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Edelzwickers Ecke: 3. Konzepte für dich und mich Was ist denn an

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Edelzwickers Ecke:
3. Konzepte für dich und mich
Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen? Goethe, 1820
Philosophische Einsichten 'wissen' wir mit einem Abstand. Wir können dieses Wissen reproduzieren und interpretieren - doch wir erleben es nicht. Es kann aber geschehen, dass sich
etwas offenbart. Dann wird eine altbekannte Formel plötzlich zu einem aufregenden Erlebnis,
die Welt sieht nun anders aus, ein neuer Stern ist geboren. So ging es mir mit den 'Konzepten'.
Wie Frau *** mir kürzlich erzählte, saß sie in einem Straßenrestaurant als ein Bub syrischer
Herkunft, den sie flüchtig kannte, vorbeikam. Sie plauderte mit ihm und fragte schließlich:
Sag mal, Ali, was willst du später einmal werden? Darauf der Junge: Ein guter Moslem. Ein
guter Moslem will ich werden.
Der Bub ist zehn Jahre alt. Was er weiß, über Allah, über den Propheten, den Islam, das hat
man ihm gesagt. Und natürlich hat er diese Konzepte übernommen. Er identifiziert sich nun
mit ihnen und wird sie als seine eigenen verteidigen!
Konzepte sind Inhalte komplexer Repräsentationen. Sie sind nicht unbedingt in uns entstanden, im Gegenteil, die meisten Konzepte sind von anderen übernommen. Die Kommunizierbarkeit und Überprüfbarkeit durch Andere macht sie zu unverzichtbaren Bausteinen unserer
Kultur. Unsere gemeinsamen Konzepte sorgen für Harmonie. Sie wandeln sich mit uns und
mit dem Zeitgeist. Lassen wir einmal die folgenden Leitkonzepte auf uns wirken:
Ruhe ist die erste Bürgerpflicht / Befehlen ist Befehl / Seine Durchlaucht ist von Gottes Gnaden / Das Land gehört dem König / Das Land gehört dem Volke / Dulce et decorum est, pro
patria mori / Wes Brot ich ess, des Lied ich sing / Jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele /
Das Herz ist der Sitz der Gefühle / Kinder sprechen nur, wenn sie gefragt werden / Was auf
den Tisch kommt, wird gegessen / Liebe deinen Nächsten / Liebe deinen Fürsten / Gott liebt
dich / Geld macht glücklich / Geld macht nicht glücklich / Wir sind alle Sünder / Hast du
nichts, bist du nichts / Die Frommen kommen in den Himmel / Der Mensch ist das Maß aller
Dinge.
Diese 20 Leitlinien und Lebenshilfen gehörten noch vor kurzem zur selbstverständlichen geistigen Ausstattung vieler Menschen unseres Volkes. Heute, da wird man mir zustimmen, werden mindestens 10 von ihnen nicht mehr akzeptiert. Was gestern selbstverständlich war, ist
heute fragwürdig. Und was heute selbstverständlich ist, wie wird das morgen beurteilt werden?
2
Eine Zeitreise
Steinzeitbabies, die mit unseren heutigen Kindern aufwüchsen, würden kaum auffallen. Sie
wären vielleicht von besonders robuster Gesundheit, aber mental hätten sie in etwa die Spielbreite der Fähigkeiten, die auch unsere Kinder haben. Denn in 10000 oder 30000 Jahren hat
sich das menschliche Erbgut wenig verändert. Erwachsene Steinzeitmenschen jedoch, durch
ein sonderbares Geschick in unser Jahrhundert versetzt, würden wohl große Anpassungsschwierigkeiten haben. Sie würden einen intensiven 'Kulturschock' erleiden, denn ihre mentale Ausstattung mit Konzepten aus der Steinzeit hat sie gewiss schlecht gerüstet, mit den heutigen Lebensumständen fertig zu werden. Im 16. Jahrhundert hat man im Zug der Kolonialisierung 'neuer' Kontinente solche Beobachtungen immer wieder machen können: Kinder passen
sich gut an, wenn ihnen die Chance geboten wird. Erwachsene aber haben große Schwierigkeiten, sie bleiben unglückliche Fremde, solange sie die neuen Konzepte nicht übernehmen.
Ein Fremder ist einer, der fremde Konzepte hat!
Diese Regel ist auch für uns gültig. Fragen wir uns doch nur, welche gesellschaftlichen oder
religiösen Konzepte wir denn hätten, wenn wir in der Familie des kleinen Ali aufwüchsen.
Oder welche Konzepte Ali und wir unser eigen nennen würden, wenn wir miteinander in Japan aufwüchsen. In einem Land, wo es fast kein Christentum und keinen Islam gibt. Die Folgerung ist unausweichlich, es hängt von der Zufälligkeit des Aufwachsens in einer bestimmten kulturellen Umgebung ab, welche Konzepte wir übernehmen können, was wir also denken!
Und wenn wir uns nun darüber streiten, welches unserer Konzepte das richtige ist, deins oder
meins? Hier gilt es zu bedenken, dass die ganze Menschheit auf einer Zeitreise unterwegs ist.
Die Konzepte von heute sind nicht die von morgen. Deins oder meins, welches von den beiden ist also richtig, welches besteht den Test der Zeit? Wohl keines von beiden... Es ist unsere
Selbstsicherheit, die hier Federn lassen muss, eine Relativierung unserer mentalen Ausstattung und Position kündigt sich an. Ein Anlass zur Bescheidenheit.
Konzepte, Konzepte
Konzepte, wie gesagt, sind unterscheidbare mentale Inhalte oder Repräsentationen. Unsere
Innenwelt enthält anschauliche Konzepte von Personen und Gegenständen, aber auch abstrakte Konzepte von Ideen, Regeln usw., bis zu ganzen Verhaltensmodellen. Insgesamt verfügt ein Mensch über Zehntausende wenn nicht Hunderttausende von unterscheidbaren
Konzepten1.
Wie können so viele Konzepte in unserem Gehirn Platz finden? Es könnte in der Art geschehen, wie auch Objekte der Außenwelt 'abgebildet' werden. Dabei handelt es sich - wie oben
schon ausgeführt - nicht um Abbildungen im eigentlichen Sinne, sondern um Repräsentationen. Ein Objekt wird in charakteristische Einzelheiten zerlegt, im Optischen etwa in gerade
Linien, Winkel, Farben usw., es wird gewissermaßen auf einfache Begriffe gebracht. Diese
3
Charakteristika werden separat festgehalten, ihre Bündelung oder 'Bindung' kann dann das
gemeinte Objekt wiedergeben2.
Als Vorteil dieser überraschenden Methode der Repräsentation wird angeführt, dass sie platzsparend ist3, dass damit in einer gegebenen Zahl von Neuronen mehr Objekt-Repräsentationen untergebracht werden können. Wegen der großen Zahl der in unserem Cortex gespeicherten Repräsentationen ist dies ein wichtiger Punkt. Möglicherweise werden nicht nur die
anschaulichen Repräsentationen sensorischer Objekte, sondern auch andere Inhalte in dieser
Form neuronal abgespeichert, gewissermaßen als pseudo-sensorische Objekte behandelt.
Grundausstattung, Ergänzung
Ihrem Ursprung nach sind drei Arten von Konzepten zu erwarten: angeborene, übernommene
und selbstgeschaffene. Ihr Zusammenspiel wird heute intensiv untersucht, es ist Gegenstand
der zoologischen Verhaltungsforschung, der Anthropologie und der kognitiven Wissenschaft.
Die angeborenen Konzepte bilden die Infrastruktur, die anthropologische Grundausstattung
unserer Spezies. Sie betreffen die Orientierung in Raum und Zeit, Nahrung, Paarung, Archetypen4 wie z.B. 'Mutter' und vieles mehr. Viele der angeborenen Konzepte sind Ordnungsprinzipien. Sie erleichtern den Umgang mit bestimmten zu lernenden Inhalten und verleihen
ihnen eine besondere, präformierte Bedeutung. Denn typischerweise werden zwar die spezifischen Inhalte von außen übernommen (gelernt), sie werden aber nach angeborenen Mustern
eingeordnet. Bei dem Konzept 'Mutter', etwa, wird das besondere Aussehen und Sprechen der
Mutter sowie andere ihrer Gewohnheiten durch Lernvorgänge aufgenommen. Dass jedoch
überhaupt eine mütterliche Pflegeperson verfügbar ist, gehört zum angeborenen Erwartungshorizont eines Babys. Bei einigen Tieren muss der Lernvorgang 'Mutter' zu einer ganz bestimmten Zeit stattfinden, die ebenfalls erblich festgelegt ist. Dann spricht man von Prägung
als 'Vervollständigung eines Erbprogramms durch Assoziation mit einem individuellen Lernerlebnis'5. Zu den angeborenen Konzepten des Menschen gehört auch ein Ordnungsprinzip
für die Sprache, also eine primitive Grammatik. Denn Kinder lernen zwar die Wörter ihrer
Muttersprache, für die Aneinanderreihung dieser Wörter aber verwenden sie anfangs Regeln,
die sie schon 'mitbringen'6. Auch für den Umgang mit Zahlen sind wir genetisch vorbereitet.
Unter den nicht angeborenen, sondern erworbenen Konzepten ist ein Teil empirisch, etwa
durch Naturbeobachtung, erarbeitet. Ein großer Teil aber wird durch Lernen von Kulturgütern
aller Art aus unserer Umwelt übernommen. Man könnte hier von unserer kultur-anthropologischen Ergänzungsausstattung sprechen7. Die wichtigsten Vehikel hierfür sind Sprache
und Schrift, die jedoch selbst erworbene Konzepte darstellen. Über Religion und Ethik etwa,
über Wissenschaft, Technik, bildende Kunst und Musik erfahren wir nur von anderen Menschen. So mancher dieser Lerninhalte mag zwar mit angeborenen Mustern korrespondieren teils ist diese Korrespondenz schon bekannt, teils muss sie noch dahingestellt bleiben - die
inhaltliche Ausgestaltung aber, ohne die jede angeborene Ordnung sinnlos bleibt, wird von
außen übernommen. Für modern empfindende Menschen mit ihrem Hang zur Selbstbestimmung und mit ihrer Selbstverantwortung für die eigene geistige Position mag dies eine unliebsame Feststellung sein. Deshalb ist es wichtig, den Ursprung unserer Konzepte zu erkennen.
Selbstgeschaffene Konzepte, schließlich, sind eher geeignet, unsere persönliche Identität zu
markieren, denn es sind ja solche, die eben nur in uns entstanden sind. In der Tat, vor allem
unser autobiographisches Gedächtnis ist eine Sammlung von Gedächtnisspuren, die in dieser
4
Form nur in einem Menschen vorliegen können, in uns selbst. Somit ist das Ich, oder genauer
der biographische Teil des Ich, ein großer Komplex selbstgeschaffener Konzepte. Auch echte
'innere Erfindungen' sind zu nennen, etwa prozedurale Konzepte, persönliche Betrachtungsweisen usw., die ebenfalls für uns als Individuum charakteristisch sein mögen. Schließlich sei
auch das kreative Schaffen des Künstlers erwähnt, das ja mehr sein muss als eine Reproduktion irgendwelcher aus der Umwelt aufgenommener Konzepte.
Konzeptverarbeitung im Unbewussten
Die Konzepte sind nicht nur in uns 'vorhanden', sondern sie werden nach Bedarf verknüpft,
verarbeitet, verrechnet. Zum Beispiel können die sprachlichen Repräsentationen der Konzepte
Buch, Lesen und Ich verknüpft werden zu 'Ich lese das Buch', einem neuen Konzept, zu dessen Bildung wiederum Regelkonzepte benötigt werden und das seinerseits Baustein eines
übergeordneten Konzeptes (etwa eines längeren Textes) sein kann. Nach Jackendoff 8 wird
eine solche assemblierende Verarbeitung durch einen unbewusst arbeitenden Prozessor geleistet.
Es ist klar, dass von den vielen gespeicherten Konzepten zu jedem Zeitpunkt der allergrößte
Teil unbewusst bleibt. Nur wenige können gleichzeitig in das Scheinwerferlicht des Bewusstseins geraten9. Auch die kombinatorische Verarbeitung einfacher Konzepte zu neuen, komplexeren Konzepten geschieht unbewusst. Wahrscheinlich wird unserem Bewusstsein nur das
Resultat solcher Verarbeitung bei Bedarf zur Verfügung gestellt10. Denn Fassungsvermögen
und Verarbeitungsgeschwindigkeit unseres Bewusstseins scheinen vergleichsweise begrenzt
zu sein und für komplexe geistige Aufgaben nicht auszureichen. Wie aber der innere Prozessor seine unbewusste Arbeit ausführt, welche Regeln, Erfahrungen und geistigen Gewohnheiten er dabei einsetzt, das mag von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein und mag unsere Persönlichkeit wesentlich bestimmen.
Selektion und persönlicher Spielraum
Von großer Bedeutung für unsere Ergänzungsausstattung mit Konzepten ist ein innerer Selektionsprozess, mit dessen Hilfe man aus dem Angebot der Umwelt die notwendige Auswahl
trifft und so nach und nach eine besondere Kombination ermöglicht, die unsere persönliche
Identität mitbestimmt. Nach welchen Regeln wird die Auswahl getroffen? Vor allem zwei
Kriterien könnten für eine Akzeptanz des Neuen maßgebend sein: nämlich erstens, wie etwas
Neues mit dem schon Vorhandenen harmoniert, denn
- wir akzeptieren, was uns 'in den Kram passt' –
und zweitens, ob andere (äußere) Vor- und Nachteile mit der Akzeptanz des Neuen verknüpft
sind. Diese pragmatischen Kriterien der Akzeptanz wollen gut bedacht sein, denn sie führen
uns zum Kern der Frage 'was bin ich'.
Hier ein Beispiel. Es ist zwar ein Beispiel aus dem religiösen Bereich, die Art der Selektion,
auf die es ankommt, sollte aber allgemein gelten.
Jemand hört zum ersten mal die Behauptung, dass unsere Seele beim Tode nicht mit
dem Körper stirbt, sondern dass sie einen neuen Körper findet und in ihm wiedergeboren wird. Warum wird unser Jemand nun dieses Konzept übernehmen, wie es viele
Millionen von Menschen tun? Oder warum wird er es ablehnen, wie es Millionen von
anderen Menschen tun? Die Annahme würde begünstigt, wenn das Konzept auf eine in-
5
nere Resonanz trifft, weil wir durch unsere Erbanlagen darauf vorbereitet sind11. Für die
Annahme wird weiter sprechen, dass das Konzept ein Problem löst, dass es nämlich
dem beunruhigenden Gedanken an die persönliche Sterblichkeit seine Schärfe nimmt.
Die Annahme wird auch begünstigt, wenn das Konzept Teil eines umfassenden Systems
von anderen Konzepten ist, die sich gegenseitig Plausibilität verleihen. Auch dass Menschen in der Umgebung das Konzept akzeptiert haben, ihm Autorität geben, wird die
Annahme begünstigen. Die Annahme kann mit weiteren Vorteilen verknüpft sein, wie
Status in einer Glaubensgemeinschaft usw. Viele andere Umstände mögen für die
schließliche Akzeptanz hilfreich sein. Die faktische Beweisbarkeit des Konzeptes, allerdings, muss dabei keine Rolle spielen.
Neben der Selektion von Konzepten bleibt noch ein anderer persönlicher Spielraum. Wir
können akzeptierte Konzepte nach pragmatischen Gesichtspunkten verändern, unseren Anlagen und dem Fundus von schon bewährten Konzepten anpassen, sie besonders gewichten, auf
besondere Weise verknüpfen und verarbeiten. Tatsächlich übernehmen wir Konzepte oft nur
in groben Zügen, gewissermaßen als Skizzen, deren weitere Ausgestaltung uns überlassen
bleibt. Deshalb wird ein Konzept wie 'Hexe' oder 'Sünde' sich für zwei Menschen verschieden
darstellen, obwohl es den gleichen Namen trägt. Diese individuelle Ausgestaltung trägt wohl
bei zu der großen inneren Vielfalt der Menschen, macht sie zu nicht verwechselbaren Personen.
Konzeptabstimmung
Der Aufbau einer inneren Ordnung gehört zur Haushaltsführung in der Innendimension: ein
jeder bemüht sich um eine inhaltliche Abstimmung seiner Konzepte, die sich dann gegenseitig stützen und aus ihrer Abgestimmtheit erst ihre Überzeugungskraft beziehen. Wie beschrieben, es kann eine mehr oder weniger bewusste Abstimmung erfolgen, schon durch die Selektion eines von mehreren konkurrierenden, von außen angebotenen Konzepten.
Die Abstimmung wird im Inneren weitergeführt, durch Abwandlung von solchen Konzepten,
die mit anderen nicht harmonieren. Schließlich erfolgt offenbar eine Abstimmung zu unseren
anthropologischen Anlagen hin. Trifft ein Konzept hier auf Resonanz, so erscheint es besonders überzeugend. Insgesamt entsteht so ein Konstrukt von vielen Konzepten, die sich gegenseitig stützen. Dieses Konstrukt macht einen Teil unserer Persönlichkeit aus. Fremde Konzepte können dem offenbar oft prekären Konstrukt gefährlich werden, sie bieten Alternativen,
die alles, die 'uns' in Frage stellen könnten. Deshalb werden fremde bzw. neue Konzepte energisch, oft leidenschaftlich abgelehnt12.
Sicherheit vor einer Überraschung durch unwillkommene Konzepte bietet die ständige wechselseitige Konzeptbestätigung, der Abgleich mit unserer menschlichen Umgebung. In Wort
und Schrift legen wir unsere 'Meinungen' dar und werben um Akzeptanz bei anderen. Bei
jedem Gespräch, immer wenn Menschen zusammenkommen, besonders aber wenn sie große
Ansammlungen bilden, geht es um Synchronisation, Konzeptabgleich, Konzeptübernahme.
So kommt es zur Bildung von stabilen menschlichen Gemeinschaften, deren Identität auf den
Besitz gemeinsamer Konzepte gründet.
Unsere gemeinsamen weltanschaulichen Konzepte scheinen uns schon wegen ihrer großen
Verbreitung fraglos gültig zu sein und werden von ihren 'Trägern' energisch verteidigt. Tatsächlich aber sind diese weltanschaulichen Konzepte nicht fraglos gültig, sondern in ihrer
Ausbreitung örtlich und zeitlich begrenzt. Sie sind örtlich begrenzt, weil sie in anderen Kulturen und Kontinenten anders sind, und sie sind zeitlich begrenzt, weil sie sich in der Vergangenheit ständig verändert haben und diese Wandlung fortsetzen werden. Ein ernsthafter Kon-
6
zeptvergleich im Längsschnitt und Querschnitt der Kulturen müsste, wenn er tendenzfrei etwa
aus der Vogelperspektive vorgenommen wird, interessante Einsichten zur Konzeptdynamik
liefern. Der Vergleich würde die vermutete Relativität unserer Zeitgeistwahrheiten sicherlich
bestätigen. Eine Art Relativitätslehre des Mentalen könnte so entstehen, eine neue Begründung für weltanschauliche Toleranz, die wir ja zur Prävention von Gewalt so dringend brauchen.
Es gäbe noch viel mehr zu sagen. Wir erleben uns als Kultur- und Gesellschaftswesen, eingebunden in Familie, Freundeskreis, Beruf, Volksgemeinschaft. Wir lieben unsere Partner und
Kinder. Wir trachten nach Besitz, nach Status, nach Anerkennung durch unsere Mitmenschen.
Wir erfreuen uns an Kunstwerken oder ärgern uns über sie. Wir werden von gesellschaftlichen Zwängen, von vielerlei Verhaltenskodices in Schach gehalten. Wir sind neugierig. Wir
handeln vernünftig oder irrational. Wir akzeptieren eine Ethik, praktizieren einen reziproken
Altruismus oder wünschten, dass wir es täten. Wir haben unsere Würde, sind stolz auf unsere
'Werte', verteidigen sie gegen fremde 'Werte'. Wir hängen einer Religion an oder tun es nicht,
versuchen unserem Leben einen Sinn zu geben oder verzichten darauf. All das gehört ja zum
Menschsein. Und doch, dies alles sind 'Konzepte' in unserem Inneren. Bei jedem von ihnen
können wir uns fragen: inwieweit sind wir dazu genetisch determiniert, warum akzeptieren
wir, warum verändern wir, was ist es, das unsere unverwechselbare Persönlichkeit ausmacht?
Aufklärung
Instinkte sind Handlungspläne, die auf der Erfahrung der biologischen Art gründen, die vererbt werden und die für das Einzelwesen festgeschrieben sind. Wir Menschen sind weniger
von Instinkten gebunden als es die Tiere sind. Herder nannte uns 'die ersten Freigelassenen
der Schöpfung'. Sind wir nun frei? Statt der festgelegten und vererbten Handlungspläne der
Instinkte richten wir uns nach etwas anderem, nach den flexibleren Handlungsplänen, die auf
eigener, bewusster Erfahrung gründen. Dazu kommen die vielen Handlungsmodelle, die wir
als Konzepte von anderen übernehmen. Da nun die meisten dieser Modelle und Vorstellungen
von Anderen übernommen wurden, sind wir immer noch nicht frei. Wir bleiben dann, nach
Kant, unmündig.
Dass wir es bei der Übernahme nicht bewenden lassen, dass wir uns emanzipieren müssen, ist
die Botschaft der Aufklärung. Kant sagt: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
Aufklärung heißt also nicht, dass man die "Werte" der Aufklärung oder bestimmte andere
Konzepte übernimmt. Es heißt, das man sich Konzepte kritisch erarbeitet. Nicht, dass man
sie hat, sondern dass man sie durch einen persönlichen kritischen Prozess gewonnen hat, dass
man also weiß, warum man sie hat, ist wichtig.
Zwar machen nur wenige diese Anstrengung des sapere aude, es sollte aber vor allem erlaubt
sein, sie zu machen. In der Tradition des Westens ist 'Gedankenfreiheit' seit der Aufklärung
selbstverständlich geworden oder wenigstens ein selbstverständliches Ideal. Jedoch hat eine
solche Offenheit viele Feinde. Unter denen, die uns vorschreiben wollen, was wir denken dürfen, finden sich vor allem Extremisten des rechtsradikalen Lagers und religiöse Extremisten,
die zumeist ultrakonservativ eingestellt sind. Im Namen ihrer Konzepte werden täglich terroristische bzw. kriminelle Akte begangen. Angesichts dieser weltweiten Bedrohung kann die
westliche Gedankenfreiheit noch keineswegs als selbstverständliches Gut der Zivilisation be-
7
trachtet werden. Das Thema ist nach wie vor hochaktuell, wir kämpfen weiter. Die Menschheit wird erst dann mündig sein, wenn jeder Mensch mündig ist oder wenigstens sein dürfte!
Die Fessel der übernommenen Konzepte abschütteln und uns unserer eigenen Mittel zur Erkenntnis bedienen! Vermutlich erfahren wir dann das Maximum an Freiheit, das sich innerhalb unserer biologischen Grenzen erreichen lässt. Frei sein in diesem Sinne heißt, dass wir
die Alternativen unserer Handlungsauswahl selbst erkennen und abwägen, um dann nach eigener Einsicht zwischen ihnen zu entscheiden. Dabei fließen allerdings viele Hintergrundskonzepte ein, Zeitgeist genannt. Das alles im Vorfeld einer Handlung kritisch aufzuarbeiten,
dürfte wohl unmöglich sein. Im Prinzip, jedoch, liegt eine letzte Entscheidung dann bei uns.
So bleiben wir Kinder unserer Zeit und unserer Kultur und sind doch auf dem Wege zur Freiheit.
1
Ein amerikanisches 6-jähriges Kind kennt etwa 13,000 Wörter, nach dem high school Abschluss etwa 60,000 Wörter (S.
Pinker, The language instinct. Penguin Books, London 1994). Die Zahl der Einträge in dem Schülerduden von 2001 beträgt
25,000. Die Zahl der Konzepte, allerdings, muss viel größer sein als die Zahl der Wörter, weil die meisten Konzepte komplex
sind, d.h. kombinatorisch aus einfachen Konzepten (die einzelnen Wörtern entsprechen mögen) gebildet werden.
2
Singer, W. Der Beobachter im Gehirn. Suhrkamp 2002. Wie die Bindung jedoch neurobiologisch realisiert wird, etwa
durch Synchronisation der Neuronenaktivität, darüber besteht noch kein Konsens.
3
Man vergleiche den großen Speicherbedarf einer Pixelgraphik (Abbildung) mit dem viel kleineren einer Vektorgraphik
(Repräsentation) oder den Speicherbedarf einer akustischen Konzertaufzeichnung (Abbildung) mit dem der Partitur.
4
Nach C.G. Jung sind Archetypen unbewusste Inhalte, Teil des angeborenen kollektiven Unbewussten. Als solche sind sie
nicht direkt erfahrbar, können aber zur Grundlage von 'archetypischen Bildern' werden, die ins Bewusstsein aufsteigen. Siehe
Wehr, G. (1969). C.G. Jung. Reinbeck, Rowohlt Taschenbuch Verlag. Eine Korrelation von neurophysiologischen und psychoanalytischen Konzepten wurde kürzlich versucht; siehe E.R. Kandel, Biology and the future of psychoanalysis. Am J
Psychiatry 156: 505-524, 1999.
5
Auf Prägungslernen beruht auch die Gesangsmelodie der Singvögel. Wenn der Stimmapparat entwickelt ist, singen die
Tiere eine Melodie, auf die sie Monate vorher geprägt wurden. J. D. Delius, Zur Naturgeschichte der Kultur: Gene und
Meme. Z. f. Semiotik 12: 307-321, 1990.
6
S. Pinker, 1994, a.a.O.
7
Die große Rolle der Kultur wird deutlich wenn man sich wieder klar macht, dass das Genom des Steinzeitmenschen sich
von dem unseren wenig unterschied.
8
Jackendoff, R. (1987). Consciousness and the computational mind. Cambridge, MA, MIT Press.; F. Crick, C. Koch, The
unconscious homunculus. Neuro-Psychoanalysis 2: 3-11, 2000.
9
Baars, B. J. (1997). In the theatre of consciousness: The workspace of the mind. Oxford, Oxford University Press.
10
So läuft das deklarative Denken unbewusst und in nicht-sprachlicher Form ab, die Resultate werden aber sprachlich strukturiert dem Bewusstsein zur Verfügung gestellt (Jackendoff, R. (1996). "How language helps us think." Pragmatics and
cognition 4: 1-34.).
11
Das braucht man in diesem Fall wohl nicht ernsthaft zu erwägen, doch bei anderen religiösen Konzepten, etwa 'Sünde',
'Gewissen', 'Gehorsam', 'Gottvater', 'Nächstenliebe' usw., ist eine solche Resonanz durchaus in Betracht zu ziehen.
12
Eine intensive Abwehr erfuhren neue Konzepte, wenn sie das Selbstverständnis der Menschen in Frage stellten, wie 'unser
Planet ist nicht das Zentrum des Kosmos' (Galilei), 'wir haben affenartige Vorfahren' (Darwin), 'unsere wahren Motive sind
unbewusst' (Freud). Unser Selbstverständnis ist auch betroffen von den philosophischen Konsequenzen der jüngeren neurobiologischen Forschung. Eine Variante der philosophischen Abwehr bezeichnet die Aussage, dass das Gehirn sich erinnern,
wissen, interpretieren, denken, glauben kann, als mereologischen Fehlschluss. Vielmehr sei es die Person bzw. die Psyche,
die dies tue (siehe Bennett, M. R. and P. M. S. Hacker (2003). Philosophical foundations of neuroscience. Berlin, Blackwell
Publishing.). Was aber ist eine 'Person', was ist die 'Psyche'?
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