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In was für einem Europa wollen wir leben? - dieGesellschafter.de

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März 2007 / Nummer 6
VISIONEN
WIRTSCHAFT
Alternativen zum
reinen Profitdenken
SEITE 3
In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?
kostenlos
In was für einem Europa
wollen wir leben?
Das Gesellschafter-Projekt sammelt Statements zur europäischen Identität
Keine Tagesschau ohne EU.
Seit Deutschland die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union übernommen hat, ist der kollektive
Taumel nationaler Gefühle,
der im Fußball-Weltmeisterschafts-Jahr durch das Land
schwappte, wieder einer
nüchternen Betrachtung der
Realität gewichen: „Du“ bist
eben nicht nur Deutschland,
sondern (zum Beispiel) auch
Europa.
REPORTAGE
BLINDCYCLE-TOUR
Wer wenig sieht –
sieht manchmal mehr
SEITEN 6 UND 7
SCHWERPUNKT
MOBILITÄT
Zwischen Karrierekick
und Herzinfarkt
SEITEN 8 BIS 10
INTERVIEW
DIETER NUHR
Reden muss
Programm sein!
SEITE 20
Denn als der Europäische Rat
– die Vertretung aller EU-Regierungen – im März 2000 in Lissabon zusammentrat, formulierte
er ein ehrgeiziges Ziel: Bis zum
Jahr 2010 wollten die Teilnehmer die EU zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten
wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ machen – einem
Wirtschaftsraum, der fähig sei,
ein „dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem
größeren europäischen Zusammenhalt“ zu erzielen.
„Wir stellen jedoch heute
kritisch fest, dass die Konzentration auf Wachstum und
Beschäftigung ausgerichtet ist,
während der dritte Pfeiler der
Lissabon-Strategie, der soziale
Zusammenhalt, an den Rand zu
geraten droht“, erklärt Wilhelm
Schmidt, Bundesvorsitzender
der Arbeiterwohlfahrt (AWO).
AKTIONSTAG 5.
KULTUR
„ECHT ARM“
Kreativer Umgang
mit einem Tabu
SEITEN 14 UND 15
a Unter dem Motto „Soziale Teilhabe“ steht der
diesjährige 5. Mai, der Europäische Protesttag zur
Gleichstellung von Menschen mit Behinderung.
Themen in diesem Jahr:
die Föderalismusreform,
die seit September 2006
in Deutschland Gesetz
ist, und die neue UN-Konvention zum Schutze der
Die „soziale Balance
zwischen Markt und
sozialer Sicherheit“ sei
aber das Ergebnis „der
gemeinsamen europäischen Geschichte“.
Aus diesem Grund
hat sich die AWO
gemeinsam mit 35
anderen europäischen
Sozialorganisationen
zu dem Netzwerk SOLIDAR zusammengeschlossen, das sich
für ein Europäisches
Sozialmodell einsetzt.
Mit einer großen Unterschriftenaktion soll
die EU an ihre soziale Verantwortung
erinnert werden: Bis
Februar 2008 möchte
SOLIDAR dafür europaweit eine Million
Unterschriften sammeln. Zwar sei Sozialpolitik grundsätzlich
eine nationalstaatliche Aufgabe, doch
müsse die EU einen
sichtbaren und spürbaren Beitrag zum
Abbau der sozialen
Probleme leisten, so In Anzeigen werden die gesammelten Statements veröffentlicht.
Wilhelm Schmidt. Die
EU müsse ihre Aufgaben im
von einzelnen Sozialsektoren
in Bürokratie und SubventioRahmen eines „europäischen
stehen.“ Anfang März treffen
nen? Sicher ist: Europa vereint
Sozialmodells“
definieren.
sich Vertreter des Netzwerks in
der Gedanke von Demokratie
„Im Mittelpunkt dürften dabei
Berlin. Unter dem Titel „Save
und Rechtstaatlichkeit – auch
Strukturhilfen, Projektmittel
Our Social Europe“ tauschen sie
wenn vielen Bürgerinnen und
und die Teil-Harmonisierung
sich über Aspekte europäischer
Bürgern die GestaltungsmögSozialpolitik aus.
lichkeiten noch gering erscheiAnlässlich dieser Konferenz,
nen. Genau solche GestalMAI
die unter anderem von der
tungsmöglichkeiten aber gilt es
Aktion Mensch gefördert wird,
einzufordern.
Rechte und der Würde von
hat das Gesellschafter-Projekt
Also: In was für einem Europa
Menschen mit Behinderuneine Umfrage gestartet: In was
wollen wir leben? Wie kann Eugen. Auch in diesem Jahr
für einem Europa wollen wir
ropa zusammenwachsen? Gefördert und unterstützt die
leben? Ohne eine gemeinsame
ben Sie uns Ihre Antwort! Wir
Aktion Mensch die AktiviIdentität wird es schwer, Euroveröffentlichen Auszüge aus
täten zum 5. Mai im Rahpa zu einem funktionierenden
den Statements im Rahmen von
men des GesellschafterWirtschaftsraum zu gestalten.
Anzeigen in Spiegel, ZEIT und
Projekts. Weitere Infos und
Aber worin besteht die euroder Frankfurter Allgemeinen
die Förderunterlagen rund
päische Identität? In Geografie,
Sonntagszeitung und natürlich
um den diesjährigen 5. Mai
Kultur, Geschichte oder Religiin der Gesellschafter-Zeitung.
finden Sie im Internet auf
on? In Werten, Normen, PrindieGesellschafter.de
zipien? Verträgen, Chartas und
dieGesellschafter.de/
Konventionen? Oder doch nur
diskussion/europa
IN JEDEM
VON UNS
STECKT EINE
EUROPÄERIN
2
Meinung
März 2007
AUS DEM GESELLSCHAFTER-TAGEBUCH
Menschliche Medizin
Von Stefan Brunn
Die moderne Medizin sucht
ihren Weg zwischen technologischem
Fortschritt,
ökonomischer Vernunft und
menschlichem Umgang mit
Patienten. Im Gesellschafter-Tagebuch führen aktuelle Anlässe immer wieder
dazu, dass über diesen Weg
diskutiert wird.
Mit Sorge beobachtet zum Beispiel die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler
die aktuelle Entwicklung der
ärztlichen Ethik. In den Niederlanden habe man vor zwei
Jahren begonnen, unheilbar
kranke und schwerstbehinderte Kinder zu töten. Auch in
England werde debattiert, ob
Sterbehilfe für Frühgeburten
mit schwersten geistigen oder
körperlichen Behinderungen
erlaubt werden
soll.
„Wieder einmal reklamieren die Menschen für sich
das
Recht,
über
vermeintlichen
Wert
oder
Unwert von
Leben
zu
entscheiden“, kritisiert BreitKeßler. Hier fehle die „Herzensgüte, die Kleine und Große
in ihrer unverwechselbaren,
vielfältigen Eigenart behütet
existieren lässt.“
Auch im Fall der kleinen Ashley in den USA, deren Eltern
sie mit medizinischen Mitteln
auf ihrem kindlichen Entwicklungsstand halten wollen,
regte sich im Gesellschafter-Tagebuch heftiger Widerspruch. Der Moraltheologe
Dietmar Mieth wirft den Eltern
und den Ärzten Ashleys vor,
die Würde des Mädchens zu
verletzen: „Das Kind hat ein
Recht auf seine körperliche
Integrität. Man darf nicht Leid
dadurch mindern, dass man
durch verstümmelnde Eingriffe den Umgang mit dem Leiden
lindert.“ Die Empörung in
Deutschland kann Mieth nicht
nur gut verstehen, sondern
er hält sie durchaus auch für
produktiv: So werde sehr gut
sichtbar, wie notwendig es ist,
sich für die unangetastete Integrität behinderter Menschen
einzusetzen.
Für eine menschlichere Medizin gibt es im Gesellschafter-Tagebuch immer wieder
positive Beispiele. Ein großes
Lob erhielten etwa die vielen
Freiwilligen, die sich für das
besonders schwere Ehrenamt
im Hospiz melden. In den
Tausenden freiwilliger Helfer
sieht Joseph Brombach, Mitinitiator der Hospizbewegung
in Deutschland, eine „neue,
starke soziale Bewegung“.
Menschlicher Beistand ist
auch das, was der Facharzt und
Gesundheitsökonom Dr. Dirk
Albrecht für unabdingbar in
deutschen Kliniken hält: „Der
Aufenthalt im Krankenhaus ist
für viele erkrankte Menschen
eine Ausnahmesituation – herausgerissen
aus ihrer
gewohnten Umgebung,
v ie l le ic ht
geplagt von
Schmerzen
oder der Befürchtung,
was jetzt werden
soll.“ Gerade deshalb tritt Albrecht dafür ein,
die Seelsorge im Krankenhaus
nicht zurückzuschrauben –
und führt als Beispiel ein
vorbildliches ökumenisches
Seelsorge-Zentrum an, das
auf dem Gelände der Uniklinik
Dresden entstanden ist.
Eine feste Anlaufstelle dieser
Art würde sich Tagebuch-Autorin Meryam Schouler-Ocak
auch für eine andere gesellschaftliche
Gruppe wünschen, nämlich für Migranten
mit psychischen Erkrankungen. Gerade diejenigen unter
ihnen, die in Deutschland
ohne Krankenversicherung
leben, hätten eine Betreuung
besonders nötig. Zwar gebe es
sehr lobenswerte ehrenamtliche Hilfen, aber das, so die
Berliner Psychiaterin, könnten
nur vorübergehende Lösungen
sein. Angstfrei und gleichberechtigt am Gesundheits- und
Sozialsystem teilhaben könne
letztlich nur, wer einen sicheren Aufenthaltsstatus besitze.
Der Mensch – ein Frosch?
Der Klimawandel wird nicht ernst genug genommen
Von Jan Berndorff
Die wievielte Warnung ist das
eigentlich? Der Klimawandel
kommt. Er wird für heftige
Stürme sorgen, gegen die Katrina und Kyrill laue Lüftchen
waren. Er wird furchtbare
Dürren, extreme Hitze, aber
auch immer wieder eisige Winter und Überschwemmungen
bringen. Er wird unser ganzes
Leben, die menschliche Zivilisation, ja das ganze Ökosystem
Erde auf den Kopf stellen.
Zigtausende werden sterben.
Und trotzdem reagiert keiner
so recht. Warum? Der HarvardPsychologe Daniel Gilbert hat
es uns erklärt: Die Gefahr ist
nicht fassbar, zu unkonkret, zu
langsam. Würde das alles von
heute auf morgen so schlimm,
wie es für die nächsten 100
Jahre prognostiziert wird, oder
wäre der Klimawandel ein Terrorist oder eine Seuche – wir
würden viele Opfer bringen,
um ihn zu bremsen.
In Sachen Klimawandel ist
der Mensch ein Frosch, wie
uns Al Gore in dem Film „Eine
unbequeme Wahrheit“ lehrt:
Wenn ein Frosch versehentlich
in einen Kessel mit kochendem
Wasser hüpft, hüpft er sofort
wieder heraus. Sitzt er jedoch in
kühlem Wasser, das allmählich
zum Kochen gebracht wird,
bleibt er sitzen und stirbt.
Sollten wir nicht doch endlich etwas unternehmen? Wir
wissen, wie der Klimawandel
zu bremsen ist, und es ist nicht
allein an den Politikern und den
Jan Berndorff
(34) ist Redakteur des
Magazins
natur+kosmos.
großen Konzernen, es zu tun.
Jeder einzelne von uns muss die
Ärmel hochkrempeln, Energie
sparen, auf die Straße gehen,
um Maßnahmen von der Politik
einzufordern. Wir müssen eine
große Klimaschutz-Lobby bilden. Sei kein Frosch!
DAS PROJEKT
a „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“
Auf der Internetseite
dieGesellschafter.de
werden Antworten auf diese Frage gesammelt, diskutiert und kommentiert.
a Wer sich freiwillig engagieren möchte, kann in einer Datenbank nach
wohnortnahen Adressen von Verbänden
und Initiativen suchen.
a Neue Ideen für Projekte und Aktionen
können mit bis zu 4000 Euro gefördert
werden.
a In speziellen Themenforen können Themen
wie Armut, Bildung, Familienpolitik, Teilhabe, Konsum & Glück, Umwelt, Wirtschaft
und Arbeit aktiv und kontrovers diskutiert werden.
a Zu den Diskussionen tragen auch Persönlichkeiten
des öffentlichen Lebens
(Wissenschaftler, Künstler,
Unternehmer etc.) bei. Sie
erläutern ihre Konzepte und
Modelle für die Fortentwicklung unserer
Gesellschaft und stellen sie zur Diskussion.
a In einem „politischen Tagebuch“ stellt
täglich ein anderer Gastkommentator eine
Zeitungsmeldung des Tages vor und kommentiert sie.
a Die Gesellschafter-Zeitung kann online
heruntergeladen und kostenfrei bestellt
werden.
Visionen
März 2007
3
... sonst reißt es unser Land auseinander
„Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“ fordert mehr Demokratie in der Privatwirtschaft
Von Heinz-J. Bontrup
Geht man nach der herrschenden Politik, so gibt es
angeblich keine wirtschaftspolitische Alternative zum
seit langem eingeschlagenen
neoliberalen Kurs einer einseitigen unternehmerischen Profitwirtschaft und -pflege, die
im Wesentlichen darauf setzt,
Lohn- und Lohnnebenkosten
zu senken sowie die direkten
Einkommen-, Vermögen- und
Gewinnsteuern zu reduzieren
– all das überwiegend zum
Vorteil für Vermögende und
Unternehmen.
Gleichzeitig werden die indirekten
Verbrauchsteuern,
wie z.B. die Umsatzsteuer, die
auf Grund ihres regressiven
Charakters die unteren Einkommensschichten mit Sparquoten von Null mehr als die
oberen Schichten mit hohen
Sparquoten belastet, drastisch
erhöht. (...)
Dass es Alternativen gibt
zu einer derartig einseitigen
wirtschaftspolitischen
Ausrichtung, zeigt seit 30 Jahren
die „Arbeitsgruppe Alternative
Wirtschaftspolitik“, ein Zusammenschluss von kritischen
PROF. BONTRUP
Prof. HeinzJ. Bontrup
ist seit
1996 Hochschullehrer
für Wirtschaftswissenschaft an der
FH Gelsenkirchen. Bontrup
hat rund 180 Buch- und
Zeitschriftenveröffentlichungen im Bereich der
Wirtschaftstheorie und
-politik verfasst. Zuletzt
erschien sein Buch „Arbeit,
Kapital und Staat. Plädoyer
für eine demokratische
Wirtschaft“.
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern. Die „Arbeitsgruppe“ versteht sich als
Gegenposition zum so
genannten „Rat der
fünf Weisen“, der im
Auftrag der Bundesregierung die jeweilige gesamtwirtschaftliche Situation beurteilt und seit
Mitte der 1970er Jahre
einseitige angebotsorientierte (neoliberale)
w i r t s c h a f t s p ol it ische
Handlungsempfehlungen gibt.
Man müsse, so die
„Fünf Weisen“, nur die
Freiheit der Märkte
herstellen, dann
würde die „unsichtbare Hand“
des Wettbewerbs
für eine gesamtwirtschaftliche Harmonie
und für einen
„W o h l s t a n d
für alle“ sorgen.
Dass dies
reine Ideolo- Verkörpert wie kein anderer den egoistischen Profitmaximierer: Dagobert Duck.
gie ist, zeigen
nicht nur die empirischen
gleich und zum weiteren Austümer sich ableiten: In VerBefunde, sondern auch die vielbau eines Niedriglohnsektors
gessenheit oder Verkennung
fältigen theoretischen Widereingesetzt. Nicht die Arbeitsder gesellschaftlichen wie der
sprüche und Unzulänglichkeilosigkeit wird wirtschaftsposittlichen Natur der Wirtschaft
ten der letztlich auf eine geselllitisch bekämpft, sondern der
glaubt sie, die öffentliche
schaftliche Entsolidarisierung
Arbeitslose, der selbst Schuld
Gewalt habe der Wirtschaft
ausgerichteten neoliberalen
habe an seiner Situation.
gegenüber nichts anderes zu
Wirtschaftsdoktrin. (...)
So können keine gebotene
tun, als sie frei und ungehinIn vorderster Linie des heute
solidarische Gesellschaft (aldert sich selbst zu überlassen;
insgesamt von der Politik zu
so ein verfassungsrechtlich
im Markte, d.h. im freien
verantwortenden Neoliberageschützter Sozialstaat) und
Wettbewerb besitze diese ja
lismus steht dabei die Diffaletztlich auch keine effiziente
ihr regulatives Prinzip in sich,
mierung alles Öffentlichen, alWirtschaft, die nur unter der
durch das sie sich viel vollles Staatlichen: Die BeanspruBedingung einer Vollbeschäfchung gesamtwirtschaftlicher
tigung ihr Optimum realisieRessourcen durch staatliche
ren kann, errichtet werden. Es
In Heinz Bontrups Buch
Ausgaben müsse zurückgegibt zu viele Interdependenzen
„Arbeit, Kapital und
drängt werden, um somit die
zwischen der auf Profit angeStaat“ (...) bekommt man
Staatseinnahmen – direkte
legten individuellen PrivatInformationen über MöglichSteuern und Sozialabgaben –
wirtschaft und dem Staat als
keiten einer demokratischen
senken zu können.
Sachwalter der ganzen GesellWirtschaftsordnung auf Mischaft bzw. der Gesamtwirtkro-, Meso- und MakroebeArbeitslosigkeit wird zur
schaft. Die Privatwirtschaft ist
ne. (...) Volkswirtschaftliche
Disziplinierung benutzt
ohne staatliche Intervention,
Grundzusammenhänge werohne Kontrolle und Aussteueden verständlich erklärt (...)
Der gesellschaftliche Skandal
rung, in ihren Ergebnissen
Es wird eine überzeugende
einer seit nunmehr über 30
suboptimal. Sie läuft immer
Alternative dargestellt. Diese
Jahre anhaltenden Massenarwieder in ihre eigene, kapitamacht (...) Mut, dass es mitbeitslosigkeit in Deutschland
listisch immanent angelegte
telfristig (...) nur anders geht,
wird mittlerweile dagegen völ„Rationalitätsfalle“.
wenn wir die Brasilianisielig offen zur Disziplinierung
„Das ist der Grundirrtum
rung unserer Gesellschaft
der abhängig Beschäftigten
der individualistischen Wirtnoch abwenden wollen.
und ihrer Gewerkschaften,
schaftswissenschaft,“ schrieb
jumbo klickert, 22.12.2006
zur Lohnsenkung, ArbeitszeitPapst Pius XII. (1876 – 1958),
verlängerung ohne Lohnaus„aus dem alle ihre EinzelirrFoto: Disney
Seit 30 Jahren arbeitet die
„Arbeitsgruppe Alternative
Wirtschaftspolitik“ an Ideen zur Verbesserung der
ökonomischen Verhältnisse. Der Gelsenkirchener
Wirtschaftswissenschaftler
Heinz-J. Bontrup, selbst Mitglied der Gruppe, befürchtet
ein nahes Zerreißen der Gesellschaft in Arm und Reich.
kommener selbst reguliere,
als das Eingreifen irgendeines
geschaffenen Gesetzes dies je
vermöchte. Die Wettbewerbsfreiheit kann aber unmöglich
regulatives Prinzip der Wirtschaft sein.“
Wirtschaft unterminiert
den politischen Überbau
Dieser unzweifelhaft richtige Grundtatbestand ist auch
ein wesentlicher Baustein des
Theoriengebäudes der „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“. Insbesondere
setzt sie sich ein für die
gesellschaftliche Aufhebung
der Dichotomie zwischen dem
demokratischen politischen
Überbau und der bis heute
völlig undemokratisch gebliebenen privaten Wirtschaft,
die den politischen Überbau
für partikulare Lobbyinteressen unterminiert und keine
wirtschaftliche Mitsprache der
abhängig Beschäftigten in den
Unternehmen zulässt.
Ohne eine dringend notwendige Demokratisierung der
Wirtschaft, so ist zu befürchten,
wird es angesichts der fortgesetzten neoliberalen Globalisierung eine weitere wirtschaftliche Destabilisierung geben, die
unser Land zunehmend in Arm
und Reich auseinanderreißen
wird. Es wird daher höchste
Zeit, wirtschaftspolitisch vollkommen umzudenken.
Der vollständige Text und
weitere visionäre Gesellschaftsideen unter www.dieGesellschafter.de/diskussion/vision/
Grundsätzlich hat Prof. Bontrup Recht. Beim Lesen hatte
ich den Eindruck, dass eine
Demokratisierung von oben
diktiert werden soll. (...) Politische Bildung, die Kenntnisse
wirtschaftlicher Systeme und
Vorgänge, das ist die einzige
(...) Erfolg versprechende Lösung. Die Leute müssen wissen, was wirtschaftspolitisch
geschieht, damit sie sehen,
was falsch (...) läuft. Wirtschaftsethik in der Schule,
das wäre ein sinnvolles Fach.
Carine Lazar, 20.12.2006
3 dieGesellschafter.de
4
Berichte
März 2007
Was jeder für Flüchtlinge tun kann
dieGesellschafter und PRO ASYL veröffentlichen Broschüre zu Flucht und Asyl
Immer weniger Flüchtlinge
werden in Europa aufgenommen. „Leben im Niemandsland“ lautet der Titel
einer Broschüre zum Thema
Flucht und Asyl, die von der
Aktion Mensch gemeinsam
mit Pro Asyl im Rahmen
des Gesellschafter-Projekts
herausgegeben wird.
Fundiert und leicht verständlich informiert das 26-seitige
Heft über die Lebenssituation
verfolgter Menschen. Außerdem vermittelt es Basisinformationen zu den Themen
Flucht und Asyl. Die Broschüre beantwortet Fragen zur
Zahl der Flüchtlinge weltweit,
zu den Gründen für die Flucht,
zum Asylverfahren allgemein,
zum Thema minderjährige
Flüchtlinge, zur Frage, ob
Flüchtlinge arbeiten dürfen
und wer Asyl erhält. Zitate
und Bilder von Flüchtlingen
vermitteln sehr persönliche
Einblicke in die Lebenssituation betroffener Menschen.
Asyl von A bis Z und die
Adressen landesweiter Flüchtlingsräte und bundesweiter
Initiativen vervollständigen
die Publikation „Leben im
Niemandsland“.
Damit ist die Broschüre gut
geeignet für Veranstaltungsreihen, Diskussionen und Unterrichtsstunden. Außerdem
soll sie dazu beitragen, Vorurteile abzubauen, Flüchtlinge
als Teil unserer Gesellschaft
wahrzunehmen und sich für
ihre Belange einzusetzen.
Eine gute Gelegenheit, sich
aktiv für eine Gesellschaft
ohne
Fremdenfeindlichkeit
einzusetzen, bietet die Internationale Woche gegen Rassismus vom 17. bis 25. März.
Gemeinsam rufen PRO ASYL
und Aktion Mensch dazu auf,
diese Tage für Aktionen zu nutzen. Ziel ist es, Begegnungen
und Berührungspunkte mit
Flüchtlingen und Migranten
zu schaffen. Unter dieGesellschafter.de finden sich Projekte und Initiativen vor Ort,
bei denen Interessierte auf die
Flüchtlinge in ihrer Stadt zugehen können. Lernprozesse
werden vor allem durch die
Begegnung von Mensch zu
Mensch in Gang gesetzt.
Im Jahr 2006 beantragten laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 21.000 Menschen Asyl in
Deutschland – gut 27 Prozent weniger als im Vorjahr.
Die DIN A 4-Broschüre kann
bei PRO ASYL kostenfrei bestellt oder heruntergeladen
werden. Infos unter proasyl.de
und dieGesellschafter.de
Kunst sucht Bilder unserer Gesellschaft
Am 15. März startet der Gesellschafter art.award in Kooperation mit der Kunstmesse ART.FAIR 21
Zum zweiten Mal ruft der
Gesellschafter
art.award
junge Künstler auf, in und
mit ihrer Kunst Antworten
auf die Frage „In was für einer Gesellschaft wollen wir
leben?“ zu finden.
Vom 15. März bis 15. Juni
können Kunstschaffende im
Alter von 18 bis 45 Jahren ihre
Arbeiten in Form von Malerei
und Fotografie einreichen. Als
Preise winken der Druck eines
eigenen
Künstlerkataloges,
die Gestaltung einer eigenen
Website und ein Gutschein für
Künstlerbedarf.
Der Gesellschafter art.award
ist Teil des Gesellschafter-Projektes der Aktion Mensch. Unter dem Motto „Kunst gesucht:
Zukunft gestalten“ leistet der
Wettbewerb einen Beitrag zur
künstlerischen Auseinander-
setzung um die Zukunft des
Gemeinwesens. In Zusammenarbeit mit der Kölner Messe für
aktuelle Kunst art.fair erhalten
junge Künstler die Gelegenheit, ihre Ideen und Visionen
vorzustellen und mit der Öffentlichkeit zu diskutieren. Es
können sowohl Einzelarbeiten
als auch Arbeiten von Gruppen
bis maximal fünf Personen
eingereicht werden.
Im vergangenen Jahr reichten über 250 Künstler ihre
Antwort auf die Frage „In
was für einer Gesellschaft
wollen wir leben?“ ein. „Ich
finde es sehr positiv, dass dieser Wettbewerb Künstlerinnen
und Künstlern die Möglichkeit
gibt, sich mit Themen, die
sonst eher verdrängt oder
tabuisiert werden, auseinanderzusetzen. Vielleicht kann
Kunst auf diese Weise ihren
Kunst gesucht: Zukunft gestalten!
Beitrag zu gesellschaftspolitischen Erneuerungen leisten“,
so Constanze Ludwig aus Berlin, die mit ihren Porträts von
behinderten Menschen in der
Arbeitswelt zu den Finalisten
des Gesellschafter art.award
2006 gehörte.
Dieter Gutschick, Geschäftsführer der Aktion Mensch,
möchte bewusst junge Künstler ermuntern, sich mit ihren
Arbeiten zu bewerben: „Der
erste Gesellschafter art.award
hat gezeigt, dass sowohl aus
künstlerischer als auch aus
Sicht der gesamten Öffentlichkeit ein Interesse besteht,
gesellschaftliche Fragen auch
im Kontext der Kunst zu thematisieren.“ Außerdem fördere der Wettbewerb den künstlerischen Werdegang. „Durch
die Sonderausstellung auf der
art.fair konnten die Finalisten wichtige Kontakte in die
Kunstszene knüpfen. Verschiedentlich wechselten schon dort
Bilder ihre Besitzer, und es
wurden sogar weitere Werke von einzelnen Künstlern
nachgefragt“, erklärt Andreas
Lohaus, Direktor der art.fair.
Für hohe Qualitätsstandards
sorgt auch in diesem Jahr eine
prominente Jury durch ihre
Vorauswahl. Danach ist die
breite Öffentlichkeit gefragt:
Jeder Interessierte kann entweder direkt auf der Kunstmesse art.fair in Köln im Rahmen
einer Sonderausstellung oder
im Internet unter art-fair.de
sowie unter dieGesellschafter.de seine Favoriten benennen. So fordert der Gesellschafter art.award nicht nur Künstler zur Auseinandersetzung
mit der Gesellschaft auf, sondern regt zugleich die Bevölkerung an, über die Kunstwerke
zu diskutieren und sich an der
Abstimmung zu beteiligen.
Anmeldeformulare und
Teilnahmebedingungen gibt
es im Internet unter dieGesellschafter.de und artfair.de
Berichte
März 2007
5
Die Armut weltweit zu halbieren – das war das Ziel der
Vereinten Nationen, als sie im
Jahr 2000 die „MillenniumsErklärung“ verabschiedeten.
Konkret sollten u.a. Hunger
und extreme Armut beseitigt,
Bildung für alle Kinder gewährleistet, AIDS, Malaria
und andere Krankheiten bekämpft und ein umfassender
Schuldenerlass realisiert werden. Die Bundesregierung an
ihr Versprechen erinnern soll
nun eine Postkartenaktion
des Gesellschafter-Projekts
und VENRO (Verband Entwicklungspolitik) in über 6000
Gaststätten. Die eingeschickten Karten werden gesammelt
und der Bundesregierung
übergeben.
Steuervorteil
nutzen
Eltern behinderter Kinder
sowie Familien mit behinderten Angehörigen oder
berufstätigen Erwachsenen mit Behinderung stehen nach geltendem Recht
Steuervorteile zu. Um diese
richtig in Anspruch zu nehmen, hat der Bundesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte e.V. aktuell einen neuen Ratgeber
veröffentlicht, das Steuermerkblatt 2006/2007.
Es folgt Punkt für Punkt
dem Aufbau der Formulare
für die Steuererklärung
2006. Das Steuermerkblatt
gibt darüber hinaus zahlreiche weitere Tipps zu
kritischen oder strittigen
Fragen, Verfügungen und
Erlassen der Finanzverwaltung oder Entscheidungen
des Bundesfinanzhofs.
Das Blatt steht unter
www.bvkm.de in der Rubrik „Recht und Politik“
kostenlos als Download zur
Verfügung.
Wer die gedruckte Version des Merkblattes bestellen möchte, sendet einen
frankierten DIN-lang-Rückumschlag an den BVKM,
Stichwort
„Steuermerkblatt“, Brehmstraße 5-7,
40239 Düsseldorf.
Neue UN-Konvention
fairplay
Menschen mit Behinderung sollen weltweit geschützt werden
Die UN-Vollversammlung hat
die Konvention zur Förderung
und zum Schutz der Rechte und
der Würde von Menschen mit
Behinderungen angenommen.
Die Konvention muss nun von
den Mitgliedsstaaten unterzeichnet werden. Horst Frehe,
Vorsitzender des Sprecherrats
des Deutschen Behindertenrats, sprach mit Sabine Wißkirchen über die Bedeutung des
Regelwerks.
Herr Frehe, wie bewerten Sie
die Verabschiedung der Konvention?
Ich finde, das ist ein Riesenerfolg. Alle UN-Mitgliedstaaten,
bei denen die Rechte von Menschen mit Behinderung auf
Teilhabe noch nicht so weit entwickelt sind, profitieren davon,
aber auch Deutschland.
Wozu verpflichtet die
Konvention?
Sie setzt an grundlegenden
Menschenrechten an und sorgt
dafür, dass spezielle Einschränkungen von Menschen mit Behinderung als unzulässig gelten. So wird zum Beispiel der
Anspruch auf selbstbestimmtes
Leben in der Gemeinde festgelegt. Häufig werden Menschen
stationär untergebracht, weil
die häusliche Assistenz höhere
Kosten verursacht. Wenn wir
in Deutschland erreichen, dass
niemand gegen seinen Willen
im Heim untergebracht wird
und jeder ambulante Hilfe in
seiner Wohnung bekommen
kann, sind wir ein ganzes Stück
weiter. Die UN-Konvention ist
also nicht nur für Entwicklungsländer ein Fortschritt,
sondern auch für die Industriestaaten.
pekte der Konvention sind das
Recht auf Leben und auf Unversehrtheit der Person.
Horst Frehe vom Deutschen
Behindertenrat.
Wie kann der Deutsche
Behindertenrat sich für die
Umsetzung der Konvention
einsetzen?
Wichtig ist jetzt, dass bald eine
korrekte deutsche Übersetzung
geschaffen wird. Dann werden
wir die Bundeskanzlerin bitten,
schnell zu unterschreiben, wozu
sie ja grundsätzlich bereit ist. Außerdem wird es einen Ausschuss
geben, der in den jeweiligen Ländern die Einhaltung der Konvention kontrolliert. Hier müssen
Persönlichkeiten und Experten
benannt werden, die im Ausschuss Auskunft geben. Wir setzen darauf, dass für Deutschland
eine behinderte Person in den
Ausschuss kommt.
Foto: Elke Bartz
BVKM-Hilfe
Was legt die Konvention
noch fest?
Der zweite Kernpunkt ist das
Recht auf inklusive Bildung.
Dies bedeutet, dass Menschen
mit Behinderung Anspruch
darauf haben, zusammen mit
nichtbehinderten Kindern zur
Schule zu gehen. Eine Einstufung in die Sonderschule wäre
damit unzulässig. In Bezug auf
die Mobilität wird gefordert,
dass die baulichen Strukturen
so beschaffen sind, dass Menschen mit Behinderung am
öffentlichen Leben teilhaben
können. Weitere wichtige As-
Was bedeutet das?
Grundsätzlich gilt nach deutschem Recht ja die Unverletzlichkeit der Person: Niemand
darf gefoltert werden, niemand
darf gegen seinen Willen einer
medizinischen Behandlung unterzogen werden. Bei nichteinwilligungsfähigen Menschen
werden in Deutschland jedoch
häufig Eingriffe vorgenommen.
Hier muss man prüfen, ob
die bisherigen Regelungen der
Konvention entsprechen oder
ob sie unzulässig sind.
Straßenfußball für Toleranz – diese Idee, die
eigentlich aus Südamerika stammt, wird auch in
diesem Sommer wieder
in Deutschland umgesetzt:
Bereits zum vierten Mal kicken Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 16
Jahren in zehn deutschen
Städten bei einem Turnier
nach besonderen Regeln.
Bei „Cool down – kick off“
treten jeweils zwölf Mannschaften mit vier Spielern
gegeneinander an, oder
besser: miteinander, denn
es geht nicht allein um
Tore, sondern vor allem um
Teamgeist und Fairness.
Ab sofort bis zum 15.
April können sich Vereine
und freie Initiativen, städtische und kirchliche Einrichtungen bewerben, die
in einem sozialen Brennpunkt in der Kinder- und
Jugendarbeit aktiv sind
und ein Turnier ausrichten
möchten. Initiatoren sind
die Aktion Mensch und die
Postbank.
Bewerbungsformular und
weitere Infos unter
www.cooldown-kickoff.de
6
Repor tage
März 2007
Freie Sicht im BlindCycle-Tandem
Blinde und sehbehinderte Menschen erleben 11.227 Kilometer Abenteuer von Bremen nach Singapur
Von Anne Krug
mein Spanisch perfektioniert“,
erzählt Burger, der im „normalen Leben“ Integriertes Design
studiert. Nach diesen positiven
Erfahrungen stand einer weiteren Tour mit dem Tandem
nichts im Wege. Das Ziel war
schnell gefunden; es sollte wieder nach Asien gehen. Indien
und Thailand reizten Burger,
und er wollte neue Teile der
Türkei und des Iran kennenlernen. „Aber ich wollte auch
etwas ganz Neues machen und
habe lange nachgedacht, was
ich noch nicht kenne“, erinnert
sich Burger. Nach langem Überlegen kam ihm die Idee, eine
Tour mit blinden Menschen zu
unternehmen. „Ich dachte mir,
so könnte ich anderen etwas
ermöglichen und gleichzeitig
selbst dazulernen.“ Der Gedanke, blinden Menschen so eine
ganz neue Form der Mobilität
zu eröffnen, gefiel Burger. Kontakt zu Blinden oder überhaupt
Menschen mit Behinderung
hatte er vorher nicht.
Um sicherzugehen, dass sein
Einfall durchführbar ist, unternahm er im Voraus eine Testreise mit drei blinden Mitfahrern
nach Frankreich. Die Fahrt verlief erfolgreich und ohne große
Schwierigkeiten. Burger stellte
dabei fest: „Blinde sind ebenso
outdoorgeeignet und abenteuerlustig wie Sehende.“
Für die Vorbereitungen der
BlindCycle-Tour brauchte der
Student, der seine Touren
durch Diavorträge und Sponsoren finanziert, 15 Monate.
Auf der Route durch Österreich,
Ungarn, Rumänien, Bulgarien,
Türkei, Iran, Pakistan, Indien, Thailand, Malaysia und
Singapur waren Treffpunkte
mit den blinden Mitfahrern
zu vereinbaren. Es mussten
Flüge gebucht werden, was
genaue Prognosen über das
Vorankommen mit den Rädern
Fotos (5): Burger
„Ich würde gerne mal eine
Woche nur abhängen, aber es
fällt mir unheimlich schwer,
nichts zu tun.“ Sebastian Burger ist ein rastloser Mensch,
und sportlich obendrein. Seit
seinem 16. Lebensjahr unternimmt der Bremer regelmäßig
weite Reisen mit dem Fahrrad;
die erste Tour führte ihn nach
Schottland, dann ging’s nach
Skandinavien. Nach dem Abitur fuhr er gemeinsam mit
einem Freund bis nach Peking.
Auch seine bis dato letzte Reise,
die BlindCycle-Tour, führte den
heute 27-jährigen wieder nach
Asien, diesmal nach Singapur.
Das Besondere: Burger fuhr
mit dem Tandem; als Mitfahrer
saßen nacheinander 21 blinde
und sehbehinderte Menschen
aus Deutschland, Österreich
und Indien im Sattel.
Die Idee, mit Beifahrern zu
radeln, hatte er schon früher.
2001 fuhr er mit dem Tandem
sechs Monate durch Südamerika und forderte auf seiner
Reise immer wieder fremde
Menschen auf, ein Stück mit
ihm zu fahren. „Erstens war
ich dann nicht so allein, und
außerdem habe ich dadurch
Im Rückspiegel: Susanne und Dirk auf dem Liegetandem.
Foto: Hahnewald
In Bulgarien: Burger fährt eine Testrunde mit einem Dorfbewohner.
Der thailändische Golf: fotografiert von dem blinden Uwe Hahnewald.
erforderte: „Wo sind wir wann,
wer stößt wo dazu, wann legen
wir Pausentage ein?“ All das
war im Voraus zu planen und zu
berechnen, um einen möglichst
reibungslosen Ablauf der Reise
zu gewährleisten. Den Kontakt
zu blinden und sehbehinderten
Radbegeisterten nahm Sebastian Burger selbstständig auf,
meist über Blinden-Tandemclubs. Und auch weitere Tandem-Piloten musste er ausfindig
machen, denn die weite Reise
wollte er nicht allein, sondern
gemeinsam mit einem zweiten Team unternehmen. „Die
Planungen und Kalkulationen
haben mir schlaflose Nächte
bereitet, ansonsten habe ich
dem Ganzen sehr optimistisch
entgegengesehen“, erinnert sich
Burger. Gespannt gewesen sei
er vor allem auf die völlig unbekannten Mitfahrer: „Das war
ja eine Art ‚soziales Lotto’, da
muss man schon mit der einen
oder anderen zwischenmenschlichen Differenz rechnen.“
Eine gute Bekannte, Burgers
WG-Mitbewohnerin Susanne
Kammer, war die erste Pilotin
auf dem zweiten Tandem. Im
Juli 2005 brachen die ersten
beiden Teams auf. 11.227 Kilometer durch zwölf ihm teilweise unbekannte Länder lagen
vor Burger, der als einziger
die komplette Tour fuhr. Der
erste Wechsel der Mitfahrer
Repor tage
März 2007
7
INFOS ZUR BLINDCYCLE-TOUR
a Die Tour in Zahlen: 2 Tandems, 26 Radfahrer, davon 21 blind oder sehbehindert im Alter von zwölf
bis 68 Jahren, 11.227 Kilometer in 248 Tagen, davon
175 radaktive und 73 freie
Tage, 12 Länder, Durchschnittstempo: 16 km/h,
105 Nächte im Zelt, 65 im
Hotel, 28 bei Gastgebern,
15 in Sikhtempeln, 8700
Seemeilen zurück mit dem
Schiff.
a Sebastian Burger tourt
mit einer Dia-Show durch
Deutschland und berichtet
von seinen Erlebnissen
auf der BlindCycle-Tour.
Die einzelnen Termine sind
unter www.globetreter.de
abrufbar. Hier findet man
auch weitere Bilder und Informationen zur BlindCycle-Tour und Sebastian Burgers anderen Rad-Touren.
a Wer Interesse daran hat,
selbst eine Tandem-Tour
gemeinsam mit blinden
Menschen zu machen,
kann sich per E-Mail an
Sebastian Burger wenden:
sebastianburger@web.de.
Er plant den Aufbau einer
„Pilotenbörse“ und leitet
die Anfragen an örtliche
Blinden-Tandemclubs weiter.
Ein Team von Bulgarien bis in die Türkei: Susanne und Jan.
Weitere Informationen gibt
es im Internet unter www.
initiative-ichbinwir.de
Noch in Deutschland: Der zweite Etappenabschnitt führte am Main entlang.
Die iranische Wüste: Hier schloss sich ein Bekannter der Gruppe an.
fand nach 750 Kilometern im
südhessischen Bensheim statt.
Gerd Winkler aus Sachsen,
der die zweite Etappe mitfuhr,
war besonders angetan vom
Liegetandem, auf dem die blinden Mitfahrer vor dem Piloten
sitzen konnten. „In der Abenddämmerung habe ich einen
ganz minimalen Sehrest. Dadurch, dass ich vorne saß, hatte
ich freie Sicht und konnte mir
die einzelnen Landschaftsfetzen, die ich erkannte, im Kopf zu
einem ganzen Bild zusammenbauen“, so der Radbegeisterte.
Unterstützt wurde er dabei von
den sehenden Piloten, die ihm
und den anderen Mitfahrern
die Umgebung immer so bild-
Susannes Stelle trat Peter. Er
resümiert: „Indien war eine
Erfahrung, die ich nicht missen,
aber auch nicht wieder machen möchte.“ Besonders der
Verkehr und die verschmutzte
Luft in den Städten machte den
Radsportlern zu schaffen.
Für Sebastian Burger haben
aber die positiven Momente
überwogen. Ihn fasziniere vor
allem immer wieder das Abenteuerliche: einfach nicht zu
wissen, wo man die nächste
Nacht verbringt, und spontane
Team-Entscheidungen zu treffen. Zwar war die Gruppe durch
die blinden und sehbehinderten
Teilnehmer gezwungen, etwas
langsamer zu reisen, doch rück-
haft wie möglich beschrieben.
Großen Gefallen fand Winkler
auch an der Outdoor-Dusche,
einem Zehn-Liter-Wassersack.
„Erst habe ich mich gesträubt,
in der freien Natur zu duschen.
Aber dann war es einfach herrlich. Wenn man unterwegs ist,
erlebt man so schöne Dinge, die
einem zu Hause nie passieren
würden.“
Schlimmes passiert ist auf
der langen Reise glücklicherweise nichts. Temperaturen
von 38 Grad in Ungarn, diverse
Magenverstimmungen und der
Ramadan in der Türkei machten der Gruppe zu schaffen.
„Wegen des Ramadan mussten
wir tagsüber heimlich essen
und trinken, in der Öffentlichkeit war das nicht gern
gesehen“, erinnert sich Burger.
Doch die wenigen unangenehmen Aspekte der Reise
wurden durch bedingungslose
Gastfreundschaft im Iran, nette
Menschen in allen Ländern und
reichlich Mango und Papaya in
Thailand ausgeglichen. Sebastian Burger hat besonders die
Zeit in Rumänien gefallen: „Die
wilde Natur ist wunderschön,
es kann passieren, dass man
einem Wolf oder einem Bären
über den Weg läuft. Das war
schon sehr spannend.“ Nicht
so begeistert war die Gruppe
von Indien, wo auch der erste
Pilotenwechsel stattfand. An
blickend ist er froh darüber:
„So habe ich viele Städte und
Gegenden gesehen, an denen
wir sonst vielleicht einfach
vorbeigefahren wären.“ Dass
die blinden Mitfahrer die Tour
ganz anders erlebt haben als die
sehenden, glaubt er nicht. „Ich
habe die Erfahrung gemacht,
dass Blinde und Sehende häufig
dieselben Dinge schön finden.
Einer der Mitfahrer, Ramon,
war verrückt nach den leckeren
Kokosnüssen in Thailand. Für
einen anderen, Dirk, war das
schönste Erlebnis, die Gastfreundschaft im Ausland zu
erleben, bei fremden Familien
im Wohnzimmer zu sitzen und
gemeinsam zu essen.“
8
Schwerpunk t
März 2007
Lieber umziehen als täglich pendeln
Der Soziologe Norbert F. Schneider über Risiken und Chancen berufsbedingter Mobilität
Herr Prof. Schneider, ist
beruflich bedingtes Pendeln
ein Privileg der Besserverdienenden oder zunehmender Zwang?
Nicht jeder kann sich Mobilität
leisten. Andererseits zeigen
unsere Studien, dass ein gutes
Drittel der Pendler nur mobil
ist, weil sie keinen Job finden,
der näher an ihrem Lebensmittelpunkt liegt. Das gilt vor allem
für Wochenendpendler und
Mobile mit Fernbeziehungen
(vgl. Info-Kasten). Ein weiteres
knappes Drittel der Pendler hat
sich mit dem Fahren arrangiert.
Nur ein Drittel ist freiwillig
mobil.
Welche Menschen sind
freiwillig mobil und was ist
attraktiv am Pendeln?
Generell ist die Bereitschaft
zum Pendeln zwischen 25
und 35 Jahren am höchsten.
Sie steigt außerdem mit dem
Bildungsgrad. Als Akademiker
PROF. SCHNEIDER
Foto: Schuhrke
Prof. Dr.
Norbert
F. Schneider, 51,
ist seit
1997
Professor für Soziologie an der Universität
Mainz. Er forscht unter
anderem zur Soziologie
der Familie, der Mobilität und des Konsums.
Schneider ist seit 2003
Mitglied des Landesbeirats für Familienpolitik
in Rheinland-Pfalz.
etwa findet man selten einen Arbeitsplatz am Wohnort.
Auch die Größe des Haushalts
spielt eine Rolle: Je kleiner
der Haushalt ist, desto eher ist
jemand bereit, zu fahren. Als
Vorzüge von Mobilität geben
die Befragten an, sich beruflich
weiterzuentwickeln. An getrennten Haushalten schätzen
Menschen mit Fernbeziehung
und Wochenendpendler ihre
Autonomie, die Raum für die
Persönlichkeit lasse und die
Beziehung verbessere.
Hat die Mobilität auch negative Folgen für Partnerschaft
und Familie?
Pendeln kostet Energie. Und die
fehlt den Mobilen in anderen
Bereichen. Nach einer anstrengenden Woche mit Arbeit und
Fahren haben viele ein erhöhtes
Ruhebedürfnis. Der Partner hingegen hatte Haus und Kinder zu
hüten und möchte am Wochenende etwas unternehmen. So
kommt es in der Partnerschaft
häufiger zu Interessengegensätzen. Das führt zu Konflikten.
Auch hemmt Pendeln die Familiengründung. Zum Beispiel
sind mobile Frauen häufiger
ledig, kinderlos und sogar noch
mobiler als die Männer.
Sind Männer weniger mobil
als Frauen?
Männer mit Kindern sind
meist mobiler als Frauen mit
Kindern. Denn mobile Männer leben zum größten Teil
in Partnerschaften mit traditioneller Arbeitsteilung: Er ist
Vollverdiener und sie kümmert
sich um die Kinder. Männer
sind nur mobil, wenn ihnen
jemand den Rücken frei hält.
Mobilität bedeutet bei Männern also gesellschaftlich eine
Zementierung des klassischen
Rollenbildes.
Welche gesellschaftlichen
Belastungen bringt Pendeln
mit sich?
Wer pendelt, leidet unter Zeitmangel und Stress. Bei Staus,
knappen Umsteigezeiten und
überfüllten S-Bahnen verlieren Pendler die Kontrolle über
ihre Zeitplanung. Der Blutdruck steigt, der Puls rast. Diese Stressreaktion kann sogar
höher sein als die von Kampfjetpiloten vor einem Einsatz.
Dies zeigt eine Studie aus
Großbritannien. Während die
Langfristig, das belegen Studien, ist jedoch ein Umzug die
beste Strategie. Wer jahrelang
pendelt, gibt nicht nur viel Geld
aus, sondern trägt auch das Risiko, zu wenig Zeit und Energie für
Familie, Freunde und soziales
bzw. ehrenamtliches Engagement oder ein Hobby zu finden.
Für die Gesellschaft bedeutet
mehr Mobilität, dass Menschen
weniger in soziale Netzwerke
investieren. Tendenziell nimmt
der gesellschaftliche Zusammenhalt durch Mobilität also
ab. Ob dies subjektiv eine Belastung ist, kommt darauf an,
warum jemand pendelt: Für
Varimobile etwa – Menschen,
die berufsbedingt reisen – wie
Stewardessen oder Berater gehört Mobilität zum Job. Wochenend- und Fernpendler sind
dagegen häufig die Verlierer,
weil sie alle Belastungen des
Pendelns tragen.
Foto: Jupiterimages
Fast jeder fünfte Berufstätige
in Deutschland pendelt 30 km
und mehr zum Arbeitsplatz.
Politik und Wirtschaft fordern
angesichts der schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt noch
mehr Mobilität von den Arbeitnehmern. Gleichzeitig wird
Pendeln teurer: Die Preise für
Benzin und öffentlichen Nahverkehr sind gestiegen, und
seit diesem Jahr können Pendler Strecken bis 20 km nicht
mehr steuerlich absetzen. Anja
Mikler sprach mit dem Mobilitäts-Experten Prof. Norbert
F. Schneider über individuelle
und gesellschaftliche Folgen
des Pendelns.
Pendeln frisst Zeit – es sei denn, man nutzt sie fürs Lesen.
Piloten aktiv werden, müssen
sich Pendler mit Verspätungen
der Bahn oder dem Stau auf
der Autobahn abfinden. Die
Folgen zahlt letztlich die Allgemeinheit, wenn der Stress die
Pendler krank macht.
Wie kann der Einzelne seinen Stress beim Pendeln
verringern?
Man muss die Fahrtzeit nutzen:
Im Auto kann man sich bei Musik
entspannen. In Bus und Bahn
kann man lesen oder schlafen.
Was können Arbeitgeber und
Politik tun, um die Belastungen zu reduzieren?
Beschäftigte, die weniger Zeitverlust oder Familienkonflikte
durch Pendeln haben, weisen
eine höhere Produktivität auf.
Das belegen Studien aus den
USA. Umgekehrt verringern
gesundheitliche Beschwerden
wie Erschöpfung und Depression die Arbeitsleistung. Aus
diesem Grund zahlt es sich für
Arbeitgeber aus, Arbeitszeiten
und -orte flexibel zu gestalten.
Überdies bedeutet Mobilität
heutzutage auch nicht mehr
automatisch eine bessere Karriere. Auf politischer Ebene wäre ein Ausbau des Nahverkehrs
hilfreich.
DIE FÜNF „MOBILEN LEBENSFORMEN“
Etwa 30 Millionen Erwerbstätige in Deutschland sind laut Statistischem Bundesamt Berufspendler. Das sind 19
Prozent der Arbeitenden.
Rund 67 Prozent pendeln
mit dem Auto. Zu Fuß
oder mit dem Fahrrad
fahren 18 Prozent. Den
öffentlichen Nahverkehr
und die Bahn nutzen 13
Prozent. Je höher das Einkommen, desto häufiger
fahren Pendler mit dem
PKW.
Die Studie der Universität
Mainz (Schneider/Hartmann/Limmer 2001) unterscheidet fünf Pendelformen:
a In Fernbeziehungen haben
beide Partner einen eigenen
Haushalt bei ihrem Arbeitsplatz. Sie besuchen sich an
freien Tagen.
a Fernpendler fahren an wenigstens vier Tagen in der
Woche mindestens zwei
Stunden zum Arbeitsplatz
und zurück.
a Wochenend-Pendler haben
einen vom Arbeitsplatz ent-
fernten Lebensmittelpunkt.
Am Ort des Arbeitsplatzes
nutzen sie wöchentlich eine Unterkunft für mindestens drei Nächte.
a Umzugsmobile sind aus
beruflichen Gründen ein
oder mehrere Male umgezogen und haben dabei
mindestens eine Distanz
von 50 km zurückgelegt.
a Varimobile reisen beruflich. Entfernung, Zeit und
Ort variieren (Seefahrer,
Stewardessen oder Berater).
Schwerpunk t
März 2007
9
Foto: Corbis
Im Urlaub in die Natur?
Mobilitätsbeeinträchtigte
Menschen in Deutschland
müssen ihre Reisen penibel
durchplanen, bevor sie sich
auf den Weg machen. Denn
Serviceketten gibt es kaum.
Einfach mal weg? Nicht in Deutschland!
Für mobilitätsbeeinträchtigte Menschen ist Reisen nur mit viel Aufwand möglich
Von Silvia Harbord
„Urlaub machen wir meist
in einer Großstadt“, sagt
Münir Winter, „da sind
wir wenigstens richtig mobil.“ Dort könne man auch
schneller mal „Leute nach
dem Weg fragen.“ Der 33Jährige ist sehbehindert,
erkennt gerade einmal Umrisse und Formen, seine
Frau sieht noch weniger.
Möchte das Ehepaar einmal
aufs Land oder gar zu einer Rundreise aufbrechen,
nimmt es Verwandte mit
– „dann ist alles einfacher.“
Die Idee des barrierefreien
Tourismus: Jeder Mensch, ob
alt oder jung, ob ohne oder mit
Beeinträchtigung – Menschen
mit Behinderung genauso wie
Senioren oder Familien mit
Kleinkindern –, kommt von
Punkt A nach B, sicher, selbstständig und ohne fremde
Hilfe. In Deutschland hat sich
zwar einiges getan, jedoch
gibt es in puncto Zugänglichkeit nach wie vor Mängel:
„Viele Regionen gehen nicht
strategisch ans Thema ,Bar-
rierefreier Tourismus’ heran“,
stellt Dr. Peter Neumann fest.
2003 erstellte der Vorsitzende
des „Europäischen Instituts
Design für Alle in Deutschland“ im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums eine
Studie zum Thema „Ökologische Impulse eines barrierefreien Tourismus für alle“.
Sie attestierte Deutschland
eine gewisse Verschlafenheit
im Umgang mit dem Thema.
„Man will gleich Broschüren
drucken und Dinge vermarkten, ohne dass die Touristiker
überhaupt geschult wurden“,
so Neumann.
Flächendeckende
Konzepte fehlen
Eine „barrierefreie“ Region
sollte ihre Angebote entlang
einer touristischen Servicekette bereitstellen, empfiehlt
Peter Neumann. Punktuelle
Barrierefreiheit sei nicht hilfreich: Wenn ein ,barrierefreies’ Hotel einen behindertengerechten Eingang vorweise,
reiche das nicht, „mobilitätsbeeinträchtigte Menschen
müssen ja erst einmal dorthin
gelangen – und später vom
Hotel aus Ausflüge in die Umgebung machen können.“
„Autofahren kommt für uns
nicht in Frage“, sagt Münir
Winter, „und auf dem Bahnhof
bin ich ohne mein Fernglas
aufgeschmissen. Dann muss
ich alle Bahnsteige ablaufen, um ihre Nummern zu
erkennen.“ Winters brauchen
spezielle Hilfen. Zum Beispiel
taktile
Orientierungshilfen
an Treppen und Bahnsteigen
oder Aufzüge mit Sprachausgabe: „Diese Hilfsmittel
werden immer häufiger eingesetzt, aber man weiß leider
nie genau, wo.“ Dankbar sei er
dafür, „dass heute fast überall
in Bussen und Bahnen die
Haltestellen durchgesagt werden.“ Neben Unsicherheiten
erspare das auch Peinlichkeiten: „Manchmal spricht man
seinen Sitznachbarn eben
nicht gern an.“ Freunde und
Verwandte wohnen verstreut,
daher reist der Germanist viel.
Jede Reise plant er im Voraus
genau durch: „Überraschungen auf der Fahrt sind anstrengend. Ich überlege mir lieber
vorher jeden Schritt.“
Es gibt aber auch gute
Beispiele gegen Urlaubs-Bar-
rieren im Lande: Im Stettiner
Haff etwa ziehen die Geschäftsleute an einem Strang,
wenn es um Erholung und
Erlebnis im Urlaub für alle
geht. Ihr Prospekt beschreibt
nicht nur den Weg zum, sondern auch am Strand. Auch
findet sich so manch private
Homepage, auf der mobilitätseingeschränkte
Menschen ihre Urlaubserfahrungen in Form detaillierter
Reisetipps preisgeben. „Doch
Wer ist normal? Der,
der ohne Hilfsmittel an allen Dingen des Lebens teilnehmen kann? Was ist dann
mit Brillenträgern? Hilfsmittel sind doch dazu da, individuelle Einschränkungen
möglichst auszugleichen.
Angela Ströter, 04.09.06
Schon mal versucht, mit
einem Rollifahrer ins Kino, Café oder zum Arzt
zu „gehen“?? Barrierefrei
ist unsere Gesellschaft im
allerpraktischsten Sinne
noch lange nicht. Ich emp-
man muss schon richtig suchen“, sagt Winter.
Wie weit Deutschland noch
davon entfernt ist, allen Menschen einen selbstbestimmten und gleichberechtigten
Urlaub zu ermöglichen, wird
die Folgestudie ergeben, an
der Dr. Neumann gerade arbeitet. Frage diesmal: „Was
macht eine Region erfolgreicher als andere, wenn sie
in barrierefreien Tourismus
investiert?“
fehle jedem Architekten
und Städteplaner eine
Stadtbesichtigung im Rolli
als Selbstversuch. Die werden sich alle wundern. Ich
wünsche mir sehr eine größere Sensibilität gegenüber
diesem Thema, gerade von
dieser praktischen Seite her.
Das würde das Leben für
Menschen mit Behinderung
extrem erleichtern! Hier
fängt die Diskriminierung
nämlich an!
Melanie Schmid, 23.05.06
3 dieGesellschafter.de
10
Schwerpunk t
März 2007
Ein Leben nach Fahrplan
Drei Beispiele von Berufspendlern: Wie Mobilität den Alltag dominieren kann
Von Heike Grelka
Brüggemann an ihre Pendlerzeit. 2002 bekam die gelernte Volkswirtin und vierfache
Mutter einen Teilzeitjob bei der
Bahn-Zentrale in Frankfurt,
drei Tage Arbeit wöchentlich.
Von Heiderhof bei Olpe, wo sie
lebte, dauerte eine Strecke drei
Stunden. Da tägliches Pendeln
nicht in Frage kam, nahm sie
für zwei Nächte ein möbliertes
Zimmer in Frankfurt.
Feierabend im Stau, zwei
Haushalte führen oder drei
Tage in der Woche ohne Familie: Um für den Job mobil
zu sein, nehmen Arbeitnehmer einiges auf sich. Wie
sieht das Leben aus, wenn
Menschen täglich mehrere
Stunden zur Arbeit pendeln
müssen? Drei Berufspendler erzählen aus ihrem
Alltag.
Einer von etwa 30 Millionen Pendlern: Die Reiseplanung gehört zum Tagesgeschäft.
weil es morgens um sieben
wieder auf die Autobahn nach
Essen geht.
Was ihm aber mehr ausmache, sei die Sache mit der
Pendlerpauschale. „Einerseits
wird verlangt, dass die Leute
mobil sein sollen, um einen
Arbeitsplatz zu bekommen.
Dann werden den Mobilen
die Pendlerpauschalen wieder
gekürzt. Das finde ich auch
ein bisschen frech.“ Bei der
letzten
Steuerrückzahlung
hatte er, so sagt er, 120 Euro
mehr. Klingt erst mal gut.
Doch wenn er bedenkt, dass
er im Monat mindestens 300
letzt derjenige selbst schuld,
der keine Arbeit hat – wäre
er genügend mobil, flexibel
und anpassungsfähig, wäre
er also nicht zu bequem,
dann hätte er ja Arbeit. Viele
Wirtschaftsinstitute und
Wirtschaftsfunktionäre und
Politiker verlangen daher
den neuen Menschen, den
homo faber novus mobilis,
den Menschen also, der über
seine Grenzen und Behinderungen hinauswächst.
Heribert Prantl,
Süddeutsche Zeitung
3 dieGesellschafter.de
Euro an Spritkosten verfährt,
ist diese Vergünstigung eher
gering. Auch die Bahn sei keine wirkliche Alternative, weil
er dann über zwei Stunden
unterwegs sei, und obendrein
käme es noch teurer. Um
Fahrtkosten zu sparen, hat
sich Michael Wegmann vor
einigen Wochen bei einigen
Mitfahrzentralen im Internet
angemeldet. Außerdem fände
er es schöner, mit anderen
statt allein nach Hause zu fahren. „Das ist ganz erfrischend,
wenn einer neben einem sitzt,
mit dem man sich unterhalten
kann.“
Wenn Wohn- und Arbeitsort
weit auseinanderliegen, fehlen
am Abend vertraute Bindungen an Familie und soziale
Kontakte. Diese Erfahrung
hat auch Klaus Harmann gemacht. Der Diplom-Ingenieur
wurde von seiner Firma in
Düsseldorf nach Wales geschickt. 800 Kilometer rüber
nach Großbritannien für den
Job. „Seit ich hier arbeite,
bekomme ich natürlich nicht
mehr alles mit, was zu Hause
in Deutschland passiert. Es
wird immer schwieriger, den
Kontakt zu halten. Nicht jeden
kann ich abends spät anrufen,
und auch E-Mails können
das Gespräch nicht ersetzen.“
Trotzdem wollte er das Ange-
bot nicht ausschlagen. Dafür
sei die Konkurrenz auf dem
Arbeitsmarkt einfach zu groß.
Seine Wohnung in Düsseldorf
hat Harmann immer noch,
denn einmal im Monat fliegt
er zurück. Für den Job, zu
Kunden in
Deutschland. Neben
der Miete
fallen auch
monat lic h
noch
ca.
200 Euro
für Fahrtkosten an.
Für den 30Jährigen
sind diese
Fahrten oft
mit Stress
verbunden,
da der Flieger häufig
Verspätung Martin Wegmann fährt täglich von Köln nach Essen.
hat und er
auf den Fahrplan von Bus und
ganze Familie belastet. Man
Bahn angewiesen ist. Dabei
bekommt so viele Zwischengehen schon mal wertvolle
töne nicht mit, man ist drei
Stunden verloren, die er lieber
Tage abwesend und muss
mit seiner Familie in Deutschdann erst wieder einziehen in
land verbringen würde.
die Familie.“ Deshalb sattelte
„Mit einer Familie funktiosie um: Weil sie nicht mehr
niert berufsbedingtes Pendeln
so weit zu ihrem Arbeitsplatz
nicht wirklich gut. Außer
fahren wollte, wurde sie beman akzeptiert, dass man in
ruflich mobil. Heute ist sie Beder eigenen Familie nur noch
rufsschullehrerin und fährt
Gast ist“, erinnert sich Claudia
täglich 40 Kilometer.
Foto: Privat
In der Postmoderne
reicht es nicht mehr, wenn
der homo faber, der Mensch,
einfach arbeitet. Er muss
ein homo faber mobilis sein.
Er soll in höchstem Maß
flexibel, mobil und anpassungsfähig sein. Seit langem
wird daher so getan, als sei
ein Mensch, wenn er keine
Arbeit hat und auch keine
kriegt, schlichtweg nicht
ausreichend flexibel, nicht
ausreichend mobil, nicht
ausreichend anpassungsfähig. An der Arbeitslosigkeit
ist also angeblich nicht zu-
„Sehr spartanisch, das Ganze“,
wie sie sagt. „Und die Abende
sind einsam. Die verbringt
man auf seinem Zimmerchen.
Ins Kino kann man auch nicht
immer gehen. Vielleicht mal
einen Happen außerhalb essen
mit Kollegen. Die haben aber
meistens vor Ort ihre Bezugspersonen, so wie ich das in
Heiderhof habe.“
Nach eineinhalb Jahren
kam dann der Punkt, an dem
sie merkte, dass ihr das Pendeln zu anstrengend wurde.
Sie entschied sich dafür auszusteigen. „Irgendwann ist man
mürbe, da macht man das mit
dem Fahren nicht mehr so
einfach. Gerade weil es nicht
nur dich selbst, sondern eine
Foto: Michael Bause
Täglich fährt er mit dem Auto
von Köln nach Essen, insgesamt 160 Kilometer. Sein Job
als wissenschaftlicher Mitarbeiter ist für den Gesundheitsökonom Michael Wegmann
kurz nach dem Studium
ein Glücksfall. Einziger Wermutstropfen ist die Fahrerei.
„Wenn ich schon achteinhalb
Stunden gearbeitet habe, würde ich am liebsten einfach
nur nach Hause und zur Ruhe
kommen. Dann muss ich aber
erst wieder gut eine Stunde im
Auto verbringen.“
Richtig stressig ist es für
den 26-Jährigen, im Stau
zu stehen. So wird aus einem achtstündigen Arbeitstag
schnell ein 10-Stunden-Tag.
Dabei bleibt nicht nur Zeit auf
der Strecke, denn oft fehlt am
Abend auch die Energie für ein
Treffen mit Freunden.
„Zu Hause angekommen will
ich erstmal zur Ruhe kommen,
einen Kaffee trinken und
etwas lesen.“ Verabredungen
klappen nur, wenn er sie spontan ausmacht. Höchstens am
Abend noch mal ein kurzes
Treffen mit guten Freunden,
Einsame Abende auf dem
möblierten Zimmer
Eng agement
März 2007
11
Vom Recht auf Perspektiven
Die Aktion Mensch fördert Projekte, in denen sich Menschen für andere engagieren
Von Anja Martin
FÖRDERUNG
Gute Ideen auf unkomplizierte und wirksame Weise
umzusetzen – das kennzeichnet die Projekte, die
im Rahmen des Gesellschafter-Förderprogramms unterstützt werden.
Die meisten Anträge kommen
aus den Bereichen Kinder- und
Jugendhilfe sowie Migration
und Integration. Ihnen allen
liegt die Vision einer Gesellschaft zugrunde, die niemanden ausschließt. Ein Beispiel ist
das Projekt „Geht nicht – gibt´s
nicht“ des Caritasverbandes
der Diözese Rottenburg-Stuttgart in der Region Biberach. Im
Fokus stehen besonders schwer
vermittelbare und mehrfach belastete Jugendliche und junge
Erwachsene. „Sie haben keinen
Schulabschluss, keinen Job, sie
haben Probleme daheim, sind
oft suchtkrank und straffällig
geworden“, erklärt Projektleiter Peter Grundler. „Aber sie
sind da, und sie haben ein Recht
auf eine Perspektive.“
Wie aber können Hilfen aussehen, die benachteiligten Jugendlichen einen Weg aus diesem Teufelskreis der Chancenlosigkeit ebnen? Zusammen mit
seinen Projektpartnern, dem
Sozialpädagogischen Zentrum
Heudorf und der Vinzenz-vonPaul-Schule in Schönebürk,
einer Sonderschule für Schüler
mit Erziehungsschwierigkeiten, setzt der Caritasverband
auf partnerschaftliche Begleitung im Alltag: Freiwillig engagierte Frauen und Männer
stehen den Jugendlichen bei
Schulschwierigkeiten und Bewerbungen zur Seite, begleiten
sie auf Ämter und Behörden
und haben ein offenes Ohr bei
Familienproblemen.
Zum Team gehören unter anderem ein Psychiater
im Ruhestand, ein ehemaliger
Anwalt, zwei Sozialarbeiter
und ein Ehrenamtlicher aus
der Wirtschaft, der für Personalentwicklung zuständig ist.
Grundler: „Sie sind für die
Jugendlichen da, zeigen ihnen,
dass sie sie respektieren, wie sie
sind, aber sie achten beharrlich
darauf, dass Verabredungen
und Vereinbarungen eingehalten werden.“ Für die Jugendlichen, die aus unterschiedlichen
sozialen Schichten kommen, sei
a Zum GesellschafterProjekt hat die Aktion
Mensch ein Förderprogramm eingerichtet.
2006 sind über 1200 Projekte gefördert worden.
a Wer wird gefördert?
Freie gemeinnützige
Organisationen aus dem
sozialen Bereich mit Sitz
in Deutschland.
a Was wird gefördert?
Neue Projekte, in denen
sich Menschen für andere
engagieren.
a Fördersumme:
max. 4000 Euro
a Förderzeitraum:
max. 1 Jahr
a Mehr Infos im Internet unter dieGesellschafter.de/
aktion/foerderprogramm
Selbstbewusst Perspektiven fürs eigene Leben entwickeln: Jugendliche im Gesellschafter-Projekt.
das eine neue Erfahrung. „Ihre
Eltern konnten ihnen oft keine
Grenzen setzen“, weiß Peter
Grundler. „Alles war erlaubt
und damit auch egal.“ Im Projekt spüren sie, dass nicht egal
ist, wer sie sind und was sie tun.
„Sie werden selbstbewusster
und motiviert, Perspektiven für
ihr Leben zu entwickeln und zu
verfolgen.“
Startchancen
verbessern
Das ist auch das Ziel eines Gesellschafter-Projekts in Erfurt.
Junge Migranten haben hier
die Möglichkeit, beim deutschrussischsprachigen Radio Akzent mitzuarbeiten. Träger
ist der Verein „Internationale
Gesellschaft für Multimediale Kultur und Europäische
Kommunikation“, ein Dachverband der kulturellen Selbstinitiativen der Einwanderer
und Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Einmal
in der Woche gehen zehn Jugendliche, die erst seit kurzem
in Deutschland leben, auf Sendung. Sie berichten aus ihren
Heimatländern, aus der Schule
oder von Veranstaltungen in
Thüringen. Mit Ehrenamtlichen des Vereins unternehmen
die jungen Radioreporter zudem Fahrten in den Nationalpark oder in das Planetarium,
um darüber im Radio Akzent
eine zweisprachige Reportage
zu machen. Die Mädchen und
Jungen im Alter zwischen 12
und 18 Jahren kommen aus
der Ukraine, aus Russland,
Bulgarien oder Rumänien.
„Viele Kinder und Jugendliche
erleben während ihrer Eingliederungsphase Frustrationen
und Enttäuschungen“, sagt
Projektleiterin Irina Hoyer.
Sprachliche und kulturelle
Barrieren nährten die Wahrnehmung, ausgeschlossen zu
sein und keine Perspektive zu
haben. „Durch die Mitarbeit
bei Radio Akzent gewinnen
die Jugendlichen Erfolgserlebnisse, denn sie schaffen
etwas und setzen sich aktiv
mit der Region auseinander.“
Die Radiomacher sehen ihren Auftrag aber nicht allein
darin, die Startchancen der
Jugendlichen zu verbessern.
Ihr Programm richtet sich an
alle Hörer, die sich für die Kultur Osteuropas interessieren.
„Es ist unser Beitrag für ein
friedliches Zusammenleben,
das Raum lässt für kulturelle
Eigenständigkeit.“
Radio F‘hain
baut Brücken
Auch der Verein Soned nutzt
das Radio, um das Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen zu fördern.
Soned steht für Southern
Network for Environment and Development (Südliches Netzwerk
für Umwelt und
Entwicklung). Im
Berliner
Bezirk
Friedrichshain
unterstützt er das
vor vier Jahren
gegründete Radio
F´hain, das freitags zwei Stunden auf dem Offenen Kanal Berlin
sendet. „Wir sind
ein Mitmach-Radio, das Brücken
baut“, erklärt Moderatorin Carola
Radio F‘hain: mit dem Mikrophon zur
Ludwig. „Unsere
Integration.
Reporter gehen
raus in den bunten Kiez und
gucken, was los ist.“ Und los ist
viel in Friedrichshain. Das Altbauviertel ist umfangreichen
Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen ausgesetzt,
was nicht selten zur Verdrängung einkommensschwacher
Bevölkerungsschichten führt.
Parallel dazu gingen einige
ehemals besetzte Häuser in genossenschaftlichen Kollektivbesitz über. Hier werden neue
Formen gemeinsamen Lebens
und Arbeitens probiert. So leben alteingesessene Bewohner
neben hinzugezogenen Familien, gut verdienenden Singles,
Künstlern und Studenten.
„Wir wollen herausfinden,
wie die Menschen ihren Kiez
empfinden und welche Ideen
sie haben, um das Viertel attraktiver zu machen“, berichtet Moderator Andreas Baier.
„Wir wollen den Austausch
fördern.“ Dazu braucht es
Mitstreiter. Im Rahmen des
Gesellschafter-Projekts bilden
die Radiomacher daher Kiezreporter in Workshops aus.
Der Reporterstamm wuchs so
von drei auf acht. Der jüngste
ist 17 Jahre alt, die älteste 54.
Sie alle berichten aus ihrem
persönlichen Blickwinkel – ob
über Jugendclubs oder über die
Situation älterer Menschen.
So spiegelt das Programm, das
über den Livestream www.studioansage.de zu empfangen
ist, die Vielfalt im Kiez.
12
Zukunf t
März 2007
Von Elfen und Markengöttern
Literaturwettbewerb Utopia: Fast 600 Autoren zeichnen ihre Vision der Gesellschaft von morgen
Von Sabine Wißkirchen
ner Gesellschaft der sozialen
Unsicherheit hat eine totale
Kommerzialisierung stattgefunden. Babys werden als
Werbeträger an die Industrie
verkauft, ein Logo auf der Stirn
und ein Markenname sichern
ihre wirtschaftliche Existenz.
Nike und ihre Freunde,
allesamt lebende Reklamebotschaften, verbindet eine
Wut – die Wut auf ihre Eltern
und dieses System. Und dennoch handelt Nike am Schluss
ebenso wie ihre Mutter. Auch
sie verkauft ihr ungeborenes
„Mars war fast zwei Meter
groß, seine Haut beinahe
so dunkel wie das Produkt,
für das er Werbung lief. Die
Jungs, Hari und Bo, waren
Zwillinge. Zu dritt stellten
sie die beste lebende Werbemannschaft auf die Beine,
die die Süßwarenindustrie
je gehabt hatte.“
Esther Geißlinger erzählt in
„Club der jungen Götter“ eine
tragische Geschichte: In ei-
Kind an den meistbietenden
Konzern...
Eine ganz andere utopische
Vision hat Wilfried Krotky.
Seine Erzählung „Hochelfen
auf dem Mars“ beginnt im
Elbenwald, einer von unzähligen Cyberwelten in den
Sphären des Internets, in
der sich die Menschen von
morgen tummeln. Über einen
implantierten Hormon- und
Vitaminregler mit Vorratsanschluss versorgt, verbringen
sie ganze Jahre ihrer Lebenszeit in einer virtuellen Welt.
Auf diese Weise wird auch das
Problem der Überbevölkerung
entschärft: Die Menschen benötigen nur noch wenig realen
Lebensraum. Der Protagonist
der Geschichte ist der Fantasiewelten jedoch schließlich müde. Daher wendet er
sich einem Cyberprojekt der
NASA zu, das eine wirkliche
Weltraummission vorbereitet:
die Besiedelung des Mars als
Ausweichort für die expandierende Menschheit.
Wirtschaftliche Unsicherheit, staatliche Kontrolle und
Muna Bering: Schneckenangst Marco Claas: The
Beauty of Grey Linda Entz:
Im Rad Bernd Flessner:
Baculum Nicolas Frank: Lebenslauf eines Unsichtbaren
Esther Geißlinger: Club der
jungen Götter Marc Hieronimus: Die Hitze Wilfried
Krotky: Hochelfen auf dem
Mars Olivér Meiser: Die
Geschichte der Zukunft
Katharina Otto: Die Tür nach
draußen Cornelia Stadler:
Luftvisionen für das 21.
Jahrhundert Sabine Stegmeyer: Für unsere Kinder
nur das Beste Sandra Trojan: Camerons Enzyklopädie
Uwe Vöhl: Sternenkinder
Heike Vogt: Zum Flughafen
Foto: Eric Giriat / Eltern / Picture Press
15 GEWINNER
Kurzfassungen aller 15 prämierten Geschichten unter
www.dieGesellschafter.de/
wettbewerbutopia
Nur Science-Fiction? Die Utopie entwirft eine bessere Welt.
„Zukunftsvisionen spiegeln die Gegenwart“
Besetzung
der Rolle
somit auch
von
den
Produzenten leichter
akzeptiert
wurde.
Foto: Martin Stricker
Jury-Mitglied Martin Stricker über seine Eindrücke vom Wettbewerb
Herr Stricker, Sie sind Mitglied im Science Fiction Club
Deutschland. Was fasziniert
Sie an Science-Fiction?
Der Versuch, ein wenig in die
Zukunft zu blicken. Interessant
ist auch: Viele der besten Science-Fiction-Bücher oder -Filme
scheinen in der Zukunft zu spielen, beziehen sich aber eigentlich
auf die Gegenwart. Ein Beispiel
ist die Serie Raumschiff Enterprise, die indirekt das Thema
Völkerverständigung angesprochen hat. Es war die erste Serie
überhaupt, in der eine Afroamerikanerin eine Hauptrolle
bekam. Dies war erst dadurch
möglich, dass die Handlung in
die Zukunft verlegt war und die
Martin Stricker.
Welche Erzählung im Wettbewerb Utopia hat Sie besonders beeindruckt?
Am besten gefallen hat mir die
Geschichte von Marco Claas,
„The Beauty of Grey“. Sie handelt von einem Berliner, der
Wache auf der Mauer schiebt
und einem russischen Kollegen schreibt. Das klingt erst
nach DDR, doch dann stellt
sich heraus, dass die Mauer
Europa umschließt. Die Idee
der Mauer um Europa ist zwar
nicht neu in der europäischen
Science-Fiction, aber hier sehr
gut umgesetzt und mit ironischem Unterton erzählt.
Die meisten Autoren zeichnen eher düstere Zukunftsvisionen. Woran könnte das
liegen?
Auch wenn die Geschichten in
der Zukunft spielen, spiegeln sie
doch eigentlich die Gegenwart
wider. Und die Grundstimmung
ist zur Zeit in Deutschland
eher negativ: zum Beispiel das
Problem der Umweltverschmutzung, das in „Luftvisionen des
Jugendwahn sind nur einige
der Themen, die von den fast
600 Autoren angesprochen
werden, die sich am Literaturwettbewerb „Utopia. Die
Gesellschaft von Morgen“ beteiligt haben.
Die Aktion Mensch und der
Börsenverein des Deutschen
Buchhandels hatten gemeinsam dazu aufgerufen, in einer
Kurzgeschichte ein Bild von
der Zukunft zu zeichnen. Zukunft aber wurzelt immer in
der Gegenwart. „Eine Utopie
enthält neben einem Gesellschafts- oder Zukunftsentwurf
immer auch eine Kritik an der
gegebenen Wirklichkeit“, so
Publizistin und Jury-Mitglied
Annette Wunschel. Sie sagt:
„So könnte es sein, wenn...“
Aus der Auseinandersetzung
mit der Frage nach der Zukunft
entstehen Ideen und Perspektiven für unsere heutige Gesellschaft.
Eine Jury, der unter anderem Schriftsteller Wolfgang
Hohlbein, Zukunftsforscher
Matthias Horx und Christoph
Schäfer von der Stiftung Lesen angehörten, hat aus den
Einsendungen die 15 besten
Geschichten ausgewählt und
prämiert. Sie werden in einem
Buch veröffentlicht.
21. Jahrhunderts“ am eindringlichsten dargestellt wird, der
Wegfall der sozialen Sicherung,
die Globalisierung – all das sind
Themen, die eher mit Angst
gesehen werden.
Nach welchen Kriterien
wurden die Geschichten
bewertet?
Jedes Jury-Mitglied hat das
etwas anders gemacht. Das
zeigt auch, dass die Jury gut zusammengesetzt war, wir haben
die Geschichten aus sehr unterschiedlichen Gesichtspunkten
betrachtet.
Die Fragen stellte
Sabine Wißkirchen.
Unternehmen, die
sich sozial engagieren,
zum Beispiel durch Unterstützung von Kindereinrichtungen, Schulen
(...), Berufsschulen, Universitäten und Einstellung
von Langzeitarbeitslosen,
sozial Schwächeren, Behinderten und älteren Arbeitnehmern, sollten dafür
Sozialpunkte erhalten, mit
denen sie dann ihre Steuerzahlungen „drücken“
könnten. Ähnliches gilt für
den „normalen“ Bürger.
Er leistet Sozialarbeit und
erhält dafür Sozialpunkte
auf sein Punktekonto.
Guido Franke, 29.10.06
3 dieGesellschafter.de
Dokumentation
März 2007
13
Die ideale Gesellschaft gibt es nicht!
Der Philosoph Wilhelm Schmid meint: Schon in uns selbst liegt zu viel Konfliktpotenzial
Der Beitrag Aus dem Tagebuch
Auf der letzten Seite in der
Tageszeitung spielt sich das
wahre Leben ab: Kylie Minogue ist leider krank, tut auch
mir sehr leid. Eine Amerikanerin trank Wasser um die
Wette und starb, schade,
aber ein ehrenwertes Motiv:
Sie wollte Spielzeug für ihre
Kinder gewinnen. Ein Junge,
andere Geschichte, lebte vier
Jahre bei seinem Entführer.
Zwei Jungen, schon eine
bekannte Geschichte, aber
von Tag zu Tag rätselhafter:
Warum nahmen sie ein Mädchen als Geisel und töteten
ein Ehepaar? Ist das nicht alles
entsetzlich?
In welcher Gesellschaft leben wir? Wird das jemals
anders sein? Was sich alles
ändern müsste: die Erziehung, das Bildungssystem, die
Lehrer, die Computerspiele...
Keine Frage: In allen Ecken,
auf allen Ebenen und in
allen Bereichen muss es gesellschaftliche Veränderung
geben. Jeden Tag muss es in
jeder Familie, in jeder Schule,
an jedem Platz darum gehen,
an Verbesserungen der Gesellschaft zu arbeiten. Nur eines
werden wir damit nicht erreichen: die ideale Gesellschaft.
Ich will niemandem den
Glauben ans Ideal nehmen,
aber es wird immer Schlechtes, Negatives, Unwürdiges,
Ungerechtes geben. Ist das
problematisch?
Problematisch erscheint mir
eher, mit dem Blick aufs Ideal
an der Realität zu verzweifeln. Denn dann sind auch die
kleinen Verbesserungen nicht
Prof. Dr. Wilhelm Schmid,
geb. 1953, lebt in Berlin
und lehrt Philosophie
an der Universität Erfurt.
Schmid ist auch als „philosophischer Seelsorger“
tätig. Jüngste Buchpublikationen: „Die Fülle des
Lebens. 100 Fragmente
des Glücks“ und „Mit sich
selbst befreundet sein“.
R. M., 26.01.07
Das eigentliche Problem ist,
dass die Ursache aller Probleme – der menschenUNwürdige Wettbewerb um das „Recht
des Stärkeren“ – in der „freiheitlichen“ Markwirtschaft
wohl unveränderlich das
Höchste menschlicher Gesellschaftsfähigkeit ist.
Horst Ostendorf, 19.01.07
Wir dürfen uns nicht damit
abfinden, dass tagtäglich viele
Ungerechtigkeiten geschehen.
Wir dürfen nicht wegschauen,
wenn, wo auch immer in der
Welt, Unrecht geschieht. (...)
Verantwortung für die Gesell-
strebungen mehr in unserer
Gesellschaft gibt, irgendwas
in Gang zu setzen, weil die
Zielsetzung, dadurch in der
Gesellschaft aufzusteigen,
nicht mehr gegeben ist.
Foto: Pixelquelle
Argumente wie: „ideale Zustände gibt es nicht“ werden
gern von Leuten verwendet,
die nicht von gesellschaftlichen Nachteilen betroffen
sind und daher wenig Interesse an Veränderungen haben.
In dieser Diskussion geht es
doch außerdem um den Weg
in eine bessere Gesellschaft,
nicht in die Ideale. Dazu
müssen wir uns Ziele setzen.
Dabei ist es meiner Ansicht
nach besser, das Ziel etwas zu
hoch als zu niedrig zu setzen.
Es geht um die Vision. Auf
diesem Weg müssen Meilensteine gesetzt werden.
Mark Reichert, 21.01.07
In jeder Gesellschaft müssen Konflikte gelöst werden.
schaft tragen selbstverständlich alle ihre Mitglieder.
U.D., 21.01.07
Ich habe diesen Beitrag mit Interesse gelesen. Prof. Schmid
hat Recht: Solange wir nicht
das Konfliktpotential in uns
selbst erkennen, können wir
auch nicht mit den Konflikten
in der Welt umgehen. Nur
mehr möglich, die in der
Summe groß werden.
Wie schwer es ist, an einer
besseren Gesellschaft zu
arbeiten, das erfahren wir
tagtäglich – in uns selbst.
Denn in jedem von uns selbst
lebt eine ganze Gesellschaft.
Auch wenn wir gewohnheitsmäßig „Ich“ sagen, ist
es in Wahrheit doch eher
ein „Wir“ – falls die vielen
Ichs in uns gut miteinander zurechtkommen. Wie
schwierig es ist, das zu organisieren, zeigt sich schon
beim Umgang mit dem eigenen Zorn: Es gelingt kaum,
ihn auch nur ein wenig
zu bezähmen. Die innere
Erfahrung ist wertvoll, um
zu lernen, wie es dennoch
geht. Und darauf vorbereitet
zu sein, dass es auch in der
äußeren Gesellschaft nicht
leichter ist.
wenn wir konfliktfähig (auch
mit uns selbst) sind und uns
mit der Realiät versöhnen,
sind wir stark genug, die Welt
zu verändern.
Friedemann Herzog, 21.02.07
Viele in Deutschland kritisieren die Profitgier der Wirtschaft; ja, aber nur, solange
es zu ihrem Nachteil, zum
Nachteil Deutschlands ist (...)
Nur wer selbst bereit ist zu
teilen, sollte den Sozialstaat
verlangen! (...) Ich meine, wir
alle sollten gleich sein, keiner
mächtig, keiner unterworfen,
keiner reich und keiner arm!
Steffen Ackermann, 21.01.07
Ich fürchte auch, dass, wenn
alle gleich sind, es keine Be-
Natürlich gibt es für den
Menschen noch Anreize ohne das Klassenschema, die
Vorstellung des sozialen Aufstiegs! Für mich persönlich
ist es ein Reiz, zeichnerisch
oder musikalisch Neues zu
probieren. (...) Diese Form der
Selbstverwirklichung hat keinen kommerziellen Nutzen,
außer ein paar Leuten gefällt
es so sehr, dass ich es auf CD
verkaufen kann, aber in erster
Linie macht es mich selbst
glücklich!
Steffen Ackermann, 21.01.07
Die Gewinner des Wettbewerbs ,,Echt arm“
GRUNDSCHULEN:
Klasse 1 der Panke-Schule
und Klasse 4 der Grunewald
Grundschule in Berlin
Klasse 3 der Grundschule
in Oberteisendorf
IN DER KATEGORIE TEXT:
Ingo Dreyer Oliver Genson
Judith Hogen Schülerinnen
der Klasse 6b des Gymnasi-
ums Stein Theresa Steinke
Anonymer Beitrag
IN DER KATEGORIE BILD:
Das Autismuszentrum Chemnitz Maria Dahrendorf und
Michaela Wecker Anna
Demceva und Mitschüler
Angelika Hammerl Rebecca
Holzhausen Alexandra Sommer Yvonne Wanner
IN DER KATEGORIE FILM:
Die Klassen 6a/6b der
Grundschule Waldau
Dominik Bruchof Patrick
Faß Thorsten Schellhorn
von Euratibor e. V. Sandra
Schulte
IN DER KATEGORIE TON:
Claudia Schwarz vom Stadtjugendring Ulm
Die Frage ist, ob und wie
jedes Individuum seine Verantwortung wahrnimmt?
Jeder von uns wird schon die
Erfahrung gemacht haben,
dass sein eigenes Handeln
nicht zwingend auf die Zustimmung aller Beteiligten
traf – dafür sind wir (...) Individuen. Nur: Muss es denn
immer auch gleich jemandem
schaden?
U.D., 23.01.07
14
A nsichten
März 2007
Armut im Blick
Die „Echt Arm“-Gewinner stehen fest
Von Silvia Harbord
Armut ist kein Märchen,
Armut ist real. Wie real sie
in unserem Bewusstsein ist,
dokumentieren die über 550
Einsendungen zum Wettbewerb „Echt Arm“, die in
den vergangenen Wochen
eingingen.
„Problemsituation der Armut“ zeichnete Yvonne Wanner (14 Jahre) mit Kohle.
Hinter den Scheiben
Umsteigen. Und wieder umsteigen.
Hinter den Scheiben die Häuser.
Um mich herum, körperlich nahe,
die Menschen.
Aber ihr Leben ist fern. So fern.
Und das ist gut so. Ich will nichts zu
tun haben mit den anderen.
Ich fahre und gucke.
Endecke die Stadt, nach so vielen Jahren.
Jetzt habe ich Zeit. Viel Zeit. Also fahre ich.
Lasse alles zurück, sehe die Leute gehen
und fahre weiter.
Hunde. Autos. Fahrräder.
Menschen.
Menschen.
Menschen.
Alles dicht. Und unerreichbar.
Und unerreichbar bin ich auch.
Niemand kann mich erreichen.
Mein Leben gehört mir.
Nicht, wenn ich den Briefkasten öffne.
Nicht, wenn ich Nachrichten sehe.
Auch wenn das Telefon klingelt,
gehört mir mein Leben nicht.
Aber hier, in der S-Bahn, hier gehört mir
mein Leben.
Hier bin ich arbeitslos.
Hier sitze ich einfach und sehe mir
Berlin genau an.
Nach so langer Zeit.
Jetzt habe ich Zeit.
Dorothea Reinecke, 33, aus Doberlug-Kirchhain, Gewinnerin in der Kategorie Text.
Arm ist... wer sich über nichts
freuen kann (Domenik).
„Schlafplätze 2007“ von Alexandra Sommer, 17
aus Wuppertal, Gewinnerin in der Kategorie Bild.
Arm ist... wer süchtig ist
(Veronika).
Arm ist... wer tot ist
(Daniel).
Im Rahmen des Gesellschafter
Projekts wurde der Wettbewerb gemeinsam vom Paritätischen Wohlfahrtsverband und
der Aktion Mensch ausgelobt.
In den Kategorien Text, Bild,
Ton und Film stellten Jugendliche und Erwachsene ihre
persönliche Perspektive auf
das Thema Armut dar. Auch
Grundschulen beteiligten sich
unter dem Titel „Was ist Armut? Flash vom Mars hat keine
Ahnung.“ mit Schreib-, Maloder Bastelbeiträgen am
Wettbewerb.
Viele selbstgemalte
Bücher, Collagen,
Malereien, Brettspiele und Erlebnisberichte wurden eingesandt – schon
die Kleinsten
unter den Teilnehmern, die
Grundschüler, ließen Kreativität und Sensibilität für das
Thema Armut erkennen. Auch
der Sieger in der Kategorie
Grundschule/Malen ließ sich
etwas Besonderes einfallen:
Die Viertklässler der Grundschule Oberteisendorf beantworteten die Fragen „Wer ist
arm?“ und „Wer ist reich?“ in
Bildern und banden sie in ein
Buch. Es ist beidseitig betrachtbar: Während die Blätter von
der einen Seite gelb sind und
sich mit Reichtum beschäftigen, erzählen die schwarzen
Blätter auf der anderen Seite
von Armut (siehe unten).
Eine Auswahl der „Echt
Arm“-Beiträge wird demnächst im Rahmen einer Wanderausstellung zu sehen sein.
Alle Gewinner auf S. 13 unten
und auf dieGesellschafter.de
„Armut ist auch bei uns schon lange ein Thema“, das macht
die Klasse 3 der Grundschule Tostedt per Faltkalender klar.
Arm ist... wen die Eltern nicht
lieben (Magdalena).
Arm ist... wer beim Krieg
wohnt (Markus).
A nsichten
März 2007
15
9. Geburtsszüge)
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Reich ist... wer Ziele hat
(Christoph).
Reich ist... wer sich über
kleine Dinge freut (Maria).
Reich ist... wenn man Profifußballer ist (Daniel).
Reich ist... wer vieles Schönes
zum Anziehen hat (Laura).
Reich ist... wer beliebt ist
(Julia).
16
Fil mf e s ti va l
März 2007
Ein eigener Weg in zwei Kulturen
Der Film „Zwischen den Welten“ zeigt eine Kurdin, die sich gegen starre Rollenmuster wehrt
Von Anja Mikler
ale Kontakte am Arbeitsplatz.
In einer Zeit, in der es weniger
Jobs gibt, schotten sich jedoch
Einwanderer und Aufnahmegesellschaft zunehmend voneinander ab. Darunter kann
die Sprachfähigkeit der dritten
Generation leiden. Sie hat
oftmals mehr Schwierigkeiten
in der Schule und Probleme,
einen Arbeitsplatz zu finden.
Menschen mit Migrationshintergrund sind in der
Schweiz und in Deutschland
fast doppelt so häufig arbeitslos wie andere Erwerbsfähige.
Sie nehmen auch öfter gering
bezahlte Jobs ohne Perspektiven an. Dies kann zu Resignation, Armut und manchmal
zu politischer Radikalisierung
führen.
Die Mitarbeiterin Güli Dogan
spricht nicht nur Kurdisch, Türkisch und Schweizerdeutsch,
sondern weiß auch aus eigener
Erfahrung, wie man sich fühlt,
wenn man aus einem 40-Familien-Dorf in eine fremde Stadt
zieht. In seinem Dokumentarfilm „Zwischen den Welten“
(2006) begleitet der Regisseur
Yesilöz
˛
die 35-Jährige durch
ihren Alltag.
Dogan erzählt, wie sie als
Neunjährige in der Schweiz
„zwischen den Welten“ stand,
das heißt: zwischen der traditionellen Erziehung ihrer
Familie und der Welt der
Schweizer, mit ihrem von Individualität und Selbstbestimmung geprägten Lebensstil.
In den 60er Jahren warb die
Schweiz, ebenso wie Deutschland, Arbeiter aus den Mittelmeerstaaten für ihre Fabriken
an. Nach ein paar Jahren sollten
sie zurückkehren. Die meisten
jedoch blieben und holten ihre
Familien nach.
Heute haben in der Schweiz
24 Prozent der Bevölkerung
Foto: RECK Filmproduktion
Die Stadt Winterthur im
Schweizer Kanton Zürich
kann sich glücklich schätzen: Türkische Immigranten
werden im Einwohnermeldeamt einzigartig gut beraten.
Tradition bietet Einwanderern Identität. Doch Zukunft hat nur, wer offen für neue Blickwinkel ist.
einen Migrationshintergrund.
Das heißt, sie kommen aus dem
Ausland oder haben ausländische Eltern oder Großeltern.
Sowohl in der Schweiz als auch
in Deutschland blieb die erste
Generation der Einwanderer
häufig unter sich. Ihre Kinder
hatten es schwer: Zu Hause
wurden sie traditionell erzogen, in der Schule mit mehr
individuellen Freiheiten. Von
diesen Herausforderungen berichtet Güli Dogan. Heute hat
sie ihren Weg gefunden: Am Arbeitsplatz und bei ihren Freundinnen ist sie die unabhängige
Städterin. Den Zugang zur lokalen Kultur bekam sie durch eine
intensive Freundschaft mit der
Schweizerin Sandy Burri. Doch
die Sehnsucht nach der Natur
und der Gemeinschaft im Dorf
ist geblieben. Und als Ehefrau
eines Kurden achtet sie darauf,
andere Männer nicht mit einem
Küsschen zu begrüßen. Mit
ihrem Mann hat Güli Dogan
jedoch einen Pakt geschlossen:
Trotz der zwei Kinder arbeitet
sie halbtags und geht abends
auch aus. Der Film zeigt die Bedingungen von Integration: einen Beruf ausüben zu können,
Selbstbewusstsein gegenüber
den Vorstellungen der Eltern
und Nachbarn zu entwickeln,
Freundschaften mit Menschen
aus der neuen Kultur zu pflegen sowie ein liberales Religionsverständnis. Am besten
gelingt Integration durch sozi-
Vier Euro mehr für Jeans und soziale Rechte
„ueber arbeiten“ in Dortmund: Verbände informierten über Aktionen vor Ort
Gegen die Folgen von Hartz
IV, Ausbeutung in Entwicklungsländern und Korruption
kann jeder etwas tun – sogar
in der eigenen Stadt. Das
zeigten acht lokale Initiativen und Verbände beim Filmfestival „ueber arbeiten“ im
Dortmunder CineStar.
Das Festival präsentiert elf Dokumentarfilme in 80 Städten zu
den Themen Arbeit, Wirtschaft
und Globalisierung. Jeder Film
hat einen überregionalen und
mehrere lokale Filmpartner,
die den Zuschauern Informationen und Gespräche anbieten.
Foto: Anja Mikler
Von Anja Mikler
Filmpartner kritisieren Abbau
des Sozialstaats.
Im Anschluss an die Vorführungen hatten die Besucher in
Dortmund viele Fragen: „Warum drückt Hartz IV die Löhne? Warum hat niemand den
Finanzskandal im US-Konzern
Enron verhindert? Und wie
funktionieren Integration und
fairer Handel in Dortmund?“
Das CineStar sei eine gute
Plattform, um diese Themen
einem größeren Publikum zu
präsentieren, meint Christoph
Gehrmann vom Caritasverband Dortmund. „Wir haben
viel diskutiert“, berichtet Gerd
Plobner, Referent der Evangelischen Kirche in Dortmund
und Lünen sowie Filmpartner
von „China Blue“. Dieser Film
dokumentiert, wie in einer chinesischen Textilfabrik zum Teil
minderjährige Mädchen bis zu
20 Stunden am Tag nähen. Dies
habe Beklemmung hervorgerufen: „Was haben wir als Konsumenten für Alternativen?“,
wollten Zuschauer wissen. In
Dortmund gab es Antworten:
Im Rahmen der bundesweiten
Kampagne „saubere Kleidung“
haben die lokalen Initiativen
einige Handelsketten davon
überzeugt, fair gehandelte Produkte wie den Dortmund-Kaffee und bestimmte Kleidungsmarken anzubieten.
Es genüge, drei bis vier Euro
mehr für eine Jeans aus dem
fairen Handel auszugeben, damit Arbeiter ein menschenwürdiges Leben führen könnten,
so Plobner. Nach dem Festival
wird weiter vernetzt: Lehrer
haben Materialien und Kontakte angefragt, so dass bald auch
Schüler mitdiskutieren.
Filmpartner ist
die Caritas
Partner des Films „Zwischen den
Welten“ ist der Deutsche Caritasverband, für den seit den 60erJahren Migration ein Schwerpunktthema ist. In Form von
Integrationskursen, Beratungsangeboten und Patenschaften
soll die Teilhabe von Migranten
gestärkt werden. Ziel ist, eine
größere Offenheit gegenüber
den Einwanderern zu schaffen
– mit kritischer Beobachtung, öffentlichen Stellungnahmen und
konkreter Sozialarbeit.
Wir diskutieren seit
Jahren, ob große Handelsketten fair gehandelte
Produkte anbieten sollten
und ob das für Ketten
wie Lidl wünschenswert
ist, die ihre Angestellten
häufig nicht nach den Sozialstandards behandeln.
Das muss bei Gelegenheiten wie diesem Festival
thematisiert werden. Jeder
kann sich beteiligen. So
ein Prozess ist der Weg.
Das gefällt uns am Gesellschafterprojekt: Die Menschen können selbst aktiv
werden.
Günter Schulz, 28.01.07
3 dieGesellschafter.de
Fil mf e s ti va l
Unser Konsum – auf Kosten anderer
Zwei Festivalfilme und ihre Partner
a „China Blue”
USA 2004, Regie: Micha X. Peled.
Junge Chinesinnen vom Land arbeiten
in Textilfabriken, in denen Jeans für
den Westen hergestellt werden. Sie
leben auf dem Gelände und arbeiten
für einen Hungerlohn bis zur Erschöpfung.
a Filmpartner:
Inkota ist ein ökumenisches Netzwerk
aus entwicklungspolitischen Basisgruppen, Weltläden, Kirchengemeinden und Engagierten.
Fotos: bfilm
a „John and Jane“
Indien 2006, Regie: Ashim Ahluwalia.
Ein US-Kunde wird mit einem CallCenter in Indien verbunden. Den „Callagents“ wird die US-Kultur antrainiert. Der Film stellt sechs Angestellte
vor. Ihre Haltung reicht von kritischer
Distanz bis hin zur Identifikation.
a Filmpartner:
Attac versteht sich mit international
90.000 Mitgliedern als Teil der Bewegung für eine soziale und ökologische
Globalisierung.
März 2007
17
DIE TOURSTATIONEN IM ÜBERBLICK
a Das bundesweite Filmfestival „ueber arbeiten“
zeigt elf Dokumentarfilme zu Arbeit, Wirtschaft
und Globalisierung. Die
Filme stellen Fragen nach
der Bedeutung von Erwerbsarbeit für unsere
Gesellschaft. Die Termine
und Orte bis zur nächsten
Ausgabe der Gesellschafterzeitung:
a Lich: 08.02. - 31.05.
a Darmstadt: 22.02. - 07.03.
a Bielefeld: 01.03. - 06.03.
a Düren: 01.03. - 06.03.
a Magdeburg: 01.03. - 07.03.
a München: 01.03. - 07.03.
a Neustrelitz: 01.03. - 21.03.
a Nürnberg: 04.03. - 5.03.
a Göttingen: 08.03. - 14.03.
a Remscheid: 15.03. - 20.03.
a Kaiserslautern:
22.03. - 27.03.
a Mönchengladbach:
22.03. - 27.03.
a Schwäbisch Gmünd:
22.03. - 28.03.
a Dresden: 26.03. - 03.04.
a Tübingen: 29.03. - 18.04.
a Wolfenbüttel:
29.03. - 03.04.
a Bochum: 05.04. - 10.04.
a Eggesin: 05.04. - 11.04.
a Neubrandenburg:
12.04. - 18.04.
a Greifswald:
12.04. - 17.04.
a Halle: 12.04. - 17.04.
a Düsseldorf:
19.04. - 25.04.
a Flensburg: 19.04. - 25.04.
a Immenstadt:
19.04. - 24.04.
a Hamburg: 19.04. - 02.05.
a Oberhausen:
19.04. - 24.04.
a Rostock: 19.04 - 24.04.
a Ellwangen: 19.04. - 25.04.
a Würzburg: 26.04. - 01.05.
a Karlsruhe: 03.05. - 08.05.
a Koblenz: 03.05. 08.05.
Mehr Informationen im
Internet unter:
www.ueber-arbeiten.de
„Zu Hause ist, wo ich mich nicht erklären muss“
In einem kurdischen Dorf
vergeht kein Tag, an dem
nicht eine Geschichte erzählt wird. Das hat den 42jährigen Dokumentarfilmer
Yusuf Yesilöz
˛
(„Zwischen
den Welten“) geprägt. Er
lebt heute im schweizerischen Winterthur.
Eine dieser Geschichten handelt von Yesilöz‘
˛
problematischer Geburt. Die Erzählung
bekam er immer dann zu
hören, wenn sich seine Mutter
über ihn geärgert hatte: Er sei
einfach nicht herausgekommen. Die Hebamme war es
schließlich, die seine Mutter
auf einen wackligen Viehwagen hob und ums Haus fahren
ließ. Oder die Geschichte, wie
er als Kurde mit türkischen Beamtenkindern auf eine Schule
gehen durfte, obwohl das
eigentlich undenkbar war:
Der Landrat wurde mit Schafjoghurt bestochen.
Wenn Yesilöz
˛
in seinem
Buch „Steppenrutenpflanze“
Geschichten erzählt, sind diese
wie Scheinwerferlichter. Sie
beleuchten das, was Yesilöz
˛
als wichtig erachtet: die Zunei-
Foto: RECK Filmproduktion
Für den Regisseur Yusuf Yesilöz
˛
sind Fremdheitsgefühle ein guter Erzählstoff
Regisseur Yusuf Yesilöz:
˛
Um
für andere offen zu sein, muss
man die eigene Kultur kennen.
gung zu anderen Menschen,
die Kunst, über sich selbst zu
lachen und in allen Lebenslagen zu improvisieren.
In den 80er Jahren wurden
die Familien in Yesilöz‘
˛
Heimatdorf von der türkischen Regierung zunehmend verfolgt. Mit
23 Jahren flüchtete er in die
Schweiz. Dort war die Sehnsucht nach der Gemeinschaft,
die sich Geschichten erzählte,
kaum zu stillen. Davon zu berichten, half. Um den Schweizern seine Welt verständlich
zu machen, schrieb er auf
Deutsch. Yesilöz
˛
wurde Buchhändler und übersetzte kurdische Literatur ins Deutsche.
Der Autor von fünf Romanen
und Regisseur dreier Dokumentarfilme beobachtet sehr
genau. Ein häufiges Thema sind
Menschen, die sich ihre Rechte
und Freiheiten erkämpfen.
In seinem ersten Film „Hungern gegen Wände“ (2003)
berichtet er von seinem Freund
Cemal Miran, der sich gegen die
Folter im türkischen Gefängnis
durch Hungerstreik wehrte,
ins Koma fiel und seither an
Lähmungen leidet. Yesilöz
˛
zeigt, was dennoch blieb:
Mirans Sehnsüchte und
Fr eu nd s c h a f te n.
In seinem Film
„Zwischen den
Welten“ (2006)
dokumentiert er,
wie die Freundschaft zwischen
der Schweizerin
Sandy Burri und
der Kurdin Güli Dogan beiden eine Tür
zur anderen Kultur öffnet.
Ähnlich ist es auch ihm in der
Schweiz ergangen.
Yesilöz,
˛
der sich 1993
einbürgern ließ, ist mit einer Schweizerin verheiratet, hat zwei
Kinder und bewegt sich in mehreren Welten: So kann er mit
einer Kurdin über das Leben
in ihrem Heimatdorf plaudern und am nächsten Tag in
Schriftstellerkreisen erklären,
warum jeder zuerst seine eigene Kultur kennenlernen muss,
um Verständnis für die schweizerische aufzubringen.
Yesilöz
˛
ist in drei Sprachen
zu Hause: Literarisch arbeitet
er auf Deutsch. Politische
Diskussionen führt er gern
auf Türkisch, und in Kurdisch
erzählt er am liebsten Geschichten. Wo er sich zu Hause
fühlt? „Dort, wo ich mich nicht
mehr erklären muss.“ Seit
20 Jahren wird er fast
täglich mit Vorurteilen
konfrontiert. Etwa, als er
kürzlich einen vollen Wagen an die Supermarktkasse schob. Hinter ihm sagte
ein Mann: „Und morgen
holt er sich das vom Sozialamt wieder“. An guten
Tagen pariert Yesilöz
˛
dann
lächelnd: „Ja, lassen Sie uns
zusammen dorthin gehen.“
Die Vorurteile und Fremdheitsgefühle der anderen – für
Yesilöz geben sie guten Erzählstoff ab. Sein nächstes Werk
erscheint im April und ist ein
Krimi. Ein Mordfall führt
den schweizerischen Polizeibeamten Schenker in Migrantenmilieus. Dabei erfährt die
Hauptfigur, was Fremdheit
ausmacht: eine seltsame Mischung aus Verunsicherung
und Faszination.
18
Zitate
März 2007
In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?
Zwölf Antworten auf die zentrale Frage des Gesellschafter-Projekts –
abgegeben von den Dortmunder Besuchern des bundesweiten Filmfestivals „ueber arbeiten“
„ICH WILL KEINE ANGST VOR DEM MORGEN HABEN!“: AKTUELLE ANTWORTEN AUS DEM INTERNET
In einer ruhigeren Gesellschaft, in der, zumindest bedingt, der Mensch den richtigen Zeitpunkt bestimmt,
und nicht die Uhr.
gestrebt wird, wo Kind wieder Kind sein darf, muss und
soll.
J. B., München
Ganz einfach: in einer Welt,
wo ich würdevoll leben kann
und keine Angst vor dem
„morgen“ haben muss.
In einer gerechten Gesellschaft mit wenigen, aber
vernünftigen Regeln und
Gesetzen. Wo das Allgemeinwohl aller Menschen,
die Natur und die Natürlichkeit im Vordergrund stehen.
Wo nicht nach Perfektion
In einer Gesellschaft, in der
Bildung frei zugänglich ist.
Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die sich nicht von
einigen wenigen vorschreiben
lässt, wer dazu gehört! In
einer Gesellschaft, die sich
als Gesellschaft versteht und
nicht als Zufallsprodukt! In
einer Gesellschaft, die sich
gegen „Erschütterungen“ wehren kann!
Guenther Schmidt
Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Politiker
wissen, was sie tun.
Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die frei von
Kriegsgedanken und Gewalt
ist; in der Frauen endlich
genau die gleichen Chancen
haben wie Männer; in der
Solidarität und Freundschaft
mehr zählen als Geld und
Macht; in der Menschen aller
Kulturen (...) friedlich nebeneinander und vor allem
miteinander leben; in der
Probleme unbürokratisch und
zeitsparend geklärt werden.
Astrid B.
Anne Mühlich
G. M.
Coniferia Paragadina
RK
J. D.
Stephan Weinberger
Ich würde eine Gesellschaft
vorziehen, in der die Medien
sich ihrer Verantwortung
bewusst sind.
In einer Gesellschaft, die erkannt hat, dass Krieg, egal,
zu welchem Zweck er geführt wird, nichts bringt außer Hass und neuen Konflikten, und deshalb von jeder
militärischen Einmischung
in andere Staaten absieht.
Zitate
März 2007
19
IMPRESSUM
Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der
psychisch Kranke mehr
Verständnis und Unterstützung erfahren!
In einer Welt ohne Hartz IV
und mit einem Grundeinkommen für alle.
L. L.
In einer Gesellschaft, die
nicht danach eingeteilt wird,
wer eine Erwerbstätigkeit
hat und wer nicht, wer
welche Stufe der „Karriere“Leiter erklommen hat, was
finanziell machbar ist.
In einer faszinierend vielfältigen Gesellschaft, die aus
verschiedenen, einander
respektierenden, sich gegenseitig schätzenden (...), auch
schützenden, weiter- und aufeinander zugehenden, sich im
„Fluss“ befindlichen Kulturen
besteht.
Friedemann Neef
Thomas Grosser
W. V.
In einer solidarischen, rücksichtsvollen, menschlichen.
Nelson Mandela (kürzlich):
„Wir müssen gemeinsam
eine Welt schaffen, in der
jeder sein volles Potenzial
entfalten kann.“
Thomas Grosser
Ich will nicht, ich tu‘s
einfach. Ich lebe in einer
Gesellschaft voller Liebe,
Respekt und gegenseitiger
Achtung.
Martin Meyer
Herausgeber: Aktion Mensch, Heinemannstraße 36, 53175 Bonn.
Leitung: Christian Schmitz und Heike Zirden (V.i.S.d.P.).
Redaktion: Stefan Brunn (Koordination), Mechthild Buchholz,
Mark Czogalla, Bithja Isabel Gehrke (Layout), Heike Grelka,
Silvia Harbord, Ulrich Kamp, Anne Krug, Anja Martin,
Anja Mikler, Sabine Wißkirchen.
Kontakt zur Redaktion: Tel. 02 28 - 20 92-364, Fax 02 28 - 20 92-333.
E-Mail: zeitung@dieGesellschafter.de, Druck: General-Anzeiger, Bonn.
dieGesellschafter.de erscheint regelmäßig kostenlos und liegt bundesweit an ausgewählten Stellen aus. Interessenten, die die Zeitung
auslegen möchten, können sich unter www.dieGesellschafter.de/zeitung
eintragen oder wenden sich an Tel. 02 28 - 20 92-345.
Die in den Zitaten und Forumsbeiträgen abgedruckten Meinungen geben nicht
in jedem Fall die Meinung der Redaktion wieder.
20
Le t z te
März 2007
Aktion Mensch · 53175 Bonn
PVST, DPAG „Entgelt bezahlt“
Barbara Stolterfoht,
Vorsitzende des Deutschen Paritätischen
Wohlfahrtsverbandes
Ich will in einer Gesellschaft
leben, in der Konflikte nicht
verdrängt, sondern gelöst werden. Ich will in einer Gesellschaft leben, in der es Solidarität statt Konkurrenz gibt, mehr
Gerechtigkeit, Nächstenliebe
und Freude aneinander, und
ich will in einer Gesellschaft
leben, in der insbesondere
Kinder die Entwicklungschancen bekommen, die sie
verdient haben.
3 dieGesellschafter.de
„Klartext zu reden muss erlaubt sein“
Kabarettist Dieter Nuhr findet es wichtig, die Meinungsfreiheit zu verteidigen
Für den Kabarettisten und Comedystar Dieter Nuhr ist Reden
Programm. Warum er Reden
heute wichtiger als je zuvor
findet, thematisiert er auch auf
seiner aktuellen Tour:
Geht es Ihnen in Ihrer Kritik
wirklich nur um „Political
Correctness?“
Nein. Ich halte die Meinungsfreiheit insgesamt für bedroht.
Wo leben wir denn, wenn
Operninszenierungen abgesetzt oder Karikaturen nicht
mehr gedruckt werden dürfen,
weil Menschen dann Angst
AN DER ECKE
Wie groß ist denn das
Bedrohungspotenzial in
Deutschland?
Bei uns ist der Anteil verantwortungsbewusster Menschen
in der Politik noch relativ hoch,
denke ich, auch wenn immer
alle glauben, da oben sitzen
nur Machtmenschen. Im Vergleich zu anderen Teilen dieser
Erde wird unser Land immer
noch sehr zivilisiert regiert
und gestaltet.
Foto: Tom Wagner
Herr Nuhr, warum machen
Sie die Meinungsfreiheit bei
Ihren Auftritten zum Thema?
Letztes Jahr gab es bei uns zum
Beispiel die Unterschichtendebatte. Da wurde gesagt: Das darf
es nicht geben – also gibt es auch
keine. Wir haben aber ein massives Unterschichtenproblem in
Deutschland. Und das zeigt sich
vor allem in der Bildung. Es
gibt einfach unglaublich viele
Menschen, deren Bildungsstandard nicht so ist, dass sie in
dieser Welt in Zukunft noch
Arbeitsplätze finden könnten.
Das ist eines unserer zentralen
Probleme und deshalb müssen
wir auch darüber sprechen.
der Welt durchsetzen wollen.
Das können religiöse Fundamentalisten sein, aber auch
mafiaähnliche Strukturen und
Netzwerke, die die Gesellschaft unbemerkt umgestalten
und die nicht demokratisch
kontrolliert werden. Wohin
das führen kann, sehen Sie in
Russland.
Bringt das Thema Meinungsfreiheit auf die Bühne: Dieter Nuhr.
um ihre Familien haben müssen? In solchen Situationen
bin ich enttäuscht, dass nicht
mehr Menschen öffentlich den
Mund aufmachen. Die Meinungsfreiheit ist ein wichtiges
Recht, das man am besten
dadurch schützt, dass man es
in Anspruch nimmt.
Wie müssen wir uns die
Bedrohung der Meinungsfreiheit denn vorstellen?
Von wem geht sie aus?
Normalerweise erwartet man
die Einschränkung der Meinungsfreiheit ja immer vom
Staat. Aber die Unfreiheit
geht heute viel weniger von
staatlichen Gebilden aus als
von Privatleuten, die ihre Sicht
Und in was für einer Gesellschaft wollen Sie leben?
Ich möchte eben vor allem in
einer freiheitlichen Gesellschaft leben, das ist mir sehr
wichtig. Ich möchte in einer
Gesellschaft leben, in der jeder
die Freiheit hat, an Bildung und
am Wohlstand teilzunehmen.
Das Gespräch führte
Heike Grelka
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Seele and Geist
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