close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Gibt es ein ”Pflegemodell Abderhalden”? Was sagt Abderhalden

EinbettenHerunterladen
Abderhalden C. (1999) Gibt es ein „Pflegemodell Abderhalden“? Was sagt Abderhalden selbst dazu? Psych Pflege heute, 5 Jg., Nr. 3, S. 176-178
Gibt es ein ”Pflegemodell Abderhalden”? Was sagt Abderhalden
selbst dazu?
Christoph Abderhalden
„Ch. Abderhalden erhält recht häufig Anfragen nach näheren Informationen zu seinem Pflegemodell
oder zu seiner Pflegetheorie. Ab und zu erhalten offenbar KrankenpflegeschülerInnen den Auftrag,
sein Modell zu bearbeiten und im Unterricht vorzustellen.
Um die Antwort auf die im Titel gestellte Frage vorwegzunehmen: Gemäss Abderhalden selbst gibt es
kein Pflegemodell Abderhalden....
A. weiss eigentlich nicht, wie er zur Ehre kommt, als Autor einer Pflegetheorie angesehen zu werden:
Diese Ehre ist wirklich völlig unverdient! Er hatte nämlich bis heute nie auch nur die Absicht, ein Pflegemodell oder eine Pflegetheorie zu formulieren.
Abderhalden vermutet, dass ”seine” erweiterte Liste der Aktivitäten des täglichen Lebens zu diesem
Missverständnis geführt hat, vor allem, seit diese Liste auf verschlungenen Pfaden den Weg in einen
Artikel in der Zeitschrift ”Forum Sozialstation” und von dort ins Pflegelehrbuch von Juchli fand.
Die Abderhalden zugeschriebene Erweiterung der ATL-Liste ist folgendermassen entstanden:
Anfang der 80er-Jahre war A. an einer kleinen Schule für psychiatrische Krankenpflege tätig (in CH9100 Herisau) (Dreieinhalb-Personen-Team...). Diese Schule hatte damals die Aufgabe, ein vollständig neues Curriculum für die Pflegeausbildung zu schaffen. Das Schulteam suchte in diesem Zusammenhang nach einem Modell oder Ordnungssystemen, mit dem der Inhalt der psychiatrischen Pflege
am besten systematisiert und beschrieben werden könnte (Was ist eigentlich die Spezialität der psychiatrischen Pflege? Was ist deren Aufgabe in der Klinik?). Als ein Schlüsselbegriff zur Beschreibung
der psychiatrischen Pflege wurde auf Vorschlag von A. zunächst das Konzept ”Soziotherapie” gewählt.
Das
Curriculum
sollte
aber
möglichst
nicht
(nur)
nach
medizinischen/therapeutischen/psychiatrischen Begriffen gegliedert sein, sondern primär nach pflegerischen
Gesichtspunkten strukturiert sein. Das Schulteam entschloss sich deshalb dazu, neben ”Soziotherapie” möglichst grosse Teile des Curriculums/Stoffplans nach einem Pflegemodell zu organisieren. Das
Schulteam entschied sich zunächst für eine Kombination des ATL-Modells von Liliane Juchli und des
Lebensaktivitäten-Modells von Roper, Logan & Tierney. Es versuchte, möglichst viele Unterrichtsinhalte den ATLs bzw. LA zuzuordnen (z.B. Anatomie/Physiologie/Pathologie der Atemwege + Behandlungspflegetechniken wie Absaugen, Inhalieren, O2-Verabreichung etc. der ATL ”Atmen” usw.). Damit
solle die Hauptstruktur des Curriculums ”pflegerisch” sein, nicht medizinisch (Krankheiten, Organsysteme, Therapiemethoden etc.). Man/frau kann sich vorstellen, dass es nicht ganz einfach war, alle
Inhalte der Pflege irgendeiner ATL zuzuordnen. Wohin zum Beispiel mit Orientierungsstörungen, wohin mit Coping/Problembewältigungsverhalten, wohin mit ”Umgang mit Geld” etc.?
Nach endlosen Sitzungsnachmittagen mit entnervenden Diskussionen über Fragen wie: ”Zu welcher
ATL gehören die Inhalte XY?” entschloss sich das Herisauer Team (frech), nicht den Stoff den vorliegenden ATL-Listen anzupassen, sondern die ATL-Listen dem Stoff (und den Inhalten der Pflege). Zu
diesem Entscheid hat A. massgeblich beigetragen, und er hat auch gleich einige neue ATLs entworfen und als Diskussionsbeitrag in Teamsitzungen eingebracht.
Das also ist der Background, vor dem diese berühmte Abderhalden‘sche ATL-Liste entstand. Die
Erweiterung der ATL-Liste ist also erstens nicht nur eine persönliche Kreation von A., sondern in Zusammenarbeit mit dem damaligen Schulteam in Herisau entstanden, und zweitens handelt es sich
nicht um ein neues Modell, sondern um eine vielleicht etwas unverschämte, auf jeden Fall aber sehr
pragmatische (und praktisch brauchbare) Adaptation bestehender Modelle für einen bestimmten
Zweck.
1
Während seiner Tätigkeit an der Schule für psychiatrische Krankenpflege in Herisau hat sich A.
1982/83 an der Kaderschule für die Krankenpflege in Zürich zum Lehrer für Krankenpflege weitergebildet.
Als Abschlussarbeit für diese Weiterbildung hat er 1983 eine Diplomarbeit verfasst mit dem Titel ”Psychiatrische Krankenpflege und Soziotherapie”. Diese Arbeit hatte das Berufsbild der Pflege in der
Psychiatrie als Inhalt. Diese Diplomarbeit hat A. überarbeitet und sie wurde 1986 beim RECOMVerlag publiziert (und ist leit langer Zeit vergriffen). Sie ist parallel zur Curriculumsarbeit an der Schule
in Herisau entstanden und spiegelt die Überlegungen, die A. (als Teammitglied) als Beitrag zur Curriculumsentwicklung angestellt und eingebracht hat. Sie spiegelt auch Abderhaldens erste Auseinandersetzung mit Themen wie ”Pflegemodelle” (Roper et al, Orem, Peplau, usw.), ”Pflegeprozess”,
”Pflegequalität”, ”Professionalisierung” usw., die Hauptinhalte seiner damaligen Lehrerausbildung
waren.
Abderhalden würde die wesentlichen Ideen aus dieser Arbeit folgendermassen zusammenfassen
(Achtung: Die Arbeit wurde 1983 verfasst!):
•
•
•
•
•
•
Die psychiatrische Pflege befindet sich in einer Art beruflicher Identitätskrise, die in der Fachliteratur sehr ausgeprägt zum Ausdruck kommt.
Ein Faktor, der zu diesen Identitätsproblemen beiträgt, ist die Tatsache, dass sich das Berufsbild
immer wieder den gerade gängigen bzw. favovisierten psychiatrischen Therapiemethoden anpasste. Wenn somatische Therapien en vogue waren, wurde unser Berufsbild ”somatisch”, wenn
Psychotherapie das Ideal war, wurden wir kleine (Co-)Psychotherapeuten (aber doch nicht richtige...) etc.
Am ehesten zu unserer realen Tätigkeit passt die Bezeichnung/Therapieform ”Soziotherapie”:
Wenn wir uns also überhaupt nach Begrifflichkeiten psychiatrischer Therapie definieren wollen,
dann passt am besten ”Soziotherapie”. Soziotherapie beschreibt am ehesten das, was wir schon
immer getan haben (Alltag!).
Psychiatrische Pflege kann man aber nicht nur von der Psychiatrie her definieren, sondern auch
von der Pflege her (beides kommt ja vor in der Berufsbezeichnung). Die Pflege (ganz allgemein)
hat sich sehr entwickelt in den letzten Jahren/Jahrzehnten, und sie hat eigenständige Konzepte/Modelle entwickelt, die nicht aus medizinischen Denkkategorien/Einteilungen stammen. Medizinisch ist zum Beispiel die Einteilung in Psychiatrie, Somatik etc.; pflegerisch ist zum Beispiel die
Orientierung an Grundbedürfnissen o.ä., die bei allen Menschen relevant sind, unabhängig davon,
ob sie eine psychische oder eine körperliche Krankheit haben (was eh eine problematische Unterscheidung ist), und unabhängig davon, in welchem Setting sie gepflegt/behandelt werden
(Chirurgische oder psychiatrische Klinik, ambulant oder stationär...).
Die neuen pflegerischen Konzepte decken sich inhaltlich zu einem beträchtlichen Teil mit dem,
was in der Psychiatrie mit ”Soziotherapie” bezeichnet wird. Viele in der Pflege massgebende
Grundgedanken decken sich auch weitgehend mit Ideen, wie sie von der modernen Sozialpsychiatrie vertreten werden.
Statt mit psychiatrischen Begriffen/Konzepten wie Soziotherapie o.ä. kann psychiatrische Pflege
also sehr gut mit pflegerischen Begriffen/Konzepten definiert werden. Das erscheint A. eigentlich
sinnvoller.
In die Arbeit ”Soziotherapie und psychiatrische Krankenpflege” hat A. eine Art Definition von psychiatrischer Pflege mittels pflegerischer Konzepte integriert (Buch Kapitel 5.4). In diese Beschreibung von
Pflege war auch die berühmte ATL-Liste enthalten, welche damit auch publiziert war. Diese Beschreibung von Pflege wurde dann wohl als eigenes ”Modell” oder gar als eigene ”Theorie” aufgefasst: sie
ist aber sicher keine Theorie und auch kein gut ausgearbeitetes Modell. An eine Theorie (und auch an
ein gutes Modell) müsste der Anspruch gestellt werden, dass die verwendeten Konzepte klar definiert
sind, dass sie in definierter Beziehung zueinander gesetzt sind, etc..
Abderhaldens Beschreibung von Pflege lässt unschwer erkennen, dass darin Elemente verschiedenster Pflegemodelle/-theorien integriert sind: Das LA/ATL-Konzept von Roper bzw. Juchli, der Selbstpflegeansatz von Orem, das biopsychosoziale/spirituelle Menschenbild von Poletti etc.
Es handelt sich also sicher nicht um eine eigene Theorie, sondern, bestenfalls, um einen Versuch,
ganz unterschiedliche pflegetheoretische Überlegungen verschiedenster Provenienz in einem sehr
pragmatischen, eklektizistischen Ansatz für die Praxis zu verwenden. Vielleicht auch ein frühes (1982)
Beispiel dafür, was man mit Pflegetheorien auf Curriculumebene machen kann.
2
Die ”neuen” ATLs bzw. die erweiterte ATL-Liste wurden in Herisau für das Curriculum und für die Verwendung im Pflegeprozess mit Stichworten/Beispielen versehen, es wurden entsprechende Pflegeanamnesefragen formuliert, es wurden Unterrichtsinhalte dazu zusammengestellt etc..
Die erweiterte ATL-Liste hat auf vielfältigen Wegen eine recht grosse Verbreitung gefunden. Sie wird
inzwischen in verschiedenen psychiatrischen Kliniken und Schulen in der Schweiz, in Deutschland
und in Österreich verwendet: Offenbar wird sie als praktisch und brauchbar angesehen. Vielleicht
auch deshalb, weil sie Ian Needham (mit dem A. gut befreundet ist) in seinem Buch über Pflegeplanung erwähnt hat (Pflegeplanung in der Psychiatrie, Recom). Needham hat übrigens mit Abderhalden
zusammen die Weiterbildung zum Lehrer für Krankenpflege besucht, und so bei den täglichen Bahnfahrten nach Zürich die Entstehung von Abderhaldens Diplomarbeit und der ATL-Erweiterung direkt
miterlebt).
Es ist nun mehr mehr als 15 Jahre her, seit sich Abderhalden intensiv mit den ATLs befasst hat: Heute findet er vieles an seiner damaligen Arbeit eher problematisch, und heute befasst er sich vorwiegend mit andern Themen.
Da es ihn freut, wenn KollegInnen die erweiterte ATL-Liste praktisch und brauchbar finden, gibt er
aber gerne direkte Auskünfte darüber.
Übrigens: Christoph Abderhalden, Jahrgang 1954, ist Schweizer Staatsbürger, lebt in Bern, hat ein
Diplom in psychiatrischer Krankenpflege, als Lehrer für Krankenpflege und als Pflegeexperte (Höhere
Fachausbildung in Pflege Stufe II) und einen Masters Degree in Pflegewissenschaft (MNSc). 1990 bis
2003 war er mit wechselndem Anstellungsgrad am WE’G Weiterbildungszentrum für Gesundheitsberufe in Aarau tätig (früher: Kaderschule für die Krankenpflege), seit Herbst 2003 leitet er die Forschungsstelle Pflege und Pädagogik an den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern.
Die aktuelle Adresse ist:
Christoph Abderhalden, Balmweg 17, CH-3007 Bern/Schweiz; Tel/Fax: ++41-31-371 07 57; E-Mail:
ch.abderhalden@swissonline.ch.”
Oder:
Universitäre Psychiatrische Dienste (UPD) Bern, Forschungsstelle Pflege & Pädagogik, Bolligenstrasse 111, CH-3000 Bern 60 , Schweiz; E-Mail: abderhalden@puk.unibe.ch
3
Document
Kategorie
Kunst und Fotos
Seitenansichten
6
Dateigröße
84 KB
Tags
1/--Seiten
melden