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Mosaik / Passagen
Sendedatum: 04.11.2014
Samar Yazbek:„Die Fremde im Spiegel“
Rezensentin: Claudia Kramatschek
Redaktion: Adrian Winkler
Samar Yazbek: Die Fremde im Spiegel
Aus dem Arabischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Larissa
Bender
Verlag Nagel & Kimche, 2014
156 Seiten, 16,90 Euro
Anmoderation
„Ihr Freien der Welt: Schreit gegen das Schweigen an, mit dem Syrien Tag für Tag und
in diesem Augenblick verwüstet wird!“ – diesen eindringlichen Appell richtete die
syrische Filmemacherin und Autorin Hala Mohammad auf dem jüngsten internationalen
Literaturfestival in Berlin an den Westen. „Schrei nach Freiheit“ heißt auch das
aufrüttelnde Buch der syrischen Autorin Samar Yazbek, in dem sie bewegende
Stimmen der Revolution eingefangen hat. Sie selbst musste 2011 vor dem syrischen
Geheimdienst fliehen – ihr Einsatz für die Menschen- und Frauenrechte war und ist
dem Regime ein Dorn im Auge. In Berlin, wo Samar Yazbek ebenfalls Gast des
Festivals war, hat die 1970 Autorin nun ihren Roman „Die Fremde im Spiegel“
vorgestellt. Der ist im arabischen Original bereits 2008 und in der deutschen
Übersetzung nun im Schweizer Verlag Nagel & Kimche erschienen. Claudia
Kramatschek stellt den Roman vor und hat sich in Berlin mit Samar Yazbek
unterhalten.
Beitrag
Die Tür ist nur angelehnt. Doch wäre da nicht dieses Licht, das durch den Spalt schräg
in den Korridor fällt, würde Hanan al-Haschimi, als sie barfuß durch den Flur zum
Spiegel läuft, das leise Flüstern wohl gar nicht bemerken. Wie von der Tarantel
gestochen ist sie aus dem Bett gesprungen, aus einem Albtraum hochgeschreckt, in
dem sie sich in eine Frau mit fünf Armen und drei Brüsten verwandelt hatte.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht ) werden.
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Mosaik / Passagen
Sendedatum: 04.11.2014
Samar Yazbek:„Die Fremde im Spiegel“
Damaskus, im Jahr 2008. Das Leben in Syrien scheint noch weit weg von den
Schrecken der Gegenwart. Doch der Anschein trügt. Denn von Anfang an liegt in
diesem Roman eine grundlegende Verstörung in der Luft.
„Den Titel der deutschen Ausgabe finde ich sehr passend. Denn die Fremde im
Spiegel verkörpert jene Fremdheit, die auch Teil unserer Realität ist. Tatsächlich leiden
Menschen in einer Willkürherrschaft immer unter einer Spaltung der Seele, einer
Spaltung des Selbst.“
Hanan al-Haschimi ist eine Frau aus der reichen Oberschicht und eine der beiden
Frauen, deren Beziehung im Mittelpunkt des Romans steht. Schon länger führt sie eine
heimliche Beziehung mit ihrem Dienstmädchen Alia, die noch ein Kind war, als sie im
Haus der al-Haschimis zu arbeiten begann. Doch an dem Morgen kurz nach ihrem
Albtraum muss Hanan entdecken, dass Alia auch ihrem Mann gefügig ist. Kurzerhand
wirft sie ihre Bedienstete und Geliebte aus dem Haus.
In der blauen Dämmerung verfolgt sie Alias Schatten. Ihr Blick schweift in die Ferne,
wo Schwärme von fremdartigen Vögeln ihre Kreise ziehen, als wollten sie das
stolpernde junge Mädchen da unten verabschieden.
Fortan spricht der Roman in beider Stimmen zu uns: Sowohl Hanan als auch Alia
schildern aus jeweils ihrer Sicht dieses Verhältnis – dessen Abgründe sich auf diese
Weise nach und nach offenbaren. Was Samar Yazbek hier schildert, ist nämlich kein
Liebesverhältnis. Ihr Roman beleuchtet vielmehr die Geschichte eines umfassenden
Missbrauchs, der ein erhellendes Schlaglicht wirft auf das fatale Machtgefälle sowohl
zwischen Mann und Frau als auch auf das zwischen den einzelnen Klassen der
syrischen Gesellschaft. Sprich: Es geht um viel mehr als einen vordergründigen
Skandal.
„Im Westen, aber eigentlich auch im Orient, schaut man immer gerne auf den Körper
und auf alles, was körperlich verboten ist. Dieser Roman handelt zwar von der
Beziehung zwischen zwei Frauen. Aber Beziehungen in von Diktaturen regierten
Gesellschaften sind immer gestört. Insofern ist auch die Beziehung zwischen diesen
beiden Frauen gestört. Und im Falle meines Buches handelt es sich um ein
zwölfjähriges Kind, das letztlich vergewaltigt wird, missbraucht wird. Und ich zeige, wie
dieses Kind sich im Laufe der Beziehung dann selbst in eine solche 'Bestie' in
Anführungszeichen verwandelt, aggressiv wird und seine Macht ausübt.“
Tatsächlich lernt Alia ihren Körper als Waffe einzusetzen. Einzig um sich an Hanan zu
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
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Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
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Mosaik / Passagen
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Samar Yazbek:„Die Fremde im Spiegel“
rächen – die sie nachts benutzt, tagsüber aber ignoriert – beginnt sie mit Hanans Mann
das Verhältnis. Aufzubegehren wagt Alia nicht. Von Kind an hat sie gelernt, dass ein
Mädchen stets gehorchen und für andere da sein muss. Das hat sie gemeinsam mit
Hanan: Auch Hanan hatte einst gehorcht, als sie ihren Cousin heiraten musste, gegen
ihren Willen. Was beide trennt, ist ihre jeweilige Klasse. Als Angehörige der reichen
Oberschicht kann Hanan letztlich in gleicher Weise über Alia verfügen wie Hanans
Ehemann über seine Frau verfügt. Mit Alia wiederum erhalten wir Einblick in den
Bodensatz der syrischen Gesellschaft – und in die sich schon damals abzeichnenden
Veränderungen in den wachsenden Elendsvierteln am Rande von Damaskus.
Hohe Offiziere haben sich die angrenzenden Vororte und Außenbezirke der Stadt
angeeignet, wo sie ‚ihre’ Leute wohnen lassen und ihren Einfluss ausüben. Aus den
Landflüchtigen, die von nah und fern gekommen sind und von einem Leben in Würde
träumte, sind bezahlte Schergen, Getreue, Geheimdienstler oder Schwarzhändler
geworden.
Und eben in der Beschreibung dieser Klassenunterschiede lässt sich der Roman als
subtile Vorstudie der syrischen Revolution lesen.
„Was jetzt passiert, überrascht mich nicht. Denn ich beschreibe in meinem Roman die
Außenbezirke der großen Städte und die unterdrückte Schicht, die im Laufe der
Herrschaft von Hafiz und Baschar al-Assad immer ärmer geworden ist aufgrund der
Wirtschaftspolitik. Und genau diese Menschen haben die Revolution in Gang
gebracht.“
Am Ende des Romans erkennt Hanan zwar, dass sie und ihresgleichen Menschen wie
Alia brauchen, um ein besseres Leben zu leben. Doch Alia ist da längst entschwunden,
in eine auch uns unbekannte Zukunft. Samar Yazbek malt also in ihrem Roman „Die
Fremde im Spiegel“ – den Larissa Bender in ein vibrierendes Deutsch übertragen hat –
ein eher düsteres Bild. Die Hoffnung aber – so sagt die Autorin mit Blick auf die
jüngsten Entwicklungen in ihrer Heimat Syrien – will und darf sie trotzdem nicht
aufgeben.
„Ich darf mir keine Verzweiflung erlauben. Die Geschichte ist immer so gewesen. Es
gab schon immer Gewalt, brutale Menschen und Mörder. Und die Menschheit hat sich
immer dagegen gestellt, um Gerechtigkeit und Frieden einzufordern. Das müssen auch
wir weiterhin.“
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
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Seele and Geist
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