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Ausgabe vom 20. März 2015

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Medienwandel – Wandel der Demokratie? Das demokratische Potenzial der Social Media
Konferenz zum 20jährigen Jubiläum des Instituts für vergleichende Medien- und
Kommunikationsforschung der ÖAW
gemeinsam mit der
4. Forschungskonferenz der Österreichischen Forschungsgemeinschaft – Arbeitsgemeinschaft
Zukunft der Demokratie
und dem
Workshop 2014 des „Netzwerk Medienstrukturen“
6.-7. November 2014
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Thema und Ziel der Konferenz. Im Januar 2014 veröffentlichte Facebook für das letzte Quartal 2013
das beste Umsatzergebnis mit mehr als 1,2 Milliarden User weltweit bzw. 172 Millionen oder 16%
mehr User als im Vorjahr (auch wenn der Zuwachs in diesem Quartal geringer ausfiel als in den
vorherigen Quartalen). In deutschsprachigen Ländern sind 3 [!] von 8 Personen aktive Facebook
User. Es überrascht daher nicht, dass weitgehender Konsens darüber herrscht, dass Social Media wie
Facebook, Twitter oder YouTube die politische Kommunikation verändern. Allerdings gibt es keinen
Konsens darüber, welche Auswirkungen soziale Netzwerke, (Mikro-)Blogs, Foren und andere OnlineCommunity-Dienste auf die politische Kommunikation haben. Einerseits wird angenommen, dass
ihre weit verbreitete Nutzung politische Partizipation begünstigt. Durch die Dezentralisierung der
Medien verringert sich die Distanz zwischen den Akteuren der politischen Kommunikation und führt
somit zu einer Abschwächung der klassischen Rollenverteilung innerhalb des politischen Systems.
Die Produktion politischer Informationen liegt nicht mehr ausschließlich bei PolitikerInnen und
Medien, vielmehr engagieren sich auch Akteure der Zivilgesellschaft, d.h. BürgerInnen und NGOs,
verstärkt am politischen Diskurs, was letztlich zur Inklusion diverser Gruppen in die Gesellschaft
beiträgt. Aus dieser Sicht knüpft sich an die Existenz und Nutzung von Social Media die Hoffnung, das
Demokratieideal eines deliberativen Kommunikationsforums im Netz zu realisieren, zumal niedrige
Zugangsbarrieren die Teilhabe am öffentlichen Austauschprozess von Gedanken, Meinungen und
Ideen erleichtern.
Im Gegensatz zu dieser optimistischen Vorstellung von einem allgemein zugänglichen, transparenten
Diskurs wird auf der anderen Seite angenommen, dass gerade die allgemeine Zugänglichkeit und
globale Öffentlichkeit der digitalen Netzwerke die Demokratie gefährden könnte. Eines der Haupt-
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argumente für diese eher pessimistische Sicht ist, dass sowohl Regierungen als auch private Konzerne Social Media zunehmend dazu benützen, noch mehr Kontrolle über die BürgerInnen auszuüben. Unter dieser Perspektive werden Social Media als stark zentralisierte Netzwerke wahrgenommen, in denen Inhalte durch wenige einflussreiche Zentren verbreitet werden und deren Regeln sich
die meisten User, unabhängig von ihrem persönlichen Hintergrund, formal und inhaltlich unterwerfen. Ein weiterer kritischer Einwand sieht in der strukturellen Beschaffenheit des Netzes die Gefahr
eines Zerfalls der Öffentlichkeit in „Teilöffentlichkeiten“ angelegt, die nicht länger in der Lage sind,
zur Ausbildung gemeinsamer Zielvorstellungen beizutragen. Dementsprechend wird der Möglichkeit
deliberativer Reflexion entgegengehalten, dass NutzerIinnen im Internet je nach ihren Präferenzen
maßgeschneiderte und gefilterte Inhalte präsentiert bekommen, die in ihrer Partikularität gesellschaftliche Integration erschweren.
Diese beiden Positionen in der Beurteilung der Auswirkungen von Online Medien auf den politischen
Prozess beziehen sich auf zwei gegensätzliche Thesen: einerseits auf die sog. „Normalisierungsthese“, die den Einsatz der neuen Medien als eine verschärfte und deshalb demokratiegefährdende
Weiterführung früherer Offline Kommunikation versteht, und andererseits auf die „Innovationsthese“, die den Online-Medien das Potenzial zur Wiederbelebung eines breiten demokratischen
Diskurses zuschreibt.
Um diese Entwicklung näher zu beleuchten, ist es Ziel der Wiener Konferenz, den durch Veränderungen der Medienstrukturen ausgelösten Wandel politischer Prozesse entlang von drei
Perspektiven zu untersuchen, die für die unterschiedliche Einschätzung des demokratischen
Potenzials der Social Media verantwortlich scheinen: die Perspektiven der BürgerInnen,
PolitikerInnen und JournalistInnen.
Perspektive der BürgerInnen: Prozesse politischer Kommunikation vierliefen bisher primär linear
und waren von professionellen KommunikatorInnen gestaltet. Jetzt stellt sich die Frage, in welchem
Ausmaß soziale Medien diese Linearität durchbrechen. Nach dem Grundprinzip dieser Medien kann
im Netz jeder potenziell an Diskussionen teilnehmen und Themen einbringen, was vorher den
Massenmedien und professionellen Kommunikatoren vorbehalten war. Im Internet können Themen
in einem interaktiven Austausch, in dem BürgerInnen zumindest teilweise journalistische Funktionen
übernehmen, auf die Tagesordnung gesetzt werden. Nach dem „Produsage“-Konzept bilden
Produktion und Nutzung einen gemeinsamen Prozess, durch den mittels Interaktivität, multipler
Beteiligung und Themenverschiebungen Inhalte dynamisch verändert werden. Mögliche Forschungsfragen betreffen beispielsweise die Konsequenzen der durch die mediale Kommunikation verursachten enormen Beschleunigung des Interaktionsprozesses und Informationsaustauschs oder das
Vermögen der Social Media, einen „bottom up“-Prozess politischer Meinungsbildung im Gegensatz
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zu dem zuvor gegebenen „top-down“-Einflüssen zu begünstigen. Nicht zuletzt ist zu fragen, ob eine
„autonome Öffentlichkeit“ (im Sinne von Habermas) im digitalen Zeitalter neu belebt und die
traditionelle Linearität des politischen Prozesses in eine Art „Netzwerk-Demokratie“ verwandelt
werden kann.
Perspektive der PolitikerInnen: Es sind jedoch nicht allein die BürgerInnen, sondern auch
PolitikerInnen und alle mit politischer Öffentlichkeitsarbeit Befassten, die zunehmend mit den
Herausforderungen der neuen Kommunikationstechnologien umzugehen lernen müssen. Deren
primäres Ziel ist es, die eigenen Strategien der Vielzahl an Medienkanälen und der Vielfalt an
Nutzungsmöglichkeiten anzupassen. So entstehen beispielweise Versuche, dezentralisierte (wenn
auch zentral regulierte) Kommunikationsformen wieder zu beleben und auf spezifische Zielgruppen
ausgerichtete Targeting-Aktivitäten zu koordinieren. Die Möglichkeit, Internet-Kommunikation
gewinnbringend einzusetzen, d.h. die Kontrollmöglichkeiten der direkten Technologien mit
genauerem Targeting und geringeren Kosten zu verbinden, erfordert Nutzungsdaten, Daten über die
personellen Profile der Nutzer sowie das ständige Bemühen, die für die Gewinnung dieser Informationen verwendeten Methoden zu verfeinern. Deshalb ist einerseits zu fragen, inwiefern sich die
Rollen der Kommunikationsspezialisten und -manager, der Meinungsforscher und Spin-Doktoren
verändert haben, und ob diesen Beratungseinrichtungen größere Bedeutung zukommt als in der
Phase des Mainstream-Fernsehens. Das müsste mit erheblichen Rückwirkungen auf die Politik
verbunden sein. Überdies erzeugt das Zusammenspiel zwischen den rasch fortschreitenden Technologien, den entsprechenden PR-Strategien, den neuen Partizipationsmöglichkeiten verbunden mit
dem wachsenden Wettbewerb zwischen PolitikerInnen und Parteien um Wählerstimmen eine Dynamik, die politisches Handeln zum „permanenten Wahlkampf“ werden lässt, dessen Konsequenzen
für die Funktionsfähigkeit demokratischer Strukturen zu bedenken sind.
Perspektive der JournalistInnen: Letztlich betrifft eine weitere Konsequenz digitaler Kommunikationsanwendungen in der „Netzwerkgesellschaft“ (wie sie Castells genannt hat) die sich verändernden Beziehungen innerhalb des Mediensystems. Die Verbreitung sozialer Online-Netzwerke hat
nicht nur zur Veränderungen der Mediennutzung und zu einer neuen Bedeutung direkter Kommunikationsformen geführt, sondern auch zu einer Diversifikation des Medienangebots verbunden mit
gleichzeitigen Veränderungen der Medienstrukturen. Diese Veränderungen betreffen auch den
Offline-Bereich, also sowohl den Fernsehsektor, in dem eine Reihe von zielgruppenspezifischen
Programmen („narrowcasting“) das frühere „Mainstream-Fernsehen“ abgelöst haben, als auch den
Pressesektor, wo zumindest teilweise als Antwort auf die neuen digitalen Verbreitungskanäle ein
ähnlicher Spezialisierungsprozess vor sich geht. In diesen stärker kompetitiven Strukturen verlieren
zumindest einige Akteure an Bedeutung, während andere gezwungen sind, neue cross-mediale
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Strategien zu etablieren, in denen die Rollen von Sendern und Empfängern sehr viel weniger klar
unterschieden sind als dies im traditionellen Journalismus üblich war. Insbesondere der politische
Journalismus, wie wir ihn kennen, befindet sich im Wandel: in Bezug auf seinen Stellenwert und
seine gesellschaftliche Funktion, sowie in Bezug auf eine Neukonstituierung seiner Grenzen, die mit
der Zunahme an partizipatorischen Kommunikationsformen alarmierend an Unschärfe gewonnen
haben. Davon ausgehend, dass politische Informationen für die meisten Menschen Informationen
aus zweiter Hand bedeuten, sind die Implikationen einer Redefinition der normativen Funktionen
und Rollen des Journalismus eine der wichtigsten Herausforderungen in demokratischen Gesellschaften.
Einreichung und Auswahl der Beiträge: Erbeten werden Extended Abstracts mit Beitragsvorschlägen
zu einem der drei oben skizzierten zentralen Perspektiven der Konferenz oder auch zu einem
Vergleich zweier oder aller dieser Perspektiven. Es sind sowohl englisch- als auch deutschsprachige
Präsentationen (von 20 Minuten) möglich. Die Länge des Abstracts sollte 8.000 Zeichen (inkl.
Leerzeichen) nicht überschreiten. Auf einem Deckblatt sind Name/n und Adresse/n der Autorin/des
Autors bzw. der AutorInnen und der Titel der Einreichung anzugeben; das Abstract selbst sollte
anonymisiert sein. Bitte senden Sie Ihr Abstract bis spätestens 15. Juli 2014 (in Form einer PDFDatei) an die Organisatoren (cmc@oeaw.ac.at). Alle Einreichungen werden anhand der Kriterien
Originalität, Relevanz der Fragestellung, theoretische Fundierung, Angemessenheit der Methode,
Klarheit der Darstellung und Bezug zum Thema der Konferenz in einem anonymen Peer-ReviewVerfahren begutachtet. Alle Einreicher werden bis 31. August 2014 über die Auswahl der Beiträge
benachrichtigt.
Integriertes Nachwuchspanel am 7. November 2014: Ziel des Nachwuchspanels ist es,
DoktorandInnen die Möglichkeit zu geben, ihre Dissertationsprojekte zur Erforschung von Medienstrukturen ohne thematische Eingrenzung zu präsentieren und den Austausch untereinander sowie
mit erfahrenen KollegInnen zu fördern. Die Kommentierung der Präsentationen durch renommierte
WissenschaftlerInnen bietet die Gelegenheit, konstruktives Feedback durch einschlägige Fachleute
zu erhalten. Abstracts für dieses Panel können ebenfalls in Englisch oder Deutsch eingereicht
werden. Sie sollten maximal 8.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) umfassen und ebenso unter
cmc@oeaw.ac.at bis spätestens 15. Juli 2014 eingereicht werden.
Kontakt: DDr. Gabriele Melischek M.A., Dr. Josef Seethaler
Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften | Alpen Adria Universität Klagenfurt
1010 Wien, Postgasse 7
cmc@oeaw.ac.at | Telefon +43-1-51581-3110 | Fax +43-1-51581-3120
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