close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Katalogseite

EinbettenHerunterladen
Mosaik / Passagen
Sendedatum: 31.10.2014
Straub/Stauber: „Der Wiener Kongress“
Rezensent: Peter Meisenberg
Redaktion: Adrian Winkler
Eberhard Straub: Der Wiener Kongress. Das große Fest und die
Neuordnung Europas
Klett Cotta, Stuttgart 2014
255 Seiten, 21,95 Euro
Reinhard Stauber: Der Wiener Kongress
Böhlau UTB, Wien, Köln, Weimar 2014
285 Seiten, 19,99 Euro
Internettext
Der Wiener Kongress markiert einen Wendepunkt in der Geschichte Europas: Zum
ersten Mal versuchten die Europäischen Mächte, ein dauerhaftes Friedenssystem zu
installieren.
Zum
zweihundertjährigen
Jubiläum
versuchen
sich
mehrere
Neuerscheinungen an der historischen Einordnung.
Anmoderation
Die Anhänger des Europagedankens werden nicht müde zu betonen, wie neu und
einzigartig die Idee einer überstaatlichen europäischen Organisation, der EU nämlich,
ist. Und wie wichtig für das friedliche Zusammenleben der Europäer nach der
Erfahrung zweier Weltkriege, in denen sie sich gegenseitig zerfleischten. – In
Vergessenheit gerät über solche Euphorie allerdings leicht, dass die Europäische
Union nicht der erste Versuch der Europäer ist, ihr friedliches Zusammenleben zu
organisieren. In diesen Tagen vor zweihundert Jahren tagte der Wiener Kongress –
vom 18.September 1814 bis zum 9.Juni 1815. Dessen Teilnehmer fanden eine ganz
ähnliche Situation vor wie die Europäer nach dem 2. Weltkrieg: Fast zwei Jahrzehnte
lang hatte Napoleon ganz Europa mit seinen Kriegen überzogen und weite Teile des
Kontinents unter seine Herrschaft gebracht. Die alte, auf dem Frieden von Rastatt von
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht ) werden.
1
Mosaik / Passagen
Sendedatum: 31.10.2014
Straub/Stauber: „Der Wiener Kongress“
1714 gründende europäische Ordnung war aufgelöst, die Völker und Staaten im
Unfrieden. Nach Napoleons Abdankung im April 1814 entschieden sich die vier großen
Siegermächte – England, Preußen, Österreich und Russland – dazu, Europa politisch
neu zu ordnen und gleichzeitig ein diplomatisches System zu installieren, das auf
Dauer für Frieden in Europa sorgen sollte.
Zum zweihundertjährigen Jubiläum dieses politischen Großereignisses bringen gleich
mehrere Verlage Neuerscheinungen zu dessen historischen Deutung. Die Bücher des
Berliner Publizisten Eberhard Straub und des Klagenfurter Historikers Reinhard
Stauber - beide unter dem Obertitel „Der Wiener Kongress“ erschienen - könnten
unterschiedlich nicht sein – Peter Meisenberg stellt sie vor.
Beitrag
Dass Politiker aus Erfahrung lernen, kommt selten vor. Dazu bedarf es schon großer
Katastrophen. Der Zweite Weltkrieg war eine solche Katastrophe und, 150 Jahre zuvor,
die Verheerung Europas durch die napoleonischen Kriege. Aus beiden Katastrophen
zogen die Siegermächte ähnliche Konsequenzen. Sie verzichteten auf die moralische
Bestrafung der Besiegten und machten sich daran, eine übernationale Ordnung zu
errichten, die zukünftige Kriege verhindern sollte.
Aus den wechselnden europäischen Katastrophen seit 1792 zogen Diplomaten und
Monarchen nach dem Sieg über Napoleon die Lehre, die Staatsräson auf Prinzipien zu
verpflichten, damit die europäische Staatengemeinschaft sich zu einer wahren Union
vollende.
Zu diesem Urteil gelangt der Autor Eberhard Straub in seinem Buch über den Wiener
Kongress. Ein Urteil, das die faktischen Ergebnisse des Kongresses allerdings
beschönigend überzeichnet. Von einer „Union“ waren und blieben die europäischen
Mächte meilenweit, nämlich noch anderthalb Jahrhunderte, entfernt. Allenfalls reichte
es im Anschluss an den Kongress zu einer „Heiligen Allianz“ reaktionärer Monarchen,
mit der liberale und demokratische Bestrebungen abgewehrt werden sollte. - Tatsache
allerdings ist, dass es dem Kongress gelang, das europäische Staatensystem vom
konfliktreichen System der „Balance of Power“ des 18. Jahrhunderts zu einem
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht ) werden.
2
Mosaik / Passagen
Sendedatum: 31.10.2014
Straub/Stauber: „Der Wiener Kongress“
Mächtegleichgewicht im europäischen „Konzert“ des 19. Jahrhunderts umzuwandeln.
Voraussetzung
für
dieses
auf
Verträgen
und
regelmäßigen
diplomatischen
Konsultationen beruhende System war, dass die vier Großmächte das besiegte
Frankreich nicht nur „glimpflich“ behandelten, wie Straub schreibt, sondern
gleichberechtigt mit aufnahmen in ihr „Konzert“ und aus der Herrschaft der vier eine
der fünf, eine Pentarchie machten. Nur so konnte das Ziel der in Wien tagenden
Fürsten erreicht werden: Das Hegemoniestreben einer der fünf europäischen
Großmächte auszuschließen und damit einen dauerhaften Frieden herzustellen.
Dem Wiener Friedenswerk gelang eine schöpferische Restauration, eine neue
Ordnung Europas aus dem Geist der alten, vorrevolutionären Welt. Diese Ordnung
löste sich im Ersten Weltkrieg auf. Hundert Jahre lang hatte der Friede gewährt, der in
Wien gestiftet worden war. Noch nie in ihrer Geschichte hatten Europäer eine so lange
Friedenszeit erlebt.
Mit dieser Interpretation der Wirkungsmacht und vor allem der Wirkungsdauer des
Wiener Kongresses schließt sich Eberhard Straub der Auffassung an, die der junge
Henry Kissinger in seiner Doktorarbeit vertrat. Eine Sicht, die die Mehrheit der
Historiker allerdings nicht mehr teilt. In seinem Buch über den Wiener Kongress etwa
schreibt
der
Klagenfurter
Historiker
Reinhard
Stauber,
dass
die
„Wiener
Friedensordnung“ nicht hundert, sondern gerade 40 Jahre, bis zum Krimkrieg nämlich
hielt, wo sich die europäischen Großmächte schon wieder kriegerisch gegenüber
standen.
Warum Eberhard Straub trotzdem contrafaktisch an der veralteten Auffassung eines
hundertjährigen Friedens festhält? Weil dieser Autor, der an anderer Stelle Wilhelm II.
tatsächlich einmal als einen „Friedfertigen“ bezeichnete, davon überzeugt ist, dass
seinerzeit nur von Fürsten gelenkte Staaten imstande waren, eine rationale Politik und
Diplomatie zu betreiben. Sobald sich diese dynastischen, und mit Ausnahme von
Frankreich sämtlich supranational verfassten Staaten auflösen und sich das
Nationalstaatsprinzip durchsetzt, ist es vorbei mit der Rationalität. Unter diesem
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht ) werden.
3
Mosaik / Passagen
Sendedatum: 31.10.2014
Straub/Stauber: „Der Wiener Kongress“
Blickwinkel muss Straub den Wiener Beschlüssen eine so überdimensionale
Bedeutung beimessen.
Viel kleinteiliger und sachlicher dagegen geht Reinhard Stauber in seinem Buch vor. Er
beschränkt sich auf die Darstellung der Interessen der einzelnen Mächte, deren
Verhandlungsführung in Wien und der Ergebnisse des Kongresses. Während dieser
Autor sich mit pauschalen Wertungen und Einordnungen sehr zurückhält, lässt
Eberhard Straub kaum eine Gelegenheit aus, gegen die Französische Revolution,
gegen
die
„schwammigen
Begriffe“
von
Freiheit,
Menschlichkeit
und
Selbstbestimmung, gegen die Republik, gegen Demokratie und vor allem gegen den
Nationalstaat zu polemisieren. So, als könne er mit seiner Polemik das Rad der
Geschichte noch einmal zurückdrehen.
So ist Straubs Buch, obwohl zupackender geschrieben als das des etwas drögen
Reinhard Stauber, politisch völlig unkorrekt. Es ist darüber hinaus aber auch historisch
unkorrekt. Denn es verharmlost oder unterschlägt gar den bitteren Preis der Wiener
Friedensordnung: Das zynische Land-Geschacher der Großmächte, in dessen Folge
ein selbständiges Polen für hundert Jahre endgültig von der Landkarte verschwand
oder Italien komplett unter die Herrschaft fremder Mächte geriet.
Vor allem aber verharmlost Straub die innenpolitischen Folgen der Wiener
Friedensordnung: Auf Kosten eines vorübergehenden Friedens blockierte sie dauerhaft
die Entwicklung demokratischer Bewegungen in Europa. – Dem auf Außenpolitik
fixierten Eberhard Straub entgeht diese gesellschaftspolitische Implikation. Reinhard
Stauber dagegen erkennt gerade darin die historische Begrenztheit der Wiener
Friedensordnung.
Es stellte sich heraus, dass die fünf großen Mächte im System des europäischen
Konzerts nicht über gemeinsame, verbindliche Vorstellungen verfügten, weder über die
Ausgestaltung einer legitimen innenpolitischen Ordnung, noch über die Tragweite des
monarchischen Prinzips, die Notwendigkeit von Verfassungen oder die Rolle einer
Volksrepräsentation.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht ) werden.
4
Mosaik / Passagen
Sendedatum: 31.10.2014
Straub/Stauber: „Der Wiener Kongress“
So wuchsen dem „Konzert“ Züge einer neuartigen internationalen Staatengemeinschaft
zu, doch blieb der Kern ihrer raison d’etre als militärische Allianz immer präsent.
Dieser
militärische
Charakter
verstetigte
sich
unter
dem
Vorzeichen
der
Nationalstaatsbildung und des wachsenden Nationalismus in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts. Deshalb konnte die Wiener „Friedensordnung“ der europäischen
Großmächte 1914 so schnell in tödliche Feindschaft umkippen. Wenn sie nicht gar
dazu beitrug.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht ) werden.
5
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
5
Dateigröße
127 KB
Tags
1/--Seiten
melden