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1 Was macht einen Menschen zum Mörder - BORG Birkfeld

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MÄNNER HINTER GITTERN
Wohin soll ich flüchten vor deinem Geiste?
Wohin vor deinem Antlitz entfliehn?
Stiege ich zum Himmel empor, so bist du zugegen;
wollte ich in der Unterwelt lagern,
so bist du auch dort.
Nähm ´ich des Morgenrots Schwingen
und ließe mich nieder am fernsten Gestade:
Auch dort noch wird deine Hand mich geleiten
und halten mich deine Rechte.
Und sagte ich auch: Finsternis soll mich bedecken
und Nacht mich umgeben wie sonst das Licht:
So ist doch Finsternis selbst nicht dunkel für dich,
Nacht ist dir hell wie der Tag.
MÄNNER HINTER GITTERN
Psalm 139, 7-12
Seite 2
MÄNNER HINTER GITTERN
Inhaltsverzeichnis
Vorwort........................................................................................................4
2.Die Kindheit .............................................................................................5
2.1. Die Beziehung zu den Eltern................................................................. 5
2.2. Auffälligkeiten in der Kindheit von Straftätern.....................................5
2.3. Verarbeitung der Kindheit.....................................................................6
2.4. Fallbeispiele..........................................................................................7
3.Die Psyche von Straftätern......................................................................9
3.1. Biologische und soziale Faktoren ........................................................ 9
3.2. Gefühle von Straftätern....................................................................... 10
3.2.1.Wut................................................................................................................. 11
3.2.2.Zorn................................................................................................................ 11
3.2.3.Hass ............................................................................................................... 12
3.2.3.1.Phänomenologie der Hasskrankheit ....................................................... 12
3.3.Aggression............................................................................................13
3.3.1.Sexuelle Aggression....................................................................................... 13
3.3.2. Modelle und Theorien der Aggressionsentstehung ...................................... 14
3.3.2.1.Definition.................................................................................................14
3.3.2.2.Aggressionsmodelle.................................................................................14
3.3.2.3.Instrumentelle Aggression am Beispiel des Milgram - Experiments ..... 15
4.Serienmörder..........................................................................................16
5.Das Gefängnisexperiment von Stanford: Zimbardos Hölle...............19
5.1. Film: Das Experiment..........................................................................20
5.2.Philipp Zimbardo über den Film „Das Experiment“.......................... 21
5.3.Moritz Bleibtreu über „Das Experiment“............................................22
5.4. Persönliche Meinung zum Film „Das Experiment“........................... 22
6.Zahlen und Fakten zum Thema Haft...................................................24
7.Das Erleben von Haft.............................................................................25
7.1. Psychisches Befinden von Inhaftierten................................................25
7.2. Beziehung zu den Wärtern...................................................................26
7.3.Soziale Folgen der Haft........................................................................27
7.4.Resozialisierung nach der Haft............................................................28
8.Die Problematik der Strafe....................................................................28
8.1. Sinn von Strafe.....................................................................................28
8.2. Eigenverantwortung als Ziel............................................................... 29
8.3. Erziehung durch Strafe?......................................................................30
9.Strafe und Therapie...............................................................................30
9.1.Gründe für eine Therapie.....................................................................31
9.2.Erfahrungsberichte aus dem Buch „Einschluss“ von Hans-Joachim
Neubauer.....................................................................................................32
10.Praktischer Teil....................................................................................34
10.1.Erfahrungsbericht...............................................................................34
10.2.Interview mit der Anstaltspsychotherapeutin E. T............................. 34
10.3.Polizeianhaltezentrum Graz – Interview mit einem Beamten............ 39
Nachwort....................................................................................................41
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MÄNNER HINTER GITTERN
11.Quellennachweis...................................................................................43
Seite 4
MÄNNER HINTER GITTERN
Vorwort
Als ich im Vorjahr „Das Experiment“ sah, war ich sehr schockiert, über die in diesem
Film dargestellten Geschehnisse. Mein Entsetzen bezog sich in erster Linie auf den
Missbrauch verschiedener Machtpositionen mitwirkender Personen. Als ich die
Möglichkeit in Betracht zog im Fach Psychologie eine Fachbereichsarbeit zu schreiben,
war es für mich keine Frage das Thema „Männer hinter Gittern“ zu wählen. Ich folgte
meinem Interesse und schmökerte in Fachliteratur.
In der hier vorliegenden Arbeit ist es mir ein Anliegen aufzuzeigen, dass Haftinsassen
schwerwiegende psychische und physische Verletzungen zu ertragen hatten und haben.
Beginnend mit der Auseinandersetzung der Kindheit von Straftätern möchte ich über die
Psyche der Straftäter, und schließlich speziell bezogen auf Serienmörder, eingehen.
Weiters folgt eine kurze Beschreibung des Films „Das Experiment“ und dessen
Hintergründe. Ergänzend dazu sind mir Themen wie Haft, Strafe und Therapie ein
großes Anliegen. Abschließend möchte ich in einem praktischen Teil den Leser mit
Interviews mit direkt im Strafvollzug beruflich tätigen Personen konfrontieren.
MÄNNER HINTER GITTERN
2. Die Kindheit
Was ein Kind in den ersten Lebensjahren erlebt, und wie es diese Erlebnisse verarbeitet,
hat Einfluss auf sein späteres Verhalten in der Gesellschaft. Psychosen, Drogensucht
und Kriminalität können Folgen frühester Kindheitserfahrungen sein. Für seine positive
Entfaltung braucht das Kind die Achtung und Wertschätzung seiner Bezugspersonen,
Toleranz für seine Gefühle, Sensibilität für seine Bedürfnisse und Kränkungen (u. a.)1
2.1. Die Beziehung zu den Eltern
Eine fehlende oder fehlgeschlagene Mutter-Kind-Beziehung, speziell die
Bindungsunfähigkeit und das dadurch nicht vorhandene Sicherheits- und
Geborgenheitsgefühl, kann ausschlaggebend für die Entwicklung eines extremen
Aggressionsverhaltens sein.
Ausgangspunkt ist eine unsichere Bindung, die beim Kind dazu führt, dass auch schon
geringe Frustration als sehr bedrohlich empfunden werden kann. Dies begünstigt die
Entwicklung eines negativen, feindlichen Umweltbildes. Konflikte mit
Erziehungspersonen, werden häufiger und intensiver, dadurch verschlimmert sich die
unsichere Beziehung immer mehr. Eine emotionale Bindung zu möglichen anderen
Bezugspersonen, könnte vielleicht Sicherheit und Geborgenheit liefern. Kinder
verwenden aggressive Handlungen, um die eigene Sicherheit zu gewährleisten. Die
aggressiven Handlungen werden als Reaktionen auf die feindliche Umwelt verstärkt,
worauf wiederum ablehnend reagiert wird. Das Kind wird in seiner Haltung bestärkt
und es werden aggressive Ziele entwickelt.2
2.2. Auffälligkeiten in der Kindheit von Straftätern
Serienmörder kommen hauptsächlich aus kaputten sozialen und familiären
Verhältnissen. Diese sind von Misshandlungen, sexuellem Missbrauch, Drogen,
Alkoholismus oder die damit verbundenen Probleme geprägt.3
Oft ist ein Straftäter das Kind einer dominanten Mutter. Mit seinem Vater hat er kaum
bzw. keinen Kontakt. Ist der Kontakt doch vorhanden, dann wird er vom Vater
misshandelt.
Vgl. Alice Miller: Am Anfang war Erziehung. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag.
1983, S. 2
2
Vgl. Manuela Ziegerhofer: Kriminalpsychologie. Fachbereichsarbeit. 2002, S. 39
3
Vgl. John Douglas, Mark Olshaker: Die Seele des Mörders. 25 Jahre in der FBI-Spezialeinheit für
Serienverbrechen. München: Wilhelm Goldmann Verlag. 1996, S. 420
1
Seite 6
MÄNNER HINTER GITTERN
Die Kindheit ist meist von körperlichen Störungen (z.B. Stottern), Tierquälerei und
Brandstiftung gezeichnet.4
Hier sieht man deutlich, wie wichtig die Kindheit eines jeden Menschen ist. Vielen
Straftätern geht es um Manipulation, Dominanz und Kontrolle. Damit wollen sie ihr
ansonsten leeres Leben ausfüllen und endlich geachtet werden.5
Des Weiteren zeigt sich bei Straftätern, insbesondere bei Serienmördern, dass strenge,
wenig wertschätzende Erziehungsstile, häufiges Weglaufen und ein hoher Anteil
alkoholabhängiger Familienangehöriger häufiger sind als in „normalen“ Familien.
Ebenso ist die Beziehung zwischen den Familienmitgliedern eher problematisch.6
2.3. Verarbeitung der Kindheit
Als Prophylaxe für den einzelnen Betroffenen schlägt Horst Kraemer das
„Selbststeuerungskonzept“ vor. Dieses soll dazu befähigen, dass Menschen
verhängnisvolle Fallstricke sozialer Interaktionen besser wahrnehmen können, und es
soll sie ermutigen, die Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen und ihr Handeln
an ihren wirklichen Bedürfnissen zu orientieren, immer unter der Berücksichtigung ihrer
momentanen subjektiven und objektiven sozialen Situation. Das ist das Ziel dieses
Konzepts und es soll letztendlich die Menschen nicht nur dazu befähigen auf
Alternativen zu gewalttätigen Lösungen zurückzugreifen, sondern sie auch dafür
sensibilisieren, ihre diesbezügliche Wahrnehmung auf alle sozialen Abläufe
auszuweiten und zu einer zielorientierten Kommunikation zu finden, die beinhaltet, dass
man auch Nein sagen kann.
Um das alles zu erreichen soll ein Frühwarnsystem in sieben Schritten helfen.
1. Motivation
Sind Menschen motiviert ihre Verhaltensmodalitäten zu erweitern, stoßen sie auf
zwei Probleme: Erstens trauen sie sich nicht zu, ihr Verhalten gänzlich zu ändern, da
sie es gewohnt sind, die Kontrolle zu verlieren. Zweitens müssen sie sich von einem
Verhaltensmuster trennen, das ihnen sehr vertraut ist.
Vgl. ebda, S. 186
Vgl. Douglas, Olshaker, a.a.O, S. 132
6
Vgl. Cornelia Musloff, Jens Hoffmann: Täterprofile bei Gewaltverbrechen. Mythos, Theorie und
Praxis des Profilings. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag 2002, S. 266
4
5
MÄNNER HINTER GITTERN
2. Verantwortungsübernahme
Ein Mensch, der sein Verhalten ändern will, muss lernen den Tatsachen ins Auge zu
sehen, und erkennen, dass niemand außer ihm die Verantwortung übernehmen kann.
Zur Verantwortungsübernahme gehört die Entscheidung sich zu ändern oder es beim
alten Zustand zu belassen.
3. Das Frühwarnsystem erkennen
Das Frühwarnsystem sind Signale, die der Körper aussendet und die man nach
einigem Üben wahrnehmen kann. Vielfach ist es heute so, dass viele Menschen,
außer einem rein mechanischen Funktionieren im Leben, wenig auf ihren Körper
und seine Bedürfnisse eingehen. Darum brauchen sie den großen Kick, um ihren
Körper zu spüren: bei Gewalttaten, beim Spielen um Geld, bei extremen sexuellen
Praktiken, bei exzessiver Machtausübung und bei völliger Selbstaufgabe. Deshalb
ist es wichtig, zum Körper und zu seinen Reaktionen eine Beziehung herzustellen.
4. Entscheidungen treffen
Wenn man spürt, dass eine Grenzverletzung passiert, oder dass eine
Grenzverletzung möglich wird, dann muss man sich für eine bewusst neue,
deeskalierende und zielorientierte Kommunikation entscheiden.
5. Die Eskalation stoppen
Man muss eine Pause machen und das schnelle Handeln und Denken abschalten.
Handelt man zu schnell oder zu voreilig, so handelt man nach einem Muster.
6. Das Gehirn defragmentieren
Wenn man Gefahr läuft, nach einem bestimmten Muster zu reagieren, und der
Körper das womöglich schon macht, dann ist das Gehirn nicht mehr ganz
durchblutet. Um eine völlige Durchblutung zu ermöglichen, stimuliert man
abwechselnd die linke und die rechte Hirnhälfte (gezielte Übungen).
7. Die Präsenz überprüfen
Man ist dann präsent, wenn die Atmung ruhig verläuft, das Gehirn auf voller
Denkleistung arbeitet und man mit ganzer Energie beim gerade aktuell ablaufenden
Geschehnis ist.7
2.4. Fallbeispiele
Beispiel Edmund Emil Kemper III: Er wuchs mit zwei jüngeren Schwestern auf und
seine Eltern ließen sich nach vielen Jahren, die von Streitigkeiten geprägt waren,
scheiden. Ed legte einige merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag. Er zerstückelte
7
Vgl. Horst Kraemer: Das Trauma der Gewalt. München: Kösel-Verlag 2003, S. 193 ff
Seite 8
MÄNNER HINTER GITTERN
zwei Hauskatzen und trieb rituelle Todesspiele mit seiner älteren Schwester. Er war
überdurchschnittlich intelligent und war für sein Alter relativ groß, womit er große
Probleme hatte. Er lebte sehr zurückgezogen und wurde von anderen oft als „komisch“
bezeichnet. Seine Mutter wurde damit nicht fertig und schickte ihn zu seinem Vater.
Dort hielt er es nicht lange aus, er riss aus und ging wieder zu seiner Mutter. Diese
schickte ihn jedoch bald zu seinen Großeltern aufs Land. Bei seinen Großeltern fühlte er
sich jedoch einsam. Schließlich erschoss der Vierzehnjährige seine Großmutter mit
einem Gewehr, danach stach er mehrmals mit einem Küchenmesser auf ihre Leiche ein.
Weil er wusste, sein Großvater würde das nicht billigen, erschoss er auch ihn und ließ
ihn auf dem Feld liegen. Danach wurde er in eine psychiatrische Klinik eingewiesen,
aus der er mit 21 Jahren wieder entlassen wurde.
Nach seiner Entlassung ging er einigen Jobs nach und brachte innerhalb von wenigen
Monaten sieben junge Studentinnen um, die er alle in das Haus seiner Mutter brachte.
Letztendlich tötete er auch seine Mutter, um, wie er sagte, endlich frei zu sein.8
Das zweite Beispiel, das ich anführen möchte, ist Jack Unterweger. Er war das
außereheliche Kind einer Steirerin mit einem amerikanischen Besatzungssoldaten.
Unterweger wurde 1950 in Judenburg/Steiermark geboren. Zwischen dem 7. und dem
12. Lebensjahr war er bei mehreren Pflegefamilien, dann kam er in verschiedene Heime.
Auch seine Kindheit war durch ein verwahrlostes, liebloses Milieu, Mangel an
konstanten Bezugspersonen, häufigen Wechsel der Umgebung und durch fehlende
Vermittlung von Werten geprägt.
Bis zu seinem 24. Lebensjahr verbrachte er vier Jahre in Haft, unter anderem wegen
Eigentumskriminalität, gefährlicher Drohungen, Entführung einer Minderjährigen,
Hehlerei und leichter Körperverletzung. Im Dezember 1974 wurde Unterweger wegen
eines sexuell motivierten Tötungsdeliktes und Raubüberfalles zu lebenslanger Haft
verurteilt.
Schon während seines Gefängnisaufenthalts unternahm er einen Suizidversuch. Und in
der Nacht nach dem Urteilsspruch erhängte er sich in seiner Zelle.9
Trotz ihrer schlimmen Kindheit muss den Tätern klar sein, was richtig und was falsch
ist. Die einzige „Ausnahme“ hierbei ist vielleicht, wenn sie nicht im Besitz ihrer
vollständigen geistigen Kräfte sind, d.h. wenn sie psychisch krank sind.10
8
Vgl. Douglas, Olshaker, a.a.O, S. 123 ff.
Vgl. Reinhard Haller: Die Seele des Verbrechers. St. Pölten: NP Buchverlag. 2002, S. 189 ff.
10
Vgl. Douglas, Olshaker, a.a.O, S. 442
9
MÄNNER HINTER GITTERN
3. Die Psyche von Straftätern
3.1. Biologische und soziale Faktoren
In der Psychologie wird die Meinung vertreten, dass man potenzielle Mörder schon früh
in ihrer Entwicklung identifizieren und behandeln sollte, wenn noch Chancen bestehen,
ihr Verhalten zu korrigieren. Darum erforschen Experten nicht länger lediglich
Umwelteinflüsse, wie Armut und fehlerhafte Erziehung, sondern auch die biologischen
Faktoren, die dazu führen können, dass Menschen zu Mördern werden. Erst wenn man
beide Seiten untersucht, biologische und soziale Faktoren, kann man die Ursachen von
Gewalttaten richtig verstehen.
Forscher und Pseudo-Wissenschafter haben schon im 19. Jahrhundert nach den Wurzeln
der Gewalt gesucht. Oft erregten sie mit ihren Thesen großes Aufsehen. Vertreter der
Frenologie glaubten, die geistigen und charakterlichen Eigenschaften eines Menschen
seien durch die Form des Schädels bestimmt. So behaupteten sie, wer am Schädel den
sogenannten Liebeshöcker habe, werde automatisch zum Dieb. Dasselbe galt für den
Trunksuchthöcker. Er alleine entschied, ob man Alkoholiker wurde.
Etwa zur Zeit des Ersten Weltkrieges wurde in den USA die Theorie populär, für
Verbrechen sei Schwachsinn verantwortlich. Darunter verstand man nicht nur eine
unterdurchschnittliche Intelligenz, sondern auch einen Mangel an Moral.
Heute werden die Frenologen zwar belächelt, dass aber die einzelnen Gehirnregionen
unterschiedliche Funktionen haben, ist längst bewiesen. Mit modernen
Bildgebungsverfahren haben Forscher Anzeichen gefunden, warum bestimmte
Menschen zu Mördern werden. Gesteuert wird das gewalttätige Verhalten durch zwei
Bereiche: der erste ist der sogenannte praefrontale Kortex, der andere das limbische
System. Im limbischen System, dem stammesgeschichtlich ältesten Teil des Gehirns,
haben Urtriebe wie Sex, Furcht, Aggression und Zorn ihren Sitz. In Schach gehalten
werden diese emotionalen Triebkräfte durch den praefrontalen Kortex. Die vordere
Schicht der Gehirnrinde hinter der Stirn ist der stammesgeschichtlich jüngste Teil des
Gehirns. Er ist wichtig für das Denken und die Unterscheidung von Gut und Böse. Wird
dieser Bereich beschädigt, können seine Kontrollfunktionen versagen.
Laut Forschungsergebnissen ist bei Mördern die Funktion der Stirnrinde eingeschränkt.
Eine der Ursachen kann Kindesmisshandlung sein. Wenn man beispielsweise ein
Kleinkind heftig schüttelt, schlottert die weiche Gehirnmasse im Schädel so sehr, dass
Risse entstehen. Die weichen Nervenfasern, die den praefrontalen Kortex mit dem
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MÄNNER HINTER GITTERN
übrigen Gehirn verbinden, werden unterbrochen. Dann hat man den gleichen Effekt wie
bei einer „Lobotomie“, der operativen Abtrennung des Stirnlappens. Bei einer
„normalen“ Person ist der praefrontale Kortex an der Stirn sehr aktiv, beim impulsiven
Mörder hingegen fast gar nicht. Solche Mörder handeln nicht vorsätzlich oder durch
Planung, sondern impulsiv. Deshalb unterscheiden sie sich von Serienkillern. Bei
Mehrfachmördern arbeitet die Stirnrinde auf vollen Touren. Daraus lässt sich schließen,
dass sie ihr Verhalten genau steuern und kontrollieren.
Kein Forscher behauptet, dass ein Gehirnschaden oder eine biologische Veranlagung
ausreicht um Morde zu erklären. Genauso wie es kein einzelnes Gen gibt, das für
Gewalttaten verantwortlich wäre. Bei Tötungsdelikten sind immer mehrere Faktoren im
Spiel, biologische und soziale. Wie sich die Gene auswirken, hängt vom sozialen
Umfeld ab. Das gilt auch für die Veranlagung zur Gewalt. Gene sind nicht
gleichbedeutend mit einem unabänderlichen Schicksal. In der Lebensgeschichte von
Männern, die in der Todeszelle sitzen, weil sie grauenvolle Morde begangen haben,
findet man oft eine ganze Reihe von schrecklichen Traumata, die bereits in der Kindheit
erlebt wurden oder physischen Verletzungen, wie Gehirnschäden.
Man kann aber zwischen biologischen und sozialen Faktoren nicht länger eine klare
Trennlinie ziehen.11
3.2. Gefühle von Straftätern
Wut und Zorn sind Emotionen, die im Bereich der Aggressionsäußerungen angesiedelt
sind. Sie werden zwar oft synonym verwendet, trotzdem weisen sie beträchtliche
Unterschiede auf. Wut ist ein undifferenzierter Gefühlszustand mit enormer Einengung
der menschlichen Welt und des Welthorizonts (= blind vor Wut). Wut ist ebenso eine
pathologische Erscheinung.
Zorn ist eine bewusste Gefühlsäußerung, die sich gegen die Verletzung eines höheren
Wertes richtet, und ist somit Ausdruck eines entwickelten Wertempfindens. Zorn ist
eine Tugend oder Fähigkeit, die mit Willensstärke, Mut und Lebenskraft verwandt ist.12
Wut und Zorn sind keine willkürlichen, zufälligen Phänomene, sondern sie sind immer
Ausdruck einer sehr angespannten Situation, die auf dem Hintergrund der
Lebensstimmung und Charakterstruktur eines Menschen verständlich wird.
11
12
Vgl. gesehen in „Durchblick Mord“ auf Discovery Channel am 06.10.2003
Vgl. Josef Rattner: Menschenkenntnis durch Charakterkunde. Augsburg: Weltbild Verl. 1998, S.157
MÄNNER HINTER GITTERN
3.2.1.Wut
Laut dem Aggressionsforscher Medard Boss richtet ein wütender Mensch alles stets auf
Zerstörung und Vernichtung aus. Ein Wütender fühlt sich nicht selbst für
Lebenshindernisse und Schwierigkeiten verantwortlich. Sie stürzen von außen auf ihn
ein und entziehen sich seinem Einfluss, so dass er oft das Gefühl hat, vom Leben
ungerecht behandelt zu werden. Seine Grundstimmung ist, dass er sich ohnmächtig und
überfordert fühlt. Sein Weltbezug ist extrem eng und schmal. Der Wütende hat wenig
Freiheitsspielraum und wenig Humor, kaum Distanz zu sich selbst und er kann schwer
über sich und seine Schwächen lachen. Seine Perspektive ist ichbezogen, wie bei einem
verzogenen Kind. Wut ist ein Augenblicksphänomen. Zukunft und Vergangenheit sind
dabei ausgeschaltet. Die Art des Wütenden ist laut, unkontrolliert und wild. Die
Bewegungen sind zackig und unharmonisch. Er wirkt wie ein Wahnsinniger oder ein
Alkoholiker. Der Körper ist verspannt, verkrampft und wirkt wie gepanzert. Die Welt
und der starre, wütende Mensch sind voneinander getrennt und stoßen einander ab. Zu
Wut neigt jemand, wenn er sich schwach und unsicher fühlt. Ein Wutanfall wächst aus
einem intensiven Ohnmachts- oder Verletzungsgefühl. Ein Wütender will wie sein Ideal
sein, er ist immer ehrgeizig, eitel und perfektionistisch. In seinem Inneren ist eine
ausgeprägte Willensschwäche vorhanden, die auf mangelndes Selbstwertgefühl
schließen lässt. Die Beziehung zu den Mitmenschen ist bei einem Wütenden durch
starke Unsicherheit und Angst vor Nähe und Hingabe geprägt.
3.2.2.Zorn
Ein Zorniger ist empört und nicht ichbezogen. Das heißt, er hat ein länger anhaltendes
Interesse an einer Sache und nimmt leidenschaftlich an der Welt Anteil. Sein Ausdruck
ist das Empfinden von heftiger Empörung. Wenn sich seine Weltbezüge plötzlich
verengen, ist diese Beeinträchtigung ein kraftvoller Protest gegenüber dem, der sein
Moralempfinden verletzt. Zorn ist verbunden mit Hoffnung und Zuversicht, die Umwelt
ist nicht vernebelt, das Bewusstsein ist hell und voll funktionsfähig, trotz kurzer
Verengung. Der Zornige weiß genau, warum er zornig ist und gegen wen sich sein Zorn
richtet. Zorn scheint also kontrollierbarer als Wut zu sein und hat einen größeren
Freiheits- und Handlungsspielraum. Die Haltung ist würdevoll, kontrolliert und
Körperreaktionen dazu sind unauffällig. Im mimischen Bild eines Zornigen dominieren
die Augen. Zorn entsteht eher durch ein hohes Selbstwertgefühl. Ein Zorniger ist nicht
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MÄNNER HINTER GITTERN
in seiner Welt gefangen, sondern bezieht die Welt seines Gegenübers mit ein. Er ist
offener gegenüber anderen.13
3.2.3.Hass
Hass ist ein Aggressionsphänomen und richtet sich speziell gegen einen Mitmenschen.
Hass wird oft der Liebe gegenübergestellt. Hier muss man aber erläutern, dass man in
der Liebe die Tugenden und die Schwächen seines Gegenübers akzeptiert, was auf Hass
nicht zutrifft. Der Hassende tendiert auch dazu Mitmenschen nur erdenklich Schlechtes
zu wünschen.14
3.2.3.1.Phänomenologie der Hasskrankheit
Der Hassende und sein „Objekt“ des Hasses sind dadurch verknüpft, dass beide um
dasselbe rivalisieren oder dass der eine an den anderen leidenschaftliche Ansprüche
stellt, die der andere nicht erfüllen kann oder will. Hass ist zusammengesetzt aus
Nichtigkeitsgefühl, Neid, Eifersucht, Groll und Selbsterhöhungsstreben. Die
Grundstimmung eines Hassenden ist finster, traurig und trostlos. Sucht man bei einem
Hassenden nach Humor und Freude am Leben, findet man lediglich Schadenfreude und
bissige Kommentare. Um hassen zu können muss man gefühlsmäßig verschlossen und
schwer ansprechbar sein. Der hassende Mensch sucht immer einen Fehler bei seinem
„Objekt“. Dieses Aufrichten an den Schwächen des anderen ist dem Ärger ähnlich. Der
Hassende ärgert sich immer wieder über sein „Objekt“, auch dann bereits, wenn er nur
an den anderen denkt. Dies löst beim Hassenden immer wieder einen kleineren oder
größeren Wutanfall aus. Hass äußert sich abrupt, gewaltsam und unmenschlich. Die
Welt des Hassenden ist aufgeteilt in Gott und Teufel. Er selbst sieht sich als Heiligen,
dessen Aufgabe es ist, die schlechten Menschen (Ketzer) zu bestrafen. Ebenso steht
hinter Hass immer Größenwahn. Ein Hassender hat meist aggressive und ängstliche
Träume, daher ist er selten ruhig und gelassen. Durch das Hassen fühlt sich ein Mensch
oft wertlos, daher verarmt seine Persönlichkeit, sofern sie überhaupt aufgebaut wurde.15
13
Vgl. ebda, S. 158 ff
Vgl. Rattner, a.a.O, S.184 f.
15
Vgl. ebda, S. 188 ff.
14
MÄNNER HINTER GITTERN
3.3.Aggression
3.3.1.Sexuelle Aggression
Die Grundannahme, dass sexuelle Gewalt nicht universal, sondern in verschiedenen
Gesellschaften unterschiedlich ausgeprägt sei, belegen kulturvergleichende Analysen.
Die ethnografische Studie von Sanday (1981), die eine Stichprobe von 95
Stammesgesellschaften umfasst, zeigt, dass in ungefähr der Hälfte der untersuchten
Gesellschaften Vergewaltigungen selten oder gar nicht auftreten. In diesen
Gesellschaften ist die Gewaltbereitschaft generell niedrig und die Wertschätzung des
Beitrags der Frau zur Reproduktion und Kontinuität der Gesellschaft hoch. Diese
Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass sexuelle Gewalt nur im Kontext des
sozialen Zusammenlebens zu verstehen ist. Sexuelles Verhalten wird in entscheidendem
Maße durch gelernte Skripts gesteuert, die charakteristische Handlungsabläufe für
sexuell motivierte Interaktionen vorgeben. Vergewaltigung wird als „sexual script“
betrachtet, das im Wesentlichen aus dem „normalen“ Skript ableitbar ist, dessen
Kernelement die Rollenverteilung zwischen männlicher Aktivität und weiblicher
Passivität ist. Zur Entstehung und Verfestigung von Vergewaltigungsmythen und der
Akzeptanz sexueller Gewalt tragen allgemeine sexistische Einstellungen und Toleranz
von Gewalt bei. Auch dem Einfluss pornografischer Medieninhalte kommt wesentliche
Bedeutung zu, was nicht primär auf den sexuellen Inhalt, sondern vielmehr auf den
Aspekt der Gewalt und die gewaltverharmlosende Einstellung zurückzuführen ist.
Hall und Hirschmann (1991) haben ein umfassendes Erklärungsmodell sexueller
Aggression erarbeitet:
1. Physiologische Erregung durch sexuell aggressive Stimuli.
Bei der Darbietung gewaltsamer Sexualkontakte reagieren aggressive
gewalttätige Männer nicht mit Hemmung oder Erregungsminderung. Sexuelle
Missbrauchstäter zeigen außerdem Erregungsmuster, die auf kindliche Reize
ansprechen (Browne 1994).
2. Kognitive Urteilsprozesse.
Darunter versteht man Stereotype und rigide Auffassungen von
Geschlechterrollen, generelle Akzeptanz von Gewalt.
3. Mangelnde Affektkontrolle.
Hier werden ausgeprägte Gefühle wie Ärger, Feindseligkeit, spontane ungeplante
Angriffe, bei denen hemmende Faktoren (moralische Überzeugung, Angst vor
Seite 14
MÄNNER HINTER GITTERN
Sanktionen) außer Kraft gesetzt werden, ausgelebt. Dies wird auch als Ursache
von sexuellen Übergriffen auf Kinder gesehen.
4. Persönlichkeitseigenschaften und biografische Erfahrungen.
Sexuelle Missbrauchserfahrungen in der Kindheit sind als wesentlicher
Bedingungsfaktor sexueller Gewalt identifiziert worden (1991). Bei einem
Drittel der Missbrauchstäter zeigt Browne 1994 einen „victim-to-perpetrator
cycle“ auf. Gestörte Familienverhältnisse sind Ursachen sozialer Isolation,
mangelnder sozialer Kompetenz und allgemeiner Neigung zu delinquentem
Verhalten.16
3.3.2. Modelle und Theorien der Aggressionsentstehung
3.3.2.1.Definition
Eine umfassende Definition stammt von Willam Doise (1986)
1. Intraviduelle Erklärung:
Intrapsychische Ursachen z.B. physiologische Erregung, Ärger.
2. Interpersonale Erklärung:
Interaktion zwischen Individuen; Menschen können einander missverstehen und
die Intention ihrer Handlungen unterschiedlich interpretieren.
3. Intergruppale Ebene:
Kampf zwischen Gruppen; nicht gegen persönlich bekannte Personen, sondern
gegen ein Kollektiv.
4. Ideologische Ebene:
Gesellschaftliche Ideologien legen fest, welches Verhalten erlaubt und erwünscht
ist.17
3.3.2.2.Aggressionsmodelle
Es gibt drei große Modellformen der Aggression. Am bekanntesten ist die Aggression
als Symptom, also als Explosion mit katharsischer Entlastung. Dem gegenüber steht das
Modell der Aggression als Strategie. Das ist die rationale Aggression, um ein
bestimmtes Ziel zu erreichen, die kalte Aggression der Planung und Manipulation oder
die heiße Aggression in Verteidigung der guten Sache. Die strategische Aggression ist
die häufigste und gefährlichste, weil sie sich mit tatsächlichen oder scheinbaren
16
Vgl. Hans Werner Bierhoff und Ulrich Wagner: Aggression und Gewalt. Phänomene, Ursachen und
Interventionen. Stuttgart: W. Kolhammer. 1998, S. 2 ff.
17
Vgl. ebda, S. 50 ff.
MÄNNER HINTER GITTERN
Vernunftgründen legitimieren und als Aggression verleugnen lässt. Eine noch
verborgene Aggression ist die so genannte strukturelle Aggression. Sie ist in
Organisationen, Institutionen, Gesetzen, Verhaltensvorschriften usw. enthalten.18
Eines der wichtigsten Phänomene, die aggressives Handeln erhöhen, ist das so genannte
„Crowding“. Damit wird jenes Phänomen beschrieben, das beim Zusammenpferchen
von Menschen oder Tieren entsteht. In überbevölkerten Stadtteilen und Wohnsilos, aber
auch in Haftanstalten und psychiatrischen Kliniken, in denen der Freiraum beengt ist,
steigt der Aggressionsspiegel. In Tierversuchen, aber auch bei Zufallsbeobachtungen
von Menschen wurde bewiesen, dass langfristige, über Monate dauernde Isolation die
Bereitschaft zu aggressivem Verhalten fördert.19
3.3.2.3.Instrumentelle Aggression am Beispiel des Milgram Experiments
1961 begann der Sozialpsychologe Stanley Milgram in New Haven mit seinen
Gehorsamsversuchen. Er wollte herausfinden, wie viele Personen sich bereit erklären
würden, scheinbar zufällig gewählte, tatsächlich aber in das Experiment eingeweihte
Opfer für Gedächtnisversagen und Erinnerungsschwäche bis zum grausamen Exzess zu
strafen. Nach einer angemessenen Bezahlung für die Mitarbeit erklärte der
Versuchsleiter den Teilnehmern, dass er eine wichtige Studie über die Wirkung von
Bestrafung auf Gedächtnisfunktionen plane. Es wurden Paare gebildet, einer war der
„Lehrer“, der andere der „Schüler“. Der Schüler nahm also Platz auf einer Art
elektrischen Stuhl und beantwortete einige Gedächtnisfragen. Der Lehrer wurde
instruiert, jede falsche Antwort mit einem elektrischen Schock mit zunehmender
Intensität zu bestrafen. Auch wenn der Schüler um Gnade bettelte, ordnete der
Versuchsleiter an, weiter zu machen, und die Lehrer machten weiter. Nun liegt die
Vermutung nahe, dass die „Lehrer“ sadistisch veranlagt waren, doch in psychologischen
Tests erwiesen sie sich als freundliche, gutmütige und gesetzestreue Bürger. Die
Versuchspersonen entzogen sich offensichtlich ihrer Verantwortung unter dem Motto:
Die Autorität wird schon wissen, was sie tut, denn sonst wäre sie ja keine.20
Vgl. Friedrich Hacker: Aggression. Die Brutalisierung unserer Welt. Düsseldorf und Wien: ECON
Verlag. 1993, S. 45 ff.
19
Vgl. Haller, a. a. O., S. 153
20
Vgl. ebda, S. 168 f.
18
Seite 16
MÄNNER HINTER GITTERN
4. Serienmörder
Für einen Serienmörder wird der Mensch zur Beute und die Straße zur freien Wildbahn.
Ein Mensch wird aber nicht zum Serienmörder, wenn er nicht gravierende Probleme mit
sich oder anderen hat. Serienmörder haben den großen Wunsch nach Zärtlichkeit. Dieser
Wunsch zeigt sich in ihren Taten – sozusagen als mörderische Suche nach Liebe.21
Serienmörder werden als psychisch abnorme, gefährliche Verbrecher eingestuft. Ihre
Motive sind meist abartige Impulse, welche mit Lust am Töten, sadistischer
Grausamkeit und krankhaftem Narzissmus zu tun haben. Zentrales Kennzeichen ist der
Wiederholungscharakter. Serienmorde ereignen sich ausschließlich unter vier Augen.
Serienmörder werden nach heutiger Sicht in fünf Gruppen eingeteilt: Visionäre,
missionarische, hedonistische und narzisstisch-sadistische.
Der Serienmörder vom visionären Typus ist ein Täter mit wahnhaften Störungen. Als
Beispiel wäre der als „Son of Sam“ bekannt gewordene David Berkovitz zu nennen. Er
tötete in den 70er Jahren unter Einfluss befehlender Stimmen mehrere Liebespärchen.
Missionarische Serienmörder leiden unter überbewerteten, fanatischen Ideen und
haben sich manchmal in Wahnvorstellungen verstrickt. Sie werden vom Zwang
getrieben, eine als unwürdig wahrgenommene Gruppe, etwa Prostituierte, Obdachlose
oder Drogensüchtige ausrotten zu müssen.
Der hedonistische Serienmörder entspricht dem Typ eines Lustmörders. Er sucht seine
sexuelle Befriedigung in sadistischen Misshandlungen und gerät durch die Todesangst
des Opfers in höchste Erregung.
Bemerkenswert bei Serienmördern ist ein gemeinsames Auftreten von Narzissmus und
Sadismus.22
Durch die Erfahrungen des FBI kann man Serienmörder in zwei Gruppen teilen. Die
eine ist die der planvoll vorgehenden Täter und die andere die der planlosen Täter.
Der planende Täter überfällt meist Fremde. Seine Opfer hat er aber vorher nach
Kriterien wie Alter, Aussehen, Frisur oder Beruf ausgesucht.
Der planlose Täter trifft keine Auswahl, seine Überfälle sind willkürlich. Er hat keine
konkreten Vorstellungen von seinen Opfern.23
Vgl. Gerhard Wisnewski: Serienmörder: Was treibt einen Menschen an, der Dutzende Männer, Frauen
und Kinder getötet hat? In: P.M. Perspektive. München: Gruner+Jahr Verlagsgruppe München. 2/99, S.
50 ff.
22
Vgl. Haller a.a.O, S. 175 ff.
23
Vgl. Ziegerhofer a.a.O, S. 13
21
MÄNNER HINTER GITTERN
Unterschiede am Tatort
Planender Täter
Planloser Täter
Die Tat ist geplant
Das Opfer ist ein ausgesuchter Fremder
Die Tat wird eher spontan begangen
Das Opfer oder die Umgebung ist bekannt
Die Persönlichkeit des Opfers wird versucht
Das Opfer wird personifiziert
auszuschalten
Er versucht sich kaum oder gar nicht mit dem
Die Konversation wird kontrolliert
Opfer zu unterhalten
Täter handelt unkontrolliert
Täter zeigt plötzliche, schnelle
Täter hat kontrolliertes Verhalten
Täter will Unterordnung und Erniedrigung des
Opfers
Täter verwendet Zwangsmittel (Fesseln, …)
Er begeht aggressive Handlungen vor der
Tötung (Verstümmelung, Quälereien,…)
Täter versteckt oder begräbt die Leiche
Die Tatwaffe fehlt, es werden Messer,
Gewaltanwendung am Opfer
Es werden kaum Zwangsmittel benutzt
Sexuelle Handlungen nach der Tötung
Täter lässt Leiche unverhüllt liegen
Tatwaffe bleibt am Tatort zurück, oft werden
zufällig vorhandene Gegenstände wie Steine,
Revolver, Gift benutzt
Der Tatort spiegelt die Vorbereitung der Tat
Stöcke verwendet…
Am Tatort herrscht große Unordnung mit sehr
wider, Fundort ist nicht gleich Tatort
gutem Spurenbild
Man kann Persönlichkeitsbeschreibungen der Täter deutlich unterscheiden:
Planender Täter
Planloser Täter
Sehr gebildet; hoher IQ
Täter hat hohe Sozialkompetenz
Etwa durchschnittlicher bis niedriger IQ
Täter hat sozial schwache Verhaltensweisen
Er hat selten eine qualifizierte Ausbildung oder
Er übt häufig einen qualifizierten Beruf aus
feste Anstellung
Er ist beziehungsarm und hat sexuelle
Er ist oft verheiratet oder hat eine feste
Beziehung; aktives Sexualleben
Ist Einzelkind oder ältestes Kind, hat mittlere
bis gute Beziehung zu den Eltern
Schwierigkeiten
Ist eher jüngeres Kind innerhalb einer Familie,
hat eine schlechte Beziehung zu einem oder
beiden Elternteilen
Die Arbeitsverhältnisse des Vaters sind
Sein Vater hat eine geregelte Arbeit
Es gibt keine strenge Disziplin in der Kindheit
unregelmäßig
Hat ausgesprochen strenge Eltern, schlechte bis
Seite 18
harte Kindheitserfahrungen mit Strafen
MÄNNER HINTER GITTERN
Gefühlskontrolle während des Verbrechens ist
vorhanden
Ist freundlich, extrovertiert, liebenswürdig
Er trinkt Alkohol vor der Tat
Hat Stress in Geldfragen, die Ehe oder eine
Beziehung beschleunigt die Tat
Hat oft eine Beziehung
Der Täter verfolgt die Medienberichte, er ist
gelegentlich Polizeifan, nimmt Kontakte zu
Polizisten auf
Er ist mobil, hat ein Fahrzeug in gutem
Zustand
Er neigt zu Angstreaktionen während der Tat;
ist launisch, oft mit krassem
Stimmungswechsel
Er lebt zurückgezogen, stottert häufig oder ist
mit Hautkrankheiten belastet
Trinkt kaum Alkohol vor der Tat
Er hat selten Stress
Er lebt allein
Der Täter interessiert sich nicht für die
Berichterstattung
Er lebt und arbeitet in der Nähe des Tatortes,
ist meist nicht mobil; mangelnde Hygiene in
Er kann Arbeitsplatz oder Wohnsitz wechseln
allen Bereichen
Er verändert seinen Lebensstil selten bis gar
und tut dies auch nach der Tat
nicht24
24
Vgl. ebda, S. 14 ff.
MÄNNER HINTER GITTERN
5. Das Gefängnisexperiment von Stanford: Zimbardos
Hölle
„Das Experiment“ von Philipp Zimbardo war ein Versuch herauszufinden, wie und
warum ein Aufenthalt im Gefängnis zu einer entwürdigenden Erfahrung wird und
Missstände in Strafanstalten entstehen.
Am 14. August 1971 in Palo Alto, Kalifornien: Polizisten rasten durch die Stadt und
holten die am Experiment teilnehmenden Collegestudenten in einer
„Massenverhaftung“ aus ihren Wohnungen. Die „Verdächtigen“ wurden des Diebstahls
bezichtigt, auf ihre Rechte aufmerksam gemacht, mit den Händen über dem Kopf gegen
das Polizeiauto gestellt, durchsucht, mit Handschellen gefesselt und im Polizeiauto auf
die Wache gebracht. Auf dem Polizeirevier wurden diesen Fingerabdrücke
abgenommen und jeweils eine „Personalakte“ angelegt. Dann wurden sie in einer Zelle
des Untersuchungsgefängnisses sich selbst überlassen. Etwas später brachte man sie mit
verbundenen Augen ins „Bezirksgefängnis von Stanford“, wo sie sich nackt ausziehen
und einer Leibesvisitation unterziehen mussten. Daraufhin bekamen sie eine Uniform,
Bettzeug und einige Kleinigkeiten. Der Arbeitskittel hatte vorne und hinten die
Gefangenennummer aufgenäht und Unterwäsche war verboten. Jeder Häftling hatte eine
leichte Kette mit einem Schloss an einem seiner Knöchel, dazu trug er Gummisandalen
und eine Art Mütze aus einem Nylonstrumpf.
Der Gefängnisaufseher vermittelte den Häftlingen 16 Grundverhaltensregeln,
beispielsweise von „Häftlinge haben die Wachen mit `Herr Aufseher´ anzureden“ bis zu
„Der Verstoß gegen eine der Regeln kann bestraft werden“.
Die Wärter (auch freiwillige Versuchspersonen) hatten die Aufgabe für ein vernünftiges
Maß an Ordnung zu sorgen. Die Wärter trugen Khakihemden und –hosen. Ebenso
hatten sie Trillerpfeifen, Gummiknüppel und verspiegelte Sonnenbrillen.
Die Scheinanstalt war so widerwärtig wie möglich konzipiert. In drei kleinen Zellen
waren je drei Häftlinge untergebracht. Die Fenster waren vergittert. Alle
Versuchspersonen hatten sich bereit erklärt, am Experiment teilzunehmen, obwohl man
ihnen gesagt hatte, dass die „Gefangenen“ streng überwacht und schikaniert werden
könnten. Die Vorgänge in dieser Scheinanstalt eskalierten derart, dass das Experiment
nach sechs und nicht erst nach 14 Tagen abgebrochen werden musste. Innerhalb von
zwei Tagen brachen Gewalt und Rebellion aus. Die Häftlinge rissen sich die
Gefangenennummern ab und danach die Kleider. Sie brüllten und beschimpften die
Wärter und verbarrikadierten sich in den Zellen. Die Wärter setzten Feuerlöscher ein
Seite 20
MÄNNER HINTER GITTERN
und schikanierten wiederum die Häftlinge. Bemerkenswert war auch, dass bei den
Wärtern von Tag zu Tag die Anwendung von Gewalt, Schikanen und Aggressionen
zunahm, obwohl die Gefangenen immer weniger Widerstand leisteten. Die Wärter
stellten ihre Macht zur Schau, indem sie die Häftlinge mit den Gummiknüppeln
schlugen. Die Häftlinge hingegen ließen sich gehen und hielten ihren Blick fast ständig
gesenkt.25
„Das Experiment“ zeigt, dass es in einem Gefängnis auch dann zu brutalen
Ausschreitungen kommen kann, wenn unbescholtene Bürger die Rolle von Häftlingen
und Wärtern „übernehmen“. Für dieses Verhalten ist vor allem die Gefängnissituation
verantwortlich. Zimbardo selbst sagte, dass seine Untersuchung offenbarte, wie die
Macht der gesellschaftlichen Gewalt anständige Menschen veranlasst, böse zu werden.
Doch erhebt sich die Frage, ob solche Experimente, wie die von Zimbardo oder
Milgram, ethisch überhaupt zu rechtfertigen sind. Denn es gibt ethisch-moralische
Grenzen bei Experimenten mit Menschen. Diese Grenzen liegen dort, wo die Würde des
Menschen verletzt wird, doch diese sind nicht immer leicht festzustellen.26
5.1. Film: Das Experiment
Tarek (Moritz Bleibtreu) ist Taxifahrer und hat sich für „das Experiment“ gemeldet.
Alle Versuchspersonen bekommen 4000 Mark dafür, dass sie sich zwei Wochen auf das
Experiment einlassen. Tarek bekommt aber 10.000 Mark mehr, wenn er eine gute Story
im Stil eines Undercover-Reporters schreibt. Aus diesem Grund spielt Tarek den
versteckten Provokateur, denn wenn die Wärter nicht ausrasten, gibt es keine Story. Er
bricht Regeln und die Wärter verhängen Strafen. Sie beharren auf ihrer Autorität, die
Gefangenen rebellieren in der Folge gegen Demütigungen und Schikanen. Anfangs
macht Tarek das Spiel Spaß. Doch dann gewinnt es Eigendynamik. Denn plötzlich ist
das Spiel kein Spiel mehr. Schon nach fünf Tagen geht es um Leben und Tod. Tarek hat
sich das alles anders vorgestellt und möchte aus dem Experiment aussteigen, doch das
wollen die Wärter um keinen Preis zulassen. Alles eskaliert und die Initiatoren dieser
Versuchsanordnung unternehmen nichts gegen diese Eskalation.27
Vgl. Alois Reutterer: Erleben und Verhalten. Einführung in die Humanpsychologie. Wien: öbv Verl.
2000, S. 15 f.
26
Vgl. ebda, S. 16
27
Vgl. Kinomagazin Skip. März, 2001, S. 71
25
MÄNNER HINTER GITTERN
Die Situation innerhalb dieses simulierten Gefängnisses kann keinesfalls als Beispiel für
den deutschen Strafvollzug angesehen werden, weder in Hinsicht auf räumliche
Aufteilung, noch auf Freizeit- oder Besuchsregeln, noch was die Einstellung des
Vollzugspersonals gegenüber den Inhaftierten betrifft und auch nicht hinsichtlich der
Gefangenenpopulation. Was aber durch Studien zum simulierten Gefängnis deutlich
wird, ist das Ausmaß, in dem das soziale Rollenverhalten und damit das Sozialverhalten
durch die äußere Situation geprägt und in bestimmte Bahnen gelenkt wird. Auffällig ist
aber, dass in dieser Untersuchung die Welt des Gefängnisses durch einen deutlichen
Mangel an sozialer Unterstützung charakterisiert wird.28
5.2.Philipp Zimbardo über den Film „Das Experiment“
Nachdem der Film in den deutschen Kinos mit Erfolg gezeigt worden war, lief er auch
in den USA. Dort fiel die Resonanz nicht so positiv aus. Philip Zimbardo freute sich
zuerst über die Aufmerksamkeit, die seinem Experiment zuteil wurde, doch nachdem er
den Film gesehen hatte, war seine Freude sehr schnell verflogen. Er meinte: „Das
Experiment lässt die Stanford Universität, meine Person und auch die Psychologie
insgesamt sehr schlecht aussehen.“29 Die besondere Brisanz liegt seiner Ansicht nach
darin, dass sich der Film als Dokumentarfilm tarnt und die Grenzen zwischen Realität
und Fiktion für die Zuseher nicht mehr erkennbar sind.
In der ersten Hälfte hält sich der Film noch an Fakten. Doch während das reale
Psychologenteam den Versuch nach sechs Tagen vorzeitig beendete, wird im Film der
Versuch fortgesetzt. Und das mit Folgen, die alle der Fantasie der Drehbuchautoren
entspringen: es kommt zu dramatischen Gewaltausschreitungen, Vergewaltigung und
sadistischen Brutalitäten. Diese Verfälschung lässt nicht nur das Originalexperiment in
einem falschen Licht erscheinen, sondern auch die psychologische Forschung. Das
Experiment hinterlasse den Eindruck, Psychologen sind „verrückte, verantwortungslose
Wissenschafter“. Der Film vermittelt dadurch ein falsches Bild von Psychologen und
ihrem Tun.30 Autor Mario Giordano reagiert auf diese Vorwürfe folgendermaßen: „Es
sei nicht sein Job, Wissenschaftsgeschichten nachzuerzählen. Er habe auch keinen
psychologischen Artikel verfassen wollen, sondern einen Roman. Im Übrigen soll man
Vgl. Daniela Hosser: Soziale Unterstützung im Strafvollzug. Baden-Baden: Nomos Verl. 2001, S. 74
Vgl. Walter Braun: Machtvakuum: Eine Chance für Tyrannen. In Psychologie Heute. Hamburg: 12/02,
S. 26
30
Vgl. ebda, S. 26
28
29
Seite 22
MÄNNER HINTER GITTERN
das Publikum nicht unterschätzen, denn es kann genau zwischen Realität und Fiktion
unterscheiden.“31
5.3.Moritz Bleibtreu über „Das Experiment“
An dieser Stelle ist es mir wichtig einige prägnante Aussagen aus dem Interview, das im
SKIP- Magazin veröffentlicht wurde, wiederzugeben.
SKIP: Wie würdest eigentlich du dich in so einer Situation verhalten?
Moritz Bleibtreu: „Ich würde mir nie anmaßen zu sagen, dass ich das weiß. Ich glaube,
das kann kein Mensch. Der Druck, den die Figuren in diesem Film erfahren, den kann
man sich nur vor Augen führen. Du weißt nicht, wie du dich verhalten würdest, wenn
dir einer eine Knarre an den Kopf hält. Das weißt du erst dann, wenn du die Knarre
wirklich am Kopf hast. Ich kann von mir nicht behaupten, dass ich mich da nicht
manipulieren lassen würde. Aber ich bin zumindest ein Mensch, der seinen Platz im
Leben sieht, und deshalb halte ich mich weniger für manipulierbar als andere
Menschen. Trotzdem will ich mich da von nichts lossprechen.“
SKIP: Hältst du Experimente, wie sie im Film geschildert werden, eigentlich für
sinnvoll?
Moritz Bleibtreu: „Auf keinen Fall. Was soll das denn bezwecken? Wenn man sich die
Menschheitsgeschichte anguckt, wird man ohnehin sehr schnell sehen, wozu Menschen
fähig sind. Und wenn man ein bisschen nachdenkt, da muss man jetzt kein
Diplompsychologe sein, da brauche ich solche Experimente nicht, um solche Beweise
auf den Tisch zu legen. Aber ich glaube, dass es gut ist, darüber Filme zu machen oder
Geschichten zu erzählen, weil es möglich ist, den Menschen über eine Distanz einen
Spiegel vorzuhalten.“ 32
5.4. Persönliche Meinung zum Film „Das Experiment“
In diesem Film wird gezeigt, wie Menschen sich entwickeln, wenn sie plötzlich Macht
besitzen oder durch den Machtmissbrauch unterdrückt oder gequält werden. Er zeigt,
dass Menschen im Grunde „einfache und primitive“ Wesen sind, denn wenn man als
Erwachsener nicht erkennt, wann man Macht einsetzen darf oder soll, dann weiß ich
nicht, wie ein Kind das jemals erlernen soll. Im Film wird das Verhalten verschiedener
31
32
Vgl. ebda, S. 26
SKIP-Magazin
MÄNNER HINTER GITTERN
Menschen dargestellt. Wahrscheinlich würde sich jeder Mensch in so einer
Extremsituation gleich oder zumindest ähnlich verhalten.
Die Psychologen erreichten schon nach kurzer Zeit das, was sie erst am Schluss
erreichen wollten. „Wir haben extreme Hilflosigkeit, Realitätsverlust und
Desorientierung, das genau ist unser Forschungsgebiet.“33 Doch trotzdem darf man nie
die moralische Entwicklung der Menschen vergessen. In diesem Film durfte man aber
keine Moral vertreten, sondern jeder musste sich seinem „Rang“ innerhalb dieses
Scheingefängnisses anpassen. Besitzt ein „Wärter“ trotzdem moralische
Wertvorstellungen, dann wurde er von den anderen degradiert. „Der betreffende Wärter
ist vom Dienst suspendiert. Er ist jetzt einer von euch.“34
Die Wärter wurden zu Sadisten, die Gefangenen zu geschlagenen, gebrochenen
Männern. Wie bereits erwähnt mussten die Gefangenen gewisse Regeln erlernen, wie
zum Beispiel:
„Regel Nummer eins: Die Häftlinge haben sich untereinander mit ihren Nummern
anzureden.“ 35
Vor allem das Quälen der Häftlinge durch die Wärter hat im Film eine besonders
wichtige Bedeutung. „Man gewinnt in solchen Situationen die Kontrolle wieder über….
Erniedrigung.“36
Dieser Satz wurde von einem der Wärter gesagt, als die Häftlinge anfingen sich gegen
die Erniedrigungen und das Quälen zu wehren. „Das geht weiter, als wir je diskutiert
haben. Ich hab das Gefühl, wir verlieren die Kontrolle!“37 Tarek, ein
Undercoverjournalist, versucht extreme Situationen immer wieder neu zu provozieren.
Damit fällt er in „Ungnade“ bei den Wärtern: „Ab jetzt gilt: Tanzt 77 aus der Reihe,
werden alle anderen dafür gerade stehen!“38 Nun hat Tarek nicht nur die Wärter gegen
sich, sondern auch seine Mitinsassen. Damit nimmt das Spiel seinen Lauf.
Alles in allem ist „Das Experiment“ ein Film, der mich sehr nachdenklich stimmt. Ich
frage mich, ob wirklich jeder Mensch zu solchen Handlungen fähig ist?
33
Giordano, a.a.O, S. 197
ebda, S. 199
35
ebda, S. 198
36
ebda, S. 196
37
ebda, S. 199
38
ebda, S. 196
34
Seite 24
MÄNNER HINTER GITTERN
6. Zahlen und Fakten zum Thema Haft
Nach einer Untersuchung des Kriminalsoziologen Arno Pilgram stieg die
Inhaftierungsrate 2002 gegenüber 2001 um 3,4 Prozent. Währenddessen stieg die Zahl
der Häftlinge um 12,7 Prozent. Die wachsende Kriminalität ist daher keine plausible
Erklärung für einen Häftlingszuwachs.
Überbelegte Zellen führen zu erhöhter Aggression, die Gefangenen können nicht
ausreichend beschäftigt werden, Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung.
Justizminister Böhmdorfer will ein neues Gefängnis mit 700 Haftplätzen bauen, doch
der Verein Neustart (Bewährungshilfe) schlägt etwas anderes vor: würden die Richter
50 statt 40 Prozent der gesetzlich möglichen bedingten Entlassungen verfügen, wären
auf einmal 414 Gefangene frei. Zugleich plädiert der Sprecher der Strafrichter für den
Einsatz von mehr Sozialarbeitern.39
Etwa 50 Häftlinge sind unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen in den diversen
Sonderabteilungen der österreichischen Gefängnisse in „Einzelhaft unter speziellen
Umständen“ in den Hochsicherheitstrakten untergebracht.
So sieht zum Beispiel ein Hochsicherheitstrakt in der Strafanstalt Stein aus: der Trakt
hat drei Stockwerke, die gefährlichsten Häftlinge sind im Parterre untergebracht. Die
Zellen sind 12 Quadratmeter groß, durch Eisentüren und zusätzliche Innengitter
gesichert. Alle 30 Minuten werden die Häftlinge vom Wärter durch eine kleine Luke,
durch die auch das Essen gereicht wird, kontrolliert. Einmal am Tag dürfen diese
Insassen für eine Stunde in den Gefängnishof, allerdings getrennt von den anderen
Insassen und strengstens bewacht. Selbst in dieser gefährlichsten Gefängnisabteilung
versuchen die Justizwachebeamten eine „freundschaftliche Beziehung“ aufzubauen“.40
Doch trotz dieser freundschaftlichen Beziehungen dürfen die Wärter niemals vergessen,
dass sie Beamte im Strafvollzug sind. Stockwart Alfred Wandl: „Wir dürfen niemals im
Umgang mit ihnen die Vorsicht außer Acht lassen. Ein erhöhtes Personalaufgebot ist
daher in diesen Trakten unentbehrlich.“41
Vgl. Ricardo Payerl: Appell an die Richter: „Mehr freilassen“. In Kurier. November, 2003, S. 11
Vgl. Martina Prewein, Susanna Sklenar: Im Häfen-Käfig. In News. Wien. Goldmann Druck, Tulln,
15.02.2001, S. 50 f.
41
Vgl. ebda, S. 50 f.
39
40
MÄNNER HINTER GITTERN
7. Das Erleben von Haft
In neueren klinischen Untersuchungen an Gefängnispopulationen, die sich aber fast alle
auf den angloamerikanischen Raum beziehen, weisen 5 bis 15 Prozent der Inhaftierten
eine psychische Erkrankung auf. Nach einer Untersuchung in Österreich kann man etwa
bei einem Drittel der erwachsenen Insassen behandlungsbedürftige emotionale
Störungen mit vorwiegend depressiv- ängstlichem Zustandsbild diagnostizieren.
Vor allem Depressivität, Angst, Drogenmissbrauch, Persönlichkeitsstörungen und
Einsamkeit sowie suizidales Verhalten zählen zu den am häufigsten beobachteten
Symptomen bei Inhaftierten. Es wäre jedoch vorschnell zu behaupten, die Haft wäre der
Auslöser für psychische Störungen. Empirische Befunde weisen darauf hin, dass
insbesondere Depression, Drogenmissbrauch und suizidales Verhalten in Verbindung
mit antisozialem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen auftreten. Angesichts der
Tatsache, dass es sich bei den Inhaftierten um Personen handelt, die unter die Obhut des
Staates gestellt wurden, ist hier unabhängig von der Ursache der Erkrankung nach der
Erfüllung der Fürsorge durch den Staat zu fragen. Darum müsste für psychische
Erkrankungen oder starke Beeinträchtigungen eine lern- und entwicklungsfördernde
Umgebung im Vollzug geschaffen werden. Zweifel treten auch an der Effektivität der
Hilfsangebote und Interventionen im Vollzug auf. Unterstützende Maßnahmen im
Vollzug, welche die Chancen der Inhaftierten für eine erfolgreiche Integration in die
Gesellschaft erheblich verbessern können, sind zum Beispiel Angebote um den
Schulabschluss nachzuholen. Dies kommt aber nur für Häftlinge mit längeren
Haftstrafen in Frage.42
7.1. Psychisches Befinden von Inhaftierten
Empirische Studien über den Strafvollzug belegen, dass psychische Störungen und
Befindlichkeitsbeeinträchtigungen unter Häftlingen häufiger auftreten als in der
Allgemeinbevölkerung. Es gibt Vermutungen, dass das Risiko für Inhaftierte, infolge
der Haftsituation und der damit verbundenen Belastung psychische Störungen zu
entwickeln, erhöht ist.
Ein positiveres Bild des psychischen Befindens der Inhaftierten zeichnet sich ab, wenn
das allgemeine Wohlbefinden der Häftlinge betrachtet wird. Im Durchschnitt neigen die
Häftlinge zu höheren Befindlichkeitswerten. Für ein gutes psychisches Befinden der
Inhaftierten spricht auch ihr Erleben des Selbstwerts.
42
Vgl. Hosser, a.a.O, S. 64 f.
Seite 26
MÄNNER HINTER GITTERN
Eine pauschale Beurteilung des psychischen Befindens der Inhaftierten ist insgesamt
sehr schwierig.43
7.2. Beziehung zu den Wärtern
Abgesehen von Beziehungen zu Mitinsassen dürften auch die Beziehungen zu den
Wachebeamten eine große Rolle für das Wohlbefinden und Verhalten der Inhaftierten
spielen. Die Beziehungen zum Vollzugspersonal scheinen dabei oft von Misstrauen,
aber selten von offener Feindseligkeit geprägt zu sein. Enge Beziehungen zu
Anstaltspersonen werden mit einem besseren Befinden der Häftlinge in Zusammenhang
gebracht. Außerdem werden durch Beziehungen zum Personal reifere Rollenpartner
verfügbar, diese spielen gerade für die Nähe-Distanz-Regulierung bzw. für das
Abgrenzungsverhalten im frühen und mittleren Jugendalter und die Übernahme
traditioneller Normen und Werte eine wichtige Rolle.
In der Anfangszeit der Inhaftierung werden die Angestellten der Anstalt in ihrer Rolle
als Repräsentanten des Strafvollzugs wahrgenommen. Mit zunehmender Haftdauer wird
das Verhältnis zu den Bediensteten zunehmend differenzierter ausfallen. Es ist aber zu
bedenken, dass sowohl hinsichtlich der Beziehungen zu den Mithäftlingen als auch der
Beziehungen zum Personal die äußere Form des Vollzugs und die damit verbundenen
Rollenvorstellungen von Bedeutung sind.44
Eindeutig negativ wirken sich schlechte Beziehungen zum Anstaltspersonal auf die
Depressivität der Häftlinge aus. Ein positives soziales Klima im Gefängnis, mit
transparenten Entscheidungsabläufen und einer Behandlungsorientierung auf die Zeit
nach der Entlassung, kann der Entstehung von Feindseligkeiten gegenüber den Wärtern
entgegenwirken. Der Umstand, dass mit einem guten Klima bei den Insassen eine
Abnahme der Depressivität verbunden ist, kann vielleicht damit erklärt werden, dass
depressive Inhaftierte bevorzugt solchen Abteilungen zugewiesen werden, in denen auf
das soziale Klima und eine Zukunftsorientierung besonderer Wert gelegt wird.45
Außerdem verwies bereits Toch (1992) darauf, dass der Verlust von Kontakten zu
Personen außerhalb einer Anstalt eine zunehmende Stressquelle im Haftverlauf ist. Da
43
Vgl. ebda, S. 136 ff.
Vgl. ebda, S. 73
45
Vgl. ebda, S.170
44
MÄNNER HINTER GITTERN
viele Beziehungen durch die Inhaftierungssituation belastet oder gar beendet werden,
kann die Selbstverständlichkeit sozialer Unterstützung im Haftverlauf verloren gehen.46
7.3.Soziale Folgen der Haft
Durch strikte Besuchsregeln und begrenzten Freigang sowie durch große Entfernung
zum Heimatort gehen die Kontakte zur Familie, zum Partner oder zu Freunden verloren.
Ein durch die Haft verursachter weiterer Wegfall von großen Teilen des sozialen Netzes
und ein daraus resultierender noch häufigerer Wechsel an Bezugspersonen ist in
Hinblick auf die Wiedereingliederung in die Gesellschaft äußerst schwierig. Der Verlust
von Familie und nach außen gerichteten Kontakten wird von den Häftlingen als
zunehmende Belastung empfunden. Gerade in der Anfangsphase der Haft, in der
zahlreiche Neuerungen und Eindrücke zu verarbeiten sind, können Kontakte nach
draußen nur durch Briefe und Telefonate aufrechterhalten werden. Bedenklich ist auch,
dass viele Partnerschaften schon nach kurzer Zeit beendet werden. Zur räumlichen
Entfernung kommt noch eine emotionale. Die Inhaftierung lässt sich mit dem Eintritt in
eine eigene soziale Welt vergleichen. Durch den Abbruch von äußeren Kontakten dient
das Gefängnis als Ersatz für die Außenwelt.
Die Mitgliederschaft in einer Gefangenengruppe bietet Schutz und Sicherheit.47
Auch das Erleben intimer Beziehungen, wie einer festen Partnerschaft oder der
Zugehörigkeit zu einem festen Freundeskreis wirkt sich positiv auf die Wahrnehmung
einer Unterstützung aus. Allerdings ist zu sagen, dass das Gefühl sozialer Isolation bei
Häftlingen nicht höher ausgeprägt ist als bei der Allgemeinbevölkerung.
Wahrscheinlich trägt auch die Möglichkeit zu vielfältigen sozialen Interaktionen mit den
Mitinsassen dazu bei, der Entstehung sozialer Isolationsgefühle vorzubeugen. Die Art
der Beziehungen zu den Mitgefangenen scheint sich aber von den Bindungen an
Freunde, Bekannte und Personen außerhalb des Gefängnisses zu unterscheiden. Als
aktive Unterstützungspersonen werden Mithäftlinge nicht sehr oft genannt. Mit
Unterstützung seitens der Mithäftlinge wird also nicht gerechnet. Die Mitgefangenen
scheinen eher als Quelle von Selbstachtung, von Anregungen und Verhaltensstandards
sowie in Hinblick auf das Entstehen eines Zugehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühls
bedeutsam zu sein. Es wurde festgestellt, dass Personen, die bereits vor der Inhaftierung
über enge Kontakte verfügten, auch in der Haft ein höheres Maß an Unterstützung
46
47
Vgl. ebda, S.172
Vgl. ebda, S. 69 ff.
Seite 28
MÄNNER HINTER GITTERN
angeben. Ungeklärt bleibt, inwieweit dieser Umstand auf höhere soziale Kompetenzen
oder Persönlichkeitseigenschaften dieser Personen zurückzuführen ist.48
7.4.Resozialisierung nach der Haft
Personen, denen der Ausstieg aus der Kriminalität gelingt, suchen und schaffen sich
Lebensumwelten, die den eigenen Selbstwert und die Selbstachtung erhöhen und
Risikofaktoren für schlechtes Verhalten minimieren. Wünschenswert wäre hierbei das
Aufrechterhalten von Beziehungen außerhalb des Gefängnisses. Ältere soziologische
Untersuchungen weisen darauf hin, dass ein positiver Zusammenhang zwischen der
Aufrechterhaltung von Familienbeziehungen und der psychischen Stabilität der
Inhaftierten vorhanden ist.
Die mangelnde Förderung von Kontakten nach außen verweist auf das grundsätzliche
Dilemma des geschlossenen Vollzugs. Auf der einen Seite sollen durch eine
Abriegelung nach draußen schädliche Einflüsse, wie sie den früheren Bezugspersonen in
der Mehrzahl wohl unterstellt werden, vermieden werden. Dabei wird aber übersehen,
dass der Inhaftierte nach der Entlassung wieder zu solchen oder ähnlichen Kontakten
zurückkehren wird. Samson und Laub betonen den Einfluss der Familie und
Partnerschaft beim Ausstieg aus der Kriminalität. Personen, die den Ausstieg erfolgreich
bewältigen, waren häufiger in stabile Partnerschaften eingebunden oder sie hatten eine
feste Anstellung. Ebenso wichtig ist eine enge, vertrauensvolle Beziehung.49
8. Die Problematik der Strafe
8.1. Sinn von Strafe
Ein Rechtsbrecher wird nach allgemeiner Auffassung für sein freiwilliges böses Wollen
bestraft. Nur wenn er eine Handlung freiwillig ausgeübt hat, also nicht im Affekt oder
aus einem abartigen Trieb heraus, kann der Mensch für seine Tat zur Verantwortung
gezogen werden. Ohne Schuldvorwurf kann also niemand bestraft werden. Allerdings
kann es notwendig sein, die Gesellschaft vor ihm als Ursache eines Übels oder Leids
durch diverse Maßnahmen zu schützen. An die Stelle eines Strafrechts hat ein
Besserungsrecht und ein Schutz- und Bewahrungsrecht zur treten. Mittels geeigneter
Maßnahmen soll das gesellschaftsschädigende Verhalten zu einem
48
49
Vgl. ebda, S. 167 f.
Vgl. ebda, S. 75 ff.
MÄNNER HINTER GITTERN
gesellschaftsfreudigen umgewandelt werden. Strafe als Erziehungsmaßnahme ist auch
dann sinnvoll, wenn es keinen freien Willen gibt.50
Eine angemessene Strafe wäre für das Opfer eine gesellschaftliche Validierung (ein
rechtlich Gültig-Machen) des erlebten Leids. Es kommt einer zweiten Gewalttat gleich,
wenn das Opfer erleben muss, dass der oder die Täter zu Unrecht freigesprochen
werden. Die Bestrafung des Täters hilft dem Opfer, alles zu verarbeiten. Das erleben des
Opfers wird gesellschaftlich anerkannt und als bedeutsam erklärt.
Ein weiterer Sinn von Strafen besteht in einem präventiven Aspekt. Allerdings denkt
kaum ein Täter im Moment der Tat an die Strafe. Vielmehr glaubt er, dass er gar nicht
erwischt wird. Aber durch Androhung von Strafe werden allgemeine Regeln besser
eingehalten.
Mit dem Präventionsaspekt ist keine wirkliche Strafe verbunden. Eine Strafe kann
helfen, eine klare Grenze zu ziehen und eine Verhaltensweise zu ändern. Eine
Inhaftierung bei hochgefährlichen Tätern kann deswegen angezeigt sein, um die
Bevölkerung und damit die Opfer vor dem Täter zu schützen.
Es darf aber nicht bei Strafen alleine bleiben. Es muss sich aus der Strafe die
Verpflichtung ergeben, dem Täter Perspektiven für eine deliktfreie Zukunft zu eröffnen.
Das ist sinnvoll für den früheren Täter, für potentielle Opfer und für die gesamte
Gesellschaft.51
8.2. Eigenverantwortung als Ziel
Eigenverantwortung ist ein wichtiges Prinzip und zentrales Element in der TherapiePhilosophie. Täter, die die Schuld für ihre Delikte den Eltern, der Gesellschaft, dem
Alkohol, ungünstigen Umständen usw. zuschieben, sagen aus, dass sie keine eigene
Verantwortung übernehmen.
Wenn Menschen lernen, Verantwortung für ihr eigenes Handeln und für ihr eigenes
Leben zu übernehmen, dann ist das ein Zuwachs von Fähigkeiten und Möglichkeiten,
um zukünftiges Verhalten besser steuern zu können. Wenn man konsequent
Verantwortung für das eigene Leben übernimmt, dann bedeutet dies, dass man sein
Leben in die Hand nimmt und sich darüber im Klaren ist, selbst verantwortlich zu sein
für das, was man tut.52
Vgl. Alois Reutterer: Erkennen und Handeln. Wien: Dorner Verl. 2003, S. 118
Vgl. Frank Urbaniok: Was sind das für Menschen – Was können wir tun. Bern: Zytgloge Verl. 2003, S.
173 ff.
52
Vgl. ebda, S. 183
50
51
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MÄNNER HINTER GITTERN
8.3. Erziehung durch Strafe?
Sinn und Zweck einer Strafe ist, den Täter zu einem künftigen rechtschaffenen und
verantwortungsbewussten Lebenswandel zu erziehen.
Für die Häftlinge bringt die Haft den Ausschluss aus der Gesellschaft und den Verlust
sozialer Beziehungen und Bindungen. Dazu kommen noch die mit der Haft
verbundenen Veränderungen und Einschränkungen, wie der Verlust von Freiheit.
Daraus resultieren für manche psychische Belastungen. Durch die sozialen
Einschränkungen verlieren Häftlinge den Schutz des sozialen Netzes. Daher ist es
wichtig, dass die Gefangenen ihre verbliebenen sozialen und personalen Ressourcen
möglichst optimal nutzen.
Strafe dient dem Bürger als Vergeltungsmaßnahme, um Leben zu schützen und zu
bewahren.53
9. Strafe und Therapie
Die Psychotherapie im Strafvollzug ist ein Thema, über das viel diskutiert wird. Die
einen meinen, dass man in die Behandlung und Resozialisierung zu viel investiere, die
anderen glauben, dass man Gefangene nur verwahre und zu wenig für die Besserung
unternehme.
Bei gravierenden Gewaltakten wird der Ruf nach harten Strafen laut. Die
Straftäterbehandlung zählt zu den schwierigsten Feldern der Psychotherapie. Viele Täter
sind bindungsunfähig, unempathisch, kognitiv und sprachlich undifferenziert,
unaufrichtig, manipulativ, fordernd, impulsiv und aggressiv sowie nicht dazu motiviert,
das eigene Verhalten zu ändern. Hinzu sind viele alkohol- oder drogenabhängig. Die
Rahmenbedingungen des Strafvollzugs sind auch keine günstigen
Behandlungsvoraussetzungen. Die Häftlinge dazu veranlasst, an den Sitzungen
teilzunehmen,was in einem stressreichen und wenig individualisierten Milieu nicht viel
Erfolg bringt. Misstrauen gehört zum Alltag. Der Subkultur der Insassen und die
Einstellungen des Personals wirken therapeutischen Maßnahmen entgegen.
Bessere Wirkungen zeichnen sich bei Interventionen ab, die drei Prinzipien erfüllen:
Zuerst sollte die Intensität der Behandlung auf das Ausmaß der psychischen Störung
abgestimmt sein. Zweitens muss die Behandlung darauf zielen, dass spezifische
kriminogene Faktoren und Bedürfnisse der Häftlinge vermindert werden. Die Straftäter
53
Vgl. Hosser, a. a. O, S.60 f.
MÄNNER HINTER GITTERN
sollen lernen, Wut und Aggression besser zu kontrollieren, ihre antisozialen
Einstellungen und Denkmuster zu vermindern, Beziehungen zu nicht-delinquenten
Personen zu entwickeln, gegenüber Opfern und anderen Menschen einfühlsamer zu
werden und eventuellen Drogenkonsum aufzugeben. Drittens muss man die
Interventionen darauf abstimmen, dass die Täter in ihrem Denken und Lernen wenig
abstrahieren und verbalisieren.54
Mehr als 99 Prozent aller Häftlinge kommen wieder aus dem Gefängnis heraus. Die
Herausforderung besteht darin, dass ein Täter nicht gefährlicher aus der Haft
herauskommt als er hineingekommen ist. Ein Gefängnis kann leicht zum Ort werden, an
dem ein Täter wirklich kriminell wird.
Wichtig ist, dass die Straftäter richtig therapiert werden, denn jeder richtig therapierte
Straftäter wird seltener rückfällig als ein nicht therapierter.
9.1.Gründe für eine Therapie
Eine Therapie ist erforderlich, wenn
1. der Täter krank ist (z.B. geistig abnorm),
2. die Krankheit mit der Tat in Zusammenhang steht,
3. aus der Krankheit für die Zukunft ein (Rückfall-) Risiko besteht.
Aus pragmatischer Sicht soll dann eine Therapie durchgeführt werden, wenn beim Täter
eine Rückfallgefahr besteht und diese durch die Therapie gesenkt werden kann. Ebenso
wichtig ist es, eine genaue Diagnose zu stellen. Besondere Bedeutung hat die Diagnose
der dissozialen Persönlichkeitsstörung. Die Kriterien umfassen folgende Punkte:
1. Keine Anteilnahme an Gefühlen anderer.
2. Deutliche und oft auftretende Verantwortungslosigkeit und Missachtung sozialer
Normen, Regeln und Verpflichtungen.
3. Keine Fähigkeit zur Beibehaltung längerer Beziehungen, aber keine
Schwierigkeit, Beziehungen einzugehen.
4. Sehr geringe Frustrationstoleranz und niedrige Schwelle für aggressives und
gewalttätiges Verhalten.
5. Keine Fähigkeiten zum Erleben von Schuldbewusstsein oder zum Lernen aus
Erfahrung, besonders aus Bestrafung.
54
Vgl. Hans Werner Reinfried: Mörder, Räuber, Diebe… Psychotherapie im Strafvollzug. Stuttgart:
Friedrich Frommann Verl. 1999, S. 15 ff.
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MÄNNER HINTER GITTERN
6. Neigung andere zu beschuldigen oder Gründe für das eigene Verhalten
anzubieten, durch welches die Person in Konflikt mit der Gesellschaft geraten
ist.
Eine Therapie sollte sich ganz auf die Persönlichkeit und auf die frühen Lebensjahre
konzentrieren. Auch eine umfassende Analyse der Tat und des Tatverhaltens ist eine
unschätzbare Informationsquelle für die Therapie. Denn generell gilt, dass Tun und
Handeln eines Menschen, etwas darüber aussagen, was er denkt, wie er fühlt, wie er
wahrnimmt etc. Darum wird den Handlungsmustern von Straftätern besondere
Aufmerksamkeit in der therapeutischen Arbeit geschenkt.55
9.2.Erfahrungsberichte aus dem Buch „Einschluss“ von Hans-Joachim
Neubauer
Folgende Zitate sind Ergebnisse verschiedener Täterbefragungen von Hans-Joachim
Neubauer.
„Ich hätte, bevor ich die Tat gemacht habe, die Tat nicht machen brauchen. Machen
wollen oder machen sollen, das ist die Frage. Aber: Ich wollte es nicht machen, ich
sollte es aber auch nicht machen. Das ist zwischen machen und machen sollen. Das
kann man so nicht erklären. Man kann nur sagen: Mich hat dazu keiner angestiftet.
Und ich werde nie vergessen, was ich gemacht habe. Wie ich´s gemacht habe. Warum
ich´s gemacht habe. Das werde ich nie vergessen, auch wenn ich neunzig Jahre alt
werde oder hundert. Das vergisst man nie. Man hat einem Menschen das Leben
genommen, und das, das tut einem innerlich weh. Ich muss aber sagen, dass mir das im
ersten Augenblick scheißegal war, ob der nun – ob ich nun in den Knast gehe oder
nicht.“56
„Die Zeit ist zeitlos, weil sich hier alles immer wiederholt, immer wieder von vorne.
Deshalb sagt er, die Zeit ist zeitlos. Das ist jeden Tag dasselbe, das ist monoton. So ist
auch sein Tagesablauf: Geweckt wird um sechs, sechs Uhr dreißig. Da kommt ein
Beamter rein und schaut, ob der noch lebt, der Gefangene. Lebendkontrolle heißt das.
Dann macht man sich Kaffee, raucht eine Zigarette, geht in die Betriebe oder in die
Schule, macht seine drei, vier Blocks, verschiedene Fächer, oder macht gar nichts,
wenn man keine Arbeit hat. Um elf Uhr dreißig ist Pause, da wird Mittag gegessen, da
55
56
Vgl. Urbaniok, a.a.O, S. 25 ff.
Hans-Joachim Neubauer: Einschluss. Bericht aus dem Gefängnis. Berlin: Berlin Verl. 2001, S. 24
MÄNNER HINTER GITTERN
holt er sich seinen Kübel, seine Schüssel, und füllt die mit den Leckerein, die man hier
so bekommt.“57
„Eigentlich lebt er hier so, wie er immer gelebt hat. Natürlich war er draußen nicht
eingesperrt, natürlich nicht hinter Gittern und nicht mit den Reglements, denen er hier
ausgesetzt ist. Auch draußen galten bestimmte Regeln, aber hier sind sie anders. Er ist
vollkommen unselbstständig geworden. Er steht vor jeder Tür und muss darauf warten,
dass jemand mit dem Schlüssel kommt und sie ihm aufmacht. Oft bleibt er auch vor
Türen stehen, die gar nicht verschlossen sind. Aber er ist schon daran gewöhnt, dass
jemand kommen muss, um sie für ihn aufzuschließen. […] Es gibt eine Hierarchie vom
Anstaltsleiter bis zu den Beamten. Er hat hier nur einen einzigen Beamten gesehen, der
noch menschlich war. Die meisten anderen haben ihre Menschlichkeit verloren.“58
„Vor seiner Haftzeit war ein Lebensabschnitt, jetzt während seiner Haftzeit ist ein
Lebensabschnitt, und nach seiner Haftzeit wird auch ein Lebensabschnitt sein. […]
Bekanntschaften gingen kaputt, er verlor nicht nur die Freiheit, sondern auch die Ehre,
er verlor das Ich. […]“59
„ Jeder hier hat ein sexuelles Problem, weil er keine Partnerin hat. Weil schon so viel
Zeit vergangen ist, kann er sich kaum vorstellen, vor seinem Lebensende noch eine
Partnerin zu finden. Auch wenn ihm viele hier in den Gesprächsgruppen sagen, er
würde schon irgendwann wieder einmal eine Partnerin finden. Das ist schwer, davon
geht er aus. Es wäre natürlich schön, wenn es doch passierte. […] Aber es gibt auch
Freundschaften, die auf Grund des Gefühlslebens, der Sexualität zu Stande gekommen
sind, weil die Einsamkeit hier sehr schlimm ist. Und so gibt es oft sexuelle Kontakte
untereinander. Auch das ist eine Art von Zweckgemeinschaft. Sex im Gefängnis ist ein
Tabu, aber gibt es natürlich. Hier gibt es eine Hierarchie, genauso wie es Prostitution
gibt. Die einen sind mehr dafür geschaffen, die anderen weniger. Mit Vorliebe werden
natürlich die genommen, die jünger sind und vielleicht auch etwas zierlicher gebaut.
Man kriegt ziemlich schnell mit, ob es da eine Basis für Einschüchterung gibt. Einige
versuchen es auf die nette, freundliche Art. Spendieren, spendieren, spendieren, und
hinterher möchte man dann eine Gegenleistung, zielt womöglich auf denselben
Haftraum. Dann gibt es welche, die von Natur aus schon so veranlagt sind. Die
57
ebda, S. 81
ebda, S. 97
59
ebda, S 133 ff.
58
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MÄNNER HINTER GITTERN
Homosexuellen haben damit keine großen Schwierigkeiten, die können ihre Sexualität
weiter ausleben, wenn sei entsprechend gut aussehen. […]“60
10.Praktischer Teil
10.1.Erfahrungsbericht
Als ich erfahren habe, dass ein „Tag der offenen Gefängnistür“ in der Karlau angeboten
wird, entschloss ich mich dieses Angebot zu nutzen. So habe ich am 18.10.2003 eine
Stunde in einer Menschenmenge auf Einlass gewartet. Es wurde mir ermöglicht einen
Gefängnistrakt hautnah zu erleben. Leider fand der zu einem Interview gebetene
Justizwachebeamte keine Zeit, mir nähere Auskünfte zum Thema „Männer hinter
Gittern“ zu geben. Ich hatte trotzdem Glück, denn die Anstaltspsychotherapeutin E. T.
stellte sich meinen Fragen.
10.2.Interview mit der Anstaltspsychotherapeutin E. T.
Bergmann: Was wissen Sie über die Kindheit von Straffälligen?
E. T.: Die meisten kommen aus einer sozial oder emotional vernachlässigten Familie.
Viele sind „fremduntergebracht“ aufgewachsen, also bei Verwandten oder im Heim.
Häufig kommt es vor, dass sie zu wenig Kontakt, Anerkennung, Zuneigung und Halt
bekommen haben und zu wenig Geborgenheit erfahren haben. In vielen Fällen fehlt ein
Elternteil, meistens sind es die Väter. Was auffällt, ist das Extrem im Verhältnis zur
Mutter: Entweder liebt der Täter die Mutter sehr oder er hasst sie. Im Extremfall
erkennen viele also nicht, dass die „heilige“ Mutter auch Schattenseiten hat.
Die Gefangenen fühlen sich selbst für ihre Tat nicht verantwortlich. Sie suchen die
Schuld bei jemand anderem.
Bergmann: Wie entwickelt sich Gewalt?
E. T.: Hier stellt sich mir die Frage, ob der Hang zur Gewalt angeboren ist. Ein
gewisses Maß an Aggression ist auf jeden Fall angeboren. Es hängt davon ab, welche
Frustrationserfahrungen sie gemacht haben und welches Handwerkszeug sie dazu
bekommen haben, ihre Frustration verarbeiten zu können. Damit verbunden ist auch,
wie weit sie respektiert werden. Viele Faktoren spielen eine Rolle, aber der Hauptpunkt
ist, dass Verbrecher keine adäquate Form der Verarbeitung von Frustration haben,
oder sie sich oft nicht verstanden fühlen.
60
Vgl. ebda, S. 141 ff.
MÄNNER HINTER GITTERN
Ein Potential zu gewalttätigen Handlungen hat meiner Meinung nach jeder.
Bergmann: Welches Verhältnis zwischen Justizwachebeamten und Gefangenen können
bzw. konnten Sie beobachten?
E. T.: Die Justizwachebeamten sind ähnlich eingesperrt wie die Gefangenen, mit der
Ausnahme, dass sie nach Dienstschluss nach Hause gehen. Die Beamten sind mit einer
ähnlichen Problematik konfrontiert wie die Häftlinge. Ich vermute sie suchen einen
Ausgleich für sich, indem sie ganz streng werden.
Oft kommt es zu Verbrüderungen zwischen Justizwachebeamten und Häftlingen. Auf der
anderen Seite kommt es aber auch zur Abwertung der Häftlinge.
Es ist beispielsweise auch zu homosexuellen Kontakten zwischen einem Wärter und
einem Häftling gekommen. Und das war von beiden Seiten erwünscht. Es hat, soweit
ich weiß, keine sexuelle Misshandlung gegeben. Jedoch kommt es schon zum
Missbrauch von Regeln, also dass zum Beispiel die Häftlinge in den Keller gesperrt
werden, was eigentlich „verboten“ ist, eben als besondere Strafe. Der Keller ist ein
Haftraum, wo es eine Pritsche gibt, aber keine Heizung. Und die Häftlinge werden dort
nackt eingesperrt. Die Häftlinge revanchieren sich, indem sie zum Beispiel in der
Tischlerei für eine Anfertigung falsches Maß nehmen. Häftlinge erzählen auch von
körperlicher Misshandlung, also Schlägen. Der psychologische Leiter sagt aber, dass
es so etwas nicht gibt.
Bergmann: Was sagen Sie zum Strafvollzug in Österreich? (Ist er gut oder schlecht?)
E. T.: Von der Gesetzgebung her gesehen, ist er nicht so schlecht. Für manche Delikte
wird aber das Strafausmaß nicht ganz ausgeschöpft. In Bezug auf „Kavaliersdelikte“
hat sich in den letzten Jahren doch sehr viel getan, eben durch die Enttabuisierung von
Missbrauch in der Familie. Der Strafvollzug ist nicht schlecht, aber er wird oft falsch
gehandhabt. Und das liegt in der Hand des Richters/ der Richterin. Bei den Häftlingen,
die ich kenne, finde ich, dass die Strafe doch gerecht ist.
Bergmann: Was „fördert“ die Rückfälligkeit?
E. T.: Was die Rückfälligkeit auf jeden Fall fördert, sind Alkoholismus und andere
Drogen. Ebenso auch eine schlechte soziale Integration; oft kommen die Straftäter aus
dem Gefängnis und wissen nicht, wo sie sich hinwenden sollen.
Seite 36
MÄNNER HINTER GITTERN
Bergmann: Welche Krankheiten und psychischen Auffälligkeiten treten im Gefängnis
häufig auf?
E. T.: Sehr häufig sind psychosomatische Krankheiten, wie kreisrunder Haarausfall
und Hautekzeme zu beobachten. Aus der Sicht der Häftlinge werden Zahnschmerzen
schlecht behandelt. Bedingt durch die Ernährung tritt Vitaminmangel auf. Früher war
die Vereinsamung sehr stark, was oft zu Depressionen führte. Manchmal wurde
angeblich Brom ins Essen gemischt, um die Sexualität zu unterdrücken. Der Umgang
mit Sexualität stellt für viele Häftlinge ein großes Problem dar. Besonders häufig
kommt es auch zu Kontaktschwierigkeiten.
Bergmann: Inwiefern wird Straftätern psychologische Hilfe angeboten?
E. T.: Es wird ihnen auf jeden Fall Hilfe zuteil. Jedes Gefängnis hat einen
psychologischen und sozialen Dienst. Häftlinge mit einem Zusatzparagraphen für
abnormale Rechtsbrecher müssen psychologisch behandelt werden. Dafür verpflichtet
sich der Staat, damit sie überhaupt entlassen werden können, auch wenn die Häftlinge
es nicht wollen.
Bergmann: Welche Hilfe ist nötig, um nach der Haftentlassung ein normales Leben
führen zu können?
E. T.: Sehr wichtig ist eine Verantwortungsübernahme. Bei Drogen- oder
Alkoholmissbrauch ist es notwendig, dass die Häftlinge „sauber“ oder „trocken“
werden, sie brauchen auch Unterstützung und Hilfe von außen (Betreuung in einer
Wohngemeinschaft). Bewährungshilfe macht ebenso Sinn, und für viele gibt es in
Nachbetreuungsambulanzen therapeutische Behandlung
Bergmann: Welche Hilfen werden angeboten?
E. T.: Therapeutische Hilfe, Bewährungshilfe (Wohnungssuche, Jobsuche etc.),
Haftentlassenen- Stellen für Schlafen und Wohnen, Notschlafstellen, soziale
Einrichtungen, die sich mit den Auswirkungen von Alkohol und Drogen beschäftigen.
Bergmann: Zu welchen Erkenntnissen sind Sie in Bezug auf sexuellen Missbrauch
gekommen?
E. T.: Ich habe in meiner Funktion als Anstaltstherapeutin sehr oft mit sexuellem
Missbrauch zu tun. Immer wieder zeigt sich, dass die Hintergründe sehr vielfältig sind.
MÄNNER HINTER GITTERN
Viele betroffene Männer können ihre sexuellen Wünsche nicht klar ausdrücken bzw.
ausleben und kommen mit erwachsenen Frauen nicht klar. Der Frustrationsgrad ist
sehr hoch.
Bergmann: Ist ein Gefängnis notwendig oder gibt es andere effektivere Strafen?
E. T.: Ich glaube, dass man sich grundsätzlich einmal überlegen muss, ob Strafe etwas
verändert. Beispiel: Jeder, der jemanden umbringt, sollte zum Begräbnis gehen und den
Schmerz miterleben. Denn es geht darum, dass er die Konsequenzen seiner Handlung
erfährt.
Bergmann: Welche Probleme kann eine Entlassung mit sich bringen?
E. T.: Das Problem liegt darin, die alten Verhaltensmuster abzulegen (DrogenAlkoholmissbrauch etc.), um dann wieder einen Platz in der Gesellschaft zu bekommen.
Dies gilt aber nur für die, die eine längere „Strafgeschichte“ haben. Für manche reicht
das Gefängnis zur Abschreckung.
Bergmann: Wie soll ein menschenwürdiges Gefängnis aufgebaut sein?
E. T.: Ich glaube, wenn man schon ein Gefängnis baut, dann sollte jeder der
Gefangenen eine Arbeit haben, wo er etwas verdient und wo er das Zusammenwirken
einer Gesellschaft erlebt. Die Bedingungen innerhalb des Gefängnisses müssen so sein,
dass jeder gefördert wird. Das Arbeiten und Leben in einer Gruppe soll im Mittelpunkt
stehen. Den Gefangenen soll die Möglichkeit offen stehen, ihre Gefühle äußern zu
können. Ebenso wichtig ist, dass sie ihre Beziehung, ihre Sexualität ausleben können,
also dass ihre Partnerinnen sie besuchen können und ihnen eine Intimsphäre zusteht.
Bergmann: Ist die Karlau menschenwürdig?
E. T.: Ja, in vielen Dingen schon. Eben weil die Häftlinge eine Arbeit und einen relativ
großen Freiraum haben. Manche können eine Lehre im Gefängnis machen, dann
draußen arbeiten gehen und im Gefängnis übernachten.
Bergmann: Was ist den Insassen wichtig?
E. T.: Prinzipiell klammern sie sich an ihre Geschichte, ihre Familie, an ihre Kinder,
wenn sie welche haben, an ihre Exfrauen, Eltern und Geschwister, weil sie Halt suchen.
Seite 38
MÄNNER HINTER GITTERN
Materiell sind das Computer und Computerspiele. Auch Beziehungen zu anderen
Inhaftierten nehmen einen hohen Stellenwert ein.
Bergmann: Entwickeln Täter auch Reue im Gefängnis?
E. T.: Ich kann nur von denen reden, mit denen ich arbeite, und da zeigen jene Reue,
die schockiert sind von der Tat, die sie begangen haben. Dabei hilft die Therapie,
manche kommen auch ohne therapeutische Hilfe aus..
Das sind aber weniger als die Hälfte. Ich würde sagen zwischen 10 und 40 Prozent.
Bergmann: Wie wichtig ist psychologische Hilfe?
E. T.: Der soziale oder der psychologische Dienst sind besonders wichtig. Viele haben
das Gefühl, dass sie nicht ernst genommen werden, aber in der Therapie wird ihnen
dieses Gefühl vermittelt. Es ist aber für viele schwer diese Hilfe anzunehmen.
Bergmann: Was machen Sie genau?
E. T.: Ich mache Psychotherapie mit Männern, die sexuelle Gewaltdelikte begangen
haben, vor allem in Einzeltherapie und Gruppentherapie. Der Vorteil in der Gruppe
ist, dass einer nicht alleine mit seinem Problemist und dass die Häftlinge sich
gegenseitig unterstützen können. Doch welche Therapie für wen passt, muss auf jeden
Häftling abgestimmt werden. Der eine fühlt sich in der Gruppe wohler, der andere in
der Einzeltherapie.
Bergmann: Haben Sie schon einmal eine schwierige Situation erlebt? Wenn ja, wie
sind Sie damit fertig geworden?
E. T.: Eine schwierige Situation ist, dass die Gefängnisverwaltung nicht mit uns
zusammenarbeitet. Es kann vorkommen, dass sechs Leute in der Gruppe sind und drei
nicht kommen, weil sie irgendwo zum Arbeiten eingeteilt wurden.
Andere Dinge bespreche ich in der Supervision, die es für uns einmal im Monat gibt.
Das ist eine Gruppenvision, zu der alle kommen können, die hier arbeiten, aber nicht
müssen. Ich habe auch das Glück, dass ich einen Kollegen habe, mit dem ich alles
besprechen kann.
Mir ist einmal passiert, dass ich bei einem Erstgespräch von einem Justizwachebeamten
mit einem Häftling, der Frauen vergewaltigt hat, eingesperrt wurde. Ich bin Gott sei
MÄNNER HINTER GITTERN
Dank erst draufgekommen, als ich hinausgehen wollte. Jetzt durfte ich nicht in Panik
geraten, denn sonst hätte der Häftling die Situation vielleicht ausgenutzt. Also habe ich
gewartet, bis ich merkte, dass jemand vorbei geht und dann habe ich an die Tür
geklopft. Da hatte ich aber schon ein bisschen Angst. Aber das ist erst einmal passiert,
denn sonst gibt es in den Beratungsräumen einen Knopf zum Läuten. Ich bin relativ
sicher, denn ich gebe die Fälle ab, wenn ich merke, dass ich nicht helfen kann oder
wenn ich mit dem Häftling nicht zurechtkomme.
10.3.Polizeianhaltezentrum Graz – Interview mit einem Beamten
In meinem Interesse liegt es auch kurze Informationen über das PAZ Graz zu vermitteln,
welche mir ein Polizeibeamter zukommen ließ.
Wie viele Gefangene befinden sich zurzeit im PAZ Graz?
Durchschnittlich befinden sich ca. 60 – 70 Personen im PAZ Graz
Wie sieht das zahlenmäßige Verhältnis von Männern zu Frauen aus?
Das Verhältnis beträgt ca. 10:1
Aus welchen Gründen befinden sich Häftlinge im PAZ?
Man unterscheidet grob gesagt drei Arten von Häftlingen:
-Häftlinge der Abt. II:
Das sind jene, die ein strafrechtliches Delikt – z.B.: Diebstahl,
Körperverletzung, Raub, Mord etc. begangen haben.
-Häftlinge der Abt. III:
Sie verbüßen die Freiheitsstrafen wegen verwaltungspolizeilicher Übertretungen
– z.B. Trunkenheit im Straßenverkehr, Falschparker, Anstandsverletzungen,
Übertretung der Gewerbeordnung etc. – ein „Absitzen solcher Strafen ist in der
Regel nur dann zulässig, wenn die vorgesehene Geldstrafe nicht bezahlt werden
kann.
-Häftlinge der Abteilung IV:
Das sind fremdenpolizeiliche Häftlinge (Fremde), die in der Regel zur
Vorbereitung ihrer Abschiebung in die Heimatstaaten bzw. zur Klärung ihrer
Identität festgehalten werden.
Welchen Zeitraum umfasst die durchschnittliche Dauer der Haft?
Seite 40
MÄNNER HINTER GITTERN
Auch hier muss zwischen den oben angeführten Kategorien unterschieden werden.
Straftäter (Abt. II) werden in der Regel nur für die Dauer ihrer Ersteinvernahme durch
die Kriminalpolizei – nicht länger als 24 Stunden – im PAZ angehalten. Danach werden
diese entweder dem zuständigen gerichtlichen Gefangenenhaus überstellt oder aber
freigelassen.
Die Haftdauer für Häftlinge, die wegen verwaltungsrechtlicher Übertretungen im PAZ
angehalten werden, richtet sich nach der Höhe der verhängten Ersatzfreiheitsstrafe –
die Höchstdauer beträgt jedoch 42 Tage – danach muss der Häftling entlassen werden.
Dieser kann erst nach einer „Pause“ die Reststrafe absitzen.
Fremdenpolizeiliche Häftlinge dürfen maximal 6 Monate im PAZ angehalten werden –
danach sind sie freizulassen. Allerdings erfolgt in den meisten Fällen bereits vorher die
Abschiebung in die diversen Heimatländer. Dazu werden diese Häftlinge von Beamten
des PAZ bis zur Grenze (bei Abschiebungen mittels Bahn oder Bus) bzw. bis zum
Flughafen (Abflug) begleitet. In Ausnahmefällen – bei Problemabschiebungen – kann
auch eine Flugbegleitung bis ins Heimatland des Betreffenden erfolgen.
Welche Verhaltensauffälligkeiten werden häufig beobachtet?
Gerade im Bereich der fremdenpolizeilichen Häftlinge kommt es immer wieder zu
„Selbstmordversuchen“ bzw. Selbstverletzungen wie Blutadern aufschlitzen, Löffel
schlucken und dergleichen. Oft erwarten sich derartige Häftlinge, nach solchen
Aktionen freigelassen oder zumindest in die entsprechenden Spitäler gebracht zu
werden. Dort hoffen manche dann, unter Ausnützung der Situation leichter flüchten zu
können. Immer wieder kommt es auch zu Formen des Hungerstreiks – meist wird dieser
nach einigen Tagen freiwillig beendet – eine entsprechende ärztliche Begleitung ist
vorgesehen.
Viele der Häftlinge befinden sich aufgrund der Gegebenheiten natürlich auch in
psychischen Ausnahmesituationen – diesen ist mit größter Sensibilität zu begegnen –
ein dauerhaftes Beobachten der Situation ist erforderlich.
Kommt es häufig zu tätlichen Ausschreitungen von Häftlingen?
Tätliche Ausschreitungen von Häftlingen kommen eher selten vor und sind von den
Beamten schnell und konsequent abzustellen, um eventuelle Gefährdungen von
Mithäftlingen oder Beamten zu verhindern.
MÄNNER HINTER GITTERN
Gibt es medizinische bzw. therapeutische Hilfe?
Bei den geringsten Anzeichen einer Krankheit bzw. von psychischen Problemen ist
sofort der Polizeiarzt zu kontaktieren – dieser entscheidet über die weiteren
Behandlungsschritte (Einweisungen in die entsprechenden Krankenhäuser, Behandlung
im Haus etc.).
Nachwort
Durch die intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema war ich mit für mich neuen,
erschreckenden, beängstigenden, grausamen, brutalen und mir dahin völlig
unvorstellbaren Inhalten konfrontiert. Ich will und kann mit meiner Arbeit Meinungen
vieler Menschen nicht ändern. Trotzdem möchte ich erwähnen, dass man nie vergessen
darf, dass im Speziellen Rechtsbrecher auch Menschen sind. Diese Arbeit zeigt mir,
dass ihr Werdegang immer wieder von besonders schwierigen Situationen geprägt ist,
die sie allein nicht bewältigen konnten. Oft waren und sind sie Opfer ihrer selbst und
ihrer Umwelt. Ich musste erst verstehen lernen, dass man diese Menschen nicht einfach
wegsperren oder sich selbst überlassen darf. Sie brauchen Hilfe. Leider bekommen sie
diese meist erst, wenn sie bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Es freut
mich, dass die Antworten meiner Interviewpartner theoretische Aussagen in der
Fachliteratur bestätigen. Damit ist es mir möglich Parallelen zwischen Theorie und
Praxis zu ziehen.
Besonders wichtig ist mir zu erkennen, wie wertvoll eine harmonische Kindheit und ein
gutes soziales Umfeld für die Entwicklung eines Menschen sind. Wir sollten daher
niemals vergessen, dass nicht jedem das Glück zuteil wurde, in einer guten,
einfühlsamen, liebenden Familie aufzuwachsen und sollten dies auch schätzen.
Nach meiner intensiven Arbeit bin ich nun auch am Überlegen, ob ich nicht vielleicht
doch Gerichtsmedizinerin werden möchte. Dies wäre für mich eine Möglichkeit auf
meine Art und Weise helfend tätig zu sein.
Besonderen Dank möchte ich Frau Prof. Mag. Gertrude Maierhofer – Schneider
entgegenbringen, welche geduldig meinen Wissensdrang unterstützt hat und mir mit Rat
und Tat zur Seite gestanden ist. Weiters danke ich meinen beiden Interviewpartnern, die
Seite 42
MÄNNER HINTER GITTERN
in erster Linie ungenannt bleiben wollen, sowie meiner Familie und meinen Freunden,
die mich immer wieder ermutigt haben und mir liebevoll zur Seite gestanden haben.
MÄNNER HINTER GITTERN
11.Quellennachweis
Bücher:

J. Douglas & M. Olshaker: Die Seele des Mörders. München: Goldmann Verlag.
1998

M. Giordano: Das Experiment. Black Box. Hamburg: Rowohlt Verlag. 2002

F. Hacker: Aggression. Die Brutalisierung unserer Welt. Düsseldorf und Wien:
ECON Verlag. 1993

R. Haller: Die Seele des Verbrechers. Niederösterreich: NP Buchverlag. 2002

D. Hosser: Soziale Unterstützung im Strafvollzug. Baden-Baden: Nomos Verlag.
2001

H. Kraemer: Das Trauma der Gewalt. München: Kösel-Verlag. 2003

Miller: Am Anfang war Erziehung. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 1983

Musloff & Jens Hoffmann: Täterprofile bei Gewaltverbrechen. Berlin
Heidelberg: Springer-Verlag. 2002

H-J. Neubauer: Einschluss. Bericht aus einem Gefängnis. Berlin: Berlin Verlag.
2001

J. Rattner: Menschenkenntnis durch Charakterkunde. Augsburg: Weltbild
Verlag. 1998

H. W. Reinfried: Mörder, Räuber, Diebe… Psychotherapie im Strafvollzug.
Stuttgart: Friedrich Frommann Verlag. 1999

Reutterer: Erkennen und Handeln. Wien: Dorner Verlag: 2003

Reutterer: Erleben und Verhalten. Wien: Franz Deuticke Verlag. 2000
Zeitschriften:

News. Tulln: Goldmann Druck. 15.02.2001

Kurier. 13. 11. 2003

P.M. PERSPEKTIVE. München: Gruner+Jahr Verlagsgruppe München. 2/99

PSYCHOLOGIE HEUTE. Weinheim: Julius Beltz. 12/02

Kinomagazin SKIP. März 2001
Seite 44
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Seele and Geist
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