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Die Debatte um die Beschneidung – und was die Kirche damit zu

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Die Debatte um die Beschneidung – und was die Kirche damit zu tun hat
Abendkreis Mühlendorf, 14. März 2013
Wohl noch nie hat ein so kleiner Fetzen Haut eine solche Debatte hervorgebracht.
Noch nie haben wohl so viele Menschen über Dinge geredet, die sie selber nicht erlebt haben und auch nicht kennen. Noch nie ist eine religiöse Detailfrage zu einer
Grundsatzdebatte über Religion in unsere Gesellschaft stilisiert worden. Es hat den
Anschein, dass sich an der Frage nach der Beschneidung moderne (atheistische,
rationalistische) Welt und religiöse (irrationale, rückständige) Welt scheiden. Aber wo
waren diejenigen, die einfach mal sagten: „Ich weiß noch nicht, wie ich dazu stehe.
Darüber habe ich mich mit meinen muslimischen Nachbarn noch nie unterhalten!“ 1
I. Woran sich die Debatte entzündete
Mai 2012: Urteil des Landgerichts Köln: Verbot der „religiös motivierte Zirkumzision“
(medizinisch ist dies nicht verboten): rituelle Beschneidung eines minderjährigen
Jungen als rechtswidrige Körperverletzung eingestuft hatte. Hintergrund: In einem
Einzelfall hatte es gesundheitliche Komplikationen bei einem beschnittenen Jungen
gegeben.
Dies führte – übrigens erst sechs Wochen danach! - zu einer Protestwelle von Juden
und Muslimen, die Beschneidung ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Religion. Viele
Juden und Muslime empfinden es als Anmaßung, dass ein Gericht die Beschneidung
von Kindern als Straftat bewertet. In einer Gesellschaft, in der die Rechte des Einzelnen einen so hohen Stellenwert haben wie in Deutschland, müssen sich aber alle
dieser schwelenden Debatte stellen.
Riss durch die Gesellschaft: 45 Prozent der Deutschen sind einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa zufolge jedoch für ein Verbot, 42 Prozent dagegen. Ein Riss geht
offenbar durch die Bevölkerung. Alte antisemitische und antimuslimische Reflexe und
Stereotypen („Wenn sie Beschneidung wollen, sollen sie doch auswandern“). Besondere Verletzung der in Deutschland lebenden Juden!
Es kam zu einem Drängen, dass der Bundestag es regelt.
Ethik-Kommission, Entwurf der Bundesregierung > Gesetzliche Regelung: Die Beschneidung von jüdischen und muslimischen Jungen soll in Deutschland erlaubt bleiben. Bedingungen:
- Eingriffe nach den „Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt" werden, d.h.
u.a. dass ein Junge im Zweifel eine Betäubung oder Narkose erhält.
- In den ersten sechs Lebensmonaten des Säuglings dürfen religiöse
Beschneider den Eingriff vornehmen, solange sie ausgebildet sind (wichtig
fürs Judentum: nicht ein Arzt, sondern traditionell durch eine Mohel).
- Ist das Kind älter, darf die Beschneidung nur von Ärzten vorgenommen werden.
Im Gesetz ist nicht der Einwand enthalten, dass die religiöse Motivation nachgewiesen werden muss (zwischenzeitliche Lösung des Stadtstaates Berlin: Für eine straffreie Beschneidung wollte der Justizsenator Juden und Moslems zwingen, ihre Religiosität in einer „Bescheinigung ihrer Religionsgemeinschaft“ gegenüber der staatlichen Verwaltung zu beweisen, um anschließen die Erlaubnis der Verwaltung zu erhalten, ihre Religion auszuüben.)
1 Kerstin Griese/Harald Schraper, Alle wissen schon Bescheid, Berliner Republik 5/2012, 14-16: 14.
Gesetz wird als „Rückweg zur Normalität“ (BM Leutheusser-Schnarrenberger) verstanden: In keinem anderen Land der Welt ist die religiös motivierte Beschneidung
verboten.
Der Gesetzentwurf bekam eine deutliche Mehrheit im Parlament: 434 Parlamentarier
votierten dafür, 100 dagegen, 46 enthielten sich. Auch Abgeordnete der Opposition
trugen den Regierungsvorschlag mit.
Abgelehnt wurde ein alternativer Gesetzentwurf, den 66 Abgeordnete von SPD, Linken und Grünen eingebracht hatten. Sie wollten Beschneidungen erst ab einem Alter
von 14 Jahren erlauben. Zudem sollte nach ihrem Willen nur ein Arzt beschneiden
dürfen.
II. Biblisch: Beschneidung als Akt religiöser Identität im Judentum
 Gen 17: Abraham:
Und Gott sprach zu Abraham: So haltet nun meinen Bund, du und deine
Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht.
10 Das aber ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und
deinem Geschlecht nach dir: [a] Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden; 11 eure Vorhaut sollt ihr beschneiden. Das soll das [a] Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch. [b]
12 Jedes Knäblein, wenn's acht Tage alt ist, sollt ihr beschneiden bei euren
Nachkommen. Desgleichen auch alles, was an Gesinde im Hause geboren
oder was gekauft ist von irgendwelchen Fremden, die nicht aus eurem Geschlecht sind.
 Im Dtn: Das berühmte Wort aus der Thora, aus dem Buch Deuteronomium,
wonach man einen Zipfel seines Herzens beschneiden solle, steht in Korrespondenz zum Beschneidungsgebot.
 Seit 4.000 Jahren wird ein jüdischer Säugling am achten Tag nach der Geburt
beschnitten 2, auch Jesus (daher feiern Christen Neujahr den „Tag der Beschneidung“) Lk 2,20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten
Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt
war. 21 Und als acht Tage um waren und [a] man das Kind beschneiden mußte, [b] gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel,
ehe er im Mutterleib empfangen war.
III. Mediziner Blickwinkel: Die Vielstimmigkeit der Stimmen
Ist die Beschneidung so ähnlich wie das Stechen eines Ohrlochs beim Baby? Wie
eine Schönheitsoperation beim Kind, um dessen abstehende Ohren zu korrigieren?
Wie eine Impfung? Wie die Taufe?3
Der Verband der Kinderärzte in Deutschland ist strikt gegen die religiös motivierte
Beschneidung. Die Kinderärzte in den Vereinigten Staaten, wo ein erheblicher Teil
der Männer aus nicht-religiösen Gründen beschnitten ist, erneuern dagegen ihre
Empfehlung, die Beschneidung durchzuführen, weil damit Gesundheitskosten gesenkt würden.
2 Daran ändern auch nicht Gegenbeispiele, dass z.B. tausende russische Juden nicht beschnitten sind oder es in
der Geschichte immer wieder Momente gegeben hat, wo dies nicht möglich war. Auch die Entlehnung aus einem
archaisches Ritual ist kein grundsätzliches Argument gegen die Beschneidung („ist gar nichts Jüdisches“).
3 Griese/Schrapers, a.a.O., 15.
Es gibt Übertreibungen in beide Richtungen: dass Länder mit vielen Beschnittenen
volksgesundheitlich besser dastehen. Oder dass Länder mit vielen Beschnittenen
darunter leiden, weil ganze Generationen Männer traumatisiert sind.
Es ist auch nicht sicher, ob die Beschneidung bei Säuglingen ohne größere Schmerzen geschieht. Daher ist eine entsprechende Betäubung im muslimischen Ritual obligatorisch, im jüdischen Ritual unterschiedlich gehandhabt.
Es ist festzuhalten, dass in der medizinischen Beurteilung große Unklarheit herrscht.
Der Medizinethiker Peter Dabrock vor dem Ethikrat des Bundestags: „Könnten wir
sicher sagen: ‚Die Beschneidung ist medizinisch ganz unproblematisch‘, dann hätten
noch viel mehr Menschen den Eindruck, dass die Entscheidung für oder gegen eine
Beschneidung an Kindern eine Frage des ästhetischen oder religiösen Geschmacks
sei. Und umgekehrt: Wüssten wir sehr klar, dass selbst eine fachgerecht durchgeführte Beschneidung massive Traumatisierungen und Nebenwirkungen zur Folge
hätte, wäre die gegenteilige Konsequenz zu erwarten. Aber so ist es nicht. Wir haben
viele Studien, wir haben allerlei Empfehlungen.“4
Was ernsthafte Stimmen nicht bezweifeln können: Es gibt einen kategorialen Unterschied zwischen der Beschneidung von Knaben und der Genitalverstümmelung von
Mädchen (sowohl hinsichtlich ihrer Motivation als auch ihrer Folge).
IV. Verfassungsrechtlicher Blickwinkel: Wie halte ich es mit der Religion?
Welche Rechtsgüter sind bei der Frage nach der religiös motivierten Beschneidung
berührt? – Muslime und Juden kritisierten das Urteil als "eklatanten Eingriff" in das
Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften: Das Urteil der Kölner Richter, eine Beschneidung aus religiösen Gründen sei eine Straftat, wird von vielen Juden und Muslimen als Anmaßung wahrgenommen, als massiver Angriff auf
die Religionsfreiheit im Allgemeinen und ihre Religion im Besonderen. Selbst christliche Würdenträger und Funktionäre zeigten sich empört. Bezug genommen wird auf
Art 140 GG, der die Selbstbestimmung der Religionsgemeinschaften (nicht nur der
Kirchen!) regelt,5 aber auch auf die Religionsfreiheit in den Grundrechtsartikeln des
GG (Art 4,1 GG6).
Der Kinderschutzbund argumentierte dagegen mit dem Kinderwohl bzw. dem Gut der
körperlichen Unversehrtheit. Das Problem war von Anfang an, dass beide Grundrechte nicht in der angemessenen Spannung gelassen wurden, sondern die Spannung jeweils einseitig aufgelöst wurde:
Kinderschutzbund: verbunden mit einer negativen Haltung zur Religion(sfreiheit) an
sich.7); es wurde des öfteren suggeriert, dass das eigentliche Grundrecht das Recht
auf körperliche Unversehrtheit ist (Art. 2,2 GG8): erst die Grundrechte/die Menschenrechte, dann Religionsfreiheit.9
4 Dabrock, Vorbringung in der Ethik-Kommission Dt. Bundestag.
5 Art 140 GG i.V.m. Art 137,4 WRV: Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes. Sie verleiht ihre Ämter ohne Mitwirkung des
Staates oder der bürgerlichen Gemeinde.
6 (1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
7 Rolf Stöckel, Vorstandssprecher der Deutschen Kinderhilfe, ebenso in der Humanistische Union.
8 (2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In
diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.
9 So etwa Die Stellungnahme der „Gesellschaft für wissenschaftliche Aufklärung und Menschenrechte“: „Die
Mehrheitsgesellschaft sollte ihnen (den Juden und Muslimen, die Red.) unmissverständlich klarmachen, dass das
Einfordern von Akzeptanz gegenüber irrational-grundrechtswidrigen Traditionen und Bräuchen nicht geduldet
wird.“ (Zit. bei Dirk Pilz, Die Macht der Ahnungslosen, Frankfurter Rundschau, 21.7.2012.)
Dabei gehört Religionsfreiheit auch zu den Grundrechten. Zwei kollektive Freiheitsrechte stehen sich gegenüber: Lösung im Grundgesetz selbst oder Güterabwägung
zweier Grundrechte (Prinzip der praktischen Konkordanz10)?
Religionsfreiheit versus Kinderschutz: Der Kinderschutz ist im Zweifel höherrangig als die Religionsfreiheit. Die Frage ist nur, ob hier das Recht auf körperliche Unversehrtheit auch eingeschränkt werden darf, damit das Recht auf Religionsfreiheit
zum Zuge kommt?! Ermessensfrage! Es passiert etwa bei jeder Operation, die Eltern
für ihre Kinder entscheiden (ist auch „Körperverletzung“, daher unterschreibt man.)11
Positive versus negative Religionsfreiheit: Negative Religionsfreiheit: sich religiös
oder weltanschaulich nicht zu betätigen, nicht zu interessieren, nicht zu bekennen,
sich keiner Glaubensgemeinschaft anzuschließen u Recht, vor Religion geschützt zu
werden, sich ihr zu entziehen, aus ihr auszutreten, ihr nicht angehören zu müssen.
Eng verknüpft ist die Meinungsfreiheit, Religion zu kritisieren.
Gegen ein immer wieder anzutreffendes Missverständnis bleibt allerdings klarzustellen, dass die negative Religionsfreiheit nicht etwa einen Anspruch schafft, mit staatlicher Hilfe von der Konfrontation mit Religion in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit
verschont zu werden. Eine staatlich forcierte Privatisierung des Religiösen würde
einen starken Staat mit umfassenden Kontroll- und Zwangsbefugnissen voraussetzen; sie wäre das Ende der freiheitlichen Gesellschaft. (Laizismus-Modell: Frankreich).12
Positive Religionsfreiheit meint dagegen, dass jeder das Recht hat, Religion (auch im
öffentlichen Raum) ausüben zu können, z.B. Religionsunterricht, z.B. Selbstbestimmungsrecht der Kirchen.
1995 Kruzifixurteil: tendenzieller Vorrang der negativen Religionsfreiheit vor der positiven Religionsfreiheit (eher Schutz vor religiösen Symbolen als Ermöglichung der
Darstellung religiöser Symbole. Ähnlich: Kopftuchurteil.
Bei der Beschneidung wird die Sache noch etwas komplizierter: Hier geht es auch
um die Rechte des Kindes. In religiösen Dingen entscheiden die Eltern bis zum 12.
Lebensjahr selber, im 12. bis 14. Lebensjahr nicht gegen den Willen des Kindes.
Ist es also Ausdruck der Religionsfreiheit, wenn Eltern für ihre Kinder entscheiden,
dass es religiös motiviert beschnitten werden soll, so wie sie vergleichsweise die
Säuglingstaufe entscheiden? Oder ist es nicht das Recht des Kindes, körperlich unversehrt zu bleiben und in späteren Jahren selber zu entscheiden?
Kindeswohl versus Elternrecht auf religiöse Erziehung: Das Kölner Urteil tendiert
dazu, Elternrecht und Kindeswohl auseinander zu reißen. Es unterstellt leider, dass
beim Akt der Beschneidung vorrangig Elternrecht und Kindeswohl auseinanderfallen,
weil Kindeswohl ausschließlich mit körperlicher Unversehrtheit gleich gesetzt wird.
Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, auf die man sich in diesem Zusammenhang gern beruft, sieht dies anders vor. Sie geht generell davon aus, dass die
Eltern ihre Kinder bei der Wahrnehmung ihrer Rechte aktiv anleiten; dies ist ihr genuines Elternrecht. Sie haben sich dabei am Kindeswohl zu orientieren, das sie zugleich – innerhalb eines bestimmten Rahmens – selbst auslegen und festlegen kön10 Verfassungsrechtlich geschützte Rechtsgüter müssen in der Problemlösung einander so zugeordnet werden,
dass jedes von ihnen Wirklichkeit gewinnt. […] Beiden Gütern müssen Grenzen gesetzt werden, damit beide zu
optimaler Wirksamkeit gelangen können.“ (Konrad Hesse)
11 Körperverletzung? Natürlich ist Beschneidung Körperverletzung. Sie ist genauso Körperverletzung wie jeder
andere ärztliche Eingriff. Kleine und große Operationen, die lebenserhaltenden wie die nur lebensverschönernden, die nötigen wie die unnötigen - sie alle gelten dem Strafrecht als Körperverletzung. Im Strafrecht ist jeder
Eingriff in den Körper eine Verletzung. Erst die Einwilligung des Patienten rechtfertigt die Verletzung, erst sie
macht den Arzt straflos. (Heribert Prantl, Kommentar Süddeutsche Zeitung, 16.7.12)
12 Heiner Bielefeldt, Marginalisierung der Religionsfreiheit? Zur diskursiven Umfeld des Kölner „Beschneidungsurteils, Vortrags-Vorabfassung am 16.7.2012, 7f.
nen. Im Laufe seiner Entwicklung soll das Kind dann immer stärker als Interpret seiner eigenen Rechte zur Geltung kommen. Diese komplexe Konstellation gilt auch für
die Religions- und Weltanschauungsfreiheit: Sie ist nach der Kinderrechtskonvention
ein Recht des Kindes und zugleich ein Recht der Eltern, das Kind religiös bzw. weltanschaulich zu erziehen und zu sozialisieren. Zwischen beiden Aspekten, die sich im
Regelfall wechselseitig stützen sollen, kann es erfahrungsgemäß auch zu Spannungen und Konflikten kommen, die dann möglichst schonend gelöst werden müssen.
Verkürzungen entstehen dann, wenn das mögliche Spannungsverhältnis zwischen
Elternrecht und Kindesrecht im Kontext der Religionsfreiheit vorab einseitig aufgelöst
wird. Genau dies wird von einigen Wortführern in der Debatte verlangt, und zwar mit
der eindeutigen Tendenz, der religiösen Sozialisation durch die Eltern von Staats
wegen restriktive Grenzen zu setzen. 13
Ähnlich Kerstin Griese: „Wer dafür eintritt, dass unser Staat in weltanschaulichen
Fragen nicht neutral sein, sondern mit einem laizistischen Auftrag für Nichtreligiosität
Partei ergreifen soll, der lehnt religiöse Riten im Kindesalter per se ab. Als einem
Diskutanten in der SPD-Bundestagsfraktion, der sich vehement für ein Beschneidungsverbot aussprach, vorgehalten wurde, er würde wohl auch die Taufe verbieten
wollen, antwortete er freimütig: „Ja, am liebsten.“ Er meinte die Kindstaufe – und trifft
damit die Stimmung von Vielen, auch weniger Radikalen. Dahinter steckt die Auffassung, dass sich ein Jugendlicher möglichst frei und von kindlichen Prägungen unbeeinflusst für seine religiöse Orientierung entscheiden soll. Evangelisch, katholisch,
muslimisch, jüdisch, buddhistisch, atheistisch? Freie Auswahl. Eine absurde Vorstellung! Religiöse Prägung entsteht nicht aus dem Nichts, sondern stellt eine kulturelle
und werteorientierte Einbettung der Kindheit dar. Und die wünschen wir jedem Kind:
eine Botschaft der Liebe. Die muss übrigens nicht zwangsläufig religiös begründet
sein, sie kann auch humanistisch fundiert werden. Auch das ist eine Prägung – und
keine Neutralität. In Deutschland entscheiden sich viele Jugendliche im Alter von 14
Jahren, den Religionsunterricht abzuwählen. Unsere Gesellschaft lässt es zu, dass
man sich trotz religiöser Prägung dagegen entscheidet.“14
(Freilich darf die Kritik an der Gerichtsentscheidung in Köln aber nicht dazu führen,
nun im Gegenzug einen ungebrochenen Vorrang des Elternrechts auf religiöse Sozialisation mit allen Konsequenzen zu postulieren. Dies hieße, die einseitige Positionierung des Gerichts mit umgekehrten Vorzeichen fortzusetzen. Vielmehr geht es
darum, um einer umfassenden Verwirklichung der Religionsfreiheit willen allzu
schlichte Vorrangregeln innerhalb der verschiedenen Komponenten dieses Menschenrechts generell zu vermeiden.)
V. Gesellschaftlicher Blickwinkel: Religion und Moderne
Das Beschneidungsurteil tangiert zunächst Juden und Muslime, damit Minderheiten
unserer Gesellschaft. Es gibt aber eben auch Folgen für alle religiös gebundenen
Menschen, also auch Christen. Denn überrascht hat der aggressivkulturkämpferische Ton vieler Beiträge gegen Religion an sich.
Am Thema Beschneidung machen sich offenbar tief sitzende Ressentiments Luft, die
sich oftmals nicht spezifisch gegen Islam oder Judentum, sondern gegen Religion
überhaupt richten und jetzt ihren öffentlichen Durchbruch erleben. Heribert Prantl in
der Süddeutschen Zeitung: „Manche Religionskritiker scheinen das Urteil als Lizenz
zur Religionsbeschimpfung misszuverstehen.“
13 Bielefeldt, a.a.O., 8.
14 Griese, a.a.O., 15.
Es wird oft eine Frontstellung aufgemacht zwischen aufgeklärter Moderne (Säkularismus, Menschenrechte, Rationalismus = Atheismus) und den (noch) religös Gebundenen, die gleich unter dem Verdacht stehen, ihresgleichen und besonders ihre
Kinder ideologisch zu verbrämen und zu missbrauchen.15
Der moderne Atheismus hat in der Beschneidungsdebatte einen scharften (und in
meinen Augen unangemessenen) Überlegungheitspathos an den Tag gelegt. Er hat
sich darin selber als intolerant, irrational, ja indoktrinierend gezeigt. Der muslimische
Schriftsteller Navid Kermani spricht von einem Vulgär-Rationalismus: „Es ist die völlige Unfähigkeit, die eigene Sicht zu relativieren. Wenn die Religion ihr in die Quere
kommt, wird sie mit Schaum vor dem Mund bekämpft, mit einer Aggressivität, die
sonst als typisches Merkmal religiöser Fundamentalisten gilt.“
Westfälische Präses Annette Kurschus warnte in ihrem Vortrag zum Jahr der Toleranz (EKD-Themenjahr 2013) in Iserlohn von „der Intoleranz der Toleranten“.
Ein weiteres Beispiel für den sich überlegen fühlenden Rationalismus bietet der Ausspruch des Strafrechtlers Holm Putzke: Er fragt: „Welchen Nutzen verspricht die religiöse Beschneidung?“, um dann forsch zu postulieren: „Er muss messbar und rational begründbar sein, sonst könnten religiöse Handlungen etwa mit dem Seelenheil
nach dem Tod gerechtfertigt werden und ließen jegliche Abwägung beliebig werden“.
Womit denn sonst als mit „dem Seelenheil“ (meinetwegen auch erst nach dem Tod!)
sollen religiöse Handlungen denn sonst verknüpft sein? Religiöse Handlungen müssen nicht bis ins Letzte rational begründbar sein! Sie zeichnen sich doch gerade dadurch aus, im Letzten unhinterfragbar zu sein.
Der Neue Atheismus versteht sich als Sieger der Geschichte. Die Stellungnahme der
„Gesellschaft für wissenschaftliche Aufklärung und Menschenrechte“ lässt in dieser
Hinsicht an Klarheit nichts zu wünschen übrig: „Die Mehrheitsgesellschaft sollte ihnen (den Juden und Muslimen) unmissverständlich klarmachen, dass das Einfordern
von Akzeptanz gegenüber irrational-grundrechtswidrigen Traditionen und Bräuchen
nicht geduldet wird.“ Die Religion wird hier zu einem Feind erklärt, der (endlich) niedergerungen werden müsse.
Ein Atheismus dieser Machart ist nicht minder bedrohlich für das gesellschaftliche
Zusammenleben, auch wenn er ja besonders heterogen ist (und nicht eine einheitliches Bild abgibt) und nach wie vor über 60 Prozent zu den beiden großen Kirchen
gehören, und die islamischen Glaubensgemeinschaften weiter wachsen werden. Eine Mehrheit fühlt sich dem Atheismus verpflichtet, allerdings ohne sich explizit dafür
entschieden zu haben: Die meisten sind Atheisten aus Gewohnheit.
Das Problem ist, dass zumeist nicht mehr gewusst und begriffen, noch nicht einmal
geahnt wird, was man mit dem Atheismus bejaht und ablehnt. Seine Grundüberzeugungen verkommen damit zu Dogmen – genau zu dem Zustand, der bei der Religion
kritisiert wird.
Ein paar kleine Spitzen gegen die augenscheinliche Überlegenheit des Neuen Atheismus:
1. Der Atheismus vertritt keine glaubensfreie Position. Auch Atheisten machen
Annahmen über die Welt und den Menschen, die auf Vermutungen basieren.
15 Stellungnahme des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten: Das Urteil stärke die Rechte
der Kinder vor „religiösen Übergriffen“. (Zit. bei Pilz, a.a.O.)
2.
3.
4.
5.
Auch der Atheismus ist eine Glaubensphilosophie: Wer nicht an Gott glaubt,
hat sich nicht vom einem Glauben, sondern allenfalls von Gott losgesagt.
Der Gegenbegriff zu Glauben ist nicht Wissen, sondern Unglaube, derjenige
zu Wissen entsprechend Unwissen. Wer glaubt, kann auch wissen (darum
können auch Naturwissenschaftler Christen sein). Glauben und Wissen sind
aufeinander bezogen: Credo ut intelligam (lat., „ich glaube, damit ich erkennen
kann“), Anselm von Canterbury (1033–1109).
Glaube hat nicht mit einem „Für wahr halten von Fakten“ zu tun, sondern ist
ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch. Es sagt über den
Mensch (wie der Theologe Eberhard Jüngel treffend schreibt), dass „er sich
nicht selber hat“, sondern Gott gehört. Glaubende sind frei von der „Fixiertheit
auf sich selbst“, also von und durch Gott Freigelassene.
Daher: Freiheit ist immer doppelgesichtig. Sie ist Freiheit von etwas und Freiheit zu etwas. Es gibt deshalb nie Befreiung ohne Bejahung anderer Zwänge.
Atheisten sind nicht (nur) von Gott Befreite, sie leben mit der Notwendigkeit,
zu erklären, was ihnen ohne Gott fehlt. Sonst ist der Atheismus ein Nihilismus
(wo man an nichts glaubt). Es ist eine Illusion des Neuen Atheismus, dass
man „neutral“ erziehen oder das man nicht beeinflussend erziehen kann. Was
dem Kindeswohl dient oder nicht, lässt sich eben nie abschließend und nie im
Vorhinein entscheiden. Darin liegt die Verantwortung, die Eltern haben. Eine
atheistische Erziehung ist also nicht weniger Erziehung, sondern eine andere.
Sie ist auch nicht per se besser oder dem Kind förderlicher.
Man kann sich von Überzeugungen trennen, aber man kommt nie zu ihnen in
einem leeren, bezuglosen Raum. Jeder wird in ein prägendes Umfeld geboren. Wenn man etwa in der Frage von Beschneidung (oder auch Taufe) meint,
man könne diese Entscheidung gleichsam aufheben, damit das Kind später
selbst und frei wähle, heißt das zu hoffen, man könne es bis zu dieser Entscheidung vor wegweisenden Prägungen bewahren. Ein Kinderglaube.
Die Beschneidungsdebatte hat gezeigt, dass man „die Menschen überhaupt
erst wieder über die Religion aufklären – nicht nur über die christliche –, damit
sie sich dazu ein freies und kritisches Urteil bilden könnten.“ (Philosoph Herbert Schnädelbach). Aufklärung über die Religion betrifft auch bloßes Faktenwissen: Warum wird überhaupt beschnitten oder warum Pfingsten und Himmelfahrt gefeiert – das wissen immer weniger, obwohl dennoch die Mehrheit
keineswegs auf die Feiertage verzichten will.
VI. Fazit
1. Unsere Gesellschaft wird immer bunter, aber auch spannungsvoller.
2. Es muss noch viel gelernt werden, auf allen Seiten – inhaltlich und im Stil. Für
mich geht es daher am ehesten um eine Haltung des Hörens und des Lernens.
3. Es ist nach guten, nicht schlechten, lebbaren, nicht unzumutbaren rechtspolitischen Kompromissen: Ausgewogenheit von Grundrechten (inkl. Religionsfreiheit,
Kindeswohl, körperliche Unversehrtheit).
4. Gerichte können nicht alles (bald werden wir das nächste Thema auf dem Tisch
haben): Ist es eine gesellschaftliche Frage, wie insgesamt immer säkularer werdenden Gesellschaft sich zu den Religionen stellt, zu Christentum, Islam und Judentum.
5. Wir tun gut daran, die Sinnhaftigkeit unserer religiösen Rituale wieder deutlicher
und verstehbarer zu machen. Tendenziell braucht der öffentliche Raum, unsere Gesellschaft, mehr Religion und Deutungsmöglichkeiten für unser komplexes Leben,
nicht weniger!
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