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Referat auf der IAKM-Studienwoche 2002
Ich sehe was, was Du nicht siehst
Wahrnehmung und Wirklichkeit in den Medien
Vortrag bei Studienwoche der IAKM in St. Arbogast, 29.Juli 2002
Von Michaela Pilters ©
Den Einladungsprospekt unserer Tagung ziert das bekannte Doppelbild der alten
Frau bzw. des jungen Mädchens. Je nachdem, was man bereit ist zu sehen, entdeckt
man im selben Bild etwas anderes. Und man hat immer recht, die unterschiedliche
Wahrnehmung ist vorprogrammiert. Es ist irgendwie banal und auch nicht neu, und
dennoch lohnt es sich, über diese Unterschiede in der Wahrnehmung nachzudenken.
Warum?
Wir sind es gewohnt, Meinungsverschiedenheiten zuzulassen, wenn es um
Wertungen geht. Aber wir beharren darauf, dass Fakten objektiv sind und als
Grundlage der Kommunikation unstrittig. Wenn es gelänge, wenigstens darüber
Einigkeit herzustellen, worüber man spricht und urteilt, wäre ja schon viel gewonnen.
Doch das Doppelbild zeigt: Zwei Menschen reden über dasselbe und sind doch
unterschiedlicher Meinung. Es lässt sich trefflich darüber streiten, was der eine oder
die andere hier erkennt, Missverständnisse sind vorprogrammiert. Und das betrifft,
das werden wir noch sehen, weit mehr Bereiche unserer Wahrnehmung als nur
dieses Bild.
Wenn wir über Wirklichkeit und Wahrnehmung in den Medien reden, dann geht es
um Missverständnisse,
um Manipulationsmöglichkeiten,
Unterschiede in der Wahrnehmung und
erkenntnisgeleitetes Interesse.
Sich mit Wahrnehmung und Wirklichkeit in den Medien zu beschäftigen, setzt
zunächst eine kleine Begriffsklärung voraus.
Wie nehmen wir die Wirklichkeit wahr?
Ergebnisse der Hirnforschung
Der medizinische Psychologe Ernst Pöppel1 geht von einer Art „Bühne im Gehirn“
aus. Alle drei Sekunden ruft das Gehirn sozusagen „ Was gibt’s Neues“, in diesem
Rhythmus ist unsere Wahrnehmung angelegt, etwas aufzunehmen und zu
verarbeiten. Ob Sprache, Lesen, Gedächtnis und alle damit zusammenhängenden
Handlungen, der Dreisekundentakt entspricht der Arbeit des Gehirns am besten.
Künstler wie Hitchcock oder Orson Welles wussten das und haben mit DreiSekunden-Schnitten ihre Spannung aufgebaut. Kürzere Sequenzen dagegen, wie wir
sie heute in vielen Clips haben, führen eher zu Irritationen, beeinträchtigen die
Wahrnehmung und führen zu Verständnisblockaden. Die hirnphysiologischen und
psychologischen Zusammenhänge sind noch nicht genug erforscht, aber es gibt
Hinweise, dass die Konzentrationsstörungen und Ausdrucksschwächen junger
Menschen heute damit zu tun haben, dass ihr Gehirn nicht mehr trainiert ist, in
diesem Rhythmus von regelmäßigen Intervallen, nicht zu lang und nicht zu kurz, zu
arbeiten. Pöppel vermutet: „Buchstaben lesen ist in der Evolution nicht vorgesehen.
Es war eine der ungeheuerlichsten geistigen Entwicklungen des Menschen, Sprache
in Schrift zu formulieren. Das Gehirn verwendet dafür einen Teil, der eigentlich
andere Aufgaben hat, was ein Plus und ein Minus nach sich zieht. Das Plus ist die
ungeheure Lesefähigkeit, das Minus ist der Verlust der visuellen Sensibilität,
1
Vgl. Johannes Röser:„Ich lese, also bin ich“ in Christ in der Gegenwart 29, 21.7.2002
1
Referat auf der IAKM-Studienwoche 2002
beispielsweise Farben zu unterscheiden oder Gestalten zu erkennen. Naturvölker
sind uns in diesen Bereichen überlegen. Das Gehirn ist übrigens nur in den ersten
zehn Lebensjahren fähig, so lesen zu lernen, dass man es ohne Anstrengung
beherrscht. Grob gesagt hat die Menschheit ja zwei Schriftarten entwickelt,
asiatische Bilderschrift und unsere Buchstabenschriften... Die Piktogramme der
Asiaten sind Symbole, die sich auf Sachverhalte oder das Gemeinte beziehen. Diese
Symbole haben Referenz zu dem, was man aussagen will. Sie sprechen die rechte
Gehirnhälfte an. Wir hingegen bilden Wörter und Sätze aus abstrakten Zeichen...
Abstrakte Symbole aber sprechen die linke Gehirnhälfte an.“
Die rechte und die linke Gehirnhälfte sind für unterschiedliche Bereiche zuständig,
Abstraktion und Emotion; Verstand und Gefühl. Daher ist Lektüre, weil unsere linke
Gehirnhälfte ansprechend, ein Vorgang, der uns längst nicht so stark emotionalisiert
wie das Fernsehen, wie Bildergeschichten, die unsere rechte Gehirnhälfte
ansprechen.
Wahrnehmung mit allen Sinnen
Zur Wahrnehmung gehören all unsere Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken,
Tasten, aber auch die inneren Sinne, die Empfindungen und die unbewusste
Tiefenwahrnehmung. Sie ergeben gemeinsam ein Bild, denn widerstreitende
Wahrnehmungen müssen koordiniert sein. Wenn Sie in der Straßenbahn neben
einem Zeitgenossen sitzen, der picco bello gekleidet ist, aber einen unangenehmen
Körpergeruch hat, wird ihr Urteil anders ausfallen über die Gepflegtheit dieses
Menschen als wenn sie nur sein Foto sehen würden. Alle Sinne spielen auch mehr
oder weniger eine Rolle, wenn es um die Wahrnehmung in den Medien geht und
dürfen sich nicht widersprechen. Sehen Sie z. B. eine Tür zuschlagen und hören
keinen Knall, sind sie irritiert. Und wenn ein Sprecher die Lippen anders bewegt als
Sie es hören, wenn er asynchron ist, dann schlägt ihr Hirn Alarm. Noch gibt es Gott
sei Dank kein Geruchsfernsehen, und auch das Schmecken ist nicht beteiligt. Schon
beim Lesen kommt zur abstrakten Umsetzung der Buchstaben ein haptisches
Vergnügen, ein Buch zu Begreifen im wahrsten Sinn des Wortes. Ob Büttenpapier
oder Zeitungspapier, Inhalte werden anders gewertet, wenn der Träger des Mediums
anders gestaltet ist. Der Groschenroman oder die bibliophile Ausgabe sind
funktionale Werte. Im Zeitalter der Virtualität, in dem es möglich ist, Bücher am
Bildschirm oder papierlose Zeitungen im Display eines Handheld zu lesen, wird allen
Prognosen nach das Buch dennoch seinen Stellenwert behalten, weil genau diese
haptische Komponente von den Nutzern weiterhin gewollt und gesucht wird. Der
Bildschirm wird das Buch nicht komplett verdrängen können, wohl aber in einigen
Funktionen ersetzen, wo es eine echte Erleichterung gibt. Gedruckte Telefonbücher
werden z.B. langfristig kaum Überlebenschancen haben, hier sind die elektronischen
Ausgaben sinnvoller und besser.
Da ich beim Fernsehen arbeite, werde ich mich im Folgenden auf das Medium
Fernsehen beschränken und damit kommen vor allem die beiden Sinne „sehen“ und
„hören“ zum Tragen.
Das Gehör wird angesprochen: erstens durch Worte, die möglichst verständlich
gewählt sein sollen, also keine Bandwurmsätze, kein Fachchinesisch, kein Zutexten
von Bildern. Zweitens durch Geräusche, die entweder zur Szene gehören (Beispiel
Türenknallen) oder ergänzende Geräusche, die meistens aus dem musikalischen
Bereich kommen. Gerade mit Musik kann der Charakter eines Filmes stark verändert
werden, unterschiedliche Empfindungen wie Heiterkeit oder Bedrohung werden damit
ausgedrückt. Und wenn nun der Zuhörer keinen Vivaldi mag, dann ist damit ein
Irritationsfaktor gegeben, der die Rezeption beeinträchtigen kann.
2
Referat auf der IAKM-Studienwoche 2002
Was sehen wir eigentlich, wenn wir ein Bild sehen?
Und ist das Bild des Baumes anders als der Baum? Einen Baum zu zeichnen gelingt
in der Regel auch unbegabten Menschen, Umrisse und Gestalt lassen sich soweit
abstrahieren zu einer Art Piktogramm, das allgemein und über die Kulturen hinweg
als das Symbol des Baumes verstanden wird. Soll jedoch eine bestimmte Art, eine
Eiche, eine Pappel, ein Olivenbaum dargestellt werden, bedarf es schon einer
gewissen Fertigkeit, um das Charakteristische herauszuarbeiten und ich muss, um
es zu erkennen, wissen, welche Blätter eine Eiche hat, wie sich eine Pappel vom
Olivenbaum unterscheidet.
Meine kleine Nichte kennt sich hervorragend mit Tieren aus. Wenn sie in einem Buch
einen Vogel sieht, ist es für sie nicht nur ein Vogel, sondern ein Eichelhäher oder
eine Kohlmeise. Sie sieht etwas, was ihre gleichaltrige Freundin nicht sieht, obwohl
beide dasselbe Buch betrachten. Das Beispiel zeigt, dass der Sehvorgang, den man
als einen physikalischen Vorgang beschreiben kann, dadurch noch nicht erklärt ist.
Physikalisch treffen Lichtwellen auf das Auge. Die elektromagnetische Energie ist in
ihrem Spektrum nur teilweise für den Menschen wahrnehmbar, z.B. Gammastrahlen
oder Rundfunkstrahlen können nur von technischen Geräten wahrgenommen und
empfangen werden. Doch in dem Bereich, in dem das Auge die Lichtenergie
wahrnehmen kann, entstehen in unserem Kopf Bilder der Wirklichkeit, die wir –
entsprechend unseren Vorerfahrungen, zuordnen und benennen.
„Die Wirklichkeit, die wir erleben, besteht aus Bildern, die vom Einen zur Andern sich
so gleichen und zugleich unterscheiden, wie die Bilder verschiedener Maler vom
selben Gegenstand. Es ist immer dieselbe, und doch jeweilen eine andere
Wirklichkeit. Dem ist unausweichlich so, weil unsere Sicht der Welt durchtränkt ist
von unseren persönlichen Erfahrungen und Zielen. Davon aber, von diesem
Miteinander, Nebeneinander und Gegeneinander der individuellen Bilder lebt die
Kultur, sie entsteht, festigt sich und wirkt weiter in einem kontinuierlichen Hin und Her
zwischen Kollektiv und Individuum.“ 2 So schreibt Ernst Eduard Boesch in seinem
Buch „Das lauernde Chaos“. Und er fährt fort: „Sprache informiert, das heißt, sie
vermittelt Wissen; sie kommuniziert, erstellt also Beziehungen; und so evoziert, will
heißen, weckt Vorstellungen: das ist richtig und unbestritten. Nur übersieht man allzu
leicht, dass sie all das nicht könnte ohne eben die Konnotationen.“ 3(S. 75)
Ein für mich immer wieder faszinierendes Phänomen – wie entsteht die Zuordnung
von Sprache, Bildern und Bedeutung. Aber soweit will ich gar nicht zurück, gehen wir
einfach einmal davon aus, dieser Sprachprozess sei gegeben.
Vermittelte Wirklichkeit durch die Medien
Doch der nächste Schritt ist die vermittelte Wirklichkeit. Nicht mehr der Baum in der
Natur, sondern das Bild des Baumes, aufgenommen durch eine Kamera oder von
einem Künstler gemalt. In letzterem Fall sind wir bereit, dem künstlerischen
Gestalten Tribut zu zollen, empfinden eine Darstellung als gelungen oder
befremdend, anrührend oder unpassend. Von der Kamera erwarten wir jedoch eine
wirklichkeitsgerechte Darstellung, so wie die Realität auch ist. Und wir nehmen das
entstandene Bild als Realität, der wir Glauben schenken, lassen Fotos als
Beweismaterial zu, obwohl heute schon ein Laie am PC durch ein Bildprogramm
Fotos beliebig manipulieren und retuschieren kann. (Vielleicht haben wir noch Zeit,
über Manipulationsmöglichkeiten, Tricks und Bildeffekte zu reden, falls nicht, biete
2
Ernst Eduard Boeltsch, Das lauernde Chaos. Mythen und Fiktionen im Alltag. Verlag Hans Huber,
Bern 2000. S. 66
3
a.a.O. S. 75
3
Referat auf der IAKM-Studienwoche 2002
ich an ein Video zu zeigen, wie grafische Tricks entstehen, irgendwann am
Nachmittag. Meinen Vortrag hätte eine Vorführung dieser technischen Seiten
gesprengt, weil es mir heute morgen mehr ums Grundsätzliche geht, nicht so sehr
um die Realisierung oder technische Details.)
Heute wird als Aufnahmeverfahren das digitale Bild gewählt, auch viele Fotografen
haben schon eine digitale Kamera. Hier besteht ein Bild aus Hunderten von
Bildpunkten, Pixeln, und je mehr Pixel eine Kamera darstellen kann, umso höher
empfinden wir die Qualität des Bildes. Unser Auge setzt diese Pixel zusammen zu
einem Gesamtbild. Gleichzeitig benennen wir das Gesehene, nennen es Baum oder
Pappel, und verbinden die elektromagnetischen Impulse dabei mit unserem Wissen
und unserer Sprache – dieselben Bildinformationen würde der Franzose, der neben
mir steht, eben ‚arbre‘ nennen und nicht Baum.
Beim Fernsehen und im Film ergeben 24 bzw. 25 Bilder/Sekunde ein bewegtes Bild
– im Daumenkino der Kindheit und im Zeichentrickfilm verfeinert, täuscht die Addition
von vielen fast gleichartigen Bildern, die nur in wenigen Details verändert sind,
Bewegung vor. Das, was wir als Bewegung wahrnehmen, ist also nur die Addition
von Standbildern. Und dennoch bewegt sich das Blatt im Wind, rast der Autofahrer,
neigt der Gegenüber im Gespräch seinen Kopf oder schüttelt ihn.
Bilder werden gestaltet
Ein Fernsehbild entsteht nie als 1:1 Umsetzung von Wirklichkeit, sondern ist immer
gestaltet. Schon mit der Art und Weise, wie die Kamera etwas aufnimmt, beginnt die,
wenn sie so wollen, Manipulation. Da sind z.B. das Setting, der Bildausschnitt, die
Perspektive, die Lichtgestaltung. Welche Umgebung wähle ich für ein Interview?
Setze ich den Professor vor die Bücherwand oder frage ich ihn beim Joggen im
Park? Welche Einstellungsgröße nehme ich? Gesicht groß oder Totale? Filme ich ihn
von unten, von oben oder auf Augenhöhe? Steht er im Gegenlicht oder hat er
Schatten auf der Nase? Das sind keine Kleinigkeiten, denn damit wird Wirkung
erzielt. Denken Sie nur an die Diskussion, die es gab um die Darstellung von Helmut
Kohl in den Medien. Es wurde beklagt, man würde ihn stets von unten filmen, ihm
dadurch eine gewisse Übervaterrolle zubilligen. Der Effekt war sicher da, der Grund
eher ein banaler: Kohl ist sehr groß, im Unterschied zu dem kleinen Norbert Blüm
muss der Kameramann hier die Kamera meist schräg halten – dies ergibt eine
verzerrte Perspektive. Die Wahl des Settings, wie ich meine Gesprächspartner in
Szene setze, ist ebenfalls unheimlich wichtig, weil dadurch eine Reihe von
Nebenaussagen gemacht wird, die von den Zuschauern gewollt oder auch ungewollt
decodiert werden.
Wir hatten z.B. einen Film über eine kinderreiche Familie. Die Mutter hatte ein
Erbstück ihrer Mutter, ein schönes altes Buffet im Wohnzimmer stehen, mit einigen
schönen Gläsern und Porzellan. Die Zuschauer nahmen wahr, dass es sich hier um
wertvolle Einrichtung handele, die Klage, dass eine kinderreiche Familie finanzielle
Probleme hat, wurde dadurch konterkariert. Es fällt mir immer wieder auf, wie sehr
unsere Zuschauer und Zuschauerinnen auf Äußerlichkeiten dieser Art achten. Ob der
Kaplan bei der Gottesdienstübertragung weiße Socken und Turnschuhe trägt – in
den Augen mancher Leute unpassend für eine solche Zeremonie – wird ebenso
registriert wie Accessoires oder Einrichtungsgegenstände. Nach dem Motto, ich sehe
was, was Du nicht siehst, wird aus einer Bildinformation hier unterschiedliches
herausgelesen und interpretiert – ich sehe, die Familie hat ein wertvolles Buffet, also
können sie so arm nicht sein – andere Zuschauer erkennen den Wert des Schrankes
nicht und schenken der Aussage der Mutter mehr Glauben, dass sie jeden Pfennig
umdrehen muss, um die Kinder durchzubringen.
4
Referat auf der IAKM-Studienwoche 2002
Dies alles ist bei der Bildaufnahme zu berücksichtigen, Autor und Kameramann
setzen sich daher vor den Dreharbeiten zusammen und überlegen, wie eine
bestimmte Botschaft rübergebracht werden kann, was die Aussage des Filmes sein
soll, welche Einstellungen notwendig sind und was eher zu lassen ist. Dies gilt ganz
besonders für den Spielfilm, in dem der Regisseur jede Einstellung, jede Szene
genau festlegt und damit die „Wirklichkeit“, die er darstellen will, gestaltet. Nicht
immer kann man alles komponieren, und z.B. eine Reportage arbeitet anders als
eine Dokumentation oder ein Feature, ein Nachrichtenfilm muss mit den Bildern
auskommen, die auf die Schnelle zu bekommen sind, mit allen Unzulänglichkeiten in
der Aufnahme. Und dabei entstehen dann Verzerrungen à la Helmut Kohl oder
Aufnahmen, wie sie mir ein Kameramann einmal angeliefert hat mit einem Statement
von Bischof Kamphaus. Er hatte einen widerspenstigen Haarschüppel, der bei jedem
Wort wippte. Es war wie beim berühmten Nudelsketch von Loriot: anstatt zu hören,
was Kamphaus sagte, war man völlig fixiert auf die Haarsträhne, die inhaltliche
Aussage ging komplett verloren. Und weil das so ist, machen wir Fernsehleute immer
so einen Aufstand, sind Dreharbeiten umständlich und langwierig, weil Bilder
gestaltet werden und Irritationen möglichst ausgeschlossen werden müssen. Die
Zuschauer können nämlich in der Regel nicht sagen, was sie an einem Bild stört,
wohl aber, dass sie etwas stört und sie reagieren mit Liebesentzug, sprich Zapping.
Was sehen wir, wenn wir einen Film sehen?
Es geht um weit mehr als den physikalischen Vorgang. Wir müssen die einzelnen
Bilder, aber auch ihre Abfolge decodieren, ihnen einen Sinn zuordnen. Die Bilder
eines brennenden Hauses in den Nachrichten signalisieren mir, dass ein Unglück
passiert ist – ob es Brandstiftung war oder ein Blitzschlag das Feuer verursachte,
kann ich aus dem Bild nicht ableiten. Wenn ich zuvor jedoch Bilder eines
wetterleuchtenden Himmels gesehen hätte, würde ich vermuten, dass der Blitz
eingeschlagen hat und damit einen Zusammenhang zwischen dem ersten Bild und
dem zweiten herstellen. Ich vertraue dabei darauf, dass der Filmemacher mir eine
Geschichte in Bildern erzählt, und mich dabei nicht in die Irre führen will, sondern
einer gewissen Logik folgt. Der Autor ist derjenige, der mit seiner Bildauswahl die
Erzählstruktur vorgibt und dabei die Decodierung der Bilder vorbereitet, im
Kommentar und in der Anordnung der Bilder. Als Macher gehen wir davon aus, dass
wir in einem bestimmten kulturellen Milieu senden, dass bestimmte Bilder
entsprechend gedeutet werden können. Im Zeichen der Internationalisierung auch
des Fernsehmarktes gelangen die Bilder überwiegend des US-Amerikanischen
Marktes weltweit in Hütten und Häuser. Was sieht und versteht ein in Afrika
sozialisierter Mensch, wenn er die „Simpsons“ guckt. Versteht er Anspielungen und
Konflikte? Müssen nicht die Wertvorstellungen eines Asiaten oder eines muslimisch
geprägten Arabers ins Wanken geraten, wenn er Geschichten wie Ally Mc Beal
erzählt bekommt? Er sieht unverschleierte Frauen, der europäische Zuschauer sieht
sie auch, aber die Bewertung und Assoziation dazu ist eine völlig andere. Mit Boesch
gesprochen: „Deuten will uns unsere Welt verständlich, durchsichtiger machen, will
das Fremde an-eignen, wie auch, günstigenfalls, uns selbst öffnen.. Wir suchen
kaum je die „richtige“, sondern nur die verstehbare Deutung, sie soll uns das
Gedeutete so aufschließen, dass es unserem Denken und Fühlen zugänglich
erscheint. Deshalb gibt es kein Deuten, das frei wäre von Voreinstellungen, also
Erfahrungen, Hoffnungen, Überzeugungen, weder im Alltag, noch bei den deutenden
Wissenschaften.“ 4
4
a.a.O.S.105
5
Referat auf der IAKM-Studienwoche 2002
Wie nehme ich Fernsehen wahr?
Die Rezeptionssituation spielt für die Wahrnehmung eine wichtige Rolle. Bin ich voll
konzentriert, um auch nur jede Nuance, jedes Detail mitzubekommen, oder ist es
eher nebenbei, schnappe ich etwas am Rande auf? Was das für die Intensität der
Wahrnehmung bedeutet, brauche ich ja nicht zu erklären. Während der Hörfunk
schon lange damit lebt, ein Nebenbeimedium zu sein, hat das Fernsehen dieses erst
in jüngerer Zeit erlitten. Während früher das Fernsehen als der moderne Hausaltar
die volle Aufmerksamkeit auf sich zog, allenfalls durch Chipsfuttern und Biertrinken
begleitet, ist es heute wie das Radio ein Nebenbeimedium geworden. Kaum einer
der Zuschauer widmet sich nur dem Fernsehen, da wird telefoniert, gegessen,
Zeitung gelesen, sich unterhalten, gebügelt und am PC gearbeitet. Viele Hausfrauen
bestätigen, dass sie nur bügeln, wenn im Fernsehen etwas für sie Interessantes
kommt, und selbst bei Krimis müssen wir davon ausgehen, dass weniger als die
Hälfte der Zuschauer den Film von Anfang bis Ende sehen. Was bedeutet das für die
Macher? Es geht darum, immer stärkere Reize zu schaffen, um die Aufmerksamkeit
auf sich zu ziehen, eine ruhige Entwicklung eines Filmes ist im Zeitalter der
Fernbedienung fast nicht möglich. Und komplizierte Sachverhalte sind zu vermeiden,
damit in jeder Phase ein Mitgehen möglich ist, wer erst einmal innerlich ausgestiegen
ist, ist für den Rest des Filmes verloren. Starke Bilder, niedriger Abstraktionsgrad,
Spannungsaufbau, das sind die Elemente, mit denen das Medium bzw. die Macher
auf die Wahrnehmungssituation reagieren.
Die Zuschauer ihrerseits bleiben dran, wenn sie gefangen werden, wenn ihr
Interesse geweckt wurde, wenn sie Reiz- und Schlüsselworte und –Bilder empfangen
haben, die für sie in ihrer jeweiligen Situation wichtig sind. Da kann auch die
Tageszeit eine entscheidende Rolle spielen, man ist nun mal nicht zu jeder Uhrzeit
aufgelegt, sich mit Problemen der Welt zu beschäftigen oder mit bestimmten Themen
auseinanderzusetzen. Die Programmplanung berücksichtigt die Daten der
Medienforschung diesbezüglich sehr genau, so kommen z.B. die Vorabendserien
dem Bedürfnis entgegen, nach einem Arbeitstag abzuschalten, eher leichte
Unterhaltungskost zu konsumieren. Und die Talkshows am Nachmittag sind u.a.
dadurch beliebt, weil man sich nicht so sehr darauf konzentrieren muss, sie beim
Hausaufgabenmachen oder während der Hausarbeit einfach laufen lassen kann.
Woran erkenne ich das Religiöse in einem Film?
Sie wissen, dass ich in der Abteilung Kirche und Leben des ZDF arbeite. Die Frage,
wann ein Film als religiös einzustufen ist, beschäftigt mich daher seit Beginn meiner
Arbeit. Sie gehört ganz eng zu meinem Thema, denn wie nehme ich eine religiöse
Wirklichkeit wahr, welche Zusammenhänge gibt es zwischen dem Filmangebot und
der Interpretation auf Seiten der Zuschauerinnen und Zuschauer? Darüber lässt es
sich trefflich streiten und diverse medientheoretische Schulen haben sich daran
bereits versucht. Schon bei einem einzelnen Objekt ist die Einordnung schwierig,
denn laut Boesch sind Objekte „so etwas wie Konvergenzen von Wirklichem und
Fiktivem, sie konkretisieren Vorgestelltes und Gedachtes.... Dem Frommen, der vor
einer Buddhastatue kniet, ist sie etwas anderes als dem Sammler, der sie in sein
Glaskabinett stellt oder gar dem Snob, der sie zu einem Lampenständer umarbeiten
lässt; ohne den Glauben des Frommen aber hätte es nie ein Buddhabild gegeben."5“
Überall da, wo es explizit um Religion und Kirche geht, in Nachrichten und
Magazinbeiträgen, die sich mit kirchlichem Leben befassen, ist der Kontext klar. Hier
5
a.a.O.S.64/65
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Referat auf der IAKM-Studienwoche 2002
ist ein Religionsmagazin, und die Zuschauer können zurecht erwarten, dass sie darin
keine Kochrezepte bekommen – außer als Schmankerl die biblischen Rezepte einer
Linsensuppe a la Esau – sondern gediegene Informationen über das, was sich bei
„Kirchens“ so ereignet hat seit der letzten Sendung. Oder es handelt sich um eine
Verkündigungssendung
wie
„Das
Wort
zum
Sonntag“
oder
die
Gottesdienstübertragung, da ist von Anfang an klar, dass es sich hier um religiöse
Sendungen handelt.
Das Problem beginnt im sogenannten impliziten Bereich, wenn sich eine Sendung
nach außen nicht als religiöse Sendung deklariert, aber vielleicht doch religiös ist...
Nehmen wir die Spielserie „Mit Leib und Seele“, eine Vorabendserie des ZDF, mit
Günter Strack in der Rolle des Pfarrers Adam Kempfert, die mit großem Erfolg
gelaufen ist. Obwohl von der Spielfilmredaktion ins Programm genommen, weil ein
Pfarrhaus ein wunderbar ergiebiges Feld für Konfliktstoffe aller Art ist und die
Arztserien sich ein bisschen totgelaufen hatten, wurde die Serie doch als religiös
eingestuft. Zum einen, weil ein Pfarrer dabei die Hauptrolle spielte, zum anderen,
weil dieser Pfarrer auch über seinen Glauben sprach, seine Seelsorge ernst nahm
und damit ein glaubwürdiger Vertreter seiner Zunft war, trotz aller Kritik, die
Fachleute wiederum an der Serie hatten.
Schwieriger war die Frage schon zu beantworten bei einer weiteren Pfarrerserie, die
mit Geldern der katholischen Kirche für SAT 1 entwickelt wurde und dort ebenfalls
mit großem Erfolg lief: Schwarz greift ein. Auch hier gab es den Priester als
Serienhelden, Herr Wennemann gab den Expolizisten, der als Pfarrer das ermitteln
nicht lassen kann. Das Genre war hier der Krimi, es ging um Kriminalfälle, die gelöst
werden sollten und zu deren Aufklärung Hochwürden eben beitrug, mit seinen etwas
unorthodoxen Methoden. Die Seelsorge und die Frage der Glaubensvermittlung
traten in diesen Filmen sehr viel stärker zurück und die Diskussion in der
Fachöffentlichkeit entstand darum, ob die Kirche für einen Film, der eben nicht
Verkündigungscharakter hat und kaum katechetische Ambitionen deutlich werden
lässt, Gelder zur Verfügung stellen solle oder nicht. Ist Pater Brown ein religiöser
Film, ja oder nein? Und Don Camillo und Peppone? Im Zweifel kann man sich immer
darauf zurückziehen, dass es sich hier ja um das Bodenpersonal des lieben Gottes
handele und daher das Etikett „religiös“ immer gerechtfertigt sei. Solange der Herr
Pfarrer als der Herr Pfarrer im Film deutlich gemacht wird, durch Ansprache oder den
bewussten Römerkragen, besteht darüber auch beim nichtkirchlich geprägten
Publikum kein Zweifel. Wann immer ein Priester oder ein Kirchturm innerhalb eines
Filmes an prominenter Stelle auftauchen, sind die Zuschauer bereit, darin eine
religiöse Dimension zu erkennen.
Die nächste Stufe der Verfremdung ist da gegeben, wo es keinen Priester oder keine
Ordensfrau gibt, sondern schlichte Laien. In Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils
wäre es ja wichtig –und war für mich in der Redaktionsarbeit immer ein Ziel – eine
nicht nur klerikal geprägte Kirche zu zeigen, sondern auch das Volk Gottes als
Kirche darzustellen. Aber wie mache ich das? Und wie zeige ich optisch, dass die
Pastoralassistentin Gemeinde repräsentiert? An dieser Frage hat sich schon manche
Agentur die Zähne ausgebissen. Ich erinnere an eine Image-Kampagne des Bistums
Limburg, bei der auf Plakaten für die Kirche geworben werden sollte. Die Agentur
kam auf die Idee, einen Pfarrer und ein Pastoralassistentin auf ein Tandem zu
setzen, um zu signalisieren, dass Gemeindearbeit Teamarbeit ist. Aber das Bild hat
nicht funktioniert – denn zu sehen ist entweder ein Mann und eine Frau auf dem
Fahrrad – was hat das mit Kirche zu tun, oder, wenn der Priester entsprechend
gewandet ist, ein Priester mit einer Frau auf dem Fahrrad. Und das ist
missverständlich, weil die Frau optisch nicht als Funktionsträgerin gekennzeichnet
7
Referat auf der IAKM-Studienwoche 2002
werden kann und damit das Assoziationsfeld in Richtung antizölibatär eröffnet ist.
Erst durch die Hinzunahme einer Nonne auf einem Tridem konnte dieser sexuelle
Aspekt wieder neutralisiert werden und der Teamgedanke dechiffriert werden.
Für uns als Filmemacher bedeutet dies, dass Laien nur dann eine Chance haben, als
Christen erkenntlich zu sein, wenn wir sie beim Kirchgang zeigen ( auch dies ein
eher vorkonziliares Bild) oder aber ein Statement bzw. ein Interview haben, in dem
der oder die Betreffende sich als bekennender Christ zu erkennen gibt. Es bedarf
dieser expliziten Form, um eine klare Aussage hinzubekommen.
Nun war es aber viele Jahre chic, Religion nebenbei und unter der Hand in Filme zu
schleusen. Es genüge, wenn die Filme implizit religiös sind. Was heißt das? Werte,
die das Christentum geprägt hat, Sinnfragen und existentielle Probleme seien in sich
schon religiös und brauchten nicht mehr kommuniziert werden. Der Film über die
Suppenküche einer Organisation zeigt Nächstenliebe, die gelöste Beziehungskrise
eines Ehepaaren lässt das christliche Familienbild durchscheinen, aber aussprechen
darf man es bitte nicht, das könnte ja missionarisch klingen. Die Sorge vor
Indoktrination, falscher Katechetisierung und Missionierung, ein latenter
Ideologieverdacht haben dazu geführt, dass wir in vielen Filmen zu einem ICChristentum gekommen sind, wie es Martin Thull in einem Artikel der
Herderkorrespondenz formuliert hat. IC, d.h. irgendwie christlich. Man kann das alles
rechtfertigen und ein christliches Mäntelchen drum hüllen, aber klar und profiliert ist
es nicht.
Implizite Religiosität dieser falsch verstandenen Art führt dazu, dass keiner mehr die
Filme als religiös erkennt. Denn wenn ich als Zuschauer die Folie nicht mehr habe,
vor der dies geschieht, kann ich auch nicht mehr decodieren, dann sehe ich den Film
halt ganz normal.
Sie kennen sicher alle die wunderbaren Seminare und Tagungen, auf denen man
sich lange und wortreich über „Das Religiöse“ in der Literatur, in einem Kinofilm
unterhält. Und plötzlich erhält ein Autor oder ein Regisseur eine Deutung, die ihm
vielleicht gar nicht lieb ist, wird er vereinnahmt als christlicher Autor, als christlicher
Filmemacher, weil ein paar gelehrte Theologen in seinem Film einen Beitrag zur
Theodizeefrage oder über die Transzendenz im allgemeinen und im besonderen
entdecken. Ironie beiseite, ich finde es legitim, wenn es Menschen gibt, die in den
Werken andere etwas entdecken, was die Autoren gar nicht beabsichtigt haben, was
aber in dem Werk und dem Thema, das es darstellt, implizit begründet ist. Man sollte
nur dann, wenn es um die Einordnung solcher Phänomene geht, sehr zurückhaltend
sein und nicht sofort von der Renaissance des Religiösen sprechen. Denn wenn es
keinen mehr gibt, der die Grundlagen der Decodierung legt, wenn das religiöse
Wissen der Gesellschaft nicht mehr ausreicht, Sachverhalte und Symbole zu
entschlüsseln, dann gibt es auch kein religiöses Verständnis. Immer wieder höre ich
z.B. von MuseumspädagogInnen, dass Kunstwerke nicht mehr verstanden werden,
weil der Hintergrund fehlt. Christliche Bildsymbolik geht verloren, wenn keiner mehr
weiß, dass der Mann am Kreuz Jesus Christus heißt und der Begründer der
christlichen Religion ist. Und dass der Vogel, oder besser gesagt die Taube, ein
Symbol für den Heiligen Geist ist.
Welche Wirklichkeiten konstruieren die Medien?
Erich Totzauer hat in seinem Tagungsvorwort ein Stichwort geliefert: „Bad news is
good news“ und damit einen Zusammenhang erwähnt, der unbedingt zu diesem
Thema gehört. Ist die Wirklichkeit, die die Medien uns präsentieren, eine gefilterte,
eine bedrohliche, weil sie die negativen Seiten der Wirklichkeit verstärkt?
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Referat auf der IAKM-Studienwoche 2002
Es stimmt vollkommen, dass die Themenwahl einer Nachrichtensendung die
positiven Seiten des Lebens weitgehend ausblendet. Es ist keine Meldung wert, dass
der Verkehr fließt, nur der Stau wird gemeldet. Und dass alle Flugzeuge pünktlich
und sicher gelandet sind, ist auch kein Thema, nur der Absturz oder allenfalls der
beinahe-crash geht über die Ticker der Nachrichtenagenturen. Es gibt ein natürliches
menschliches Bedürfnis, das Außergewöhnliche und Sensationelle zu erfahren, der
Alltag wird als selbstverständlich vorausgesetzt und langweilt. Alle Versuche, z.B. im
niederländischen Fernsehen, eine Sendung „good news“ einzuführen, in der es nur
positive Meldungen gab, sind schon bald eingestellt worden, weil es kein
gesteigertes Zuschauerinteresse gab, und dies, obwohl immer wieder Leute sagen,
sie könnten sich den ständigen Katastrophenmeldungen nicht mehr aussetzen,
würden es nicht mehr ertragen, was da an Elend und Gewalt in den
Nachrichtensendungen auf sie zu kommt. Eine Reaktion der Verdrängung und
Vermeidung, die verständlich ist. Aber dieselben Leute sehen sich deshalb noch
lange nicht eine Sendung an, in der nichts sensationelles passiert. Wir brauchen den
Kick, das Besondere reizt uns, schließlich dienen die Medien auch der Stillung
unserer Lustangst.
Fernsehen als Unterhaltungsmedium
Brot und Spiele braucht der Mensch, und die modernen Medien bieten ihm diese
Spiele. Und wie das Publikum im römischen Kollosseum immer stärkere Reize
brauchte, wie ihm der Kampf zwischen Tieren nicht mehr reichte, sondern Menschen
mit diesen Tieren kämpfen mussten und die Organisatoren sich immer weitere
Grausamkeiten ausdachten, so müssen die modernen Veranstalter der Spiele, die
Fernsehmacher, immer neue Reize schaffen, immer verrücktere Sendungen kreieren
und im unerbittlichen Konkurrenzkampf eine Wirklichkeit erschaffen, die mit der
Normalität des Alltags wenig zu tun hat.
Sie müssen, sage ich, müssen sie wirklich? Die Frage ist, ob der Zuschauer dies
wünscht und mit besonders hohen Quoten belohnt oder nicht. Ich werde so oft
angesprochen, ob denn die öffentlich-rechtlichen Sender nicht eine Verpflichtung
hätten, das etwas andere Programm zu machen, unabhängig von Quoten.
Ja und nein, kann ich da nur sagen. Wie sind verpflichtet und lösen das auch ein,
Minderheiten eine Stimme zu geben, auf Ausgewogenheit im Programm zu achten,
unseren Informationsauftrag wahrzunehmen – wobei von Bildung heute keiner mehr
spricht, aus den drei Säulen Information, Unterhaltung, Bildung, ist die Zweisäuligkeit
von Unterhaltung und Information geworden.
Aber wir müssen uns auch nach dem Geschmack des Zuschauers richten – der sich
an Quoten ablesen lässt. Wenn es eine Zahlungsverpflichtung für Gebühren gibt,
dann will der Zuschauer diese auch in seinem Sinne umgesetzt sehen. Das
Argument, was soll ich Gebühren für ARD und ZDF zahlen, ich gucke ohnehin nur
die Privaten und die kosten mich nichts, wäre für unsere Sender tödlich. Dass es
darüber hinaus falsch ist, weil jeder Zuschauer auch RTL und SAT 1 finanziert, nur
nicht über Gebühren, sondern durch die Produkte, die einen saftigen
Werbeaufschlag enthalten, ist hier nur eine Nebenbemerkung. Es geht um
Mehrheitsfähigkeit unserer Programme, und da sieht die Realität der
Zuschauerforschung leider anders aus als Pädagogen und Kulturmenschen dies
glauben.
Zwei Beispiele: Bei den Vertragsverhandlungen für die Fußballweltmeisterschaft
2002 hatten ARD und ZDF in einem relativ frühen Stadium erklärt, dass sie
aussteigen würden und nicht bereit seien, die überhöhten Vorstellungen von Herrn
Kirch zu erfüllen. Nicht bereit und auch nicht in der Lage. Das öffentliche Geschrei
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Referat auf der IAKM-Studienwoche 2002
war groß, Ministerpräsidenten setzten sich ein für freien Fußball, die Aufsichtsräte
der Sender gaben sich populistisch und zwangen die Intendanten wieder an den
Verhandlungstisch. Der Vertrag wurde abgeschlossen, die Summen waren horrend.
Die Sender sahen sich zu drastischen Sparmaßnahmen im restlichen Programm
gezwungen, u.a. wurde eine meiner Sendungen eingestellt, Neuproduktionen wurden
gestrichen. Erneut begann ein großes Geschrei, derselben Politiker, die vorher dafür
gesorgt hatten, dass mehr Geld auf den Tisch musste, warum nur noch
Wiederholungen und wie die Sender dazu kämen, höhere Gebühren zu verlangen,
auch dieses wieder populistisch. Hier werden Marktgesetze angewendet auf einen
Markt, der eben doch nicht 100% wie ein Markt funktioniert. Hätte man konsequent
politisch gehandelt, hätten die Politiker sagen müssen: Wir wollen die Fußballspiele
als free TV, daher ist eine Preistreiberei, wie sie Herr Kirch und Co praktiziert,
unzulässig. Nicht die Sender zwingen, jeden Preis zu zahlen, sondern ein Preislimit
einführen, wäre der richtige Schritt gewesen. Am Ende vom Lied jedoch stehen die
Zuschauerzahlen bei der WM, und die sind so außergewöhnlich hoch, über 80 %
Marktanteil, das erreichte selbst ein Durbrigde zu besten Zeiten nicht. Im Vergleich:
In seinen besten Zeiten hat Jauch 34 % und Gottschalk 44%, ab 20 % ist die Quote
überdurchschnittlich.... Mit diesen Zahlen hat jede Argumentation ihr Recht verloren,
da kann ich lange jammern, dass mir meine Sendung genommen ist.
Zweites Beispiel: Solange es in Deutschland nur öffentlich-rechtliches Fernsehen
gab, wurde eine gewisse Abstimmung in der Programmplanung vorgenommen und
es gab bestimmte geschützte Programme. D. h., die politischen Magazine wie
Monitor oder Kennzeichen D liefen nie gegen einen Spielfilm und Unterhaltung im
anderen Programm, sondern dagegen wurde eine Kulturdokumentation oder
ähnliches gesetzt, damit die Versuchung des Zuschauers nicht allzu groß wurde,
wegzuzappen. Man erreichte damit relativ gute Einschaltquoten auch für die
anspruchsvollen Sendungen, und mangels „Besserem“ waren die Zuschauer bereit,
sich auch diese anzusehen. Mit dem medienpolitischen Urknall und der
Vervielfältigung von Programmen ist eine solche Abstimmung nicht mehr möglich.
Jeder Zuschauer kann jederzeit aus einem breiten Spektrum von Unterhaltung und
Spielfilmen auswählen, es gibt keinen sanften Zwang zum Anspruch mehr, auch
wenn nach wie vor diese anspruchsvollen Programme im Angebot sind. Was macht
der durchschnittliche Zuschauer? Er meidet die Auseinandersetzung und sucht die
Zerstreuung. Wir sprechen vom sogenannten Unterhaltungsslalom, der beliebig
nachgewiesen werden kann – ein großer Bogen um alles, was nur danach riecht,
etwas höhere Anforderungen zu stellen. Fernsehen ist ein Unterhaltungsmedium
geworden, das ist so und das haben wir zu akzeptieren, ein Lamento diesbezüglich
macht keinen Sinn. Die Konsequenzen daraus können nur heißen, dass wir dieses
Bedürfnis bedienen und gleichzeitig aber auch jenen, die statt Zuckerbrot auch mal
Schwarzbrot wollen, dieses anzubieten. Die Medienforschungsabteilungen haben
mittlerweile einen sehr genauen und guten Überblick über die Bedürfnisse und
Erwartungen unserer Zuschauer, die Wahrnehmung, sprich Berücksichtigung dieser
Wirklichkeit gehört zu unseren Aufgaben.
Manipulation von Wirklichkeit
Dass wir dabei jedoch eine große Verantwortung tragen ist auch richtig, denn wir
haben die Macht, Wahrnehmung zu beeinflussen und zu manipulieren.
Boesch weist darauf hin: „Das geschickte Umgehen mit Sprache verleiht soziale
Anerkennung, ja sogar Macht. Subtiler indessen ist die Macht, die mit den
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Referat auf der IAKM-Studienwoche 2002
konnotativen Anteilen der Sprache zusammenhängt.“6 , und das betrifft hochgradig
die Medien, insbesondere das Fernsehen, weil es genau mit den emotionalen und
konnotativen Anteilen der Wahrnehmung umgeht. Die Werbung z.B. nützt diese
unterschwelligen Gefühle aus, ja sie spielt mit Ihnen. Und die Wirkungsforschung
kann sehr wohl nachweisen, dass Menschen auf die subtilen Botschaften des
Fernsehens reagieren, wenn sie nur entsprechend häufig auftreten. Nicht ein
einmaliges Betrachten eines Horrorvideos macht den Jugendlichen zum Gewalttäter,
sondern die Fixierung auf diese Art der Problemlösung, die permanente Aufnahme
dieser Codes und eine damit verbundene Gewöhnung und Verharmlosung. Wer
immer sieht, dass in Spielfilmen durch den Griff zum Colt Probleme gelöst werden,
der ist eher bereit, diese Handlungsweisen in sein eigenes Repertoire zu
übernehmen. Die Frage der Nachahmung ist gerade im Zusammenhang mit Erfurt
vielfach diskutiert worden. Ich denke, die Fantasie, einen unbeliebten Lehrer
umzubringen oder sich für erlittenes Unrecht zu rächen hat es immer gegeben, was
haben wir nicht alles in unseren Gedanken schon getan. Aber den Schritt, diese
Fantasien auch umzusetzen, davor hat uns unser Moralkodex bewahrt und auch die
Unmöglichkeit der Umsetzung. Wenn ein Jugendlicher wie in Erfurt jedoch Zugang
zur Realisierung, sprich zur Waffe hat, und wenn die Tat für ihn als eine echte
Alternative erscheint, weil sie zu bewährten Handlungsmustern gehört, dann ist der
Weg zur grausigen Bluttat leichter und schneller gegangen.
Wahrnehmung ist interessengeleitet
In der ganzen Diskussion um Gewalt im Fernsehen wird dieser Aspekt immer wieder
betont. Alle Forscher gehen davon aus, dass eine vorhandene Disposition und die
ausschließliche Fixierung auf Gewaltdarstellungen, der übermäßige Konsum zu
Gewalttaten führt, bei anderen Konstellationen hat die Gewaltdarstellung dagegen
eher einen abschreckenden und kathartischen Effekt.
Wir haben hier ein Beispiel für gelenkte und selektive Wahrnehmung. Wer darauf
fixiert ist, wird überall Brutalitäten entdecken, während andere dieselbe
Programmplanung überhaupt nicht stört. Die Themen der Nachmittagstalks,
entsetzlich in ihrer Banalität und ihrem Voyeurismus, werden von den meisten
Fernsehzuschauern gar nicht wahrgenommen, weil sie am Nachmittag ohnehin keine
Zeit zum Sitzen vor der Glotze haben.
Auch im Alltag gibt es solche selektive Wahrnehmung. Man hört oder sieht nur das,
was man hören und sehen will, zahlreiche Konflikte basieren auf diesem
Mechanismus. Sie kennen alle das Phänomen: jahrelang geht man durch die
Fußgängerzone ohne größere Entdeckungen. Und plötzlich, weil man selbst sich mit
einem Kinderwunsch trägt, sieht man nur noch Frauen, die schwanger sind.
Statistisch gesehen hat sich nichts verändert, es gibt immer noch gleich viele und
gleich wenige Leute, die ein Baby bekommen, aber weil ich mich innerlich damit
beschäftige, fallen sie mir auf im Stadtbild.
Oder: Es hat mir nie etwas ausgemacht, in einer mulitkulturellen Umgebung zu
wohnen. Aber weil plötzlich mehrfach darüber berichtet wird in den Zeitungen, fällt es
mir auf, dass ja immer mehr Läden von Ausländern betrieben werden. Weil ich sehen
will, dass es so ist, nehme ich es auch verstärkt wahr.
Das gelenkte Interesse, die gelenkte Wahrnehmung ist es ja auch, die mich meine
Zeitung kaufen lässt, so ich denn die Auswahl habe. Ich abonniere die Zeitschrift, die
in ihrer Kommentierung meiner Meinung entspricht. Ich erwarte die Bestätigung
meiner Meinung, nicht eine Korrektur.
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a.a.O. S. 83
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Referat auf der IAKM-Studienwoche 2002
Gerade in diesen Wochen ist es in Deutschland angesichts der Wahlkampfsituation
wichtig, die Meinungsverstärkung im eigenen Lager zu pflegen.
Eine Sendung wie das Nachtduell von Hauser und Kienzle, befriedigt daher die
Interessen beider Seiten, weil jeder sich gut aufgehoben fühlt in seiner
Argumentation und den andern runtermachen kann.
Die Macht der Medien
Den Medien, speziell dem Fernsehen, wird eine ungeheure Macht zugeschrieben in
Bezug auf Meinungsbildung. Wenn Menschen keine eigenen Quellen mehr haben
oder nutzen, wenn sie nie auf eine politische Veranstaltung gehen und ihre
Informationen nur aus Fernsehen und Zeitung beziehen, dass hat es auch
Konsequenzen, wenn in diesen Medien Aspekte der Wirklichkeit ausgeblendet
werden. Entwicklungspolitik zum Beispiel ist nicht sehr attraktiv, darüber erfährt man
ebenso wenig wie z.B. über Medienpolitik, es sei denn, es geht um
Fußballübertragungsrechte oder eine Pleite wie bei Kirch. Dass in Italien ein Herr
Berlusconi eine solche Machtstellung erreichen kann ist ein Skandal, aber wird
ermöglicht, weil nicht genug Wert auf die Unabhängigkeit der Medien gelegt wird.
Über die Berichterstattung in den Krisengebieten und Kriegsberichterstattung in den
Medien wird es ja noch ein eigenes Referat geben, von daher kann ich diesen
Bereich ausblenden. Dass es wichtig ist, sich darüber Rechenschaft abzulegen,
welche Wirklichkeiten Zugang in die Nachrichten finden und welche nicht, ist
unbestritten.
Allerdings glaube ich, dass der politische Bereich wesentlich ungefährlicher ist als
normaler Alltag. Politische Berichterstattung unterliegt in Deutschland einer starken
Kontrolle durch die Aufsichtsgremien der Sender. Und es gibt immer wieder
investigativen Journalismus, der die Skandale und vertuschten Wirklichkeiten der
Politiker ans Tageslicht bringt, die Nachrichten der letzten Tage haben es wieder
bewiesen, dass keine Partei sicher sein kann, dass Fehlverhalten nicht an die
Öffentlichkeit gelangt. Problematischer dagegen die Frage, welche gesellschaftlichen
Realitäten aus dem Programm ausgeblendet werden, weil es keine starke Lobby
dafür gibt und/oder weil die Thematik nicht geeignet ist, große Zuschauermengen zu
interessieren.
Wir müssen wissen und das Bewusstsein dafür wach halten, dass es außer den
Medienwirklichkeiten noch ganz viele andere Wirklichkeiten gibt. Es wäre fatal, wenn
sich eine Gesellschaft nur noch darüber definieren würde, was in den Medien
stattfindet.
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Seele and Geist
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