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Medienmenschen Was geschieht mit dem eigenen Ich, wenn - FSF

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Ulrich Saxer:
Politik als Unterhaltung.
Zum Wandel politischer
Öffentlichkeit in der
Mediengesellschaft.
Konstanz 2006: UVK-Verlag.
346 Seiten, 34,00 Euro
Klaudia Wick:
Ein Herz und eine Seele.
Wie das Fernsehen Familie
spielt. Freiburg 2007:
Herder Verlag. 189 Seiten,
9,90 Euro
Jens Bergmann/
Bernhard Pörksen:
Medienmenschen. Wie
man Wirklichkeit inszeniert.
Münster 2007: Solibro-Verlag. 344 Seiten, 34,80 Euro
tv diskurs 41
L I T E R AT U R
Politik als Unterhaltung
Ein Herz und eine Seele
Medienmenschen
Die Erkenntnis ist nicht neu:
Kürzlich hat Produzent Georg
Was geschieht mit dem eigenen
Längst hat sich das „Politain-
Feil Innenansichten zur Ge-
Ich, wenn man berühmt wird?
ment“ als Sprössling der
schichte der deutschen Serie
Wird man ein anderer? Ist die
„Mesalliance zwischen Medien-
vorgelegt (Fortsetzung folgt,
private Angela Merkel die glei-
und Spaßgesellschaft“ (S. 9) im
UVK). Nun folgt die Außenan-
che wie die Bundeskanzlerin aus
Fernsehen etabliert. Neu aber
sicht: Klaudia Wick sorgt mit
dem Fernsehen? Medienmen-
ist der Versuch, Politik als Unter-
ihrem Buch Ein Herz und eine
schen haben Jens Bergmann
haltung wissenschaftlich zu
Seele für die perfekte Ergän-
und Bernhard Pörksen ihre
erfassen. Ohnehin hat die Publi-
zung. Allerdings beschränkt sie
Sammlung von Interviews mit
zistikwissenschaft die Medien-
sich auf das Subgenre der Fami-
prominenten Zeitgenossen
unterhaltung ja fast schon tradi-
lienserie. Aus gutem Grund: Sie
genannt. Verona Pooth, Joschka
tionell gemieden. Ulrich Saxer
betrachtet die Geschichten von
Fischer oder Günter Netzer, so
ist in dieser Hinsicht eine vor-
Sippschaften wie den Hessel-
die Grundthese, wirkten nur
bildliche Ausnahme. Es ist daher
bachs und den Drombuschs als
scheinbar vertraut; in Wirklich-
kein Zufall, dass er sich dieser
Spiegel der Gesellschaft; als
keit seien diese Medienfiguren
Aufgabe stellt. Die Bescheiden-
„Zauberspiegel“ zwar, aber
„fiktive Persönlichkeiten“ (S. 7).
heit, mit der er sein immerhin
eben doch als Reflexion. Trotz-
Das Buch will hinter die Kulissen
knapp 350 Seiten starkes Werk
dem ist das Buch keine soziolo-
schauen, will herausfinden: Was
als „Essay“ einstuft, der in erster
gische Abhandlung, sondern
machen die Prominenten mit
Linie zum Weiterdenken anre-
eine ebenso kurzweilige wie
den Medien – und umgekehrt?
gen soll, ehrt ihn zwar, ist aber
informative Reise durch die
Wer inszeniert wen, wer ist
fehl am Platz: Die Erkenntnisse
Geschichte der Bundesrepublik.
Opfer, wer ist Täter? Auf dem
bieten weit mehr als bloß eine
In jedem der zwölf Kapitel
Titelbild gelingt das schon ein-
Grundlage. Als solche aber ist
analysiert die Fernsehkritikerin
mal recht gut: Es zeigt Gerhard
das Buch unentbehrlich. Das
(„Berliner Zeitung“, epd
Schröder im Interview mit dem
beginnt nicht erst mit der Defi-
medien) eine oder mehrere
ARD-Journalisten Ulrich Dep-
nition des Begriffs „Unterhal-
Serien. Da sie gleichzeitig be-
pendorf. Die Köpfe sind aller-
tung“, sondern bereits vorher
schreibt, in welchem gesell-
dings kaum zu sehen, denn es
mit der Akzeptanz der Unterhal-
schaftlichen Klima die Produk-
kommt auf die Füße an: Schrö-
tung als menschliches Grundbe-
tionen entstanden sind, kann sie
der steht auf einem kleinen
dürfnis, als „anthropologisches
auf diese Weise Wechselwirkun-
Podest. Ansonsten aber lässt
Universale“ (S. 13). Demzufolge
gen herausarbeiten. Natürlich
sich das Mediengeschäft erfah-
ist auch „Politainment“ unver-
spielt dabei auch die Entwick-
rungsgemäß nur ungern in die
meidliche Begleiterscheinung
lung des Mediums eine ange-
Karten schauen. Deshalb erfährt
der Mediendemokratie und die
messene Rolle. Diese drei Ebe-
man im Essay der Herausgeber
„Entertainisierung“ von Me-
nen – die Realität, das Medium,
viel mehr über die „Inszenie-
diengesellschaft ein auf allen
seine Inhalte – verwebt Wick so
rungsgesellschaft“ als in den
Ebenen spürbares „Totalphäno-
geschickt miteinander, dass im
meisten Interviews. Die Fragen
men“ (S. 289). Neben der Theo-
Kopf des Lesers ein einheitlicher
wurden von Studierenden des
rie liefert Saxer auch Praxisnähe:
Bilderfluss entsteht. Das wie-
Instituts für Journalistik und
Eine solche Gesellschaft ver-
derum funktioniert vor allem
Kommunikationswissenschaft an
langt viel stärker nach „sym-
deshalb so gut, weil man stets
der Universität Hamburg ge-
bolischer Politik“ oder auch
spürt, wie sehr die Autorin das
stellt. Doch so unterhaltsam die
„Eventpolitik“ (S. 290), hat aber
Fernsehen mag. Natürlich geht
meisten der insgesamt 30 Ge-
andererseits den Vorteil, dass
ihre Begeisterung nicht so weit,
spräche auch sind: Echte neue
auch bei schwach motivierten
die Familienserien zu Meister-
Erkenntnisse darüber, wie die
Publika Interesse an Politik ge-
werken zu stilisieren; aber ihre
Mediengesellschaft funktioniert,
weckt werden kann.
Haltung zur Unterhaltung ist vor
geben auch Gregor Gysi oder
allem angenehm unvoreinge-
Michel Friedman nicht preis.
nommen.
Tilmann P. Gangloff
80
3 | 2007 | 11. Jg.
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Seele and Geist
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