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Ersatzmuttis oder tolle Spielkameraden: Was bringen Männer in die

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Brandes, Holger (2010).
Ersatzmuttis oder tolle Spielkameraden: Was bringen Männer
in die Erziehung ein?
erschienen in Erziehung & Unterricht, Österreichische Pädagogische
Zeitschrift, 160, Heft 5-6/2010, 484-496.
Summary:
Vor dem Hintergrund eines veränderten Männerbildes und der Forderung
nach mehr männlichem Engagement in der frühkindlichen Erziehung wird ein
Überblick über Forschungen zu geschlechtsspezifischen Erziehungshaltungen
gegeben und hinsichtlich
Frage, ob es einen spezifisch männlichen
Interaktionsstil in der Erziehung gibt, diskutiert.
Wenn gegenwärtig in der Diskussion um die Beteiligung von Vätern in der
Früherziehung
oder
Männern
als
pädagogisches
Personal
in
Kindertageseinrichtungen die Frage nach der Rolle von Männern in der
Erziehung von Kindern aufkommt, dann haben wir es, wie fast immer bei der
Geschlechterfrage, mit der Gefahr von Klischeebildungen und vorschnellen
Verallgemeinerungen im Sinne von „typisch männlich“ oder „typisch
weiblich“ zu tun.
Angesichts von R. W. Connells (1995, 30) Feststellung, dass es „einen Abstieg
ins Absurde“ bedeutet, wenn man „über Männlichkeit als ein und dasselbe
Wesen quer durch die Unterschiede von Ort und Zeit“ zu reden versucht, ist es
deshalb zuerst einmal sinnvoll, sich zumindest kurz zu vergewissern, von
welchem Männlichkeitsverständnis wir auszugehen haben, und wie es
eigentlich dazu kommt, dass thematisiert wird, ob es einen spezifisch
männlichen Beitrag in der Erziehungstätigkeit insbesondere gegenüber
jüngeren Kindern gibt.
Zum Wandel des Vater- und Männerbildes in der Gesellschaft
In unserer abendländischen, besonders auch der deutschen Tradition trat bis
weit in die Industrialisierungsphase der Vater „de jure seiner Frau, seinen
Kindern und den Hausbediensteten als politische Obrigkeit, als Richter und als
Stellvertreter Gottes auf Erden“ gegenüber (Mies 1987, 26). Dass dabei die
Kinder in einem Atemzug mit dem Bediensteten genannt werden, steht
keineswegs im Widerspruch dazu, dass auch die in der Rolle der Obrigkeit
gefangenen Väter oft eine tiefe Verantwortung gegenüber ihren Kindern
verspürten. Diese Verantwortung drückte sich aber mehr darin aus, dass
besonders die Söhne hart angefasst wurden, um ihnen so das Rüstzeug zu
vermitteln, damit sie später selbst hart und gerecht die obrigkeitlichen
Funktionen ausfüllen konnten.
Neben diesem jahrhundertealten Verständnis vom Vater als Obrigkeit gab es
aber auch immer die Tradition des Vaters als Lehrer, als dessen, der
fundamentale Umgangsweisen mit den Dingen des täglichen Lebens, der
Handwerk und Kriegshandwerk an den Sohn vermittelt.
Hierauf bezieht sich noch in den 60er Jahren Alexander Mitscherlich, wenn er
in seinem Klassiker „Auf dem Weg in die vaterlose Gesellschaft“ schreibt:
„Vom Vater kann man lernen, man kann von ihm eingeführt werden in die
Praxis des Umgangs mit den Dingen, oder man entbehrt ihn dabei“ (1963,
178).
Bis in diese Zeit, sogar bis weit in die 1980er Jahre, war es sowohl vom
Alltagsverständnis wie auch in der Psychologie und Pädagogik üblich, bei der
Thematisierung der erzieherischen Rolle des Vaters in erster Linie an das
ältere Kind zu denken. Bezogen auf jüngere Kinder wurde selbstverständlich
und unhinterfragt sowohl im Alltag, wie auch in der Wissenschaft immer nur
an die Beziehung der Mutter zum Kind gedacht. Beispielhaft hierfür ist die
Position Sigmund Freuds, nach dessen Auffassung der Vater erst mit der
ödipalen Phase, also mit vier bis fünf Jahren entwicklungsrelevant ins Leben
des Kindes eintritt, wobei ganz im Sinne des patriarchalen Familienmodells
seine Bedeutung vornehmlich in der Vermittlung gesellschaftlicher Werte und
der Moral gesehen wird – die Identifikation mit ihm wird als Voraussetzung für
die Herausbildung des Über-Ichs gedacht. Wie lange diese Auffassung in der
Psychoanalyse nachwirkt, kann man exemplarisch an der prominenten
französischen Psychoanalytikerin Françoise Dolto festmachen, die noch 1988
schreibt: „… dass ein Vater sich um sein Kind, solange es ein Baby ist, nicht
kümmert, ist völlig normal: es ist keine Aufgabe für einen Mann“ (zit. n. Le
Camus 2001).
Dieses Zitat ist um so bemerkenswerter, als es bereits in eine Zeit fällt, in der
veränderte Arbeits- und Lebensbedingungen und der Einfluss der
Frauenbewegung in den Industrienationen dazu führen, dass qualifizierte
Berufstätigkeit von Frauen und Müttern zur Normalität wird und traditionelle
Geschlechtsrollenbilder und Familienmodelle unter Druck geraten. Dennoch
kommen auch Metz-Göckel und Müller in einer repräsentativen deutschen
Befragung von 1986 noch zu dem Schluss: „Männer bestehen unerschütterlich
auf der Unersetzbarkeit der Mutter und damit, so müssen wir folgern, auf ihrer
eigenen Entlastung von der Kinderbetreuungsarbeit... Die Gretchenfragen im
Verhältnis der Geschlechter lautet also: Wie hältst Du’s mit den kleinen
Kindern“ (1986, 88f).
In der Folgezeit schreitet dieser Prozess weiter voran und findet seinen
Ausdruck in einer immer deutlicheren Veränderung der Männlichkeitsideale in
fast allen gesellschaftlichen Schichten und Milieus. In der internationalen
Forschungslandschaft ist dies am deutlichsten für Österreich und Deutschland
dokumentiert durch einer Reihe von repräsentativen Befragungen, die Paul
Zulehner mit wechselnden Partnern durchgeführt hat (Zulehner & Slama 1994;
Zulehner & Volz 1998; Zulehner 2003; Zulehner & Volz 2009). Danach
nehmen zwischen 1992 und 2008 in beiden Ländern traditionelle männliche
Einstellungen, deren Kern die Auffassung ist, dass der Mann für die finanzielle
Versorgung der Familie zuständig sei und im Beruf seine Erfüllung finde,
während Haushalt und Kinder Sache der Frau seien, kontinuierlich ab.
Dagegen nimmt die Verbreitung eines modernen, partnerschaftlichen
Männlichkeitsmodells zu, bei dem sich der Mann mit seiner möglichst
berufstätigen Frau den Haushalt teilt und es als Bereicherung ansieht, sich in
der Betreuung seiner kleinen Kinder zu engagieren.
Ein weiteres Indiz für diese deutliche Einstellungsveränderung ist, dass in
Deutschland nach der Reform des Elterngeldes als Ausgleich für
Einkommensverluste durch Betreuung im ersten Lebensjahr des Kindes der
Anteil der Männer, die dieses in Deutschland anteilig in Anspruch nimmt, in
wenigen Jahren von ca. 1,8% auf über 10% dramatisch angewachsen ist.
Die Denaturalisierung des Bezugs zum Kleinkind
Im Zuge dieser Veränderungen in den Geschlechtsrollenstereotypen kommt im
Alltagsverständnis auch die traditionelle Überzeugung ins Wanken, dass
eigentlich und „von Natur aus“ die Mütter zur Betreuung und Erziehung
besonders kleiner Kinder prädestiniert seien. Trotzdem sehen sich Männer, die
sich als Väter oder pädagogische Fachkräfte verantwortlich im Kleinkinder
kümmern, zumindest unterschwellig weiterhin dem Verdacht ausgesetzt, sie
könnten traditionell als weibliche verstandene Tätigkeiten lediglich
ansatzweise und bestenfalls als quasi „Ersatzmutti“ wahrnehmen. Entsprechend
ist der Anteil männlichen Fachpersonals in Kindertageseinrichtungen umso
niedriger, je jünger die jeweils betreuten Kinder sind (vgl. Rohrmann 2007)
Dabei hat die wissenschaftliche Forschung in Ethologie und Psychologie
eigentlich schon recht früh begonnen, Mutterschaft zu „denaturalisieren“,
indem der als evident unterstellte Zusammenhang zwischen biologischer
Ausstattung (insbesondere Schwangerschaft und Stillfähigkeit) und einer damit
auch als naturgegeben unterstellten Kompetenz von Frauen im Umgang mit
Kleinkindern in Frage gestellt wurde.
Insbesondere die bahnbrechenden Arbeiten des Ethologen Harlowe in den 50er
Jahren und hieran anschließend der Bindungsforscher um John Bowlby
relativierten grundsätzlich und überzeugend die für die Psychoanalyse noch
fundamentale Bedeutung des Stillens. Sie konnten nachweisen, dass es ein im
Kind angelegtes biologisch angelegtes Bedürfnis nach sozialer Bindung gibt,
das nicht nur für die emotionale und soziale Entwicklung von höchster
Bedeutung ist, sondern auch das Explorationsverhalten des Kindes und damit
dessen kognitive Entwicklung wesentlich beeinflusst. Parameter wie
Kontaktfähigkeit und Feinfühligkeit der Erwachsenen, die zumindest
prinzipiell und mit biologischen Argumenten auch Vätern nicht abzusprechen
sind, rückten damit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Dennoch war anfänglich auch in der Bindungsforschung ausschließlich nur von
der Bindung des Kindes an die Mutter die Rede. Als schließlich begonnen
wurde, in das experimentelle Setting der „fremden Situation“ auch Väter
einzubeziehen und den Einfluss von Müttern und Vätern auf die
Bindungsmuster der Kinder zu vergleichen, war man aufgrund der geringen
zeitlichen Betreuungsanteile der Väter wenig erstaunt, dass ihr Einfluss auf das
Bindungsverhalten der Kinder in der Regel schwächer war als der der Mütter.
Inzwischen verfügen wir über eine Vielzahl belastbarer empirischer Belege
(Lamb 1997a, Day & Lamb 2004) dafür, dass die aufgrund von
Schwangerschaft und Stillfähigkeit größere biologische Nähe der Mutter zum
Kind nicht automatisch zu einer höheren Fähigkeit zur Betreuung und
Versorgung kleiner Kinder führt. Vielmehr zeigt sich, dass Fürsorge und
Erziehung von beiden Eltern im Alltag quasi „on the job“ (Lamb) gelernt
werden. Zwar zeigen häufig Mütter eine höhere Sensibilität und
Reaktionsbereitschaft in Bezug auf das Schreien ihrer Säuglinge, dies lässt sich
aber darauf zurückführen, dass sie schlichtweg mehr Umgang mit diesen
haben.
Bestätigt wird der Befund durch Untersuchungen, die z.B. zeigen, dass die
Teilnahme von Vätern an der Geburt ihrer Kinder und der unmittelbare
Kontakt nach der Geburt, das spätere Engagement und die Feinfühligkeit der
Väter ebenso positiv beeinflusst wie gezielte Pflegekurse für Väter (Le Camus
2001, 104).
Auch Untersuchen, die zu verschiedenen Aspekten der „intuitiven
Elternschaft“ (Papousek & Papousek 1995) durchgeführt wurden, z.B.
Untersuchungen zur intuitiven Anwendung der sog. „Babysprache“ und der
kommunikativen Mimik gegenüber Säuglingen, haben keine relevanten
geschlechtsspezifischen Unterschiede belegen können. Man geht zwar
durchaus davon aus, dass diese Fähigkeiten eine biologische Grundlegung (im
Sinne eines angelegten Programms) besitzen, ein Unterschied zwischen
Männern und Frauen lässt sich hierbei aber nicht nachweisen.
Der französische Psychologe Jean Le Camus fasst den gegenwärtigen
Forschungsstand dahingehend zusammen, dass die Kommunikation zwischen
Eltern und Kleinkind „auf der Grundlage von Merkmalen stattfindet, die vom
Elternstatus des Gegenüber unabhängig sind. Mutter und Vater stellen sich
beinahe auf gleiche Weise auf das Entwicklungsniveau des Babys ein: auf
gleiche Weise sprechen sie auf einem hohen Tonregister und auf gleiche Art
reden sie mit ihm in vereinfachter Sprache“ (2001, 58). Dem entspricht
Michael Lambs Schlussfolgerung aus verschiedenen Studien, dass Väter und
Mütter ihre Kinder eher in ähnlicher Weise beeinflussen, als dass deutliche
geschlechtsspezifische Unterschiede nachzuweisen sind. Seiner Ansicht nach
zeigt sich, dass „elterliche Wärme, Fürsorge und Nähe unabhängig vom
Geschlecht der Eltern verbunden sind mit positiven Effekten auf Seiten des
Kindes. Die wichtigsten Dimensionen elterlichen Einflusses sind also solche,
die generell mit Eigenschaften der Eltern zu tun haben und weniger mit
geschlechtsabhängigen Charakteristika“ (Lamb 1997b, 13, Übers. HB). Und
noch ein anderes Ergebnis ist bemerkenswert: Die bloße Zeit, die Väter mit
ihren Kindern verbringen, ist dabei weniger bedeutsam als, was sie in dieser
Zeit tun und wie sie oder andere Bezugspersonen die Beziehung zum Kind in
dieser Zeit gestalten.
Bringen Männer etwas anderes in die Erziehung ein als Frauen?
Wenngleich die gerade angeführten Forschungsergebnisse eher für
geschlechtsunabhängige
Faktoren
gelingender
Erziehungsund
Betreuungstätigkeit gegenüber Kindern sprechen, muss das noch nicht
zwangsläufig heißen, dass Männer und Frauen gegenüber Kindern das Gleiche
mit der gleichen Absicht und in genau der gleichen Art und Weise tun.
V. Jeffery Evans (2004, XII) spricht dies an, wenn er mit Bezug auf das auch in
den USA sich verändernde männliche Selbstverständnis und aus Sicht des
renommierten amerikanischen National Institute of Child Health and Human
Development (NICHD) formuliert: „Es ist wahrscheinlich ein Fehler, zu
meinen, Väter wollten Mütter ersetzen. Moderne, gebildete Väter wollen
zweifelsohne die reiche interpersonale Beziehung mit ihren Kindern erfahren,
die traditionell die Mütter genießen. Aber sie wollen dieses Interaktionen unter
ihren eigenen Bedingungen ... Aber wir wissen nicht wirklich, ob
väterspezifische Verhaltensweisen existieren oder was sie sind“.
Die Suche nach solchen väter- oder männerspezifischen Verhaltensweisen im
Umgang mit kleinen Kindern hat seit den 1990er Jahren die
Entwicklungspsychologie unter dem Vater-Kind-Aspekt zunehmend
beschäftigt.
Schon im sogenannten vorsprachlichen Bereich scheint es Unterschiede
zwischen mütterlichem und väterlichem Verhalten zu geben. Es gibt Hinweise
darauf, dass das Kind bei engagiertem Vater bereits in den ersten Monaten mit
zwei teilweise unterschiedlichen nonverbalen Kommunikationsweisen
konfrontiert ist. So scheinen Mütter mehr die visuelle, regulierende Stimulation
des Säuglings zu bevorzugen, Väter starker die taktile und kinästhetische,
anregende Stimulation. Die Interaktion der Babys mit ihren Vätern wird als im
Unterschied zu den Müttern stärker rhythmisches Geschehen mit größeren
Höhepunkten und längeren Phasen beschrieben (Brazelton & Cramer 1994)
und Le Camus (2001, 98) spricht vom tonisch-emotionalen Dialog von Mutter
und Kind im Unterschied zum mehr phasisch-motorischen Dialog zwischen
Vater und Kind.
Kommen die Kinder in das Sprechalter (zwischen 1,5 und 2 Jahren) werden
weitere Unterschiede deutlich: Väter scheinen gegenüber kleinen Kinder dann
dazu zu neigen, „weniger vertraute Wörter zu verwenden als die, welche im
Grundmuster der Sprechweise von Müttern vorkommen“ (Le Camus 2001, 59).
Sie passen sich in der Begriffswahl weniger dem Kind an und benutzen auch
ungewöhnlichere Worte, weshalb Le Camus sie auch als die für das Kind
„schwierigeren Gesprächspartner“ bezeichnet. Dabei sieht er dies aber
durchaus positiv: „Wegen ihrer höheren Forderungen wirken Väter als
‚sprachliche Brücke’ zwischen der frühen dyadischen Sprache und der späteren
polyadischen (d.h. mit mehreren Gesprächspartnern), wie es im
gesellschaftlichen Umfeld der Fall ist“ (2001, 60). Zeigen lässt sich auch, dass
Väter
direktiver
sind
und
in
ihrem
Sprachcode
häufiger
Handlungsaufforderungen enthalten sind, während Mütter häufiger expressive
Botschaften, die eine Emotion beschreiben, benutzen.
Insgesamt finden wir in verschiedenen Untersuchungen konsistent in die
gleiche Richtung gehende Ergebnisse, wobei Väter im Vergleich zu Müttern
im Spiel als stärker handlungs- und lösungsorientiert, die kindliche
Selbstregulation fördernd, Fähigkeiten des Kindes herausfordernd und bei
älteren Kindern als eher aufgabenbezogen charakterisiert werden (Lamb
1997c). Auch für Martin Dornes, der in Deutschland für seine
Überblicksarbeiten zur frühen Kindheit bekannt wurde, ist „der am besten
gesicherte Befund zum differenziellen Umgang ..., dass Mütter stärker
pflegerische, Väter stärker spielerische Aktivitäten im Umgang mit ihren
Kindern entfalten und beide sich auch in der Art des Spielens unterscheiden.
Mütter spielen sanfter, Väter rauer, und zwar sowohl mit Mädchen als auch mit
Jungen, wobei sie sich von den Mädchen im Laufe der Zeit zu sanfterem Spiel
erziehen lassen... Das vor allem mit Jungen praktizierte grobmotorische,
körperbetonte Spiel (Hochwerfen; akzentuierte Wechsel zwischen aktiven und
passiven Phasen) hat verschiedenen Untersuchungen zufolge (….) einen Effekt
auf die Fähigkeit zum gekonnten Umgang mit Aggressionen“ (Dornes 2006,
294).
Auch die Bindungsforschung hat, nachdem sie anfänglich nur die Mutter-KindBeziehung im Blick hatte, in den letzten Jahren beeindruckend konkretes
Material zum väterlichen Interaktionsverhalten vorgelegt. Ausgangspunkt
hierfür war ein veränderter experimenteller Zugang. Unterstellt wurde, dass das
experimentelle Setting einer standardisierten Trennungssituation für 12-18
Monate alte Kinder (die sog. „Fremde Situation“) für alltägliche Vater-KindInteraktionen eher untypisch sei und deshalb den väterlichen Einfluss auf die
Bildungsqualität und Entwicklung des Kindes nur unzureichend abbilde.
Grossmann & Grossmann (2004, 221) verweisen dabei auf die
„unterschiedlichen Interaktionserfahrungen…, die ein Säugling im Laufe des
ersten Jahres mit seinem Vater macht, die meistens nicht im Rahmen von
Versorgungen durch den Vater geschehen, sondern eher im spielerischen
Zusammensein“. Im Rahmen der Bielefelder Längsschnittstudie wurde
daraufhin versucht, den spezifisch männlichen Beitrag zur Entwicklung des
Kindes in einem anderen experimentellen Arrangement qualitativ zu
untersuchen. Grundlage wurden jetzt Spielsituationen zwischen dem
zweijährigen Kind und dem Vater, wobei die Väter ihre Kinder mit einem
unvertrauten Spielmaterial vertraut machen sollten. Dieses veränderte
experimentelle Design veränderte auch den Beobachtungsfokus und zentrierte
ihn auf die„väterlichen Vermittlungsgüte“, wobei neben „sensitiver
Herausforderung“ auch die „gewährende“ Komponente der Feinfühligkeit auf
einer Einstufungsskala wurde.
„Als hohe Vermittlungsgüte wurde es angesehen, wenn es dem Vater gelang,
auf kindliche Signale einzugehen, sowie dem Kind in einer adäquaten Weise
den Umgang mit dem Spielmaterial zu vermitteln. Aktives Fördern und
vertrauensvolles Gewährenlassen sollten sich dabei im Gleichgewicht
befinden. Dieser Beschreibung entsprach beispielsweise ein Vater, der seinem
Kind zu Beginn der Spielsituation grundlegende Formen des Umgangs mit dem
Material vermittelte (Rollen, Kneten). Einhergehend mit der Bewältigung
dieser väterlichen Anforderungen entstand eine hohe gemeinsame Spielfreude
bei Vater und Kind. Im Anschluss wiederholte das Kind mehrmals weitgehend
eigenständig und nur im Bedarfsfall mit Unterstützung des Vaters das Rollen
von Knete. Mit nachlassendem Interesse an dieser Aktivität gelang es dem
Vater, das Kind in ein komplexes Spiel (Bau einer Figur) einzubeziehen“
(Kindler, Grossmann & Zimmermann 2002, 713).
Die Befunde dieser Untersuchungen führen die Autoren zu der Interpretation,
der spezifisch mütterlichen Feinfühligkeit als Hauptfaktor für gelingendes
Bindungsverhalten die spezifisch männliche Qualität eines „sensitiv
herausfordernden“ Interaktionsstils gegenüber zu stellen:
„Wir sehen als Gemeinsamkeit in den aufgezählten väterlichen im Vergleich zu
mütterlichen Verhaltensweisen, dass Väter sich eher als Herausforderer
kindlicher Kompetenzen zu verstehen scheinen, indem sie mehr von ihren
Kindern in den Bereichen Selbstregulation, Exploration, Kommunikation,
Verhaltenskontrolle und Selbständigkeit verlangen“ (Kindler, Grossmann &
Zimmermann 2002, 710). Dabei sehen sie den einfühlsam herausfordernden
Interaktionsstil des Vaters einhergehen „mit der Bereitschaft und dem
Selbstvertrauen, durch eine gedankliche Exploration von Schwierigkeiten zu
Lösungen zu gelangen (...). In den Modellvorstellungen der Bindungstheorie
entspricht dies einer Förderung der explorativen Seite der BindungsExplorations-Balance durch einen sensitiv herausfordernden Vater“ (Kindler,
Grossmann & Zimmermann 2002, 718).
Dieses Ergebnis aus der Bindungsforschung stützt auch eine andere Studie zum
elterlichen Umgang mit problemlösenden Kindern (Puzzle), über die Le Camus
(2001, 71) berichtet: „Es wurde festgestellt, dass die Väter deutlich mehr nach
einer Lösung verlangen; sie sind weniger als die Mütter bereit, eine schnell
umsetzbare Hilfe zu leisten; sie weigern sich öfter als die Mütter, das Problem
an der Stelle des Kindes zu lösen“ Diese Ausrichtung des väterlichen
Verhaltens wird als „stärkerer Anreiz zur Eigenständigkeit“ beschrieben, was
dem bindungstheoretischen Konstrukt von der „sensitiven Herausforderung“
sehr nahe kommt.
Zusammenfassend legen diese Studien zum Spielverhalten die Interpretation
nahe, dass zwar Vater wie Mutter gleichermaßen zum Bindungs- und
Erkundungsverhalten der Kinder beitragen, dabei aber das Bindungsverhalten
der Kinder stärker durch die Mütter und das Erkundungsverhalten der Kinder
stärker durch die Väter beeinflusst wird. Folgt man Le Camus in seiner
Argumentation, wäre damit ein eigenständiger und wichtiger männlicher
Beitrag zur kindlichen Entwicklung identifiziert. „Alles sieht danach aus, als
ob die anregende Wirkung der Väter derjenigen der Mütter überlegen ist,
anders gesagt, als sei das Kind im Bereich der Anregung aufgeschlossener
gegenüber dem Vater als der Mutter“ (Le Camus 2001, 91).
Dass dieser väterliche Beitrag auch langfristige Auswirkungen auf die weitere
kindliche Entwicklung hat, zeigt die Bindungsforschung (Grossmann &
Grossmann 2004) durch den Beleg eines deutlichem Zusammenhangs
zwischen frühen Spielerfahrungen mit dem Vater und zehn Jahre später
nachweisbaren sozialen Kompetenzen des Kindes im Umgang mit
Gleichaltrigen. Dieser Zusammenhang ist stärker als für die Kind-MutterBindungsqualität. Dieser für Mütter und Väter unterschiedliche
Zusammenhang verweist er darauf, dass Vätern, die alltägliche
Interaktionssituationen für einfühlsam spielerische Anforderungen an ihr Kind
nutzen, sowohl unter kognitivem wie sozialem Aspekt eine hohe Bedeutung für
die kindliche Entwicklung zukommt.
Theoretische Nachfragen zur Konzeptualisierung geschlechtsspezifischer
Erziehungsbeiträge in der gegenwärtigen Entwicklungspsychologie
Auf den ersten Blick erscheint es unmittelbar evident und bestätigt viele
Alltagserfahrungen, wenn die Bindungsforschung der „einfühlsamen Mutter“
den „herausfordernden Vater“ gegenüber stellt oder wenn Le Camus (2001,
99) trotz des von ihm nicht bestrittenen Trends zur Angleichung der
Geschlechterrollen auf den verbleibenden Unterschied hinweist und betont,
dass trotz aller individueller Unterschiede im Durchschnitt „Mütter sich als
flexibler, beschützender, sanfter, auch vorhersehbarer und die Väter als
körperlicher, grober, störender, idiosynkratischer erweisen“.
Auch kann man sich kaum gewichtigere Argumente für engagierte Väter oder
männliches Fachpersonal in Kindertageseinrichtungen vorstellen als die von
Grossmann & Grossmann als Resultat der Vaterforschung zusammengestellte
Liste der väterlichen oder männlichen Funktion
- „als interessanter, weil andersartiger Interaktionspartner, der andere und
oft aufregendere Dinge mit dem Kind macht als die Mutter, und zwar
schon im Säuglingsalter…;
- als Herausforderer, der das Kind auffordert, Neuartiges zu tun, das es
sich ohne seine Hilfe nicht zutrauen würde…;
- als Vermittler von Bereichen der Umwelt, die ohne seine sorgsame
Umsicht für das Kind gefährlich wären, z.B. Feuer, Wasser, Abgründe
und Höhen…
- als Vermittler von Spielen und Festivitäten der jeweiligen Kultur…;
- als Lehrer und Mentor…“ (Grossmann/Grossmann 2004, 223).
Die scheinbare Evidenz dieser Forschungsergebnisse kann aber auch Skepsis
provozieren und ein Nachdenken darüber, was mit ihnen eigentlich abgebildet
wird, entsprechen sie doch auffallend dem, was wir heute intuitiv und spontan
Männern zuschreiben würden. Werden hierdurch übergreifend gültige und im
Geschlecht angelegte Tendenzen abgebildet und müssen wir eventuell in
unserem Denken weibliche und männliche Verhaltensweisen wieder
„renaturalisieren“, d.h. in einen vornehmlich evolutionären Zusammenhang
einordnen? Oder haben wir es mit Artefakten aus Forschungssettings zu tun,
die mitnichten grundlegende und zeitunabhängige geschlechtsspezifische
Unterschiede abbilden, sondern lediglich eine Momentaufnahme spezifischer
sozialer
Arrangements
zwischen
Männern
und
Frauen
in
Industriegesellschaften liefern?
In den USA gibt es bereits eine derartige Diskussion über die Einordnung
dieser Forschungsergebnisse zur männlichen Rolle in der Erziehung. Einen
bemerkenswerten Beitrag hierzu hat Catherine Tamis-Tamis-LeMonda (2004)
geliefert, die auf das grundsätzliche Problem hinweist, dass die meisten
Forschungsansätze zumeist jeweils entweder nur Männer oder Frauen in den
Blick nehmen bzw. auf lediglich eine Dimension des Erziehungshandelns
fokussieren. Dabei würden beispielsweise die frühen herausfordernden Spiele
der Mütter mit ihren Säuglingen übersehen oder auch die pflegenden und
bindungsbezogenen Qualitäten, die Männer zeigen, die viel Zeit mit ihren
Neugeborenen verbringen. Sie betont deshalb, dass Spielaktivitäten nur ein
Teil des komplexen „Puzzles“ der Erziehungstätigkeit umfasst und „Väter viel
mehr sind als Herausforderer, wie auch Mütter viel mehr als Pflegende“
(Tamis-LeMonda 2004, 224, Übers. HB). Tamis-LeMonda beharrt zudem auf
dem Argument, dass es von großer Bedeutung sei, dass Mütter beispielsweise
erheblich mehr Zeit mit ihren kleinen Kindern verbringen als Väter und dass
dies für beide Elternteile von erheblicher Auswirkung auch auf ihr
Spielverhalten ist. So führe die geringere Zeit, die Männer in westlichen
Industrienationen mit ihren Kindern verbringen können, beispielsweise dazu,
dass sie sich im Spiel in einer Weise engagieren, die zu kürzeren Rhythmen
führt und zum schnellen Appell an die Kinder.
Tamis-LeMondas Argumentation zielt darauf ab, dass alle relevanten
Dimensionen elterlicher Erziehungsfunktion prinzipiell von beiden Elternteilen
ausgefüllt werden können. Deshalb hält sie die Charakterisierung von Vätern
als in erster Linie herausfordernde Spielkameraden für historisch und kulturell
einseitig. Bei den meisten Elternpaaren zeige sich vielmehr so etwas wie eine
intuitive, weitgehend unbewusst praktizierte Arbeitsteilung auch im konkreten
Erziehungshandeln, weshalb sie es für notwendig hält, die väterlich und
mütterlich Beiträge hierzu immer im „Tandem“ zu untersuchen, d.h. aus einer
konsequent systemischen Perspektive: „Eltern und andere Betreuer
konstituieren ein System von interagierenden Partnern, jeder von ihnen
beeinflusst andere und ist von ihnen beeinflusst. Deshalb sind die Beiträge der
Familienmitglieder komplementär und werden kontinuierlich ausgehandelt
(Tamis-LeMonda 2004, 225, Übers. HB).
Tamis-LeMondas Argumentation steht nicht grundsätzlich im Widerspruch zur
Bindungsforschung, insofern auch diese „postuliert, dass sich optimalerweise
Eltern in ihren Rollen und Aufgaben hinsichtlich der Entwicklung des Kindes
ergänzen“ (Grossmann & Grossmann 2004, 224). Dies zeigt sich auch darin,
dass Grossmann & Grossmann ihre oben zitierte Auflistung väterlicher
Funktionen durch den Hinweis ergänzen: „All das tun auch engagierte Mütter,
besonders alleinerziehende Mütter…, aber wenn ein engagierter Vater diese
Aufgabe übernimmt, ist es für das Kind eine Bereicherung und für die Mutter
eine Entlastung“ (2004, 224). Tamis-LeMonda deckt aber insofern eine
grundlegende Schwachstelle auch der Bindungsforschung auf, als die
unterschiedlichen experimentellen Settings für Mütter und Väter (Fremde
Situation und Spielsituation) in ihrer ganzen Anlage eine spezifische zeit- und
kulturabhängige familiäre Arbeitsteilung abbilden und deshalb in ihrer
Ergebnissen auch letztlich mehr über Effekte dieser Arbeitsteilung aussagen als
über isoliert betrachtbare und übergreifend gültige geschlechtsspezifische
Muster.
Das heißt nicht, dass wir nicht immer wieder auf Merkmale im erzieherischen
Handeln von Männern und Frauen stoßen, die die bindungstheoretischen
Forschungsergebnisse idealiter widerspiegeln, aber vermutlich treffen wir
genauso auf Männer mit ausgeprägt führsorglichem und sanftem
Bindungsverhalten wie auf Frauen mit deutlich herausforderndem
Spielverhalten.
An den anfänglichen Hinweis R. W. Connells anknüpfend könnte man sagen:
Weder gibt es die Väter, noch zeigen sie über Kultur und Zeit die gleichen
pädagogischen Eigenschaften. Heute wird in westlichen Industriegesellschaften
die Rolle des Mannes als Spielgefährte und Herausforderer des Kindes betont
und die vorliegenden Forschungsergebnisse bestätigen, dass ein zunehmend
großer Teil der Väter diesen Erwartungen entspricht und sie in ihr eigenes
Selbstbild mit aufnimmt. Dabei liefert die Bindungsforschung Hinweise auf
einen Zusammenhang zwischen der sozialen Schichtzugehörigkeit der Familie
und der väterlichen Vermittlungsgüte. Mit gehobener sozialer Schicht nimmt
die sensitive Herausforderungsqualität des Vaters im Spiel mit dem Kind zu.
Dies kann als Einfluss des sozialen Milieus auf die Ausgestaltung der
Vaterrolle interpretiert werden, wobei offenbar „das Leitbild eines spielerisch
auf das Kind eingehenden Vaters in höheren sozialen Schichten bislang eine
weitere Verbreitung erfahren hat“ (Kindler, Grossmann & Zimmermann 2002,
714f.).1 Darüber hinaus zeigt sich auch für Väter und deren Fähigkeit zur
1
Zu diesem Befund passt, dass Zulehner in seinen oben referierten repräsentativen Studien zu
männlichen Einstellungsmustern die jeweils stärkste Verbreitung eines „modernen“
„sensitiven
Herausforderung“
ein
ähnlicher
intergenerationeller
Zusammenhang wie für die „Feinfühligkeit“ auf weiblicher Seite. Hier wie dort
spielt eine große Rolle, welche Erfahrungen die Eltern in ihrer eigenen
Kindheit gemacht haben und welche Haltung sie vor diesem Hintergrund
gegenüber ihren „eigenen Erfahrungen mit Bedürfnissen nach Fürsorge und
Schutz“ einnehmen (Kindler, Grossmann & Zimmermann 2002, 716).
Alles in Allem sind wir folglich vermutlich gut beraten, die Qualität des
„sensitiven Herausforderers“ nicht als geschlechtsspezifisches Wesensmerkmal
im Kontrast etwa zur nährenden und pflegenden Haltung von Müttern
misszuverstehen. Vielmehr gibt es gute Gründe für die Annahme, dass die
Qualität und Effekte väterlichen Erziehungsverhaltens in hohem Maße Produkt
des Geschlechterarrangements beider Eltern, d.h. ihrer gemeinsamen
Interpretation von Mann- und Frausein und der Qualität ihrer Paarbeziehung
sind. Hierzu passt, dass erwerbstätige Mütter in ihrem Spielverhalten mit dem
Kind dem väterlichen Muster ähnlicher sind als nicht erwerbstätige Mütter
(Lamb 1997b).
Wenn seit Mitte der 80er Jahre der Nachweis geführt wird, dass erhöhte
väterliche Beteiligung die kindliche Entwicklung sowohl bezogen auf
kognitive
Leistungsfähigkeit,
wie
Moralentwicklung
und
Geschlechtsrollenorientierung positiv beeinflusst (Fthenakis 1988), so ist auch
dies mitnichten ein eindeutiges Resultat isoliert betrachtbaren väterlichen
Erziehungsverhaltens, sondern geht mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls auf
einen „systemischen Effekt“ zurück, nämlich die simple Tatsache, dass in
Familien mit engagierten Vätern auch die Mütter zumeist ein besonders
einfühlendes Erziehungsverhalten zeigen. Lamb (1997b, 12) unterstreicht dies
durch den Beleg, dass die Kinder engagierter Vätern besonders hinsichtlich
ihrer kognitiven und sozialen Kompetenz davon profitieren, dass sie zwei hoch
beteiligte Eltern haben.
Dabei gehen derart positive „systemische Effekte“ vermutlich weniger darauf
zurück, dass die Eltern sich in ihre Erziehungsqualitäten angleichen, sondern
vielmehr darauf, dass sie sich in diesen ergänzen. Jedenfalls liefert die
Forschungsgruppe um Le Camus Belege dafür, „dass die für die soziale
Entwicklung des Kindes günstigste Familienkonstellation diejenige ist, bei der
die Erziehungsfunktion des Vaters sowohl ausreichend vorhanden ist als sich
auch genügend von der Mutter unterscheidet“ (Le Camus 2001, 48).
Mehr als „Väterlichkeit im Beruf“ – Männer als pädagogische Fachkräfte
Pädagogische Berufe sind immer durch die Reduzierung auf
geschlechtsspezifische Alltagsmuster in ihrer Professionalität und damit ihrer
gesellschaftlichen Wertung gefährdet. Insofern hat sowohl in der Sozialarbeit
wie im Erzieherberuf und in der Grundschule die Unterstellung einer
„natürlichen, intuitiven Mütterlichkeit“ als wesentliches Element des
Erziehungshandelns Professionalisierungsstrategien behindert und auch dazu
geführt, dass in diesen Bereichen Männer heute durchgehend unterrepräsentiert
sind. Folglich wäre es hoch problematisch (und würde auch den faktischen
männlichen Selbstbildes ebenfalls in akademisch gebildeten Mittelschichtsmilieus gefunden
hat.
Anforderungen
nicht
entsprechen)
professionelles
Erziehungshandeln auf „Väterlichkeit als Beruf“ zu verkürzen.
männliches
Meine vorhergehende Argumentation versteht sich lediglich vor dem
Hintergrund des Vorurteils, dass der Umgang mit kleinen Kindern unmännlich
sei. Haben wir dieses Vorurteil aber erst einmal beiseite geschafft, beginnt
eigentlich erst das Nachdenken über ein professionelles männliches Profil in
diesem Berufsfeld.
Dabei sollte die obige Diskussion um einen spezifisch männlichen
Erziehungsbeitrag aber auch deutlich gemacht haben, dass es verkürzt wäre,
Männern Kompetenzen zuzusprechen, die nicht prinzipiell auch Frauen
realisieren könnten. Zwar lassen sich unterschiedlich akzentuierte Haltungen
im Sinne von z.B. feinfühlig haltenden und sensitiv herausfordernden
Qualitäten unterscheiden und wir können feststellen, dass Frauen eher erstere
und Männer letztere zeigen, dennoch gibt es keinen Beleg dafür, dass Männer
und Frauen nicht prinzipiell beides und damit die ganze Spannbreite
entwicklungsfördernder Impulse realisieren könnten.
Bei der Forderung nach männlichen Fachkräften in Institutionen der Vorschulund Grundschulbildung kann es also nicht darum gehen, ein wie auch immer
geartetes Defizit in pädagogischen Grundhaltungen (z.B. bezüglich
herausfordernder Haltungen) bei den weiblicher Fachkräfte auszugleichen.
Es gibt aus der Forschung zu geschlechtsspezifischen Erziehungshaltungen
aber durchaus Hinweise, dass die historisch gewachsene Überrepräsentanz von
Frauen in frühkindlichen Erziehungsinstitutionen und Grundschulen alles
andere als optimal ist und „das System den Bedürfnissen des Kindes eher
gerecht würde, wenn den Kindern neben den Mutterfiguren mehr Vaterfiguren
zur Verfügung stünden.“ (Le Camus 2001, 161). Dabei haben besonders
Jungen/Burschen damit zu kämpfen, dass sie in ihren ersten Jahren
vornehmlich von weiblichen Erziehungspersonen umgeben sind und diese sich
nicht immer frei zeigen von einer gewissen Distanz gegenüber jungenüblichen
Bedürfnissen und Ausdrucksformen.
So stellen auch die wenigen Studien, die sich auf die Auswirkung von
Erzieherverhalten in Kindertageseinrichtungen beziehen und den
Geschlechtsaspekt berücksichtigen, fest, dass die Betreuungsangebote von
Erzieherinnen häufig von eigenen (geschlechtsspezifischen) Leitbildern
getragen sind. Deshalb nimmt beispielsweise Lieselotte Ahnert an, „dass
Erzieherverhalten und –erwartungen deutlicher durch Geschlechtsstereotype
geprägt sind als ursprünglich angenommen“ (2004, 272). In einer MetaAnalyse verschiedener Untersuchungen stellt sie fest, dass diese „häufiger
sichere Erzieherinnen-Mädchen-Bindungen als sichere Erzieherinnen-JungenBindungen“ ausweisen (ebd.). Dabei kommt sie zu der bemerkenswerten
Feststellung, dass die geschlechtsstereotypen Tendenzen besonders in der
Gruppenarbeit zum Tragen kommen, weil Jungen im Gruppenkontext stärker
zu Dominanzverhalten und physischer Aktivität neigen, während
Mädchengruppen eher egalitäre Strukturen ausbilden und empathisches und
prosoziales Verhalten zeigen. Erzieherinnen reagieren auf diese
unterschiedlichen Verhaltensweisen oft wertend und es fällt ihnen schwer,
diese geschlechtsstereotypen Tendenzen der Kinder in der Gruppenarbeit
auszubalancieren. Deshalb hält es Ahnert für nachvollziehbar, „wenn Jungen
kaum sichere Bindungen aufbauen und auch dann noch schwieriger zu
betreuen sind, wenn sie sich in ihre Peer-Gruppe zurückziehen. Beobachtungen
in KiTas lassen manchmal Erzieherinnen erkennen, die Jungen-Gruppen hilflos
gegenüberstehen – vor allem, wenn sie aggressiv entgleiten, dies jedoch
aufgrund der sozialen Subkultur der Gruppe positiv verstärkt wird“ (Ahnert
2004, 273).
Dies sind dies Hinweise darauf, dass die Anwesenheit von Männern in
Kindertageseinrichtungen (und für Schulen ist es vermutlich ähnlich) es
zumindest erleichtern kann, geschlechtsstereotype Interaktionsformen von
Mädchen und Jungen besser auszubalancieren. Dabei scheint es in der Tat
wichtig zu sein, auch in der Forschung nicht immer nur auf den Erwachsenen
und das einzelnen Kind zu schauen, sondern die besondere Dynamik von
Kindergruppen in den Blick zu nehmen. Hier gibt es mit Ausnahme des gerade
zitierten, derzeit noch ein gewaltiges Defizit.
Darüber hinaus scheint es mir überhaupt eine der wichtigsten
Schlußfolgerungen aus der theoretischen Debatte um die Einordnung
einschlägiger Forschungen z.B. zur Qualität „sensitiver Herausforderung“ zu
sein, dass auch bezogen auf pädagogische Institutionen eine systemische
Perspektive einzufordern ist. Aus einer solchen Perspektive geht es weniger um
Alternativen, als um Ergänzungen und bezogen auf die Kinder darum, beide
Geschlechter als pädagogische Bezugspersonen zu erfahren und dabei
Differenzerfahrungen machen zu können. Dabei können wir davon ausgehen,
dass Kinder im Vorschul- und Grundschulalter Unterschiede zwischen
Männern und Frauen im Umgang mit ihnen sehr sensibel registrieren.
Es gibt gute Gründe, sich um mehr Männer im Erzieher- und Lehrerberuf zu
bemühen.
Dies
aber
weniger
wegen
spezifisch
männlicher
Erziehungsqualitäten, sondern vor allem auch, weil allein durch die
Repräsentanz des anderen Geschlechts innerhalb von Teams und Kollegien
geschlechtsspezifisch „blinde Flecken“ sichtbar werden und die Reflexion über
geschlechterstereotype Wahrnehmungen und Haltungen angeregt wird.
Entsprechendes gilt natürlich auch schon für die Ausbildungsinstitutionen,
Fachschulen oder Hochschulen, des pädagogischen Personals.
Darüber hinaus sind Männer durch ihre anderen Erfahrung im Management
von Prozessen und Institutionen nach meiner Beobachtung sehr hilfreich sind
und die Bereitschaft und Fähigkeit zur Innovation und zum Umbau
vorhandener Erziehungs- und Bildungsangebote erhöhen. Häufig bringen sie
neuen Wind und ungewohnte Perspektiven ein.
.
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Zum Autor:
Prof. Dr. Holger Brandes, Dipl.-Psychologe und Dipl.-Pädagoge, seit 1996
Professor für Psychologie an der Evangelischen Hochschule in Dresden.
Arbeitsschwerpunkte: Entwicklungspsychologie, frühkindliche Bildung und
Erziehung, Männerforschung. Wichtigste Veröffentlichungen: „Der männliche
Habitus“. Bd. I und II, Opladen: Leske & Budrich 2001 und 2002.
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