage es nicht mehr allein, Gott
hält mein Leben zusammen.“
Das Fastenbrechen ist geleitet von der Frage, wie die erlebten, heilenden Kräfte sich. Bahn brechen können. Heilung ereignet sich
nach Hildegard v. Bingen, wenn der Mensch in lebenswerter Beziehung zu sich selbst, in achtsamer Beziehung zu Natur und
Schöpfung, zu den Mitmenschen und zu Gott ausgerichtet ist.
Elisabeth Christa Marker t
D r. C h r i s t i a n e K a i s e r
Susanne Wittköpper
„Hüten sollte sich der Mensch,
durch zu viel Arbeit seinen Leib
zu ruinieren.“ Hildegard von Bingen
innovative
Aus den Frauenwerken
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Gesichter der Armut
Was können Politik und wir gegen die Probleme in Dithmarschen tun?
Eine Veranstaltungsreihe der Ev. Frauenarbeit in
Kooperation mit dem Diakonischen Werk Dithmarschen.
Auslöser für die intensive Beschäftigung mit dem Thema ist die landesweit einmalige Problemverdichtung in Dithmarschen. Im Vergleich hat Dithmarschen die höchste Belastung durch SGB IIKosten pro EinwohnerIn. Jede/r zehnte BürgerIn ist von Leistungen
nach dem SGB II abhängig.
2009 fand in Kooperation mit Waltraud Waidelich (Nordelbisches
Frauenwerk) eine erste Veranstaltung statt. Dabei ging es um die
Definition des Armutsbegriffs, die Ursachen von Armut weltweit und
im Besonderen in der BRD, sowie um die notwendigen wirtschaftsund sozialpolitischen Handlungsstrategien. Das Impulsreferat hielt
Dr. Ursula Müller. In der Fortführung des Themas im Juni 2011 wurde die spezifische Situation Dithmarschens von einem Praktiker angesehen und mit dem Blick aus der Wissenschaft überprüft. Referenten waren Prof. Dr. Ernst-Ulrich Huster von der Universität
Bochum und Malte Spitzer, Verwaltungsdirektor des Landkreises
Dithmarschen. Beiden ging es darum, die Situation in Dithmarschen
zu verbessern. Übereinstimmend betonten die Referenten die
Bedeutung von Bildung als Hebel für Veränderung, da das Risiko
arm zu werden und zu bleiben besonders abhängig ist vom Grad
der Bildung. Nachdrücklich machte Prof. Dr. Huster deutlich, dass
Lebenslagen „sozial vererbt“ werden und dass Armut gravierende
Auswirkungen auf das gesundheitliche Wohlergehen und die Entwicklung hat. Bei allen zugrunde gelegten Anzeichen für Entwicklungsverzögerungen oder Gesundheitsstörungen – außer bei Allergien – sind die Kinder, die einen hohen Sozialstatus haben, deutlich
weniger von Einschränkungen betroffen.
Malte Spitzer bestätigt die „landesweit einmalige Problemverdichtung“ in Dithmarschen. Beispielhaft benennt er, dass 56,2 %
der SGB II-EmpfängerInnen keine Ausbildung haben, 36,2 % nicht
einmal einen Schulabschluss. „Nachhaltige Armutsprävention
braucht Bildung und sozial Teilhabe“. Als Maßnahmenkatalog stellt
er einen Fünf-Eckpunkte-Plan vor, der die Situation in Dithmarschen
an den Schulen durch Ganztagsbetreuung, Förderung und Schuungsangebote für Eltern usw. qualitativ verbessern soll. Das zweite
Standbein der Präventionsmaßnahmen stellt die Neuausrichtung
der Jugendhilfe dar. Sie soll sich zukünftig an Regional- und Sozialräumen orientieren und dort sich selbst tragende Netzwerke und
eine aufsuchende Sozialarbeit aufbauen.
Sein Konzept hinterlässt zunächst Eindruck. Die Antwort auf die
Frage nach der Finanzierung dieser Strategie bleibt jedoch unbestimmt. Es wird an eine „Umschichtung der Ressourcen“ gedacht. Betroffen denkt die Zuhörerin dabei an den Beschluss des
Kreistages Dithmarschen, die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten um die Hälfte, auf eine 50 %-Stelle zu kürzen. So scheint es
immer wieder „nur“ um einen Verteilungskampf um die vorhandenen Mittel zu gehen.
Als Grundlegung des Armutsproblems ist es wichtig, die welt- und
bundespolitischen Wurzeln nicht aus den Augen zu verlieren. Es ist
und bleibt ein Skandal, dass ein Zehntel der Bevölkerung in unserem Land über 61,1 % des Vermögens verfügen und dass diese Ungleichverteilung eine zunehmende Tendenz aufweist. Die
Auseinandersetzung mit der Fragestellung wird fortgesetzt.
Unterschieden nach Kindern von AkademikerInnen und Nicht-AkademikerInnen wies Prof. Huster nach, dass von 100 Kindern, die
später einen Hochschulzugang erlangen, 80 aus akademisch gebildeten Familien stammen. Es ist als gesichert anzusehen, dass bei
Kindern in benachteiligten Familien durch die ökonomischen
Rahmbedingungen die soziale Benachteiligung verstetigt wird.
„Auslöser für die intensive Beschäftigung
mit dem Thema ist die landesweit einmalige
Problemverdichtung in Dithmarschen.“
Elisabeth Ostrowski
Elisabeth Ostrowski
Die Powerpoint-Präsentationen von Prof. Huster und Malte
Spitzer sowie das Referat von Dr. Ursula Müller finden Sie unter
www.kirche-dithmarschen.de
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innovative
Aus den Frauenwerken
Viel geschafft – und es bleibt viel zu tun
Jubiläum der Frauen Sinnstiftung
Zum 10-jährigen Bestehen der Frauen Sinnstiftung erwartete die
über 100 Gäste ein abwechslungsreiches Programm: Feministischer
Vortrag, Frauenkabarett, Musikalisches und Kulinarisches. Den vielen
Ehrenamtlichen aus den Projekten und insbesondere der
Hauptverantwortlichen, Rita Bogateck, Arbeitsstelle Frauen des
Kirchenkreises Hamburg-Ost, dankte die Vorsitzende des
Stiftungskuratoriums, Gisela Poelke, für ihren tatkräftigen Einsatz. G.
Poelke stellte fest, dass es unvermindert notwenig ist, sich für die
Verbesserung der Lebenssituation von Frauen, besonders von
Alleinerziehenden, einzusetzen.
Da ist das kostenfreie „Müttertelefon“ mit 45 ehrenamtlich tätigen
Frauen, die Müttern Gespräche anbieten. Da können Mütter mit
Kindern im „Haus Lise“ eine Auszeit nehmen. Coaching für Frauen
wird in schwierigen Lebenssituationen vermittelt. Die neu eröffnete
„Perspektiven Werkstatt“ unterstützt junge Frauen, um einen Ausweg
aus Armut, Isolation und Arbeitslosigkeit zu finden. Gut angenommen wird die Sprachförderung für Migrantinnen in Kindertagesstätten.
„Ich will nicht mehr leise sein!“ sagte eine türkische Mutter nach dem
Sprachförderkurs für Migrantinnen in der KiTa ihres Kindes. Endlich
kann sie sich mit der Erzieherin über die Entwicklung ihres
Kindes unterhalten.
Propst Hartwig Liebich gratulierte von Herzen: „Neben der ganz realen und unmittelbar wirksamen Hilfe zum Bestehen des Alltags oder
zur Bewältigung von Lebenskrisen vermitteln Sie in Ihrer Arbeit den
Frauen, die sich an Sie wenden, immer auch so etwas wie neuen
Lebens-Sinn. Sie fördern den Mut und die Fähigkeit, dem eigenen
Leben wieder neuen Sinn abzugewinnen und tun damit im ganz
elementaren Sinne etwas eindeutig Sinn-Volles: das Stiften von Sinn
erweist sich so als eine ursprünglich christliche und evangelische
Aufgabe.“
Die Frauen Sinnstiftung hat auch eine politische Dimension, weil sie
offen legt, dass gesellschaftliche Bedingungen Armut ungleich unter
den Geschlechtern verteilen. Dass das Armutsrisiko bei Frauen
deutlich höher ist und sie mit den Folgen besonders zu kämpfen
haben, führte Dr. Claudia Wallner, Autorin und Praxisforscherin,
in ihrem beeindruckenden Vortrag „Alles erreicht oder doch
wieder betrogen?“ vor Augen. Sie skizzierte die Erfolge der
Frauenbewegung, zeigte aber auch, wo die rechtlichen, wirtschaftlichen und familienpolitischen Benachteiligungen von Frauen sind.
Dabei enttarnte sie die „Sprechpolitik“ von der erreichten
Gleichberechtigung als Täuschung. Bessere Bildung von Frauen
führt nicht in eine bessere Beschäftigung: Der Dienstleistungssektor
bleibt Frauendomäne mit seinen schlecht bezahlten, aufstiegsarmen
und teilzeitorientierten Jobs. Frauen verdienen weniger und sind
durch Kinder und Hausarbeit zusätzlich belastet. Dieser Wirklichkeit
hinkt die „Handlungspolitik“ hinterher!
Insbesondere das inszenierte Frauen- und Mädchenbild der
Medien, das Dr. Wallner pointiert veranschaulichte, erschütterte
viele: Sexy, frech und fit. Da werden in den USA Mädchen, sogar
schon weibliche Babys, mit Pumps zu kleinen Lolitas ausstaffiert, „als
ob es im Leben einer Frau nur ein richtiges Alter gibt, nämlich das
zwischen 17 und 21 Jahren. Alles darunter wird aufgestylt und alles
darüber muss an sich herumschnippeln“. Fazit: Wir wollten „die
Hälfte der Torte“ und bekommen haben wir das Doppelte: Zum traditionellen Frauenbild wurde das traditionelle Männerbild addiert! Das
kann keine Frauenbefreiung sein!
Befreites Lachen erfüllte den Saal, als sich die ZuschauerInnen in
den Alltagsszenen des Kölner Frauenkabaretts wiederfanden:
„Arbeiten Frauen wirklich oder bilden sie sich das nur ein?“. Dabei
blieb frau allerdings manchmal das Lachen im Halse stecken,
waren doch die Dialoge oft die Zuspitzung dessen, was wir im
Vortrag gehört hatten.
Wie gut, dass wir inne halten konnten, um zu feiern, was mit der
Frauen Sinnstiftung schon geschafft ist und uns gegenseitig Mut
machten – auch wenn der Weg zur Gleichberechtigung noch lang ist.
Das Jubiläum war eine gelungene Stärkung!
Uta Gerstner
„Wir wollten ‚die Hälfte der Torte’ und bekommen
haben wir das Doppelte: Zum traditionellen Frauenbild wurde das traditionelle Männerbild addiert!
Uta Gerstner
Das kann keine Frauenbefreiung sein!“
Dr. Claudia Wallner
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Aus den Frauenwerken
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Wie geht das mit dem Umkehren?
Bei sich anfangen, um die Welt zu verändern
Montagabend im Flensburger Gemeindehaus St. Petri. Alle warten gespannt auf Hanna Poddig. Zum Jahresthema „Es geht auch
anders – umkehren zum Leben“ hatte das Ev. Frauenwerk
Schleswig-Flensburg drei Frauen eingeladen: Margit Baumgarten,
ehemalige Pröpstin aus Hamburg, Ute Hörcher, Vertreterin des ökologischen Landbaus aus der Region und Hanna Poddig, deren
Name sicherlich der werbewirksamste war. Sie ist Vollzeitaktivistin,
für ihre Protestaktion des Ankettens an Bahngleise rechtskräftig verurteilt und lebt bewusst und öffentlich von dem, was unsere
Überflussgesellschaft wegwirft – sie containert, „kauft“ also aus
Müllcontainern der Supermärkte ein. In Diskussionsrunden mit
machtpolitisch einflussreichen Menschen argumentiert sie radikal
und oft aggressiv. So habe ich auch erst nach zwei Ablehnungen
ein Gemeindehaus gefunden, in dem wir diskutieren konnten.
Die drei Frauen stellten sich vor mit dem, was sie anders machen in
ihrem Leben. Ute Hörcher beeindruckte mit dem persönlichen
Bericht über ihren Lebensweg als Biologin, die sich für Artenvielfalt
einsetzte und sich in einen konventionell arbeitenden Landwirt verliebte. Sie schilderte den gemeinsamen Entscheidungsweg in der
neu gegründeten Familie zur ökologischen Landwir tschaft.
Ökologisch wirtschaften ist möglich, allerdings bedarf es nicht
nur der Einsicht, sondern auch der aktiven Unterstützung der
Einkaufenden.
Foto: Katharina Born
Mal „mit dem Auge Gottes schauen,“ beschrieb Margit Baumgarten
ihre Lebenshaltung: „Es eröffnet neue Blickwinkel, wenn man von
verschiedenen Seiten schaut und die eigene Sicht verändert.
Wie bei den einschlägigen Internetdiensten hilft es, den Blick weg
zu zoomen, um neue Zusammenhänge - oder Zusammenhänge
neu zu erkennen“. An anschaulichen Geschichten machte sie dies
v. l.: Hanna Poddig, Ute Hörcher, Margit Baumgarten, Eva Viedt
deutlich, sodass im Publikum sofort Zustimmung und Brücken zum
eigenen Handeln entstanden. Z. B. erzählte sie von einer Gruppe
von Müttern, die - unter zeitweiser Einbeziehung des ganzen Dorfes,
in zweieinhalbjährigem Einsatz an einer sehr befahrenen, gefährlichen Straße eine Fußgängerampel durchsetzte; oder von dem rumänischen Zeitungswerber, der sich nach einem langen Gespräch
aus seiner Abhängigkeit befreite und dies mit einer Dankeskarte aus
Rumänien mitteilte.
Hanna Poddig war an diesem Abend eine beeindruckende, freundliche und zugewandte junge Frau, die scharf formulierte. Deutlich
sagte sie, wo es Fehlentwicklungen gibt, wie ihre Überzeugung sie
leitet zu öffentlichkeitswirksamen Aktionen und wie sie dabei ihre
innere Richtschnur nie verlässt. Sicher legt sie ihren Finger in die
Wunden der Gesellschaft, die auf unbedingtes wirtschaftliches
Wachstum ausgelegt ist. Wer eine aggressive Fundamentalistin erwartet hatte, gegen deren Ansprüche man sich leicht abgrenzen
kann, dachte nach der freundlichen und klaren Stellungnahme darüber nach, ob die eigene Einstellung nicht doch revidierungsbedürftig ist.
Der Abend war gelungen, weil die drei Frauen so unterschiedlich ermöglichten, die eigenen Fragen zu reflektieren. „Es geht
auch anders – umkehren zum Leben“ wurde so von einem gemischten Publikum - einem Fanclub von Hanna Poddig, Frauenwerksfrauen
und interessierter kritischer Öffentlichkeit - sehr persönlich diskutiert. Margit Baumgarten, Ute Hörcher und Hanna Poddig blieben
auch nach der Veranstaltung angeregt im Gespräch zusammen, genauso wie das Publikum, das sich erst nach Verabredungen zu eigenen Aktionen freundschaftlich verabschiedete.
Eva Viedt
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innovative
Aus den Frauenwerken
Was wäre die Reformation ohne die Frauen?
Katharina von Bora
Mit dieser Frage und mit einem Gottesdienst zum Reformationsfest 2010 fing alles an. Auf der Suche nach den Frauen der Reformation stieß ich sehr bald auf Katharina von Bora, die Frau an der
Seite Martin Luthers. In einem Team von fünf Frauen befassten wir uns
mit der Lutherin und machten uns daran, einen Gottesdienst zum
Reformationsfest vorzubereiten. Nach ein paar Eckdaten zur Adligen,
die schon mit 16 Jahren Nonne wurde, gestalteten wir im Verkündigungsteil ein dreiteiliges Interview mit der Frau des Reformators.
Wir versuchten herauszufinden, wie es ihr im Kloster ergangen sei und
was sie zur Flucht veranlasst hat, wie sie ihr Leben als Leiterin des großen Haushalts im „schwarzen Kloster“ (ehemaliges Augustinerkloster,
in dem Martin Luther lebte) gestaltete und wie sie als Witwe in Kriegsund Pestzeiten die letzten Jahre ihres Lebens bewältigte.
Aus diesen Anfängen entwickelte sich ein Interesse an dem historischen Ort, an der Lutherstadt Wittenberg. Mit zehn Frauen machten
wir uns auf, um die „Spuren der Katharina von Bora“ zu erkunden.
Dank einer hervorragenden Führung entdeckten wir zunächst den
Lebens- und Wirkungsort der Familie Luther. Im ehemaligen Augustinerkloster sorgte Käthe Luther für das Wohl des Reformators,
für ihre Kinder, für verwaiste Verwandte und für die vielen Gäste,
die die befreiende Botschaft des Evangeliums kennenlernen
wollten. In diesen Räumen lauschten StudentInnen, Anhänger der
Reformation und Bekannte den berühmten Tischreden. Käthe Luther
hatte für die Mahlzeit gesorgt und sich vermutlich oft zu den Zuhörern
gesellt. Ob sie dann und wann mitdiskutierte? Es wird vermutet.
Katharina entwickelte sich zu einer emanzipierten, mutigen und
durchsetzungsfähigen Frau, die unternehmerisch ihren Haushalt
vergrößerte, um die vielen Gäste zu versorgen. Martin Luther zitiert ihre Selbstbeschreibung: „Ich muss mich in sieben Teile zerlegen, an sieben Orten zugleich sein und siebenerlei Ämter verwalten.
Ich bin erstens Ackerbürgerin, zweitens Bäuerin, drittens Köchin, vier-
tens Kuhmagd, fünftens Gärtnerin, sechstens Winzerin und Almosengeberin für Bettler in Wittenberg, siebentens aber bin ich Doktorissa,
die sich ihres berühmten Gatten würdig zeigen und mit 200 Gulden
Jahresgehalt viele Gäste bewirten soll.“
Im Lutherhaus befindet sich jetzt das reformationsgeschichtliche Museum. Natürlich wurden uns auch die berühmten Kirchen gezeigt:
die Stadtkirche mit dem Reformationsaltar von Lucas Cranach und
die Schlosskirche mit der berühmten Tür, an die Martin Luther 1517
die 95 Thesen anschlug und die Reformation einleitete. Jede Teilnehmerin hatte auch Zeit, den eigenen Interessen und Neigungen
nachzugehen. Da wir in einem Hotel mitten in der Stadt unterkamen,
war das gut möglich. Uns blieben Zeit und Raum für ein Orgelkonzert,
für ein „Essen mit Luthers“ (Speisen des 16. Jahrhunderts und Tischreden Martin Luthers mit Kommentaren Katharina von Boras – nach
Christine Brückner), für das Maiblumenfest und manch andere
Attraktion Wittenbergs.
In unserem Hotel konnten wir uns auch als Gruppe treffen. Das gab
uns die Chance, Impressionen von Katharina von Bora zu vertiefen
und uns auch anderen Frauen der Reformation zuzuwenden, z.B. der
„Kirchenmutter“ Katharina Zell – so die Selbstbezeichnung der Frau
des Straßburger Priesters Matthias Schütz. Im Internet sind vertiefende Informationen über Frauen der Reformation zu finden. Gott sei
Dank gab es diese mutigen und gebildeten Frauen, Frauen, die
es wagten Grenzen zu überschreiten und mit der biblischen Botschaft im Rücken aufzustehen, das Wort zu ergreifen, gegen die
Mächtigen (kirchlich und politisch) zu protestieren.
Nach dem Gottesdienst in der Schlosskirche eilten wir am Sonntag
zu einem Vortrag von Altbischof Axel Noack: „Freiheit als Freiraum.
Kirche in der DDR“. Wittenberg ist eine Reise wert, besonders auch
mit dem Fokus „Was wäre die Reformation ohne die Frauen?“ In der
Lutherstadt hinterließen auch Barbara Cranach, Katharina Melanchthon und Elisabeth Cruziger (Liederdichterin der Reformation) ihre
Spuren.
Helga Westermann
„Ich muss mich in sieben Teile zerlegen, an sieben
Orten zugleich sein und siebenerlei Ämter verwalten.
Ich bin erstens Ackerbürgerin, zweitens Bäuerin …
siebentens aber bin ich Doktorissa, die sich ihres
berühmten Gatten würdig zeigen und mit 200 Gulden
Jahresgehalt viele Gäste bewirten soll.“
Katharina Luther, geb. von Bora
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Frauen-N e w s
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Bibel in gerechter Sprache neu
Frauenanteil
Unter dem Motto „Gut aufgelegt“ wurde am Reformationstag in Köln
die vierte, erweiterte und verbesserte Ausgabe der „Bibel in gerechter
Sprache“ (BigS) vorgestellt. Fünf Jahre nach dem Erscheinen 2006
präsentiert sich die BigS nun in einem neuen, handlichen Taschenformat.
Andorra ist das erste europäische Land in dessen Parlament
Frauen in der Mehrheit sind. Der Frauenanteil beträgt 54 %, 15 der
28 Abgeordneten sind Frauen. Weltweit war Ruanda das erste und
bisher einzige Land mit einer Frauenmehrheit im Parlament.
Auspeitschung
Alle weiblichen Gefängnismitarbeiterinnen eines Teheraner Gefängnisses haben sich geweigert, ein Urteil gegen die Bürgerrechtlerin Somayeh Tohidlou zu vollstrecken. Die 33-Jährige war
wegen „Beleidigung des Präsidenten“ u.a. zu 50 Peitschenhieben
verurteilt worden. Das Urteil konnte zunächst nicht vollstreckt werden, weil im Iran Frauen von Frauen ausgepeitscht werden müssen.
In diesem Fall folterte ein Verhörbeamter die gefesselte Soziologin.
Sie gehörte zum Team des Präsidentschaftskandidaten Moussavi.
Frauenquote
Nach dem schlechten Abschneiden der Kieler Universität in Fragen
der Gleichstellung fordert das Studierendenparlament nun eine Frauenquote. Das Präsidium der Universität startete eine Anzeigenkampagne zur Frauenförderung, um mehr Professorinnen zu gewinnen.
Mit 13,6 % Professorinnenanteil landete die Kieler Universität beim
Hochschulranking auf einem der letzten Plätze. Die FU Berlin erfüllt
die Gleichstellungskriterien am besten.
Glückliche Kinder
Kinder leben in Dänemark am besten, Deutschland ist in einer Studie
nur Vorletzter. 86 % der DänInnen schätzen ihr Land als kinderfreundliche ein, das ergab eine repräsentative Befragung von mehr als
15.000 EuropäerInnen in 13 Ländern. In Deutschland heilten nur 21 %
der Befragten ihr Land für kinderfreundlich. Kinderfreundlichkeit,
so heißt es in der Studie, ist in den Ländern am höchsten, in denen
die Emanzipation weit fortgeschritten ist. Die europaweit niedrigste Geburtenquote hat Deutschland, 1,37 Kinder/Frau. Viele Deutsche
haben die Sorge, dass Kinder abhängig und arm machen. 60 % befürchten bei einer Familiengründung den Verlust ihrer Selbstständigkeit,
58 % scheuen die aus ihrer Sicht durch Kinder entstehenden hohen
Kosten. Etwas mehr als die Hälfte glaubt, dass eigene Kinder die berufliche Karriere verbauen.
Familienministerin Kristina Schröder (CDU)
Bürgerrechtlerin Somayeh Tohidlou
Wahlrecht
Saudi-Arabien, eine Bastion des ultra-konservativen Islam, führt das
Wahlrecht für Frauen ein. Das kündigte König Abdullah überraschend in einer Ansprache vor dem Schura-Rat (Parlament) in Riad
an. In den Genuss des neuen Wahlrechts werden die saudischen
Frauen jedoch frühestens 2015 kommen.
Vorbehalte
Viele Arbeitgeber haben bei der Stellenvergabe immer noch Vorbehalte gegenüber Frauen mit Kindern. Das hat eine Umfrage des
Bürodienstleisters Regus unter leitenden Angestellten in Deutschland
ergeben. Jeder Dritte fürchtet, dass Mütter womöglich nicht mehr so
flexibel und engagiert sind.
Frauen in Führung?
Frei werdende Führungspositionen beim Kosmetikkonzern Beiersdorf („Nivea“), Hamburg sollen in Zukunft vorrangig mit Frauen besetzt werden. Dies versicherte der Personalvorstand. Beiersdorf hat
sich eine freiwillige Frauenquote verordnet und vorgenommen, bis
2020 auf den drei Führungsebenen unterhalb des Vorstands einen
Frauenanteil von 30 % zu erreichen. Dem 6-köpfigen Konzernvorstand gehören z. Z. nur Männer an. Im Aufsichtsrat der Beiersdorf
AG sind 4 von 12 Mitgliedern weiblich.
Gegen Gewalt an Frauen
Die Bundesregierung stütz ein Europaratsübereinkommen zur
Verhütung und Bekämpfung von Gewalt an Frauen und häuslicher
Gewalt. Das Kabinett beschloss, der Unterzeichnung zuzustimmen.
Familienministerin Kristina Schröder (CDU) kündigte außerdem die
Einrichtung eines kostenlosen Hilfetelefons für von Gewalt betroffenen Frauen an. Das Übereinkommen regelt detailliert, wie europaweit Frauen und generell Opfer häuslicher Gewalt geschützt werden sollen.
Wahlrecht für Frauen in Saudi-Arabien
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innovative
B u c h - Ti p p s
Mystik + Frauen
Pilgern als innere Haltung
„Frauen haben ihre eigene Art zu schauen, zu erfahren: sie haben ihre eigene Weise, das Ganze intuitiv und imaginativ zu erfassen und dabei das Einzelne nicht aus dem Blick zu verlieren.“
So beginnt Ingrid Riedel die Einleitung zur weiblichen Spiritualität.
Gabriele Martin ist etwas Wunderbares gelungen; sie verbindet
einen Pilgerbericht mit grundlegenden Gedanken zum Pilgern, bietet
praktische Tipps für jede/n PilgerIn und entfaltet ein pädagogisches
Konzept für PilgerführerInnen.
Im Hauptteil des Buches stellt sie fünf Frauen vor, die in verschiedenen Jahrhunderten aus Quellen und Kräften der Mystik lebten. Ingrid Riedel beschreibt verständlich den jeweiligen mystischen
Ansatz. Sie fügt die zum Verstehen nötigen biografischen und zeitgeschichtlichen Angaben ein. Und sie zeigt Querverbindungen zwischen den Mystikerinnen untereinander und schlägt Brücken in unsere Zeit.
Das Buch selbst liest sich wie ein Weg. Erfahrungsberichte wechseln
sich ab mit Rückblicken in die Geschichte des Pilgerns. Bei Ignatius
von Loyola findet Gabriele Martin Grundlagen. Sie versteht das
Pilgern als bewegtes Innehalten und Schule fürs Leben: „Dabei
taucht man beim Pilgern ein in sein Dasein, spürt sich intensiv und
ausführlich, erlebt sein Potenzial und seine Grenzen, … Schritt für
Schritt ändert sich die Perspektive – nicht nur die äußere, auch die
innere.“
Folgenden Frauen widmet sie jeweils ein Kapitel:
„Die Seele ist wie ein Wind“ – Hildegard von Bingen (1098 - 1179)
begreift den ganzen Kosmos durchwirkt von göttlichen Atem oder
mit ihrem Bild beschrieben: „durchpulst von lebendigem Grün“.
„Mystik der Liebe zum > Fern-Nahen <“ – Marguerite Porète (1255 1310), geht es um die Liebe zu Gott, einem Einfachwerden und
Freiwerden von allem Hängen an Besitz, Geltung und Macht.
„Freundschaft mit Gott“ – Teresa von Avila (1515 - 1582) erlebt Gott
als einen Freund, der mit ihr spricht und mit dem sie sprechen kann.
„Compassio: eine Mystik des Mit-Leidens“ – Edith Stein (1891 - 1942),
geht den Weg von einer Atheistin zu einer Mystik des Mit-Leidens
mit dem leidenden Gott.
„Die Träumenden zum Handeln, die Handelnden zum Träumen bringen“ – Dorothee Sölle (1929 - 2003) gewann aus der Mystik Kraft
für unbeirrbares und unabhängiges Handeln in der politischen Welt.
Im sechsten Kapitel zeigt Ingrid Riedel Zugangswege zur Mystik der
unterschiedlichen Frauen auf. Mit konkreten Übungsanleitungen
lädt sie ein, sich auf den Weg der Mystik des Herzens zu begeben.
Das Buch weckt Interesse und regt an, sich auf die „Mystik des Herzens“ einzulassen. Ich empfehle es wärmstens.
G. Martin schildert Prinzipien des Pilgerns und verschiedene Pilgertypen. Das Ganze ist lustvoll zu lesen, da in die Theorie persönliche Pilgerberichte eingewoben sind. Inspirierend auch die ausgewählten Weisheiten die einigen Kapiteln voran gestellt sind, z. B.: „Der
Boden entkompliziert, so wie er das Wasser reinigt“ (Robert Musil). In
diesem Zitat wird deutlich: Nicht der Weg ist das Ziel, sondern das
Ziel bestimmt den Weg. Pilgernde brechen auf, weil sie eine Vision
oder Sehnsucht haben. Sie öffnen sich für neue Erfahrungen. Der
Pilgerweg kann lehren, was zu mehr Leben führt: Geschwindigkeit
nehmen, sich Zeiten des Reifens gewähren und den Erfahrungen in
der Natur Bedeutung beimessen. So versteht die Autorin Pilgern als
Lebensmotiv. Nicht in dem Sinne, regelmäßig zu Pilgerreisen aufzubrechen, sondern die Bereitschaft zum Aufbruch zu pflegen, offen und neugierig zu sein auf das Neue, eigene Ziele und Visionen zu verfolgen, Entschleunigung einzuüben, unterwegs zu
sein, um anzukommen und sich zu öffnen für Gottes Gegenwart.
Dieses Buch regt an zu innerer Auseinandersetzung. Es ist eine
spannende Lektüre, auch für alle, die in absehbarer Zeit keinen
Pilgerweg planen.
Dagmar Krok
Helga Westermann
Gabriele Martin
Ingrid Riedel
Mystik des Herzens
Meisterinnen innerer Freiheit
Kreuz Verlag, Freiburg 2010
ISBN 978-3-7831-3493-3
18,95 Euro
Du findest den Weg nur, wenn
du dich auf den Weg machst
Pilgern als Lebensmotiv
Echter Verlag GmbH, Würzburg 2011
ISBN 978-3-429-03401-6
12,80 Euro
innovative
B u c h - Ti p p s
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Chancen des Alterns
Wertvolle Impulse
„Alter ist kein Defizit, sondern ein Geschenk“ zitiert Ingrid Riedel
Betty Friedan aus deren Buch „Mythos Alter“. Und: „Gut die Hälfte
der heute über neunzigjährigen hochaltrigen, betagten Menschen,
führen ein weitgehend selbständiges und selbstbestimmtes Leben
und siebzig Prozent von ihnen zeigen keine bedeutsamen Einschränkungen in der geistigen Leistungsfähigkeit.“ (Brigitte Dorst:
„Altern als Lebenskrise und Reifungschance“)
„Fünfzig +“, die Mitte des Lebens ist längst erreicht, wie soll das
Leben weitergehen? „Die Mitte ist voller Spannungen. Mehr als die
halbe Wegstrecke ist vorüber, und doch bin ich noch mittendrin,
gespannt und ein bisschen bange, was noch alles kommen wird“,
schreibt Margot Käßmann.
Ingrid Riedel schließt sich der These von Friedan an, dass aus Sicht
der Gerontologen nicht die Fähigkeiten der Alternden im Vordergrund stehen, sondern zu stark nach den Defiziten gefragt wird. Ihr
Buch ist ein Plädoyer, sich an den eigenen Ressourcen zu orientieren und das Leben auszuschöpfen, um es schließlich zufrieden loslassen zu können. Dabei nimmt die Autorin uns mit auf
eine Reise durch Erfahrungen – eigene und die anderer. Die von ihr
beispielhaft erzählten Erfahrungen sind der rote Faden, an dem sie
anschaulich macht, dass wir uns lebenslang entwickeln und welche
Chancen hieraus für uns im Alter erwachsen.
Ihr Buch ist für LeserInnen ein Gesprächsangebot für einen inneren
Dialog. Es lädt ein, über das eigene Leben nachzudenken, um daraus Inspiration für die Gestaltung des Seins in der Gegenwart
zu schöpfen. Ingrid Riedel schreibt über das Alter nicht als einen
Zustand, sondern als einen Prozess der Veränderung, in dem Menschen sich – wie immer schon im Leben und immer noch – wandeln.
Wandeln hin zur „inneren Freiheit des Alterns“, wo nicht mehr die
Frage nach dem Warum gestellt werden muss, denn wir leben, um
des Lebens Willen – wie Ingrid Riedel anknüpfend an Meister
Eckhart meint.
Käßmann zieht Bilanz, schaut in zehn Kapiteln zurück auf ihr Leben,
sie spart nichts aus, auch nicht das Scheitern ihrer Ehe und ihre Krebserkrankung. Sie nimmt die Gegenwart wahr und fragt sich, wie sie
zukünftig leben will. Es ist ein authentisches Buch, in dem die
Geisteshaltung und das Gottvertrauen der Autorin überzeugen.
Margit Käßmann sucht nach ihrer Mitte zwischen dem Loslassen der
nun erwachsenen Kinder und der Begleitung der älter werdenden
Mutter, sie nimmt körperliche Veränderungen wahr und beschönigt
nichts. Sie überprüft Freundschaften und beschreibt wie geschwisterliche Beziehungen im Laufe der Jahre wieder enger werden. Ein
Brief an einen sterbenskranken Freund und Tagebuchaufzeichnungen aus der Zeit ihrer Krankheit berühren. Verse der Bibel
und Gedichte umrahmen die Gedanken um diese Lebenszeit, der
Mitte des Lebens.
Dieses Buch ist eine lohnende Lektüre zur Überprüfung der eigenen Lebensbilanz, aber es eignet sich auch hervorragend als
Gesprächsgrundlage für Frauengruppen, weil Margot Käßmann
kein Blatt vor den Mund nimmt und die Themen, die Frauen in der
Mitte des Lebens betreffen offen anspricht und nichts tabuisiert.
Das Buch „In der Mitte des Lebens“ ist zwar nicht mehr ganz neu,
aber dennoch sehr empfehlenswert!
Susanne Peters
„Die innere Freiheit des Alterns“ – kein Ratgeber, sondern ein guter
Begleiter durch eine Lebensphase.
Elisabeth Ostrowski
Margot Käßmann
In der Mitte des Lebens
Herder Verlag, Freiburg 2010 5
ISBN 978-3-451-30201-5
16,95 Euro
Ingrid Riedel
Die innere Freiheit des Alterns
Walter Verlag, Mannheim 2010
ISBN 978-3-530-50608-2
18,90 Euro
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innovative
Und außerdem
Dorothee-Sölle-Preis
Fanny Dethloff ausgezeichnet
Auf dem Deutschen Ev. Kirchentag in Dresden erhielt Fanny Dethloff, Flüchtlingsbeauftragte der Nordelbischen Kirche, den ersten
Dorothee-Sölle-Preis für aufrechten Gang vom Ökumenischen
Netzwerk „Kirche von unten“. Dieser Preis ist nicht dotiert. Er ist ein
Preis, der sein Gewicht durch den Namen Dorothee Sölle erhält.
Der Preis wurde im Beisein von Fulbert Steffensky der richtigen
Frau verliehen, einer, die aufrecht geht, weil sie nicht anders
kann. Sie stellt Öffentlichkeit her für Menschen, die im Dunkeln leben müssen, die ihre Heimat aus Unterdrückung oder Verfolgung
verlassen haben. F. Dethloff setzt sich leidenschaftlich ein für Menschen, die auf der Flucht und ohne Bleibe sind.
Foto: Verena Mittermaier
Es ist ein großes Glück, dass die Nordelbische Kirche eine Flüchtlingsbeauftragte hat, die nicht locker lässt: Fanny Dethloff brennt
für das, was sie tut. Sie wurde zur engagierten Kämpferin für Kirchenasyl und Menschenrechte, als sie erlebte, wie Menschen, die
Schutz suchten, aus der Kirche heraus von Polizeibeamten abgeschoben wurden. Sie ist Zeugin, sie dokumentiert, was sie erlebt.
Sie arbeitet neben ihrer hauptamtlichen Tätigkeit ehrenamtlich im
Bereich Kirchenasyl. Ihr Engagement ruht auf dem Fundament ihres
Glaubens und der Bibel, die voller Migrationsgeschichten ist. Sie
hilft den Flüchtlingen, sucht Wohnungen, baut ein Netzwerk auf und
kämpft auf allen Ebenen für die Rechte derer, die schutzlos sind.
Bete wild und gefährlich, so könnte ihr Lebensmotto heißen, sagte
der Laudator Uwe-Karsten Plisch in Dresden. „Ich bin ein Fremdling
gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.“ Fanny Dethloff zitierte,
dass sie „(manchmal) grenzenlos glücklich, (selten) absolut furchtlos,
(aber fast) immer in Schwierigkeiten“ ist. Sie hielt eine flammende Rede
für die Arbeit mit den Flüchtlingen. Ihr Fazit: „Es ist eine rassistisch
aufgeheizte, bösartige Kampagne, wenn wir sagen, dass wir dümmer
werden durch MigrantInnen – ja, das ist zugleich Gotteslästerung.“
Stolz geben
Als Vorsitzende des Oikocredit Förderkreises
Norddeutschland e. V. berichtet Julia Patzke
von der Generalversammlung in Tansania.
Wir besuchen das Microfinanzinstitut Yosefo. Geld wird gezählt und
in Bücher eingetragen. Frauen zeigen uns die Rückzahlung ihrer
Mikrokreditraten. Yosefo hat ca. 17.000 KundInnen zu 80 % Frauen.
Alle Kredite werden durch eine Lebensversicherung abgedeckt. Zwei
Drittel des Kreditportfolios hat Yosefo an „Solidaritätsgruppen“ ausgeliehen: Fünf Personen nehmen den Kredit gemeinschaftlich auf.
Die KundInnen bauen sich damit kleine Gewerbebetriebe auf oder
betreiben Shops. Fortbildung und Gesundheitsberatung gehören zu
den Leistungen von Yosefo. Das Unternehmen arbeitet seit zwei
Jahren mit Oikocredit und schätzt die Unterstützung, die es von
Oikocredit erhält.
Wir besuchen eine Lobsterfarm, Kreditnehmer von Yosefo. Unser
Weg führt uns quer über Zanzibar, Afrika wie aus dem Bilderbuch.
Durch einen schmalen Raum gelangen wir zu der „Farm“: In einem
Becken schwimmen ca. 12 Hummer. Der Inhaber hat Absprachen
mit 15 Fischern getroffen, die mit Abnahmegarantie exklusiv für ihn
fischen. Beliefert werden Hotels und der Großmarkt. So klein und
bescheiden ist in diesem Teil der Erde ein Unternehmen, von dem
eine Familie existieren kann. Der Inhaber führt die Geschäfte mit
seiner zweiten Frau, die die Geschäftsidee hatte, die erste Frau kümmert sich um Haushalt und die 11 Kinder.
Ein Besuch des alten Sklavenmarkts macht uns eindringlich die
Wunden bewusst, die dem Schwarzen Kontinent vor Generationen
zugefügt wurden. Wie klein, aber auch wie notwendig scheint demgegenüber unsere Arbeit, mit der wir ProjektpartnerInnen Unterstützung für ihren Weg in eine bessere Zukunft anbieten! Beim Mittag am
Hafen bringt der Manager von Yosefo es auf den Punkt: „In Afrika
sagen wir, vererbe deinen Kindern kein Geld. Vererbe ihnen Stolz.
Stolz ist es, was wir unseren KundInnen zu geben versuchen.“
Ger trud Wellmann-Hofmeier
Julia Patzke
v. l.: Renate Wind, Fanny Dethloff,
Uwe-Karsten Plisch
Fanny Dethloff, Verena Mittermaier (Hg.)
Kirchenasyl – Eine heilsame Bewegung
Von Loeper Literaturverlag, Karlsruhe 2011
ISBN 978-3860594346, 19,90 Euro
theologisch spirituell individuell praktisch politisch
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Das Nordelbische Frauenwerk
Programm 2012
Da könnte auch
für Sie etwas
dabei sein:
Vom Tanzen, Wandern, Schweigen
bis zum Konfliktmanagement, von
nachhaltiger Ökonomie bis zu
‚Selbst-bewusst authentisch sein‘,
von Strategien gegen Diskriminierung bis zur biblischen Sicht auf
unser neues Jahresthema „JETZT
___ ist die Zeit“, vom Friedens-Engagement bis zur Denkwerkstatt,
von feministisch-theologischer
Spurensuche in der Bibel bis zu
‚Veränderungsprozesse verstehen
und gestalten‘, von interkulturellen
Begegnungen bis zur Biografiewerkstatt Ost-West, vom Einblick
in jüdische Gottesdienste bis zu
eigenen Ritualen, von Weltgebetstags-Workshops bis zur Natur
als spirituellem Erfahrungsraum …
– das bieten unsere Seminare.
Außerdem nehmen die FrauenReisen Hin und weg unsere Themen mit auf Reisen: Begegnen
Sie großen Frauen des Mittelalters
auf der Deutschlandrundreise,
pilgern Sie an der Ostsee, reisen
Sie ins Weltgebetstagsland Frankreich, erleben Sie die Traditionen
des wild-romantischen Rumäniens, machen Sie eine Klosterfahrt
auf den Spuren heiliger Frauen,
fastenwandern Sie auf Usedom,
spüren Sie den Zauber des Baltikums und …
Seminare 0431 – 55 779 112 | Bärbel Rimbach
Reisen 0431 – 55 779 111 | Kirsten Larsen
All dies und noch viel mehr finden Sie in unserem Programm
2012, eben „vielseitig und
engagiert“. Das Programm
bekommen Sie unter
0431 – 55 779 107 (Ute Schröder)
oder www.ne-fw.de
www.ne-fw.de
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Seele and Geist
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