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Benedikt Wolf Nach Michel Foucaults berühmter Kritik dessen, was

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PENETRATION – LIEBE – MÄNNLICHKEIT
ZUM VERHÄLTNIS VON GEWALT UND LIEBE IN LITERARISCHEN FIGURATIONEN
PENETRIERTER
MÄNNLICHKEIT (BRONNEN - JAHNN)
Benedikt Wolf
Nach Michel Foucaults berühmter Kritik dessen, was er die ›Repressionshypothese‹ nennt, tritt
Macht dem Bereich der Sexualität nicht in erster Linie als Verbot gegenüber, sondern bewirkt vielmehr in produktiver Weise erst seine Konstituierung: Erst im Sprechen und Schreiben über Sexuelles konstituiert sich im 19. Jahrhundert ein Wissensbereich ›Sexualität‹. Die »Anreizung zu Diskursen« ist eine wesentliche Bedingung für die Installation des Dispositivs der Sexualität, für die Diszi plinierung der Subjekte und ihrer Körper durch das Dispositiv. Dabei spielt die neu sich formierende Sexualpathologie eine herausragende Rolle.1 Vor dem Hintergrund dieser Analyse kann es auf
den ersten Blick erstaunen, dass es Formen sexueller Praxis zu geben scheint, die von einem so
weitgehenden Tabu betroffen sind, dass noch im wissenschaftlichen Diskurs von ihnen zu schweigen ist. So formuliert Sigmund Freud, wenn er gegen Ende von Charakter und Analerotik (1908),
nachdem er recht ausführlich und die Dinge bei ihrem (wenn auch zuweilen lateinischen) Namen
nennend unwillkürliche Defäkation und willkürliches Zurückhalten des Stuhls, den Anus damit als
einen Durchgang von innen nach außen, thematisiert hat, ein einziges Mal auf die Möglichkeit einer
Penetration derselben Körperstelle von außen nach innen zu sprechen kommt, so andeutungsweise,
dass seine Leser_innen nur ex negativo auf diese Möglichkeit schließen können:
Wenn den hier behaupteten Beziehungen zwischen der Analerotik und jener Trias von Charaktereigenschaften
[nämlich Ordentlichkeit, Sparsamkeit und Eigensinn – B.W.] etwas Tatsächliches zugrunde liegt, so wird man
keine besondere Ausprägung des ›Analcharakters‹ bei Personen erwarten dürfen, die sich die erogene Erregung
der Analzone für das reife Leben bewahrt haben, wie z. B. gewisse Homosexuelle. Wenn ich nicht irre, befindet
sich die Erfahrung zumeist in guter Übereinstimmung mit diesem Schlusse. 2
Der Text fordert hier von seinen Rezipient_innen eine Konstruktionsleistung, um die Textkohärenz
herzustellen. Die textuelle Leerstelle ist der Ort analer Penetration von Männern. Den Zerfall der
Kohärenz verhindert allein das (mit)geteilte Wissen, dass es solche und solche Homosexuelle gibt
und der Anschluss an den common sense, nämlich dass Männer, die aus der analen Passage von außen nach innen einen Lustgewinn erzielen, weder ordentlich noch sparsam und schon gar nicht ei1 Siehe Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen (Sexualität und Wahrheit. Erster Band), Frankfurt a.M.:
Suhrkamp.
2 Freud, Sigmund (1989): Charakter und Analerotik, in: Studienausgabe, Bd. VII: Zwang, Paranoia und Perversion,
hg. von Alexander Mitscherlich/ Angela Richards/ James Stachey, 5. Aufl., Frankfurt a.M.: Fischer, S. 23–30, hier:
S. 29; Hervorhebung B.W.
1
gensinnig seien.
Ein ähnliches Bild – weniger überraschend – bietet der Blick auf die literarische Produktion,
die sich im Umfeld der deutschen Homophilenbewegung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entfaltet und die von einer deutlich radikaleren Tabuisierung männlicher rezeptiv-analer Sexualpraxis gekennzeichnet ist.3 Die Gründe sind u.a. in der juristischen Situation zu suchen, dem § 175 RStGB,
der die »widernatürliche Unzucht« zwischen Männern, und dem § 184 RStGB, der die Verbreitung
»unzüchtiger Schriften« unter Strafe stellte.4 Besondere Bedeutung hat aber sicherlich auch der bewegungspolitische Kontext, in dem die Texte stehen, und in dem sie als strategische Einsätze fungieren. So schreibt Otto Kiefer 1902,
»daß gerade die Belletristik wie kein anderes Gebiet im Stande ist, durch echtkünstlerische Darstellung der ho mosexuellen Leidenschaft die weitesten Kreise der Laien davon zu überzeugen, daß auch der Homosexuelle
edel, rein und gut empfinde, daß seine Gedanken durchaus nicht immer auf das grob Sinnliche gerichtet sind«. 5
Eine Thematisierung von Analverkehr wäre in diesem Kontext denkbar unpassend und kontraproduktiv, und das in so nachhaltigem Maße, dass Felix Rexhausen noch 1968 in seinem satirischen
»Ratgeber« für zukünftige Autor_innen von »Sexb[ü]ch[ern]«6 die »Unmöglichkeit« eines ›Sexbuchs‹ für männliche Homosexuelle in der »Devise [...] ›Mehr Tränen als Sperma‹« 7 zusammenfasst.
In vorliegendem Beitrag möchte ich mich nicht der sogenannten homosexuellen Belletristik,
der Gebrauchsliteratur, die im näheren oder weiteren Umkreis der Homophilenbewegung entstand,
sondern zwei literarischen Texten zuwenden, die trotz aller genannten Hinderungsgründe dennoch
3 Durchgesehen wurden u.a. die folgenden Titel: Anonym (1995 [1908]): Liebchen. Ein Roman unter Männern,
Berlin: Janssen; Granand (1993 [1920]): Das erotische Komödiengärtlein. Nachdruck der Ausgabe 1920 mit
Zeichnungen von Rudolf Pütz. Mit Nachbemerkungen zu Autor und Werk von Manfred Herzer und James W. Jones
(Bibliothek rosa Winkel 4), Berlin: Rosa Winkel; Homann, Walter (2010 [1907]): Tagebuch einer männlichen Braut.
Mit einem Nachwort von Jens Dobler (Bibliothek rosa Winkel 53), Hamburg: Männerschwarm; Homunkulus (2012
[1919]): Zwischen den Geschlechtern. Roman einer geächteten Leidenschaft, hg. von Albert Knoll/ Wolfram Setz,
Hamburg: Männerschwarm; Radszuweit, Friedrich (2012 [1930]): Männer zu verkaufen. Ein Wirklichkeitsroman
aus der Welt der männlichen Erpresser und Prostituierten. Mit einem Nachwort von Jens Dobler, Hamburg:
Männerschwarm; Siemsen, Hans (1986 [1927]): Verbotene Liebe. Briefe eines Unbekannten, in: Schriften I.
Verbotene Liebe und andere Geschichten, hg. von Michael Föster, Essen: Torso, S. 207–249; Vogel, Bruno (2011
[1929]): Alf. Eine Skizze und ausgewählte Kurzprosa, hg. von Raimund Wolfert (Bibliothek rosa Winkel 59),
Hamburg: Männerschwarm; außerdem die Zeitschrift Der Eigene. Eine interessante Ausnahme, die sexuelle
Penetration explizit thematisiert, stellt Meinke, Hans (1921): Wächterruf, in: Der Eigene. Ein Blatt für männliche
Kultur IX/I, S. 6f., dar.
4 Siehe Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich vom 15. Mai 1871. Historisch-synoptische Edition. 1871-2009,
http://lexetius.com/StGB/Inhalt (zugegriffen am 19.11.2013). Vgl. zur Geschichte des § 175 Freunde eines
Schwulen Museums in Berlin e.V. in Zusammenarbeit mit Emanzipation e.V. Frankfurt am Main (Hgg., 1990): Die
Geschichte des § 175. Strafrecht gegen Homosexuelle. Katalog zur Ausstellung in Berlin und in Frankfurt am Main,
Berlin: Rosa Winkel.
5 Reiffegg [= Otto Kiefer] (1902): Die Bedeutung der Jünglings-Liebe für unsere Zeit, Leipzig: Max Spohr, S. 23f.
6 Rexhausen, Felix (1968): Die Sache. 21 Variationen, Frankfurt a.M.: Bärmeier & Nikel, S. 11.
7 Rexhausen (1968), Die Sache, S. 109.
2
die sexuelle Penetration männlicher Körper thematisieren, und zwar in expliziter und drastischer
Weise: Arnolt Bronnens 1923 erschienener Septembernovelle und Hans Henny Jahnns in den
1950er Jahren entstandenem und 1968 postum aus dem Nachlass publiziertem Romanfragment Jeden ereilt es. Beide Texte sind unter den Bedingungen des installierten Homosexualitätsdispositivs
und des homophoben8 § 175 entstanden und liegen dennoch zeitlich so weit auseinander, das in ihrer gemeinsame Lektüre, so meine Hoffnung, auch die diachrone Dimension fassbar wird.
PENETRIERTE MÄNNLICHKEIT, HETERONORMATIVITÄT UND HOMOSEXUALITÄT
Ausgehend von dem skizzierten Befund einer weitgehenden Dethematisierung männlicher analer
Rezeptivität im 20. Jahrhundert möchte ich die Frage stellen, in was die Gefahr besteht, die von penetrierter Männlichkeit auszugehen scheint, und die im Tabu zu bändigen ist.9 Der penetrierte
männliche Anus ist, so meine These, ein Abjekt der heteronormativen Geschlechterordnung. Heteronormativität bedeutet mit Judith Butler die Normalisierung einer Geschlechterbinarität, die strukturiert ist und sich stabilisiert durch eine Matrix der Heterosexualität, in der sex, gender und desire
in behauptet kausaler Folge angeordnet werden zu zwei hierarchisierten und aufeinander bezogenen
Positionen, die ihre Konsistenz laufend durch performative Akte hervorbringen: die Position des
männlichen Körpers mit männlicher Geschlechtsidentität, der Frauen begehrt, und die des weiblichen Körpers mit weiblicher Geschlechtsidentität, der Männer begehrt. Abjekt bzw. nicht intelligibel werden Subjekte dann, wenn diese Kausalität beanspruchende Kette in einem oder mehreren der
drei Glieder gestört ist, d.h. wenn Menschen intersexuell, transsexuell/transgender oder homosexuell sind.10 Wie steht es vor diesem Hintergrund nun aber mit der sexuellen Praxis? Als ebenso abjekt
und unintelligibel im Rahmen der Heteronormativität wie die genannten devianten Positionen erscheinen die Positionen von penetrierenden Frauen und penetrierten Männern. Damit wären die drei
Parameter der Matrix der Heterosexualität – sex, gender, desire – zu ergänzen um einen vierten Pa8 Die Geschichte der Rechtsprechung nach § 175 zeigt eine kontinuierliche ›Homosexualisierung‹ des
Straftatbestandes. Wurde der Paragraph in der Zeit direkt nach der Einführung des Reichsstrafgesetzbuches noch
weitgehend im Sinne des preußischen Sodomieparagraphen auf nur wenige Handlungen bezogen, so weitet sich die
Zahl der strafbaren Handlungen zusehends aus, siehe Dworek, Günter (1990): »Für Freiheit und Recht«. Justiz,
Sexualwissenschaft und schwule Emanzipation 1871-1896, in: Freunde eines Schwulen Museums in Berlin e.V. in
Zusammenarbeit mit Emanzipation e.V. Frankfurt am Main (1990), Die Geschichte des § 175, S. 42–61; Hutter, Jörg
(1990): § 175 RStgB im Zweiten Deutschen Reich von 1890-1919, in: ebd., S. 62–80; Mende, Bodo (1990): Die
antihomosexuelle Gesetzgebung in der Weimarer Republik, in: ebd., S. 82–104. Mit der nationalsozialistischen
Verschärfung des Paragraphen 1935 (die bis 1969 geltendes Recht der BRD war) ist eine Berührung zwischen den
Beschuldigten nicht mehr gefordert, siehe Schulz, Christian (1994): Paragraph 175. (abgewickelt). Homosexualität
und Strafrecht im Nachkriegsdeutschland – Rechtsprechung, juristische Diskussionen und Reformen seit 1945,
Hamburg: MännerschwarmSkript, S. 7-9.
9 Die im Folgenden skizzierten Gedanken nehmen z. T. Überlegungen auf, die ich (unter dem Pseudonym Aaron R.
Schloch) in dem aktivistischen Text Schloch, Aaron R. [= Benedikt Wolf] (2010): Manifest des Arschlochs,
München: Selbstverlag, S. 12-17, formuliert habe.
10 Siehe Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
3
rameter, den ich als Penetrationsrolle bezeichnen möchte und der wie die drei anderen Parameter
nur zwei intelligible Positionen kennt: den Penetrierenden und die Penetrierte. Abjekte Positionen
sind damit ebenfalls diejenigen penetrierender (trans-/cis-)Frauen und penetrierter (trans-/cis-)Männer. Den literarischen Figurationen letzterer gilt das Interesse vorliegenden Beitrags.
Die Begründung einer solchen Abjektion penetrierter Männlichkeit lässt sich in einer Lacanschen Theorieperspektive präzisieren. Mit Lacan lässt sich die Funktionsweise phallischer Herrschaft als fundamental durch Bezeichnungspraktiken strukturiert denken: Der Mann ›hat‹ mit Lacan
den Phallus, die Frau ›ist‹ der Phallus: Lacan schreibt über den Zeichencharakter des Phallus: »Daß
der Phallus ein Signifikant ist, bedeutet, daß das Subjekt Zugang zu ihm findet am Ort des
Andern«.11 Die Frau, die der Phallus ist, ist erst der Signifikant, der es dem Mann ermöglicht, sich
zu bezeichnen, dessen Zirkulieren die Beziehungen der Männer untereinander ermöglicht und strukturiert.12 Wird diese Perspektive aus ihrer Festschreibung auf das durch die heterosexuelle Matrix
bestimmte Geschlechterverhältnis heraus auf die Position penetrierter Männlichkeit gewendet, ergibt sich für den penetrierten Mann eine völlig paradoxe Situation: der penetrierte Mann hat nicht
den Phallus, er ist der Phallus. In der sexuellen Praxis, der Penetration des männlichen Anus, wird
dieser zum signifikanten Ort für den Phallus. Unter den Bedingungen der heterosexuellen Matrix
hat das für den penetrierten Mann zur direkten Folge, dass sein Körper entmännlicht wird und zugleich in skandalöser Weise als männlich aufscheint: ein männlicher Körper, an dem der Phallus bezeichnet wird, ein sexuiertes Oxymoron. Im Gegensatz zur Vagina, deren Signifikation des Phallus
durch ihre Penetration, unter den Voraussetzungen der heterosexuellen Matrix als ›natürlich‹ gesetzt
ist, ist der penetrierte männliche Anus abjekt – an ihm scheint sowohl die dem Geschlecht immanente Widersprüchlichkeit auf als auch die Möglichkeit, seine Fundamente zu subvertieren.
Ein Zugang zur Theoretisierung penetrierter Männlichkeit wie der skizzierte ruft zwangsläufig die Frage nach der historischen Dimension penetrierter Männlichkeit auf. 13 Der theoretische Ansatz muss im Dienste einer historischen Perspektive stehen und erfüllt die Funktion, diese theoretisch zu informieren. Ein solches historisches Forschungsprogramm entwirft David Halperin in
11 Lacan, Jacques (1991): Die Bedeutung des Phallus, in: Schriften II. Ausgewählt und hg. von Norbert Haas, 3. Aufl.,
Weinheim: Quadriga, S. 121–132, hier: S. 129.
12 Siehe Lacan (1991), Die Bedeutung des Phallus. Vgl. auch Butler (1991), Das Unbehagen der Geschlechter, S. 7559.
13 Gerade in der deutschsprachigen feministischen Diskussion wurde Butlers Konzeption einer Kritik an ihrem
Desinteresse für die diachrone Dimension unterzogen, vgl. resümierend Villa, Paula-Irene (2008): (De)Konstruktion
und Diskurs-Genealogie: Zur Position und Rezeption von Judith Butler, in: Ruth Becker/ Beate Kortendiek (Hgg.):
Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, 2. Aufl., Wiesbaden: VS Verlag für
Sozialwissenschaften, S. 146–158, hier: S. 155f. Vgl. zur nötigen historischen Fundierung queerer Theorieansätze
weiterhin Halperin, David (2002): How to Do the History of Homosexuality, Chicago/London: The University of
Chicago Press, S. 10-13 u. ders. (2003): Ein Wegweiser zur Geschichtsschreibung der männlichen Homosexualität,
in: Andreas Kraß (Hg.): Queer denken. Gegen die Ordnung der Sexualität (Queer Studies), Frankfurt a.M.:
Suhrkamp, S. 171–220, hier: S. 175-180.
4
How to Do the History of Homosexuality.14 Als Ausgangspunkt einer solchen Geschichtsschreibung
des Dispositivs der männlichen Homosexualität kann Foucaults vielzitierte These verstanden werden, »die psychologische, psychiatrische und medizinische Kategorie der Homosexualität« habe
»sich an dem Tage konstituiert […], wo man sie […] weniger nach einem Typ von sexuellen Beziehungen als nach einer bestimmten Qualität sexuellen Empfindens […] charakterisiert hat. […] Der
Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies.« 15 Von Foucaults Datierung der
Konstituierung der Kategorie Homosexualität auf das späte 19. Jahrhundert 16 geht Halperins diskurs- und dispositivgeschichtlicher Ansatz aus.
Halperin arbeitet für die Prähistorie der Homosexualität vier Modelle heraus, Effemination,
Päderastie, Freundschaft und Inversion, die bis zur Formierung der Homosexualität im 19. Jahrhundert mehr oder weniger parallel existierten.17 Die Leistung der Formierung zum Dispositiv der Homosexualität liege, so Halperin, in der Integration dieser Modelle in eine spezifische ›Sexualität‹.
Für die vorliegende Untersuchung ist das letzte von Halperins Modellen, die Inversion, einschlägig.
Hier handelt es sich in Halperins Worten um eine
»Veranlagung, die Geschlechterrolle in jeder Hinsicht zu überschreiten: vom persönlichen Verhaltensstil, dem
physischen Erscheinungsbild und der Art zu fühlen bis hin zur sexuellen Attraktion durch ›normale‹ Männer
und zur Bevorzugung einer rezeptiven oder ›passiven‹ Rolle im Sexualverkehr mit ihnen.« 18
Aus der Kombination der skizzierten theoretischen und historischen Perspektiven ergibt sich der
Fragehorizont, in dem die Lektüren von Bronnens Septembernovelle und Jahnns Jeden ereilt es stehen werden: Die Rezeptivität wird aus dem diskursiven Modell der Inversion isoliert. Ihrem Fortwesen, dem Fortwesen eines diskursiven Kristallisationspunktes, der – als die Stelle, an welcher die
konkrete Praxis der Penetration eines Mannes durch einen Mann in den Blick rückt – als neuralgi scher Punkt verstanden wird, im modernen Homosexualitätsdispositiv und damit unter den Vorzeichen der Matrix der Heterosexualität soll in den Lektüren beispielhaft nachgegangen werden: Inwiefern ist in penetrierter Männlichkeit ein subversives Potential eingekapselt, das im historischen
Prozess der Entstehung von Männlichkeit und Homosexualität auf eine Position verwiesen wurde,
von der aus es keinen Schaden anrichten kann?
14 Vgl. Halperin (2002), How to Do the History of Homosexuality. Das für die Konzeption der historischen
Forschungsperspektive zentrale Kapitel How to Do the History of Male Homosexuality liegt in deutscher
Übersetzung vor: ders. (2003), Ein Wegweiser zur Geschichtsschreibung der männlichen Homosexualität.
15 Foucault (1983), Sexualität und Wahrheit, S. 47.
16 Foucaults (1983), Sexualität und Wahrheit, S. 47, Datierung auf das Jahr 1870 wurde in der neueren Forschung
korrigiert auf den frühesten gedruckten Beleg für den Terminus ›Homosexualität‹ im Jahr 1869, siehe Halperin,
David (2000): Homosexuality, in: George E. Haggerty (Hg.): The Encyclopedia of Lesbian and Gay Histories and
Cultures, Bd. 2, New York/London: Garland, S. 450–455, hier: S. 450f.; Kraß, Andreas (2003): Queer Studies – eine
Einführung, in: Kraß (2003): Queer denken, S. 7–28, hier: S. 14.
17 Siehe Halperin (2003), Ein Wegweiser zur Geschichtsschreibung der männlichen Homosexualität, S. 177-211.
18 Halperin (2003), Ein Wegweiser zur Geschichtsschreibung der männlichen Homosexualität, S. 197.
5
Die von Halperin herausgearbeiteten vier prähomosexuellen Diskursmuster transportieren
disparate Bedeutungen: Penetration ist mindestens seit der griechischen Antike untrennbar mit Gewalt und Herrschaftsausübung verknüpft.19 Daraus ergibt sich zwingend, dass in der Zeit vor der
Konstituierung der Homosexualität die Sphäre der mann-männlichen Freundesliebe, die ein egalitäres Verhältnis der Freunde sowohl anstrebt als auch voraussetzt, 20 von den Sphären der Sodomie
und der Päderastie streng geschieden sein müssen. Das Projekt, die genannten Diskursmuster in
eine ›Homosexualität‹ zu integrieren, setzt also zwangsläufig Konflikte in Gang und ruft Reibungen
hervor. Ein Ergebnis dieses historischen Prozesses ist nach Halperin 21 die von Eve Kosofsky Sedgwick aufgewiesene fundamentale Inkonsistenz der Kategorie Homosexualität. 22 Ein weiterer Effekt
ist jedoch auch, dass sich penetrierte Männlichkeit diskursiv konstituiert im Verhältnis zu den Größen Liebe und Gewalt und unter den Bedingungen eines Redeverbots, das sowohl vom homophoben Tabu, als auch von dem Druck bewirkt wird, den die Kategorie Homosexualität ausübt, die nur
noch ein allgemeines Subjekt des Homosexuellen kennt. Die beiden im folgenden vorgestellten literarischen Texte schreiben sich, jeder auf völlig unterschiedliche Weise, in dieses prekäre Projekt
ein. Dabei lassen beide ihre erzählten sexuellen Welten kollabieren – allerdings mit konträren Implikationen.
DER PENETRIERTE KNABENKÖRPER IM EROTISCHEN DREIECK: ARNOLT BRONNEN, DIE SEPTEMBERNOVELLE
Der 1923 publizierten Septembernovelle Arnolt Bronnens ist durchweg das Bestreben anzumerken,
Skandal zu machen, und sie wurde zeitgenössisch als Skandaltext aufgenommen. 23 Die skandalösen
Momente des Textes macht die eher spärliche Forschungsliteratur zur Septembernovelle in avantgardistischen Verfahrensweisen, in der drastischen Beschreibung von Sexualität und Gewalt und vor
allem im Thema der ›Homoerotik‹ aus.24 Im Zentrum der Novelle scheint dabei eine nie benannte
19 Vgl. Halperin (2002), How to Do the History of Homosexuality, S. 24-47.
20 Vgl. zur Diskursgeschichte der Freundesliebe Kraß, Andreas (2011): Im Namen des Bruders: Fraternalität in
Freundschaftsdiskursen der Antike, des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, in: Behemoth. A Journal on Civilisation
4/3, S. 3–22.
21 Siehe Halperin (2003), Ein Wegweiser zur Geschichtsschreibung der männlichen Homosexualität, S. 178f.
22 Siehe Sedgwick, Eve Kosofsky (2003): Epistemologie des Verstecks, in: Kraß (2003), Queer denken, S. 113–143.
23 Vgl. Münch, Ursula (1985): Weg und Werk Arnolt Bronnens. Wandlungen seines Denkens (Europäische
Hochschulschriften. Reihe I Deutsche Sprache und Literatur 788), Frankfurt a.M.: Lang, S. 99 mit Anm. 1;
Aspetsberger, Friedbert (1995): ›arnolt bronnen‹. Biographie (Literatur in der Geschichte. Geschichte in der
Literatur 34), Wien/Köln/Weimar: Böhlau, S. 271.
24 Siehe v.a. Car, Milka (1999): Die Provokation in der Novelle und die Novelle als Provokation. Zur
Septembernovelle Arnolt Bronnens, in: Zagreber germanistische Beiträge 8, S. 13–26. Vgl. auch Aspetsberger
(1995), ›arnolt bronnen‹, S. 269f.
6
»Sache«,25 ein nie ausgeführter »Kern«,26 zu stehen, welche der Protagonist wie der Erzähler immer
wieder im Mund führen. Diesen ›Kern‹ der Novelle, so meine These, macht die Penetration eines
männlichen Körpers aus.27 Aus diesem ›Kern‹ erst entwickelt sich die zerstörerische Dynamik, welche die Novelle für die drei Hauptfiguren in der Katastrophe enden lässt.
Die Septembernovelle erzählt die Geschichte des Lehrers Huber, der mit Frau und Kind in
der Salzburger Vorstadt lebt. Huber lernt beim Baden am See den »Knaben«28 Franz kennen und
verliebt sich in ihn. Es kommt zum Geschlechtsverkehr zwischen den beiden, zur Abkehr Hubers
von seiner Frau und seinem Freund Gugenmayr und schließlich zur gesellschaftlichen Ächtung
durch die öffentliche Meinung. Als Huber mit dem Ziel einer Versöhnung Franz und seine Frau zusammenführen will, kommt es zum Verkehr zwischen Franz und Frau, die den Knaben beim Akt ersticht und sich daraufhin selbst ertränkt. Huber flieht in die Berge und begeht, verfolgt von der Sittenpolizei, Suizid, indem er sich in eine Gebirgsschlucht stürzt.
Bei der Lektüre der Sekundärliteratur zur Septembernovelle fällt auf, dass öfter relativ spekulative Interpretationen gegeben werden, die sich nur schwer am Text festmachen lassen. So
spricht Baureithel in Bezug auf eine zentrale Szene, das Orgelspiel Hubers im Beisein Franzens, das
als sexueller Akt beschrieben wird, von »Zeugungsphantasien« Hubers, 29 ohne dass die kommentierte Stelle der Septembernovelle einen Hinweis auf Generativität enthielte, so sprechen Aspetsberger und Car Huber eine Sehnsucht nach »Erlösung« zu, die m.E. im Text nicht nachweisbar ist. 30
Spekulationen sind in Bezug auf die Septembernovelle jedoch weder angemessen noch nötig. Bronnen selbst gibt in seinem autobiographischen Spätwerk Tage mit Bertolt Brecht (postum 1960) Hinweise auf eine alternative Lektüremöglichkeit, wenn er die »erotischen Orgien« seines Frühwerks
als »Erkenntnismethoden« charakterisiert.31 Die sexuellen Akte, so legt dieser Hinweis nahe, bedür25 Bronnen, Arnolt (1989): Die Septembernovelle, in: Sabotage der Jugend. Kleine Arbeiten 1922-1934, hg. von
Friedbert Aspetsberger (Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft. Germanistische Reihe 37), Innsbruck: Institut
für Germanistik, S. 147–170, hier: S. 156: »Was heißt heilig! Was heißt Leben! Zur Sache!! Zur Sache!!«
26 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 165: »[...][N]achdem er die Leute ein Lied hatte singen lassen zu dem er
selbst anfangs hinunterbrüllte ergriff er den Kern der Sache«; ebd.: »Das muß aus mir! Kern!! Kern!! Herz!!
Herz!!«; ebd.: »Wir haben den Kern der Sache schrie Huber.«
27 Vgl. Münch (1985), Weg und Werk Arnolt Bronnens, S. 96, die konstatiert, dass Huber »›den Kern der Sache‹, den
er mit aller Leidenschaft sucht, in der Begegnung mit dem halbwüchsigen Knaben findet«. Ulrike Baureithel (1990):
»Die letzte tolle Karte im Männerspiel«. Über Arnolt Bronnens Roman »Film und Leben Barbara la Marr« mit
einem Ausblick auf die »Septembernovelle«, in: literatur für leser 3, S. 141–154, hier: S. 153, versteht die »nicht
näher umschriebene ›Sache‹« als »novellistisches Ding-Symbol«. Dabei sei die ›Sache‹ »im jeweiligen Kontext
zweifelsfrei phallisch konnotiert«.
28 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 149. Der Text setzt voraus, dass Franz sich in einer genitalen
Entwicklungsphase befindet, also kein Kind mehr ist, vgl. v.a. ebd., S. 169: »die Brüste geilheitsvoll stachen ihn an
er [Franz, B.W.] drang in sie ein«.
29 Baureithel (1990), Die letzte tolle Karte im Männerspiel, S. 152.
30 Vgl. Aspetsberger (1995), ›arnolt bronnen‹, S. 269-271, wo die herangezogene Vergleichsfolie Cabaret gerade
offenbart, dass der Septembernovelle das Moment der Erlösung fehlt, und Car (1999), Die Provokation in der
Novelle, S. 22.
31 Bronnen, Arnolt (1960): Tage mit Bertolt Brecht. Geschichte einer unvollendeten Freundschaft,
Wien/München/Basel: Desch, S. 153.
7
fen keiner Deutung. Sie sind nicht erklärungsbedürftig sondern umgekehrt Werkzeug zur Erkenntnis
von Anderem.
Tatsächlich ist sexuelle Penetration in der Septembernovelle keineswegs eine verschwiegene
Leerstelle. Deutlich wird das Begehren der Frau, beschrieben, penetriert zu werden: So konstatiert
der Erzähler bei der ersten Beschreibung ihrer Physiognomie: »es lag in ihrem Wesen dieses
Schicksal ergriffen und durchbohrt zu werden«.32 Und auch in ihrer erlebten Rede beim Sex mit ihrem Mann wird der Wunsch geäußert, »daß ihr runder Bauch durchstoßen wurde«. 33 Doch auch die
Penetration eines männlichen Körpers erscheint als explizit ausgesprochene Möglichkeit im Gespräch Franzens mit einem zweiten Knaben, das der nackte Voyeur Huber belauscht:
»Der Grobe richtete sich auf hielt seine Hoden in der Hand. Männer können sich auch./ Wie feig der ist dachte
Huber verzerrt. Hat er Scham? Aussprechen! Hinausgehen! Er fühlte eine Wollust an diesen Worten die alle ge mein waren. […] Lieber verkümmerte die Sprache an herrlichsten Worten als daß sie auf den schmatzenden
Genuß ihrer als Delikatessen aufgemachten Fäkalien verzichtete. […]/ Was können sich Männer auch fragte
nach längerer Zeit der Schöne. Natürlich können sie sagte der Grobe der nicht hinhörte und sein Hemd weg zog./ Du riechst sagte der Schöne./ Man riecht immer behauptete der Grobe. Wirst du schrein?/ Nein ich will
nicht lehnte ruhig der Schöne ab. Mach deinen Dreck allein./ So pack du meinen und ich pack deinen./ Ich sag
doch ich will nicht./ Und das andre?/ Was anderes?/ Ich in dich./ Der Schöne richtete sich auf und seine Hände
strichen seinen Leib./ Man kann in mich hinein –/ Huber sprang vor.«34
Vor dem Hintergrund dieser Wendung des elliptischen »Männer können sich auch« über Hubers Reflexion über die sprachlichen »Fäkalien« in die vollendet minimalistische Formulierung einer Möglichkeit des »Ich in dich« kann die sich direkt anschließende Szene zwischen Huber und Franz
kaum anders denn als anale Penetration des Knaben gelesen werden:
»An der haarigen Brust hielt Huber den Weißen umschlungen küßte ihn bezwang ihn. […] Sie rangen auf Leben und Tod. […] Aber Hubers lange zottigen Arme wanden sich wie eine Riesenschlange um den Weißen.
[…] Ohne erschöpft zu sein löste sich der Weiße und blieb an ihm. Seine Augen sahen ihn an. Huber sah in seine Augen und ihr Blick schien ihm nicht ergründlich./ […]/ […]/ Stöhnend lehnte der blühende Leib an der
Mauer rief nach dem andern war überwältigt. In ihm rann das Blut des Mannes. Gierig schnauften sie wie
Hengste«.35
Der gewaltsame Überfall Hubers wird transformiert in gemeinsame ›Gier‹. 36 Aus dem »in dich«
wurde ein »in ihm«. Nur mittels Gewaltanwendung können Franzens Körpergrenzen, seine »hart[e]
und hell[e] […] Haut«,37 überwunden werden.38
32
33
34
35
36
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 148.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 151. Vgl. auch ebd., S. 162: »Ein andrer Mann wird sie durchdringen.«
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 158f.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 159.
Bronnen selbst interpretiert die Szene 1954 rückblickend als Vergewaltigung, siehe Bronnen, Arnolt (1954): arnolt
bronnen gibt zu protokoll. beiträge zur geschichte des modernen schriftstellers, Hamburg: Rowohlt, S. 91.
37 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 149.
38 Vgl. zur Bedeutung der Körpergrenze für die Konstitution des männlichen Körpers Theweleit, Klaus (2005):
Männerphantasien 1 + 2, 3. Aufl., München/Zürich: Piper; Bergmann, Franziska (2008): »Mann, was sind wir hart!«
8
Penetration, Gewalt und Liebe scheinen für den Protagonisten der Septembernovelle untrennbar miteinander verknüpfte Größen zu sein. Von Liebe ist in Bezug auf beide Begehrensobjekte Hubers die Rede. Dabei wird ein Bogen gespannt vom Zustand vor dem Ingangsetzen des verhängnisvollen Handlungsverlaufs bis zur finalen Katastrophe. Ist die ›Liebe‹ Hubers zur Frau deutlich in einen konventionellen Rahmen eingebunden – »In ihr war Anreiz. Er liebte sie dennoch. Er
mußte sie lieben übrigens. Er liebte sein Heim. Er liebte sein Leben« 39 –, so ist sein Liebesgeständnis gegenüber dem Knaben Franz ganz im Gegenteil dazu ein emphatisches: »Er rief schrie heulte
auf:/ !! Ich lieb dich!/ […]/ Der Lehrer Huber saß vor dem schimmernden Leib des Knaben Inbrunst
sprach aus seinem Mund: Dich lieb ich dich lieb ich dich lieb ich –«.40 In beiden Sexualbeziehungen
spielt Gewalt eine Rolle. Während der erste Verkehr mit Franz deutlich als gewalttätiger Überfall
beschrieben ist, ist für die Frau der Orgasmus ein »Tod«. 41 Im Horizont des Textes scheint die Verknüpfung der drei Größen Penetration, Gewalt und Liebe in der heterosexuellen Ehe unproblematisch zu sein und erst durch einen dritten Faktor, den penetrierten Knabenkörper problematisch zu
werden.
Interessanterweise scheint der sexualpathologische Diskurs mit seinen theoretischen Modellen und seiner Diskussion von Veranlagung und Verführung für die Protagonisten der Novelle keine
Rolle zu spielen. Huber konstatiert nüchtern: »Was ekelte ihn für den nichts schmutzig war und alles natürlich? Er griff in alles und bejahte alles. Daß er einen Knaben lieben konnte wußte er. Er
hatte geheiratet weil ihm das Weib gefiel er liebte keine Festlegung und keine Prinzipien«. 42 Seine
Frau weiß nicht, wer ihr Rivale um Hubers sexuelle Gunst ist. 43 Sie empfindet gewöhnliche Eifersucht: »Ich lass dich nicht schrie die Frau./ […]/ Wir sind zwei Jahre verheiratet schluchzte sie. Ich
hab dich immer geliebt. Ich werde dich immer lieben./ […]/ Ich will auch zum nächsten Besten gehen und ehebrechen drohte sie heiß«.44 Auf Franz’ Perspektive verzichtet der Text weitgehend. Erst
bei seiner Tötung durch die Frau wird sie relevant. Nur in der Außenperspektive wird Hubers und
Franzens Sexualverhalten als deviant kenntlich: »Die Stadt schüttelte mehr und mehr ihr Haupt«. 45
Und schließlich greifen die Strafverfolgungsbehörden ein: »Schon hatte der Staatsanwalt am
Stammtisch in der Traube von dem Falle vernommen und die Gelegenheit schien ihm günstig in die
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9
– Eine queer-feministische ANALyse geschlechts-differenzierter Körpergrenzen, in: dies./ Jennifer Moos/ Claudia
Münzing (Hgg.): queere (t)ex(t)perimente, Freiburg i.Br.: Fördergemeinschaft wissenschaftlicher Publikationen von
Frauen, S. 57–64.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 148.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 167.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 151.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 152.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 161: »Sie wußte aber nichts. Niemand sagte ihr daß ihr Mann einen
Knaben öffentlich liebte. Was man andeutete verstand sie nicht«.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 161.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 161.
allgemeine Sittenlosigkeit der Generation wieder einmal reinigend einzugreifen«. 46 Als solche, als
konventionelle Außenperspektive, erscheint die Ablehnung seines Begehrens sogar in Hubers Gedanken: »Wenn du sie überfällst weiß es die ganze Stadt war die Warnung./ Du verlierst dein Weib.
Hubers Gesicht war diesen Argumenten unzugänglich. Du verlierst Beruf und Nahrung auch hast du
ein Kind«.47 Doch solche Gedanken kanzelt Huber unverzüglich als »Binsenwahrheiten«48 ab. Gerade die Opposition zur bürgerlichen Normalität, wie sie vor allem in den Gesprächen mit dem
Freund Gugenmayr im Hause Huber,49 mit Kaplan Knödel in der Bahn50 und mit einem Mönch vor
der Wallfahrtskirche51 zum Ausdruck kommt, ist es schließlich, die Hubers Verhältnis zur ihn umgebenden Gesellschaft grundlegend prägt.52
Damit ist die sexuelle Anziehung zwischen Huber und Franz zwar als juristisch illegal und
gesellschaftlich unerwünscht markiert. Dabei wird aber nicht auf den sexualpathologischen Diskurs
über Homosexualität zurückgegriffen. Homosexuell ist der Lehrer Huber auch tatsächlich nicht.
Weder kann die Rede davon sein, dass er keine Personen des anderen Geschlechts begehrt, noch davon, dass er als Mann Männer begehrt. Huber weiß »daß er einen Knaben lieben konnte«53 und begehrt den Knaben Franz. Er gehört nicht der Kaste derer an, die eine anima muliebris virili corpore
inclusa besitzen,54 noch ist er eine sexuelle Zwischenstufe,55 schon gar nicht ein Invertierter.56 Seine
Männlichkeit scheint auf gegen die Kontrastfolie des Geistlichen Kaplan Knödel. Nachdem Huber
einen »alte[n] Herr[n]«, mit dem er in der Straßenbahn in ein Wortgefecht geraten ist, aufgefordert
hat: »Legen Sie ihren Schwanz auf den Tisch des Hauses!«, nimmt der Text eine Effeminierung des
Kaplans mit syntaktischen und phonetischen Mitteln vor: »Mädel kreischten. Knödel zwinkerte mit
dem einen Auge mit dem andern murmelte er Gebete«. Und der Text verrät weiter: »Er hatte im übrigen für Huber eine gewisse Schwäche die ihm nicht erklärlich war«. 57 Bei Huber handelt es sich
um einen virilen Päderasten – ganz im Sinne von David Halperins prähomosexuellem Modell der
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Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 162.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 157.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 158.
Siehe Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 152f.
Siehe Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 155f.
Siehe Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 164f.
Vgl. zur antibürgerlichen Weltanschauung Hubers, die deutlich an die Ideologie der Jugendbewegung des frühen 20.
Jahrhunderts anknüpft Münch (1985), Weg und Werk Arnolt Bronnens, S. 96f.; Car (1999), Die Provokation in der
Novelle, S. 16 u. 26. Aspetsberger (1995), ›arnolt bronnen‹, S. 265, bezieht die Charakterisierungen Gugenmayrs als
»fanatischer Chauvinist« (Bronnen [1989], Die Septembernovelle, S. 152) fälschlicherweise auf Huber. Vgl. zum
Verhältnis Bronnens zur Jugendbewegung Aspetsberger (1995), ›arnolt bronnen‹., S. 104-143.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 152; Hervorhebung B.W.
So die Formel, auf die Karl Heinrich Ulrichs das Wesen der ›Urninge‹ bringt, vgl. Sigusch, Volkmar (2008):
Geschichte der Sexualwissenschaft. Mit 210 Abbildungen und einem Beitrag von Günter Grau, Frankfurt a.M./New
York: Campus, S. 158f.
So die Terminologie Magnus Hirschfelds, vgl. Sigusch (2008), Geschichte der Sexualwissenschaft, S. 214f.
Vgl. zur Begriffsgeschichte Halperin (2003), Ein Wegweiser zur Geschichtsschreibung der männlichen
Homosexualität, S. 206.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 155.
»Päderastie oder ›aktive[n]‹ Sodomie«.58
Das Thema der Päderastie teilt die Septembernovelle mit einem etwa zehn Jahre älteren Text
eines ungleich etablierteren Autoren, mit Thomas Manns Der Tod in Venedig von 1912. Die Septembernovelle sei, so schreibt Friedbert Aspetsberger, »bis in Details als eine primitiv-brutale, primär körperliche Kontrafaktur zu Thomas Manns ›Tod in Venedig‹« lesbar. 59 Diese Einschätzung
wiederholt Milka Car und führt aus, das Gemeinsame sei das »Motiv der homoerotischen Liebe«,
sowie »die Spannung zwischen Eros und Thanatos«, die Unterschiede lägen auf der Seite Bronnens
in einer »totalen Verrückung der Geschlechterrollen« und »einem avantgardistischen Formenrepertoire«.60 Von einer »Verrückung der Geschlechterrollen« kann für die Septembernovelle keine Rede
sein. Der virile Päderast Huber bleibt bis ans Ende in seiner Männlichkeit unangetastet, die Frau,
deren Telos von Anfang an das ›Durchbohrt-Werden‹ war, 61 geht zwar soweit, Franz zu töten. Vor
dem Hintergrund einer Phalanx mordender Frauengestalten von Medea bis Salomé 62 erscheint das
aber kaum als radikale ›Verrückung‹ und bleibt eher der Figur des ›Weibes‹ verpflichtet, wie sie
etwa Otto Weininger als einen Hort katastrophaler Sinnlichkeit beschrieben hatte.63 Folgerichtig
trägt die einzige Frau in der Septembernovelle keinen anderen als eben diesen Namen: ›Frau‹. Die
beiden anderen Punkte Cars - »avantgardistisches Formenrepertoire« als Unterschied zu Mann und
»Eros und Thanatos« als gemeinsames Thema bleiben bedenkenswert.
Für einen eingehenden Vergleich zwischen Septembernovelle und Der Tod in Venedig ist hier
nicht der Ort. Doch auch eine recht oberflächliche Gegenüberstellung der beiden Texte kann die besondere Konstellation der Septembernovelle zu präzisieren helfen. Beiden Erzählungen gemeinsam
ist sicherlich die enge Beziehung von päderastischem Eros und Tod, wie sie Car konstatiert. 64 Das
Begehren, das sich auf einen ›Knaben‹65 richtet, ist in beiden Fällen, bei Aschenbach wie bei Huber,
der Motor, der die Handlung in die Katastrophe führt. Die Todesnähe ist denn auch in beiden Titeln,
im »Tod in Venedig« wie im Herbst der »Septembernovelle« präsent. Ein erster Unterschied ist dabei jedoch die Todesart der Protagonisten. Während Aschenbach durch die Cholera, 66 eine Krankheit, zu Tode kommt, bleibt Huber vom ersten bis zum letzten Satz des Textes ein kerngesunder Na58
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63
Halperin (2003), Ein Wegweiser zur Geschichtsschreibung der männlichen Homosexualität, S. 185-192.
Aspetsberger (1995), ›arnolt bronnen‹, S. 266.
Car (1999), Die Provokation in der Novelle, S. 25f.
Siehe Bronnen (1989), Septembernovelle, S. 148.
Vgl. auch Mayer, Hans (2007): Außenseiter, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 31-176.
Vgl. Weininger, Otto (1980 [1903]): Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung, München: Matthes
und Seitz. Siehe zu den Weininger-Anklängen Münch (1985), Weg und Werk Arnolt Bronnens, S. 98 mit Anm. 3;
Car (1999), Die Provokation in der Novelle, S. 16.
64 Siehe Car (1999), Die Provokation in der Novelle, S. 23 u. 25f.
65 Tadzio wird von seiner ersten Erwähnung an »Knabe« genannt: Mann, Thomas (2004): Der Tod in Venedig, in:
Frühe Erzählungen 1893-1912. Hg. und textkritisch durchgesehen von Terence J. Reed unter Mitarbeit von Malte
Herwig (Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke - Briefe - Tagebücher 2.1), Frankfurt a.M.: Fischer,
S. 501–592, hier: S. 529.
66 Siehe Mann (2004), Der Tod in Venedig, S. 578.
11
turmensch, der sich durch den Sturz vom Berg in die Natur zurück zu Tode bringt. Diesem Gegensatz korrespondiert in gewisser Weise ein Unterschied im Ort der Handlung. Während Aschenbach
an einem Sehnsuchtsort fern der Heimat Tadzio verfällt, bleibt Huber verwurzelt in seiner heimatlichen Umgebung und verliebt sich in einen Franz. Einem Dekadenz-Modell scheint hier also ein vitalistisches Modell entgegenzutreten.
In diesen Befund fügt sich der Umstand, dass im Tod in Venedig der Homosexualitätsdiskurs
im Gegensatz zur Septembernovelle sehr wohl präsent ist: Der geschminkte ältere Herr, den
Aschenbach auf der Schifffahrt beobachtet, ist ein Zerrbild des devianten Homosexuellen, 67 an das
sich Aschenbach schließlich angleicht: Am Ende der Erzählung lässt sich auch Aschenbach frisieren
und schminken.68 Ganz anders Huber, dessen »schwarzes Haar derb und verworren ist« und dessen
Erscheinung im Rückgriff auf Naturvergleiche beschrieben wird: »Füße […] wie Pratzen«, »Knie
und Hände […] wie Knollen«, »eine Stimme […] wie getretenes Geröll«. 69
Am deutlichsten unterscheidet die beiden Texte ihre Form. Während Manns Text sich in eine
klassische Erzähltradition einschreibt70 – auktorialer Erzähler, lange Perioden mit zahlreichen Hypotaxen –, strebt die Septembernovelle den avantgardistischen Bruch mit der Tradition an: Die Sprache ist durch stakkatoartige Reihungen kurzer Parataxen gekennzeichnet, 71 die Syntax beginnt sich
aufzulösen,72 auf Binneninterpunktion innerhalb der Sätze wird vollständig verzichtet. 73 Diese stilistischen Merkmale haben eine Funktion auch für die narrative Strategie der Septembernovelle. Sie
ermöglichen eine Erzählhaltung, die Erzählerstimme, erlebte Rede und direkte Rede unvermittelt
und unmarkiert gleichberechtigt nebeneinanderstellt. Ein Beispiel hierfür findet sich in der Beschreibung des Kennenlernens Hubers und Franz’:
»Als er [Huber, B.W.] rot und prustend wieder herauskam und sich nach Franz umsah um ihn zu packen wer
sieht es im Wasser übrigens will ich ihn ja schlagen sprangen johlend die beiden anderen ins Wasser und tauchten ihn«.74
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Siehe Mann (2004), Der Tod in Venedig, S. 518f. u. 521-523.
Siehe Mann (2004), Der Tod in Venedig, S. 584-586.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 148.
Vgl. Vaget, Hans R. (2005): Der Tod in Venedig, in: Helmut Koopmann (Hg.): Thomas-Mann-Handbuch,
3., aktualisierte Aufl., Frankfurt a.M.: Fischer, S. 580–591, hier: S. 588. Die Beziehungen der Erzählung zu
klassischen Erzähltraditionen sollten nicht über die Modernität des Textes hinwegtäuschen, siehe hierzu Blödorn,
Andreas (2011): »Wer den Tod angeschaut mit Augen«. Phantastisches im Tod in Venedig?, in: Thomas Mann
Jahrbuch 24, S. 57–72.
Z.B. Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 165: »Er packte das Volk. Er zerriß das Volk. Er packte den Knaben.
Er enthüllte ihn. Er stieß vor. Er drang ein«.
Z.B. Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 169: »Über den Schenkeln wuchs auf Fülle Gier Fleisch Wollust«.
Bronnen wollte ursprünglich auf jegliche Interpunktion verzichten, was erst der Verlag verhinderte, siehe Bronnen
(1954), arnolt bronnen gibt zu protokoll, S. 90; Baureithel (1990), Die letzte tolle Karte im Männerspiel, S. 153,
Anm. 52. Vgl. zum Stil Car (1999), Die Provokation in der Novelle, S. 20.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 149.
Der unvermittelte Wechsel der grammatischen Subjekte scheint die Distanz zwischen Erzählung
und erzählter Welt beinahe zum Verschwinden zu bringen.
Dieses Erzählverfahren steht, wie auch Hubers oben zitiertes Credo vom »Aussprechen« der
sprachlichen »Fäkalien«, in scharfem Gegensatz zur »ordnende[n] Kraft und antithetische[n] Beredsamkeit«75 der Aschenbachschen Erzählkunst, die in Der Tod in Venedig mit ihren eigenen Mitteln
exekutiert wird.76 Im Unterschied zur kunstvollen narrativen Vermittlung von Manns Erzählung
strebt die Septembernovelle auch auf der Ebene von Stil und Erzählverfahren ein möglichst hohes
Maß an Unvermitteltheit an. Dementsprechend finden sich im Tod in Venedig zwar phallische Zeichen,77 tatsächliche körperliche Sexualität hat hier jedoch keinen Platz, weder als erzählte Möglichkeit noch als erzähltes Geschehen. Hubers »Zur Sache!! Zur Sache!!« 78 leistet gerade dies: die Thematisierung der Penetration.
Der zentrale Unterschied der beiden Erzählungen liegt jedoch in der Figurenkonstellation –
und von hier aus erklären sich m.E. erst die genannten Abweichungen. Während sich der päderastisch akzentuierte Dekadenzweg Aschenbachs in der Zweierkonstellation von erastḗs und erṓmenos
entfaltet, ist die Grundkonstellation der Septembernovelle ein erotisches Dreieck.79 Die Septembernovelle erweist sich, auch wenn ihr stilistischer Gestus als extrem impulsiv auftritt, als genau gebaut.80 Zu Beginn des Textes werden drei Körper eingeführt, die im Verlauf der Novelle ein Dreieck
bilden, bei dem jeder Eckpunkt mit jedem anderen Eckpunkt Sex haben wird. Die ersten beiden
Körper, derjenige der Frau und der Hubers, werden in direkt aufeinander folgenden Absätzen präsentiert. Während der »Leib« der Frau »überall […] weiche und sinnliche Formen« zeigt und sein
Telos als seine Penetration bestimmt wird – »es lag in ihrem Wesen dieses Schicksal ergriffen und
durchstoßen zu werden«,81 hat Huber einen »harte[n] und kantige[n] Körper«. 82 Die heterosexuelle
Dyade wird festgeschrieben im Rückgriff auf das System der Zwangsheterosexualität: 83 »Er mußte
sie lieben übrigens. Er liebte sein Heim. Er liebte sein Leben«. 84 Als dritter Körper tritt nun der des
75 Mann (2004), Der Tod in Venedig, S. 508.
76 Vgl. Vaget (2005), Der Tod in Venedig, S. 588f.
77 Vgl. etwa die »haarige[n] Palmenschäfte« in Aschenbachs Vision zu Beginn der Erzählung, Mann (2004), Der Tod
in Venedig, S. 504 und v.a. die Phallosprozession um das »obszöne Symbol, riesig, aus Holz« in Aschenbachs
Traum, ebd. S. 583.
78 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 156.
79 Vgl. auch Car (1999), Die Provokation in der Novelle, S. 15.
80 Cars (1999), Die Provokation in der Novelle, S. 20, Einschätzung, die Erzählweise der Novelle lasse »keine präzise
Gliederung des Textes zu«, erscheint vorschnell und wird von Car selbst, ebd., S. 22, relativiert: »Dieser Akt der
Befreiung ist nach den Regeln der klassischen Tragödie gestaltet.«
81 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 148.
82 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 148.
83 Vgl. zum Begriff der Zwangsheterosexualität Rich, Adrienne (1993): Zwangsheterosexualität und lesbische
Existenz, in: Elisabeth List/ Herlinde Studer (Hgg.): Denkverhältnisse. Feminismus und Kritik, 3. Aufl., Frankfurt
a.M.: Suhrkamp, S. 244–280.
84 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 148.
13
Knaben Franz hinzu, ein Körper, der Huber »prachtvoll zu sein [schien]«, 85 ein Körper, der »[h]art
und hell« ist und dessen »Haut alle Strahlen von sich [schmiss]«, 86 ein Körper mit starken Körpergrenzen also, dessen ›Schicksal‹ es nicht ist, »ergriffen und durchstoßen zu werden«.
Vor dem oben zitierten Gespräch der beiden Jungen über die Penetrierbarkeit ihrer Körper,
wird das Thema der Penetration zweimal verhandelt: Einmal im sexuellen Verkehr der heterosexuellen Dyade und einmal im Zusammenhang eines zweiten erotischen Dreiecks. Die Komposition
der Septembernovelle beginnt mit einem heterosexuellen Geschlechtsakt und endet mit einem solchen. Der eheliche Geschlechtsverkehr des Ehepaars erscheint als erlebte Rede der Frau: »[...] ach
daß ihr runder Bauch durchstoßen wurde. Sie hetzte dem Orgasmus zu versunken halb in einen Tod.
Ein letzter Aufschrei das: !! bis in mein Herz«. 87 Hier wird das Verb »durchstoßen«, das bei der ersten Beschreibung der Frau Anwendung fand, aufgenommen und präzisiert: Es handelt sich um das
›Durchstoßen‹ der sexuellen Penetration, und zugleich bedeutet diese einen temporären Tod im Orgasmus. Schon hier also, im heterosexuellen penetrativen Verkehr, ist eine unauflösbare Verquickung von Eros und Thanatos angelegt. Dabei erfahren gerade an dieser Stelle die Zeichen, die der
Erzählvorgang mobilisiert, eine Transformation: Die Erzählung des penetrativen Aktes ist kaum
noch Beschreibung, vielmehr szenisches Zitat, an die Stelle des Wortes tritt die Interpunktion. Der
orgiastische Höhepunkt, der als ›halber Tod‹ gekennzeichnet ist, ist zugleich ein performativ vollzogener ›kleiner Tod‹ der Erzählung. Die Möglichkeit scheint auf, dass die Distanz zwischen Erzählung und Erzähltem tatsächlich beseitigt werden kann: im Tod der Erzählung, der ihren Abbruch bedeutete.
Bevor sich nun die drei päderastischen sexuellen Szenen zwischen Huber und Franz entwickeln, ist eine Episode eingefügt, die Huber im Kontakt mit einem nicht sexuell begehrten männlichen Gegenüber vorführt: Am Abend kommt Hubers Freund und Kollege Gugenmayr zum Schachspielen zu Besuch. Die Freunde, geraten dabei regelmäßig aneinander: »Sie stritten sich und spielten Schach dessen Figuren sie sich im Endspiel an die Schädel warfen. Die Frau auch von Gugenmayr geliebt mußte oft vermitteln«.88 War das erotische Dreieck Huber – Frau – Franz bisher nur in
der Gegenüberstellung von heterosexueller Dyade und Einzelnem angedeutet, so ist diesem ersten
Dreieck hier die von Eve Kosofsky Sedgwick beschriebene Situation des homosozialen Austauschs
gegenübergestellt. Sedgwick hat in Between Men. English Literature and Male Homosexual Desire
das erotische Dreieck für die literaturwissenschaftliche Analyse stark gemacht. Sie geht unter anderem von der strukturalistischen anthropologischen Theorie von Claude Lévi-Strauss aus, der argu85
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Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 148.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 149.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 151.
Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 152.
mentiert, dass Gruppen von Männern mit einander in sozialen Austausch treten, indem sie über Heirat oder ähnliche Institutionen Frauen austauschen.89 Sedgwick argumentiert nun im Rückgriff auf
René Girards Modell des triangulären Begehrens,90 dass das erotische Dreieck, bei dem ein Mann
eine Frau als Begehrensobjekt nicht wegen derer Qualitäten wählt, sondern aufgrund des Begehrens
eines anderen Mannes, eine zentrale Struktur sei, über die in der Neuzeit der homosoziale Kontakt
unter Männern vermittelt werde.91 Ebendiese Struktur ist im Verhältnis Hubers und Gugenmayrs
kenntlich, deren Austausch über eine von den beiden männlichen Eckpunkten ›geliebten‹ Frau vermittelt wird. Das Geschlechterverhältnis, die »männliche Herrschaft«, ist nach Pierre Bourdieu angewiesen auf eine »Somatisierung der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse«.92 Diese Einschreibung der Herrschaft in die sexuierten Körper bediene sich einer sexualisierten Topologie der
Körper, die sich auf ein semantisches System beziehe, das nach dem Prinzip der Binarität organisiert sei.93 Um die Verkörperlichung des Geschlechterverhältnisses im Akt der Penetration im Sinne
einer »politische[n] Soziologie des Geschlechtsaktes« 94 zu modellieren, möchte ich vorschlagen,
Lacans weiter oben angesprochene Theorie über die »Bedeutung des Phallus« für die Analyse der
Konstruktion homosozialen Austauschs in der sexuellen Praxis des erotischen Dreiecks in Anschlag
zu bringen. Damit wäre der homosoziale traffic in women95 zu denken als strukturiert durch eine
phallogozentrische Bezeichnungspraxis: Der Mann, der den Phallus hat, setzt sich mit einem anderen Mann in Beziehung über die Frau, die der Phallus ist. Die Penetration der Vagina, als des Ortes,
der den Phallus bezeichnet, ist der Akt, der die homosoziale Beziehung einsetzt und strukturiert. Die
Frau, die der Phallus ist, ist erst der Signifikant, der es dem Mann ermöglicht, sich zu bezeichnen,
dessen Zirkulieren die Beziehungen der Männer untereinander ermöglicht und strukturiert.
Solange nun der homosoziale Austausch zwischen Huber und Gugenmayr durch die Frau,
die der Phallus ist, gesichert ist, kann dieser in seinen gewohnten Bahnen verlaufen: »Ihr Beisamensein gestaltete sich wie üblich«.96 Die beiden Männer »tobten […] sich stundenlang in Schimpforgien aus«,97 ihre parolenhaften Sätze wechseln sich regelmäßig ab:
89 Siehe Sedgwick, Eve Kosofsky (1985): Between Men. English Literature and Male Homosocial Desire, New York:
Columbia University Press, S. 26. Vgl. Lévi-Strauss, Claude (1981): Die elementaren Strukturen der
Verwandtschaft, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
90 Siehe Sedgwick (1985), Between Men, S. 21-23. Vgl. Girard, René (2012): Figuren des Begehrens. Das Selbst und
der Andere in der fiktionalen Realität. Mit einem Nachwort von Wolfgang Palaver, 2. Aufl., Wien: Lit.
91 Siehe Sedgwick (1985), Between Men.
92 Bourdieu, Pierre (2013): Die männliche Herrschaft, 2. Aufl., Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 45.
93 Siehe Bourdieu (2013), Die männliche Herrschaft, S. 17-43.
94 Bourdieu (2013), Die männliche Herrschaft, S. 39.
95 Siehe Rubin, Gayle (1975): The Traffic in Women. Notes on the »Political Economy« of Sex, in: Rayna R.
Reiter (Hg.): Toward an Anthropology of Women, New York: Monthly Review Press, S. 157–210. Sedgwick bezieht
sich in ihrer Konzeption u.a. auf Rubins Text, siehe Sedgwick (1985), Between Men, S. 25f.
96 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 152.
97 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 152.
15
»Man muß alles einreißen heulte Huber. Die Menschen muß man aufhängen raste Gugenmayr. Nieder mit den
Lokomotiven spie Huber. Ich scheiß auf die Republik farzte Gugenmayr. Ich will wieder auf die Berg wo ich
nichts sieh und hör beruhigte sich Huber. Ich will meinen Kaiser wieder haben stöhnte Gugenmayr«. 98
Allerdings deutet sich in der fäkalen Sprache, die sich mit Gugenmayr verbindet, eine virulente
Möglichkeit an, die im unausgesprochenen Hinweis auf den Anus Gugenmayrs als dem konkreten
Produktionsort seines »Scheißens« und »Farzens« das Funktionieren des homosozialen Austauschs
über die Vagina der Frau als den Ort der phallischen Bezeichnung zu unterlaufen im Stande ist. Das
Scheitern des homosozialen Austauschs wird an der Stelle manifest, wo Huber einen neuen PhallusSignifikanten ins Spiel bringt. Huber muss im Lauf des Gesprächs an Franz denken: »Da kam es
über ihn: Wie ihn finden? […] Eh er wußte hatte er den Gugenmayr gefragt: Kennst du hier einen
Franz sein Vater ist Eisenbahnarbeiter und schmuggelt so einen hellen und großen?« 99 Mit Gugenmayrs Antwort »Soll ich einen Franz kennen! Kennst du einen hier der nicht Franz heißt!« 100 beginnt die Situation zu eskalieren. Im Lauf des folgenden Wortgefechts
»schmiß [Huber] sein Taschenfeitel auf den Tisch. […]/ Wie ein Lausbub befetzt zu werden schrie Gugenmayr
nahm das Messer vom Tisch riß es auf und speerte es auf den Boden daß es zitternd zentimetertief in die Bretter drang und surrte«.101
Als Reaktion auf die Ablehnung des neu ins Spiel gebrachten Phallus Franz wird das tödliche Potential der »Durchstoßung« Penetration im Messer vorgeführt. Huber weist Gugenmayr die Tür:
»hinaus! brüllte Huber die Frau flehte die Tür krachte hinter Gugenmayr den Kleiderhaken riß er mit samt sei nem Hut./ Laß meinen Kleiderhaken da schmetterte ihm Huber nach./ Leck mich am Arsch mit allen deinen
Kleiderhaken! wies ihn Gugenmayr ab dem die Haken des Instruments im Genick saßen so daß er nichts zu la chen hatte. Er fauchte von dannen während der Kleiderhaken im zerrissenen Futter seines Rockes wühlte«. 102
Die in der fäkalen Sprache Gugenmayrs aufscheinende Möglichkeit auch seiner Penetration, die im
neuen männlichen Phallus Franz manifest wurde, wird erneut an Gugenmayr konkretisiert: Er verweist auf seinen »Arsch«, der an seiner Rückseite »im Futter seines Rockes« wühlende Kleiderhaken tut ein Übriges.
In den drei Zusammenkünften Hubers mit Franz, vollzieht er die Aufkündigung des triangulären Modells homosozialer Beziehungen in praxi. Die Zusammenkünfte finden, wie Car anmerkt,
sämtlich außerhalb der Stadt ab, »weit entfernt von aller Zivilisation«. 103 Nach der vollzogenen Pe98 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 152.
99 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 153.
100 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 153.
101 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 153.
102 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 153.
103 Car (1999), Die Provokation in der Novelle, S. 19.
16
netration in der ersten dieser Begegnungen, wird in der Wallfahrtskirche Maria Plein der nun möglich gewordene unvermittelte Austausch mit Franz erprobt. Homosozialität und päderastische Sexualität fallen in eins. In der orgiastischen Beschreibung des Orgelspiels, die ein Vokabular der Penetration mobilisiert – »Er packte den Knaben. Er enthüllte ihn. Er stieß vor. Er drang ein. Ich muß
hinein schrie er noch von außen! Das muß aus mir! Kern!! Kern!! Herz!! Herz!! so tobte er bis er
zersprengte. Nun bin ich da erstrahlte er«104 – sind sozialer Austausch, musikalische Produktion und
sexueller Akt eins.105 Begeistert geht Huber den nächsten Schritt und stellt den Versuch an, sich über
den Phallus Franz mit der Frau zu versöhnen. Er nimmt Franz mit in sein Haus und erklärt ihm:
»Wann sie dich sieht ist sie nimmer bös« 106 und weiter: »Schau meine Frau wann sie hereinkommt
daß sie deine Augen sieht«.107 Nur noch retardierendes Moment vor der kommenden Katastrophe
kann das letzte sexuelle Zusammensein Hubers mit Franz sein, als sie die Frau nicht im Haus antreffen. Noch einmal betont Huber dabei seinen glücklichen Fund einer Möglichkeit unvermittelten
Kontakts zum Knaben: »Die Frau kommt nicht. Wer braucht Frauen?«108 Die Penetration des Knabenkörpers hat damit in der Septembernovelle zwei verschiedene Funktionen: Zum einen die, ein
unvermitteltes Verhältnis zwischen Huber und Franz einzuführen, bei dem homosozialer und homosexueller Austausch in eins fallen, zum anderen die, den heterosozialen Austausch zwischen Huber
und Frau über Franz, der dann der Phallus wäre, (wieder-)herzustellen.
Der kühne Versuch Hubers, ein Modell des heterosozialen Austauschs über einen Knaben als
Phallus einzuführen muss scheitern. Denn der penetrierte männliche Knabenkörper hat ein doppeltes Potential: der Phallus zu sein und den Phallus zu haben. Der als Phallus vorgesehene Knabe penetriert die Frau und okkupiert damit die Position des Den-Phallus-Habens: »er drang in sie ein es
durchfuhr sie daß sie sich aushauchte wie sterbend«. 109 Die Katastrophe vollzieht sich, wenn sich
der immer schon manifeste, doch bislang heteronormativ gebändigte Todestrieb der Frau aggressiv
nach außen richtet: »Ihre Lust aber wollte Tod. Sie jagten heran. Sie ergriff das Messer zerriß den
weißen Leib. !! Ich mach dich nackt schrie sie an./ Der Knabe sah das Messer das seinen Bauch zer riß. […] Kot und Eingeweide quollen«. 110 Skandalös scheint in dieser letzten Penetration der Körper
des Knaben als unmöglicher Phallus auf. Dabei bricht vermittelt durch den Todestrieb der Frau die
gewalttätige Qualität auf, die dem Akt der Penetration immer schon inhärent zu sein scheint. Wurde
schon der erste heterosexuelle Geschlechtsakt als ›halber Tod‹ beschrieben, war schon der erste se104 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 165.
105 Vgl. zur Szene des Orgelspiels auch Baureithel (1990), Die letzte tolle Karte im Männerspiel, S. 153.
106 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 165.
107 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 166.
108 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 166.
109 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 169.
110 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 169.
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xuelle Verkehr Hubers mit Franz als Überfall gezeichnet, so wird im als defizitär vorgeführten Modell des heterosozialen Austauschs über einen männlichen Phallus die sexuelle Penetration unmittel bar von der gewaltsamen Penetration der harten Körpergrenzen des Knaben beantwortet. Der skandalös gewordene Körper des Knaben kehrt sein Inneres nach außen und weißt über den »Kot« die
Messerwunde als Penetrationswunde aus.
Wieder ist der Höhepunkt durch zwei Ausrufezeichen markiert, wieder scheint im Orgasmus, der an dieser Stelle nun nicht mehr nur virulent einem Tod gleichkommt, der Erzählung die
Stimme zu versagen. Wieder führt die Erzählung ihre einzige Möglichkeit vor, selbst das Erzählte
zu sein, nämlich in ihrem Abbruch, und damit die Herrschaft der Signifikanten zugunsten einer Inthronisierung des Signifikats zu suspendieren. Huber hatte an früherer Stelle in der Erzählung im
Streitgespräch in der Bahn mit Knödel gegen dessen Begriff des ›Geistigen‹ gewettert:
»Was mein ich geistig heulte Huber wer sagt daß ich was geistig mein schlug er um sich. Mit engerm Geist
könnts ihr meinetwegen denen Jochtolmen die Bibel beibringen. Aber a Suppen kochen kann ich mir vom ganzen Geist vom ganzen Land nicht. Und mitm ganzen Geist von der ganzen Welt bringst du die schwitzeten
Schenkel von dein Moidi nicht auf.«111
Huber demaskiert Knödels Begriffe als leere Phrasen und redet einem Materialismus des Leiblichen
das Wort. Seine Rede zeitigt performativ Wirkung über ihre Dauer hinaus:
»Knödel schwieg vorsichtig. Aber die Wellen der Sinnlichkeit die der Lehrer um sich verbreitet hatte da sie ihn
trieben schwollen von Bursch zu Bursch und von Mädel zu Mädel. Es brannten die Leiber nach außen und
nach innen«.112
Der leeren Phrase vom ›heiligen Leben‹, die er Knödel unterstellt – »Einen Glauben habts ihr: Das
Leben ist heilig. Deshalb muß es verborgen werden!« – stellt Huber seine eigene Auffassung vom
›Leben‹ gegenüber:
»Deshalb muß es zerrissen werden! schrie Huber. Deshalb muß es sichtbar werden! Was heißt heilig! Was heißt
Leben! Zur Sache!! Zur Sache!!/ Ich hab in mir nur Blut gesehn: Wann ich einen andern pack stoß ich Blut in
ihn. Wirken heißt Gewalt zwingen. Die Menschen müssen vergewaltigt werden!« 113
Das ›Leben‹ wird verbürgt erst in der Penetration und im Tod, zwei in der Septembernovelle stets
verknüpfte Größen; das ›Leben‹ kommt erst am Rande des Todes zu sich selbst. Dasein bedeutet für
Huber, so könnte man im Rückgriff auf Heideggersche Terminologie formulieren, immer Sein zum
Tode.114
111 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 156.
112 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 156.
113 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 156.
114 Heidegger, Martin (1993): Sein und Zeit, 17. Aufl., Tübingen: Niemeyer, S. 245: »So wie das Dasein vielmehr
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Unter diesen Gesichtspunkten wird das Ende des Textes als die Stelle, wo die Erzählung
buchstäblich aufhört zu sein, bedeutsam. Das Ende des Textes fällt mit dem Tod seines Protagonisten zusammen. Die Septembernovelle hatte begonnen mit dem Heraustreten Hubers aus dem
Dunklen: »Indem der Lehrer Huber durch den Mönchsbergtunnel nach Maxglan hinausging sah er
vor sich das Licht«.115 Diesem ersten Satz korrespondiert der letzte, der den Tod Hubers und den
Abbruch des Texts markiert: »Vor sich sah er das Dunkel«. 116 In diesem engen Bezug des Anfangs
auf das Ende erscheint die gesamte Erzählung als strukturiert durch den Todestrieb im Freudschen
Sinne. Freud formuliert:
»Der konservativen Natur der Triebe widerspräche es, wenn das Ziel des Lebens ein noch nie zuvor erreichter
Zustand wäre. Es muß vielmehr ein alter, ein Ausgangszustand sein, den das Lebende einmal verlassen hat und
zu dem es über alle Umwege der Entwicklung zurückstrebt. Wenn wir es als ausnahmslose Erfahrung annehmen dürfen, daß alles Lebende aus inneren Gründen stirbt, ins Anorganische zurückkehrt, so können wir sagen:
Das Ziel alles Lebens ist der Tod, und zurückgreifend: Das Leblose war früher da als das Lebende.«117
Protagonist und Text treten zu Beginn der Erzählung aus dem Dunkel ins Licht und kehren schließlich ins Dunkel zurück. An der Schwelle des Todes erlebt Huber die größtmögliche Intensität seines
›Seins‹: »Das Denken verging ihm. Aber er fühlte noch die Spannung die ihn herabriß ihn durch
jagte seine Schwere sein Leben sein Sein«. 118 Unmittelbar vor seinem Sturz und bevor ihm das
»Denken verging«, konstatiert Huber: »Das Leben ist wie dieses Tal nackt und beschissen«. 119 Die
höchste Stufe der Unmittelbarkeit, die höchste Intensität erreichen Protagonist und Erzählung der
Septembernovelle an einem fäkalen Ort. Der penetrierte männliche Anus hat in der Septembernovelle diese Bedeutung: Er ist die Stelle am Körper, über die Unmittelbarkeit erreichbar wird – und die
ist im Horizont des Textes nur um den Preis des Todes des erzählten Protagonisten wie der Erzählung selbst zu haben.120
ständig, solange es ist, schon sein Noch-nicht ist, so ist es auch schon immer sein Ende. Das mit dem Tod gemeinte
Enden bedeutet kein Zu-Ende-sein des Daseins, sondern ein Sein zum Ende dieses Seienden. Der Tod ist eine Weise
zu sein, die das Dasein übernimmt, sobald es ist«. Vgl. in diesem Zusammenhang auch besonders die Ausführungen
zur Beziehung zwischen Sein zum Tode und Man, die dem Gegensatz zwischen Hubers ›Kern der Sache‹ und der
von ihm kritisierten Rede vom ›Geistigen‹ analog zu sein scheint, ebd., S. 252-255. Vgl. zu Heideggers Begriff des
Seins zum Tode Rentsch, Thomas (2013): »Sein und Zeit«. Fundamentalontologie als Hermeneutik der Endlichkeit,
in: Dieter Thomä (Hg.): Heidegger-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, 2., überarbeitete und erweiterte Aufl.,
Stuttgart/Weimar: Metzler, S. 48–74, hier: S. 65-67.
115 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 147.
116 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 170.
117 Freud, Sigmund (1989): Jenseits des Lustprinzips, in: Studienausgabe, Bd. III: Psychologie des Unbewußten, hg.
von Alexander Mitscherlich/ Angela Richards/ James Stachey, 6. Aufl., Frankfurt a.M.: Fischer, S. 213–272, hier: S.
248.
118 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 170.
119 Bronnen (1989), Die Septembernovelle, S. 170.
120 Vgl. für eine bedenkenswerte politische Kritik des Bronnenschen Werks Denkler, Horst (1982): Blut, Vagina und
Nationalflagge. Über das Grundsätzliche am Sonderfall Arnolt Bronnen (1895-1959), in: Hermann Haarmann/ Klaus
Siebenhaar (Hgg.): Preis der Vernunft. Literatur und Kunst zwischen Aufklärung, Widerstand und Anpassung.
Festschrift für Walter Huder, Berlin/Wien: Medusa, S. 103–119.
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ZIRKULATION DER KÖRPER – HANS HENNY JAHNN, JEDEN EREILT ES
Der Konzeption Bronnens, wo aus der Aufkündigung des Modells homosozialer, über einen Frauenkörper vermittelter Beziehungen geradezu zwangsläufig die Katastrophe für alle Beteiligten zu folgen scheint, möchte ich nun eine literarische Erzählung gegenüberstellen, die wie die Septembernovelle Verschiebungen im erotischen Dreieck vornimmt, diese aber in einer Weise radikalisiert, die
eine utopische Dimension ermöglichen. Interessanterweise stellt Bronnen in den autobiographischen Tagen mit Bertolt Brecht selbst eine Beziehung zwischen den ›erotischen Orgien‹ seines
Frühwerks und Jahnns erstem Drama Pastor Ephraim Magnus (1919) her und benennt dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede im (unterstellten) poetischen Anliegen der beiden Autoren:
»Jahnn wollte, gleich Bronnen, eine Erkenntnis des Fleisches, eine Wissenschaft des Gefühls, eine Algebra der
Nerven. Während Bronnen indessen die erotischen Orgien als Erkenntnismethoden verwandte, sezierte Jahnn
die gewaltig dröhnende Orgel der menschlichen Leidenschaft mit allen Mitteln der Folter, der Grausamkeit, ei ner bis an die äußersten Grenzen gehenden Bestialität.« 121
Kann dieses retrospektive Urteil Bronnens über sein Frühwerk und Jahnns dramatischen Erstling
selbstverständlich weder als gültige Aussage gewertet, noch gar auf Jahnns narratives Spätwerk bezogen werden, so kann es, wie ich meine, doch in heuristischem Sinne einen Vergleichshorizont für
die Lektüre der beiden Texte eröffnen. Nach Bronnen gehe es beiden Autoren um eine »Erkenntnis
des Fleisches«, zu der sich eine Erkenntnis auch von »Gefühl« und »Nerven« gruppiere. Während
Bronnen
die
Thematisierung
von
Sexualität
(die
»erotischen
Orgien«)
aber
als
»Erkenntnismethode«, man darf ergänzen: von Erkenntnisgegenständen, die nicht in ihnen aufgehen, einsetze, gehe es Jahnn in der Thematisierung von Sexualität um ein radikales ›Sezieren‹ der
»menschlichen Leidenschaft«, d.h. der Erkenntnisgegenstand wäre die ›Leidenschaft‹, das ›Fleisch‹
selbst. Aus diesem heuristischen Impuls ergibt sich die Frage, in deren Horizont die folgende Lektüre von Jahnns Jeden ereilt es steht: Welche Funktion kann der obsessiven und detaillierten Thematisierung der Penetration männlicher Körper in Jeden ereilt es beigemessen werden? Handelt es sich
um ein ›Sezieren‹ des Sexuellen um seiner selbst willen oder ergeben sich aus ihm Folgen, die es
ermöglichen, das in penetrierter Männlichkeit vermutete subversive Potential näher zu bestimmen?
1951 beginnt Jahnn sein letztes Romanprojekt, einen »Liebesroman«122 mit dem Titel Jeden
ereilt es, der Fragment blieb und als solches 1968, nach Jahnns Tod, von Rolf Burmeister herausge121 Bronnen (1960), Tage mit Bertolt Brecht, S. 153,
122 Brief Jahnns an Werner Helwig, 25. Juli 1959, zit. nach Schweikert, Uwe (1987): Nachwort, in: Hans Henny Jahnn:
Späte Prosa. Jeden ereilt es. Die Nacht aus Blei. Autobiographische Prosa und Aufzeichnungen aus den fünfziger
Jahren, hg. von Uwe Schweikert (Werke in Einzelbänden. Hamburger Ausgabe), Hamburg: Hoffmann und Campe,
S. 511–534, hier: S. 523.
20
geben wurde.123 Der vorhandene Text erzählt von der Beziehung zweier junger Männer, 124 des Reedersohns und Studenten Matthieu und des Sohns einer »Hure« 125 und Matrosen Gari. Die Handlung
setzt ein, als Gari von der See nach Kopenhagen zurückkehrt, wo er sich, wie in der Freundschaftsbeziehung üblich, mit Matthieu trifft. In Gesprächen und Erinnerungen wird immer wieder der Beginn der Beziehung zwischen Matthieu und Gari erzählt: Als Matthieus Vater, der Reeder, in den
Verdacht geraten war, die Havarie eines seiner Schiffe absichtlich verursacht und den Tod der
Mannschaft in Kauf genommen zu haben, um von einem Versicherungsbetrug zu profitieren, haben
die Arbeiterjungen des Viertels den jungen Matthieu überfallen, um ihn ›abzuschlachten‹. 126 Dazu
haben sie seinen Bauch aufgeschlitzt, und einer der Jungen hat seine Finger in die Bauchwunde gezwängt. Erst der dazukommende Gari, als ›Hurensohn‹ ein von der Gemeinschaft der Arbeiterjungen Ausgeschlossener, hat Matthieu errettet und ihn notdürftig verbunden. Auf Matthieus Wunsch,
mit Gari von nun an befreundet zu sein, ist Gari zuerst nicht und dann erst auf Matthieus Vorschlag
hin eingegangen, seinen kleinen Finger als Freundschaftspfand entgegenzunehmen. Gari hat Matthieu den Finger abgeschlagen und trägt ihn seit damals konserviert in einem Amulett um den Hals.
Die Freundschaft der beiden Jungen nahm deutlich erotische Züge an. 127 In der Jetzt-Zeit der Erzählung hat Gari aber eine Freundin und es scheint, als ob die Beziehung der beiden neu auszuhandeln
sei. Von diesem Aushandlungsprozess, der an verschiedenen Schauplätzen ausgetragen wird, handelt das überlieferte Fragment. Dabei ist durchgehend eine weitere metareale Ebene eingezogen,
welcher der Gedanke zugrunde liegt, dass zwei Engel sich der Körper Garis und Matthieus bedienen. Der Inhalt der nicht realisierten Teile lässt sich ungefähr erschließen aus dem allerersten Text
Jahnns zu dem Stoff, dem Exposé zu einem Filmprojekt Die Schuldigen,128 das nicht weiter verfolgt
wurde und in die Arbeiten am Romanfragment mündete: 129 Hier schließt sich ein von Gari verübter
Mord an Matthieus Schwester an, für den Matthieu den Strafverfolgungsbehörden gegenüber die
Verantwortung übernimmt. Matthieu begeht im Gefängnis Suizid, und Gari stürzt, als er vom Tod
des Freundes erfährt, betrunken vom Schiff.
Mehr noch als das für die Septembernovelle der Fall ist, die um einen emphatischen ›Kern‹
gebaut ist, dessen Bedeutung die Penetration eines männlichen Körpers ist, steht die anale Penetrati 123 Siehe zur Entstehungsgeschichte Schweikert, Uwe (1987): Jeden ereilt es. Entstehung, in: Hans Henny Jahnn
(1987), Späte Prosa, S. 431–435.
124 Matthieu ist in der ursprünglich als Binnenerzählung angelegten, dann aus dem Romanprojekt ausgegliederten und
selbstständig veröffentlichten Erzählung Die Nacht aus Blei 23 bis 25 Jahre alt, vgl. Jahnn, Hans Henny (1987): Die
Nacht aus Blei, in: Späte Prosa, S. 245–315, hier: S. 278.
125 Jahnn, Hans Henny (1987): Jeden ereilt es, in: Späte Prosa, S. 5–189, hier: S. 50.
126 Das Ereignis wird von Matthieu selbst als »Abschlachtung« bezeichnet, Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 50.
127 Vgl. v.a. Jahnn (1987): Fragmente und Paralipomena [zu Jeden ereilt es], in: Späte Prosa, S.191-243, hier: S. 193200.
128 Siehe Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 185-189.
129 Siehe Schweikert (1987), Jeden ereilt es. Entstehung, S. 431.
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on von Männerkörpern im Zentrum von Jeden ereilt es. In einem Schlüsselgespräch der beiden
Protagonisten formuliert Gari eine Gesetzmäßigkeit des Sexuellen, die »Regel vom Loch«, 130 auf
die weiter unten zurückzukommen sein wird. Dietrich Molitor und Wolfgang Popp haben diese ›Regel vom Loch‹ als eine Aufgabe gelesen, die sich der Text stellt: »Es geht um die Übersetzung der
›Regel vom Loch‹ in die homosexuelle Sexualpraxis. Es geht um das Tabu des Analverkehrs«. 131
Die gestellte Aufgabe ist innerhalb eines literarischen Textes, dessen Entstehungsbedingungen die
homophobe Gesetzgebung der frühen BRD einschließen, kaum zu erfüllen. 132 Eine explizite – und
recht drastische – Darstellung von Analverkehr zwischen männlichen Personen findet sich, wie Molitor und Popp weiter bemerken, nur an einer einzigen Stelle, 133 in Fragment II, einer Tagebuchaufzeichnung Matthieus, in dem er von einem Erlebnis Garis berichtet:
»Dann habe der Maurer seinen Gast [Gari, B.W.] sanft über den Tisch niedergebeugt, ihm die Hose herabgeknöpft und einen speichelfeuchten Koloß unter allerlei Anstrengungen in Gari hineingeschoben. Es sei ein komisches Gefühl gewesen.«134
Eine Schilderung von Geschlechtsverkehr in dieser Explizitheit am Rande der Pornographie ist nur
dem Tagebuchschreiber Matthieu möglich. Darüber reflektiert Jahnn in einem weiteren Fragment,
wenn er – als Vorwurf einer nicht ausgeführten Szene – selbstironisch zusammenfasst, »[d]er
Autor«, d.h. der auktoriale Erzähler, habe die Liebesnacht der beiden Protagonisten »mit Wortformeln beschrieben, die man gemeinhin noch duldet. Er hat verschwiegen, nur angedeutet. Er hat so
etwas wie Literatur vorgetäuscht«.135 Die folgende Lektüre des Romanfragments möchte bei dieser
ambivalenten Positionierung ansetzen: Aus welchen Gründen beharrt der überlieferte Text auf literarischen Schreibweisen, um das gestellte Thema der Konkretisierung einer ›Regel vom Loch‹ in
der sexuellen Praxis zwischen Männern zu bewältigen? Welche Funktion haben die spezifischen
narrativen Verfahrensweisen des Textes? Welche Strategie verfolgt der Text, wenn er, um drastische
zu beschreiben, einen ganzen Apparat an Vermittlungsinstanzen einschaltet?
Die Forschung zu Jeden ereilt es setzt weitgehend voraus, dass das Fragment Homosexuali130 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 121.
131 Molitor, Dietrich/ Popp, Wolfgang (1984): Vom Freundschaftsmythos zum Sexualtabu, in: Wolfgang Popp (Hg.):
Die Suche nach dem rechten Mann. Männerfreundschaft im literarischen Werk Hans Henny Jahnns (Literatur im
historischen Prozeß. Neue Folge 13), Berlin (BRD): Argument, S. 18–44, hier: S. 39.
132 Vgl. zur Einschränkung der Verbreitung erotischer Literatur in der BRD der 1950er und frühen 1960er Jahre und zu
den Reaktionen Jahnns und seines Verlegers Willi Weismann auf diese Situation Schweikert (1987), Nachwort,
S. 527f.
133 Siehe Molitor/Popp (1984), Vom Freundschaftsmythos zum Sexualtabu, S. 39. Allerdings wird auf das im
Tagebuch-Fragment beschriebene Ereignis zweimal, in ebenfalls pornographienaher Sprache verwiesen: »Es ist
nicht schlimm, daß mir der junge Maurergeselle seinen Bolzen hinten hineingetan hat«, Jahnn (1987), Jeden ereilt
es, S. 110, ähnlich S. 105.
134 Jahnn (1987), Fragmente und Paralipomena, S. 201.
135 Jahnn (1987), Fragmente und Paralipomena, S. 203.
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tät schildere.136 Homosexuelle Codes spielen, besonders zu Beginn des Romanfragments eine gewisse Rolle. Die Erzählung des Zusammentreffens Matthieus und Garis, mit der das Romanfragment anhebt, spielt mit einem Inventar homosexueller Versatzstücke – der Matrose, der dunkle
Park, der heimliche Besuch137 –, und das Gespräch zwischen den beiden ist angetrieben von Matthieus Versuch, sich zu offenbaren.138 Dabei wendet Matthieu eine klassische Strategie der deutschen Homophilenbewegung an, die Berufung auf ›große‹ Homosexuelle im Sinne von Legitimationsinstanzen, wenn er als Antwort auf Garis Frage »Was willst du eigentlich?« ein Gedicht Platens
für sich sprechen lässt.139
Die Vorannahme der Homosexualität muss sich allerdings konfrontieren lassen mit zwei Widersprüchen: Zum einen bezeichnet sich an keiner Stelle einer der beiden Protagonisten oder eine
andere Figur als homosexuell, zum anderen wehrt Gari an einer Stelle den Begriff explizit ab:
»Ich wehre mich dagegen, innen und nach außen, daß ich ein homosexueller Matrose bin, der vom homosexuellen Sohn eines Schiffsreeders ausgehalten oder angebetet wird. Ich will diese Worte nicht. Ich will verschlun gen werden, vernichtet werden, geprügelt, getreten, vergewaltigt – oder selbst verschlingen, vernichten, prügeln, treten, vergewaltigen –«.140
Das überkommene und damit verfügbare Konzept Homosexualität scheint keine gangbare Lösung
im Prozess der Aushandlung der Beziehung der beiden Protagonisten zu sein. Werfen wir einen kurzen Blick auf die Geschichte dieser Beziehung.
Rainer Guldin schlägt für die Beziehung Matthieus und Garis ein Modell dreier Phasen vor:
Auf die die Beziehung konstituierende Verwundung, Errettung und Verstümmelung Matthieus folge
136 Vgl. Molitor/Popp (1984), Vom Freundschaftsmythos zum Sexualtabu, S. 33-44; Guldin, Rainer (1989): Der
grausame Schlächter. Überlegungen zu Hans Henny Jahnns letztem Romanfragment Jeden ereilt es, in: Forum
Homosexualität und Literatur 8, S. 31–59; Weinberg, Manfred (1999): »Unsere Gemeinschaft ist eine Schwindel
erweckende Konstruktion«. Zum Zusammenhang von Homosexualität und Gedächtnis bei Hans Henny Jahnn, in:
Dirck Linck/ Wolfgang Popp/ Anette Runte (Hgg.): Erinnern und Wiederentdecken. Tabuisierung und
Enttabuisierung der männlichen und weiblichen Homosexualität in Wissenschaft und Kritik (Homosexualität und
Literatur 12), Berlin: Rosa Winkel, S. 365–384. Krey, Friedhelm (1987): Hans Henny Jahnn und die mannmännliche Liebe (Europäische Hochschulschriften. Reihe I Deutsche Sprache und Literatur 990), Frankfurt a.M.
u.a.: Lang, liest Jeden ereilt es gar als die Geschichte einer homosexuellen Emanzipation, vgl. v.a. S. 95-98 u. 117121.
137 Siehe Krey (1987), Hans Henny Jahnn und die mann-männliche Liebe, S. 63-70; Guldin (1989), Der grausame
Schlächter, S. 31. Vgl. auch Popp, Wolfgang (1992): Männerliebe. Homosexualität und Literatur, Stuttgart: Metzler,
S. 100-106.
138 Vgl. Krey (1987), Hans Henny Jahnn und die mann-männliche Liebe, S. 63-98.
139 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 14f. Vgl. Krey (1987), Hans Henny Jahnn und die mann-männliche Liebe, S. 8084. Das Platen-Zitat als Erkennungscode findet sich auch in der homosexuellen Zeitschriftenliteratur, vgl. etwa
Ernst, Eugen (1922): Der Fremdling, in: Der Eigene. Ein Blatt für männliche Kultur IX,I, II u. III, S. 8–14, 39–47,
68–74, hier: S. 45-47. Weiterhin klingt die Szene im Kapitel Die Erzählung vom Dritten, wo Matthieu und Gari auf
der Straße von älteren Männern angesprochen werden, Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 127-133, an die
Prostitutions- und Erpresserromane und -erzählungen des frühen 20. Jahrhunderts an, v.a. Anonym (1995),
Liebchen; Granand (1993): Die Nemesis, in: Granand (1993), Das erotische Komödiengärtlein, S. 48-80;
Homunkulus (2012), Zwischen den Geschlechtern; Mackay, John Henry (1979): Der Puppenjunge. Die Geschichte
einer namenlosen Liebe aus der Friedrichstrasse von Sagitta (Die Bücher der namenlosen Liebe von Sagitta 2),
Berlin: Rosa Winkel; Radszuweit (2012), Männer zu verkaufen.
140 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 110.
23
eine erste Phase der »frühen Nähe«, die durch »sinnliche Sättigung, […] erotische[] Erfüllung, […]
körperliche Intimität« unter Ausschluss von »Sexualität« gekennzeichnet sei. Eine zweite Phase der
»Trennung«, in welcher der Zurückgezogenheit Matthieus das abenteuerliche Leben des Matrosen
Gari mit seinen heterosexuellen Eskapaden gegenüberstehe, werde abgelöst von einer dritten Phase,
deren Beginn mit dem Anfang des Romans zusammenfalle. 141 Dabei versteht Guldin diese dritte
Phase der erzählten Zeit des Romans als »die schwierige und erfolglose Suche nach der früheren
Unschuld«, aus deren Vergeblichkeit folge, dass »unter diesen Umständen eine echte erfüllte homosexuelle Beziehung zweier erwachsener Männer in das Reich des Utopischen verbannt« werde. 142
Guldin kritisiert Jahnns Text dafür, homosexuellen Zweierbeziehungen zwischen Männern mangelnde Tragfähigkeit zuzusprechen.143 Das Interesse an tragfähigen homosexuellen Beziehungsmodellen könnte jedoch den Zugang auf zentrale Merkmale und Potentiale der Art und Weise, wie Sexualität zwischen Männern in Jeden ereilt es verhandelt wird, verstellen. Ein Modell dreier Phasen,
bei dem in der dritten Phase laufend Elemente aus den ersten beiden Phasen auftreten, ihr Recht for dern und sich neu gruppieren – was liegt näher, als eine dialektische Struktur zu vermuten? Damit
wäre die Bedeutung der dritten Phase nicht mehr als scheiternder Regress anzusetzen, sondern vielmehr als Synthese, als bestimmte Negation, die weit hinausweist über die assimilatorischen homosexuellen Beziehungsmodelle und – das wird im Folgenden zu zeigen sein – eine posthomosexuelle
Utopie am Horizont sichtbar werden lässt.
Garis Absage an ›Homosexualität‹ gründet im Widerstand gegen die Belegung des ›Erfahrenen‹ mit ›Begriffen‹:
»Schlimm aber ist, daß man das Erfahrene in Begriffe zwängen kann, die es des Empfindens entkleiden, es allgemein machen, – daß die Liebe in tausend Abscheulichkeiten aufzulösen ist, daß sie ⟨sezierbar⟩ ist, zurückführbar, zusammensetzbar aus Süchten, Verdrängungen, Grausamkeiten, blinden Assoziationen, eingestanzten
Erinnerungen, schwülen, durchschwitzten Sommerabenden, Pisse und Dreck und Tränen [...]«. 144
Gari wehrt hier aktiv das verfügbare Konzept Homosexualität und mit ihm den sexualpathologischen Diskurs der sexuellen Ätiologie ab. Das Projekt der Aushandlung der Beziehung zwischen
Matthieu und Gari möchte ich lesen als das Projekt einer Neugruppierung von Beständen aus den
prähomosexuellen Diskursmustern zu einer Formation, die penetrierte Männlichkeit als lebbare Position miteinbezieht und damit die historisch-kontingente Formation Homosexualität utopisch trans141 Guldin (1989), Der grausame Schlächter, S. 41.
142 Guldin (1989), Der grausame Schlächter, S. 41.
143 Siehe Guldin (1989), Der grausame Schlächter, S. 42. Ähnlich auch Molitor/Popp (1984), Vom
Freundschaftsmythos zum Sexualtabu, S. 40f.: »Die Übersetzung der ›Regel vom Loch‹ in die schwule
Zweierbeziehung gelingt nicht. […] Das Scheitern dieses letzten und entschiedensten Versuches Jahnns,
homosexuelle Lebens- und Beziehungspraxis literarisch zu gestalten, ist vorprogrammiert«.
144 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 110.
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formiert. Die Basis für diese Neugruppierung bietet zweifelsohne die Männerfreundschaft, die als
mythisches Paradigma der Beziehung Matthieus und Garis im Hintergrund steht. 145 In das Diskursmuster Männerfreundschaft werden nun unter Zurückweisung des Homosexualitätskonzepts die
Muster Sodomie und Päderastie eingeschmolzen und das Muster Effeminierung weitgehend ausgeschlossen.146 Damit wird letztendlich erreicht, dass die Liebe Garis und Matthieus nicht als dem heteronormativen romantischen Liebesparadigma analoge Affektstruktur erscheint, sondern eine autonome Form der ›Liebe‹ darstellt, die über die konventionellen Liebesgefühle der »Lohndiener der
Begattung«147 hinausweist.
Wenn Jeden ereilt es geradezu obsessiv um das Thema der sexuellen Penetration kreist, so
tritt sie doch weniger als erzähltes Geschehen denn als Gegenstand von Diskussionen zwischen den
Figuren auf.148 Doch das Gesprächsthema der sexuellen Penetration hat sein Komplement im erzählten Geschehen einer gewaltsamen Penetration, einer Verwundung. Diese viermal geschilderte 149
Verwundung fällt in zwei Teile auseinander: Die ›Abschlachtung‹ Matthieus durch die Jungenbande
und das Abhacken seines kleinen Fingers durch Gari. Daniel Hoffmann hat darauf hingewiesen,
dass erst in der Komplementierung der ersten durch die zweite Verwundung eine metaphysische
Überhöhung des Ereignisses erreicht wird.150 Darüber hinaus haben die beiden Akte jedoch in ihrer
Bezogenheit aufeinander auch eine sexuelle Bedeutung. Das Abschlagen des Fingers durch Gari
trägt deutlich die Züge einer rituellen Kastration. 151 Doch diese Kastration vollendet nur, was in dem
ersten auf sie bezogenen Akt angestoßen wurde. Besondere Bedeutung im ersten Akt, der ›Abschlachtung‹, kommen den Fingern eines der Angreifer, Nils, in der Wunde zu. Wird die Handlung
in der ersten Version der Erzählung gegenüber dem Vater schon mit dem zweideutigen Verb ›aufreißen‹ beschrieben,152 so ist in der zweiten Version, im Gespräch mit dem Engel, von Nils »Begierde«
die Rede,153 und Gari fasst schließlich die Verwundung deutlich als Radikalisierung einer analen Pe145 Vgl. zur Männerfreundschaft im Werk Jahnns allgemein Molitor Popp (1984), Vom Freundschaftsmythos zum
Sexualtabu. Als eines der klassischen Freundschaftspaare spielt in den Fragmenten das Paar Jesus-Johannes (vgl.
Kraß [2011], Im Namen des Bruders, S. 15) eine Rolle, siehe Jahnn (1987), Fragmente und Paralipomena, S. 213215.
146 Als effeminiert erscheint einzig der ›Dritte‹ Leif in Matthieus Schreckensvision einer prokreativen
Dreiecksbeziehung mit Gari und Agnete, siehe Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 166.
147 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 122f.
148 Vgl. Krey (1987), Hans Henny Jahnn und die mann-männliche Liebe, S. 70f.
149 Vgl. zu den vier Versionen Hoffmann, Daniel (2011): Errettende Grausamkeit. (Meta-)physische Gewalt in Hans
Henny Jahnns Romanfragment Jeden ereilt es, in: Sophie Wennerscheid (Hg.): Sentimentalität und Grausamkeit.
Ambivalente Gefühle in der skandinavischen und deutschen Literatur der Moderne (Skandinavistik. Sprache –
Literatur – Kultur 8), Berlin: Lit, S. 137–148, hier: S. 141.
150 Siehe Hoffmann (2011), Errettende Grausamkeit, S. 142.
151 Siehe Freeman, Thomas (1986): Hans Henny Jahnn. Eine Biographie, Hamburg: Hoffmann und Campe, S. 640;
Krey (1987), Hans Henny Jahnn und die mann-männliche Liebe, S. 128; Guldin (1989), Der grausame Schlächter,
S. 40. Hoffmann (2011), Errettende Grausamkeit, S. 145, versteht den Akt demgegenüber als der Beschneidung
analoges »Bundeszeichen«.
152 Siehe Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 49.
153 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 62.
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netration: »Sie haben sich nicht damit begnügt, dir einen Stock in den Hintern zu stecken«. 154 Auf
die implizite Entmännlichung der Penetration antwortet die explizite Entmannung der Kastration.
Im erzählten Geschehen wird damit die Vorstellung transportiert, dass in einen Männerkörper nur gewaltsam eingedrungen werden kann. Die grausame Überwindung von Matthieus Körpergrenzen bedeutet dabei eine Entmännlichung, die im Kastrationsakt besiegelt wird. Der Wunde als
einem Ort des Schmerzes steht in Jeden ereilt es jedoch in den Gesprächen das Loch als Ort der
Lust gegenüber, ein Ort, der Bedeutung gewinnt in der ›Regel vom Loch‹. Bei einem Gespräch in
der Badeanstalt, bei dem Matthieu nach der Tragfähigkeit der Freundschaft fragt, bekommt er von
Gari die Antwort: »Wenn du ein Loch hättest, Matthieu, wären wir seit langem ein Bein und ein
Fleisch«. Auf Matthieus Frage hin »kommt es darauf an?« formuliert Gari:
»Unser Körper hat seine Vorurteile. Seit vielen Millionen Jahren hat man die Regel vom Loch, in das man etwas hineinsteckt. […] Und die Griechen, z. B. – haben die Regel in allen Fällen – unter allen Umständen – an erkannt.«155
Garis Aussage lässt sich mit Bourdieu verstehen als die Formulierung der »geschlechtlichen Topologie des sozialisierten Körpers«,156 welche die »Somatisierung der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse«157 vermittelt: In den Worten Garis haben die »Körper« »Vorurteile«, und mit Bourdieu
ist diese »gesellschaftliche Definition der Geschlechtsorgane […] das Produkt einer
Konstruktion«.158 Doch was besagt die ›Regel Regel vom Loch‹? Auf welche Körper und auf welche ›Löcher‹ ist sie anwendbar? Meine These ist es, dass die zentrale ›Regel vom Loch‹ eine Zirkulation auf zwei Ebenen initiiert: eine Zirkulation der Körper und eine Zirkulation der Körperteile.
Im Kapitel Wirrsal findet sich der obdachlos gewordene Matthieu mit Gari bei dessen
Freundin Agnete ein, wo sie zu dritt übernachten wollen.159 Dem ersten Anschein nach handelt es
sich um eine der klassischen von Sedgwick beschriebenen Dreieckskonstellationen, bei der zwei
Männer ihr homosoziales Begehren über einen Frauenkörper kanalisieren. Der Text scheint diese
Vermutung anfangs zu stützen, wenn Agnetes Mutter Gari in der Rolle eines Kupplers vermutet, der
seine Freundin an Matthieu weitergibt. 160 Doch wenige Sätze später schon wird erzählt, dass Matthieu sehnsuchtsvolle Blicke auf Gari richtet und seinen Blick nur aus Rücksicht auf Agnete von
Gari abwendet, »um nicht vor Sehnsucht zu vergehen«.161 Damit sind es nun Matthieu und Agnete,
154 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 65.
155 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 121.
156 Bourdieu (2013), Die männliche Herrschaft, S. 18.
157 Bourdieu (2013), Die männliche Herrschaft, S. 45.
158 Bourdieu (2013), Die männliche Herrschaft, S. 29.
159 Siehe Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 156 f.
160 Siehe Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 157. Agnetes Mutter verwendet hier in Bezug auf die Dreierkonstellation das
Wort »Trialismus«.
161 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 159.
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die um den Körper Garis konkurrieren. Wenn Agnete wiederum wenige Sätze später berichtet, Gari
habe oft von Matthieu geschwärmt, ihn ihr geradezu angepriesen – »aber Sie sind unablässig in seinem Munde. […] Ihr Aussehen. Ich wußte von Ihren Augen, Ihrem Mund. Er hat mir Ihre Hände
beschrieben […] Sein Lob auf Sie hat mir oft sonderbare Empfindungen bereitet« 162 – so wurde innerhalb weniger Seiten jeder der drei Körper einmal zum Objekt der Begierde der beiden anderen.
Dass die Dreieckskonstellation tatsächlich eine solche ist, dass ihre Struktur aber eine Sache der
Aushandlung ist, wird veranschaulicht in ihrer spezifischen Verräumlichung. Als die drei in Agnetes
Schlafzimmer angelangt sind, antwortet Gari auf Matthieus Vorschlag »Ich schlafe auf der Chaiselongue […,] das ist doch selbstverständlich –« hin: »[…] nichts ist hier vorausbestimmt, außer, daß
zwei im Bett schlafen werden und einer gesondert«. 163 Die Struktur des triangulären Begehrens erscheint hier als gegebene Kontingenz, nicht aber ihre Besetzung mit den konkret kopräsenten Körpern.
Schließlich trägt ein Kapitel des Romanfragments die Triangulierung sogar im Titel, Die Erzählung vom Dritten. In diesem Kapitel werden zwei Dreieckskonstellationen durchgeführt, die eine
als erzähltes Geschehen, die andere als Gegenstand eines Gesprächs. Gari und Matthieu initiieren
auf der Straße ein Experiment: Nachdem Gari von einem Mann angesprochen wurde, will er Matthieu vorführen, dass auch er Objekt männlichen Begehrens werden kann. Das Experiment gelingt,
Matthieu wird tatsächlich angesprochen, und Gari fasst zusammen: »Es ging mir um eine Feststellung«.164 Nachdem also auf dem Weg des Versuchs geklärt wurde, dass eine Triangulierung von Begehren in einem vollständig männlich-homosozialen Dreieck prinzipiell möglich ist, stellt sich die
Frage nach der Wirkweise der Kanalisation über sexuelle Praxis in einem solchen Dreieck. Diese
Frage wird nicht in einem analogen Versuch auf der Ebene der innerfiktionalen Realität erörtert –
der Text hat »so etwas wie Literatur vor[zu]täuschen« 165 – sondern in einem Gespräch, das einen erinnerten und als hypothetisch aktualisierten Dritten, den Matrosen Leif, in Beziehung zum Freundespaar setzt. Bei der Beschreibung des ›Dritten‹ Leif durch Gari rückt Leifs Körperlichkeit ins
Zentrum des Interesses:
»Eine Hose hat er selbstverständlich an. Aber es ist eine sonderbare Hose – oder er hat sie auf sonderbare Wei se an seinem Körper befestigt – als ob der vordere Vorsprung so eine Art Haken wäre. […] Und hinten erkennt
man den Ansatz des Spalts zwischen den Schenkeln.« 166
Mit Leif führt Gari in die homosoziale Dreieckskonstellation einen in der phallischen Logik not162 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 159.
163 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 162.
164 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 134.
165 Jahnn (1987), Fragmente und Paralipomena, S. 203.
166 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 140.
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wendig gewordenen Körper ein, einen Körper mit Penis und Anus, einen Körper, der jede Position
im Dreieck einnehmen kann, wie im übrigen, so könnte man ergänzen, die beiden anderen Körper,
Garis und Matthieus auch. Damit stellt Gari ein Dreieck her, das zwar durch die phallische Logik
strukturiert ist, zugleich diese Logik aber als überflüssig erweist: Wo jeder jeden penetrieren kann,
ist eine Triangulation nicht mehr nötig.
Wenn die ›Regel vom Loch‹ die grundlegend strukturierende Bedeutung hat, die Gari ihr zuspricht, so ist sie wohl nicht auf das Muster der heterosexuellen Triangulation männlich-homosozialen Begehrens festgeschrieben. Sowohl weibliche als auch männliche Körper können sowohl homoals auch heterosoziale Beziehungen vermitteln. Dass das möglich ist, lässt sich aus der zweiten Zirkulationsbewegung erklären, dem Zirkulieren der Körperteile. Der Formulierung der »Regel vom
Loch, in das man etwas hineinsteckt« durch Gari in der Badeanstalt, geht ein kleiner Badeskandal
voraus: Der zwölfjährige Sören, ein Bekannter Matthieus und Garis, uriniert ins Schwimmbecken,
worauf einige erwachsene Badegäste und der Bademeister empört reagieren. Matthieu verteidigt
Sören im Streit mit dem Bademeister folgendermaßen:
»All die abgenutzten Wurzeln der Erwachsenen im Wasser zu wissen, ist ja auch nicht appetitlich […]. Diese
verkrümmten Arschlöcher hopsen doch auch ins Wasser, wenn sie die Syphilis haben oder von Tripper rinnen.
Ist das nicht eher zum Kotzen als dies bischen Knabenpipi.« 167
Als ›Löcher‹ bezeichnet Gari durch den gesamten Romantext die Vaginen der Frauen, mit denen er
schläft.168 Auch Matthieus Wunde wird laufend als ›Loch‹ bezeichnet.169 Mit den »verkrümmten
Arschlöchern« haben wir nun unmittelbar vor der Formulierung der ›Regel vom Loch‹ ein weiteres
›Loch‹, das einen der Plätze einnehmen könnte, die die Regel voraussetzt, den Platz des ›Loches‹.
Die Körpersignifikanten können nur deshalb zirkulieren, weil auch die Körperteile zirkulierende Signifikanten sind. Beide Zirkulationsbewegungen werden ausgelöst durch eine ›Regel vom Loch, in
das man etwas hineinsteckt‹, die bei genauerem Hinsehen rein gar nichts besagt: Die ›Regel vom
Loch‹ hat in der Formulierung Garis keinerlei expliziten normativen Gehalt. Sie begnügt sich damit,
eine sexuelle Realität zu konstatieren und fügt ihr den kritischen Kommentar bei, diese Realität beruhe auf somatisierten ›Vorurteilen‹.
Welche Konsequenzen hat nun das Zirkulieren der sexuellen Signifikanten um das leere
Zentrum der ›Regel vom Loch‹, die sich damit selbst als Bedeutungsloch erweist, für die Formulierung von männlicher Körperlichkeit in Jeden ereilt es? An einer Stelle des Romanfragments beschreibt Gari das Erleben seines eigenen Körpers, während seine Mutter von seiner Geburt erzählt:
167 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 120.
168 Siehe z.B. Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 111 u. 138; Jahnn (1987), Fragmente und Paralipomena, S. 209f.
169 Siehe Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 66, 94 u. 121.
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»Aber ich befühlte mich, während sie sprach. Von den Zehen bis zum Kopfhaar befühlte ich mich.
Die Brust, den Nabel, das Fleisch zwischen den Schenkeln, die Waden, die Lippen, die Nasenlöcher, die hinteren Rundungen und den Spalt [...]«.170 Deutlich wird hier, weitergehend noch als bei
der Beschreibung des ›Dritten‹ Leif, ein vielfaches sexuelles Potential des Körpers, das unter anderem das »Fleisch zwischen den Schenkeln« und die »hinteren Rundungen« samt »Spalt« einschließt. Gari erlebt seinen Körper als mit Körperteilen ausgestattet, mit denen beide Pole der ›Regel vom Loch‹ besetzt werden könnten: sowohl das ›Loch‹ selbst als auch das, was ›man hineinsteckt‹.
Der Romantext mobilisiert als ganzes ein Vokabular zur Beschreibung männlicher Körper,
das es ermöglicht, beide Pole der ›Regel vom Loch‹ an männlichen Körpern abzulesen. In Jahnns
Notizen zum Romanprojekt findet sich eine Auflistung dieses Vokabulars. Einer Gruppe von Wörtern für den erigierten Penis, die sich auf den antiken phallischen Fruchtbarkeitsgott Priapos und
den Beinamen ›órthonos‹ (›aufgerichteter‹) des Dionysos171 beziehen, steht eine Gruppe von Wörtern gegenüber, die allesamt den Wortbestandteilen ›prōktós‹ bzw. ›pygḗ‹ aufweisen;172 beide griechischen Wörter bedeuten ›Hintern‹.173 Dabei bezeichnet ›euryprōktos‹ (›weitärschig‹), ein aus den
Komödien des Aristophanes bekanntes Spottwort,174 aus dem in Jahnns Liste »Euryproktie« abgeleitet ist, explizit den durch rezeptiven Analverkehr weit gewordenen Anus. 175 Die Beziehung zu den
Griechen, über die Gari gesagt hatte, dass sie die ›Regel vom Loch‹ »in allen Fällen« und »unter allen Umständen« anerkannten, ist gegeben. Diese Aussage Garis schließt die Penetration eines
männlichen Anus durch einen Penis ein. Das Insistieren auf ›alle Fälle‹ und ›alle Umstände‹ weist
aber über den rezeptiven Analverkehr hinaus und führt zu einem letzten möglichen ›Loch‹, über das
in Jeden ereilt es eine utopische Dimension eröffnet wird.
Zur Untersuchung dieses letzten ›Lochs‹, möchte ich kurz auf die psychoanalytische Theorietradition in Bezug auf fäkale Löcher eingehen. In der eingangs zitierten Randbemerkung aus
Charakter und Analerotik ruft Freud den geteilten Wissensbestand auf, dass es neben den infantilen
Analerotiker_innen, die Lust aus der Passage des Kots durch ihr Rektum von innen nach außen zögen, auch solche Menschen gebe, die aus der Passage ihres Rektums von außen nach innen, das
heißt, durch anale Penetration, einen Lustgewinn hätten. Dass in Jeden ereilt es, Analerotik und
170 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 99.
171 Siehe den Kommentar des Hg. zu Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 209.
172 Siehe Jahnn (1987), Fragment und Paralipomena, S. 242.
173 Siehe Liddel, Henry George u.a. (1968): A Greek-English Lexicon, Oxford: Clarendon Press, s.v. πυγή und
πρωκτός.
174 Siehe Liddell u.a. (1968), A Greek-English Lexicon, s.v. εὐρύπρωκτος. Vgl. Aristoph. Ach. 716, Nub. 1090.
175 Außerhalb der genannten Wortliste der Notizen finden die Wörter ›priapisch‹ und ›eupygisch‹ Anwendung: Jahnn
(1987), Jeden ereilt es, S. 164; ders. (1987), Fragmente und Paralipomena, S. 213 u. 216; außerdem ›Priap‹: ders.
(1987), Jeden ereilt es, S. 115; ›ithiphallisch‹: ders. (1987), Fragmente und Paralipomena, S. 197; ›orthonisch‹: ebd.,
S. 209.
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anale Penetration zentrale Themen sind, ist offensichtlich. Eine Parallele zu einem an Freud anschließenden psychoanalytischen Text, kann Aufschluss über eine neue Dimension des Erotischen
im Romanfragment geben. Sörens Urinieren ins Badewasser gibt Anlass zu verschiedenen Reflexionen über die Güte der Substanz Urin, das von den meisten Menschen als ›Abfall‹ missverstanden
werde. Der Erzähler stellt dieser Ansicht der »Dummen«, Urin sei »Abfall«, die Ansicht der »Klugen« gegenüber: »Und die Klugen –? schauen in das sonderbar entspannte Gesicht dessen, der sich
erleichtert –; sie entdecken das Tier, das sich arglos hingibt und für Augenblicke gütiger wird«. 176
Der Blick ins selige Gesicht des oder der Urinierenden findet sich wieder in einem Text des Psychoanalytikers Isidor Sadger Über Urethralerotik, der direkt an Freuds Charakter und Analerotik anschließt.177 Bei Sadger heißt es: »Solchen [urethralerotischen, B.W.] Kindern gewährt die Entleerung der Blase an sich eine besondere Lust – man erkennt dies häufig an dem wie blöden, halb geistesabwesenden Gesichtsausdrucke, welcher einzig dem Orgasmus eigen […]«. 178 Ein urethralerotisches Setting im Sinne Sadgers ist in Jeden ereilt es gegeben: Nach Sadger ist eine Möglichkeit, die
infantile Urethralerotik zu bewältigen, ihre Sublimierung, die sich besonders in Berufs- und Sportartwahl ausdrücke. Vor allem »Matrosen« und »Wasseringenieure« hat Sadger im Verdacht, ehemalige Urethralerotiker zu sein.179 Nun ist Gari Matrose und Matthieus Vater Schiffsreeder. Noch deutlicher wird die urethralerotische Konnotierung im Schauplatz des Kapitels, der Badeanstalt. 180 Es ist
ein Spiel zwischen Matthieu, Gari und Sören, dass die beiden Älteren Münzen ins Schwimmbecken
werfen, die Sören dann emportaucht. In diesem Zusammenhang bemerkt der Erzähler über Sören:
»Die meisten Kameraden seines Alters onanierten; wahrscheinlich kannte er das Vergnügen nicht;
seine Lust war es, zu tauchen«.181 Wenn wir Sadgers Ausführungen zur Urethralerotik mit Freuds
Nebenbemerkung zur umgekehrten Passage des Anus lesen, so wird die folgende Formulierung bedeutsam. Sörens Urinieren stiftet beinahe zu einer Urinierorgie in der Badeanstalt an:
»Schließlich zerrte er [Sören, B.W.] an seiner Badehose, holte das Schwänzchen hervor und pinkelte in hohem
Bogen ins Wasser […].«182
»›So ein Schwein!‹ Der Bademeister kam gelaufen. […] Schnell, gleichsam seinem Strahl nach, sprang Sören
ins Wasser. […] Dem Jungen jubelten die Jungen mit einer Art Gebrüll zu. Sie tanzten, warfen ihre Hände in
die Luft. Es fehlte nicht viel, daß sie im Überschwang eine Fontäne aus vielen Röhren produziert hätten«. 183
176 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 118.
177 Siehe Sadger, Isidor (1910): Über Urethralerotik, in: Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische
Forschungen II/2. Hälfte, S. 409–450, hier: S. 409. Vgl. zu Sadgers Theorie der Urethralerotik auch ders. (1921):
Die Lehre von den Geschlechtsverirrungen (Psychopathia sexualis) auf psychoanalytischer Grundlage,
Leipzig/Wien: Deuticke, S. 28f.
178 Sadger (1910), Über Urethralerotik, S. 411.
179 Siehe Sadger (1910), Über Urethralerotik, S. 423.
180 Vgl. Sadger (1910), Über Urethralerotik, S. 422f.
181 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 117.
182 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 118.
183 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 118f.
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Vor dem Hintergrund von urethralerotischem Setting, der ›Regel vom Loch, in das man etwas hineinsteckt‹, und zirkulierenden Körperteilen, ist die Formulierung der ›Röhren‹ wenigstens riskant:
An dieser Stelle wird der Penis über das Insistieren auf die Harnröhre anatomisiert. Er ist nicht
mehr monolithischer Signifikant, ›Phallus‹, sondern ein Körperteil wie jedes andere. Die Formulierung ›Röhren‹ impliziert einen Hohlraum mit einem Aus- oder Eingang. Diesen als ein ›Loch‹ unter
anderen zu lesen, liegt nicht fern.
Bronnens Septembernovelle beginnt mit den Zutaten des erotisches Dreiecks und der Penetration zu experimentieren. Als vermittelndes Begehrensobjekt kann im erotischen Dreieck nicht nur
ein weiblicher, sondern auch ein männlicher Körper stehen. Bei Bronnen läuft die Einsetzung eines
männlichen Phallus im erotischen Dreieck zwangsläufig auf eine mörderische Katastrophe hinaus.
Indem Jahnns Jeden ereilt es das Potential des erotischen Dreiecks, die Positionen gegeneinander
auszutauschen, auf die Spitze treibt, persifliert der Text die Struktur von homosozialem Austausch
über penetrierte Körper und weist in der Zirkulation der Körperteile auf die Erotisierbarkeit und
letztlich Penetrierbarkeit aller Körperteile hin. Damit formuliert sich in Jeden ereilt es eine Kritik an
dem kulturellen Muster selbst, Körperteilen signifizierende Funktion zuzuschreiben und damit über
Körperteile und ihre Interaktion Herrschaft einzuführen und zu stabilisieren. 184
»HEIMATKUNST DER ANALEN ZONE«?
Walter Benjamin hat in einem Verlagsgutachten zu Hans Henny Jahnns Manuskript des Perrudja
dem zu beurteilenden Text sein obsessives und humorloses Kreisen um nur wenige Themen vorgeworfen.185 Sein zentraler Kritikpunkt ist dabei, dass durch diese obsessiven Erzählverfahren »die
Menschen und Vorgänge gegen jede soziale, physische und metaphysische Wirklichkeit
ab[ge]sperrt«186 würden. Besonders augenfällig werde dieser Mangel, so Benjamin weiter, bei der
Schilderung sexueller Vorgänge. Am Ende steht ein hochinteressantes Verdikt:
184 Manfred Weinberg (1999), »Unsere Gemeinschaft ist eine Schwindel erweckende Konstruktion, S. 283f., kommt zu
einem ähnlichen Schluss, wenn er in Jeden ereilt es eine Tendenz der Denaturalisierung des Natürlichen ausmacht:
»[Wir] haben […] es tatsächlich mit einer ›Schwindel erweckenden Konstruktion‹ zu tun, die schwindlig macht,
weil sie nicht nur das System der Normen als Schwindel entlarvt, sondern auch noch erweist, daß diesem Schwindel
keinerlei Wahrheit mehr gegenübersteht: keine Wahrheit der Heterosexualität; alle sexuellen Konstellationen werden
so gleichermaßen utopisch« (vgl. auch ebd., S. 376). Allerdings verfällt er dabei z.T. der zu Beginn des Aufsatzes
mit Butler kritisierten heteronormativen Strategie, den Begründungszusammenhang zwischen Handlungen und dem
als Essenz gesetzten Geschlecht zu vertauschen (siehe ebd., S. 365f.), liest Garis Aussagen über die »Lohndiener der
Begattung« (Jahnn [1987], Jeden ereilt es, S. 122f.), als Aussagen über die Heterosexuellen und kommt zu dem
abwegigen Schluss, für Gari ein homosexuelles Wir zu reklamieren, siehe Weinberg (1999), »Unsere Gemeinschaft
ist eine Schwindel erweckende Konstruktion«, S. 371f.
185 Benjamin, Walter (1986): Hans Henny Jahnn: Perrudja, in: Gesammelte Schriften, Bd. VI, hg. von Rolf Tiedemann/
Hermann Schweppenhäuser, 2. Aufl., Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 138–141, hier: S. 140f.
186 Benjamin (1986), Hans Henny Jahnn: Perrudja, S. 139.
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»Wo dieser Mangel an Souveränität, an Humor, an Helle am tiefsten verstimmt, das⟨?⟩ ist an den Stellen, da
der Autor an den Ketten reißt, die ihn ⟨an⟩ die sexuellen Themen binden. E⟨r⟩ bricht sie nie. […]/ In diesem
Punkte ist das Werk […] der Heimatkunst vergleichb⟨ar.⟩/ Es ist Heimatkunst der analen Zone.« 187
Für Bronnens Septembernovelle, so meine ich gezeigt zu haben, wäre der Vorwurf, es handle sich
um »Heimatkunst der analen Zone« durchaus angemessen. Entwirft doch die Septembernovelle ein
Modell der Beziehung eines Mannes zu einem Knaben, das die Vermittlung durch eine Frau, die der
Phallus ist, aufzuheben sucht. Da das Zeichensystem selbst phallogozentrisch ist, findet dieser Versuch Niederschlag auf der Ebene der Erzählung. Die Septembernovelle ist geleitet von einer Sehnsucht nach Unmittelbarkeit, die letztlich auf die Abschaffung der Erzählung durch die Erzählung
zielt.
Den erzählerischen Verfahren der Erzeugung von Unmittelbarkeit in der Septembernovelle,
die auf die Eliminierung der Distanz zwischen Erzähltem und Erzählung aus sind, steht in Jeden ereilt es ein ganzer Apparat der Erzeugung von Vermitteltheit gegenüber. Über die Erhöhung der Zahl
von sexuierten Körpersignifikanten wird eine Multiplikation der phallischen Vermittlungsinstanzen
erreicht. Dem korrespondiert auf der Ebene der Erzählung eine Multiplikation der Erzählinstanzen:
Die vier Versionen der ›Abschlachtung‹ werden je zweimal von Matthieu und Gari in wechselnden
Kommunikationskonstellationen erzählt. Die Folge ist eine radikale Perspektivierung des Erzählten:
Die ›Abschlachtung‹ wird nicht als authentische Erfahrung erzählt, sondern als grundlegend nicht
nur von der Perspektive des sich erinnernden intradiegetischen Erzählers sondern auch von den Ansprüchen der Kommunikationssituation bestimmt.188 Die narrative Repetition, die »leere […] Wiederholung«, muss dabei nicht zwingend als »Unsicherheit des Autors«189 bemängelt werden, sondern kann als Iteration im Sinne Derridas gelesen werden. Derrida argumentiert ausgehend von
John L. Austins Erkenntnis, dass Sprechakte nur gelingen können, wenn sie vorgängige Muster wiederholen, die Iteration gelinge nie vollständig, sie reproduziere ihr ›Original‹ nie perfekt, sondern
führe zwangsläufig zu Abweichungen:190 »[D]ie Intention, welche die Äußerung beseelt [wird] sich
selbst und ihrem Inhalt nie vollkommen gegenwärtig sein«. 191 Die Iteration generiert damit in ihrem
partiellen Scheitern ein Mehr an Bedeutung.
Eine Erhöhung der Signifikantenzahl hat Friedhelm Klöhr für Jahnns Hauptwerk Fluß ohne
Ufer nachgewiesen: »Erhöhung der Zeichenmenge und Entwertung der semiotischen Potenz der
187 Benjamin (1986), Hans Henny Jahnn: Perrudja, S. 141. Wichtig scheint mir festzuhalten, dass es sich hier nicht um
ein homophobes Urteil handelt. Die Kritik Benjamins konzentriert sich im Vorwurf der Heimatkunst und konstatiert,
dass Heimatkunst auch, dort, wo sie u.U. nicht erwartet wird, in der analen Zone, angetroffen werden kann.
188 Vgl. Guldin (1989), Der grausame Schlächter, S. 33; Hoffmann (2011), Errettende Grausamkeit, S. 141f.
189 Schweikert (1987), Nachwort, S. 526.
190 Siehe Culler, Jonathan (1988): Dekonstruktion. Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie, Reinbek bei
Hamburg: Rowohlt, S. 123-149.
191 Derrida, Jacques (1988): Signatur Ereignis Kontext, in: Randgänge der Philosophie, Wien: Passagen, S. 291-314,
hier: S. 310.
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Schrift sind die Paradigmen, hier subsumiert unter dem Begriff ›Inflation‹, die die Ökonomie der
Erzähltexte Jahnns empfindlich stören«.192 Diese semiotische Sabotage funktioniert in Jeden ereilt
es auch als Sabotage an der phallogozentrischen Zeichenökonomie. Jahnns Erzählprojekte, so
Klöhr, »formieren sich um ihre Löcher«.193 Die ›Regel vom Loch‹ markiert gerade ein solches semiotisches Loch, ein leeres Zentrum, das den Erzählprozess in Gang setzt, das ebenso die sexuellen
Vermittlungsprozesse in Gang setzt, und beides zugleich unabschließbar hält. Damit wäre der fragmentarische Charakter von Jeden ereilt es nichts weiter als die in der materiellen Textgestalt sichtbare Konsequenz einer Poetik des Lochs, die der Poetik des Kerns der Septembernovelle, welche die
Abgeschlossenheit des Textes sichert, diametral entgegensteht. Für Jeden ereilt es zumindest, kann
das Verdikt »Heimatkunst der analen Zone« nicht gelten.
Und so findet Jeden ereilt es schließlich noch einen Weg, eine Aufhebung der in Garis Formulierung so selbstgenügsamen ›Regel vom Loch‹ anzudeuten und so dem Text eine soteriologische Dimension einzuschreiben. Die ›Abschlachtung‹ Matthieus hat den Charakter eines rituellen
Opfers. Den Ort dieser Opferung, die »Richtstätte«, »ein Ort mit laublosem Gebüsch, ein wenig erhöht«194 ist als Golgota-Travestie lesbar. 195 Auch die Wunde Matthieus und der Versuch Nils’, die
Finger in die Wunde zu stecken, spielt auf die Seitenwunde Jesu und ihre Berührung durch den Jünger Thomas an.196 Der Bezug zum ›Lamm Gottes‹ wird denn auch ironisch hergestellt in Garis Formulierung vom »Schweineschlachten«.197 Die scheinbare Profanisierung, welche die Folie der Passion Jesu hier erfährt, hat umgekehrt zur Folge, dass Jesu Körper für das von der Poetik des Lochs
strukturierte Zeichensystem verfügbar wird. An Jesu Körper wird in Jeden ereilt es die Überblendung der beiden Weisen, auf welche die Penetration männlicher Körper verhandelt wird, vollzogen.
Jesus ist nicht nur in seiner Passion Folie für die ›Abschlachtung‹ Garis, auch die Beziehung Jesu
zu Johannes wird vom Tagebuchschreiber Matthieu als Muster für die Beziehung zu Gari herangezogen. Dabei zitiert Matthieu das Johannesevangelium auf Dänisch (was im Romantext auf Deutsch
erscheint), weist aber ausdrücklich auf den griechischen und lateinischen Text hin:
»Vielleicht ist die Übersetzung der Reformatoren aus dem Griechischen nicht genau. Immerhin, auch der latei nische Vulgatatext des heiligen Hieronimus weicht kaum von dem der dänischen Sprache ab: Ich meine die
Verse: Kap. 13, 23/24/25 ›Es war aber einer unter den Jüngern, der zu Tisch lag an der Brust Jesu, welchen Je192 Klöhr, Friedhelm (1995): Inflation der Zeichen. Zur Semiotik uferlosen Sprechens bei Hans Henny Jahnn, in:
Literatur in Wissenschaft und Unterricht XXVIII/3, S. 171–187, hier: S. 186.
193 Klöhr (1995), Inflation der Zeichen, S. 171.
194 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 48.
195 Reiner Niehoff (2001): Hans Henny Jahnn. Die Kunst der Überschreitung, München: Matthes & Seitz, S. 493, liest
den Ort der ›Abschlachtung‹ allgemeiner als »heiligen Bezirk«.
196 Siehe Schweikert (1987), Nachwort, S. 533. Vgl. für Anders’ Wunde in Die Nacht aus Blei Irod, Maria (2003):
Manieristische (Selbst)Inszenierung im Zeichen von Eros und Tod. Überlegungen zu Josef Winkler und Hans Henny
Jahnn, in: Transcarpathica 2, S. 394–407, hier: S. 404.
197 Jahnn (1987), Jeden ereilt es, S. 65.
33
sus lieb hatte.[‹]«198
Ein griechisches Lexikon gibt in einem anderen Fragment Anlass für Matthieu und Gari über den
Körper zu sprechen. Hier werden die Wörter »Batalos, ein einfaches Wort: Du Arsch«, »Isschas, getrocknete Feige, ein Synonym für Arschloch«199 und »Πυγη [sic!], Dickarsch«200 genannt. Beim Zitat des Johannesevangeliums stellt nun das griechische Wort, das als »Brust« erscheint, eine durch
den Hinweis auf die mögliche Verfälschung durch die Übersetzung markierte Leerstelle dar. Im
griechischen Neuen Testament steht hier das Wort ›kólpos‹.201 Das Wort bezeichnet den Gewandbausch, kann aber zusätzlich auch die Vagina bezeichnen. 202 Über die in Jeden ereilt es angestoßenen Zirkulationsbewegungen kann so schließlich auch noch der Körper Jesu zum ›eupygischen‹,
zum penetrierbaren Körper werden, penetrierte Männlichkeit damit eine soteriologische Dimension
erlangen: »Auch der auferstandene Christus hat große glatte Hoden, ein unverkrümmtes Glied und
ist eupygisch wie ein unverdorben gewachsener Jüngling«. 203
198 Jahnn (1987), Fragmente und Paralipomena, S. 213f. Jahnn zitiert die Lutherbibel, verändert aber »saß« in »lag«,
vgl. Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und neuen Testament nach der deutschen Uebersetzung
Martin Luthers (1912), Hannover: Hahn.
199 Jahnn (1987), Fragmente und Paralipomena, S. 198.
200 Jahnn (1987), Fragmente und Paralipomena, S. 199.
201 Vgl. Aland, Barbara et al. (Hgg., 1979): Novum Testamentum Graece, 26. Aufl., Stuttgart: Deutsche Bibelstiftung.
202 Siehe Liddell u.a. (1968), A Greek-English Lexicon, s.v. κόλπος.
203 Jahnn (1987), Fragmente und Paralipomena, S. 216.
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Seele and Geist
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