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* Oh Mann Lotte, was machst du hier bloß - XinXii

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Rea Bien
Und alles nur wegen Uschi
1
Die Autorin
Geboren und aufgewachsen ist Rea im Norden Deutschlands.
Sie lebt dort mit ihrem Mann, ein Paar Eseln und Hunden auf
dem Land.
Während des Studiums entwarf sie ihr erstes Kinderbuch.
Ganze 15 Jahre später, im Herbst 2010 begann Rea, durch
eine eigenartige Fügung, wieder mit dem Schreiben.
„Und alles nur wegen Uschi“ entstand innerhalb von
5 Wochen. Gleich darauf folgte
„Wilbur Blumentopf und seine Abenteuer auf dem Lande“, ein
faszinierendes Kinderbuch mit wunderschönen Illustrationen.
Derzeit zeichnet Rea die Bilder für
„Riesengroß, kuschelweich und zwergenschlau“.
Ebenfalls eine spannende Geschichte für die kleinen Knirpse.
„Dezembermänner bevorzugt“
Ein weiteres Buch für leidgeplagte Dauerfreundinnen und
Ehefrauen ist in Arbeit.
Diverse vorgeplante Projekte liegen in der Schublade.
Rea liebt das Leben.
Ihre Ideologie:
„Ein Tag ohne Lachen ist verschwendete Zeit.“
Alle Rechte für diese Ausgabe bei Rea Bien 2011
Umschlaggestaltung: Rea Bien
ISBN: 978-3-00-033926-4
2
Das Muschiphone
*Oh Mann Lotte, was machst du hier bloß? Sitzt auf dem Klo
mit Schlüpper und Glanzleggings in den Kniekehlen und weißt
nicht, wo du dein blödes Handy lassen sollst. Das Teil ist aber
auch einfach zu klobig. Warum hast du dir nicht neulich dieses
schöne schmale supermoderne Dingens zugelegt? Nein, die
unflexible Lotte hängt an ihren alten Sachen. Die sind so schön
berechenbar. Erschrecken einen nicht mit unbekannten
Eigenschaften. Neue Sachen muss man erst ewig studieren
und steigt doch oft genug nicht hinter das Mysterium ihrer
Funktionalität. In meinem ehemaligen Wohnzimmer stand
jahrelang ein sehr teurer DVD Recorder, der Dank seiner
irrationalen Kompliziertheit nie benutzt wurde. Maximal ein Anund Ausschalten war möglich. Verdammt dieses hässliche
Ballerinakostüm hat keine Taschen. Wieso habe ich eben nicht
das Känguru genommen, dann würde vor meinem Bauch ein
riesiger Beutel hängen, wo sogar noch Platz für ´ne Klorolle
oder wenigstens Papiertaschentücher gewesen wäre. Bei dem
was mir gerade passiert war und sich in den nächsten
Stunden ereignen würde, wär´ solch ein lebenserhaltendes
Utensil sicherlich von großem Nutzen.*
Vor nicht einmal 10 Minuten sehe ich erschrocken in den
Kaufhausspiegel. Mich grinst da doch tatsächlich die perfekte
Kopie einer Miss Piggi an. Unwillkürlich gleitet mein Blick
zum Stuhl, auf dem sich mein Überlebensrucksack lümmelt.
Mit diesem Teil könnte ich auf einer einsamen Insel
monatelang allein überleben. Angefangen mit einer
Ersatzsonnenbrille über diverse Medikamente des täglichen
Bedarfs, über ein Taschenmesser, eine Schere, ein
Regenschirm, Zuckertüten, Kekse, die man immer zum Kaffee
serviert bekommt, kleine Bonbons, auch Zugaben in
Restaurants, Fieberthermometer, Pflaster, Zange und
Seitenschneider, einige Schrauben und Nägel, bis hin zu
sämtlichen Kosmetika, die man eventuell nützlich gegen
einen Sonnenbrand einsetzen könnte. Leider war der
Reißverschluss meines Survivalbags defekt, so dass die
Tasche ständig mein Handy ausspuckte. Zum Glück auch
dieses Mal. Es lag nun ungeschützt und ganz allein auf dem
Stuhl, wie ein kleiner Welpe, dessen Mami keine Verwendung
für solch ein uncooles Hündchen hatte. Der zweite Blick in
den Spiegel lässt mich erneut erschauern. Direkt hinter mir,
quasi wie Siamesische Zwillinge, klebt eine sehr hübsche
3
junge Frau. Erstarrt stehen wir beide nur so da. Wenigstens
denken kann ich noch. *Mann, war die mir eng auf den Pelz
gerückt. War das eine Lesbe? Wollte die mich jetzt anmachen?
Fand die mich etwa sexy in dem, wohl 2 Nummern zu kleinem
Kostüm? Das Dank Elasthan, wie eine zweite Haut saß. Eine
in die Jahre gekommene Presswurst kann doch keinem
gefallen. Obwohl, wenn man sich heute so die Fetische der
Leute ansieht, wundert mich gar nichts mehr. Mag ja Typen
geben, die auf so etwas stehen. Aber warum hatte die Tante
bei
saunaähnlichen
Temperaturen
einen
schwarzen
Rollkragenpullover an und im Kaufhaus eine Grace Kelly
Sonnenbrille auf der Nase? War sie eine Geheimagentin und
wollte nicht erkannt werden? Dafür liefen ihr aber viel zu viele
Schweißperlen die Stirn hinab.* Plötzlich spürte ich etwas
Hartes, Spitzes im Rücken. *Aua. Muss die so pieksen.*
Vorwurfsvoll warf ich ihr über den Spiegel meinen bösesten
Blick zu. Hatte ihn schon früher geübt. Gab in meinem Leben
bereits
öfter
Situationen
in
denen
ich
diesen
Gesichtsausdruck benötigte. Da sprach es flüsternd mit
ungewöhnlich tiefer Stimme in mein Ohr: „Keine Fragen.
Gehen. Los.“ *Scheiße. Was soll das? Die spinnt ja wohl.*
Noch rühre ich mich nicht. Lass mir nicht von jedem Befehle
erteilen. Wir sind hier schließlich nicht bei der Bundeswehr.
Okay, der Vergleich hinkt etwas. „Lieber Herr Soldat würden
sie bitte um 9 Uhr zum Frühstück kommen, nachdem sie ein
wenig um den Platz gelaufen sind? Ja, die kleine Runde geht
auch. Nein, wenn Sie etwas zu spät kommen macht das
nichts. Wir verlieren doch sowieso jeden Krieg.“ Ungeduldig
stößt die mir das Ding noch härter in meine Rippen. „Los
jetzt. Sonst knallt´s.“ *Das meint die wirklich ernst. Da steckt
´ne Knarre zwischen meinen Speckringen. Die fand mein
Kostüm wohl doch nicht so toll? Sollte ich sie das mal Fragen
oder lieber die Klappe halten?* Ich schwieg. Sah mir die Tante
noch ein letztes Mal im Spiegel an und bemerkte ihre
fremdländische Erscheinung. Eine guter Mix aus Inderin,
Türkin und natürlich Deutsche. Die müssen bei hübschen
Mischlingen immer dabei sein. Ich hatte das Gefühl sie
irgendwoher zu kennen. Trotz der großen Sonnenbrille
ähnelte sie *der, der, der, verdammt, ich komm gleich drauf.
Mist, jetzt schubst die mich auch noch.* Ich sehe mein Handy
und kann es gerade noch unbemerkt im Vorbeigehen greifen,
lege es zwischen Hand und Bauch, sodass die böse Frau
hinter mir keinen Verdacht schöpfen kann. Wir gehen in
4
Richtung Toilette. *Was will die jetzt da? ´Nen Blowjob auf
dem Klo? Igitt ist das ekelig und abartig. Diese Gesellschaft hat
einfach keine Moralvorstellungen mehr.* Ich denke, dass ein
kleiner lockerer Smalltalk die gespannte Stimmung zwischen
uns etwas auflockern könnte. „Oh Mann, zum Klo. Das ist ja
prima. Hatte heute schon 3 große Kaffee, die drücken
vielleicht auf die Blase. Außerdem gehen wir Frauen ja eh
gern zu zweit aufs stille Örtchen.“ *Aber dazu müsste sie mich
ja nicht zwingen. Hätte die Tante höflich gefragt, weil sie sich
nicht allein zum Pullern traut, wär ich doch die Letzte gewesen,
die nein sagen würde.* Ich schaute über meine rechte
Schulter, um eine positive Regung zu erhaschen. Das Gesicht
meiner Entführerin blieb wie versteinert. *Na prima. Kann die
nicht mal lächeln. Da zaubere ich hier Standupcomidy aus dem
Hut und die würdigt das in keinster Weise. So kann das mit
uns beiden echt nichts werden.*
Das Kaufhaus war menschenleer. Bei diesem Wetter hielten
sich nur Idioten und Kidnapperinnen im stickigen Center auf.
Kurz vor der Klotür drängte sie mich zur Seite. Nun sah ich
zum ersten Mal ihre Knarre. War schon ein beeindruckendes
Geschütz. Mich ständig im Auge behaltend, stieß sie die Tür
auf. Nachdem niemand zu sehen und zu hören war, stellte sie
sich wieder hinter mich und wir gehen aneinandergeschweißt
in den Toilettenraum. Nun wurde jede der 5 Schwingtüren zu
den WCs aufgekickt. Wir waren wirklich ganz allein. *Echt toll.
Wenn man mal dringend einen Verkäufer benötigt, haben sich
alle in Luft aufgelöst.* In der letzten Schuhschachtel der
Klosettreihe durfte ich mein Geschäft verrichten. „Mach nix
Dummheiten.“, raunte die Trulla.
Tja, da saß ich nun und zerbrach mir den Kopf, wo ich dieses
blöde Handy lassen sollte. Es blieb mir nichts anderes übrig,
als es in meinem Schlüpfer zu verstecken. *Um mir nicht
dauernd irgendwelche Schimpfnamen für die Frau da draußen
ausdenken zu müssen, nenne ich die einfach Uschi. Das passt
zu ihr.* Nun flehte ich meine Blasen an, sich ihrer
eigentlichen Funktion zu erinnern. Uschi könnte noch
denken, ich wollte sie bescheißen und das würde unser
Vertrauensverhältnis grundsätzlich erschüttern. *Los du
dummes Sammelorgan, las wenigstens ein paar Tropfen in die
Schüssel plätschern.* Doch die Kleine hatte solche Angst,
dass sie völlig verkrampft war. *Komm Lotte, ganz entspannt
sitzen. Schließ die Augen und denk an etwas Schönes. Du
musst alles ausblenden, was deine Blase so rumzicken lässt.
5
Ooommm, ooommm.* Ja, es tröpfelte. Nicht viel, aber
immerhin. Uschi brüllte: „Was dauert?“ Wie gut, dass sie
nicht vor 5 Sekunden geschrien hatte. Da wär mein Bläschen
gleich wieder in ihr Schneckenhaus zurück gekrochen. „Ja,
ja, bin schon fertig.“, sage ich so gelassen wie möglich. Lege
das Handy vorsichtig auf den Deckel des Spülkastens und
reiße laut, hörbar Toilettenpapier ab. Während das
Zellstoffknäuel unten herum alles trocknet, überlege ich mir,
was passieren würde, wenn das Telefon ins Klo fiele. Wie
sollte ich Uschi nur erklären, warum meine Hand, wie die von
Schlumpfine aussieht. Wahrscheinlich hätte sie mich auf der
Stelle erschossen. *Also jetzt ganz vorsichtig das Handy
greifen und in den Slip legen. Wie gut das ich keine
Stringtangas trage. Hab doch schon immer gewusst, so etwas
zahlt sich eines Tages aus. Mit solch einem Bändchendingens
wär ich völlig aufgeschmissen. Gut, nun noch die rosa
Glanzleggings hochziehen und fertig zur weiteren Entführung.
Oh, wie kühl es auf einmal da unten ist. Hoffentlich kann ich
normal laufen.* Fühl mich, als ob meine Mami mir eine
Spreizwindel angelegt hätte. Die vorteilhafte Kürze des
geschmacklosen Tütü überdeckte wenigstens eine eventuelle
Ausbeulung. Wäre ich in diesem Schauspiel ein Mann und
würde mit einer solch eindrucksvollen Beule aus dem Klo
erscheinen, hätten mich alle Vertreter meines Geschlechtes
neidisch angesehen und nicht im Traum daran gedacht, dass
die Ursache des spontanen Wachstums an diesem gewissen
Ort, nur ein verstecktes Handy war. Ich zupfte meine
Kleidung zu Recht, obwohl das wenig bringt, denn die Pelle
umschließt meinen Körper faltenlos. Aber auch als
Entführungsopfer will man schließlich hübsch aussehen. „So,
bin fertig. Komme jetzt raus.“ Uschis Kommentar dazu geht in
der Spülung unter. *Langsam die Tür aufsperren. Komisch,
eine professionelle Entführerin ist sie ganz bestimmt nicht. Man
lässt doch nicht zu, dass das Opfer sich einschließen kann.
Das muss Uschi aber noch üben. Werd ihr später einige Tipps
geben. So als direkt Betroffene kann ich das wirklich
beurteilen. Nun ohne Hast die Tür.* Upps, schon drückt sie
mir ihre Waffe wieder in die Rippen. *Wenn ich da Morgen
lauter blaue Flecken habe, gibt´s was auf die Mütze. Wollte
eigentlich noch zum Strand. Wie sieht das denn aus im Bikini.
Okay, okay, Badeanzug. So geht das wirklich nicht.*
Widerwillig stöhne ich: „Auaaaa.“ „Nix sagen. Gehen.“ *Also
an ihrem Deutsch muss sie definitiv noch feilen. Da können ja
6
bei dieser falschen Ausdrucksweise schlimme Verwechslungen
passieren. Es gibt doch mittlerweile Übersetzungsbücher für
alles Mögliche. Da wird es mal Zeit Deutsch für Entführer oder
Deutsch für Bankräuber oder Deutsch für Einbrecher
herauszubringen. Es ist schon angenehmer in verständlicher
Muttersprache entführt zu werden.* Wir bewegen uns aus dem
Toilettenraum heraus, kleben dabei eng aneinander, was bei
dieser Hitze fast unerträglich ist. Uschi schiebt mich Richtung
Ausgang. Ha, da kommt mir ein genialer Gedanke. Ich habe
das Kostüm noch nicht bezahlt. Somit müsste es einen
Höllenalarm geben, wenn wir gleich das Kaufhaus durch
diese Piepsdinger verlassen. Siegessicher grinse ich vor mich
hin. Uschi kneift mir in meinen rechten Oberarm und zwingt
mich stehen zu bleiben. Da entdecke ich einen jungen Mann,
der irgendwie aussieht wie Uschi, halt nur männlicher. Sie
gibt ihm ein Zeichen, während sie ihn böse anfunkelt. Ganz
kurz blitzt die Knarre auf, um sie sofort wieder hinter meinem
Rücken verschwinden zu lassen. Uschis Doppelgänger lässt
den Kopf hängen und folgt uns, wie ein begossener Pudel mit
eingekniffenem Schwanz. Sieht wirklich jämmerliche aus. *Da
sind sie meine Lebensretter. Ha, gleich wird es hier sehr
ungemütlich.
Die
sich
im
Verborgenen
gehaltenen
Sicherheitsonkels werden sich gleich auf uns stürzen. Das ist
so sicher, wie das Amen in der Kirche. Hoffentlich hat Uschi
keinen allzu nervösen Zeigefinger und löst dummerweise einen
Schuss aus. Mit sonem Loch im Bauch ist´s vorbei mit der
Bikinifigur.* Uschi schaut sich ständig um, wie ein gehetztes
Reh und schwitzt wie in Schwein. *Bei den Mengen Wasser,
die aus ihrem Körper fließen, müsste sie eigentlich bald wie
eine Dörrpflaume aussehen.*
Wie die Olsenbande, wobei ich der dicke Kjeld bin, passieren
wir die Schranke. Mein Herz bleibt für einen kurzen
Augenblick stehen. *Jetzt, jetzt, jeeetzt, …* passiert nichts. An
diesem Kleid ist doch tatsächlich kein Piepsgnupsi dran. Was
machen diese Verkäufer eigentlich den ganzen Tag? Abrupt
bleibe ich stehen, um eine eventuelle Verzögerung
abzuwarten. Uschi presst sich erschocken noch fester an
mich. Der Pudel hinter uns erkennt den Halt zu spät und
läuft in uns rein. Wir sehen aus wie die Vollidioten. Miss
Piggi, Mata Harie und Bello. Willkommen in der Muppet
Show. Uschi zischt: „Was machst Du? Willst Du Loch auf
Rücken?“ „Im, es heißt im Rücken.“ Verbessere ich sie
arrogant und ziehe die Augenbrauen hoch. *Das mit der
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Kommunikation wird wohl nicht besser werden. Dann kratz ich
mal mein Schulwissen zusammen und werd der Tante mit
Migrationshintergrund unter die verschwitzten Arme greifen, ob
sie nun will oder nicht. Nur weil sie diejenige mit Knarre ist,
heißt das ja noch lange nicht, dass sie auch den Boss mimen
kann.* Ich entschließe mich von ganz allein weiterzugehen.
Mit dieser Eigenmächtigkeit hatte Uschi nicht gerechnet.
Erhobenen Hauptes stolziere ich vorweg, fast würde man
mich für den Anführer halten. Wenn ich statt der Schlappen,
Hackenschuhe tragen würde, mit laut klappernden Absätzen,
dann wäre mein Schreiten noch imposanter gewesen. Mit
verdutztem Gesicht und aufeinander gepressten Lippen, rennt
Uschi mir hinterher, das Schlusslicht bildet Bello. So hatte
Uschis Zwilling auch seinen Namen weg. Nach 5 Sekunden
spüre ich den Lauf der Pistole wieder in meinen Lenden.
Hatte mich schon echt daran gewöhnt. In dem
Miniaugenblick meiner Freiheit doch fast tatsächlich
vermisst. Wie schnell man solche Dinge als gegeben
hinnimmt. Erstaunlich.
Unser Dreigespann steuert auf einen unauffälligen
eingestaubten dunkelblauen Opel Kombi zu. Falls sich für
mich mal die Möglichkeit ergab, könnte ich vielleicht „Hilfe“
auf das Heck schreiben. Ist nur die Frage, ob die
nachfolgenden Autoinsassen das dann nicht für einen Scherz
halten und denken, gleich kommt die versteckte Kamera um
die Ecke. Im Zeitalter der totalen medialen Aufgeklärtheit,
sind
solche
existenziellen
Dinge
einfach
schwer
rüberzubringen. Aber ich hab ja noch mein Handy. Sollte
man mir erlauben noch einmal die Toilette benützen zu
dürfen, werd ich eine SMS schreiben. Bin nicht gerade flink
im Tippen. Für 3 Sätze benötige ich wohl 5 Minuten. Ergo,
muss das Notschreiben sehr kurz und dennoch informativ
sein. Wer sollte die Nachricht bekommen? Mia, meine Mami,
die Polizei. „Hilfe, werd entführt von Frau mit Mann im Center
in Opelkombi blau. Fahren ….“ *Ja, wo fahren wir eigentlich
hin? O.k muss es anders formulieren. „hilfe
entführung
opel“, auf Rechtschreibung und Grammatik kann ich da jetzt
nicht achten. Mehr geht einfach nicht. Werde diese 3 Worte
zuerst an Mia simsen. Die hat dann auf ihrem Display meine
Nummer und wird wissen, wer da anrief. Kann man eigentlich
auch an die 110 eine SMS schicken. Muss das dann später mal
probieren. Die können mich über Handyortung anpeilen und
finden, wie es immer im Film funktioniert. Hoffentlich sind
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Fiktion und Realität nicht ganz so weit voneinander entfernt.*
Wir steigen in den Wagen. *Ob ich Uschi sage, dass mir hinten
im Auto schlecht wird und ich vorne sitzen möchte.* Uschi
sieht mich so böse an, dass mir die Frage zu gefährlich
erscheint. Alle schweigen. Uschi schwingt sich galant auf den
Beifahrersitz. So anmutig und grazil, wie eine Tänzerin. Trotz
blöder
Klamotten,
strengem
Pferdeschwanz
und
verschwitztem Gesicht sieht sie einfach toll aus. Auch
ungeschminkt ist sie eine Naturschönheit. *Ich muss
unbedingt ihren Namen herausbekommen. Sie könnte die erste
Klientin in meiner Modellagentur werden. Eine berufliche
Neuorientierung wär für uns beide nicht verkehrt. Meine Arbeit
in der Apotheke ist oft sehr langweilig und eintönig. Ich fühle
etwas Künstlerisches in mir, will aber die Kommunikation und
den Kontakt zu Menschen weiter aufrechterhalten. Da wär
doch ´ne Künstleragentur mit vielen Individuen ganz dicht
dran. Werd mir das Konzept zu einem anderen Zeitpunkt
durch den Kopf gehen lassen. Muss erst einmal meine Haut
retten und zusehen, dass mein künftiges Startkapital, welches
mich gerade mit einer Pistole bedroht, nicht zu Schaden kommt.
Wenn ich´s mir recht überlege, wär Bello ebenfalls ein heißer
Kandidat. Dass er so große Ähnlichkeit mit Uschi hat, verblüfft
mich immer noch. Eh Lotte, nun konzentrier dich mal auf das
Jetzt.* Bello öffnet mir Gentlemanlike die Hintertür des
Wagens und bitte mich mit einer Handbewegung Platz zu
nehmen. Für eine Sekunde kann ich ihm in seine grünen
Augen sehen. Darin entdecke ich die pure Angst. Er ist also,
wie ich, ein Opfer. *Wichtige Notiz Lotte. Der Feind meines
Feindes ist mein Freund. Kann man vielleicht was draus
machen.* Ich möchte ihn am liebsten in meine Arme nehmen,
ganz feste Drücken und sagen, dass schon alles wieder gut
wird, wie ich es immer bei meiner kleinen Jasi tue. *Mist.*
Was mache ich mit meinen Hündchen. Die ist doch ganz
allein zu Hause. Wenn sie nicht mindestens alle 5 Stunden
Gassi gehen kann, macht Jasi eine Pfütze nach der anderen
und das auf meinem Sonderangebotslaminat. Das schlägt
doch sofort Wellen, wenn sich auch nur ein Tropfen
Feuchtigkeit darauf verirrt. Bin zurzeit dabei der Jasi das
Pinkeln auf dem Katzenklo beizubringen. Ist gar nicht so
einfach. Noch denkt sie, dort kann man prima das
Hundefutter verbuddeln. Überall in der Wohnung sind kleine
weiße Kügelchen verteilt, weil diese bei Jasis Vorratshaltung
in ihrem langen weißen Fell hängen bleiben. Leider kann ich
9
meiner kleinen Knuddelmaus nie böse sein. Ist sie doch mein
Sonnenschein und immer Gute-Laune-Bringer. Seit der
Trennung von Tom vor sechs Monaten, ein unverzichtbares
Juwel.
10
Exarschloch
Dieses Arschloch von Mann hatte mich monatelang
hintergangen, bis es wirklich hässlich wurde und ich
tatsächlich einen Schlussstrich zog. Zum Anfang dachte ich,
die Trennung würde mich komplett aus der Bahn werfen. Mir
kam alles so sinnlos vor, hatte ich doch mein Leben auf ihn
abgestimmt. Selbst meine Persönlichkeit änderte sich, nur
um ein harmonisches Umfeld zu schaffen und meine „heile
Welt“ zu erhalten. Doch das war eine große Lüge.
100-tausend Mal bat ich ihn, mich zu heiraten und
100tausend Mal sagte er nein. Wie viele Demütigungen kann
ein Mensch ertragen? Zu oft sagte ich ihm: „Ich liebe Dich.“
Das Echo war stets sehr verhalten und wenn, dann nur aus
Pflichtgefühl. Später, nach mehr als 5 Jahren bemerkte ich
kleine Heimlichkeiten. Viel zu spätes Nachhausekommen
nach der Arbeit. Ausreden, für die stets die Kollegen
herhalten mussten. Lange blonde Haare, auf seiner Kleidung,
die definitiv nicht von mir stammten. Denn mein Wuschelkopf
sieht aus, als ob ich in die Steckdose gefasst hätte. Jede
Strähne gekringelt, wie eine Sprungfeder. Mitunter verließ er
den Raum, wenn sein Handy klingelte, um das Gespräch, von
mir ungestört, führen zu können. Checkte ich dann heimlich
sein Telefon, war nie etwas Verdächtiges zu finden. Alle SMS
und Anrufnummern gelöscht. Warum nur? So blieb für lange
Zeit nur der fahle Beigeschmack einer vagen Verdächtigung,
bis er mir eines Tages, kurz vor Weihnachten, mit seinem
Blondchen Arm in Arm über den Weg lief. Ich war fast
neidisch bei diesem Anblick. So liebevoll hatte Tom mich seit
unendlich langer Zeit nicht mehr berührt. Da wusste ich es.
Meine ach so heile Welt zersprang schlagartig in Millionen
Stücke. Ein Erdbeben der Stärke 10,5 hatte sie zum
Einstürzen gebracht. Nicht mit so einem kleinen Schwanken,
nein, es musste gleich der Big Bang sein. Wir standen uns
gegenüber. Er sah mich nicht einmal mitleidig an, wohl eher
erleichtert. *Männer sind doch alles Schweine.* Meinen
ganzen Mut und all meine Selbstachtung, die mir geblieben
war, konnten mich folgende Worte sagen lassen: „Tja, Tom,
jeder bekommt was er verdient.“ Dann versagte meine
Stimme. So drehte ich mich um und fuhr nach Hause,
Packen.
Wir wohnten seit langem in einem kleinen Haus zur Miete.
Meine Jasi, mein Babyersatz, denn zu Kindermachen war
11
Tom offensichtlich zu blöd, spielte täglich ausgelassen im
schönen Garten. Die Wohnung versprühte einen gemütlichen
Charme, was sie ausschließlich mir zu verdanken hatte. Alles
stand harmonisch abgestimmt an seinem Platz. Schöne erdige
Farben
schmückten
die
Wände
und
eine
riesige
dunkelbraune Lümmelcouch war das Highlight des
Wohnzimmers. Eben alles so, wie ich es brauchte um mich
rund um wohl zu fühlen. Mein kleines Universum musste ich
nun verlassen. Das erste Telefonat galt Mia. Schluchzend
versuchte ich ihr meine Misere zu schildern. Ich weiß nicht,
wie viel sie mitbekam, wohl aber genug, um mich in strengem
Ton an meine Würde zu erinnern und mich aufzufordern, zu
ihr zu kommen. Mias Zweiraumwohnung eines 3etagigen
Mietshauses, in einem sehr alten Stadtviertel, bot wirklich
nicht viel Platz. Dennoch sollten Jasi und ich für die nächsten
Wochen dort einziehen. Da meine Freundin schon lange
vermutet hatte, worauf ich erst mit meiner Nase gestoßen
werden musste, war sie sehr froh über die Trennung.
All das, was ich greifen konnte, schmiss ich in meinen alten
Koffer, schnappte mir anschließend meinen Hund und
bestellte ein Taxi. Denn das Familienauto benutzte
selbstverständlich der Herr des Hauses. Langsam begann aus
meiner Trauer und Verzweiflung Zorn zu wachsen. Ist halt
einfacher mit Wut im Bauch weiterzuleben, als mit
zermürbendem Kummer. So eine Traurigkeit lähmt einen nur.
Wut hingegen macht kreativ. Somit war dies die bessere
Wahl.
Ein Auto hupte vor der Haustür. Ich öffnete sie, da stand Tom
plötzlich vor mir. Mit all dem Adrenalin im Bauch hätte ich
ihn mit Leichtigkeit zu Brei schlagen können. Doch ich bin
eine Frau und körperliche Gewalt für mich ein Fremdwort.
Wir benutzen Hinterlist und Tücke, um uns zu rächen. Damit
können Männer nicht umgehen. Die Gemeinheiten schlagen
dann zu, wenn sie es am wenigsten erwarten. „Wir sehen uns
in der Hölle. Denn ich bin schwer im Vorteil. Kenn mich da
schon aus. Komme gerade von dort.“ Eine kurze Pause um
Toms erschrockenes Gesicht zu genießen. „Du weißt gar
nicht, welche Lawine Du da losgetreten hast, mein
Freundchen.“ und sah dann Tom mit teuflisch glühenden
Augen an, um meiner Drohung noch mehr Ausdruck zu
verleihen. Er stand einfach nur so da und machte den
Eindruck, als würde er gleich heulend zu Mutti rennen und
petzen. *Ha, diesem kleinen Hosenscheißer hatte ich es aber
12
gegeben. Bin wahrlich über mich hinausgewachsen. Die alte
Lotte lässt herzlich grüßen.* Dann hob ich erhaben mein Kinn
in die Höhe und stolzierte so sicher, wie irgend möglich, zum
Taxi. „Ach, übrigens, meine restlichen Sachen lasse ich
abholen.“, kam es säuselnd aus meinem Mund, dann begab
ich mich in die Obhut meines Chauffeurs. Mir war zwar
schleierhaft, wer dieser Jemand sein würde, aber da könnte
Mia ganz bestimmt helfen, etwas Eindrucksvolles zu finden.
Sie kannte schließlich Gott und die Welt.
Bei meiner Freundin angekommen, leerten wir erst einmal
einige Flaschen Prosecco. Volltrunken hetzten wir über die
bösen Männer und stellten am Ende fest, dass ein Leben
ohne sie auch nicht schöner wär. Man hätte ja nichts mehr,
worüber man sich aufregen könnte, total langweilig.
Außerdem beflügelte der ewige Kampf um die bessere Spezies
die Menschheit. Zum Beispiel lernte ich den Umgang mit
Schlagbohrer und Stichsäge nur, um Tom zu beweisen, wie
geschickt auch Frauen ein Regal an die Wand bringen
konnten.
Sehr spät am Abend torkelten Mia und ich mit Jasi die Straße
entlang. Mein Hündchen erledigte artig sein Geschäft. Wir
zwei Amazonen saßen kichernd auf dem Eingangspodest
„Zum kleinen Italiener“. Dieses Restaurant befand sich im
Erdgeschoß meines neuen Heims. Luigi, dessen Name
eigentlich Karl-Heinz lautete, der ihm aber als stolzem
Italiener äußerst peinlich war, kam an die Tür und lud uns zu
einem Absacker ein. Der kleine Kugelblitz sah aus, wie Mario
aus dem bekannten Gameboyspiel. Nur sein Oberlippenbart
war bedeutend länger und an den Enden eingerollt. Das
schwarze Haar triefte vor Öl. Ich fragte mich, ob er mit einer
Plastikhaube schläft, denn ansonsten müsste wohl jeden Tag
der Kopfkissenbezug gewechselt werden. Obwohl, son
Kopfschmuck würde bestimmt herunterflutschen. Da käme
nur so etwas, wie ein Kopftuch oder Turban in Betracht.
Wenn er dann am Morgen vergisst das Teil abzunehmen,
würden alle Gäste denken, ein Inder hätte die Gaststätte
übernommen.
Ich berichtete Mario oder Karl-Heinz oder Luigi, egal, von
meinem Pech. Er hörte sich die ganze Geschichte
aufmerksam an, wobei seine kurzen Arme auf den Bauch
verschränkte lagen und der rechte Zeigefinger seinen Bart
zwirbelte. Als ich endlich fertig gejammert hatte, denn bei
dem Blut im Alkohol war es gar nicht so einfach die richtige
13
Reihenfolge einzuhalten, sagte der kleine Mann nur:
„Morjenvormittach weaden Paolo und sein Freund Jens zum
Haus fahren und dene Sachen holen. Du machst ene Liste
und jibst mia den Schlüssel. Die Dachjeschoßwohnung hiea
oben is jerade frei jeworden. Ick denk Alberto, nee ick weeß,
Alberto wird sie dia vermieten. Is men Onkel, weeßt de.
Familie eben.“ Dann machte er eine kurze Pause, um Atem zu
holen: „ So ene aparte, hübsche, junge Frau die außadem och
noch solo is, wird auch ihn bejeistern. Du kannst dort morjen
einziehen. Basta.“ Völlig perplex fand ich keine Worte, was
äußerst selten vorkam. Ich ahnte doch nicht, was für ein
toller Mensch in diesem Ölfässchen steckte. Zwei Stunden
später hielt ich mit Streichhölzern in den Augen eine Liste
und die Schüssel zu meiner Exwohnung vor Luigis Nase.
Gähnend nahm er die Utensilien entgegen und nuschelte:
„Hab’s mit Paolo und Jens abjesprochen. Jeht klar Morjen
früh. Eenen Möbelwajen
bekomm wia von enem alten
Freund. Dea schuldet mia noch enen Jefallen. Meen Onkel is
einveastanden. Ea übalässt dia die Wohnung. Hab nen fairen
Preis für Dia rausjehandelt. Bleibt ja allet in dea Familie, ne
Puppi.“ So hatte man mich über Nacht adoptiert und mein
neuer Spitzname lautete „Puppi“. War ein schönes Gefühl.
Gab mir Geborgenheit und etwas von meiner heilen Welt
zurück. Um die Sache mit Tom und seinem Trip in die heiße
Unterwelt, seine ganz persönliche Hölle, wollte ich mich
später kümmern. Mir schwante da schon so eine vage Idee,
doch dazu später mehr. Musste nun erst einmal mein eigenes
Leben auf die Reihe bringen und die Mitglieder meiner neuen
Familie kennenlernen. Leicht amüsierte mich der Gedanke an
eine Mafiabraut an der Seite von El Pacino, nur das er 30 cm
kleiner und 50 kg schwerer war.
Vielleicht sollte ich meine Not-SMS an Luigi senden, der
würde dann mit der ganzen Kavallerie anrücken. Naja, wär
vielleicht zu viel des Guten, wollte schließlich nicht
heldenhaft im Kugelhagel als Kollateralschaden zu Grunde
gehen.
14
Sein Name war Roberto, Roberto Amore
Stotternd setzte sich der Opel in Bewegung. Konnte Bello dies
gut nachfühlen. Als ich damals das erste Mal mit einem Auto
auf die Menschheit losgelassen wurde, fühlte es sich an, wie
ganz schlimmes Stottern. Geht, geht nicht, geht, geht nicht.
Wenn Tom mit im Auto saß, verzog er immer nur sein
Gesicht. *Hatte schon Angst es könnte ihm eines Tages so
stehen bleiben. Dann wär er mein eigenen Mr. Bean, der mir
dann bei einer Vermietung viel Geld einbringen würde.* Doch
den Gefallen tat er mir nicht. Im Gegenteil. Oft flogen klotzige
Verbalitäten durch das Wageninnere, die meinem Fahrstil
nicht gerade zuträglich waren. All diese Dinge hatte ich
jahrelang geduldig ertragen. *War es blöd von mir? Wenn ich
könnte, würde ich mir in den Hintern beißen und dann als
Supertalentkandidat vorstellig werden. Uschi kann das
bestimmt mit ihrem gazelleartigen Schlangenkörper. Die trägt
auch ganz bestimmt Stringtanga und benötigt für ihre zwei
kleinen Möpschen keine Zwillingsmützen. Ist schon alles
ungerecht verteilt auf dieser Welt.* Nachdem Bello nun in
einen
homogenen
Fahrstil
wechseln
konnte
und
zusammengesunken das Lenkrad mit seinen Händen
zerquetschte, bemerkte ich, in welche Richtung es ging.
Südlicher Stadtausgang. *Wollte Uschi mich an einem
einsamen Waldweg entsorgen? Aber warum? Was hatte ich ihr
getan? Wie passte Bello in die ganze Sache? War sie die
Freundin von Roberto und das Ganze ein Eifersuchtsdrama?
Da konnte ich sie beruhigen. Der Roberto wollte definitiv keine
feste Beziehung. Ich seh´ da nicht mehr durch.*
Neulich Abend, bei einem zur Gewohnheit gewordenem
Fläschchen Grappa im Garten des „kleinen Italieners“, lernte
ich diesen stattlichen Mann kennen. Er war viel zu schön, um
wahr zu sein. Nie könnte ich so einen Adonis für mich allein
haben. Aber für einen One Night Stand oder auch zwei oder
drei reichte es alle male. Ich wollte und durfte mich nicht in
ihn verlieben, was mir nach der ersten phänomenalen Nacht
bereits schwer fiel. So ein charmebolziger Macho mit
perfektem Körperbau und einem Gesicht, wie ich es mir nur
in meinen Träumen vorstellen konnte. Das nächtliche
Liebesspiel war nicht von schlechten Eltern. Waren doch
unterdessen Spinnenweben am Eingang meiner Mumu
gewachsen. Mein letzter fremderzeugter Orgasmus lag
gefühlte Jahrzehnte zurück. Mit Tom hatte es schon lange
15
keinen Spaß mehr gemacht. Nur aus Pflichtgefühl ließ ich ihn
manchmal machen und tat als ob es das Größte sei. Oft
genug kam er nicht einmal zum Höhepunkt, wofür er mir
dann die Schuld gab. Ich schob sein Versagen auf den Stress
in der Firma. Und fand mich damit ab, dass es nie wieder
besser sein würde. Doch Roberto zeigte mir ein Sexleben
danach. Er war der perfekte Verführer mit außerordentlich
großzügiger Bestückung. Ganz zu schweigen von dem
vollendeten Vorspiel und der langen Schmuserei hinterher.
Und mein Papi hat keinen Pfennig dazu bezahlt. Alles
umsonst. Wie gesagt, fiel mir echt schwer, mich nicht gleich
und auf der Stelle in ihn zu verlieben und ein „ti amo“ in
seine schönen Ohren zu hauchen. Damit hätte ich mir
sicherlich jede weitere Chance auf einen anständigen
Orgasmus vergeigt. Und das durfte nicht riskiert werden. So
schwieg ich in seinen Armen und genoss einfach. Schade nur,
dass Tom uns gerade jetzt nicht sehen konnte. War schon
drauf und dran ein Handyfoto zu machen und es ihm zu
schicken. Da mein Guthaben nur noch 1,32 Euro betrug,
verkniff ich mir die MMS und speicherte den Beweis erst
einmal ab. Könnte später noch Verwendung finden.
Roberto sah ich nie in einer Begleitung und auch Luigi warnte
mich nicht, ergo konnte Uschi nichts mit meiner italienischen
Großfamilie zu tun haben.
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Ein total verrückter Montag
Meine dahindümpelden Gedanken unterbrach ein schriller
Klingelton. *Oh Scheiße, wenn das nun meins ist. Wär echt
merkwürdig, wenn es zwischen meinen Schenkeln schellen
würde. Vielleicht jedoch ganz angenehm. Der zusätzliche
Vibrationsalarm könnte eine angenehme Wirkung erzielen.
Find es total lustig, wenn diese Dinger auf einem Tisch zum
Leben erwachen und über die Platte hüpfen. Ich muss später
mal ausprobieren, wie das ist, wenn mich jemand anruft,
während mein Handy an besagter Stelle weilte. Die Ärzte
würden wahrscheinlich strikt davor warnen. Die Strahlung
könnte
die
Funktionsfähigkeit
der
weiblichen
Fortpflanzungsorgane beeinträchtigen. Mein Gott, eine
schlappe Nudel im Bett ist viel schlimmer. Reine
Erfahrungssache.* Da es keine Vibration gab, konnte dieses
schrille Getöse nicht von mir kommen. Puh, echt Glück
gehabt. Das erste Mal an diesem Tage. Hatte er doch so
beschissen angefangen.
Obwohl heute mein erster Urlaubstag war, den ich eigentlich
mit Tom in Schottland erleben wollte, erwachte ich bei
strahlend heißem Sonnenschein in aller Frühe mit ekeligen
Zahnschmerzen. Dieser blöde Backenzahn hatte mich schon
lange geärgert. Doch wenn ich mich endgültig auf den Weg
zum Zahnarzt machen wollte, waren die Schmerzen, wie
weggeblasen. Warum sollte ich dann da noch hin? Nun geht
man ja auch nicht gerade gern zur Mundfolter, gleich nach
Frauenarzt, ist das für mich der schlimmste Albtraum.
Mein erster Gynäkologe war ein stattlicher Mann. Dessen
Hände groß, wie Mühlsteine waren. Im zarten Alter von
16 Jahren mit einer noch unbenutzten Mumu, hatte ich echt
Angst vor den riesigen Pranken des Ungetüms in Weiß. Da ich
über keinerlei Erfahrungen verfügte, was so einer tut, stellte
ich mir die schlimmsten Dinge vor. Was ist, wenn der seine
Hand da unten hineinsteckt und sie nicht mehr hinaus
bekommt? Müssen wir dann die Feuerwehr holen?
Schließlich hatte man Geschichten von der Freundin einer
Freundin gehört, die während des Geschlechtverkehrs einen
Scheidenkrampf bekam und nur noch der Notarzt die Beiden
trennen konnte. Heute weiß ich, dass das Ammenmärchen
sind. Doch damals versetzte mich diese Vorstellung in
schweißtreibende Panik. Seitdem vertraue ich meine untere
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Körperhälfte nur noch einer zierlichen Frauenärztin mit
kleinen Händen an.
Nun war es soweit, das Zahnwehmännlein hatte ganze Arbeit
geleistet. Der Zahnarzt lockte, wie die böse Hexe bei Hänsel
und Gretel: „Komm her und bezahl Deine 10 € Praxisgebühr.“
Als ich nun die Augen aufschlug saß Jasi schwanzwedelnd
neben mir und freute sich über ihr erwachendes Frauchen.
Zuerst wollte ich ein breites Lächeln in mein Gesicht zaubern.
Ein so begonnener Tag kann nur gut werden. Leider hielt
mich der Schmerz davon ab. Gleich nach dem Frühstück
musste der Zahnarzt angerufen werden, um einen Termin
klarzumachen. Was ja eigentlich unmöglich ist als
Kassenpatient. Dennoch war es wichtig zu wissen, ob die
Praxis geöffnet hatte. So ohne Auto musste jeder weitere Weg
gut überlegt sein. Vielleicht würde sich meine Wartezeit
verkürzen, wenn die Vorzimmerdame Bescheid wusste? Eine
vage Hoffnung.
Ich setzte mich auf. Jasi sprang vom Bett und schnappte sich
übermütig einen meiner Hausschuhe. Mit wedelnden Ohren
verschwand
sie
im
Wohnzimmer.
Da
meine
Zweiraumwohnung einem Schuhkarton glich, beschränkten
sich ihre Möglichkeiten zum Toben enorm. Die Sonne lugte
auffordernd durch meine Jalousie. Es versprach, rein
wettertechnisch, ein absolut toller Tag zu werden. Als mein
Blick auf den immer ehrlichen Funkwecker fiel, erschrak ich.
10 vor 8. Dabei wär es mir möglich gewesen, gaaanz lange
auszuschlafen. Aber nein. Die Macht der Gewohnheit. Meine
innere Uhr und diese verdammten Zahnschmerzen weckten
mich zu dieser unzivilisierten Morgenstunde. Wenn man
davon ausging, dass ich ja gerade Urlaub hatte.
Die Augen reibend und gähnend schlurfte ich mit nur einem
Hausschuh in die Küche. So kann man dieses Räumchen
eigentlich nicht nennen. Selbst ein Hobbit hätte Platzangst
darin bekommen. Leider animierte mich der Herd mit zwei
Platten nicht zum gesunden Essen kochen. Naheliegend
speiste ich regelmäßig bei Luigi. Da ich ja nun zu Familie
gehörte, bekam ich die Speisen zum Selbstkostenpreis. Zuerst
wollte Luigi mir gar nichts berechnen, doch das konnte ich
nicht zulassen. Diese fetten und reichlichen Speisen waren
meiner Figur nicht gerade zuträglich. Noch ein Jahr und ich
würde aussehen, wie Luigis Schwester. Eine schreckliche
Vorstellung. Würde doch dann die Fitnessstunde mit Roberto
ausfallen. So konnte das nicht weitergehen. Ich musste mir
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echt was einfallen lassen. Vielleicht mal öfter einen Salat statt
Pizza? Oder ich müsste mich so richtig verknallen. Dann
stünden auf dem Speisplan nur „Luft und Liebe“, das klappte
meistens ganz gut. Solange die tanzenden Schmetterlinge in
meinem
Bauch
den
Verdauungstrakt
durcheinander
brachten, bekam ich kaum etwas runter. Oder ich besuche
die Weight Watchers. Naja, wohl eher nicht. Hab was gegen
Sekten. Dann mutiere ich zum Kaninchen und ernähre mich
ausschließlich von Rohkost. Doch leider mundet mir ein
kurzgebratenes Steak viel zu gut, als das ich darauf
verzichten könnte. Bin eben ein Allesfresser.
Mein Toaster befand sich in Augenhöhe auf dem
Kühlschrank. Die Einrasttaste zum Rösten funktionierte
schon lange nicht mehr, so dass ich immer die umgedrehte
Schale meines Mörser als Beschwerer benutzte. Nach knapp
2 Minuten würde der Toast fertig sein. Dann musste nur das
Steingut wieder weg und meine Stulle schoss in die Höhe.
Hatte bisher immer so geklappt. Schlaftrunken und von
Zahnschmerzen gequält, ließ ich Wasser in den Kocher und
schaltete ihn ein. Der funktionierte noch einwandfrei.
*Wenn ich nachher wieder zurückkomme, muss nur noch mal
alles kurz aufkochen, was maximal 10 Sekunden dauert und
der Kaffee kann aufgebrüht werden.* Eigentlich schwebte mir
vor, erst zu frühstücken und mich dann mit der Zahnbürste
unter die Dusche zu stellen.
Jetzt musste nur schnell meine Blase entleert werden. Genau
das Gleiche dachte auch Jasi einige Zeit zuvor. Denn als ich
mich aus Klo fallen ließ und der Natur genüge tat, stand mein
nackter Fuß mitten in einer gelblichen Pfütze. *Mann Jasi,
noch 20 cm und du hättest das Katzenklo getroffen. Aber wir
waren schon mal ganz in der Nähe.* Ich wusch seufzend
meinen Fuß und wischte die kleine Schweinerei auf. Plötzlich
riss mich ein schrilles Pfeifen aus meinem trägen Tun.
Erschrocken überlege ich kurz, in welchem Zusammenhang,
mir dieser Ton, bekannt vorkam. „Scheiße, es brennt.“, rief
ich laut zu mir selbst, drehe mich um und sehe zur Küche.
Da kam auch schon die Bescherung auf mich zu. Ein dicker
schwarzer Qualm hüllt im Nu auch den kleinen Flur ein. Mit
auf dem Mund gepresster Hand renne ich zum Küchenfenster
und reiße es auf. Dann wird das Übel sichtbar. Der Toast
hatte durch die viel zu lange Röstzeit Feuer gefangen und
meine daneben stehende Trockenpflanze entfacht. Seit
Wochen steht sie da und wartete auf ihren letzten Gang zur
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Mülltonne. Bei mir trocknen selbst Wüstenpflanzen ein. Ich
fingere den Stecker aus der Dose. Weiß ich doch aus Funk
und Fernsehen, wie gefährlich es ist, elektrische Geräte mit
Wasser zu übergießen. Langsam arbeiten sich die Flammen
zu Tapete vor. Auch meine, mit Magneten an der
Kühlschranktür befestigte Zettelwirtschaft, droht ein Opfer
der Flammen zu werden. Schnell schnappe ich mir den
Wasserkocher und gieße das gerade erst erhitzte Wasser über
die Flammen. Da schwappte ein großer Teil über den Rand
des Möbelstückes und landet auf dem behausschuhten Fuß.
*Glück gehabt Lotte.* Im allerersten Augenblick dachte ich
noch: „He, hätt´ ja auch den nackten Fuß treffen können.“,
doch dann folgte 2 Sekunden später: „Verdammte Scheiße, ist
das heiß.“ Denn das Wasser arbeitete sich in Windeseile
durch den dünnen Stoff und verbrühte meinen Fußrücken.
Fluchend schmiss ich den Übeltäter in die nächste Ecke und
humpelte ins Wohnzimmer. Was Jasi riesig freute. Frauchen
wollte Schuhschmeißen spielen. Sie rannte in die stark
verqualmte Küche und kam kurze Zeit später mit ihrer Beute
zurück. Auf meiner Couch sitzend betrachtete ich meinen
Fuß. Schnell bildeten sich rote Flecken. Hoffentlich werden
das keine Brandblasen. Wollte doch heute meine neue
Errungenschaft anziehen. Blasen wären bei RiemchenSandaletten denkbar ungeeignet. Jetzt fiel mir wieder das
piepsende Etwas in der Küche auf. Mit einen Besen bewaffnet
ließ ich meinen Ärger an dem eigentlich so nützlichen Helfer
aus. Als das Teil endlich verstummte, erfüllte eine himmlische
Ruhe mein Domizil. Da die Balkontür offen stand, verzog sich
der Rauch so schnell, wie er gekommen war. Nun wurde die
Bescherung vollends sichtbar. Der verbrannte Toaster und
der Pflanzenstumpf. Hässlich braun verfärbte Tapete und
leicht angekokeltes Papier. *Okay. Der Schaden hielt sich in
Grenzen. Verdammt. Dieser Tag wird wohl kein gutes Ende
nehmen.* Da mein Toaster nun das Zeitliche gesegnet hatte
und mich immer noch Hunger plagte, wurde der Gasherd
kurzerhand
zum
Röster
umfunktioniert.
Diesmal
vergewisserte ich mich zuvor, ob alles in Ordnung war.
*Wollte nicht noch für eine Gasexplosion verantwortlich sein.*
Über
der
kleinen
Flamme
bräunte
ich
im
Nu
2 Weißbrotstullen. Meinem Morgenmuffelkaffee verpasste ich
die doppelte Dosis, dies schien mir angebracht. Hätte bei der
Aufregung eher ´nen Baldriantee trinken sollen. Da ich jedoch
kaffeesüchtig war und bin, kam nur dieses Getränk für mich
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in Frage. Außerdem gab´s nur für Kranke heißen Tee. Zum
Ausgleich kamen 10 Liter Milch hinzu, natürlich die fettarme,
musste doch auf meine „schlanke“ Linie achten. Als Belag für
den Toast stand mir nur Butter zur Verfügung. Ein Ei dazu
wäre genial gewesen, doch in meinem Kühlschrank breitete
sich gähnende Leere aus. War halt nix drin, was man essen
konnte. *Werd heute mal so richtig viel einkaufen. All das, was
mir schmeckt. Hatte dazu alle Zeit der Welt, war schließlich im
Urlaub.* Im Wohnzimmer schmiss ich mich auf die Couch
und knipste die Glotze an. Den großen Flachbildfernseher
hatte mir Tom großzügigerweise überlassen. Obwohl es ein
Geschenk seiner allgegenwärtig perfekten Mutter war. Ihn
plagte wohl doch das schlechte Gewissen. Vielleicht hatte
seine spontane Großzügigkeit auch etwas mit dem Besuch
von Paolo und Jens zu tun, die ihn so nett darum gebeten
hatten, als sie meine Sachen holten. Sehr interessant war
auch Paolos Erzählung von Liana Verhalten, hinsichtlich der
sie anbaggernden fremden Typen. Tom staunte nicht
schlecht, wie seine Liana die schmachtenden Blicke und die
anzüglichen Bemerkungen genoss. Das Paolo und Jens stock
schwul waren, bemerkte die Unterbelichtete nicht. Gut zu
wissen, dass die Trulla auf so etwas abfuhr. Wieder ein
Puzzlestück mehr für meinen Racheplan. Kam alles zu den
Akten.
Mein spartanisches Frühstück mundete so einigermaßen,
während ich die Nachrichten verfolgte. Man überschlug sich
nahezu bei der Verkündigung der neusten Begebenheiten.
Ein Juweliergeschäft wurde ausgeraubt. Man berichtete von
einem betäubten Angestellten und dem entflogenen
Ladenmaskottchen. Ein rosaroter Kakadu Namens „Coco“.
Der brutale Räuber hatte das krächzende Tier aus dem Käfig
gelassen und davon gescheucht. Denn das Geschrei hätte die
Passanten auf der Straße misstrauisch machen können. Der
Papagei nahm die Gelegenheit wahr und flüchtete in den
nahegelegenen Stadtpark, wo nun alle Welt auf der Suche
nach ihm war. Auch hatte der Ladenbesitzer eine Belohnung
von 1000€ ausgesetzt. Natürlich lebend. Vielleicht hoffte die
Polizei, den einzigen Zeugen verhören zu können, um
brauchbare Spuren zu erhalten. Es ist ja bekannt, dass diese
Viecher nicht blöd sind, die Papageien mein ich jetzt.
Weiterhin wurde darauf hingewiesen, ein Phantombild stände
bald zu Verfügung, auf dem ein südländischer recht
schmächtiger Mann zu sehen sei. Er hatte eine noch
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unbestimmte Menge kleinerer geschliffener Diamanten
gestohlen, sonst fehlte wohl nichts. An den großen Schatz des
Geschäftes kam er nicht heran. Ein riesiger Tresor schützte
die Kostbarkeiten. Mir tat nur der arme Vogel leid. Kannte der
sich schließlich nicht in der Großstadtwildnis aus. Sein
bisheriges Leben in einem goldenen Käfig war behütet und
sicher. Wahrscheinlich würde Mia auf die Jagd nach dem
Paradiesvogel gehen müssen. Sie arbeitete im Tierheim. Dort
kümmerte man sich zusammen mit der Feuerwehr um solche
Kandidaten. Da hat sie schon so manche Geschichte erlebt.
Bändeweise Füllmaterial für Abenteuerromane. Zusätzlich
jobbte Mia abends im Buchladen um die Ecke. Genau dort
lernte ich sie vor ewigen Zeiten kennen.
Ich liebe Hörbücher. Die sind mein ständiger Begleiter.
Früher hörte ich sie stets im Auto, heute lade ich die
Geschichten in meinen MP3 Player und stöpsle die
Ohrgnupsis ein, sobald es möglich ist. Immer da, wo meine
Aufmerksamkeit nicht gerade gefragt ist. Das heißt zum
Beispiel im Warteraum einer Arztpraxis oder beim Dumm
Rumstehen im Bus oder in meiner 1,20 Meter kleinen
Badewanne. Zum Glück bin ich keine 1,80 groß, sondern
20 cm kleiner. Passe also halb sitzend ganz gut hinein.
Manchmal, wenn ich frei habe und die Sonne meinen Balkon
für knapp 2 Stunde erhellt, wird alles andere ruhengelassen.
Mit einem großen Pott Kaffee und einen Hörbuch genieße ich
die besinnliche Zeit. Dann ist die Welt in Ordnung und alles
hat seinen Platz. Auch der neue Speck auf meinen Hüften.
Ich denke dann immer: „Schließlich wohnst du im 3. Stock
Lotte, gutes Training, das tägliche Treppensteigen. Kann mir
demzufolge hin und wieder, des Öfteren, na gut sehr oft, ein
Stück Kuchen zum Kaffee leisten oder eine Tafel Schokolade.“
Zum Abschluss der Berichterstattung zeigten sie Bilder von
dem leicht verwüsteten Ladeninneren, dem geöffneten leeren
Käfig und dem derangierten Angestellten, der immer wieder
vorführen musste, wie er schlafend hinter dem Tresen lag.
Was für eine bescheuerte Szene. Der Gockel kam sich vor, wie
ein Filmstar. Begann sogar ein paar Sprüche abzulassen.
„Das war ein brutaler Überfall.“, „Ich hätte dabei zu Tode
kommen können.“ „Solch ein Tierquäler. Der arme Coco.“, als
er dann auch noch den Räuber vierteilen wollte, griff die
Polizei ein. Bevor sein bereits hochroter Kopf zu platzen
drohte, brachten ihn die Beamten in den Krankenwagen. Für
eine Millisekunde war mir so, als ob ich da ein bekanntes
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Gesicht erkannt hätte. Der Typ in der Uniform sah meiner
Jugendliebe zum Verwechseln ähnlich. Halt nur jetzt älter.
Nein, das konnte nicht sein. Ich hatte mich ganz bestimmte
verguckt. Wahrscheinlich vernebelte der Qualm meinen
Verstand. Vielleicht kam es auch daher, dass mir mein
vorgestriger Traum mal wieder eine heile, schöne Welt mit
ihm vorgaukelte, in der mein Mann mit mir zusammen
Schuhe kauft. Realistisch völlig unmöglich. Nicht einmal in
einem parallelen Universum würde ein Mann aus Liebe zu
seiner Frau dieses Unmenschliche tun. Und der geträumte
Sex ist immer so schön. Ähnliches passierte mir bisher nur
mit Roberto. Immer wenn der Wecker klingelt und mein Geist
in die Realität zurückkehren muss, möchte ich am liebsten
für immer in meinem Traumland bleiben. Besonders
prickelnd ist dann die morgendliche Begrüßung von Jasi.
Einmal quer übers Gesicht lecken. Wer so einen Hund hat,
kann sich die Morgentoilette sparen. Ich müsste ihr nur noch
beibringen, mir die Zähne zu putzen, dann hätte ich eine
perfekte Pflegekraft und das Ganze für umsonst. Sehr
eigenartig ist ihr Fressverhalten. Sie bevorzugt ausschließlich
Katzenfutter. Als ich sie vor einigen Jahren im Welpenalter
bekam, liebte sie als Mamiersatz meine Katze Emy. Nach
kurzer Zeit teilten die beiden den Fressnapf miteinander,
sodass Jasi gar nicht auf die Idee kam Hundefutter sei
passender für sie. Vor zwei Jahren überfuhr der Versager
Tom die alte fast blinde und taube Emy. Er hatte mich nicht
einmal in den Arm genommen und getröstet. Er meinte nur,
er habe sie von ihrem Leiden erlöst. So ein einfältiger Spinner.
Seit Emy dem Tom einmal in die Schuhe gepinkelt hatte, weil
der sie mit dem Fuß kräftig wegstieß, hasste er alle Katzen.
Hunde konnte man geradeso ertragen. Dieser Abschaum
liebte nur sich selbst und angeblich jetzt seine tolle Liana.
Ein Vöglein zwitscherte mir, dass sie vom Tom schwanger
sein sollte. Ging ja schnell. Hatte der sich wohl alles die
letzten 7 Jahre mit mir aufgespart. Okay, das dünne
Blondchen
mit
dunklem
Haaransatz,
künstlichen
Fingernägeln und gepimpten Brüsten war 10 Jahre jünger als
ich, aber durch und durch eine dumme Mogelpackung. Dass
die Männer immer wieder auf dieses gleiche Schema
reinfallen ist schon sensationell. Sind die wirklich so blöd? Da
hat Gott ihnen schon nur 3 Gehirnzellen gegeben und die
schwimmen dann noch zu allem Überfuß in ihren Bommeln
herum. Zudem ist die liebe Trulla keine Deutsche, sondern
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eine Russin. Warum wohl will die heiraten und benötigt dazu
ein Kind? He. Weiter muss ich das ja wohl nicht ausführen.
Oder? Was wär die Welt doch für ein ausgeglichener Planet,
wenn sie von Frauen, wie mir regiert werden würde. Keine
Toten in unsinnigen Kriegen, nur ein paar ausgerissene
Haare und Kratzspuren. Kein Protzen und Bolzen und
Prahlen. Ein stimmiges Miteinander, eben.
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Wissen ist Macht
Mitten in meinen Philosophischen Weltverbesserungsgedanken, kreischte schon wieder dieser nervige Klingelton.
Irgendwie frümdlündüschü Müsük. *Ich habe ja echt nix
gegen Ausländer. Lebe selbst mitten unter ihnen. Aber über
diesen Klingelton muss ich unbedingt noch einmal mit Uschi
reden. Das geht ja gar nicht.* Uschi schimpfte in einer
fremden Sprache. Nicht Englisch, nicht Italienisch, nicht
Spanisch, nicht Russisch, die hätte ich alle erkannt. Schätze
mal so spontan auf Türkisch. Sie wirkte nervös und gehetzt.
Da fiel mir ein, dass mein Muschiphone immer noch arbeiten
konnte. Dieser Zustand musste sofort geändert werden. Nur
wie sollte ich jetzt unbemerkt unter mein Tütü in die Hose
greifen. Konnte ja schlecht sagen, dass ich da was habe. Also
legte ich mir einen Plan zurecht. Bellos Fahrstil hatte sich
nicht geändert. Verschreckt, wie ein ängstliches Häschen
lugte er übers Lenkrad, achtete kaum auf den Verkehr und
die Schilder. Da sah ich meine Chance kommen. Wir werden
gleich zwei Kreuzungen hintereinander überqueren. Die
Grünphase
ist
ungewöhnlich
kurz,
so
dass
ein
Ortsunkundiger davon überrascht sein würde und sehr
wahrscheinlich scharf bremsen müsste. Diesen Umstand
machte ich mir zu Nutze. Ich schaute gelangweilt aus dem
Fenster und schielte nach vorn auf die Straße, um
niemanden auf die kommende Situation aufmerksam zu
machen. Ist gar nicht so einfach, diese Position
beizubehalten. Uschi dreht sich zu mir um und ich beginne
„Alle meine Entchen“ leise zu summen. Was Besseres fiel mir
gerade nicht ein. Sie verzog ihr Gesicht und guckte dann
wieder in Fahrrichtung. Wir passierten in einem viel zu hohen
Tempo die erste Ampel. Noch 20 Meter. Noch 10 Meter, wie
erwartet schaltete die zweite Ampel auf Rot. Ich brüllte aus
Leibeskräften: „Stopp!“ Bello erwacht aus seiner Lethargie.
Uschi ist völlig überrumpelt von dem schreienden
Schweinchen hinter ihr. Der Wagen kommt quietschend zum
Stehen. Wir rutschen alle auf unseren Sitzen nach vorn. Wild
fluchend beschimpft Uschi den Fahrer. Wird dabei sogar
etwas handgreiflich. Dieses Durcheinander nutze ich, um das
Handy geschwind herauszufingern. Die Rotphase ist vorbei.
Bello atmet einmal tief durch und fährt wieder, wie ein
Fahrschüler an. Es ruckelt und zuckelt. Ich klemme mein
Handy ganz flach zwischen linke Hand und dem dazu
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gehörigen Oberschenkel. Das Tütü mit seiner überreichen
Tüllspitze überdeckt mein Versteck. Mitleidig sehe ich Uschi
an, zucke kurz mit den Schulten. Mir rutscht ein: „Männer
eben.“, heraus und drehe meinen Kopf wieder zum Fenster.
Muss schließlich jetzt das blöde Telefon ausschalten. Wieder
beginne ich zu schielen. Diesmal nach unten. Langsam tun
mir die Augen von der ungewöhnlichen Gymnastik weh.
*Okay Lotte, mit der Zeigefingerkuppe den oberen Teil
absuchen, mit dem Rest der Hand weiter das Handy
umklammern. Melde. Knopf gefunden. Nun mindestens
2 Sekunden fest darauf drücken und wieder loslassen.
Geschafft. Melde. Auftrag ausgeführt.* So nun hatte ich wieder
ein Problem. Das Teil musste zurück an seinen schönen
warmen Platz. *Mal überlegen. Was kommt als nächstes auf
der Straße. In knapp zwei Kilometern werden wir an einem
festen Blitzer vorbeifahren. Ich muss Bello wieder zum
Bremsen bringen. Langsam drehe ich meinen Kopf nach vorn.
Wie soll ich Uschi eigentlich anreden? Ihren Namen wird sie
mir wohl nicht auf einem Silbertablett servieren. Soll ich du
oder sie sagen?* Ganz tief ziehe ich Luft durch meine Nase
ein, dann räuspere ich mich, wie man das manchmal so tut,
wenn man zu reden beginnt und den Gegenüber darauf
vorbereiten will. Uschi hockt stocksteif in ihrem Sitz und
rührt sich nicht. Ich huste etwas. Keine Reaktion. Jetzt huste
ich richtig. Da schmeißt sie ihren Oberkörper nach hinten
und brüllt: „Was? Hast Du Virus bei Dir?“ „Es wären
Bakterien oder Keime. Aber darüber wollte ich jetzt gar nicht
sprechen.“ Höflich mache ich eine Pause, um ihr die
Möglichkeit einer Antwort zu geben. „Ja und.“ Entgegnete sie
genervt nach einer Weile. „Findest Du nicht, dass unser
Fahrer etwas zu schnell fährt? Der ist doch schon sehr dreist.
Ich denke, Du hast hier das Sagen. Du bist doch der Boss,
oder?“ Uschi überlegt kurz: „Ja was denn, ist doch kein Mann
ist Maus.“ „Ja, aber eine freche Machomaus. Guck doch mal,
wie der Dich ansieht.“ Bello sieht jetzt aus, wie eine
Schildkröte. Aber eine schöne, dass muss man ihm lassen.
Der Kopf ist fast nicht mehr zu erkennen. Wir nähern uns
dem Blitzer. Bello kann ihn nicht sehen, weil er unterwürfig
zu seiner Nachbarin lugt. Uschi sieht ihn nicht, weil sie mich
fragend anstarrt und ich brülle wieder aus vollem Hals.
„Stopp!“ Zum Glück ist die Straße frei, denn unser Fahrer
erschreckt sich erneut dermaßen, dass wir wieder mit einer
Vollbremsung 2 Meter vor dem Blitzer stehen bleiben.
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Diesmal wurde unser Fahrzeug sogar ein wenig aus der Spur
geschoben. Uschi beginnt auf Bello verbal einzuprügeln. Das
bei dem ganzen Gerangel die Knarre noch nicht losgegangen
war, grenzte an ein Wunder. Ich kann mein Handy
unbemerkt zurückstecken und setze mich gerade hin. Nehme
den Gurt und schnalle mich an. Jetzt trifft mich Uschis Blick
mit all seiner Härte. Ich werde ganz kleinlaut und flüstere.
„Ich schnall mich mal lieber an. Bei dieser Fahrweise könnte
man sonst noch ums Leben kommen.“ „Warum hast Du
Stopp geschrien? Du dumme Kuh.“ *Eh, halt mal die Luft an.
Wir wollen jetzt nicht beleidigend werden. Diese Redensart
gefällt mir überhaupt nicht.* Leicht erzürnt spreche ich mit
fester Stimme: „Wolltest Du ein Panoramafoto von Euch
beiden haben, wo ich hinten sitze und winke. Mensch, Mädel,
das war ein Blitzer und der da fuhr viel zu schnell. Ihr müsst
Euch mal mehr auf die Straße konzentrieren. Am Ende
werden wir noch angehalten und kontrolliert. Wie willst Du
dann der Polizei Deine Pistole erklären? Ha, ha, ist ja nur ein
Spielzeug, damit halte ich Miss Piggi in Schach.“ *So nun hab
ich´s ihr aber gegeben. Jetzt weiß die, wo der Hase im Pfeffer
hüpft oder so. Ist ja auch egal. Steh gerade etwas neben mir.
Könnte ´nen Kaffee vertragen. Ein McRip wär auch nicht
schlecht. Oder lieber ein Schokomilchshake oder gleich beides.
Was präsentieren die wohl gerade als Spezialität in meinem
Lieblings Fast Food Restaurant. Wobei der „kleine Italiener“
natürlich mein aller, aller liebster Fresstempel ist.* Uschi ist
tatsächlich sprachlos. *Na geht doch. Mit der musste mal einer
Tacheles reden. Dir werd ich schon Manieren beibringen.
Schließlich darf sie sich nicht so rüpelhaft benehmen, wenn sie
das Aushängeschild meiner Agentur werden soll. Vielleicht zieh
ich alles im Gangsterstil auf. Könnte glatt ein neuer Trend
werden. Vom Ambiente her, wie ein 20iger Jahre Detektivbüro.
Son bisschen schmuddelig, düster und geheimnisvoll. Natürlich
würde ich passende Klamotten tragen.* Und schon bin ich
wieder in meiner Traumwelt. So etwas kann ich gut. Früher,
wenn Tom und ich am Frühstückstisch saßen, den ich wie
immer gedeckt hatte, erzählte er mir oft von Dingen, die mich
überhaupt nicht interessierten. Wie ein liebes Frauchen tat
ich dann so, als hörte ich ihm aufmerksam zu. In Wirklichkeit
befand ich mich in meiner eigenen Welt. Meistens mit meiner
Jugendliebe auf einer Jacht am Strand meiner eigenen
kleinen Insel. Von einem begnadeten Schönheitschirurgen in
Form gebracht, planschte ich dort nackt im türkisblauen
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Wasser. Die kleine strohbedeckte Hütte war randvoll gefüllt
mit allerlei Köstlichkeiten. In einem Himmelbett, geradewegs
den Geschichten aus 1000 und einer Nacht entsprungen,
liebten wir uns. Abrupt wurde mein Tagtraum unterbrochen,
wenn Tom am Ende seines Redeschwalls ankam und fragte:
„Ne, das meinst Du doch auch?“ Ich nickte dann artig und
lächelte.
Da wir bereits eine ganze Weile unterwegs waren, hatte ich
das Gefühl, Bello wusste nicht so recht, wo er hinfahren
sollte. Diese Kreuzung eben passierten wir nun zum zweiten
Mal. Wir fuhren im Kreis. *Na, die beiden werden schon
wissen, wo sie hin wollen. Ich sag nur, mit Navi wär das nicht
passiert.* Da in Uschis Blut wahrscheinlich zu viel
Testosteron dümpelte, meinte sie auf solche Mädchenhelfer
verzichten zu müssen. Außerdem konnte sie nicht nach dem
Weg fragen und Bello traute sich nicht. *Und mich fragte ja
keiner.* So ließ ich meinen Gedanken freien Lauf. Noch
einmal spulte sich vor meinem geistigen Auge der gespenstig
anmutende Ablauf des heutigen Tages ab, um sicher zu
gehen, dass es wirklich nicht mehr schlimmer kommen
konnte.
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Hallo, Frau Murks
Nach meinem spärlichen Notfrühstück und den erquickenden
Nachrichten tapste ich nun barfüßig ins Bad zum Duschen
und Zähneputzen. Meine Zahnpasta neigte sich dem Ende,
hatte aber noch genug Material für 2 oder 3 Portionen, wenn
ich die Tube hinten aufschnitt und den Rest von dort zu Tage
förderte. *Muss mir unbedingt einen Einkaufszettel machen.
Toaster, Zahnpasta, Eier. Okay. Die 3 Sachen kann ich mir
gerade noch so merken.* Ich stand schon fast unter der
Dusche und prüfte meine Zahnbürste. Sie summte nicht wie
üblich ihr: „ssssssss“ sondern nur noch: „s…s…….s.“ und
dann nichts mehr. Die Batterien waren leer. Kein Problem,
hatte noch welche in der Wohnzimmerschublade. Dort
angekommen, der Weg war ja nicht so lang, stellte ich die
Zahnbürste auf die Anbauwand. Griff nach den Knauf der
Schublade und hielt die Frontabdeckung in der Hand. „Mist,
verdammter. Scheiße, scheiße, scheiße.“, fluchte ich
splitterdfaser nackt. Bei dieser Aktion verlor ich fast das
Gleichgewicht. Hätte mir gerade noch gefehlt, an meinem
ersten Urlaubtag die Gräten zu brechen. Augenblicklich
ergoss sich der Inhalt klappernd auf den Laminatboden.
Mindestens 30 gebrauchte und neue Batterien kullerten
durcheinander.
*Son Mist aber auch. Diese Möbel heutzutage taugen
überhaupt nichts mehr. Muss also auch noch Holzleim
einkaufen. Nun sind es schon 4 Dinge. Wird langsam
kompliziert.* Die Zahnbürste zuckte ein letztes Mal und fiel
ebenfalls auf den Boden. Was war denn nur heute los? Sollte
das alles die Vorbereitung auf etwas Großes sein? Ich
schnappte mir 2 Batterien und wechselte die kleinen
Stromspender aus. Nun surrte meine Zahnbürste wieder, wie
ein Bienchen. *Gut. Auch das Missgeschick habe ich überlebt
und es ging nichts in Flammen auf. Obwohl, die hatte wir ja
heute schon. Wie wär’s denn mit ´nem anständigen Rohrbruch?
Auf Feuer folgt bekanntlich Wasser. Ist doch nahe liegend.
Mensch Lotte mach´ dich nicht verrückt. Heute ist dein erster
Urlaubstag und der wird schön. Schließlich werden wir uns mit
Mia um 16 Uhr im Kaufhaus treffen und für Luigis Party am
Mittwoch ein Kostüm aussuchen. So eine Shoppingtour mit
meiner besten Freundin ist immer ein Highlight. Also hab ich
etwas, worauf ich mich freue, alles andere kann mir gestohlen
bleiben. Ich lass mir meine gute Laune nicht vermiesen. Bin
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schließlich selbst Schmied meines eigenen Glückes. Und wenn
mir dauernd so dumme Sachen passieren, dann hat das nichts
mit übersinnlichem Hokuspokus zu tun, sondern nur mit mir
selbst und meiner Schusseligkeit. Hätte mir doch schon lange
´nen neuen Toaster kaufen können oder die Schublade
reparieren. Ist alles meine Schuld.* Wieder besser gelaunt
durch die Einsicht, dass das Schicksal nicht unausweichlich
war, kehrte ich zurück ins Bad und fuhr mit der Hygiene fort.
Später stopfte ich den Toaster und den Pflanzenrest in eine
Mülltüte. Bemühte mich, die braunen Stellen zu säubern oder
wenigstens aufzuhellen. Trocknete die Wasserflecken auf der
Anbauwand und sammelte die Batterien ein. Legte die
flüchtige Abdeckung auf den Wohnzimmertisch, damit eine
Reparatur nicht wieder auf die lange Bank geschoben werden
würde. Dann nahm ich todesmutig mein Telefon, um die
Nummer der Zahnarztpraxis zu wählen.
Eine sehr kreischige Stimme bestätigte mir, dass ich die
richtige Taste erwischt hatte. „Zahnarztpraxis Wolter, Frau
Murks am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“ Bei dieser
Begrüßung muss ich immer lächeln. Wie kann der Doktor
jemanden einstellen, der sich mit Murks meldet. Das schockt
doch erst einmal jeden potentiellen Patienten. Stell sich einer
vor, der Arzt würde Fleischer oder noch besser Stümper
heißen. „Zahnarztpraxis Stümper, Frau Murks am Apparat.“
Das geht ja gar nicht.
Manchmal, wenn es gerade nichts zum Lachen gibt und die
Welt grau bis anthrazit aussieht, dann rufe ich bei meinem
Zahnarzt an, nur um den Spruch der alten Dame zu hören.
Sage dann: „Oh, falsch verbunden.“ und lege auf. Im selben
Augenblick steht mir ein Lächeln ins Gesicht geschrieben und
die Gewitterwolken verziehen sich. Da die Praxis für die
Zeiten in der nicht gearbeitet wird ein Band mit demselben
Spruch laufen hat, kann ich sogar nachts dort anrufen oder
auch am Wochenende.
„Hallo Frau Murks.“, singe ich in mein Telefon und muss
schon wieder lachen. „Hier ist Frau Pazzi. Ich habe
schreckliche Zahnschmerzen und wollte Sie bitten mich heute
irgendwo dazwischen zuschieben. Ist wirklich dringend.“ „Ja,
ja, ist immer dringend. Alle wollen gleich und sofort dran
kommen. Keiner hat heute mehr Zeit zum Warten. Am besten
soll’s schon gestern gewesen sein. So geht das doch nicht.“
*Upps, hat da die Frau Murks etwas ein bisschen schlechte
Laune.* Ich beschwichtige sie: „Frau Murks sein Sie doch
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bitte lieb, wo heute die Sonne so schön scheint.“ „Ich habe
eine Sonnenallergie. Mir ist es lieber wenn es regnet.
Außerdem fliegen dann keine Pollen herum. Ich bin
anergisch.“ Es kribbelte gehörig auf meiner Zunge, verkneife
mir aber sie zu verbessern, obwohl es mir unheimlich schwer
fällt. Konnte doch nicht noch Öl ins Feuer gießen. Würde
eventuell so meinen Termin riskieren. Frau Murks liebt also
schlechtes Wetter und Langeweile. Sie war glücklich, wenn
andere Menschen frustriert die Köpfe einzogen. Solche
Menschen sind mir äußerst suspekt. Ich für meinen Teil mag
es heiter und beschwingt.
„Frau Pazzi sind Sie noch daran. Sie kommen am besten
gleich nach der Mittagspause. Sind 5 Minuten vor der Zeit da,
dann kann ich Sie dazwischenmogeln. Dass mir das aber
nicht zur Gewohnheit wird.“ „Nein, nein Frau Murks ganz
bestimmt nicht. Also wann soll ich nun da sein?“ Nach einer
kleinen Pause seufzte sie ins Telefon: „5 vor 1Uhr. Hört denn
heute keiner mehr zu.“ Nun kam nur noch ein klägliches:
„auf Wiedersehen“ und dann ein Rauschen. *Oh Gott, war
Frau Murks jetzt etwa zusammengebrochen?* Hoffentlich
nicht. Hatte schließlich endlich dem Mut gefasst zum
Zahnarzt zu gehen, eine Terminverschiebung schien völlig
ausgeschlossen. Außerdem brächte Frau Murks so ein
Debakel ganz sicher an den Rand des Wahnsinns. *Siehste
Lotte, hast´e Glück gehabt. Darfst heute zum Zahnarzt. Naja,
obwohl, Glück ich weiß nicht. Ach egal. Das wird konsequent
durchgezogen und fertig.* Beschwingt schlenderte ich in mein
Schlafzimmer. Öffnete den viel zu großen Kleiderschrank, der
die Hälfte des Raumes einnahm und sah wieder mal mit
Schrecken, dass all die vielen Klamotten nichts taugten. Hätte
ich einen Mann an meiner Seite, würden jetzt meine Arme
verschränkt auf dem Bauch liegen und ich müsste jammern:
„Schatz, ich hab nichts anzuziehen und keine passenden
Schuhe.“ Das ewige Dilemma einer Frau.
10 Minuten wühlen und aufgeregtes Umhergehopse von Jasi,
die mal wieder dachte wir wollen spielen, brachten nichts ein.
Ich kroch mittlerweile auf allen Vieren, um auch die unterste
Schicht meines Schrankes nach brauchbarem Material zu
durchsuchen. Kam wie immer zu dem Ergebnis, das meine
Lieblingsklamotten die Besten seien. *Wenn man mal ganz
ehrlich ist, reicht ein Spind von 50 cm völlig aus. Da leider der
Sammler evolutionstechnisch immer noch in uns drin steckt,
horten wir Dinge, die wirklich überflüssig sind. Ich mag es gar
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nicht sagen, aber mindestens 2 Blusen mit MonsterSchulterpolstern befinden sich noch in meinem Besitz. Könnte
ja mal wieder modern werden. Kommt doch immer alles zurück
und wenn es dann soweit ist, bin ich up to date.* Nachdem
mein Flummihund sich beruhigt hatte, schlüpfte ich in meine
Unterwäsche, stieg in die Jeans und zog das Streifenshirt mit
Kängerubauchtasche und Kapuze über. Natürlich die SlingSandaletten, die keine Schmerzen verursachten, da aus der
Verbrühung, Gott sei Dank, keine Blasen entstanden waren.
Die Schuhe besaßen einen 2 cm hohen Klapperabsatz. Das
mag ich. Verleiht dem saloppen Aussehen eine weibliche
Note. Um meine Haare brauchte ich mich nicht wirklich
kümmern. Denn die führten seit meiner frühesten Jugend ein
Eigenleben. Es sei denn ich zwang ihnen ein Zopfgummi auf
oder traktierte sie mit einem Glätteisen. Auch Haarwachs
brachte nie den gewünschten Effekt. Diese Foltermethoden
gab ich auf, als mich meine neue italienische Familie
adoptierte. Sie fanden meinen Wuschelkopf echt toll und
einzigartig. Diese Haarpracht durfte man nicht verstecken. So
wusch ich sie mindestens 2 x die Woche und gönnte ihnen
eine Haarkur. Das musste reichen.
Mein erster Weg führte nicht weit auf der Straße, nur kurz
vor die Tür. Auch wenn Jasi heute schon gepullert hatte,
musste sie noch einmal ausgiebig ihr Geschäft erledigen. Das
Hündchen hatte so seine Probleme, den richtigen Platz zum
Wursteln zu finden. In meinem Exgarten am Exhaus bei
meinem Exfreund fand Jasi fiel schneller eine Möglichkeit
ihren Darm zu entleeren. Nach 10 Minuten stülpte ich eine
Tüte über das kleine Würstchen und beförderte das Ganze in
die Mülltonne. *Ordnung muss sein. Wenn mal jeder so
denken würde.* Da es heute noch wärmer werden sollte, füllte
ich Jasis Wasserschüssel bis zum Rand und legte
5 Hundekuchen daneben. Denn mein heutiger Ausflug würde
wohl erst gegen 17 Uhr enden. Hoffte ich doch insgeheim,
mein eigentlich schlauer Hund könnte endlich das Katzenklo
benutzen. Ich schnappte mir einen Zettel und schrieb die
4 Utensilien auf. Wollte ich jedenfalls. Sie fielen mir nur nicht
mehr ein. *Mal überlegen. Also ein Toaster, war schließlich
heute mein erstes Opfer. Was noch?* Meine Zähne kauten auf
dem Ende des Bleistiftes herum. *Dann war ich Zähne putzen.
Alles klar. Zahnpasta. He und Schuhpasta brauch ich auch.
Okay.* Auf dem Tisch lag mahnend die Frontplatte der
Schublade. *Mensch Lotte, du ansonsten so pfiffiges Kerlchen.
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Grübel, grübel, grübel. Nein keine Idee. Wird wohl nicht so
wichtig gewesen sein. Aber Eier brauch ich und dann natürlich
allerhand andere Lebensmittel.* Dafür benötigte ich keine
Gedächtnisstütze. Ich kaufte immer alles ein, worauf mir der
Sinn stand und was mein Portmonee so hergab. 4 Dinge auf
meiner Liste, Plan erfüllt.
*Oh Mann, schon 10 Uhr. Wie die Zeit vergeht? Da blieben mir
noch knapp 3 Stunden, bis ich prüfen konnte, ob Frau Murks
sich nicht abgemurkst hatte.* Mit Handtaschenrucksack,
Zettel, Handy und Schlüssel bestückt, machte ich mich
frohen Mutes auf den Weg. Hüpfend verließ ich die Treppe
und stand fast auf der Straße. Da der Gehweg in meiner
Gasse nur 50 cm breit sein konnte, ging man eigentlich
immer auf dem Holperpflaster. Nach monatelangem Üben,
bewältigte ich den fußbrecherischen Bodenbelag spielerisch.
Das Klackern meiner Absätze hallte in der Enge wieder. Noch
20 Meter, ein wenig Gefälle, so 8 % und dann links um die
Ecke, schon lag die nächste Straße vor mir. In diesem
Wirrwarr von Ministräßchen fuhr leider kein Bus. Alles
musste man auf Schusters Rappen erledigen, wenn man über
kein eigenes Auto verfügte. Das Fahrradfahren kam einem
Selbstmordkommando gleich. Luigi hatte sich extra wegen
des beschränkten Platzes, eines dieser witzigen Dreiräder
gekauft. Mit seinem Transporter kam er oft nicht durch. *Mir
ist schleierhaft, wie die hier mit einem Umzugs-LKW rangieren.
Alles was länger als 5 Minuten parkt, verstopft komplett die
Gasse. Außerdem ist es schier unmöglich um eine Kurve zu
fahren. Der Fahrer hinter dem Steuer schaut vorn direkt in das
Fenster der Dame im 2. Stock und mit dem Hinterteil schrammt
der Laster über den Putz des schräg gegenüberliegenden
Hauses. Also dafür, dass hier jede Wohnung vermietet ist,
sehen alle Häuser tadellos aus. In meinem Viertel wohnen sehr
viele alte Menschen. Muss immer wieder staunen, wie die die
Strecke zu Fuß meistern. Ich kenne keinen der eine Gehhilfe
benötigt. Ein Rollstuhl, völlig ausgeschlossen. Kann natürlich
sein, dass Gehbehinderte hier gar nicht erst herziehen,
beziehungsweise wegziehen, sobald es soweit ist. Muss mal
beim abendlichen Umtrunk den Luigi fragen, ob das Viertel mit
seinem alten Flair und der gelassenen Gemütlichkeit einfach
jung hält.* Ich schaue auf die Uhr. 15 Minuten.
*Jippi, neuer Rekord.* Sonst benötige ich mindestens 20, um
auf die Geschäftsstraße zu gelangen. Wobei man die
Bezeichnung nicht allzu wörtlich nehmen sollte. Der Asphalt
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ist doppelt so breit, wie das Pflaster in den Gassen. Es
können wenigstens 2 Autos aneinander vorbeifahren. In
regelmäßigen Abständen gibt es sogar einige Parkplätze. Was
mir zurzeit völlig egal ist, da ich ja kein Auto besitze. Nicht
einmal ein Fahrrad. Ich habe schon oft mit dem Gedanken
gespielt, mir einen Motorroller zu kaufen. Würde sogar ganz
billig einen bekommen, hatte Luigi gesagt und dabei so
komisch gegrinst. Hab da nicht weiter drauf reagiert. War mir
nicht sicher, ob das Spaß oder Ernst sein sollte. Außerdem
gibt es keine Möglichkeit, selbst so ein kleines Vehikel zu
parken. Auf dem Gehweg schier unmöglich und der kleine
Innenhof beherbergte bereits das Dreirad und Mias Roller.
Auf der „großen“ Straße herrschte rege Betriebsamkeit. Hin
und wieder sauste ein Auto vorbei und Menschenwesen
huschten von Geschäft zu Geschäft. Die Szenerie
beobachtend, blieb ich stehen. Selbst hier verbreitete die
„Hektik“ keine Unruhe. Eine nette alte Dame mit einem
kleinen Rehpinscher kreuzte meinen Weg. Selbstverständlich
machte ich ihr Platz. War es halt so gewohnt von meiner
Straße vor dem Haus. Hier allerdings verfügte der Gehweg
über genügend Breite. Platz für mindestens 3 nebeneinander.
Was für ein Luxus. Die Oma lächelte freundlich und bedankte
sich. Dies gab mir ein gefälliges Robin Hood Gefühl. Der
Rächer der Witwen und Waisen. Ach nee. Der Helfer der
Hündchen und Greisen. Der Minivierbeiner erinnerte mich
sehr an Mias neuen Gefährten. Ein treuer und tapferer
Freund.
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Ein kleiner großer Held
Eines Abends, Mia arbeitete mal wieder im Buchladen, stand
plötzlich, wie aus heiterem Himmel, ein kleiner Hund neben
ihr. Die Arme voller Bücher, übersah sie ihn fast. Mit einem
„Scht, scht.“, wollte sie den Beobachter wegscheuchen. Von
wegen. Hündchen ging, wie fremdgesteuert schnurstracks
hinter den Kassentresen, der sich seitlich neben der
Eingangstür direkt am Schaufenster befand und legte sich
auf das Fensterbrett, als sei es das normalste von der Welt.
Mia hatte keine Zeit sich um diese Angelegenheit zu
kümmern und ließ ihn gewähren. Sie würde später einen
Ausweg finden. Bald darauf teilte sie bereits ihr Käse-SalamiAbendbrotbrötchen mit ihm und streichelte seinen weichen
Bauch. Während Mia den Rest der Arbeitszeit im Laden
herumflitzte, blieb Hündchen regungslos liegen, den Kopf
zwischen die Vorderpfoten gelegt und verfolgte jeden Schritt
seiner Auserwählten mit Argusaugen.
Zum Feierabend setzte Mia ihren neuen Freund vorsichtig auf
die Straße, gab ihm einen kleinen Schubs und schickte ihn
zu seiner richtigen Familie. Nach 5 Schritten blieb das
Hündchen stehen, drehte sich um und hüpfte zurück zu Mia.
„Nee, nee, Du musst jetzt wieder nach Hause. Da wartet ganz
bestimmt jemand auf Dich und macht sich schon Sorgen.
Geh, Mäuschen!“ Er drehte den Kopf zu Seite, spitzte die
Ohren und gab einen kurzen Beller von sich. Wauwi blieb
sitzen und streckte die Zunge heraus. Mia fand diesen
Anblick so niedlich, dass sie nicht wiederstehen konnte.
Okay, dachte sie bei sich. Ich werd mich jetzt einfach
umdrehen und gehen. Wenn er mir dann folgt, kann ich auch
nichts dagegen machen. Gedacht, getan. Mia ging besonders
langsam, damit ihr kleiner Schatten alle Optionen hatte, sie
wieder zu verlassen. Keine Chance. Er klebte an ihr, wie ein
alter Kaugummi in den Haaren. Zu Hause angekommen, ging
er einmal durch die Wohnung, sah sich alles genau an und
legte sich dann vor die Balkontür, wo die Sonne einen
warmen Fleck hinterlassen hatte. Dann schloss er die Augen
und schlief ein. Mia schüttelte nur den Kopf und seufzte. Um
den Vermieter würde sie sich keine Sorgen machen müssen,
Alberto liebte kleine Hunde. Nur ihr Lebensplan sah zurzeit
keinen so festen Partner vor. Zwei Jobs und die anderen
Aktivitäten, die ihr Leben ausfüllten, waren genug. Da schien
einfach kein Platz für einen Hund zu sein. Nun gut. Tagsüber
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konnte sie ihn mit ins Tierheim nehmen. Die Chefin würde
ganz bestimmt nichts dagegen einzuwenden haben.
Wahrscheinlich hätte er sogar auf dem Fensterbrett im
Buchladen liegen dürfen. Wenn Mia dann abends zu Luigi
ging, konnte sie ihn ebenfalls mitnehmen. Mia hatte sich
selbst überzeugt und beschloss ihm Asyl zu gewähren. Sie
würde Zettel verteilen und überall Steckbriefe aufhängen.
Wenn sich dann keiner meldete, wollte sie sehen, wo ihre
gegenseitige Sympathie unterdessen stand. Vielleicht
mochten die Beiden sich nach einigen Tagen nicht mehr. Die
Zeit wird’s richten.
Am kommenden Morgen stand Hündchen schwanzwedelnd
an Frauchens Bett. Er war nicht hinaufgesprungen, sondern
hatte nur die Pfötchen darauf gelegt. Unwillkürlich streichelt
die Schlaftrunkene den Kleinen. Es traf sie, wie ein
Hexenschuss. Eine schlechte Sache, die man schnell wieder
loswerden wollte. Mia durfte sich diese Tatsache nicht
eingestehen, wusste es aber bereits. Sie hatte sich bis über
beide Menschenohren in dieses kleine Wesen verliebt. Warum
sollte solch ein himmlisches Gefühl nicht auch die Barrieren
der Spezies überschreiten. Jede Kreatur, selbst ein
Regenwurm, handelt zum Schutz seines Lebens. Da gehört
doch auch die Liebe dazu. Schnell wurde der Gedanke weit
fort geschoben. Noch war es viel zu früh dafür. Zum
Frühstück gab´s Marmeladenbrötchen und für Fritzi, so sollte
er heißen, eine Stulle mit Leberwurst. Er war schwer
begeistert und hüpfte ausgelassen um die Beine seines
Frauchens. Denn für ihn stand unwiderruflich fest, dass er
sich nie wieder von Mia trennen würde. Der Drucker spuckte
einige Zeit später Fritzis Steckbriefe aus. Wenn der gewusst
hätte, was das für Papiere waren, er hätte sie in der Luft
zerrissen. Mia tat gerade alles dafür, ihn loszuwerden. Doch
das wusste der kleine Kerl nicht.
An diesem Morgen klopfte jemand ungeduldig an meine Tür.
Gähnend öffnete ich. Jasi schoss an mir vorbei und stürzte
sich auf Fritzi. Da er noch kleiner gewachsen war als mein
Wirbelwind, schmiss der sich auf den Rücken und zeigte
welpengleich seinen nackten Bauch. Mia zuckte stumm mit
ihren Schultern und betrat wortlos meine Wohnung. Sah
schon echt witzig aus, wie das Hundeknäuel durch meinen
Schuhkarton kullerte. Ich machte uns einen Kaffee und hörte
aufmerksam zu, was meine Freundin mir zu berichten hatte.
Wenn man sich das Gesamtbild so betrachtete, konnte man
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schon den Eindruck gewinnen, dies alles kann kein Zufall
gewesen sein. Es war Vorsehung oder Karma oder was auch
immer. Jedenfalls hatte Fritzi sich die Mia ausgesucht und
beschlossen, fortan sei Leben mit ihr zu teilen, ob die junge
Frau das nun wollte oder nicht. „Wer weiß wofür es gut ist.
Alles hat seinen Grund.“, beschwichtigte ich die sich
mittlerweile in Rage geredete frisch gebackene Hundemutti.
„Mia, Du musst mir glauben. Ich kann da wirklich aus
Erfahrung sprechen. Sie mal, wie oft mir Jasi schon durch
ein tiefes Tal geholfen hat, in dem sie fast ertrank, vor lauter
geweinten Lottetränen.“ Meine Freundin stimmte mir zu und
legte ihre Hände in den Schoß. Sie wollte das Kommende
abwarten.
In den darauffolgenden Wochen fand sich niemand, der
Anspruch auf Fritzi erhob und Mia gewöhnte sich an das
Zusammenleben mit dem neuen Kerlchen an ihrer Seite. Ja
im Gegenteil, sie waren eine Einheit geworden. Fritzi folgte
Mia auf Schritt und Tritt. Er hatte sich als ihr kleiner großer
Beschützer entpuppt. Als habe er eine Mission zu erfüllen.
Einige Zeit später sollte sich dann bestätigen, was zu
vermuten war. Eines Abends gingen beide spazieren. Zu
dieser Jahreszeit schalteten sich bereits am späten
Nachmittag die Straßenlaternen ein. Auf meiner Couch saß
meine Mami, die zu Besuch gekommen war. Leider konnte ich
Mia ausgerechnet an diesem Tag keine Gesellschaft leisten.
Selbst Jasi zog es vor auf das Abendbrot mit Hilde zu warten,
denn Oma verwöhnte meine Kleine ununterbrochen. Ganz
allein zog das Pärchen los. Fast 20 Minuten schlenderten sie
durch die engen Gassen. Am kleinen Park angekommen ließ
Mia das Fritzchen von der Leine. Er äugte sie an und sie
sprach zu ihm: „Na los. Geh schnüffeln und buddeln. Mein
süßes Mäuschen.“ Schwanzwedelnd preschte er davon. Fritzi
schnupperte an allem, was ihm unter die Nase kam. -Gab es
neue Artgenossen im Viertel? Hatte hier etwa eine Katze
gesessen? Oh, eine Maus. Hinterher. Wo, wo, wo ist sie hin?
Ah, da, ein Loch. Ich krieg dich.- Fritzi buddelte, als ob es kein
Morgen geben würde. So sehr beschäftig, konnte er nicht auf
Mia achten. Sie hatte sich auf die einzige Parkbank gesetzt,
sah zum Himmel und staunte über das beeindruckende
Funkeln da oben. „So viel Sterne. Ob es da jemanden gibt, der
genauso wie ich auf einer Bank sitzt und sich wundert, wie
schön der Himmel ist.“ Als Mia ein Rascheln hinter sich
vernahm, reagierte sie nicht, es konnte schließlich nur ein
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kleiner braunweißer Hund sein. Sie lächelte und erwartete
jeden Moment den frechen Fritzi. Doch leider kam es ganz
anders. Irgendetwas großes Starkes packte sie von hinten
und zog ihr ihre Kapuze über den Kopf tief ins Gesicht. Dabei
hielt das Monster ihr so kräftig den Mund zu, dass sie
unfähig war zu schreien. Es zerrte die kleine schmächtige
Frau rückwärts über die Lehne ganz dicht an sich heran und
wollte sein Opfer in ein Gebüsch verschleppen, um ihr weiß
Gott was anzutun. Starr vor Angst und Schreck, ja fast
ohnmächtig, lag sie regungslos auf dem mit Efeu
bewachsenem Boden. Der Verbrecher glaubte leichtes Spiel
zu haben. Doch er hatte nicht mit dem Heldentum eines
kleinen Hundes gerechnet. Todesmutig stürzte sich Fritzi auf
die Wade des Angreifers. Der kleine Hund war nicht einmal
groß genug ihm in den Allerwertesten zu beißen. Machte aber
nichts. Da die Bestie leichtsinnigerweise Bermudashorts trug,
konnte der Mini-Ninja seine Zähne ungehemmt ins stramme
Fleisch schlagen. Einige
Tritte und darauffolgende
Purzelbäume ertrug die Kampfmaschine ohne mit der
Hundewimper zu zucken. Galt es doch, seine Gefährtin zu
verteidigen und diese Mission zu erfüllen. Schließlich fand
Fritzi die perfekte Stelle um sich festzubeißen. Mia erwachte
aus ihrer Starre und konnte sich aus der Umklammerung
befreien. Nun hörte sie, wie ihre eigene Stimme erst zaghaft,
dann immer kräftiger um Hilfe schrie. Der Bezwungene lag
unterdessen mit blutüberströmtem Bein bäuchlings auf der
Erde und ruderte wild mit den Armen. Fritzi hing nach wie
vor knurrend an seiner rechten Wade. Die ersten Anwohner
eilten herbei und keine 2 Minuten später stand die Polizei mit
Tatütata und Blaulicht zur Verhaftung bereit. Allen bot sich
ein Bild des Jammers. Der fast 2 Meter große Mann von
korpulenter Gestalt lag weinend auf den Boden, wo ihn ein
Hündchen, kaum größer als ein Meerschweinchen, danieder
gestreckt hatte. Es dauerte weitere 5 Minuten, bis Mia ihren
Beschützer davon überzeugen konnte, dass es ihr gut ginge
und er nun den Verbrecher freigeben durfte. Fast eine Woche
berichtete die Lokalpresse von dem vierbeinigen Minihelden.
Fritzi war eine kleine Berühmtheit geworden. Leider brachte
diese Popularität auch Unangenehmes mit sich. Denn bald
darauf meldete sich eine undurchsichtige Frau. Sie las die
Geschichte des mysteriösen Kennenlernens und war der
Überzeugung Fritzi sei ihre entlaufene Töle. Schon als Mia
das hörte, drehte sich ihr Magen um und alle Alarmsignale
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standen auf Rot. Die eigenartige Exhundebesitzerin erzählte
eine
fadenscheinige
Story
und
präsentierte
ein
verschwommenes Handyfoto. Ein Junge mit einem Hund auf
den Armen. Dann schlug die Lügnerin einen Deal vor. Für
300 € wollte sie schweren Herzens auf den Fritzi verzichten.
Letztendlich gab Mia klein bei und handelte den Preis auf
100 € herunter, ließ sich eine Quittung unterschreiben und
wünschte keinen schönen Tag. Seit dieser Zeit meldete
niemand mehr ominöse Ansprüche auf den Lebensretter an.
Fritzi durfte fortan auf dem Bettfußende seines Frauchens
schlafen und verdrehte allen Hündinnen in unserer Straße
den Kopf, einschließlich meiner Jasi.
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