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Alles was bleibt - Wiener Festwochen

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Magazin der jungen Kritikerrunde
Alles was bleibt
Die jungen Kritiker und
Kritikerinnen im Gespräch
Was macht deiner Meinung nach eine gute
Theater- bzw. Kunstkritik aus?
Nicolin Irk: Ich finde eine gute Kritik sollte
die perfekte Mischung aus der eigenen Meinung,
nachvollziehbaren Begründungen, einem objek­
tiven Blick und einer nicht zu detaillierten
Beschreibung des Stücks sein. Idealerweise
humoristisch angehaucht, sodass die Kritik den
Leser schmunzeln lässt.
Maximilian Paier: Ich finde eine gute Theater­
kritik sollte vor allem eines: Spaß machen beim
Lesen. Solange der Text interessant geschrieben
ist und mich als Leser voll und ganz einnimmt,
ist es für mich irrelevant, ob ich das Stück sehen
will / gesehen habe / gar nicht sehen will.
Annemarie Pervan: Wenn sie die Leser zum
Nachdenken bringt. Wenn die Leute sich ein Bild
vom Gesehenen machen können, ohne dabei
gewesen zu sein. Eine gute Kritik soll die Mei­
nung, die in ihr geäußert wird, so vermitteln,
dass sie nachvollziehbar ist.
Robin Reisenauer: Eine gute Kritik sollte die rele­
vanten Aspekte ansprechen und an das jeweilige
Genre angepasst sein. Ein Blockbuster hat nicht
die Aufgabe tiefsinnige Botschaften zu vermitteln,
sowie eine Festwochenproduktion nicht zwingend
unterhalten und zum Lachen bringen muss.
Welche künstlerische Position/Produktion war
am fremdartigsten für dich? (Wie) hast du
einen Zugang gefunden? Hat sich dein Blick
auf die darstellenden Künste verändert?
Nicolin Irk: Van den Vos hat es mir schwer ge­
macht, einen Zugang zu finden. Ich bin mir nicht
mal sicher, ob ich bis jetzt einen gefunden habe.
Ich glaube eher nicht, obwohl ich das Stück
durchaus interessant fand.
Ich vermute schon, dass sich mein Blick auf
die darstellenden Künste verändert hat. Mit Van
den Vos wurde mir gezeigt, wie brutal Theater
sein kann und wie realistisch man diese rohe
Gewalt zeigen kann.
Maximilian Paier: Ich habe versucht so neutral
wie möglich auf die Vorstellungen zuzugehen.
Aber die Vorstellung die mich bis heute durch ihre
2
Fremdartigkeit fasziniert, ist eindeutig Orfeo ed
Euridice. Aber mein Blick auf die darstellenden
Künste hat sich trotz der anstößigen Inszenierung
von Castellucci nicht verändert.
Annemarie Pervan: Van den Vos, unser erstes
Stück, war ein Stück, dessen Art ich so noch nie
gesehen habe. Ich brauchte lange, um es zu vera­
rbeiten. Das Austauschen mit den anderen Kriti­
kern und mit Camilla hat mir geholfen, einen
Zugang zu der Produktion zu finden. Mein Blick
auf die darstellenden Künste hat sich verändert.
Ich war fünf Wochen lang mittendrin. Vorher
hatte ich noch einen teilweise unklaren Blick auf
die darstellenden Künste, mir war vieles fremd,
doch langsam beginne ich einiges zu verstehen.
Robin Reisenauer: Orfeo ed Euridice. Ich konnte
bis jetzt meinen Zugang nicht finden und ehrlich
gesagt, ist dies auch nicht mein Bestreben, da ich
die Umsetzung der Thematik bei diesem Stück
als obszön empfinde.
Heuer gab es zum ersten Mal ein FestwochenZentrum als Treffpunkt für Künstler und
Künstlerinnen, Publikum und alle
Interessierten. Was hat dieser Ort für dich
bedeutet?
Nicolin Irk: Ich liebe das Wiener-Festwochen
Zentrum. Es ist ein echt wunderbarer Treffpunkt,
wo man interessante Menschen kennen lernen
kann. Es dient auch auf mehreren Ebenen als
zusätzliches Medium durch Publikumsgespräche,
Salongespräche und natürlich die Ausstellung
unseres Regals.
Maximilian Paier: Das Festwochen-Zentrum war
für mich während des ganzen Festwochentrubels
ein sicherer Anlaufplatz für ein kleines Päuschen.
Eine zentrale Location, die in der Festivalzeit fast
durchgehend offen hat, tut auch der Festivalat­
mosphäre gut.
Annemarie Pervan: Im Festwochen-Zentrum
haben wir uns oft getroffen, um alles zu bespre­
chen oder einfach zu essen und zu entspannen,
daher verbinde ich viel Freude damit. Das Fest­
wochen-Zentrum war ebenfalls ein Ort zum Prä­
sentieren unserer Texte, so wussten wir, dass
unsere Texte tatsächlich gelesen werden.
Ich finde, dass das Festwochen-Zentrum eine
tolle Idee ist, denn es ist ein Ort, um sich tatsäch­
lich bei den Wiener Festwochen zu fühlen, ohne
bei allen Produktionen dabei zu sein. Es herrscht
eine Atmosphäre, die auf eine Art an ein aufge­
räumtes Zuhause erinnert.
Robin Reisenauer: Im Grundsatz halte ich das
Zentrum für eine gute Idee, doch hat man (unter­
tags zumindest) kaum Künstler und Künstlerin­
nen angetroffen, es wäre schön, wenn sich dies in
Zukunft ändern würde.
Hat sich dein Bild von den Wiener Festwochen
– sofern du vorher eines hattest – durch die
Teilnahme an der Kritikerrunde geändert?
Nicolin Irk: Nein, nicht wirklich.
Maximilian Paier: Mir war, bevor ich an der
Kritikerrunde teilgenommen habe, der Umfang
der Wiener Festwochen nicht ganz bewusst. Dass
so viele Produktionen parallel laufen, hat mich
doch sehr überrascht.
Annemarie Pervan: Ich habe gesehen, wie viel
Arbeit hinter den Wiener Festwochen steckt. In
allen Bereichen wird sehr viel Herz und Seele rein­
gesteckt. Es wird hart gearbeitet. Die Wiener Fest­
wochen werde ich immer als etwas sehr familiäres
empfinden. Es hat mir Spaß gemacht, alles mitzu­
erleben und ein Teil davon zu sein. Ich werde defi­
nitiv in den nächsten Jahren die Wiener Festwo­
chen besuchen und sie in Erinnerung behalten, wie
ich sie kennengelernt habe: als Festival der Kultu­
renvielfalt, das sich mit relevanten Themen, die
uns als Menschen bestimmen, auseinandersetzt.
Robin Reisenauer: Mein Bild der Wiener Festwo­
chen hat sich ein wenig gewandelt, da ich zuvor
wenig von dem Ablauf des Events wusste und
mir dank der Kritikerrunde neue Perspektiven
eröffnet wurden.
Du hast jeden Morgen das Festwochen-Erlebnis
des vergangenen Tages in einem „Was bleibt“
zusammengefasst. Was bleibt von den
Festwochen 2014 insgesamt?
Nicolin Irk: Ich habe lange über diese Frage nach­
gedacht und ich bin mir nicht sicher, ob ich eine
passende Antwort dafür habe. Was bleibt sind die
Erinnerungen an eine wunderbare Zeit, neue
Freunde, ein größeres Selbstbewusstsein, aber
leider bleibt auch die Trauer, dass alles schon
vorbei ist. Hört sich jetzt kitschig an, ich weiß.
Maximilian Paier: Was bleibt sind Erinnerungen
an außergewöhnliche Produktionen, eine slowe­
nische Familie und meine ganz persönliche Be­
gegnung mit Markus Hinterhäuser.
Annemarie Pervan: Von den Wiener Festwochen
bleibt vieles. Durch das Schreiben von Kritiken
musste ich mich mit politischen und gesellschaft­
lichen Themen auseinandersetzen. Themen, mit
denen ich wahrscheinlich nie in Berührung ge­
kommen wäre. Ich habe Stücke gesehen, die mich
berührt haben und mich womöglich für eine
lange Zeit prägen werden. Ich habe interessante
Leute kennengelernt, von denen ich viel gelernt
habe. Sachen und Emotionen erlebt, die ich so
nie erlebt hätte. Ich habe viel dazu gelernt und
erfahren, es gab mir einen Vorgeschmack auf
mehr.
Robin Reisenauer: Viele neue Erfahrungen. Zu­
vor konnte ich mir kaum vorstellen, dass Theater
sich über ein so weitreichendes Repertoire an
Variationen erstrecken kann.
Die junge Kritikerrunde hat im Rahmen der Wiener
Festwochen 2014 sechs Bühneproduktionen, eine
Filmmatinée, zwei Ausstellungen und einen SoundWalk besucht. Dabei über zehn Spielstätten
kennengelernt und auf der Suche nach dem
Walker, die Stadt neu wahrgenommen. Die
Jugendlichen haben zwei Kurier-Journalisten, eine
Übersetzerin und einen Theatermacher zum
Gespräch getroffen (wir danken Gert Korentschnig,
Monika Kalitzke und Yan Duyvendak). Sie haben
gemeinsam Workshops erlebt und zwischendurch
viel diskutiert und geschrieben. Eine Auswahl der
entstandenen Texte findet sich in diesem Heft. Es
darf weitergedacht, kopfgeschüttelt und
geschmunzelt werden.
3
Von dunklen Wäldern und
blutenden Lippen
von Maximilian Paier
A
FC Bergman
Liesa Van der Aa
Solistenensemble Kaleidoskop
Josse De Pauw
Van den vos / Von dem Fuchs
Musik/Theater
Antwerpen
4
m 14. Mai um kurz nach 20 Uhr im
Odeon Theater in der Taborstraße
hatte das Stück Van den vos, insze­
niert von FC Bergman, einem nie­
derländischen Theaterkollektiv, Premiere im
deutschsprachigen Raum – und ich war am Start
(das heißt, dass ich dabei war).
Das Stück selbst basiert auf der mittelalterlichen
Fabel Reineke Fuchs, welche davon handelt, dass
der Fuchs, genannt Reineke, etliche Verbrechen
begeht, unter anderem die Frau des Wolfes
Isegrim vergewaltigt und am Ende damit davon
kommt. Das Tier mit dem orange-rötlichen Fell
und dem weißen Bauch kann sich nämlich be­
sonders geschickt heraus reden und endet schlus­
sendlich als rechte Hand des Königs.
Klingt ja soweit relativ klassisch. FC Bergman,
welche bekannt sind für ihr Grenzen sprengen­
des Theater, lassen das Stück jedoch damit be­
ginnen, dem Zuschauer erstmal mit Autoschein­
werfern in die Fresse zu leuchten. Was folgt, sind
eineinhalb Stunden etwas handlungsarmes, aber
sehr ästhetisches Theater, welches fast schon an
Malerei grenzt. Dass das möglich ist, liegt unter
anderem am komplexen Bühnenbild, welches
einen Pool, vor einer hohen Glaswand und einen
Wald, hinter dieser Wand zeigt. Projektionen
verbinden technisch elegant Live-Bild mit
Videomaterial, lassen dadurch Grenzen zwischen
Gespieltem und Aufgezeichnetem dynamisch
verwischen und tragen sehr viel zur allgemein
mystischen und geheimnisvollen Atmosphäre
von Van den vos bei.
Auch das Blut kommt in Van den vos nicht zu
kurz! Ich als Gorefan befinde fein inszenierte Ge­
walt als etwas unglaublich „Cooles“. FC Bergman
geht da schon fast etwas zu weit. Selbst erfahrene
Fans von Blutorgien werden an zumindest einer
bestimmten Stelle ins Wanken kommen.
Die tierischen Charaktere in Van den vos werden
mit eher durchschnittlichen schauspielerischen
Leistungen verkörpert, welche nicht weiter be­
schrieben werden müssen. Was aber doch erwäh­
nenswert ist, ist die Musik. Live von ein paar
Musikern eingespielt, verstärkt der Soundtrack
das unheimliche Feeling, welches durch die
„Gemälde“ auf der Bühne erzeugt wird. Eine Frau
geht in den Wald und legt sich im Mondschein,
zu den Klängen eines sinnlichen Streichen­
sembles, auf einen Baum.
Alles in allem ein Theaterabend für Ästhetikfans
und eher nicht für den durchschnittlichen Burg­
theater-Abonnementen.
Ich gebe dem Stück 1 von 5 Homies. Damit man
sich am Nachhauseweg beim „Schlecht war’s
nicht, aber bisschen fad“ sagen, nicht so alleine
fühlt.
5
Komplexe Fragen und
tierische Menschen
von Annemarie Pervan
D
as Stück Van den Vos, inszeniert
von der belgischen Theatergruppe
FC Bergman, feierte seine Premiere am
14.05.2014 im Rahmen der Wiener
Festwochen im Odeon Theater. Die mittelalterli­
che Fabel Reineke Fuchs wurde mit einem atem­
beraubenden Bühnenbild und einem Spiel, das
Gut und Böse näher beleuchtet, aufgeführt.
Das Stück ist vor allem eines: eine Analyse des
Menschen, der tierische Züge hat. Anders als
in der Fabel, bekommen hier die Menschen die
Eigenschaften der Tiere. Der Mann, der so ver­
bissen versucht den Vergewaltiger seiner Frau zu
finden, hat die Eigenschaften des Wolfes in der
ursprünglichen Fabel. Er ist gierig und verbis­
sen. Sein Gegner, der Fuchs, ist vor allem eines:
schlau. Diese Eigenschaften machen sich im
Stück äußerst bemerkbar. Keiner schafft es, den
Fuchs zu fangen, da er jeden überlistet und der
Wolf zeigt seine Gier, indem er versucht, an das
rothaarige Mädchen heranzukommen.
Der Fuchs und der Wolf stehen für zwei voll­
kommen unterschiedliche Wertvorstellungen.
Der Wolf vertritt die Moral und das Gute, und
der Fuchs das Schlechte. Es ist allerdings nicht
immer alles gut, was gut scheint. Und nichts ist
wirklich immer nur böse, was böse scheint. Das
eine kann ohne das andere nicht.
Genauso wie das Stück. Es schien, als ob man
mit allen Mitteln versucht, die Zuschauer mit
Fragen zu quälen und zum Nachdenken zu
bringen, damit das Stück so lange wie möglich
im Gedächtnis bleibt. Was auch gelang. Dies ist
aber nicht immer gut. Das Stück wirft Fragen auf,
manche sind es wert darüber nachzudenken:
Sind wir eher der Wolf oder der Fuchs? Kön­
6
nen alle Kämpfe gekämpft werden? Gibt es das
vollkommen Böse oder das vollkommen Gute?
Genauso aber lässt es uns die Inszenierung im
Regen stehen mit Fragen, die unlösbar scheinen,
weil sie zu komplex gestellt wurden.
Das Bühnenbild beeindruckte. Ein Pool war mit­
ten auf der Bühne gebaut worden, ein Orchester
sorgte für die Dramatik. Das Stück bot für die
Augen sehr viel – ein traumhaftes Bühnenbild,
einen Wald, hinter einer großen Glaswand, auf
die sehr intensive, fast gefilmte Kunstwerke proji­
ziert wurden. Die Szenen erinnerten an Gemälde
von Gerhard Richter. Verschwommen und trüge­
risch. Man fühlte sich, als ob man in einem Thea­
ter, einem Kino und einem Konzert gleichzeitig
gewesen wäre. Das Stück schaffte es, die drei For­
men miteinander spielen zu lassen, statt sie als
drei eigenständige Komponenten darzustellen.
Etwas, das man so selten zu sehen bekommt.
Die schauspielerische Leistung war durchwach­
sen und das Deutsch verbesserungswürdig. Die
Dialoge zwischen der alten Dame und dem Wolf
waren zu lang und zu tiefgründig, um folgen zu
können. Trotzdem fühlte man mit, auch wenn
man oft vom Inhalt oft verwirrt war.
Das Theater soll keine Antworten geben, sondern
seine Zuschauer mit Fragen nach Hause schicken.
Doch man muss auch wissen, wie man das an­
stellt. Macht man es zu gewollt, verstört man die
Zuschauer bloß und mehr auch nicht.
Zwischen Mythos
und Wahrheit
von Robin Reisenauer
Christoph Willibald
Gluck
Jérémie Rhorer
Romeo Castellucci
Orfeo ed Euridice
Oper
Wien
A
m 18. Mai 2014 lief die letzte Vorstel­
lung von Romeo Castelluccis Interpre­
tation der Oper Orfeo ed Euridice von
Christoph Willibald Gluck im Muse­
umsQuartier, Halle E. Der Saal war gut gefüllt, die
Gerüchte um Castelluccis Aufführungen hatten
sich wohl schon längst verbreitet.
Bevor über das Stück berichtet wird, ist zu erwäh­
nen, dass die Wachkomapatientin Karin Anna
Giselbrecht, zweite Hauptfigur der Inszenierung,
über Kopfhörer der Vorstellung folgte, während
sie in Echtzeit gefilmt wurde. Dafür hatte der Re­
gisseur die Einverständniserklärung der Eltern,
des Arztes und der Frau selbst.
Zu Beginn der Vorstellung platziert ein Techniker
ein Mikrofon vor einem Stuhl, auf welchem Bejun
Mehta als Orfeo sitzt. Dieser steht langsam auf
7
Castelluccis Einführung ins
Schattenreich
von Nicolin Irk
und beginnt zu singen, während im Hintergrund
Titel auf eine Leinwand projiziert werden. Die­
se erzählen das Leben einer jungen Frau, Karin
Anna Giselbrecht. Wir erfahren über ihr frühes
Leben, ihre ersten Auftritte bis hin zu ihrer Auf­
nahme an der Ballettschule der Wiener Staats­
oper. Wir erfahren, dass es sich bei der jungen
Dame um eine ambitionierte Künstlerin handelt.
Parallel zu der Biografie spielt sich das Original­
stück ab. Während Orfeo immer noch über seine
verlorene Euridice klagt, kippt die Erzählung über
das idyllische Leben eines allem Anschein nach
liebenswerten, lebensfreudigen Mädchens. Mit
dem Satz: „Eines Tages kann sie ihr Bett nicht
verlassen“ werden unsere Vorahnungen erfüllt.
Wer sich zuvor über Castelluccis Interpretation
informiert hat, wartet nur auf diesen Moment.
Den Moment, in welchem wir erfahren, welch
schweres Schicksal dem armen Kind widerfährt.
Während man dem Lebenslauf folgt, glaubt man,
hofft man, dass es sich bei der Ankündigung der
Referenz zur Wachkomapatienten nur um ein
unwahres Gerücht handelt. Doch nun wird man
mit der nackten Wahrheit konfrontiert. Es ist wie
ein Sturz in eiskaltes Wasser. Die nächsten drei
Inserts steigern die brutale Tragik. Bald weiß
man um den komatösen Zustand der talentierten
Tänzerin. Man wird darüber informiert, wie Karin
Anna Giselbrechts Verwandte mit dem schweren
Schock umgehen.
Nun zeigen verschwommene Videoaufnahmen
eine Fahrt durch die Stadt. Während Orfeo sin­
gend gegen Furien kämpft, bleibt die Kamera
hinter einem Gitter, das die Klinik umschließt,
stehen. Auf den einen mag dieses Gitter wie ein
Schutz wirken, ein anderer sieht darin eine Sper­
re. Als Orfeo die Furien überstanden hat, passie­
ren wir mit der Kamera das Gitter und betreten
die Klinik. Nach einiger Zeit erreichen wir das
Zimmer von Karin Anna Giselbrecht. Immer
noch sind die Aufnahmen verschwommen, im­
mer noch warten wir auf eine Offenbarung. Dann
passiert es letztendlich. Der Fokus wird auf die
Frau gerichtet, doch werden nur Einstellungen
8
verwendet, in welchen man die Augen, bezie­
hungsweise die Hände oder Arme von ihr sieht,
nie bekommen wir einen Eindruck von dem ge­
samten Menschen. Es dient wohl dem Schutz ih­
rer Privatsphäre. Im Libretteo hat Orfeo Euridice
gefunden, nun beginnen die Strapazen, die mit
ihrer Befreiung verbunden sind. Als Zuschauer
sucht man mit Hilfe der Kameraperspektive Au­
genkontakt zur Frau im Krankenbett, doch dieser
wird einem verwehrt. Frau Giselbrechts Blick ist
suchend, oder auch ausweichend, aber nie direkt.
Hier ist das Stück auch schon beinahe zu Ende.
Frau Giselbrecht werden die Kopfhörer abge­
nommen, die Kamera wird ausgeblendet. Orfeo
erfährt, dass er nun doch noch zu seiner Geliebten
darf, obgleich er die ihm gestellte Prüfung nicht
bestanden hat. Doch während er die Hand nach
ihr ausstreckt, verschwindet sie in der Dunkelheit.
Stille im Saal. Einige Momente lang sind sich die
Zuschauer unsicher, ob Applaus angebracht ist,
Ehrfurcht und Respekt liegen in der Luft. Letzt­
endlich leiten die Tontechniker einen Applaus ein,
dem sich die Menge tosend anschließt. Insgesamt
verbeugt sich das Ensemble fünf Mal. Den meisten
Applaus erntet Karin Anna Giselbrecht, als ihr
Name auf der Leinwand noch einmal gezeigt wird.
Alles in allem kann gesagt werden, dass das
Stück eine starke Wirkung hatte. Das Zusammen­
spiel der Oper und der Aufnahmen suggeriert
einen Zusammenhang zwischen dem unbedeu­
tenden Mythos und der harten Realität. Nach
der Aufführung bleibt Sprachlosigkeit und die
Inszenierungsidee bleibt trotz der Einverständ­
niserklärung fragwürdig. Ist derartiger Voyeuris­
mus tatsächlich ethisch vertretbar? Kann man als
Zuschauer einer derartigen Vorstellung reinen
Gewissens nach Hause gehen? Castelluccis Insze­
nierung hinterlässt einen bleibenden Eindruck
und ist trotz aller Fragwürdigkeiten empfehlens­
wert.
O
rfeo ed Euridice feierte seinen
Abschluss innerhalb der Wiener
Festwochen am 18. Mai im Museum­
Quartier, Halle E. Der Regisseur, Ro­
meo Castellucci, bringt mit seiner Version von
Glucks’ Klassiker einen Bezugspunkt zur Realität
außerhalb des Mythos’. Parallel zur ursprüngli­
chen Geschichte der griechischen Sage wird ein
weiterer Handlungsstrang behandelt: Das Leben
von Karin Anna Giselbrecht, eine ins Wachkoma
gefallene Balletttänzerin.
Modernes Schattenreich.
Karin Annas Geschichte wird mit simplen, nicht
verschnörkelten Lettern auf die Leinwand pro­
jiziert, während Bejun Methas alias Orfeo, das
Klagen über seinen Verlust in wunderschönem
Gesang wiedergibt. Mit dem Lesen von Karin
Annas Geschichte, wird einem schnell klar, dass
sie eine Zukunft als begnadete Tänzerin, vor
sich hatte. Man erfährt von der Aufopferung der
Eltern und Karins Ehrgeiz. Der Satz „Und eines
Tages konnte sie nicht mehr aufstehen“ erscheint
auf der Leinwand und der Zuschauer wird aus
dem schönen kleinen Märchen herausgerissen.
Seit dem 15.2.2011 liegt Karin Anna im Wachko­
ma und kann nur noch durch Lächeln, Blinzeln
und Weinen kommunizieren. Man erkennt so­
fort, dass Romeo Castellucci einen aktuelleren
Ansatz für Orfeo ed Euridice gefunden hat: das
moderne Schattenreich.
Reise durch Wien.
Und so begibt sich Orfeo auf die Reise, um sei­
ne Geliebte wiederzufinden. Zuvor gab ihm
Amor, von Laurenz Sartena dargestellt, diese
Möglichkeit, mit der Bedingung, dass Orfeo sei­
ne Geliebte auf dem Rückweg nicht anschauen
darf. Der Hintergrund verändert sich und man
sieht verschwommene Bilder von Wiens Straßen
in der Dämmerung. Parallelen, die man vorher
interpretiert hat, werden nun verdeutlicht. Die
Kamera, die Orfeo darstellt, reagiert auf die unter
die Haut gehende Musik des B’Rock Orchestra
Ghent und des Arnold Schoenberg Chors durch
Zooms, Fokussetzungen, Veränderungen der
Geschwindigkeit und das bewusste Filmen oder
eben Nichtfilmen von Sachen.
In einem Krankenbett, angeschlossen an Apparate,
findet die Kamera endlich ihre Euridice. Romeo
Castellucci gelingt es, durch gezielt eingesetzte
verschwommene Bilder, eine Art Schutz für Karin
Anna aufzubauen. Man sieht nur ihre Augen, die
Fenster zur Seele, wie man so schön sagt. Wenn
Christiane Karg, Euridice auf der Bühne darstel­
lend, betrauert es, dass ihr Geliebter sie nicht mehr
anschaut und man zur selben Zeit Karin Annas
Augen sieht, den Blickkontakt zur Kamera vermei­
den, kreuzen sich die Parallelen plötzlich.
Dies könnte auch als Statement, seitens Castelluc­
cis, gewertet werden. In seinem Stück wird genau
das Medium zur Seele, die Augen, der Blick, von
Karin Anna dem Publikum nie zugewandt. Hier
wird die bittere Wahrheit gezeigt, dass viele Leute
das Leben in Wachkomapatienten nicht sehen
können oder wollen.
Naives Ende?
Das Wiedersehen der zwei Verliebten wird sar­
kastisch kitschig auf einer Lichtung dargestellt.
Dann verändert sich das Bühnenbild ein letztes
Mal und man sieht Karin Anna in ihrem Bett. Der
starke Kontrast der beiden Enden wird offenbart:
Denn statt des naiven guten Endes der Oper, in
dem die Liebe Orfeos und Euridices die Götter
zur Gnade bewegt, geht die Kamera langsam von
ihrer Euridice weg und das Licht wird gedimmt.
Am Ende bleibt Karin Anna in ihrem dunklen
Zimmer. Ein stilles, aber nicht weniger mächtiges
Ende. Im Publikum herrscht Stille und der Zu­
schauer ist allein mit seinen Gedanken, bis der
berechtigte, tosende Applaus erschallt.
Dieses Stück schaffte es, eine neue Sicht – mensch­
licher und sensibler – jedem Einzelnen über ein
gemiedenes Thema zu vermitteln. Es zeigt, wie
Kunst bis in das unergründliche Schattenreich
dringen kann, ist eine Hommage an das Leben
und durch die tadellose Schauspielerei und mu­
sikalischen Unterstützung absolut sehens- und
hörenswert.
9
Wenn die Realität mal
wieder anklopft
Ein Schattenreich in Wien
O
R
von Annemarie Pervan
von Maximilian Paier
rfeo ed Euridice ist nichts für jeder­
mann, das gleich zu Anfang. Romeo
Castelluccis Inszenierung der klas­
sischen Oper von Gluck paralysiert.
Bedrückt verlässt man den Saal, und ist zunächst
erst einmal sprachlos und wie erschlagen von
den Eindrücken der Vorstellung.
Für all jene Leute, die nicht wissen, worum
es geht: Orfeo ed Euridice ist eine Oper von
Christoph Willibald Gluck, welche im Rahmen
der Wiener Festwochen in der Halle E im Wiener
Museumsquartier aufgeführt wurde. Inszeniert
wurde das Ganze von Romeo Castellucci, einem
italienischen Theaterregisseur, der für seine kon­
troversen Inszenierungen bekannt ist.
Für seine Adaption des antiken Stoffes von
Orpheus und Eurydike, braucht der Italiener
nicht viele Mittel. Neben dem B’Rock Orchestra
Ghent plus Arnold Schoenberg Chor hat das
Stück nur zwei Hauptdarsteller: den Counter­
tenor Bejun Mehta, der mit seiner unglaublichen
Stimme beeindruckt und Karin Anna Giselbrecht.
Das Besondere an Karin Anna Giselbrecht, wel­
che Euridice verkörpert, ist, dass sie im Koma
liegt. Im Wachkoma genauer gesagt. Soll heißen,
man kann nicht genau sagen, wie viel sie von
ihrer Umwelt mitbekommt.
Eine bühnenfüllende Leinwand macht das Mit­
wirken der Frau möglich. Während im Vorder­
grund der Countertenor sein Leiden besingt, wird
im Hintergrund die Lebensgeschichte von Karin
Anna Giselbrecht erzählt. Man erfährt von ihrer
Kindheit und ihrer Begeisterung für Musik.
10
Davon, dass ihre Eltern ihre Jobs aufgegeben
haben, damit das Mädchen nach Wien auf eine
Balletschule gehen kann. Von ihrer Ausbildung
an der Wiener Staatsoper und dem Weg der
jungen Tänzerin in Richtung Weltkarriere. Bis
zu dem einen Tag. Dem Tag, an welchem Karin
Anna Giselbrecht ins Koma fiel. Das gibt einen
fetten Tritt in die Magengrube.
Dazu findet eine Live-Übertragung aus dem
Krankenhaus, in welchem sich Karin Anna
Giselbrecht/Euridice befindet, statt. Man sieht die
verkrampfte Patientin auf ihrem Bett liegen. Ihre
angespannten Hände, ihre leicht fettigen Haare,
ihre dezent aufgedunsene Stirn. Eine hautnahe
Auseinandersetzung mit dem Verlorengehen
eines Menschen, der gleichzeitg immer noch da
ist. Das berührt. Auf eine sehr ungewohnte, für
manche Menschen vielleicht sogar unangenehme
Weise.
Romeo Castelluccis Inszenierung der klassischen
Oper von Gluck paralysiert. Und das sogar so
sehr, dass der Zuseher nicht einmal weiß, ob
es angebracht ist, nach der Aufführung zu klat­
schen. Die mitwirkenden Künstler, also das Or­
chester und die Sänger, haben Applaus verdient.
Aber die Inszenierung als Ganzes?
Ich gebe Orfeo ed Euridice 5 von 5 Homies, weil
eine Diskussion im Anschluss an die Oper über
die Inszenierung und das Leben und den Tod
fast notwendig ist, um das Gesehene zu verarbei­
ten. Und je mehr unterschiedliche Standpunkte,
desto besser.
omeo Castelluci schafft mit Glucks
Orfeo ed Euridice einen Bezug zur Reali­
tät. Die Verzweiflung und der Schmerz
den Orpheus durchleidet, während er
seine tote Frau, Eurydike, beweint und er schließ­
lich die Chance bekommt ins Schattenreich zu
reisen, um sie dort zurückzuholen, werden für
die Zuschauer deutlich spürbar.
Karin Anna Giselbrecht. So heißt die Eurydike
der Realität. Der Name der Künstlerin steht auf
der Leinwand geschrieben. Nachher werden
uns im MuseumsQuartier, in der Halle E am
18.05.2014 die Lebensgeschichte, Fotos und
Live-Aufnahmen aus ihrem Krankenbett im
Wienerwald gezeigt. Karin Anna Giselbrecht ist
Künstlerin und seit 2010 eine Wachkomapatien­
tin. Durch Blinzeln, Weinen und Lächeln kann
sie kommunizieren, mehr braucht es nicht, um
die Herzen der Zuseher zu berühren.
Ihre Eltern stellen metaphorisch Orpheus dar,
wollen sie zurück ins Leben holen. Karin Anna
stellt Eurydike dar, gefangen zwischen zwei Wel­
ten. Durch Einverständnis ihres Arztes und ihrer
Eltern, bekommt Karin Anna die Möglichkeit, das
zu machen, was sie am meisten liebt: Kunst.
Die technische Raffinesse der Live-Aufnahmen
der Kamera stellen eine Parallele zwischen Oper
und Realität dar. Die Kamera passt sich dem
Tempo der Musik und des Spiels an. Das perfekte
Timing des Kameramanns macht die Oper zu
einem Genuss. Den Blick, den Orpheus nie an
Eurydike richten darf, weist eine weitere Parallele
zur Realität auf, anders als im Stück treffen
Eurydikes Augen nie die Kamera. Die Kamera
zeigt viel von Karin Anna, ohne sie aber zur
Schau zu stellen.
Die Musik, die die Opernsänger Bejun Mehta
(Orpheus) und Christiane Karg (Eurydike), der
Arnold Schoenberg Chor und das B’rock Orche­
ster Ghent erschaffen, bleibt im Gedächtnis. Sie
ruft Schmerz hervor. Eine Art Schmerz, der uns
mit dem Schicksal von Orpheus und Eurydike
mitfühlen lässt. Es waren die Stellen mit Amor,
gesungen vom Wiener Sängerknaben Laurenz
Sartena, die den Schmerz zwischendurch ver­
gessen ließen. Häufig genügten schon die zarten
Töne einer Geige, um eine besondere Atmosphä­
re zu schaffen.
Das Stück endet mit letzten Live-Aufnahmen von
Karin Anna Giselbrecht. Vorher sieht man jedoch
ein kitschiges Happy End. Orfeo und Euridice
finden sich wiedervereint vor einem malerischen
Hintergrund, einem Wald. Ihre Reise ist vorbei.
Sie sind wiedervereint. Das Stück endet, aller­
dings nicht wirklich. Die letzten Bilder zeigen
Karin Anna liegend, die Augen geöffnet. Sie ist
weiterhin im Schattenreich gefangen. Eine Welt
zwischen Leben und Tod. „Der Ort der glückli­
chen Helden“, wie es im Stück heißt. Am Leben,
aber doch nicht wirklich da. Die Frage, die sich
dem Zuschauer stellt ist die, ob nicht Karin Anna
doch ganz und gar mit beiden Beinen im Leben
steht. Ob sie nicht lebendiger ist als wir alle. Ob
sie nicht wegen der Liebe, die sie von ihren Eltern
und Freunden und die Liebe, die die Kunst ihr
schenkt, ihr Leben in vollsten Zügen genießt?
Sollen wir Mitleid mit ihr haben, oder sie benei­
den, weil sie aus ihrer Situation das Beste macht?
Etwas, das uns selbst oft sehr schwer fällt.
Am Ende bekommt Karin Anna, das was sie am
meisten liebt: Applaus. Wohlverdienten Applaus
für ein Stück, das und durch Bilder und Musik
mit einer Realität in Berührung gebracht hat, die
wir nun nicht mehr so einfach vergessen können.
11
Wild­tier­mythos im
Museums­quartier
von Robin Reisenauer
A
Ho Tzu Nyen
Ten Thousand Tigers
Bildertheater
Singapur
12
m 2. Juni 2014 lief Ten Thousand
Tigers von Ho Tzu Nyen im Muse­
umsQuartier, Halle E. Die Vorstellung
war gut besucht, das anschließende
Publikumsgespräch fiel besuchertechnisch etwas
magerer aus.
Das Stück beginnt mit einem Filmprojektor, der
sich rasant dreht. Als er stoppt, fangen Männer
an, in asiatischen Sprachen Geschichten zu
erzählen. Schon bald öffnet sich der Vorhang
und gibt die Darsteller frei. Die Geschichte eines
malayischen Kommunisten, dessen multiple
Identität bereits viele in die Irre geführt hat, wird
erzählt, zwischendurch wird von Tigern und
Wertigern berichtet.
Alleine die Inszenierung des Stückes fasziniert
– das Szenenbild ist wie ein Schaufenster gestal­
tet, der Regisseur beschreibt den Aufbau wie ein
Kuriositätenkabinett. Während die Geschichte
erzählt – und auf drei Bildschirmen unterhalb
der Bühne übersetzt – wird, fällt das Licht immer
auf einen bestimmten Bereich des Bühnenbildes,
meistens handelt es sich um die erzählenden
Personen. Erst spät kommt der Zeitpunkt, da man
realisiert, dass unter den sichtbaren Darstellern
auch Puppen und Pappaufsteller zu finden sind.
Gegen Ende der Aufführung werden Szenen von
Tigern aus Naturdokumentationen auf kleinen
Fernsehbildschirmen übertragen, danach fällt
grelles Gegenlicht durch Lücken in der Bühnen­
ausstattung, grelles, aber schönes Licht.
Doch nicht nur visuell kann die Produktion über­
zeugen, auch auditiv macht sie einiges her. Denn
ein dramatischer, exotisch angehauchter Sound­
track untermalt das Geschehen und entführt in
fremde Sphären. Obwohl die gesprochenen Spra­
chen für den durchschnittlichen Mitteleuropäer
nicht verständlich sind, wird die düstere, mysti­
sche Atmosphäre perfekt vermittelt. Man kann
sogar soweit gehen, zu behaupten, die Untertitel
wären nicht notwendig gewesen. Zwischendurch
gab es einen kurzen Moment, in welchem die
Darsteller die Transformation eines Menschen in
einen Tiger nachahmten und lauthals brüllten,
was etwas unangenehm war, doch auf jeden Fall
einen bleibenden Eindruck hinterließ.
Laut dem Regisseur ist der Tiger in asiatischen
Kulturkreisen gewissermaßen ein Symbol für die
politisch linke Seite – daher stammt die Referenz
zu dem Kommunisten. Er beschreibt, dass ihn
jedoch die Mehrdeutigkeit des Lebewesens an­
spreche und er diese in seiner Bühnenproduktion
vermitteln wolle. Seiner Meinung nach sollte
Singapur (malayisch „die Stadt des Löwen“), wohl
eher die Stadt des Tigers sein, da diese Tiere dort
weiter verbreitet sind und auch ihre Bedeutung
eher vertreten ist.
Summa summarum – Ten Thousand Tigers von
Hu Tzu Nyen ist ein empfehlenswertes Theater­
stück. Der Zuschauer kann zum Nachdenken
angeregt werden, oder aber auch nur in ferne
Welten abschweifen.
13
Oh, Please! Continue,
Hamlet?
von Nicolin Irk
A
Yan Duyvendak
Roger Bernat
Please, Continue (Hamlet)
Schauspiel/Performance
Genf
14
m 8.6. wurde Please, Continue (Ham­
let) das zweite Mal innerhalb der Wie­
ner Festwochen im Odeon aufgeführt.
Das Konzept dieser improvisierten
Performance ist simpel, aber nicht weniger
genial: Hamlets Geschichte und der Mord an
Polonius, gepaart mit Fakten aus einem tatsäch­
lich begangenen Mord, werden vor Gericht ge­
bracht und von echten Rechtsanwälten, Psychia­
tern und Richtern behandelt. Die einzigen Schau­
spieler sind Hamlet, dargestellt von Thiemo
Strutzenberger, Ophelia, von Julia Jelinek gespielt
und Getrud, besetzt mit Susi Stach. Die Geschwo­
renenjury bilden zufällig ausgewählte Zuschauer
aus dem Publikum, die dann letzten Endes auch
für das Urteil von Hamlet verantwortlich sind.
Dieses erfrischende Konzept kommt von Yan
Duyvendak und Roger Bernat, die ihr Stück
schon in vier Ländern zeigen durften.
Dem Zuschauer wird von Anfang an klar ge­
macht, dass es dem Richter ernst ist, als er die
sich Luft zu fächernde Menge ermahnt, ihre
Lacher während der Zeugenbefragungen zu un­
terdrücken. Durch diese Nähe zur Wirklichkeit
beginnt sich der Zuschauer Gedanken zu machen
und die verschiedenen Beweise und Aussagen
abzuwägen und wird somit tatsächlich zum
Geschworenen.
Auch wenn die Aussagen von Getrud für
Schmunzeln sorgen, hat das Stück seine Längen.
Die bis zu zehn Minuten andauernden Reden
der Rechtsanwälte, Psychiater und Ärzte, die alle
ihr Gutachten abgeben müssen, veranlassen das
Publikum phasenweise eingehend die große Uhr
zu studieren, die anzeigt, wann denn nun endlich
die vorgegebene Sprechzeit vorbei ist. Yan
Duyvendak meint allerdings, dass er dem Zu­
schauer auch diese zähe Prozedur von Gerichts­
verfahren damit verdeutlichen möchte.
Alles in Allem ist das Stück eine willkommene
Abwechslung zur Originalversion, die wir ja alle
schon fast in- und auswendig kennen. Die Schau­
spieler, die es gewohnt sind mit Text zu arbeiten,
zeigen sich als Improvisationstalente, die aller­
dings scheinbar nicht immer mit dem hohen Rea­
litätsanspruch als Zusatzbelastung klar kommen
– die schauspielerische Leistung leidet.
Das Besondere für den Zuschauer ist definitiv
das Interaktive an diesem Stück, dass alle Anwe­
senden unweigerlich ein Teil der Performance
werden. Genauso wie das Publikum variiert,
variieren auch die Urteilssprechungen, die in
allen drei Wiener Vorstellungen unterschiedlich
ausfallen. Man sieht hier, wie das rhetorische
Können der Rechtsanwälte einen starken Ent­
scheidungs- und Einflussfaktor bildet, ebenso
wie die Leistung der Schauspieler von Abend zu
Abend.
15
Ein Abend in einer neuen
Kultur
von Annemarie Pervan
A
Serge Kakudji
Alain Platel
Fabrizio Cassol
Rodriguez Vangama
Coup fatal
Musik/Theater
Kinshasa / Wien / Brüssel
16
m 12. Juni wurde im Rahmen der
Wiener Festwochen im Burgtheater
Coup Fatal aufgeführt. Ein Musik­
theaterstück inszeniert vom kongo­
lesischen Countertenor Serge Kakudji und Paul
Kerstens.
In diesem Theaterstück wird Barockmusik mit
kongolesischer Musik vermischt. Eine Mischung,
die so selten dagewesen ist und überraschend gut
funktioniert. Wenn Serge Kakudji Barockarien
von Georg Friedrich Händel und Christoph Willi­
bald Gluck zum Besten gibt, wird er begleitet von
E-Gitarre, afrikanischen Instrumenten und den
mitreißenden Choreografien von Alain Platel.
Auch das Publikum wird einbezogen. Zwei Musi­
ker suchen sich Tanzpartnerinnen aus der ersten
Reihe und singen „Young, gifted and black“ von
Nina Simone auf den Sitzreihen stehend. Man
verspürt den Drang sich zu bewegen oder mitzu­
singen und wünschte sich, den Text zu kennen.
Es braucht viel Hintergrundwissen über dieses
schwer von Krieg und Elend gezeichnete Land,
um das Stück in seiner Tiefe zu verstehen. Wie
zum Beispiel das Wissen über den Verweis von
Serge Kakudji, dass Coup fatal Vergewaltigungen
von Frauen und Gewalt an Kindern anzupran­
gern. Das Bühnenbild (gestaltet von Freddy
Tsimba) mit einem Vorhang aus Patronenhülsen,
soll an die Menschen erinnern, die im Bürger­
krieg im Kongo ihr Leben verloren haben. Das
zu wissen, stimmt einen traurig. Hätte man die
Atmosphäre noch intensiver gespürt mit diesen
Informationen vorweg? Man sollte auf alle Fälle
mit Vorbereitung in dieses Stück gehen, um es
nicht bloß als farbenfrohes Musik-Spektakel ge­
nießen, sondern auch mit seinem Hintergrund
verstehen zu können: Die Geschichte des Kongo,
eines der ärmsten Länder der Welt, geprägt von
Kolonialherrschaft, jahrzehntelanger Ausbeu­
tung, Gewalt und Kriegen.
Dass die Menschen sich ihre Lebensfreude be­
wahrt haben. Lebensfreude, die sie motiviert,
weiter zu machen, egal wie steinig und schwer
der Weg erscheint – auch das möchte Coup Fatal
zeigen. Das Stück endet mit einer Parodie auf die
Dandies des Kongos: die „Sapeurs“ – Angehörige
der „Gesellschaft für Unterhalter und eleganten
Personen“. Auffällig gekleidet, mit Hüten, schic­
ken Krawatten, bunten Hemden und dandyhaf­
ten Posen, lehnen sich die Sapeurs gegen die
Normen der Kolonialzeit auf und präsentieren
einen Kontrast zu Armut und Tristesse des All­
tagslebens. Serge Kakudji sagt, er wolle zeigen,
„dass der Kongolese trotz des Elends in gewissen
Ecken meines Landes immer elegant sein wird,
vor allem wird er Sapeur sein, wenn auch mit
Tränen in den Augen.“
Coup Fatal war unterhaltsam, neuartig und mu­
tig und griff viele Themen des Kongos auf, auch
wenn man selbst einiges Wissen mitbringen soll­
te, um dieses Musiktheater-Experiment genießen
zu können.
17
Gefährlich unterhaltsam
Veni Vidi Winterreise
T
A
von Robin Reisenauer
änzer, afrikanische Instrumente,
ein Opernsänger, schrille Kostüme,
jede Menge sexueller Anspielungen,
Orpheus und Eurydike und eine gigan­
tische Bühnenshow – all das bietet Coup Fatal.
Zu sehen im Rahmen der Wiener Festwochen
von 10.-12.Juni im Burgtheater.
Das kongolesische Stück überzeugt mit einem
einfachen, dafür eindrucksvollen Bühnenbild, so­
wie einer großartigen Performance. Passagen aus
Barockopern von Händel und Gluck werden von
afrikanischen Instrumenten begleitet, während
sie von einem Countertenor gesungen werden.
Derweil tanzen schrill kostümierte Musiker auf
der Bühne, gehen ins Publikum und fordern dort
junge Damen zum Tanz auf. Die Kostüme sind
an die Sapeurs angelehnt. Hierbei handelt es sich
um Dandies aus den Armenvierteln Kinshasas.
Coup Fatal bedeutet „Todesstoß“, was das Schick­
sal vieler Kongolesen beschreibt, da das Leben
in diesem Land nach wie vor gefährlich ist. Dies
ist möglicherweise auch die Aussage des Stückes.
18
Denn trotz der atemberaubenden, stimmungs­
vollen Show, in die man sich einfach fallen
lassen kann, während man den rhythmischen
Klängen lauscht, steht die Produktion vor einem
dunklen Hintergrund. Stimmung und Inhalt der
Barockarien bilden eine Parallele zur Situation
im Kongo, wo Verlusterfahrungen alltäglich sind.
Das erklärt auch die Emotionalität der Beteiligten
– alle sind Schwarzafrikaner aus Kinshasa, die
bei der Verbeugung in Anbetracht des Applauses
nahezu in Tränen ausbrachen.
Insgesamt kann gesagt werden, dass das Stück
einen zugleich unterhält und belehrt. Nicht nur
bietet es eine großartige Bühnenshow, auch lässt
es einen über die Zustände in benachteiligten Re­
gionen der Erde nachdenken, sowie den Komfort
des eigenen Landes realisieren. Die Produktion
kann vollends überzeugen.
von Maximilian Paier
m 15. Juni 2015 endeten die Wiener
Festwochen mit der Winterreise von
Franz Schubert in der Halle E des
Wiener MuseumsQuartiers – mehr
ein entspannter Ausklang als eine würdige Ab­
schiedsfeier.
Zuerst ein bisschen was zur Aufführung. Die
Winterreise ist ein Liederzyklus komponiert von
Franz Schubert, welcher aus vierundzwanzig
Liedern für Gesang und Klavier besteht. Die In­
szenierung dabei übernahm der südafrikanische
Künstler William Kentridge – er produzierte
vierundzwanzig kurze Animationsfilme, die par­
allel zur Musik auf die Bühne projiziert werden.
Kentridge radiert, zeichnet drüber, radiert wieder
nur um schließlich wieder drüber zu zeichnen
– ästhetisch sehr schön und stimmig. Schuberts
Kompositionen werden dabei vom Bariton
Matthias Goerne und vom Festwochenchef
Markus Hinterhäuser höchstpersönlich am
Klavier vertont.
Erfahrene Konzertgänger und Schubertfans
kommen hier voll auf ihre Kosten – die techni­
sche Ausführung und Qualität des Konzertes ist
außergewöhnlich und die Animationen sind ein
Augenschmaus. Einzig für Leute die im Gebiet
der klassischen Konzerte Neulinge sind könnte
die Winterreise etwas ermüdend wirken. Die
leicht melancholischen Klänge von Schubert klin­
gen stellenweise sehr gleichmäßig und können
nach einiger zeit anfangen lang zu weilen. Auch
die durchwegs fein animierten Kurzfilme wirken
auf das ungeschulte Auge mehr wie eine neben­
sächliche Erscheinung, ohne die man genauso
gut auskommen könnte.
Ich gebe der Winterreise 2 von 5 Homies, nicht
nur weil ich zufällig zwei Freunde in der Halle
E getroffen habe, sondern auch weil ich das als
die perfekte Homieanzahl um nachher über das
Gesehene und Gehörte zu diskutieren empfun­
den habe. Für mich war die Winterreise mehr ein
gemütlicher Ausklang, als das erhoffte Grande
Finale.
19
Visuelle Reise
von Nicolin Irk
A
m 15.6.2014 feierte Intendant Markus
Hinterhäuser den Abschluss der er­
sten Wiener Festwochen unter seiner
Leitung mit der letzten Vorstellung
von Winterreise im MuseumsQuartier, Halle E.
Der Pianist Hinterhäuser erarbeitete mit dem
Bariton Matthias Goerne den musikalischen As­
pekt von Schuberts Winterreise, während William
Kentridge für das Visuelle verantwortlich war
und vierundzwanzig Animationsfilme zu den
vierunszwanzig Liedern der Winterreise kreierte.
Emotionen statt Deutlichkeit
Franz Schubert
William Kentridge
Winterreise
Konzert/Theater
Johannesburg / Wien
20
Die Musik ist herrlich und sowohl Hinterhäuser
als auch Goerne brillieren mit ihrem musikali­
schen Können. So herrlich die Musik auch ist,
wird es dem Zuschauer schwer gemacht, das
Gesungene zu verstehen. Goerne geht in seinen
Emotionen vollkommen auf und vernachlässigt
die Deutlichkeit der Sprache in den Liedern. In
den kurzen Pausen zwischen den Liedern, wird
dem Zuschauer, nach den vereinzelnden Hust­
anfällen im Publikum, Zeit gegeben über das
Gehörte nachzudenken, es vielleicht zu entzif­
fern und den Klängen der Musik nachzuhören.
Auch wenn die Undeutlichkeit der Musik nicht
schadet, schadet sie sehr wohl den Texten.
Bezaubernde Bilder dominieren
Obwohl die Musik wundervoll ist, wirkt sie
eher wie eine Untermalung zu Kentridges Filmen.
In jedem dieser vierundzwanzig, meist schwarzweißen, Filmen verbergen sich verschiedene
Situationen, Stimmungen, Personen und Ge­
fühle. Der Zuschauer begibt sich, begleitet von
der Musik, auf eigene Abendteuer, die ihn zu
minimalistischen weißen Tränen, Birkenbäumen,
sogar zu dem Filmemacher selbst oder herum­
fliegenden Papierschnipsel führen.
Die simplen aber starken Bilder der Filme prägen
sich leicht in das Gedächtnis des Zuschauers ein.
Das schlichte Bühnenbild, das nur aus zwei Wän­
den mit aufgeklebten Zetteln besteht, unterstützt
die Wirkung.
Stimmungsschwankungen
Die melancholische, teils trübe Atmosphäre von
Schuberts Winterreise kommt fabelhaft auf, doch
leider übernimmt das Publikum sie nicht unbe­
dingt immer. Es scheint, wie als ob die Musik eine
zu entspannende Laune erweckt – eine etwas
ermüdende, könnte man sagen. Dies gilt aller­
dings nur für einen kurzen Abschnitt in der Mitte
des Stückes.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Hinter­
häuser eine unvergleichliche Interpretation auf
die Beine gestellt hat, die das alteingesessene
Publikum der Wiener Festwochen definitiv begei­
stert hat, vielleicht jedoch nichts für das jüngere
Publikum ist.
21
Große weiße Fläche
mit Musik
von Nicolin Irk
A
Nicolas Mahler
Momoko Seto
Matt Porterfield
Filmmatinée (Vienna Independant Shorts)
Film
m 25. Mai wurden bei der Filmmati­
née im Wiener Festwochen-Zentrum
in Kooperation mit Vienna Independent Shorts drei Filme von zwei Filme­
machern und einer Filmemacherin vorgestellt.
Nicolas Mahler präsentierte als erstes einen ei­
genen Film Der Park. Es war ein animierter Film,
mit – typisch für Nicolas Mahler – minimalistisch
gezeichneten Charakteren. Eine kräftige Frauen­
stimme erzählt dem Zuschauer das Leben eines
Baumes in einem Stadtpark. Mit humo­ristischen
Mitteln erfährt man vom besten Freund des Bau­
mes, dem Raben, von seinem anderen Freund,
dem Hund und natürlich auch von der großen
Liebe des Baumes. Die Geliebte, selbstverständ­
lich auch ein Baum, steht allerdings fünf Meter
von ihm entfernt. Mit diesem tragischen Schick­
sal lebt der Baum weiter und wie nun mal die
Zeit so spielt, verändert sich auch der Park. Der
beste Freund stirbt an Altersschwäche, der ande­
re Freund kreuzt nicht mehr auf und die Liebste
wird von einem Mülleimer ersetzt. Zum Schluss
bleibt nur noch der Baum in dem, inzwischen
geschlossenen, Park mit den Erinnerungen an
seine Freunde zurück.
Nicolas Mahler zeigt mit diesem Film ein perfek­
tes Beispiel für Gemeinsam-Einsam: Ein Protago­
nist, der seine Geliebte nur ansehen darf, mit
Freunden, die ihm Freiheiten vorleben, die er
niemals haben wird. Er zeigt zudem auf subtile
Art und Weise, dass Alleinsein nicht unbedingt
Einsamkeit bedeutet. Denn auch wenn der Baum
zum Schluss alleine ist, so ist er doch glücklich.
Die große weiße Fläche schafft Raum für einen
wunderbar bezaubernden Kurzfilm, mit perfekt
passender Musik, der einen schmunzeln lässt.
Der zweite Film Arekara. The Life after wurde
ebenfalls von seiner Filmemacherin Momoko Seto
vorgestellt. In dem Film sieht man die Folgen der
Tsunami-Katastrophe auf die Betroffenen in Ja­
pan. Obwohl der Zuschauer weiß, worum es geht,
wird niemals erwähnt, wo und wann die Katastro­
phe passiert ist, denn Momoko Seto hatte ein Ziel:
22
Sie wollte zeigen, dass die hier beschriebenen
Situationen und ihre Folgen auf jedes Desaster
übertragbar sind.
Der Film zeigt Menschen, die ihre teils lustigen,
teils traurigen, teils inspirierenden Geschichten
erzählen. Anders als in formalen Interviews, wir­
ken die Menschen hier sehr entspannt während
sie über ihr Leben sprechen. Momoko Seto lässt
unser Klischeebild von zurückhaltenden Japanern
durch emotionale Momente brüchig werden.
Zu den simplen Aufnahmen von kaputten Häu­
sern, auf der Straße liegenden Schiffen und zer­
störten Straßen, wird Jazzmusik eingespielt, die
eine komplett neue Atmosphäre schafft. Statt der
erwarteten Trauer am Ende des Filmes, stimmt
einen der Film glücklich. Die Lebensfreude und
Lebenslust der Überlebenden müssen einen ein­
fach berühren und hoffnungsvoll stimmen.
Der letzte Film, Puce Moment, von Regisseur Ken­
neth Anger, wurde von Matt Porterfield vorgestellt.
Bei der Einleitung meinte er, dass er diesen Film,
obwohl er ihn schon so oft gesehen hatte, noch
immer nicht verstehen würde. Unverständlichkeit
erweckt dieser Film bestimmt, als man eine Frau
sieht, die sich mit übertriebenem Ausdruck anklei­
det und parfümiert. Im Hintergrund spielt punki­
ger Rock, während die Frau sich scheinbar selbst
inszeniert. Diese Musik verleiht der Frau Persön­
lichkeit, die sonst keine andere Musikrichtung
geschaffen hätte. Statt eines naiven Mädchens, das
froh ist, gefilmt zu werden, sieht man hier eine
Künstlerin, die sich selbst in Szene zu setzen weiß.
Man erkennt, dass die Frau den Film dominiert
und sich nicht durch die Kamera dominieren lässt.
Ein sehr künstlerischer Film, der am Anfang ver­
wirrend ist, doch durch näheres Betrachten und
Nachdenken eine komplett neue Wirkung entfaltet.
Die Musik spielt in allen Filmen eine entschei­
dende Rolle. Sie gibt jedem der Filme einen eige­
nen Takt, wirkt als Kontrast oder Unterstrei­
chungsmittel. Die Musik erschafft eine Stim­
mung, die jeden Zuschauer eine neue Qualität
der Filme erkennen lässt.
23
Eine Reise ins Ungewisse
von Annemarie Pervan
Dystopia Europa –
Nichts für schwache Nerven
von Robin Reisenauer
I
m Rahmen der Vienna Independent Shorts
stellten drei Filmschaffende im Künstler­
haus am Sonntagvormittag drei Kurzfilme
vor, die für sie einen besonderen Stellenwert
einnehmen. Nicolas Mahler, Momoko Seto und
Matt Porterfield wählten Filme aus, die unter­
schiedlicher kaum sein können. Jedoch haben
sie eine wichtige Gemeinsamkeit: Musik, welche
die gezeigten Bilder auf eine besondere Art und
Weise untermalt.
Nicolas Mahler, Comickünstler, stellte seinen
eigenen Kurzfilm Der Park vor. Eine Off-Stimme
(Hilli Reschl) erzählt vom Alleinsein und von
der Vergänglichkeit. Es geht um einen Baum,
der langsam immer einsamer wird. Der Film ist
unterhaltsam. Die Musik lockert den Inhalt auf,
ohne ihn ins Lächerliche zu ziehen. Die gezeich­
neten Bilder sind minimalistisch, allerdings brau­
chen sie auch nicht mehr, um Wirkung zu zeigen.
Ein kurzweiliger Film mit einer guten Portion
Humor.
Arekara. The Life After. So heißt die Dokumen­
tation von Momoko Seto. Der Kurzfilm zeigt,
wie die Tsunami-Opfer von 2011 versuchen, ihr
Leben weiterzuführen. Es zeigt Menschen, die
wegen einer Katastrophe, in der sie alles verloren
haben, trauern und zur gleichen Zeit, Menschen,
die lachen, weil sie insgeheim wissen, dass es
besser wird. Eine Besonderheit der kurzen Doku
sind die Bilder, die zu schön wirken, um Abbild
24
einer Naturkatastrophe zu sein. Surreal wirken
die Bilder, die eine verschneite Landschaft, zer­
trümmerte Häuser und einen Autobus auf einem
Dach zeigt. Das Lied „Embraceable You“ von Nat
King Cole erschafft eine Atmosphäre, die die
Bilder für sich selbst sprechen lassen. Durch die
Melodie, durch das Tempo, durch die vertrau­
enswürdige und tiefe Stimme von Nat King Cole
bleiben die Bilder im Gedächtnis und man ent­
wickelt eine Beziehung zu dem Gesehenen.
Eine besondere Beziehung entwickelt man auch
zu The Puce Moment. Matt Porterfield entschied
sich für den Kurzfilm von Kenneth Anger aus
dem Jahr 1949. 1966 erschien eine neue Version
des Kurzfilms mit einem besonderen Soundtrack.
Ein Soundtrack, der die Wirkung der Bilder stark
beeinflusst. Kleider die tanzen, eine Frau, die sich
wie eine Stummfilm-Schauspielerin bewegt und
ihre Feminität zeigt, wirken mit dem psychede­
lischen Pop wie eine Reise ins Ungewisse. Puce
Moment erinnert an die Stummfilme der 1920erJahre, wurde in den in den 1940er-Jahren gefilmt
und mit Musik aus den 1960er-Jahren untermalt.
Drei verschiedene Jahrzehnte, die verschieden
sind, sich aber trotzdem in diesem Film gut er­
gänzen.
Genau wie der Vormittag mit den drei Filmen.
Die, so verschieden sie auch sind, sich doch
ergänzen. Man baut zu allen drei Filmen eine
Beziehung auf. Ein Filmmatinée, für die es sich
gelohnt hat, so früh aufzustehen!
I
m ehemaligen Zentrum der österreichischen
Post haben die Wiener Festwochen mit dem
belgischen Regisseur Thomas Bellinck eine
temporäre Ausstellung eingerichtet, in wel­
cher die Besucher die Möglichkeit haben, Arte­
fakte aus der ehemaligen Europäischen Union zu
betrachten. Wir befinden uns also in der nahen
Zukunft, in der Ausstellung „Zweite Zwischen­
kriegszeit“ genannt.
Gleich am Eingang bekommt man eine auf gelbes
Papier gedruckte Nummer zugeteilt. Im Warte­
zimmer kann man eine politische Karte von 2017
betrachten, um sich die Zeit zu vertreiben, bis
man aufgerufen wird. Einzeln werden die Besu­
cher schließlich eingelassen und dazu ermutigt,
den Wegweisern über die Ausstellung zu folgen.
Dort wird man von vielen unterschiedlichen
Eindrücken erwartet. Einerseits empfindet man
Nachdenklichkeit, auch Verwirrung. Viele der
gezeigten Artefakte zeigen provokative Zugänge
zu politischen Themen. Da sich die Ausstellung
in einem verlassenen Gebäude befindet, schleicht
sich ein gewisses Unbehagen ein, welches durch
dunkle Gänge und Schaufensterfiguren in jeder
Ecke verstärkt wird. Man wird das Gefühl nicht
los, verfolgt zu werden.
Thomas Bellinck ist mit Domo de Europa Historio
en Ekzilo eine großartige Inszenierung dunkler
Zukunftsvisionen gelungen. Wer einmal über die
Türschwelle des ehemaligen Postamtes getreten
ist, befindet sich in der dystopischen Version
Europas des Jahres 2018, einer zerfallenen,
aufgrund von übermäßigen Regelungen und
Korruption gescheiterten Europäischen Union.
Alles deutet auf einen dritten Weltkrieg hin, nur
ist nicht klar, ob dieser schon war, noch kommt,
oder gerade seinen Lauf nimmt. Aktuelle Wahl­
plakate rechter Parteien, sowie Euroscheine und
Merchandisingartikel, auf welchen das Logo der
Union abgebildet ist, wurden bearbeitet, um alt
und vergilbt zu wirken, was den Eindruck ver­
stärkt und die Atmosphäre verdichtet.
Domo de Europa ist nichts für schwache Nerven,
denn sämtliche Werte, die uns heutzutage wich­
tig sind, sämtliche Systeme, an denen wir fest­
halten, sind bei Bellincks Ausstellung gescheitert
und abgeschafft. Nichts desto Trotz oder gerade
deshalb ist sie einen Besuch wert, denn die Sicht­
weise auf unsere Union wird auf eine kritische
Ebene verlegt, was notwendig ist, zumindest
wenn wir verhindern wollen, dass die Ausstel­
lung sich bewahrheitet. Für EU-Kritiker wie für
EU-Befürworter gleichermaßen empfehlenswert.
25
Reise in eine fremde Welt
von Annemarie Pervan
E
Thomas Bellinck
Domo de Europa Historio en Ekzilo / Das Haus
der europäischen Geschichte im Exil
Ausstellung/Performance
Brüssel
26
s hat schon etwas Bedrückendes, durch
den vollkommen schwarzen und leeren
Raum zu gehen, um zum ersten Punkt
der Ausstellung über den Zerfall der
europäischen Union zu kommen. Domo de Europa Historio en Ekzilo nennt sich der museale Blick
zurück auf das frühe 21. Jahrhundert, den der
belgische Regisseur Thomas Bellinck im Rahmen
der Wiener Festwochen in der alten Unterneh­
menszentrale der Post präsentierte.
Es beginnt eigentlich schon im „Wartezimmer“,
in dem man verweilen muss, bis die eigene Num­
mer aufgerufen wird. In Fünf-Minuten-Interval­
len werden die Besucher eingelassen, um ihren
Weg durch das verlassene Postamtsgebäude zu
finden. Man ist alleine in den Räumen, hat Zeit
sich die Ausstellung anzuschauen und hat da­
durch die Gelegenheit, alles noch intensiver auf
sich wirken zu lassen. Ein Gefühl der Verlassen­
heit stellt sich ein, wenn man versucht herauszu­
finden, wo es als nächstes hingeht.
Die Ausstellung spielt im Jahr 2018. Europa ist
zerfallen. Der Museumsbesucher durchlebt Eu­
ropas Anfänge und das Ende von Europa. Die
Ausstellungssprache hat Thomas Bellinck eigens
erfunden, es handelt sich um eine Art Esperanto,
eine Plansprache. Sie wirkt bekannt und doch
fremd und verwirrend, genauso wie Europa. Die
Ausstellung beginnt harmlos: Die EU wird als
Friedensprojekt vorgestellt, ausgezeichnet mit
dem Friedensnobelpreis. Alles scheint gut. Doch
der Schein trügt. Es folgen düstere Räume, wo
meterhoch gestapelte Gesetzestexte die Decke
durchbrechen und wo Visitenkarten von Lob­
byisten in Schmetterlingsbehältern aufgespießt
sind. Ein besonders verwirrender Gang führt in
einen kleinen Raum, der die spärliche Unterkunft
der oft illegalen und ausgebeuteten Tomaten­
pflücker in Almeria, Spanien, rekonstruiert. Eine
Puppe, als Polizist verkleidet und ihr großer
Hund passen auf, dass keine illegalen Einwan­
derer in Europa einreisen. Sie wirken brutal, zu
brutal für ein Europa, das eigentlich den Frieden
verspricht.
Die Ausstellung liefert eine erschreckende Infor­
mation: Die Selbstmordrate hat in den letzten
Jahren drastisch zugenommen, u.a. durch die
Wirtschaftskrise. Allerdings wurde diese Tatsache
von den Medien vertuscht. Es ist glaubwürdig,
aber trotzdem fragt man sich zum wiederholten
Male: Handelt es sich hierbei um Realität oder
Fiktion? Die Linie, die sie trennt, ist während der
ganzen Ausstellung sehr dünn.
Der letzte Raum drückt nochmal schwer aufs Ge­
müt. Ein vollkommen dunkler Raum mit einem
kleinen Fenster, das einen kleinen Lichtkegel auf
den Boden wirft. Dort liegt ein Brief aus einer
fiktiven Realität. Geschrieben von einer suizid­
gefährdeten Person. Die ganze Bedrückung, die
man von Anfang an verspürt hat, bündelt sich
nun in einem Einzelschicksal, und das trifft am
härtesten.
Nach der Ausstellung wird man empfangen von
einem freundlichen jungen Mann hinter einer
Bar, es ist Thomas Bellinck. Man ist erleichtert,
hier gleich vor Ort eine Bar zu finden, denn man
hat selten so sehr den Wunsch nach einem Drink
verspürt, wie nach dieser Ausstellung.
Kann Europa wirklich enden? Alles scheint plau­
sibel. Alles merkwürdig echt. War die EU nur ein
Experiment, das vor langer Zeit gestartet wurde
und nun zu scheitern droht? Eine Ausstellung,
die die Besucher mehr über Europa und ihre
Bedeutung nachdenken lässt.
27
Von goldenen Schiffen und
stehenden Eseln
von Maximilian Paier
D
afür, wie nahe das 21er Haus am
Stadtzentrum von Wien liegt, wirkt
die Gegend rund um das alte Arsenal
doch eher verlassen. Zwischen der lau­
ten, rauen Baustelle des neuen Hauptbahnhofes
und dem Schweizergarten, welcher hauptsächlich
von Junkies und alten Hundebesitzern benutzt
wird, steht das Pavillon der Österreichischen De­
legation zur Weltausstellung von 1958. Er wurde
nach der World-Expo von Brüssel nach Wien
gebracht und dient heute als Ausstellungsraum
für die moderneren Exponate der Sammlung des
Belvederes. Das Gebäude öffnet sich auf allen
Seiten in den Schweizergarten und war 1958 in
Brüssel als Brückensymbol zwischen Ost und
West gedacht. Leider eher schlecht besucht – zu
unrecht, wie ich finde.
Neben dem großartigen Ausstellungsgebäude,
welches erfrischend anders als eine Albertina
oder ein MUMOK ist, hat auch die Ausstellung
Meeting Points 7 selbst sehr viel zu bieten. Al­
lesamt politische Werke, vielleicht scheinen sie
nicht so auf den ersten Blick, aber sie sind es. Das
ist es auch, was die Ausstellung so interessant
macht. Eine Führung durch die Ausstellung ist
durchaus empfehlenswert, aber eher um sich
einen groben Überblick zu verschaffen. Die wah­
re Stärke von Meeting Points 7 ist, wie gesagt, der
Umfang. Am besten man schnappt sich ein Heft
mit den Beschreibungen der Werke und macht
sich auf eigene Faust auf Entdeckung durch die
Halle des 21er Hauses.
Ein Lieblingswerk in dieser Ausstellung habe ich
nicht wirklich. Die Themen, die Meeting Points 7
anschneidet, könnten umfangreicher nicht sein:
Die Apartheit in Südafrika, die Rolle der moder­
nen Frau, der Untergang von Regimen und sogar
total skurril schrullige Exilslowenen gibt es zu
sehen.
Ich gebe Meeting Points 7 3 von 5 Homies. Man
kann die Ausstellung zwei bis vier Stunden er­
kunden und sich danach austauschen. Gut für
generell Kunstinteressierte und Ausstellungs­
freaks. Kunsthasser werden allerdings von dieser
Ausstellung nicht in ihren Grundfesten erschüt­
tert.
What, How and for Whom / WHW
Meeting Points 7:
Zehntausend Täuschungen und
hunderttausend Tricks
Ausstellung
Zagreb / Brüssel / Wien
28
29
Zeitreise am
Schwarzenbergplatz
von Robin Reisenauer
D
Into the City
Chto Delat
Face to Face with the Monument
Sound-Walk
New York, Paris, Potsdam,
Sankt Petersburg, Wien
30
ie Wiener Festwochen präsentieren
viele Bühnenproduktionen. Orfeo ed
Euridice, Ten Thousand Tigers und
Please, Continue (Hamlet) sind nur ein
paar Beispiele. Ebenfalls stark vertreten ist die
Sparte Film. Doch nicht zu vergessen sind auch
die Ausstellungen, die opulente Bilder und span­
nende Geschichten garantieren.
So zum Beispiel bei Into the City. Face to Face
with the Monument heißt die Installation des rus­
sischen Künstlerkollektivs Chto Delat am Schwar­
zenbergplatz. Performance, Workshops, Konzerte,
Filme, Vorträge und Round Tables bilden das
Programm von 18. Mai bis 14. Juni, 14 bis 21 Uhr.
Alles bei freiem Eintritt.
Auch eine Audiotour über den Schwarzenberg­
platz wird angeboten. Eine alte Dame erzählt
dem Zuhörer über ihre Vergangenheit, ihre
Suche nach einem russischen Leutnant, der sie
im Wienerwald vergewaltigt hat. Parallel dazu
laufen Rückblenden, sowie Ausschnitte aus einer
Touristen-Führung über den Schwarzenbergplatz
ab. Am Ende der Audiospur behaupten russi­
sche Touristen bei der Führung, sie würden im
Ukraine-Konflikt schlichtweg antifaschistische
Maßnahmen ergreifen, welche durch und durch
gerechtfertigt seien.
Die Audiotour ist durchaus aufschlussreich.
Während die Geschichte spannend erzählt und
der rote Faden perfekt gespannt wird, erfährt
man einiges über die Geschichte des Schwarzen­
bergplatzes und die der russischen Soldaten. Die
Künstlergruppe hat ihr Anliegen gut vermittelt,
die Referenz zu aktuellen Konflikten in Osteuro­
pa wurde perfekt gezogen. Als die Personen be­
ginnen, in gebrochenem Deutsch das unmögliche
Verhalten Russlands zu rechtfertigen, fügt sich
dem Empfinden über die Tour ein bitterer Beige­
schmack bei, ausgelöst durch den Verweis auf die
aktuelle Krimkrise.
Es ist gut und angebracht, sich im Angesicht des
unvertretbaren russischen Imperialismus mit
dem Thema zu beschäftigen. Immer noch erin­
nern Denkmäler an die „Helden“ vergangener
Zeiten. Doch hinter dem strahlenden Antlitz
des Helden, hinter der Fassade des alten Monu­
ments verbirgt sich die Wahrheit. Die wurde uns
schließlich auch von den russischen Touristen
verraten.
Die Tour war eine Bereicherung und hat zum
Nachdenken angeregt, was in dieser Zeit durch­
aus sehr wichtig sein kann.
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Nach jedem Festwochen-Erlebnis formulierten die jungen Kritiker und Kritikerinnen
am darauffolgenden Morgen ihre bleibenden Eindrücke in einem SMS mit der
Überschrift „Was bleibt“. So entstand gemeinschaftlich der folgende Text.
Was bleibt
von Maximilian Paier, Nicolin Irk, Annemarie Pervan und Robin Reisenauer
...ich erhalte um neun die Einladung zur Party
der Wiener Festwochen. Ich gehe hin. Letztes
Lied – Freude schöner Götterfunken. Nachher
Wein plus Leberkäse – viel Leberkäse....Erin­
nerungen an einen phänomenalen Auftakt zu
den Wiener Festwochen, der mit einen Kultu­
renvielfalt angefangen hat, die sich hoffentlich
durch die ganzen Festwochen ziehen wird...
einige schöne Klänge im Ohr, Gedanken an das
gemeinsame Europa, Freude über den schönen
Abend – und Müdigkeit...erfüllte Erwartungen
und ein bisschen mehr...wow krass, Conchita,
ich hab mich zum 1. Mal in meinem Leben für
Österreich gefreut, ich sollte anfangen irgend­
was wie Fußball zu schauen. Der Tsai Li Typ hat
sicher auch geschaut und mitgefiebert...ein Stift
und ein Heft, die noch sehr viele Geschichten
erleben werden...eine große Vorfreude auf alles,
was auf uns zukommen wird...viele interessante
Informationen über die Kritiker beim Kurier
und ihre Arbeit...es bleibt Begeisterung und
Freude. Doch bleibt auch einiges von dem Stück
– Verwirrung, Nachdenklichkeit, Empörung.
Schock. Und doch ein starker Eindruck von der
meiner Meinung nach genialen Inszenierung...
Gedanken, die nicht eindeutig zuordenbar sind.
32
Ein Mix aus Verwirrung und Wertschätzung
und ein ganz neuer Bereich in meinem Gehirn,
der die Tipps der Journalisten und die ganzen
Erfahrungen beherbergt...ein neues Ziel: Leute
beim Lesen meiner Texte zum Schmunzeln
zu bringen. Und: Noch immer keine passende
Interpretation für Van den Vos...eingebrannte
Szenen, die im Ganzen auffallen, Buschenschan­
kessen, das Almseele heißt, ein enthusiastischer
Theaterfan im Kurier, Rassisten, aber „egal, holt
die Goschn“, Füchse & Masken, kalt & warm...
muss man Van den Vos gesehen haben? Wenn
man auf handlungsarme, dafür aber extrem
bildgewaltige Performanceaction steht, dann
schon! Ein Fuchs, ein Wolf und ein Pool...grö­
ßeres Bewusstsein für die Beständigkeit der
Kunst...Einsicht in die Arbeit eines Regisseurs,
der zugleich an einen Philosophen und Virtu­
osen erinnert...wunderbare Nachklänge von der
gestrigen Musik im Ohr...gemischte Gefühle und
lose Gedanken, die mich vermutlich lange prä­
gen werden...Unsicherheit über das Gesehene,
Mitleid mit der Frau. Empörung und Schock...
Einsicht in die Welt der Übersetzer...das Wissen,
wie schwer es ist, hinter den Kulissen zu arbei­
ten und was für ein Aufwand es ist, Übertitel
zeitlich zu koordinieren...gemischte Emotionen.
Nachdenklichkeit, Mitgefühl beim zweiten
Film. Grübeln über die Mystik des letzten Films,
Belustigung vom ersten Film...eine vielleicht
geänderte Meinung über den letzten Film...Ein­
drücke von Künstlern, die ich ohne die Wiener
Festwochen nie kennengelernt hätte...sehr schö­
ne Bilder, einige Eindrücke, auch Verwunde­
rung. Der Zusammenhang zwischen Kunst und
Politik wurde auf eine sehr interessante Weise
gezeigt....eine slowenisch/kroatisch/russische
Familie, weil das Gras ist grün und der Himmel
blau...the grass is green, the house is green, the
beard is green but the sky isn’t green...Bilder
und Videos, die einen Eindruck hinterlassen ha­
ben...es bleiben Schreie des Tigers...Gänsehaut,
Tränen in den Augen, Nackenschmerzen...ein
Bühnenbild, sie alle zu knechten...zum ersten
Mal hat mich ein Stück vollkommen überzeugt.
Alles war genial inszeniert, von Ton bis Bühnen­
bild. Es bleibt der unergründliche Mythos, den
diese Produktion vermittelt hat...die Angst ab­
zuheben, das Wesentliche zu vergessen...Schock
und Irritation, Wut auf russische Imperialisten,
Mitleid mit der Protagonistin...Unterhaltung
pur...Verwunderung, dass über Kunst soviel
gestritten wird und man Kunst nicht einfach
Kunst sein lassen kann...tatsächlich hat es die
Inszenierung geschafft, die fiktionale Gerichts­
verhandlung, echt wirken zu lassen. Das hat
mich beeindruckt...ein faires Gerichtsurteil und
ein Bedürfnis nach Fächern...Freude über Ham­
lets Unschuld...die Einsicht, dass man selbst als
Regisseur sehr entspannt bleiben kann...nette
Eindrücke, aufschlussreiche Informationen,
besseres Verständnis des Stückes...Begeisterung,
weil ein Künstler so cool sein kann und neue
Ideen, wie ich meinen Kaffee in Zukunft trinken
werde (gleich zwei!)...ein Abend, der Barock­
musik und kongolesische Musik verband und
durch die Choreografie für Schwingungen sorg­
te, die heute noch nicht abgeklungen sind...ein
Abend mit Endzeitgefühl und der Geschmack
von Hummus...Zukunftsvisionen, Schock, eine
kritischere Sicht auf die EU...surrealistische oder
vielleicht doch schon zukunftsversierte Eindrüc­
ke...tolle Bilder, gute Musik...wirklich, wirklich
coole Videos und Animationen...Abschieds­
wehmut. Die Winterreise war ein gelungener
Abschluss...was bleibt ist die Postfestwochende­
pression ......................
Stand 17. Juni 2014 14:08
33
Maximilian Paier, geboren
am 26. September 1996, besucht
das Rainergymnasium in Wien.
Mit seiner eigenen Theatergrup­
pe kollekTief führt er selbstge­
schriebene Stücke auf. Neben
dem Theater gilt seine Liebe
dem Film. Er war als junger
Filmkritiker Mitglied des talent­
press-project (ray-magazin).
Nicolin Irk, geboren
am 4. Mai 1997, besucht die
Vienna Business School Hamer­
lingplatz. Sie hat mehrere Jahre
Schauspielerfahrung im Jugend­
theater. Ihr Ziel ist es, mit ihren
Texten Menschen zum Schmun­
zeln zu bringen. Sie selbst liebt
das Gefühl, wenn man in einer
Aufführung kurz vergisst, dass
man sich in einem Theater be­
findet, und sich in der Theater­
realität verliert.
Annemarie Pervan,
geboren am 19. März 1997,
besucht die Vienna Business
School Hamerlingplatz. Sie
spricht neben ihrer Mutter­
sprache Kroatisch, Deutsch und
Englisch und besucht Schau­
spiel-Kurse in der „Open Acting
Academy“. Annemaroe interes­
siert sich für Theater genauso,
wie für Film und Bildende
Kunst.
Robin Reisenauer,
geboren am 2. Mai 1998, be­
sucht seit 2012 den musikalischkreativen Zweig des ORG AntonKrieger-Gasse. Er sammelt
schauspielerische Erfahrung
seit 2005 und arbeitet aktuell
an einem Roman zu 9/11. Seine
Zukunft sieht er im Film als
Drehbuchautor oder Regisseur.
34
Eigentümer, Herausgeber & Verleger
Wiener Festwochen GesmbH
Lehárgasse 11/1/6, 1060 Wien
Telefon +43 1 589 22-0
Fax +43 1 589 22-49
festwochen@festwochen.at
www.festwochen.at
Für den Inhalt verantwortlich
Camilla Reimitz (Leitung Junge Kritikerrunde)
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Seele and Geist
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