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congena Texte Es liegt was in der Luft

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congena Texte
congena Texte 2009 – Es liegt was in der Luft
Es liegt was
in der Luft
2009
Christian Huber
ClimaDesign
Ganzheitliches Planen und nachhaltiges Bauen
3
René Sigg
Lebenzyklusgerechte und nachhaltige Bauweise
7
Rudi Scheuermann
Fassaden als Resultat integraler Planung
Image oder funktionale Herausforderung
13
Prof. Klaus Daniels
Klimakonzepte
Grundlagen der Behaglichkeit
17
Verena Bartenbach und Prof. Christian Bartenbach
Der Mensch denkt, Licht lenkt
Lebenselixier Licht
25
Stefan Schierer
Akustische Behaglichkeit in offenen Bürostrukturen
33
Malte Kopmann
Grün arbeiten statt schwarz ärgern
Begrünungskonzepte in Büros
39
Matthias H.R. Müller, Karin Birner
Im Labyrinth der Möglichkeiten
Informations- und Kommunikationstechnologie
am Arbeitsplatz
43
Dr. Stefan Steidele
Im Dunkeln
Wie fühlt sich der Mensch im Büro?
47
Wolfram Fuchs
Navi für Unternehmenskultur
Culture GPS
51
Wolfram Fuchs und Maria Pott
AOK Berlin Hauptverwaltung
Modernisierung im Rahmen einer Gebäudesanierung
59
Mirjana Loitzl
1
congena Texte 2009
»Es liegt was in der Luft«
Sie mögen Ephraim Kishons Geschichte über »Seligs atmosphärische Störungen« kennen. Obwohl die Wände
zwischen zwei Wohnungen so dünn
sind, dass es Sinn macht, beim Entkleiden das Licht zu löschen, um keine
Schattenbilder zu erzeugen, hört Herr
Selig nach der Arbeit leidenschaftlich
gerne Radio.
Was Herr Selig als Entspannung empfindet, ist für seine Nachbarn unerträglicher Lärm, der – bedingt durch
die beschriebenen Wände – bis in den
entlegensten Winkel ihrer Wohnung
dringt. Durch Zufall entdeckt sein
Nachbar, dass er den Radioempfang
mit seinem elektrischen Rasierapparat
empfindlich stören kann und versucht
durch gezielten Einsatz des Gerätes,
Herrn Selig von seinem Genuss abzubringen, bis Herr Selig sogar anfängt,
an übernatürliche Phänomene und einen Geist in seinem Radio zu glauben.
Nach einem Defekt des Rasierapparats
hat der Spuk für Herrn Selig ein Ende
und das Leiden seiner Nachbarn setzt
sich fort.
Das Raumklima in Verwaltungsgebäuden hat viele Parallelen mit der Geschichte über Herrn Selig. Wie in der
beschriebenen Erzählung, hängt das
persönliche Wohlbefinden einerseits
von baulichen Gegebenheiten, aber
auch von der subjektiven Wahrnehmung
ab. Was für den einen Entspannung
ist, empfindet der andere als Lärm.
Die Nutzer von Verwaltungsgebäuden
wollen vermehrt ihre Bedürfnisse berücksichtigt wissen und das Raumklima
individuell beeinflussen, ohne dafür
Komforteinbußen hinnehmen oder
eine technische Ausbildung absolvieren zu müssen.
Gleichzeitig wollen Betreiber von Verwaltungsgebäuden ein gut funktionierendes Gebäude, das auch ökonomischen und ökologischen Anforderungen gerecht wird. So sind bei der Planung von Verwaltungsgebäuden
bereits bei der Bedarfsplanung und in
der Konzeptphase neben den technischen und physikalischen Faktoren
vermehrt weiche und subjektive Aspekte zu berücksichtigen.
Neben verschiedenen technischen
Möglichkeiten und konzeptionellen
Ansätzen wollen wir in dem vorliegenden Heft die Abhängigkeiten und Auswirkungen von verschiedenen Disziplinen, wie Fassade, Beleuchtung, Haustechnik, Ökologie, Akustik, Flexibilität
und Bürokonzept auf Lösungen und
Wohlbefinden beleuchten. Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre
und interessanten Input für künftige
Bauaufgaben!
Christian Huber
3
congena Texte 2009
ClimaDesign
Ganzheitliches Planen und nachhaltiges Bauen für ein Höchstmaß an Wohlbefinden, geringen
Energieeinsatz sowie niedrige Lebenszykluskosten
ClimaDesign – Behaglichkeit
Wir kennen das alle: Es gibt Gebäude,
da fühlen wir uns auf Anhieb wohl.
Bei anderen Gebäuden gibt es dieses
Gefühl nicht. Und das liegt nicht nur
an der Inneneinrichtung, die uns mehr
oder weniger zusagt oder an den
Menschen, denen wir in dem Gebäude begegnen. Es gibt ein Wohlbefinden, das von der Gebäudehülle, den
Raumumschließungsflächen und der
im Gebäude eingebauten Technik ausgeht oder zumindest damit zusammenhängt. Wir nennen es Behaglichkeit. Die Behaglichkeit manifestiert
sich in vielen Einzelaspekten, die individuell unterschiedlich wahrgenommen werden. Dazu gehören die gefühlte Temperatur im Raum, die Luftqualität und die Beleuchtungssituation.
Nicht weniger beeinflussen uns aber
auch Farben, Gerüche und Geräusche.
Darüber hinaus bestimmt die Art und
Weise, wie wir technische Systeme individuell bedienen können, im weitesten Sinne unsere Zufriedenheit und ist
damit relevant für einen erweiterten
Behaglichkeitsbegriff im Gebäude.
ClimaDesign – ganzheitlicher
Planungsansatz
Die Basis für diese Behaglichkeits-Faktoren wird schon in der Konzept- und
Planungsphase gelegt. Hier können
Weichen für die gesamte Planung und
Ausführung in die richtige Richtung
gestellt werden. Der Planer reagiert
auf die Behaglichkeitswünsche des
späteren Nutzers mit der Ausbildung
der Fassade und der Wahl des technischen Konzeptes für Heizen, Kühlen
und Lüften. Diese beiden Aspekte zusammen beeinflussen das erzielbare
Raumklima im Sommer und im Winter. Zudem bestimmt die Fassade die
Tageslichtsituation. Das Raumkonditionierungskonzept hat Auswirkungen
auf die möglichen Wärme- und Kältebereitstellungssysteme. Dadurch ergibt
sich ein Wirkungszusammenhang von
Licht, Raumklima sowie Wärme- und
Kältebereitstellung. Somit besteht auch
eine Wechselbeziehung zwischen Wärme- und Kühlstrategie sowie dem Tageslichtangebot. Der Standort des Gebäudes, seine Ausrichtung und seine
Geometrie sind neben den durch
Computer und Nutzer anfallenden internen und den durch die Sonneneinstrahlung von außen eindringenden
solaren Lasten wichtige Parameter, die
das Technikkonzept beeinflussen. Hinzu kommen die mit dem Nutzer abzustimmenden Benutzungszeiten, die gewünschten Temperaturniveaus, aber
auch die am Ort vorhandenen regenerativen Energien, die im Planungsprozess ganzheitlich betrachtet werden
müssen.
Je später diese Zusammenhänge berücksichtigt werden, desto größer sind
der planerische und der finanzielle
Aufwand. Erfolgt die Besinnung auf
die Behaglichkeit erst in der Nutzungsphase, lassen sich – wenn überhaupt
– die Probleme nur durch teure Nachrüstung von zusätzlichen Technikkomponenten verbessern. Sicherlich sind
Ihnen auch viele Beispiele bekannt, bei
denen der Versuch, nachträglich etwas
zu ändern, die Kosten dramatisch steigerte. Darüber hinaus wirken sich diese »Reparaturmaßnahmen in der Bauphase« oftmals nicht gerade förderlich
auf die Gesamtgestaltung aus. Zusätzliche Elemente können nur selten in
die Gestaltung integriert werden und
bleiben sichtbare »Planungs- und Baufehler«.
Aber was nutzt schon ein Gebäude,
das gestalterisch jeden Preis erhält, in
dem sich aber die Nutzer nicht wohl
fühlen? Nur wenn Gebäude und Technik frühzeitig synergetisch geplant
und gestaltet werden und dabei der
Nutzer im Mittelpunkt steht, kann
eine Einheit entstehen, die sowohl auf
den Architekturfotos ausgezeichnet
wirkt, als auch in der Nutzungsphase
von Erfolg gekrönt ist. Das Einbeziehen der Behaglichkeitswünsche der
Nutzer erfordert dabei eine gewerkeübergreifene Sichtweise. Alle Planer
und am Bau Beteiligten müssen die
Christian Huber
Mitarbeiter am Lehrstuhl für Bauklimatik
und Haustechnik
Prof. Hausladen,
TU München
Christian Huber
ClimaDesign
4
beste Lösung gemeinsam finden. Je
nach Bauaufgabe ist dies ein ganzes
Dutzend an Fachplanern und Projektanten, die ihren Teilbereich fest im
Blick haben müssen.
In jedem Gewerk gibt es eine Vielzahl
an Optimierungsmöglichkeiten, um die
Behaglichkeit für die späteren Nutzer
zu verbessern. Um daraus ein abgestimmtes Gesamtsystem entstehen zu
lassen, ist eine integrierende Koordination erforderlich, die »alle Sprachen
spricht«. Wir haben aus diesem Grund
den Begriff »ClimaDesign« am Lehrstuhl für Bauklimatik und Haustechnik
von Prof. Dr.-Ing. Gerhard Hausladen
an der Technischen Universität München geprägt. Bewusst haben wir uns
nicht nur auf »Energie« beschränkt,
denn »Clima« ist mehr. Es schließt die
Behaglichkeit mit ein. Wir nennen unsere Philosophie auch nicht »Engineering«. Es geht um einen kreativen und
gestalterischen »Design«-Prozess im
Zusammenspiel von Architektur und
Technik.
Architekt
Baumeister
ClimaDesign
Technik
ClimaDesigner als
technischer Koordinator im Bauprozess
Tragwerk
ClimaDesign – geringer
Ressourceneinsatz
Die meisten unserer Behaglichkeitswünsche erfordern den Einsatz von
Technikkomponenten, die ihrerseits
Energie benötigen und damit Kosten
verursachen. Der Wunsch nach niedrigeren sommerlichen Temperaturen in
unseren Büros bedeutet einen proportional erhöhten Energieeinsatz. Aus
congena Texte 2009
diesem Grund wäre eine Planung, die
Behaglichkeit zu jedem Preis in den
Vordergrund stellt, zu kurz gegriffen.
Wichtig ist die Ausgewogenheit der
sozialen wie auch ökologischen und
ökonomischen Aspekte im Sinne einer
nachhaltigen Planung.
Eine Gebäudeplanung, die sich auf die
Behaglichkeit konzentriert, aber die
Wirtschaftlichkeit über den gesamten
Lebenszyklus vernachlässigt, ist nicht
nachhaltig. Ebenso wenig nachhaltig
sind rein wirtschaftlich ausgerichtete
Gebäudekomplexe, welche die Behaglichkeit der Nutzer oder die ökologischen Auswirkungen auf die Umwelt
vernachlässigen.
ClimaDesign ist eine Planungsdisziplin,
durch die Gebäude mit einem Minimum an Energie dem Nutzer ein Maximum an Behaglichkeit bieten können.
Der Energieaufwand bezieht sich dabei nicht nur auf die Heizenergie, sondern auf alle am Gebäude relevanten
Energie- und Stoffströme. Da nicht nur
die fossilen Energieressourcen begrenzt
sind, sondern wir auch mit den regional verfügbaren regenerativen Energien maßvoll umgehen müssen, stehen
Energieeinsparung und -effizienz immer an erster Stelle. Die Restenergiemenge ist dann mit heimischen, erneuerbaren Energien zu decken, die das
jeweils benötigte Temperaturniveau
mit der dafür sinnvollen Energiequalität bedient. Um ein bedarfsgerechtes
Gebäude mit geringem Aufwand zu
errichten, ist eine genaue Analyse der
Nutzungs- und Behaglichkeitsanforderungen Voraussetzung.
Geringer spezifischer Energieverbrauch
darf jedoch nicht dazu führen, dass
sich, wie im Automobil- oder Elektronikbereich, unbedacht noch höhere
Komfortwünsche mit fraglichen energiehungrigen Zusatzfunktionen realisieren lassen. Denn dadurch wird der
hohe Gesamtenergieverbrauch beibehalten oder sogar gesteigert, z.B. für
eine Kühlung zur weiteren Senkung
der sommerlichen Innentemperaturen.
Christian Huber
ClimaDesign
5
Es gilt auch hier, maßvoll mit unseren
Ressourcen umzugehen.
Zukunftsfähige Gebäude müssen darüber hinaus auch für mögliche Veränderungen gerüstet sein. Hier gilt es,
Techniken anzuwenden, die sich an
geänderte Nutzungswünsche flexibel
anpassen können, ohne den Kostenrahmen in der Erstanschaffung zu
sprengen oder zu viele Komponenten
einzusetzen, um alle Eventualitäten
abzudecken.
Aus der Sanierung früherer Gebäude
lernen wir, dass eine gewisse Weitsicht
vor allem in der Leitungsführung dringend geboten ist. Damit ein heute geplantes Gebäude bei klimabedingt
steigenden Sommertemperaturen weiterhin eine hohe Behaglichkeit ermöglichen kann, muss dies heute bereits in
der Konzeptphase berücksichtigt werden. Im Rahmen unseres ClimaDesign
Masterstudiengangs untersuchen wir
mit angepassten Wetterdatensätzen
die Auswirkungen auf das zukünftige
Verhalten und den damit vorhandenen Energieverbrauch heutiger Gebäude.
ClimaDesign – Orientierung am
Nutzer
ClimaDesign optimiert Gebäude auf
die Anforderungen der Nutzer und
entwickelt nicht Lösungen, bei denen
sich die Nutzer an das optimierte Gebäudekonzept anpassen. Dies ist ein
wichtiger Unterschied. Und dieser Unterschied macht sich auch in der Wirtschaftlichkeit eines Gebäudes bemerkbar. Der Nutzereinfluss kann über die
Bedienung der Technikkomponenten
den Energieverbrauch auf das Dreifache des berechneten Energiebedarfs
steigen lassen, was sich direkt in den
Betriebskosten niederschlägt.
In den meisten Fällen liegt die Ursache
des Problems zum einen am Wunsch,
fehlende Behaglichkeit zu verbessern.
Zum anderen ist das Gesamtsystem der
Technikkomponenten für die Nutzer
congena Texte 2009
meist unverständlich und dann die
»fehlerhafte« Technikbedienung für
die geplante Effizienz kontraproduktiv.
Die Erfahrung zeigt, dass wenige aufeinander abgestimmte Komponenten
besser zu verstehen und damit zu bedienen sind, als ein Sammelsurium an
Techniksystemen, die zwar in der Planung und der Simulation eine hohe
Energieeffizienz erreichen, dann aber
im Betrieb nicht den gewünschten
Einspareffekt bringen. Der Aufwand
zur Einsparung der letzten Kilowattstunde wird besser in die Vereinfachung des Gebäudekonzeptes investiert.
Dies darf nicht als Freibrief verstanden
werden, weniger energieeffiziente
Technologien einzusetzen, sondern soll
dazu auffordern, die geplanten Technikkonzepte kritisch auf Benutzerfreundlichkeit zu hinterfragen. ClimaDesign entwickelt Gebäudekonzepte,
die mit einem reduzierten Maß an
Energie und Technikeinsatz die höchstmögliche Behaglichkeit bieten.
ClimaDesign –
Energienutzungsplan
Auch wenn wir heute noch vielfach
das einzelne Gebäude optimieren und
die richtigen Technikkonzepte für eine
singuläre Bauaufgabe suchen, so steht
das projektierte Gebäude doch meist
nicht isoliert auf der grünen Wiese,
Energie
Klima
Hülle
Funktion
Anlage
Gestaltung
Mensch
Konstruktion
Städtebau Umwelt
Kosten
Der Mensch steht im
Mittelpunkt des
ClimaDesign-Gebäudes
Christian Huber
ClimaDesign
6
sondern ist eingebettet in ein Umfeld
aus anderen Gebäuden im städtischen
oder gemeindlichen Kontext.
Dass der Strom aus der Steckdose
kommt, ist die Pointierung der gängigen Planung: Gebäude und Energieversorgung werden heute noch weitgehend getrennt voneinander betrachtet. Das Gebäude braucht Energie, die
es schon irgendwoher bekommen wird.
Doch Verbraucher und Erzeuger haben
einen großen gegenseitigen Einfluss.
Benötigt ein Gebäude ganzjährig Wärme – auch für die Kälteproduktion im
Sommer – so hat dies einen Einfluss
auf die Betriebsstunden und den Wärmeabsatz des Energieerzeugers. Kann
der Energieerzeuger geringe Temperaturen in einem Nahwärmenetz zur
Steigerung des Wirkungsgrades seiner
Anlagen nutzen oder stehen ihm vermehrt Umweltenergien auf geringem
Temperaturniveau zur Verfügung, sollten das Gebäude und die eingesetzten
Techniksysteme diese auch verwenden
können. Die gegenseitigen Einflüsse
gehen so weit, dass es in der Zukunft
auch denkbar ist, dass Gebäude mehr
Energie produzieren als ihr optimierter
Bedarf benötigt. Damit verschmelzen
Gebäude und Energieversorger.
Auch wenn dies noch Zukunftsmusik
ist, gilt es zukünftig gegenseitige Einflüsse zu optimieren und gemeinsame
Synergieeffekte zu berücksichtigen,
vorhandene oder geplante Infrastrukturen ganzheitlich zu koordinieren und
Energieressourcen in der Region sinnvoll zu verteilen.
congena Texte 2009
Am Lehrstuhl für Bauklimatik und
Haustechnik wird aus diesem Grund
ein Planungsinstrument entwickelt,
das wir »Energienutzungsplan« nennen. Dieser Energienutzungsplan gibt
allen Planern und Bauherren in einer
Kommune oder einer Region einen
Überblick über die örtlichen Energieeinsparmöglichkeiten und die Optimierung der Energieversorgung.
Er koordiniert leitungsgebundene
Energieträger räumlich und stimmt
Nutzungsplanung und vorhandene
Wärmequellen aufeinander ab. Der
Energienutzungsplan überprüft die
Verwendung des vorhandenen Biomassepotenzials und weist einzelnen
Energieträgern entsprechende Versorgungsgebiete zu. Er hilft allen Planern,
über den Tellerrand ihres Bauprojektes
hinauszuschauen und bietet ihnen ein
Hilfsinstrument, örtlich vorhandene
Energieträger wie zum Beispiel Abwärme, zu nutzen und größere Energiekonzepte wie zum Beispiel Wärmenetze auf Basis von Blockheizkraftwerken oder solare Nahwärme- und Kälteversorgungen gemeinsam zu realisieren.
Der Energienutzungsplan ist damit die
Weiterentwicklung des ganzheitlichen
interdisziplinären Planungsansatzes,
der den Blick über die Gebäudegrenze
weitet. Mit seiner Hilfe lassen sich integrierte Gebäudekonzepte entwickeln,
die einen optimierten und mit dem
Umfeld koordinierten Energieeinsatz
für die Komfort- und Behaglichkeitswünsche der künftigen Nutzer ermöglichen.
René Sigg
7
congena Texte 2009
Lebenszyklusgerechte und
nachhaltige Bauweise
Nachhaltiges Bauen
Die Nachhaltigkeitsbewegung ist
international zum Trendsetter der Bauund Immobilienbranche geworden –
an ihr führt kein Weg mehr vorbei.
Die »Clinton Climate Initiative« hat
beispielhaft gezeigt, dass multinationale Großkonzerne für ein internationales Programm zur Verringerung des
Energieeinsatzes in Gebäuden gewonnen werden können. Das »Nachhaltige Bauen« gilt im Moment als der
Wachstumsmarkt der Immobilienbranche – mit einer schnell zunehmenden
Zahl an potenten und engagierten
Mitstreitern. Konzerne und Unternehmen haben unter scharfer Beobachtung von Investoren und der Öffentlichkeit erkannt, dass die Wahl einer
nachhaltigen Immobilie neben wirtschaftlichen Vorteilen auch einen
Imagegewinn bringt.
Damit ein bestimmter Qualitätsstandard für die Nachhaltigkeit auch nachgewiesen werden kann, werden fundierte Aussagen und Nachweise über
die Nachhaltigkeitsperformance einer
Immobilie gefordert. Eine Reihe von
Organisationen hat hierfür verschiedene Bewertungssysteme und Zertifikate
entwickelt. International haben sich
das amerikanische Bewertungssystem
LEED [Leadership in Environmental
and Ecological Design] und das britische BREEAM [BRE Environmental
Assessment Method] durchgesetzt. In
der Schweiz ist seit einigen Jahren das
Zertifikat MINERGIE-ECO auf dem
Markt fest etabliert und in Deutschland ist das »Deutsche Gütesiegel
Nachhaltiges Bauen« der DGNB [Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges
Bauen] seit diesem Jahr in der Anwendung.
Natürlich besteht seitens der verschiedensten Anspruchsgruppen die Erwartungshaltung, dass alleine durch das
Erreichen eines Nachhaltigkeitszertifikats – wie zu Marketingzwecken häufig
dargestellt – das Gebäude energieeffizient ist, niedrige Lebenszykluskosten
und ein überdurchschnittlich gutes Innenraumklima aufweist. In der Realität
stellt sich die Situation etwas anders
dar. Die Aspekte, mit denen das jeweilige Zertifizierungsziel zu erreichen ist,
sind innerhalb eines gewissen Rahmens frei wählbar. Dem Bauherrn
bleibt ein relativ großer Spielraum, seine Qualitätsvorstellungen bezüglich
Nachhaltigkeit unter den spezifischen
ökonomischen Randbedingungen umzusetzen. Ein Mindeststandard wird jedoch von den zertifizierenden Organisationen festgelegt und sichergestellt.
Vergleicht man die Schwerpunkte der
verschiedenen Organisationen bezüglich der umfassenden Nachhaltigkeitsdefinition gemäß der Empfehlung
»SIA 112/1 Nachhaltiges Bauen –
Hochbau« in den Bereichen Wirtschaft,
Umwelt und Gesellschaft, so wird erkennbar, dass sich die verschiedenen
Zertifikate in ihrer Ausrichtung bzw.
ihren Schwerpunkten unterscheiden.
Bei der Energieeffizienz, als wesentlichem Teilaspekt einer nachhaltigen
Bauweise, müssen jedoch bei allen
Zertifikaten die geltenden normativen
Anforderungen deutlich unterschritten
werden. Deshalb muss ein nachhaltiges
Gebäude, das auch in Zukunft noch
als vorbildlich gelten soll, gegenüber
dem aktuellen Baustandard eine deutlich höhere Energieeffizienz aufweisen. Die dafür notwendige Bau- und
Gebäudetechnik ist verfügbar und
muss lediglich sinnvoll angewendet
werden.
Es wird heiß
Neben den Anforderungen des nachhaltigen Bauens müssen in der Gebäudeplanung bereits heute die Auswirkungen des Klimawandels durch den
Treibhauseffekt in Konzeption und Berechnungen berücksichtigt werden.
Obwohl präzise Aussagen zu den künftigen Klimaverhältnissen in Deutschland kaum möglich sind, haben Klimaschutzfachleute Prognosen erarbeitet
und diese als Bandbreite für die künftige Klimaerwärmung quantifiziert.
René Sigg
Dipl. Ing.
NDS Umwelt Univ.
Geschäftsführer der
Intep München
René Sigg
Lebenszyklusgerechte und nachhaltige Bauweise
8
Für Architekten und Haustechnikplaner sind insbesondere die Entwicklung
der Außentemperatur, der Globalstrahlung und der Außenfeuchte in
den kommenden Jahrzehnten von Bedeutung. Da Gebäude üblicherweise
für eine Nutzungsdauer von 50 und
mehr Jahren geplant werden, müssen
diese Bauten für die veränderten Bedingungen gerüstet sein.
Verschiedene Quellen prognostizieren
einen mittleren Temperaturanstieg um
zwei bis drei Grad Celsius. Damit erreichen die Temperaturen in Deutschland ähnliche Werte wie im Sommer
2003 oder wie wir sie aus mediterranen Gegenden kennen. Vor allem in
städtischen Räumen, die weniger gut
durchlüftet sind und über großflächige wärmespeichernde Bauten und
Straßen verfügen, werden sich die höheren Außentemperaturen besonders
bemerkbar machen. Die Erwärmung
wird zudem im Sommer höher sein als
im Winter. Dies wird einerseits dazu
führen, dass im Winter geringfügig
weniger Heizwärmeenergie erforderlich ist. Die längeren und wärmeren
Sommerperioden würden jedoch unter den heutigen Komfortanforderungen und dem heutigen Technologieeinsatz dazu führen, dass der Stromverbrauch für Belüftung und Kühlung
enorm ansteigen würde. Deshalb werRaumklima
Warmwasser
congena Texte 2009
den für die kommenden Jahre auch
entsprechend große Zuwachsraten für
den Elektrizitätsbedarf von Haustechnik zur Belüftung und Kühlung von
Gebäuden prognostiziert.
In der Gebäudeplanung müssen deshalb bereits heute energieeffiziente
Techniken eingesetzt werden, welche
einen zunehmenden Strombedarf auffangen. Die Wahl von energieeffizienten Geräten und Systemen sowie eine
sorgfältige Planung von Gebäudehülle
und -technik sind von eminenter Bedeutung. Diese Gesamtoptimierung
macht eine integrale Planung mit einer intensiven Zusammenarbeit der
Planungsbeteiligten notwendig – nicht
zuletzt, um auch die wesentlichen Planungsparameter frühzeitig aufeinander abzustimmen.
Die 2000-Watt-Gesellschaft
Das Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft bietet einen zielführenden konzeptionellen Ansatz für eine energieeffiziente Gebäudekonzeption bei
gleichzeitig hohem Komfort. Die
2000-Watt-Gesellschaft verfolgt aufgrund der knapper werdenden Ressourcen eine kontinuierliche Senkung
des durchschnittlichen Energiebedarfs
pro Person von heute rund 8000 Watt
auf 2000 Watt. Die Ziele beziehen sich
Licht + Apparate
Materialien
Mobilität
1.400
1.200
Primärenergie in MJ/m2a
1.000
800
600
Primärenergiebedarf
gemäß Energieeinsparverordnung und
2000-Watt-Gesellschaft im Vergleich
400
200
0
Büro EnEV 2007
Büro2000 W
Wohnen EnEV 2007
Wohnen 2000 W
René Sigg
Lebenszyklusgerechte und nachhaltige Bauweise
einerseits auf den Primärenergiebedarf
und die Treibhausgasemissionen.
Gleichzeitig berücksichtigen sie den
Gesamtenergiebedarf für Erstellung, Betrieb und Rückbau sowie die gebäudeinduzierte Mobilität [durch Standort
und Nutzung eines Gebäudes bedingtes Verkehrsaufkommen]. Da sich die
Anforderungen auf den Primärenergiebedarf beziehen und nach dem
Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft
nur 500 Watt fossil erzeugt werden
dürfen, kommt in der künftigen Gebäudekonzeption dem Energieträger
zur Deckung des Energiebedarfes eine
große Bedeutung zu.
Die energetische Zielsetzung für Gebäude nach dem Konzept der
2000-Watt-Gesellschaft setzt sich aus
den Teilen Raumklima, Warmwasser,
Licht und Apparate, Materialien sowie
der Mobilität zusammen. Damit wird
der Energiebedarf für Materialien und
Mobilität künftig eine ähnliche Bedeutung erlangen wie beim Raumklima.
In der Planungsphase werden dadurch
vermehrt Instrumente zur Bilanzierung
der »Grauen Energie« [Ökobilanzierung] von Bauteilen und Baukonstruktionen Anwendung finden. Nach den
Anforderungen der 2000-Watt-Gesellschaft liegt der Anteil der »Grauen
Energie« für die Gebäudetechnik bei
10 MJ/m²a im Vergleich zu 90 MJ/m²a
für Baukonstruktionen.
Die Ziele und Anforderungen für den
Wärmeenergiebedarf liegen deutlich
unter denen der aktuellen Energieeinsparverordnung [EnEV]. Es reicht jedoch nicht aus, sich auf die maximale
Dämmung der Gebäudehülle zu beschränken. Die Energieeffizienz von
Gebäudehülle, Gebäudetechnik und
Energieerzeugung muss in einem Gesamtzusammenhang betrachtet werden: kompakte Baukörper weisen
zwar Vorteile auf im Hinblick auf Wärmeverluste, haben jedoch Nachteile
bezüglich der Tageslichtnutzung; eine
gute Wärmedämmung vermindert
zwar die Wärmeverluste im Winter,
reduziert aber auch die gewünschte
9
congena Texte 2009
nächtliche Auskühlung im Sommer.
Faktoren wie Glasanteil, Gesamtenergiedurchlassgrad [g-Wert], Sonnenschutz etc. sind so abzustimmen, dass
sowohl der Energiebedarf für Heizen
und Kühlen als auch für künstliche
Beleuchtung minimiert wird. Bei einer
Gesamtoptimierung ist die Betriebsenergie aller Bauteile, Anlagen und
Verbraucher einzubeziehen [Raumheizung und -kühlung, Lüftung, Warmwasser, Beleuchtung, Prozesse etc.].
Gleichzeitig muss bei dieser Optimierung jedoch berücksichtigt werden,
dass die Fassade neben der Energieeffizienz weiteren Ansprüchen wie
Materialisierung, Erscheinungsbild,
Transparenz, Behaglichkeit, Funktionalität, Kosten etc. gerecht werden muss.
Weniger ist mehr
Zwingend zu vermeiden sind hochtechnisierte Gebäude, weil diese neben
einer mangelnden Benutzerfreundlichkeit auch hohe Lebenszykluskosten
aufweisen. Betreiber von Gebäuden
bzw. technischen Anlagen haben heute eine Vielzahl verschiedenartiger Anlagen zu bedienen. Aus Befragungen
von Nutzern und Betreibern geht hervor, dass ein hoher Technisierungsgrad
von Gebäuden wenig Akzeptanz findet.
Entgegen der Prämissen geringerer
Komplexität und besserer Bedienbarkeit geht der Trend in der Haustechnik
jedoch oft zu größerer Komplexität.
Mit der Begründung von mehr Komfort und Energieeinsparung werden
vielfach Steuerelemente mit komplexer Software eingesetzt. Immer häufiger werden einzelne Funktionen wie
Beleuchtung, Heizung, Kühlung, Lüftung, Sonnenschutz, Blendschutz etc.
über Leit- und Bussysteme miteinander vernetzt. Neben einem aufwändigen Unterhalt benötigen diese Systeme nicht selten mehrere Jahre bis zu
einem mangelfreien Betrieb. Bedingt
durch die geltende Honorarordnung
wird die Dokumentation häufig nicht
im erforderlichen Detaillierungsgrad
René Sigg
Lebenszyklusgerechte und nachhaltige Bauweise
ausgeführt. Als Folge davon können
die Funktionen der Programme nach
wenigen Jahren nicht mehr nachvollzogen werden. Entsprechend komplexe Funktionen von gebäudetechnischen Anlagen oder Systemen werden
als Folge nicht mehr genutzt oder gar
ausgeschaltet.
Gewünschte Komfortanforderungen
müssen deshalb mit möglichst geringem Technikeinsatz erreicht werden.
Die notwendigen technischen Anlagen müssen weitestgehend selbsttätig
funktionieren. Während Nutzer vor allem Wert auf Funktionalität, Nutzerorientiertheit, Beherrsch- und Benutzbarkeit sowie Zuverlässigkeit legen,
stehen aus Betreibersicht Verfügbarkeit, Steuerung und Regelung, Überwachung und Alarmierung, Bedienung sowie Wartung von Anlagen im
Vordergrund. Hohe Verfügbarkeit bedingt den Einsatz von standardisierten
und erprobten Systemen. Hohe Zuverlässigkeit wird durch weitgehend autonom arbeitende Systeme mit wenigen, klar definierten Schnittstellen
erreicht. Dazu ist eine starke Benutzerorientierung notwendig, die eine weitestgehend selbsterklärende, auf die
Bedürfnisse von Nutzern und Betreibern ausgerichtete Bedienung erlaubt.
Deshalb gilt für nachhaltige Gebäude
heute der Grundsatz der angemessenen Technisierung mit einer umfassenden Kostenbetrachtung, welche die
Lebenszykluskosten einbezieht.
Berücksichtigung der
Lebenszykluskosten
Die Lebenszykluskosten sind die gesamten Kosten der Erstellung, der
nachfolgenden Nutzung und des
Rückbaus über einen entsprechenden
Betrachtungszeitraum. Die variablen
Kosten werden weitestgehend durch
die Betriebskosten abgebildet. Sie betragen rund 30% der Lebenszykluskosten. Einen weiteren großen Anteil
an den Lebenszykluskosten haben die
fixen Erhaltungs- und Kapitalkosten.
Erstere betragen rund 40% der Le-
10
congena Texte 2009
benszykluskosten, während die Kapitalkosten etwa 25% ausmachen. Sowohl Erhaltungs- als auch Kapitalkosten werden maßgeblich von der Nutzungszeit und den Investitionskosten
beeinflusst. Entgegen anders lautender Erkenntnisse sind die Erstinvestition und die Dauerhaftigkeit der Bauteile deshalb von entscheidender Bedeutung. Bei den Erhaltungskosten spielt
die Auswechselbarkeit der Bauteile
eine wesentliche Rolle. Es liegt auf der
Hand, dass kurzlebige Bauteile, welche nicht ohne Beschädigung der angrenzenden Konstruktionen ersetzbar
sind, zu deutlichen Mehrkosten führen können.
Die haustechnischen Anlagen verursachen die höchsten Lebenszykluskosten. Obwohl sie vergleichsweise geringe Investitionen erfordern, verursachen sie hohe Nutzungskosten, weil
sie einen hohen Instandhaltungsbedarf und eine kurze Nutzungsdauer
aufweisen. Eine angemessene Technisierung, d.h. ein angepasster Einsatz
von gebäudetechnischen Anlagen,
kann damit maßgeblich zur Reduktion
der Lebenszykluskosten beitragen.
Ebenfalls hohe Kosten löst der Innenausbau aus, bedingt durch den aufwändigen Unterhalt. Wasser- und Abwasseranlagen [sanitärtechnische Anlagen], Fenster, Bodenbeläge und
Starkstromanlagen weisen bei einer
bauteilweisen Betrachtung die größten Lebenszykluskosten auf. Sie können damit als strategisch wichtige
Bauteile bezeichnet werden.
Ein Gebäude mit niedrigem Verglasungsanteil der Gebäudehülle bietet
aus ökonomischer Sicht Vorteile, weil
opake Bauteile in der Regel niedrigere
Investitions-, Reinigungs- und Energiekosten aufweisen und eine höhere
Nutzungsdauer besitzen. Das Verhältnis von Lebenszyklus- zu Investitionskosten variiert über alle Bauteile betrachtet. Die kumulierten Lebenszykluskosten betragen nach unseren
Erkenntnissen zwischen 125% und
350% der Investitionskosten. Über
René Sigg
Lebenszyklusgerechte und nachhaltige Bauweise
11
congena Texte 2009
Verbrauchsmaterial
Transportmittel
Steuerungsanlagen
Produktionsanlagen
Apparate
Spez. Anlagen
Beleuchtungskörper
Stützen
Geräte
Terraingestaltung
Beschilderung
Gebäudeautomation
Aussenwände UG
Feste Ausrüstung
Kanalisationen
Nutzungsspezifische Möbel
Innenwände (Rohbau)
Schutzelemente
Decken, Treppen
Küchen
Hartflächen
Fundamente
Sicherheitsanlagen
Transportanlagen
Grünflächen
Deckenbekleidungen
Allg. Möbel
Aussenwände EG, OG
Dächer
Einbauten
Heizungsanlagen
Lufttechnische Anlagen
Wandbekleidungen
Trennwände, Innentüren
Starkstromanlagen
Bodenbeläge
Fenster, Aussentüren
(Ab)wasseranlagen
Strategisch wichtige
Bauteile bei der
Betrachtung der
Lebenszykluskosten
0
150.000
300.000
450.000
600.000
750.000
900.000
Kosten in [CHF/a]
Lebenszykluskosten
das Verhältnis entscheidet nicht nur
die Lebensdauer des Bauelements,
sondern auch der Energieverbrauch
und Reinigungsaufwand. Deswegen
fallen für die gebäudetechnischen Anlagen hohe Lebenszykluskosten im
Vergleich zu den Investitionskosten
an, obwohl sie eine kürzere Lebensdauer als die Bauteile des Rohbaus besitzen. Damit wird deutlich, dass sich
speziell bei der Haustechnik Komponenten und Anlagen lohnen, die den
Energieverbrauch reduzieren und einfach zu warten sind, auch wenn sie
eine höhere Erstinvestition verursachen.
Integrale Planung
Zur umfassenden Beurteilung der
Nachhaltigkeits-Performance von Gebäuden sind die heute eingeführten
Zertifikate und Gütesiegel durchaus
geeignet. Es zeigt sich auch, dass eine
ganzheitliche Optimierung zu kostenund energieoptimierten Ergebnissen
führt. Damit diese Ergebnisse und die
Kapitalkosten
Realisierung der ambitionierten energetischen Anforderungen, beispielsweise der 2000-Watt-Gesellschaft, erreicht werden können, ist in Planungsteams ein integraler Planungsansatz unumgänglich. Vor dem
Hintergrund von Klimaveränderungen
und Klimaschutz ist von Architekten
und Gebäudetechnikern Kreativität
und Mut zu unkonventionellen und
neuen Lösungsansätzen gefordert.
Und gerade darin liegt auch die Chance für die Zukunft.
Quellen:
Brunner, Conrad U.; Nipkow, Jürg; Steinemann, Urs. 2008,
Bauen, wenn das Klima wärmer wird, Faktor Verlag AG, Zürich.
Kälin, Werner, 2008. Energiefachbuch 2009: Angemessene
Technisierung – Bedarfsgerecht, Künzler Bachmann Medien,
St. Gallen
Sigg, René, 2008, Zertifizierungssysteme: Green Building ist
nicht gleich Green Building, Immobilienzeitung 39/2008,
Wiesbaden
Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, 2006,
SIA D 0216 Effizienzpfad Energie, Zürich
Sigg, René et al. 2006, Schlussbericht: Lebenszyklus – Ressourcen – Technisierung, Amt für Hochbauten / Immobilien-Bewirtschaftung, Zürich
Veranstaltungsreihe der congena
12
congena Texte 2009
Die Sprache des Geschmacks
congena Zwischenraum Februar 2008
Klaus v. Welser promovierte in Berlin
im Fach Comparatistik [= Allgemeine
vergleichende Literaturwissenschaft].
Er schreibt Aphorismen, philosophische Essays und hat eine AphorismenAnthologie im Piper Verlag herausgegeben. Klaus v. Welser ist Gründer der
Privaten Akademie für Geschmackssicherheit GmbH, die Seminare zu Themen wie Geschmacksprofil, aber auch
über Geschmacklosigkeit anbietet.
Ȇber Geschmack kann man nicht
streiten!« Mit diesem Satz wird in der
Regel das Ende eines Gespräches
signalisiert. Warum haben wir nicht
gelernt, über Geschmacksfragen zu
streiten, uns sprachlich auseinanderzusetzen?
Geschmack als zentrales Kulturgut –
aber ohne Verankerung in unserem
Bildungssystem? Kann das gut gehen?
Diese und ähnliche Kernfragen stellte
Klaus v. Welser den Zuhörern des congena Zwischenraums im Februar 2008.
Sicherer Geschmack ist keine Selbstverständlichkeit. Die Sprache des Geschmacks hat einen Wortschatz, eine
Art Grammatik und eine Geschichte.
Sie ist nicht angeboren, sondern wird
erlernt wie jede Sprache und muss
gebildet werden. Sonst kann sie auch
Missverständnisse und Geschmackloses produzieren. Davon betroffen ist
neben Essen, Kleidung, Design, Architektur und Kunst sogar unser Benehmen. Geschmacksbildung wird als
kultureller Identifikationsfaktor ersten
Ranges und Teil unserer sozialen Kompetenz interpretiert. Unser Geschmack
wird beurteilt, und wir beurteilen.
Unterschiede im Geschmacksempfinden rufen Befremden hervor und führen zu Distanz. Umgekehrt kann Verwandtschaft im Geschmack Zutrauen
wecken.
Warum finden wir Geschmacksfragen
reduziert auf branchenspezifische Ästhetik oder private Vorlieben? Woher
die nostalgische Rückkehr der Etikette,
während gleichzeitig der Etikettenschwindel blüht? Müssen wir wirklich
verdorbenes Fleisch einfärben, weil
wir es nicht mehr schmecken können?
Sollen wir immer öfter den Arzt oder
Apotheker fragen? Wir müssen also
unsere natürlichen Sinneswerkzeuge
kulturell nachjustieren, und nur – so
die These – wer sie selbst einzustellen
gelernt hat, kann die Einstellung anderer Menschen beurteilen und tatsächlich nutzen.
Es geht also nicht darum, einen bestimmten Geschmack zu erlernen,
sondern darum, wieder zu schmecken, Andersartigkeiten zu verstehen
und uns darüber austauschen, streiten
zu lernen!
»Sapere aude. – Wage es, weise zu
sein - wage es zu schmecken!« Horaz
Rudi Scheuermann
13
congena Texte 2009
Fassaden als Resultat integraler Planung
Image oder funktionale Herausforderung?
Die Fassade ist in der Regel das prägnanteste Bauteil, mit dem sich das Gebäude in der Öffentlichkeit darstellt
und hat neben der Lage einen wesentlichen Anteil an der Adressbildung. Funktionalität und Wirtschaftlichkeit der Gebäudeorganisation vorausgesetzt, ist sie das herausragende
Markenzeichen zur Selbstdarstellung
eines Nutzers – auch für potenzielle
Mieter.
Die Fassadenkosten betragen heute
knapp 20 – 25% der Gesamtbaukosten
eines Bauvorhabens. Neben ihrer gestalterischen Funktion als »Aushängeschild« des Gebäudes hat sie entscheidenden Einfluss auf das resultierende
gebäudetechnische Konzept und die
daraus entstehenden Betriebskosten.
Die Fassade ist somit maßgeblich an
der Einhaltung der Energieeinsparverordnung, der unterschiedlichen Niveaus
von Passivhaus-, Null- oder Niedrigenergiestandards und auch dem Grad
der CO²-Neutralität beteiligt und kann
als solches nicht mehr als Teil der in
der HOAI festgelegten Planungsleistung von Architekten erbracht werden.
Die Zusammenhänge sind viel zu komplex, die Anforderungen an das technische Know-how und die Einflüsse
der Materialität bis ins kleinste Detail
zu wichtig. Außerdem würde dieser
Teil der Planungsleistung die Kreativität des Architekten viel zu sehr einschränken, um unbefangen den bestmöglichen Entwurf zu erarbeiten. Deshalb, und um das Investitionsrisiko
hinsichtlich der Vermeidung von Konstruktions- und Ausführungsfehlern
für den Bauherrn möglichst gering
und kontrollierbar zu halten, ist es
sinnvoll, dass sowohl Architekten als
auch Bauherren von den ersten konzeptionellen Überlegungen bis hin zur
Abnahme auf der Baustelle durch einen Fassadenplaner mit entsprechend
vielfältiger Kompetenz begleitet werden.
Die originäre Aufgabe der Fassade besteht im Schutz des Menschen vor Umwelteinflüssen. Das Zusammenspiel
von gestalterischen und energetischen
Materialeigenschaften, Funktion und
konstruktiven Möglichkeiten traditioneller Bauweisen – vom Iglu der Eskimos bis zum Lehmhaus im Nahen
Osten – verbindet ein gemeinsamer
Grundgedanke: Energieoptimierung
sowohl beim Heizen als auch beim
Kühlen.
Die drohende Energieknappheit und
die daraus resultierenden steigenden
Energiekosten sowie die sich verschärfenden Umweltprobleme machen die
Energieoptimierung von Gebäuden wieder zu einer zentralen Planungsaufgabe. Für eine energieoptimierte Fassadenplanung müssen zahlreiche Funktionen sowie Komfort- und Nutzeranforderungen aufeinander abgestimmt
werden. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Optimierung des Glasanteils
einer Fassade im Hinblick auf folgende Aspekte:
• Energieverluste und Wärmeeintrag
• Tageslichtoptimierung
• Symmetrie von Oberflächentemperaturen und entsprechende
Behaglichkeitskriterien
• Außenbezug
• Abwägung natürlicher Lüftung
• Schutz vor Immissionen [z.B. Lärm
und Abgase]
• Gebäudeunterhalt und Lebensdauer
• Gestaltung und Image
Ist die Ganzglasfassade noch
zeitgemäß?
Viele Bauherren betrachten die Ganzglasfassade als Ausdruck zeitgemäßer
Architektur, verbinden mit ihr ein angemessenes Image und versprechen
sich eine bessere Vermietbarkeit ihrer
Immobilie. Dabei ist aber zu bedenken,
dass eine Vollverglasung sowohl aus
statischer und konstruktiver als auch
aus energetischer Sicht deutliche
Nachteile mit sich bringen kann, die
sich durch höhere Kosten auf der Investitions- wie auch auf der Betriebskostenseite bemerkbar machen.
Rudi Scheuermann
Associate Director
Arup Berlin Office
Wenn die Fassade durch einen erhöhten Glasanteil den sommerlichen Wärmeeintrag nicht angemessen unter
Kontrolle halten kann, bleibt nur der
Versuch, die Behaglichkeit durch einen
erhöhten Einsatz von Klimatechnik
herzustellen. Man muss allerdings
feststellen, dass zu kühle Raumtemperaturen keine Lösung darstellen, um
einen überhöhten Wärmeeintrag zukompensieren. Für Mitarbeiter, die in
der Sonne hinter einer Ganzglasfassade sitzen, resultiert daraus ein »Lagerfeuereffekt«: im Bereich der direkten
Strahlungsexposition zu heiß und ansonsten zu kalt. Vergleichbar ist im
Winter zusätzlicher Heizaufwand erforderlich, um Energieverluste und die
Kälteabstrahlung in fassadennahen
Bereichen auszugleichen. Eine weitere
Besonderheit von Ganzglasfassaden
besteht in dem großen Tageslichtanteil
14
congena Texte 2009
im fassadennahen Bereich, wodurch
die Flächen in der Gebäudetiefe besonders dunkel wirken. Der Versuch,
mit künstlicher Beleuchtung gegenzusteuern, führt zu zusätzlichen inneren
Wärmelasten neben den bereits erhöhten solaren Wärmeeinträgen und zu
einem erhöhten Energieverbrauch
durch Kunstlichtnutzung zu Zeiten, in
denen aber besonders viel Tageslicht
zur Verfügung stünde.
Eine statische Besonderheit von bodentiefen Verglasungen ist die Absturzsicherheit, die durch den Einsatz von
Verbundsicherheitsverglasungen hergestellt werden muss, sobald diese
nicht durch andere Maßnahmen wie
z.B. Geländer erbracht wird. Diese Verglasungen unterliegen in vielen Fällen
der Zustimmung im Einzelfall. Darüber hinaus bedeuten diese Lösungen
ESOC 01
Funktion von oben
nach unten:
Tageslichtlenkung zur
Verringerung innerer
Wärmelasten durch
Kunstlicht bei ansonsten geschlossener
außen liegender Beschattung
Nachtauskühlung
durch Klappen im
Fuß- und Deckenbereich zur gesamten
Raumspülung mit
kühler Nachtluft
Fassade im geschlossenen Zustand ohne
Lüftungsfunktion
Bild: Arup Berlin
Rudi Scheuermann
Fassaden als Resultat integraler Planung
Stoßlüftungsfunktion
während des Tages
mit entsprechenden
Teilansichten von außen
Rudi Scheuermann
Fassaden als Resultat integraler Planung
15
congena Texte 2009
neben einem erhöhten Planungsaufwand in der Regel größere Glasstärken
und daraus resultierend höhere Fassadenlasten und bei großformatigen Elementen häufig auch speziell anzufertigende Beschläge und Profile. Dass vieles machbar ist, beweisen die weit verbreiteten Ganzglasfassaden. Die Folgen
für die Wirtschaftlichkeit eines Gebäudes liegen allerdings auf der Hand,
insbesondere wenn mit der Fassadengestaltung auch noch ein erhöhter
Aufwand in Erstellung und Betrieb auf
der gebäudetechnischen Seite einhergeht.
ESOC 02
Funktion von oben
nach unten:
Aus gestalterischer Sicht kann der Einsatz von bodentiefen Verglasungen
wünschenswert sein, um einen stärkeren Außenbezug für bestimmte Funktionen zu schaffen oder Teile des Gebäudeinneren zu exponieren. Diese
gestalterische Freiheit muss jedoch in
der Regel mit Mehraufwand bei der
technischen Gebäudeausrüstung erkauft werden, wenn eine außen liegende Verschattung ausbleibt.
Lüftung zur
Nachtauskühlung
jeweils mit 3D-Innenansicht
Es gibt für alles eine Lösung
Wenn eine Entscheidung für den Grad
der Verglasung gefallen ist, stellt sich
die Frage nach der angemessenen Beschichtung der Gläser. Früher wurden
diese als metallische Bedampfungen
außen aufgebracht. Dadurch wurde
zwar der Wärmeeintrag vermieden,
aber gleichzeitig auch der Tageslichteintrag im gleichen Verhältnis reduziert.
Beim heutigen Stand der Technik kann
ein Großteil des Wärmeeintrags vermieden werden, ohne den Tageslichteintrag in gleichem Maße zu reduzieren. Diese Technik wird vor allem bei
Gebäuden ohne außen liegenden Sonnenschutz sehr wichtig. Insbesondere
äußere Einflüsse, wie erhöhte Windlasten bei Hochhäusern, exponierte Lagen oder Windschneisen können für
eine derartige Lösung sprechen. Ebenso können extreme Belastungen durch
Verschmutzung z.B. durch Abgase an
viel befahrenen Straßen oder Kerosin
an Flughäfen und in Einflugschneisen
Bild: Arup Berlin
Stoßlüftung während
des Tages
dafür ausschlaggebend sein, auf eine
außen liegende Beschattung verzichten
zu wollen. Aber auch bei Lochfassaden
kann dieser Ansatz eine wirtschaftliche
und nachhaltige Lösung darstellen. Bei
einem Glasanteil von 40 – 50% bezogen auf die Innenwandfläche ist bei
einer Sonnenschutzbeschichtung mittlerer Qualität mit guter Selektivität
und einem effektiven innen liegenden
Blend- und Sonnenschutz ein außen
liegender Sonnenschutz nicht mehr
zwingend erforderlich.
Wenn jedoch ein außen liegender
Sonnenschutz zur Anwendung kommt,
kann der Einsatz einer Gebäudeleitsteuerung für Fassadenkomponenten
sehr gut investiertes Geld sein. Wenn
Gebäudeleittechnik und technische
Gebäudeausstattung aufeinander abgestimmt sind, kann die Gebäudeleittechnik das Verhältnis von Beschattung
und Tageslichtausbeute sinnvoll optimieren. Ähnliche Vorteile kann die Gebäudeleitsteuerung bei der natürlichen
Rudi Scheuermann
Fassaden als Resultat integraler Planung
Lüftung z.B. mittels Nachtkühlung
und der entsprechenden Überwachung
durch Wind-, Temperatur- und Regenwächter erreichen.
Ein Patentrezept?
In Anbetracht der zahlreichen Aspekte, die eine Fassadengestaltung beeinflussen, wird schnell deutlich, dass es
kein Patentrezept geben kann. Es kann
zwar festgehalten werden, dass eine
außen verschattete Fassade mit Lochfenstern und einem Verglasungsanteil
von maximal 50% in der Regel die
wirtschaftlichste Lösung darstellt und
der Nachhaltigkeit am zuträglichsten
ist. Sobald jedoch gestalterisch bedingt
ein erhöhter Glasanteil zum Einsatz
kommt, ist es unerlässlich, mit den
richtigen hochwertigen Sonnenschutzbeschichtungen zu arbeiten und wo
möglich zusätzlich mit außen liegender
Verschattung zu operieren. Darüber
hinaus können in bestimmten Fällen
temporäre Maßnahmen, wie wärmegedämmte Rollläden, interne oder externe Schiebeläden mit gutem Dämmwert dazu beitragen, nächtliche Wärmeverluste im Winter zu vermeiden.
Die endgültige Entscheidung über die
Gestaltung kann jedoch nur im Gesamtkontext von Entwurf und Architektursprache getroffen werden. Des-
16
congena Texte 2009
halb spielt eine zentrale Rolle, mit welchem Geschick es der Entwerfer versteht, die Anforderungen an die Fassade nicht als Beschränkung, sondern
als Herausforderung für einen gelungenen Entwurf zu verstehen und nicht
die Lösung seiner Entwurfsvorstellung
durch den massiven Einsatz von zusätzlicher kostenintensiver Gebäudetechnik möglich zu machen.
Integraler Planungsansatz
Ein integraler Planungsansatz, der seine
Honorarkosten i.d.R. um ein Vielfaches
durch einen effizienten Gebäudebetrieb
zurückverdient, ist umso effektiver,
wenn die Planungsleistung aus einer
Hand durch ein multidisziplinäres Planungsteam erbracht wird. Die Beplanung eines Bauvorhabens durch unterschiedliche Teams oder gar Planungsbüros verursacht Schnittstellen, unter
denen die Effizienz des Planungsprozesses leidet. Ein wirklich gelungenes Gebäude ist vor allem mit einem integralen Planungsansatz zu erreichen, wie er
beispielsweise bei Arup verfolgt wird.
Dazu ist es erforderlich, dass alle für
die Planung eines Bauvorhabens erforderlichen Disziplinen, einem Orchester
gleich, das von einem Dirigenten geleitet wird, gemeinsam und gleichberechtigt den Planungsprozess mit dem
gleichen Ziel vor Augen bestreiten.
Prof. Klaus Daniels
17
congena Texte 2009
Klimakonzepte
Grundlagen der Behaglichkeit
Wodurch wird das Wohlbefinden des
Menschen im Büro bestimmt? Negative Auswirkungen der Arbeitsumwelt
können durch das viel zitierte SickBuilding-Syndrom [SBS] beschrieben
werden. Die wesentlichen Erscheinungen des Sick-Building-Syndroms haben
verschiedene Ursachen:
• zu hohe Luftgeschwindigkeiten
oder turbulente Luftführungen im
Raum,
• Beschwerden durch mikrobielle Allergene und mikrobielle Zellgifte,
• Störungen im Bereich der Thermoregulation infolge zu niedriger
oder zu hoher Temperaturen, auch
mangelndes Reizklima,
• Geruchsentwicklungen aus mangelhaft gewarteten Klimaanlagen
[hier insbesondere Befeuchtungseinrichtungen/Filter],
• Störungen durch niederfrequenten
Schall [<100 Hz].
Die Phänomene des Sick-Building-Syndroms machen deutlich, dass das
Wohlbefinden des Menschen von verschiedenen Einzelfaktoren abhängt,
die eine zentrale Rolle in der Planungsphase eines Gebäudes spielen:
•
•
•
•
Thermische Behaglichkeit
Hygienische Behaglichkeit
Visuelle Behaglichkeit
Akustische Behaglichkeit
Prof. Klaus Daniels
HL Beratungs- und
Beteiligungs GmbH
Neben den vielen Umgebungsparametern spielen außerdem das Alter, der
Gesundheitszustand, das Geschlecht,
die Art der Arbeit sowie die Jahreszeiten [Bekleidungsgewohnheiten] eine
Rolle für das Wohlbefinden.
Thermische Behaglichkeit
Sowohl die thermische als auch die
hygienische Behaglichkeit werden unter anderem durch die Körperaktivität
SBS-Beschwerden
Mögliche Ursachen
Zugerscheinungen
Erkältungsneigung
mangelhafte Luftführung
zu hohe Strömungsgeschwindigkeiten
zu starke Turbulenz
Zuluft-Temperatur zu niedrig
rheumatische Beschwerden
Schleimhautreizungen der oberen Luftwege
und Augen, Lufttrockenheitsgefühl
mikrobakterielle Allergene [aus Klimanlage],
Hausstaub, Milben [u.a. Teppichboden]
Fieber
Atembeschwerden
Gliederschmerzen
Müdigkeit
mikrobielle Zellgifte [Endotoxine, Cytotoxine]
aus Befeuchterwasser, Filtern und Zuluftelementen
Müdigkeit
Konzentrationsstörungen
Benommenheit
Kopfschmerzen
Störungen der Thermoregulation:
• Temperaturen > 23 Grad
• unphysiologischer Tagesgang der
Temperatur
• Anhebung der relativen Feuchte
• fehlende Fensterlüftung
niederfrequenter Schall [< 100 Hz]
Allergene, Endotoxine, Cytotoxine
Insuffizienz von:
• Sonnenschutz [fehlend/innen]
• Fensterflächen [zu groß]
• Speichermaß [zu klein]
• RLT Leistung/Wartung
mangelhafte Luftqualität
Geruch aus der Klimaanlage:
• technisch [Material, Filter]
• mikrobiologisch
effektiver Luftwechsel unzureichend
Sick-Building-Syndrom-Beschwerden
[nach Dr. P. Kröling]
Prof. Klaus Daniels
Klimakonzepte
18
Lufttemperatur
°C
Fühlbare Wärme Latente Wärme
W
W
Gesamtwärmeabgabe
W
Wasserdampfabgabe g/h
10
12
14
236
126
115
21
21
21
157
147
136
30
30
30
16
18
20
106
98
92
21
23
27
127
121
119
30
33
38
22
24
26
85
77
69
33
41
49
118
118
118
47
58
70
28
30
32
58
47
33
59
69
81
117
116
114
85
98
116
des Menschen beeinflusst. Durch die
Verbrennungstätigkeit des Körpers
gibt er Wärme an die Umgebung ab.
Je nach umgebender Lufttemperatur
handelt es sich dabei um fühlbare
Wärme [trockene Wärme], feuchte
Wärme [latente Wärme] und Wasserdampf in unterschiedlichem Maße.
Die höchste Leistungsfähigkeit erreicht
der Mensch in einem Temperaturbereich von ca. 21 – 27 °C. Sowohl Behaglichkeit als auch Leistungsfähigkeit
fallen, wenn diese Temperaturen un-
Leistungsverhalten
[Maßstab des »Klimakomforts«] bei verschiedenen Temperaturzuständen
[relative Raumluftfeuchte von 50%,
maximale Luftgeschwindigkeit von
0,1 – 0,12 m/s]
congena Texte 2009
Wärme- und Wasserdampfabgabe des
Menschen in Abhängigkeit von der Lufttemperatur [normal
bekleideter, sitzender
Mann bei leichter Beschäftigung und ruhiger Luft; Luftfeuchte
30 bis 70%].
ter- oder überschritten werden. Idealerweise sollte die Raumlufttemperatur
zwischen 20 und 24 °C liegen, wobei
hier bereits die entsprechende Bekleidung in Abhängigkeit von den Außentemperaturen zu berücksichtigen ist.
Um eine Raumtemperatur von 24 °C
im Sommer zu erreichen, wären jedoch unverhältnismäßige Investitionen
erforderlich, sodass die oberen sommerlichen Grenzwerte eher bei 27 –
28 °C angesetzt werden bei gleichzeitiger Inkaufnahme gering abfallender
Leistungen.
Experimentelle Ergebnisse zu Raumtemperaturen und
Behaglichkeit [nach
D. P. Wyon]
[relative Raumluftfeuchte von 50%,
maximale Luftgeschwindigkeit von
0,1 – 0,12 m/s]
Prof. Klaus Daniels
Klimakonzepte
19
congena Texte 2009
behaglich
Empfohlene operative
Raumtemperaturen
[empfundene Raumtemperaturen] in Abhängigkeit der Außentemperatur nach DIN
1946 Teil 2
[Voraussetzungen:
Aktivitätsstufen I u. II,
leichte bis mittlere
Bekleidung]
Abhängigkeit der Behaglichkeit von
Strahlungs- und
Raumlufttemperatur:
Behaglichkeitsfeld im
tU/tL-Diagramm nach
Grandjean
Grundlage: Luftgeschwindigkeit 0 bis
0,2 m/s, relative
Feuchte 30 bis 70%.
Einen in der Vergangenheit erheblich
unterschätzten Einfluss auf die Behaglichkeit hat die Strahlungstemperatur,
d.h. die Oberflächentemperatur von
raumumschließenden Flächen, insbesondere von Fensterelementen. Die
mittlere Strahlungstemperatur eines
Raumes spielt eine zentrale Rolle, weil
sich der Körper in hohem Maße auch
mittels Strahlung entwärmt und sich
somit im Raum ein Strahlungsaustausch zwischen Personen und Flächen ergibt. Sinkt z.B. die mittlere
Wandtemperatur um ein Grad, so ist
dies beim ruhenden Menschen gleichwertig mit einer Absenkung der Lufttemperatur um ein Grad. Luft- und
Wandtemperaturen haben somit auf
die Entwärmung des menschlichen
Körpers einen gleichwertigen Einfluss.
Der Arbeitsmediziner Grandjean der
ETH Zürich hat die Zusammenhänge in
einem Diagramm dargestellt und
zeigt, dass sich die Strahlungstemperaturen in einem sehr geringen Bereich in Abhängigkeit der Außentemperaturen bewegen. Strahlungstemperaturen müssen in jedem Fall in die
Betrachtung der Auswirkungen auf
das Wohlbefinden einbezogen werden,
wobei sich die inneren Oberflächentemperaturen durch die energetisch
bedingten Anforderungen an den sommerlichen und winterlichen Wärmeschutz von Gebäuden mehr und mehr
annähernd automatisch ergeben.
Die Luftgeschwindigkeit im Raum übt
einen weiteren Einfluss auf die Behaglichkeit aus, wobei mit steigenden
Raumtemperaturen steigende Luftgeschwindigkeiten noch als behaglich
empfunden werden. Je nach Art der
Lufteinbringung in den Raum ergeben
sich mehr oder weniger große Luftströmungen und somit Luftgeschwindigkeiten im Aufenthaltsbereich. Idealerweise liegen diese im Bereich von
0,1 m/s, unabhängig von der operativen Raumtemperatur. Diese geringe
Raumluftgeschwindigkeit ergibt sich
im Wesentlichen bei Quellbelüftungen. Luftströme, die mit relativ hoher
Geschwindigkeit in Räume eingebracht werden, besitzen ein Induktionsvermögen, d.h. die zugeführten
Luftströme induzieren Raumluftvolumina, die mitbewegt werden und somit zu höheren Durchströmungsgeschwindigkeiten führen.
Prozentsatz der
Unzufriedenen [PD],
abhängig von der
Raumluftgeschwindigkeit und Lufttemperatur nach Fanger
Prof. Klaus Daniels
Klimakonzepte
20
congena Texte 2009
Behaglichkeitsfeld in
Abhängigkeit von der
Raumlufttemperatur
und der relativen
Raumluftfeuchte
[nach Leusden und
Freymark]
Außenluftrate pro
Person bei verschiedenen zulässigen
CO²-Konzentrationen
[nach Reinders]
Hygienische Behaglichkeit
Die hygienische Behaglichkeit beschreibt die Luftqualität bzw. den Einfluss verschiedener Faktoren auf die
Behaglichkeit des Raumes. Die Luftqualität wird unter anderem durch die
Atmungsaktivität des Menschen und
die damit verbundene Abgabe von
CO² beeinflusst. Bei kleinsten Außenluftraten lässt sich innerhalb kürzester
Zeit eine Zunahme der CO²-Konzentration in der Luft um bis zu 5% feststellen. Hinzu kommt u.U. eine erhöhte Verschlechterung der Raumluftqualität durch Geruchsstoffe und Ausdünstungen sowie Stäube und sonstige luftfremde Stoffe.
Der Kohlensäuremaßstab gibt die Zunahme an ausgeatmetem CO² an. Der
Kohlensäuregehalt bildet ein Maß für
die Verschlechterung der Luft, wovon
besonders kleine und stark besetzte
Räume wie Konferenz- und Versammlungsräume betroffen sind. Steigt der
CO²-Gehalt über 0,1% an, so spricht
man bereits von einer wahrnehmbaren Luftverschlechterung, wobei
schädliche Auswirkungen von CO² erst
bei einem Gehalt von deutlich über
0,25% festzustellen sind. Bei stark besetzten und schlecht gelüfteten Räu-
men kann ein höherer CO²-Gehalt bereits nach relativ kurzer Zeit eintreten
und ist durch eine Belüftung mit einem hohen Außenluftwechsel zu eliminieren.
Die relative Raumluftfeuchte kann in
weiten Bereichen schwanken, ohne
dass ein Raum als zu trocken oder zu
feucht empfunden wird. Zu beachten
ist jedoch, dass bei einer relativen
Raumfeuchte unter 35% eine erhöhte
Staubwahrnehmung auftritt, gegebenenfalls auch eine erhöhte elektrische
Aufladung von Oberflächen. Zu hohe
relative Feuchten führen leicht zu
Schimmelbildungen, insbesondere
wenn Taupunkttemperaturen unterschritten werden. Hohe Raumtemperaturen, gepaart mit hohen Raumluftfeuchten, führen in der Regel zu einer
gesteigerten Hautverdunstung, um
den Körper feucht zu entwärmen, wie
man es beispielsweise aus tropischen
Gegenden kennt. Um die Raumluftfeuchte abhängig von der Raumlufttemperatur optimal auf das Wohlbefinden anzupassen, sollte die relative
Feuchte mit steigenden Lufttemperaturen fallen. Gleichermaßen sollte bei
starker körperlicher Tätigkeit die relative Feuchte geringer sein als bei sitzender Beschäftigung.
Prof. Klaus Daniels
Klimakonzepte
21
Die Einflüsse durch Staub auf das
Wohlbefinden sind in gut gereinigten
Wohn- und Arbeitsräumen in der Regel relativ gering. Lediglich bei sehr
trockener Luft im Winter kann sich der
Staubgehalt durch Gerüche infolge
von Verschwelungen bei hohen Temperaturen an Heizkörpern bemerkbar
machen. Deutliche Beeinträchtigungen können in Produktionsbereichen
auftreten, in denen Feinstaub in hohen Konzentrationen anfällt. Weiterhin zu beachten sind neben den Ausdünstungen der Menschen auch solche durch Möbel, Teppiche, Tapeten,
Farbanstriche und Baustoffe. Die maximale Konzentration von gesundheitsschädlichen Stoffen ist in einschlägigen Richtlinien [TRG S900, 1997] beschrieben.
Dank des allgemeinen Rauchverbots in
Büros spielt der Schadstoffeintrag infolge von Rauchen keine wesentliche
Rolle mehr. Sollen in einem Bürogebäude Raucherbereiche oder -räume
eingerichtet werden, müssen zur Vermeidung von Reizwirkungen ca. 100 m³
Außenluft je gerauchter Zigarette eingebracht werden.
congena Texte 2009
tungsstärke im Bereich der Sehaufgabe und der Vermeidung von Blendungserscheinungen [Direktblendungen,
Indirektblendungen] oder Blendungen
durch Tageslicht ab. Darüber hinaus
stören falsche Leuchtdichteverteilungen
im Raum, unrichtige Farbwiedergaben, nicht angepasste Raumgestaltungen, Farben usw. die Wahrnehmungsabläufe und schränken die visuelle
Behaglichkeit ein. Neben angepassten
Lichtfarben und Farbtemperaturen
von Lichtsystemen sollten Räume eine
ausreichende Plastizität durch Schattenwirkungen besitzen.
Die akustische Behaglichkeit ist abhängig von der Lautstärke und den
Nachhallzeiten. Sowohl Räume ohne
Schallreflexionen [schalltote Räume]
als auch Räume mit zu hohen Schallreflexionen, werden als akustisch unbehaglich empfunden.
Techniken der
Raumkonditionierung
Visuelle und akustische
Behaglichkeit
Infolge der Verknappung insbesondere der fossilen Brennstoffe ist es notwendig, den Energieverbrauch weitestgehend zu reduzieren und den Betrieb eines Objektes so weit wie möglich aus erneuerbaren Energien zu decken. Um dieses Ziel zu erreichen,
müssen Gebäude, Räume und Gebäudetechnik bei der Planung als ein System verstanden werden. Bevor haustechnische Anlagen zum Einsatz kommen, um das Wohlbefinden des Menschen zu gewährleisten, sind die bautechnischen Mittel auszuschöpfen.
Neben der thermischen und hygienischen Behaglichkeit spielt die visuelle
Behaglichkeit eine weitere zentrale
Rolle. Ein hohes Maß an visueller
Behaglichkeit entsteht, wenn Wahrnehmungsvorgänge ungestört ablaufen können sowie ausreichende
Sichtkontakte zur Außenwelt bestehen, damit sich der Mensch an seiner
Umgebung »festmachen kann«. Die
visuelle Behaglichkeit hängt in erster
Linie von einer ausreichenden Beleuch-
Neben der Gebäudeform [Kompaktheit] spielt die Fassadentechnologie
die ausschlaggebende Rolle. Eine gelungene Fassade muss sowohl auf
Nutzeranforderungen als auch auf
Umweltbedingungen reagieren. Dies
erfordert bei Fassaden einen hoch variablen U-Wert [Wärmedurchgangskoeffizient] sowie einen hoch variablen
Gesamtenergiedurchlassgrad von
Fensterelementen. Während im Winter
der solare Wärmeeintrag willkommen
Mikrobielle Allergene und Zellgifte
können durch eine regelmäßige Wartung von Filteranlagen oder durch den
Einsatz endständiger Filter verhindert
werden. Endständige Filter sind in der
Lage, weitestgehend alle Schadstoffe
auszufiltern.
Prof. Klaus Daniels
Klimakonzepte
22
ist, muss er im Sommer abgewehrt
werden. Damit in Sommernächten die
Wärme aus dem Gebäude abfließen
kann, muss der Wärmedurchgangskoeffizient möglichst hoch sein, während er möglichst niedrig sein muss,
wenn kein Wärmeeintrag gewünscht
ist. Jalousiestrukturen sollten einerseits
in der Lage sein, solare Strahlungen
abzuwehren bzw. zu reflektieren und
gleichzeitig einen höheren Tageslichteintrag z.B. durch Lichtumlenkung ermöglichen.
Opake Wandflächen sollten in der Zukunft prinzipiell als Energieertragsflächen verstanden werden. Gleiches gilt
für Dächer.
Gebäudetechnische Einrichtungen
sollten lediglich eine dienende Funktion haben, indem sie störende Einflüsse ausgleichen, die mit bautechnischen
Mitteln nicht zu vermeiden sind.
Techniken der Raumkonditionierung
haben als »Dienstleister« die Aufgaben:
• Wärmeabflüsse im Winter aus dem
Gebäude auszugleichen,
• Wärmezuflüsse im Sommer von
außen abzuwehren oder zu kompensieren,
• Schad- und Geruchsstoffe in ausreichendem Maße auszutragen,
um die Raumluftqualität zu verbessern bzw. auf hohem Niveau zu
halten,
• fehlende Tageslichteinträge insoweit zu ergänzen, dass eine ausreichende Beleuchtungsstärke im
Arbeitsplatzbereich besteht.
Im Hinblick auf das Wohlbefinden und
die Leistungsfähigkeit des Menschen
hat der »Dienstleister« Gebäudetechnik somit die folgenden Aufgaben im
Gebäude:
•
•
•
•
Heizen
Kühlen
Belüften
Belichten
congena Texte 2009
Weitere »Dienstleistungen« bestehen
selbstverständlich in der Be- und Entwässerung, der Stromversorgung von
Geräten, der Beförderung von Personen usw.
Heizsysteme
Die Beheizung von Gebäuden und
Räumen wird in Zukunft im Wesentlichen auf der Basis von Niedertemperaturheizsystemen erfolgen, die sich in
Form von Deckenheizungen, Fußbodenheizungen, Plattenheizflächen,
Wandheizungen usw. darstellen lassen.
Das Angebot der Hersteller ist mannigfaltig, so dass zu jeder Aufgabe
auch die geeignete Form der Beheizung dargestellt werden kann. Bezüglich der Wärmebereitstellung ist der
Einsatz von Umweltenergien anzustreben, wie es auch durch einschlägige
Einsparverordnungen gefordert wird.
Hier spielen neben Wärmepumpen,
mit Biogas betriebenen Blockheizkraftwerken und solarthermischen Anlagen
zunehmend auch geothermische Systemlösungen eine Rolle.
Kühlsysteme
Die Kühlung von Gebäuden zur Einhaltung maximaler Raumtemperaturen im Sommer sollte primär auf Wasserbasis erfolgen, wobei die wasserbasierten Kühlsysteme im Sinne einer
sanften Kühlung zu betreiben sind.
Kühlsegel, Kühldecken, Bauteilkühlungen usw. sind die vornehmlichen
Kühlflächen, die einerseits im Strahlungsaustausch mit den Menschen
stehen und gleichzeitig konvektiv anfallende Wärmemengen kompensieren. Die Kühlung von Räumen mittels
Luft spielt eine untergeordnete Rolle
und beträgt in Zukunft nur noch lediglich ca. 20% der maximalen Kühlleistung.
Wie im Fall der Heizung sollten Kühlsysteme weitestgehend mit erneuerbaren Energien betrieben werden,
Prof. Klaus Daniels
Klimakonzepte
23
wobei Kühlenergie u.U. in ausreichender Form gewonnen werden kann
durch Grundwasserströme, Erdsonden, Thermolabyrinthe, Abwärmenutzung aus Kraft-Wärme-Kopplungen
oder auch aus solarthermischen Systemen bis hin zu elektrisch betriebenen
Kältemaschinen, die in hohem Umfang mit Solarstrom bedient werden.
Raumlufttechnik
Die Benutzbarkeit von Gebäuden sollte prinzipiell auch ohne raumlufttechnische Anlagen möglich sein, wodurch
öffenbare Fenster zu einer absoluten
Notwendigkeit werden. Außerdem
sollten fensterlose Räume, die dem
ständigen Aufenthalt von Personen
dienen, weitestgehend vermieden
werden. Der Fensterflächenanteil bei
Fassaden sollte im Bereich von 50%
liegen, um ein wirtschaftliches Verhältnis von Tageslichtnutzung und
Wärmeschutz zu erreichen.
Die mechanische Belüftung von Räumen hat in Zukunft lediglich die Aufgabe, die hygienisch erforderliche
Luftverbesserung zu gewährleisten,
wenn einerseits Schad- und Geruchsstoffe abzuführen sind und andererseits der Energieabfluss aus dem Gebäude vermieden werden muss, wenn
dieses aktiv beheizt oder gekühlt wird.
Um mit möglichst kleinen Luftmengen
arbeiten zu können, ist in belüfteten
Räumen eine Schichtung sinnvoll, bei
der Schad- und Geruchsstoffe nicht
voll umfänglich mit Luftströmen und
Raumvolumina vermischt werden,
sondern Schadstoffe direkt von unten
[Aufenthaltsbereich] nach oben [Deckenbereich] abgeführt werden. Zur
Aufbereitung der notwendigen Außenluftmengen haben die klassischen
Zentralsysteme nach wie vor ihre Berechtigung. In jüngster Vergangenheit
werden aber auch vermehrt dezentrale Belüftungseinrichtungen eingesetzt,
die Außenluftströme direkt im Fassadenbereich von außen ansaugen und
in den Raum eintragen [z.B. Unterflur
congena Texte 2009
fan coil units], wodurch aufwändige
Lüftungskanäle vermieden werden.
Zur Erreichung möglichst geringer
Luftgeschwindigkeiten im Aufenthaltsbereich bieten sich sowohl Quellluftsysteme als auch Verdrängungsluftsysteme [z.B. Wandbereich] an. Die
klassische Mischlüftung mit einer Zuluftzuführung im decken- oder fensternahen Bereich ist nur in Ausnahmefällen sinnvoll, weil sie zu hohen Induktionswirkungen und somit hohen
Mischeffekten führt. Es gilt die Devise:
»Bringe die Außenluft möglichst dicht
an den Nutzer«.
Kunstlicht
Aufgrund der notwendigen Energieeinsparung wird in Zukunft auf eine
gleichmäßige Beleuchtung von Räumen mit einer Beleuchtungsstärke von
500 Lux zu verzichten sein. Der Weg
in die Zukunft besteht nicht nur im
Einsatz neuer Leuchtmittel, wie insbesondere LED, sondern auch in einer
aufgabenspezifischen Differenzierung
der Anforderungen an die Beleuchtung. Eine Beleuchtungsstärke von
z.B. 500 Lux ist lediglich im Infeld für
die Sehaufgabe erforderlich, während
für die Umfeldbereiche eines Raumes
eine Beleuchtung mit 200 – 250 Lux
ausreichend ist. Hieraus resultiert im
Wesentlichen eine 2-KomponentenBeleuchtung, die nur Energie verbraucht, wenn Arbeitsplätze auch tatsächlich genutzt werden.
Bescheidenheit und
Planungsintelligenz
Generell und abschließend lässt sich
feststellen, dass gebäudetechnische
Einrichtungen, insbesondere Heizungs-,
Lüftungs-, Kühl- und Beleuchtungssysteme, in ihrem Betrieb soweit wie
möglich eingeschränkt werden müssen. Das Ziel einer intelligenten Planung muss darin bestehen, die Nutzeranforderungen möglichst direkt durch
natürliche Ressourcen zu decken, z.B.
Fensterlüftung statt mechanischer Belüftung oder Tageslichtlenkung statt
Prof. Klaus Daniels
Klimakonzepte
24
künstlicher Beleuchtung. Darüber hinaus muss der Energiebedarf von unverzichtbaren gebäudetechnischen
Einrichtungen soweit wie möglich
durch den Einsatz natürlicher Ressourcen gedeckt werden. Überzogene Ansprüche hinsichtlich Kälteleistungen,
Luftmengen, Beleuchtungsstärken
congena Texte 2009
usw., wie sie heute teilweise noch vorkommen, sind nicht mehr zeitgemäß.
Eine neue Form der Bescheidenheit
und der Rückbesinnung ist angesagt.
Die dienenden Funktionen müssen eingeschränkt und als Konsequenz daraus
Nutzungs- und Planungsintelligenz gestärkt werden.
Verena Bartenbach, Prof. Christian Bartenbach
25
congena Texte 2009
Der Mensch denkt, Licht lenkt.
Lebenselixier Licht
Den Hauptanteil unserer aktiven Zeit
verbringen wir am Arbeitsplatz, was
bei den meisten Menschen tagsüber
geschieht. Als »Augenwesen« sind wir
tagaktiv und unser vegetatives Nervensystem ist auf das Tageslicht ausgerichtet. Der nächtliche Schlaf ist die
Phase der Erholung und Regeneration.
Der biologische Rhythmus des Menschen ist an den Tag-Nacht-Rhythmus
angepasst und wird von diesem beeinflusst. Licht ist einerseits für das Auge
[visuelles System] zum Sehen erforderlich. Aber auch der Hormonhaushalt
[nicht-visuelles System] wird durch
Licht beeinflusst und gesteuert.
Das Hormon Serotonin ist mitverantwortlich für das emotionale Gedächtnis und die Gemütsverfassung. Der
Stimmungsaufheller wirkt antriebssteigernd und beeinflusst das menschliche Wohlbefinden, weshalb es auch
als »Glückshormon« bezeichnet wird.
Hohe Lichtintensitäten in der Natur –
insbesondere Sonnenlicht – aber auch
sehr helles künstliches Licht, regen die
Produktion von Serotonin an. Bei bedecktem Himmel beträgt die durchschnittliche Beleuchtungsstärke immer
noch ca. 10.000 Lux und steigt bei
Sonnenschein auf ein Vielfaches an.
Im Vergleich dazu liegt die vorgeschriebene Beleuchtungsstärke für Büroarbeitsplätze lediglich bei 500 Lux. Über
die Lichtqualität sagen die Vorschriften
nichts aus.
Nachdem der Mensch aber nur noch
ca. 4% seiner Zeit im Freien verbringt,
ist es umso wichtiger, seine Aufenthaltsorte, insbesondere seinen Arbeitsplatz,
mit hohen Lichtintensitäten und angepassten spektralen Verläufen auszulegen, um die Hormonbildung zu unterstützen.
Neben Serotonin spielt Melatonin eine
wichtige Rolle im Tag-Nacht-Rhythmus
des Menschen. Melatonin ist ein Stoffwechselprodukt des Serotonins und
wird in der Zirbeldrüse gebildet. Bei
Einfall von hellem Licht mit Vollspekt-
rum [wie beim Tageslicht] ins Auge
wird die Synthese von Melatonin gehemmt. Bei Dunkelheit wird es vermehrt ins Blut ausgeschüttet. Es senkt
die Aktivität, bremst und macht
müde. Damit gewährleistet es einerseits die Regeneration des Menschen,
kann aber gerade in den Wintermonaten durch das fehlende Licht auch Depressionen verursachen.
In unserer Gesellschaft lässt sich der
natürliche Tag-Nacht-Rhythmus und
der damit einhergehende ungestörte
Hormonhaushalt nicht immer aufrecht
erhalten [Beispiele Fernreisen und
Schichtarbeit], so dass die Beschäftigung mit Licht und dessen Qualität
eine immer größere Rolle spielen sollte. Die Herausforderung besteht darin,
das primäre Licht einer Lichtquelle in
seiner Intensität und seinem spektralen Verhalten so zu konzipieren, dass
die Ausschüttung von Melatonin erhalten bleibt und tagsüber die Produktion von Serotonin unterstützt wird.
Aktuelle Studien im Bartenbach LichtLabor befassen sich intensiv mit der
unterstützenden Wirkung von Licht
auf den Menschen – auf sein Wohlbefinden und auf seine Effizienz.
Natürliches Licht
Wie bereits erwähnt, verbringen wir
einen Großteil unserer aktiven Zeit am
Arbeitsplatz. Im Hinblick auf die Gesundheitserhaltung bzw. die Unterstützung von Gesundheit und Wohlbefinden kommt dem Licht eine zentrale Rolle zu.
Der wirtschaftliche Druck steigt, ebenso der Leistungsdruck jedes Einzelnen.
Was liegt also näher, als das Licht unseren biologischen Bedürfnissen anzupassen? Und was liegt näher, als uns
unserer natürlichen Ressourcen zu bedienen?
Besondere Bedeutung fällt hier dem
Thema der Energieeinsparung und
des energieeffizienten Bauens zu.
Verena Bartenbach
Bartenbach LichtLabor
Prof. Christian
Bartenbach
Bartenbach LichtLabor
Verena Bartenbach, Prof. Christian Bartenbach
Der Mensch denkt, Licht lenkt.
26
congena Texte 2009
Energiepass, Passivbauweise, alternative Energiegewinnung etc. sind Zeugen der Notwendigkeit, mit den zur
Verfügung stehenden Rohstoffen
sparsam umzugehen.
Um Tageslicht am Arbeitsplatz ohne
Beeinträchtigung der visuellen Wahrnehmung und des Arbeitsablaufs nutzen zu können, muss es an die Sehaufgabe angepasst und entsprechend
moduliert werden.
Blendungen sowie zu geringe als auch
zu hohe Leuchtdichten im Sehbereich
[Infeld, Umfeld] beeinflussen sowohl
die visuelle Wahrnehmung als auch
die Psyche und die damit verbundene
Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden des Menschen. Die Folge sind
Stress, Ermüdungserscheinungen,
Konzentrationsmangel, Unbehagen
Zeitverlauf für unterschiedliche Leuchtdichteverhältnisse
zwischen Infeld und
Umfeld
Foto: Peter Bartenbach, München
Jedoch nicht allein aus Gründen der
auf uns zukommenden Energieprobleme liegt es nahe, Tageslicht als natürliche Ressource zu nutzen. Tageslicht ist
von hoher Qualität und der Mensch ist
biologisch daran angepasst. Darüber
hinaus ist das Medium unbegrenzt
vorhanden und kostenlos.
und steigende Fehlerhäufigkeit. Unterschiedliche Versuche mit bisher
ca.1.000 Versuchspersonen im Bartenbach LichtLabor haben diese Vermutungen bestätigt. Mit Hilfe eines Biofeedback-Gerätes werden Hautwiderstand, Herzfrequenz und Muskelspannung als physiologische Parameter
aufgezeichnet und die Stresserscheinungen gemessen. Versuche mit unterschiedlichen Beleuchtungsniveaus
weisen ein deutlich erhöhtes Stressniveau bei stark erhöhter Umgebungshelligkeit nach [vgl. Abbildung unten].
Versuchsaufbau im
Bartenbach LichtLabor
Abhängigkeit von Stressniveau
und Beleuchtungsniveau
Die mentale Energie in die Arbeitsprozesse einfließen zu lassen und damit
die Aktivität und das Wohlbefinden zu
steigern ist durch Licht – ganz besonders durch Tageslicht – nachweislich
möglich.
Die mentale Leistung kann über 20%
angehoben, Stresserscheinungen und
Ermüdung hingegen entsprechend
vermindert werden, wenn bei der
Konzeption von Tageslichtbeleuchtung
auf Folgendes geachtet wird:
• ausreichende Intensität,
• angepasste und optimierte Lichtverteilung durch Lichtumlenkung,
• Sonnenschutzmaßnahmen, welche
die solare Nutzung einbeziehen,
• den visuellen Wahrnehmungsanforderungen entsprechende
Leuchtdichteverteilungen,
• ausreichende Sicht nach außen,
• optimal angepasste Kunstlichtergänzung.
Tageslichtlösung
Zusatzversorgungskasse Wiesbaden;
Arch. Herzog + Partner
Umlenkelement bei
bedecktem Himmel
27
congena Texte 2009
Mit dem Wissen über die Beschaffenheit und Wirkung von Tageslicht kann
Tageslicht optimal angepasst und genutzt werden. Neben der qualitativen
Verbesserung der Beleuchtung ergeben sich daraus außerdem Einsparpotenziale im Bereich von Klima- und
Lüftungstechnik, Kunstlichtergänzung
und Fassadengestaltung.
Das Beispiel der Zusatzversorgungskasse Wiesbaden zeigt, wie sich Sonnenschutz und Tageslichtlenkung
kombinieren lassen. Die in die Fassade
integrierte bewegliche Tageslichtlösung lenkt das diffuse Tageslicht bei
bedecktem Himmel über das Umlenkelement in den Raum und verteilt es
über die Decke gleichmäßig im Rauminneren. Bei Sonnenschein schützt das
Umlenkelement vor Blendung und reduziert den solaren Wärmeeintrag,
während das Tageslicht dennoch ins
Rauminnere gelangt.
Foto: Peter Bartenbach, München
Verena Bartenbach, Prof. Christian Bartenbach
Der Mensch denkt, Licht lenkt.
Umlenkelement bei
Sonnenschein
Verena Bartenbach, Prof. Christian Bartenbach
Der Mensch denkt, Licht lenkt.
28
congena Texte 2009
Foto: Peter Bartenbach, München
Jakob-Kaiser-Haus
Berlin
Arch. Schweger +
Partner; von Gerkan,
Marg + Partner;
T. van den Valentyn,
Arch. Cie
Bürobeleuchtung mit
Tageslicht
Im Jakob-Kaiser-Haus in Berlin wird
das Tageslicht über Umlenklamellen
am Fenster zur Decke im Rauminneren
gelenkt und von dort über ein reflektierendes Umlenkelement und die
Decke gleichmäßig im Raum verteilt.
Beim Einsatz von Kunstlicht als Tageslichtergänzung wird das Licht ebenfalls über das Umlenkelement und die
Decken in den Raum reflektiert.
Bürobeleuchtung mit
Kunstlicht
Die Hauptverwaltung der Firma Genzyme in Massachusetts wurde auf die
LEED Codes ausgerichtet. The Leadership in Energy and Environmental Design ist der amerikanische Standard zur
Beurteilung von Gebäuden hinsichtlich
ihrer Nachhaltigkeit und Energieeffizienz. Ein zentrales, nach allen Seiten
von Bürobereichen umschlossenes,
lichtdurchflutetes Atrium wird über
Heliostaten auf dem Dach mit Sonnen- und Tageslicht beleuchtet. Die
Spiegelsysteme passen sich mechanisch dem Sonnenstand an, um das
reflektierte Licht immer an die gleiche
Stelle zu lenken. Über verspiegelte
Fassadenelemente im Innenraum, frei
bewegliche Prismenpaneele und hochglanzverspiegelte vertikale Lamellen
29
congena Texte 2009
wird das Tageslicht in die Tiefe und in
die seitlichen Bürobereiche gelenkt.
In die offenen Großraumbüros wird
Tageslicht über verspiegelte Elemente
der Innenfassade und über steuerbare
Sonnen- und Blendschutzlamellen an
den Fensterverglasungen gelenkt und
über reflektierende Decken im Innenraum verteilt. So erfahren selbst tiefe
Raumzonen eine natürliche Belichtung
durch Tageslicht. Um von jedem Arbeitsplatz aus das Tageslicht wahrzunehmen,
wurde außerdem die Möblierung darauf abgestimmt.
Das Kunstlicht ist auf alle Tageslichtlösungen abgestimmt und stellt eine reine Ergänzungsbeleuchtung dar.
Fotos: Roland Halbe, Stuttgart
Verena Bartenbach, Prof. Christian Bartenbach
Der Mensch denkt, Licht lenkt.
Genzyme Headquarters,
Massachusetts, USA
Arch. Behnisch, USA
Verena Bartenbach, Prof. Christian Bartenbach
Der Mensch denkt, Licht lenkt.
Die beschriebenen Projekte sind Beispiele für eine intelligente Nutzung
von Tageslicht, bei denen Kunstlicht
lediglich als Tageslichtergänzungsbeleuchtung betrachtet wird. Es empfiehlt sich, bereits in der Planungsphase eines Gebäudes die mögliche Tageslichtnutzung mit zu bedenken.
Wenn die Anforderungen zur Tageslichtnutzung bereits bei der Wahl der
Gebäudetypologie berücksichtigt werden und diese mitbestimmen, kann
die natürliche Ressource vielseitig genutzt werden.
Kunstlicht
Beim Einsatz von Kunstlicht als Ergänzung und/oder Ersatz von Tageslicht,
müssen die gleichen Kriterien erfüllt
werden, wie beim Einsatz von Tageslicht. Es muss Blendfreiheit gewährleistet sein, um die mentale Belastung
möglichst gering zu halten, die geistige
Leistungsfähigkeit zu steigern sowie
Stress- und Ermüdungserscheinungen
zu reduzieren. Darüber hinaus sollte
das Kunstlicht mit seinen angepassten
spektralen Eigenschaften und seiner
Farbwiedergabe die Qualität des Tageslichts bestmöglich simulieren, um
neben den Anforderungen an das Sehen auch das nicht-visuelle System positiv zu unterstützen.
30
congena Texte 2009
Neben der Qualität von Kunstlicht ist
auch dessen Leistungsfähigkeit von
Bedeutung. Die Wahl des Leuchtmittels ist ebenso entscheidend wie die
Wahl der optimal angepassten Leuchte. Jedes Leuchtmittel hat neben Lichtfarbe und Farbwiedergabe eine typische Lichtausbeute [lm/W]. Sie gibt
Auskunft darüber, wie viel Lichtstrom
[vom Auge bewertete Strahlungsleistung = Lumen lm] ein Leuchtmittel
pro Watt abgibt, wobei auch die Lebensdauer zu berücksichtigen ist.
Neue Technologien bei Leuchtmitteln
und Betriebsgeräten bieten Einsparpotenziale durch gesteigerte Energieeffizienz. Die LED-Technologie setzt hier
neue Maßstäbe in der Kunstlichtbeleuchtung und ihre Potenziale sind bei
Weitem noch nicht ausgeschöpft. Neben dem Vorteil, dass sie keine Wärme nach vorne abgibt, zeichnet sie
sich aus durch
•
•
•
•
eine hohe Lichtausbeute,
die lange Lebensdauer,
viele verschiedene Lichtfarben,
die Regelbarkeit von Intensität und
Lichtfarbe,
• Filigranität und
• die Wirkung auf Brillanz und
Plastizität.
Lichtausbeute von
Standardleuchtmitteln
Verena Bartenbach, Prof. Christian Bartenbach
Der Mensch denkt, Licht lenkt.
31
congena Texte 2009
Foto: Peter Bartenbach, München
Der Wirkungsgrad einer Leuchte gibt
Auskunft darüber, wie viel der eigentlichen Lichtmenge des Leuchtmittels
noch ausgestrahlt wird. Betriebsgeräte
wie Vorschaltgeräte oder Trafos, Erwärmung, Lichtlenkung durch Reflektoren
etc. sind Faktoren, die dem Leuchtmittel »Energie« nehmen, ohne dass diese
zu Beleuchtungszwecken genutzt werden kann.
Optische Wahrnehmung
Wie auch beim Tageslicht ist die Nutzung
eines Raumes ausschlaggebend für die
Wahl des Leuchtensystems. Sie bildet
die Grundlage für die Wahl des Lichtmilieus, welches davon bestimmt wird,
wie viel des abgestrahlten Lichtes aller
Leuchten gemeinsam in den Raum
strahlt bzw. wie viel Licht die Nutzebene erreicht, wie viel des Lichts [mehrfach] reflektiert und wie viel davon absorbiert wird. Gleichzeitig beeinflussen
die beschriebenen Aspekte den Energieverbrauch.
einen wesentlich geringeren Wirkungsgrad als helle Oberflächen. Entscheidend ist jedoch der Unterschied zwischen leuchtenden und beleuchteten
Flächen. Das vorerst informationslose
Licht einer Primärlichtquelle erlangt
erst einen psychologisch erfassbaren
Informationsgehalt bzw. wird selbst
zur Information, nachdem es eine materialadäquate Modulation und Strukturierung erfahren hat. Das betrifft sowohl das Kunst- als auch das Tageslicht.
Materialien und Oberflächen haben
den größten Einfluss auf die optische
Wahrnehmung. Sie haben ein charakteristisches Reflexionsvermögen, das
von der Materialbeschaffenheit abhängt. Wir begeben uns hier in die
Begriffswelt der »Ökologischen Optik«,
die das Licht hauptsächlich als Informationsquelle für die optische Wahrnehmung betrachtet. Gedeckte und
dunkle Oberflächenfarben haben
Die beschriebenen Ansätze zeigen nur
einen Ausschnitt aus dem aktuellen
Stand der Lichttechnik. Bei allen Bemühungen um energetische Optimierungen muss der Mensch mit seiner
visuellen Wahrnehmung und seinem
nicht-visuellen System im Vordergrund
stehen. Seine Bedürfnisse müssen bei
der Gestaltung von Beleuchtungssystemen Vorrang haben – im Interesse
von Unternehmer und Mitarbeiter.
Tagungsszentrum La
Roche Buonas und
Jockey Club Buonas;
Arch. Scheitlin-Syfrig
Das Beispiel zeigt,
wie stark Oberfläche
und Farbe das Raummilieu mitbestimmen
und prägen.
Veranstaltungsreihe der congena
32
congena Texte 2009
Auf die Resonanz kommt es an
congena Zwischenraum Juli 2008
Peter Erben ist Geigenbauer seit seiner
Lehre in Mittenwald, die er mit 14
Jahren begann. Er sagt von sich selbst,
dass er sich seither vom Handwerker
zum Künstler entwickelt hat. In seiner
Münchner Werkstatt baut er jeden
Monat eine »Geige«, denn Geigen
sind auch das Cello, die Bratsche und
der Bass. Das ganze Instrument entsteht in Handarbeit und wird nur von
ihm gebaut. Diese eine Handschrift
spürt man später am Instrument. Im
Moment befindet sich Peter Erben in
der »roten Phase«, begründet in einer
neuen Lackierung mit dem Harz des
Drachenblutbaums.
Jost Hecker, seit 25 Jahren Cellist im
Modern String Quartett, wusste schon
im Studium, dass er andere Wege beschreiten wird, als Klassik zu spielen.
Er improvisiert, arrangiert, komponiert
und begeistert und überrascht immer
aufs Neue die Zuhörer.
Es beginnt mit der Suche nach der geeigneten Klangholzfichte im Wald von
Latemar in Südtirol. Sie liefert besonders geeignetes Resonanzholz und
wird wegen der Vorzüge für die spätere Verarbeitung Mondphasen abhängig geschlagen. Konstruiert werden
Geigen nach dem goldenen Schnitt –
genauso wie die Geigen des ersten urkundlich erwähnten Geigenbauers
Andrea Amati [1505-1587]. Er hat
den Geigenbau nicht erfunden, aber
er hat die im 16. Jahrhundert in Oberitalien, vor allem in Brescia, einsetzende Entwicklung maßgeblich beeinflusst. Er hat die Ausführung der
Streichinstrumente hinsichtlich Holz-
wahl, Form, Wölbung, Kopf [Schnecke] und Lackierung verfeinert und sie
für den Gebrauch der Künstler, z.B.
hinsichtlich der Abmessungen besser
angepasst. Er hat die Grundlage für
die Arbeit seiner Nachkommen und
der Cremoneser Geigenbau-Familien
der Guarneri, Rugeri, Stradivari, Bergonzi u.a. in den folgenden 200 Jahren
gelegt. Diese Erkenntnisse sind noch
heute im 21. Jahrhundert für Peter
Erben gültig beim Bau seiner Geigen.
Dann lotet Jost Hecker bei zwei gerade von Peter Erben fertiggestellten
Celli die Klangfacetten über alle acht
Oktaven [!] aus. Sowohl das individuelle Instrument als auch der jeweilige
Bogen bestimmen Ausdruck und
Klangfarbe. Der sensibilisierte Zuhörer
macht erste Gehversuche, die Unterschiede wahrzunehmen, es gelingt.
Beim Hören einer Suite für Violoncello
von Johann Sebastian Bach [komponiert zwischen 1717-1720] erleben
die Zuhörer, wie unterschiedlich ein
Werk klingt, je nachdem welcher Bogen eingesetzt wird, in welcher Technik gestrichen und das Werk interpretiert wird.
Beide Meister ihres Faches haben uns
überrascht und beeindruckt. Es ist ihnen gelungen, die Sinne der Zuhörer
für Streichinstrumente zu sensibilisieren.
Stefan Schierer
33
congena Texte 2009
Akustische Behaglichkeit in
offenen Bürostrukturen
Eine offene Bürostruktur ist für viele
Unternehmen die passende Antwort
auf die immer vernetztere Arbeitswelt.
Dabei ist zu bedenken, dass insbesondere die akustische Qualität in erheblichem Maße das psychische und physische Wohlbefinden der Beschäftigten
in Mehrpersonenbüros beeinflusst und
damit ein entscheidendes Element für
ein funktionierendes »Ganzes« darstellt.
Konzeptansätze für
nachhaltige Bürogebäude
Heutige Bürogebäude zielen auf eine
hohe Flächeneffizienz, niedrige Investitions- und Betriebskosten sowie eine
hohe Behaglichkeit für die Nutzer ab.
Gebäude mit thermoaktiven Decken,
also Massivdecken, die zur Kühlung
und Heizung genutzt werden, vereinen diese Aspekte in sehr guter Weise.
Die Diskussion um die Nachhaltigkeit
von Gebäuden hat dieses Konzept
weiter gestärkt. Die Kombination der
Bauteilaktivierung mit einer Grundwasser-Wärmepumpe sowie einer
hochwertigen Gebäudehülle ermöglicht eine hohe Energieeffizienz.
Bei der Organisation von Arbeitsplätzen haben offene Bürostrukturen
weiterhin – oder wieder – einen bedeutenden Stellenwert. Die hohe Flächeneffizienz sowie Flexibilität des Gebäudes liegen auf der Hand. Die Komplexität der heutigen Arbeitswelt, die
auf informelle Kommunikation und
Teamarbeit angewiesen ist, spricht
ebenfalls für diese Organisationsform.
Zudem ist für viele Unternehmen Offenheit und Transparenz auch Ausdruck ihrer Firmenphilosophie.
Wird das Konzept einer thermoaktiven
Decke mit der Organisationsform des
Mehrpersonenbüros kombiniert, ergeben sich aus akustischer Sicht eine
Reihe von Wechselwirkungen und Abhängigkeiten. Um ein konzentriertes
und damit effizientes Arbeiten zu er-
möglichen, ist die Entwicklung eines
tragfähigen raumakustischen Konzeptes zwingend erforderlich.
Kommunikation vs. Konzentration
Ein Vorteil von offenen Bürostrukturen
ist die Möglichkeit der informellen
Kommunikation. Diese wirkt sich jedoch häufig negativ auf die Arbeitsleistung der Kollegen an den benachbarten Arbeitsplätzen aus. Die Konzentrationsfähigkeit wird dabei nachweislich durch die Lautstärke der
Umgebung und die Verständlichkeit
der Gespräche beeinträchtigt. Erfahrungsgemäß stellt sich insbesondere
die Sprachverständlichkeit zwischen
benachbarten Arbeitsplätzen als problematisch dar und führt häufig zu Beschwerden.
Stefan Schierer,
Müller-BBM GmbH
Ziel der raumakustischen Planung
muss daher eine ausreichende Verdeckung des Informationsgehalts bzw.
der Verständlichkeit von Gesprächen
sein. Dazu muss der Störgeräuschpegel durch akustische Maßnahmen
dem Grundgeräuschpegel im Raum
möglichst nahe gebracht werden. Am
sog. »Punkt der Verdeckung« entsprechen sich die beiden Pegel. Bei Räumen mit einer guten raumakustischen
Ausstattung weist dieser Punkt einen
Abstand von ca. 4 bis 6 m vom jeweiligen Sprecher auf. Nach diesem Punkt
nimmt die Verständlichkeit der Sprache
rapide ab.
Punkt der Verdeckung,
bei dem der Störgeräuschpegel dem
Grundgeräuschpegel
im Raum entspricht
Stefan Schierer
Akustische Behaglichkeit in offenen Bürostrukturen
34
Eine hohe Störungsfreiheit oder sogar
Vertraulichkeit zwischen direkt benachbarten Arbeitsplätzen kann in einem offenen Mehrpersonenbüro nicht
hergestellt werden. Die messbaren
Schallpegeldifferenzen zwischen einer
Quelle und Empfänger sind abhängig
vom Bürotyp. Ein direkter Rückschluss
von der Schallpegeldifferenz auf die
wahrgenommene Empfindung ist nur
bedingt möglich. Eine Erhöhung bzw.
Senkung wird tendenziell als lauter
bzw. leiser wahrgenommen. Als Faustformel gilt, dass 10 dB Unterschied
etwa als doppelte bzw. halbe Lautstärke wahrgenommen werden.
Gute Sprachverständlichkeit
0
10
1
Schallpegeldifferenzen
[D] zwischen direkt
benachbarten Arbeitsplätzen [1m] in Abhängigkeit von der
baulichen Situation
1
ohne
Thermische Behaglichkeit – und
die Akustik?
Das Konzept der thermoaktiven
Decke basiert darauf, dass die
Wärme- bzw. Kälteabgabe an den
Raum vorwiegend durch Strahlungsaustausch und nur zu einem kleinen
Anteil mittels Konvektion erfolgt. Bei
vergleichsweise geringen Investitionskosten wird damit für den Nutzer
eine hohe thermische Behaglichkeit
erreicht.
Für die akustische Behaglichkeit ist
zunächst eine angemessene Raumbe-
Ungestörtheit Vertraulichkeit
20
2
congena Texte 2009
30
40
3
2
mit
Schallschirm im Mehrpersonenbüro
50
D in dB
4
3
4
offene
geschlossene
Flurtüren im Einzelbüro
Ohne Abschirmung ist in einem Mehrpersonenbüro zwischen direkt benachbarten Arbeitsplätzen eine sehr
gute Sprachverständlichkeit gegeben.
Diese bleibt auch noch mit leistungsfähigen Schallschirmen zwischen den
Arbeitsplätzen erhalten.
Vollständige Ungestörtheit kann nur
bei Einzel- bzw. Zellenbüros und geschlossenen Türen erreicht werden.
Werden Ansprüche an die Vertraulichkeit gestellt, so kann dies letztlich nur
mit Einzelbüros und schalltechnisch
entsprechend dimensionierten trennenden Bauteilen gewährleistet werden.
dämpfung erforderlich. In Mehrpersonenbüros wird dies in der Regel erreicht, wenn die Summe aller schallabsorbierenden Flächen in etwa der
Raumgrundfläche entspricht. Damit
wird die akustische Eignung der bei
klassischen Gebäudekonzepten häufig
vollflächig abgehängten schallabsorbierenden Decke deutlich, übermäßige Halligkeit sowie störende Deckenreflexionen werden dadurch vermieden.
Bei Gebäuden mit einer thermoaktiven
Decke ist jedoch der Einbau einer vollflächigen, schallabsorbierend wirksamen
Unterdecke nicht möglich, weil diese
den Strahlungsaustausch verhindern
Stefan Schierer
Akustische Behaglichkeit in offenen Bürostrukturen
35
congena Texte 2009
würde. Der Versuch, die zur Raumbedämpfung erforderlichen Absorptionsflächen ausschließlich im Wandbereich
sowie durch die Möblierung herzustellen, ist in der Regel nicht erfolgreich.
Da sich Schall kugelförmig ausbreitet,
erfolgt nach wie vor eine maßgebliche
Schallübertragung zwischen benachbarten Arbeitsplätzen aufgrund von
Deckenreflexionen – ein aus akustischer Sicht nicht zielführendes Konzept.
samkeit der Bauteilaktivierung als akzeptabel angesehen werden kann.
Vollflächige schallabsorbierende Unterdecke
Bauteilaktivierung ohne akustische Maßnahmen
Bei der raumakustischen Konzeption
von Mehrpersonenbüros mit einer
thermoaktiven Decke sind folgende
Faktoren zu beachten:
gemacht werden und die erforderliche Grundbedämpfung im Raum erzielt wird.
• Ausreichende Raumbedämpfung
• Reduzierung der Schallausbreitung
im Raum
• Herstellung eines geeigneten
Grundgeräuschpegels
• Organisation der Bürolandschaft
Akustisch wirksame Deckensegel
Auch bei Gebäuden mit Bauteilaktivierung stellen schallabsorbierende Maßnahmen im Deckenbereich einen
wichtigen Eckpfeiler für ein funktionierendes raumakustisches Konzept
dar. Damit die thermische Wirksamkeit der Bauteilaktivierung nicht deutlich eingeschränkt wird, ist der Einsatz
von abgependelten Segeln oder alternativ spezieller, thermisch an die
Massivdecke angekoppelter Akustikelemente erforderlich.
Zwischenzeitlich vorliegende Erfahrungen zeigen, dass ein Flächenanteil der
Deckensegel von ca. 30 - 40% bezogen auf die Raumgrundfläche im Hinblick auf die Reduzierung der Wirk-
Der Einsatz von Deckensegeln oder
von thermisch angekoppelten Akustikelementen bildet, unabhängig von
den sonstigen Nutzeranforderungen,
eine wesentliche Basis des raumakustischen Planungskonzeptes, da nur so
die abschirmende Wirkung von Stellwänden nicht durch Reflexionen
über die schallharte Decke zunichte
Die Auswirkungen auf die Investitionskosten sowie die Wechselwirkungen mit den Themen Gestaltung, Beleuchtung und Flexibilität der Arbeitsplätze können erfahrungsgemäß nur
dann sinnvoll gelöst werden, wenn
diese Erkenntnis möglichst früh im
Planungsprozess berücksichtigt wird.
Die sinnvolle Ausgestaltung und
akustisch optimierte Konzeption von
schallabsorbierenden Deckensegeln
hat damit im Rahmen der Objektplanung eine hohe Bedeutung.
Akustisch optimierte
Deckensegel für das Hochhaus
des Süddeutschen Verlags
Diese optimierte Konzeption der
Deckensegel war auch ein zentrales
Thema im Rahmen der Planung der
neuen Hauptverwaltung des Süddeutschen Verlags in München. Die
Schaffung geeigneter akustischer
Verhältnisse für die hochwertigen,
überwiegend als Teambüros organisierten Arbeitsplätze hatte eine hohe
Priorität.
Gegenüberstellung
akustischer Deckenreflexionen beim klassischen Konzept mit
einer vollflächigen
schallabsorbierenden
Unterdecke und einem
Büro mit Bauteilaktivierung ohne weitere
akustische Maßnahmen
im Deckenbereich
Stefan Schierer
Akustische Behaglichkeit in offenen Bürostrukturen
Quer- und Längsschnitt des Deckensegels im Hochhaus
des Süddeutschen
Verlags
Im Endergebnis wurde in Zusammenarbeit mit Müller-BBM ein akustisch
sehr leistungsfähiges Deckensegel entwickelt, das neben der Beleuchtung
auch haustechnische Komponenten
wie Sprinklerköpfe und Rauchmelder
aufnimmt.
Die Besonderheit des Deckensegels
besteht in der vertikalen Schotte über
dem Segel, wodurch die Sprinklerleitungen und die sonstigen Installationsleitungen verdeckt, die schallabsorbierende Oberfläche des Segels vergrößert und der frequenzabhänige Verlauf
der Schallabsorption optimiert werden
konnten. Des Weiteren wird durch die
Schotten eine zusätzliche Reduzierung
von Deckenreflexionen erzielt.
Akustische Abschirmung –
Vielfalt der Lösungsmöglichkeiten
Ein weiterer wesentlicher Baustein für
die Akustik in offenen Bürostrukturen
ist die Herstellung einer akustischen
Abschirmung zwischen benachbarten
Arbeitsplätzen.
Hierzu ist der Einsatz von Stellwänden,
Tischaufsätzen und/oder Mobiliar erforderlich, wobei aus akustischer Sicht
die Höhe derartiger Elemente mindestens 1,5 m betragen muss. Soll zwischen den Arbeitsplätzen ein direkter
Sichtkontakt bestehen, so muss diese
akustisch optimale Höhe auf ca. 1,1 m
reduziert werden. Die abschirmende
Wirkung geht bei dieser reduzierten
36
congena Texte 2009
Höhe der Elemente jedoch fast vollständig verloren. In solchen Fällen ist
der Einsatz von beweglichen, vertikal
verfahrbaren Tischaufsätzen oder
transparenten Elementen sinnvoll.
Die Maßnahmen zur Abschirmung
sind gleichzeitig auch dazu geeignet,
die Raumbedämpfung entsprechend
zu erhöhen bzw. korrekt einzustellen.
Hierfür sind die Oberflächen der Stellwände, Tischaufsätze oder der Möblierung schallabsorbierend zu gestalten.
Die Büromöbelindustrie hat dieses Potenzial mittlerweile erkannt; der Markt
für schallabsorbierende Büromöbel ist
in den letzten Jahren stark gewachsen.
Mit einem kompetenten Planungspartner können im Rahmen der Planung
dabei auch objektbezogene Lösungen
erarbeitet werden.
Hintergrundgeräusche
Kann es im Mehrpersonenbüro zu
leise sein? Die Antwort ist ein klares
Ja. Denn während früher mechanische
Lüftungen, laute Bürogeräte und ggf.
eine nicht ausreichende Schalldämmung der Fenster für einen erhöhten
Grundgeräuschpegel gesorgt haben,
sind heutzutage Grundgeräuschpegel
von 30 dB(A) und darunter keine
Seltenheit.
Ein Anheben des Grundgeräuschpegels in offenen Bürozonen kann
37
congena Texte 2009
Hochhaus des
Süddeutschen Verlags
gezielt informationshaltige Sprache
von benachbarten Arbeitsplätzen verdecken bzw. maskieren, wodurch diese schwerer verständlich ist und weniger ablenkt.
Dieser Effekt kann z.B. durch eine entsprechende Einregelung der Lüftungsanlage erzielt werden. Auch der Einsatz von speziellen Sound-MaskingSystemen, d.h. die gezielte Einspielung von künstlichen Geräuschen,
kann ein wirksames Mittel zur Überdeckung von informationshaltiger
Sprache sein. Derartige Systeme sind
als Teil eines akustischen Gesamtkonzeptes anzusehen und erfordern zwingend eine umsichtige Planung.
Die besten Ergebnisse werden erfahrungsgemäß erzielt, wenn man die
Anlagen weder hört noch sieht. Ziel ist
die Herstellung eines »Schallteppichs«,
in dem eine Ortung von einzelnen
Schallquellen nicht möglich ist und in
den Vordergrund tretende Geräusche
nicht vorkommen. Neben einer geeigneten Positionierung und äußerlichen
Gestalt der Lautsprecher sind dabei
auch die Art der verwendeten Geräusche sowie die wechselnden Bedingungen durch die Nutzergeräusche im
Raum zu beachten. Moderne SoundMasking-Systeme arbeiten daher adaptiv und verwenden häufig nicht
mehr nur ein informationsloses Rauschen, sondern Kompositionen von
Naturklängen.
Foto: WINI Büromöbel
Foto: LBBW Immobilien, S. Grangnato
Stefan Schierer
Akustische Behaglichkeit in offenen Bürostrukturen
Organisation der Arbeitsplätze –
auch mit Blick auf die Akustik
Bei der Planung von offenen Bürostrukturen sollte bereits bei der Bedarfsplanung und zwingend im Rahmen der Belegungsplanung ein Akustiker hinzugezogen werden. Die Anordnung einzelner Arbeitsgruppen
innerhalb der Bürostruktur sollte auch
unter Berücksichtigung akustischer
Faktoren bewusst gewählt werden.
Arbeitsgruppen, die auf häufiges Telefonieren und intensive Kommunikation im Team angewiesen sind, wie z.B.
der Kundensupport, haben in unmittelbarer Nachbarschaft zur Entwicklungsoder Konstruktionsabteilung, wo
überwiegend konzentriertes Arbeiten
gefordert ist, nichts verloren.
Bei der Ausrichtung der Arbeitsplätze
sollten die jeweiligen Sprecherrichtungen beachtet werden. Teams, die auch
tatsächlich miteinander kommunizieren, sollten innerhalb einer möglichst
separaten Zone des Mehrpersonenbüros zusammengefasst werden. Für Arbeitsplätze, die häufiges Telefonieren
erfordern, empfiehlt sich die Verwendung von Headsets. Kommunikationsund Infrastrukturzonen sind ebenfalls
sehr bewusst auszuwählen und sollten
in jedem Fall eine ausreichende Abschirmung – besser noch eine konkrete
Schalldämmung – gegenüber den Arbeitsplätzen im Großraum aufweisen.
Arbeitsplätze im
Großraumbüro
Stefan Schierer
Akustische Behaglichkeit in offenen Bürostrukturen
Aktuelle Tendenzen
Bei aktuellen Projekten ist festzustellen,
dass offene Bürostrukturen zunehmend durch in den Raum eingestellte
Räume – sogenannte Raum-in-RaumSysteme – ergänzt werden. Diese nehmen vor allem hochwertige bzw. potenziell lautere Nutzungen wie Besprechungs- und Kommunikationszonen
sowie Büros für die Behandlung vertraulicher Angelegenheiten auf. Des
Weiteren dienen sie häufig als Rückzugsräume, in denen ungestörtes Arbeiten möglich ist.
Durch das Angebot von Rückzugsräumen als Kommunikationszonen wird
einerseits der Störgeräuschpegel durch
informationshaltige Gespräche reduziert. Darüber hinaus können die eingestellten Räume zur Abschirmung
bzw. Gliederung von Arbeitsgruppen
genutzt werden.
Für die eingestellten Räume sind ebenfalls geeignete raumakustische Verhältnisse sicherzustellen. Bedingt durch
38
congena Texte 2009
die häufig streng geometrischen
Raumformen kann es sich anbieten,
die raumakustischen Maßnahmen teilweise auch im Wandbereich anzuordnen, wodurch eine ausgewogene
Schallfeldverteilung erzielt wird.
Des Weiteren muss die Schalldämmung
der Raum-in-Raum-Systeme eine
Schallübertragung in die offenen Bürobereiche verhindern. Die dabei häufig
erforderliche Transparenz der Trennwände zur Belichtung der Räume, die
Anforderungen an die Flexibilität sowie
die Anforderungen an ausreichende
Belüftung begrenzen in der Regel die
erzielbaren schalltechnischen Qualitäten.
Um das Potenzial von offenen Bürostrukturen voll ausschöpfen zu können, ist eine umsichtige akustische
Planung zwingend erforderlich. Insbesondere bei Konzepten mit Bauteilaktivierung sind die aufgezeigten Wechselwirkungen und Abhängigkeiten zu
beachten und erfordern eine integrale
Betrachtungsweise.
Malte Kopmann
39
congena Texte 2009
Grün arbeiten statt schwarz ärgern
Begrünungskonzepte in Büros
Wir schmücken und besingen Bäume
im Mai und Dezember und schenken
unserer Liebsten Blumen, damit sie
uns grün ist. Wir sind mit allen Sinnen
der Natur verbunden, wir spüren es,
wenn sie uns fehlt und genießen es,
uns in ihr aufzuhalten. Reden wir von
Erholung, so denken wir häufig ans
Grüne, an Wälder, Seen oder Berge.
Unser Auge erholt sich beim Anblick
von Grünem, denn es muss dabei im
Vergleich zu anderen Farben am wenigsten Energie aufwenden und kann
sich im Kontrast zu grün entspannt
auf Details konzentrieren, weswegen
Schultafeln, Abdecktücher in Operationssälen und Spieltische für Billard
grün sind.
So kommt es, dass wir mit der Farbe
grün auch außerhalb der Natur Positives assoziieren [hier lassen wir die
Schultafeln außer Acht], sei es bei
Ampeln oder Rettungswegen, bei Bewertungen [»alles im grünen Bereich«] oder im übertragenen Sinn,
wo Grün für Hoffnung steht. Tatsächlich stellen Pflanzen für uns mehr als
nur Hoffnung dar, sie sind lebensnotwendig. Sie erzeugen Sauerstoff, erhöhen die Luftfeuchtigkeit und reinigen die Luft. Eine Allee beispielsweise
reduziert durch Ihren Baumbestand
den Staubanteil in der Luft im Vergleich zu einer baumlosen Straße um
bis zu 75%. Einige Pflanzen filtern
Formaldehyd und andere Giftstoffe
aus der Luft. Daher atmen wir in der
Natur so gerne tief durch und erholen
uns.
Wer solche Erholung sucht, der meint
häufig Erholung von seiner Arbeit im
Büro. Im Zusammenhang mit der Arbeitswelt ist häufig auch die Rede von
Bürolandschaften. Bei dem Wort
Landschaft denken wir an Natur, ein
Bergpanorama oder ein Flussufer, wir
lassen unser inneres Auge über Wald
und Wiese schweifen und sind der Erholung schon ganz nah. Doch die Realität in den Büros sieht in der Regel
anders aus – wo ist das Grün, wo sind
die Landschaften, wo die Pflanzen?
Meistens handelt es sich um vereinzelt
oder in kleinen Gruppen auftretende
Topfpflanzen, von denen niemand so
richtig weiß, was mit Ihnen geschehen
soll und wo sie überhaupt herkommen. Dekorative und gepflegte Pflanzen findet man in der Regel nur dort,
wo Kunden und Besucher verkehren,
der Rest ist meist Wüste oder Wildwuchs.
Büros begrünen oder warten, bis
Gras drüber wächst?
Die Begrünung unserer Bürolandschaften ist mehr als eine modisch bedingte Politur für das Firmenimage.
Pflanzen wirken sich positiv auf das
Wohlbefinden und die Gesundheit der
Menschen aus und können darüber
hinaus eine aktive Rolle in der Innenraumgestaltung übernehmen.
Zunächst ist die Eigenschaft von Pflanzen, die relative Luftfeuchtigkeit zu erhöhen, von großem Wert für die Mitarbeiter. Die empfohlenen 40 – 60%
werden vor allem während der Heizperioden unterschritten, was zu erhöhter Reizung von Atemwegen, Haut
und Augen führt. Krankheitsbedingte
Ausfälle sind vor allem in gesprächsintensiven Bereichen wie Call Centern
die Folge. Die Umwandlung von Kohlendioxid in Sauerstoff unterstützt darüber hinaus die Konzentrationsfähigkeit und hilft, Müdigkeit zu vermeiden. Manche Pflanzen filtern sogar
Schadstoffe und Staub aus der Luft
und tragen dazu bei, Allergien zu vermeiden. Da einige Pflanzen Allergien
jedoch auch auslösen können, ist in
jedem Fall eine fachkundige Beratung
notwendig.
Ein gut geplantes Grünkonzept kann
die notwendige Haustechnik unterstützen, ersetzen kann sie diese jedoch nicht. Zur ausreichenden Befeuchtung eines Standardbüros würde
man im Frühjahr zwar nur vier, im
Winter jedoch fünfzehn schulterhohe
Pflanzen benötigen, was den ganzen
Raum füllen würde. Dennoch werden
Malte Kopmann,
congena GmbH
Architekt Planung
congena Texte 2009
Möglichkeiten zur Integration einer Innenraumbegrünung in die Klimakonzeption von Gebäuden stetig weiterentwickelt und bereits in ersten Pilotprojekten getestet.
Neben den klimatischen Eigenschaften
kann sich vor allem in offenen Büros
der schallabsorbierende Effekt einiger
Pflanzen positiv auswirken. So erbrachte
in einem 300 qm großen Versuchsbüro
die Bepflanzung auf einer Fläche von
30 qm denselben Effekt wie 90 qm
Absorptionsfläche. Auch das gestalterische Potenzial offenbart sich vor allem in großen Räumen, wo sich die
Mitarbeiter oft »wie auf dem Präsentierteller« fühlen. Hier können Pflanzen zum einen zur Gliederung und
Strukturierung der Fläche und zum
Frühling: Bereits vier
große Pflanzen
gewährleisten eine
ausreichende
Luftfeuchtigkeit.
Foto: Fotolia
40
Foto: Fotolia
Malte Kopmann
Grün arbeiten statt schwarz ärgern
anderen zur ästhetischen Aufwertung
genutzt werden. Mit ihrer räumlichen
Wirkung können sie als großzügige
Gefäß- oder Flächenbegrünung fester
Bestandteil von Architektur und Bürokonzept sein.
In jedem Fall ist es unerlässlich, die
Konzeption von Bepflanzungen im Innenraum bereits frühzeitig in der Planung anzugehen. Neben der Abhängigkeit von der Raumtemperatur und
den Tageslichtverhältnissen können
Pflanzen sogar Einfluss auf die Statik
oder, durch Ihren Bedarf an Kunstlicht
und gegebenenfalls an Bewässerung,
auf die Haustechnik haben. Darüber
hinaus muss die Pflege der Pflanzen
von Anfang an geplant werden.
congena Texte 2009
Bild: congena
41
Foto: Fotolia
Grün erleben und grüner leben
Viele Gründe sprechen für mehr Grün
im Büro. Die Aufenthaltsqualität in
Gebäuden wird deutlich verbessert,
man fühlt sich wohler und entspannt
in begrünten Bereichen besser. Die
Gesundheit der Mitarbeiter wird gesteigert und nicht zuletzt fördert eine
gut geplante Innenraumbegrünung
Leistungsfähigkeit und Motivation
der Mitarbeiter. Sie ist außerdem Ausdruck der Wertschätzung eines Unternehmens gegenüber seinen Mitarbeitern. Fachkräfte, die heute ihre Ausbildung abschließen und sich auf die
Suche nach einem Arbeitsplatz machen, haben an diesen hohe Ansprüche. In Umfragen wurde untersucht,
unter welchen Bedingungen diese
neue Generation in Zukunft am liebsten arbeiten würde. Vor allem junge
Menschen legen großen Wert auf
Umweltbewusstsein, Umweltfreundlichkeit und Naturnähe. Viele von
ihnen würden den Weg zur Arbeit gerne per ÖPNV, mit dem Fahrrad oder
zu Fuß zurücklegen. Charakteristisch
ist der bei einer Umfrage geäußerte
Wunsch, nicht auf einem Teppich,
sondern auf einer Wiese zu arbeiten.
In vielen Großstädten sind Alleen,
Grünflächen und Parks, die der Erholung ihrer Einwohner dienen, schon
lange selbstverständlich. Auch in Bürogebäuden schaffen immer mehr Unternehmen grüne Aufenthaltsbereiche
zur Regeneration und Inspiration ihrer
Mitarbeiter. Wie nicht anders zu erwarten, handelt es sich sowohl bei den
Städten als auch bei den Unternehmen
um beliebte Orte, mit denen sich die
Einwohner oder Mitarbeiter gerne
identifizieren.
Bild: congena
Malte Kopmann
Grün arbeiten statt schwarz ärgern
Winter: Erst das
vierfache Aufgebot
an Pflanzen kann
eine ausreichende
Luftfeuchtigkeit
schaffen.
Veranstaltungsreihe der congena
42
congena Texte 2009
Kunst als Kommunikationsmittel
congena Zwischenraum November 2008
Dr. Peter Shaw spricht über »Kunst als
Kommunikationsmittel«. Sein Unternehmen »art matters« ist eine Agentur an der Schnittstelle von Kunst und
Wirtschaft. Sein Arbeitsfeld ist die Begleitung von Veränderungsprozessen
in Unternehmen: change matters. Veränderung bewirken, heißt Einstellungen zu verändern.
Veränderung wird wirksam, wenn
Führungskräfte lernen, die vier Perspektiven Verstehen, Gestalten, Vermitteln und Verwirklichen zu einer homogenen Gesamtsicht zu verbinden.
Künstler produzieren Innovationen.
Sie entwerfen, verdichten und kommunizieren neue Sichtweisen auf Gegenwart und Zukunft und liefern so
Impulse für eine Gesellschaft, deren
Fortschritt maßgeblich von der Durchschlagskraft innovativer Ideen abhängt.
Peter Shaw und sein Partner Norbert
Schulz sind überzeugt, dass diese Impulse – weit über die Begrenzungen
des Feuilleton hinaus – dazu beitragen
können, konkrete wirtschaftliche
Herausforderungen zu bewältigen.
art matters erschließt das Potenzial
zeitgenössischer Künstler für Führungskräfteentwicklung, Standortmarketing
und visuelle Kommunikation, um die
Veränderung zu emotionalisieren und
die Mitarbeiter für den Wandel zu begeistern.
Warum Künstler? Künstler sind Profis
im Verdichten von komplexen Sachverhalten auf ihren Wesenskern. Sie
sind Experten für Metaphern, die Herausforderungen und Lösungen auf
den Punkt bringen. Sie wissen um dieKreativität und die notwendigen Rahmenbedingungen für erfolgreiche Veränderungen. Und sie bringen eine
klare und unverstellte Außensicht auf
Unternehmen mit.
Was bewirken die Workshops? Die
Teilnehmer erarbeiten neue Zugänge
zu aktuellen Herausforderungen.
Durch die Auseinandersetzung mit
Erfolgsrezepten aus Kunst und Kultur
entstehen kraftvolle Assoziationen
und Erfahrungen, die über die Beschränkungen der häufig eingefahrenen
Denk- und Kommunikationsmuster in
Unternehmen hinaus weisen und Lust
machen auf Veränderung.
Matthias H.R. Müller, Karin Birner
43
congena Texte 2009
Im Labyrinth der Möglichkeiten
Informations- und Kommunikationstechnologie am Arbeitsplatz
Seit Erfindung des Faustkeils hat der
Mensch die Welt nach seinen Bedürfnissen gestaltet und den Natur-Raum
zum komplexen Kultur-Raum gewandelt. Er wurde zum Architekten, der
seine naturgegebene Höhle verließ
und durch selbst erschaffene und stetig differenzierter werdende Arbeitsund Lebenswelten ersetzte.
Mit der Erfindung des Computers und
der daraus folgenden Erweiterung des
Kultur-Raums um den virtuellen Raum
potenzierten sich Arbeits- und Lebensentwürfe des Menschen noch einmal
auf revolutionäre Art und Weise.
»Jeder...Computer«, schreibt Joseph
Weizenbaum bereits 1978 in »Die
Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft«, »...ist eine Art
Universalmaschine, ein Spielplatz, auf
dem jedes erdenkliche Spiel möglich
ist«. Die Möglichkeiten der Informationstechnologie wurden in den letzten
30 Jahren so komplex, dass sich, wie
ein Jahrhundert vorher in der Baukunst, eine neue Disziplin analog zur
Architektur herauskristallisierte: Der
IT-Architekt, der den ausführenden
Gewerken einen Planungs- und Orientierungsrahmen vorgibt, innerhalb
dessen auch multipler werdende ITProjekte erfolgreich realisiert werden
können.
Dabei wird die strategische, beratende
und unterstützende Rolle des IT-Architekten für die Umsetzung komplexer
IT-Themen in Bezug auf Investitionskosten, Return on Invest, Risikominimierung, Sicherheit, Hochverfügbarkeit
der Systeme, Datenmanagement und
Umweltthemen immer wichtiger und
es bedarf, um dieser Disziplin erfolgreich gerecht zu werden, neben hoher
Sachkenntnis auch eines breiten Verständnisses für gängige Standards und
Trends.
Einige Trends verschwinden so schnell
im virtuellen Nichts, wie sie erscheinen, andere sind so nachhaltig, dass
sie in der Folge als Standardisierung
sowohl private als auch unternehmerische Prozesse wandeln können. Innerhalb dieser Trends zu differenzieren
ist ein wesentlicher Faktor, der den ITArchitekten aus dem Labyrinth des
Möglichen heraus, vom planlosen zum
planvollen Handeln führt.
Das Büro der Zukunft
IT to stay, IT to go
Mit der flächendeckenden Integration
des Computers in den Arbeitsalltag
erfolgte eine erste umwälzende Vereinfachung im Büroalltag. Vielfach gilt
jedoch noch immer: zu fixen Zeiten,
an einem bestimmten Ort wird in festgelegten Strukturen mit viel Papier gearbeitet. Meetings mit Geschäftspartnern und Kollegen aus entfernten Niederlassungen werden oft noch von
langer Hand geplant und mit hohen
Reisekosten und viel Organisationsaufwand als Vor-Ort-Termine realisiert.
Diese starre Lokalisierung von Arbeitsvorgängen an festgelegten Arbeitsplätzen ist durch die Weiterentwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie dehnbarer geworden: Konferenz- und Medienräume
ermöglichen es einerseits mittels Videokonferenzen und e-learning-Methoden zu bleiben statt zu reisen. Andererseits erlauben es mobile Büros, vernetzt mittels all-over-IP-Internettechnologie, im und außerhalb des Unternehmensgebäudes, mit Handy oder
Notebook, flexibel zu agieren und zu
reisen statt zu bleiben.
Die Benutzerfreundlichkeit der
Zukunft – sensuous use on high
level
Das Internet hat die Gewohnheiten
von Verbrauchern und Unternehmen
bereits bahnbrechend verändert. Innerhalb kürzester Zeit wurde es zur
einfach handhabbaren Handels- und
Verkaufsplattform, zur Kontaktbörse
und zum Informationszentrum. Außer
einem Internetzugang und einem
Browser benötigt der Anwender keine
zusätzliche Software auf seinem PC,
Matthias H. R. Müller
Information Architects®
Karin Birner
Information Architects®
44
Notebook, Mobiltelefon oder MDA.
Mit all-over-IP-Internettechnologie
kann der Nutzer inzwischen auch von
fast jedem Ort auf der Welt seinen
Unternehmensalltag managen. Das
Handling wird nicht nur immer anwenderfreundlicher, sondern mehr
und mehr sinnlich erfahrbar: Videoconferencing, Endgeräte mit Spracherkennung, Touchpanels, die auf
Berührung reagieren oder handschriftliche Eingaben in Tablet PCs:
das Arbeiten der Zukunft bleibt ein
Arbeiten mit allen Sinnen – auf HighEnd Level.
congena Texte 2009
Flexibilisierung der Systeme und eine
effizientere Nutzung von Personalressourcen der Return on Invest schneller
und deutlicher hervortritt. Eingesparte
Flächen kommen so dem Ausbau der
Unternehmens-Kernbereiche zugute.
Bestehende Rechenzentren oder Serverräume können künftig auf gleichbleibend großen Arealen höhere
Rechenleistungen erbringen.
IT im Raum oder Räume für IT
Um die beschriebenen Potenziale ausschöpfen zu können, ist eine Flexibilisierung der Arbeit erforderlich, weg
vom starren persönlichen Arbeitsplatz
hin zu variablen Arbeitsplatz und
Raumszenarien. Hierfür müssen im
Vorfeld einer Gebäudeplanung die
Geschäftsprozesse und -gewohnheiten
analysiert werden. Des Weiteren müssen die Anzahl der erforderlichen Arbeitsplätze, die dafür notwendige Materialdimensionierung, aber auch die
variable Gestaltung von Räumen und
jedes einzelnen Arbeitsplatzes, z.B. hinsichtlich ausreichender und leicht zugänglicher Anschlussmöglichkeiten für
mobile Endgeräte überdacht werden.
Das Rechenzentrum der Zukunft –
less physical, more virtual
Der physikalische Raum wurde durch
die Informationstechnologie um den
virtuellen Raum erweitert, die IT-Systeme sind jedoch, trotz fortschreitender Unabhängigkeit vom geschlossenen Raum, unabänderlich mit ihm
verbunden. Große Rechenzentren
und leistungsstarke Serverlandschaften beanspruchen nach wie vor
viele Quadratmeter der Unternehmenslandschaft. Durch Virtualisierung, also die Zusammenfassung bzw.
Entmaterialisierung verschiedener
physikalischer Elemente, wie Server,
Switche oder Router beansprucht die
IT künftig wesentlich weniger reale
Fläche. Für die Planer aus Architektur
und IT bedeutet dies, dass die Investitionsaufwände sich zwar in der Planungsphase erhöhen können, durch
effizientere Flächenauslastungen, geringere Anschaffungs-, Wartungs-,
Instandhaltungs- und Betriebskosten,
IT und Umwelt – Grey IT goes
Green IT
Mit der Wandlung des Menschen vom
Natur- zum Kulturwesen hat der
Mensch seine Umwelt auf massive
Weise verändert. Der Klimawandel ist
eine Folge dieser Eingriffe.
Foto: Fotolia
CO2-Ausstoß und Energieverbrauch
sind Themen, die auch die IT künftig
Foto: Fotolia
Matthias H.R. Müller, Karin Birner
Im Labyrinth der Möglichkeiten
45
mehr und mehr betreffen. Energieeffiziente Lösungen für Rechenzentren,
z.B. Nutzung von Abwärme oder Virtualisierung einzelner Elemente, müssen realisiert werden, um in der Folge
nicht nur die Umwelt zu schonen, sondern auch Kosten zu sparen. Denkbar
sind unter anderem Endgeräte, die nur
dann Strom verbrauchen, wenn Sie
wirklich genutzt werden. Aber auch
um das umweltschonende Recycling
von Elektronikschrott und veraltete
Endgeräte wird man sich in Zukunft
mehr Gedanken machen müssen:
Jedes Jahr fallen zwischen 20 und 50
Millionen Tonnen Elektroschrott an.
Selbst wenn Demontage und Recycling
unter ökologisch und ethisch vorbildlichen Bedingungen erfolgen, lässt
sich im Moment nur ein kleiner Teil
der eingesetzten Energie zurückgewinnen. Aufarbeitung und Weiternutzung sind ökologische Alternativen,
die bereits umgesetzt werden. Eine
Veränderung in der Herstellung, weg
vom grauen Kunststoff und hin zu
nachwachsenden, auf umweltschonende Weise recycelbaren Rohstoffen
ist ein weiteres Szenario, das dem
rasch anwachsenden Elektronikschrott
künftig Einhalt gebieten wird.
• Data De-Duplication: das Unterbinden von permanenter mehrfacher
Speicherung einer einzigen Datei
• Fibre Channel over Ethernet: die
Vereinheitlichung des Datennetzes
im Unternehmen zur Reduzierung
des Verwaltungsaufwandes des
Administrators
• Grid Storage: hochskalierbares
Multiprotokoll- und MultiserviceSpeichersystem, das intelligente
Datenmanagement- und Datenschutzfähigkeiten integriert
Das sind nur einige Begriffe, die sich
mit der Lösung massiver Datenanhäufungen beschäftigen, die tagtäglich
im Unternehmen sondiert, archiviert
oder gelöscht werden müssen. Business
Intelligence heißt die Methode der
Gegenwart, mit der das zeitintensive
manuelle Sammeln und Standardisieren von Daten aus heterogenen Systemen automatisiert werden kann. Spezielle Business Intelligence Reporting
Tools managen dabei die Berichterstattung, Datenfilterung oder die Verteilung von relevanten Daten aus einer
Fülle von Informationen an den richtigen Empfänger.
Hochverfügbarkeit und Sicherheit
– High Speed and High Security
Datenmanagement der Zukunft –
Spam or no Spam
Seit der vollständigen Integration der
IT in die Geschäftsprozesse der Unternehmenswelt ist das Thema IT-Hochverfügbarkeit zu einem wichtigen Bestandteil im Unternehmenswettbewerb
geworden. IT-Abteilungen sind inzwischen der Puls, der den Takt der Unternehmensentwicklung vorgibt. Sie
Foto: Fotolia
Foto: Fotolia
Das Wachstum von Datenmengen, ob
selbst erstellt, angefordert oder unerwünscht, ist immens und stellt eine
der größten Herausforderungen für
IT-Entscheider dar. Moderne Speichersysteme bieten hier unterschiedliche
Lösungsansätze:
Foto: congena
congena Texte 2009
Foto: Fotolia
Matthias H.R. Müller, Karin Birner
Im Labyrinth der Möglichkeiten
Matthias H.R. Müller, Karin Birner
Im Labyrinth der Möglichkeiten
müssen sämtliche digitalisierten Unternehmensdaten und Informationen
speichern, verwalten und auf Abruf
zur Verfügung stellen. Dabei geht
Datensicherung über die bloße Ablage von digitalen Informationen weit
hinaus. Informationen müssen bei
Systemausfall oder Datenverlust wiederherstellbar sein und ohne Sicherheitsrisiko nach außen mehreren Nutzern
zeitgleich zur Verfügung stehen. Um
hier optimalen Schutz, Sicherheit und
größtmögliche Performance zu erreichen, bedarf es einer auf die individuellen Bedürfnisse des Unternehmens
abgestimmten Technologie oder Strategie, die auch die Entwicklung der
Unternehmensprozesse flexibel und
zukunftsfähig unterstützen kann.
46
congena Texte 2009
Wo geht die Reise hin?
»Der Computer ist eine Möglichkeitsmaschine« schreibt Götz Großklaus in
Medien-Zeit Medien Raum, Frankfurt
am Main 1995. Und die Grenzen dieser Möglichkeiten sind längst noch
nicht ausgelotet. Für den Laien ist das
Feld der IT bereits heute nahezu unüberschaubar geworden. Ungewiss ist,
wie viele, heute noch unmöglich oder
unvorstellbar erscheinende Errungenschaften der IT den Lebensalltag künftiger Generationen prägen werden.
Gewiss ist jedoch, dass mit der Unterstützung von Spezialdisziplinen, wie der
IT-Architektur, heute schon der Weg
aus dem Labyrinth der Möglichkeiten
planvoll beschritten werden kann.
Dr. Stefan Steidele
47
congena Texte 2009
Im Dunkeln
Wie fühlt sich der Mensch im Büro?
Ein weiterer Angriff auf die Sinnesorgane! Noch ein paar Buchstabenreihen, die über die Augen im Kopf zu
einem Text wachsen und mit der
Unterstützung nebenstehender Bildchen eine Reihe von Informationen im
Leser hinterlassen sollen – wieder ein
Wahrnehmungsprozess, einer von
unzähligen. Zeichen und Bilder überfluten geradezu unsere Welt, untermalt von Klängen und Geräuschen,
dass uns Hören und Sehen vergeht.
Wer soll das alles verarbeiten, verinnerlichen und an der richtigen Stelle
speichern, um es dann bei Bedarf wieder abzurufen?
Bedürfnis weckt: Hier – kaufen. Oder
der Schreibtisch im Büro: Hinsetzen –
arbeiten.
Natürlich wird unser Handeln schlussendlich nicht durch einzelne Reize
allein provoziert, sondern durch eine
Gesamtsituation hervorgerufen, wie
die Verkehrslage, den Hunger oder die
Honorierung.
Wahr ist was wirkt
Wir interpretieren ganz pragmatisch
die einwirkenden Reize, und getreu
dem Motto »Was wirkt, ist wahr«
werten wir die Sinneseindrücke. Dabei
glauben wir besonders dem, was wir
gesehen haben oder noch dem, was
wir hören oder gehört haben.
Das hat eine lange Tradition: Schon als
Sokrates der Überlieferung nach seine
Unwissenheit zum Ausdruck brachte,
blieb er mehrdeutig, haben doch bei
den Griechen Sehen und Wissen die
sprachlich gleichen Wurzeln [wissen:
Perfektform von sehen]. Wusste er
also, dass er nichts gesehen hatte oder
meinte er gar: »Ich habe gesehen, dass
ich nichts weiß.«
Hans Makart, 1879
Die fünf Sinne:
Gefühl, Gehör,
Gesicht, Geruch,
Geschmack
Mit Räumen geht es uns nicht anders.
Ähnlich einem Text versuchen wir, die
uns umgebenden Körper zu lesen. Sie
bieten uns eine Orientierung und liefern Nutzungshinweise, so etwa Sitzgelegenheiten, die mal als Hocker,
Bank, Sessel, Stuhl oder als Thron zum
Sitzen, Ausruhen oder Regieren einladen.[1] Damit es uns nicht zuviel wird,
filtern wir. Da bleiben von quergelesenen Texten nur ein paar Schlagworte,
von Abbildungen die emotional
ansprechenden oder aus der Umgebung nur ein relevanter Aspekt, der
uns in eine bestimmte Stimmung versetzt: Die rote Ampel an der Straßenkreuzung: Halt – wir bleiben stehen.
Das Regal im Supermarkt, das unser
Auch nach Sokrates setzen sich die
Erkenntnistheoretiker vornehmlich
mit der Idee des Sehens auseinander.
Platon beispielsweise beschreibt in seinem Höhlengleichnis den Prozess der
Wahrheitsfindung bei Personen, die
von Geburt an nur ein Schattenspiel
an einer Höhlenwand verfolgen und
diese Projektion als real empfinden.
Die reichhaltige Philosophiegeschichte
dreht sich um den Erkenntnisprozess,
dem René Descartes um 1600 mit der
Einsicht: »Cogito ergo sum« ein wahrnehmungsunabhängiges Zwischenhoch verleiht. Im letzten Jahrhundert
entsteht mit der Gestaltpsychologie
eine Disziplin, der wir die Feststellung
verdanken, dass zu jedem Wahrnehmen auch ein Nicht-Wahrnehmen
gehört; wir sehen nicht, weil wir nicht
blind sind, sondern wir sehen, weil wir
für das meiste blind sind. Dieses
Dr. Stefan Steidele
congena GmbH
Berater
Dr. Stefan Steidele
Wie fühlt sich ein Büro an?
Ausblenden innerhalb eines Sinnes
trifft auch für das Verhältnis zwischen
den Sinnen zu, die zudem unterschiedlich strukturiert sind, so etwa das
überblickende Sehen oder das ereignisorientierte Hören. Die Unterschiedlichkeit der Sinnesfelder führt zur Bevorzugung eines Sinnestyps vor den
anderen, drängt diese ins Abseits und
oft ins Vergessen. In unserer westlichen
Kultur herrscht das Visualprimat [2], das
ganz und gar auf Distanz und Überschau setzt, im Unterschied zum
Betroffensein und Involviertsein anderer Sinne. In der neuzeitlichen Theorie
wird dem Sehen und Hören als theoretischen Sinnen zusätzlich ein ästhetisches Potenzial zugeschrieben. Daher
stößt man auf die traditionelle Abwertung des Tastens, Schmeckens und
Riechens in der Philosophiegeschichte.
Sie wurden stets bloß als niedere und
entsprechend als sekundäre Sinne eingestuft. Diese Sekundärsinne sind
anscheinend stark subjektiv, vital, triebhaft und animalisch, asozial, narzistisch
und rein hedonistisch; ihre Reize vergehen, ihre Qualitäten sind kaum in
Worte zu fassen. Sie lassen sich nicht
technisch beherrschen und manipulieren: Kein Aufnahmegerät kann sie
festhalten und archivieren, keine
künstliche Prothese vermag sie zu verstärken – und doch gibt es sie.
Eine Parallelwelt?
Vielleicht haben Sie auch schon einmal an einer Führung für Blinde teilgenommen. Die Welt, in die man dabei
eintaucht, erscheint uns völlig fremd.
Tatsächlich ist es dieselbe Welt, die wir
plötzlich aus einer anderen Perspektive betrachten. Man wird als Sehender
schnell als Wahrnehmungslaie entlarvt, wenn wir Raum in seiner Dunkelheit erleben. In einem Zustand der
Ruhe nehmen wir z.B. Bewegungen
der Luft, die chemische Zusammensetzung, ihren Feuchtigkeitsgehalt oder
die Temperatur auf. In einem
geschlossenem Raum sind sie fester
Teil des Raumklimas. Luftbewegungen
können wir als Luftzug passiv spüren
48
congena Texte 2009
Thermografische
Innenraumaufnahme
www.vario.at/infrarotthermografie-deu.htm
und|oder durch die eigene Bewegung
an den nackten Hautstellen einen
Luftwiderstand wahrnehmen. Verhältnismäßig schwach ist auch unser
Geruchssinn ausgebildet. Im Vergleich
mit Tieren riechen wir nur Extreme,
und die Erfahrung zeigt, dass das oft
noch zu viel ist. Vom Menschen kaum
noch wahrgenommen wird die Luftfeuchtigkeit. So erkennen wir Trockenheit in Büros am einsetzenden Bedürfnis, etwas zu trinken. Wir empfinden
einen Raum als wohltemperiert, wenn
wir nicht frieren oder schwitzen und
können darüber hinaus auch die
Oberflächentemperaturen einzelner
Raumumschließungsflächen wahrnehmen, so etwa das kalte Fenster oder
den warmen Heizkörper.
Durch aktive Bewegungen können wir
Raum erspüren: Wir erkennen harten
oder weichen Boden, stoßen uns an
Gegenständen oder streichen mit der
Hand über glatte Oberflächen.
Die höchste Befriedigung für das
eigene und das allgemeine Wohl
Überall dort, wo der Mensch aufgrund
seiner Arbeit oder anderweitiger
Tätigkeiten mit Maschinen, Werkzeugen oder anderen Gegenständen in
Berührung kommt, wird die Ergonomie relevant. Gemäß einer Definition
aus dem Jahre 1857 macht sie die
menschengerechte Gestaltung der
Arbeitsumgebung zum höchsten Gut
mit dem Ziel, »aus diesem Leben die
besten Früchte bei der geringsten
Anstrengung mit der höchsten Befriedigung für das eigene und für das allgemeine Wohl [zu] ziehen.«
Dr. Stefan Steidele
Wie fühlt sich ein Büro an?
Gefühltes Wissen
Die Klimatechnik und die Ergonomie
haben es zur Wissenschaft gebracht.
Doch gibt es noch weitere Phänomene, die in der Wahrnehmung der
Menschen einen großen Stellenwert
besitzen. Gerade weil sie meist an der
Wahrnehmungsgrenze liegen, werden
sie misstrauisch beäugt und ihnen
pauschal gesundheitsrelevantes Potenzial nachgesagt. In der Regel handelt
es sich um Erscheinungsformen von
Strahlung, die wir nur in einem geringen Spektrum [400 - 750 nm] sehen
können. Licht ist ein bedeutender Faktor für das Raumklima, das durch
mannigfaltige Qualitäten das Raumempfinden beeinflussen kann. Weil
auch die Wärme [750 - 50.000 nm]
spürbar ist, wird der Strahlung grundsätzlich eine Wirkung unterstellt.
Inwieweit wir für diese Phänomene
49
congena Texte 2009
Technikskepsis. Das stärkt esoterische
Erklärungsansätze wie Feng Shui, das
sich als die Lehre von Wind und Wasser auf Phänomene konzentriert, die
weitgehend unsichtbar sind. Fernöstliche Erfahrungen bieten Lösungen
für alle Arten von Energieflüssen an.
Wie auch immer die Experten therapeutisch eingreifen, das Ergebnis entzieht sich stets jeder Bewertbarkeit
und hängt von der Glaubwürdigkeit
des Therapeuten ab. So verwundert
es nicht, dass sich auch Feng Shui Berater gegenseitig schlechteste Noten
ausstellen und oft entgegengesetzte
Ansätze wählen.
Dabei muss man wissen, dass die Wurzeln des Feng Shui in der chinesischen
Ahnenverehrung und den damit zusammenhängenden Begräbnisritualen liegen. Man sollte also daran glauben,
dass die Gunst der Verstorbenen we-
Wellenspektren
sensibel sind, ist genau wie ihre Einwirkung auf den menschlichen Körper
umstritten. Tatsache ist nur, dass wir
sie messen können. Dass etwa Handystrahlen, Microwellengeräte, Bluetooth
und WLAN eine negative Wirkung
haben, wird oft durch den Begriff
Elektro-Smog angedeutet; dabei
könnte ihr Einfluss mit Licht vergleichbar sein, etwa auf unseren Schlaf. Die
genannten Geräte operieren in einem
Wellenbereich zwischen Licht bzw.
Infrarot und den viel langwelligeren
Radiowellen, mit denen wir Menschen
bereits seit Jahrzehnten Erfahrungen
sammeln.
Wind und Wasser
Unsere Taubheit gegenüber diesen
Phänomenen ist offensichtlich. Auch
wenn von technischer Seite alles für
die Aufklärung getan wird, bleibt die
sentlich auf das Schicksal der Lebenden einwirkt, wenn man Einflüssen
jenseits der Wahrnehmungsgrenze auf
diese Weise begegnen möchte.
Wissenschaft oder Metaphysik: Wohlbefinden ist Glaubenssache. Esoterische
Lösungen entmündigen, setzen Maßstäbe außerhalb des Individuums an,
spielen mit der Angst und argumentieren mit nützlich oder schädlich, mit
guten und bösen Einflüssen. Wissenschaftliche Disziplinen andererseits
bieten zwar objektive Messwerte, lassen das Individiuum mit den Interpretationen jedoch alleine.
Behaglichkeit sollte sich immer dann
einstellen, wenn das Raumklima auf
die jeweiligen Bedürfnisse des Nutzers
abgestimmt ist und alle Gegenstände ergonomisch auf ihn eingestellt
sind. Die Bedingungen hierfür sind in
Dr. Stefan Steidele
Wie fühlt sich ein Büro an?
weiten Teilen messbar, sodass wir im
Laufe der Jahre unzählige Erfahrungswerte angesammelt haben. Zusätzlich weiß die Ergonomie alles über
angemessene Sitzpositionen, funktionale Nähe und geeignete Materialien.
Was uns niemand abnehmen kann, ist
die eigene Empfindung. Weil unsere
Sinne unterentwickelt sind, verlassen
wir uns auf Instrumente und fremde Erfahrungen. Wir haben die Verantwortung über die eigenen Sinne
abgegeben und trauen den eigenen
Wahrnehmungen nicht mehr. Glaubwürdig ist die Anzeige des Thermometers, nicht die Tatsache, dass es subjektiv kalt ist. Nur der sichtbaren Welt
schenken wir noch Glauben, obwohl
die klimatischen Empfindungen nicht
weniger real sind.
Klima im Büro ist vor allem das,
was wir nicht sehen.
Erst die Summe der Eindrücke macht
ein Büro zum Büro. Klima ist dabei
mehr als Licht, Temperatur und Luft,
und wird doch bei vielen Planungen
oberflächlich angekratzt nach dem
Motto »Augen zu und durch«.
Auch im Unternehmen lässt mangelndes Bewusstsein für die Zusammenhänge und fehlende Kontrolle
ein Klima entstehen, wie man es aus
gewachsenen Amtsstuben kennt: Der
Summer an der Eingangstür und ein
schwerer Öffnungswiderstand, das
Knarzen und Schwingen des Doppelbodens unter ausgetretenen Teppichfliesen, der kalte Rauch in Wartebereichen und der Kaffeegeruch, dann
vergilbte Aktenberge, das Rascheln
der Sitzpolster bis hin zur Durchbiegung schlechter Schreibtische. Zusätzlich liebgewonnene Hydrokulturen,
provisorische Pinnwände und sonstige
Staubfänger, die von den Mitarbeitern
lange nicht mehr wahrgenommen
werden.
Dabei ist Fatalismus gegenüber dem
Raumklima weder von Nutzerseite
noch aus Planersicht angebracht:
50
congena Texte 2009
Alles was zur Reizüberflutung beiträgt
oder im Bestand schon gar nicht mehr
wahrgenommen wird, kann getrost
weggelassen werden. Durch die Minimierung des visuellen Lärms oder die
Schaffung eines akustisch aufgeräumten Ambientes reduzieren sich die Sinneseindrücke auf das Notwendige.
Warum müssen Arbeitsplatztelefone
im Gruppenbüro eigentlich klingeln?
Um sich für das Klima zu sensibilisieren, muss man sich der Übermacht
des Sehsinns gewahr sein, das bedeutet auch, sich bei Klimafragen nicht
ablenken oder blenden lassen. Es hilft
auch, sich die Frage zu stellen, wie
man in einer bestimmten Situation
als Nichtsehender entscheiden würde. Wir können uns Normvorgaben
als Ausgangswerte für verschiedene
Bürotypen und Baukörper zunutze
machen. Sie erleichtern die Klimatisierung, weil sie Erfahrungswerte vorgeben, wenn sich beispielsweise mehrere Personen auf ein Klima einigen
müssen. Darüber hinaus können wir
heute die Instrumente der Raumregelung nutzen und die zahlreichen Möglichkeiten zur individuellen Anpassung. Die Haustechnik stellt uns alle
erdenklichen Steuerungen von Lichteinwirkung, Temperaturregelung und
Luftfeuchtigkeit zur Verfügung.
Als Aufgabe bleibt der angemessene
Umgang. Es sollte uns gelingen, die
technischen Möglichkeiten für uns zu
nutzen und richtig zu bedienen – oder
einfach mal einen Pullover drüberzuziehen. Wir müssen uns die menschliche Kernkompetenz und die individuelle Befindlichkeit nicht abnehmen
lassen. Man erinnere sich daran, was
kürzlich der Slogan einer Parfum-Kampagne zum Ausdruck brachte: »I sense, therefore I am.«
Quellen:
¹ Umberto Eco, Einführung in die Semiotik, UTB 2002
² Wolfgang Welsch, Ästhetisches Denken, Reclam Verlag, 1990
Wolfram Fuchs
51
congena Texte 2009
Navi für Unternehmenskultur
Culture GPS
Exakte Arbeitsanweisungen und Vorgehensweisen sind dabei weniger wichtig als eine gemeinsame Kultur aus
Zielen, Werten und Einstellungen, die
sicherstellen, dass Wissen unkompliziert den Besitzer wechseln kann und
das, was einer weiß und leisten kann,
sich rasch mit dem kombiniert, was
nur ein anderer weiß und leisten kann.
Wolfram Fuchs
congena GmbH
Berater
Es gilt schließlich als gesicherte Erkenntnis, dass das »Können« eines
Einzelnen oder einer organisierten
Gruppe von Menschen stets über das
formelle Wissen hinausgeht. Das darin
enthaltene informelle Wissen ist außerdem schwer von den Personen zu
trennen, unter anderem, weil es von
dem expliziten Wissen nie eingeholt
oder ersetzt werden kann.
Vor diesem Hintergrund ist eine Kultur
erforderlich, in der Leitplanken des
Verhaltens dafür sorgen, dass neben
explizitem auch implizites Wissen und
Foto: iStockphoto
Für Routine-Sachbearbeitung war die
gewohnte Büroarbeitswelt ausreichend:
eine Ansammlung zweckdienlicher, ergonomischer Arbeitsplätze in irgendwie gestalteten Büroflächen. In dem
Maß, wie die Büroarbeitswelt Produktionsstätte für wissensbasierte Dienstleistungen wurde und wird, gelten
neue Regeln – unter anderem für die
Gestaltung. Denn für das Fördern,
Sichern, Aufbereiten, Transformieren
und Kombinieren von Wissen ist die
»Arbeit mit Menschen« wichtiger als
»Sachbearbeitung« und die schematische Erledigung von Aufgaben. Für
intelligente Dienstleistungen werden
eher Landschaften gebraucht, in denen
Wissen entsteht, gedeiht, sich vermehrt, sich gegenseitig befruchtet
und – um im Bild zu bleiben – Saatgut
für künftige Ernten hervorbringt.
Die Umstellung wäre leichter, gäbe es
nur eine Art von Wissen. Explizites
Wissen lässt sich ohne Weiteres in Datenbanken und Arbeitsanweisungen
von Personen trennen, formalisieren
und transportieren, im Gegensatz zum
impliziten Wissen, das sich aus Erfahrung und Können speist, intuitiv angewendet wird, sich nur schwer verbalisieren und kaum dokumentieren lässt
und allenfalls durch Zeigen weiterzugeben ist. Es gibt Menschen, die Witze erfinden, aber nicht erklären können, wie sie das tun. Andere können
sich Witze merken und weitererzählen, ohne selbst je in der Lage zu sein,
einen Witz zu konstruieren.
Bild: MOW Architekten, Frankfurt, B.C. Horvath
Wissenskultur
52
Können zielorientiert gebündelt zum
Einsatz kommt. Gemeinsame Ziele
und Werte können tragende Säulen
einer solchen Kultur sein, im Gegensatz zu Arbeitsanweisungen und standardisierten Prozessen. Allerdings
scheitern solche Ziele und Werte,
wenn sie nicht gelebt werden und alltäglich nach innen und außen erlebbar wird, wofür eine Organisation
steht.
Foto: Getty Images
Ein Rundschreiben, zum Beispiel unter
der Überschrift: »Der Kunde steht im
Mittelpunkt«, erfüllt diese Funktion
nicht, wenn es bei standardisierter
Sachbearbeitung bleibt und Besucher
in der Eingangshalle vom Sicherheitsdienst mit durchnummerierten Besucherausweisen markiert werden. Für
Mitarbeiter steht der Kunde dann
zwar im Mittelpunkt, genau dort aber
leider mitten im Weg bei der effizienten Erledigung ihrer Aufgaben. Der
Ausweis teilt dem Besucher zudem
mit, dass er in seiner Gastrolle zugleich ein Sicherheitsrisiko ist, sich zunächst einem Formular anvertrauen
muss, um später vielleicht einer freundlichen Begrüßung und Vertrauen zu
begegnen.
congena Texte 2009
Im Gegensatz zum Rundschreiben, das
im günstigsten Fall gelesen und abgelegt wird, lässt sich mit den Mitteln der
Gestaltung das, wofür eine Organisation steht, im Alltag dauerhaft erlebbar
verankern. Wenn die Ankunft eines Besuchers nicht durch eine der üblichen
Abfertigungsprozeduren überschattet
wird, sondern er sich im Mittelpunkt eines gastfreundlich gestalteten Willkommenrituals stehend persönlich und
sensibel empfangen fühlt, entsteht ein
Überraschungsmoment. Das kann ihm
signalisieren, dass er erwartet wurde,
willkommen ist, sein Wohlbefinden
ebenso wichtig ist wie Sicherheit und
dass er zum Wichtigsten gehört, was
sein Gastgeber hat: Kunden, die
freundschaftlich empfangen werden,
als Freunde gehen und gerne wiederkommen, weil Erwartungen übertroffen wurden und der Besuch unvergesslich bleibt. Wer diese Aufgabe am
Empfang wahrnimmt, wird kaum mehr
unter der Geringschätzung durch Mitarbeiter des Kerngeschäfts leiden oder
über Durchzug klagen, sondern vermutlich mit einem gewissen Stolz die
Aufwertung zum Botschafter der Unternehmenskultur übernehmen.
Foto: MEV Verlag Augsburg
Wolfram Fuchs
Navi für Unternehmenskultur
53
congena Texte 2009
Den Empfang, seine räumliche Gestaltung und seinen Betrieb für die diskrete Mitteilung der Werte zu nutzen, für
die ein Unternehmen steht, scheint
nicht schwierig. Mehr dazu später,
denn leider ist es nicht ganz so einfach.
kulturen prägen. Der holländische Sozialwissenschaftler Geert Hofstede¹
hat diese Merkmale für über 100 Länder empirisch erforscht und ein Modell mit 30 Kriterien in 5 Kategorien
zum Vergleich der Unterschiede nationaler Arbeitskulturen entwickelt.
Kultur GPS
Der Machtdistanz-Index bewertet
den Grad, in dem Individuen eine ungleiche Verteilung von Macht akzeptieren und erwarten. In Kulturen mit
hoher Machtdistanz sind Möglichkeiten zur Einflussnahme zentralisiert
und ungleich verteilt, in Ländern mit
geringer Machtdistanz hingegen eher
dezentral, gleichmäßiger verteilt und
kontroversen Ansichten ausgesetzt.
Dem entsprechend sind Statussymbole
wichtig oder unangebracht.
Wenn Sie unter Kollegen in Auslandsniederlassungen Ihres Unternehmens
eine Umfrage starten und die Empfänger der Fragebögen anrufen, um den
Rücklauf sicherzustellen, werden Sie
wahrscheinlich auf unterschiedliche
Vorbehalte stoßen. Der amerikanische
Kollege wird seine Beteiligung zusagen, wenn er sie gelegentlich auch
um einen Gefallen bitten kann. Der
Italiener wird gerne mitmachen, sobald er erfährt, dass irgend jemand
aus Ihrem Team jemanden aus seinem
Team kennt. Der Japaner wird sagen,
dass er teilnimmt, wenn sein Vorgesetzter dies anordnet. Und der Deutsche wird zusagen, wenn sein Beitrag
für den Prozess zwingend scheint.
Foto: iStockphoto
Die unterschiedlichen Aussagen spiegeln typische Werte und Verhaltensweisen wider, die nationale Arbeits-
Der Individualismus-Index bewertet
das Verhältnis zwischen Individuum
und Kollektiv. In Kulturen mit hohen
Indexwerten sind die Rechte des Individuums, Selbstbestimmung, persönliche Entfaltung und Selbstverantwortung wichtig. In Gesellschaften mit
niedrigem Indexwert sind die Integration des Einzelnen in Netzwerke, WirGefühl und Teamgeist wichtiger.
Foto: Shutterstock
Wolfram Fuchs
Navi für Unternehmenskultur
Der Risikovermeidungs-Index bewertet den Umgang mit Unbekanntem. Kulturen mit einem hohen Wert
zeichnen sich durch viele Gesetze,
Richtlinien und Sicherheitsmaßnahmen aus. Die Mitglieder sind emotionaler, von innerer Nervosität getrieben, beargwöhnen Veränderungen
und neigen zu vorbeugendem Handeln. Kulturen, die Unsicherheit akzeptieren sind tolerant, haben weniger Regeln und begegnen Veränderungen pragmatisch aufgeschlossen.
Die Mitglieder verhalten sich gelassen
bis phlegmatisch und erwarten von ihrer Umwelt kaum Gefühle.
congena Texte 2009
Der Langfristigkeits-Index wurde
von Hofstede nachträglich durch die
Untersuchung asiatischer Kulturen zur
Bewertung unterschiedlicher Handlungshorizonte eingeführt. Langfristig
orientierte Kulturen betonen [konfuzianische] Sparsamkeit, Bescheidenheit
und Beharrlichkeit. Mitglieder kurzfristig ausgerichteter Kulturen schätzen
dagegen Flexibilität und Egoismus.
Die fünf Indices sind die Koordinaten
eines globalen Positionierungssystems
für kulturelle Unterschiede. Als Culture GPS ist es Grundlage weit verbreiteter interkultureller Trainings, die
Führungskräften helfen, fremde Gesellschaften zu verstehen und ihr Verhalten darauf einzustellen.
Über 100 Kulturen
im 5D Vergleich²:
• Umgang mit Macht
[Machtdistanz]
• Soziale Einheit
[Individualismus]
• Rollenbilder
[Maskulinität]
• Umgang mit
Unbekanntem
[Risikovermeidung]
• Handlungshorizont
[Langfristigkeit]
Foto: CA Immobilien Wien
Der Maskulinitäts-Index bewertet die
vorherrschenden Einstellungen und
Verhaltensweisen. Kulturen mit hohen
Werten sind von maskulinen Eigenschaften geprägt [Leistung, Konkurrenz, Selbstverwirklichung], Kulturen
mit niedrigen Werten von femininen
Eigenschaften [Beziehung, Fürsorge,
Kooperation]. Sinngemäß unterscheiden sich die Geschlechterrollen in den
jeweiligen Kulturen.
54
Foto: Shutterstock
Wolfram Fuchs
Navi für Unternehmenskultur
Wolfram Fuchs
Navi für Unternehmenskultur
Der Büro Code
Nachdem sich die Erkenntnisse von
Hofstede seit vielen Jahren in Managementtrainings bewährt haben,
drängt sich die Frage auf, ob diese Erkenntnisse nur Verhaltensanpassungen erleichtern oder ob sie auch bei
der Gestaltung der Arbeitswelt hilfreich sind.
Steelcase hat in dem 2008 erschienenen Buch »Der Büro Code«³ mithilfe
des Culture GPS die Arbeitskulturen in
Großbritannien, Niederlande, Spanien,
Deutschland, Frankreich und Italien
und deren Einfluss auf den Geschäftserfolg verglichen. Die Ergebnisse waren im März 2009 Grundlage eines
dreitägigen Workshops, zu dem Steelcase in Zusammenarbeit mit AIT neun
international erfahrene Architekten
und Büroplaner eingeladen hatte. Innerhalb des Workshops sollte geklärt
werden, ob die aus der Analyse resultierenden Erkenntnisse in der praktischen Planung von Bürohäusern anwendbar sind.
Um das Ergebnis vorwegzunehmen,
die Methode ist für eine kulturell an-
55
congena Texte 2009
gepasste Büroplanung nicht nur nützlich, sondern eröffnet bisher nicht geahnte Möglichkeiten, Unternehmenskultur transparent zu machen, gezielt
zu planen, erlebbar zu gestalten und
die Ergebnisse vorher und nachher zu
bewerten, zum Beispiel zur Beurteilung von Kosten und Nutzen, aber
auch zur Erfolgskontrolle.
Die stille Botschaft der Räume
Am besten lässt sich das an der Eingangssituation zeigen, die es in jedem
größeren Bürohaus gibt. Sie besteht in
der Regel aus einer Vorfahrt, einer Außentür meist als Windfang, dem Empfangsraum, der zugleich Arbeitsplatz
von Mitarbeitern ist, die sich um ankommende Besucher kümmern und
Übergängen zu den internen Flächen.
Neben ihrer offensichtlichen Funktion
prägen sie vor allem den ersten Eindruck eines Besuchers von der Organisation.
In dem Workshop wurden vier exemplarische Gestaltungsvarianten entwickelt, die zeigen, wie die Anordnung
der immer gleichen Elemente diesen
ersten Eindruck verändern.
Wolfram Fuchs
Navi für Unternehmenskultur
56
Variante 1 – Konzern
Sie betreten eine mehrgeschossige
Halle, deren Größe zunächst beeindruckt – und die Menschen darin eher
klein erscheinen lässt. Den Mittelpunkt der Halle nimmt der Empfang
ein, dem Sie sich von mehreren Seiten
nähern können. Der Empfang ähnelt
der Rezeption in einem internationalen Hotel. Mit einer Selbstdarstellung,
die Größe suggeriert, wirbt die Organisation um Ihr Vertrauen – und um
Verständnis für das, was folgt. Das
Empfangspersonal wird Sie einweisen.
Variante 2 – Amt
Der Eingang führt Sie zwangsläufig zu
dem genau gegenüber angeordneten
Empfang. Hinter einer Glasscheibe mit
Sprechfenster wartet ein Mitarbeiter
der Allgemeinen Dienste oder eines Sicherheitsdienstes. Falls er beobachtet,
wie Sie sich geradewegs nähern, wird
er die unvermeidlichen Formulare
schon bereit legen. Wenn Sie warten
müssen, können Sie von der Bank auf
der rechten Seite bequem die einzelnen Abteilungen, Stockwerke und
Raumnummern studieren, die auf einer Tafel an der gegenüberliegenden
Wand aufgelistet sind. Wie Sie letzten
Endes an Ihr Ziel kommen, erfahren
Sie erst, wenn der Pförtner Sie durch
eine der Türen rechts oder links neben
dem Empfang bittet.
1
2
3
congena Texte 2009
Variante 3 – Passage
Kaum haben Sie den Windfang hinter
sich gelassen, stehen Sie in einem
Raum, der Sie an eine Einkaufspassage erinnert. Im Hintergrund sind Menschen und Konferenzräume. Sie wenden sich an den beiläufig angeordneten Empfang links, um sich anzumelden. Wenn Sie warten müssen, wird
man Ihnen die Sitzgruppen gegenüber anbieten. Auf dem Weg dorthin
stehen Sie vor der Wahl, entweder sitzend das Geschehen in der Halle zu
beobachten oder stehend die Projekte
über der Wartezone zu betrachten,
auf die das Unternehmen offenbar
stolz ist.
Variante 4 – Piazza
Eben waren Sie noch draußen, jetzt
sind Sie mittendrin und Teil einer unübersichtlichen Szenerie, in der über
mehrere Geschosse das Innenleben
der Organisation pulsiert: Menschen,
wohin man sieht. Noch bevor Sie sich
orientiert haben und den Emfangstresen nicht finden, wendet sich ein Mitarbeiter an Sie, um Ihnen weiterzuhelfen. Mit Handy, Laptop und Stehpult
kann er das auf Augenhöhe und ganz
auf Ihr Anliegen konzentriert tun.
4
Kulturlandschaften
Das, was sich dem Besucher mitteilt,
ist so unterschiedlich wie die Organisation der funktionalen Notwendigkeiten, die den Prozess der Ankunft begleiten. Im schlimmsten Fall werden
Sie sich selbst um Ihr Gepäck kümmern müssen, keine Toilette finden,
einen Sicherheitscheck erdulden und
beim Abschied hoffen, dass Sie draußen irgendwie ein Taxi finden. Im
günstigsten Fall werden Sie auf Menschen stoßen, die sich anbieten, Ihnen
das Gepäck abzunehmen, während
Sie das Besucher-WC entdecken, ohne
danach fragen zu müssen, die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen
kaum wahrnehmen und bis zum Abschied zu Ihrem nächsten Ziel aufmerksam vorausschauend betreut
werden.
Kultur Tuning
Die skizzierten Beispiele zeigen die unterschiedlichen Anmutungen des ersten Eindrucks und das gestalterische
Spektrum, in dem architektonisches
Vokabular im Dienst der Unternehmenskultur eingesetzt werden kann.
Die Wirkung entfaltet sich nach innen
und außen: auf Besucher [Kunden,
Geschäftspartner, Bewerber usw.], die
zum ersten Mal kommen und auf Mitarbeiter, deren Tätigkeit die Szenerie
57
congena Texte 2009
alltäglich umrahmt und unmerklich
beeinflusst.
Mit dem Kultur GPS lassen sich die
Mittel der Architektur und Prozessgestaltung gezielt für die Unternehmenskultur instrumentalisieren. Die
5 Indices ermöglichen es,
• Ausgangssituation und gewünschte Veränderungen in Interviews zu
ermitteln,
• Anforderungen an den Prozess
und die Gestaltung zielorientiert zu
beschreiben,
• Alternativen entscheidungsreif zu
bewerten, vor allem deren Nutzen,
• die Zielerreichung im Vergleich zu
der Ausgangssituation zu messen.
Das gilt nicht nur für die exemplarisch
variierten Eingangssituationen. Konferenzräume, Büroflächen, Toiletten und
Zwischenräume sind Orte, an denen
die stille Botschaft der Räume das Verhalten der Menschen, die sich darin
aufhalten, dauernd beeinflusst.
Oft wirken in den verschiedenen Bereichen verwirrend unterschiedliche
Botschaften, die im günstigsten Fall
beliebig erscheinen. Im ungünstigsten
Fall untergraben sie die Glaubwürdigkeit der Werte einer Unternehmenskultur, weil sie einander widersprechen: repräsentativer Empfang, Sani-
Foto: Shutterstock
Wolfram Fuchs
Navi für Unternehmenskultur
Wolfram Fuchs
Navi für Unternehmenskultur
58
congena Texte 2009
schenräume notwendig, die als Konferenzlobby eine informelle Atmosphäre
für dieses erlebte Wissen bieten. Ein
Flur als Vorraum zu den Konferenzräumen bietet dazu so wenig Anreiz, wie
ein Bahnsteig für eine Liebeserklärung.
Eine empathisch gestaltete Lobby
kann den atmosphärischen Rahmen
schaffen und den Off-Teil der Veranstaltung zu ihrem emotionalen Anker
aufwerten.
tärräume, deren spartanische Hygiene
Benutzern Geringschätzung vermittelt, Konferenzräume, deren Gestaltung eine belehrende Atmosphäre erzeugen, bürokratische Korridore, welche die Arbeitsplätze trennen.
Übertrüge man das Sprichwort »Stil
beginnt mit der Unterwäsche« auf
Unternehmen, wären Toiletten vermutlich die Orte, an denen man der
Wahrheit recht nahe ist. Mängel an der
funktionalen und hygienischen Gestaltung erkennt man an hilflosen Initiativen von Mitarbeitern. Da hängt dann
ein vorwurfsvolles Schreiben, das
schlechtes Benehmen unterstellt und
die Anderen auffordert, die Mängel
durch das eigene Verhalten auszugleichen.
Korridore mit aufgereihten Bürostuben fördern Burgdenken und Rückzug, vielleicht auch individuelle Leistung. Für Teamgeist, kurze Wege und
den raschen Austausch von Wissen
sind sie kontraproduktiv. Nachbarschaft, Transparenz, sehen und gesehen werden, für sich und doch bei allen sein zu können sind gestalterische
Prinzipien, die zweckdienlich eingerichtete Räume zu Landschaften aufwerten, in denen Unternehmenskultur
lebt und gelebt wird.
Eine technisch perfekte Ausstattung
von Konferenzräumen ist heute selbstverständlich, aber leider nicht ausreichend. Innerhalb der Konferenzräume
wird in der Regel vorwiegend explizites Wissen ausgetauscht. Das implizite
Wissen indes wechselt den Besitzer
vorzugsweise in den anscheinend belanglosen Gesprächen vor und nach
dem offiziellen Teil. Dazu sind die Zwi-
Foto: iStockphoto
Die Werte einer Unternehmenskultur
im Alltag zu verankern ist ein breites
Feld. Das ist halb so schlimm, wenn
man ein dafür geeignetes Instrumentarium hat.
Quellen
¹ Seit 2008 zählt Geert Hofstede im Ranking des Wall Street
Journals zu den 20 einflussreichsten Wirtschaftstheoretikern.
Details zu dem empirischen Verfahren, dem Modell und seiner
Aussagekraft finden Sie in seinen Veröffentlichungen:
Hofstede, Geert. Culture‘s Consequences, Comparing Values,
Behaviors, Institutions, and Organizations Across Nations,
Sage Publications, 2003
Cultures and Organizations: Software of the Mind. New York:
McGraw-Hill Education - Europe, 2004
² Software: www.culturegps.com
³ Catherine Gall, Beatrix Arantes, Der Büro-Code
Wie Arbeitskultur in Europa den Unternehmenserfolg
beeinflusst, Verlagsanstalt Alexander Koch, Leinfelden, 2008
Wolfram Fuchs, Maria Pott
59
congena Texte 2009
AOK Berlin Hauptverwaltung
Modernisierung im Rahmen einer Gebäudesanierung
Der Standort
Ein stadthistorisches Denkmal: 1730
wurde der Belle-Alliance-Platz am
Fluchtpunkt der drei Magistralen
Wilhelm-, Friedrich- und Lindenstraße
der »südlichen Friedrichstadt« angelegt. Als Rondell unterschied er sich
von den anderen Plätzen an den
Ecken der dreieckigen Stadterweiterung, dem quadratischen Pariser Platz
und dem achteckigen Leipziger Platz.
Aus dem 1959 gestarteten Wettbewerb »Hauptstadt Berlin« ging das
Konzept des Architekten Hans Scharoun [Berliner Philharmonie] für den
Wiederaufbau nach dem Krieg als
Mehringplatz hervor. Teil des Konzeptes, eine Mischung aus historischer
Rekonstruktion und modernem Städtebau, war die Akzentuierung des
Platzrondells mit dem 1970 fertiggestellten AOK Hochhaus, das unter
enormem Kostendruck mit sparsamsten
Mitteln errichtet wurde.
Gebäudesanierung
36 Jahre später war dieses Gebäude
bis in seine statische Substanz sanierungsbedürftig. Brandsicherheit, Fassadentechnik, Raumklima, Bürogliederung und Energieeffizienz waren
denkbar weit entfernt vom Stand der
Technik und den Anforderungen einer
zeitgemäßen Bürokultur.
Wolfram Fuchs
congena GmbH
Berater
Für die Sanierung gab es ein knappes
Budget, das im Laufe der Planung und
mit dem Beginn der Bauarbeiten um
so knapper wurde, je mehr von der
Bausubstanz ans Tageslicht kam. Die
Kostenentwicklung traf ein Unternehmen, das keinen Spielraum jenseits
des fixierten Budgets hatte. Zwar ist
die AOK Berlin mit Abstand größter
Versicherer der Region und betreut
mit 2.350 Mitarbeitern über 750.000
Versicherte, also jeden fünften Berliner. Aber die angespannte Situation
der Sozialversicherungen an sich und
die Unsicherheiten der Gesundheitsreformen, die zeitweise sogar existenzbedrohlich erschienen, ließen keinen
Raum für mutige Zukunftsinvestitionen.
Maria Pott
congena GmbH
Innenarchitektin
Planung
Foto: Berno Buff
Es gibt einfache und anspruchsvolle
Projekte. Und es gibt Steigerungen,
die weit darüber hinaus gehen. Die
Zutaten: ein mit Geschichte beladener
Standort, ein in die Jahre gekommenes Spätwerk der Berliner Architektenikone Hans Scharoun, ein knappes
Sanierungsbudget inmitten der Unsicherheiten von Gesundheitsreformen
und ehrgeizige Ziele für die Modernisierung einer der größten Gesundheitskassen mit 125-jähriger Tradition.
Hauptverwaltung der
AOK in Berlin
Wolfram Fuchs, Maria Pott
AOK Berlin Hauptverwaltung
Modernisierungsziele
Dennoch waren der Vorstand und die
projektverantwortliche Beauftragte
des Vorstands Gerlinde König entschlossen, die Chancen zur Modernisierung der Organisation im Rahmen
der Gebäudesanierung zu nutzen. Ein
Strategiepapier quantifizierte die Ziele.
• 25% mehr Produktivität durch
verbesserte Arbeitsorganisation
und verringerte Belastungen aus
der Arbeitsumgebung;
• 50% höhere Flächeneffizienz
durch die Aktivierung toter Flächen, Verdichtung und Synergieeffekte zwischen selten und regelmäßig genutzten Flächen;
• 10% Einsparungen durch die Abkehr von nicht mehr zeitgemäßen
Regelungen:
Sicherheitsregeln der Verwaltungsberufsgenossenschaften
aus den Jahren 1976 und 1980;
Regelungen der EU-Bildschirmrichtlinien, die u.a. durch Flachbildschirme überholt sind;
in den Baurichtlinien der Bundesländer verankerte Raum- und
Flächenstandards, die zu einer
hierarchisch begründeten unflexiblen Raumvielfalt führen und
organisatorische Anpassungen
erschweren;
• 13.000 € jährliche Bürokosteneinsparung durch jeden nicht vorgehaltenen Büroarbeitsplatz, vor dem
Hintergrund, dass Vollzeitkräfte
durchschnittlich 11,4 Wochen pro
Jahr nicht an ihrem Arbeitsplatz
sind und die AOK zudem viele
Teilzeitkräfte beschäftigt;
• Forcierung von Teamarbeit anstelle
der in öffentlichen Verwaltungen
und Versicherungen üblichen
Standardisierung von Prozessen.
Die Bürokultur sollte dem Wandel
der Tätigkeiten in einem Dienstleistungsunternehmen entsprechen: von der schematischen
Sach-Bearbeitung hin zur Arbeitmit-Menschen, um zunehmend
komplexe Einzelaufgaben mit ge-
60
congena Texte 2009
bündeltem Spezialwissen zu lösen.
• Förderung des Austauschs von implizitem Wissen, Erfahrungs- und
Prozesswissen also, das sich zeigen
aber kaum verbalisieren und formalisieren lässt.
Im Herbst 2006 gewann der Entwurf
der Berliner Niederlassung RKW Architektur + Städtebau den GeneralplanerWettbewerb. Im Januar 2007 wurde
congena mit dem projektbegleitenden
Change Management beauftragt: mit
der Umsetzung der Modernisierungsziele im Rahmen der Gebäudesanierung.
Verdichtungskonzept
Erstes Ergebnis der Zusammenarbeit
war ein Konzept zur Verdichtung der
Gebäudenutzung. Bis dahin orientierte sich der Entwurf an der ursprünglichen Flächennutzung. Zellenbüros an
Ringfluren im Hochhaus und Großräume in den riesigen Sockelgeschossen
mit einer Belegungskapazität von
Legende
Gemeinschaftseinrichtungen
Technik
Grundriss Hochhaus
vorher und nachher
Wolfram Fuchs, Maria Pott
AOK Berlin Hauptverwaltung
insgesamt rund 600 Arbeitsplätzen.
Während Abstand und Abschottung
in Zellen und Großräumen Flächen
kosten, schafft wohl proportionierte
Dichte Nachbarschaften, die dem
Teamgeist dienen – und spart Fläche.
Da rund 2/3 der Gesamtfläche in dem
15-geschossigen Hochhaus Büroflächen sind, wurde dessen Struktur
Grundlage des neuen Bürokonzeptes.
Anstelle der Ringflure wurde der zentrale Erschließungskern selbst zum gliedernden Element für überschaubare
Teamterritorien, eine Atmosphäre
kommunikativer Offenheit und höhere
Flächeneffizienz. Pro Geschoss ergaben sich vier Zonen für Teams mit jeweils 10 bis 15 Arbeitsplätzen. Alles
weitere ergab sich aus dieser Struktur.
Die natürliche Belüftung in Hochhäusern ist generell problematisch [was
bereits mit Zellenbüros vor der Sanierung zu Zugerscheinungen geführt
hatte]. Die Teambüros mussten darum
durch Glastüren getrennt werden, die
bei größeren Windstärken geschlossen
werden können und die Geschosse in
vier hydraulische Zonen mit unterstüt-
61
congena Texte 2009
zender mechanischer Belüftung gliedern. Eine Akustikdecke im Bereich
der Arbeitsplätze wurde erforderlich
und finanzierbar durch den Entfall der
vielen ursprünglich geplanten Trennwände. Entlang des Erschließungskerns
blieben ausreichend Restflächen, um
auf kurzen Wegen die üblichen und
das neue Konzept unterstützenden
kommunikativen Gemeinschaftseinrichtungen unterzubringen. So konnte die
Fassadenzone zu 100% mit Arbeitsplätzen genutzt und allein im Hochhaus über 600 Arbeitsplätze untergebracht werden, soviel wie zunächst
im gesamten Gebäude vorgesehen
waren.
Um dieses Konzept auch auf die im
Vergleich zu den Hochhausgrundrissen größeren Sockelgeschosse mit ihrem hohen Anteil an Dunkelflächen
übertragen zu können, wurde ein
dreigeschossiger Lichthof erforderlich,
der den Fassadenanteil erhöht und die
großräumigen Flächen in überschaubare Teamzonen gliedert, die genauso
wie im Hochhaus, ebenfalls natürlich
belichtet und belüftet sind.
Arbeitsplätze: 1er Büro, 2er Büro, 3er Büro, 2erTeam,
4er Team, 6er Team
Infrastruktur: DokuCenter, Garderobe, Espressobar,
Meeting, Think Tanks
Wolfram Fuchs, Maria Pott
AOK Berlin Hauptverwaltung
62
congena Texte 2009
Räumlicher Eindruck
der vier Teamzonen
im Hochhaus
Bürokonzept
Die räumliche Organisation sollte vor
allem wissensbasierte Dienstleistung in
Teams fördern und die Flächeneffizienz
optimieren.
•
Die wichtigsten Merkmale:
• Transparenz durch Glaswände und
offene Raumstrukturen: »sehen &
gesehen werden«;
• Gliederung in sozial und räumlich
überschaubare Nachbarschaften,
um alltägliche Wege und Durchlaufzeiten zu verkürzen, den
Austausch von Informationen und
Wissen, Wir-Gefühl, Teamgeist und
gegenseitige Unterstützung zu
fördern;
• Arbeitstische, die als Werkbänke
die persönliche Arbeitsorganisation
erleichtern und Arbeitsgruppen
unterstützen;
• eine weitgehende Standardisierung der Arbeitsplätze und ihrer
Ausstattung im Interesse der
Flexibilität und unkomplizierter
Umbelegungen;
• Gestaltungsspielräume, die eine
Anpassung der Arbeitsplätze an
•
•
•
•
•
individuelle Anforderungen im
Handumdrehen erlauben – ohne
Werkzeug, Kraft und Handwerker;
die Erweiterung der Arbeitsfläche
um eine vertikale Organisationsebene, zur Entlastung der Tischfläche von allem, was man nur im
Blick oder Griff haben möchte,
damit der Tisch frei ist für die
aktuelle Tätigkeit;
Begegnungsmöbel, die neben ihrer
Funktion als Stauraum oder Organisationshilfe auch Abschirmung
bieten, Stehkonferenzen und
Besprechungen am Arbeitsplatz
ermöglichen;
Rückzugsmöglichkeiten an nicht
benutzte Arbeitsplätze und in
ThinkTanks – Einzelbüros für alle im
Verhältnis 1 zu 20 Arbeitsplätzen;
Espressobars und Raucherräume
für den schnellen unkomplizierten
Austausch von Informationen;
DokuCenter mit Gemeinschaftsdruckern, Büromaterialvorrat, Postfächern und Papierentsorgung;
weitgehende Umstellung der ITInfrastruktur auf VOIP und Thin Clients, damit jeder Mitarbeiter jeden
Arbeitsplatz im Handumdrehen
personalisieren und nutzen kann.
Wolfram Fuchs, Maria Pott
AOK Berlin Hauptverwaltung
Pilotprojekt
Viele Einzelaspekte des neuen Konzepts wurden durch eine Besichtigung
und in einem Pilotprojekt überprüft
und präzisiert. Im Frühjahr 2007 wurde ein Business Club der Finanz-IT in
Berlin mit Bereichsleitern und Personalratsvertretern besichtigt. An dem
sanierten Standort dieses Unternehmens gibt es für die über 1.000 Mitarbeiter keine persönlichen Arbeitsplätze.
Die einzelnen Organisationseinheiten
sind in überschaubaren Clubs untergebracht und bieten den Mitarbeitern
Wahlfreiheit zwischen einer Vielfalt an
Arbeits- und Kommunikationseinrichtungen: Von Einzelbüros bis zu Teamräumen, Espressobars, Projekt- und
Besprechungsräumen. Jeder Mitarbeiter
ist seit der Einführung des Konzeptes
im Jahr 2000 gewohnt, für seine aktuelle Aufgabe die Umgebung zu wählen, die der Produktivität am besten
dient.
Im Sommer 2007 wurde unter Beteiligung von zwei Büromöbelherstellern
ein Teamraum mit Werkbänken eingerichtet und von 12 Mitarbeitern mehrere Wochen im Alltag getestet.
Ergebnisse waren eine hohe Akzeptanz der neuen Arbeitsplatzgestaltung
und viele Anregungen zur Verbesserung von Details, die schließlich in die
Ausschreibung einflossen.
Ausschreibung
Obwohl die Fassade während der Sanierung komplett erneuert wurde,
musste das heute ungebräuchliche
Fassadenraster von 1,56 m beibehalten werden. Für die Anordnung der
Arbeitsplätze in den Teamzonen war
damit der Platz entlang der Fassaden
eher großzügig, in der Tiefe zwischen
Fassade und Kern teilweise knapp. Mit
Serienprodukten waren die Anforderungen kaum preiswert zu erfüllen.
Ein juristisch aufwändiges Verfahren
wurde notwendig, um ein im öffentlichen Vergaberecht nur in Ausnahme-
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congena Texte 2009
fällen zulässiges mehrstufiges Verhandlungsverfahren durchzuführen. Die
Wettbewerbsteilnehmer mussten sich
zunächst durch zielführende Serienprodukte qualifizieren, geeignete Lösungen bemustern und deren Funktionalität, Qualität und Preis in einem
kreativen Dialog optimieren.
Projektmarketing
Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Mitarbeiter nur über die wesentlichen
Projektinhalte informiert: die Ziele, das
neue Bürokonzept und das Pilotprojekt. Nachdem die meisten gestalterischen Details geklärt und der Auftrag
vergeben war, wurden über Newsletter und in Workshops die Chancen
der Modernisierung beworben.
»Die Erstbelegung berücksichtigt einen
Arbeitsplatz pro Mitarbeiter. Dennoch
werden viele Arbeitsplätze oft unbesetzt sein. Nutzen Sie diese Arbeitsplätze, wenn es Ihnen in Ihrer Umgebung zu eng wird.
Im Laufe der Zeit soll der Zuwachs an
Mitarbeitern in einzelnen Bereichen
zunächst nicht durch mehr Fläche,
sondern durch eine bessere Auslastung
der vorhandenen Arbeitsplätze
aufgefangen werden.
Damit das funktioniert, gelten in der
neuen Bürokultur 10 Spielregeln, die
im gegenseitigen Interesse einzuhalten sind:
• Arbeiten Sie kundenfreundlich und
als Teamplayer; vermeiden Sie,
Anrufer an Kollegen zu verweisen;
kümmern Sie sich um das Problem.
Bitten Sie Anrufer möglichst nie,
erneut anzurufen, sondern sorgen
Sie dafür, dass zurückgerufen wird.
• Telefonieren Sie mit gedämpfter
Stimme. Sie schonen dadurch die
Nerven Ihrer Nachbarschaft und
wirken souveräner auf den Gesprächspartner am anderen Ende
der Leitung.
• In der neuen Umgebung ist vieles
Wolfram Fuchs, Maria Pott
AOK Berlin Hauptverwaltung
•
•
•
•
•
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sichtbar, was sich bisher hinter
Türen verbarg. Wundern Sie sich
nicht über das, was Sie sehen. Die
anderen tun auch nur ihren Job, in
der neuen Umgebung vielleicht auf
andere Weise als Sie dachten.
Nehmen Sie Rücksicht und haben
Sie Geduld mit Anderen. Teams
leben von Unterschieden und sind
erfolgreich, wenn sie diese nutzen
statt sie zu bekämpfen.
Beschleunigen Sie die Prozesse, indem Sie Verantwortung übernehmen und unnötige Absicherungen
vermeiden.
Beseitigen Sie alle Spuren an Ihrem
Arbeitsplatz, bevor sie ihn für
längere Zeit verlassen, damit er
während Ihrer Abwesenheit von
anderen genutzt werden kann und
Sie sich auf einen aufgeräumten
Arbeitsplatz freuen können.
Nutzen Sie die Wahlfreiheit zwischen unterschiedlichen Arbeitsplätzen. Wechseln Sie gelegentlich
Ihren Arbeitsplatz, um die Dinge
aus einer anderen Perspektive zu
erleben.
Minimieren Sie die Informationsund Papierflut. Erstellen, speichern
und verteilen Sie möglichst alle
Schriftstücke in digitaler Form.
Vermeiden Sie unnötige Ausdrucke
und Mehrfachablagen. Speichern
Sie digitale Informationen nur
einmal, und zwar so, dass sie auch
für andere transparent, auffindbar
congena Texte 2009
und zurückverfolgbar sind. Halten
Sie den Verteiler für Rundsendun-
gen möglichst kurz.
• Reduzieren Sie die Ablagen an
Ihrem Arbeitsplatz auf das, was Sie
täglich benötigen. Nutzen Sie die
Gemeinschaftsablagen für Unterlagen, die Sie seltener brauchen und
für Akten, die auch von anderen in
Ihrem Team genutzt werden.
• Treffen Sie eindeutige Absprachen
über die Handhabung dieser Spielregeln in Ihrem Bereich und achten
Sie darauf, dass alle sich daran
halten.«
Und die Kunden?
Als Dienstleister muss sich auch die
AOK in erster Linie um die Modernisierung der Kundenbeziehung sorgen.
Da die Kundenbeziehung vor allem
von den Mitarbeitern mit Leben erfüllt
wird, setzt das Modernisierungskonzept vor allem auf eine indirekte Wirkung zum Kunden durch die Einstellung und das Verhalten der Mitarbeiter. Nicht nur. Auch für Kunden und
Geschäftspartner ist die Modernisierung unmittelbar erlebbar.
Die neue Fassade, der Werbekubus, der
die Hauptverwaltung im Stadtbild markiert, das großzügig neu gestaltete
Entrée an der Wilhelmstraße, signalisieren den Aufbruch eines Dienstleisters
und einer starken Marke nach außen.
Wolfram Fuchs, Maria Pott
AOK Berlin Hauptverwaltung
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Die ehemalige Passage, die durch das
Erdgeschoss des Gebäudes führte und
im Konzept von Hans Scharoun die
Wilhelmstraße mit einem Geschäftszentrum, das nie entstand, am Mehringplatz verbinden sollte, ist einer repräsentativen Eingangshalle gewichen.
Anstatt des Mitarbeiters einer Sicherheitsfirma, der hinter einer Glasscheibe
mit Sprechfenster Besuchern in der
Passage den Weg wies, empfangen
freundliche Service-Mitarbeiter Besucher auf Augenhöhe und vermitteln
Gästen das Gefühl, erwartet zu werden.
Das Kundenzentrum, ursprünglich auf
der Gebäuderückseite in bedrängenden
congena Texte 2009
Verhältnissen isoliert, ist jetzt direkt
neben der Eingangshalle auf kurzen
Wegen mit den anderen Abteilungen
verbunden und verfügt über einen
eigenen Eingang mit Kundenparkplatz.
Der neue Konferenzbereich im 14. Obergeschoss gehört schließlich mit seinen
Dachterrassen und seinem 360° Panorama zu den unvergesslichen Ausblicken auf die Stadt. Besucher und Konferenzteilnehmer erleben die Ausmaße
der Stadt – und der sozialen Verantwortung, der die AOK mit diesem Modernisierungsschritt als Gesundheitskasse dient.
Daten und Fakten
Planungsstart
2006
Fertigstellung
2008
Umfang
15 Geschosse; 12.261 qm Mietfläche
Kapazität
948 Arbeitsplätze
Flächeneffizienz
13 qm Mietfläche pro AP, das ist weniger als die Hälfte
des deutschen Durchschnitts
Ausstattung
3 Empfangsbereiche, 46 Zellenbüros, 59 Teamräume,
3 Räume für Projekte, 23 Räume für Besprechung und Konferenzen,
21 Espressobars, 45 ThinkTanks, 40 DokuCenter
Generalplaner
RKW Architektur + Städtebau, Berlin
Projektsteuerung
Assmann Beraten + Planen, Dortmund
Fotos: Berno Buff, Berlin
Bürokonzept und Change Management congena GmbH, München
Neue Arbeitswelt in
der AOK Hauptverwaltung Berlin
Autoren
67
congena Texte 2009
Die Autoren in diesem Heft
Prof. Christian Bartenbach
Bartenbach LichtLabor
Aldrans
Österreich
Verena Bartenbach
Bartenbach LichtLabor
Aldrans
Österreich
Karin Birner
Information Architects®
Regensburg
Prof. Klaus Daniels
HL Beratungs- und Beteiligungs GmbH
München
Wolfram Fuchs
congena GmbH
München
Christian Huber
Lehrstuhl für Bauklimatik und
Haustechnik Prof. Dr.-Ing. Hausladen,
TU München
Malte Kopmann
congena GmbH
München
Mirjana Loitzl
congena GmbH
München
Matthias H.R. Müller
Information Architects®
Regensburg
Maria Pott
congena GmbH
München
Rudi Scheuermann
Arup GmbH
Berlin
Stefan Schierer
Müller-BBM GmbH
Planegg
René Sigg
Intep
Integrale Planung GmbH
München
Dr. Stefan Steidele
congena GmbH
München
Impressum
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Impressum
Herausgeber
congena Texte 2009
congenaTexte 2009
40. Jahrgang
congena
Gesellschaft für Planung,
Training und Organisation mbH
Baumkirchner Straße 53
D-81673 München
Telefon 0 89/45 49 28-0
Telefax 0 89/45 49 28-99
Internet: www.congena.de
E-mail: info@congena.de
Redaktion
Mirjana Loitzl
Petra Schneegaß
electronic publishing
Druckerei Joh. Walch
Im Gries 6
D-86179 Augsburg
Telefon 08 21/8 08 58-0
Telefax 08 21/8 08 58-39
Internet: www.walchdruck.de
E-mail: info@walchdruck.de
Bezugspreis
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Die veröffentlichten Beiträge stellen
die Meinung der Autoren dar.
Der auszugsweise Nachdruck ist
mit Angabe der Quelle und gegen
Belegexemplar gerne gestattet.
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Seele and Geist
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