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Ernährungssouveränität – Was sie bedeutet und wer sie will

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Nr. 433 vom 24. März 2009
Ernährungssouveränität –
Was sie bedeutet und wer sie will
ZUSAMMENFASSUNG. Steigende Nahrungsmittelpreise und neue Hungerkrisen
in vielen südlichen Ländern
haben Anfang 2008 dem Begriff Ernährungssouveränität neuen Aufschwung gegeben. Darunter verstehen
aber nicht alle das gleiche.
Von Karin Iseli-Trösch, Ing. Agr. FH
Der von der internationalen Kleinbauern- und Landarbeiterorganisation Via
Campesina geprägte Begriff Ernäh-
Genug zu essen und genug zu produzieren: Der Begriff der Ernährungssouveränität hat im Süden und im Norden an Aktualität gewonnen. (ifaj)
rungssouveränität hat durch die Nahrungsmittelkrise in den vergangenen
liche Positionen, die in diesem Dossier
Wirtschaft, befürchtet hingegen, die
Jahren weltweit Hochkonjunktur er-
dargestellt werden. Die Kleinbauern-
Schweiz würde mit einer gesetzlichen
langt. So auch in der Schweiz. Hier will
Vereinigung etwa findet, dass die
Verankerung der Ernährungssvouerä-
der Schweizerische Bauernverband ihn
schweizerische Verfassung den Forde-
nität „latent WTO-inkompatibel“.
mit Hilfe einer parlamentarischen Initi-
rungen nach Ernährungssouveränität
ative im Landwirtschaftsgesetz veran-
schon heute so nahe komme wie kaum
China sorgt vor
kern. Er hofft, damit den heutigen
eine andere. Eine Abstimmung über die
In Zukunft weniger vom Weltmarkt ab-
Selbstversorgungsgrad von 58 Prozent
Ernährungssouveränität berge die Ge-
hängig zu sein ist das Ziel von China.
zumindest erhalten zu können.
fahr einer Gegenkampagne. Manfred
Das Land mit seinen 1,3 Milliarden
Bötsch, Direktor des Bundesamtes für
Einwohnern will die Ernährungssouve-
Neuer Verfassungsartikel
Landwirtschaft, hält zumindest die
ränität auf jeden Fall beibehalten,
Die Westschweizer Bauernorganisation
Stossrichtung des Bauernverbandes für
koste es, was es wolle. Weil die inlän-
Uniterre geht noch einen Schritt weiter.
positiv.
dischen Landressourcen aber be-
Sie will die Ernährungssouveränität als
Mathias Binswanger, Professor für
schränkt sind, sieht sich die chinesische
umfassendes Konzept nicht nur im Ge-
Volkswirtschaftslehre, hält es für sinn-
Regierung seit einigen Jahren in Afrika,
setz verankern, sondern auf Verfas-
voll, den Begriff der Ernährungssouve-
Südamerika und der ehemaligen So-
sungsstufe. Mit einer Volksinitiative
ränität gesetzlich zu verankern. Es
wjetunion nach geeignetem Ackerland
soll dieses Ziel erreicht werden. Die Or-
müsse sichergestellt werden, dass man
um. Doch der Verkauf von fruchtbarem
ganisation hofft, mit diesem Schritt die
nicht zum Opfer plötzlicher Preis-
Boden ist nicht für alle ein Segen: Die
Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft
schwankungen auf dem Weltmarkt
einheimische, oftmals bitterarme Be-
in der Schweiz zu schützen.
werde.
völkerung, muss zugunsten der Chine-
Zu den Vorstössen von Bauernver-
Hans Rentsch von Avenir Suisse,
band und Uniterre gibt es unterschied-
dem Think Tank der schweizerischen
Redaktion: Markus Rediger (mr), Roland Wyss-Aerni (wy), Helene Soltermann (hs) | redaktion@lid.ch
Das Dossier erscheint sechsmal pro Jahr | Online-Archiv unter www.lid.ch
sen auf ihre eigene Ernährungssouveränität verzichten.
Ernährungssouveränität – Was sie bedeutet und wer sie will
3
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
………………………………………………………………………………………………….
2.
2.1
Ernährungssouveränität: Die Definition von Via Campesina
Was enthält das Konzept Ernährungssouveränität?
………………………………..
……………………………………..
4
5
3.
3.1
3.2
Abgrenzung zu Selbstversorgung und Ernährungssicherheit ……………………………………..
Selbstversorgung und Selbstversorgungsgrad ………………………………………………………………..
Ernährungssicherheit
……………………………………………………………………………………..
5
5
5
4.
4.1
4.1.1
4.1.2
4.2
4.2.1
4.2.2
4.2.3
4.2.4
4.2.5
4.2.6
Meinungen zur Ernährungssouveränität …………………………………………………………….. 6
Bauernverband und Uniterre: Mehr Gewicht…………………………………….…………………………...… 6
Schweizerischer Bauernverband
………………………………………………………………………. 6
Uniterre ………………………………………………………………………………………………. 6
Meinungsträger äussern sich zum Thema…………………………………….………………………………… 7
Jacques Bourgeois, Direktor des Schweizerischen Bauernverbandes
……………………………………. 7
Rudi Berli, Sekretär der Bauerngewerkschaft Uniterre ……………………………………………………. 8
Manfred Bötsch, Direktor Bundesamt für Landwirtschaft
………………………………………………. 9
Herbert Karch, Geschäftsführer Kleinbauern-Vereinigung (VKMB)
………………………………………. 10
Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule
Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen
………………………………. 11
Hans Rentsch, freier Mitarbeiter von Avenir Suisse und Projektleiter Agrarpolitik …………………………. 12
5.
Andere Länder, andere Methoden
6.
Anhang: Quellen und Links…………………………....................................………………………….…….. 13
LID Dossier Nr. 433 vom 24. März 2009
……………………………………………………………………..
4
13
Ernährungssouveränität – Was sie bedeutet und wer sie will
4
1. Einleitung
Der Begriff Selbstversorgung prägte während vielen Jahrzehnten politische Diskussionen. Doch dieses Wort hat einen schalen
Beigeschmack, da es an Krieg und Hunger
erinnert. Wer heute einen hohen Selbstversorgungsgrad fordert, wird schnell
einmal als Traditionalist und wenig
weltoffen bezeichnet. Deshalb spricht man
in der heutigen Zeit lieber von Ernährungssouveränität. So richtig in Mode gekommen
ist dieser Begriff während der globalen
Nahrungsmittelkrise der Jahre 2007/2008.
Damals schnellten die Preise für die
wichtigsten Nahrungsmittelrohstoffe in die
Höhe (siehe Grafik 1). Es wurden Stimmen
laut, die Schweiz müsse ihr Produktions-
Ernährungssouveränität der Erhalt der
die Westschweizer
potenzial für die Zukunft erhalten können,
Schweizer
garantiert
Uniterre den Begriff der Ernährungs-
um nicht noch stärker vom Ausland
werden. In der Schweiz wollen sowohl der
souveränität mehr ins Zentrum der Agrar-
abhängig zu sein. Zudem soll mit der
Schweizerische Bauernverband wie auch
politik rücken.
Landwirtschaft
Bauernorganisation
2. Ernährungssouveränität:
Die Definition von Via Campesina
Viele Entwicklungsländer sind stark ab-
souveränität bezeichnet das Recht der Be-
stellen. Bauern, Bäuerinnen und Land-
hängig von Importen (s. Grafik 2). Für sie
völkerung, eines Landes oder einer Union,
lose müssen Zugang zu Land, Wasser,
ist ein Anstieg der Rohstoffpreise auf dem
die Landwirtschafts- und Verbraucherpolitik
Saatgut und Krediten haben.
Weltmarkt besonders dramatisch, weil sich
selbst zu bestimmen, ohne Preis-Dumping
• Die Bauern haben das Recht Lebensmittel
die Bevölkerung dieser Länder teureres
gegenüber anderen Ländern.“ Es ist ein
zu erzeugen und die Verbraucher können
Essen nicht leisten kann. Genau dieser Um-
politisches Konzept und richtet sich vor
darüber entscheiden, was sie konsu-
stand ist es, der die internationale Kleinbau-
allem gegen die Bestrebungen von
mieren und wer es wie produziert.
ern- und Landarbeiterorganisation Via
Regierungen,
mit
• Der Staat hat das Recht, sich vor billigen
Campesina im Jahr 1996 bewogen hat, für
landwirtschaftlichen Gütern zu liberalisieren.
Landwirtschafts- und Nahrungsmittelim-
den
Handel
den FAO-Gipfel in Rom ein Konzept zur
porten zu schützen.
dahin wurde dieser Begriff kaum je verwen-
2.1. Was enthält das Konzept
Ernährungssouveränität?
det.
• Die lokale, landwirtschaftliche Produk-
„Ernährungssouveränität“ zu erstellen. Bis
• Den Staaten oder Unionen muss das
Recht zustehen, Billigimporte zu besteuern.
Die Organisation definierte Ernäh-
tion ist zu begünstigen und so die
• Die Bevölkerung kann über die Art der
rungssouveränität wie folgt: „Ernährungs-
Ernährung der Bevölkerung sicherzu-
Landwirtschaftspolitik mitbestimmen.
LID Dossier Nr. 433 vom 24. März 2009
Ernährungssouveränität – Was sie bedeutet und wer sie will
5
Ernährungssouveränität will nach Aussagen
STEIGENDE PREISE, NOCH MEHR HUNGER
von Via Campesina den internationalen
120
Anteil der Treibstoffimporte
Anteil der Getreideimporte
Anteil der Unterernährten
100
Prozent
80
60
40
QUELLE: FAO; © GRAFIK: Bruno Wanner, LID; www.lid.ch
Abhängigkeit der Entwicklungsländer bei Treibstoff und Lebensmittel, Durchschnitt von 2001 bis 2004
Handel nicht unterbinden, sondern stellt
sich gegen die Produktion, die einzig den
Export als Ziel hat. Die Versorgung der
Bevölkerung mit inländischen Lebensmitteln
soll klar Vorrang haben gegenüber dem
ungehinderten Zugang zu Lebensmittelimporten.
20
Tansania
Mocambique
Zentralafrika
Sambia
Haiti
Äthiopien
Simbabwe
Liberia
Sierra Leone
Tadschikistan
Burundi
Eritrea
0
Steigende Preise für Treibstoffe und Nahrungsmittel treffen viele Entwicklungsländer besonders stark, weil sie bei beidem
abhängig von Importen sind. Mit der labilen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung steigt laut der Welternährungsorganisation
FAO auch das Risiko der Unterernährung in der Bevölkerung.
Die Entwicklungsländer sind stark vom Geschehen auf dem Weltmarkt abhängig. Dies
veranlasste die Organisation Via Campesina, das Konzept „Ernährungssouveränität“
zu entwickeln.
3. Abgrenzung zu Selbstversorgung
und Ernährungssicherheit
3.1. Selbstversorgung und
Selbstversorgungsgrad
erreicht. Ökologie, Tierwohl und soziale
verloren geht.“ Seit Mitte der Fünfzigerjahre
Aspekte waren dabei kaum von Interesse.
ist das Erreichen der weltweiten Ernährungs-
Die Begriffe Ernährungssouveränität, Selbstversorgung
und
Ernährungssicherheit
sicherheit ein wichtiges politisches und
3.2. Ernährungssicherheit
soziales Thema.
bedeuten gemäss Definitionen nicht das-
Die Ernährungssicherheit ist ein von der
Die Ernährungssicherheit hat zunächst
selbe. Selbstversorgung und Selbstversor-
Welternährungsorganisation FAO geprägter
nichts mit dem Produktionsvolumen in
gungsgrad werden und wurden vor allem
Begriff. Er lehnt sich an das im Artikel 25
einem Land und auf dem Globus zu tun und
im Zusammenhang mit dem zweiten
der Allgemeinen Erklärung der Men-
hängt in erster Linie auch nicht von Importen
Weltkrieg und der damaligen Anbauschlacht
schenrechte festgehaltene Recht auf an-
und Exporten ab, sondern von der gerechten
– auch Plan Wahlen genannt – gebraucht.
gemessene Ernährung. Dieser Artikel ist wie
Verteilung der vorhandenen Lebensmittel.
Der Selbstversorgungsgrad der Schweiz
folgt definiert: „Recht auf regulären,
Eine Steigerung der Produktion alleine
stieg zwischen 1940 und 1945 von 52 auf
ständigen und freien Zugang zu Nahrung,
genügt nicht, um die Ernährungssicherheit
59 Prozent. Diese bescheidene Erhöhung
entweder direkt oder über ausreichend
in Zukunft weltweit zu garantieren.
der Selbstversorgung wurde durch das Vor-
finanzielle Mittel.“ Ernährungssicherheit
antreiben der familieninternen Eigenproduk-
wird von der FAO definiert als „physischer
tion, das Reduzieren der Viehzucht, eine
und wirtschaftlicher Zugang zu Nahrungs-
drastische Ausdehnung des Ackerbaus und
mitteln in angemessener Menge, ohne dass
durch
das Risiko besteht, dass dieser Zugang
Rationierung
der
Lebensmittel
LID Dossier Nr. 433 vom 24. März 2009
Ernährungssouveränität – Was sie bedeutet und wer sie will
6
4. Meinungen zur Ernährungssouveränität
4.1. Bauernverband und
Uniterre: Mehr Gewicht
b. die Anerkennung unterschiedlicher Be-
5. Der Bund kann Zölle auf importierte
triebsformen sichern;
Nahrungsmittel erheben und behält sich
c. den Zugang aller Landwirtschaftsbetriebe
vor, den Import von Nahrungsmitteln zu
4.1.1. Schweizerischer
zu staatlichen Investitionskrediten ermögli-
verbieten, welche unter sozialen und öko-
Bauernverband:
chen;
logischen Bedingungen produziert wurden,
FDP-Nationalrat Jacques Bourgeois, Direk-
d. den Zugang der Bewirtschafter zu Land
die nicht der Schweizerischen Gesetzge-
tor des SBV, reichte am 29. September
erleichtern und insbesondere junge Bewirt-
bung entsprechen.
2008 die Parlamentarische Initiative „Er-
schafter unterstützen;
nährungssouveränität“ ein. Er fordert da-
e. die Landwirtschaftszone vor der Boden-
6. Der Bund erlässt Vorschriften über die
rin, das bestehende Bundesgesetz über die
spekulation schützen;
Deklaration von importierten und inlän-
Landwirtschaft sei wie folgt zu ergänzen.
f. den Bauern das Recht zur freien Nutzung,
dischen Nahrungsmitteln, um die Konsu-
• Artikel 1, Zweck: „Der Bund sorgt dafür,
Vermehrung, Austausch und Vermarktung
menten über die Produktionsbedingungen
dass die Landwirtschaft durch eine nach-
des Saatgutes gewährleisten.
zu informieren.
rungssouveränität ausgerichtete Pro-
2. Der Bund erlässt Bestimmungen über
7. Der Bund lässt sich in seiner Ernährungs-
duktion einen wesentlichen Beitrag leistet
eine effiziente Organisation der Branchen-
politik vom Prinzip der Vorsorge leiten.
zur: …
verbände. Die Branchenverbände sind be-
• Artikel 2, Massnahmen des Bundes: …
auftragt, in Absprache mit den Branchen-
zusätzlicher Absatz: „Er stellt sicher,
akteuren von der Produktion bis zum
dass der Bedarf der Bevölkerung
Endverkauf das Angebot der produzierten
vorwiegend durch eine qualitativ
Nahrungsmittel zu lenken und lohnende
hochwertige, nachhaltige und di-
Produzentenpreise festzulegen.
haltige, auf den Markt und die Ernäh-
versifizierte einheimische Produktion gedeckt wird.“
3. Der Bund schenkt den Arbeitsbedingungen der landwirtschaftlichen Angestellten
4.1.2. Uniterre:
besondere Aufmerksamkeit und setzt sich
Uniterre will den Begriff Ernährungs-
für die Harmonisierung der Schutzbestim-
souveränität auf Verfassungsebene ver-
mungen auf Bundesebene ein, sowie für
ankern. Um das Ziel einen neuen Verfas-
die Unterstellung unter das Bundesarbeits-
sungsartikel
gesetz.
104
mit
dem
Titel
„Ernährungssouveränität“ zu erreichen,
will Uniterre eine Volksinitiative lancieren.
4. Der Bund fördert den inländischen An-
Der vorgesehene Verfassungsartikel soll
bau von Nahrungsmitteln, die lokale Nah-
unter anderen folgende Punkte beinhal-
rungsversorgung und stellt die Infrastruktur
ten:
zur Verarbeitung, Lagerung und Vermarktung von Nahrungsmitteln sicher. Er fördert
1. Der Bund erlässt geeignete gesetzliche
lokale geschäftsmässige Beziehungen zwi-
Bestimmungen, welche
schen Konsumenten und Bauern.
a. die Schaffung von Arbeitsplätzen in der
Landwirtschaft fördern;
LID Dossier Nr. 433 vom 24. März 2009
Ernährungssouveränität – Was sie bedeutet und wer sie will
7
4.2. Meinungsträger äussern sich
LID: Warum fordern Sie in Ihrem par-
zum Thema
lamentarischen Vorstoss nicht einen
4.2.1. Jacques Bourgeois, Direktor
des Schweizerischen Bauernverbandes (SBV)
konkreten Selbstversorgungsgrad?
stark schwanken kann, schliesslich ist die
LID: Was bedeutet aus Ihrer Sicht Er-
Ernte und damit der Selbstversorgungsgrad
nährungssouveränität?
stark vom Wetter abhängig.
Bourgeois: Weil dieser von Jahr zu Jahr sehr
Bourgeois: Dass jedes Land seine eigene
Agrarpolitik betreiben darf und diese nicht
LID: Weshalb unterstützt der SBV
durch internationale Verträge in Frage ge-
nicht den Vorstoss der Uniterre?
stellt wird. Die Ausgangslage für die Land-
Bourgeois:Uniterre und wir haben ein un-
wirtschaft ist in jedem Land eine völlig an-
terschiedliches Verständnis in Bezug auf
dere. Ebenso unterscheiden sich die
die gesetzliche Verankerung der Ernäh-
Anforderungen, welche die Bevölkerung an
rungssouveränität. Der SBV möchte die Er-
die Landwirtschaft stellt, von Land zu Land
nährungssouveränität im Land-wirtschafts-
grundsätzlich. Deshalb ist diese Autonomie
gesetz, Uniterre jedoch in der Verfassung
in der Gesetzgebung wichtig.
LID: Was ist der Unterschied zwischen
Jacques Bourgeois, Direktor des Schweizerischen Bauernverbandes: „Von der
Ernährungssouveränität profitiert die
ganze Gesellschaft.”
Ernährungssouveränität und Selbstver-
verankern. Dieses Vorgehen bedeutet eine
Volksinitiative und könnte für unseren heutigen Verfassungsartikel eine Gefahr sein.
Aus unserer Sicht sind viele der Punkte, die
sorgungssicherheit, wie sie im zweiten
LID: Weshalb hat der Begriff Ernäh-
Uniterre fordert, auf Verfassungsebene
Weltkrieg angestrebt wurde?
rungssouveränität so an Aktualität
schlecht umsetzbar oder auf Gesetzesstufe
Bourgeois: Bei der Ernährungssouveränität
gewonnen?
bereits geregelt. Vielerorts sind wir aber der
geht es nicht darum, einen Plan Wahlen,
Bourgeois: Weil durch die globale Ernäh-
gleichen Meinung.
also eine Anbauschlacht zu lancieren. Auch
rungskrise in den vergangenen Jahren klar
wollen wir keine Mauer rund um die
wurde, wie wichtig eine starke und produ-
LID: In welchen Ländern macht das
Schweiz errichten. Das Ziel ist es, den heu-
zierende Landwirtschaft für jedes Land ist.
Streben nach Ernährungssouveränität Sinn?
tigen Selbstversorgungsgrad, der etwa 58
Prozent beträgt, beizubehalten. Dafür müs-
LID: Einen wie hohen Selbstversor-
Bourgeois: In allen. Bei den Netto-Agrarex-
sen bisherige Massnahmen bewahrt und
gungsgrad halten Sie langfristig für
portländern, wie etwa den USA, spielt sie
neue ergriffen werden.
sinnvoll?
aber sicherlich eine weniger bedeutende
Bourgeois: Der heutige Selbstversorgungs-
Rolle, als bei Importländern wie beispiels-
LID: Was für Massnahmen sprechen
grad von etwas mehr als 58 Prozent muss
weise der Schweiz, die über 40 Prozent ih-
Sie an?
zumindest erhalten oder leicht erhöht wer-
rer Nahrungsmittel importiert.
Bourgeois: Als wichtigster Produktionsfak-
den. Man muss aber realistisch bleiben: Bei
tor muss der Boden und die Landwirt-
den in der Schweiz vorherrschenden Struk-
LID: Wer profitiert letztlich von einer
schaftszone sowohl zum Schutz der natür-
turen, der Topographie und dem zur Verfü-
Ernährungssouveränität?
lichen Ressourcen als auch im Hinblick auf
gung stehenden Land ist eine Vollversor-
Bourgeois: Die Gesellschaft ingesamt.
die Raumplanung erhalten bleiben. Zudem
gung nicht realistisch. Wir können in der
Schliesslich betrifft Ernährungssouveränität
spielt die Deklaration der Rohstoffe und
Schweiz nicht alle notwendigen landwirt-
die ganze Nahrungsmittelproduktionskette
verarbeiteten Produkte eine sehr wichtige
schaftlichen Güter produzieren.
und nicht nur die Landwirtschaft. Unsere
Rolle.
LID Dossier Nr. 433 vom 24. März 2009
Konsumenten verlangen qualitative hoch-
Ernährungssouveränität – Was sie bedeutet und wer sie will
8
wertige schweizerische Produkte, die aus
LID: Warum soll das Konzept der Er-
unserer Lebensmittelindustrie stammen
nährungssouveränität in die Verfas-
sollen. Eine funktionierende und multifunk-
sung aufgenommen werden?
tionelle Landwirtschaft produziert ja nicht
Berli: Wir haben eigentlich einen guten Ver-
nur Nahrungsmittel, sondern pflegt auch
fassungsartikel 104 zur Landwirtschaft.
die Landschaft, was allen zugute kommt.
Doch leider wird dieser durch den Bundes-
______________________________
rat schrittweise ausgehöhlt, was die Grundlagen der bäuerlichen Landwirtschaft in
4.2.2. Rudi Berli, Sekretär der Bau-
der Schweiz massiv gefährdet.
erngewerkschaft Uniterre
LID: Was heisst für Sie Ernährungs-
LID: Weder der SBV noch der VKMB
souveränität?
unterstützen Ihr Vorgehen. Was hal-
Berli: Ernährungssouveränität ist das Recht
ten Sie davon?
eines Landes oder einer Region ihre Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik demokratisch zu bestimmen. Dazu gehört auch,
Rudi Berli, Sekretär von Uniterre: „Der
Verfassungsartikel wird vom Bundesrat
schrittweise ausgehöhlt.”
Berli: Wir denken, dass sich sowohl der SBV
wie auch der VKMB und andere landwirtschaftliche Organisationen gegenüber einer Unterstützung des Konzepts der Ernäh-
dass die lokale Produktion Zugang zum lokalen Markt hat. Zudem müssen die Pro-
hoher Selbstversorgungsgrad durch eine
rungssouveränität schon weit geöffnet
duktionsgrundlagen Boden, Wasser, Saat-
bäuerliche und vielfältige Landwirtschaft
haben. Sie werden sich zudem früher oder
gut, Biodiversität und Kredit im Sinne
erhalten werden kann.
später auf Druck der bäuerlichen Basis und
der Gesellschaft hinter das Konzept stellen
gemeinschaftlicher Interesse gepflegt und
geschützt werden.
LID: Halten Sie sich bei Ihrem Kon-
müssen.
zept an das ursprüngliche von Via
LID: Was ist der Unterschied zwischen
Campesina?
LID: Gefährden Importe die Ernäh-
Ernährungssouveränität und Selbst-
Berli: Wir haben versucht, das Konzept, wie
rungssouveränität eines Landes?
versorgung, wie sie im zweiten Welt-
es von Via Campesina entworfen wurde,
Berli: Sofern Importe unter gleichen sozi-
krieg angestrebt wurde?
den schweizerischen Verhältnissen anzu-
alen und ökologischen Bedingungen pro-
Berli: Der Erhalt eines möglichst hohen
passen.
duziert wurden, wie die einheimische Ware
Selbstversorgungsgrades ist ein wichtiger
und sie kein Inlandprodukt verdrängen,
Teil des Konzepts der Ernährungssouverä-
LID: Uniterre hat vor einem Jahr da-
nität. In der gesellschaftlichen Diskussion
von gesprochen, eine Initiative ins
in Bezug auf soziale und ökologische Nach-
Leben zu rufen, die verlangt, dass das
LID: Ist Ernährungssouveränität in
haltigkeit wird das Bestreben nach einem
Konzept der Ernährungssouveränität
Zeiten der Globalisierung überhaupt
möglichst hohen Selbstversorgungsgrad
in die Verfassung aufgenommen wird.
noch realistisch?
jedoch ausgeklammert.
Wie wurde diese Idee seit damals vo-
Berli: Ist Globalisierung ohne soziale und
rangetrieben?
ökologische Regeln in Zeiten globaler Kri-
LID: Uniterre hat ein „Konzept der Er-
Berli: Nachdem das Projekt einer Volksinitia-
sen überhaupt noch realistisch oder nur
nährungssouveränität“ ausgearbei-
tive ausgearbeitet wurde, geht es jetzt da-
eine Ideologie, die in eine Mauer führt?
tet. Was beinhaltet dieses?
rum, eine breite und flächendeckende Dis-
Berli: Eine öffentliche Politik, die den Markt
kussion über das Konzept der Ernährungs-
LID: In welchen Ländern macht das
im Sinne sozialer und ökologischer Nach-
souveränität in Gang zu bringen.
Streben nach Ernährungssouveräni-
haltigkeit so reguliert, dass ein möglichst
LID Dossier Nr. 433 vom 24. März 2009
sind Importe kein Problem.
tät Sinn?
Ernährungssouveränität – Was sie bedeutet und wer sie will
9
Berli: In allen! Schliesslich braucht die Welt
sum von über 3300 Kilokalorien pro Person
alle Bauern. Schliesslich produzieren sie
und Tag - rund 60 Prozent erreicht. Bei
auf lokaler Ebene, den Grundstock von ge-
einem „gesunden“ Verbrauch von 2400
sellschaftlichem Reichtum.
Kilokalorien wären dies gut 80 Prozent. So
______________________________
viele Kalorien wie in den letzten Jahren hat
die Schweiz noch nie produziert. Dank For-
4.2.3. Manfred Bötsch, Direktor
schung wird es sogar möglich sein, in Zu-
Bundesamt für Landwirtschaft (BLW)
kunft noch mehr zu produzieren und
LID: Was versteht das BLW unter Er-
gleichzeitig Boden, Wasser und Luft nach-
nährungssouveränität?
haltig zu nutzen.
Bötsch: Ernährungssouveränität bedeutet,
dass ein Land eigenständig und selbstver-
LID: Der SBV stellt in Bezug auf die
antwortlich seine Landwirtschafts- und Er-
Ernährungssouveränität
nährungspolitik bestimmen kann. Dazu
rungen, die ins Gesetz aufgenommen
Forde-
werden sollen, Uniterre will Unter-
gehören unter anderem das Bodenrecht,
ist in diesen Angelegenheiten souverän,
Manfred Bötsch, Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft: „So viele Kalorien wie in den letzten Jahren hat die
Schweiz noch nie produziert.”
sagen Sie zu diesen Vorstössen?
soweit sie sich nicht im Rahmen von inter-
wird sicher mehr über das Bankgeheimnis
Bötsch: Jede Organisation hat das Recht,
nationalen Verträgen Kompetenzen selber
und die Wirtschafts- und Finanzkrise ge-
die politischen Forderungen oder Aktivi-
eingeschränkt hat.
schrieben und gesprochen als über die Er-
täten zu ergreifen, die sie für richtig erach-
nährungskrise, die vor einem Jahr ein The-
tet. Ich kenne nur die parlamentarische Ini-
LID: Was ist aus Ihrer Sicht der Unter-
ma war. Leitlinie für eine besonnene Politik
tiative von Nationalrat Jacques Bourgeois.
schied zwischen Selbstversorgungs-
sollen aber nicht Tagesschlagzeilen sein,
Deren Stossrichtung beurteile ich positiv.
grad und Ernährungssouveränität?
sondern die langfristigen Entwicklungen.
Bötsch: Der Selbstversorgungsgrad ist eine
Und diesbezüglich ist angesichts der knap-
LID: Hält das BLW es für sinnvoll, die
Dimension der Ernährungssouveränität. Er
pen natürlichen Ressourcen die Sicherung
Ernährungssouveränität wie vom SBV
sagt aus, wie viele Kalorien des aktuellen
der Ernährung der Weltbevölkerung eine
gewünscht in den Landwirtschaftsar-
Konsums im eigenen Land produziert wer-
echte Herausforderung. Sie bedingt eine
tikel aufzunehmen?
den. Er sagt dagegen nichts aus über die
effiziente, nachhaltige und ressourcenscho-
Bötsch: Erst die Debatte zur parlamenta-
Produktionsart, die Produktqualität oder
nende Nutzung von Boden, Wasser und
rischen Initiative Bourgeois wird erlauben,
die Nachhaltigkeit der Produktion. Heute
genetischen Ressourcen.
diese Frage zu beantworten. Aufgrund des
die Agrarpolitik, das Lebensmittelrecht und
nicht zuletzt die Handelspolitik. Die Schweiz
schriften sammeln, um ebenfalls Einfluss auf die Politik zu nehmen. Was
Initiativtextes und der Begründung scheint
belegt der Selbstversorgungsgrad unter anderem auch, dass der Konsum gemessen
LID: Einen wie hohen Selbstversor-
mir eine Ergänzung zweckmässig. Letztlich
am Bedarf ungesund hoch ist. Eine Konse-
gungsgrad hält das BLW langfristig
entscheidet aber das Parlament.
quenz davon ist der hohe Anteil an Fettlei-
für sinnvoll?
bigkeit.
Bötsch: Sinn macht jene Produktion, wel-
LID: In welchen Ländern macht das
che die Ressourcen effizient und nachhaltig
Streben nach Ernährungssouveräni-
LID: Warum hat der Begriff Ernäh-
nutzt. Kurzfristig kann man mit Raubbau
tät aus Sicht des BLW Sinn, in wel-
rungssouveränität so an Aktualität
viel aus dem Boden heraus holen, aber das
chen nicht und warum?
gewonnen?
ist keine langfristige Lösung. Mit 7,7 Milli-
Bötsch: Jeder Staat ist im Rahmen seiner
Bötsch: In der Politik haben immer wieder
onen Einwohnern und dem heutigem Stand
vertraglichen Engagements souverän, auch
gewisse Begriffe Hochkonjunktur – zurzeit
der Technik werden - bei einem Luxuskon-
in Fragen der Ernährung. Wieweit und in
LID Dossier Nr. 433 vom 24. März 2009
Ernährungssouveränität – Was sie bedeutet und wer sie will
10
welcher Art diese genutzt wird, ist ein Ent-
bestenfalls als Verfassungskosmetik bezeich-
scheid, den jedes Land für sich selber fällen
net werden kann. Es könnte auch sein, dass
muss. Viel wichtiger ist, dass die grosse
landwirtschaftsfeindliche Kräfte um Avenir
Mehrheit der Länder nun das Konzept der
Suisse die Abstimmung zum Anlass für eine
Multifunktionalität unterstützt, das die
massive Gegenkampagne nehmen könnten.
Schweiz erfunden und ihm auch zum internationalen Durchbruch verholfen hat.
LID: Sie sagen, wesentliche Elemente
______________________________
der Ernährungssouveränität seien bereits in der Bundesverfassung veran-
4.2.4. Herbert Karch, Geschäftsführer
kert. Können Sie das etwas näher er-
Kleinbauern-Vereinigung (VKMB)
läutern?
LID: Was bedeutet für die VKMB Er-
Karch: In der schweizerischen Bundesver-
nährungssouveränität?
fassung gibt es einen sehr guten Landwirt-
Karch: Ernährungssouveränität heisst Mit-
schaftsartikel, der auf Direktzahlungen und
Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Und es gibt
sprache der Bevölkerung bei der Sicherstellung ihrer Nahrung. Die Versorgung wird
nicht allein dem Kräftespiel am internationa-
Herbert Karch, Geschäftsführer der Kleinbauern-Vereinigung VKMB: „Keine Kräfte
verschwenden für Verfassungskosmetik.”
einen Landesversorgungsartikel, der zur
Vorsorge durch Anbaubereitschaft im Inland und Lagerhaltung verpflichtet. Hinzu
len Rohstoffmarkt überlassen. Zur Ernährungssouveränität gehört die Multifunktio-
LID: Laut dem Konzept von Via Cam-
kommen ein Verfassungsartikel über Nach-
nalität und die nachhaltige Produktion, die
pasina sind es gerade die Kleinbauern,
haltigkeit, zwölf Artikel über den Schutz von
auf Umwelt, natürliche Ressourcen und Tier-
die von einer Ernährungssouveränität
Konsumentenrechten, Gesundheit, Tieren,
wohl Rücksicht nimmt. Und die Ernährungs-
profitieren. Sie sollten also doch die
Wald, Wasser usw. In vier Wirtschaftsarti-
souveränität verbietet unfaire Handelsprak-
ersten sein, wenn es darum geht, den
kel werden Ausnahmen von der Handels-
tiken am Weltmarkt, insbesondere Preis-
Begriff im Gesetz und in der Verfas-
und Gewerbefreiheit gewährt; bieten also
dumping.
sung zu verankern, oder?
Grundlage, dass der Bund überhaupt len-
Karch: Es ist etwas paradox: Obwohl der Be-
kend in die Wirtschaft eingreifen kann. Und
LID: Sie unterstützen weder den Vor-
griff in der Verfassung nicht vorkommt, darf
dazu kommt noch die Möglichkeit der Be-
stoss des SBV noch die Initiative der
man im internationalen Vergleich die schwei-
völkerung, mit direkter Demokratie Einfluss
Uniterre. Warum?
zerische Verfassung rühmen, den Forde-
zu nehmen. Auf diesem Verfassungsfunda-
Karch: Die Kleinbauern-Vereinigung steht
rungen der Ernährungssouveränität so nahe
ment können Bundesrat und Parlament die
hinter dem Konzept der Ernährungssouverä-
zu kommen, wie kaum eine andere. Aller-
Ernährungssouveränität
nität. Es ist als internationales Gegenmodell
dings gibt es Kräfte in der Schweiz, welche
wenn der politische Wille da ist.
zu Globalisierung und Handelsliberalisierung
die Bedeutung der Inlandversorgung in Fra-
äusserst wichtig. Ich bin gegenüber der Initi-
ge stellen. Da sind wir gefordert, in der Be-
LID: In welchen Ländern macht das
ative von Uniterre aber skeptisch, weil die
völkerung das Bewusstsein für die Zusam-
Streben nach Ernährungssouveränität
reale Verbesserung unserer agrarpolitischen
menhänge zwischen Landwirtschaft und
aus Ihrer Sicht Sinn und in welchen
Grundlagen auf Verfassungseben sehr ge-
persönlicher Sicherheit wach zu halten.
nicht?
ring wäre. Der Vorstoss von Jacques Bour-
perfektionieren,
Karch: Für Länder mit Versorgungsproble-
geois auf Stufe Landwirtschaftsgesetz ist
LID: Sie sehen vor allem in der Initiati-
men bietet die Ernährungssouveränität eine
stufengerechter. Er darf aber nicht zum An-
ve von Uniterre eine Gefahr. Welche
Alternative zur Schutzlosigkeit in der gel-
griff auf die ökologischen Ausgleichsflächen
und warum?
tenden Welthandelsordnung. Wo keine fi-
verleiten. Ich hoffe, die parlamentarische
Karch: Ich fürchte, dass Kräfte verschwendet
nanziellen Mittel für Direktzahlungen vor-
Debatte wird diese Zweifel ausräumen.
werden für einen politischen Gewinn, der
handen sind, um die Bauernbetriebe zu för-
LID Dossier Nr. 433 vom 24. März 2009
Ernährungssouveränität – Was sie bedeutet und wer sie will
dern, braucht es das Recht, den Inlandanbau
4.2.5. Mathias Binswanger, Professor
vor Billigimporten aus Industrie- und Agrar-
für Volkswirtschaftslehre an der Fach-
exportländern zu schützen. So wie wir in der
hochschule Nordwestschweiz in Ol-
Schweiz auch, pochen viele Länder auf die
ten und Privatdozent an der Universi-
Bedeutung einer genügenden Eigenversor-
tät St. Gallen
gung. Dazu gehören weltpolitische Schwer-
LID: Was heisst für Sie Ernährungs-
gewichte wie Indien und China, aber auch
souveränität?
die ärmsten achtzig Länder der Erde. Ein
Binswanger: Ernährungssouveränität be-
Land, das weit über den Nahrungsbedarf
deutet im Wesentlichen, dass wichtige
der eigenen Bevölkerung hinaus produziert,
Grundnahrungsmittel, die im eigenen Land
darf das Konzept aber nicht für Agrarinteres-
angebaut werden können, weiterhin selbst
sen missbrauchen. Und Länder wie die
angebaut werden. Wichtig dabei ist, dass
Schweiz mit hohen Exporten an Industriegü-
man auf diese Weise die Kontrolle über die
tern und Dienstleistungen können im Agrar-
eigene Landwirtschaftspolitik und somit
bereich nicht die Autarkie anstreben. Unser
über Bedingungen, unter welchen diese
Selbstversorgungsgrad liegt bei etwa 60
Nahrungsmittel angebaut werden.
Prozent des Verbrauchs, aber etwa auf der
Höhe des Mindestbedarfs an Kalorien. Das
LID: Was ist aus Ihrer Sicht der Unter-
erachte ich als vernünftige Bandbreite.
schied zum Selbstversorgungsgrad?
11
Prof. Mathias Binswanger: „Gibt es ein
Freihandelsabkommen mit der EU, dann
wird die Ernährungssouveränität zur
Utopie.”
Binswanger: Ernährungssouveränität lässt
che Bedeutung der Ernährungssouveränität
LID: Was möchte die VKMB in Sicht auf
sich nicht an einem bestimmten Selbstver-
auch in Industrieländern zukommt, wenn
die Ernährungssouveränität in der
sorgungsgrad festmachen. Unterschied-
man nicht zum „Opfer” plötzlicher Preis-
Schweiz erreichen und wie?
liche Länder haben ganz unterschiedliche
schwankungen werden will.
Karch:
Ich sehe unsere Aufgabe im ver-
Möglichkeiten, Nahrungsmittel anzubauen.
nünftigen Gleichgewicht zwischen Ernäh-
Es geht auch nicht darum, den Import von
LID: Halten Sie es für sinnvoll und re-
rungssicherheit und offenem Markt. Eine
exotischen Lebensmitteln zu verhindern,
alistisch den Begriff Ernährungssou-
echte Auseinandersetzung darüber gibt es in
die bei uns nicht angebaut werden können.
veränität in die Verfassung aufzuneh-
der Freihandelspolitik. Das Agrarfreihandels-
Wir sollen aber weiterhin die Grundnah-
men?
abkommen mit der EU muss so ausgehan-
rungsmittel anbauen, für die sich unser
Binswanger: Ja, aus den bereits genannten
delt und begleitet werden, dass der Zollab-
Land eignet.
Gründen.
Inlandangebotes kompensiert wird. Ein Ab-
LID: Warum hat der Begriff Ernäh-
LID: Ist die Schweizer Agrarpolitik
kommen, das den Zusammenbruch der
rungssouveränität so an Aktualität
momentan genügend auf die Ernäh-
Agrarstruktur mit sich zieht, verletzt unsere
gewonnen?
rungssouveränität ausgerichtet?
Ernährungssouveränität. Auch bei den an-
Binswanger: Man hat die katastrophalen
Binswanger:Im Moment schaffen wir das
gestrebten Freihandelsabkommen mit Brasi-
Folgen in Entwicklungsländern gesehen, als
noch einigermassen, da in der Landwirt-
lien, China oder Russland darf die Landwirt-
diese auf den Anbau einiger wenige Export-
schaft noch kein Freihandel herrscht. Gibt
schaft nicht als Konzessionsopfer für Banken
produkte umgestellt haben und jetzt die ei-
es jedoch ein Freihandelsabkommen mit
und Versicherungen gelten. Sonst müssten
gene Bevölkerung nicht mehr versorgen
der EU, dann wird die Ernährungssouverä-
wir die stärkste Waffe der schweizerischen
können. Die ärmsten Länder sind heute fast
nität zur Utopie.
Ernährungssouveränität ins Feld führen: Das
alle Nettolebensmittelimporteure. Ausser-
Referendum!
dem haben die plötzlich gestiegenen Nah-
LID: Ist Ernährungssouveränität in
rungsmittelpreise letztes Jahr gezeigt, wel-
Zeiten der Globalisierung überhaupt
bau
durch
qualitative
Stärkung
des
LID Dossier Nr. 433 vom 24. März 2009
Ernährungssouveränität – Was sie bedeutet und wer sie will
12
noch realistisch?
Tank. Avenir Suisse macht keine „Gegen-
Binswanger:Ja. Das Ziel der Ernährungs-
kampagnen“, sondern liefert ökonomisch
souveränität gilt gerade auch in einer glo-
fundierte Beiträge zu wirtschafts- und sozi-
balisierten Welt, wo Nahrungsmittelpreise
alpolitischen Themen, unter anderem zur
viel stärkeren Schwankungen ausgesetzt
Agrarpolitik.
sind.
LID: In einem Artikel schrieb AveLID: In welchen Ländern macht das
nir Suisse, unter dem Label Ernäh-
Streben nach Ernährungssouveräni-
rungssouveränität würden kriegs-
tät Sinn, in welchen nicht und wa-
wirtschaftliche
rum?
Renaissance erleben. Wie kommen
Binswanger: In der Schweiz macht es Sinn,
Sie darauf?
weil wir in der Lage sind, unseren Boden
Rentsch: Kriegswirtschaftliche Szenarien
für die Nahrungsmittelproduktion zu nut-
sollten die Abhängigkeit vom Ausland re-
zen. Es gibt aber einige Länder, wo dies
aufgrund der natürlichen Gegebenheiten
nicht möglich ist. Es ist ähnlich wie bei der
Energieversorgung. Es wäre dumm, wenn
Szenarien
eine
duzieren, dies durch möglichst hohe SelbstHans Rentsch, Ökonom bei Avenir Suisse:
„Souverän ist ein Land, das die Ernährung seiner Bevölkerung durch Eigenproduktion und Importe sicherstellen kann.”
versorgung. „Ernährungssouveränität“ ist
ebenfalls mit hoher bzw. möglichst nicht
weiter sinkender Selbstversorgung ver-
wir unsere Wasserkraft nicht nutzen wür-
knüpft. Was ja auch im Landwirtschaftsge-
den, die einen wesentlichen Teil zu unserer
setz festgeschrieben werden soll! „Souve-
Energieversorgung beiträgt. Aber nicht alle
LID: Welche Auslegung von Ernäh-
ränität“ vermittelt einer ahnungslosen Be-
Länder haben natürliche Energieressour-
rungssouveränität halten Sie denn
völkerung den illusionären Gedanken von
cen.
für sinnvoll?
Autarkie und Selbstbestimmung. Wie weit
______________________________
Rentsch: Man könnte den Begriff durchaus
die Selbstbestimmung in der heutigen Welt
auch so verstehen, dass „Ernährungssou-
noch reicht, haben wir in anderem Zusam-
4.2.6. Hans Rentsch, freier Mitarbei-
veränität“ für die Schweiz dank hoher Im-
menhang gerade jüngst eindrücklich er-
ter von Avenir Suisse und Projektlei-
portfähigkeit gar kein Problem darstellt.
lebt.
ter Agrarpolitik
Souverän ist dasjenige Land, das die Ernäh-
LID: Uniterre und der SBV wollen den
rung seiner Bevölkerung durch Eigenpro-
LID: Im Artikel heisst es weiter, die
Begriff Ernährungssouveränität in
duktion und Importe sicherstellen kann,
treibenden Kräfte in Sachen Ernäh-
der Verfassung beziehungsweise im
und zwar so, dass die Versorgung eine
rungssouveränität möchten, dass die
Landwirtschaftsgesetz verankert se-
möglichst hohe Wahlfreiheit der Nachfra-
Bauern in der Schweiz die Nahrungs-
hen. Was halten Sie davon und wa-
ger gewährleistet.
mittelproduktion
rum?
steigern. Weder
Uniterre noch der SBV geben dies als
Rentsch: So wie die bäuerlichen Interessen-
LID:
gruppen den Begriff auslegen, wäre dies
(VKMB) befürchtet, dass Avenir Suis-
da?
falsch und gefährlich, weil damit im Endef-
se eine Abstimmung zum Thema Er-
Rentsch: Wer Abstimmungspropaganda
fekt der schweizerische Agrarschutz festge-
nährungssouveränität „zum Anlass
macht wie bäuerliche Interessengruppen,
schrieben werden soll. Dieser steht aber im
für eine massive Gegenkampagne
wird kaum alle eigenen Motive auf den
Dauerkonflikt mit den Prinzipien und den
nehmen könnte“. Ist dem so?
Tisch legen wollen. Einige davon könnten
Zielen der WTO, die für die schweizerische
Rentsch: Die VKMB sollte zur Kenntnis neh-
ja im Volk oder bei den Politikern nicht so
Volkswirtschaft entscheidend sind. Die
men, dass Avenir Suisse kein Interessenver-
gut ankommen.
Schweiz würde latent WTO-inkompatibel.
band wie die VKMB ist, sondern ein Think
LID Dossier Nr. 433 vom 24. März 2009
Die
Kleinbauernvereinigung
ihr Ziel an. Von wem sprechen Sie
Ernährungssouveränität – Was sie bedeutet und wer sie will
13
LID: In welchen Ländern macht das
Rentsch: Das hängt davon ab, was man un-
nährungssicherheit, weil diese von einem
Streben nach Ernährungssouveräni-
ter „Ernährungssouveränität“ versteht.
funktionierenden Weltagrarhandel mit ge-
tät aus Ihrer Sicht Sinn und in wel-
Nach dem Konzept der bäuerlichen Interes-
ringen Staatsinterventionen abhängt.
chen nicht?
senvertreter gefährdet sie die globale Er-
5. Andere Länder, andere Methoden
Die globale Ernährungskrise hat nicht nur in
die Bevölkerung nimmt hingegen trotz
zu investieren. Der Fokus richtet sich dabei
der Schweiz Diskussionen um möglichen
vehementen Bestrebungen der Regierung
vor allem auf den Anbau von Reis,
Handlungsbedarf ausgelöst. Auch andere
zu. Und die veränderten Essgewohnheiten
Sojabohnen. Das Bedenkliche am Vorgehen
Länder wollen in der Versorgung ihrer
der Chinesen schreien zusätzlich nach mehr
von China und den anderen Ländern: Die
Bevölkerung mit Nahrungsmittel souveräner
Getreideanbau.
riesigen Landflächen, die durch die Käufe
werden oder es langfristig bleiben. So etwa
Da innerhalb der eigenen Landesgrenzen
den Besitzer wechseln, fehlen in der Folge
China, Südkorea oder Saudi-Arabien. China
kein Neuland generiert werden kann, sieht
der einheimischen, oftmals in tiefer Armut
kann seine 1,3 Milliarden Einwohner zwar
sich China im Ausland nach geeignetem
lebenden einheimischen Bevölkerung. Was
bis heute zu weiten Teilen selbst versorgen,
Ackerland
in Afrika,
also die Ernährung der Chinesen oder
doch in absehbarer Zeit wird auch dieses
Südamerika und der ehemaligen Sowjet-
Koreaner sichern soll, untergräbt die
Land von Importen abhängig sein. Aufgrund
republik. Berichten zufolge hat die chi-
Ernährungssouveränität der Afrikaner und
von Raubbau auf den Äckern und
nesische Regierung im Jahr 2007 umge-
Südamerikaner.
gigantischen Bauprojekten nimmt das
rechnet 3,25 Milliarden Euro bereitgestellt,
Ackerland jährlich um etwa ein Prozent ab,
um in die Lebensmittelproduktion in Afrika
um, bevorzugt
6. Anhang: Quellen und Links
„Grosse Einkaufstour”, in: Welt-Sichten Nr. 2 / 2009, Magazin für globale Entwicklung und ökumenische Zusammenarbeit, Frankfurt a.M.
(http://welt-sichten.org/front_content.php?idcat=73&idart=580&printstyle=1)
„China erwirbt weltweit Ackerland”, Berliner Zeitung vom 13. Mai 2008
(www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0513/wirtschaft/0014/index.html)
„Ernährungssouveränität: Ein schillernder Begriff macht Karriere“ im LID-Mediendienst Nr. 2884 vom 29. August 2008
Parlamentarische Initiative 08.457, Ernährungssouveränität vom 29. September 2008
www.viacampesina.org
www.uniterre.ch
www.kleinbauern.ch
www.sbv.ch
www.avenir-suisse.ch
www.interportal.ch
www.tradepolicy.ch
LID Dossier Nr. 433 vom 24. März 2009
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