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Globale Welt - Was tun

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Martin Cordes / Hans-Jürgen Pabst (Hrsg.)
Globale Welt – was tun?
Quellen und Forschungen zum evangelischen sozialen Handeln
– im Auftrag der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft –
herausgegeben von Martin Cordes und Rolf Hüper
13
Globale Welt – was tun?
Beiträge zur Globalisierungsdiskussion
herausgegeben von
Martin Cordes
und
Hans-Jürgen Pabst
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Globale Welt – was tun? : Beiträge zur Globalisierungsdiskussion /
hrsg. von Martin Cordes und Hans-Jürgen Pabst. - Hannover : Blumhardt-Verl., 2002
(Quellen und Forschungen zum evangelischen sozialen Handeln ; 13)
ISBN 3-932011-40-6
© 2002 Blumhardt Verlag
im Institut für praxisbezogene Forschung (IpF)
Evangelische Fachhochschule Hannover
Blumhardtstr. 2
D-30625 Hannover
Telefon: +49 (511) 5301-108
Fax:
+49 (511) 5301-139
E-mail: blumhardt-verlag@efh-hannover.de
http://www.efh-hannover.de/efhinfo/verlag/
Alle Rechte beim Verlag
Druck: Gruner Druck GmbH, Erlangen
Titelgraphik: Steffen Sander
ISBN 3-932011-40-6
Inhaltsverzeichnis
Vorwort der Herausgeber....................................................................... 7
Einleitung ............................................................................................... 9
Grußworte zum 70jährigen Jubiläum der Studiengesellschaft ................ 15
Tagungsbeiträge
Annette Kleinfeld
Globalisierung: Bedrohung oder Chance? ................................................... 25
Friedrich Heckmann
Perspektiven für die Globalisierungsproblematik der Märkte –
Denkanstöße für eine ethische Urteilsbildung............................................. 55
Hans-Hermann Tiemann
Globalisierung und Kultur........................................................................... 93
Michael Kranzusch
Der Mensch in seiner Welt. Zur wechselseitigen Irritation und Relevanz
von Anthropologie und Globalisierungsdiskussion ...................................117
Barbara Ketelhut
Umbrüche in einer Region. Auswirkungen von internationalen
Investitionen im Weserbergland auf die Lebenswelten...............................131
Klaus P. Japp
Struktureffekte transnationaler Risikokommunikation:
Das Beispiel des BSE-Konflikts ...................................................................149
Uwe Heinrich
Die „Globalisierungsfalle“ als Lernfeld in der Entwicklungspolitik...........181
Fritz Erich Anhelm
Gegenmacht oder Mitgestaltung? Stiftungen und NGOs als Architekten
des Wandels .................................................................................................187
Lourens Minnema
Hinduistische und buddhistische Bewertung wirtschaftlicher Tätigkeit
und ihrer Folgen..........................................................................................197
Wilhelm Fahlbusch
Resümee der Tagung ...................................................................................213
Anhang
Spiritualität und Ökonomie. Ein Schlüsselproblem der Gegenwart
Mainzer Erklärung der deutschen Sektion der 'Weltkonferenz der
Religionen für den Frieden' (WCRP) (1996) .............................................217
Globale Wirtschaft verantwortlich gestalten
Dokumente der Tagung der 9. Synode der Ev. Kirche in Deutschland (2001)
.....................................................................................................................221
Literatur zur Globalisierung .......................................................................269
Die Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft..........................................278
Autorinnen, Autoren und Herausgeber .....................................................280
Vorwort der Herausgeber
Die „Globalisierung“ provoziert seit etwa zehn Jahren öffentliche Diskussionen. Gegenwärtig treten die sozialen und politischen Folgen der ökonomischen Globalisierung immer deutlicher ins Bewusstsein.
Die globale Welt eröffnet Möglichkeiten, von denen vorhergehende Generationen kaum zu träumen wagten. Motor dieser Entwicklung ist die globale
Wirtschaft, die in wenigen Jahrzehnten einen bisher nicht vorstellbaren
Reichtum erzeugt hat. Dieser könnte allen Menschen ein Leben in Würde
ermöglichen.
Der Welthandel steigerte sich allein im Jahr 2000 um 11 Prozent und belief
sich auf 3.900 Mrd. US-$. Die Summe aller weltweit produzierten Güter
und Dienstleistungen legte in den zehn Jahren bis zu den Kurskorrekturen
des Jahres 2001 um 40 Prozent zu.
Es gibt jedoch auch ein anderes Gesicht der Globalisierung. 826 Millionen
Menschen sind permanent unterernährt, obwohl die Erde doppelt so viele
Menschen ernähren könnte, wie heute auf ihr leben. Täglich sterben 100.000
Menschen an Hunger und seinen unmittelbaren Folgen. Alle sieben Sekunden ist darunter ein Kind. Alle sechs Minuten erblindet ein Mensch auf
Grund eines Vitamin-A-Mangels. Mehr als eine Milliarde Menschen haben
keinen Zugang zu sauberem Wasser. Noch größer ist die Zahl der Analphabeten und derer, die keine Arbeit haben. Die Auswirkungen der großen und
kleinen Katastrophen, von denen die 6,2 Milliarden Menschen auf diesem
Planeten von Nairobi bis New York betroffen sind, sind unübersehbar.
Wachsende Armut in vielen Teilen der Welt wirft die Frage nach Konzepten auf, wie die sich rapide globalisierende Weltwirtschaft verantwortlich zu
gestalten wäre. Hier Orientierungen zu versuchen, war das Anliegen von
zwei Tagungen der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft in der Ev.luth. Landeskirche Hannovers. Im Frühjahr 1997 und zum 70-jährigen Jubiläum der Studiengesellschaft im Herbst 1999 wurden die mit der „Globalisierung“ verbundenen Probleme in Vorträgen und Diskussionen ausgelotet.
7
Die Studiengesellschaft verfolgt das Ziel, mit Experten aus verschiedensten
gesellschaftlich relevanten Wissenschaftsdisziplinen und mit Praktikern aus
anderen Arbeitsfeldern in einen interdisziplinären Dialog zu treten und
dessen Ergebnisse für Kirche und Gesellschaft fruchtbar zu machen. Ein am
Ende der zweiten Globalisierungstagung gezogenes Resümee ist in dem
vorliegenden Band enthalten. Eine eigene Antwort auf die Frage nach dem
Verhältnis der Kirchen zur Globalisierung oder zu einer ihrer sozialwissenschaftlichen Darstellungsformen zu finden, bleibt der Lektüre und
Benutzung des Buches vorbehalten.
Diesem Ziel dient auch der Abdruck weiterer Texte, und zwar zunächst der
Mainzer Erklärung „Spiritualität und Ökonomie“ (1996) und zwei Dokumenten der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema
„Globale Wirtschaft verantwortlich gestalten“ aus dem Jahre 2001. Nach der
Wirtschaftsdenkschrift von 1991 „Gemeinwohl und Eigennutz“ und dem
gemeinsamen Wirtschafts- und Sozialwort des Rates der EKD und der deutschen Bischofskonferenz „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ (1997) unterstreicht die Kirche damit den hohen Stellenwert, den sie
diesem Thema beimisst.
Die Herausgeber danken den Referentinnen und Referenten für die Überlassung ihrer Texte für den Druck, sowie Dr.-Ing. Volker Ahrens und Dr.
theol. Hans-Hermann Tiemann für ihre intensive Mitwirkung bei den Tagungen und der Redigierung der Texte. Zu danken ist der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers für einen Druckkostenzuschuss und der Hanns-LiljeStiftung, Hannover, für eine finanzielle Förderung der Tagungsarbeit.
Ein besonderer Dank gilt Andreas Osterloh und Thomas Göbe, die die
Druckvorlage sorgfältig erstellt haben.
Hannover, im Mai 2002
Martin Cordes
Hans-Jürgen Pabst
8
Einleitung
Der vorliegende Band zum Globalisierungsproblem enthält Beiträge von
zwei Tagungen der Sozialwissenschftlichen Studiengesellschaft in der Ev.luth. Landeskirche Hannovers. Die erste fand am 26. April 1997 unter dem
Titel „Die Artisten in der Zirkuskuppel - ratlos? Denkanstöße zur Globalisierungsdebatte“ im Ev. Schulpfarramt in Hannover statt. Mit der zweiten
Tagung vom 5./6. November 1999 unter dem Titel „Globale Welt - Was tun?
Lösungsperspektiven zur Globalisierungsproblematik“ beging die Studiengesellschaft ihr 70-jähriges Jubiläum in der Ev. Fachhochschule Hannover.
Mit diesen Themenstellungen folgte sie ihrem Auftrag, neue gesellschaftliche
Herausforderungen für die kirchliche Praxis aufzunehmen. Die Studiengesellschaft ist im Jahr 1929 unmittelbar vor der „Weltwirtschaftskrise“ gegründet worden. Von Anfang an war sie darum mit global bedingten wirtschaftlichen Problemen konfrontiert. Mit ökonomischen Fragen haben sich
die Teilnehmer immer wieder intensiv auseinander gesetzt, besonders gelegentlich der regelmäßigen Betriebsbesuche, zuletzt 1999 bei der Continental
Reifen-AG und 2001 bei der Versicherungsgruppe Hannover (VGH) sowie
bei der Exkursion zum Wuppertal-Institut Ernst-Ulrich von Weizsäckers im
Frühjahr 2000.
Das Konzept der Studiengesellschaft, soziale Fragen aus der ökonomischen
Praxis und ethischen Reflexion mit der kirchlichen Wirklichkeit zusammenzuführen, scheint weiterhin auf Resonanz zu stoßen, auch wenn die Kommunikationsbedingungen sich im Zeitalter der Postmoderne und des Internet durchaus verändert haben. Diese Umstellung bedeutet freilich, dass die
Diskussion neue Parameter aufnehmen muss und ältere in den Hintergrund
treten. Die Frage des gewerkschaftlichen Engagements und zuletzt des
Kampfes um eine innerbetriebliche Mitbestimmung, die noch vor ca. zehn
Jahren besonders auch innerhalb des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) diskutiert und dort für die Arbeit mit Beschäftigten multinationaler Konzerne auf international vernetzte Basiskontakte ausgeweitet wurde, erwies sich nicht mehr als eine Hauptfrage, wie das Resümee von Prof.
Wilhelm Fahlbusch zur Tagung im Jahr 1999 ergab. Das Gerechtigkeitsthema hat eine neue Dimension erreicht und tendiert dazu, die alte Entgegensetzung von Kapital und Arbeit zu verändern.
9
Die globalen Wettbewerbsbedingungen erfordern neue Kritikhorizonte und
erweiterte Kooperationen.
Folgende Themenbereiche werden in den Beiträgen dieses Bandes wiederholt aufgegriffen und systematisch weitergeführt:
-
Begriff und Erscheinungsformen der „Globalisierung“,
-
die weltweite Entgrenzung der Wirtschaft und ihre Bedeutung,
-
die Wahrnehmung globaler Risiken,
-
Identität und Würde des Menschen im Zeitalter der Globalität und
-
Ansätze für ein Welt-Ethos sowie eine globale Weltordnung.
Die Beiträge im Einzelnen:
Annette Kleinfeld entwirft ein Bild der technischen Bedingungen sowie der
Unternehmensstrategien, welche die Vision eines globalen Marktes haben
Wirklichkeit werden lassen. Sie zeigt, wie die bisherige nationale, soziale
und neuerdings auch ökologische Wirtschaftspolitik durch diese Entwicklung wichtiger Grundlagen beraubt wird. Sie fragt nach Spielräumen für
eine Wirtschaftsethik, die sich mit dem Leitgesichtspunkt der Effektivität
vereinbaren lässt. Der einzelne Mensch muss sich als „Homo oeconomicus“
wie ein einzelnes „Profit-Center“ immer mobiler und flexibler auf die Erfordernisse des Marktes einstellen und wird dabei zunehmend heimatlos. Demgegenüber fragt die Autorin nach Möglichkeiten, einen die ganze Welt umfassenden, rechtlichen Ordnungsrahmen sowie ein „Weltethos“ in Geltung
zu setzen. Die Kultur- und Religionswelt Indiens und Ostasiens ist herausgefordert, sich im globalen Wettbewerb der Kulturen zu behaupten bzw. nach
dem Grad ihrer Kompatibilität mit der globalen Wirtschaft messen zu lassen. Für die europäische Kultur wird sich zeigen, ob sie in der Lage ist, eine
Balance zwischen Eigennutz und Gemeinwohl herzustellen und so humane
Lebensbedingungen zu gewährleisten.
Friedrich Heckmann skizziert die Internationalisierung der Märkte und
bietet Denkanstöße für eine ethische Urteilsbildung aus wirtschaftspolitischer Perspektive. Die Menschheit steht am Scheideweg zwischen einem
10
bloßen Überlebensszenario, einer „Pax Triadica“ der mächtigen Wirtschaftsregionen, und dem „Rio-Prozess“ einer ökologisch nachhaltigen globalen
Entwicklung. Der Autor befragt kritisch die Werte, nach denen wir leben,
und setzt ihnen das christliche Gerechtigkeitsverständnis entgegen.
Hans-Hermann Tiemann untersucht die Globalisierung der Wirtschaft als
kulturelle Dynamik. Daraus entwickelt er theologische und kulturgeschichtliche Optionen zur Globalisierung. Zwar kann auch das globale Zeitalter
keine Gerechtigkeit versprechen, jedoch ist die Möglichkeit der Bedarfsdeckung für alle Menschen auf neue Weise gegeben. Von daher plädiert der
Autor für eine globale Verantwortung und eine partizipatorische, dialogische Weltkultur.
Michael Kranzusch benennt ethnische und kulturelle Hybrid-Bildungen und
Melange-Effekte, die sich in den neuen, globalen Kommunikationszusammenhängen ergeben. Diese erläutert er anhand der Globalisierungstheorie
Ulrich Becks. Der global denkende und handelnde Mensch muss komplexe
Anpassungs- und Integrationsleistungen erbringen, mit denen die meisten
Menschen - wie auch die bisherige Anthropologie - überfordert sind.
Barbara Ketelhut untersucht die Auswirkungen internationaler Firmenübernahmen auf die Lebenswelt von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen im Weserbergland. Mit einem kooperativen sozialwissenschaftlichen
Forschungsprojekt will sie Ansätze für einen solidarischen Widerstand herausarbeiten, der Auswirkungen des wirtschaftlichen Wandels auf Familien
und Tagesabläufe der abhängig Beschäftigten begegnet.
Klaus Peter Japp thematisiert die transnationale Kommunikation über „ökologisches Nichtwissen“, d. h. über schwer kalkulierbare Gefahren in der
Umwelt. Am Beispiel des BSE-Konflikts zeigt er einen „emergenten Struktureffekt“ auf, der sich ergibt, wenn Teilsysteme unterschiedlich auf Bedrohungen reagieren, und etwa eine bloße „Gefahrenabwehr“ neben der „Risikovorsorge“ gewissermaßen ein begrenztes Experiment mit der Schadensursache erlaubt. Der soziale Umgang mit Nichtwissen wird zum Problem: Für
riskante Entscheidungen hat die Politik unter „welt-öffentlichem Beobachtungsdruck“ die Verantwortung zu übernehmen. Der Autor entwickelt von
da aus einen erweiterten Begriff des „Systemvertrauens“, das auch zufällige,
11
emergente Effekte mit einbezieht und ein personales oder bloß institutionelles Vertrauen überbietet.
Uwe Heinrich warnt vor einer „Globalisierungsfalle“ in der Entwicklungspolitik. Nachdem scheinbar revolutionäre Großprojekte in der Entwicklungshilfe gescheitert sind, konzentrieren die großen EntwicklungshilfeOrganisationen ihre Förderung auf Projekte, die auf lokale Ressourcen und
Bedürfnisse abgestimmt sind. Als Beispiel nennt er für Tanzania die große
Anzahl von Bautischlereien, die auf einige durch Entwicklungshilfe eingerichtete Werkstätten zurückgehen, heute selbstständig arbeiten und ihr
Know-how an Auszubildende weitergeben.
Fritz Erich Anhelm stellt Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen,
kurz „NGOs“, als neue, global wirksame Faktoren vor. Beträchtliche Fördermittel werden von nicht-staatlichen Einrichtungen für gemeinnützige
Zwecke erbracht, besonders in der internationalen Bildungsförderung und
Entwicklungshilfe. Am Beispiel der privaten Soros-Foundation sowie der
„World Alliance for Citizens' Participation“, einem Netz von Stiftungen und
NGOs, erläutert er, wie sich hier gegenüber der Dynamik des Geldes in der
Wirtschaft und der Dynamik der Macht in der Politik eine zivilgesellschaftliche Dynamik der Kommunikation entfaltet. Auch die Kirchen wollen
dazu beitragen, dass sich zeichenhaft eine „Gegenkultur“ zur Globalisierung
entwickeln und die Lebenswelt sich nach ethischen Gesichtspunkten wandeln kann.
Hatte Kleinfeld bereits darauf hingewiesen, dass östliche Religionen als mögliches Gegengewicht zur Hektik der sich global ausbreitenden westlichen
Ökonomie in Frage kommen, so behandelt Lourens Minnema systematisch
die Stellung des Hinduismus und Buddhismus zu ökonomischer Tätigkeit.
Religion und Kultur normieren nicht nur das Handeln der Menschen mit
festen Wertvorstellungen, sondern wirken auch subversiv und kreativ, bilden Gegenkulturen und verwirklichen, etwa im wirtschaftlich erfolgreichen
Ostasien, unter globalisierten Bedingungen auf neue Weise ihr strukturelles
Potenzial.
12
Die meisten der Beiträge variieren schon von ihrem Ansatz her in gewisser
Hinsicht einen Satz von Max Weber, den dieser in einer Vorbemerkung
seinen 1920 erschienenen Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie
voranstellte: „Universalgeschichtliche Probleme wird der Sohn der modernen
europäischen Kulturwelt unvermeidlicher- und berechtigterweise unter der Fragestellung behandeln: welche Verkettung von Umständen hat dazu geführt, dass
gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier, Kulturerscheinungen auftraten, welche doch - wie wenigstens wir uns gern vorstellen - in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit lagen?“
Die Aufsätze dienen dazu, die Dynamik, die Beherrschbarkeit und die Sinngrenzen des Kapitalismus, einer ursprünglich europäischen Kulturerscheinung, zu hinterfragen, seine globale Auswirkungen an den eigenen
geistigen und gesellschaftlichen Voraussetzungen zu messen sowie mit den
Bedingungen anderer Kulturkreise zu vergleichen. Die Autoren bleiben
jedoch nicht bei der Analyse stehen, sondern versuchen, den Diskurs voranzutreiben, Lösungsperspektiven zu eröffnen und zu zeigen, wie das globale
System den Menschen dienen kann, ohne ihre Freiheit zu beeinträchtigen.
Diesem Ziel dienen auch die im Anhang abgedruckten Dokumente der
deutschen Sektion der „Weltkonferenz der Religionen für den Frieden“
(1996) bzw. der 9. Synode der Ev. Kirche in Deutschland (2001).
13
Grußworte zur Jubiläumstagung anlässlich des 70-jährigen Bestehens
der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft
in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
am 5./6. November 1999
in der Evangelischen Fachhochschule Hannover
Jan Tillmann
Grußwort für die Evangelische Fachhochschule
Sehr geehrte Damen und Herren!
Es ist meine Aufgabe, Sie im Namen der Evangelischen Fachhochschule Hannover zu begrüßen und willkommen zu heißen.
„GLOBALE WELT - WAS TUN?“ ist Ihre Frage, und gleichzeitig feiern Sie
das 70-jährige Bestehen der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft. Gegründet also: 1929. Jede und jeder von Ihnen weiß, welche ökonomische Bedeutung dieses Jahr hatte. Aber führen wir uns diese Zeitspanne von damals bis
heute kurz vor Augen: 1927 überquerte Charles Lindbergh als Erster mit einem Flugzeug den Atlantik - eine Sensation! Aber nur 42 Jahre später landete
Neil Armstrong als erster Mensch auf dem Mond. Es ist eine irrwitzig-rasante
technische Entwicklung, die sich in den letzten zwei Generationen vollzogen
hat. In ihr lag die NS-Zeit mit dem Zweiten Weltkrieg, die Spaltung der Welt
in Blöcke mit atomarer Bedrohung. Der Höhepunkt des Kalten Krieges war
1969. Dann kam der plötzliche Zusammenbruch des Ostblocks und das dann
folgende Phänomen, das wir Globalisierung nennen. Hat es je eine so schnelle,
völlige Veränderung der Welt gegeben mit so vielen Unstetigkeiten, Verwerfungen und Verwandlungen in den Beziehungen der Menschen untereinander?
Wie wurden sie verarbeitet?
Die Ziele der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft entnehme ich aus
dem Einladungsschreiben. Darin steht ein mutiger und zugleich bescheidener
Satz: „Die Studiengesellschaft greift soziale Fragen auf, die gegenwärtige Herausforderungen für die evangelische Kirche darstellen. Sie diskutiert und för15
dert ethisch und theologisch reflektierte Lösungsansätze.“ Das heißt nicht, dass
Antworten gegeben werden, sondern dass Einsichten und Perspektiven gemeinsam überlegt und besprochen werden. Das ist eine weitsichtige und kluge
Aufgabenstellung. Sie bedeutet, sich etwas vorzunehmen, was nicht in die
„Shareholder-Value“-Mentalität der Gegenwart passt. Welch eine Aufgabe bei
der rasanten Veränderung und ihren nicht absehbaren Folgen für das Zusammenleben der Menschen! Welch eine Aufgabe, wenn so etwas in dieser Gesellschaft aufgenommen, diskutiert und bedacht wird! Das geschieht abseits von
drückenden Tagesentscheidungen und vollzieht sich gegen den wohlfeilen
Strom des technisch-ökonomisch kontrollierenden Zeitgeistes. Es ist eine
„Not-wendige“ Arbeit. Wer freiwillig eine solche Arbeit übernimmt, stellt sich
gegen den offiziellen Strom der Effektivität. Es nötigt Respekt ab, wird mitunter auch belächelt. Ich glaube, dass sich durch solch ein Engagement die Welt
verändern kann, weil Sorge getragen wird, dass sie lebenswert bleibt.
Es gibt Denkmäler für unbekannte Soldaten. Es müsste auch Denkmäler geben
für solche, die sich verantwortlich fühlen.
Das bedeutet für das Thema „Globalisierung“:
1. Es gibt neben der allgegenwärtigen Wachstumsideologie auch ein Wachstum
an Mut, Einsicht und anderen Perspektiven, auch wenn sie nicht unmittelbar
erfolgsorientiert sind. Es ist tröstlich, dass Immanuel Kant in seinen „Prolegomena“ gesagt hat, dass die menschliche Vernunft mehr Fragen habe als Antworten.
2. Was an Veränderungen geschieht, ist kaum zu begreifen. Es ist nur schwer in
unser existenzielles Erleben zu bringen. Das Weltbild, das ich als Kind hatte,
war Deutschland mit ein bisschen Frankreich, England usw. darum herum.
Dahinter begann eine riesige, unbekannte, verlockende Welt, ein Abenteuer.
Für uns Ältere stammte diese Weltdimension am ehesten noch aus den KarlMay-Romanen, die wir lasen. Heute ist da ein Weltbild, das eher einer Vielzahl
von Busbahnhöfen ähnelt, mit einigen Parks dazwischen. Alaska, Mexiko,
Neuseeland - kein Problem! Mal eben telefonieren, mal eben hinfliegen. Ich
trage zwei inkompatible Bilder dieser Erde in mir herum. Und wie dieses ein
Beispiel ist, so gibt es ungeheuer viele neue Wirklichkeiten. Wie passen sie
zusammen? Welche noch unbekannten Nebenwirkungen haben sie? Welche
16
Auswirkungen haben diese auf die sozialen Beziehungen? Wie kommt man
klar mit den Geistern, die man rief? Wer wird sich für sie zuständig erklären?
Es muss wohl Menschen geben, die sich außerhalb der wohlfeilen Trends engagieren.
Ich wünsche Ihnen Mut, „Wachstum“, Einsichten und Perspektiven. Ich wünsche Ihnen und mir, dass es Ihnen in der Evangelischen Fachhochschule gefällt
und dass Sie wiederkommen.
17
Grußwort des Vizepräsidenten des Landeskirchenamtes der Ev.luth. Landeskirche Hannovers, Dr. theol. Günter Linnenbrink
Die Arbeit der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft habe ich während meines Dienstes in der Hannoverschen Landeskirche, - und das sind
nun schon über 23 Jahre - immer aufmerksam verfolgt. Manche Beiträge
und Publikationen habe ich mit Interesse und Zustimmung gelesen. Dankbar habe ich auch registriert, dass die Studiengesellschaft in zunehmendem
Maße ihre Themen mit entwicklungspolitischen Gesichtspunkten und Erfahrungen verknüpfte. Auch das Globalisierungsthema ist ein solches.
Ich wünsche der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft noch viele
Dezennien der erfolgreichen wissenschaftlichen Arbeit und grüße Sie und
alle Mitglieder herzlich.
Grußwort des Landessuperintendenten Walter Herrenbrück
(Synodalrat der Evangelisch-reformierten Kirche)
Die Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft in der Ev.-luth. Landeskirche
Hannovers wird 70. In den Kreis der Gratulanten reiht sich die Evangelischreformierte Kirche gern ein. Beruf und Arbeit, Familie und Gesellschaft,
Fragen der Ökologie und der Ökonomie und ... und: die Themenpalette, die
auf den Tagungen der Studiengesellschaft verhandelt werden, ist breit. Die
Themen sind aktuell und finden Aufmerksamkeit - nicht nur bei kirchlichen
Insidern.
Wenn die Studiengesellschaft im November 1999 sich auf ihre Jubiläumstagung mit „Lösungsperspektiven zur Globalisierungsproblematik“ befasst,
dann wird deutlich, worum es geht: komplexe Tatbestände zu analysieren
und nach Orientierungen zu suchen. Sozialwissenschaftliche Fragestellungen mit theologischen Aussagen zu verknüpfen, sachkundige Referentinnen
und Referenten einzuladen, Zeit für Gespräche zu haben: das ist ein wichtiger Brückenschlag zwischen Kirche und Arbeitswelt, zwischen Kirche und
Gesellschaft, zwischen Theologie und Humanwissenschaften. Das bleibt
wichtig - auch über den 70. Geburtstag hinaus.
18
Grußwort des Landessozialpfarrers Otto Lange
Der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA) hat erst vor einem Jahr sein
50jähriges Jubiläum gefeiert. Seine Ursprünge und seine Entstehungsgeschichte
sind eng verbunden mit der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft, seiner
„älteren Schwester“, zum Teil sind sie identisch.
Diese Zusammengehörigkeit von Studiengesellschaft und KDA ist in unterschiedlicher Intensität immer erhalten geblieben. Wir haben gemeinsame
Themen, Veranstaltungsformen und Akteure und wenden uns teilweise an
dieselben Zielgruppen. Mit einem herzlichen Dank für die Bände 1 und 2 der
„Quellen und Forschungen zum evangelischen sozialen Handeln“, die sich
ausführlich mit dem Aufgabenfeld des KDA beschäftigen, verbinde ich unsere
solidarischen Grüße und kräftigen Wünsche für die Jubilarin!
Zur Fragestellung des Tagungsthemas gibt das „Wort der Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland“ (1997) eine Reihe sehr deutlicher Antworten - direkte und indirekte. Im Grunde durchzieht die globale
Perspektive den ganzen Text; wird doch die Lage in Deutschland in allen wesentlichen Punkten in ihrer europäischen und weltweiten Einbindung betrachtet und bewertet. So erweist sich der Titel „Für eine Zukunft in Solidarität und
Gerechtigkeit“ vom Inhalt her als programmatische Aussage über die Grundlagen einer anzustrebenden Weltwirtschafts- und Sozialordnung. Dieses politische Bekenntnis wird hergeleitet aus dem Glaubensbekenntnis: aus der sozialen
Botschaft der Bibel, die als ökumenische eine internationale ist, wie es nicht
anders sein kann. Stichworte sind:
-
die unveräußerliche Würde aller Menschen,
-
ihr Status als gleichberechtigte und mitverantwortliche „Sachwalter
Gottes auf Erden“ im Horizont seines Reiches,
-
das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe sowie
-
Gerechtigkeit als „Schlüsselbegriff der biblischen Überlieferung, der
alles umschließt, was eine heile Existenz des Menschen ausmacht.“
(Ziffern 93f., 103f., 108f.)
19
Unter der Voraussetzung, dass es beim produktiven Kompromiss zwischen der
Freiheit des Marktes und dem sozialen Ausgleich als gleichberechtigten Säulen
im Konzept der Sozialen Marktwirtschaft bleibt, sehen die Kirchen in dieser
Ordnung weiterhin „den geeigneten Rahmen für eine zukunftsfähige Wirtschafts- und Sozialpolitik.“ (9) Dazu gehören im Kern der sozial gerechte Ausgleich und die Beteiligung und Teilhabe aller am gesellschaftlichen, kulturellen
und wirtschaftlichen Leben. (143)
Diese Forderung ist nicht geographisch zu begrenzen. „Solidarität und Gerechtigkeit können ihrem Wesen nach nicht auf das eigene Gemeinwesen eingeschränkt, sie müssen weltweit verstanden werden. Darum müssen zur sozialen
die ökologische und globale Verpflichtung hinzutreten. Die Erwartung, eine ...
gewissermaßen adjektivlose, reine Marktwirtschaft könne den Herausforderungen besser gerecht werden, ist ein Irrglaube.“ (11) Vor diesem Hintergrund
wird das Ereignis „Globalisierung“ als zu gestaltende sozialethische und politische Aufgabe und nicht als Grund zur Aufgabe vor einer schicksalhaften Naturgewalt gesehen. Gegen die „ungehinderte Dominanz privatwirtschaftlicher
Interessen auf Weltebene“ und zugunsten der „Chancen wirtschaftlicher Entwicklung für die ärmeren Länder“ müssen die internationalen Organisationen
der Staaten mit ordnungspolitischer Kompetenz ausgestattet werden, um „eine
verbindliche weltweite Rahmenordnung für wirtschaftliches und soziales Handeln“ durchsetzen zu können. (33;163)
20
Ingrid Lukatis
Grußwort für das Pastoralsoziologische Institut
70 Jahre Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft – eine freie Vereinigung
innerhalb der ev.-luth. Landeskirche! Ich danke ganz herzlich für die Chance,
aus diesem Anlass ein Grußwort sprechen zu dürfen. Ich tue dies als Sozialwissenschaftlerin in der Landeskirche und derzeitige Leiterin des Pastoralsoziologischen Instituts der Evangelischen Fachhochschule Hannover – viele
von Ihnen kennen unsere Einrichtung eher noch unter unserem alten Namen:
Pastoralsoziologische Arbeitsstelle. Mich und unser gesamtes Institut verbinden doch gewissermaßen geschwisterliche Bande mit Ihrer inzwischen so
traditionsreichen Initiative!
Soziale Fragen aufzugreifen, die der Kirche als aktuelle Herausforderung begegnen, das ist schließlich unser gemeinsames Anliegen: Wie kann und soll die
Kirche als Ganze auf Prozesse sozialen Wandels reagieren? Welche neuen
Chancen eröffnen sich für Kirchengemeinden, für Pastorinnen und Pastoren,
überhaupt: für kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bezahlte und
ehrenamtlich tätige? Vor welche Herausforderungen sehen sie sich gestellt?
Um auf solche Fragen eine Antwort zu finden, bedarf es zunächst einmal des
genauen Hinschauens.
Solches „Hinschauen“ ist in dreifacher Weise erforderlich:
Da ist zum einen die „Mikro-Betrachtung“, der Blick auf die unterschiedlichen
„Lebensalltage“ der Menschen. Nur wer über den Horizont der eigenen Primärerfahrung hinausblickt, wird wenigstens in Ansätzen eine Vorstellung
davon gewinnen, wie Menschen an verschiedenen Orten unserer Gesellschaft
leben, wie unterschiedlich sie von sozialen und ökonomischen Veränderungsprozessen betroffen sind – als Junge und Alte, als Berufstätige und
Arbeitslose, Arbeit-Suchende, als Menschen, die auf Sozialhilfe angewiesen
sind, und als finanziell Abgesicherte, als Deutsche und Ausländer, und nicht
zuletzt: als Männer und Frauen.
Die Kirche kann mit ihrer Verkündigung nur dann die Menschen erreichen,
wenn sie bereit ist, sich in deren konkreten Erfahrungszusammenhang einzu21
klinken, d. h. das Evangelium unter „Alltagsbedingungen“ auszulegen. Das ist
durchaus nicht gleichbedeutend damit, die christliche Botschaft im Alltag
„aufgehen“ zu lassen, ihren „alltagstranszendierenden“ Charakter zu verwischen. Aber um den Alltag transzendieren zu können, ist zuerst einmal Verortung im Alltag notwendig. In dieser Einsicht liegt ein wichtiger Grund
dafür, dass wir als PSI in der Kirche überhaupt Pastoralsoziologie betreiben
und dafür, dass wir es in der von uns praktizierten Weise tun: Wir konfrontieren kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Lebenssituationen, Alltagserfahrungen, Problemen und Zukunftsperspektiven von Menschen und
versuchen mit ihnen zusammen, solche – möglichst realitätsnahen – Wahrnehmungen mit kirchlicher Tradition und Lehre zu verbinden.
Wo Mitglieder der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft sich durch
Praxiserkundungen in an-„schau“-licher Weise Zugänge zu sozialen Wirklichkeiten verschaffen, die ihnen zunächst einmal „fremd“ sind, da sind auch sie
unmittelbar um die Erweiterung des eigenen Erfahrungshorizontes bemüht.
Darüber hinaus trägt die Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft mit ihren
Tagungen und Veröffentlichungen wesentlich dazu bei, Hilfen zur Erschließung „fremder“ Lebensumstände zu leisten. Die wissenschaftliche Buchreihe
„Quellen und Forschungen zum evangelischen sozialen Handeln“ mit ihren
bisher zwölf Bänden eröffnet solch neue Einblicke – z. B. in Veränderungen,
die Menschen erfahren, wenn sie „erwerbsarbeits-los“ werden oder in Erfahrungen, wie Frauen sie in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen machen.
Der andere „Pol“ solchen „Hinschauens“ wird markiert durch die „MakroPerspektive“. Das Thema, das im Rahmen dieser Jubiläumstagung bearbeitet
wird, liefert ein geradezu klassisches Beispiel hierfür: „Globale Welt – Was
tun?“ Gesellschaftliche und ökonomische Groß-Systeme kommen hier in den
Blick; im konkreten Fall geht es buchstäblich um weltweite Entwicklungen
und um die Bedeutung, die diese für das Leben der Menschen haben. Aus
kirchlicher Sicht erwächst aus der Wahrnehmung solcher Veränderung die
Herausforderung, Position zu beziehen: Sozial- und wirtschaftsethische Stellungnahmen sind gefordert, und die Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft leistet dazu einen Beitrag, indem sie als Gesprächs- und Studienforum
die notwendigen Debatten aufnimmt und weiterführt.
22
Die Arbeit unseres Instituts – ich habe eingangs ja von einer Art geschwisterlichem Nebeneinander gesprochen – ist an dieser Stelle als komplementär zu
beschreiben: Vom PSI werden gesellschaftliche Veränderungen hauptsächlich
dort thematisiert, wo dies der Kirche und ihren Teilbereichen helfen kann, ihr
eigenes Verhalten gegenüber der Gesellschaft und ihren Mitgliedern im Licht
solcher Wandlungsprozesse zu überprüfen – oder, anders gesagt: wo sie dazu
herausgefordert werden. Beispielsweise konfrontiert die Beschäftigung mit
dem gesellschaftlichen „Individualisierungsprozess“ die Kirche mit der Frage,
wie christliche Lehrtätigkeit heute aussehen kann – angesichts wachsender
Autonomie-Bestrebungen. Äußerungen, die in dogmatischer Weise Geltung
einfordern, können sich da leicht als nicht „sach-dienlich“, weil Zugänge verschließend, erweisen. Wo Bedürfnisse nach Glaubwürdigkeit und Nachvollziehbarkeit kirchlichen Redens aus solchen Autonomie-Bestrebungen resultieren, da ist die Entscheidung für einen differenzierten Lebensweltbezug bei der
Weitergabe der christlichen Botschaft ein Resultat der Beschäftigung mit sozialwissenschaftlicher Einsicht.
Zwischen Mikro- und Makro-Perspektive liegt jene Blickrichtung, die in den
Sozialwissenschaften gern als die „intermediäre“ bezeichnet wird – also die
nach der Organisationsgestalt, dem Organisationshandeln der Kirche. Wenn
ich die Publikationen der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft zugrunde lege, so begegnet mir dieser Themenkreis als ein Haupt-Arbeitsfeld:
Mehrfach geht es um die „soziale Arbeit“ der Kirche, um Diakonie als Versuch, die Nöte und Leiden der einzelnen Menschen im Kontext gesellschaftlicher Strukturen in den Blick zu nehmen, ihre „Bedingtheit“ durch
gesellschaftliche Wandlungsprozesse zu erkennen und institutionell handelnd
auf solcher Erkenntnis aufzubauen. Einrichtungen des kirchlichen Dienstes in
der Arbeitswelt und soziale Arbeit an erwerbslosen Menschen, diakonische
Arbeit an unterschiedlichen Zielgruppen im großstädtischen Kontext oder
unter Bedingungen des Strafvollzuges – das sind Themen, denen hier nachgegangen wird. Auch die Gestalt kirchlicher Berufe findet Beachtung – z. B. im
Blick auf Diakonissen oder auf GemeindereferentInnen in der katholischen
Kirche, ein Handlungsfeld, das sich, empirisch betrachtet, ebenfalls überwiegend als „Frauenberuf“ darstellt. Wie nehmen solche Berufe und das ihnen
verfügbare Handlungsfeld gesellschaftliche Wandlungsprozesse auf?
23
Resultieren aus der Entwicklung und Veränderung dieser Berufe umgekehrt
neue Impulse für Gesellschaft und Kirche?
Die enge Verbundenheit zwischen der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft und unserem Institut kommt also teils in gegenseitiger Ergänzung, teils
in parallelen Fragestellungen und nicht selten eben auch in gemeinsamen
Vorhaben zum Ausdruck. Aus solcher Nähe der Anliegen und Bestrebungen
heraus also grüße ich Sie – zugleich im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen im PSI – zu dieser Jubiläumstagung sehr herzlich. 70 Jahre sind noch
lange nicht genug! Wir freuen uns auf weitere Gelegenheiten zur Zusammenarbeit, wünschen der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft auch in
Zukunft spannende, ertragreiche Diskussionen und Anstoß gebende Erkenntnisse, von denen nachhaltige Wirkungen ausgehen – zum Wohle von
Kirche und Gesellschaft und der Menschen, die darin leben.
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Tagungsbeiträge
Globalisierung: Bedrohung oder Chance?
Annette Kleinfeld
1.
Einleitung
Es zeugt von der Weisheit östlichen Denkens, dass im Chinesischen ein und
dasselbe Schriftzeichen für „Chance“ und zugleich für „Gefahr“ steht. Unser
Begriff „Risiko“ birgt die gleiche Ambiguität in sich. Von Risiko sprechen wir
jedoch in der Regel nur dann, wenn es um eine Entscheidung unter Unsicherheit geht, um die Einführung eines neuen Produkts oder einer neuen Technologie etwa, deren Folgen in ihrer ganzen und langfristigen Tragweite aus Mangel an Erfahrungswerten nicht klar abschätzbar sind.
Was derzeit unter diesem doppelten Vorzeichen diskutiert wird - der ökonomische Globalisierungsprozess, - zeichnet sich allerdings über die Unvorhersehbarkeit seiner mittel- und langfristigen Auswirkungen hinaus durch etwas aus,
das die Debatte darüber von Diskussionen wie der über die Einführung der
Transrapid-Schwebebahn deutlich unterscheidet.
Die gegenwärtige Erörterung von Chancen und Gefahren der Globalisierung
dient nicht der Entscheidungsfindung, ob das fragliche Projekt verwirklicht
werden soll oder nicht. Diese Wahl ist längst gefallen mit der Entscheidung für
das marktwirtschaftliche System als das beste aller möglichen Wirtschaftssysteme. Der freie Weltmarkt oder zumindest Marktwirtschaft im Weltmaßstab so fordert es die Logik dieses Systems - ist und bleibt das erklärte Endziel seiner
25
Theoretiker - solange wenigstens, bis man doch noch irgendwann konsumtaugliches Leben im All ausfindig gemacht haben wird.
Wir sind nun die Zeugen, wie diese Vision eines globalen Marktes Wirklichkeit
wird. Wir sind auch diejenigen, die angesichts der zunehmend spürbaren Auswirkungen dieser Entwicklung für die nationalen Volkswirtschaften Überlegungen über die Chancen und die möglichen Gefahren anstellen können, spekulativ, prospektiv, - stoppen allerdings, vielleicht weil uns die optimistischen
Prognosen derer, die diesen Prozess begrüßen, nicht überzeugen, - stoppen
können wir das Ganze zumindest unter den gegenwärtig gegebenen Bedingungen wohl nicht mehr.
Empfiehlt es sich da nicht, die skeptisch-pessimistische Perspektive lieber gleich
aufzugeben, sich auf die Seite der Optimisten zu schlagen und angesichts des
unaufhaltsamen Globalisierungsgeschehens einfach in Gelassenheit zu üben?
Die Tugend der Gelassenheit erschöpft sich jedoch gerade nicht in der Einnahme einer fatalistischen Position dieser Art, sondern besteht - aristotelisch
ausgedrückt - in einer Art und Weise des Wirklichkeitsbezugs, der die Mitte
bildet zwischen Fanatismus und Fatalismus. Als solche verhilft diese Haltung
dazu, in die Wirklichkeit einzugreifen, wo es möglich und gefordert ist, und
den Dingen ihren Lauf zu lassen, wo nichts mehr zu tun bleibt, ohne jedoch
daran zu verzweifeln und alles „hinzuwerfen“. Ersteres setzt eine bewusste,
analytisch-kritische Haltung gegenüber der Wirklichkeit voraus, die dazu befähigt, die Möglichkeiten ebenso wie die Grenzen des eigenen Handelns zu erkennen. Voraussetzung für das zweite, für das Loslassen-Können als nichtresignative Akzeptanz der eigenen Begrenztheit, ist das Vertrauen-Können auf
eine übergeordnete Macht, die den Weltlauf auch ohne das Zutun des Menschen zum Besten fügt. Ich selbst denke dabei eigentlich an etwas anderes als an
die „unsichtbare Hand“ des Marktes; bezogen auf die Globalisierung scheint es
jedoch eben dieser Glaube an den Marktmechanismus zu sein, aus dem sich der
gelassene Optimismus seiner Befürworter speist. Was bleibt, neben diesem wie
auch immer begründeten Ur-Vertrauen, ist der erste Aspekt: zu prüfen, ob und
inwiefern der Mensch selbst dazu beitragen kann, aus dem bislang noch fraglichen Guten das Beste zu machen, ob und wie sich in den Vollzug des Globalisierungsprozesses eingreifen lässt, um etwaige externe Effekte von vornherein
zu vermeiden, anstatt sie hinterher mühsam internalisieren zu müssen. Besagte
kritische Haltung scheint mir dafür eine wesentliche Bedingung zu sein.
26
Und aus eben einer solchen Perspektive heraus möchte ich im Folgenden zunächst die unmittelbaren Konsequenzen und begleitenden Phänomene der
Globalisierung kurz skizzieren, die sich auf nationaler wie internationaler Ebene heute abzeichnen. In einem zweiten Schritt versuche ich die Fragen herauszuarbeiten, die mir dabei unter philosophischen, ethischen und wirtschaftsethischen Gesichtspunkten als relevant erscheinen.
2.
Die Ermöglichungsbedingungen der Globalisierung
Es sind vor allem drei Faktoren, die der „neuen industriellen Revolution“, wie
die Globalisierung von einigen Ökonomen und Politologen genannt wird,
Bahn gebrochen haben:
(a) der zunehmende Abbau von internationalen Handelsschranken während
der letzten Jahre, initiiert bzw. verstärkt durch den Fall des eisernen Vorhangs
und dessen, was sich dahinter verschanzte - des Kommunismus, der - wie es nun
scheint - das letzte und einzige Bollwerk gegen die Macht entfesselter Marktkräfte im Weltmaßstab gebildet hat;
(b) die technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte im Bereich der
Mikroelektronik und Telekommunikation. Durch PCs, Telefax, Glasfaserkabel, Satelliten, hochauflösende Monitore und Modems zur Datenfernübertragung können Firmengeflechte weltweit gesteuert werden, kann das
Know-how von Spezialisten eines Landes mit dem Wissen und den Talenten
von Spezialisten anderer Länder zu intellektuellen Synergien verbunden und
optimal genutzt werden. Dies ermöglicht es nicht nur multinationalen Konzernen, ihr expandierendes Imperium mit einer Handvoll Mitarbeiter vom
Ursprungsland aus zu regieren. Gleichzeitig verstärkt es den Entwicklungstrend, große Massenproduktionsunternehmen mit einem bürokratischen Aufbau und Arbeitsstil durch Out-Sourcing, Dezentralisierung und Lizenzvergabe in Firmennetze aus zahlreichen eigenständigen Untereinheiten
(kreative Teams, unabhängige „Profit-Centers“, Ableger-Partnerschaften) umzuwandeln, d. h. schwerfällige, verkrustete „Kernunternehmen“ durch flexible,
27
problemlösungs- und innovationsorientierte „Qualitätsunternehmen“ zu ersetzen 1 .
Am stärksten tobt der „Rausch der Globalisierung“ aber auf den internationalen Finanz- und Kapitalmärkten. Zu den technologischen Voraussetzungen kommt als Ursache dafür, dass das Kapital der „mobilste“ Faktor ist, der zugleich am sensibelsten auf veränderte Standortbedingungen
aller Art reagiert, sofern diese das Risiko- und Ertragskalkül der Anleger
beeinflussen. Verschlechtern sich diese Bedingungen in einem Land in signifikanter Weise, kommt es zur „Kapitalflucht“. Das Gleiche gilt für den umgekehrten Fall. Die Folge ist ein enormer „Disziplinierungseffekt“ für alle
Betroffenen, der sich auf die Güter und Dienstleistungen erbringende Realwirtschaft der einzelnen Länder spürbar niederschlägt. Die zunehmende
Orientierung der großen Konzerne am berühmt-berüchtigten „ShareholderValue“ ist in erster Linie eine - angeblich oder tatsächlich - gebotene Reaktion auf diese Entwicklung 2 .
Dank der weltweiten Vernetzung gibt es darüber hinaus im globalen Spekulationskasino keinen Feierabend mehr. Las Vegas lässt grüßen: Morgens
öffnet die Börse in Tokio, dann in Hongkong, am Nachmittag bestimmt
Europa das Geschehen, und wenn Frankfurt und London schließen, übernimmt New York. Multimedia-Ticker sorgen dafür, dass jeder Broker weltweit über alle Kurse, alle Firmennachrichten und Charts zur gleichen Zeit, d.
h. in „Real Time“ verfügt. Wer eine Sekunde eher reagiert, kann Millionen
verdienen oder verlieren. Der Unterschied zu Las Vegas? Die Summen, die
in diesem Kreislauf der vermeintlich ewigen Wiederkehr des Gleichen täglich bewegt werden, sind fast doppelt so hoch wie die Währungsreserven
aller Zentralbanken. Hinter den Billionen Mark, die weltweit transferiert
werden, stehen unmittelbar keine Firmen und Waren, sondern Wetten auf
die Zukunft. Würden alle Spieler auf einmal das Kasino verlassen und ihre
Chips eintauschen wollen, wäre das Erwachen aus der virtuellen zur eigentlichen Wirklichkeit ein böses.
1 Vgl. Robert B. Reich : Die neue Weltwirtschaft. Das Ende der nationalen Ökonomie, Frankfurt a.M.
2
(Fischer) 1996, S. 93ff, 104ff, 126.
Vgl. P. Ulrich : Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie, Bern, Stuttgart, Wien (Haupt) 1997, S. 379ff.
28
Der dritte Ermöglichungsfaktor der Globalisierung steht in engem Zusammenhang mit der beschriebenen technologischen Entwicklung:
(c) ein grundlegender Wandel des Produktionsfaktors Arbeit von der körperlichen zur Kopfarbeit, die an keinen Standort mehr gebunden ist.
Dass Wissen Macht bedeutet, ist uns seit längerem geläufig; dass Wissen zum
entscheidenden Produktionsfaktor geworden ist, wichtiger als Arbeit und
Kapital, verleiht dieser Weisheit eine neue - eine ökonomische Dimension.
Gemeint ist folgerichtig auch nur ökonomisch relevantes Wissen, d. h. technisches Spezialwissen und jenes Wissen, das in der postmodernen Informations- und Dienstleistungsgesellschaft immer stärker an Bedeutung gewinnt
und zu dem befähigt, was der amerikanische Arbeitsminister Robert B.
Reich in seinem einschlägigen Werk „Die neue Weltwirtschaft“ symbolanalytische Dienstleistungen nennt 3 , d. h. die Problemidentifizierung,
Problemlösung und strategische Vermittlung von Lösungen. Die Wissensarbeiter und Symbolanalytiker sind die Katalysatoren der neuen industriellen Revolution, wie es der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin formuliert 4 . Sie halten die Hightech-Wirtschaft am Laufen. Wissen und technische Fertigkeiten werden in Zukunft die einzigen Quellen etwaiger Wettbewerbsvorteile sein, schließt daraus sein Kollege Lester Thurow 5 . Dieses
Wissen aber, so etwa Siemens-Chef Heinrich von Pierer in einem Interview
mit dem „SPIEGEL“ 6 , ist weltweit vorhanden und durch die internationale
Vernetzung auch jederzeit verfügbar. Man kann es dort „einkaufen“, wo es
am billigsten ist. Und genau das passiert.
Zum echten Wettbewerbsfaktor wird die Herausbildung einer geistigen Elite
von Forschern, Biotechnikern, Ingenieuren, Unternehmensberatern und
Programmierern also nur dann, wenn ihre Leistung unterhalb des Preisniveaus bleibt, auf dem vergleichbare Leistungen aus Schwellenländern wie
3
4
5
6
Vgl. Robert B. Reich, a.a.O., S. 198ff.
Vgl. Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Frankfurt a.M., New York
(Campus), 3. Aufl. 1995/96, S. 112.
Vgl. Lester Thurow: The Future of Capitalism. How Today's Economic Forces will Shape
Tomorrow's World, London (Staples) 1996, S. 167ff.
Vgl. dazu "Allein der Markt regiert", in: DER SPIEGEL 39/1996, S. 87.
29
Indonesien oder Malaysia angeboten werden, die inzwischen auch auf diesem
Sektor massiv aufholen.
Was sind nun die Folgen dieser Veränderungen und inwiefern beeinflussen
und gestalten sie den Globalisierungsprozess? Produktion auf der Basis des
neuen, alles entscheidenden Produktionsfaktors „Wissen“ hat zwei neue
Komponenten:
1. eine Vergrößerung der sogenannten Skalenerträge („economies of scales“).
Das bedeutet: der produktive Beitrag des Produktionsfaktors Wissen wächst
schneller, als er im Produktionsprozess verbraucht wird. Denn Wissen kann
für mehrere verschiedene Produktionsprozesse gleichzeitig eingesetzt, ohne
dabei aufgebraucht zu werden 7 .
2. der Produktionsprozess ist nicht mehr an Standorte gebunden.
Die heute marktführenden Branchen, die zugleich die Branchen der Zukunft
sind, nämlich Mikroelektronik, Biotechnologie, Telekommunikation und
Computerindustrie, können sich so gut wie überall in der Welt ansiedeln.
Die Wahl des Standorts richtet sich nicht mehr nach geologischen oder geographischen Gegebenheiten, weil die Produktion nicht mehr von Rohstoffquellen oder Bodenschätzen abhängig ist. Kapital kann - dank des beschriebenen Netzes innerhalb der Finanzwelt - bei Banken und Börsen in aller
Welt aufgenommen werden. Die Folge ist, dass im Zentrum des heutigen
Globalisierungsprozesses - anders als Ende des 19. Jahrhunderts, als die Weltwirtschaft im Zuge des Imperialismus schon einmal zusammengewachsen
war - nicht der Handel oder die Gewinnung von Rohstoffen für die Produktion im Heimatland steht, sondern die Verlagerung der Produktion und
ganzer Fertigungsstätten in andere Länder und Kontinente. Der internationale Wettbewerb ist somit primär ein Wettbewerb um Standorte geworden.
7
Vgl. dazu Peter Koslowski: "Die zunehmende Bedeutung und Globalisierung der Märkte.
Konsequenzen für Wirtschaftsethik und Wirtschaftskultur", in: P. Koslowski (Hrsg.):
Weltwirtschaftsethos. Globalisierung und Wirtschaftsethik, Wien (Passagen) 1997, S. 47-78,
hier S. 50.
30
Wonach richtet sich aber nun diese freie Wahl des Standorts? Danach, wo es
neue, kaufkräftige Absatzmärkte gibt, deren Bedarf durch bloßen Export im
Heimatland hergestellter Produkte gar nicht mehr gedeckt werden kann wie
zum Beispiel China. Durch die Herstellung vor Ort können die Produkte
darüber hinaus stärker auf die spezifischen Bedürfnisse des jeweiligen Marktes zugeschnitten, die ungesättigten Märkte somit in optimaler Weise erschlossen werden. So sagen zumindest die Einen wie etwa von Pierer. Die
Anderen sagen: Neben den willigen Konsumenten sind es vor allem die billigsten Arbeitskräfte, die besten Techniker, die schnellsten Lieferanten oder
aber die geringere Höhe der Steuersätze und bürokratischen Hürden, die die
großen Unternehmen dazu veranlassen, als Standort ihrer Fertigung dem
einen Land gegenüber einem anderen, immer häufiger gegenüber dem eigenen, den Vorzug zu geben. Damit kommen wir zu den Auswirkungen der
Globalisierung für die nationalen Volkswirtschaften.
3.
Die Auswirkungen auf nationaler Ebene
Die nationalen Regierungen stehen den oben dargestellten Entwicklungen
machtlos gegenüber. Und was noch schwerer wiegt, es scheint, als wären sie
dabei, ein zusätzlicher Spielball der „Global Players“ im freien Spiel der
Marktkräfte zu werden. Denn mit dem Wettbewerb um Standorte und damit um Arbeitsplätze sind die Nationalstaaten erpressbar geworden, zumindest für die großen Konzerne: Wird ihren Forderungen nach Subventionen
oder Steuervergünstigungen kein Gehör geschenkt, drohen sie damit, ins
Ausland abzuwandern. Angesichts der bereits bestehenden, alarmierend
hohen Arbeitslosigkeit, für die demographische Verschiebungen, ein Lebensformenwandel und der wirtschaftliche Produktivitätsanstieg durch die Rationalisierung und Automatisierung der letzten Jahre entscheidend mitverantwortlich sind, fügen sich die Regierungen. Doch der neue Exportschlager
Deutschlands, so formuliert es bissig der „SPIEGEL“ 8 , heißt trotzdem „Arbeitsplätze“.
8
Vgl. „Allein der Markt regiert", a.a.O., S. 84.
31
Unter diesen Bedingungen Maßnahmen wie die lange diskutierte Öko-Steuer
durchsetzen zu wollen, um damit eine zusätzliche Hürde für Investitionen
vor allem auch ausländischer Firmen in Deutschland zu schaffen, scheint
utopisch. Aber nicht nur das Attribut „ökologisch“, das dadurch für unsere
Marktwirtschaft konkretisiert werden soll, steht derzeit auf dem Prüfstand.
Mit den sinkenden Beschäftigungschancen ist der aus den 50-er und 60-er
Jahren stammenden Konzeption unseres bisherigen Sozialstaates ihre normative Grundlage genommen: die Ausrichtung auf Vollbeschäftigung. Sofern
diese Grundvoraussetzung jeder komfortablen Sozialpolitik angesichts der
genannten Entwicklungen auch in absehbarer Zukunft nicht mehr zu gewährleisten sein wird, kommt man um eine Reform der staatlichen wie der
betrieblichen Sicherungssysteme nicht herum, und so scheint ein Abbau
insbesondere von übertariflichen und firmenspezifischen Sonderleistungen,
die unsere Marktwirtschaft bislang als „soziale“ ausgewiesen haben, unvermeidlich.
Für eine solche Reform lässt sich durchaus auch unter wirtschaftsethischen
Gesichtspunkten plädieren, sofern die konkreten Reformschritte auf der
Grundlage ethischer Gerechtigkeitskriterien vollzogen werden und dazu
führen, dass die wirklich Bedürftigen künftig stärker berücksichtigt werden.
Es ist eines der wichtigsten Ergebnisse der wirtschafts- und unternehmensethischen Debatte der letzten Jahre, dass sich Ethik und Effizienz
keineswegs ausschließen und dass es häufig gerade ineffiziente Strukturen
und Regelungen sind, die zugleich unmoralische und sozial unverträgliche
Auswirkungen haben. Dass dies nicht nur für unsere staatlich geregelten,
sondern auch für verteilungsorientierte sozialpolitische Maßnahmen in Betrieben gilt, wurde u. a. auf der Jahrestagung 1997 des Deutschen Netzwerks
Wirtschaftsethik - European Business Ethics Network (EBEN Deutschland
e.V.) - in Seeheim-Jugenheim (Hessen), überzeugend dargestellt 9 .
9
Vgl. dazu Annette Kleinfeld: „Gerechtigkeit, Globalisierung, Zukunft der Arbeit. Tagung
des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik - EBEN Deutschland e.V.", in: DBW - Die Betriebswirtschaft 5/97, S. 737 - 739.
32
Schenkt man allerdings den Prognosen einiger der bereits oben zitierten
amerikanischen Autoren Glauben, dann ist der derzeitige Streit um die Finanzierbarkeit des Wohlfahrtsstaats sowie um Investitionen und Arbeitsplätze erst die Spitze des Eisbergs der mittelfristigen Globalisierungsfolgen.
Ist denn, so fragt man sich in der Tat, die geforderte Senkung von Steuern
und Lohnnebenkosten wirklich ein probates Mittel zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland im Konkurrenzkampf mit Verzichtsgesellschaften in Asien und Billiglohnländern fast vor der Haustür?
Wie eingangs erwähnt, gibt es auch optimistische Stimmen. Wie lauten nun
deren Argumente und Prognosen?
Langfristig werden sich die Schieflagen im Bereich der Löhne und Gehälter
zwischen den Ländern ausgleichen. Mit den Bedürfnissen der heranwachsenden neuen Wohlstandsgesellschaften werden auch die Lohnforderungen in
diesen Ländern steigen und sich dem Westniveau angleichen. Gemäß dem
Gesetz der „komparativen Kostenvorteile“ nach David Ricardo, das in verfeinerter Form auch heute noch von Wirtschaftswissenschaftlern vertreten
wird, steigen Produktion und Einkommen in dem Maß, in dem Arbeitsteilung und Spezialisierung zunehmen. Mit der Globalisierung ist diese Arbeitsteilung im Weltmaßstab möglich. Wenn sich die einzelnen Länder auf
das spezialisieren, wofür sie jeweils die besten oder meisten Ressourcen anzubieten haben - also etwa kapitalstarke Länder auf kapitalträchtige Produkte wie Hightech, Länder, die über ein großes Quantum an Arbeitskräften
verfügen auf humankapitalintensive Produkte und sich damit internationale
Wettbewerbsvorteile sichern, wird der Wohlstand auf die Dauer für alle
zunehmen.
Ist also die Globalisierung doch nicht das „Bermuda-Dreieck, in dem das
Soziale an der Sozialen Marktwirtschaft“ gemeinsam mit unserem Wohlfahrtsstaat versinken wird, wie Peter Koslowski entschieden verneint10 ?
10 Vgl. P. Koslowski, a.a.O., S. 52.
33
Was genau gibt jedoch Anlass zu der Hoffnung, dass es gerade unsere „soziale Marktwirtschaft“ sein wird, die sich weltweit durchsetzt, und dass die
Globalisierung langfristig die Reichtumsgrenzen zwischen den Kontinenten
zum Verschwinden bringen wird?
Lassen die geschilderten Entwicklungen insbesondere auf den globalen Finanzmärkten nicht einen ganz anderen Schluss zu, jenen nämlich, den HansPeter Martin und Harald Schumann 11 ziehen? Die Art und Weise, in der die
Schere zwischen Arm und Reich die Welt teilt, wird sich infolge der Globalisierung in der Tat verändern: Das erwirtschaftete Kapital wird sich künftig neu
verteilen. Ein Teil der Entwicklungsländer wird Anschluss finden an den
Wohlstand des Westens, die Schwellenländer, allen voran die sogenannten
„Tigerstaaten“, Hongkong, Singapur, Südkorea und Taiwan, vor allem aber
China, werden weiter aufholen und - so die längerfristigen Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) - uns überholen. Die Schere selbst jedoch
wird größer werden, mit dem Unterschied allerdings, dass sie sich nicht mehr
zwischen den reichen Industrienationen des Westens und den armen Kontinenten der Dritten Welt öffnet, sondern zwischen einzelnen Personen oder Schichten in allen Nationen der zusammenwachsenden Weltgesellschaft. Aber auch
die Nivellierung der Wohlstandsdifferenzen zwischen den Ländern wird noch
lange nicht die ganze Welt erfassen. Den Entwicklungsländern nämlich, so der
Präsident des IWF, Michel Camdessus, die keinen Anschluss finden, weil sie
weder über Waren verfügen, für die es in der Ersten Welt Märkte gibt, noch
über Kapital, um selbst zu produzieren - geschweige denn über den neuen Produktionsfaktor „Wissen“ -, droht im Rahmen der neuen Weltwirtschaft die
„Marginalisierung“12 . Und wird es nicht ebenso auch dem Anteil der Bevölkerung in den bisherigen oder zukünftigen Industriestaaten gehen, der keine
qualifizierte Arbeitsleistung anzubieten hat, der nicht über die genannte
„neue technische Intelligenz“ verfügt oder aber aus welchen Gründen auch
immer zu dem notwendigen Wissenserwerb und den geforderten geistigen
Leistungen nicht in der Lage, vielleicht auch einfach nicht willens ist? Wie
steht es mit den „individuellen Lebenschancen“, die dank der genannten Entwicklungen in Zukunft nur noch von der persönlichen Leistung und Moti11 Hans Peter Martin, Harald Schumann: Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand, Reinbek b. Hamburg (Rowohlt), 4. Aufl. 1996.
12 Zitiert nach DER SPIEGEL 39/1996, S. 95.
34
vation des Einzelnen abhängen13 , für die weniger Begabten, für geistig Behinderte, psychisch oder chronisch Kranke? Mit anderen Worten: Wer sind
die Gewinner im „Global Monopoly“ und wer die Verlierer?
Zu den Gewinnern wird neben den Anteilseignern der mächtigen Konzerne,
die - begünstigt durch das Shareholder-Value-Konzept - daraus Kapital schlagen und es im globalen Kasino zu sich vermehrendem Einsatz bringen, bestenfalls besagte Elite von „Wissensarbeitern“ gehören. Gegenüber der Anzahl derer, die auf der Verliererseite stehen werden, ist sie jedoch verschwindend gering: 20 zu 80 nämlich, so Martin und Schumann in Anlehnung an
Prognosen, denen zufolge im 21. Jahrhundert zwanzig Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung ausreichen werden, um die Weltwirtschaft in Schwung
zu halten14 .
In den Industrieländern haben schon heute 30 Millionen Menschen keine
Arbeit mehr - die höchste Zahl seit der Weltwirtschaftskrise im Anschluss an
den Schwarzen Freitag von 1929, die dem ersten Globalisierungsschub seinerzeit ein Ende gesetzt hat. Dass es gerade amerikanische Ökonomen wie
Lester Thurow und Jeremy Rifkin sind, die die Zukunft des Kapitalismus
und der Arbeit in düsteren Farben malen, obwohl andernorts immer noch
das „amerikanische Modell“ gepredigt wird, mag daran liegen, dass die Auswirkungen der „ökonomischen Zeitenwende“ qua Globalisierung in den
USA schon deutlichere Ausmaße angenommen haben: Der Mittelstand bröckelt sichtlich, die Reallöhne sind auf das Niveau der siebziger Jahre abgesunken, und neben den Arbeitslosen bildet sich eine neue Klasse der „working poor“, die zwar Arbeit haben, aber kaum mehr verdienen als vergleichbar Beschäftigte in Ländern der Dritten Welt15 .
Als Falle, in der die Gesellschaft untergehen wird, der der Welthandel doch
eigentlich dienen soll, bezeichnet auch der britische Europa-Abgeordnete
und Milliardär James Goldsmith die Globalisierung und plädiert für Protektionismus. Die Gewinner der Globalisierung erinnern ihn an die Gewinner
13 Vgl. dazu Peter Koslowski , a.a.O., S. 48f, S. 51f.
14 Vgl. dazu Martin / Schumann, a.a.O., S. 12ff.
15 Vgl. dazu Lester Thurow , a.a.O., S. 173.
35
eines Pokerspiels auf der Titanic, die nicht anders als die Verlierer dem baldigen Untergang geweiht waren16 .
Aber kann man der potentiellen Falle durch Protektionismus entgehen?
Und falls ja, wie ließe sich diese Strategie angesichts der wachsenden Ohnmacht der nationalen Regierungen noch durchsetzen? Das führt zu einer
weiteren Frage, die in den folgenden Abschnitten vertieft werden soll: Wer
sind überhaupt die Akteure, die diesen Prozess in Gang gesetzt haben und
mit aller Kraft vorantreiben? Wer sind sie und von welcher Motivation sind
sie geleitet? Anders formuliert: auf welcher ethischen Grundlage vollzieht
sich die Globalisierung? Oder gibt es gar keine frei entscheidenden Akteure
mehr, womit sich die letztere Frage erübrigen würde? Liegt das Geschick der
zusammenwachsenden Weltgesellschaft inklusive ihrer Nationalstaaten und regierungen - zumindest weltimmanent - nur noch in der „unsichtbaren
Hand des Marktes“, vermeintlich oder tatsächlich geknebelt von ökonomischen Sach- und Wettbewerbszwängen, Opfern der Liberalisierung und Entgrenzung eines Systems, das als solches wohl in der Tat kaum mehr im
Dienst des Menschen stehen kann, zumindest aber nicht mehr im Dienst der
vielberufenen Entfaltung seiner individuellen Freiheit? Wenn dem so wäre,
dann ist jedoch die Frage, die neben Goldsmith auch Martin und Schumann
stellen, durchaus berechtigt: wie lange hat dann dieses System selbst noch
Bestand? Zerstört der „Turbo-Kapitalismus“, wie die entfesselten Marktkräfte im Zuge der Globalisierung heute meist genannt werden17 , über kurz oder
lang nicht die Grundlagen seiner eigenen Existenz: den funktionsfähigen
Staat und die demokratische Stabilität?
Vielleicht sollte man sich bei allem berechtigten Optimismus und Glauben
an die wohlstandsfördernde Kraft des Marktmechanismus, die die oben gehörten pessimistischen Stimmen möglicherweise früher oder später widerle-
16 James Goldsmith: Die Falle und wie wir ihr entrinnen können. Holm (Deukalion) 1996,
zitiert nach DER SPIEGEL 39/1996, a.a.O., S. 94.
17 Dieser Begriff wurde 1995 von dem amerikanischen Ökonomen Edward Luttwak geprägt
und bezeichnet eine Situation, in der die wirtschaftliche Ertragslage von Unternehmen allen anderen Funktionen übergeordnet wird. Vgl. Jörg Staute: Das Ende der Unternehmenskultur. Firmenalltag im Turbokapitalismus, Frankfurt a.M., New York (Campus)
1997, S. 20.
36
gen wird, doch eines vor Augen führen: das, was das eigentlich Neue an
dieser sogenannten „neuen industriellen Revolution“ der Globalisierung ist?
Das spezifisch Revolutionäre des gegenwärtigen Prozesses besteht nicht nur
darin, dass uns erstmals in der Geschichte der Menschheit, wie Lester Thurow hervorhebt, eine globale Wirtschaft zur Verfügung steht, in der alles
überall und jederzeit produziert und verkauft werden kann18 , sondern darin,
dass sich die Marktkräfte erstmals in der Geschichte der Marktwirtschaft
jenseits eines verbindlichen politischen Ordnungsrahmens entfalten, jenseits
ethischer und rechtlicher Begrenzungen, vor allem aber jenseits eines durch
einen Nationalstaat und eine gemeinsame kulturelle und religiöse Identität
konstituierten, homogenen Gemeinwesens. Eben diese Faktoren gehören
aber zu den notwendigen Grundlagen des marktwirtschaftlichen Systems.
Nicht nur die Stammväter der „Sozialen Marktwirtschaft“, Walter Eucken
und Alfred Müller-Armack, auch der Begründer der Marktwirtschaft und
Theoretiker der vielzitierten „unsichtbaren Hand“ selbst, nämlich Adam
Smith, haben das Funktionieren des Marktmechanismus an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Nur in einem „einfachen System der natürlichen
Freiheit“, so Smith, unterstützt von den drei Säulen Moral, Recht und Staat
im Rahmen eines Gemeinwesens, das sich einerseits an allgemein gültigen
Normen und Rechtsprinzipien orientiert und dessen Freiheitsrechte andererseits durch einen souveränen Staat und die von ihm verwalteten Gesetze
geschützt werden, kann das Prinzip des Wettbewerbs die Verfolgung individueller Interessen für die Steigerung des Gemeinwohls fruchtbar werden
lassen19 .
Der globalen Marktwirtschaft in ihrer bisherigen Form fehlt es nicht nur an
diesen Voraussetzungen. Durch die Entmachtung der nationalen Regierungen schwächt sie darüber hinaus gerade jene Institutionen, durch die diese
Bedingungen hergestellt und damit zugleich in ihren eigenen Existenz-
18 Vgl. L. Thurow, a.a.O., S. 165.
19 Vgl. Adam Smith: The Theory of Moral Sentiments (1759, London 1853), New York (Mc
Millan) 1966, S. 122f., 166-170, 224-240. Vgl. auch H.C. Recktenwaldt: „Würdigung des
Werkes", in: A. Smith: Der Wohlstand der Nationen, hrsg. v. H.C. Recktenwaldt, Ausgabe
nach der 5. Aufl. des Originals „The Wealth of Nations“ (1776), London 1789, München
(dtv) 1978, S. XLIff., XXXIIff.
37
grundlagen gesichert werden können. Dazu gehört nicht zuletzt eine demokratisch verfasste Gesellschaft, die auf die ökonomischen Entwicklungen, die
ja letztlich ihren Wohlstand fördern sollen, in politischen Willensbildungsprozessen Einfluss nehmen und sie steuern kann. Damit aber ein solches, den westlichen Gesellschaften analoges Gemeinschaftsgebilde im Weltmaßstab entstehen kann, gilt es zunächst jene Kräfte und Institutionen zu
stärken, die dazu beitragen, dass sich das Zusammenwachsen der Welt nicht
bloß auf rein ökonomischer Ebene vollzieht wie bisher.
Der Weg dorthin ist weit. Vielen erscheint er gar nicht gangbar, und die
Annahme, man könne sich irgendwann auf bestimmte Grundwerte als Voraussetzung gemeinsamer Spielregeln oder gar als Fundament einer gemeinsamen Verfassung einigen, wird angesichts der kulturellen Vielfalt und der
Pluralität der Weltanschauungen als utopisch abgetan.
4.
Der globale „Homo oeconomicus“
So ist und bleibt bis auf weiteres das einzig verbindende Element zwischen
den „Global Players“ der Markt selbst und sein Gesetz des Wettbewerbs: das
ökonomische Prinzip, Effizienz, Gewinnmaximierung, Produktivitäts- und
Leistungssteigerung - die einzig verbindliche Orientierung für den global
agierenden „Homo oeconomicus“. „Profit“, so Daimler-Chef Jürgen
Schrempp, heißt das erklärte Ziel, das alle vereint. Worüber man sich ferner
qua „World Wide Web“ interkulturell austauscht und auch regelmäßig Konsens erzielt, sind die neuesten Management-Tools, die die Erreichung dieses
Zieles fördern sollen: „Lean Management“ und „Just-In-Time“-Produktion aus
Japan, „Re-Engineering“ und „Down-Sizing“ aus den USA, und auch das
„Shareholder-Value“-Konzept umrundete einmal den Globus, bevor es zu den
anderen „Tools“ in die Trickkiste gepackt wurde.
Der neue Typus des „Homo oeconomicus“, der die Globalisierung vorantreibt, zeichnet sich dadurch aus, dass er überall und damit nirgends mehr
wirklich zu Hause ist, immer unterwegs per Flugzeug oder Internet - standortlos von Beruf. Aber auch die genannten Spezialisten der Zukunft, die
Symbolanalytiker, haben in ihrem Job keine Chance mehr, Fuß zu fassen,
38
d. h. sich auf etwas einzulassen oder sich als Teil eines größeren Ganzen zu
erfahren: „Werkerfahrung“, wie es Max Müller einst genannt hat20 , die dadurch zustande kommt, dass man an einem Produktionsprozess teilhat, mit
dessen Ergebnis man sich identifizieren kann. Voraussetzung der symbolanalytischen Leistungen hingegen ist die permanente Einnahme einer MetaPerspektive. Idealtypus des Symbolanalytikers ist der Consultant der sich
von außen und oben seinen Gegenständen zu nähern hat, heute hier, morgen dort meist im Alleingang oder in wechselnden Teams. Immerhin - er
lebt, was er predigt: Mobilität - sie ist das Gebot der Stunde oder besser: der
Globalisierung. Und weil dem so ist, lässt sich sein Mobilisierungsprogramm
auch auf alles und jeden anwenden: nicht nur die Wirtschaft oder die einzelnen Firmen, die er berät, sollen davon erfasst werden, sondern auch deren
Teile bis hin zum kleinsten Angestellten. Und hier wird auch deutlich, worum es inhaltlich geht: um Flexibilität, um das Vermögen der immer schnelleren Anpassung an die noch schneller sich ändernden Erfordernisse des
Marktes, die die Globalisierung mit sich bringen. Dementsprechend wird
nun auch die Persönlichkeit des Einzelnen zum Profit-Center, das sich ständig neu an der Nachfrage ausrichten muss. Mobilität bezieht sich also erst in
zweiter Linie auf die physische Beweglichkeit, an erster Stelle auf Kommunikation und alle mentalen Ressourcen. Moral und die persönliche Lebensphilosophie werden dabei ebenso zu Marktfaktoren, die es den sich verändernden Bedingungen anzupassen gilt, wie der eigene Charakter21 . Der zeitgemäße Angestellte wird zur Durchgangsstation ausgebildet für eine Fülle
von Daten und Informationen, die er unbeschränkt miteinander verknüpfen
kann, ohne sich dabei mit ihren konkreten Inhalten zu belasten. Denn:
Leichtes Gepäck erhöht die Mobilität. Schlüssel dazu ist das Denken in Prozessen.
Es scheint, als würde die Elite der Zukunft eine Gruppe notorisch Heimatloser und geistig Entwurzelter. Eintauchen und fallen lassen können sie sich
nur noch in die virtuelle Wirklichkeit des Cyber-Space. Verliert der erfolgrei-
20 Vgl. Max Müller: „Person und Funktion", in: Philosophisches Jahrbuch, Bd. 69, Hbd. 2,
1961/62, S. 371-404, hier S. 393.
21 Vgl. dazu Mark Siemons: „Das Regime der Berater. Wie mit der Globalisierung ein neuer
Menschentypus in den Betrieben Einzug hält", in: FAZ, Nr. 232 v. 5.10.1996, Bilder und
Zeiten.
39
che Mensch des 21. Jahrhunderts im Zuge der Globalisierungs-Revolution
nach dem „bestirnten Himmel über sich“ (Kant ) nun auch noch den festen
Boden unter sich? Es bleibt die Frage, die sich vor dem Hintergrund des
gerade Geschilderten fast erübrigt, angesichts des genannten Defizits einer
politischen und rechtlichen Rahmenordnung aber um so dringlicher stellt:
Wie steht es mit dem „moralischen Gesetz“ in ihm? Denn ist dafür „Sesshaftigkeit“ im Sinne jener dauerhaften Verbundenheit mit einer bestimmten
Gemeinschaft, Kultur und deren Werten, die es im Blick auf das dargestellte
Mobilitäts-Ideal des symbolanalytischen Trainers gerade zu verlernen gilt,
nicht die Voraussetzung?
Der Verdacht drängt sich auf, dass die als theoretisches Hilfskonstrukt gedachte Fiktion der Wirtschaftswissenschaften in der Form des „Homo oeconomicus“, die hier - aber eben auch nur hier - ihre Berechtigung hat, einmal
mehr zum Leitbild für die Gestaltung wirtschaftlicher Realität und für den
in ihr handelnden Menschen geworden ist. Wie ich an anderer Stelle zu zeigen versucht habe, fehlt es dieser Kunstfigur vor allem an dreierlei: an dem
Bewusstsein seiner Endlichkeit, an der Einbettung in eine Gemeinschaft und
- daraus resultierend - an einer Orientierung an ethischen Normen und
Wertvorstellungen, die ihm qua sozio-kultureller Prägung durch diese Gemeinschaft zuteil wurden22 . Es ist auffällig, wie stark der oben skizzierte,
globalisierte und globalisierende Wirtschaftsakteur diesem Schema entspricht. Als Surfer und Jetter zwischen den Kontinenten fühlt er sich bald
keinem Kulturkreis mehr verbunden und das „moralische Gesetz“ in ihm ist
der Gefahr der Relativierung ausgesetzt - weniger angesichts der Unterschiedlichkeit der Normen und Wertestandards der einzelnen Kulturen, mit
denen er tagtäglich zu tun hat, als im Zuge des dargestellten Mobilisierungsprogramms.
Aber gehört er dann am Ende nicht doch zu den Verlierern - in immaterieller Hinsicht, als Person, die auch er vor allem anderen ist? Im Begriff der
Person kulminiert die spezifisch christlich-abendländische Deutung des Menschen. Dieses Selbstverständnis kommt insbesondere in einem bestimmten
Strukturprinzip zum Ausdruck, das sich in der philosophischen und theolo-
22 Vgl. dazu Annette Kleinfeld: Persona Oeconomica. Personalität als Ansatz der Unternehmensethik, Heidelberg (Physica) 1998, S. 138-153.
40
gischen Tradition des Personbegriffs als durchgängiges Merkmal aufweisen
lässt. In Anlehnung an die Einsichten der philosophischen Anthropologie,
insbesondere Helmut Plessners, lässt sich dieses Strukturmerkmal als Moment der Zweieinheitlichkeit von Natur und Geist bestimmen, als Paradox
der Gleichzeitigkeit von Einzigkeit und allgemeinem Sein, von Individualität
und Relationalität23 . Der Mensch erfährt dieses Paradox u. a. als Spannung
von Sollen und Sein, von Freiheit und Endlichkeit. Es erweist sich im Drang
nach unbegrenzter Entäußerung einerseits, im Zwang zur Selbstbegrenzung
aufgrund der faktisch gegebenen eigenen Begrenztheit oder aber als moralische Forderung zur Selbstbegrenzung an der Grenze zur Freiheit fremder
Existenz andererseits.
Wo der Bezug zu einer Gemeinschaft, die Einbettung in ein soziales Gefüge,
nicht mehr gegeben ist, kann der zweite Aspekt, die menschliche Relationalität, nicht mehr lebbar und erfahrbar sein. Damit kann aber auch das, was
Kant das „moralische Gefühl“ nennt und was es uns erleichtert, dem Sittengesetz gemäß zu handeln, nicht mehr entwickelt werden.
Das genannte Strukturprinzip der Person muss darüber hinaus auch zum
Strukturprinzip gesellschaftlicher Prozesse und Institutionen werden, wenn
diese dem Spezifischen des Menschseins, das im Begriff der Person zum Ausdruck kommt, Rechnung tragen wollen. Marktwirtschaft ohne die prädikativen Erweiterungen, um die wir uns während der letzten Jahrzehnte bemüht haben und die sich im Zuge der Globalisierung als nicht mehr wettbewerbsfähige Faktoren zu erweisen scheinen - eine Marktwirtschaft also,
die sich nicht als soziale und ökologische versteht und konzipiert ist, lässt den
einen der beiden wesentlichen Aspekte des Menschseins außer acht: die natürliche Begrenztheit des Menschen, die sich u. a. in seiner Bedürftigkeit
erweist, und die daraus resultierende Notwendigkeit der Selbstbegrenzung
angesichts der Bedürftigkeit anderer.
Der Globalisierungsprozess, wie er sich gegenwärtig vollzieht, scheint demgegenüber auf eine Wirtschaftsform hinauszulaufen, die das dargestellte
Prinzip menschlicher Personalität nicht zum Strukturprinzip ihres Systems
erhebt, somit aber dem Menschen in seiner Ganzheitlichkeit und Mehr-
23 Vgl. dazu A. Kleinfeld, ebda., S. 159ff.
41
dimensionalität auf Dauer nicht gerecht werden kann. Aus der Kolonisierung der Lebenswelten durch die normative Kraft des ökonomischen Denkens, die Habermas in den siebziger Jahren für die westlichen Industrienationen geltend gemacht hatte24 , wird somit die Kolonialisierung der Welt im
eigentlichen Sinn des Wortes durch den „Homo oeconomicus“ in der oben
geschilderten, defizitären Form. Diese einseitige Dominanz des ökonomischen Systems kommt in der zunehmenden Bedeutung der Märkte für gesellschaftliche Vermittlungsprozesse und einem damit einhergehenden Funktionsverlust des Staates sowie politischer Abstimmungs- und Willensbildungsprozesse zum Ausdruck. Als solche erschwert sie jedoch gerade die
Bildung einer neuen Ordnung im Weltmaßstab, folgt man den Überlegungen von Systemtheoretikern wie Talcott Parsons.
Der Interpenetrations-Theorie Parsons zufolge ist die entscheidende Voraussetzung für die Bildung neuer Ordnungen und auch für jede gesellschaftliche
Entwicklung zu höheren Stufen der Selbstentfaltung ein Gleichgewicht und
eine wechselseitige Durchdringung analytisch differenzierbarer Handlungssubsysteme. Parsons unterscheidet vier primäre Handlungssubsysteme oder
Sphären, die soziale Systeme strukturieren: 1. die Gemeinschaftssphäre auf
der Basis religiösen und moralischen Handelns, 2. die kulturelle Sphäre, zu
der er den menschlichen Wissens- und Erkenntnisdrang zählt, 3. die politische und 4. die ökonomische Sphäre. Solange sich nur die dynamisierenden
Kräfte entfalten, die den letzteren beiden Sphären innewohnen, oder solange
die vier Sphären isoliert nebeneinander stehen, sind anomische Erscheinungen die Konsequenz der Entwicklungen. Erst die Interpenetration von Gemeinschaftssphäre, kultureller, politischer und ökonomischer Sphäre kann
neue Ordnungen schaffen und dies auf immer höheren Stufen, je mehr Interpenetrationszonen sich zwischen den Extrempunkten des vierdimensionalen Handlungsraums herausbilden25 .
24 Vgl. Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 2, 3. duchges. Aufl.,
Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1985, S. 460.
25 Vgl. z. B. Talcott Parsons: „On the Concept of Political Power”, in: ders.: Politics and
Social Structure. New York (The Free Press) 1969, S. 397-404; ders.: „Social Structure and
the Symbolic Media of Interchange”, in: ders.: Social Systems and the Evolution of Action
Theory. New York (The Free Press), S. 204-228; ders.: „A Paradigm of the Human Condi-
42
Um der einseitigen Dynamisierung der ökonomischen Sphäre entgegenzuwirken, die einer globalen Ordnungsbildung demnach gerade im Wege
steht, gilt es zunächst, eine Schere zu schließen, die sich neben der neu gestalteten Armut-Reichtums-Schere herausgebildet hat: die Schere zwischen
global denkenden Wirtschaftsakteuren und rein national denkenden Politikern. Letzteren käme die vordringliche Aufgabe zu, an der Stärkung jener
Institutionen zu arbeiten, die zur Herstellung des bislang fehlenden politischen und rechtlichen Ordnungsrahmens im Weltmaßstab notwendig wären: multilaterale politische Beziehungen und ein internationales Rechtssystem. Dass dafür wiederum ein allgemein verbindliches Ethos, zumindest
ein Kanon an bestimmten moralischen Grundwerten, auf die man sich interkulturell verständigen kann, als normatives Fundament die Voraussetzung bildet, dürfte zumindest im Westen Konsens sein. Dies wird u. a. von
der gegenwärtigen Diskussion um ein Weltethos und die weltweite Durchsetzbarkeit der Menschenrechte widergespiegelt26 .
Angesichts der einseitigen ökonomischen Form, in der sich die Globalisierung
bislang vollzieht, scheint jedoch der Frage nach einem Weltethos die Frage
nach der Begründbarkeit eines Weltwirtschaftsethos vorgelagert zu sein.
5.
Globalisierung: Zusammenwachsen der Kulturen oder
Kolonialisierung der Welt?
Um zu verhindern, dass die gegenwärtigen Entwicklungen - wenige Jahre nach
dem triumphalen Begräbnis des Marxismus-Leninismus - die Theorien von
dessen geistigem Vater Karl Marx bestätigen, muss das, was im Anschluss an die
ökonomischen Liberalisierungsschübe im 19. und 20. Jahrhundert im Westen
entstanden ist, auf globaler Ebene wiederholt werden. Die im Weltmaßstab
entfesselten Marktkräfte müssen in die gemäßigte und gebändigte Form einer
sozialen Marktwirtschaft überführt werden, wie sie Europa, allem voran
tion", in: ders.: Action Theory and the Human Condition. New York (The Free Press), S.
392-414.
26 Vgl. die Überlegungen Hans Küngs : Projekt Weltethos. München, Zürich (Piper)1990;
ders.: Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft, München, Zürich (Piper) 1997.
43
Deutschland, während der letzten Jahrzehnte entwickelt hat. Solche und ähnliche Forderungen sind u. a. die Reaktion auf die beängstigenden Visionen Lester
Thurows und anderer von einem heranwachsenden neuen „Lumpenproletariat“, das im Kapitalismus keinen Platz mehr findet neben der Klasse der Wissensarbeiter, die Macht und Reichtum erlangt27 .
Diese westliche Ausprägung der Marktwirtschaft setzt aber einerseits besagte
politische Rahmenbedingungen voraus und impliziert andererseits ein bestimmtes Ethos. Dieses Ethos, so die Auffassung Peter Koslowskis, darf den
anderen Ländern der Erde nicht vorenthalten werden28 . Die moralischen
Grundwerte, die zur Etablierung des Modells der sozialen Marktwirtschaft
beigetragen haben, ebenso wie die Ergänzung und Vertiefung dieses Ethos
im Rahmen der wirtschaftsethischen Debatte der letzten Jahre im Westen
sollten vielmehr die Stützpfeiler zunächst eines Weltwirtschaftsethos bilden.
Langfristig könnte dieses wiederum zur Grundlage eines Weltethos werden,
von dem das Handeln der künftigen Weltgesellschaft auch in den übrigen
Sphären gesellschaftlichen Handelns im Sinne Parsons gleichermaßen durchdrungen ist.
Zwei Probleme ergeben sich dabei aus meiner Sicht:
1. Was berechtigt uns dazu, gerade die Grundwerte des christlich-abendländisch geprägten Westens als Fundament eines Weltwirtschaftsethos zu
postulieren? Und müsste man dann nicht eher von einer Weltwirtschaftsethik sprechen?
2. Wie lässt sich eine solche Ethik, die unabhängig von dem bestehenden
Ethos der verschiedenen Kulturkreise formuliert wird, weltweit implementieren?
Die Antwort auf die erstere Frage lautet: Weil diese Werte - Respekt vor der
individuellen Freiheit und Würde der Person, Recht auf Eigentum, soziale
Sicherheit und Gerechtigkeit, Verantwortung für die natürliche Umwelt etc.
- universale Gültigkeit beanspruchen. Um die Begründung dieses Anspruchs
27 Vgl. L. Thurow, a.a.O.; vgl. auch H. Afheldt: Wohlstand für niemand? Die Marktwirtschaft entläßt ihre Kinder, München (Beck) 1994.
28 Vgl. P. Koslowski, a.a.O., S. 53.
44
hat sich die abendländische Moralphilosophie der Neuzeit zur Genüge bemüht. Es sind also philosophisch-ethische Argumente, die hier zum Tragen
kommen. Ein begründeter Anspruch auf universale Gültigkeit ist aber nicht
gleichzusetzen mit einer faktisch gegebenen globalen Geltung, die ein Weltwirtschaftsethos auszeichnen müsste. Universale Gültigkeit impliziert und
legitimiert zwar den Anspruch auf letzteres, garantiert aber nicht gleichzeitig
eine weltweite Implementierbarkeit, denn diese, die Durchsetzung ethischer
Prinzipien und Normen, hängt noch von anderen Faktoren ab. Der Begriff
„Ethos“ steht bekanntlich für die Summe geltender Normen und Wertvorstellungen, die sich in einem System im Laufe der Zeit herausgebildet haben.
Der Begriff „Weltwirtschaftsethos“ bezieht sich also auf das bestehende
Wertsystem der globalen Wirtschaft. Ein einheitliches Ethos dieser Art existiert aber bislang noch nicht. Was es bereits gibt, ist zweierlei:
(1) ein von rein ökonomischen Zielen und Werten geleiteter Prozess auf der
normativen Grundlage einer sozialutilitaristischen Ethik angelsächsischer
Prägung, der als solcher auf die Entstehung eines freien Weltmarktes mit
dem Ziel eines größtmöglichen Wohlstands für die größtmögliche Zahl von
Menschen ausgerichtet ist. Die Erreichung dieses Zieles soll dabei allein der
Marktmechanismus garantieren. Er hat die individuellen Präferenzen der
Akteure am Markt in Handlungen mit gemeinwohlförderlichen Auswirkungen zu transformieren.
(2) eine Pluralität von Wirtschaftsgesinnungen und kulturspezifischen Ausprägungen eines Wirtschafts- und Arbeitsethos. Überall da, wo sich das
marktwirtschaftliche System bereits durchgesetzt hat oder dabei ist, sich zu
etablieren, entstehen neue Spielarten, die dadurch zustande kommen, dass
sich das traditionell gewachsene und religiös geprägte Wertsystem der jeweiligen Länder mit den Anforderungen des marktwirtschaftlichen Systems
verbindet. Im Idealfall gelingt eine fruchtbare Synthese, die dem wirtschaftlichen Wachstum und Entwicklungsprozess unmittelbar zuträglich ist,
so wie Max Weber seinerzeit die protestantische Ethik als Faktor für den
Aufstieg und die Entfaltung des Kapitalismus eingestuft hat29 .
29 Vgl. Max Weber: Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus (1904/1905).
Hrsg. u. eingel. v. K. Lichtblau und J. Weiß, Weinheim (Beltz Athenäum), 2. Aufl. 1996.
45
Kann oder, besser gesagt, soll die Marktwirtschaft dabei nun als „trojanisches
Pferd“ fungieren, mit dem der Westen sein christlich-abendländisch geprägtes Ethos - legitimiert durch besagten ethischen Universalismus - in andere
Kulturkreise einschleust? Oder bleibt es bei dem oben angedeuteten Wirtschaftsimperialismus, bei der Kolonialisierung der bislang von Kommerz
und Konsumrausch unbehelligten Teile der Welt durch das kapitalistische
Prinzip? Dass letzteres eintritt, erhoffen sich zumindest die westlichen Politiker und Ökonomen. Sie stützen ja genau darauf ihre optimistischen Prognosen, dass sich die Unterschiede im Lohnniveau aufgrund der wachsenden
Bedürfnisse in den heutigen Billiglohnländern mittelfristig ausgleichen werden. Aber setzen sie damit nicht voraus, dass auch ersteres über kurz oder
lang eingetreten sein wird: die Relativierung des jeweiligen kulturspezifischen Ethos dieser Länder durch Orientierung und Adaption an das Leitbild
des „Homo oeconomicus“ in der oben geschilderten Form?
Könnte es nicht sein, dass die Weltauffassung in Ländern alt-buddhistischer
und hinduistischer Prägung dieser Entwicklung im Wege steht? Warum
sollte ein überzeugter, „orthodoxer“ Buddhist oder Hindu, für den das Leben im Hier und Jetzt bloßer Schein ist, respektive Durchgangsstation seiner
Seele auf ihrem Erlösungsweg, Abarbeitung seines Karmas, diese Nichtigkeit
der Welt plötzlich affirmieren und nach materiellem Reichtum streben?
Doch wohl erst dann, wenn seine Kultur und die Gesellschaft, in die er hineingeboren wurde, jenen Säkularisationsprozess durchläuft, den der Westen
bereits hinter sich hat. Oder aber, weil sich zeigen sollte, dass es entgegen
den Annahmen Max Webers neben dem Protestantismus auch noch andere
Religionen und Weltanschauungen gibt, die zu einer produktiven Synthese
mit dem marktwirtschaftlichen System in der Lage sind, wie es in Bezug auf
die spezifisch japanische Ausprägung des Buddhismus, des Shintoismus und
Konfuzianismus Japan, die Tigerstaaten und China vorgeführt haben.
Schwierig und nahezu undenkbar erscheint jedoch eine solche Verbindung
von religiöser Weltanschauung und Kapitalismus in hinduistisch geprägten
Ländern, ohne dass die spezifischen Inhalte und die ethische Orientierung
des Hinduismus grundlegend modifiziert, damit aber letztlich ausgehöhlt
werden würden. Ein Blick auf die Zustände im heutigen Indien, wie sie beispielsweise Thomas Ross schildert, lässt kaum einen anderen Schluss zu: Die
Atmosphäre von Ruhe und Wärme, von gelebter Spiritualität und Tradition,
46
die sich aus der spezifisch hinduistischen Einheit von Heiligem und Profanem speist, zieht nicht nur den westlichen Besucher in ihren Bann, sondern
auch jeden Inder, egal wie lange er im Westen gelebt hat, damit aber zurück
in ein vorindustrielles Zeitalter mit einem scheinbar unauflöslichen Kastenwesen30 . Der Hinduismus fördert Qualitäten und setzt Werte, die jenen, die
wir für eine leistungsstarke Marktwirtschaft als notwendig ansehen, geradezu entgegengesetzt sind: Gefühl, Sensibilität, Anpassungsfähigkeit und eine
schier unbegrenzte Fähigkeit, mit Chaos und Anarchie zu leben, zeichnen
nach Ross den typischen Hindu aus, während Disziplin, Leistungswillen,
Durchsetzungskraft, Entscheidungs- und Innovationsfreude auf dem Boden
der traditionellen indischen Kultur nur schlecht oder gar nicht gedeihen
können31 .
Es scheint fast so, als würde die Zukunft der Weltreligionen, respektive das
Schicksal der von ihnen geprägten Völker, davon abhängen, ob sich ihr traditionelles Ethos, ihre nationale Mentalität und andere kulturspezifische
Gegebenheiten mit dem Wertsystem des Kapitalismus vereinbaren oder gar
dafür fruchtbar machen lassen.
Im Zuge der Globalisierung sind wir dadurch mit einem neuen Phänomen
konfrontiert: mit einem Wettbewerb der Kulturen. Vielleicht wird ja irgendwann auch die religionswissenschaftliche Frage nach dem „Ranking“ der
Weltreligionen auf diesem Wege entschieden werden können - durch Bezugnahme auf das Kriterium wirtschaftlichen Erfolgs, den ein Land dank seines
religiös untermauerten Wirtschaftsethos errungen hat. Die Position eines
christlichen Exklusivismus könnte ja den weltweiten Siegeszug der Marktwirtschaft auf der Basis eines überwiegend christlich geprägten Wertsystems
durchaus in dieser Hinsicht und damit als ihre Bestätigung deuten, wenn es
da nicht besagtes Gegenbeispiel der buddhistisch und konfuzianistisch bestimmten asiatischen „Neuaufsteiger“ gäbe.
30 Vgl. Thomas Ross: „Hinduismus", in: Marktwirtschaft Teufelswerk? Die Weltreligionen +
Die Wirtschaft, hrsg. v. informedia-Stiftung, Gemeinnützige Stiftung für Gesellschaftswissenschaften und Publizistik, Köln (informedia-Stiftung) 1992, S. 73-83.
31 Vgl. T. Ross, ebda., S. 76.
47
Man mag Überlegungen dieser Art für absurd, vielleicht sogar für blasphemisch halten. Erinnert man sich aber des oben dargestellten Beratungsprogramms für Unternehmen im Zeitalter der Globalisierung, in dessen Kontext Persönlichkeit als Profit-Center gedeutet wird, dann erscheint es doch
ziemlich naheliegend, neben Charakter und Lebensphilosophie auch Religiosität in erster Linie als Marktfaktor aufzufassen.
Wo das Wohl der Menschheit rein materiell bestimmt wird, das Bewusstsein
der Erlösungsbedürftigkeit verschwindet und die Frage nach dem Heil und
Seelenfrieden des Menschen von dem Streben nach einem rein innerweltlich
bestimmten Glück abgelöst wird, liegt da die Annahme so fern, dass auch die
Religion früher oder später nur noch in ihrer funktionalen Bedeutung dafür
gesehen werden wird? Und wo der Glaube an eine transzendente Macht, die
die Geschicke des Menschen in letzter Hinsicht zum Besten lenkt, durch den
Glauben an den Marktmechanismus mit analogen Fähigkeiten und Wirkmöglichkeiten ersetzt wird, muss da nicht konsequenterweise an die Stelle
des religiösen Ethos, das im Dienst menschlicher Erlösung stand, ein ökonomisches Ethos treten, das der Erreichung des nun zum höchsten avancierten Zieles materiellen Wohlstands dient?
Die tröstenden Worte der Manager sich globalisierender Unternehmen in
Deutschland - „keine Sorge, in ein paar Jahren sieht alles ganz anders aus“ bedeuten sie nicht letztlich: „keine Sorge, in ein paar Jahren wird der neue
'Heilsweg', den die Marktwirtschaft weist, auch in denjenigen Ländern als
allein gültiger und zu gehender akzeptiert worden sein, denen heute noch
ein traditionsbedingter überdurchschnittlicher Arbeitseifer und eine religiös
motivierte Verzichtsbereitschaft Wettbewerbsvorteile gegenüber dem Westen bescheren“? Und zeigt nicht die Entwicklung eben hier, im Westen, dass
diese Zukunftsvision gute Chancen hat, Realität zu werden? Was Max Weber noch auf den Protestantismus zurückführen konnte und was seinerzeit
in der Tat noch an bestimmte religiöse Vorstellungen rück- und eingebunden war - ein bestimmtes Arbeitsethos - hat sich längst aufgelöst, das Streben
nach materiellem Wohlstand verselbstständigt. Arbeit im Sinne von Leistung
ist zum Selbstzweck geworden, Erfolg im Sinne erfüllter Leistung, die sich
bezahlt macht, zur einzigen Quelle, aus welcher der moderne wie der postmoderne Mensch sein Selbstwertgefühl schöpfen kann.
48
Trotz allem soeben geäußerten Pessimismus meine ich, dass im Kontakt und
Aufeinandertreffen unterschiedlicher Nationalitäten und kultureller Identitäten, zu denen es im Zuge der Internationalisierung von Unternehmen
verstärkt kommt und kommen wird, eine der größten Chancen der Globalisierung liegt, dann nämlich, wenn die Schlüsselqualifikation der sozialen
Kompetenz, die während der letzten Jahre von Führungskräften wie Mitarbeitern zunehmend gefordert worden ist, im Kontext der Globalisierung aus
sachlich gebotenen Gründen zur interkulturellen Kompetenz erweitert
wird. Entsprechende Fortbildungskurse und interne Schulungen lassen sich
als erste Anzeichen dafür werten, dass deren Relevanz zumindest von den
größeren Unternehmen bereits gesehen wird.
Dies könnte auch die Rettung für den oben dargestellten, von Entwurzelung
und kultureller Heimatlosigkeit bedrohten Typus des globalen Wirtschaftsakteurs bedeuten. Denn um analysieren zu können, inwiefern die neuartigen
Management- und Führungsprobleme, die sich auf internationaler Ebene
ergeben, durch interkulturelle Differenzen bedingt sind, muss er zunächst
einmal seine eigene soziokulturelle Prägung reflektieren und sich bewusst
machen, inwiefern diese sein alltägliches Handeln implizit oder explizit
bestimmt. In der damit verbundenen notwendigen Rückbesinnung auf seine
kulturelle Identität und religiöse Verwurzelung liegt die Chance, sie für sich
selbst qua geistiger Vergegenwärtigung lebendig zu erhalten und so zu bewahren.
In der Konfrontation mit dem ganz Anderen fremder Kulturen und in dem
Bemühen, dieses Andere erfassen zu wollen, kann und muss er darüber hinaus jene Aspekte und Vermögen seiner Personalität zur Entfaltung bringen,
die ihn zugleich als moralische Person ausmachen und die er dem oben genannten Paradox der Gleichzeitigkeit von einzelnem und allgemeinem Sein
verdankt: die Fähigkeit nämlich, die rein egozentrische Perspektive aufzugeben, den subjektiv bestimmten Standpunkt zeitweilig zu verlassen, sich
in den anderen hineinzuversetzen und so zu „ver-stehen“ im eigentlichen
Bedeutungssinn des Wortes.
49
6.
Die Entstehung eines Weltwirtschaftsethos
Der notwendige Erwerb interkultureller Kompetenz, der sich für die international tätigen Unternehmen aus dem pragmatischen Interesse an einem
reibungslosen, weil nur dann effizienten Management ergibt, könnte als
positive Nebenwirkung der ökonomischen Globalisierung - ganz im Sinne
des Marktprinzips - zur Initialzündung für einen interkulturellen Dialog
werden, der für das Zusammenwachsen der Weltgemeinschaft von zentraler
Bedeutung ist. Hier liegt meines Erachtens das Potential für die Entstehung
eines Weltwirtschaftsethos, das nicht zu besagtem trojanischem Pferd eines
westlichen Kulturimperialismus wird. Ein solches Ethos aber kann nicht
eingleisig begründet werden, sondern muss sich durch zunehmende Orientierung an interkulturell konsensfähigen und damit global verbindlich zu
machenden Prinzipien in konkreten Handlungssituationen und Interaktionszusammenhängen allmählich herausbilden.
Angesichts des praxisorientierten Kontextes, dem er entspringt, würde sich
ein interkultureller Dialog dieser Art zunächst jenseits aller heiklen dogmatischen Fragen bewegen, wie sie etwa einen interreligiösen Dialog gleicher Zielrichtung bestimmen, so auch Küngs „Projekt Weltethos“. Damit
ein interkultureller Dialog für die Verständigung auf ein gemeinsames Ethos
fruchtbar gemacht werden kann, muss er auch auf der Meta-Ebene geführt
werden, dann jedoch in der Form eines interkulturellen philosophischen
Austausches. Dass damit zugleich implizit, aber eben nur implizit, ein interreligiöser Dialog stattfindet, ist dadurch bedingt, dass die Weltanschauung
und die normativen Orientierungen einer Kultur entscheidend von den
religiösen Überzeugungen abhängen, die sie geprägt haben.
Die Frage, ob und inwieweit eine solche religiöse Prägung auch für die Entwürfe der neuzeitlichen Philosophie des Westens gilt, allem voran für die
Ansätze eines ethischen Universalismus, gewinnt im Kontext der Diskussion
um die leitenden Werte für ein Weltwirtschaftsethos neue Aktualität. Es
bleibt zu klären, ob die Ethik-Entwürfe, wie sie insbesondere im Anschluss
an Kant entstanden sind, an der Herausforderung scheitern, sich als global
gültige Orientierungen bewähren zu müssen. Dies könnte geschehen, wenn
sich zeigen sollte, dass die Werte, auf die dabei rekurriert wird, zu stark in
der christlich geprägten abendländischen Kultur verwurzelt sind, als dass sie
sich in und für andere Kulturen kommunizierbar machen ließen, oder, weil
50
sich zeigen sollte, dass ethische Prinzipien universaler Geltung eben doch
nicht aus der „praktischen Vernunft“ jenseits aller Theologie ableitbar sind,
wie Schopenhauer an Kants Anspruch einer Moralbegründung dieser Art
kritisiert32 - eine Kritik, die sich jedoch gegenüber Schopenhauers eigenem
Entwurf einer Mitleidsethik gleichermaßen geltend machen ließe.
Aber nicht nur der ethische Universalismus westlicher Herkunft steht auf
dem Prüfstand globaler Implementierbarkeit. Das Gleiche gilt für die wirtschaftsethischen Ansätze, die bislang von amerikanischen und europäischen
Theoretikern vorgelegt wurden. Hier geht es neben der Frage der globalen
Gültigkeit der ethischen Prinzipien, die diesen Konzepten jeweils zugrunde
liegen, vor allem um die Frage, ob die vorausgesetzten Rahmenbedingungen
im Weltmaßstab gegeben sind.
Für ein demgegenüber interkulturell zu entwickelndes Weltwirtschaftsethos
lässt sich auch aus ökonomischer Sicht plädieren, wenn man die Überlegungen der älteren Historischen Schule der Nationalökonomie zugrunde
legt. Diesen zufolge kann auch die weltweite Implementierung des marktwirtschaftlichen Systems selbst nur dann erfolgreich sein, wenn dabei auf
den jeweiligen kulturellen Kontext Bezug genommen, d. h. die kulturspezifischen Besonderheiten mit ins ökonomische Kalkül gezogen werden33 . Analog dazu müssten die Prinzipien ethischen Wirtschaftens im Weltmaßstab
auf moralische Normen und Werte rekurrieren, die sich - wenn vielleicht
auch mit einer anderen Begrifflichkeit - auch in anderen Kulturen auffinden
lassen. Die Suche nach diesem kleinsten gemeinsamen Nenner im Ethos aller
Kulturen bildet meines Erachtens die erste Voraussetzung für die Entwicklung eines Weltwirtschaftsethos auf einer Art drittem Weg zwischen der
bloßen Akzeptanz eines pluralistischen ethischen Relativismus und der kul-
32 Vgl. Arthur Schopenhauer: Preisschrift über die Grundlage der Moral, Kap. II, in: Sämtliche Werke, hrsg. v. W. Frhr. v. Löhneysen, Darmstadt (Wiss. Buchges.) 1968, Bd. III, S.
642-715.
33 Vgl. Peter Koslowski : Einleitung, in: ders. (Hrsg.): Weltwirtschaftsethos. Globalisierung
und Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 17-22, hier S. 19; zur Aktualität der Historischen Schule
der Nationalökonomie für die wirtschaftsethische Diskussion vgl.: ders. (Hrsg.): The Theory of Ethical Economy in the Historical School. Wilhelm Roscher, Lorenz v. Stein, Gustav Schmoller, Wilhelm Dilthey and Contemporary Theory, Heidelberg (Springer), 1.
Aufl., 1995, Nachdruck 1997.
51
turimperialistischen Durchsetzung eines ethischen Universalismus westlicher Prägung.
Ein sinnvoller Anknüpfungspunkt eines solchen philosophisch geführten
interkulturellen Dialogs könnte die Frage sein, in die nach Kant alle zentralen philosophischen Fragen münden und deren Gegenstand das ausmacht,
was alle Menschen miteinander verbindet: ihr Menschsein34 . Denkbar wäre
beispielsweise eine Untersuchung, ob sich das oben erwähnte Strukturprinzip der Zweieinheitlichkeit oder etwas diesem Prinzip Analoges im
Menschenbild anderer Kulturen finden lässt. Oder ob und inwiefern die
westliche Deutung des Menschen als Person erweitert werden muss, damit
sie als Bezugspunkt fungieren kann zur Begründung ethischer Prinzipien
und Wertorientierungen für das Handeln der Menschen in dieser Welt.
Überlegungen dieser Art könnten darüber hinaus an den Tag bringen, was
den eigentlichen Wettbewerbsvorteil der abendländischen Kultur ausmacht
und sie zugleich als Marktführer in der Branche der Zukunft, den symbolanalytischen Diensten, ausweist: das Vermögen, übergreifende Ordnungsstrukturen auf der Basis demokratischer Grundwerte zu schaffen, d. h. Konzepte menschlichen Miteinanders zu entwickeln, die es erlauben, eine Mitte
zu finden und zu leben zwischen Eigennutz und Gemeinwohl, zwischen
übertriebener Ich-Bezogenheit und einem vollkommenen Aufgehen im Allgemeinen einer Gruppe, wovon beispielsweise die Haltung der Menschen in
asiatischen Kulturen - noch, aber wie lange noch? - geprägt ist.
Personalität leben bedeutet beide Aspekte zur Entfaltung zu bringen: Individualität und Relationalität, persönliche Stärken und Talente ebenso wie die
Synergien, die sich durch Kooperation mit anderen in einer Arbeits- und
Lebensgemeinschaft ergeben. Dass die Zukunft des Westens unter den Bedingungen des Informationszeitalters entscheidend davon abhängt, ob es ihm
gelingt, diese Balance zwischen Egoismus und Solidarität zu finden, hat in
jüngerer Zeit der Ökonom und Informationstheoretiker Leo Nefiodow
34 Vgl. Immanuel Kant: Logik, Einleitung, Ges. Schriften, hrsg. v. d. Preußischen Akademie
der Wissenschaften, Bd. 9, Berlin (Reimers) 1923, S. 25.
52
herausgestellt35 . Interessanterweise hält Nefiodow die Rückbesinnung auf
spezifisch christliche Werte dabei für zentral. Und in der Tat: das christliche
Gebot der Nächstenliebe fordert nicht nur zu einer vorübergehenden Relativierung der egozentrischen Perspektive auf, was jede Form moralischen
Handelns voraussetzt. In der Liebe als höchster Form der Selbsttranszendenz
wird das Wohlergehen des anderen Teil der eigenen subjektiven Ausrichtung
und damit die geforderte Mitte gelebt. Durch die dauerhafte Öffnung für
den anderen, die Liebe ausmacht, wird das kleine, auf sich selbst fixierte und
in sich zentrierte Ego transformiert und gewinnt eine neue Existenzform sein eigentliches personales Selbst.
Vielleicht wird es also doch nicht nur der Export seiner „Ethik des Kapitalismus“ (Peter Koslowski ) sein, die dem Westen im Wettbewerb der Kulturen in Zukunft seine Marktanteile sichern wird. Vielleicht geht aber auch
Indien aus diesem Wettbewerb als Sieger hervor, dann nämlich, wenn sich
zeigen sollte, dass der Mensch weder physisch noch psychisch dem Mobilitätsprogramm gewachsen ist, das der internationale Konkurrenzdruck im
Zuge der Globalisierung zu fordern scheint, und dass Immobilität und
Phlegma das Gebot der Stunde sind, wenn sich das „Profit-Center Mensch“
im Wettbewerb der individuellen Lebenschancen die Chance auf ein menschliches Leben sichern will.
35 Vgl. Leo Nefiodow: Der 6. Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im
Zeitalter der Information, St. Augustin (Rhein-Sieg) 1996, bes. S. 123-142.
53
Perspektiven für die Globalisierungsproblematik der
Märkte - Denkanstöße für eine ethische Urteilsbildung
Friedrich Heckmann
Wer immer heute von Globalisierung redet, sollte aus intellektueller Redlichkeit heraus sein Möglichstes tun, präzise zu beschreiben, wovon er redet.
Ich habe in einer hannoverschen Zeitung einen Kommentar zu den Demonstrationen in Berlin im Herbst 1999 gefunden, der in dem Satz gipfelte:
So „wird dieses Land nicht fit für die Globalisierung“. 1 An anderer Stelle ist
die Rede vom „Globalen Sumpf“ 2 oder von der „Globalisierung der Krankheit“ 3 . Da wabert ein Begriff durch unsere Gazetten, auch durch die wissenschaftliche Literatur, und es wäre sicher spannend, dem nachzugehen, welche Funktion diese Waberlohe hat.
Ich will daher in einem ersten Schritt versuchen, den Begriff der Globalisierung einzugrenzen, um in einem zweiten Schritt den Kontext der Globalisierungsproblematik zu bestimmen.
Danach folgen drei weitere Schritte, in denen ich das Material für eine ethische Urteilsbildung aufarbeite. Ich folge bei diesem Versuch der ethischen
Urteilsbildung jenem Schema, das in der Sozialethik protestantischer Theologie seit den frühen Auseinandersetzungen um die Kernenergie entwickelt
1
Neue Presse Nr. 253, 29.10.1999 (Hervorhebungen vom Verf.)
2
DIE ZEIT Nr. 44 v. 28.10.1999
3
LE MONDE DIPLOMATIQUE die tageszeitung / WoZ 22.10.1997
55
wurde und uns heute in der Ethik ein Instrumentarium der beurteilenden
Analyse zur Verfügung stellt. 4
Perspektiven für die Globalisierungsproblematik der Märkte
1.
Versuch einer Klärung: Globalisierung Problemstellung
oder Internationalisierung?
2. Die Situation am Ende des 2. Jahrtausends
2.1.
Globalismus
2.2.
Internationalisierung
2.3.
Übergangssituation
2.4.
Stabilität
2.5.
Finanztransaktionen
2.6.
Fusionen
2.7.
Die drei Motoren des Neoliberalismus
2.8.
Resümee hinsichtlich der neoliberalen
Konzeption
3.
4
Versuch einer ethischen
Urteilsbildung
Politische Handlungsalternativen:
Haben wir andere Möglichkeiten?
Analyse der Situation
Erörterung der Verhaltensalternativen
Heinz Eduard Tödt, Kriterien evangelisch-ethischer Urteilsfindung, in: Der Spielraum des
Menschen, Gütersloh 1979
56
4.
Denkanstöße für die ethische Debatte: Wie wollen wir leben? - Was ist
uns wieviel wert?
Prüfung der Normen
5.
Wir müssen uns entscheiden:
Globalisierung der Wirtschaft und
Zukunft der Menschheit
Urteilsentscheid
1. Versuch einer Begriffsklärung:
Globalisierung oder Internationalisierung?
Ich will nicht von jener Globalisierung reden, von der wir alle irgendwie
und irgendwo betroffen sind, als Individuen, als Hochschule, als Wissenschaftler, als Kirche, sondern ich werde ausgehen von der These Robert B.
Reichs 5 , des früheren US-amerikanischen Arbeitsministers, dass das „Ende
der nationalen Ökonomie“ gekommen sei, und mich dann mit der Globalisierung der Märkte, d. h. der Globalisierung des Handels und des Warenverkehrs beschäftigen. 6
5
„Wir durchleben derzeit eine Transformation, aus der im kommenden Jahrhundert neue
Formen von Politik und Wirtschaft hervorgehen werden. Es wird dann keine nationalen
Produkte und Technologien, keine nationalen Wirtschaftsunternehmen, keine nationalen
Industrien mehr geben. Es wird keine Volkswirtschaften mehr geben, jedenfalls nicht in
dem Sinne, wie wir sie kennen. Alles, was dann noch innerhalb der Grenzen eines Landes
verbleibt, sind die Menschen, aus denen sich eine Nation zusammensetzt.“ (Robert B.
Reich, Die neue Weltwirtschaft. Das Ende der nationalen Ökonomie, Frankfurt 1996, S. 9)
6
Paul A. Samuelson definiert in seiner „Volkswirtschaftslehre“, Übersetzung der 15. Auflage,
Wien 1998: „Ein Markt ist ein Mechanismus, mit dessen Hilfe Käufer und Verkäufer miteinander in Beziehung treten, um Preis und Menge einer Ware oder Dienstleistung zu ermitteln.“ (S. 51) und „Die Märkte agieren als Vermittler, die die Wünsche und Vorlieben
der Konsumenten mit den technologischen Möglichkeiten der Unternehmen abstimmen.“
(S. 53)
57
Der von Ulrich Beck 7 stark geprägte Begriff der Globalisierung wird in den
Sozialwissenschaften ganz unterschiedlich gebraucht. Nur wenn wir uns
über den Gebrauch dieses Begriffs verständigen, kann der schillernde und in
der Tagespolitik verschlissene Begriff überhaupt hilfreich sein.
Die Chancen der Globalisierung für Wirtschaft, Industrie und letztlich die
Politik werden durch Ökonomie und Publizistik überwiegend positiv bewertet und mit nahezu euphorischen Erwartungen belegt. Andererseits
scheint gerade im Bereich der Sozialen Arbeit Globalisierung nahezu ein
Werk des Teufels, verantwortlich für alle negativen Erscheinungen und
Auswirkungen auf Politik, Ökonomie und Ökologie im Allgemeinen, auf
Arbeitsmarkt und soziale Schräglagen im Speziellen.
Zum Dritten ist umstritten, inwieweit man überhaupt von Globalisierung
reden kann, welchen Sinn das macht und inwieweit es eine Politisierung
durch diese Begriffsbildung gibt.
Diese Punkte müssen wir mitdenken, wenn wir uns der Fragestellung „Globalisierung der Märkte“ nähern, deren Beschreibung dadurch nicht ganz einfach ist.
Wir können unter Globalisierung im umfassenden Sinn erst einmal die Herausbildung eines weltweiten Marktes für Kapital, Arbeit und Waren verstehen. In diesem weiten Sinn hat es Globalisierung natürlich schon immer
gegeben - sicher nach Beginn der Industrialisierung und einer ersten technischen Revolution Mitte des vergangenen Jahrhunderts - und verführt geradezu zu historischen Differenzierungen und Debatten. Samir Amin, ein
ägyptischer Wirtschaftswissenschaftler und Leiter des Dritte-Welt-Forums
in Dakar, arbeitet die Phasen der Globalisierung in der Geschichte sehr
schön heraus. 8
Ich möchte mich allerdings nicht in die differenten Diskussionen über die
unterschiedlichen Globalisierungsphasen in der Geschichte einmischen,
7
Vgl. Ulrich Beck, Was ist Globalisierung? Frankfurt 1997
8
Vgl. Samir Amin, Die Zukunft des Weltsystems. Herausforderungen der Globalisierung, hrsg.
v. Joachim Wilke, Hamburg 1997, S. 53-98
58
sondern mich auf die Zeit nach 1945 beschränken. Hier wird häufig eine
Phase kontrollierter Globalisierung von 1945 bis 1990 benannt, die zwischen 1980 und 1990 in eine neue Phase überging, in der wir uns zur Zeit
befinden und in der eine ungebremste Globalisierung durchgesetzt werden
soll, um den Überhangskapitalen ohne rentable Anlagemöglichkeiten in
Produktionssystemen ein Feld zur Anlage zu geben. 9
Die Phase nach 1945 oder 1950 zeichnete sich vor allem durch ein starkes
Wachstum in den meisten Teilen des Globus aus, sowohl in der Aufbauphase der sogenannten „1. Welt“, in der es mit keynesianischer Wirtschaftspolitik und regulierenden Eingriffen in den „freien“ Markt und mit einer Ausgleichspolitik und einer Verständigung zwischen Kapital und Arbeit zu
einem ungeahnten Aufschwung westlicher Wirtschaftskraft kam.
Aber auch in der „Zweiten Welt“, den Ländern des Comecon unter Führung der UdSSR, markierte der planwirtschaftliche Aufbau des real existierenden Sozialismus eine vor dem Zweiten Weltkrieg nicht vorstellbare Aufbauphase.
Die „Dritte Welt“ wurde sowohl aus der ersten als auch aus der zweiten
Welt mit imperialistischen Entwicklungsmodellen „unterstützt“, die eine
Integration der Länder des Südens, mit welchen Anteilen und Abhängigkeiten auch immer, in das Weltsystem und eine Partizipation am ökonomischen Aufschwung als realistisch erscheinen ließen.
Wie Samir Amin herausstellt, versuchten diese drei globalen Gesellschaftsprojekte, in unterschiedlicher Art und Weise, regulativ in den Markt einzugreifen, um ökonomische Effizienz und eine soziale Rahmenordnung zu
verbinden. 10 Sicher ist diese Gemeinsamkeit, die über marktregulierende
Eingriffe in so unterschiedlichem Ausmaße hergestellt beziehungsweise
konstruiert wird, erst einmal eine gewöhnungsbedürftige Brücke, hilft aber,
die Dimension dieser Phase der kontrollierten Globalisierung besser zu
verstehen.
9
A.a.O., S. 68-83
10
A.a.O., S. 84ff
59
Diese Phase spielte sich trotz aller hegemonialer Ansprüche der beteiligten
Blöcke und ihrer Führungsnationen weitgehend in einem nationalen Rahmen ab. Amin interpretiert das als eine gemeinsame Absage an die Idee, dass
die Märkte selbstregulierend seien.
Und in der Tat hat es nach 1945 eine breite Übereinstimmung in dieser
Ablehnung gegeben. Einen Hinweis auf die Übereinstimmung in der Ablehnung des Glaubens an einen sich selbst regulierenden Markt geben die
Parteiprogramme der demokratischen Parteien in der jungen BRD. Selbst
die CDU nahm eindeutig Partei für eine deutliche Kollektivierung der Geldindustrie, indem sie in ihrem Ahlener Programm (1947) unter anderem die
Verstaatlichung der Banken forderte.
Ein Grund für die gemeinsame Absage an die Idee der selbstregulierenden
Märkte ist wohl die Tatsache, dass in den USA andere Aspekte amerikanischer Hegemonie neben den ökonomischen an Bedeutung gewinnen: „die
Kontrolle des weltweiten Währungs- und Finanzsystems, die militärische Überlegenheit, die kulturelle und linguistische Entfaltung des American way of life“. 11
Ich komme, den ersten Punkt abschließend, zu meinem Ausgangspunkt des
unscharfen Begriffs der Globalisierung zurück, um die Problembeschreibung wieder zu fokussieren.
Man könnte die unscharfe Begrifflichkeit vermeiden, indem man von einer
Internationalisierung redet. Was es offensichtlich und beschreibbar gibt, ist
eine Internationalisierung zwischen den großen Blöcken - zwischen den
USA, Japan und dem pazifischen Raum sowie der Europäischen Union
bewegen sich 70 Prozent der Warenströme. Das bedeutet, das Kapital wird
innerhalb von diesen drei Blöcken international investiert, aber - und das
wäre dann ein Argument für eine andere Begrifflichkeit als die der Globalisierung der Märkte - die große Mehrheit der Länder dieses Globus wird
ausgespart.
11
A.a.O., S. 85
60
Die Graphik „Aufteilung der Wirtschaftsaktivität zwischen Nord und
Süd“ 12 macht deutlich, dass die Auffassung, es stünde eine „globalisierte
Wirtschaft“ zur Verfügung, wie immer wieder in der fachlichen Auseinandersetzung (Lester Thurow u.a.) und in Diskussionen behauptet wird, nicht
haltbar ist.
2.
Die Situation am Ende des 2. Jahrtausends
Den zeitlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext des Themas
„Globale Welt - was tun?“, das die Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft auf ihrer Jubiläumstagung 1999 bedachte, hat die Gesellschaft bereits
12
aus: BUND/Misereor, Zukunftsfähiges Deutschland. Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung. Studie des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie GmbH, Basel u.a. 1996, S. 387
61
1997 auf einer Tagung ausgeleuchtet. So kann ich mich darauf beschränken,
die mir wichtigsten Entwicklungsstränge zu benennen.
2.1 Globalismus
Meines Erachtens stellt sich die Entwicklung noch relativ bescheiden dar: So
sind als direkte Folge der wirtschaftlichen Internationalisierung wohl nur
einige Prozent der Arbeitsplätze in der BRD von einem Export von Arbeit
betroffen, auch die Kapitalabwanderung hält sich in Maßen. Mag sie auch
für die Finanzierung gewisser sozialer und gemeinschaftlicher Standards ein
Problem sein, wirtschaftlich gesehen gibt es keinen Grund, den Standort
„Deutschland“ in Gefahr zu sehen.
Was aber wichtiger ist als der empirische Befund dessen, was sich als Internationalisierung beschreiben lässt, ist der Tatbestand, dass die wirtschaftliche Entwicklung die Möglichkeit zur Globalisierung eröffnet. Siemens oder
noch eher Daimler/Chrysler/Mitsubishi, die transnational agierenden Konzern-Zusammenschlüsse, sind die Türöffner, die Schlüsselhalter für das, was
wir Globalisierung nennen.
Ulrich Beck spricht davon, dass der entscheidende Effekt der ist, dass eine
Möglichkeit eröffnet ist, die Möglichkeit des Spieles. Alle Unternehmen
reden von den Möglichkeiten des globalen Marktes, spekulieren öffentlich
über die Möglichkeit des Standortwechsels oder des Kapitaltransfers. Natürlich ist auch das nicht neu. Die Rhetorik der Internationalisierung kennen
wir bereits aus dem 19. Jahrhundert, beispielsweise in der Auseinandersetzung um die Länge der Arbeitszeiten, um die Länge der Maschinenlaufzeiten
und die faktische 7-Tage-Woche ohne freien Sonntag. 13
Das also ist der Punkt: Aufgrund der Aktivitäten der global players wie
Siemens und Daimler kommt es überhaupt zu der Rhetorik des Globalismus.
13
Vgl. hierzu u.a. F. Heckmann: Arbeitszeit und Sonntagsruhe. Stellungnahmen zur Sonntagsarbeit als Beitrag kirchlicher Sozialkritik im 19. Jahrhundert, Essen 1986
62
Es ist das Verdienst von Ulrich Beck, hier die Unterscheidung von Globalisierung und Globalismus eingeführt zu haben.
Der Globalismus ist nicht in erster Linie eine reale Erscheinung des Wirtschaftslebens, sondern Teil der Ideologie des Neoliberalimus.
Die nationale Ökonomie kommt allerdings auch schon durch die Rhetorik
gewaltig in Turbulenzen, beispielsweise durch das ständige Gerede von der
Schwäche des Standortes Deutschland, die sich empirisch so gar nicht belegen lässt. 14 So entwickelt die Rhetorik des Globalismus zugleich aber auch
mit der geschwächten Position nationaler Ökonomien gegenüber den internationalen Finanzmärkten ihre Wirkung.
2.2 Internationalisierung
Empirisch belegbar dagegen sind in der Situation der ungebremsten Internationalisierung des ausgehenden zweiten Jahrtausends erstens die Verlangsamung der allgemeinen Wachstumsrate (spätestens seit der Rezession von
1974/75) und zweitens die Zunahme von transnationalen Unternehmen mit
der Konsequenz der weltweiten Monopolisierung oder Oligopolisierung.
Die gegenwärtige Fusionswelle der Finanzkonglomerate ist nur der konsequente Höhepunkt einer Entwicklung, die sich mit der Kartellgesetzgebung
der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr deckt. Drittens klafft die
Schere zwischen dem Finanzkapital und dem Realkapital immer weiter.
Während die Akkumulation des Finanzkapitals zunimmt, können die Gewinne keine profitablen Anlagemöglichkeiten im Realkapital finden. Diese
empirisch belegbaren Trends 15 haben wachsende Arbeitslosigkeit, Niedriglohn-Beschäftigungen mit schwerwiegenden sozialen Auswirkungen als
arbeitsmarktpolitisches Phänomen in reichen Volkswirtschaften und Verelendung in den hochindustrialisierten Ländern, massive Verelendung in
den Ländern des Südens und deren Ausgrenzung aus dem globalen Wirtschaftsleben sowie wachsende Umweltprobleme weltweit zur Folge.
14
vgl. Hermannus Pfeiffer: Der Kapitalismus frisst seine Kinder. Der Standort Deutschland,
seine Gegner und seine glorreiche Zukunft. Köln 1997, S. 9ff. u. 146ff.
15
Eine umfassendere Darstellung ist zu finden bei Harry Magdoff, Paul Sweezy, Stagnation and
Financial Explosion, Monthly Review Press, New York 1987
63
2.3 Übergangssituation
Die gegenwärtige Situation kann als Übergang vom Industriekapitalismus
zum Finanzkapitalismus beschrieben werden.
In der Phase nach dem Zweiten Weltkrieg, die ich eben mit der Kartellgesetzgebung angesprochen habe, gab es während des wirtschaftlichen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg ein enges Korsett durch den Keynesianismus, eine gesicherte internationale Übereinkunft zur Einschränkung der
Finanztransaktionen, das Abkommen von Bretton Woods. Diese Phase von
1945 bis etwa 1980 kann man als die Phase der kontrollierten Globalisierung
charakterisieren. Ziel der nationalen (im Westen) wie der internationalen
Wirtschaftspolitiken war es, Spekulationen der Finanzströme zu wehren, da
diese nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mitverantwortlich gemacht
wurden für die internationale und nationale Destabilisierung zwischen den
beiden Weltkriegen. 16
Erst in den sechziger Jahren wurde dieses Korsett gelockert. Infolge des
Vietnamkrieges kam es zu einem erhöhten Kapitalbedarf der USA, der nicht
mehr im Lande gedeckt werden konnte und zur US-amerikanischen Nachfrage auf den internationalen Finanzmärkten führte. Verstärkt wurde dieser
Effekt in den folgenden Jahren durch das Hereinströmen der Erdölgewinne,
das endgültig das Korsett der Beschränkung und Einschränkung der internationalen Finanzströme sprengte.
Es kam mit der Öffnung der Nationalstaaten für den internationalen Kapitalmarkt zur Abhängigkeit der westlichen Nationalökonomien und in ihrer
Folge mit verheerenden Auswirkungen auch zur Abhängigkeit der Nationalökonomien der Länder des Südens von den Kapital- und Finanzmärkten.
Das ist in wenigen Zügen der historische Hintergrund für den Phasenwechsel von der kontrollierten zur ungebremsten Globalisierung, vom Industriekapitalismus zum Finanzkapitalismus.
16
Am 23. Juli 1944 (!) wurden in Bretton Woods/USA die Verträge über die Gründung der
Weltbank und des Internationalen Währungsfonds unterzeichnet.
64
Boomende Aktienmärkte und Staatsverschuldung bewirken Geldknappheit
und Stagnation. Eine Finanzierung der öffentlichen Verschuldung aus dem
national verfügbaren Vermögen scheint nicht mehr möglich. Damit haben
die Staaten dieses Finanzsystem und seine Auswirkungen akzeptiert. Die
Möglichkeiten nationaler Wirtschaftspolitik sind seitdem stark eingeengt.
Heute entscheiden die Devisenmärkte, ob ein Wechselkurs richtig, ein Kreditzins angemessen oder ein Preisindex realistisch ist, früher waren das alles
durch die nationalen Wirtschafts- und Finanzpolitiken beeinflussbare Größen.
Die beschriebene Abhängigkeit der Nationalökonomien ist nicht nur unter
der Fragestellung demokratischer Kontrolle von Wirtschaft zu kritisieren der Souveränitätsverlust der Nationalstaaten wirft auch Fragen auf, die auf
den Gegensatz von Partikularinteressen des Kapitals und übergreifenden
Interessen eines Volkes zielen. Die Interessen eines Volkes oder einer (Welt-)
Region genauso wie die Interessen der Natur oder der Mitwelt oder gar
globale Interessen können in dieser Politikgestaltung zu Gunsten von partikularen Interessen nicht angemessen berücksichtigt werden. Doch das ist
schon das Thema meines vierten und fünften Schrittes. Zur Erhellung der
Situation gebe ich zunächst noch drei weitere Hinweise.
2.4 Stabilität
Die Finanzmärkte wollen und brauchen Geldwertstabilität und Preisstabilität. Dem dient vor allem die Geldpolitik der BRD, also des Landes, das
durch die wirtschaftliche Instabilität zwischen den beiden Weltkriegen am
meisten destabilisiert worden ist. Andere Gesichtspunkte wie Arbeitslosigkeit spielen aus historisch nachvollziehbaren Gründen bei der Politik der
Deutschen Bundesbank eine untergeordnete Rolle. Durch diese Vorgabe ist
die Geldpolitik in ihren Auswirkungen eingeschränkt. Den Entwicklungen
der internationalen Finanzmärkte folgt die Finanz- und Geldpolitik der
Bundesbank und der BRD relativ passiv.
In den USA gibt es zwei gleich starke Ziele des Federal Reserve Board. Neben der Geldwertstabilität geht es um Sicherung von Arbeitsplätzen und
Wachstum. Unter ökologischen Gesichtspunkten ist letzteres sicherlich
65
ebenso zweifelhaft, aber immerhin hat die amerikanische Notenbank eine
größere Unabhängigkeit von den internationalen Finanzmärkten. Sie spielt
eine aktive Rolle bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die die Deutsche
Bundesbank und - in ihrer Nachfolge - die Europäische Zentralbank nicht
spielen können, da sie lediglich auf die Geldwertstabilität hin orientiert sind.
2.5 Finanztransaktionen
1500 Milliarden Dollar (1,5 Trillionen) werden täglich über moderne Informationstechnologien auf den Märkten transferiert, nur etwa 10% davon
werden durch realen Waren- oder Dienstleistungsausstausch verursacht.
Der Anteil der Gewinne, die durch Finanztransaktionen erzielt werden,
wächst gegenüber den Gewinnen aus Realkapital, z. B. aus der Herstellung
von Waren. Die Warenproduktion gilt zunehmend als Risikogeschäft.
Eine Vermittlung zwischen Sparern und Unternehmen durch Banken
gleicht immer mehr einem abstrakten Vorgang. Nicht zufällig wird die ökonomische Kultur, auf der die heutige Finanzwirtschaft aufbaut, selbst von
Ökonomen als Spielerkultur oder Casino-Ökonomie bezeichnet. 17
2.6 Fusionen
Die Situation der Banken und die Megafusionen der Geldindustrie werden
uns in Zukunft sicher noch verstärkt beschäftigen. Sie sind die konsequente
Folge der Akkumulation des Finanzkapitals.
Die Bankholding Citicorp und die Versicherungsgesellschaft Travellers
bilden den größten Allfinanzkonzern der Welt - Unternehmensziel ist,
1 Milliarde Kunden auf allen Kontinenten, d. h. ein Fünftel der Weltbevölkerung zu gewinnen.
Es gibt das Beispiel der transnationalen Unternehmung Deutsche Bank/Bankers Trust.
17
Vgl. Pfeiffer, a.a.O., S. 172 f.; Michael R. Krätke: Kapital global, in: Turbo-Kapitalismus,
hrsg. v. Elmar Altvater u. a. Hamburg 1997, S. 38-48
66
Es gibt ein drittes Beispiel: Europas größte Megabank ist die UBS aus dem
Schweizerischen Bankverein und der Schweizerischen Bankgesellschaft (unter Wegfall von nahezu 25% der Arbeitsplätze, mit einem Finanzvolumen
von 1400 Milliarden DM, davon 720 Milliarden von Privatkunden und 600
Milliarden von institutionellen Anlegern).
Neben den Megafusionen kommt es - und muss es nach Einschätzung gerade
im Sektor der Banken und Versicherungen auch kommen - zu gewaltigen
Investitionen der großen Unternehmungen, in der Regel Transnationaler
Unternehmen (TNC) im Bereich der Informationstechnologien, die es ermöglichen, durch Rationalisierungseffekte und schnelle globale Transaktionen im Interesse der Aktionäre Renditen zu erzielen, die international als
akzeptabel gelten.
Die Multinationalisierung und Internationalisierung der großen Unternehmungen lässt sich dahingehend interpretieren, dass das Finanz-Kapital einen
Prozess abgeschlossen hat, der aufgrund seiner Dimensionen die Kennzeichnung der Globalisierung zulässt.
Gewaltige Gewinne auf den Finanzmärkten stehen privater und öffentlicher
Verschuldung gegenüber.
2.7 Die drei Motoren des Neoliberalismus
Dieser bislang beschriebene Prozess wird bestimmt durch die drei Motoren
des Neoliberalismus: Liberalisierung, Privatisierung und Deregulierung.
Unter Liberalisierung lässt sich die Beseitigung von Handelsschranken verstehen. So sind z. B. Zölle, die zum Schutz der nationalen Wirtschaft aufgebaut worden sind, in den letzten drei Jahrzehnten in einem nennenswerten
Maße zurückgegangen.
Wie kein anderes politisches Instrument hat das GATT-Abkommen (General Agreement on Tarifs and Trade - Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen) zur Marktliberalisierung beigetragen. Unterstützung für eine
marode Volkswirtschaft gab und gibt es nur um den Preis der Liberalisierung. Das bedeutet: für ein Land, dessen Bevölkerung mehrheitlich unter
unvorstellbaren Bedingungen der Armut lebt, kann es nur Unterstützung
67
geben, wenn keine Gruppierung in diesem Land aus nationalen Gründen
geschützt wird (Antiprotektionismus).
Der Zusammenhang von Unternehmensgewinnen und dem Lebensstandard
eines Volkes und einer Nation wird immer weniger eine Rolle spielen.
Die Privatisierung ist der zweite Motor der globalen Wirtschaft.
Öffentliches Vermögen wird privatisiert, deutlich erkennbar auf der staatlichen, kommunalen und der gewerkschaftlich-genossenschaftlichen Ebene.
Private Finanzierung und private Investitionen sind der beste Weg, Fähigkeiten und (Privat-) Initiativen von Menschen zu fördern. Ordoliberale
Theoretiker und die Vertreter einer sozialen Marktwirtschaft wie MüllerArmack u. a. haben dagegen immer auch eine Beeinflussung des Marktes zur
sozialen Absicherung weiter Bevölkerungsschichten beispielsweise durch
staatliche Unternehmungen befürwortet. 18
Als drittes Movens ist die Deregulierung zu nennen. Der Staat darf nur eine
untergeordnete Rolle im Wirtschaftsleben spielen, auch dies im Gegensatz
zu der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft.
2.8 Resumee hinsichtlich der neoliberalen Konzeption
Die neoliberale Konzeption lässt sich hinsichtlich ihrer ethischen Aussagen
mit wenigen Worten beschreiben:
Normen und Standards müssen aus der Wirtschaft selbst kommen, der
Markt regelt nicht nur einen bestmöglichen Gewinn, sondern auch moralische und andere Standards, wie beispielsweise ökologische Ansprüche. Sie
setzen die richtigen, d. h. die angemessenen Normen auch in diesem Bereich.
Die Deregulierung der Arbeitsmärkte ebenso wie andere wirtschaftliche
Fragen z.B. Telekommunikation mit ihren Chancen und Risiken, die Mög18
Vgl. hierzu Daniel Dietzfelbinger, Soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsstil. Alfred MüllerArmacks Lebenswerk, Gütersloh 1998
68
lichkeiten der Computerisierung und der Digitalisierung, aber auch Umweltfragen und die Akzeptanz ökologischer Standards sind in einem hohen
Maße verzahnt mit dem Alltagsleben von Menschen. Sie sind unlösbar verbunden mit der Frage von Menschen, wie sie leben wollen. Menschen entscheiden ja immer schon, wie sie leben wollen. Und was ihnen moralische
und ökologische Standards wert sind, lässt sich an vielen Einzelbeispielen
zeigen, ob es sich um den Wert eines ungebremsten Konsums, um die touristische Selbstverwirklichung von wenigen oder den eines freien und selbstgestalteten Sonntags handelt.
Menschen, Gruppen und Klassen einer Gesellschaft haben sich immer schon
entschieden, was ihnen wieviel wert ist. Das bleibt festzuhalten, wenn Politiker wie Wähler, Wirtschaftler wie Verbraucher eine nicht beeinflussbare
und zu steuernde Entwicklung der Globalisierung beklagen.
3. Politische Handlungsalternativen: Haben wir andere Möglichkeiten?
Eine andere Einschätzung und entsprechende Gewichtung der drei Motoren
der gegenwärtigen Internationalisierung ergibt eine andere ethische Beurteilung des gegenwärtigen Wirtschaftslebens und führt über ethische Verhaltensalternativen zu denkbaren wirtschaftlichen Alternativen.
Ausgangspunkt für die ethische Frage und damit die Suche nach Alternativen ist die oben beschriebene neue Epoche für Territorialstaaten und Nationalstaaten, die mit der Deregulierung von Arbeit, sozialen Standards und
ökologischen Normen, mit einer ungeheuren Arbeitsproduktivität 19 und
der Ausgrenzung von immer mehr Menschen aus dem Arbeitsprozess begonnen hat. Die momentane wirtschaftspolitische Entwicklung, wie sie sich
wohl in den nächsten Jahrzehnten fortsetzen wird, wird von einer internationalen Gruppierung von Wirtschaftswissenschaftlern und anderen Wissenschaftlern, der Gruppe von Lissabon, in zehn grundlegenden Annahmen
beschrieben.
19
Für die Arbeitsproduktivität in den westlichen Ländern gilt: wenige schaffen immer mehr. In
Deutschland ist das noch erheblich stärker ausgeprägt als in den USA.
69
„ 1. Die Triadisierung der Weltwirtschaft wird sich ... fortsetzen.
2. Die Weltbevölkerung wird bis 2020 immer mehr aus dem Gleichgewicht geraten ...
3. Die globale Agenda wird ... im Interesse der entwickelten Länder weiterhin auf Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung der Wirtschaft ausgerichtet sein.
4. Die Spaltung der Welt (integrierte versus ausgegrenzte) wird sich vertiefen.
5. Eine neue technisch-organisatorische Revolution wird ... die Industrie
grundlegend verändern.
6. Großunternehmen werden zunehmend in Netzwerke und Netze von
Netzwerken eingebunden sein. ...
7. Die Arbeitslosigkeit wird explodieren ...
8. Die Ökologisierung der Industrie wird ... fortgesetzt werden.
9. Städte und Stadtregionen werden die wichtigsten Räume der Neuorganisation der ... Wirtschaft sein.
10. Die Strategien der staatlichen Institutionen werden zwischen reiner
Marktwirtschaft und gemäßigten Formen der sozialen Marktwirtschaft
mit moderatem Protektionismus schwanken.“ 20
Die wissenschaftlichen Annahmen der Gruppe von Lissabon zielen auf die
ethische Frage, wie wir leben wollen und wie diese Erde regiert werden soll.
Die zehn Annahmen der zukünftigen Weltentwicklung führen nach Ansicht der Gruppe zu sechs Szenarios für die nächsten zwanzig Jahre unserer
Welt.
20
Die Gruppe von Lissabon. Grenzen des Wettbewerbs, München 1997
70
Die Annahmen gehen von einer Intensivierung der Globalisierungsprozesse
in Forschung, Technik und Wirtschaft aus, die einer Intensivierung der
Handels- und Wirtschaftsintegration zwischen Westeuropa, Nordamerika
sowie Japan und Südostasien entsprechen. Diese „Triadisierung“ des Globus
spaltet die Erde in eine technologisch hochentwickelte triadische Welt und
eine marginalisierte und ausgegrenzte Welt, die den Anschluss an die kommende „technisch - organisatorische Revolution“ nicht halten kann. 21 Weitere
globale Spaltungen betreffen die Kluft zwischen multinationalen Unternehmen in globalen Netzwerken und traditionellen, eher lokal und regional
tätigen, kleinen und mittleren Unternehmungen sowie die Konzentration in
den Städten und Regionen, in denen einerseits eine urbane Gesellschaft ihre
Entscheidungszentren findet und andererseits die weltweite Armut kumuliert.
Für die Frage nach Globalisierung und Nationalisierung von Wirtschaftsprozessen und Entscheidungen werden sich nach Annahme der Gruppe von
Lissabon nationale Strategien der staatlichen Administrationen durchsetzen,
die „zwischen einer vollständig marktdominierten Wirtschaft (mit dem ständigen Druck in Richtung Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung) und
gemäßigten Formen der sozialen Marktwirtschaft in Verbindung mit gemäßigten protektionistischen Maßnahmen schwanken“ 22 .
Besonderes Interesse verdient m. E. die Annahme der Gruppe, dass die Ökologisierung von Industrie, Landwirtschaft und des informellen Sektors eine
der Hauptquellen der Veränderungen sein wird. Dem möchte ich im Hinblick auf meine Beurteilung der Globalisierungsproblematik besondere
Aufmerksamkeit schenken 23 .
Selbst wenn man die grundlegenden Annahmen der Gruppe von Lissabon
für die Zukunft so akzeptiert, bleibt es doch wahrscheinlich, dass die Zukunft der Globalisierung nicht bestimmbar ist. Viele verschiedene Szenarios
zeigen einen möglichen Weg auf, haben mehr oder weniger Wahrschein-
21
Die Gruppe von Lissabon, S. 108f
22
Die Gruppe von Lissabon, S. 116
23
Vgl. unten Punkt 5
71
lichkeit für sich, aber letztlich bleibt alles Vorhersagbare und Vorhergesagte
ungewiss. Um es mit Samir Amin auszudrücken: „Die Zukunft der Globalisierung bleibt eine große Unbekannte“. 24 Dennoch möchte ich in Anlehnung
an die Gruppe von Lissabon einige Verhaltensalternativen aufzeigen, die
immerhin relativ möglich erscheinen beziehungsweise die schon jetzt in
Ansätzen und Anteilen, zum Teil vermischt, sichtbar zu werden beginnen.
Den Szenarios liegt eine Matrix zu Grunde, an deren Achsen die zukünftig
möglichen 0rganisationsformen der globalen Wirtschaft abgelesen werden
können. 25
Die Weltwirtschaft wird sich einerseits zwischen den Polen der Regionalisierung und der Globalisierung positionieren müssen und andererseits zwischen globaler Steuerung durch Marktmechanismen und durch gemischte,
kooperative Wirtschaftsformen.
24
Vgl. Samir Amin: Die Zukunft des Weltsystems, Hamburg 1997, S. 90
25
Vgl. Die Gruppe von Lissabon, S. 118
72
Diese mögliche Positionierung und Organisation stellen die Lissaboner in
sechs möglichen Szenarien dar:
Mögliche Verhaltensalternativen:
1. Apartheidsszenario
In diesem Szenario hat die nationale
Wettbewerbsfähigkeit zentrale Bedeutung.
2. Überlebensszenario
Eliminierung der Marktkonkurrenten ist das Movens von Wirtschaft
und Politik.
3. Pax Triadica
Aufbau eines triadischen Welthandelssystems, das den internationalen
Frieden sichert.
4. Nachhaltige globale Integration Das Verhalten und damit die Politik
(Rio - Prozess)
orientiert sich an Solidarität, Gemeinwohl, Teilhabe, Dialog, Menschenrechten und Menschenwürde,
sowie Dienstleistungen.
5. GATT - Szenario
Das Ideal einer neuen Weltwirtschaft,
die auf der Basis des völlig freien
Austausches von Gütern, Kapital,
Dienstleistungen und menschlicher
Arbeitskraft aufgebaut ist.
6. Regionale Integration
Verhalten auf der Basis einer kooperativen Integration, regional wie
global.
73
Von der Fragestellung und den Kriterien einer guten Ökonomik her scheiden meines Erachtens drei Szenarien weitgehend aus: „Apartheidszenario“ 26 ,
das „GATT-Szenario“ 27 und das Szenario der „Regionalen Integration“28 .
Mich interessiert das „Überlebens-Szenario“, das Szenario der „Pax Triadica“
und eben das Szenario „Nachhaltige globale Integration“.
1. Das Überlebensszenario nimmt die empirischen Hinweise und Fakten
einer zersplitterten und gespaltenen Welt auf.
Das eigene Überleben scheint nur möglich durch den Sieg über alle anderen,
also durch die Eliminierung der Marktkonkurrenten. Dieses Organisationsmuster ist bestimmt durch eine Art des politischen Darwinismus. Der
Wettbewerbsimperativ („gewinne oder geh unter“) beherrscht das individuelle und kollektive Verhalten.
26
Vgl. Die Gruppe von Lissabon. Grenzen des Wettbewerbs, München 1997, S. 118 -120. In
diesem Szenario geht die Gruppe davon aus, dass wir, d. h. der „entwickelte“ Norden, die
Zukunft unter Abkoppelung des Restes der Welt gestalten. Es entsteht eine neue materielle
und immaterielle 0rganisation der entwickelten Länder, neue Energiesysteme, eine dematerialisierte Wirtschaft, neue Info- und Multimediainfrastrukturen, neue Forschungs- und
Bildungssysteme. Dieses Szenario setzt einen nationalen Konsens zwischen Regierung, Industrie und Arbeitnehmern voraus, einen nationalen Pakt zur Sicherung der nationalen
Überlebensfähigkeit. Die nationale Wettbewerbsfähigkeit erhält die zentrale Bedeutung.
Die internationale Politik wird durch eine Art „Weltdirektorium“ bestimmt, das die repräsentativen internationalen Organisationen abgelöst hat. Eine Weltordnung der Stärkeren
befestigt und verteidigt eine wachsende kulturelle Mauer zwischen Integrierten und Ausgegrenzten.
27
Vgl. a.a.O., S. 125f: Das GATT - Szenario nimmt als Organisationsmuster einer neuen
Weltwirtschaft eine Wirtschaftsorganisation auf der Basis des völlig freien Austausches von
Gütern, Kapital, Menschen und Dienstleistungen an.
28
Vgl. a.a.O., S. 126f: Die regionale Integration meint ein 0rganisationsmuster, in dem die
Prozesse der Weltwirtschaft auf einer zwiefachen integrativen Kooperation beruhen. Eine
Integration vollzieht sich auf dem Niveau der Weltregionen, die sich auf unterschiedliche
Grade der wirtschaftlichen und politischen Integration aufbauen. Die verschiedenen Handelsblöcke kooperieren und bedienen die internationalen Organisationen, die neu gestaltet
werden. Primäres Ziel ist eine regionale Integration, die sich schon jetzt in den organisierten Partikularinteressen von EU, Magreb, Nafta, (lateinamerikanischer) Mercosur, GUS,
AFTA (Asian free trade area) abzeichnet.
74
Dieses Szenario ist gekennzeichnet durch einen hohen Grad an Instabilität.
Diese bedingt eine Zusammenarbeit der Nationalstaaten und der internationalen Organisationen (GATT, IWF, Weltbank), die eine gewisse PufferFunktion zwischen den Staaten wahrnehmen. Die Nationalstaaten ihrerseits
haben eigentlich nur noch die eine Aufgabe, „ihren Unternehmen“ Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.
Nach Ansicht der Gruppe von Lissabon besteht eine ziemlich hohe Wahrscheinlichkeit, dass das die reale Alternative der nächsten 20 Jahre sein
wird. 29
2. Eine deutliche Alternative dazu zeichnet sich in dem Szenario der Pax
Triadica ab. Die Stärke dieses Szenarios liegt ebenfalls in dem realistischen
Hintergrund, da wichtige Elemente der Pax Triadica schon Wirklichkeit
sind, so dass die Entwicklung nach Auffassung der Gruppe von Lissabon
durchaus logisch wäre. 30
Die drei am weitesten entwickelten Weltregionen kontrollieren die Zukunft
einer heillos zersplitterten Welt (wie wir sie in Afrika, auf dem Balkan und
in den Ländern der ehemaligen UdSSR vorfinden). Eine neue Weltordnung
entsteht in den nächsten 20 Jahren, die auf dem Konsensus der Triadica
beruht, gemeinsam die Leitung der Weltwirtschaft und damit der Weltgesellschaft zu übernehmen:
a)
Die USA spielen vor allem ihren Part als militärische Hegemonialmacht.
b) Japan agiert als Macht der wirtschaftlichen Schlüsselpositionen,
c)
und Europa ist die Handelsmacht Nr. 1 und wahrscheinlich die zukünftige Weltfinanzmacht.
29
Vgl. hierzu a.a.O., S. 120f
30
Vgl. hierzu a.a.O., S. 121-124
75
Die Triadica wird durch das Prinzip: „Keiner kann ohne den anderen“ zusammengehalten. Elemente der Pax Triadica sieht die Gruppe von Lissabon
schon in der Kooperation der G7/G8 und in kooperativen Verbindungen
zwischen transnationalen Konzernen in mehreren Wirtschaftsbereichen und
Weltzonen. Ein Beispiel ist die „strategische Allianz“ zwischen IBM, Toshiba und Siemens, ein anderes die schon verwirklichte, aber noch strategisch
ausbaubare Allianz von Daimler/Crysler und Mitsubishi.
In der Konsequenz dieser triadischen Kooperation liegt die Spaltung der
Welt in Teilnehmermächte und Ausgegrenzte. Ideologisch zusammen gehalten wird diese Triadica durch den Willen der in den privilegierten Ländern
lebenden Menschen. Es gilt die Verteidigung des herrschenden Wertemusters: Materielle Privilegierung, Orientierung am Konsum, Wachstum der
Wirtschaft und Wettbewerb.
Diese Spaltung der Welt ergibt sich nicht aus politischer Steuerung, aber
kann als logische, unabwendbare Entwicklung eintreten, da der Markt eine
stabile Ordnung und klare Machtstrukturen braucht.
3. Demgegenüber scheint der Rio-Prozess, der als Beispiel für eine nachhaltige globale Integration gelten kann, nicht eine solche logische, unabwendbare Entwicklung zu nehmen.
„Wir können es das Szenario nachhaltiger globaler Integration nennen, in dem
die Prinzipien des Gemeinwohls, der Solidarität, der Teilhabe am Wohlstand,
der globalen sozialen und ökologischen Rechenschaftspflicht, des Dialogs der
Kulturen, der Einhaltung der Menschenrechte und der universellen Toleranz ...
Eingang finden. ...
Dieses Szenario beruht auf der Erkenntnis, dass die globalen Probleme so überwältigend sind, dass man ihnen nur entgegentreten kann, indem neue globale
Regeln und Strategien geschaffen werden. ...
76
Der Imperativ der freien Marktwirtschaft wird durch den Imperativ einer gesellschaftlich und ökologisch rechenschaftspflichtigen kooperativen Wirtschaft abgelöst“. 31
Im Unterschied zu den anderen Szenarien sind die hinter diesem Szenario
stehenden Werte sehr viel deutlicher erkennbar, weil sie uns als Werte bewusst sind. Teilhabe am Wohlstand für alle, Gemeinwohl, Solidarität, Menschenrechte, Dialog der Kulturen und Rechenschaftspflichten gegenüber
anderen spielen in diesem Szenario eine hervorragende Rolle.
Die Mitglieder der Gruppe von Lissabon prognostizieren dieser Verhaltensalternative geringere Verwirklichungschancen in den nächsten 20 Jahren.
Als Alternative ist und bleibt sie aber interessant, weil eine ganze Generation von Institutionen globaler Steuerung aus diesem Prozess erwachsen
kann. Der RIO- Prozess hat sich zu einer solchen Institution entwickelt, an
der die Entwicklung der Weltwirtschaft gemessen werden wird. Und wenn
auch die dort verhandelte Agenda 21 ein Dokument mit Schwächen und zur
Zeit geringen Verwirklichungschancen ist, so muss auf Grund der positiven
globalen Bewertung der dort gemachten Aussagen jedwede politische Gestaltung Rücksicht auf den vorgelegten Plan einer Entwicklung der Weltwirtschaft und die während des Rio-Prozesses zu Grunde gelegten und in
diesem Prozess anerkannten Werte nehmen.
4. Denkanstöße für die ethische Debatte: Wie wollen wir leben? - Was
ist uns wieviel wert?
Nicht nur in den verschiedenen Szenarios 32 der Gruppe von Lissabon, sondern auch in der gesamten Diskussion um die Globalisierung spielt der
„Wettbewerb“ eine überragende Rolle.
Wettbewerb ist zum wichtigsten Ziel von Politik und Wirtschaft oder besser
von Wirtschaft und Politik geworden. Es geht dabei allerdings schon lange
nicht mehr um eine nüchterne und vernünftige Zielorientierung, sondern es
31
A.a.O., S. 124
32
Nur in Szenario 1 geht es noch um die nationale Wettbewerbsfähigkeit!
77
ist zu einer Glaubensfrage geworden, inwieweit der Wettbewerb das
menschliche Leben nur beeinflusst oder gänzlich umgreift. Aus einem (als
notwendig angesehenen) Leitprinzip unter anderen ist heute ein Dogma
geworden, das Dogma der Wettbewerbsfähigkeit, das nicht hinterfragt werden darf.
Waren es in den siebziger Jahren wenige Theologen und Wirtschaftswissenschaftler, die versuchten, die Rede vom Wettbewerb und vom Markt als eine
religiöse zu verstehen 33 , so können heute Wissenschaftler aus verschiedenen
Disziplinen, wie sie in der Gruppe von Lissabon engagiert sind, die Ideologie des Wettbewerbs nur noch religiös interpretieren, indem sie von den
Theologien und Priestern des Wettbewerbskultes reden.
Insofern ist es nicht zu verwundern, dass der Wert „Wettbewerb“ zu einem
der wichtigsten Werte geworden ist. Benannt oder unbenannt spielt er in
dem gegenwärtigen Diskurs „Wie wir am Ende des 20. Jahrhunderts auf
dieser Erde leben wollen“, die zentrale Rolle, auch wenn es für viele theologische Ethiker gewöhnungsbedürftig ist, vom Wettbewerb als einem Wert
zu reden. 34 Der Wettbewerb ist Teil des Diskurses um die Freiheit des Menschen. 35 In der theologischen Ethik wird der biblische Freiheitsbegriff an die
Verwirklichung von Gerechtigkeit gebunden. Von dieser Maxime aus ist
eine Überhöhung des Wettbewerbes zu Gunsten eines Verständnisses vom
Wettbewerb als einer Funktionsweise dieser gegenwärtig allgemein akzeptierten Marktstruktur zurückzunehmen.
Diese kritische Sicht gilt im übrigen auch für den zweiten „Wert“, der im
Zusammenhang mit der „Globalisierung des Marktes“ wichtig ist:
33
Ich nenne hier nur Dorothee Sölle und Franz J. Hinkelammert.
34
Dass dies zumindest in der Wirtschaftsethik gang und gäbe ist, darauf weist nicht nur der
Satz von K. Homann hin, dass Wettbewerb solidarischer ist als Teilen. Hier ist ein wichtiges ethisches Urteil in diesem Diskurs längst gefällt und begründet. Vgl. K. Homann, F.
Blome-Drees, Wirtschafts- und Unternehmensethik, 1992, S. 111 u. ö.
35
Vgl. hierzu: Heinrich Bedford-Strohm, Vorrang für die Armen. Auf dem Weg zu einer
theologischen Theorie der Gerechtigkeit. Gütersloh 1993; Wolfgang Huber, Gerechtigkeit
und Recht. Grundlinien christlicher Rechtsethik. Gütersloh 1996
78
Die „international akzeptierten Renditen“, der Gewinn also, der im Wettbewerb zu erzielen ist, ist in die Wertediskussion und Normenprüfung mit
einzubeziehen. Bei der Beantwortung der Frage, wie wir leben wollen, darf
der ethische Diskurs die Frage nach dem Wert des Geldes nicht mehr ausklammern oder in die Wirtschaftsethik abschieben. 36 Gerade an den Szenarios der Gruppe von Lissabon wird deutlich, wie weit der mögliche und der
ethisch gerechtfertigte Gewinn politisches Handeln bestimmt. Dass Gewinnmaximierung sogar zur moralischen Pflicht der Unternehmer stilisiert
werden kann, führt wiederum Karl Homann eindrucksvoll vor. 37 Er bestätigt aber damit auch indirekt, dass eine ethische Urteilsbildung nicht darum
herumkommt, Größen wie Wettbewerb, Gewinnmaximierung und den
Wert des Geldes generell in den Diskurs, wie wir leben und wirtschaften
wollen und sollen, in ganz umfassender Weise mit einzubeziehen.
Einfacher scheint die Auseinandersetzung mit Werten, wie sie sich aus dem
Szenario der nachhaltigen globalen Integration ergeben haben (Teilhabe am
Wohlstand für alle, Gemeinwohl, Solidarität, Menschenrechte, Dialog der
Kulturen und Rechenschaftspflichten gegenüber anderen) und die ich unter
dem übergreifenden Wert der Gerechtigkeit subsumiere.
Auf zwei Punkte will ich jedoch noch eingehen, da sie für die ethische Beurteilung, insbesondere für eine ethisch-normative Stellungnahme, wichtig
sind.
Zum einen scheint es mir unabdingbar im Sinne der Gerechtigkeit - und dies
ist sicher eine Vorwegnahme des Urteilsentscheids -, die Menschenrechte im
Diskurs der „Globalisierung der Märkte“ stark zu machen. Das betrifft sowohl die individuellen Freiheitsrechte als auch die politischen Mitwirkungsrechte und die wirtschaftlich-sozialen und kulturellen Grundrechte. Angemerkt sei, dass insbesondere das Menschenrecht auf Arbeit wieder stärker
betont werden muss. Nicht zufällig diskutiert in diesem Zusammenhang ein
36
Ich verweise vor allem auf Helmut Kaiser, Geld: Seine ethische Rationalität, in: ZEE, 38. Jg.
Gütersloh 1994, S. 115-133; vgl. auch Jacob Needleman, Geld und der Sinn des Lebens.
Leipzig 1993, sowie Jochen Hörisch, Kopf oder Zahl. Die Poesie des Geldes, Frankfurt
1996
37
Homann, a.a.O., S. 38f
79
anderer Bericht an den Club of Rome neue Möglichkeiten des Verständnisses von Arbeit. 38
Zum anderen wird unter dem Vorzeichen der Gerechtigkeit auch die Frage
nach der Verteilung neu gestellt werden müssen. Bislang fehlen m. E. allerdings noch die gesellschaftlichen Akteure, die die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit wieder in die Debatte bringen. Die Gewerkschaften tun
es nicht, die politischen Parteien klammern die Diskussion über eine gerechte Verteilung gesellschaftlichen und individuellen Reichtums aus und die
Kirchen scheuen konkrete theologische Aussagen, wie die gemeinsamen
Verlautbarungen belegen.
Die Frage der Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums regional und
transregional zu stellen, bleibt zur Zeit in der BRD zivilgesellschaftlichen
Gruppierungen und dem Engagement Einzelner sowie international den
NGO´s vorbehalten. 39
Dass die Frage nach der Verteilung neu gestellt wird, liegt im Eigeninteresse
des Kapitalismus, weil die Wirtschaft Rahmenbedingungen braucht, die eine
gewisse Stabilität gewährleisten.
Zu diesen Rahmenbedingungen gehört auch, dass die wirtschaftlichen Akteure im nationalen wie im transnationalen Kontext Verantwortung für
Sozialstaatlichkeit und vor allem Verantwortung für die Demokratie übernehmen müssen. Das liegt im ureigensten wirtschaftlichen Interesse, wenn
die These stimmt, dass durch die sich auflösenden Rahmenbedingungen
letztlich die Wirtschaft selber ihrer Entfaltungsvoraussetzungen beraubt
wird. Doch darauf werde ich noch in meinem letzten Punkt eingehen.
38
Orio Giarini, Patrick M. Liedtke, Wie wir arbeiten werden: der neue Bericht an den Club of
Rome, Hamburg 1998
39
Vgl. Friedrich Heckmann, NGO's sind anders? Die Kirche in der globalen Gesellschaft.
Fragen an das kirchliche Handeln im Zeitalter der Globalisierung, in: Kirche(n) und Gesellschaft. Ökumenische Sozialethik Bd. 3, hrsg. v. Andreas Fritzsche und Manfred Kwiran, München 2000, S. 196-123
80
Vorher jedoch will ich wenigstens noch auf zwei Werte hinweisen, die im
Szenario der nachhaltigen globalen Integration, aber auch im hier nicht
besprochenen Szenario der „Regionalen Integration“ eine Rolle spielen. Das
Prinzip der Gleichheit und das der Kooperation stehen natürlich in einem
deutlichen Widerspruch zu Entwicklungen, wie sie in den Szenarien der
Apartheid und/oder des Überlebens, der Pax Triadica oder des GATT angenommen werden.
Es ist in diesem Aufsatz nicht möglich, die Normendiskussion in aller Breite
zu führen, aber ich will die Werte, die ich angesprochen habe, noch einmal
benennen. Folgende Werte haben in der von mir referierten Diskussion eine
Rolle gespielt:
Wert
umfassender Prinzipien
Begriff
1. Wettbewerb
-
Freiheit
2. Gewinnmaximierung
Geld
Freiheit
3. international akzeptierte Renditen
Geld
Freiheit
-
Gerechtigkeit
5. Lebensrecht der Mitwelt
-
Gerechtigkeit
6. Verteilungsgerechtigkeit
-
Gerechtigkeit
7. Kooperation
-
Gleichheit
4. Teilhabe am Wohlstand für alle, Gemeinwohl,
Solidarität, Menschenrechte, Dialog der
Kulturen,
Recht auf die eigene Kultur, Bejahung
kultureller Vielfalt
81
8. Lebensgewohnheiten von Menschen und
Völkern
-
Gleichheit
Es zeigt sich, dass sich alle im Urteilsbildungsprozess erhobenen Werte auf
die drei klassischen Prinzipien Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit zurückführen lassen. Es handelt sich in meinem Wertekatalog um acht Werte,
die in der Alltagsmoral und auch bei der Ausprägung des kollektiven und
individuellen Ethos eine Rolle spielen, insofern ist es legitim, auch bei der
Wertschätzung des wirtschaftlichen Wettbewerbs, der Gewinnmaximierung
und der Renditen von gesellschaftlichen und auch individuellen Werten zu
sprechen.
Diese ersten drei Werte sind die deutlich vorherrschenden in der Diskussion
um die Globalisierung. Auf sie stützen sich die gegenwärtigen Marktstrukturen und die Argumentation zu deren Erhalt. Sie orientieren sich an dem
Prizip der individuellen Freiheit und begründen sich aus ihr. Die beiden
letzten Werte Kooperation und wertgeschätzte Lebensgewohnheiten stützen
sich auf die soziale Gleichheit der Menschen, und die übrigen unter 4,5 und
6 aufgeführten Werte beziehen sich auf das Prinzip der Gerechtigkeit als den
entscheidenden Maßstab. Im Spannungsfeld dieser drei Prinzipien findet der
Diskurs philosophischer und theologischer Ethik um die Legitimität wirtschaftlichen Handelns statt. Dass „Gerechtigkeit“ in der theologischen Ethik
und der ökumenischen Urteilsbildung eine zentrale Rolle spielt, brauche ich
nicht zu betonen. 40 Gerechtigkeit und Freiheit sind theologisch in einer
besonderen Beziehung miteinander verknüpft. Gerechtigkeit als Eigenschaft
Gottes qualifiziert menschliche Freiheit.
Die Freiheit christlicher Existenz ist nicht verstehbar ohne die Dialektik des
neuen Seins in Christus, d. h. die Möglichkeiten befreiter Existenz führen zu
einer radikalen Kritik aller Unfreiheit von wirtschaftlichen Abhängigkeiten.
Darüber hinaus ist der biblische Freiheitsbegriff verbunden mit der Gerechtigkeit Gottes. Wenn in der „Begegnung“ mit Jesus Christus als dem Erweis
40
Vgl. hierzu Heinrich Bedford-Strohm: Vorrang für die Armen. Gütersloh 1993
82
der Gerechtigkeit Gottes Befreiung geschieht, so erwachsen aus der eigenen
Befreiung „solidarisches Befreiungswissen und Visionen von radikaldemokratischem Menschsein besonders für die Entrechteten und Entmachteten“. 41 Der christliche Freiheitsbegriff mit seiner Bezogenheit auf diejenigen, denen Gerechtigkeit vorenthalten wird, lässt sich nicht mit der neoliberalen Freiheit des Wettbewerbs in Übereinstimmung bringen. Die Freiheit
des Neoliberalismus wird durch das von der Gerechtigkeit her bestimmte
Prinzip christlicher Freiheit in Frage gestellt.
Die alttestamentliche und jesuanische Mammonskritik verschärft in Verbindung mit dem ersten Gebot die Alternative „Geld oder Gott“ über die
Schmerzgrenze des modernen Individuums hinaus. Eine Wirtschaftsethik,
von diesem Ansatz entworfen, wäre in der Postmoderne nicht diskursfähig.
Ein „früher Klassiker der ökonomischen Wissenschaft“, Luthers „Von
Kauffshandlung und Wucher“ scheint nur mit theologischen Außenseitern
im christlichen Kontext und muslimischen Theologen diskutierbar. 42
Der Sozialethiker Wolfgang Herrmann nimmt Luthers Radikalität auf und
deutet den Rahmen der Urteilsbildung an. Ausgehend von der Frage „Wie
kann die Erde regiert werden?“ ist die Entwicklung, die sich uns als Internationalisierung der Märkte und der Geldordnung, als Ende des nationalen
Wettbewerbsstaates und als eines neuen Verhältnisses von Kapital und Arbeit darstellt, zu diskutieren und zu beurteilen.
„Kapital und Geld hinterlassen eine Spur der Verwüstung in der Welt
und in den Menschen: ganze Kontinente sind ausgeplündert; wachsende
Müllberge, Gift in der Luft, dem Wasser, der Erde; das Heer der Hungernden und Elenden.
41
Elisabeth Schüssler-Fiorenza, Wer sagt ihr, dass ich bin? Anfrage an die Christologie zum
Thema: Globalisierung - Solidarität oder Barbarei, in: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, 1996/97, S. 841
42
Vgl. Helmut Hesse, Über Luthers „Von Kauffshandlung und Wucher“ und Gerhard Müller,
Zu Luthers Sozialethik, in: Klassiker der Nationalökonomie, hrsg. v. Horst Claus Recktenwald u.a., Düsseldorf 1987
83
... Welche Fülle an Lebensmöglichkeiten werden da vernichtet, dienen
nur der Abwehr von Ängsten, der Stabilität von Machtverhältnissen,
einer kümmerlichen Bewältigung des stets drohenden politischen und
ökonomischen Chaos. Das aber regiert insgeheim und lenkt die entscheidenden Antriebe, die zutiefst irrational sein können..“. 43
5. Auf dem Wege zu einem ethischen Urteil:
Globalisierung der Wirtschaft und Zukunft der Menschheit
Wie die Arbeit der Gruppe von Lissabon zu den „Grenzen des Wettbewerbs.
Die Globalisierung der Wirtschaft und die Zukunft der Menschheit“ gezeigt hat,
ist die Entwicklung zur Zeit politisch kaum steuerbar.
Insbesondere ist die Tatsache, dass viele Elemente einer zukünftigen Weltordnung schon auf den Weg gebracht sind, die aber niemand im Hinblick
auf eine bestimmte Ordnung intendiert hat, ein Hinweis darauf, dass sich
eine weitgehend unabwendbare Entwicklung vollziehen wird, beispielsweise
in Richtung einer Pax Triadica.
Die Annahme, dass in den vergangenen und in den nächsten Jahren Schlüsselentscheidungen gefallen sind und weiter fallen werden, die politisch nicht
bewusst gestaltet und erst recht nicht politisch-demokratisch legitimiert
sind, bestätigt ein weiteres Mal die wachsende Vorrangstellung der Wirtschaft vor der Politik. Die Souveränität zumindest der nationalstaatlichen
Politik scheint vor dem Hintergrund der immer schneller expandierenden
Internationalisierung der Märkte und einer Abhängigkeit der Nationalstaaten von den wirtschaftlichen Prozessen und Entwicklungen nicht mehr
gegeben, ein Novum in der Wirtschaftsgeschichte. 44
Vor diesem Hintergrund kommt nach dem scheinbaren Wegbrechen möglicher Alternativen zu der gegenwärtigen marktwirtschaftlich - kapitalistischen Wirtschaftsordnung einer breiten nationalen und internationalen
43
Wolfgang Herrmann, Mammon, Schmutz und Sünde. Die Kehrseite des Lebens, Stuttgart
1991, S. 124
44
Vgl. Anm. 5
84
Diskussion immer größeres Gewicht zu, nach welchen Kriterien wir wirtschaften wollen und wie sich diese Wirtschaft entwickeln soll, ob und welche Rahmenbedingungen für diese Wirtschaft zu gelten haben.
Vielleicht ist die expandierende Globalisierung, wenigstens aber der globale
Kapitalmarkt zur Zeit wirklich nicht politisch steuerbar, aber die Entwicklung ist beeinflussbar.
In diesem Zusammenhang kommt dem zivilgesellschaftlichen Diskurs, eben
auch innerhalb einer sich gerade erst definierenden Weltzivilgesellschaft
große Bedeutung zu. Innerhalb des zivilgesellschaftlichen Diskurses wird
diese Frage diskutiert und muss weiter diskutiert werden: Wie kann die Erde
regiert werden? Die Gruppe von Lissabon ist durch ihre Vorschläge „Wege
zur globalen Steuerung“ an den Club of Rome im Gegensatz zu dem etablierten Weg des Wettbewerbs zu einem wichtigen Forum dieser Weltzivilgesellschaft geworden.
Ich kann jetzt nicht diese Vorschläge nachzeichnen, wichtig ist jedoch, dass
nach Auffassung der Gruppe von Lissabon nur solche Wege gangbar sind,
die Modelle kooperativer Steuerung beinhalten.
Mit dem Vorschlag von vier globalen Sozialverträgen haben die Lissaboner
auch ethisch verantwortbare Wege der Politik aufgezeigt, an denen niemand
ganz leicht vorbei kommt 45 :
45
Die Gruppe von Lissabon, Grenzen des Wettbewerbs, München 1997, S. 169
85
Deutlich wird damit unter anderem, dass es die Möglichkeit der punktuellen
Einflußnahme gibt. Der Rio - Prozess als eine Manifestierung der „nachhaltigen globalen Integration“ zeigt mit seiner Besinnung auf andere Werte als die
des Wettbewerbes und der Gewinnmaximierung einen weiteren Weg, den
Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft zurückzugewinnen.
Politik aber setzt einen ethisch-normativen Diskurs in der Gesellschaft voraus, der zumindest in den Jahren der ungebremsten Globalisierung nach
dem Wegfall der planwirtschaftlichen Alternative in der zweiten Welt nur
noch verhalten geführt wird.
86
Ein Beispiel für dieses Defizit ist die fehlende gesellschaftliche Adaption des
allseits gelobten Wortes der Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage
in Deutschland. 46 Auch wenn dieses Wort sicherlich nicht die ethischnormative Stellungnahme war, die in der gegenwärtigen Situation für Klärung sorgen konnte, so ist die Entfaltung des ethischen Diskurses in der
Frage der Weltgestaltung ohne Frage hilfreich, und die fehlende Adaption
weist erst einmal auf die gesellschaftlichen Ausblendungsmechanismen und
allgemeine Lethargie hin.
Der eingeforderte ethisch-normative Diskurs über die Werte, die uns bei der
Welt- und Wirtschaftsgestaltung helfen sollen, wird möglicherweise unterstützt durch eine Entwicklung der Weltwirtschaft selber.
Ulrich Beck hat in einem Interview 47 die Möglichkeit einer Entwicklung der
„Re-Regulierung“ angesprochen. Nach seiner Meinung besteht zunehmend
Bedarf an erneuter Regulierung. Ohne diese Re-Regulierung, das heißt auch,
bei einem zunehmenden Ausmaß an Deregulierung, finden die Unternehmen nicht mehr die Bedingungen, unter denen sie ökonomisch vernünftig
wirtschaften können. Das ist u. a. mit den Rahmenbedingungen gemeint,
über die ich oben (Punkt 4) gesprochen habe und die die Wirtschaft auch
weiterhin benötigt.
Wirtschaft und die in den internationalen Märkten Arbeitenden brauchen
Standards, kulturelle Standards, Umwelt - Standards, Lebensgewohnheiten
von Menschen und Völkern. Wirtschaft benötigt Märkte, die sich auf die
Gewohnheiten der Menschen aufbauen.
Die asiatische Krise hat gezeigt, dass selbst die Wirtschaft nicht unbegrenzt
mit Deregulierung, die sie fordert, zurechtkommt. Die sich daraus ergebende Notwendigkeit der Re-Regulierung setzt Staaten voraus, die nach innen
und außen handlungsfähig sind, setzt somit den Primat der Politik voraus.
46
Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit. Wort des Rates der Evangelischen Kirche
in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen
Lage in Deutschland, Hannover/Bonn 1997
47
Ulrich Beck in einem Interview im Deutschlandfunk (Juni 1998)
87
Wenn die These zutrifft, dass der Markt Rahmenbedingungen braucht, das
meint in diesem Zusammenhang Re-Regulierung, braucht der Markt verbindliche Standards in Kultur und Umwelt im weitesten Sinne. ReRegulierung verlangt darüber hinaus folgerichtig interkulturelle Abstimmung durch internationale Gremien und das setzt eine politische Abstimmung im engeren Sinne voraus. Hier bekommt das Szenario „Nachhaltige
globale Integration“ seine Bedeutung, auch wenn es für die nächsten 20 Jahre
als nicht sehr wahrscheinlich gilt, ebenso auch das Szenario der „Regionalen
Integration“. 48
Peter Ulrich hat in seiner Wirtschaftsethik deutlich gemacht, dass die politischen Ordnungsaufgaben konstitutiv für eine lebensdienliche Marktwirtschaft sind. Dies trifft sich mit dem hier unter einer anderen Fragestellung
Entwickelten und macht “den Primat der Politik vor der Logik auch des globalen Marktes unverzichtbar“. 49 Ulrich folgert zwei mögliche Wege. Der eine
Weg wäre die Bejahung des globalen Marktes und damit auch einer globalen
politischen Ordnung 50 , die durch ihre Institutionen in der Lage wäre, trotz
der divergierenden Interessen der Weltregionen, der transnationalen Unternehmen und der Staaten, den Primat der Politik und damit die angesprochenen Rahmenbedingungen zu sichern. Der andere Weg geht von der Voraussetzung aus, dass zur Zeit eine lebensdienliche globale Politik 51 nicht
möglich ist. Das setzt dann nach Ulrich eine Beschränkung der Märkte auf
die internationalen und transnationalen Märkte und Räume voraus, „in
denen eine ‘ Norminstanz’ zur Legitimation und Durchsetzung einer für alle
Marktteilnehmer verbindlichen vitalpolitischen Rahmenordnung besteht“. 52
48
Vgl. Anm. 19
49
Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie.
Bern 1997, S. 387
50
Es ist nicht unerheblich, dass Ulrich hier auf den Begriff der Vitalpolitik von Alexander
Rüstow zurückgreift, der eine Marktlenkung nach ethischen Gesichtspunkten der Human-,
Sozial- und Umweltverträglichkeit impliziert. Vgl. a.a.O., S. 337 f
51
Vgl. Anm. 33
52
A.a.O., S. 388, vgl. Anm. 33
88
Ein solcher Raum ist auf der europäischen Ebene denkbar, hier hat ja auch
Ulrich Beck seine Antwort auf die Globalisierung angesiedelt 53 , darüber
hinaus aber ebenso auf der Ebene der anderen größeren multinationalen
Regionen, die im Szenario der “Regionalen Integration“ angesprochen sind.
Von den acht oben benannten Werten her ist deutlich, dass die Internationalisierung der Märkte, und das heißt weitgehend noch der Kapitalmärkte,
nicht allein durch Wettbewerb und Gewinnmaximierung politisch gestaltet
werden kann. Der wettbewerbswirtschaftliche Prozess ist allein nicht in der
Lage, der menschlichen Entwicklung adäquat, das heißt den benannten
Werten entsprechend zu dienen. Auf der anderen Seite scheint es politisch
nicht realistisch, dass in den Zeiträumen, die jetzt politisch zu gestalten sind
- zum Beispiel in dem von der Gruppe von Lissabon angenommenen Zeitraum der nächsten 20 Jahre -, globale politische Institutionen und Instanzen
in kürzester Frist in die Lage versetzt werden, die angemessenen Rahmenbedingungen für den globalen Kapitalmarkt, die internationale Wirtschaft
und die in ihr arbeitenden und auf diesem einen Globus lebenden Menschen
zu schaffen und weiter auszugestalten.
Es bleibt also Skepsis angebracht, ob sich in dem Tempo, in dem es notwendig wäre, globale Instrumentarien entwickeln lassen, die für die globalen
Kapitalmärkte die Rahmenbedingungen setzen und eine Re-Regulierung in
Gang setzen. Solche globalen Gremien und deren Instrumentarien müssten
dann auch noch demokratisch legitimiert und kooperativer Art sein, wie es
der globalen Entwicklung angemessen wäre. Die Entwicklung kooperativer
demokratischer globaler Gremien und Institutionen bleibt eine Zukunftsaufgabe. 54
Hier ist sicher die „republikanisch-ethische Unterstützung“ angefragt, die
Peter Ulrich für eine lebensdienliche Marktwirtschaft für unverzichtbar
hält. Hans Küng und Ulrich Beck versprechen sich diese Unterstützung von
der globalen Zivilgesellschaft. Damit sich aber nicht zwangsläufig eine Pax
53
Ulrich Beck: was ist Globalisierung? Frankfurt 1997, S. 259-265
54
Hier wäre im Sinne des dialektischen Ansatzes auch Hans Küngs Weltethos - Projekt in die
Diskussion einzubeziehen; vgl. Hans Küng, Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft,
München 1997
89
Triadica weiterentwickelt, sind auf der regionalen Ebene und auf der Ebene
des Zusammenschlusses der (beispielsweise europäischen) Regionen Rahmenbedingungen zu schaffen und Re-Regulierungen einzuleiten, die einer
Wirtschaft Raum geben, die nicht nur den Prinzipien Wettbewerb und Gewinnmaximierung verpflichtet ist, sondern den oben angesprochen Werten
folgt, eine lebensdienliche Wirtschaft eben, die nicht zuletzt Adam Smith
gemeint hat. Dass die Politik, die eine solche Wirtschaft aufgrund eines
breiten ethischen Konsenses will, auch wieder über Protektionismus nachdenken wird, darauf hat Horst Afheldt bereits vor einigen Jahren hingewiesen. Dieses sei ein Mittel „die Unterwerfung der politischen Ziele durch das
Mittel Wirtschaft zu beenden“. 55 Afheldt thematisiert seinerseits ausdrücklich
die Entscheidung für bestimmte Werte, die geschützt werden müssen. In der
Konsequenz ist es wirtschaftlicher Protektionismus, wenn er Gleichheit und
Gerechtigkeit stark macht. Gleichheit und Gerechtigkeit müssen „die Wirtschaft leiten“, damit „nicht die Wirtschaft diktiert, wie die Menschen leben und
leiden sollen“. 56
Der Primat der Politik vor dem Wirtschaftshandeln, einer Politik, die stärker von den Prinzipien der Gleichheit und der Gerechtigkeit bestimmt ist,
wird über neue strukturelle Rahmenbedingungen von Politik und Wirtschaft sowohl auf der Mikroebene als auch auf der Meso- und Makroebene
nachdenken müssen.
Ich habe darauf hingewiesen, dass die föderale Bundesvorstellung des Johannes Althusius als eine Besinnung auf die alternativen Traditionsbestände der
europäischen Kultur eine aktuelle Antwort auf die nachhaltige Wachstums-,
Energie-, Umwelt- und die daraus resultierende politische Legitimationskrise
in Bezug auf den Sozialstaat sein könnte. 57 Föderale Strukturen, die eine
lokale und regionale Wirtschaft stärken, sind sicherlich schneller in der Lage
– zumindest in Europa auch leichter demokratisch zu legitimieren –, dem
55
Horst Afheldt, Wohlstand für niemand? Die Marktwirtschaft entläßt ihre Kinder, München
1994, S. 217
56
ebd.
57
Friedrich Heckmann, Solidarität und Subsidiarität, in: Solidarität ist unteilbar, hrsg. v.
Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, Kevelaer 1997
90
Primat der Politik wieder Geltung zu verschaffen. Nur so lässt sich die Vision einer auf anderen Werten als Wettbewerb und Gewinnmaximierung
basierten Wirtschaftspolitik entwickeln, von der Peter Ulrich sagt, dass ihr
„Prinzip nicht die bedingungslose globale Marktöffnung wäre, sondern die Differenzierung verschiedener Wirtschaftssektoren, die je nach den für sie vorrangigen vitalpolitischen (kulturellen, sozialen, ökologischen und volkswirtschaftlichen) Gesichtspunkten vorzugsweise auf regionaler, staatlicher oder globaler
Ebene <lokalisiert> würden“. 58
So könnten vernetzte lokale, regionale, nationale, multinationale Märkte
entstehen, durchaus geschützt und selbständig lebensfähig neben den transnational geordneten globalen Märkten.
Eine solche an föderalen Bundesvorstellungen orientierte Rückeroberung
der politischen Sphäre und eine daraus resultierende Politik der organisierten Gegenseitigkeit ist eher in der Lage, den sozialen Interessen der Mehrheit der Menschen, aber auch den Überlebensinteressen der Mitwelt zu
dienen.
Meine Reflexion der Internationalisierung der Finanzmärkte und der Folgen, die weltweit soziale Ungerechtigkeit vertiefen, hat mich die Perspektiven in den Blick nehmen lassen, die stärker den auf Gleichheit und Gerechtigkeit basierten Werten Rechnung tragen.
Eine am Prinzip kooperativer Gegenseitigkeit und Gerechtigkeit orientierte
Politik und eine neoliberale wettbewerbs- und gewinnorientierte Wirtschaft
stehen gegeneinander, so dass dem ethischen und zivilgesellschaftlichen
Diskurs, der die Öffentlichkeit lokal, regional und global zur Prioritätensetzung bei der Entscheidung, wie wir leben wollen, nötigt, wachsende Bedeutung zukommt.
58
Peter Ulrich, a.a.O., S 389
91
Globalisierung und Kultur
Hans-Hermann Tiemann
1.
Globalisierung als Problem
„Globalisierung“ 1 ist ein Modewort und zugleich vielleicht das wirksamste
Konzept der 90-er Jahre 2 . In den 80-er Jahren waren die „Postmoderne“ oder
das „nachindustrielle Zeitalter“ im Gespräch. Sie erschienen als ästhetische
und theoretische Phänomene und wirkten in ihrer Beliebigkeit eher harmlos. Anders verhält es sich mit der Globalisierung. Von ihr gehen Zwänge
und Kräfte aus, die nicht leicht zu bändigen sind. Mit der Gewalt physischer
Globalvorgänge vergleicht Renato Ruggiero, Leiter der Welthandelsorganisation (WTO) die neueste weltweite Entwicklung: „Jeder, der denkt, daß die
Globalisierung unterbrochen werden könnte, sollte uns sagen, wie er den
ökonomischen und technischen Fortschritt einfrieren will. Das wäre, als
versuchte man, die Rotation der Erde zu stoppen.“ 3
Was seit Mitte der 80-er und verstärkt in den 90-er Jahren als „Globalisierung“ zum Thema geworden ist, wirkt provozierend. Das Stichwort
suggeriert die Verbreitung fortschrittlicher zivilisatorischer Zustandsbedingungen über die ganze Welt. Es signalisiert eine umfassende Horizonterweiterung des Wissens und des Handelns. Es ruft den Eindruck einer optischen Verkleinerung, Integration und Indienstnahme der vertrauten Lebenswelt hervor. Es rückt den persönlichen Lebensraum in eine übergeordnete, quasi kosmische Perspektive. „Globalisierung“ bezeichnet aber nicht so
1
2
3
Vgl. Art. „Globalisierung", in: HWP, Bd. 3, 1974, Sp. 675-677; RGG4, 2000, Sp. 1006-1008.
Vgl. Malcolm Waters: Globalization. London u. New York 1995, S. 2.
Zit. in: Heinz Dieterich, Einleitung, in: Globalisierung im Cyberspace. Globale Gesellschaft.
Märkte, Demokratie und Erziehung, aus dem Spanischen übers., Bad Honnef 1996, S. 6, vgl. S.
145.
93
sehr die Ausdehnung von allgemeinen geistigen und kulturellen Lebensbedingungen über die ganze Erde 4 , sondern vor allem das rapide Wachstum
weltumspannender wirtschaftlicher Austauschbeziehungen, sozialkritisch
gewendet: die „Durchkapitalisierung der Welt“ 5 . Diese wird generalisierend
betrachtet, als sich zunehmend verselbstständigendes Phänomen wahrgenommen und - das ist die Provokation dabei - gleichzeitig als Kultur leitend 6 und destabilisierend angesehen. „Globalisierung“ bezeichnet in erster
Linie die weltweite Entgrenzung der Wirtschaft. Die allgemeine Wortbedeutung, nach der Einflüsse und Beziehungen verschiedenster Art, vor
allem durch Information und Verkehr, sich zunehmend über die ganze Erdkugel ausbreiten, kommt erst sekundär in Betracht. Der Begriff steht in der
Regel für den Zwang, überall unter ein und demselben Agglomerat von
Bedingungen ökonomisch zu handeln 7 . Wirtschaftliches Kalkül kann für
sich die weltweit jeweils besten Chancen nutzen 8 . Im wörtlichen Sinn „gren-
4
5
6
7
8
So in der allgemeinen Definition bei Malcolm Waters, Globalization, a.a.O., S. 3, nach der
Globalisierung die geographischen Beschränkungen sozialer und kultureller Formationen
aufhebt. Hermann Lübbe , Globalisierung. Zur Theorie der zivilisatorischen Evolution, in:
Reinhold Biskup (Hrsg.), Globalisierung und Wettbewerb, Bern, Stuttgart u. Wien 1996, S.
39-63, S. 46, bestimmt Globalisierung als „Expansion ökonomischer, politischer und kultureller Interaktionen“. Zu Begriff und Phänomen der „kulturellen Globalisierung“ vgl. die
Beiträge in: Hermann Weber (Hrsg.): Globalisierung der Zivilisation und der überlieferten
Kulturen. Katholischer akadamischer Ausländer-Dienst KAAD, Jahresakademie 28-30. April 1995, Bonn 1995.
Elmar Altvater u. Birgit Mahnkopf , Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie
und Politik in der Weltgesellschaft, Münster 1996, S. 17 u. 589; vgl. die „Expansion des Kapitals auf Weltniveau", Heinz Dieterich, Globalisierung, Erziehung und Demokratie in Lateinamerika, in: Globalisierung im Cyberspace, a.a.O., S. 51.
Technik und Wirtschaft scheinen die Stellung von Leitwerten der kulturellen Entwicklung
einzunehmen, auf welche die übrigen Bereiche reagieren. Der Globus ist zu einem „informationstechnisch integrierten System“ (Lübbe , a.a.O., S. 51) geworden. Das hat Wirkungen auf schnellstmögliche ökonomische Vorteilswahlen, wie auch auf die Interaktion in
anderen Entscheidungsbereichen.
Vgl. Heinz Dieterich , Globalisierung, Erziehung und Demokratie in Lateinamerika, in:
Globalisierung im Cyberspace, a.a.O., S. 56: „Zum erstenmal in der Geschichte des homo sapiens konnte dieser den 'blauen Planeten' als einen einzigen, integrierten und transnationalen Wirtschaftsstandort begreifen und für sich nützlich machen."
"Globale Investoren gehen dorthin, wo die Profitraten höher sind und die Regierungen ein
gastfreundliches Geschäftsklima garantieren.“ Verlautbarung der Mobil Oil Corporation,
zit. in: Heinz Dieterich, Einleitung in: Globalisierung im Cyberspace, a.a.O., S. 6. - „Die
Jagd nach der besten Rendite - und nichts anderes ist die Globalisierung - geht weiter.“
94
zenlose“ Angebote machen Waren und Dienstleistungen auf dem neuesten
Stand der Technik überall auf der Welt immer schneller und zu vergleichbaren Preisen erreichbar. Es geht um die Globalisierung der Märkte und damit
des Wettbewerbs 9 . Diese Entwicklung erzeugt in starkem Maße die Faszination des Fortschrittlichen, weil sie Bedürfnissen entspricht, die bisher unbefriedigt blieben, und Hoffnungen weckt, die bis vor kurzem unrealistisch
oder gar utopisch erschienen. Es fragt sich jedoch, ob die zurzeit aktuelle
Globalisierung wirklich für alle Menschen in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen Vorteile bringt.
Der „grenzenlose“ Wettbewerb erzeugt einen Angebots- und Leistungsdruck, dem viele Menschen möglicherweise nicht gewachsen sind.
Dadurch entsteht auf neue Weise die Frage nach gerechten wirtschaftlichen
Bedingungen für alle. Wettbewerb schafft einerseits nicht ohne weiteres
überall gleiche Lebensbedingungen, obwohl er eigentlich eine wenigstens
hypothetisch fassbare „Chancengleichheit“ voraussetzen müsste. Erst recht
scheint er nicht die so genannte „Verteilungsgerechtigkeit“ zu fördern, d. h.
die Gleichheit der materiellen, sozialen und kulturellen Ausstattung, die zur
Gleichheit der Ausgangsbedingungen für die Menschen in den verschiedenen
Regionen eigentlich hinzu kommen müsste, wenn gerechte Verhältnisse
hergestellt werden sollten. Dagegen verbindet sich andererseits mit der Globalisierung jedoch die Utopie weltweiter sozialer Entwicklungsmöglichkeiten, da jener Angebotsdruck Menschen überall auf der Welt die Gelegenheit
gibt, sich mit dem für die Käufer „günstigsten“ Angebot gegen „teurere“
Konkurrenten durchzusetzen. Die Globalisierung könnte theoretisch also
gerade die ärmsten Regionen wirtschaftlich fördern und ihnen zum Anschluss an die reicheren verhelfen.
Ungerechtigkeit kann ein Ende haben, wenn überall der Fortschritt Einzug
hält. Von dieser Zielvorstellung her stellt sich die kritische Frage, was die im
9
Schumacher, Oliver: Gehetzte Jäger, in: Wochenzeitung „DIE ZEIT", Nr. 20 vom
10.05.1996, S. 31.
Vgl. die zu klassischer Klarheit und Breite gereiften Darstellung bei Michael Porter (Hrsg.):
Globaler Wettbewerb. Strategien der neuen Internationalisierung, Wiesbaden 1989 (ersch.
als Competition in Global Industries, 1986), darin bes. ders., Der Wettbewerb auf globalen
Märkten: Ein Rahmenkonzept, S. 17-68, u. die geschichtliche Darstellung von Alfred D.
Chandler jr.: Die Entwicklung des zeitgenössischen globalen Wettbewerbs, S. 467-514.
95
ökonomischen Bereich entfesselte, globale Dynamik für Menschen an verschiedenen Orten auf der Welt bzw. in ihrer Gesellschaft tatsächlich bewirkt
und bedeutet.
2.
Fragen zur Globalisierung
Wer angesichts der globalen Entwicklung den Wunsch nach Gerechtigkeit
hegt und das Bedürfnis nach sozialem Fortschritt wahrnimmt, stößt auf das
Problem einer unausgewogenen Entwicklung. Dieses verdient eine eigene
theoretische und empirische Anstrengung. Aus ihm ergeben sich grundlegende Fragen zur Globalisierung:
-
Wie ist Gerechtigkeit angesichts der sich weltweit entfaltenden wirtschaftlichen Freizügigkeit in und zwischen den Gesellschaften möglich?
-
Stellt die momentan zu beobachtende, vor allem wirtschaftliche Globalisierung einen echten Fortschritt dar oder vergrößert sie sinnlos den Luxus der Reichen und das Leiden der wirtschaftlich Schwachen?
-
Sind unterschiedliche Arten von Globalisierung zu erkennen, d. h. kann
sie mehr oder weniger zivilisiert, human und gerecht erfolgen?10
-
Sind die Blockaden, welche die Globalisierung durchbricht, wirklich
aufhebbar, oder stößt die Ökonomie an neue Grenzen ihres Wachstums?
Ferner stellen sich Fragen nach der geschichtlichen Bedeutung des skizzierten Vorgangs:
-
Tritt die globale Entgrenzung im ökonomischen Bereich erstmalig auf?
Ist sie einzigartig?
10 Altvater und Mahnkopf unterscheiden mit Sérgio P. Ruanet die Globalisierung als „wilde
Internationalisierung“ und die Universalisierung des „zivilisatorischen Projekts der Aufklärung“ als „dialogische Internationalisierung". Elmar Altvater u. Birgit Mahnkopf: Grenzen
der Globalisierung, a.a.O., S. 50.
96
-
Welche geschichtlichen Vorgänger hat diese ökonomische Globalisierung und welche Konsequenzen zieht sie nach sich?
-
Hat sie eine Schlüsselfunktion, d. h. kann sie beanspruchen, in der Geschichte als Epochensignatur zu gelten11 ?
-
Verbirgt sich hinter ihr ein lebendiges, mit Quelle und Ziel menschlichen Wesens verbundenes Interesse oder handelt es sich nur um einen
Werbegag oder Etikettenschwindel, einen propagandistischen Spuk mit
Weltherrschaftsanspruch, wie es sie auch in anderen Bereichen gegeben
hat?
-
Fordert sie Spekulationen über ein vorläufig letztes Zeitalter von apokalyptischen Dimensionen heraus oder ist sie nur eine Modeerscheinung?12
-
Ist sie aufzuhalten, zu verlangsamen oder zu regulieren?
-
Handelt es sich um eine nur vorübergehend attraktive Erscheinung, die
große Nachteile, womöglich gar Gefahren, mit sich bringt?
-
Ist sie insgesamt ein kultureller und sozialer Fortschritt oder ein Irrweg?
11 Vgl. die Rede von einem „Zeitalter der Globalisierung", in: „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit.“ Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der
Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland, hrsg.
vom Kirchenamt der Ev. Kirche in Deutschland u. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Gemeinsame Texte 9, Bonn und Hannover 1997, S. 38, ferner: Heidelberger Club für Wirtschaft und Kultur e. V. (Hrsg.): Globalisierung. Der Schritt in ein
neues Zeitalter, Berlin u. a. 1997, u. Heinz Dieterich, Einleitung, in: Noam Chomsky u.
Heinz Dieterich: Globalisierung im Cyberspace, a.a.O., S. 5.
12 Vgl.: Elmar Altvater u. Birgit Mahnkopf : Grenzen der Globalisierung, a.a.O., S. 47:
Globalisierung ist „das Einschwenken auf eine durch die Attraktivität des modernen kapitalistischen Weltsystems vorgezeichnete Bahn. Globalisierung heißt daher auch: Alternativlosigkeit, die ganz affirmativ in der 'neuen Weltordnung' am 'Ende der Geschichte' als solche konstatiert worden ist.“ Vgl. S. 69.
97
Darüber hinaus erhebt sich die nach außen zielende Frage nach dem Verhältnis
der ökonomischen Globalisierung zur Entwicklung anderer Kulturbereiche:
-
Wie sind die ökonomischen Wertgewinne, welche die Globalisierung zu
erbringen scheint, mit dem allgemeinen Wertewandel zu verrechnen?
-
Wie verhält sich ihr Charakter als Universalisierung im globalen Bereich
zu anderen Universalisierungstendenzen?
-
Kann sie als Teilerscheinung der allgemeinen Modernisierung und Rationalisierung gelten?
-
Was ändert sich für das Beziehungsgefüge kultureller Werte dadurch, dass
die Wirtschaft sich geographisch entgrenzt und die Ökonomie sich als
Ordnung des Lebens weiter verselbstständigt und ausbreitet?
-
Welche Chancen und Bedrohungen ergeben sich für die Zivilisationen,
welche resultieren daraus für eine mögliche Weltkultur?
-
Wie schätzen Repräsentanten anderer Bereiche in der Gesellschaft sie ein
und wie werden sie reagieren?
Das sind Fragen, die das Phänomen der Globalisierung in den Zusammenhang
der allgemeinen kulturellen Entwicklung rücken. Sie drängen sich auf, sowohl
aus sozialwissenschaftlicher wie aus weltanschaulicher Sicht. Objektiv wird
man sie zum Teil erst später einmal beantworten können. Sie sind jedoch auch
jetzt schon theoretisch zu klären und ethisch zu bedenken. Es geht um den
Status der „Globalisierung“ als eines gesamtkulturellen Phänomens13 .
13 Zur Reichweite unterschiedlicher Bestimmungen des Kulturbegriffs vgl. W. Perpeet, Art.
„Kultur, Kulturphilosophie", in: HWP, Bd. 4, Basel 1976, Sp. 11309-1324, u. Frithjof Rodi,
Art. „Kultur, I. Philosophisch", in: TRE, Bd. XX, Berlin u. a. 1990, S. 177-187.
98
3.
Zum Aufbau der Erörterung
In diesem Aufsatz soll untersucht werden, was Globalisierung gesamtgesellschaftlich und kulturell bedeutet. Es soll nach ihrem Fortschrittscharakter
gefragt werden, obwohl ihre Auswirkungen nur erst zu geringen Teilen abschätzbar sind.
Nachdem die aktuelle Globalisierung als Problem erfasst (1.) und als fragwürdig
bestimmt worden ist (2.), sind sind nach dieser Gliederung (3.) Denkanstöße
bezüglich ihrer kulturellen Bedeutung zu formulieren (4.). Dafür werden ein
kirchlich-diakonischer, ein theologischer, ein historischer und ein kulturphilosophischer Gesichtspunkt entfaltet (a-d). In der geistigen und normativen Kultur, d. h. in Wissenschaft und Weltanschauung, in Ethik, Religion und Gesellschaft, ist nach Maßstäben zu suchen, die das vorwiegend ökonomische Phänomen der Globalisierung realistisch zu bewerten erlauben. Inhumane Wirkungen sind wahrzunehmen und sozialwissenschaftlich zu erfassen, damit
Betroffene wirksam reagieren können. Daraufhin können die anfangs entwickelten, kritischen Fragen in Forderungen nach einem angemessenen Ausgleich übersetzt werden (5.). In Wirtschaft, Ethik und Religion sollte realisiert
werden, dass die gesamte Kultur in ein globales, d. h. menschheitliches Stadium
eintritt. Aktuelle Ereignisse und Tendenzen sind von der Möglichkeit einer
globalen Gesamtkultur her zu beurteilen.
4.
Denkanstöße zur Globalisierungsdebatte
Die wichtigste Provokation in der aktuellen Debatte ist die Globalisierung
selbst mit ihrem scheinbar Noch-nie-Dagewesenen, ihren oft berauschenden
neuen Möglichkeiten und ihren zuweilen empörenden Auswirkungen auf
die bisher gewohnte wirtschaftliche Handlungskompetenz. Welche Denkanstöße können hier weiter führen?
99
Karikatur zur "Standortschwächung" im Sozialamt, © T. Plaßmann
a) Kirchlich-diakonischer Denkanstoß
Erstens entsteht das Bedürfnis nach Ausgleich und Sinngebung für diejenigen,
die sich durch globale Entwicklungen vorläufig oder vollends einer Benachteiligung ausgesetzt sehen. Wie sollen Einzelne Mut finden angesichts wirtschaftlicher Verlagerungen, die Arbeitsplatz und Existenz kosten können14 und
zu schmerzlichen Einschränkungen zwingen, ohne dass jemand dafür verantwortlich zu machen wäre? Es sind unpersönliche „Standortbedingungen“,
die Aussichten verändern und Lebenshoffnung durchkreuzen. Bleiben schon
Fachleute und Eliten, die „Artisten in der Zirkuskuppel“, ratlos, wie sehr
erst der Zuschauer auf der Tribüne im Zirkusrund, der in das artistische
Globalgeschehen nicht einzugreifen vermag!
Das Christentum kann sich unter den Bedingungen der Globalisierung den
Herausforderungen der weltweiten Konkurrenz nicht entziehen und erst
recht nicht selbstsicher in der Überlegenheit wiegen, die Religion des kapita-
14 "Verliert jemand seinen Arbeitsplatz, d. h. seine bürgerliche Existenz, so ist das dem
Weltmarkt geschuldet.“ Heinz Dieterich, Globalisierung, Erziehung und Demokratie in
Lateinamerika, in: Globalisierung im Cyberspace, a.a.O., S. 145.
100
listischen Westens zu sein. Die Kirche ist vielmehr in ihrer Verkündigung
sowie ihrer seelsorglichen und diakonischen Kompetenz gefragt, die neue
Situation für Betroffene verständlich zu machen, sie in befreiender Weise zu
deuten und hilfreiche, christliche Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Dafür ist die Botschaft des „Evangeliums“ und der ganzen Bibel neu zu untersuchen und aufzuschlüsseln.
Die Globalisierung nötigt zu fragen, wie die Welt im christlichen Sinne zu
verstehen ist. Ein Anspruch, das Heil des einen Gottes Israels für die ganze
Schöpfung zu vermitteln, ist an vielen Stellen der Bibel zu erkennen15 . Das
Neue Testament macht differenzierend deutlich, was diese nach der Exils-
15 Vgl. Art. „Welt“ u. „Weltbild“ in RGG3, Bd. 6, 1962, Sp. 1595-1603, 1606-1629, u. LThK,
10. Bd. 2001, 1058-1068, u. 1070f, ferner Art. „Kosmos“ und „Kosmologie", in: HWP, Bd.
4, 1976, Sp. 1167-1176. 1153-1155, LthK, 6. Bd., 1997, Sp. 404f, 398-404; biblisch vgl z. B.
(Deutero-)Jesaja 45,22: „Wendet euch zu mir und lasst euch retten, 'alle Enden der Erde',
denn ich bin Gott und keiner sonst.“ Biblisch vgl. folgende Gruppen von Belegen (Konkordanz: Bibel von A bis Z, Stuttgart 1969, S. 759-761, Stichwort „Welt“, s. a. „Erde",
„Erd-“ u. „Weltkreis“, „All“, „Völker“ u. a.):
1. „Diese“ Welt im Gegensatz zu Gottes Heilswillen
Ps 17,14; 73,12; Mt 12,32; 16,26; Lk 16,8; Joh 7,7; 13,1; 14,17.19.27; 15,19; 17,5f.9.11;
18,36; Rö 5,12; 12,2; 1 Ko 1,20; 2,12; 3,19; 7,31; 2 Ko 7,10; Eph 2,2; 1 Ti 6,7.17; Tit 2,2; 1
Joh 2,15-17; 3,1; 1 Joh 4,5.17; Jak 2,5
2. Gottes Gnade, Rettung, Heil, Wort und Licht für die Welt
Ps 50,1; Jes 14,7; Sir 18,12(Luther, sonst 13); Mt 5,14; 26,13; Mk 16,15; Joh 1,9.29; 3,16-19;
4,42; 6,33.51; 8,12; 9,5; 10,36; 11,27; 14,31; 17,13-25; 18,20.37; Rö 1,8; 2 Ko 5,19; Phil 2,15;
1 Ti 1,15; 3,16; 1 Joh 3,1
3. die „böse“ Welt
Sir 11,30; 37,3; Mt 4,8; 18,7; Joh 14,30; 15,18; 2. Ko 4,4; Gal 1,4; 4,3; Eph 6,12; Kol 2,8; 2 Pt
1,4; 1 Joh 4,3f; Heb 11,38; Jak 1,27; 4,4
4. Gottes Ehre und Herrlichkeit vor der Welt
4 Mo 14,21; Ps 19,5; 48,11; 57,6; 96,1; 98,3; Jes 52,10; Mi 5,3; Hab 2,20
5. die Welt als Gottes Schöpfung
Ps 90,2; Wsh 9,9; Joh 1,10; Apg 17,24; Rö 1,20; Eph 1,4; Heb 1,2; 11,3
6. Gottes Gericht über die Welt
1 Mo 18,25; Ps 105,7; Joh 9,39; 12,31; Rö 3,19; 1 Ko 6,2
7. Gottes Macht über die Welt
1 Sm 2,8; Ps 2,8; 46,10; Jes 54,5; Wsh 11,22
8. Gottes Weltüberwindung
Jes 45,22; Gal 6,14; 1 Joh 5,4; Offb 11,15
9. die zukünftige Welt
Mt 12,32; Lk 20,35; Heb 6,5
10. das Ende der Welt
Mt 24,3; 28,20.
101
zeit gebildete und in Christus realisierte, universale Botschaft über Gott und
sein Verhältnis zur Welt und zum Menschen besagt: Gottes „Gnade", seine
„Rettung", sein „Heil", „Wort“ und „Licht“ stehen „dieser“ Welt als gegensätzliche Realität gegenüber, kommen ihr jedoch zugute. Die im Sinne biblischer Aussagen formulierte Trinitätslehre beschreibt daraufhin, wie sich
Gott nach seiner Möglichkeit und Wirklichkeit für die Welt öffnet und
seine „Liebe“ offenbart. Die griechische Auffassung vom Kosmos und seinen
Elementen16 wird als religiöse Orientierung in der Bibel weitgehend abgewehrt. Die christliche Theologie und Liturgie haben das dreistufige, geozentrische Weltbild jedoch verschiedentlich aufgenommen.
b) Theologischer Denkanstoß
Zweitens ist, von der kirchlichen Aufgabe ausgehend, theologisch vor Gefahren durch übertriebene Werterwartungen zu warnen. So ist dies unter
anderen historischen Bedingungen zum Beispiel im Jahr 1934 durch die Barmer theologische Erklärung geschehen. Darin ist Widerspruch dagegen erhoben worden, dass viele durch den Nationalsozialismus und dessen Machtergreifung eine umstürzend neue Epoche in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens anbrechen sahen. Zeiterscheinungen können das kulturelle
Bewusstsein stark beeinflussen, sie dürfen es nach Auffassung der Unterzeichner der Erklärung aber nicht totalitär für einzelne, sich selbst vergötzende Wertbildungen in Politik, Wirtschaft, Kunst und Mode oder für eine
einzelne Weltanschauung vereinnahmen. Dagegen richtet sich „Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben“ (Barmen, Artikel 1). Keine „einzige
und totale Ordnung des menschlichen Lebens“ (Artikel 5) darf alleinige
Geltung und damit religiösen Rang beanspruchen. Vielmehr ist theologische
Denkanstrengung nötig, damit Gottes Wort Menschen aus den „gottlosen
Bindungen dieser Welt“ (Artikel 1) durch Zeugnis und Verkündigung auf
heilsame Weise befreien kann (vgl. Artikel 6)17 .
16 Vgl. Galater 4,3 u. Kolosser 2,8 (stocheia tou kosmou)
17 Vgl. Die Barmer Theologische Erklärung. Einführung und Dokumentation, hrsg. v. Alfred
Burgsmüller und Rudolf Weth. Mit einem Geleitwort von Eduard Lohse, NeukirchenVluyn 1983.
102
c) Historischer Denkanstoß
Ein Blick in die Kulturgeschichte ergibt einen dritten, geschichtlichen Denkanstoß, der die kirchlich-theologische Perspektive erweitern kann. Dieser führt
auf Vorläufer und Parallelen zur heutigen, vorwiegend ökonomischen Globalisierung. Sind Raum greifende Veränderungen in Politik und Gesellschaft von
humanwissenschaftlicher Seite kritisch zu prüfen, so fragt es sich, ob dies nicht
vor dem Horizont durchaus akzeptabler Fortschritte in der Vergangenheit
wirksam geschehen muss.
Auch früher schon haben sich neue Wissensstände und Techniken über die
ganze bekannte Welt ausgebreitet. Universale Prinzipien haben durch „kopernikanische Revolutionen“ das Weltbild verändert und das Handeln auf neue
Grundlagen gestellt. Von der Erfindung der vorratshaltenden Landwirtschaft,
der „neolithischen Revolution"18 , über die Material- und Waffentechnik der
Bronze- und Eisenzeit, über die höfischen Schul- und Lehrtraditionen der
alten Reiche, die politische Kultur des Hellenismus, dessen Macht, Geist und
Bildung etwa das Judentum zur Universalisierung seines Gottesbegriffes
nötigte und so zu einer Weltreligion werden ließ19 , über die Politik, Sprache
und Kultur des römischen Weltreiches, die zur kulturellen Grundlage für
das gesamte Abendland wurden, über die Wiedererweckung der humanen
Geistestradition der Antike in der Renaissance und die Weltwirkung der
Reformation mit ihrer Geltendmachung subjektivierter Religion bis zu den
Freiheitstraditionen der Neuzeit haben immer wieder vielbeachtete Wellen
der Universalisierung die bekannte Welt durchzogen20 . Erfindungen, Entdeckungen und Eroberungen sowie der internationale Austausch von Waren
18 Man zählt als systemische Wandlungen auf: die Agrarrevolution, die industrielle Revolution und die Informations-Revolution; vgl. Heinz Dietrich , Einleitung, in: Noam Chomsky
u. Heinz Dieterich: Globalisierung im Cyberspace, a.a.O., S. 5, vgl. ders., Globalisierung,
Erziehung und Demokratie in Lateinamerika, in: Globalisierung im Cyberspace, a.a.O., S.
49. Vgl. Schaubild 14.3: „Prometheische Revolutionen in der Geschichte“ in: Elmar Altvater u. Birgit Mahnkopf : Grenzen der Globalisierung, a.a.O., S. 518.
19 Vgl. Antonius H. J. Gunneweg, Geschichte Israels bis Bar Kochba, 3. Aufl., Stuttgart u. a.
1979, S. 154.
20 Vgl. die Durchmusterung und Auflistung universalisierender Entwicklungen, Eroberungen
und Erfindungen bei Tony Spybey, Globalization and World Society, Cambridge, Ma./USA
1996, S. 15-35 u. 36-52.
103
und Informationen erweiterten das Weltbewusstsein. Mit Hilfe von militärischer Macht, durch Nutzung ökonomischer Einflusssphären, vermittels
neuer Arten der Lebensführung und in Gestalt von Ideenbewegungen wurde
das gesellschaftliche Leben immer weiter über seine partikularen Ursprünge
hinausgehoben. Weltkriege zeitigten schließlich wie zuvor schon der koloniale Imperialismus die furchtbaren Folgen nationaler Weltherrschaftsansprüche.
Zu den im Überblick aufgeführten, geschichtlichen Fortschritten sind die
entsprechenden gesellschaftstheoretischen Überlegungen anzustellen: Die
Generalisierung kultureller Entwicklungsniveaus wird nicht allein durch
Ideen bewirkt, sondern tritt meist auf mächtige Weise auch durch äußere,
technische und politische Einflüsse ein. Kann etwa eine allgemeine Friedenskultur von innen heraus durch die aus Kriegserfahrung gewachsene Einsicht
und Verständigungsbereitschaft erwachsen? Geschichtliche Erfahrung zeigt,
dass eine solche viel eher durch die Verheerungspotenziale der modernen
Waffentechnik erzwungen wird. Ähnlich verhält es sich mit der Globalisierung wirtschaftlicher Strukturen und Funktionen. Auch sie setzt sich durch
als Reaktion auf materielle Prozesse; sie kommt zustande durch die Macht
unmittelbar wirksamer „Interessen“ und wird durch „Ideen“ allenfalls transportiert, in ihrer Bedeutung erhellt und benennbar gemacht21 . Die katalysatorische Wirkung des Geistes für die Kultur besteht vornehmlich darin,
Konsequenzen aus anderweitigen Entwicklungen zu ziehen, d. h. diese zu
verstehen, auf neue Zusammenhänge zu übertragen und so zu generalisieren.
Kann die Reformation zum Beispiel ohne die Buchdruckerkunst und das
Quellenstudium gedacht werden, wie sie durch Gutenberg und die Sprachgelehrten des Renaissancehumanismus erfunden wurden? Ist das Schiff der
Reformation nicht durch die sozialen Entwicklungsschübe eines erstarkenden Bürgertums und der nach Befreiung strebenden Bauern flottgemacht
worden und erst durch ein politisches Machtvakuum freigekommen, da ein
mit europäischen Angelegenheiten beschäftigter Kaiser zunächst nicht gegen
sie durchgreifen konnte? Wenn aus vorwiegend ideellen Gründen ein Ablauf
21 Vgl. Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen 1920, 9. Aufl.,
1988, S. 252, dazu Wolfgang Schluchter, Religion und Lebensführung. Studien zu Max
Webers Kultur- und Werttheorie, Bd. 1, Frankfurt 1988, stw 1991, S. 120-123.
104
von Ereignissen kritisch beurteilt wird, ist dies, wie das Beispiel der warnenden Barmer theologischen Erklärung zeigt, nicht unbedingt auch geschichtswirksam. Glaubwürdige und idealistische Entscheidungen bleiben
Sache des Einzelnen. Massen werden viel stärker durch kollektive Lebenschancen als durch Überzeugungen gesteuert, wie Reinhold Niebuhr in seiner
Studie über die moralische Persönlichkeit und die anscheinend unmoralische
Gesellschaft22 dargelegt hat. Das Entscheidungspotenzial, das durch Religionen für die Gesellschaft bereitgestellt wird, ist seinem Ursprung nach partikular. Es hat Generalisierung ebenso nötig wie alle anderen Kulturvorgänge.
Es kann nur motivierend, begleitend und korrigierend wirksam sein. Es
kann aber durchaus das Freiheitsbewusstsein einer Bevölkerungsgruppe
beeinflussen und ihre Identität mittragen. Das ist abzulesen an Konflikten
zwischen universalen Machtkulturen und religiös bestimmten Völkern wie
etwa den Juden unter hellenistischer und den Polen unter sowjetischer Herrschaft oder der Methode gewaltlosen politischen Widerstandes, die seit einigen Jahrzehnten offenbar politischen Wandel auszulösen vermag, etwa im
indischen Freiheitskampf, in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, bei
der deutschen „Wiedervereinigung“ und beim Ende der „Apartheid“ in Südafrika. Das sind Perspektiven für eine mögliche, religiös begründete Reaktion auch auf die Globalisierung, doch damit ist eine sozialwissenschaftliche
Stellungnahme auch für Kirche und Theologie noch nicht erarbeitet. Dafür
muss jener Vorgang, der die Welt verändert, systematischer betrachtet werden.
d) Kulturphilosophischer Denkanstoß
Viertens ergibt sich als kulturtheoretischer Denkanstoß der Gedanke einer
innerkulturellen Wechselwirkung. Entwicklungen der Wirtschaft müssen
von anderen gesellschaftlichen Bereichen nicht hilflos und unkritisch hingenommen werden. Diese können differenziert reagieren, Eingriffe und Auswirkungen abwehren oder zu beeinflussen versuchen und dafür untereinander und auf verschiedenen Ebenen Koalitionen erzeugen. Politik, Wirtschaft,
Wissenschaft, Religion und andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens
stehen in einem Wechselverhältnis, in dem jeder Teil mit den anderen im
22 Reinhold Niebuhr, Moral Man And Immoral Society. A Study In Ethics And Politics, 1. Aufl.,
New York 1932.
105
Ganzen gesellschaftlicher Funktionen verbunden ist und auch bei der
Wahrnehmung eigener Aufgaben empfindlich auf veränderte Bedingungen
in anderen gesellschaftlichen Sektoren reagiert. Wenn politische Funktionen
von der Ökonomie usurpiert werden oder wenn Politiker der Privatwirtschaft gegenüber missionarisch anmutende Erwartungen äußern wie etwa
die Hoffnung, transnationale Konzerne könnten in einer Problemregion
sozial integrierend wirken23 , dann kann das zu ebenso elementaren Störungen des gesellschaftlichen Gefüges führen wie der Versuch, die allgemeine
Weltanschauung durch und durch politisch auszurichten, den seinerzeit der
Nationalsozialismus mit der „Gleichschaltung“ aller Institutionen unternahm. Dies ist auch bei aktuellen Wert- und Machtzuwächsen einzelner
Bereiche im Interesse des Ganzen warnend immer wieder bewusst zu machen.
Universalisierungsschübe auf der Basis technischer oder kultureller Entdeckungen, wie wir sie in dem unmittelbar vorangehenden Abschnitt über
kulturelle Fortschritte in der Geschichte behandelt haben, tendieren dazu,
über ihren Stammwertbereich hinauszugreifen und ihren Rationalitätsstil
auf fremde Sachgebiete zu übertragen. Sie entwickeln dadurch eine quasi
charismatische Ausstrahlung24 , die verblüfft und lähmt. Sie sind darin entschlossen abzuwehren und allenfalls kompensatorisch nachzubilden, so dass
„Wahlverwandtschaften“ zwischen verschiedenen Werterscheinungen entstehen, sie sind aber keineswegs unbedingt oder direkt als gültig zu übernehmen. Sonst kann es mindestens zu laienhaften Missverständnissen oder
gar zu Fehlentscheidungen kommen, wenn z. B. jemand wie seinerzeit Kanzler Helmut Kohl den bereichsfremd gebildeten Ausdruck „Daten-Autobahn“
für das Internet auf das Straßennetz bezieht.
23 Vgl. Heinz Dieterich, Globalisierung, Demokratie und Erziehung in Lateinamerika, in:
Globalisierung im Cyberspace, a.a.O., S. 65: „'Wir verstehen völlig', sagte [US-Präsident]
Clinton vor 1.200 Wirtschaftsführern und Regierungsfunktionären, 'dass der private Sektor das wirkliche Subjekt der hemisphärischen Integration ist.'„Dieterich resümiert, den
transnationalen Konzernen mit ihrem universalen Einfluss werde eine fast „evangelische
Rolle“ zugeschrieben.
24 So soll das Sendungsbewusstsein für die US-amerikanische Kultur der Geschichtsdarstellung zufolge vom Machtgewinn durch den Sieg über Mexiko 1848 und der Eingliederung
Kaliforniens ausgegangen sein. Hier hatte man die Überlegenheit der eigenen Kultur über
eine vergleichbare erlebt - und hat sie generalisiert.
106
Verschiedene Wertzustände in einer Kultur üben beträchtlichen Einfluss
aufeinander aus. Sie sind ihrem Universalisierungsgrad nach zu vergleichen
und zu unterscheiden. Eine weltoffene, dialogische Politik fordert eine ebensolche Kunst, Wissenschaft und Religion. Eine archaische Religion ist mit
einem komplexen kulturellen System nicht unbedingt kompatibel, auch
wenn sie als Anachronismus noch weiter praktiziert wird25 . Religiöser Fundamentalismus versucht sogar, Politik und Kultur in eigentlich längst überwundenen Schranken zu halten. Die gegenseitige Zusammenstimmung und
das Konfliktverhältnis der Wertbereiche sind aus der Struktur einer Gesellschaft näher zu bestimmen. Die Frage, die durch den ökonomischen Globalisierungsprozess theoretisch gestellt wird, ist also diejenige, inwiefern in den
Bereichen von Politik und Recht, Wissenschaft und Kunst, Religion und
Weltanschauung Universalisierungsschübe aufgeholt werden können, die
dadurch herbeigeführt wurden, dass im wirtschaftlichen Bereich der Kommunismus als globale Blockierung der Weltwirtschaft sich selbst aufgelöst
hat. Die ökonomische Globalisierung wurde vor allem dadurch zu einem
unübersehbaren Phänomen, dass der Weltmarkt sich nach dem Ende des
Staatssozialismus durch die nun auch für den früheren Ostblock geltende
wirtschaftliche Freizügigkeit von einer auf fünf Milliarden teilnehmende
Menschen erweiterte26 . Ein dem Weltmarkt entsprechendes, schnelles und
durchgreifendes Wirken vereinheitlichter, öffentlicher Foren steht noch aus,
wie an der von Staat zu Staat unterschiedlichen Gesetzeslage, etwa zur Gentechnik, deutlich wird.
25 Vgl. das scheinbare Gegenbeispiel des japanischen Shintoismus: 43 % der Universitätsstudentinnen und -studenten in Japan geben an, dass das transzendental-religiöse Element im
Shintoismus, „Kami", nicht existiert. Dennoch gehen 80 % von ihnen bei besonderen Gelegenheiten zu einem Shinto-Schrein; 60 % haben für das Bestehen der Aufnahmeprüfung
dort gebetet. Vgl. Kenji Ueda (Tokyo): Der Shintoglaube, 2. Teil: Ein Weg zwischen Mythos und Moderne, in: WCRP-Mitteilungen Nr. 43, hrsg. v. europ. Sekretariat der Weltkonferenz der Religionen für den Frieden, Grand-Saconnex, Schweiz, März 1996, S. 10-15,
S. 10 (Teil 1, Shintoismus in Japan - Seine Geschichte und Situation, in Nr. 42, Dez. 1995,
S. 7-16); ferner Nelly Naumann: Shinto und Volksreligion. Japanische Religiosität im historischen Kontext, in: Mirca Eliade, Geschichte der religiösen Ideen, Bd. 3/2, Freiburg i.B.
u. a. 1991, (S. 304-324) S. 322.
26 Vgl. Heinz Dieterich , Globalisierung, Erziehung und Demokratie in Lateinamerika, in:
Globalisierung im Cyberspace, a.a.O., S. 56.
107
Prozesse der Universalisierung sind in allen gesellschaftlichen Sphären anzutreffen. Sie stellen das äußere, materialisierte Pendant zu der eher mentalen
Generalisierung dar. Sie sind es, die soziales und kulturelles Handeln so
spannend machen: Alles Tun und jede Idee kann ungeahnte Folgen haben,
auch in anderen Bereichen. Die Kunst spielt mit diesem Übertragungseffekt,
die Ethik fordert ihn systematisch, die Religion setzt ihn autoritativ voraus27 . Die verschiedenen Bereiche sozialen Lebens erhalten dadurch ihre
Einheitlichkeit als Teile eines kulturellen Systems.
Eine prekäre Wahl zwischen verschiedenen Zielen und Handlungsweisen
stellt sich vor allem in politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Entscheidungssituationen. Die darin zur Erleichterung eingeführte Gruppierung
von Problemen, die Gleichartigkeit des sinnstiftenden, rationalen Umgangs
mit ihnen und die im gesellschaftlichen Leben systematisch zur Problemlösung eingesetzten Mittel schaffen viel genutzte Handlungswege, die zu den
jeweiligen Zielen oder Werten führen. Aus entscheidungsrelevanten Vergleichen zwischen verschiedenen Lösungswegen für gleichartige Probleme entstehen bewährte Ensembles von pragmatischen Hilfen als sogenannte „Institutionen". Diese fußen, je nach der Epoche, in der sie entstanden sind, auf
unterschiedlichen gesellschaftlichen Kommunikations- und Austauschmitteln.
Die so genannte „Informationsgesellschaft“ verfügt über andere Medien als
die des industriellen oder gar des vorindustriellen Zeitalters28 . Innovative
Verfahren breiten sich heute um ein Vielfaches schneller über die ganze
zivilisierte Welt aus als zur Zeit traditionaler Gesellschaften29 . Es werden
aber nicht allein technische Erfindungen und zivilisatorische Errungenschaften überall eingeführt, sondern es treten auch insgesamt universalere
Kulturzustände ein. Das Niveau verschiedener Standorte wird egalisiert, weil
27 Für die jüdisch-christliche Religion vgl. die „Zehn Gebote", für polytheistische Religionen
etwa Schutzgötter und Patrone, welche die organischen Standards gesellschaftlicher Rationalität wahren und Übergriffe von einem ethischen Bereich auf einen fremden, z. B. durch
Fluchen, Entheiligen, Töten, Begehren usw. abwehren sollen.
28 Vgl. Daniel Bell, Die nachindustrielle Gesellschaft, Reinbek bei Hamburg 1979 (amerik.
Originalausg. 1973), S. 114f.
29 Vgl. Helmut Schmidt, Globalisierung. Politische, ökonomische und kulturelle Herausforderungen, Stuttgart 1998, S. 24f u. 47.
108
das verschiedenen kulturellen Sphären gemeinsame Repertoire sich erweitert
und Beziehungen zwischen den einzelnen Subjekten sich in einen immer
allgemeineren und abstrakteren Rahmen, zum Beispiel der Menschenrechte
oder bestimmter Verfassungsformen, entfalten. Was aufgrund besonderer
regionaler Voraussetzungen jeweils anders ist, wird zur Variation des allgemeinen Fortschrittsniveaus. Universalisierung tritt so nicht nur an einzelnen
Verfahrensweisen, sondern auch an sich als freie Disposition zu einer heute
auf der ganzen Welt zunehmend gleichartigen Lebensgestaltung auf.
Universalisierung ist dabei über die prinzipielle Bestimmtheit hinaus durchaus auch ein immanentes Moment der Handlungsorientierung und der Rationalität überhaupt. Durch den pragmatischen Sinn der genannten Vergleiche
und Übertragungen ergeben sich Nötigungen, in bestimmten Fällen wieder
gleichartig zu entscheiden. Diese Nötigungen können je nach geltender
Norm entweder 1. gruppenspezifisch, d. h. konventionell vorgegeben, 2.
autonom erschließbar, 3. pragmatisch zu kalkulieren oder 4. transzendental
unwiderleglich sein. Generelle, das heißt abstrakt-prinzipielle Gültigkeit
oder globale Geltung, das heißt empirisch-universale Nötigung, ergibt sich
auf solchen Lösungswegen aus vorgegebenen oder vorgestellten Wertorientierungen. Sie sind prinzipiell nicht zu vermeiden, will man bei einer
vernünftigen, d. h. verantwortlichen Handlungsweise bleiben. So ist einer
Globalisierung als Orientierungsweise des Handelns im Prinzip nichts Vernünftiges entgegenzusetzen. Sie ist vielmehr im Grundbestand der Ratio und
im Umgang mit der Wirklichkeit geradezu angelegt. Sie ist notwendig zu
erreichen, wenn sich rationales Handeln in der Lebenswelt überhaupt ausbreiten soll. Da aber die Vernunft in ihren Weltbezügen und in sich gegliedert erscheint sowie über die ökonomische Rationalität hinaus ein weiter
ausgreifendes Ganzes darstellt, werden die Gradabstufungen der Universalisierung zum Problem. Ein solches Problem liegt mit der ökonomischen
Globalisierung vor.
Die Frage nach dem erreichten Universalisierungsgrad in den verschiedenen
Wertbereichen führt auf unterschiedliche geschichtliche Ausprägungen. Die
Religion zum Beispiel erlebte in Renaissance, Reformation und Aufklärung
Rationalisierungsschübe, nachdem sich im Spätmittelalter und in den Konfessionskriegen vernunftwidrige Ausprägungen gezeigt hatten. Heute existieren verschiedene Universalisierungszustände nebeneinander. Weltkirchen
109
und -kirchenverbände zum Beispiel bestehen neben Volks- und Gruppenreligionen sowie religiösem Individualismus. Dem religiösen Fundamentalismus ist wegen seines partikularen Ausgangspunktes universalisierende Kraft - zum Glück, möchte man im Interesse des Pluralismus und der
Freiheit sagen - von sich aus nicht eigen, wie im Fall des Islamismus an dessen durchaus unterschiedlicher Aufnahme durch islamische Staaten zu erkennen ist30 . Aber auch hier besteht eine ständige Unsicherheit, was die
Übernahme globaler Strukturen, zum Beispiel durch Sekten aggressiver,
weltablehnender oder ideologisch belasteter, apokalyptischer oder zivilreligiöser Art betrifft. Auch der Beitrag, den überregionale religiöse und interreligiöse Verbände zur Universalisierung vernünftiger politischer Zustände
leisten können, zum Beispiel für die Durchsetzung der Menschenrechte, ist
noch strittig31 . Die Überlegung, wie sich Institutionen, bedingt durch den
Universalisierungsgrad ihrer je eigenen Geltungsansprüche sowie ihrer Verabredungen und Streitigkeiten zueinander auch bereichsüberschreitend verhalten können, stellt vor neue Fragen und Probleme. Es ist ein Denkanstoß,
der sich durch die ökonomische Globalisierung auf neue Weise ergibt, der
aber in der Geschichte begründet ist.
Dieser Denkanstoß setzt kulturphilosophische und gesellschaftstheoretische
Annahmen zur globalen Rationalisierung und Universalisierung voraus, wie
sie am Schluss des vorangehenden Abschnittes behandelt wurden. Von diesen Annahmen her müsste das logische und empirische Verhältnis der Institutionen untereinander geklärt werden. Sie liegen jedoch nicht in abgeschlossener Theoriegestalt vor. Dennoch ist eine theoretische Klärung der
durch die „Globalisierung“ berührten strukturellen Verhältnisse, die in diesem Abschnitt erörtert wurden, zu fordern und zu leisten. Darum wird aus
den Überlegungen zur kulturellen Universalisierung, die durch die Globalisierung der Wirtschaft und anderer Bereiche bereits eingeleitet ist, nach den
30 Vgl. Hans Küng, Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft, München u. Zürich 1997,
S. 185.
31 Vgl. zum Beispiel Wolfgang Huber, Schnelle Einheit nicht möglich, in: Publik Forum
9/1993, S. 22f, zitiert in: Hans Gressel, Schalom. Auf dem Weg zu Gerechtigkeit, Frieden
und Bewahrung der Schöpfung in der Evangelischen Kirche von Westfalen, Sonderausgabe
1994, hrsg. v. Herbert Rösener, Schwerte 1994, S. 36: „Die Religionen sind den Nachweis,
daß sie zum Weltfrieden sehr viel Konstruktives beitragen können, bisher weithin schuldig
geblieben."
110
Denkanstößen hier noch eine Reihe ethischer und systematischer Folgerungen gezogen.
5.
Schlussfolgerungen:
Globalisierung lässt zwei Extreme der persönlichen Stellungnahme zu: Man
kann eine Utopie der kommenden Zustände entwickeln oder bloß dumpf in
sie hineinleben. Beides sind keine ethisch vertretbaren, verantwortlichen
Handlungsweisen. Ein dritter Weg ist zu suchen, auf dem Menschen miteinander für Gerechtigkeit streiten und sich lernend33 am Prozess der gesellschaftlichen Entwicklung beteiligen. In den globalen Komplikationen ist
nach Ansätzen ethischer Vernunft zu forschen. Aus den Überlegungen zum
Fortschrittscharakter der Globalisierung als eines Universalisierungsprozesses sind auf diese Weise die nachstehenden Erfordernisse abzuleiten. Ohne
dass sie erfüllt werden, kann die augenblickliche, vor allem wirtschaftliche
Globalisierung nicht als vollständiger kultureller Fortschritt gelten34 .
a) Globalisierung der Wirtschaft
(1) Menschliches Handeln sollte zunehmend in eine globale Verantwortung
einbezogen werden. Rechte und Pflichten dürfen nicht länger ohne ihren weltweiten Wirkungsrahmen wahrgenommen sein35 . Wer sich wirtschafts- und sozialpolitisch auf die Globalisierung beruft, hat oft nur eine starke Immunisierungsstrategie dagegen gewählt, Verantwortung zu
übernehmen36 . Dass wir auf dem Globus leben, kann nicht als Begründung dafür dienen, Wünsche und Bedürfnisse anderer zu missachten.
33 Vgl. Elmar Altvater, Birgit Mahnkopf , Grenzen der Globalisierung, a.a.O., S. 169.
34 Für den politischen Bereich stellt Ulrich Beck entsprechende Forderungen auf: Was ist
Globalisierung? Frankfurt a. M. 1997, S. 217ff.
35 Vgl. Helmut Schmidt (Hrsg.), Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten. Ein Vorschlag. München 1997; u. ders.: Globalisierung, a.a.O.
36 Vgl. Elmar Altvater u. Birgit Mahnkopf, Grenzen der Globalisierung, a.a.O., S. 9: „In den
Debatten um die Hebung der Wettbewerbsfähigkeit und den Ab- und Umbau des Wohlfahrtsstaates avancieren die globalen Sachzwänge zum sozialpolitischen Totschlagargument ersten
Ranges.“
111
(2) Es ist der Eindruck zu überwinden, Globalisierung führe ein übermächtiges Gesamtsystem herbei, in dem sich der Einzelne nur herrisch
behaupten oder sklavisch unterordnen könne. Globalisierung führt neue
Wettbewerbszustände herbei und beruht auf der Partizipation aller. Gerade deswegen ist daran festzuhalten, dass das „System“ für die Menschen gemacht wird und nicht umgekehrt.
(3) Globalisierung muss als Gelegenheit dazu begriffen und gestaltet werden, dass alle Menschen sich ihren Interessen gemäß in einem sicheren
Rahmen am globalen Prozess des Austauschs von Gütern, Dienstleistungen und Informationen beteiligen können. Individuen dürfen nicht
auf ihren ökonomischen „Standort“ fixiert, sondern sie sollten dazu befreit werden, sich in ihrem Lebensumkreis und in allen kulturellen Dimensionen als einem gleichberechtigten, globalen Terrain zu bewegen.
(4) Einzelne wie auch breite Bevölkerungsschichten stehen vor der Chance
wie der Notwendigkeit, durch interkulturelles Lernen37 an einer kulturellen Diversifizierung auf Weltniveau teilzunehmen. Die bewusst mitvollzogene Integration einheimischer und zugewanderter Bevölkerungskreise ist eine wesentliche Voraussetzung für ein globales Zusammenleben. Diejenige Kultur ist hierfür am besten geeignet, die am meisten aus
den anderen in sich aufnimmt und transportiert.
(5) Eine partizipatorische Weltkultur erfordert, dass alle an der Entwicklung beteiligt werden. Armut und Bevölkerungsvermehrung auf
der einen, Reichtum und Luxus auf der anderen Seite können den Globus zerstören. Gegen die im Ergebnis falsche38 und Neid schürende These vom Arbeitsplatzexport und gegen eine sich in globalen Konfliktzonen ballende Arbeitslosigkeit ist die Entwicklung zu einer postmoder-
37 Vgl. Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen:
Ausländer, Aussiedler und Einheimische als Nachbarn. Ermittlung von Konfliktpotentialen und exemplarischen Konfliktlösungen, erarbeitet von der Forschungsgruppe Kommunikation und Sozialanalysen GmbH FOKUS, Düsseldorf 1992, S. 27-46, bes. S. 44 ("Abbau
von Fremdenfeindlichkeit durch interkulturelles Lernen").
38 Durch die Produktion einheimischer Firmen im Ausland werden auch dort in der Regel
weniger Arbeitsplätze geschaffen als abgebaut, da zu einem großen Teil bestehende Firmen
gekauft und übernommen werden.
112
nen Dienstleistungsgesellschaft auf solarer Grundlage ideenreich und
energisch zu verfolgen.
(6) Globales Wachstum führt nur zu einem geringen Anteil in den offenen
Weltraum und zum überwiegenden Teil an die Grenzen der Globalität.
Es kann nicht als „wilde“ Globalisierung ungebremst weitergehen, sondern muss durch eine Welt-Innenarchitektur dialogisch in eine nachhaltige, qualitative Wertentwicklung umgewandelt werden.
(7) Die Dynamik der Globalisierung drängt hin auf die Globalität einer
Weltgesellschaft mit globalen Institutionen. Es kommt zur Bildung von
Institutionen auf Globalebene als einer Welt-Infrastruktur. Diese Entwicklung darf nicht durch Krisen katastrophalen Ausmaßes blockiert
werden. Konflikte zwischen den Zivilisationen39 oder gar zwischen den
neu entstehenden, kontinentalen Wirtschaftsblöcken sind von vornherein auszuschließen. Sabotage und Terror mit Weltwirkung ist auf demokratischer Grundlage, notfalls mit globalen Polizeimaßnahmen, entschlossen zu begegnen.
(8) Menschen sind nur Gäste auf Erden. Der Sinn ihres Lebens liegt nicht in
Eroberung und hemmungslosem Verzehr, sondern darin, dem Leben
Raum zu geben ("Let it be"). Ein gastfreundliches Verhältnis zu nahen
und fernen Nächsten sowie zu anderen Kreaturen und nicht nur ein einladendes „Geschäftsklima“ ist anzustreben.
b) Globalisierung der Ethik
(1) Eine allgemeine empirisch-normative, globale Menschheitsethik muss
allen Einzelinteressen vorgeordnet werden. Die Fähigkeit, wenigstens
theoretisch zunächst auf Eigeninteressen zu verzichten, muss allgemein
als Voraussetzung eines globalen Selbstverständnisses begriffen werden.
Nur so kann die Globalisierung Kultur zerstörender, partikularer Expansionsansprüche in allen Bereichen verhindert werden. Nicht Weltherrschaft, sondern Weltgemeinschaft darf das Ziel sein.
39 Vgl. Hans Küng, Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft, München u. Zürich 1997,
S. 159.
113
(2) Menschliches Handeln darf nicht länger als Kampf gegen die Natur
verstanden werden; es muss auf ein Zusammenleben in der Schöpfung
hinführen. Naturresiduen sind zu vernetzen, damit Arten sich erhalten
und ursprüngliche Zustände bewahrt werden können. Das ist auch um
des seelischen Gleichgewichts der Menschen willen notwendig.
(3) Ein kategorischer, sozialer und ökologischer Imperativ könnte dem
globalen wirtschaftlichen Projekt eine globale Gesellschaft als ihr Subjekt zuordnen, die ihm Grenzen setzt. Für den Einzelnen könnte das
zum Beispiel heißen: „Fahre Auto, wenn dies auch dann noch möglich
ist, sollten alle 6,2 Mrd. Menschen“ ... „ebenfalls das Auto nutzen wollen."40
(4) Ziel der Globalisierung ist nicht das „Superstrat“ einer globalen Einheitskultur, welche die „Substrate“ traditioneller Milieus unterdrückt,
sondern die versöhnte Verschiedenheit aller Kulturen. Lokale Erzeugnisse dürfen nicht überall durch erfolgreichere, weltweit verbreitete
Produkte verdrängt werden. Partikulare Kulturen und nicht unpersönliche Stilelemente der globalen Technik schaffen echte Lebensräume. „Es
ist nie zu spät, sich auf seine Ursprünge zu besinnen."41
(5) Die Frage nach Ziel und Scheitern des globalen Projekts stellt sich als
Frage nach Konflikten und Risiken seines Vollzuges. Für die Ethik entsteht die Aufgabe, nicht nur die negative Seite der möglichen, selbst gemachten Zerstörung menschlichen Lebens, geistiger Kultur und globaler Umwelt vor Augen zu führen, sondern auch Friedensperspektiven
für Individuum und Gesellschaft zu entwerfen, die visionär und realistisch sind. Die aristotelisch-platonische Frage nach dem für den Menschen Wesentlichen und dem Wesen der Dinge ist voranzutreiben. Was
Menschen sind, was sie wirklich brauchen und wie sie leben können,
wird sich in globalem Maßstab herausstellen.
40 Vgl. Elmar Altvater, Birgit Mahnkopf , Grenzen der Globalisierung, a.a.O., S. 538.
41 Vgl. Jean Baudrillard, America, London 1988, S. 41: „It is never too late to revive your
origins.“ Zit. in: Roland Robertson, Globalization, Social Theory and Global Culture.
London, Thousand Oaks u. Neu Dehli 1992, S. 102.
114
c) Globalisierung der Religion
(1) Was Gott für die Menschen im globalen Zeitalter bedeutet, kann in
überraschend neuer Weise zutage treten. Als Fundierung aller irdischen
Werte ist eine metaphysische Wirklichkeit zu erkennen, die von der Religion vermittelt wird. Der Mensch darf nicht als „merkantile Monade
mit elektronischer Identität"42 betrachtet werden. Er muss sich nach einem anderem Urbild und einem anderen Ursprung umsehen.
(2) Religiöse Menschen können sich dafür verantwortlich finden, dass die
Wirtschaft ihren Kampf um Werte nicht ohne Friedensstifter führt. Sie
können eine kosmische, schöpfungsuniversale Sichtweise in die globale
Diskussion und in den geistigen Kampf um den Globus die Perspektive
der Versöhnung einbringen43 . Die Globalisierung hat eine Fülle von
neuen „Nächsten“ geschaffen.
(3) Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen können einander besser
verstehen, wenn sie ihre Unterschiede als Ausprägungen einheitlicher
menschlicher Anlagen auf gemeinsamen Gebieten des Geistes und der
Kultur begreifen. Auf religiösem Gebiet nimmt man seit der Aufklärung
auf der ethischen Ebene eine allgemeine, humane Religion an, die den
einzelnen Religionen vorgelagert ist, ohne dass diese dadurch ihre innere
Differenzierung in Glaubensrichtungen und Konfessionen einbüßen.
Diese „Religion der Menschheit"44 entwickelt Fragen nach Gott und ei-
42 Heinz Dieterich, Globalisierung, Erziehung und Demokratie in Lateinamerika, in: Globalisierung im Cyberspace, a.a.O., S. 170.
43 "Gegen die Religion des Marktes müssen wir unsere Religion setzen, die andere Werte
schafft, die zum sinnvollen und verantwortlichen Handeln aufruft und die die Schwachen
berücksichtigt.“ Peter Große, Globalisierung. Bedrohung und Herausforderung für die
Menschen? In: Mitteilen. Hermannsburger Missionsblatt, Heft 1, Hermannsburg 1997, S.
10f, S. 11.
44 Vgl. Peter Beyer, Religion and Globalization, London Thousand Oaks and New Dehli
1994, S. 225f: „are we heading toward the development of a broadly cultural 'religion of
humanity' as the typical religion of the future?“ - Der Gedanke der „Menschheitsreligion“
ist nach Vorläufern in der Aufklärung und besonders im englischen Deismus vor allem von
Auguste Comtes in seinem „Positivistischen Katechismus“ propagiert worden. Nur noch
hypothetisch erscheint er aufgrund religionswissenschaftlicher Kenntnis bei Ernst
Troeltsch : Die Mission in der modernen Welt, Gesammelte Schriften, Bd. 2, Tübingen
115
ne eigene Ethik. Sie bereitet neuerdings rechtliche und politische Lösungen vor, indem sie für die verschiedenen Bereiche des menschlichen Lebens ein „Welt-Ethos“ bekannt macht und globale Wege des Lebens und
Überlebens aufzeigt.
(4) Religionen können die Globalisierung auf menschheitlicher Ebene zu
einer globalen Humanität hinlenken. Sie sollen sich beispielhaft um Toleranz bemühen und die Frage nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit offen
halten. Sie sollen weltweite Gemeinschaft vorführen und sich durch Gebete der Religionen verbinden, ohne ihre Differenziertheit aufzugeben
oder in einen Synkretismus zu verfallen. Interreligiöser Dialog bis hin
zu einem „Weltparlament“ der Religionen ist zu fördern. Die Frage, wo
für die Siedler im „globalen Dorf“ der Tempel, der Schrein, die Moschee
oder die Kirche als Verkörperung des zentralen Wertes einer Gemeinschaft steht, ist für das Ganze bedeutsam.
1922, S. 790, u.: Die Bedeutung der Geschichtlichkeit Jesu für den Glauben, Tübingen
1911, S. 48f.
116
Der Mensch in seiner Welt.
Zur wechselseitigen Irritation und Relevanz von
Anthropologie und Globalisierungsdiskussion
Michael Kranzusch
1.
Einleitung
Jaques Davis ist Sohn einer jüdischstämmigen Frankokanadierin und eines
schwarzen US-Amerikaners, eines Baptisten aus Washington D.C., der seit
fast 20 Jahren für die amerikanische Regierung in Europa arbeitet. Geboren
ist Jaques in Amsterdam, lebt aber seit dem zweiten seiner mittlerweile 17
Lebensjahre in Berlin. Fließend spricht er Deutsch, Englisch und Französisch; gerade lernt er Spanisch. Nicht zuletzt wohl wegen seiner Familienverhältnisse interessiert er sich für Fragen der Globalisierung, allerdings
weniger unter den wirtschaftlichen Gesichtspunkten, unter denen das Thema öffentlich so breit verhandelt wird. Jaques möchte Kulturwissenschaften
studieren und ins Kulturmanagement einsteigen, um später vor allem internationale Musikfestivals organisieren zu können. Musikalisch hat er eine
Antipathie gegen den McMainstream der Popmusik, der zur Zeit zwischen
Rock- und Techno-Einflüssen pendelt und auch international die meisten
Diskotheken austauschbar macht. Ansonsten ist Jaques musikalisch nicht
sehr festgelegt - er nennt das: tolerant. Auch sonst legt er großen Wert auf
Toleranz, zumal er selbst schlechte Erfahrungen gemacht hat, da er aufgrund seiner Hautfarbe nicht als Deutscher durchgeht, vor allem bei den
Söhnen deutschstämmiger, oft aber asiatisch aussehender Aussiedler aus
Kasachstan, die sich auf dem Schulweg bevorzugt auf Russisch über ihn
lustig machen. Seiner Mutter passiert das im Übrigen nie, obwohl sie sich
nicht als Deutsche fühlt wie etwa ihr Sohn, sondern aus verschiedenen
Gründen ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu ihrer unfreiwilligen „Wahl117
heimat“ hat. Rechtlich ist kein Familienangehöriger Deutscher, aber das
spielt in ihrem Alltag kaum eine Rolle. Wenn Jaques sich nun an diesem
Abend - während seine Eltern mit niederländischen Freunden italienisch
essen gehen - an seinen PC aus Taiwan setzt, dann wird er auf der Basis eines
amerikanischen Betriebssystems und Hamburger Software via Internet in
Echtzeit mit Musikern in Straßburg, London und Amsterdam an einem
Stück weiterarbeiten, das sie schon ein paar Tage in Arbeit haben. Wie gewohnt, wird er sich dann als Jaqueline ausgeben, die Ähnlichkeit des Namens als Vorsichtsmaßnahme gegen Versprecher nutzend, das Verwirrspiel
aber als Erprobung einer virtuellen Identität, von der seine Mitmusiker
allerdings ausgehen, auf die sie anders ansprechen, als er es gewohnt ist, denn
bisher kennen sich die drei nicht persönlich - oder sollte man besser sagen:
leiblich?
Globalisierung ist für Jaques gelegentlich ein Thema, vor allem aber die
selbstverständlichste, weil allgegenwärtige Voraussetzung seiner Herkunft,
seines Alltags und seiner Zukunftsvorstellungen. Globalisierung ist für ihn
keine Zukunftsmusik, sondern - neudeutsch! - fact.
Jaques Davis ist keine real existierende Person, sondern eine Konstruktion,
die ich vor einigen Jahren vorgenommen habe, um Erfahrungen mit Schülergruppen zu bündeln und Globalisierung zu thematisieren. Mittlerweile
sind diverse Veröffentlichungen zu diesem Phänomen erschienen, das als
kulturelle Mixtur nur unzureichend beschrieben ist. Als Autoren nenne ich
hier nur Jan Nederveen Pieterse 1 und Elisabeth Beck-Gernsheim 2 . Es geht
um eine unüberschaubare Variation nahezu sämtlicher Facetten des Menschen, beziehungsweise der Anthropologie, eine Variation, die aus evolutionstheoretischer Perspektive bewährte Selektionsbedingungen über den
Haufen wirft oder zumindest in Frage stellt und neue schafft. Globalisierung
im Sinne dieser grenzüberschreitenden Variation durchdringt und prägt
unseren Alltag in mehr als einer Hinsicht und meist unauffällig oder zumindest unbewusst. Leute wie die Kunstfigur Jaques Davis gibt es in unserer
1
2
Jan Nederveen Pieterse, Der Melange-Effekt. Globalisierung im Plural, in: Perspektiven
der Weltgesellschaft, hrsg. v. Ulrich Beck, Frankfurt a.M. 1998, S. 87-124.
Elisabeth Beck-Gernsheim, Schwarze Juden und griechische Deutsche. Ethnische Zuordnung
im Zeitalter der Globalisierung, in: Perspektiven der Weltgesellschaft, a.a.O., S. 125-167.
118
Gesellschaft inzwischen in großer Zahl, wobei ihre globalen Lebensbezüge
zu großen Teilen ihnen selbst gar nicht bekannt sind, zu anderen Teilen
schon so selbstverständlich geworden sind, dass sie nicht mehr in Kategorien
wie „eigen", „heimisch“ oder „fremd“ wahrgenommen werden, und schließlich nur zu geringen Teilen von außen überhaupt bemerkbar sind. Globalisierung bedeutet in dieser Hinsicht die Auflösung von traditionellen Regulativen, Normen und Tabus, von Devianz und Stigmatisierung in ein Feld
kombinierbarer Möglichkeiten: Pluralisierung. Von daher spitzt sich die
Globalisierungsthematik auf drei Fragen zu:
-
Was bedeutet Globalisierung in anthropologischer Perspektive?
-
Inwiefern sind Menschen mit ihren Differenzierungs- und Integrationsfähigkeiten im Prozess der Globalisierung Veränderungen unterworfen?
-
Und: Inwiefern steuern Menschen mit ihren Differenzierungs- und
Integrationsfähigkeiten den Prozess der Globalisierung?
2.
Globalisierung in anthropologischer Perspektive
Um die Frage nach dem Menschen im Globalisierungsprozess angehen zu
können, ist zunächst näher zu bestimmen, was unter „Globalisierung“ verstanden werden soll. Es kann als Gemeinplatz gelten, dass die globalisierte,
nämlich auf globale Rezeption hin publizierte Informationsflut nicht mehr
zu überschauen oder gar zu verarbeiten ist - ganz zu schweigen von dem
Meer global vorhandener, latenter Information. Das gilt mittlerweile - nach
einer kurzen Inkubationszeit und einem noch kürzeren Trendhoch des
Themas - auch für die Reflexion über das Schlagwort „Globalisierung". Jede
Selektion von Aspekten, Beispielen und Positionen zum Thema vermehrt so
die deutlichen Stigmata der Relativität, der Unvollständigkeit, der Kontingenz. So trägt ausgerechnet das Bewusstwerden der Universalität beziehungsweise Universalisierung der Globalisierungsthematik mit bei zum
Bewusstwerden des fragmentarischen Charakters, mehr noch zur Fragmentierung des Themas. So paradox es klingen mag: Gerade das Ganze lässt sich
nur teilweise bewältigen.
119
Unter „Globalisierung“ versteht Ulrich Beck „die Prozesse, in deren Folge
die Nationalstaaten und ihre Souveränität durch transnationale Akteure,
ihre Machtchancen, Orientierungen, Identitäten und Netzwerke unterlaufen
und querverbunden werden." 3 Er führt die nebulöse Bedeutung des Globalisierungsbegriffs u. a. auf die unterschiedliche Bestimmung des Gemeinten
und seiner Ursprünge zurück. Zwischen dem 15. Jahrhundert und dem
Ende des Ost-West-Konflikts schwanken die Datierungen; zwischen Kapitalismus, Modernisierung und einer offenen Palette von Aspekten 4 wechseln
die Themen, für die der Globalisierungsbegriff eingesetzt wird. „Globalisierung meint das erfahrbare Grenzenloswerden alltäglichen Handelns in den
verschiedenen Dimensionen der Wirtschaft, der Information, der Ökologie,
der Technik, der transkulturellen Konflikte und Zivilgesellschaft und damit
im Grunde genommen etwas zugleich Vertrautes und Unbegriffenes...“ - so
Beck 5 . Das Neben- und Durcheinander des politiksoziologischen und des
mehrdimensionalen, alltagssoziologischen Globalisierungsbegriffs bei Beck
bestätigt seine Diagnose der Missverständlichkeit des Begriffs.
Zur weiteren Klärung möchte ich eine semantische Unterscheidung einführen, die zwischen Begriff und zu Begreifendem: Die näher zu bestimmenden
Leitbegriffe „Globalität“ und „Globalisierung“ setzen den Begriff des Globus, die Kugelgestalt der Erde voraus. Unsere Welt war schon immer global,
unabhängig davon, ob sie im Ganzen oder in der Wechselwirkung ihrer
Teile als solche erkannt und anerkannt worden ist oder nicht. Das vielleicht
populärste Beispiel der Chaostheorie, der sogenannte Schmetterlingseffekt,
lässt sich auch auf den sprichwörtlichen Sack Reis ummünzen, der in China
umfällt und sehr wohl ungeahnte Konsequenzen in aller Welt haben kann.
Dem hat der Prozess, der neuerdings als „Globalisierung“ tituliert wird,
nichts hinzuzufügen. Das gilt jedoch nicht notwendig für die Phänomene,
die unter den beiden Begriffen subsummiert werden.
Globale Tendenzen im Denken und Handeln hatten und haben oft die Gestalt von Geltungsansprüchen und Expansionsbestrebungen. Die Universali-
3
4
5
Ulrich Beck , Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus - Antworten auf Globalisierung, Frankfurt a.M., 5. Auflage 1998, S. 28f.
Letzteres vertritt offenbar auch Beck.
Ulrich Beck, a.a.O., S. 44.
120
tät von ideellen Geltungsansprüchen aber ist zweifellos älter als die Vorstellung von einer Welt als Kugel. Mit anderen Worten: Im Unterschied zum
Begriff der Globalisierung setzt das, was darunter zu subsummieren ist, kein
Bewusstsein des Globus voraus; schrankenlose Expansion präjudiziert vielleicht noch nicht einmal ein irgendwie konkretisiertes Weltbewusstsein.
Vielmehr lassen sich für schrankenlose Expansion ebensogut psychosoziale
Faktoren wie Grenzen- oder Hemmungslosigkeit, Heimatlosigkeit, Unruhe
und Getriebensein, Sehnsucht nach dem einen Ganzen, Suche nach Grenzerfahrungen, Machtbeweise, Ausweichverhalten, beispielsweise zur Konfliktvermeidung, und dergleichen mehr ins Feld führen. Für die aktuelle
Globalisierungsdebatte sind also die nur scheinbar paradoxen Anfragen
berechtigt, ob die Motivation dessen, was wir heute unter „Globalisierung“
verstehen, tatsächlich ein Weltbewusstsein voraussetzt, ob dieses Weltbewusstsein notwendig metaphorisch auf die Kugelgestalt der Erde rekurriert
und ob oder inwieweit die genannten psychosozialen Motive durch neue
Motive abgelöst, ergänzt oder aber nur maskiert werden.
Bemühungen, universale Geltungsansprüche umzusetzen, hat es schon mindestens so lange gegeben, wie es ein Bewusstsein von Welt als Außenwelt des
eigenen mehr oder weniger inhaltlich, d. h. kulturell definierten Territoriums gibt. Es hat solche Umsetzungsversuche für universale Geltungsansprüche in der Religion, in der Politik und im Handel gegeben - man denke zum
Beispiel an Mission und Ökumene, egal ob mit exklusiven oder mit integrativen Totalitätsansprüchen, man denke an expansive Staatenbünde und
Welteroberungskriege, man denke an das Bemühen um Ressourcenerweiterung, größeres Abnehmerpotenzial und Exotik als Beispiele für quantitative
und qualitative Expansionsmotive. Die Liste ließe sich fortsetzen.
Die Bemühungen aber um Stabilisierung und Ausdehnung der eigenen ideell
oder materiell verstandenen Kultur haben immer schon zur Differenz von
Geltungsanspruch und faktischer Geltung, Expansionsziel und -resultat
geführt, in der Interaktion von Individuen ebenso wie von sozialen Kollektiven. Mit dieser Differenz ist auch im Blick auf konkrete aktuelle Prozesse
der Globalisierung zu rechnen, zumal sich die Prozesse der Verbreitung und
Vereinheitlichung von Waren und Informationen lokal und subkulturell
oder sogar individuell ausdifferenzieren. Dafür steht der Begriff der „Glokalisierung“.
121
All das provoziert natürlich die Frage, ob unter dem Etikett der Globalisierung tatsächlich etwas qualitativ Neues geschieht. Beck bejaht diese Frage
entschieden: „Neu ist nicht nur das alltägliche Leben und Handeln über
nationalstaatliche Grenzen hinweg, in dichten Netzwerken mit hoher wechselseitiger Abhängigkeit und Verpflichtungen; neu ist die Selbstwahrnehmung dieser Transnationalität (in den Massenmedien, im Konsum, in der
Touristik); neu ist die 'Ortlosigkeit' von Gemeinschaft, Arbeit und Kapital;
neu sind auch das globale ökologische Gefahrenbewusstsein und die korrespondierenden Handlungsarenen; neu ist die unausgrenzbare Wahrnehmung
transkultureller Anderer im eigenen Leben mit all den sich widersprechenden Gewissheiten; neu ist die Zirkulationsebene 'globaler Kulturindustrien'“ 6 usw.
Im Unterschied zu Beck würde ich den Akzent eher auf den technischen
Fortschritt, vor allem im Bereich der Medien setzen. Es gibt ein entscheidendes Mehr (quantitativ verstanden) und in der Folge das (qualitativ) Neue,
Emergente gegenüber den herkömmlichen Erscheinungsformen wie auch
immer motivierter Geltungsansprüche und Expansionsbemühungen. Den
höchsten Erklärungswert scheint mir der Aspekt der Beschleunigung zu
haben, der nicht nur eine zeitliche Dimension hat. Die Beschleunigung verschiedenster Lebensvollzüge und Systemprozesse hat sich im Transportwesen, vor allem aber in der Fusion von Datenverarbeitung und Telekommunikation bis fast zur globalen Gleichzeitigkeit gesteigert. Vor diesem
Hintergrund der Zeitraffung nun gewinnt die sozialkommunikative Konstitution von Handlungs- und Wahrnehmungsräumen ein immer stärkeres
Übergewicht gegenüber solchen Räumen, die nach wie vor und auch weiterhin durch physische Reichweite und Mobilität konstituiert werden. Oder
anders gesagt: Die mediale Anwesenheit von leiblich Abwesenden gewinnt
an Bedeutung und in der Folge verschwindet die Differenz zwischen der
virtuellen Präsenz und der Präsenz des Virtuellen. 7 Diese virtuelle Verviel-
6
7
Ulrich Beck , a.a.O., S. 31.
Deutlich wird das bereits in Film und Internet an der Vermengung von computergenerierten Figuren mit solchen, die durch Schauspieler (re-)präsentiert werden. Mit der Perfektionierung von Techniken der Imitation und Improvisation schwinden die Möglichkeiten der
Unterscheidung zunehmend. Wo aber der Wille zur Unterscheidung abhanden kommt, ist
122
fachung der Welt bedeutet für die Globalisierung eine Grenzüberschreitung
innerhalb der Grenzen des Globus und ist insbesondere im Hinblick auf die
Fragen von gesellschaftlichen und individuellen Risikowahrnehmungen und
als Infragestellung anthropologischer Selbstverständlichkeiten interessant.
Diese Trias von Beschleunigung, Medialisierung und Virtualisierung hat
zugleich Folgen für die menschliche, und zwar individuelle wie kollektive
Lebensplanung und -gestaltung, für Selbstwahrnehmung, Beziehungserwartungen, Identität und vieles andere mehr.
Mit der Begriffsdiskussion habe ich so weit ausgeholt, weil die Terminologie
des Globalen dazu verführt, sich ausschließlich auf die Makroebene politischer Zusammenhänge zu verlegen, in denen der Mensch nur in einem speziellen Rollenspektrum, als organisiertes Kollektiv und in der Regel als Variable auftaucht. Die Alternative, gleich auf systemtheoretische Modellbildung zurückzugreifen, geht in der Abstraktion über das gedankliche und
kommunikative Selbstverständnis von Menschen als Menschen hinaus und
erfordert die Mühe, diese alltäglichen Selbstverständlichkeiten aus streng
gegeneinander abgeschlossenen, selbsterzeugenden und selbsterhaltenden
Systemen zu rekonstruieren. So hoch der Erklärungswert der Theorien
autopoietischer Systeme, insbesondere im Gefolge derjenigen Luhmanns ist,
droht doch dabei die Kommunikabilität verlorenzugehen und mit dem außerordentlich plausiblen Ansatz bei Differenzbildungen die Rekonstruktion
von Integrationsleistungen, mit anderen Worten die Plausibilität für ein
Denken und Sprechen in symbolischen und komplexen Einheiten oder
Ganzheiten wie Mensch und Welt.
In beiden Fällen - auf der sozialwissenschaftlichen Makroebene und in der
systemtheoretischen Abstraktion - gerät der konkrete Mensch in seiner
lebensweltlich geprägten Selbst- und Fremdwahrnehmung als Individuum
und als Teil eines sozialen Gefüges von Mit-Menschen leicht zum Appendix
nichtmenschlicher Dynamiken. Was für die Anthropologie gilt, lässt sich
auch im Blick auf die Globalisierungsdiskussion sagen: Die Erfahrung der
Differenz von Alltagswahrnehmung und wissenschaftlicher Theorie der
eine solche Unterscheidung schon jetzt ignorierbar, wie insbesondere im Bereich der
Computerspiele deutlich wird.
123
Globalisierung bestärkt vorhandene Ohnmachtserfahrungen. Diese entstehen ohnehin alltäglich aufgrund von Unübersichtlichkeit und linearkausalen Vereinfachungen, d. h. Rückführungen von Fremdbestimmung auf
globale Zwänge, egal, ob diese nun der Rechtfertigung des eigenen Fatalismus oder der Legitimation unbequemer Entscheidungen vor Anderen dienen. Die Akkumulation solcher Erfahrungen und die Assoziation von Globalisierung mit naiven oder theoretisch reflektierten Systembegriffen führen
zur alltäglichen Einschätzung von Globalisierung als Bedrohung. Sie führen
ferner zum Gegenüber von gefährlichem, bösem System und gefährdeter,
guter Lebenswelt.
Vorzuziehen ist m. E. ein Globalisierungsbegriff, der Motive und Formen
des Denkens und Handelns und damit anthropologische Ursprünge dessen
wiedergibt, was im Geflecht der Globalisierungsdebatten leicht terminologisch überlagert wird. Ferner hat m. E. der Begriff der „Glokalisierung“,
wie er ähnlich von Roland Robertson 8 vertreten wird, einen großen heuristischen Wert. „Glokalisierung“ bedeutet demnach „globale Lokalisierung“. 9
Ich möchte den Begriffsgebrauch erweitern auf den Zirkel einer Globalisierung des Lokalen und einer Lokalisierung des Globalen. Was materiell um
den Globus transportiert oder kommunikativ multipliziert wird, hat eine
Verortung und wird global wirksam nur durch Aktualisierung neuer Verortungen.
Anthropologische Verschiedenheiten, unabhängig davon, ob sie der Persönlichkeit, dem sozialen Milieu, der zeitgenössischen Mentalität oder der Kultur zugerechnet werden, gehören zu den Merkmalen des Lokalen, das seinen
Gang um die Welt antritt, aber auch zu den Merkmalen lokaler Rezeptionsbedingungen für global Kursierendes. Deutlich ist wohl, dass die Verbindungen, die dabei rings um den Globus soziale Räume entstehen lassen,
transliminal sind, sich also nicht an die traditionellen sozial sanktionierten
Begrenzungen halten, sondern diese unterwandern, durchdringen, vernetzen
oder gar überlagern. Der ungeheure Differenzierungsschub, die Kontingenz-
8
9
Vgl. Roland Robertson, Glokalisierung: Homogenität und Heterogenität in Raum und
Zeit, in: Perspektiven der Weltgesellschaft, hrsg. v. Ulrich Beck, Frankfurt a.M. 1998, S.
192-220.
Roland Robertson, a.a.O., S. 197.
124
steigerung, die durch die Globalisierung des vielfältigen Lokalen und durch
die ebenso vielfältige Lokalisierung des Globalen, erreicht wird, führt gegenüber traditionellen, gewohnten, heimischen Differenzen zu anthropologischen Hybridbildungen oder Melange-Effekten, die in der Übergangsphase
immer noch dominierender lokaler Traditionen Irritationen auf beiden
Seiten auslösen, Identitätsfragen und -krisen, bisweilen Abwehrreaktionen,
aber auch zu verschiedenartigsten Anpassungsleistungen, Assimilations- und
Akkomodationsvorgängen10 , die auf neue Balancen zielen.
3.
Der Mensch als Objekt von Globalisierung
Inwiefern sind Menschen mit ihren Differenzierungs- und Integrationsfähigkeiten im Prozess der Globalisierung Veränderungen unterworfen? Ich
konzentriere mich hier im Wesentlichen auf eine biographische Verteilung
der Bedingungen differenzierender und integrativer Anpassungsleistungen
oder der Lebensweltgestaltung. Im Hinblick auf ökonomische Leistungserwartungen differenziert sich die menschliche Biographie nach den physischen und psychischen, insbesondere kognitiven, zunehmend aber auch
emotionalen Ressourcen, die aufgrund physisch-konstitutioneller Entwicklung und erworbenen Kompetenzen erst ab einem bestimmten Alter und
eine bestimmte Zeit lang nutzbar erscheinen. Die Fragmentierung von traditionellen Berufsbildern, die andauernde Umgestaltung von Erwartungsprofilen und die Ausweichtendenzen, die ein „Kapitalismus ohne Arbeit und
Steuern“11 erforderlich macht, führt zur Verschiebung der Kernkompetenzen, die erworben werden müssen. Der Abschied von der Wissensvermittlung, aus der sich dann alles weitere von selbst ergab, die absehbare Reduk-
10 Aus systemtheoretischer Sicht verändert (differenziert) ein System immer sich selbst und
bewirkt in der Umwelt nachvollziehbar bestenfalls die Verstärkung oder Verringerung von
Irritationen des Systems. Piagets Begriffe der „Assimilation“ und der „Akkomodation“ bezeichnen in ihrer systemtheoretischen Anwendung demnach das Zuschreiben einer Verringerung von Störungen aus der Umwelt zu einer Differenzbildung im System (Akkomodation) oder zu einem Verzicht darauf (Assimilation). Entweder erfolgt also die Verringerung der Störeinflüsse durch Veränderung des Systems selbst oder durch Veränderung der
Umwelt, wobei letztere nur dadurch erschlossen werden kann, dass keine Differenzbildung
des Systems selbst als Ursache dafür namhaft gemacht wird bzw. werden kann.
11 Vgl. Ulrich Beck , a.a.O., S. 20.
125
tion auf Kommunikationsfähigkeit in Form von Kenntnissen in Sprachen,
Datenverarbeitung und Kommunikationstechnologie, sowie die Trends zur
Akzentuierung der Methoden- und Sozialkompetenz bedeuten pädagogisch
zugleich eine Entlastung der Curricula und eine Verlagerung des konkreten
Wissenserwerbs auf ein lebenslanges Lernen. Dass Lernen in der Regel nicht
lebenslang auf gleichem Niveau erfolgen kann, versteht sich nicht nur aus
motivationstheoretischen Gründen, sondern auch aufgrund schwindender
oder anders beanspruchter persönlicher Ressourcen.
Veranschlagt man nun zusätzlich die Faktoren der Beschleunigung von
Transport und Kommunikation und der permanent innovativen Medialisierung, dann wird deutlich, dass sich hier unter dem Druck von Vorgängen,
die wir im Kontext der Globalisierung aufgedeckt haben, ein tiefgreifender
Wandel des Menschenbildes vollzieht. Auf der einen Seite wird die primäre
Lernphase in der Kindheit beziehungsweise Jugend verlängert und damit die
Differenz von Kindern und Erwachsenen in einem wesentlichen Punkt in
Frage gestellt. Auf der anderen Seite bewirkt die Beschleunigung, dass erworbene Kompetenzen immer schneller ausgedient haben, dass die Jüngeren, bisweilen die Kinder oder Jugendlichen, also diejenigen, die den technischen Fortschritt schneller adaptieren können, ökonomische Vorteile gegenüber Älteren erwerben, mehr noch, dass sie in verschiedenen Lebensbereichen über diejenigen Qualitäten verfügen, die bisher Status und Rollen
von Erwachsenen ausgezeichnet haben.
Die unter technischen und ökonomischen Gesichtspunkten erfolgende Reduktion des Menschen auf ein immer kürzeres und vorgezogenes Leistungsoptimum erfordert Kompensation, d. h. private Sinnstiftungen jenseits von
Arbeit und Wissen mit kurzer Halbwertszeit. Der Markt der Möglichkeiten
zu solcher Sinnstiftung boomt. Genannt seien etwa die kritikresistenten
Paradoxa der öffentlichen „Esoterik“ und die Tourismusbranche, die mit
ihren kompensatorischen Glücksverheißungen mittlerweile zu den größten
Wirtschaftsbranchen überhaupt gehört - mit steigender Tendenz. Die medial
vervielfältigten, global vernetzten und ins Virtuelle gesteigerten Kommunikationsmöglichkeiten lassen die traditionelle Flucht vor äußerem Druck in
die soziale Nähe lokal Anwesender als eine Option unter vielen und eine
Wiederbelebung von Verwandtschafts- oder Nachbarschaftsbeziehungen
von daher kaum als Mehrheitstrend plausibel erscheinen. Die Integrations126
leistungen innerhalb der Weltgesellschaft und ihrer Optionen werden entsprechend immer mehr dem Einzelnen zugemutet und darüber hinaus von
zunehmend professionalisierten, ökonomisch motivierten Dienstleistern
angeboten.
Was in lebensweltlicher Perspektive aufgrund von Unübersichtlichkeit noch
in der Ambivalenz von Chance und Risiko, von Herausforderung und Gefahr erscheint, wird bei Auswirkungen auf die Grundlagen von Arbeit und
die Beherrschung von Technik als Heteronomie erlebt. Heteronomie aber,
solange sie nicht totalitär wird, schließt persönliche Entscheidungen nicht
aus, sondern ein. Gerade wo der Mensch als Objekt - z. B. von Globalisierungsprozessen - erscheint, ist er als Subjekt gefordert. Angesichts der unendlichen Pluralisierung von Möglichkeiten und angesichts der Halbwertszeit von Know-how gerät diese Anforderung allerdings absehbar zur Überforderung. Aggressive Reaktionen und Symptombildungen infolge von
Stress und Sinnlosigkeit vor dem Hintergrund sozialer Desintegration bzw.
fragmentierter sozialer Integration werden zunehmend eine der Herausforderungen für den Einzelnen wie für die Gesellschaft und nicht rein rechtlich
zu lösen sein. Dass neben ökonomisch motivierten Angeboten, die der Logik des wirtschaftlichen Subsystems von Gesellschaft folgen, auch gemeinschaftsorientierte Lösungen eine Rolle spielen, die also multifunktional und
eher strukturell integriert sind, ist wahrscheinlich. Die traditionellen Organisationen, deren subtiles Ziel die Herstellung und Bewahrung von Nähe,
und deren erklärter Zweck oft nur Mittel zum Zweck ist, sind allerdings zu
statisch, nicht differenzierungsfähig genug, um den flüchtigen Kombinationen von Interessen wirklich gerecht werden zu können. Auch an diesem
Punkt einer vermeintlichen Lösung des Überforderungsproblems sind wir
also auf die Integrationsfähigkeit des Einzelnen verwiesen, der als Subjekt in
einer Welt gefordert ist, in der selbst Integrationsleistungen weitere Differenzierung provozieren. In systemtheoretischer Perspektive schließlich wird
das reflexive Bewusstsein des Einzelnen durch Veränderungen in seiner
Umwelt bestenfalls irritiert. Irritation ist für das Bewusstsein die Chance,
sich mit weiteren Differenzierungsleistungen dem anzunähern, was eigentlich vor sich geht.
127
4.
Der Mensch als Subjekt von Globalisierung
Inwiefern steuern Menschen mit ihrer Differenzierungs- und Integrationsfähigkeit den Prozess der Globalisierung? Oder, um es pathetischer zu formulieren: Ist der Mensch noch Herr seiner Welt oder zumindest seiner selbst?
Die systemtheoretische Beschreibung von autopoietischen Funktionssystemen wie Wirtschaft, Politik, Religion, Recht etc. als Subsystemen von Gesellschaft, liefert einen plausiblen Hintergrund für das Phänomen, dass konsequente Unterwerfung von Individuen und Organisationen unter eine
dieser codierten Gesetzmäßigkeiten Erfolg in Gestalt des entsprechenden
generalisierten Kommunikationsmediums verspricht - z. B. Geld im Wirtschaftssystem, Macht in der Politik usw. Darüber hinaus trägt jede Kommunikation, die einem Systemcode zugeordnet werden kann, zur Erhaltung
dieses Funktionssystems bei. Damit leistet jeder von uns - mehr oder weniger effizient - seinen Beitrag zur Erhaltung einer kommunikativ hergestellten Weltgesellschaft und ihrer Subsysteme. Ob der eigene Beitrag als Affirmation oder Negation intendiert ist, ist dabei allerdings relativ gleichgültig,
solange nicht die Negierung z. B. von Zahlungsbereitschaft oder -fähigkeit
massenhaft auftritt oder gar überwiegt, solange auch nicht das generalisierte
Kommunikationsmedium, z. B. Geld, durch alternative, nach anderen Gesetzmäßigkeiten verteilte und damit unverrechenbare Austauschmedien
substituiert wird. Beides würde in diesem Falle das Wirtschaftssystem in
seiner Unterscheidungsfunktion in Frage stellen. Das heißt aber: Von Ausnahmefällen abgesehen, die in der Regel gesellschaftlich negativ sanktioniert
werden, ist die Partizipation an der Funktion eines solchen Systems eher
unfreiwillig. Handeln oder Kommunikation erfolgt hier gerade nicht aus der
Position des Subjekts, was in traditionellen, nicht systemtheoretischen Modellen kaum zu denken ist, allenfalls in Ansätzen mit dem marxistischen
Terminus der „Entfremdung“.
In Modellen, die der Alltagserfahrung näher stehen, erscheint Globalität oft
als Unübersichtlichkeit und Ohnmacht, also als subjektiv empfundene
Überforderung der individuellen Wahrnehmungs- und Handlungsressourcen. Als Lösungen bieten sich an: die Komplexität der Globalisierungsdynamiken auf Stammtischniveau zu reduzieren, um die Selbstwahrnehmung
als souveränes Subjekt aufrechterhalten zu können, oder aber: die offen128
sichtliche Begrenzung eigener, individueller Ressourcen durch Projektion
des Subjektstatus auf beliebige Kollektive zu überwinden, denen dann hinreichender Überblick und hinreichende Handlungsmacht zugeschrieben
wird, um als korporative Subjekte gelten zu können. Beides sind m. E. Illusionen. Dennoch erschließt sich aus der vorhergehenden anthropologischen
Betrachtung eine Möglichkeit, den Subjektstatus des Einzelnen aufrechtzuerhalten.
Wir hatten festgestellt, dass sich die Ströme der Globalisierung aus lokalen
Quellen speisen und in lokale Fahrwasser münden. In den Horizonten des
wie auch immer medial konstituierten Lokalen, der Lebenswelt also, lassen
sich mit einigem heuristischen Wert anthropologische Modelle anwenden,
die den Menschen als Subjekt erscheinen lassen. Der Einzelne wie das Kollektiv leisten selbst einen Beitrag zur lokalen Differenzierung als Aktualisierung des Globalen. Der Horizont individueller und kollektiver Optionen ist begrenzt, aber als prinzipiell zu verlagernder, zu überschreitender,
oder aber offener reflektierbar. Die Begrenztheit des Einzelnen auf seinen
Möglichkeitshorizont ist nicht grundsätzlich überwindbar, wohl aber die
konkrete Begrenzung als temporär, lokal, soziokulturell und persönlichkeitsbedingt identifizierbar und damit als kontingent erfahrbar. Damit behalten Modelle des Menschen als Subjekt ihre Berechtigung, wenngleich sie
angesichts von Unübersichtlichkeits- und Ohnmachtserfahrungen dringend
systeminterner Rekonstruktionen bedürfen.
5.
Zusammenfassung
Globalisierung erscheint anthropologisch bereits in universalen Geltungsansprüchen des Denkens und in expansivem Handeln angelegt beziehungsweise in den zahlreichen Motivationen für beides. Infolge der technischen Entwicklung von Verkehrsmitteln und Kommunikationsmedien wird eine
enorme Beschleunigung menschlichen Wahrnehmens und Handelns ermöglicht, in der Folge eine Aufwertung medial vermittelter Räume gegenüber
den durch leibliche Präsenz bestimmten Räumen, und in alledem eine höhere Frequenz und größere Kontingenz von Variationen und Selektionen
erreicht. All das stellt traditionelle Standards in Frage und begünstigt
129
Grenzüberschreitungen und Hybridbildungen in allen Bereichen menschlichen Lebens, deren gedankliche und kommunikative Verarbeitung die Ressourcen von individuellem Bewusstsein und Wissenschaftsprogrammen
bisher überfordert.
130
Umbrüche in einer Region.
Auswirkungen von internationalen Investitionen im
Weserbergland auf die Lebenswelten 1
Barbara Ketelhut
Die Differenz zwischen Einkommen aus Unternehmertätigkeit und aus
abhängiger Beschäftigung hat sich in den letzten Jahren zunehmend vergrößert 2 , und es ist damit zu rechnen, dass die derzeitige Massenerwerbslosigkeit in naher Zukunft eines der größten sozialen Probleme in der Bundesrepublik Deutschland bleiben wird. Diese dunkle Prognose gründet sich auf
unsere Beobachtung, wonach die ökonomischen Strategien, die zumeist eher
undifferenziert mit der Bezeichnung Globalisierung gefasst werden, wie z.
B. das Primat der Konkurrenz der Unternehmen am Markt (vgl. Gerhard
Schröder und Tony Blair 1999), Vorrang vor den Bedürfnissen und Nöten
der noch und nicht mehr Beschäftigten haben. Dennoch sind bisher die
konkreten sozialen, ökonomischen und kulturellen Probleme der Beschäftigten und gegebenenfalls ihrer Angehörigen kaum aus subjektwissenschaftlicher Perspektive erforscht worden.
1
2
Die MitarbeiterInnen des Projekts „Auswirkungen von internationalen Investitionen im
Weserbergland auf die Lebenswelten", das im April 1999 begann, sind Uwe Brinkmann
und Gerhard Köhler vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA), Gertraud Goldbach und Barbara Ketelhut von der Evangelischen Fachhochschule Hannover (EFH), partiell haben Studierende und der wissenschaftliche Mitarbeiter Klaus-Peter Meyer-Bendrat
der EFH mitgearbeitet. Die Veröffentlichung des Abschlussberichtes ist für 2002 geplant.
So sind z. B. die Reallöhne der abhängig Beschäftigten in Deutschland 1998 (gegenüber dem
Vorjahr) im Durchschnitt de facto um 1,75% netto gestiegen, während die Einkommen aus
Unternehmertätigkeit und/oder Vermögen bei durchschnittlich 8% netto liegen. (Vgl. die
Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) in: „DIE ZEIT“ vom 22.12.1998, S.
19.)
131
1.
Zum Praxisforschungsprojekt
Gerade an dieser sozialwissenschaftlichen Leerstelle wollen wir mit unserem
Praxisforschungsprojekt, einer Kooperation zwischen dem Kirchlichen
Dienst in der Arbeitswelt (KDA) Hameln und der Evangelischen Fachhochschule Hannover (EFH), ansetzen. Wir wollen die genannten Auswirkungen auf ehemalige Beschäftigte und die potenziell von Erwerbslosigkeit Betroffenen untersuchen. Wir beschränken uns dabei auf die Region Weserbergland. Denn gerade die ökonomischen Entwicklungen im Bereich des
produzierenden Gewerbes im Weserbergland verdeutlichen die Auswirkungen eines zunehmend weniger staatlich regulierten Marktes im Umbruch.
Aufgrund immer wieder erneuter internationaler Fusionen werden aus den
regional angesiedelten, ehemals relativ autonomen mittleren Familienbetrieben Produktionsstätten, die der Regie häufig wechselnder internationaler
Konzernleitungen untergeordnet werden. Damit einher geht eine im bundesrepublikanischen Vergleich erhöhte Erwerbslosigkeit.
Wir möchten der ökonomisch orientierten Globalisierungsdebatte ein lebensweltbezogenes Bild sozialer Auswirkungen entgegenstellen. Wir gehen
davon aus, Handlungsalternativen für AkteurInnen aus unterschiedlichen
Interessensbereichen zu eruieren, z. B. für die VertreterInnen der Kirche,
staatlicher sozialer Einrichtungen, für die Betroffenen. In Anlehnung an das
Konzept der Glokalisierung (vgl. Zygmunt Bauman 1996) arbeiten wir mit
Hilfe qualitativer Methoden der empirischen Sozialforschung Zusammenhänge zwischen Lebenswelten, Veränderungen in regionalen Strukturen und
internationalen Investitionen heraus. 3
Sehr allgemein gesehen fragen wir nach den Gestaltungsmöglichkeiten von
Globalisierungsprozessen an der Basis der Beschäftigten, aber auch der
3
Im Sommer 2000 haben wir mit Hilfe leitfadengestützter Interviews 22 Befragungen mit
Beschäftigten in acht verschiedenen Betrieben des produzierenden Gewerbes im Weserbergland durchgeführt. Wir haben diese Befragungen durch ExpertInneninterviews mit
VertreterInnen der Personalleitung der Betriebe, mit ArbeitnehmerInnen- und ArbeitgeberInnenvertretern und KommunalpolitikerInnen ergänzt.
132
Kommunalpolitik, der Gewerkschaften und der Kirchen. Obwohl es für uns
auf den ersten Blick so ausgesehen hat, als würde die gesamte Region den
steten Entlassungen nichts entgegensetzen, haben erste Ergebnisse unserer
Studie gezeigt, dass es nicht nur Proteste, sondern auch engagierte Ansätze
innerhalb von Betrieben und in Bezug auf die Region gegeben hat, wobei
historisch neue Allianzen entstanden sind, wenn z. B. der Betriebsrat und
die Personalleitung eines Unternehmens ein alternatives Arbeitszeitmodell
entwickelt und zusammen mit einem Teil der Belegschaft praktiziert haben,
um so Arbeitslose einstellen zu können. Trotz quantitativ kleiner Erfolge
(im Vergleich zu breiten Entlassungen) hat sich gezeigt, dass die alten Formen der Solidarisierung von Beschäftigten nicht mehr greifen. Im Kontext
unserer qualitativen Befragungen suchen wir nach Möglichkeiten, wirksame
Formen von Solidarität zu entwickeln. Wir orientieren uns dabei an dem
Begriff der organischen Solidarität (vgl. Emile Durkheim 1988; Rainer Zoll
2000). Mit diesem Begriff rückte Emile Durkheim Ende des 19. Jahrhunderts
die Entwicklung der Individuen (im Gegensatz zur mechanischen Solidarität 4 ) ebenso in den Vordergrund wie die Einheit einer Gruppe oder Gesellschaft, die sich über Arbeitsteilung herstellt. Letzteres aber setzt zudem
voraus, dass diese Gruppe an einer gemeinsamen Aufgabe beteiligt ist, indem
die einzelnen Gruppenmitglieder unterschiedliche Tätigkeiten bei der Lösung dieser Aufgabe wahrnehmen. Mit diesem Begriff der organischen Solidarität können wir das aktuelle Problem erfassen, dass sich die Einzelnen in
ihren Persönlichkeiten voneinander unterscheiden und abgrenzen, zugleich
aber z. B. vor der gemeinsamen Aufgabe stehen, sich als Belegschaft für den
Erhalt aller Arbeitsplätze einzusetzen, auch wenn darin eine Person nicht
(oder nicht sicher) von Entlassung bedroht ist. Vor diesem Problem standen
gewerkschaftliche Auseinandersetzungen historisch immer wieder, wenn
auch nicht in dem Ausmaß, wie es sich heute aufgrund fortschreitender
Individualisierung darstellt. Entscheidend ist in der Definition der organischen Solidarität der Verweis von Durkheim auf die Arbeitsteilung im Zu4
Für Durkheim (1988) hat Solidarität begrifflich zwei Seiten, eine mechanische, die sich
über Ähnlichkeiten herstellt und eine organische, die es den Beteiligten möglich macht, ihre Unterschiede produktiv für die Gemeinschaft zu nutzen. Aus heutiger Perspektive
könnte die Arbeiterbewegung, die sich aufgrund einer ähnlich schlechten materiellen Lage
ihrer Mitglieder für Lohnerhöhungen eingesetzt hat, als ein Beispiel für eine eher mechanische Solidarität gesehen werden.
133
sammenhang mit der Persönlichkeit. Formen organischer Solidarität setzen
voraus, dass sich die einzelnen als GestalterInnen einer Aufgabe sehen, und
dass sie dies bewusst tun. 5
Gerade die derzeitigen politischen und ökonomischen Prozesse stehen aber
der Entwicklung von neuen Formen organischer Solidarität vehement entgegen. Besonders deutlich zeigt sich dies auf drei Ebenen:
1. Indem die weltweite Ausbreitung kapitalistischer, also monetärer Interessen in den Vordergrund der ökonomischen und/oder politischen Zielformulierung gestellt wird (vgl. z. B. Gerhard Schröder und Tony Blair 1999),
bleiben die Lebenswelten von Erwerbstätigen, also abhängig Beschäftigten
und Erwerbslosen, weitgehend ausgeblendet oder werden in einem anderen
Zusammenhang, z. B. im Bündnis für Arbeit, diskutiert (vgl. Dieter Plehwe
und Bernhard Walpen 1999), so dass die Gestaltungsräume breiter Teile der
Gesellschaftsmitglieder nicht vorgesehen sind, sondern erst mühsam geschaffen werden müssen.
2. Die europäischen und globalen Zusammenschlüsse von Unternehmen
erschweren die Benennung von Akteuren auf Seiten der Unternehmen (vgl.
Zygmunt Bauman 1999).
3. Durch ein nationale Grenzen überschreitendes und zudem schnell wechselndes Management ist es Konzernleitungen kaum noch möglich, auf regionale Belange der Beschäftigten einzugehen. 6
Von unseren InterviewpartnerInnen wollen wir nun erfahren, wo und wie
sie sich im Kontext der ökonomischen Entwicklungen in ihrer Region verorten. Mit welchen Problemen müssen sie sich in ihrem Alltag auseinander-
5
6
Anders als Rainer Zoll (2000) lesen wir den Vorschlag von Emile Durkheim (1988) nicht
überwiegend als moralische Anforderung, sondern als eine an den Erfahrungen der Individuen (insbesondere im Kontext der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung) orientierte Perspektive, die es uns im Kontext unserer Studie ermöglicht, individuelle und gesellschaftliche Entwicklungen zugleich in Betracht zu ziehen.
Wir knüpfen hier an einen mündlichen Bericht eines Betriebsrates aus der Region Weserbergland in einem unserer Seminare im Januar 2000 an der Evangelischen Fachhochschule
Hannover an.
134
setzen? Schließlich gehen wir davon aus, dass ihre konkreten Probleme, z.
B. der materiellen Sicherung und der individuellen Planung, aber auch ihre
Ängste und Wünsche, den öffentlichen Diskursen entgegenstehen.
2.
Benennung durch Entnennung: Globalisierung
Um die Antworten unserer InterviewpartnerInnen verstehen und im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang verorten zu können, gehen wir kurz
auf populäre und wissenschaftliche Vorstellungen von Globalisierung ein.
Über den öffentlichen Diskurs (in den Medien) wird immer wieder versucht, ein populäres Einverständnis zu bestimmten politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen herzustellen, indem viele soziale Probleme
entweder nicht benannt oder in einen Kontext gestellt werden, der direkte
Problemlösungen für die Betroffenen behindert. Der Bezeichnung Globalisierung kommt hierbei eine strategische hegemoniale Funktion zu, da sie
sich durch stete Präsenz und Wiederholung einer klaren Definition zu entziehen sucht. Zwar existiert keine allgemein verbindliche Definition, aber in
kritischen Publikationen, in denen versucht wird, die mit der Globalisierung einhergehenden ökonomischen Entwicklungen in Bezug auf ihre sozialen Auswirkungen hin zu analysieren, lassen sich Gemeinsamkeiten finden.
So definiert das Europäische Kairos-Dokument Globalisierung als: „TransNationalisierung des Kapitals, vor allem in den Bereichen Finanzen, Wirtschaft und Kommunikation, mit der Folge weitgehender Unabhängigkeit
von nationalstaatlichen demokratischen Rahmenbedingungen und Steuerungen.“ (1998, 50) Für Hans-Jürgen Burchardt (1996) erfasst Globalisierung
weltweite „Strukturveränderungen in den achtziger und neunziger Jahren“.
Dazu gehören für ihn „die Expansion des Welthandels“, „die relative Bedeutungszunahme transnationaler Unternehmen“, „der Zusammenbruch der
staatssozialistischen Systeme“ und „das Wachstum des internationalen Finanzwesens“ (ebd., 741).
Doch die genannten Veränderungen sind zum Teil qualitativ nicht neu,
schließlich gehört es zum Charakteristikum des Kapitalismus, sich auszudehnen und neue Märkte zu erschließen, wo immer sie gefunden werden
können (vgl. Elmar Altvater und Birgit Mahnkopf 1997). Indem dieser Pro135
zess aber einen neuen Namen erhält, kommen traditionelle kritische Analyseergebnisse in den Geschichtsbüchern kaum noch vor. Auch auf diese Weise gelingt es, ein neues Einverständnis mit einem vermeintlich qualitativ
neuen Prozess herzustellen, dem es sich je individuell anzupassen gilt. Neu
an den Prozessen der internationalen Zusammenschlüsse von Firmen ist
allerdings das Tempo, in dem immer wieder Besitzverhältnisse an Produktionsmitteln verändert werden, und neu in Bezug auf die letzten zehn Jahre
sind auch die geographischen Möglichkeiten der Ausdehnung und Verschiebung von Produktionsstätten. Das zeigt sich besonders in einer so traditionell ausgerichteten Region wie dem Weserbergland.
3.
Das Weserbergland
Mit den Veränderungen der Besitzverhältnisse an Produktionsmitteln verändern sich auch die arbeitspolitischen Kooperationsformen im Weserbergland: Entscheidungsträger kommen immer mehr aus anderen sozialen und
kulturellen Umfeldern und durchbrechen die informellen regionalen Strukturen und Beziehungen zwischen Kommunen, Unternehmen und Beschäftigten. Mit dem Leiter eines ortsansässigen Familienbetriebes sind Kommunalpolitiker und Gewerkschaftler, so versichert uns ein Betriebsrat, leichter
ins Gespräch gekommen, konnten an Versprechen erinnern und an Verantwortung gemahnen. In den letzten Jahren ist dies aufgrund von internationalen Fusionen und Übernahmen zunehmend weniger möglich geworden, und zugleich hat sich im Vergleich zu anderen Regionen in den alten
Bundesländern im Weserbergland 7 (mit einer Arbeitslosenquote von über
10% in den Jahren 1998 und 1999) eine überproportional hohe Arbeitslosigkeit manifestiert. Während in den letzten Jahren die Beschäftigtenzahlen im
produzierenden Gewerbe zurückgehen, lassen sich nur im Dienstleistungsbereich Stellenzuwächse ausmachen. Bemerkenswert ist, dass die Internatio-
7
Die in diesem Kapitel angeführten Daten stammen aus Unterlagen der Bundesanstalt für
Arbeit: Arbeitsamt Hameln 1999.
136
nalisierung der Region im produzierenden Gewerbe parallel zum Ausbau
der Touristikbranche verläuft.
Einige Gruppen sind überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen: Sowohl die Arbeitslosenquote der jungen Menschen unter 30 ist mit 20 % sehr
hoch als auch die der älteren Erwerbstätigen ab 55 mit ca. 25 %. Für die
ersteren wird der Einstieg erschwert, für die letzteren ergeben sich wenig
Chancen einer Neueinstellung. Fast 14 % der Arbeitslosen sind MigrantInnen, Frauen sind insgesamt zu 12 % von Arbeitslosigkeit betroffen. Besonders auffällig ist der hohe Anteil von Frauen (93,8 % im Jahr 1998) an den
Teilzeitarbeitenden. Der Grad der quantitativen Ausgrenzungen bestimmter
Gruppen aus dem Erwerbsleben erleuchtet die gesamtgesellschaftlichen
Ungleichheiten in Bezug auf Alter, ethnischer Herkunft und Geschlecht.
Die Frage nach der Reproduktion von Geschlechterverhältnissen, die Benachteiligung von MigrantInnen, von alten und jungen Erwerbstätigen im
neoliberalen globalen Kapitalismus verweisen zudem auf eine Schnittstelle
von Arbeits- und Lebenswelt, von Kulturen und Ökonomie. Wie sehen
Erwerbsarbeit, Zusammenlebensformen und Arbeitsteilungen im Kontext
von Kindererziehung und Haushalt für deutsche Frauen und wie jeweils für
Migrantinnen aus? Vor welchen Problemen stehen Frauen, alte und junge
Menschen insgesamt, welche Lösungsmöglichkeiten ergreifen sie und welche
Auswirkungen hat das auf ihre individuellen Entwicklungs- und gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten? Wie könnten Formen von organischer
Solidarität zwischen so unterschiedlichen Gruppen Benachteiligter auf dem
Arbeitsmarkt aussehen?
4.
Dominanzkultur
Interdependenzen zwischen Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Freizeit und
Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe geraten im Prozess der Naturalisierung von Globalisierung ganz nebenbei aus dem Blick. So fragt z. B.
kaum jemand nach dem Familienleben von erwerbstätigen Müttern, wenn
sie geographisch mobil sein sollen, um ihren Erwerbsarbeitsplatz zu erhalten, und sich zugleich für die bestmöglichen Entwicklungschancen ihrer
137
Kinder einsetzen sollen, denen in der Regel ein spontaner Wechsel an eine
Schule in einem anderen Ort nicht dienlich ist. Indem kein expliziter Akteur mehr für die gesellschaftlichen Entwicklungen auszumachen ist, entsteht eine Kultur, in der es wenige Globalisierungsgewinner und viele GlobalisierungsverliererInnen gibt. Die Interdependenzen zwischen Alltag und
Wirtschaft drohen auf verschiedenen Ebenen der Diskussion aus dem Blickfeld sozialwissenschaftlicher Analysen zu geraten.
4.1 Alltägliche Lebenswelten
Und dies gelingt, obwohl nur die Subjekte selbst Auskunft darüber geben
können, wie es ihnen in diesen Verhältnissen ergeht, wie z. B. einerseits die
Erwerbsarbeit die Möglichkeiten im Familienleben mitbestimmt und andererseits die Gestaltung des Familienlebens nach außen wirkt. Dazu ist es
notwendig, vom konkreten Leben, vom Alltag der Einzelnen auszugehen.
Über die alltägliche Lebenswelt bestimmen sich die gesellschaftliche Verortung der Einzelnen und damit die Grenzen und Möglichkeiten ihrer Handlungen. Hans Thiersch (1992) präzisiert sein Konzept der alltäglichen Lebenswelt: Sie muss gesehen werden in der Spannung von Gegebenem und
Möglichem, Aktuellem und Potenziellem, Vorhandenem und Aufgegebenem. Immer wieder neu ausgehandelt werden muss das Selbstverständliche
im Alltag. „Alltäglichkeit ist geprägt durch die Lebensgeschichte der Menschen, durch ihre Erfahrungen, ihre in ihnen gesicherten Kompetenzen, ihre
Erwartungen, Hoffnungen und Traumatisierungen. - Alltäglichkeit ist ebenso bestimmt durch die Vorgaben der gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen der Pluralisierung und Individualisierung und der ungleichen Verteilung von Lebensressourcen, wie sie unsere Zwei-Drittel/Ein-DrittelGesellschaft charakterisiert.“ (Ebd. 1992, 47) Thiersch macht somit den
Vorschlag, genauer zu analysieren, was, wie, zu wessen Lasten selbstverständlich wird, und formuliert einen Eingriffspunkt, an dem diese Selbstverständlichkeit hinterfragt werden kann - den Alltag.
138
4.2 Kultur
Doch wie können wir uns den Mechanismen und Widersprüchen in den
besonderen Lagen der Beschäftigten in ihrem Arbeitsalltag und in ihrem
sozialen Kontext auch außerhalb der Erwerbsarbeit annähern? Und wie
können wir die Interdependenzen zwischen diesen beiden Bereichen erfassen? Gesucht ist ein Begriff, der es ermöglicht, die unterschiedlichsten hierarchischen Verhältnisse in ihrer je konkreten Ausprägung zu analysieren.
Wir sehen in einem weitreichenden Kulturbegriff eine Möglichkeit, die
Entwicklungen in allen gesellschaftlichen Bereichen zu erfassen. Gemäß
einer Definition des Deutschen Gewerkschaftsbundes ist Kultur die Art und
Weise, „wie der Mensch lebt und arbeitet.“ (Wolfgang F. Haug 1980, 6)
Darin können sowohl die Differenzen verschiedener Ethnien Berücksichtigung finden als auch der Alltag von Menschen insgesamt, ihre Arbeitsweisen
ebenso wie ihre Sichtweisen. Wenn es darum geht, diese Kultur zu verändern, dann kann es nach Antonio Gramsci nicht nur darum gehen, „individuell 'neuartige' Entdeckungen zu machen, es bedeutet auch und besonders,
bereits entdeckte Wahrheiten ... sozusagen zu 'vergesellschaften', sie lebenswichtigen Handlungen als Elemente der Koordinierung und geistigmoralischen Ordnung zugrunde zu legen.“ (1967, 131) Dies wiederum ist
nur denkbar als ein „langwieriger Lernprozess“ (Wolfgang F. Haug 1985,
164). Auf der einen Seite ist die kulturelle Ebene „für Vorgänge auf der politischen Bühne vorbereitend, tragend oder blockierend wirksam“, auf der
anderen Seite „können bewusste Eingriffe in die kulturelle Ebene nur in
politischer Perspektive entwickelt werden.“ (Ebd., 168) Politik und Kultur
hängen demnach eng zusammen, bestimmen sich wechselseitig und machen
es erforderlich, bei den Interessen der Menschen und bei ihrer aktiven Teilhabe anzusetzen.
4.3 Dominanz
Um die Vielfalt von Unterdrückungsformen ebenso erfassen zu können wie
die Differenzen der Individuen mit ihren „multiplen Identitäten“, schlägt
Birgit Rommelspacher (1995) den Begriff der „Dominanzkultur“ als theoretisches Werkzeug vor. Unsere „ganze Lebensweise, unsere Selbstinterpreta139
tion sowie die Bilder, die wir vom Anderen entwerfen, (sind) in Kategorien
der Über- und Unterordnung gefasst“ (ebd., 22). Schließlich seien alle gesellschaftlichen Bereiche von Dominanzkultur durchzogen.
Die Daten des Arbeitsamtsbezirkes Hameln (vgl. 3.) zeigen im Kontext der
Erwerbsarbeitslosigkeit wesentliche Züge dieser Dominanzverhältnisse in
Bezug auf Geschlecht, Alter und ethnische Herkunft statistisch nachweisbar
deutlich. Dominanzkultur stellt sich u. a. über Diskurse her, so können wir
in Anlehnung an Birgit Rommelspacher (1995) zusammenfassen. Dazu gehört aber nicht nur das Verschweigen struktureller Merkmale von GlobalisierungsverliererInnen, sondern auch die Einschränkungen ihrer „Artikulationsmöglichkeiten“. Letztere ergeben sich nicht aufgrund von Zwängen
oder gar Verboten, sondern aufgrund der Art der sprachlichen Angebote,
die aktuellen wirtschaftlichen Prozesse in Worte zu fassen und aufgrund der
Weise, welche Zusammenhänge in den Medien betont werden und welche
eben nicht. Denn anders als Herrschaft, die auf Repression beruht, basiert
Dominanz (nach Birgit Rommelspacher 1995) im Wesentlichen auf Zustimmung und wird über Normalität hergestellt, wozu eben auch das Leugnen von Ungleichheit gehört.
5.
Einschätzungen von Betroffenen
Somit fragen wir in unserer Studie u. a. danach, was, von wem als normal
und/oder selbstverständlich gesehen wird und was nicht. Um gegebenenfalls
neue Formen von Solidarstrukturen entwickeln zu können, ist es wichtig,
entsprechende Ansatzpunkte in den Vorstellungen der Erwerbstätigen herauszuarbeiten, die sowohl eine produktive Kritik als auch potenziellen Konsens erkennbar werden lassen. Da wir davon ausgehen, dass u. a. über die
politischen und medialen Diskurse versucht wird, die derzeitigen von Politik und Wirtschaft favorisierten Strategien der deregulierten und freien
Konkurrenz auf dem Weltmarkt durch eine breite, einverständliche Basis zu
legitimieren und zu unterstützen, haben wir Beschäftigte, von Arbeitslosigkeit Bedrohte und Arbeitslose einleitend nach ihrem Verständnis von Globalisierung gefragt. Erste Ergebnisse zeigen, dass die diskursive Strategie der
Benennung durch Entnennung von nationalen und internationalen Wirt140
schaftsprozessen durch die Bezeichnung Globalisierung, die inzwischen alle
kennen, aber nur Wirtschafts- und SozialwissenschaftlerInnen versuchen
näher zu bestimmen, bei den Befragten eine spontane Verwirrung hervorruft. Das verweist darauf, dass es den Einzelnen schwer fällt, globale und
lokale Strategien in ihren Zusammenhängen zu sehen. Dies stellt aber u. E.
eine Voraussetzung für eine klare Standpunktentwicklung (als Basis für
potentielle Solidarisierungsstrategien) dar.
5.1 „Vernichtung von Arbeitsplätzen“
Einige der Befragten betrachten ausschließlich nur eine Seite. So antwortet
eine 37jährige Befragte auf die Frage, was sie mit dem Begriff Globalisierung
verbindet: „Vernichtung von Arbeitsplätzen.“ Auf die Nachfrage nach
Auswirkungen von internationalen Zusammenschlüssen auf ihr eigenes
Leben oder ihren Alltag antwortet sie: „Mein Arbeitsplatz, würde ich sagen,
ist der Globalisierung zum Opfer gefallen, und ich stehe jetzt erst mal so
mehr oder weniger vor dem Nichts. Wie geht es weiter?“ Die Befragte verbindet die Probleme im Kontext von Globalisierung mit ihrer individuellen
Arbeitssituation und bewertet sie aufgrund ihres Arbeitsplatzverlustes negativ, wobei sie an dieser Stelle zugunsten der individuellen globale Aspekte
außen vor lässt.
Eine andere bezieht die Region in ihre Antworten mit ein: „Es sind hier
sehr viele Firmen von ausländischen Firmen gekauft worden, und wenn
man den Raum Hameln nimmt, dort ist es genauso. Ich denke, das ist sehr
gefährlich.“ Auch auf die Frage nach ihren persönlichen Erfahrungen antwortet sie relativ abstrakt: „Ich würde das so bezeichnen, wenn sich mehrere
Firmen zusammenschließen, hat das immer auch mit personellen Konsequenzen zu tun. Da ist immer irgendwas im Hinterkopf, wo jemand sagt:
'Ich muss Kosten sparen'. Wir haben das hier im Betrieb ja auch erlebt. ... Es
wurde alles ausgegliedert. Wir wurden immer kleiner gemacht, weil es um
Personalkosten ging, und das kann durchaus passieren, wenn mehrere Firmen sich zusammenschließen.“ Zum einen wird die Frage nach einem allgemeinen Verständnis von Globalisierung mit einer individuellen Erfahrung
beantwortet, wobei die Unternehmensstrategien der Kosteneinsparung
141
nicht hinterfragt, sondern zunächst als gegeben hingenommen werden. Zum
andern driften immer wieder die Antworten auf Fragen nach persönlichen
Erfahrungen in die Beschreibung allgemein angenommener Probleme, wenn
z. B. die Lebenslage von Familien mit Kindern im Allgemeinen angeführt
wird. Auch wenn die Befragten keine Kinder (mehr) zu versorgen haben,
wird die vermeintliche Situation von anderen antizipiert. Im Anschluss
daran stellt sich für uns die Frage, inwiefern es möglich sein kann, unter
Berücksichtigung nachfolgender Generationen alternative ökonomische
Strategien in die allgemeine Diskussion einzubringen. 8 Die eigene Lage allerdings konkret zu beschreiben und somit in ersten Ansätzen zu analysieren, fällt vielen besonders schwer. Zu groß ist für sie die Unsicherheit beim
Blick in die Zukunft, nachdem sie viele Jahre in einer bestimmten Firma
gearbeitet haben. Für uns stellt sich hier die Frage, inwiefern die jeweilige
Verschiebung vom Allgemeinen auf persönliche Zusammenhänge und umgekehrt von der Frage nach persönlichen Erfahrungen hin zu allgemeinen
Problemen dazu beiträgt, dass die Befragten auch negative Folgen internationaler Zusammenschlüsse akzeptieren können.
Ängste und Unsicherheiten aus den Aussagen der Einzelnen herauszufiltern,
Wege mit ihnen zu finden, die verschiedenen Ebenen auseinander zu halten
und so zunächst individuell bearbeitbar zu machen, wäre sowohl eine Aufgabe von Sozialarbeit als auch des KDA. Zugleich müsste vor allem aus
gewerkschaftlicher Perspektive mehr über gesamtwirtschaftliche Entwicklungen in einer Weise informiert werden, die die strukturellen Aspekte
hervorhebt, um gegen den Trend zur Individualisierung, wie er spätestens
durch das Arbeitsamt praktiziert wird, entgegen zu wirken (vgl. Renate
Schumak und Christian Schulz 2001). Gruppenbildungen können zu einem
Austausch über Verschiedenheit und Ähnlichkeit sozialer Lagen beitragen
als Voraussetzung für gegenseitige Unterstützungen. Andere Interviews mit
Erwerbslosen aus der Region zeigen, dass die Herausbildung von gegenseitigem Verständnis, gekoppelt mit Informationen über die Funktionsweisen
Institutionen, wie z. B. dem Sozialamt, ein unterstützendes Vorgehen erleichtern kann.
8
Auch in einer breit angelegten Studie in Frankreich verweisen Beschäftigte immer wieder
auf die Situation ihrer Kinder (vgl. Pierre Bourdieu u. a. 1997).
142
5.2 „Wobei wir eigentlich dankbar sein müssen“
Internationale Zusammenschlüsse von Firmen in der Region Weserbergland
werden von den befragten Erwerbstätigen in Bezug auf die eigene Situation
nicht ausschließlich negativ gesehen. Eine positive Konnotation findet sich,
wenn die Befragten gerade durch die Übernahme des Unternehmens, in dem
sie arbeiten, ihren Arbeitsplatz behalten können. „Wobei wir eigentlich
dankbar sein müssen, ... sonst wären wir ja schon nicht mehr auf dem
Markt, und ich müsste mir woanders einen Arbeitsplatz suchen.“ Doch
selbst Veränderungen in der eigenen Alltagsgestaltung, die sich durch die
Übernahme einer ausländischen Firmenleitung ergeben, geraten zunächst
aus dem Blick: „Es ist ja eigentlich alles so geblieben, nur der Besitzer hat
gewechselt. Die Arbeit ist geblieben, die Beschäftigung ist geblieben.“ Dass
sich in der Zeitverfügung aufgrund der neuen Unternehmensleitung doch
etwas geändert hat, wird erst auf explizite Nachfrage hin deutlich: „Die
Freizeit ist ein bisschen eingeschränkt, würde ich sagen.“ Im Vordergrund
steht verständlicherweise der Erhalt des Arbeitsplatzes. Doch wenn Beschäftigte nur noch diesen Erhalt sehen und vorhandene Nachteile gegenüber
vorher übersehen, können sie sich auch schwerlich für den Abbau von
Nachteilen einsetzen. Zugespitzt können wir festhalten: In Zeiten, in denen
es um einen Arbeitsplatz unter allen Umständen geht und für die Einzelnen
gehen muss, werden z. B. Arbeitsbedingungen nicht mehr hinterfragt. Damit ergibt sich ein weiteres Arbeitsfeld für gewerkschaftliche, sozialarbeiterische und diakonische Intervention, Missstände in den Arbeitsbedingungen
zu eruieren, anzusprechen und mit den Beschäftigten nach Abhilfe zu suchen.
Ein fast 60-jähriger Mann macht sich ganz andere Sorgen. Ihm geht es dabei
um die eigene Altersrente, obwohl er seinen Arbeitsplatz gerettet weiß.
Zugleich verbindet er, trotz Arbeitsplatzerhalt für sich, Globalisierung ganz
allgemein mit negativen Auswirkungen, ohne diese zu explizieren. Individuelle Ängste, Problemsichten und Bewertungen von Globalisierung finden
sich häufig merkwürdig verrückt in den Aussagen wieder, so dass eine Strategie, die zu einer solidarischen Basis führen kann, besonders sorgfältig die
Ebenen der Diskussion abstecken sollte. Ein weiterer Anknüpfungspunkt
hierfür könnte die Artikulation von Ungerechtigkeit sein.
143
5.3 „Wir wurden gehandelt wirklich wie Ware“
Immer wieder wird im Kontext von Entlassungen die Ungerechtigkeit gegenüber den Erwerbstätigen thematisiert: „Wir wurden gehandelt wirklich
wie Ware, wie Ware. Uns haben sie Stück um Stück weggezogen.“ Weder
die Lebenslagen der Erwerbstätigen noch ihre Leistungsfähigkeit - so müssen
Entlassene bitter feststellen - spielen eine Rolle bei Übernahmen von Unternehmen. Eine 42-jährige Frau (ehemalige Betriebsrätin), die zur Zeit der
Befragung bereits gekündigt ist, beschreibt die Ungerechtigkeit gegenüber
den ehemals Beschäftigten des Betriebes. Sie hält die Standortdebatte für eine
Problemverschiebung: Sind „wir wirklich so schlecht vom Standort
Deutschland? Wenn ich so meine Kollegen auf der Arbeit beobachtet habe jeder hat sein Bestes gegeben - hundertprozentige Arbeit muss auch Hundertprozent bezahlt werden. Da kann man nicht sagen, da machst du halt
mehr, da geht jetzt einer weg, so wie es sich bei uns zugetragen hat. Jeder
musste mehr arbeiten, und dann kommt es auch zu Fehlern, das ist nun mal
so, keiner ist fehlerfrei, in keiner Region.“ Implizit entlarvt die Interviewpartnerin einen Mythos der Leistungsideologie. Sie bemerkt, dass Leistung und Mehrarbeit keine Garantie dafür sind, nicht entlassen zu werden,
und stellt zugleich die gesamte Standortdebatte in Frage.
Andere hingegen sehen Gefahren für den Standort von Firmen in Deutschland, ein Argument, das auch immer wieder in den Medien diskutiert wird,
obwohl sich zeigen lässt, dass zwar die Lohnkosten in Deutschland höher
liegen als in anderen Ländern, so dass Unternehmen mit Standortverlegungen ins Ausland drohen. Berücksichtigt man aber die Stückkosten in diesen
Vergleichen, so wird oft deutlich, dass eine Verlegung der Produktionsstätte
oftmals nicht lohnt (vgl. Gerald Boxberger und Harald Klimenta 1998, 88
ff). Unsere Analysen im Weserbergland zeigen, dass beide Argumentationsstränge nicht falsch und nicht richtig sind. Produktionsstätten werden nicht
verlegt, um drohenden Verlusten zu entgehen, sondern um Konzernvorgaben oftmals in einer zweistelligen prozentualen Erhöhung der Gewinne
gegenüber dem Vorjahr gerecht zu werden. Nicht nur die Lohnstückkosten
spielen eine Rolle beim Standortwechsel, sondern vor allem staatliche Sub-
144
ventionen, wobei es unerheblich ist, von welchem Staat diese kommen. 9 In
diesem Verwirrspiele von Diskrepanzen zwischen Handlungen und Diskursen, partiell zutreffenden Begründungen sowie nicht eingehaltenen Versprechen von Unternehmen versuchen die abhängig Beschäftigten einen Weg in der Regel je für sich - zu finden. Globalisierung wird, so vermitteln viele
Antworten, zum Glücksspiel für Erwerbstätige. Mühsam versuchen sie in
Worte zu fassen, was sie empfinden, was ungerecht und was für sie nicht
nachvollziehbar ist. Dabei scheint die Standortdebatte, wie sie vor allem in
den Medien geführt wird, durchaus erfolgreich zu sein und liefert über die
Möglichkeit, sich mit der Nation zu identifizieren, ein Erklärungsmodell
dafür, sich selbst als ohnmächtig gegenüber Unternehmensstrategien zu
sehen, ohne überhaupt noch nach Gestaltungsmöglichkeiten zu fragen.
6.
Ein erstes Fazit
Eine Strategie, die dem hegemonialen Globalisierungsdiskurs, wie er von
VertreterInnen aus Wirtschaft, Politik und durch viele Medien reproduziert
wird, einen Counterpart, eine Gegenöffentlichkeit entgegensetzen will,
kann dies nur unter Einbeziehung der Vorstellungen, Ängste und Hoffnungen der Erwerbstätigen leisten. Wichtige Erklärungsmodelle finden sich in
der Identifikation einzelner mit der Nation, was eine Erörterung der damit
zusammenhängenden Möglichkeiten und Gefahren notwendig macht. Immer wieder thematisieren die Befragten die Lebenslagen der nachfolgenden
Generationen in einer Weise, die es ermöglicht, gesamtgesellschaftliche Zukunftsplanungen einzubeziehen. Am schwierigsten zu bewältigen scheint
die Reflexion der je eigenen spezifischen Lebenslage im Kontext von Veränderungen im Erwerbsleben. Gerade diese Haltung verbaut nicht nur den
Zugang zur Entwicklung konkreter Zukunftspläne, sondern verhindert im
Verzicht auf die Auseinandersetzung mit der individuell spezifischen auch
9
So ist ein Unternehmen von einem US-amerikanischen aufgekauft worden, und entgegen
anders lautenden Versprechen gegenüber den Beschäftigten ist die Produktion nach Polen
verlagert worden, wo mit staatlicher Hilfe eine ganz neue Fabrik erbaut worden ist. Während die Beschäftigten im Weserbergland, die fast alle entlassen worden sind (vgl. Betriebsrat AEG Niederspannungstechnik Hameln 2000), noch ihre Situation verarbeiten, ist bereits geplant, Teile der polnischen Fertigung weiter nach China zu verlagern.
145
die Analyse der allgemeinen Lage der Betroffenen im Kontext von Veränderungen am Arbeitsplatz. Die je besonderen Lebenslagen der Erwerbstätigen,
deren Verarbeitungsstrategien und die schwer durchschaubare Vernetzung
wirtschaftlicher Interessenslagen in Globalisierungsprozessen schaffen neue
Situationen der ungerechten Verteilung von Arbeit und Einkommen, die es
dringend notwendig machen, neue Formen von Widerstand zu erarbeiten.
Deutlich werden bereits einige Herausforderungen an Sozialwissenschaften,
Gewerkschaften, Kirche und Sozialarbeit sowie die Notwendigkeit ihrer
Kooperation untereinander. Es muss in Zukunft darum gehen, zwischen
den verschiedenen und ähnlichen Lebenslagen der Erwerbstätigen in einer
Weise zu vermitteln, dass kooperative Strukturen gestaltbar werden. Auf
der Basis einer breit empfundenen Ungerechtigkeit müssen Wege und Räume gefunden werden, die die Beteiligten in die Lage versetzen, sich gesellschaftspolitisch eingreifend für ihre Interessen einbringen zu können, um
alternative Durchsetzungsstrategien zu entwickeln. Folgen wir Durkheim in
seiner Konzeptionierung von organischer Solidarität, besteht eine vordringliche Aufgabe darin, die Subjekte auf allen Ebenen wieder als aktiv gestaltende, an Gesellschaft Partizipierende zu sehen und zugleich darin, gesamtgesellschaftliche Strategien wieder oder endlich einmal an die Lebenslagen der
Subjekte zurückzubinden - eine Herausforderung für Gewerkschaften, KDA
und Sozialarbeit.
Literatur
Altvater, Elmar und Birgit Mahnkopf 1997³: Grenzen der Globalisierung.
Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft. Münster
Arbeitsamt Hameln, 1999: Bundesanstalt für Arbeit. Arbeitsamt Hameln,
Information und Controlling. Jahresbericht 1999
Bauman, Zygmunt 1999: Die Fremden des Konsumzeitalters. In: Ders.:
Unbehagen in der Postmoderne. Hamburg, S. 66-83
146
Bauman, Zygmunt 1996: Glokalisierung oder Was für die einen Globalisierung, ist für die anderen Lokalisierung. In: Das Argument 217, S. 653664
Betriebsrat AEG Niederspannungstechnik Hameln (Hrsg.) 2000: Aufgekauft
und abserviert. Erfahrungen mit General Electric in Hameln. Hameln
Bourdieu, Pierre u. a. 1997: Das Elend der Welt. Konstanz
Boxberger, Gerald und Harald Klimenta 1998: Die 10 Globalisierungslügen.
Alternativen zur Allmacht des Marktes. München
Burchardt, Hans-Jürgen 1996: Die Globalisierungsthese - von der kritischen
Analyse zum politischen Opportunismus. In: Das Argument 217, S.
741-755
Durkheim, Emile 1988: Über soziale Arbeitsteilung. Frankfurt/M.
Europäisches Kairos-Dokument 1998: Für ein sozial gerechtes, lebensfreundliches und demokratisches Europa. Junge Kirche. Sonderdruck
Gramsci, Antonio 1967: Philosophie der Praxis. Hrsg. von Christian Riechers. Frankfurt/M.
Haug, Wolfgang F. 1980: Standpunkt und Perspektive materialistischer
Kulturtheorie. In: Ders. und Kaspar Maase (Hrsg.): Materialistische Kulturtheorie und Alltagskultur. Berlin, S. 6-27
Haug, Wolfgang F. 1985: Pluraler Marxismus 1. Beiträge zur politischen
Kultur. Berlin
Plehwe, Dieter und Bernhard Walpen 1999: Wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Produktionsweisen im Neoliberalismus. Beiträge der
Mont Pèlerin Society und marktradikale Think Tanks zur Hegemoniegewinnung und -erhaltung. In: PROKLA 115, S. 203-235
Rommelspacher, Birgit 1995: Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und
Macht. Berlin
147
Schröder, Gerhard und Tony Blair 1999: Der Weg nach vorne für Europas
Sozialdemokraten. Die Politik darf die Steuerungsfunktion der Märkte
nicht behindern. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2.8.1999, S.
10 (Dokumentation in Auszügen)
Schumak, Renate und Christian Schulz 2001: Arbeitslosigkeit - ein psychologisches Thema? In: Forum Kritische Psychologie 43, S. 59-76
Statistisches Bundesamt (Hg.) 1997: Datenreport 7. Zahlen, Fakten über die
Bundesrepublik Deutschland 1995/96. Bonn
Statistisches Bundesamt (Hg.) 2000: Datenreport 1999. Bonn
Thiersch, Hans 1992: Lebensweltorientierte soziale Arbeit. Weinheim
Zoll, Rainer 2000: Was ist Solidarität heute? Frankfurt/M.
148
Struktureffekte transnationaler Risikokommunikation:
Das Beispiel des BSE-Konflikts *
Klaus P. Japp
1.
Risikosoziologische Positionen
Der BSE-Konflikt bezieht sich zunächst auf den Ausbruch der Rinderseuche
selbst und zu einem späteren Zeitpunkt auf die Übertragbarkeit auf den Menschen (neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit - nvCJK). Der mutmaßliche Transport des BSE-Erregers durch Verfütterung von Tiermehl indiziert
einen ökologischen Störfall, der weltweite Beachtung findet. Insbesondere
wegen der britischen Geheimhaltungs- und später dann Blockadepolitik einerseits und wegen der Ungewissheiten bezüglich der Begrenzung weiterer
(Ausbreitungs-)Folgen der Seuche andererseits wird der BSE-Fall für lange
Jahre zu einer Art Dauerthema der politischen Öffentlichkeit 1 . Der Zusammenhang der Störfallpolitiken von englischer und deutscher Seite, sowie
von der Seite der Europäischen Kommission ist bis heute nur unzureichend
sozialwissenschaftlich aufgeklärt 2 .
*
1
2
Eine überarbeitete Fassung des Beitrags erscheint unter dem Titel „Struktureffekte öffentlicher Risikokommunikation auf Regulierungsregime. Zur Funktion von Nichtwissen im
BSE-Konflikt, in: Engel, Chr., Halfmann, J., Schulte, M. (Hrsg.), Wissen, Nichtwissen,
Unsicheres Wissen, Baden-Baden: Nomos 2002
Die Bedingungen für eine Generalisierung von ökologischem Nichtwissen können in der
öffentlichen Aufmerksamkeit für kollektive, oft schwer oder gar nicht beherrschbare Bedrohungsszenarien vermutet werden (Weingart 2001). Das Phänomen der 'Globalisierung'
in diesem Zusammenhang, also die Dramaturgie weltweiten öffentlichen Interesses, steigert
diesen Aspekt ins Unkalkulierbare, wenn man so will, konstituiert ihn aber nicht.
Siehe jetzt Dressel 2000.
149
Risikosoziologisch untersuchen wir für den BSE-Fall im Folgenden einige
Konzeptualisierungen, die sich auf Risikoregulierung, ökologisches Nichtwissen und öffentliche Beobachtungsverhältnisse dergestalt beziehen, dass
eine emergente, regulative Risikodynamik sichtbar wird 3 . Von dieser Dynamik wird angenommen, dass sie sich in der (Einheit der) Differenz von
Erfahrung (Kausalität) und Risikobereitschaft (Exploration) ausprägt. Diesem Verhältnis entspricht im Kontext ökologischer Regulierung die Differenzierung von Gefahrenabwehr (Preuß 1989) und Risikovorsorge (Ladeur
1995). Gefahrenabwehr rekurriert auf erfahrungsgestütztes Kausalwissen
über schädliche Ereignisse, Risikovorsorge setzt Kausalitäten kontingent
und operiert in einem mehr oder minder offenen Horizont schädlicher
Entscheidungsfolgen. Gefahrenabwehr unterhält ein quasi ignorantes Verhältnis zu ökologischem Nichtwissen, sie wartet, bis ein Ereignis kausal
aufgeklärt werden kann und vermeidet insofern die Risiken ungesicherter
Festlegungen. Diese Form der politischen Risikoaversion markiert folgendermaßen für lange Zeit die britische Position im BSE-Konflikt: Solange der
BSE-Komplex nicht kausal geklärt ist, sind alle politischen Maßnahmen, die
sich gegen die Interessen der britischen Rindfleischindustrie richten, illegitim 4 . Maßnahmen gegen die Ausbreitung von BSE werden nur im Umkreis
des Kausalfaktors Tiermehlverfütterung (Fütterungsverbot an Wiederkäuer
1988) und der Beseitigung sog. Risikomaterialien (Verbot 1989) für legitim
gehalten, ebenso wie die Tötung und Beseitigung nur der Tiere, die 'nachweislich' erkrankt sind. Risikovorsorge dagegen unterstellt immer den
schlechtest möglichen Fall und orientiert sich dementsprechend an kausal
nicht gesicherten Möglichkeiten des Schadenseintritts. Darin liegt eine Risikobereitschaft, die ökonomischen, technischen, aber auch ökologischen
Folgen von durchgriffsintensiven Präventivmaßnahmen in Kauf zu nehmen,
die im BSE-Konflikt durch die kontinentaleuropäische Position markiert
3
4
An dieser Stelle wird von einem emergenten Regime ausgegangen, weil von nationalstaatlicher Seite aus strategisches Verhalten unterstellt werden kann, auf der europäischsupranationalen Ebene aber gerade nicht. Auch die Europäische Kommission hat lange
Jahre schlicht die britischen Interessen verfolgt. Gleichwohl lassen sich Aggregateffekte –
wie wir noch zeigen werden - auf die europäische Regimeebene zurechnen und deshalb sind
sie emergent.
Dressel und Wynne (1999) führen diese Haltung auf eine 'empiristische Kultur' in britischer Wissenschaft und Politik zurück.
150
wird 5 : Bevor wir genau wissen, was es mit dem BSE-Komplex auf sich hat,
sorgen wir lieber für die Tötung aller (auch nur) verdächtigen Herden und
lassen kein britisches Rindfleisch auf die kontinentalen Märkte.
Generell ist festzustellen, dass es zum Themenkreis ökologisches Nichtwissen, generalisierte Risikokommunikation und Regulierung nur wenig
einschlägige Literatur gibt. Sie reduziert sich im Wesentlichen auf internationale Regulierungsforschung (O'Riordan/Wynne 1993): Dabei geht es
um die politische Behandlung als global identifizierter ökologischer Probleme und nicht um die Struktureffekte generalisierter Kommunikation 6 von
Nichtwissen. Der Stressfaktor wird an dieser Stelle jedoch nicht in mangelnder Kooperation oder diskrepanten nationalen Regulierungsstilen gesehen, sondern in den Auswirkungen der (im Prinzip globalen) Kopplung von
Politik, Massenmedien und öffentlicher Meinung auf störfallbezogene Wissensstrukturen 7 .
Zum BSE-Fall gibt es ebenfalls bisher nur wenig sozialwissenschaftliche
Literatur (s. aber Tacke (2000) und jetzt Dressel (2000)). In einer Arbeit von
Dressel und Wynne (1999) wird allerdings der britische Umgang mit den
kognitiven (d. h., den wissenschaftlichen) Unsicherheiten des BSE-Konflikts
als verankert in einer 'pragmatischen Kultur' und der kontinentaleuropäische (insb. deutsche) Umgang als verankert in einer 'idealistischen Kultur'
aufgefasst und dies dann als 'unproduktiver Konflikt' interpretiert. Genau
an dieser Stelle lässt sich vermuten, dass es sich nicht um einen 'unproduktiven Konflikt', sondern um eine nicht-intendierte 'Steigerung' des Verhältnisses von Risikoaversion und Risikobereitschaft (von exploitation und ex5
6
7
Diese Haltung wird von Dressel und Wynne (1999) als 'idealistische Kultur' bezeichnet.
'Generalisiert' ist kein glücklicher Terminus. Aber es soll eben nicht vorschnell auf 'Globalisierung' gesetzt werden, sondern eher auf das, was bei Giddens (1990) als 'disembedding'
notiert wird. 'Globalisierung' kommt hinzu.
Man könnte allenfalls sagen, dass nationale Regulierungsstile (gewöhnlich werden genannt:
Konsens, Konflikt, Autoritarismus, Korporatismus) einen je spezifischen (im Sinne einer
nationalstaatlichen 'Kultur') Umgang mit Nichtwissen indizieren. Auf die Ebene der Weltgesellschaft bezogen, müsste konsequenterweise angenommen werden, dass kausale und
explorative Präventionsstrategien einen emergenten Effekt bilden und weniger nationalstaatlich verteilte Reaktionen, die dann irgendwelche Aggregateffekte hervorbringen. Diese
Perspektive ergibt sich, wenn Differenzen nationalstaatlicher Regulierungsstile zugrunde
gelegt werden.
151
ploration: March/Olsen 1995: 184f.), um einen emergenten Struktureffekt
handelt. Der Begriff 'Steigerung' zielt auf den emergenten Effekt einer durch
kompakte Risikoaversion (auf dem Kontinent) ermöglichten partiellen Risikobereitschaft (in Großbritannien) 8 . Resultat sind durch Gefahrenabwehr
ermöglichte, durch Risikovorsorge aber strukturell begrenzte Beobachtungschancen - insbesondere von Übertragungswegen des BSE-Erregers auch
auf den Menschen und hier besonders die 'neue Variante' der CreutzfeldJakob-Krankheit betreffend. Ganz im Sinne von Aaron Wildavsky’s 'rule of
sacrifice' (1988) werden einige nvCJK-Betroffene hauptsächlich in Großbritannien geopfert, wohingegen das Komplettregime stabil bleibt. Dies kann
als emergenter Effekt eines Regulierungsregimes bezeichnet werden, das
gerade ohne Transparenz und Konsens operiert, denn das, was schließlich
dabei herausgekommen ist, wurde von niemandem so geplant. Das Lernpotential dieser Beobachtungschancen wäre durch bloße Risikovorsorge (Tötung aller Herden, in denen verdächtige Tiere entdeckt wurden oder womöglich überhaupt Tötung aller britischen Rinderherden) verborgen geblieben. Umgekehrt hätte die Position der bloßen Gefahrenabwehr (Beseitigung
nur der Tiere, die 'nachweislich' erkrankt sind) wegen des operativ ausgegrenzten Nichtwissens unkontrollierbare Auswirkungen haben können.
Dies wird übersehen, wenn man - wie Dressel und Wynne - auf Transparenz
(Konsens) zwischen nationalstaatlichen Regulierungsregimes abstellt (vgl.
auch Goethals et al. 1998). Transparenz und Konsens hätten entweder komplette Risikovorsorge mit der Folge ausfallender Beobachtungschancen hinsichtlich der Erregerdynamik impliziert oder den (unwahrscheinlichen) Fall
kompletter Gefahrenabwehr mit der Folge einer wahrscheinlichen Katastrophe 9 .
8
9
Ohne kontinentales Importverbot hätte die EU den an Fahrlässigkeit (nicht nur) grenzenden britischen Praktiken sicherlich nicht derart duldsam zugesehen.
Wie unwahrscheinlich 'Transparenz' unter den gegebenen Bedingungen gewesen wäre,
zeigen Dressel und Wynne (1999) selbst: „However there did arise just such a clash, as traditional UK approaches were forced to interact with, and confront, continental European
ones. Our argument is that this was a 'blind' clash leading to confusion, transboundary
bad-faith and more general mistrust precisely because those cultural features were cultural;
that is, because they were not reflected upon and deliberated, but implicit, un-selfconsciously held and embedded in commitments which were animated by human cultural
identifications“ (S. 18, Ms.).
152
Darüber hinaus rekurrieren die Autoren auf 'Kulturen', also auf normative
Bestände. Bezogen auf die funktionalen Besonderheiten von Nichtwissen
liefert Systemvertrauen den geeigneteren Bezugsrahmen. Es verweist auf die
Funktion der Massenmedien – und von daher auf die Kommunikation von
öffentlichen Meinungen. 'Kulturen' sind demgegenüber ein zu statisches
Konzept. Während Kulturen auf tradierte Normen und Werte verweisen,
hat man es im Falle eines durch öffentliche Kommunikation erzeugten Systemvertrauens mit Schemata der öffentlichen Meinung zu tun. Für diese ist
die Interaktion von Katastrophenschwellen und Nichtwissen (s.u.) relevant,
die maßgeblich vom schemaverwendenden Gedächtnis der Politik bestimmt
wird und weniger durch wie immer tief sitzende Kulturen. Andernfalls wäre
auch schwer zu erklären, wie es – gerade in Großbritannien – zu öffentlichem Systemmisstrauen kommen konnte, also gerade zur Diskontierung
von 'un-self-conscious, routinised, habitual taken-for-granted forms of practice'
(Dressel/Wynne 1999).
Im folgenden sollen einige für das Thema relevante Begriffe abgegrenzt werden. Diese Abgrenzung orientiert sich an dem Interesse, Argumente zu
spezifizieren, die den Zusammenhang zwischen generalisierter Kommunikation von ökologischem Nichtwissen und Strukturveränderungen in Präventionssemantiken und Störfallwissen, wie sie auch im BSE-Fall notiert werden können, aufklären können. Insofern auf Kommunikation rekurriert
wird und nicht auf davon unabhängige Realitäten, sind die Zentralbegriffe
dieser Argumentation in einem konstruktivistischen Kontext zu suchen.
Dies ist durchaus als Theorieentscheidung zu verstehen.
Demzufolge muss nach einem Gefahrenbegriff gesucht werden, der auf
kommunikative Konstruktion verweist und nicht auf einen 'realistischen'
Entdeckungszusammenhang objektiver Gefahren. Dieser würde ja gerade
das Moment des Nichtwissens verdecken und damit das öffentliche Moment
an Unsicherheit und potentiellem Misstrauen. Weiterhin ist nach einem
Begriff von Nichtwissen zu suchen, der in einem analogen Sinne auf operative Resultate von Erkenntnis generierender Kommunikation verweist und
nicht etwa schlicht auf übermäßige Komplexität einer externen Realität. Das
würde die eigentümliche Qualität unspezifizierbaren (nicht kompensierbaren) Nichtwissens, die vor allem im Zeitmodus, i.e. im nicht kompensierbaren, weil immer gegenwärtigen Operieren von Erkenntnis begründet liegt
153
und sich in zukünftigen, schwer zu spezifizierenden Bedrohungen äußert,
verdecken (Japp 1997a). Zudem wird ein Politikbegriff benötigt, der auf den
Umgang mit Gefahren und mit Nichtwissen abgestellt ist. Diese Anforderung verweist auf Risiko und nicht auf Rationalität, etwa der Interessenverfolgung, insofern diese das konstitutive Moment an politisch bearbeitetem
Nichtwissen und eben dem öffentlich wirksamen Moment an Unsicherheit
und potentiellem Misstrauen verdecken würde. Schließlich wird ein Begriff
der öffentlichen Meinung benötigt, der nicht auf die Meinungen von Individuen bezogen ist, sondern auf kommunikative Eigenwerte, verstanden als
Schemata, in denen öffentlich diskutiert wird. Dabei stellt die öffentliche
Meinung ein Medium dar, auf das Politik und Massenmedien schemabildend
zugreifen. Der in der Regulierungsforschung gängige Kulturbegriff verweist
demgegenüber in zu starkem Maße auf (eher problematische) 'normative
Integration' und minderbewertet die Funktion der öffentlichen Meinung als
Kopplung von Politik und Massenmedien. Schemata verweisen von sich aus
auf die kommunikative Dynamik der öffentlichen Meinung, deren 'Gedächtnis' sie strukturieren, indem sie auch Intransparenz und Dissens einschließen. Für die Entfaltung dieser Anforderungen werden die soziologische Systemtheorie (Luhmann 1992, 1992a-c, 1996, 1997, 2000) und die neoinstitutionalistische Theorie der organisierten Politik in Anspruch genommen (March/Olsen 1989, 1995).
Als Gegenfolie zu diesen risikosoziologischen Positionen dienen Konzeptionen aus dem Umkreis der 'reflexiven Modernisierung' (Beck 1986), die auf
dem Hintergrund eines realistischen Gefahrenbegriffs (Beck 1986/88) mit
einem Politikbegriff arbeiten, der auf 'rationale' Ziele verpflichtet werden
kann (Beck 1993, Habermas 1992, Offe 1989), mit einem Begriff von
Nichtwissen arbeiten, der gerade kein implizites Resultat kommunikativer
Operativität anzeigt (Beck, in: Beck/Giddens/Lash 1996) und auf diesem
Hintergrund eine Idee von öffentlicher Meinung verwenden, die auf 'vernünftige Resultate' angelegt ist (Habermas 1979/1992, Offe 1989). Während
hier versucht werden soll, operativ signifikante Begriffe von Nichtwissen
und Gefahrenkommunikation zu entfalten10 , handelt es sich bei den zitier-
10 So kann von einem 'disembedding' (Giddens 1990) lokaler Gefährdungen soziologisch erst
gesprochen werden, wenn lokalisierte technisch-ökologische Gefahren - unter dem selektiven Einfluss der Massenmedien - generell und/oder als generelle Gefahren kommuniziert
154
ten Konzepten eher um normativ inspirierte Theorien einer (zu schaffenden) 'Zivilgesellschaft' (vgl. zusammenfassend: Japp 2000: 78ff.).
2.
Wissen und Nichtwissen
Zu der Vorstellung, dass Kommunikation über Gefahren als Kommunikation von Nichtwissen aufgefasst werden könnte und man es daraufhin mit
(kontingenten) Zurechnungsprozessen zu tun bekommt, gibt es prinzipiell,
zwischengelagerte Konzepte also ausgenommen, zwei Theorien, zum einen
die von Ulrich Beck vertretene Theorie 'reflexiver Modernisierung' (Beck
1986/1988) und zum andern die von Niklas Luhmann vertretene konstruktivistische Systemtheorie (Luhmann 1997). Beck geht - trotz aller Zugeständnisse an das Moment der 'Konstruktion' - von einem realistischen Gefahrenbegriff aus (Adams 1995: 195), während Luhmann einen konstruktivistischen
Gefahrenbegriff ausgearbeitet hat, der von Zurechnungen abhängt11 . Ein
realistischer Gefahrenbegriff transformiert technisch-ökologische Risiken
durch Verweis auf Schadensentgrenzung (Kernenergie / Gentechnik),
Marktexpansion (Asbest / Bhopal) und Aggregationseffekte (Klima / Ressourcenübernutzung) in generalisierte Gefahren (Beck 1986/1988,
Beck/Giddens/Lash 1996). Die Folge besteht in einem wissenschaftspolitisch normativen Primat der 'ökologischen Frage' (Beck et al. 1996)12 . Die
Theorie 'reflexiver Modernisierung' teilt mit dem mainstream der soziologischen (Risiko-)Theorien (Clarke 1992, Hilgartner 1992, Renn 1992, Wildavsky 1995) die Prämisse, dass die Welt einerseits aus objektivierbaren
Sachverhalten bestehe, die letztlich allein der Wissenschaft zugänglich sind,
werden. Auch 'abstrakte Expertensysteme' erweisen sich erst als 'disembedding'-Faktoren
(Giddens), wenn die öffentliche Meinung sie in dieser Weise fixiert und sie einem Publikum als 'abstraktes System' nahe bringt. Aus diesem begrifflichen Kontext werden im folgenden drei signifikante Dimensionen herausgegriffen: Nichtwissen, Verantwortung und
Systemvertrauen sowie öffentliche Kommunikation.
11 Genau gesagt, von der kommunikativen Zurechnung auf Umwelt, während der Gegenbegriff des Risikos seine soziale Potenz aus der Zurechnung von Entscheidungsfolgen auf das
System (andere meinen: auf das Subjekt) bezieht (Luhmann 1990a/1991).
12 Die konstruktivistische Gegenposition ist von Luhmann (1986) als 'ökologische Kommunikation' eingeführt worden.
155
andererseits aber sinnhaft (nach-) konstruiert werde. Dieser 'halbierte Konstruktivismus' lebt von der eigentümlichen, aber auch eigentümlich resistenten Annahme, dass 'unabhängig' gegebene Sachverhalte (Gefahren/Risiken)
zugleich kontingenten Konstruktionsaktivitäten unterliegen. Man muss
dann nur noch herausfinden, welche Konstruktionen die Sachverhalte 'treffen'. „Aber welche gesellschaftliche Beobachtung der ökologischen Probleme ist die 'richtige'? Welche soziale Konstruktion der Probleme soll zwischen der Konstruktion und der Wirklichkeit der Probleme unterscheiden
können? Die Antwort ist: die Wissenschaft“ (van den Daele 1996: 422). Diese realistisch zu nennende Konzeption begünstigt auf der Seite des Nichtwissens in vielen Fällen eine normativ fundierte Sicht auf Manipulation vorhandenen Wissens oder Nichtwissenwollen erforschbaren Wissens (Beck in:
Beck/Giddens/Lash 1996)13 .
Dieser Unterstellung einer quasi konkurrenzfreien Beobachtbarkeit von
ökologischen Gefahren und ihren politischen Konsequenzen durch autoritativ geltende Wissenschaft soll nicht einfach die Gegenposition polykontexturaler Beobachtungsverhältnisse entgegengehalten werden14 . Vielmehr soll
hervorgehoben werden, dass die scheinbar externe Position der 'halbierten
Konstruktion' immer schon interne Operation der ökologischen Kommunikation ist, deren selbstgenerierte Eigenwerte wie Risikoaversion (eher Beck
1986, Jänicke 1986 u. a.) oder Risikobereitschaft (eher Wildavsky 1989, LaPorte 1981 u. a.) sie nur verstärkt, ohne das selbst, aufgrund der Unterstellung einer 'externen' Beobachterposition, noch sehen zu können15 . Auf
dieser Grundlage kann dann auch nicht mehr gesehen werden, dass die Zurechnung schädlicher Wirkungen auf sicher erkannte Ursachen oder auf den
unsicheren Risiko/Gefahren-Komplex eine auch anders mögliche (kontingente) Entscheidung darstellt und nicht etwa rationalen versus nichtrationalen Umgang mit autoritativ geltendem Wissen anzeigt (s. etwa Fowl-
13 Für den BSE-Konflikt kann man diese Argumentationslage bei Dressel (2000) einsehen.
14 Diese könnte etwa lauten: „Vielmehr ist jede Nachricht mittlerweile eine, die von einer
anderen Stelle aus als eine über ein mögliches Risiko thematisiert werden kann (...). Die
Vorstellung von der Kompossibilität der Funktionssysteme der Gesellschaft wird unter
hohen Druck gesetzt. Die darauf reagierende Semantik ist die einer Sich-selbst-gefährdendenGesellschaft“ (Fuchs 1992: 135, Herv.i.O.).
15 Dazu müsste diese Konzeption über den 'autologischen Schluss' verfügen können.
156
kes/Miller 1987). Dies schließlich hat Auswirkungen auf die Möglichkeiten
des verwendeten Begriffs von Nichtwissen. Dieser ist eigentlich nur als immer vorläufig ungelöstes Informationsproblem, als spezifisches Nichtwissen
im Kontext von Wissenschaft zu denken und andererseits im politischen
Kontext als Manipulation oder Nichtwissenwollen eigentlich vorhandenen
Wissens (Beck in: Beck/Giddens/Lash 1996, Dressel 2000). Der Gegenbegriff, unspezifisches Nichtwissen, kann von der Position eines halbierten
Konstruktivismus nicht, oder nur in der Form der 'beliebigen Konstruktion', erreicht werden16 .
Demgegenüber wird im Folgenden behauptet, dass die wissenschaftliche
Spezifikation von Nichtwissen in zunehmendem Maße durch Zurechnung
auf Risiko17 , d. h. auf offene Zukunft, entwertet wird und dass dies zugleich
den Gegenbegriff zu spezifischem Nichtwissen aufblendet: Spezifisches
Nichtwissen verweist als wissenschaftliches Problem auf die Gegenseite sicheren Wissens der Wissenschaft und als Risiko auf die Gegenseite unspezifischen Nichtwissens, auf das, was in der Gesellschaft als mögliche Katastrophe, bzw. als das, was man auf keinen Fall will (Rescher 1983), kommuniziert wird. Längst ist – neben unspezifischem Nichtwissen - auch spezifisches Nichtwissen aus der Nische wissenschaftlicher Problemlösungen heraus und in den Universalkontext riskanter Zeitbindungen eingetreten (Japp
1997a).
Im Zuge der Steigerung von Wissen stellt sich Nichtwissen in Form wissensoperativ konstitutiver 'blinder Flecken' überproportional ein. Zum
Beispiel reißt das hypothetische Wissen über ökologisch riskante Tiermehlverfütterung noch weit größeres Nichtwissen im Hinblick auf Zeitfolgen
der Verbreitung, sachliche Alternativgenesen des Auslösesyndroms und der
Verbreitung sowie soziale Betroffenheitsverteilungen. Und dies geht irreduzibel so weiter. In einem radikalen Sinn wird der Horizont möglichen
16 Empirischer Indikator für spezifisches Nichtwissen ist partielle Zurückweisung von Wissensansprüchen (etwa Expertendissens). Im Falle unspezifischen Nichtwissens ist es die
komplette Zurückweisung von Wissensansprüchen, etwa in Gestalt eines bedingungslosen
Importverbotes versus bedingte Importrestriktionen für britisches Rindfleisch. Diese Indikatoren demonstrieren außerdem spezifisches und unspezifisches Nichtwissen als operative
Formen. Es geht nicht um beobachtbare Fakten.
17 Spezifikation erfolgt dann als Entscheidungsproblem.
157
Nichtwissens mit den kognitiven Operationen des Wissenserwerbs mitgezogen. In einem sehr grundsätzlichen Sinne geht es ohne Nichtwissen schon
deshalb nicht ab, weil jeder Wissenserwerb unterscheidungsabhängig erfolgt
und also das von der Unterscheidung nicht Erfasste ignoriert. Dies kann
durch eine spätere Erkenntnisoperation kompensiert werden, für die jedoch
dasselbe gilt (Luhmann 1992a). Diese Argumentation führt dazu, dass die
Grenze zwischen möglichem Erkenntnisgewinn und Risiko unscharf wird.
Denn nicht nur spezifiziertes Nichtwissen in seiner wissenschaftlichen
Form, sondern auch für sicher gehaltenes Wissen impliziert nun Risikobelastungen; zumindest dürfte das in der Mehrheit aller Fälle so sein. Man
kann das gerade an partiellen Negationen von Wissensansprüchen erkennen,
die ja Dissens im Hinblick auf mögliche 'Wahrheitsrisiken' dokumentieren.
Und gelegentlich wird die Seite zum gänzlich unspezifischen Nichtwissen
hin gewechselt, mit der Folge kompletter Negation von Wissensansprüchen
(s. Japp 1997a). So haben im Jahre 1989 nach 7.000 bekannt gewordenen
BSE-Fällen und als es noch nahezu kein gesichertes Wissen über den 'BSEErreger' und seine Übertragungswege gab, nacheinander die USA, Kanada,
Australien, Neuseeeland und Russland und parallel dazu die Europäische
Union Importverbote für britisches Rindfleisch verhängt. Das BSE-Risiko
wurde in diesen Staaten allgemein als unkalkulierbar bewertet und somit
komplett negiert. Erst durch diesen Operationszusammenhang wird unspezifisches, aber sozial gleichwohl anschlussfähiges Nichtwissen konstituiert.
In diesem Zusammenhang kann unterstellt werden, dass spezifiziertes
Nichtwissen (Kontingenzlimitation) allenfalls zu Risikoabwägungen führt,
während (prinzipiell) unspezifiziertes Nichtwissen (Kontingenzentgrenzung) zu katastrophischen Risikokonstruktionen führt, die kategorische
Vermeidungsimperative nach sich ziehen: 'das wollen wir auf gar keinen
Fall' (Perrow 1987, Rescher 1983). Man kann auch sagen: Unspezifisches
Nichtwissen wird kommunikativ real, wenn erreichbares Wissen komplett
zurückgewiesen wird, wenn also nicht ein kalkulierbares Risiko, sondern
eine unkalkulierbare Katastrophe befürchtet wird18 . Im Fall der Risikoabwägung ist kausale Gefahrenabwehr wahrscheinlich (britische Reaktion im
18 Klassisch wird dieser Fall durch die Gefahrenbeschreibung sozialer Bewegungen konstituiert (Douglas/Wildavsky 1983, Japp 1993).
158
BSE-Konflikt: bis zu schärferen europäischen Gesetzen werden nur 'nachweislich' BSE-erkrankte Tiere getötet, bzw. aus der Nahrungsmittelkette
genommen; principle of prevention); im Fall der Katastrophenperzeption ist
explorative Prävention vom Typus Risikovorsorge wahrscheinlich (kontinentaleuropäische Reaktion: alle Herden mit auch nur einem erkrankten
Tier werden komplett geschlachtet; precautionary principle). In der Literatur
findet sich das Argument, Gefahrenabwehr sei durch Risikovorsorge zu
ersetzen (z. B. Ladeur 1995). Die Entwicklung scheint aber eher auf die
komplexere Einheit der Differenz (Gefahrenabwehr/Risikovorsorge) selbst
– mit sicherlich wechselndem Schwerpunkt – zuzusteuern (Japp 1999/Wolf
1999). Ein Beleg für diese Entwicklung könnte sein, dass sich der manifeste
Konflikt zwischen britischer Gefahrenabwehr und kontinentaleuropäischer
Risikovorsorge (Differenz) als latentes transnationales Regime dokumentiert
(Einheit)19 .
Im BSE-Fall scheinen diese Bedingungen zuzutreffen20 : Die Betroffenen
(etwa die deutsche Öffentlichkeit) rechnen auf nichtspezifiziertes Nichtwissen zu und koppeln dieses mit Katastrophenrisiken ('dread risk': Perrow).
Die Entscheider (etwa die britische Politik) rechnen auf spezifiziertes
Nichtwissen zu und verbinden dieses mit pragmatischer Risikoabwägung.
Die einen investieren mehr, die andern weniger Vertrauen in die Kapazitäten wissenschaftlicher Unsicherheitsabsorption: 'derselbe Sachverhalt' und
verschiedene Beobachter. Dies sind zwei Fälle mit diametral versetzten Arten der Transformation von Nichtwissen in kollektiv bindende Entscheidungen der Politik. Die britische Position operiert auf einer wirtschaftlich
fundierten Katastrophenschwelle, die – zumindest anfänglich – die gesundheitlichen Risiken ignoriert und um der wirtschaftlichen Optionen willen
sich förmlich vom Fehlen eines relevanten ökologischen Risikos 'selbst
überzeugt' (Dressel 2000: 31). Davon will man nichts wissen. Die kontinentale Position operiert auf einer Katastrophenschwelle, die gerade das gesundheitliche Risiko unter allen Umständen zu vermeiden sucht: Davon
19 Die Untersuchung intendierter Kooperations- oder auch: Konfliktverhältnisse als das
konstitutive Merkmal transnationaler Regime (Zürn 1998) ist also – vorsichtig gesagt – eine
andere Forschungsoption (s.a. Ladeur 1987/1995).
20 Jedenfalls gilt dies für dessen erste Phase vom Ausbrechen der Seuche (1988) bis zum Zusammenbruch der defensiven britischen Position (1996).
159
will man gerade möglichst viel wissen. Die eine Position tendiert zur Gefahrenabwehr (principle of prevention), die andere zur Risikovorsorge (precautionary principle). Dabei geht es um die operative Konstruktion von kompletten Negationen entweder ökonomischer oder ökologischer Ansprüche, die
dann Manipulation oder Nichtwissenwollen eigentlich vorhandenen Wissens nach sich ziehen mögen, aber diese beiden Formen für die Hervorbringung von Nichtwissen gerade nicht zwingend voraussetzen. Der Umgang mit
unspezifischem Nichtwissen wird durch Katastrophenschwellen reguliert,
die bestimmen, was man unter keinen Umständen (wissen) will und wogegen man sich dann mit welchen Mitteln wendet (hochselektive Schlachtprogramme einerseits, komplette Importverbote andererseits). Daraus folgt,
dass auch die Differenz zwischen Erkenntnis- und Risikoperspektive keine
objektiven Sachverhalte repräsentiert, sondern operatives Resultat divergierender Beobachtungen ist. Diese scheinen im Gesamtkontext der europäischen BSE-Politik tatsächlich die Optionen der kausalen und der explorativen Prävention gleichzeitig und unabhängig voneinander zu realisieren, so
dass mit emergenten Effekten zu rechnen ist21 .
Wie aber kommt es überhaupt zu 'sicheren' Beobachteroptionen? Die Differenz von Wissen und Nichtwissen inspiriert zur Frage nach der Umsetzung
von Nichtwissen in kollektiv bindende Entscheidungen der Politik einerseits (4.) und zu der nach der Möglichkeit von handlungssicherndem Vertrauen im Medium der öffentlichen Meinung andererseits (5.). Denn ohne
dieses Vertrauen kommt es nicht zu kollektiv bindenden Entscheidungen
der Politik. Deren Eigenrisiko wäre zu groß (Luhmann 1996a).
21 Natürlich hängen diese Effekte mit der Verfolgung konkreter wirtschaftlicher Interessen
zusammen. Wenn man das europäische Störfallregime als Ganzes betrachtet, ist es dann aber eine Aggregation aus unterschiedlichen wirtschaftlichen Interessen oder ein Regime sui
generis? Easton (1965: 193) definiert ein Regime folgendermaßen: „The regime as sets of
constraints on political interaction (...) may be broken down into three components: values
(goals and principles), norms, and structure of authority."
160
3.
Politisches Vertrauen und Verantwortungsübernahme
Man kann vermuten, dass die Strukturen generalisierter Risikokommunikation gewissermaßen eine Enttrivialisierungsfunktion wahrnehmen, insofern
sie die Chancen kausaler und/oder personaler Simplifikation durch verallgemeinerte (eventuell: globalisierte) Dauerbeobachtung abmindern. Die
Generalisierung der Kommunikation von ökologischem Nichtwissen vermindert die Chancen, Systemvertrauen durch lokal verständliche (der 'Erfahrung' entsprechende) Vereinfachungen aufrecht erhalten zu können. An
den 'Störfällen' Bhopal, Tschernobyl und Challenger zeigt z. B. Ulrich
Beck, wie Trivialisierungen durch globale Beobachtung (gestützt auf die
Massenmedien) aufgegeben werden mussten (1988: 135f.). Andererseits zeigt
Clarke (1992), wie die 'rhetoric of human error' durch ebenfalls globale Wirtschaftsinteressen an den in großem Umfang durchgeführten Öltransporten
eine enttrivialisierende Politisierung von oil spills behindert. Immerhin
scheint der 'welt-öffentliche' Beobachtungsdruck aber die Ausdehnung der
gesetzlichen Haftungsrahmen für solche 'Unfälle' begünstigt zu haben (Japp
1997, v.d. Daele 1996). An diese Beobachtungen kann die Unterscheidung
zwischen konventionellem ('human error') und postkonventionellem Störfallwissen ('system error') angehängt werden.
Es zeichnet sich ab, dass in diesem Zusammenhang eine Umstellung in der
Präventionssemantik und im institutionalisierten Störfallwissen (Ladeur
1995, Morone/Woodhouse 1986, Wildavsky 1989) wahrscheinlich wird, die
von Einheit (erfahrungsgestützte oder sozial 'anschlussfähig' konstruierte
Kausalität) auf Differenz (Kausalität und Kontingenz, Gefahrenabwehr und
Risikovorsorge) abhebt22 . Paradigmatisch steht dafür die organisationsspezifische Anpassungsdifferenz von Ausbeutung bereits bekannten Wissens
und Entdecken neuen Wissens (March 1994, March/Olsen 1995)23 . Darüber
22 "Diese Herangehensweise könnte den durch die Abschwächung der Bedeutung des Kausalitätsmodells eingetretenen Orientierungsverlust möglicherweise durch die Einstellung auf
neue, nicht mehr hierarchisch konstruierte, auf Dauer angelegte abstrakt-generelle, sondern
heterarchische stochastisch-relationale Formen der flexiblen Ordnungsbildung durch Prozeduralisierung ablösen“ (Ladeur 1995: 233). Einfacher formuliert: Störfallregime werden
komplexer, sie unterliegen einer nicht-linearen Dynamik. Empirisch reservieren wir für die
Vollentwicklung dieser Einstellung eine 'zweite Phase' des BSE-Regimes (s. u.).
23 Im Original heißt es exploitation und exploration.
161
hinaus scheint eine derartige Umstellung gerade nicht einfacher Reflex auf
zunehmende Komplexität von technisch-ökologischen Zusammenhängen zu
sein, sondern mit der zunehmenden Bedeutung von (technisch-ökologischem) Nichtwissen zusammenzuhängen (Weick 1990). Dieses wiederum
mag lokal generiert werden, aber Struktureffekte im Kontext von technischökologischen Wissensbeständen gewinnt es erst durch generalisierte - massenmedial ermöglichte - Kommunikation von Nichtwissen: Erst dieser Vorgang (des disembedding: Giddens 1990) sorgt für die nötige, delokalisierte
Aufmerksamkeit, nicht die technisch-ökologische Ereigniskomplexität an
sich (so aber Beck 1986, 1988). Komplexitätsschübe unterliegen immer wieder lokalen Trivialisierungen, die kurz- bis mittelfristig Handlungssicherheit
gewährleisten (March 1994, March/Olsen 1989, 1995)24 . Erst lokal nicht
begrenzbarer (polykontexturaler) Beobachtungsdruck im Kontext einer
lokal nicht eingrenzbaren öffentlichen Meinung kann Trivialisierungen
sprengen und stellt so viel Unsicherheit her, dass weder auf Konsens noch
auf Wissen (also auch nicht auf 'Kultur') gebaut werden kann, sondern nur
auf Änderbarkeit in der Zukunft (Luhmann 1995, 1996a)25 . Im BSE-Konflikt
der ersten Phase scheint die britische Politik diesen wissenschaftlichen und
politischen, durch generalisierte, wenn nicht globale Kommunikation der
Massenmedien ausgeübten Beobachtungsdruck ignoriert zu haben und
musste schließlich entsprechende Verluste vor allem an politischem Systemvertrauen hinnehmen. Diese Bedingungen legen den Schluss nahe, dass öffentliche Beobachtung gleichsam den Erwartungsdruck auf politische Verantwortungsübernahme erhöht und dass die letztere eine besondere Rolle
bei der Konstruktion von Vertrauen spielt.
Das symbolische Kapital von Verantwortungsübernahme (für Sicherheit,
ohne dass man es genau wissen könnte) ermöglicht Vertrauen als Lösung für
das Problem immer problematischer, gleichwohl aber nötiger Stoppregeln
24 Also Anwendungsfälle für konventionelles Störfallwissen.
25 "Was immer kommuniziert wird, lässt sich in anderen Kommunikationszusammenhängen
anders kommunizieren, und es ist eben die sich mehr und mehr einregulierende Zugänglichkeit
zu verschiedenen Kommunikationszusammenhängen (Inklusion), die den möglichen Vergleich
von Beobachtungsmöglichkeiten und damit den möglichen Aufweis ihrer Kontingenz bereitstellt“ (Fuchs 1992: 19). Dass die weltweit operierenden Massenmedien an diesem 'disembedding' wesentlichen Anteil haben, bedarf wohl kaum der Erwähnung.
162
(Sicherheitserwartungen) der Informationssuche. Wenn es symbolischer
Kommunikation gelingt, Beobachter von der Identität von Sicherheit (dass
keine Fehler zu erwarten sind: Japp 1992), etwa von den in den 'Stand der
Veterinärwissenschaft' eingebauten Sicherheitserwartungen, zu überzeugen,
wenn also ein Referenzpunkt für Unsicherheitsabsorption durch Verantwortungsübernahme gegeben ist, ist auch Vertrauen wahrscheinlich26 . Allerdings ist dieses Vertrauen nicht bedingungslos. Der Ausfall substantiierter
Erfahrung und ihrer immer labilen Kompensation durch Verantwortungszurechnungen macht Vertrauen anfällig für Risikokommunikation. So hat es
während des BSE-Konflikts unterschiedliche, konfligierende Bewertungen
des 'Standes der Veterinärwissenschaft' gegeben (und gibt es nach wie vor).
Deshalb das (Zusatz-)Erfordernis von vertrauenkontrollierenden Suchprozessen nach Möglichkeiten weiterer Absicherung27 . Systemvertrauen wird
von der Kommunikation einer Differenz abhängig, im Kern der Differenz
zwischen Gefahrenabwehr und Risikovorsorge, und erreicht seinen vollständigen Ausdruck in der Einheit dieser Differenz, in der die Konditionen für ein
transnationales Regime gesehen werden können. Nationale Regime verkörpern
nur die je eine Seite28 .
4.
Systemvertrauen
Die Zentralvariable Systemvertrauen spielt in der Soziologie eine eher bescheidene Rolle. In den meisten Fällen geht es um institutionelles Vertrauen,
also um Vertrauen zu oder in Institutionen. Dies trifft nicht genau den hier
26 Gerade im 'Stand von Technik und Wissenschaft' ist ja politische, wissenschaftliche und rechtliche Verantwortungsübernahme impliziert. Sonst könnte dieser 'Stand' keine Wirksamkeit
etwa bei Haftungskonflikten oder Kauf- und Nutzungsentscheidungen entfalten. In quasi
rückwärtiger Lesart: Generalisiertes Vertrauen in die Sicherheit der Produktion ermöglicht
Entlastung von (etwa präventiven) Rationalitätszumutungen (Brunsson 1985, 1989, Japp 1997).
Dies wiederum generiert Beschleunigungseffekte der technischen Produktion und dies erhöht
prinzipiell die Wahrscheinlichkeit von Abweichungen vom Normalbetrieb (Störfälle) mit der
ebenso wahrscheinlichen Folge der Lokalisierung von Vertrauen und folglich begrenzten Operationsmöglichkeiten (zum Beispiel im Fall von BSE).
27 Im Prinzip: öffentlich deklarierte Forschung.
28 Wenn dies zutrifft, dann sind transnationale Regime, die auf Kooperation (i.e. Transparenz und
Konsens) beruhen (Zürn 1998) bereits sehr viel weiter entwickelte Systeme; deshalb ihre Unwahrscheinlichkeit!
163
gemeinten Sachverhalt, insofern von Vertrauen als Thema der öffentlichen
Kommunikation ausgegangen wird. Wie es zu Systemvertrauen in kommunikativen Beziehungen zwischen Systemen (Massenmedien und Öffentlichkeit / politische Regulierungsregimes) kommen kann, an dem Individuen
sich dann orientieren können, ist eine ganz andere Frage als die nach Vertrauensverhältnissen zwischen Individuen oder Gruppen und Institutionen
(zur Dominanz der letzteren Position s. etwa Barber 1983). Hier setzen
dann üblicherweise Messungen ein, die etwa die Variation des Rindfleischkonsums im fraglichen Zeitraum wiedergeben (minus 30 % des gesamten
Fleischkonsums in der BRD z. B.). Aber weiß man dann mehr über öffentliches Systemvertrauen oder über aggregierte Individualpräferenzen?
Die Frage, die hier im Mittelpunkt steht, bezieht sich vielmehr auf die konventionelle Vorstellung, dass Vertrauensverhältnisse eine bestimmte Wertorientierung der betroffenen Institution dokumentieren. Zum Beispiel definiert Kaufmann (1989/1992) institutionelles Vertrauen durch die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme für riskantes Entscheiden. Dies ist
sicherlich eine wichtige Variable, aber allein oder alles entscheidend kann sie
nicht sein, denn Institutionen, vor allem Organisationen, scheuen gerade die
Übernahme von Verantwortung, weil diese natürlich ein mehr oder minder
großes Risiko im Hinblick auf die Handlungsfolgen, d. h. Nichtwissen,
enthalten kann. Vertrauen muss also möglich sein unter Einbezug gerade
von Verantwortungsaversion. Man könnte geradezu sagen, dass jedenfalls
Systemvertrauen immer die ganze Differenz einschließt (Verantwortungsbereitschaft und Verantwortungsaversion), insofern es sich eben auf das System bezieht und nicht etwa auf einzelne Verantwortung suchende Personen
(personales Vertrauen)29 . Aber die Differenz muss eine Differenz gegenüber
bloß verantwortungslosem Handeln ausmachen: Es geht entschieden um
Verantwortung. Was demzufolge vorliegt, ist die Asymmetrisierung der Differenz von Verantwortung und Verantwortungsaversion zugunsten der Seite der Verantwortung, also ein re-entry, in der Sprache von Spencer-Brown
(1979) ein Wiedereintritt der Differenz in die Differenz. Darüber hinaus finden sich in dieser Beschreibung die bereits definierten Elemente von Systemvertrauen als Differenz wieder, in der Differenz von Verantwortung als
29 Wer würde schon glauben, dass ein soziales System sich an einem einzigen Wert orientiert?
164
Gefahrenabwehr und Verantwortungsaversion als Suche nach Alternativen,
die man im einzelnen noch nicht verantworten will.
Vertrauen als Handlungsgrundlage bei strukturellem Informationsdefizit ist
riskant30 . Vertrauen ist deshalb immer sicher (vertraut) und unsicher (unvertraut), es führt diese Differenz mit sich bei Asymmetrie zugunsten der
sicheren Seite. Das heißt, Vertrauen ist Wiedereintritt der Differenz von
sicher/unsicher auf der sicheren Seite. Die Vermutung ist deshalb, dass Wiedereintritte dieser Art, vor allem im Hinblick auf Gefahrenabwehr und Risikovorsorge, etwas mit Systemvertrauen zu tun haben (Japp 2000). Die Forschung definiert Vertrauen allerdings durch fairness (Wynne 1987), durch
constancy (LaPorte/Metlay 1996 et al.), durch Konsistenz (Bentele/Seeling
1996) oder durch Verantwortung (Kaufmann 1992). Alle diese Definitionen
solcher Wertorientierungen erfassen nicht das Risiko des Vertrauens. Sie optieren einseitig für die sichere Seite31 . Diese Bemerkung verweist noch einmal darauf, dass zumindest Systemvertrauen sich auf die ganze (jeweils gemeinte) Differenz bezieht – unter Präferenz für die die sichere, die vertraute
Seite. 'Es' braucht dann einen Wiedereintritt.
Die genannten Konzepte verfehlen das Moment des Unfairen, des Inkonstanten, des Inkonsistenten, des Verantwortungsaversen. Vertrauen kommt
nur unter Mitnahme dieser 'Schattenseiten' zustande, aber eben immer auch
durch Virtualisierung dieser Schattenseiten. Ohne diese wäre Vertrauen nur
Hoffnung oder Glaube – jedenfalls keine riskante Vorleistung, die der Absicherung durch offene Suchhorizonte bedarf. Wenn in diesem Zusammenhang jene Unterscheidung von Ausbeutung und Entdecken im genannten
Sinne zentral gestellt wird (March/Olsen 1995), kann Systemvertrauen als
derjenige Fall interpretiert werden, der durch den Wiedereintritt von Entdecken und Ausbeutung zugunsten von Ausbeutung (Redundanz) gegeben ist.
Der Wiedereintritt auf der Seite des Entdeckens würde auf Misstrauen ver-
30 "Wir können das Problem des Vertrauens nunmehr bestimmter fassen als Problem der
riskanten Vorleistung“ (Luhmann 1973: 23).
31 Dagegen muss gesehen werden: „Vertrauen ist letztlich immer unbegründbar: es kommt
durch Überziehen der vorhandenen Information zustande; es ist (...) eine Mischung aus
Wissen und Nichtwissen“ (Luhmann 1973: 26).
165
weisen, da die Suche nach Alternativen bevorzugt würde. Ohne Wiedereintritt käme es nur zu personalem, nicht zu Systemvertrauen.
Soweit es um Risiken geht, besteht das Resultat von Wiedereintrittsoperationen demnach in einer Konstruktion, die auf der Balance zwischen Ausbeutung als Risikoaversion und Entdecken als Risikobereitschaft beruht. Darin
liegt die Bedingung für die Zurechnung von Vertrauen (und implizit: von
Rationalität) auf riskante Entscheidungen (Japp 2000, Luhmann 1993). Und
vielleicht enthält diese Beschreibung die Antwort auf Perrows Frage, weshalb so viele mögliche Katastrophen in so wenige vergleichsweise geringfügige Störfälle münden. Die gilt auch, jedenfalls bis jetzt, für den BSE-Fall.
Die am exemplarischen Fall des BSE-Konflikts zu beantwortenden Fragen
können wie folgt zusammengefasst werden: Trifft es zu, dass politische Präventionsorientierungen unter der Bedingung des Drucks ökologischen
Nichtwissens seitens einer durch Massenmedien gestützten öffentlichen Meinung sowie ebenfalls öffentlichkeitswirksam als riskant erlebten Systemvertrauens von der Einheit erfahrungsgestützter oder sozial 'anschlussfähig'
konstruierter Kausalität auf die Differenz von Kausalität und Kontingenz
umgestellt werden (Steuerung und Kontrolle)? Dokumentiert sich dies in
der (Gleichzeitigkeit der) Differenz von politischer Verantwortungsübernahme und Vertrauen kontrollierenden Suchprozessen (Alternativenreflexion, Folgenkontrolle: explorative Prävention)? Ist es nicht mehr allein Effektsicherheit der Gefahrenabwehr (kausale containments), sondern auch
Risikovorsorge, die (selbst wieder kontingente) Prioritäten im Kontext dynamischer Präventionsoptionen in offenen Suchhorizonten setzt, die in dem
Maße wichtig werden, wie die einschlägige Kommunikation sich dem
Zugriff einer selbst unbegrenzten Öffentlichkeit nicht entziehen kann32 ?
32 Gefahrenabwehr allein reicht nicht mehr aus. Vorsorge (i. S. von Suchprozessen) tritt
hinzu. „Nicht nur die Bestimmung der Reichweite der Vorsorge im Verhältnis zur Gefahrenabwehr erzeugt neue Rechtsprobleme, auch die Ausdifferenzierung der Vorsorge
zwingt auf der Grundlage von notwendigerweise unvollständig bleibendem Teilwissen bei
gleichzeitig quantitativ zunehmender Vielfalt von Vorsorgeoptionen zur Vornahme von
Risikovergleichen und zur Schwerpunktsetzung“ (Ladeur 1995: 213). Und insbesondere in
diesem Zusammenhang scheint 'Verantwortlichkeit' ihre redundanz- i. e. vertrauenssichernde Funktion zu realisieren: „Principles of accountability tied to rules of appropriate
166
Entscheidend ist bei alledem die Frage, ob diese Tendenzen sich als emergente Störfallregime im Kontext generalisierter, immer häufiger globaler
Beobachtungsverhältnisse zusammenfassen lassen. Tragende Annahme ist
dabei, dass es nicht um kausal-präventive Gefahrenabwehr (Jänicke
1986/1992) oder um kontingenzbewusste Risikovorsorge (Ladeur 1995,
Preuß 1989) geht, sondern um die (Einheit der) Differenz dieser Optionen.
Diesbezüglich lässt sich entsprechender Forschungsbedarf konstatieren (Japp
1999), der sich letztlich auf die sozialen Formen des Zulassens von Kontingenz, Unsicherheit in normativer, Nichtwissen in kognitiver Hinsicht, bezieht. Die Vermutung geht dahin, dass diese Formen auf wiedereintrittsfähige Unterscheidungen, wie die von Gefahrenabwehr und Risikovorsorge, angewiesen sein werden. Darin kann dann 'Kontrolle' von Nichtwissen trotz
Intransparenz durch begrenzt risikobereites Beobachten gesehen werden –
im vorliegenden Falle von infizierten Rinderherden und den gesundheitlichen Folgen für die Menschen. Die Kontrollfrage dieser Überlegungen
müsste lauten: Welche Lernchancen hätte das europäische Regulierungsregime verspielt, wenn es allein auf selektionsarme Risikovorsorge (instantane
Schlachtung aller nur verdächtigen Herden) gesetzt hätte? Und welche Risiken wäre es eingegangen, wenn es allein auf selektionsscharfe Gefahrenabwehr (Schlachtung aller erwiesenermaßen infizierten Tiere) gesetzt hätte?
Man könnte auch sagen: Transparenz und Konsens reduzieren entweder zu
viele Beobachtungsoptionen oder erzeugen intolerable Risiken. Insoweit das
BSE-Regime intransparent und im Konflikt operiert hat, ist es zugleich mit
– demgegenüber – geringeren sozialen Kosten ausgekommen (s. Japp 2001).
5.
Öffentliche Kommunikation
Empirische Referenz für politisch relevantes Nichtwissen sind kommunikative Schemata im Medium öffentlicher Kommunikation. Dies hängt damit
zusammen, dass die politische Kommunikation nur im Medium der öffent-
behavior inhibit experimentation that might explore alternative possible rules“
(March/Olsen 1995: 207).
167
lichen Meinung herausfinden kann, welche Risiken eingegangen werden
können, ohne das Vertrauen des Publikums zu verlieren.
Eine erste Vermutung in diesem Kontext ist die, dass komplexe technischökologische Störfälle Komplementärfunktionen generieren, die elementar
risikoaverse Verantwortungsübernahme und risikopragmatische Beobachteroptionen (Alternativenreflexion / Suchprozesse) so aufeinander einspielen, dass Stoppregeln der Informationssuche und Vertrauen trotz fehlenden
oder uneindeutigen Erfahrungswissens möglich erscheinen33 . Grob formuliert, wird der Rekurs auf Erfahrung und Kausalität überlagert durch die
Differenz von strikter Risikoaversion (generalisiertes Importverbot) und
dadurch erst möglichen kontingenten Suchprozessen (etwa nach Infektionsund Übertragungswegen bei britischen Rindern), die gleichzeitig ablaufen. In
Worten der politischen Soziologie entspricht dem die Differenz von zentraler politischer Verantwortungsübernahme (für komplett negatorische Risikovorsorge) und dezentraler Vertrauenskontrolle (durch risikopragmatische, partial negatorische Beobachtungsoptionen). Kompakt formuliert,
geht es hier um die Möglichkeit kollektiven Lernens trotz Nichtwissens und
trotz heterogen verteilter Reaktionen auf dieses Nichtwissen.
Eine zweite Vermutung zielt auf regulative Emergenzeffekte. Von diesen
kann vermutet werden, dass sie durch strukturelle Kopplungen insbesondere
der Politik mit den Massenmedien im Medium der öffentlichen Meinung
gestützt werden. Unter Störfallregimen soll genau diese Art der strukturellen Kopplung verstanden werden. Dass die deutsche Politik ökologisch argumentierte und die englische Politik ökonomische Gesichtspunkte vorzuziehen schien, kann zwar auch je für sich (konventionell) als Interessenverfolgung verstanden werden. Aber darüber hinaus ist die Möglichkeit gegeben,
vor allem die eher wirtschaftlich motivierte, riskante Interessenverfolgung
im Nachhinein (Weick 1995) als vertretbar und anschlussfähig im Medium
33 Die umgekehrte Konstellation spielt sich ein, wenn ein Störfall wie BSE aufgrund fehlender
Verantwortungskonzentration die Kopplung von Stoppregeln und Vertrauen zugunsten von
vagabundierenden Risikooptionen unterminiert und ein Störfall wie BSE ausgelöst wird: „Es
fehlte eine klare Aufteilung der Zuständigkeiten, und es gab keine klare Zuweisung der Verantwortung für die zur Kennzeichnung von Fleisch- und Knochenmehl erforderlichen Vorschriften“ (Berichtsentwurf des 'Nichtständigen Untersuchungsausschusses für BSE' des Europäischen Parlaments vom 19.12.96: 21, Abschn. 12).
168
der öffentlichen Meinung zu identifizieren, weil es die Gegenposition der
präventiven Risikovorsorge gibt und diese die riskante Alternative jedenfalls
auf dem Kontinent – im Kontext öffentlicher Kommunikation - aushaltbar
macht. Diese Erwägung deutet noch einmal an, dass es wohl nicht um einen
'unproduktiven Konflikt' geht, sondern um einen emergenten Struktureffekt,
dem nur verteilte (konfligierende) Strategieoptionen entsprechen können,
die in der vergangenen Gegenwart des Regimes (dessen erster Phase) im
Konflikt sich befinden müssen. Darin – und nicht in differenten Regulierungskulturen – liegt dann der konzeptionelle Zugriff auf (wissenschaftlich
und politisch) in unterschiedlichem Maße begrenztes Nichtwissen (im vorliegenden Fall: spezifisch oder unspezifisch) und dessen je verschiedene,
vertrauengestützte 'Übernahme' in kollektiv bindendes Entscheiden.
Eine weitere Vermutung besteht darin, dass die Wissensdimensionierung des
Risikomanagements paradoxerweise wesentlich im Kontext von technischökologischem Nichtwissen (Risikowissen) zu finden ist34 . Es wird davon
ausgegangen, dass eine zunehmend wichtige politische Funktion darin besteht, dass nach einem nicht-trivialen Störfall die strategische, nämlich vertrauenskonstitutive Differenz zwischen Wissen und Nichtwissen öffentlichkeitswirksam verändert wird, also etwa Unsicherheitsabsorption durch
politische Verantwortungsübernahme generiert wird, so dass die 'Primärorganisationen' ihre Operationen nicht einstellen müssen (Kernenergie nutzende Unternehmen in der ganzen Welt, Pflanzenschutzmittelproduktion
in Bhopal/Indien und anderswo, Rinderzucht in Europa). Von politischem
Systemvertrauen in die technisch-kognitive Beherrschung technologischökologischer 'Kausalitäten' seitens einer 'öffentlichen Meinung' wird angenommen, dass es unter Bedingungen generaliserter oder gar globaler Handlungsketten besonders wichtig, aber auch besonders anfällig wird35 . Die
Politik ist dabei dem Stress genereller, prinzipiell globaler, nicht beherrschbarer Beobachtungskommunikation ausgesetzt.
34 Darunter soll ein Wissenstyp verstanden werden, der über Risiken informiert und zugleich
riskant ist, weil er nicht zuverlässig sein kann, modernes Expertenwissen eben (grundsätzlich hierzu Weinberg 1972).
35 "Während Vertrauen den Zeithorizont eines Systems ausweiten kann, zieht Vertrauensverlust ihn zusammen, und damit schrumpft die Komplexität und das Befriedigungspotential
des Systems“ (Luhmann 1973: 63).
169
Interessant ist der Zusammenhang von Massenmedien, politischer Öffentlichkeit und Systemvertrauen und weniger der Zusammenhang von nationalstaatlichen 'Kulturen' und darin 'begründetem' Systemvertrauen. Denn
selbst, wenn es diese Kulturen geben sollte, müssen sie doch irgendwie öffentlich kommuniziert werden, um politisch wirksam werden zu können.
Und dann werden sie der kommunikativen Dynamik der öffentlichen Meinung ausgesetzt. Brian Wynne (1999) bedauert jedenfalls die Heterogenität
dieser Kulturen und rechnet ihr die Kalamitäten des BSE-Konflikts zu –
ohne zu sehen, dass Heterogenität (Intransparenz) offenbar Vorteile gegenüber Homogenität hat – und wenn es nur die Evolutionsfähigkeit der Europapolitik in dieser Frage ist. Die Erzeugung von kollektiver Handlungsfähigkeit trotz - in einem paradoxen Sinne: durch - Nichtwissen erfolgt jedenfalls durch kommunikationsabhängige, aus einer wiedereintrittsfähigen
Unterscheidung resultierenden Formen der Verantwortungsübernahme und
des Systemvertrauens (Gefahrenabwehr / Risikovorsorge) und nicht durch
normative Integration ('Kultur'). Dabei spielt öffentlich inszenierte Verantwortungsübernahme sicher nur eine vordergründig sichtbare Rolle, ebenso
wichtig ist die 'Kehrseite' der öffentlich wirksamen Schuldzuweisungen, d.
h. des Anmahnens von Verantwortung auf der 'anderen Seite' – zusammengefasst: Die Risikooptionen der einen oder der anderen Seite implizieren
immer auch die ganze Differenz dieser Optionen und wahrscheinlich ist es
deren öffentliche Präsenz, die Systemvertrauen trotz Nichtwissen ermöglicht, wenn nicht generiert. Alles andere wäre nicht Systemvertrauen, sondern Vertrauen in 'verantwortungsbewusste' öffentliche Personen.
In diesem Zusammenhang ist davon auszugehen, dass die öffentliche Meinung durch die Massenmedien repräsentiert wird und nur anhand von
Kommunikation zu identifizieren ist. Öffentliche Meinung ist das, was aus
öffentlicher Kommunikation entsteht und für die Weiterverarbeitung in der
öffentlichen Kommunikation offeriert wird (vgl. Luhmann 2000: 274f).
Öffentliche Meinung wird in der Politik nicht als Garant für „Vernünftigkeit“ (so aber Habermas 1979: 280) oder Richtigkeit relevant, sondern bietet
dem politischen System lediglich ein Medium der Beobachtung zweiter
Ordnung, d. h. der Selbstreflexion. Die Funktion der öffentlichen Meinung
liegt somit nicht in der Herstellung bestimmter 'richtiger' Meinungen, sondern in der Etablierung von Schemata, in denen man diskutiert, was schließlich für die Funktion kollektiv bindenden Entscheidens akzeptiert werden
170
kann. Diese Schemata sind die Formen, die in der öffentlichen Meinung
erzeugt werden und selbst wieder zu beobachten sind (vgl. Luhmann 2000:
ebda., Gamson/Modigliani 1989). Sie konstituieren das Gedächtnis der öffentlichen Meinung - insofern treten sie an die Stelle von 'Kultur' - und sind
insofern spezifisch relevant für Expansion und Kontraktion der Differenz
von Vertrauen und Misstrauen. Es interessieren deshalb Schemata der öffentlichen Meinung, die konstitutiv sind für die öffentliche Kommunikation
von Vertrauen und gerade nicht individuelle Meinungen. Es stellt sich dann
die Frage, wie in der öffentlichen Meinung Vertrauen oder Misstrauen entstehen kann und wie dies mit der Produktion und Reproduktion von Schemata zusammenhängt.
Das Verhältnis zwischen Vertrauen und Verantwortung ist zirkulär. Einerseits ist für die Übernahme von Verantwortung das Vertrauen Dritter, für
die Verantwortung übernommen wird, erforderlich. Vertrauen kann als
'generalisierter Konsens' (i. S. v. Luhmann 1970) verstanden werden, insofern institutionalisierte Erwartungserwartungen Ungewissheit reduzieren
können. Andererseits ermöglicht Verantwortungsübernahme auch erst das
erforderliche Vertrauen, durch die Symbolisierung von Sicherheit und damit die Etablierung von schematisierten Stopp-Regeln der Informationssuche (vgl. Ladeur 1995: 148). Das Vertrauen in Institutionen setzt die gelingende Zurechnung von Verantwortung voraus; diese kann ihrerseits das
Vertrauen in Institutionen steigern. Von 'gelingender Zurechnung' soll aber
nur dann gesprochen werden, wenn die Verantwortungsübernahme die 'andere Seite' mitreflektiert, also z. B. Gefahrenabwehr dokumentiert und
deren Beobachtung (i.e. die Unterscheidung von der Risikovorsorge) mit ermöglicht. Erst diese Komplikation wird zu Systemvertrauen führen. Und
diese Komplikation wird durch Schemata gestützt, denn sie kann nicht irgendwie durch Kommunikation verarbeitet werden.
Der Zusammenhang zwischen Vertrauen und Verantwortung wird im übrigen durch empirische Untersuchungen bestätigt. Wynne (1987: 373) sieht einen Grund für das entstandene Mißtrauen im „Love Canal"-Fall in der mangelnden Verantwortungsübernahme der beteiligten Organisationen. Hier
wurde die Verantwortung zwischen den verschiedenen Organisationen hin
und her geschoben, was zu eskalierendem Misstrauen führte (s. a. Clarke
1989). Zudem weisen auch Kepplinger/Hartung (1995: 86) in ihrer Studie
171
zum Hoechst-Störfall auf das Fehlen klarer Zuständigkeiten und damit von
Verantwortungsübernahme hin, welches zu einem schwindenden Vertrauen
in die Firmenleitung führte. Etwas zugespitzt kann man diese Prozesse auch
als organisiertes Prozessieren von Nichtwissen beschreiben, das an Eigenwerte öffentlich kommunizierter Meinungen (in Gestalt von Schemata) gebunden ist.
Im vorliegenden Kontext interessieren solche Eigenwerte, insoweit sie die
Kommunikation von öffentlichem Vertrauen auf dem 'Grund' von Nichtwissen reflektieren. Dazu gehört Operation (Verantwortungsübernahme)
und Beobachtung (d. h. Unterscheidung der Verantwortungsübernahme),
sowie die Operation des Wiedereintritts einer für Systemvertrauen konstitutiven Differenz, die auf die basale Opposition von Risikoaversion und Risikobereitschaft zurückverweisen muss. Die Vermutung scheint nicht weit
hergeholt, dass der frühe BSE-Konflikt diese Bedingungen empirisch dokumentiert36 .
6.
Zusammenfassung
Der Beitrag geht davon aus, dass sich mit der öffentlichen Aufmerksamkeit
für Gefahrenkommunikation zugleich die Kommunikation von ökologischem Nichtwissen intensiviert und generalisiert. Daran schließen Fragen
an, wie Nichtwissen in kollektiv bindendes Entscheiden der Politik transformiert wird und wie es überhaupt trotz Nichtwissen zu kollektiver Handlungsfähigkeit kommt. Wie entsteht die nötige Entschlossenheit (commitment), wenn Ungewissheit die nötige Motivation zum Entscheiden untergräbt? Am empirischen Fall der Risiko- und Gefahrenkommunikation über
die BSE-Krankheit bei Rindern und ihren Folgen für den Menschen (nvCJK-
36 Ab 1996 beginnt eine 'zweite Phase' des Konflikts, die durch generalisierte Unsicherheit,
Abbau des Zentralkonflikts und Steigerung von institutioneller Transparenz gekennzeichnet ist. Umbau hängt u.E. ganz eng mit der öffentlichen Kommunikation von Unsicherheit
zusammen. Erst die Etablierung eines entsprechenden Kommunikationsschemas begünstigt
Bereitschaften, Konflikte zu reduzieren und strategische Verständigungen zu tolerieren
(Japp 2001).
172
Krankheit) interessiert die Frage, ob der BSE-Konflikt sich im Sinne einer
organisierten Verarbeitung von Nichtwissen analysieren lässt.
Unter Bedingungen technisch-ökologischen Nichtwissens können unüberschaubar komplexe Handlungsketten nur aufrecht erhalten werden, wenn
Systemvertrauen den notorischen Mangel an Wissen und Information auf der
Seite von Publikumsrollen kompensiert. Systemvertrauen sichert – über
personales Vertrauen hinaus – die Möglichkeit der Verantwortungsübernahme trotz verbreitetem Nichtwissen und damit die Grundlagen für strukturelle Handlungsfähigkeit auf der Seite von Leistungsrollen. Dies gilt insbesondere im Falle von technisch-ökologischen Großunfällen (zum Beispiel
BSE), die eine Sonderlast an Ungewissheit hervorbringen. Im Gegensatz zu
verbreiteten Ansätzen, die Vertrauen als Effekt von Gewissheit begreifen,
wird davon ausgegangen, dass dies im Normalfall gar nicht möglich ist,
sondern Vertrauen über 'Gewissheitsäquivalente' erzeugt werden muss, um
seine Funktion der Sicherung von Handlungsfähigkeit trotz Nichtwissen
erfüllen zu können. Diese Gewissheitsäquivalente werden in den Schemata
der öffentlichen Meinung gesehen, die Erinnern und Vergessen katastrophaler Ereignisse regulieren.
Als hypothetische Prämisse wird vorgehalten, dass jener Generalisierungseffekt von Gefahrenkommunikation eine Umstellung der gesellschaftlichen
Störfallorientierung von kausaler Gefahrenabwehr auf finale Risikovorsorge
oder von Steuerung auf Steuerung und Kontrolle – also von Einheit auf Differenz – zur Folge hat. Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass diese
Umstellung der institutionalisierten Störfallregulierung nicht primär Reflex
auf eine wachsende Komplexität technisch-ökologischer Zusammenhänge ist
(so aber z. B. Beck und Giddens), sondern mit der zunehmenden Bedeutung
kaum begrenzbarer öffentlicher Kommunikation und Beobachtung von
technisch-ökologischer Risikoregulierung im Kontext von ökologischem
Nichtwissen zusammenhängt.
Unter Bedingungen unkontrollierten Umschlagens von determinierten
Abläufen (Schlachtviehaufzucht) in Entscheidungslagen (Folgen massenhafter Erkrankung für Tiere und Menschen) reicht Steuerung (kausale Gefahrenabwehr) zur Absicherung öffentlichen Vertrauens immer weniger aus, sie
muss zunehmend durch Kontrolle (Selbstbeobachtung, Risikovorsorge)
173
abgesichert werden, und dies im Modus eines emergenten Gesamteffektes,
für den wesentlich der unbegrenzte Beobachtungsdruck einer (im Prinzip
globalen) öffentlichen Meinung sorgt (Luhmann 1990). Man könnte von
einer Art 'List der Vernunft' sprechen. Dem entspricht auch die These, dass
für den Umgang mit Nichtwissen eher Intransparenz und Dissens als
Transparenz und Konsens fruchtbar sein könnten.
174
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180
Die „Globalisierungsfalle“ als Lernfeld in der
Entwicklungspolitik
Uwe Heinrich
Globalisierung ist ein verhältnismäßig alter Prozess, der in der Gegenwart
noch einmal eine Beschleunigung erfährt. Wer möchte, kann die ganze
Menschheitsgeschichte als einen Prozess der Globalisierung beschreiben: die
immer umfassendere Besiedlung der Weltkugel und die Vernetzung der unterschiedlichen Besiedlungsgruppen.
Entwicklungspolitik ist ein verhältnismäßig junges Produkt der Industrieländer, gespeist aus zwei sehr unterschiedlichen Motiven: Während die einen
weltweit den Ausgleich zwischen Arm und Reich suchen, haben die anderen
die Stabilität und Erschließung der Weltmärkte im Sinn. Beide Ziele sind
nicht gleichbedeutend mit guten oder schlechten Folgen für die Länder,
denen Hilfe zuteil wird. Es ist nur wichtig, sie zu benennen. Die Folgen für
die Bewohner sind es letztlich, nach denen die Qualität von entwicklungspolitischer Arbeit gewogen werden muss. Für uns, die wir das Handwerk
der Ethik betreiben oder zumindest im Blick haben, muss dabei der besondere Schwerpunkt bei den Globalisierungsverlierern liegen, wenn wir für
die Entwicklungspolitik unter den Vorzeichen einer schneller werdenden
Informations- und Datenwelt etwas lernen wollen.
Bisher gab es hauptsächlich zwei wesentliche Lehren, die Entwicklungspolitiker ziehen konnten:
1. Die größten Entwicklungsschritte haben Nationen gemacht, wenn sie
von den Zuwendungen und Abflüssen der Industrieländer abgeschnitten waren (Beispiel: Der Ausbau der Infrastruktur Brasiliens während
des 1. Weltkrieges).
181
2. Bisher hat jede Entwicklung in Richtung auf Industrialisierung superreiche Eliten geschaffen und in der darunter etablierten Mittelschicht
ein den Industrieländern vergleichbares Bildungs-„Bürgertum“. Die
Mehrheit der Bevölkerung, die zur Basisversorgung beitragen könnte,
profitiert davon nur in Ausnahmefällen und wird in der Regel marginalisiert.
Aufgrund der ersten Lehre zogen sich einige aus Entwicklungsprojekten
zurück, um stattdessen in Deutschland Bewusstseinsarbeit zu betreiben. Sie
schlossen sich den Forderungen von Intellektuellen aus den Entwicklungsländern nach einem Moratorium an und versuchten, die Bedingungen in den
Industrienationen so zu gestalten, dass bei einem freien Handel die Entwicklungsländer sich selbst entwickeln konnten. Diesen Strang will ich nicht
weiter verfolgen, da er in der Entwicklungspolitik eine Ausnahmeerscheinung geblieben ist. Für die Schlussfolgerungen will ich diese Position trotzdem benannt haben, da Ethik nicht nach Mehrheiten fragen muss.
Die zweite Lehre führte zu vielschichtigen Antwortversuchen: Bis vor einiger Zeit waren entwicklungspolitische Konzepte wie zum Beispiel das der so
genannten „grünen Revolution“ vorherrschend: Der Versuch, etwa in der
Steppe Äthiopiens Mais einzuführen und die Felder aus Tiefbrunnen zu
bewässern, führte zur Verödung des Bodens. Statt solcher großflächig angelegter Programme gingen die großen Organisationen dazu über, immer
regionalere Projekte auszuloben und zu fördern. Brot für die Welt, Dienst
in Übersee (DÜ), aber auch die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit
(GtZ) waren seit Mitte der 70er Jahre bemüht, ihre Projekte direkt an Regionen zu binden und in Zusammenarbeit mit den Fachleuten vor Ort aufzuziehen. Aber auch hier überlebten nur wenige Projekte den Abzug der Entwicklungshelfer oder nur für kurze Dauer. Trotzdem haben diese Projekte
mehr Einfluss auf die jeweilige Umgebung als die großen Programme.
Im Folgenden werden Beispiele aus Tanzania angeführt, da ich dieses zentralafrikanische Land des öfteren selbst bereist habe und da ich in ständigem
Austausch mit Menschen aus Tanzania stehe. Während sich nach der „grünen Revolution“ eine erkleckliche Anzahl an zu Schrott gewirtschafteten
Erntemaschinen im Lande fanden, gibt es nach mehreren Projekten, die in
Zusammenhang mit dem staatlichen „small-industries“-Programm geführt
182
wurden, eine nicht mehr zu übersehende Anzahl an Bautischlereien. Diese
arbeiten selbstständig, bilden wiederum Tischler aus und sind unabhängig
von staatlicher oder entwicklungspolitischer Förderung Wirtschaftssubjekte
in den Regionen geworden.
Der Erfolg der genannten Maßnahmen basierte auf der Nachfrage, den
technischen und landwirtschaftlichen Möglichkeiten vor Ort sowie einem
Rückzug der Unterstützung, sobald etwas in eigener Regie stattfinden konnte. Projekte, die länger als ein Jahr lang kein Feld finden, auf dem sie selbstständig tätig sind, werden aus der Förderung genommen (Träger im Nord
Distrikt: Belgien). Diese Projekte sind programmatisch sehr begrenzt. Sie
sind offen für Entwicklungsschübe, die sich in einer Region bereits von sich
aus entwickeln. Grundsätzliche Irrtümer werden nicht lange untersucht,
sondern ausgegrenzt. Wichtiger als die direkten Auswirkungen sind noch
die indirekten: In diesen regional angebundenen Projekten können Dinge
entwickelt werden, die gar nicht im Programm enthalten waren. Beispiel:
Durch ein „small-industry“-Projekt angeregt, fing ein Gehbehinderter an, aus
Fahrradschrott Rollstühle zu fertigen, die auch in der Steppe zu bewegen
waren.
Auch in größerem Rahmen kommt es zu eigenständigen Entwicklungen.
Ein Beispiel für einen überregionalen Impuls ist die Konstruktion einer
Mühle, die den Bedingungen eines Betriebes in Tanzania besser gerecht wird
als die herkömmlichen, industriell entwickelten Mühlen. Dabei ist der Prozess der Weg: Die bisher zur Verfügung stehenden Mühlen sind Fabrikate,
deren Ersatzteile importiert werden müssen. Sie sind für den Betrieb in
technisch angepasster Umgebung entwickelt und gebaut. Viele Teile gehen
im Einsatz in Tanzania schneller kaputt. Mühlen und die sie antreibenden
Dieselmotoren stehen also immer nur kurzfristig zur Verfügung und werden dementsprechend immer schubweise unter Hochlast betrieben. Dies
führt zu schnellerer Materialerschöpfung und wiederum zu Stillstand. Wer
hier über unangepasstes Benutzen der Maschine lamentiert, vergisst, das erst
mit dem Aufbringen von Mais die Arbeit beim Mahlen so schwer wurde
und die erfahrbare Entlastung in einem Kontext mit dieser Feldfrucht gesehen werden muss.
183
Tanzanische Müller wiesen bei Gesprächen mit der GtZ auf das Problem
hin. Mit Unterstützung der katholischen Hilfsorganisation „Misereor“ wurde es genau lokalisiert. Der Mühlenbauer Schnitzer verbesserte daraufhin die
Konstruktion und entwickelte ein neues Modell. In Zusammenarbeit mit
einheimischen Müllern wurden in Einzelschritten die Turbinen für Wasserkraft auf die Verhältnisse in Tanzania hin optimiert. Sodann wurden die
Hammerschlagmühlen vereinfacht und auf Produkte umgestellt, die in Tanzania wiederzuerlangen sind.
Immer wieder waren Gespräche über einzelne Konstruktionselemente und
ihre Tauglichkeit im täglichen Einsatz notwendig. Durch die ständige Einbeziehung tanzanischer Müller und Mühlenbauer in den Konstruktionsprozess stand am Ende der gut dreijährigen Entwicklungsarbeit nicht nur
ein taugliches Produkt, sondern auch eine Reihe von Fachleuten, die mit der
Bau- und Funktionsweise der Maschine vertraut sind. In einem „Mill Forum“
entstand ein Prüfsiegel, regelmäßig wurden Erfahrungen ausgetauscht und
Vertriebsmöglichkeiten im Land erkundet.
Dieses Beispiel zeigt, dass mehrere Komponenten zusammenkommen müssen, damit die Chance für einen erfolgreichen Entwicklungsprozess genutzt
werden kann: 1. Eine genaue Problemanalyse mit den Nutznießern, Produzenten und Anwendern, 2. eine sorgfältige, auf die materiellen und menschlichen Ressourcen abgestimmte Planung, 3. eine Entwicklung in ständigem
Kontakt mit den Abnehmern sowie 4. eine stabile soziale Verankerung.
Bei allen Planungs- und Entwicklungsschritten kann es als positiv erfahren
werden, dass Menschen von verschiedenen Kontinenten im Prozess der
Globalisierung einander näher rücken. Globalisierung an sich ist aber noch
kein Garant für glückende Planungsprozesse. Es kann auch zu kontraproduktiven Wirkungen kommen. In den Pare-Bergen im Norden Tanzanias zum Beispiel müssen die Handeltreibenden große Wege zurücklegen, um
zu bedeutenden Märkten zu kommen. Wenn sie aufgrund eines globalisierten Großhandels und Transportwesens nicht mehr reisen müssten, würde
ein ganzes Netz des Austauschs von Informationen zerstört, das nur mit
großem Aufwand an Technologie wieder hereinzuholen wäre.
184
Genauso wie Technologie jeweils auf komplexere Systembildungen reagiert,
muss dies auch bei sozialen Systemen geschehen. Eine öffentliche Debatte
um Kleiderspenden aus reichen Geberländern und die Vernichtung bzw.
den Erhalt von Arbeitsplätzen in den Empfängerländern ist entstanden. Es
schält sich heraus, dass es Regionen gibt, in denen die Altkleidermärkte
nicht die Not der Menschen lindern, sondern die einheimische Textilmanufaktur oder sogar -industrie verdrängen. Dabei scheint die verarbeitende
Industrie stärker betroffen zu sein als die Tuch erzeugende. Aber schon hier
stoßen unterschiedliche Recherchen auf entgegengesetzte Beobachtungen. In
denjenigen Ländern und Regionen, in denen die Textilverarbeitung auf eine
lange Tradition zurückgeht, wäre es angepasster, bei den Verarbeitern einzukaufen. In den Industrieländern gesammelte Textilien werden jedoch
weiterhin gebraucht: in Katastrophengebieten sowie in solchen Gebieten, in
denen der Transport von Rohstoffen mehr Ressourcen verschlingt, als im
Produkt zu realisieren sind. Auch hierbei wäre es sehr wohl möglich, die
gesammelte Information durch ein Netzwerk besser zugänglich machen, als
dies bisher geschehen ist.
Zu einer den Produzenten und Nutzern angemessenen Planung kann weder
der Gesamtkomplex „Globalisierung“ noch sonst irgend ein Zaubermittel
etwas beitragen. Es sollte aber erreicht werden, in die Wirtschaftsziele, die ja
schon seit Mitte der siebziger Jahre um die Globalziele „Ökologie“ und
„soziale Gerechtigkeit“ erweitert wurden, einen Wert wie „Würde“ einzutragen. Eine solche Leitvorstellung wäre nicht mit wirtschaftlichem Erfolg,
Machbarkeit und der Verfügung über bestimmte Mittel gleichzusetzen,
sondern müsste sich im Feld der Beherrschbarkeit der eigenen Lebenswelt
definieren. Würde gewänne ein Einzelner oder eine Gruppe von Personen
dann, wenn die Lebensumstände sie nicht zu bestimmten Handlungsweisen,
sei es Flucht oder Angriff, Verzweiflung oder Ergebung in ihr Schicksal
zwingen. Menschen müssten die Bedingungen ihrer Existenz frei verändern
und ihre Entwicklung selbst steuern können. Einer solchen Wertvorstellung
gemäß könnten Nomaden, die in einer zerbrechlichen Ökologie wie der
Steppe leben, genauso Teil einer globalisierten Welt sein wie ein Öko-Bauer,
ein Arbeitsloser und ein Manager in einem weltweit agierenden Konzern.
Meine Erfahrungen, sowohl als Pastor in einer Hochhaussiedlung der Großstadt Hamburg als auch als entwicklungspolitisch Engagierter, zeigen: Es
185
gibt Ansätze in Theorie und Praxis, diese Wertvorstellungen einzubringen
und umzusetzen. Aber sie bedürfen der gemeinsamen Anstrengung, auch
seitens der Kirchen.
186
Gegenmacht oder Mitgestaltung?
Stiftungen und NGOs als Architekten des Wandels
Fritz Erich Anhelm
Es ist keine leichte Aufgabe, etwas Erhellendes zu „Lösungsperspektiven der
Globalisierung“ zu sagen, wie es der Untertitel der Veranstaltung fordert.
Viele derer, die über Globalisierung reden, halten die Sache weniger für ein
Problem. Sie sind eher der Meinung, das sei die Lösung. Mindestens erscheint
ihnen das, was auf den internationalen Finanzmärkten, bei der Internationalisierung der Warenproduktion und auf den Warenmärkten, in der modernen
Kommunikations-, Bio- und sonstigen Technologieentwicklung an Trends
erkennbar ist, als unausweichlich. Die einzig angemessene Form, darauf zu reagieren, ist für sie die der Anpassung. Kritische, vor allem fundamental-kritische Stimmen kommen aus intellektuellen Nischen oder von denen, die möglicherweise durch die geforderten Anpassungsvorgänge etwas zu verlieren haben. Das allerdings reicht von Privilegien bis zur nackten Existenz. Verarmungsprozesse treffen viele Millionen. Politisch bürgert sich für die geforderten Anpassungsvorgänge das Wort „Modernisierung“ ein. Diese Terminologie
ist strategisch gewählt. Wer wollte sich schon als „Gegenmacht“ zur Modernisierung stilisieren?
Es ist allerdings kaum die Politik, die in der Sache den Ton angibt. Im Gegenteil. Fast alle sind sich einig, dass sie eher schlecht als recht der Entwicklung
hinterher hastet. Die Dynamik wird von den Global Players, den Akteuren auf
den Finanzmärkten, in den transnationalen Unternehmen und durch die Wissens- und Technologieproduzenten gesetzt. Sie verlangen nach Flexibilisierung
politisch geschaffener Strukturen und nach Dezentralisierung, d. h. Privatisierung der wirtschaftlich bedeutsamen Bereiche, in denen Nationalstaaten bisher Gestaltungsmacht beanspruchten.
187
Ein anderer Bereich der Globalisierung – neben der vorpreschenden Wirtschaft und der nachlaufenden Politik – kommt in der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion nur schwer in den Blick. Das mag damit zusammenhängen,
dass er in diesem Umfang und Ausmaß ein völlig neues Element in der internationalen Landschaft ist. In neutraler Terminologie wird er der „Dritte Sektor“ oder der „Non-for-Profit-Sektor“ genannt. Diejenigen, die damit strategische Qualität verbinden und eine neue politische Rolle, sprechen von der
„globalen Zivilgesellschaft“. Was das ist und wie sich das – in Form von Gegenmacht oder Mitgestaltung – zu Wirtschaft und Politik verhält, soll dieser
Beitrag untersuchen.
1.
Global Players im Non-for-Profit-Sektor
Im Wesentlichen handelt es sich bei diesem neuen – sich seit etwa 20 Jahren
entwickelnden – Phänomenen um international operierende Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) und Stiftungen sowie deren zunehmende Vernetzung über die Grenzen des Nationalstaates hinweg. Ihre jeweilige Finanzierung erfolgt sowohl aus öffentlichen Mitteln (am eindeutigsten bei Parteienstiftungen), aus der Privatwirtschaft (z. B. bei Stiftungen, die mit großen Unternehmen verbunden sind, etwa Bertelsmann oder Bosch) und
durch Spenden, bzw. Mitgliedsbeiträge (etwa Greenpeace). In vielen Fällen
liegt auch ein Mix dieser Finanzierungsmöglichkeiten vor. Gerade die Kooperationen zwischen Stiftungen und NGOs nehmen rapide zu.
Bekannte Beispiele geben nur ein schmales Bild dessen, was sich hier wirklich
entwickelt. In den USA existieren etwa 40.000 private Stiftungen mit einer
Jahresausschüttung von rund 40 Milliarden DM. Außerhalb dieses Stiftungsbereichs gibt es an die 500.000 Non-for-Profit- (gemeinnützige) Organisationen.
In Großbritannien werden 8000 gemeinnützige Stiftungen mit einer Ausschüttung von 6 Milliarden DM gezählt. In Lateinamerika schätzt man die
Zahl privater gemeinnütziger Einrichtungen auf 1 Million bei 210 privaten
Förderstiftungen. All dies ist keineswegs nur international orientiert. Vieles
davon operiert auf der lokalen Ebene. Aber die internationale Vernetzung ist
nicht zu übersehen.
188
Ich möchte das am Beispiel einer privaten Stiftung – zugegebenermaßen an
einer der größten, aber keineswegs untypischen – erläutern. Es handelt sich
um die Soros Foundation. Die Daten stammen aus ihrem Jahresbericht 1997.
Im besagten Jahr hat sie 428 Mill. US-$ ausgeschüttet. 236 Mill. gingen an über
30 nationale Unterstiftungen, die meisten davon in osteuropäischen Ländern,
aber auch in Haiti, Guatemala und Südafrika. Weil es der größte Brocken ist,
möchte ich davon das Open Society Institute in Russland herausgreifen. Es
erhielt allein 61 Mill. US-$. Wofür wurden sie verwendet? Die größten Posten
sind Medien– und Kommunikationssysteme (13,4 Mill.), Kinder- und Jugendprogramme und Erziehung (9 Mill.), Kunst und Kultur (4,4 Mill.), Wissenschaft und Gesundheitswesen (3,2 Mill.) und die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation (2 Mill.). Das sind im Wesentlichen auch die
Hauptaktivitätsfelder in den anderen osteuropäischen Staaten, wo immer die
Soros Foundation aktiv wird.
In ihren Netzwerkprogrammen und Internationalen Initiativen (115 Mill.)
werden weltweit auch Nichtregierungsorganisationen unterstützt. Sie arbeiten
im Bereich von Gesundheitsdiensten, versorgen Flüchtlinge und setzen sich
für den Minderheitenschutz ein. Auch eine Kampagne gegen Landminen
wurde von Soros mitfinanziert. Ferner werden in Burma und in anderen Ländern Gruppen unterstützt, die gegen diktatorische Regimes tätig sind.
Soros vertritt das Konzept der Offenen Gesellschaft, wie wir es aus dem Gedankengut und der politischen Philosophie Karl Poppers kennen. Deutlich
kommt dies zum Ausdruck in der 1997 in Budapest und Warschau gegründeten Central European University, an der inzwischen über tausend Studenten
aus 35 Ländern z. B. Wirtschaft, Politik, Soziologie, Ökologie und Internationale Beziehungen studieren. Insgesamt haben wir es also mit einem grandiosen
globalen Netzwerk zu tun, das alle Ländergrenzen sprengt. Es ist eines von
vielen. 600 Millionen DM pro Jahr können die Parteienstiftungen in Deutschland ausgeben. Das meiste davon fließt in internationale Aktivitäten. Nehmen
wir die eher kleinere Heinrich-Böll-Stiftung: Sie verfügt über ca. 60 Mill. DM
pro Jahr. Sie arbeitet mit 150 Projektpartnern (NGOs) in 50 Ländern zusammen. Die wesentlichen Programme beziehen sich auf Frauenrechte, Minoritäten, die Agenda 21, die Klimapolitik, die Artenvielfalt und die Menschenrechte.
189
Die Entwicklungsdienste der beiden großen Kirchen in Deutschland – man
könnte fast sagen: als eher schon traditionelle NGOs – haben zusammen pro
Jahr gerade annähernd so viel Geld zur Verfügung wie die Parteienstiftungen.
Ein Drittel dieses Entwicklungsdienstgeldes stammt aus staatlichen, ein Drittel
aus kirchlichen und ein Drittel aus Spendengeldern.
Solche Einzelbeispiele ließen sich vermehren. Sie dürfen – so eindrucksvoll sie
auch sind – allerdings nicht über die wirklichen Größenordnungen hinwegtäuschen. Die UNESCO schätzte für 1996, dass der Geldfluss zwischen Ländern, die Mittel für Entwicklung bereitstellen, und Ländern, die sie erhalten,
zu 66 % aus der Privatwirtschaft unter Marktbedingungen (also als Darlehen)
kommen. Die staatliche Entwicklungshilfe macht 28 % aus. Nur 6 % fließen
über Nichtregierungsorganisationen und Stiftungen. Dieser eher schmale
Anteil steigt jedoch kontinuierlich.
2.
Auf dem Weg zu einer globalen Bürgergesellschaft?
Wichtig ist nun, was sich im Bereich der Zusammenarbeit von Stiftungen
und Nicht-Regierungsorganisationen tut. Auch das möchte ich an einem
Beispiel erläutern. Es trägt den Namen „CIVICUS – World Alliance for Citizens Participation". Es ist das gegenwärtig größte globale Netz von Stiftungen und NGOs mit 407 Mitglieds-Organisationen (132 USA und Kanada, 50
in Lateinamerika in 22 Ländern, 56 im asiatisch-pazifischen Raum in 19
Ländern, 47 in 16 Ländern Afrikas, 26 in 7 Ländern der arabischen Region,
49 aus Ost- und 47 aus Westeuropa). Die Bundesrepublik ist bisher nur mit
2 Mitgliedern beteiligt (die Stiftung MITARBEIT und der Stifterverband für
die deutsche Wissenschaft).
Sieht man etwas genauer hin, eröffnet sich ein buntes Feld von Organisationen. Das reicht von FEMNET, dem Netzwerk afrikanischer Frauenvereinigungen über die Organisation von Sozialarbeitern in Kuwait und die Koalition für wirtschaftliche Gerechtigkeit in Südkorea bis zur Toyota-Stiftung in
Japan oder der Charles Mott-Stiftung in den USA. Auch Soros taucht hier
wieder auf.
190
Das Neue an CIVICUS ist eben jener Zusammenschluss von NGOs und Stiftungen in einem Netz – und dies weltweit. Die meisten der Stiftungen kommen dabei aus dem Norden, die meisten der NGOs aus dem Süden. Was sind
die Ziele, auf die sie sich verständigt haben? Die Zusammenarbeit – so heißt es
in der Selbstbeschreibung von CIVICUS – soll weltweit zur Stärkung der
Aktivitäten von Bürgerinnen und Bürgern und zum Aufbau ziviler Gesellschaften beitragen. Als Vision wird eine globale Gemeinschaft beschrieben,
die aus informierten - ich erinnere an den starken Schwerpunkt der Soros
Foundation im Bereich moderner Kommunikationstechnologien -, kreativen
und verantwortungsbewussten Bürger/innen besteht. Sie sollen sensibel dafür
sein, die Herausforderungen an die Menschheit und die Menschlichkeit zu
bearbeiten. Solche selbstorganisierten Bürgeraktivitäten werden als charakteristisches Merkmal eines lebendigen politischen, ökonomischen und kulturellen
Lebens aller Gesellschaften gewertet. Sie sind durch Pluralität gekennzeichnet
und sollen zum öffentlichen Wohl (common good) aller beitragen. Eine gesunde Gesellschaft (healthy community) beruht – nach CIVICUS – auf einer Balance dreier Faktoren: freien Bürgervereinigungen, Wirtschaft und Regierungen. Ziel von CIVICUS ist es, die Grundlage, das Wachstum und den
Schutz eben dieser freien Bürgervereinigungen weltweit zu befördern, besonders da, wo eine partizipatorische Demokratie, die Freiheit der Vereinigung
und der Beitrag der Bürger/innen zum öffentlichen Wohl bedroht sind. Normative Vorgaben sind also die Menschen- und die Bürgerrechte und die zivile,
d. h. gewaltfreie Konfliktbearbeitung. Was hier geschieht, ist nichts weniger
als der Versuch, Basiselemente einer globalen Zivilgesellschaft zu beschreiben
und in vielen tausend Projekten umzusetzen.
3.
Geld, Macht und Kommunikation
Entsteht da „Gegenmacht“ gegen die ökonomistisch geprägte globale Dynamik der Finanz- und Warenmärkte und die ihr folgende Politik nationaler
Regierungen? Die Antwort hängt vom Standort des Betrachters oder Betroffenen ab, von seinem idealtypischen Gesellschafts- und Weltbild, von seinen
Leidenserfahrungen und Verlustängsten oder seinen Erwartungen. Meine
Antwort ist: Ja und Nein.
191
Ja, weil wir es mit drei Dynamiken zu tun haben, die im Globalisierungsprozess aufeinander wirken. Die Wirtschaft folgt der Dynamik des Geldes (Sie
mögen auch sagen, des Profits). Die Politik folgt der Dynamik der Macht (der
zwischen Nationalstaaten wie der zwischen Weltregionen). Die entstehende
globale Zivilgesellschaft folgt der Dynamik der Kommunikation. Diese Dynamik ist plural, nicht einlinig wie die anderen beiden, sondern mehrdimensional. Gegenüber dem finanziellen Vorteil und gegenüber dem Machtvorteil
hat sie den Vorteil alternativer Orientierungen. Sie ist nicht konkurrenzfrei.
Aber die Konkurrenzen, die hier in Selbstorganisationsprozessen ausgelöst
werden, müssen keine geld- oder machtbezogenen sein. Natürlich findet
Kommunikation auch in der Wirtschaft und der Politik statt, dort aber der
jeweiligen leitenden Dynamik untergeordnet. Im dritten, dem Non-for-ProfitSektor von NGOs und Stiftungen, in dem auch Machtverhältnisse nicht die
erste Rolle spielen, können sich neue Normen freier herausbilden und von da
aus Wirkung auf Wirtschaft und Politik entfalten.
Beispiele dafür sind die großen UN-Konferenzen der 90er Jahre von Rio de
Janeiro bis Peking. Konzepte zur Klimakonvention, Agenda 21, Entschuldung, Bevölkerungsentwicklung, sozialen Gerechtigkeit, zu Bürgerrechten
und zum Menschenrechtsschutz hätten – so sehr ihre politische Umsetzung
und ihre Beachtung im wirtschaftlichen Handeln noch aussteht – schon im
Ansatz ohne den massiven Einsatz tausender NGOs nicht einmal formuliert
werden können.
Nein, weil die Idee und die Praxis einer globalen Zivilgesellschaft durch und
durch liberalen Gesellschaftsmodellen folgen. Hier steht in der Tat der Ansatz
von Poppers „Offener Gesellschaft“ Pate. Das heißt auch, dass in diesem Ansatz der Wirtschaftsliberalismus geradezu Voraussetzung des politischen Liberalismus ist. Eine fundamentale Gegenposition zu freier ökonomischer Entfaltung ist hier überhaupt nicht vorstellbar. Die privatwirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeit ist Bedingung auch der Entfaltung der Zivilgesellschaft, also
der bürgerlichen Freiheiten. In diesem Konzept setzt nicht die Zivilgesellschaft die Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Handeln. Das ist vielmehr
Sache der Politik. Und genau hier sind wir im Dilemma. Eben weil Politik
sich darauf beschränkt, Anpassungsleistungen an die wirtschaftliche Dynamik
zu erbringen und wegen ihrer nationalen Anbindung die internationalen
192
Wirtschaftsaktivitäten kaum noch einfangen kann, ist sie der Aufgabe, einen
solchen Rahmen zu schaffen, immer weniger gewachsen.
Wer es noch nicht weiß, spürt es längst. So richten sich viele Erwartungen auf
eine globale Zivilgesellschaft, denen diese, schon von ihrer Struktur her, nicht
gewachsen sein kann. NGOs und Stiftungen können allenfalls artikulieren und
einfordern, was die Politik versäumt. Das geschieht in immer stärkerem Maße. Aber es ersetzt nicht die internationale Verständigung offizieller Politik
auf die Setzung und Durchsetzung des Rahmens, innerhalb dessen die wirtschaftlichen Global Players an soziale und ökologische Verpflichtungen gebunden werden müssen. Genau hier zeigen sich die blinden Flecken einer rein
ökonomistischen Sichtweise der Welt.
4.
Mitgestaltung als Interaktion
Vor diesem Hintergrund muss nun auch die Frage nach der „Mitgestaltung“
beantwortet werden. Mitgestaltung setzt voraus, dass es tragfähige Interaktionen zwischen Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft gibt. Genau dies ist
besonders auf der internationalen Ebene noch kaum ausgebildet. An den
großen UN-Konferenzen war die Wirtschaft wenig beteiligt. So musste sie
auch keine Verpflichtungen eingehen. Diese zu erreichen, blieb den nationalen Regierungen – mit mäßigem Erfolg – überlassen. Ein anderes interessantes Beispiel ist der Versuch der Durchsetzung des MAI (Multilateres Investitionsabkommen) durch Politik und Wirtschaft ohne Einbeziehen der
NGOs. Er scheiterte an ihrem Widerstand mit Hilfe öffentlicher Kampagnen. Die Sache zeigt, dass die künftigen Checks and Balances eben genau
zwischen diesen drei Akteursebenen (Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft)
ausgetragen werden. Wer dies in seiner realen Entwicklung realistisch einschätzen will, muss dabei die unterschiedlichen Rollen in Rechnung stellen,
die ich beschrieben habe.
Das führt mich auf Stiftungen und NGOs und ihr Verhältnis zueinander
zurück. Bei den Stiftungen, die operativ arbeiten, also ihre eigenen Programme kreieren und zum Teil auch selbst umsetzen, werden NGOs, falls
sie mit ihnen zusammenarbeiten, oft zu reinen Auftragnehmern. Sie führen
193
aus, was die Stiftung vorgibt (z. B. Bertelsmann-Stiftung). Bei sog. Grantmakers-Stiftungen, die ihre finanziellen Zuwendungen ohne inhaltliche Auflagen bereitstellen, werden die NGOs schnell zu Konkurrenten auf einem
Förderungsmarkt (wie bei den meisten amerikanischen Stiftungen). Daneben gibt es das Partnerschaftsmodell, d. h. das Modell längerfristiger Kooperation auf der Basis einer grundsätzlichen Vereinbarung (z. B. kirchliche
Entwicklungsdienste). Da es im globalen Kontext fast ausschließlich Stiftungen im Norden sind, die NGOs im Süden oder Osten fördern, besteht bei
den beiden ersten Modellen immer die Gefahr einseitiger Einflussnahme.
Natürlich können auch NGOs Zuwendungen ablehnen, aber nur, wenn ichnen der Markt der Stiftungen Alternativen bietet. Es wird also darauf ankommen, den Markt der Zuwendungsgeber so zu regeln, dass überhaupt
alternative Zugänge zu Zuwendungen eröffnet werden. Schließlich wird es
ebenso darauf ankommen, dass über Partnerschaftsmodelle möglichst wenig
Exklusivität produziert wird. Beides ist notwendig, um die Pluralität der
globalen zivilgesellschaftlichen Landschaft aufrechtzuerhalten. Sie allein ist
die Garantie gegen globale Fundamentalismen, mögen diese ökonomisch,
politisch oder auch religiös motiviert sein.
5.
Die Rolle des glaubensbegründeten Teils der globalen
Zivilgesellschaft
Konrad Raiser, der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen,
hat sich 1997 in seinem Bericht an den Zentralausschuss (abgedruckt in:
Evangelische Kommentare 2/98) in grundsätzlicher Weise mit dem Phänomen der Globalisierung auseinandergesetzt. Globalisierung als ein von einer
neoliberalen Wirtschaftstheorie motiviertes ideologisches und politisches
Projekt unterscheidet er dabei von einer historischen Dynamik, die sich in
den Ambivalenzen der globalen Interdependenz ausdrückt. Ersterem müssten sich christliche Kirchen von ihrem Auftrag her und aus geschichtlicher
Erfahrung widersetzen. Der zunehmenden Interdependenz unserer Welt
jedoch könnten sie sich nicht entziehen. Ich möchte dieser Unterscheidung
folgen wie auch der Perspektive, dass es für die christlichen Kirchen weniger
darauf ankommt, sich als „Gegenmacht“ zu etablieren, sondern vielmehr
194
eine erfahrbare und wahrnehmbare „Gegenkultur“ zur Globalisierungsideologie herauszubilden.
Die entstehende globale Zivilgesellschaft in all ihrer Pluralität von Inhalten,
Werten und Organisationsformen ist eine Art Schmelztiegel, in dem sich
diese Gegenkultur entwickeln kann. Zu ihr gehören auch die religiösen
Traditionen und Gemeinschaften auf dieser Welt, soweit sie für sich die
Menschen- und Bürgerrechte und die Verpflichtung auf zivile, gewaltfreie
Konfliktbearbeitung gelten lassen. Fundamentalismus als Gegenkultur führt
zur Gewalt. Aus den religiösen Traditionen sind eine Vielzahl von NGOs
auf globaler, regionaler und lokaler Ebene hervorgegangen, manche älteren,
manche jüngeren Datums. Sie können als der glaubensbegründete Teil einer
globalen Zivilgesellschaft angesehen werden. Das reicht von der Weltkonferenz der Religionen über die internationalen Organisationen und Zusammenschlüsse einzelner Religionsgemeinschaften bis zu Werken, Diensten,
Gruppen und Initiativen, die in der Entwicklungs-, Umwelt- und Friedensarbeit und im sozialen Feld viele Tausende zählen. Hier gibt es bereits eine
ausgeprägte Gegenkultur des interreligiösen Dialogs und der Ökumene. Es
kommt darauf an, sie offenzuhalten für das Gespräch mit jenen Partnern
(wie z. B. Stiftungen und NGOs), die den säkularen Teil dieser globalen
Zivilgesellschaft ausmachen und oft – wenn auch vielleicht aus anderer Motivation heraus – sich an den gleichen Themen und Problemen engagieren.
Literatur
Building Open Societies, Soros Foundations Network. 1997 Report. Open
Society Institute. New York 1998.
Fritz Erich Anhelm (Hrsg.): Stiftungen und NGOs als Architekten des
Wandels. Wertekonflikte und Kooperationen über Ländergrenzen hinweg. Loccumer Protokolle, 69, Loccum 1998.
Citizens. Strengthening Global Civil Society. World Alliance for Citizens
Participation. CIVICUS, Washington, DC, 1994.
195
Hinduistische und buddhistische Bewertung
wirtschaftlicher Tätigkeit und ihrer Folgen
Lourens Minnema
1.
Problemstellung: Zum Kulturbegriff
Wie stehen Hinduismus und Buddhismus zur Globalisierung der Wirtschaft? Im Rahmen der ethischen Globalisierungsdebatte thematisiere ich
gerade diese beiden Religionen, weil sie hier am schwersten einzuordnen
sind. Beide stehen in dem Ruf, weltverneinend zu sein. Seit Max Webers
Soziologie gilt deren so genannte „Weltflucht“ überdies als Argument zur
Erklärung der unterschiedlichen kulturhistorischen Entwicklungen in Europa und Asien. Der Asien-Europa-Gegensatz hatte als Voraussetzung zwei
Kulturkreise, die so unterschiedlich sind, dass eine Entwicklung, die aus
dem einen Kulturkreis hervortritt, im anderen ein Fremdkörper ist und
bleiben muss. Ist und bleiben muss, das heißt: die jeweilige Kultur wurde
nicht nur als eigenständig rezipiert, sondern auch als statisch und homogen „Kultur“ als Inbegriff stabilisierender Werte und Integrationsnormen, die
auf die Gesellschaft und auf das Individuum einwirken. Religion als Kulturträger par excellence wird dann die Funktion der Stabilisierung oder Reintegration der Gesellschaft bzw. des jeweiligen Individuums beigemessen.
Heutzutage sprengen der Buddhismus Japans und der Konfuzianismus Südostasiens die herkömmlichen Vorstellungen vom Gegensatz zwischen dem
„Osten“ und dem „Westen“. Anscheinend können asiatische Kulturen westliche Kulturprodukte und Produktionsverfahren übernehmen und einbauen. Dieses Phänomen zwingt uns, den postmodernen Kulturbegriff der
abendländischen Kulturanthropologen auch auf den interkulturellen Vergleich anzuwenden. Ich unterscheide drei Phasen in der Entwicklung dieses
anthropologischen Kulturbegriffs:
197
a) Kultur als empirisch-transzendentale Größe: Gesellschaft und Individuum
sind Träger der Kultur. Die Macht des kulturellen Musters ist dominant
und das kulturelle Muster wird als vorgegeben erfahren. Zwei Beispiele
dieser Kulturauffassung, die in den Beiträgen dieses Bandes eine wichtige
Rolle spielen, sind die Soziologie Talcott Parsons' und die Religionsphilosophie Ernst Troeltschs. Bei Parsons vertritt Kultur die gemeinsame Quelle der Normen und Werte, die von der Gesellschaft und vom Individuum
als verbindlich anerkannt werden bzw. die auf sie einwirken. Gesellschaft
und Persönlichkeit sind institutionelle Verkörperungen bzw. motivationale Verankerungen von kulturellen Mustern. Diese Anerkennungsleistung oder Stabilisierungsfunktion wird vermittelt von der Religion als legitimierendem, sinngebendem und kompensierendem Kulturträger. Bei
Troeltsch vertritt die Kultur die Werte des jeweiligen Kulturkreises, wobei jeder Kulturkreis als homogene Einheit nicht nur seine eigenen Werte
hat, sondern überdies seinen Zentralwert. Die Suche nach einem „Kernsymbol“ (core symbol) bzw. nach den Elementargedanken einer Kultur
hat auch innerhalb der symbolischen Anthropologie noch lange angedauert 1 .
b) Kultur als Konfliktquelle und als Raum für Innovation und Initiative: Die
Macht des kulturellen Musters ist umstritten und kulturelle Muster sind
teilweise unerträglich bzw. potenziell subversiv. Kultur wird jetzt erfassbar als Kultur und Gegenkultur bzw. in Subkulturen. Illustrativ für den
Übergang von dem ersten zum zweiten Kulturbegriff ist m. E. die Entstehung der Wissenssoziologie, für die „Kultur“ eine kumulativ aufgebaute Größe darstellt, deren intellektuelle Elite das erneuernde und konfliktlösende Potenzial verwaltet, während die störende Differenzierung letztendlich nicht der Kultur zugemessen wird, sondern vielmehr der pluralistischen Gesellschaft als Quelle aller Konflikte 2 .
1
2
Vgl. James W. Fernandez, Persuasions and Performances. The Play of Tropes in Culture,
Bloomington: Indiana University Press, 1986, S. 197f.
Vgl. J. Scharfschwerdt, Arnold Hauser (1892-1978), in: A. Silbermann (Hrsg.), Klassiker
der Kunstsoziologie, München 1979, S. 204.
198
c) Kultur als Freiraum für Wahl- und Kombinationsmöglichkeiten: Die Macht
kultureller Muster ist verhandelbar und kulturelle Muster sind übertragbar und umsetzbar.
Wenn nun „Kultur“ nicht nur „homogenes, kohärentes Symbolsystem“
heißen kann, sondern auch „konfliktpotenzielle Subkultur oder Gegenkultur“, und sogar „konflikt- und lösungserzeugende Mischung von Kulturen“,
dann wird auf analytischer Ebene erfassbar, dass der Wirtschaftserfolg Ostasiens keine Ausnahme ist, die die Regel bestätigt, sondern neugestaltete
Aktualisierung des jeweiligen Kultur- und Religionspotenzials unter interkulturellen Globalisierungsbedingungen. Auch Religionen sind als Kulturträger nicht nur vorgegeben und stabilisierend, sondern heterogen und potentiell subversiv, überdies teilweise verhandelbar und übertragbar geworden
und als solche auch einsetzbar in einer ethischen Globalisierungsdebatte.
Aus dieser Perspektive betrachtet lautet meine Fragestellung: Wie stehen der
Hinduismus und der Buddhismus als Religionen historisch und potenziell
zur Wirtschaft?
2.
Hinduistische Moral in Gesellschaft und Wirtschaft
Vor dem Hinduismus gab es im alten Indien die vedische Religion. Diese sah
die soziale Ordnung eingebettet in eine kosmische Ordnung. Die kosmische
Ordnung (rta oder dharma) war die ideale Ordnung, der natürliche Lauf der
Dinge 3 . Die Gesellschaft konnte dieser natürlichen Ordnung zwar nie gerecht werden, musste aber trotzdem ständig versuchen, sich rituell dem Lauf
des Kosmos anzugleichen. Dann entstand, etwa im 6. Jahrhundert, eine tiefgreifende Unzufriedenheit mit der Gesellschaft als solcher. Das Phänomen
des wandernden Asketentums trat hervor, d. h. zahlreicher einzelner Asketen, die aus der Gesellschaft „ausgestiegen“ waren und eine individuelle Befreiung von allen irdischen Bindungen suchten. Der Hinduismus entstand
3
Paul Horsch, Vom Schöpfungsmythos zum Weltgesetz, in: Asiatische Studien 21 (1967), S.
31-61.
199
nach Biardeau 4 daraus, dass man nicht mehr nur das alte Ideal der sozialen
Ordnung, sondern zugleich das neue Ideal eines „Ausstiegs“ aus der Gesellschaft bzw. der individuellen Befreiung anstrebte. Der Hinduismus behält
also zwei gegensätzliche Ideale bei, hält sie für unaufgebbar und ist gleichermaßen sensibel für beide. Das bleibende Spannungsfeld zwischen diesen
Polen macht den Hinduismus aus. Im Bereich der Moralität hat diese Polarität zu einer - positiv bewerteten - Doppelmoral geführt. Aus der Gesellschaft
als sozialer Ordnung ist eine ambivalente Größe geworden, deren Pflichten
man einerseits unbedingt erfüllen muss, weil sie dem natürlichen Lauf der
Dinge folgen, die man andererseits aber unbedingt aufgeben muss, weil sie
die erstrebte individuelle Befreiung verhindern. Weltflucht ist nur eine Seite
des traditionellen Hinduismus. Schwerpunkt oder Ausgangspunkt in diesem
Spannungsfeld bleibt die andere Seite, die soziale Ordnung der Familie und
der Berufsgruppe, zu der man kraft Geburt gehört.
Innerhalb der sozialen Ordnung hat das Kastensystem dazu geführt, dass
eine funktionale - keine ideologische! - Trennung von „Kirche“ und „Staat“
entstand 5 . Die soziale Religion konzentrierte sich auf das Ritual, der Staat
beschäftigte sich vor allem mit Macht, Staatssicherheit, dem Schutz der Agrarproduktion und des Handels sowie den Steuereinnahmen. Wirtschaft
wurde nicht als eigenständiges Phänomen wahrgenommen. Das klassische
Handbuch Arthasastra von Kautilya entspricht der deutschen Kameralwissenschaft des 17. Jahrhunderts. Es ist das Zeugnis einer Verwaltungswissenschaft für die Steuerpolitik des Fürsten 6 .
Materieller Wohlstand (artha) wird im Hinduismus als äußerst wichtig,
wenn auch zugleich als äußerst nebensächlich angesehen. Die hinduistische
Anthropologie lehrt, dass jeder Mensch im Leben vier Ziele hat: erstens
Befreiung (moksha) als das höchste, aber außergesellschaftliche Ziel; zweitens
4
5
6
M. Biardeau, L'hindouisme: Anthropologie d'une civilisation, Paris: Flammarion, 1981.
[Hinduism: The Anthropology of a Civilization, Oxford/New York/Delhi: Oxford University Press, 1989.]
L.W. Pye, Asian Power and Politics: The Cultural Dimensions of Authority, Cambridge,Mass./London: Harvard University Press, 1985, S. 133-157, insbesondere S. 136-140.
Ajit K. Dasgupta, A History of Indian Economic Thought, London/New York: Routledge
1993, S. 28f.
200
Ordnung (dharma) als höchster Wert im sozio-kosmischen Bereich der phänomenalen Welt; drittens materiellen Wohlstand und dessen Erwerb (artha);
viertens Sinnesfreuden, Sinnengenuss (kama). Auch für die Werte in ihrem
Verhältnis zueinander gilt nicht nur eine Hierarchie; es besteht vielmehr
auch ein Nebeneinander relativ autonomer Teilbereiche. Ordnung (dharma)
als umfassendes ethisches Prinzip hält alles zusammen, funktioniert aber
nicht als eine normative Sphäre, die man den Bereichen der Macht, der Politik, der Wirtschaft und des Sinnengenusses gegenüberstellt und auferlegt, um
die Befriedigung der Bedürfnisse normativ einzuschränken 7 . Zum Leben
gehört gleichzeitig eine Mehrzahl von Werten und Pflichten, die man nicht
gegeneinander ausspielen kann. Der eine Wert begrenzt den anderen von
außen, bleibt jedoch auch „außen vor“. In Sachen der Ethik und der menschlichen Zielsetzungen zeigt sich hier m. E. der Geist des Polytheismus. Im
Unterschied zum Monotheismus setzt der Polytheismus die lokale Welt
voraus als Schwerpunkt und Ausgangspunkt aller Seinsbereiche. Jede lokale
Welt hat ihre eigene und ursprüngliche Berechtigung, ihre eigene Gottheit,
ihre eigenen Bedürfnisse, Sitten und Werte. Erst die große Gesamtwelt bezieht andere Dimensionen mit ein, aber diese beseitigen die lokalen Weltdimensionen nicht. Im Monotheismus bezieht sich jede Welt auf einen einzigen universalen göttlichen Willen, dem alle Menschen, alle Weltdimensionen
und alle Teilbereiche der Gesellschaft und der Person gleichermaßen untergeordnet sind. Hier hebt die Religion die Gleichberechtigungsansprüche anderer Teilbereiche auf, greift in sie ein und korrigiert sie. Das ist im Polytheismus undenkbar: Wirtschaft, Politik, Religion haben ihre je eigene Berechtigung. Die Vermittlungs- und Integrationsfunktion der Religion ist wirksam,
sie wirkt sich in direktem Sinne jedoch nur innerhalb des religiösen Teilbereiches aus, ohne in andere Teilbereiche einzudringen. Ein Beispiel aus einem anderen asiatischen Kulturkreis: Als ein chinesischer Bekannter mir
Hongkong zeigte, besuchten wir an einem Sonntag zuerst (s)einen christlichevangelikalen Gottesdienst im 20. Stock eines Hochhauses. Anschließend
gingen wir einkaufen. Als ich nachfragte, was er denn von dieser Umschaltung hielt, bekam ich als Antwort: „Du stellst merkwürdige Vergleiche an!“
Diese Antwort war als Vorwurf gemeint: man soll Religion und Wirtschaft
nicht miteinander in Zusammenhang bringen, sie sind ja nicht vergleichbar!
7
M. Biardeau, L'hindouisme, S. 51f. [Hinduism, S. 43.]
201
Der religiöse Wert begrenzt den ökonomischen Wert vielleicht von außen,
bleibt aber auch „draußen“.
Nun hat Max Weber gerade in Bezug auf die moderne (oder postmoderne)
abendländische Gesellschaft von einem „Polytheismus der Werte“ gesprochen 8 . Der Unterschied zwischen dem traditionellen Polytheismus Indiens
und dem Polytheismus des postmodernen Westens ist jedoch m. E. genauso
groß wie die Übereinstimmung. Im traditionellen Polytheismus der Werte ist
die lokale Welt ausschlaggebend, und man richtet sein Verhalten nach deren
Muster; im postmodernen Polytheismus der Werte ist die individuelle Wahl
ausschlaggebend und richtet man sich nach dem eigenen Willen und Geschmack.
Der traditionelle Hinduismus zeigt den polytheistischen Geist der „Beiordnung“ (juxtaposition), wo sozial-politischer Macht bzw. wirtschaftlichem
Reichtum (artha) in Form ehrwürdigen Prestiges und Ansehens ihre eigene
Berechtigung beigemessen wird. Er zeigt diesen Geist ebenfalls dort, wo das
Leben des einzelnen Menschen in vier Lebensphasen unterteilt wird und die
Phase des „Hausvaters“ im Zeichen materiellen Wohlstandes steht. In beiden
Fällen hat der Erwerb von Reichtum seine eigene religiös-ethische Berechtigung. Es ist eben eine natürliche Pflicht, dem Wohlstand nachzustreben.
Seit dem 19. Jahrhundert gibt es innerhalb des Hinduismus die Reformbewegungen des sogenannten „Neu-Hinduismus“. Auch Mahatma Gandhi ist
in diesem Zusammenhang zu sehen. Der Neu-Hinduismus gründet nicht in
der sozialen Ordnung (erster Pol), sondern in der individuellen Freiheit des
Asketentums und der bhakti-Religiosität, der persönlichen Hingabe an Gott
(zweiter Pol). Soziologisch betrachtet 9 , hat er seine Grundlage im Individuum, religiös betrachtet, im außer-gesellschaftlichen, kosmischen Bereich
von Brahman und Shiva/Vishnu10 . Die Werte dieses Bereiches sind nicht
8
Max Weber, „Wissenschaft als Beruf“ (1919), in: Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur
Wissenschaftslehre, hrsg. von Johannes Winckelmann, Tübingen: J.C.B. Mohr, 1982, S.
582-613, insbesondere S. 603-605.
9 L. Dumont, „World Renunciation in Indian Religions", in: Contributions to Indian Sociology 4 (1960), S. 33-62.
10 Corstiaan J.G. van der Burg, Traditional Hindu Values and Human Rights: Two Worlds
Apart?, in: Abdullah A. An-Na'im, Jerald D. Gort, Henry Jansen, Hendrik M. Vroom
202
sozial-gesellschaftlich, sondern individuell und kosmisch-universal, werden
jedoch für anwendbar auf den gesellschaftlichen Bereich erklärt. So wird
unter Berufung auf die religiöse Einheit der Seele aller Menschen (Seele =
atman) mit Brahman bzw. Gleichheit vor Gott (Shiva/Vishnu) die politische
Gleichheit und Einheit aller Menschen verkündet, wie z. B. von Gandhi im
Falle der Unberührbaren. Die je eigene Pflicht wird im Neu-Hinduismus
nicht mehr als eine mit der Angehörigkeit zur jeweiligen Berufsgruppe gegebene Aufgabe interpretiert, sondern zu einer persönlichen Anlage individualisiert und psychologisiert, zu der man sich einen passenden Beruf sucht (S.
Radhakrishnan )11 . Auch die Ethik und Ökonomie Gandhis sind unverkennbar individualistisch12 . Erstens hat er eine Abneigung gegen staatliche
Einmischung. Zweitens sagt er zu den sozialen Pflichten z. B., das Leben sei
ein Bündel aufeinander stoßender Pflichten, wobei man ständig vor der
Wahl zwischen der einen und der anderen Pflicht stehe13 . Nicht die Gewohnheiten, Sitten und Erwartungen, sondern die freie Wahl und das rationale Abwägen der Konsequenzen sind bei ihm ausschlaggebend. Andererseits gibt es seiner Meinung nach eine Hierarchie von Pflichten: je näher zur
eigenen Familie und Ortschaft, um so wichtiger sind sie14 . Mit der Globalisierung der Wirtschaft in der Gestalt der Industrialisierung hatte Gandhi
bekanntlich große Schwierigkeiten, weil die lokale Welt der Dorfbewohner
Schwerpunkt und Ausgangspunkt seiner ethischen Wirtschaftsanschauung
blieb. Gandhi vertritt m. E. eine Mischung von traditionellem und postmodernem Polytheismus der Werte. Im Allgemeinen ist Gandhi übrigens mehr
ein Pragmatiker als ein Idealist gewesen, der auch das Kastensystem nicht um
jeden Preis abschaffen wollte. Die Eliteschicht der Reichen soll ihren Reich-
11
12
13
14
(eds.), Human Rights and Religious Values: An Uneasy Relationship? Amsterdam: Rodopi
/ Grand Rapids: Eerdmans, 1995, S. 109-119; Austin B. Creel, „The re-examination of
dharma in Hindu ethics", in: Philosophy East and West 25 (April 1975 /2), S. 161-173.
G.-D. Sontheimer, „Die Ethik des Hinduismus", in: C.H. Ratschow (Hrsg.), Ethik der
Religionen: Ein Handbuch, Stuttgart: Kohlhammer, 1980, S. 393f.
A.K. Dasgupta, op. cit., S. 136f.
M. Gandhi, Collected Works 28, S. 343 (zitiert bei A.K. Dasgupta, op. cit., S. 137).
A.K. Dasgupta, op. cit., S. 142 (swadeshi: home-grown).
203
tum nicht aufgeben, sondern für die Gemeinschaft anwenden und sich verantwortungsvoll als Verwalterin benehmen15 .
3.
Buddhistische Moral in Gesellschaft und Wirtschaft
Wir hatten begonnen mit dem ambivalenten Verhältnis des Hinduismus zur
Gesellschaft. Das buddhistische Verhältnis zur Gesellschaft ist dessen Spiegelbild. Der Hinduismus hatte als Schwerpunkt und Ausgangspunkt den Pol
der sozialen Ordnung, der Buddhismus hat als Schwerpunkt und Ausgangspunkt den Pol der inneren und individuellen Befreiung. Buddha jedoch - im
Gegensatz zu den Asketen der Upanishaden - kehrt zur Gesellschaft zurück,
fängt an zu predigen und stiftet Klöster sowie eine eigene Laienbewegung.
Nach Obeyesekere ist die Schaffung einer buddhistischen Laienbewegung die
ausschlaggebende soziologische Bedingung gewesen für die Entwicklung
einer eigenen sozialen Ethik. Nur im Zusammenhang mit einer Laiengemeinde kann die systematische Ethisierung in einer Religion auftreten, so
lautet seine These16 . Die Erleuchtungserfahrung des Buddha ist an und für
sich jenseits von Gut und Böse, wird jedoch als endgültige Befreiung aus dem
Leiden aller lebenden Wesen empfunden. Diese endgültige Befreiung ist allerdings nur dem mönchischen Leben der Meditation, d. h. des Nicht-mehrHandelns, zugänglich. Der Buddhismus hält deswegen nur ein Ideal, das Dieal des mönchischen oder spirituellen Lebens, für unaufgebbar. Alle Lebensformen werden an der Nähe zu diesem Ideal gemessen. Das führt nicht zu
einer Doppelmoral wie im Hinduismus, sondern zu einer relativen Moral.
Der eigentliche Schwerpunkt dieser Moral liegt außerhalb ihrer.17 . Als Vorbereitung auf die mental reinigende Meditation ist die Moral unentbehrlicher Bestandteil der spirituellen, inneren Haltung und eine Sache der Selbstbeherrschung. Als mental gereinigte Frucht der inneren Weisheit ist die
Moral umgekehrt eine Sache der Ausstrahlung von Mitleid. In beiden Fällen
15 A.K. Dasgupta, op. cit., S. 151-154.
16 G. Obeyesekere, Exemplarische Prophetie oder ethisch geleitete Askese? Überlegungen zur
frühbuddhistischen Reform, in: W. Schluchter (Hrsg.), Max Webers Studie über Hinduismus und Buddhismus: Interpretation und Kritik, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1984, 259.
17 Winston L. King, In the Hope of Nibbana: Theravada Buddhist Ethics, La Salle, Ill.: Open
Court, 1964; Peter Gerlitz, „Die Ethik des Buddha", in: C.H. Ratschow (Hrsg.), op. cit., S.
227-348.
204
ist die Moral jedoch immer eine innere Haltung und kein eigentliches Verhalten.
Dieser geschilderte Schwerpunkt in der religiösen Innenwelt bringt für das
Verhältnis zur sozialen Welt eine Verschiebung mit sich. Hatte der Buddha
asketisch begonnen als ein Aussteiger aus der Gesellschaft, so durchschaut er
bei seiner Rückkehr, dass das Problem der Gesellschaft nicht sozialer oder
physischer18 Natur ist, sondern spiritueller Art. Es ist eine Frage des inneren
Verhaftetseins und der Unwissenheit. Das Leid der sozialen Welt wird jetzt
innerweltlich verstanden als das Leiden an der sozialen und physischen Welt.
Die Außen(welt)-Innen(welt)-Spannung hat sich transformiert in eine Innen(welt)-Innen(welt)-Spannung. Nicht Reichtum oder Armut, sondern das
positive oder negative Verhaftetsein an Reichtum bzw. Armut ist dann entscheidend. Für Laien allerdings ist Reichtum, wenn ehrlich erworben, empfehlenswerter als Armut19 . Man soll nicht ein Übermaß an Reichtum erstreben, sondern nur genug verdienen, um einen Teil davon investieren und
einen anderen Teil wegschenken zu können. Die gemäßigte Haltung des
buddhistischen „mittleren Weges“ gilt auch im wirtschaftlichen Bereich. So
konnte, als die südasiatischen „Theravada-Länder“ politische Unabhängigkeit
gewannen und ihre Nationalideologien eine buddhistische Prägung erhielten20 , dies in Burma mit der ideologischen Entwicklung einer „economy of
sufficiency“ einhergehen21 . Die Armut und die politische Ohnmacht eines
Großteils der buddhistischen Bevölkerung in diesen Ländern einerseits und
die internationale Ideologie des Sozialismus (bzw. Kommunismus / Marxismus) und der Menschenrechts-Doktrin andererseits hat zu vielen Initiativen
18 "Physischer Natur“ soll heißen: gesundheitlicher und zeitlicher Art, bestimmt durch
Vergänglichkeit, Krankheit und Tod; siehe Richard F. Gombrich, Theravada Buddhism. A
social history from ancient Benares to modern Colombo, London/New York: Routledge,
1988, S. 58f.
19 R.F. Gombrich, op. cit., S. 78; Sunanda Putuwar, „The Buddhist Outlook on Poverty and
Human Rights", in: Henry O. Thompson (ed.), The Wisdom of Faith: Essays in Honor of
Dr. Sebastian A. Matczak, Lanham/London/New York: University Press of America,
1989, S. 91-99.
20 H. Dumoulin (Hrsg.), Buddhismus der Gegenwart, Freiburg i.Br.: Herder, 1970.
21 W.L. King, op. cit., S. 241-246.
205
sogenannter „engagierter Buddhisten“ geführt, die damit eine sozial gerechte
Gesellschaft verwirklichen wollen22 .
Zur frühbuddhistischen Laienbewegung gehörten verhältnismäßig viele Fürsten und reiche Kaufleute, die den Buddha gerne als Gast einluden und als
Berater hatten. Aus den Texten ist überdies zu entnehmen, dass von einem
religiösen Konkurrenzkampf zwischen einer eher buddhistischen Stadtkultur und einer eher hinduistischen Dorfkultur die Rede war23 . Vermutlich
hatte der Frühbuddhismus seine ökonomische Grundlage in „betriebswirtschaftlichen“ Kreisen, während der brahmanistische Hinduismus seine ökonomische Grundlage in „volkswirtschaftlichen“ Kreisen besaß. Der Buddhismus hatte bei Unternehmern und insbesondere bei Kaufleuten eigentlich
immer besonderen Erfolg24 . Achtsamkeit, Sorgfalt, Ausdauer und gewissenhafte Planung benötigen Geschäftsleute genauso wie Mönche, um erfolgreich zu sein25 . Aber für niemanden, gleich ob Kaufmann oder Mönch, dürfe
Eigeninteresse das letzte Ziel sein26 . Alte Leute, Waisen und Gefangene müssen betreut werden. Handel mit Waffen, lebenden Wesen, Fleisch, Wein und
Gift ist natürlich verboten. Die enge Verknüpfung von Buddhismus und Betriebswirtschaft hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Sie erklärt teilweise wohl auch, dass der Buddhismus in Indien verschwunden ist und sich
stattdessen über die asiatischen Handelsrouten erfolgreich verbreitet hat. Der
japanische Buddhismus ist hierfür ein schönes Beispiel. Japan ist an sich kein
buddhistisches, sondern ein polytheistisches Land, das jedem Teilbereich des
Lebens und der Gesellschaft seine je eigene Berechtigung beimisst. Für das
Wirtschaftswachstum ist der Shintoismus (Hauptaugenmerk: Fruchtbarkeit)
zuständig, für den Tod ist der Buddhismus angemessener (zentrale Motive:
Ruhe, Vergänglichkeit). Dieser Buddhismus ist auf die Besorgung des Totenrituals ausgerichtet. Eine globale Wirtschaftsethik ist noch kein buddhisti-
22 Wege zu einer gerechten Gesellschaft. Beiträge engagierter Buddhisten zu einer internationalen Debatte (Weltmission heute Nr. 23), Hamburg: Evangelisches Missionswerk in
Deutschland, 1996.
23 R.F. Gombrich, op. cit., S. 49-58, 61.
24 A.K. Dasgupta, op. cit., S. 14-19.
25 R.F. Gombrich, op. cit., S. 78.
26 A.K. Dasgupta, op. cit., S. 21-27.
206
sches Thema oder beginnt erst heutzutage, es zu werden27 , m. E. nicht der
drohenden Arbeitslosigkeit, sondern der Umweltzerstörung wegen: Bäume
sterben, Arbeitslose nicht. Für Japan im Allgemeinen gilt übrigens, dass die
Bäume nur im eigenen Land heilig sind und dass deswegen nur im Ausland
tropisches Hartholz geschlagen werden kann, weil das Ausland nicht zur
lokalen japanischen Welt d. h. nicht zum japanischen religiös-ethischen Horizont gehört28 . Um an der Globalisierung der Wirtschaft teilnehmen zu
können, brauchen die Japaner nicht einen abendländischen Fortschrittsgedanken29 , sondern messen ihren Erfolg an ihrem Rang in der sozialen
Hierarchie, und zwar an ihrem Rang unter den reichsten Industrieländern
der Welt.
4.
Denkanstöße zur interreligiösen Bewertung von
Globalisierungsfolgen: Menschenwürde und Respekt
Hält man es für nötig, dass die Globalisierung der Wirtschaft mit einer Globalisierung der Wirtschaftsethik einhergeht, dann muss deren philosophische
Begründung so umfassend oder tiefgreifend wie möglich gefasst sein, ohne
jedoch zur abstrakten Leerformel zu geraten. Die Ausformulierung eines
gemeinsamen Nenners in der Form einer anthropologischen Konstante ist
auf analytischer Ebene wichtig, kaum aber auf kommunikativer Ebene. In
analytischer Hinsicht kann sie Annäherungsmöglichkeiten und -schwierigkeiten ans Licht bringen30 ; in kommunikativer Hinsicht erweist sie sich
meistens zu sehr dem jeweiligen philosophischen Kulturkreis verhaftet, um
27 Sallie B. King, „A Buddhist Perspective on Global Ethic and Human Rights", in: Journal of
Dharma: an international quarterly of world religions 20 (1995), S. 122-136.
28 Takie Sugiyama Lebra, Japanese Patterns of Behavior, Honolulu: University of Hawaii
Press, (1976) 19865, S. 110-136.
29 Der Fortschrittsgedanke ist den Japanern völlig fremd: auch Veränderungen führt man nur
durch zum Überleben (nach Robert J. Ballon, Sophia University Tokio, in einem Interview mit der Zeitung NRC Handelsblad vom 15.01.1994).
30 Zum philosophisch-anthropologischen Ansatz: A. Kleinfeld in diesem Band; L. Minnema,
„A Common Ground for Comparing Mystical Thought. Nishitani and Rahner from an
Anthropological Perspective", in: Japanese Religions 17 (Jan. 1992, Nr.1), S. 50-74.
207
im interkulturellen und interreligiösen Dialog nicht sofort Verständigungsprobleme hervorzurufen.
Allerdings müsste das Menschsein als Thema im Mittelpunkt stehen. Das
Konzept der „Menschenwürde“ erscheint mir hierfür am besten geeignet.
Die „Menschenrechts“-Doktrin halte ich hier für weniger angemessen, weil
sie fast ausschließlich abendländische Vorstellungen von der Menschenwürde innerhalb der modernen Gesellschaft zur Anwendung bringt. In jeder traditionellen Gesellschaft kann man sich etwas darunter vorstellen, wenn von
der „Würde des Menschen“ die Rede ist, aber nicht jede Gesellschaft könnte
eine Übersetzung in die moderne Menschenrechts-Doktrin nachvollziehen.
Dennoch ist die Übertragungsleistung hin zur Menschenrechts-Doktrin unverzichtbar, weil der Prozess der Globalisierung ständig neue Übersetzungsleistungen erforderlich macht, die dem globalen Kontext gewachsen sind.
Das Schicksal aller Beteiligten hängt davon ab, ob diese gelingen. Übersetzen
heißt, dass man den eigenen Verstehenshorizont erweitert, weil andere Lebenswelten wahrgenommen werden müssen, auch in moralischer Hinsicht.
Übersetzen heißt auch, dass man kompromissbereit ist und nicht nur ständig
die eigene Sprache gebrauchen will. Als Motiv dafür kommt in Frage, dass
einem die Macht zur Ausbreitung der eigenen Sprache, die Lust an bloßer
Wiederholung oder der Glaube an den Sinn eines solchen Bemühens fehlt.
Im interkulturellen und interreligiösen ethischen Dialog wäre es m. E. ein
erster Schritt, wenn die Vorstellung der Menschenwürde nicht länger automatisch mit der Idee der Person verknüpft wird. Der Personbegriff bleibt zu
sehr dem Substanzhaften verhaftet, um für einen Buddhisten über eine theoretisch mögliche Verwendung hinaus einleuchtend sein zu können. Statt
dessen möchte ich die Tugend des Respekts als Zugang zur Idee der Menschenwürde nennen. Respekt ist als ethische Idee nicht nur überall auffindbar, sondern auch als Verhalten im praktischen Umgang vorhanden. Es ist
sehr wichtig, dass Menschen einander ihre Geschichten erzählen, in denen
Respekt eine Rolle spielt. So kann ein Dialog beginnen, der nicht auf philosophische Konsequenz, sondern auf soziale Kompetenz abzielt. Daran könnte und müsste man anknüpfen, auch um die negativen Folgen der wirtschaftlichen Entwicklung erfassen und kompensieren zu können.
208
Aus soziologischer Sicht würde Peter L. Berger 31 darauf hinweisen, dass der
Begriff „Menschenwürde“ selbst schon die moderne Übersetzung eines ganz
anderen Begriffes ist, der ebenfalls mit Respekt zu tun hat, und zwar des
Begriffes „Ehre“. Der Unterschied zwischen Ehre und Würde besteht darin,
dass es in einer Lebenswelt, die noch an die traditionelle Vorstellung von
„Ehre“ gebunden ist, keine Identität gibt außerhalb der institutionellen Rollen, während in der modernen Lebenswelt Identität prinzipiell unabhängig
ist von institutionellen Rollen. Das bedeutet in unserem Zusammenhang: ein
traditioneller Hindu versteht sich als respektvoll und „würdig", indem er die
ihm vorgegebenen Rollen und Pflichten auf sich nimmt, während ein modernes Individuum seine Identität findet, indem es sich seiner institutionellen Rollen entledigt und in totaler Unabhängigkeit seine eigene Authentizität behauptet. Als Übersetzung des Begriffes „Ehre“ erweist sich der Begriff
„Menschenwürde“ als dem abendländischen Individualismus verhaftet. Respekt bedeutet in dem ersten Beispiel etwas ganz anderes als in dem zweiten
Beispiel: das ist zu beachten.
Der Neu-Hinduismus Mahatma Gandhis bietet vielleicht eine alternative
Deutung. Seine Vision der Selbstverwaltung Indiens (svaraj) beinhaltete
nicht nur Freiheit vom Kolonialismus, sondern auch Autarkie und Selbstrespekt der lokalen Dorfbewohner32 . Dabei geht es nicht um Respekt, der
abhängig ist vom Ansehen einer Person bei anderen, sondern es handelt sich
um den Selbstrespekt einer ganzen Schicht von Individuen. Diesen Selbstrespekt erlangt man, indem man selbst dafür arbeitet. In der Sprache der Menschenrechts-Doktrin hieße das „ein Recht auf Arbeit haben“. Als Hindu hat
man jedoch von Natur aus nur Pflichten. Rechte werden von diesen hergeleitet, indem man seine Pflichten erfüllt und sich so die „Rechte“, d. h. Ermächtigungen (adhikara) erwirbt33 .
31 Peter L. Berger, „On the Obsolescence of the Concept of Honor”, in: Stanley Hauerwas,
Alasdair MacIntyre (eds.), Revisions. Changing Perspectives in Moral Philosophy, Notre
Dame/London, 1983, S. 172-181.
32 A.K. Dasgupta, op. cit., 132.
33 R.C. Pandeya, „Human Rights: an Indian Perspective”, in: Paul Ricoeur (introd.), Philosophical Foundations of Human Rights, Paris: UNESCO, 1986, S. 267-277; John B. Carman,
„Duties and Rights in Hindu Society", in: Leroy S. Rouner (ed.), Human Rights and the
209
Der Buddhismus hat große Schwierigkeiten, sich einen Zugang zu den Vorstellungen des Selbstrespekts, der Ehre und der Person zu eröffnen. Respekt
ist jedoch durchaus auch eine buddhistische Tugend, nicht in Bezug auf das
Individuum oder die Gruppe schlechthin, sondern in Bezug auf das Leben an
sich. Das Leben ist wert, gelebt zu werden. Nicht ein göttliches Gebot, sondern das Leben selbst fordert Ehrfurcht, um aufblühen zu können. Aus
diesem Grund will auch das menschliche Leben geschützt und respektiert
sein (ahimsa: Nicht-Verletzung).
Die Tugend des Respekts löst allerdings ebenfalls nicht alle ethischen Probleme des Lebens, weil auch sie nicht ohne Interpretation bzw. Anwendung
im jeweiligen Kontext möglich ist34 . Für einen Brahmanen heißt Respekt
nun einmal Respekt vor dem reinen Leben, und das schließt den Umgang
mit unreinen Menschen und Situationen aus. Da gibt es kaum eine Übersetzungsmöglichkeit, sondern nur die Frage der Macht: die Verfassung Indiens (Art. 17) verbietet einfach die Anwendung des Kriteriums der Unreinheit, bzw. der Unberührbarkeit35 .
5.
Zusammenfassende Thesen
1. Träger der Kultur als einer empirisch-transzendentalen Größe sind Gesellschaft und Individuum. Die Macht des kulturellen Musters ist dominant; dieses wird als vorgegeben erfahren.
World's Religions, Notre Dame,Ind.: University of Notre Dame Press, 1988, S. 113-128;
Purushottama Bilimoria, „Rights and Duties: The (Modern) Indian Dilemma", in: Ninian
Smart, Shivesh Thakur (eds.), Ethical and Political Dilemmas of Modern India, New York:
St. Martin's Press/Basingstoke: MacMillan, 1993, S. 30-59.
34 Vgl. ebenfalls Sandra A. Wawrytko, „Confucius and Kant: The ethics of respect", in:
Philosophy East and West 32 (1982 Nr. 3), S. 237-257.
35 G.-D. Sontheimer, op. cit., 394f. Vgl. A. Pushparajan, „Harijans and the Prospects of their
Human Rights", in: Journal of Dharma. An international quarterly of world religions 8
(1983), S. 391-405; Satish Kumar, „Human Rights and Economic Development: The Indian
Traditions", in: Human Rights Quarterly 3 (1981 Nr.1), S. 47-55.
210
2. Kultur wirkt einerseits als Konfliktquelle und andererseits als Raum
für Innovation und Initiative. Die Macht kultureller Muster ist umstritten. Sie wirken teils oppressiv und teils subversiv.
3. Die Macht kultureller Muster steht zur Disposition. Kultur bietet auch
Freiräume, Wahl- und Kombinationsmöglichkeiten; diese sind übertragbar und können vielfältig genutzt werden.
4. Auch Religionen sind als Kulturträger nicht nur vorgegeben und stabilisierend, sondern heterogen und potenziell subversiv, überdies teilweise verhandelbar und übertragbar geworden und als solche auch einsetzbar in einer ethischen Globalisierungsdebatte.
5. Der traditionelle Hinduismus besitzt eine Doppelmoral und eine
Pflichtenethik. Ihm gelten wirtschaftliche Tätigkeit und Reichtum
zugleich als äußerst wichtig und berechtigt sowie als äußerst nebensächlich. Mit der Globalisierung der Wirtschaft hat er keine Schwierigkeiten.
6. Der Neu-Hinduismus Gandhis erklärt Wirtschaftswachstum für äußerst wichtig und berechtigt, wenn die gesamte Gesellschaft dazu Zugang hat und dem Selbstwertgefühl aller Individuen damit gedient ist.
Mit der Globalisierung der Wirtschaft hat er große Schwierigkeiten,
weil die lokale Welt übergangen wird, anstatt Schwerpunkt zu sein.
7. Der Buddhismus hat eine relative Moral und für seine Laien eine relativ weltbejahende Sozialethik. Der Buddhismus besitzt keine Pflichten-, sondern eine Tugend-Ethik.
8. Für Laien ist wirtschaftlicher Erfolg erstrebenswert, wenn er ehrlich
erworben und aufgebbar ist. Mobiler Welthandel, Betriebswirtschaft
und Buddhismus sind historisch eng verknüpft. In der Globalisierung
der Wirtschaft erkennt der Buddhismus erst dann und dort Probleme,
wenn sie sich lebensvernichtend auswirkt, d. h. im ökologischen Bereich.
211
9. Um an der Globalisierung der Wirtschaft teilnehmen zu können,
braucht man keinen christlichen oder säkularisierten Fortschrittsgedanken.
10. Im interkulturellen und interreligiösen ethischen Dialog ist die Übersetzungsaufgabe bereits erfüllt, wenn die Vorstellung der Menschenwürde nicht länger „automatisch“ mit der Idee der Person verknüpft
wird. Der Persongedanke bleibt zu sehr dem Substanzhaften verhaftet,
um für einen Buddhisten je einleuchtend sein zu können (verwendbar
schon, aber nicht einleuchtend!). Statt dessen ist darum auf die Tugend
des Respekts gegenüber dem Leben als Zugang zur Idee der Menschenwürde aufmerksam zu machen.
212
Resümee der Tagung
Wilhelm Fahlbusch
Ich kann kein Resümee in Form einer Rezension der Referate liefern. Alles,
was hier vorgetragen worden ist, hatte sein eigenes Profil und eigene Qualität, kam aus einem spezifischen Zusammenhang der Beschäftigung mit dem
Tagungsthema, der wiederum ganz persönlich geprägt ist. Kurzum, eine
Rezension ist nicht möglich. Ich kann der Tagung am besten gerecht werden, wenn ich darstelle, wie sie auf mich selbst gewirkt hat, was sie an neuen
Fragen, aber vor allem auch an neuen Erkenntnissen gebracht hat, was ich
besser als vorher verstanden habe, wo sie meine Vorstellungen korrigiert
und mir Hoffnung und Mut gemacht hat. Ich gehe dabei davon aus, dass
meine eigene Situation keine außergewöhnliche ist, sondern der Lage der
meisten Tagungsteilnehmer entspricht.
1. Frage: Was ist da mit der Globalisierung wirklich über uns gekommen?
Was bringt unsere Meinungen und Voreinstellungen immer wieder deutlich
aus dem Takt? Welche Ursachen der Globalisierung gibt es? Wie müssen wir
mit ihnen umgehen? Ich bin durch die Soziale Marktwirtschaft, bzw. den
Rheinischen Kapitalismus insofern geprägt, als ich mich selbst dafür eingesetzt habe. Tarifpartnerschaft, Tarifpolitik, Mitbestimmung und die sozialen
Sicherungssysteme im Generationenvertrag sind für mich unaufgebbare
soziale Errungenschaften. Muss ich davon Abstand nehmen? Was geschieht,
was verändert sich, wenn wir sie modifizieren, reformieren oder aufgeben?
2. Frage: Was mich bedrückt, ist die offenbare Bedeutungslosigkeit der
Theologie, der Philosophie, ja der Ethik in diesem Problemfeld. Die Dominanz der Ökonomie in ihrem weit verbreiteten Absolutheitsanspruch wirkt
erdrückend und deprimierend. Es scheint sich hier um zwei Welten zu handeln. Ist eine Verbindung noch möglich, und auf welchem Wege?
213
3. Frage: Gibt es Bundesgenossenschaften bei der sozialethischen Analyse
und bei sozialpolitischen Handlungsstrategien?
4. Frage: Wie kommt es zu Kooperationen und politischen Handlungsgemeinschaften?
Zu 1.: Ich habe gelernt, dass Globalisierung die Fortsetzung der Internationalisierung der Weltwirtschaft unter den Bedingungen einer revolutionären
Kommunikationstechnologie (z. B. Internet) ist. Die von Marx und Engels
im Kommunistischen Manifest dargestellte internationale Mobilmachung
des Kapitals findet heute eine unwahrscheinliche Steigerung. Es wird nicht
nur international exportiert, sondern auch produziert. Vor allem die Selbstschöpfung des Kapitals an den Börsen ist ein neues Phänomen in der Geschichte von Kapital und Arbeit. Es handelt sich also um qualitative Sprünge, die unsere Weltbilder und Vorstellungen revolutionieren. Ich selbst bin
der Sozialen Marktwirtschaft eng verbunden. Ich habe mit für Tarifhoheit,
Tarifpartnerschaft, Mitbestimmung und soziale Versicherungssysteme auf
der Basis der Solidarität und des Generationenvertrages gekämpft. Die Globalisierung stellt diese Werte aus vielen Gründen in Frage. War der Rheinische Kapitalismus nur möglich in einer weltpolitischen Nische unter den
Bedingungen des Kalten Krieges? Diesen Fragen müssen wir uns so intensiv
wie möglich stellen. Es steht die Tradition christlicher Ethik, ihre Legitimation und ihre ökonomische Tauglichkeit und Wirksamkeit zur Diskussion.
Die Kirchen können dieser Diskussion nicht ausweichen. Ihr Ergebnis wird
unausweichlich auch zu Urteilen über die Kirchen insgesamt führen. Die
humanisierende und rettende Kraft der Verkündigung muss sich hier exemplarisch erweisen. Versagt die Kirche hier, so bleibt nur die Nische einer
esoterischen Erlösungslehre mit Trostfunktion in einer Welt, der nicht
mehr zu helfen ist. Das aber wäre auch die Bankrotterklärung der Theologie
der Neuzeit.
Zu 2.: Das Gefühl der Bedeutungslosigkeit von Theologie und Ethik ist der
realen Situation nicht angemessen. Ich habe gelernt, dass es in unserer Gesellschaft bedeutende ethische Kräfte gibt, die politisch agieren, wie zum
Beispiel die NGOs oder andere Gruppen, die gegen die Dominanz und Verabsolutierung des Marktes und der Vermarktung der menschlichen Existenz
kämpfen. Wichtig ist die Information, dass diese Potenziale auch in der
Wirtschaft selbst zu finden sind. Die völlige Ökonomisierung der Welt und
214
des Alltags kann nicht im Interesse nachdenkender Wirtschaftsleute sein.
Eine gerechte Verteilung von Arbeit und Gütern in der Welt ist ein entscheidender ökonomischer Faktor. Die ethische Analyse des Wirtschaftsgeschehens und deren politische Konsequenzen gehören wesensmäßig zur
modernen Wirtschaftswelt. Das Problem liegt darin, dass diese Erkenntnisse
nur von den Akteuren durchgesetzt werden können, die durch den Markt
selbst stark genug geworden sind, die Wirtschaft zu bestimmen. Veränderung kann nur von den Gewinnern kommen. Es geht also um die Prägung
der Ethik der Starken. Kirche und Theologie können an diese Potenziale
und Prozesse anknüpfen. Sie müssen nicht allein gegen den Rest der Welt
kämpfen. Das Schema „Kirche“ auf der einen Seite und „Welt“ auf der anderen stimmt sowieso nicht. In den gesellschaftlichen Potenzialen bewegen
sich viele Kräfte des Glaubens in säkularisierter Form. Die Anderen sind in
der Regel nicht Fremde, sondern haben Teil an der sozialen und politischen
Kultur des Glaubens. Sie sind oftmals ja auch Mitglieder der Kirche.
Zu 3. und 4.: Die Aufgabe der Kirche - und der Theologie - muss es sein,
sich kritisch und solidarisch in die nötigen Diskussionsprozesse einzubringen. Die Kirche wird dabei auch als Institution über die Betroffenheit ihrer
Laien-Mitglieder lernen und Kompetenz gewinnen. Aus diesem Lernprozess
heraus muss sie entscheiden, ob sie und wann sie sich spezifisch kirchlich, d.
h. in der Regel theologisch und seelsorgerlich, bzw. politisch-ethisch äußert.
Wichtig ist es dabei, immer wieder auf biblische und theologische Grundentscheidungen in der Tradition der Kirchen und des Christentums hinzuweisen. In der Problematik der Globalisierung bedeutet das, daran zu erinnern, dass Kapital und Arbeit, heute vor allem aber das Kapital, für den
Menschen da sind und nicht umgekehrt, dass die Verabsolutierung des
Marktes und der Marktprozesse mit der gesellschaftlichen Tradition des
christlichen Glaubens nicht zu vereinbaren ist und den status confessionis
berührt. Dies gilt auch für die Errungenschaften der Sozialkultur und der
Kultur der Arbeitswelt. Entscheidungen, die die Entwicklung der menschlichen Alltagswelt und der geistigen und kulturellen Fähigkeiten der Menschen entscheidend und epochal gefördert haben, die als Folge und Erbschaft der christlichen Verkündigung identifizierbar oder mit ihr vereinbar
sind, sollten verteidigt und offensiv weiterentwickelt werden. Dies gilt auf
jeden Fall für das Tarifwesen, für die solidarischen Versicherungssysteme
und für die Mitbestimmungsrechte. Dies alles ist ohne ökumenische Aspek215
te und Kooperation nicht mehr möglich. Die Globalisierung fordert die
Ökumene heraus.
216
Anhang
1. Spiritualität und Ökonomie. Ein Schlüsselproblem der
Gegenwart
Mainzer Erklärung der deutschen Sektion der „Weltkonferenz der Religionen für den Frieden“ (WCRP) 1996 1
Die Weltkonferenz der Religionen für den Frieden / BRD hat sich auf ihrer
Jahresversammlung 1996 mit den Problemen des Miteinander-Lebens und
des Überlebens auf dem gefährdeten Globus befaßt, um nach Möglichkeiten
der interreligiösen Kooperation zu suchen.
Wir danken allen, die sich in Wirtschaft und Politik, in Wissenschaft und
Kunst, in Erziehung und Publizistik sowie in religiösen Gruppen und Gemeinschaften gegen die drohende Entwicklung stemmen, initiativ werden
und die sich, sei es aus religiösen Motiven oder aus Gründen weitsichtiger
Vernunft, mit selbstzerstörerischen Trends nicht abfinden. Es gibt ermutigende Beispiele, das Soziale neu zu beleben, zum Frieden anzustiften und
mit der Erde pfleglich umzugehen. Wir bitten, durchzuhalten, denn nichts
ist so revolutionär wie das gelungene Beispiel. Zu einem weit gespannten
Netz miteinander verknüpft, können die gesellschaftsgestaltenden Impulse
ökologischer Inseln durchaus zur Geltung kommen.
Ein gemeinsamer Beitrag der Religionen zur Lösung der Gegenwartsprobleme ist dringend notwendig, denn es wäre eine Selbstüberschätzung, wenn
1
Aus: WCRP-Informationen, Nr. 45, Stuttgart 1996, S. 14-16. Die Erklärung ist auch abgedruckt in: Franz Brendle, Klaus Lefringhausen (Hrsg.): Ökonomie und Spiritualität. Verantwortliches Wirtschaften im Spiegel der Religionen, Hamburg 1997, S. 153-156 (Rez. H.H.Tiemann, in: Lutherische Monathefte 7/98, S. 46).
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sich eine Religion ohne Kooperation mit Nachbarreligionen für globale
Themen wie Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung stark
machen wollte.
Wir kommen aus unterschiedlichen Traditionen. Zu lange haben wir voneinander nur die jeweiligen Defizite wahrgenommen, anstatt uns gegenseitig
bei dem Besten, was wir haben, zu behaften.
- Doch nun hören wir neu, was eine der buddhistischen Grundtugenden,
nämlich die Achtsamkeit, für den Umgang des Menschen mit der Mitwelt
bedeuten kann.
- Wir hören angesichts des globalen Problemstaus neu, was Muslime meinen, wenn sie vom Khalifat des Menschen sprechen, der als Stellvertreter
Gottes die Erde zu verwalten hat.
- Es hat ferner inhaltliches Gewicht, wenn Hindus dem raffenden Leben das
Bild vom Leben als Opfer entgegenhalten.
- Der jüdische Impuls, der den Menschen als verantwortlichen Haushalter
versteht, könnte helfen, den Zwang zu selbstzerstörerischem Selbstbezug
aufzubrechen.
- Christen sehen sich durch die in Jesus Christus erfahrene Liebe Gottes in
die Verantwortung für Mitmenschen und alle Geschöpfe gestellt.
- Bahais folgen dem Bild von einer Menschheitsfamilie.
So weisen unterschiedliche religiöse Traditionen in die gleiche Richtung.
In der gemeinsamen Denkrichtung liegt auch das, was ursprünglich den Sinn
der oikonomia ausmachte. Sie war die Lehre vom rechten Haushalten und
meinte niemals nur die sparsame Verwendung von Rohstoffen und die materielle Versorgung, sondern stets auch das Wohlergehen aller Haushaltsmitglieder. Unsere heutige Welt ist zu einem globalen Dorf zusammengeschrumpft, so daß der Verantwortungshorizont rechten Haushaltens nicht
nur den Nahbereich des Lebens umfaßt, sondern über die eigene Nation, die
eigene ethnische Gruppe, die eigene Kultur und die eigene Glaubensfamilie
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hinausweist. So ist die oikonomia nicht nur eine Lehre von Marktmechanismen und Organisationstechniken, sondern auch ein Beziehungsbegriff.
Das Wohlergehen aller Haushaltsmitglieder setzt aber voraus,
- dass der Haushalt nicht egoistisch ausgenutzt wird,
- dass alle Mitglieder aktive Partizipation erhalten,
- dass das Wohl kommender Generationen bedacht wird und
- dass die Lebensgrundlage von niemandem gefährdet wird.
Das alles hat mit Nächstenliebe, mit achtsamem Mitgefühl, mit Gehorsam
und mit Spiritualität zu tun. Wir wissen, daß die Welt unser gemeinsames
Haus ist, das wir uns nicht erarbeitet haben, sondern das uns geschenkt ist.
Auch ohne religiöse Begründung kann weitsichtige und aufgeklärte Vernunft in eine ähnliche Richtung weisen, wenn diese Vernunft sich nicht vorschnell der Logik und den Ansprüchen von Sachzwängen unterwirft, sondern gegen sie andenkt. Jedenfalls ist der Dialog der Religionen mit denen,
die sich nur von ökonomischer Vernunft leiten lassen, durchaus möglich,
sinnvoll und notwendig.
Wir haben weder die Kompetenz noch das Mandat, konkrete Lösungen
vorzuschlagen. Doch wir können das Problem hinter den Problemen benennen, Denkschneisen schlagen und Richtungsimpulse versuchen. Wir
müssen den Finger auf die stets offene Wunde legen, nämlich die anthropologischen Fehlannahmen, die es in Wirtschaft, Politik, Ideologien immer
wieder gibt. Sie schleichen sich auch als Verhaltensmuster ein, etwa wenn
Sinnkrisen mit Konsumschüben beantwortet werden. Von unserem anthropologischen Vorverständnis her fragen wir, ob sich der Egoismus wirklich
stets in Gemeinwohl verwandelt, denn dann wäre jemand um so gemeinwohlfähiger, je egoistischer er handelt. Wir fragen auch besorgt nach den
Folgen der Globalisierung, wenn diese dazu führt, daß der Mensch als ethisches Subjekt abtritt und den wachsenden Sachzwängen das Feld räumt.
Zweifel ruft auch die These hervor, daß der Konsument stets aufgeklärt
genug sei, um seine wahren Interessen zu erkennen.
219
Als Religionen halten wir daran fest, daß der Mensch seine eigene Würde
hat, die nicht davon abhängig ist, ob er funktioniert, effizient produziert,
viel konsumiert und ob der Markt die Leistungen überhaupt honoriert. Der
Markt hat zwar eine wichtige Funktion. Doch eine marktzentrierte Gesellschaft wird allzu leicht blind für Menschen ohne Kaufkraft. Die Technik hat
der Menschheit sehr geholfen, doch es gibt eine bedenkliche Technikeuphorie, die den Roboter für einen preiswerten Ersatz für den Menschen hält. Jedenfalls gehören die dadurch entstehenden anthropologischen
Schäden mit in die Technik-Folgenabschätzung. Zudem ist geschichtlich
noch keineswegs bestätigt, daß sich die Menschen mit Hilfe der Technik in
einer aufsteigenden und linearen Bewegung nach vorn befinden. Es gibt
bereits deutliche Indizien dafür, daß es sich rächt, von der Vorrangigkeit der
Ökonomie vor der Ökologie auszugehen und damit die Ökologie, also die
Grundlage des Lebens, der Herrschaft der Nützlichkeit zu unterwerfen.
Wir selbst können viele der Gegenwartsfragen, hinter denen sich jeweils
sehr komplizierte Sachverhalte verbergen, nicht befriedigend beantworten.
Doch es gehört zur Spiritualität, auch solche Fragen zuzulassen, die nicht
oder noch nicht zu beantworten sind. Spiritualität ist ein Antrieb aus geistigen Motiven – oft zusätzlich oder auch korrigierend zu interessen- oder
milieugebundenem Denken. Sie hilft im betrieblichen Alltag das Gewöhnliche ungewöhnlich zu tun. Spiritualität bedeutet, auf die Klopfzeichen des
Humanum zu hören und sie nicht zu überdröhnen. Spiritualität ist kein
Besitz, sondern ein Suchvorgang. Sie ist ein Aufmerken auf den Sinn aller
Dinge. Sie ist ein Denken in der Kategorie des gelingenden Lebens und das
Wissen von der eigenen Verwobenheit in das große Netz, das Mensch und
Mitwelt verbindet und am Leben hält. Doch wir spüren, daß Spiritualität in
der Wirtschaft zu den besonders knappen Gütern gehört und daß dieser
Mangel Krisen schafft, zumindest aber verschärft. So bleibt Spiritualität in
der Wirtschaft eine Vision, doch die Religionen in Deutschland bleiben ihr
auch künftig verpflichtet. Wir laden dazu ein, mit uns die neue Achtsamkeit, die neue Nachdenklichkeit und die offene Sympathie zu leben.
220
2. Globale Wirtschaft verantwortlich gestalten
Dokumente zum Schwerpunktthema der 6. Tagung der 9. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 4. bis 9. November 2001 in Amberg 2
2.1 Grundinformation des Vorbereitungsausschusses
Dass die Synode der Evangelischen Kirche sich nach der Wirtschaftsdenkschrift „Gemeinwohl und Eigennutz“ von 1991 und nach dem Gemeinsamen Wirtschafts- und Sozialwort der Kirchen von 1997 erneut mit einer
Äußerung zu Fragen der Wirtschaft zu Wort meldet, hat gute Gründe.
Manche Probleme sind seitdem angegangen worden. Anderes blieb unbearbeitet. Neue Herausforderungen, insbesondere im globalen Horizont, sind
hinzugekommen und bedürfen der weiteren kritischen Begleitung, auch
durch die Kirchen:
Die nicht zuletzt technisch bedingten Veränderungsprozesse in der Wirtschaft haben sich weiter beschleunigt und bei vielen Menschen das Gefühl
der Verunsicherung verstärkt.
Die Euphorie über wirtschaftliche Erfolge in der »New Economy« hat
einer Ernüchterung über die Risiken einer am schnellen Gewinn orientierten Wirtschaftsweise Platz gemacht.
Die zunehmende Anarchie auf den internationalen Finanzmärkten hat
zu einer Situation geführt, in der die Bewertung von Aktien und Devisen häufig mehr von psychologischen Faktoren abhängt als von wirtschaftlichen Fakten.
Angesichts zunehmender Abkoppelung wirtschaftlicher Entwicklungen
von Prozessen, die am Ziel der sozialen Gerechtigkeit orientiert sind,
wird der Ruf nach klareren politischen Rahmenbedingungen globalisierten Wirtschaftens lauter.
2
epd-Dokumentation 49/2001, S. 25ff. bzw. 42ff.
221
Die Hoffnungen auf die ökologischen Chancen einer global orientierten
Politik sind angesichts von Rückschlägen, insbesondere in der Klimapolitik, einer gewissen Ernüchterung gewichen.
1. Der Impuls des Wirtschafts- und Sozialworts von 1997
Die Kirchen diagnostizierten 1997 ein Klima zunehmender Entsolidarisierung und sahen darin „eine große Herausforderung“: „Denn Solidarität und
Gerechtigkeit gehören zum Herzstück jeder biblischen und christlichen Ethik“
(2). Dankbar stellen wir fest: das Gemeinsame Wort hat wichtige Impulse
für die politische und gesellschaftliche Debatte gegeben, Nachdenklichkeit
erzeugt und an verschiedenen Orten zu »Runden Tischen sozialer Verantwortung« geführt, die sich insbesondere mit Wegen zum Abbau der Arbeitslosigkeit beschäftigt haben.
Gleichzeitig sehen wir mit Sorge, wie Solidarität und Gerechtigkeit auch
heute verletzt werden. Neben dem Blick auf die Situation in unserem eigenen Land gilt unsere Aufmerksamkeit dabei besonders dem Horizont der
einen Welt, in der sich die Spaltung zwischen Arm und Reich zu verfestigen
oder sogar zu vertiefen droht.
Grundorientierung
Wir bekräftigen für den Kontext der globalen Wirtschaft die Grundorientierung, die das Gemeinsame Wort der Kirchen gegeben hat:
„In der vorrangigen Option für die Armen als Leitmotiv gesellschaftlichen
Handelns konkretisiert sich die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe. In der
Perspektive einer christlichen Ethik muss darum alles Handeln und Entscheiden
in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft an der Frage gemessen werden, inwiefern
es die Armen betrifft, ihnen nützt und sie zu eigenverantwortlichem Handeln
befähigt“ (107).
222
Menschenrechtlicher Bezugsrahmen
Das Gemeinsame Wort hat den weltweiten Horizont dieser Grundorientierung dadurch unterstrichen, dass es ihr einen menschenrechtlichen Bezugsrahmen gegeben hat. Neben den individuellen Freiheitsrechten und
den politischen Mitwirkungsrechten hat es ausdrücklich von den wirtschaftlich-sozialen und kulturellen Grundrechten gesprochen, „die den Anspruch
auf Teilhabe an den Lebensmöglichkeiten der Gesellschaft begründen und Chancen menschlicher Entfaltung sichern: Recht auf Bildung und Teilnahme am
kulturellen Leben, Recht auf Arbeit und auf faire Arbeitsbedingungen, Recht auf
Eigentum, Recht auf soziale Sicherung und Gesundheitsversorgung, auf Wohnung, Erholung und Freizeit“ (132).
Aus der ethischen Standortbestimmung des Gemeinsamen Wortes, die sich
auf biblisch-theologische Gründe wie auf menschenrechtliche Vernunftargumente stützt, verdienen vier Dimensionen besonders hervorgehoben zu
werden:
Option für die Armen
Die Option für die Armen: Sie spielt keineswegs Arme gegen Reiche
aus. Sie rückt die Zuwendung zu den Reichen aber in die Perspektive
der Armen. Sie verkennt nicht den wirtschaftlichen Sinn begrenzter
Einkommensungleichheiten. Sie beurteilt solche Ungleichheiten aber
danach, ob sie auch den Schwächsten die größtmöglichen Vorteile bringen.
Beteiligungsgerechtigkeit
Gerechtigkeit als Beteiligungsgerechtigkeit: Gerechtigkeit erschöpft sich
nicht darin, den Armen eine würdige materielle Existenz zu gewährleisten.
Gegenüber jedem Wohlfahrtspaternalismus drängt sie darauf, alle Glieder
der Gesellschaft an den wirtschaftlichen und sozialen Prozessen teilhaben zu
223
lassen. Dazu gehört auch, dass die auf Hilfe Angewiesenen, wo immer möglich, dazu in die Lage versetzt werden, wieder für sich selbst zu sorgen.
Nachhaltigkeit
♦
Solidarität bezieht sich nicht nur auf die jetzt lebenden Generationen.
Sie schließt die Verantwortung für die kommenden Generationen und
die Solidarität mit der außermenschlichen Natur ein. Wir bekräftigen
daher, was das Gemeinsame Wort zur zentralen Bedeutung der »Nachhaltigkeit« festgestellt hat:
„Die besondere Stellung des Menschen begründet kein Recht zu einem willkürlichen und ausbeuterischen Umgang mit der nicht-menschlichen Schöpfung. Vielmehr nimmt sie den Menschen in die Pflicht, als Sachwalter Gottes für die geschöpfliche Welt einzustehen, ihr mit Ehrfurcht zu begegnen und schonend,
haushälterisch und bewahrend mit ihr umzugehen“ (123).
Diese Orientierungsgrundlage bleibt für uns im nationalen wie im internationalen Kontext verbindlich. Für alle Ebenen des politischen Handelns gilt
deswegen nach wie vor:
„Mit einer ökologischen Nachbesserung des Modells der Sozialen Marktwirtschaft
ist es nicht getan. Notwendig ist vielmehr eine Strukturreform zu einer ökologischen Marktwirtschaft insgesamt“ (148).
2. Zwischenbilanz
Die folgende Zwischenbilanz der politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Entwicklung seit Erscheinen des Gemeinsamen Wortes blickt zunächst auf
den Kontext unseres eigenen Landes, der damals im Zentrum stand. Von da
aus soll der Blick nun auf den internationalen Kontext ausgeweitet werden.
224
♦
Gerechtigkeit erschöpft sich nicht darin, den Armen eine würdige
materielle Existenz zu gewährleisten.
Diese Zwischenbilanz eignet sich nicht zur parteipolitischen Ausschlachtung. Vielmehr markiert sie Probleme und Aufgaben, für die keine Patentlösungen zur Verfügung stehen und deren Bearbeitung deswegen umso mehr
des Zusammenwirkens aller demokratischen Kräfte bedarf. Erkennbare Anstrengungen in dieser Richtung sind die beste Antwort auf die verbreitete
Politikverdrossenheit.
Schere zwischen Armut und Reichtum
Im Hinblick auf die Verteilung der Vermögen in Deutschland stellte das
Gemeinsame Wort fest:
„Nicht nur Armut, sondern auch Reichtum muss ein Thema der politischen
Debatte sein. Umverteilung ist gegenwärtig häufig die Umverteilung des Mangels, weil der Überfluss auf der anderen Seite geschont wird. Es geht deshalb nicht
allein um eine breitere Vermögensbildung und Verteilung. Aus sozialethischer
Sicht gibt es auch solidarische Pflichten von Vermögenden und die Sozialpflichtigkeit des Eigentums“ (220).
Seit dieser Diagnose hat sich die Situation kaum verändert. Nicht zuletzt
durch die Turbulenzen in der New Economy haben sich die Unterschiede
in der Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands noch verschärft: der
Aktienboom hat Gewinner und Verlierer. Den Gewinnern stehen die gegenüber, die durch Unternehmenssanierungen und -zusammenschlüsse arbeitslos geworden und in die Armut abgerutscht sind oder aus anderen
Gründen von der allgemeinen Einkommensentwicklung abgekoppelt sind.
Die Synode der EKD begrüßt, dass die Bundesregierung in diesem Jahr
erstmals den von Kirchen und Wohlfahrtsverbänden seit langem geforderten
Armuts- und Reichtumsbericht (GW 219) vorgelegt hat. Die dabei deutlich
gewordene Schere in den Einkommen zwischen Arm und Reich kann niemanden gleichgültig lassen. Die Zahl der armen Haushalte ist von 1973 bis
1998 von 6,5 Prozent auf fast elf Prozent gestiegen. Ein Viertel der west225
deutschen Haushaltseinkommen lag 1998 im Bereich des »prekären Wohlstands« also kurz vor dem Abrutschen in Armut. Gleichzeitig bleiben die
Vermögensunterschiede gewaltig und nehmen durch die Vermögenserträge
weiter zu. So betrug die Vermögenszunahme des reichsten Fünftels der
Westdeutschen 1998 insgesamt 157 Milliarden DM. Demgegenüber lag die
Vermögensbildung bei den übrigen 80 Prozent der westdeutschen Haushalte
nur bei zusammen 70 Milliarden Mark. In Ostdeutschland fällt die Verteilung noch ungleicher aus.
Unerträglich hohe Arbeitslosigkeit
Das hohe Niveau der Arbeitslosigkeit gehörte zu den zentralen Themen des
Gemeinsamen Wortes. Angesichts einer Zahl von bis zu 4,5 Millionen gemeldeten Erwerbslosen stellte das Wort 1997 fest:
(19) Die anhaltende Massenarbeitslosigkeit ist ein gefährlicher Sprengstoff: im
Leben der betroffenen Menschen und Familien, für die besonders belasteten Regionen, vor allem weite Teile Ostdeutschlands, für den sozialen Frieden. Ohne
Überwindung der Massenarbeitslosigkeit gibt es auch keine zuverlässige Konsolidierung des Sozialstaats. Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit führt zu Einnahmeausfällen bei der Sozialversicherung und verursacht hohe Kosten vor allem im
Rahmen der Arbeitslosenversicherung und der Sozialhilfe. Insofern ist nicht der
Sozialstaat zu teuer, sondern die Arbeitslosigkeit.
Heute kann dankbar festgestellt werden, dass die Zahl der Arbeitslosen gesunken ist. Besonders zur Behebung der Jugendarbeitslosigkeit sind in den
letzten Jahren Schwerpunkte gesetzt worden, die ausdrücklich zu begrüßen
sind. Von Entwarnung auf dem Arbeitsmarkt zu sprechen, wäre indessen
völlig verfehlt. Noch immer ist das Niveau der Arbeitslosigkeit unerträglich
hoch. Diese Lage muss umso mehr Anlass zur andauernden Sorge geben, als
es sich in den letzten Jahren um eine Situation florierender Konjunktur
handelte, in der überdurchschnittlich viele neue Arbeitsplätze entstanden.
Auch die Abkoppelung der neuen Bundesländer vom Aufwärtstrend in der
Beschäftigung ist nicht hinnehmbar.
226
Situation der Familien
Das Gemeinsame Wort formulierte 1997:
„Mehrere Kinder zu haben ist heute zu einem Armutsrisiko geworden. Schwerer
noch als die finanziellen Einschränkungen wiegen jedoch für junge Familien
andere Benachteiligungen: Sie suchen für Kinder geeigneten Wohnraum und
erleben, sofern sie ihn überhaupt bezahlen können, dass ihnen Kinderlose vorgezogen werden. Mehrkinderfamilien sind hier sogar extrem benachteiligt. Sie
erfahren Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt, da sie in räumlicher und
zeitlicher Hinsicht weniger flexibel sind. Auch der fortlaufende Verlust an gemeinsamer Zeit (etwa durch Schichtarbeit oder Sonntagsarbeit) trifft die Familien“ (71).
Trotz der Verbesserungen beim Familienlastenausgleich und beim Kindergeld, die inzwischen erfolgt sind, hat sich an dieser Diagnose nichts Wesentliches geändert. Dass die am meisten von Armut betroffene Gruppe in der
Bevölkerung die Kinder im Vorschulalter sind, diejenige Gruppe also, die
am wenigsten eigene Schuld an ihrer Situation trifft, bleibt ein Skandal. Der
in den letzten Jahren noch beschleunigte Prozess der Flexibilisierung der
Arbeitszeit hat nicht zu einer mehr selbstbestimmten Familienorganisation
geführt. Da die Zeitsouveränität in der Regel bei den Unternehmen liegt,
haben sich die Belastungen für die Familien sogar noch verschärft.
Gleichstellung von Frauen und Männern
Auch die Aufgabe, die das Gemeinsame Wort im Hinblick auf die Gleichstellung der Frauen formuliert hat, hat nichts von ihrer Bedeutung verloren:
„Wesentlich für die Gleichstellung ist, dass in Zukunft die Frauen einen gerechten Anteil an der Erwerbsarbeit erhalten und die Männer einen gerechten Anteil
an der Haus-, Erziehungs- und Pflegearbeit übernehmen. Dieses Ziel wird nur
schrittweise zu erreichen sein. Um so notwendiger ist es, die Haus-, Erziehungsund Pflegearbeit und den ehrenamtlichen Dienst gesellschaftlich aufzuwerten
und Benachteiligungen, z.B. bei den sozialen Sicherungssystemen, im Maße des
finanziell Machbaren abzubauen“ (153).
227
♦
Dass die am meisten von Armut betroffene Gruppe in der Bevölkerung die Kinder im Vorschulalter sind, diejenige Gruppe also, die
am wenigsten eigene Schuld an ihrer Situation trifft, bleibt ein
Skandal.
Wie die Kirchen in ihrer gemeinsamen Stellungnahme zur Rentenreform
(2000) ausgeführt haben, ist diese Zielvorgabe insbesondere im Hinblick auf
die Alterssicherung weit davon entfernt, verwirklicht zu werden.
Das Gemeinsame Wort hat zu Recht die Unternehmen als wesentlichen Ort
in den Blick genommen, an dem sich die Familienfreundlichkeit unserer
Gesellschaft zeigt. Wir bekräftigen die Aufgabe, die den Unternehmen darin
auf den Weg gegeben wurde:
„Die Arbeitswelt und die Betriebe müssen sich ... stärker auf die Bedürfnisse der
Familien einstellen; Familienfragen dürfen auch in Zeiten einer angespannten
Konjunktur und Arbeitsmarktlage kein Randthema bleiben, sondern müssen
Bestandteil jeder Unternehmenspolitik sein. So sind z.B. mehr qualifizierte Teilzeitarbeitsplätze notwendig, die für Männer und Frauen gleichermaßen zugänglich sind und nicht nur Anreize für weniger Qualifizierte bieten. Vorstellungen,
die vor allem Männern die Erwerbsanforderungen und Frauen die Familienanforderungen zuweisen, werden weder dem gewandelten Rollenverständnis von
Mann und Frau in der Gesellschaft noch den gleichberechtigten Beziehungsformen in den Partnerschaften gerecht“ (193).
Seitdem diese Worte formuliert wurden, ist das Gesetz über Teilzeitarbeit
verabschiedet worden und am 1.1. 2001 in Kraft getreten, das einen grundsätzlichen Anspruch auf Teilzeitarbeit gesetzlich verankert. Gerade angesichts der darin vorgesehenen, am Konsens orientierten Regeln zur Umsetzung dieses Anspruches sind die Unternehmen zu ermutigen, dieses Gesetz
als Chance anstatt als Bedrohung zu begreifen. Auch wird es darauf ankommen, dass die Unternehmen die im Sommer 2001 eingegangene Selbstverpflichtung zur Förderung der Chancengleichheit in der Privatwirtschaft
tatsächlich einlösen.
228
Nachhaltigkeit
Zur näheren inhaltlichen Definition des Begriffs der Nachhaltigkeit hat die
Kammer der EKD für Entwicklung und Umwelt in ihrer jüngst erschienenen Studie „Ernährungssicherung und Nachhaltige Entwicklung“ (2000)
einen wichtigen Beitrag geleistet. Die folgenden ethisch-normativen Aspekte
sieht sie als zentral:
„Die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit bezeichnet die Notwendigkeit der weltweiten Beachtung von Rückkoppelungen wirtschaftlicher und
sozialer Entwicklungen an die natürlichen Lebensgrundlagen, die erhalten
werden sollen. Ressourcenschonung und Prävention sind zukunftsbezogene
Teilaspekte von Nachhaltigkeit und bezeichnen die Sorge für menschenwürdige Lebensbedingungen für zukünftige Generationen.
Soziale Gerechtigkeit und Partizipation als Gegenwartsaspekte von Nachhaltigkeit schließen die Sicherung der Grundversorgung für alle Menschen
und die Teilhabe aller an den Gütern der Erde in der Gegenwart mit ein.
Die politische beziehungsweise entwicklungspolitische Dimension von
Nachhaltigkeit meint ein Entwicklungskonzept für alle Staaten und Länder, insbesondere auch zugunsten von Entwicklungsländern, das dem internationalen und interkulturellen Zusammenleben, der Gerechtigkeit und
dem Frieden dient“ (S. 11).
Ein solches Verständnis von Nachhaltigkeit kann nicht Wirkung entfalten,
ohne zum integralen Bestandteil der Wirtschaftsordnung zu werden. Schon
die Wirtschaftsdenkschrift der EKD von 1991 betonte: „Die Marktmechanismen sind aus sich heraus nicht in der Lage, ökologische Gefahren zu vermeiden. Zusammen mit anderen haben sich darum die Kirchen dafür eingesetzt, das
Konzept der Sozialen Marktwirtschaft um die ökologische Komponente zu erweitern“. Als Konsequenz fordert die Denkschrift: „Umweltschonendes Produzieren und Konsumieren muss über den Preis zum Bestandteil des Marktgeschehens gemacht werden“ (189).
229
Ökologische Steuerreform
Das Gemeinsame Wort plädierte im gleichen Sinne und im Einklang mit der
ökumenisch-sozialethischen Urteilsbildung für eine ökologische Steuerreform zur ökologischen Anpassung des Preissystems:
„Weiterhin ist es erforderlich, die wirtschaftliche Strukturanpassung des Steuersystems für ökologische Ziele zu nutzen, wie dies in der Steuerdebatte in den
Gremien der Europäischen Union gegenwärtig gefordert wird“ (227).
Unabhängig von der Diskussion um die richtige Umsetzung einer ökologischen Steuerreform ist heute zu bekräftigen, dass auf Steuerungsmittel zur
ökologischen Umorientierung der Wirtschaft nicht verzichtet werden kann.
Steuerliche Anreize müssen durch aktive Infrastrukturmaßnahmen ergänzt
werden, insbesondere im Blick auf eine umweltverträglichere Mobilität.
Durch den Schock, den BSE und die Maul- und Klauenseuche ausgelöst
haben, besteht gegenwärtig die große Chance, endlich Schritte zur ökologischen Umorientierung der Landwirtschaft einzuleiten, die dem Nachhaltigkeitskriterium gerecht werden. Wir rufen heute die Aufgaben in Erinnerung, die das Gemeinsame Wort genannt hat: Die ökologische Umsteuerung
„schließt insbesondere ökologisches Verantwortungsbewusstsein bei der Erzeugung von Nahrungs- und Futtermitteln, dem Erhalt der natürlichen Bodenfruchtbarkeit, einer artgerechten Tierhaltung, der Sicherung des Artenreichturns,
der Pflege des Waldes, der Reinhaltung des Wassers und der Bewahrung der
vielfältigen Kulturlandschaft ein“ (229).
AGENDA 21
Seit der Veröffentlichung des Gemeinsamen Wortes hat sich die Idee der
Nachhaltigkeit vor allem im Zusammenhang mit dem AGENDA-21Prozess weiter verbreitet. Dieses vom Erdgipfel in Rio de Janeiro 1992 angestoßene Handlungsprogramm für das 21. Jahrhundert versucht, die Idee der
Nachhaltigkeit in den konkreten politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen vor Ort wirksam werden zu lassen. Die Kirchen haben sich darauf
verständigt, seine Umsetzung auf lokaler, regionaler, nationaler und interna-
230
tionaler Ebene anzuregen und zu fördern. Auf diesem Weg wollen wir weitergehen.
♦
Unabhängig von der Diskussion um die richtige Umsetzung einer
ökologischen Steuerreform ist heute zu bekräftigen, dass auf Steuerungsmittel zur ökologischen Umorientierung der Wirtschaft nicht
verzichtet werden kann.
Klimaschutz
Kaum ein Thema zeigt so deutlich die Notwendigkeit globaler wirtschaftlicher Verantwortung wie das Ringen um verbindliche Maßnahmen zum
Klimaschutz. Die Zuteilung der Schadstoffquoten ist zudem ein klares Beispiel dafür, dass das Bemühen um Nachhaltigkeit der Wirtschaft eng verbunden ist mit der Frage weltweiter Gerechtigkeit. Nur wenn die Hauptverschmutzer in den Industrieländern ihren Anteil an der Verschmutzung deutlich reduzieren und den Ländern des Südens den für ihre wirtschaftliche
Entwicklung nötigen erhöhten Anteil zubilligen, kann die weltweite ökologische Umorientierung sozial gerecht gestaltet werden.
Internationale Gerechtigkeit
Der Schwerpunkt der Überlegungen des Gemeinsamen Wortes lag auf den
Herausforderungen in unserem eigenen Land. Wenn die Synode der EKD
sich jetzt noch einmal in besonderer Weise mit der Wirtschaft im globalen
Kontext beschäftigt, dann knüpft sie dennoch an die Grundorientierung an,
die schon das Gemeinsame Wort gegeben hat. Es plädierte in seiner kritischen Würdigung des Globalisierungsprozesses weder für eine Verteufelung
noch für eine Glorifizierung desselben. Vielmehr betonte es die Gestaltbarkeil dieses Prozesses im Lichte der ethischen Grundüberzeugungen. Diese
Standortbestimmung verdient es, heute in Erinnerung gerufen zu werden:
231
„Globalisierung ereignet sich ... nicht wie eine Naturgewalt, sondern muss im
Rahmen der Wirtschafts- und Finanzpolitik gestaltet werden. Sie kann zahlreichen wirtschaftlich wenig entwickelten Ländern neue Chancen geben. Die
Chancen bestehen freilich nur so lange, wie die reichen Länder bereit sind, ihre
Märkte offenzuhalten und weiter zu öffnen. Das verlangt den Menschen in
Deutschland Umstellungen ab und ist für manche Wirtschaftszweige mit Einbußen verbunden. Die Kirchen treten in dieser Situation dafür ein, auch eine solche Entwicklung zu bejahen und zu fördern. Man kann nicht zuerst nach Chancen wirtschaftlicher Entwicklung für die ärmeren Länder rufen, aber dann
zurückzucken, wenn es einen selbst etwas kostet...“ (33).
Internationale Finanzmärkte
Gegenüber der Warenproduktion und dem Handel mit den produzierten
Waren, von dem hier die Rede ist, haben in den letzten Jahren die internationalen Kapitalbewegungen weiter an Bedeutung gewonnen und bestimmen
zunehmend über Stabilität oder Instabilität der weltweiten Märkte. Deswegen muss heute bekräftigt werden, was das Gemeinsame Wort als Aufgabe
für die Gestaltung der internationalen Finanzmärkte beschrieben hat:
„Wie sich in jüngster Zeit mehrfach gezeigt hat, können von den internationalen
Finanz- und Kapitalmärkten nicht nur stabilisierende, sondern auch destabilisierende Wirkungen auf nationale Volkswirtschaften ausgehen. Die hohen und
ständig steigenden Summen, die fortlaufend auf den internationalen Finanzmärkten umgesetzt werden, verweisen auf die Aufgabe, diese Prozesse zu gestalten und der Entwicklung weltweiter Wohlfahrt dienlich zu machen. Eigentum ist stets sozialpflichtig, auch das international mobile Kapital.“ (162).
Internationaler Ordnungsrahmen
Noch immer dient das Bekenntnis zum freien Welthandel vorrangig den
Interessen der wirtschaftlich starken Länder. Die Entwicklungschancen der
armen Länder werden weiterhin durch den Protektionismus der Reichen
behindert. Die EKD-Synode bekräftigt deswegen die Notwendigkeit eines
232
funktionsfähigen und am Gebot der sozialen Gerechtigkeit orientierten
internationalen Ordnungsrahmens, wie ihn schon das Gemeinsame Wort
ins Auge fasste:
„Angesichts der ungehinderten Dominanz privatwirtschaftlicher Interessen auf
Weltebene und der daraus resultierenden Beschränkung des politischen Handlungsspielraums einzelner Staaten wird eine verbindliche weltweite Rahmenordnung für wirtschaftliches und soziales Handeln dringlich. Erste Ansätze dazu
gibt es in der Tätigkeit der Vereinten Nationen, der Weltbank, des Weltwährungsfonds und vor allem der Welthandelsorganisation (WTO). Sie müssen ausgebaut werden, vor allem durch Regeln für einen fairen wirtschaftlichen Wettbewerb und durch soziale Mindeststandards. Diese Regeln und Standards durchzusetzen wird nur möglich sein, wenn die weltweit tätigen staatsähnlichen Institutionen mit ordnungspolitischer Kompetenz ausgestattet werden“ (163).
Neue Herausforderungen
An diese Vorgaben des Gemeinsamen Wortes ist anzuknüpfen, wenn wir
uns im Folgenden mit den Herausforderungen beschäftigen, die in den letzten Jahren als Konsequenz der weltweiten wirtschaftlichen Veränderungen
entweder neu erwachsen sind oder sich verschärft haben. Dabei müssen
auch die neuen Entwicklungen mitbedacht werden, die sich aus dem europäischen Einigungsprozess, insbesondere im Hinblick auf die gemeinsame
Währung und die Erweiterung der EU nach Osten hin, in den letzten Jahren ergeben haben.
Die Themen Armut und Reichtum, Arbeitslosigkeit, Gleichstellung von
Frauen und Männern, Situation der Familien und das Kriterium der Nachhaltigkeit, die wir im Lichte des Gemeinsamen Wortes in Erinnerung gerufen haben, bleiben als Herausforderungen im Kontext unseres eigenen Landes von zentraler Bedeutung. Sie sind aber gleichzeitig eng verbunden mit
der immer dringlicheren Aufgabe, die globale Wirtschaft verantwortlich zu
gestalten. Dieser Aufgabe, die im Gemeinsamen Wort nur ansatzweise ins
Auge gefasst war, wollen wir uns im Folgenden ausführlicher zuwenden.
Dabei sind wir uns darüber im klaren, dass durch mehr Gerechtigkeit auf
233
globaler Ebene unser Anteil am Weltsozialprodukt kleiner wird. Dadurch
werden die Herausforderungen im eigenen Land steigen.
3. Ethische Herausforderungen in einer globalisierten Wirtschaft
Aus ethischen Überlegungen, wie wir sie in Erinnerung an das Wirtschaftsund Sozialwort formuliert haben, können keine direkten Handlungsanweisungen für eine verantwortliche Gestaltung globalen Wirtschaftens abgeleitet werden. Umgekehrt gilt aber auch: individuelle Entscheidungen im
Raum der Wirtschaft und ihre strukturellen Rahmenbedingungen stehen
nicht im wertfreien Raum. Sie sind immer mitbeeinflusst von verinnerlichten Normen und angestrebten Zielen, die gerade dann besonders wirkmächtig sind, wenn sie der expliziten Reflexion entzogen bleiben. Ein ausdrückliches Bedenken der ethischen Dimensionen des Wirtschaftens ist insofern
auch ein Beitrag zu mehr Sachgemäßheit in der Diskussion um die richtigen
Lösungswege.
♦
Noch immer dient das Bekenntnis zum freien Welthandel vorrangig den Interessen der wirtschaftlich starken Länder.
Aus der Perspektive des christlichen Glaubens ergeben sich inhaltlich benennbare ethische Leitlinien. Dass sie nicht selbstverständlich sind, zeigt
sich schon an dem Anstoß, den sie erregen. Auch wenn um die konkreten
Konsequenzen dieser Leitlinien gestritten werden muss, so grenzen sie doch
den Bereich zu verantwortender Handlungsalternativen ein. So kann etwa
Gewinnorientierung im Lichte dieser Leitlinien nicht mehr Zweck an sich
sein, sondern nur Mittel zu einer Wirtschaft, die Wohlstand für alle ermöglicht. Technischer Fortschritt kann nicht um jeden Preis erstrebt werden,
sondern muss sich am Ziel der Nachhaltigkeit orientieren. Dass die eingesetzten Mittel immer wieder im Lichte der angestrebten Ziele geprüft werden, ist die notwendige Konsequenz der Überzeugung, dass Globalisierung
kein Naturereignis ist, sondern der Gestaltung bedarf.
Aus der Aufnahme des Gedankens der Gerechtigkeit als Teilhabe und der
damit verbundenen Option für die Armen sowie aus dem Kriterium der
Nachhaltigkeit, in denen wir eingangs den Kern der ethischen Grundlegung
234
des Wirtschafts- und Sozialworts gesehen haben, ergeben sich für uns sechs
Leitlinien für die verantwortliche Gestaltung der Globalisierung:
Die Welt als ein Wirtschaftsraum muss immer als Teildimension der
Welt als eines Lebensraums gesehen werden. Wirtschaftliche Globalisierung darf deswegen nie zur totalen Perspektive werden, soll sie nicht
den Charakter eines Götzen annehmen.
Für die langfristige Verbesserung der Situation der armen Länder reicht
eine materielle Unterstützung nicht aus. Ihre Teilhabe am weltweiten
Wohlstand kann langfristig nur durch Chancengerechtigkeit im Zugang
zum Weltmarkt erreicht werden.
Globalisierung der Wirtschaft muss Hand in Hand gehen mit einer
weltweiten Stärkung der sozialen und politischen Menschenrechte.
Globalisierung wird sich daran messen lassen müssen, ob sie die Nachhaltigkeit des Wirtschaftens stärkt oder schwächt.
Globalisierung als verantwortlich zu gestaltender Prozess kann nicht
allein oder vorrangig in den Konzernzentralen gesteuert werden. Sie
verlangt die Teilhabe aller Betroffenen und muss daher im Raum einer
weltweiten Zivilgesellschaft kontinuierlich auf ihre Menschendienlichkeit befragt werden.
Auf der Basis dieser ethischen Leitlinien gilt es, auf die durch die Globalisierung gestellten Herausforderungen zu antworten. Die Vorschläge, die wir
im Folgenden dazu machen, verstehen sich nicht als christlich-ethische
Blaupause für das Handeln. Sie müssen der Diskussion ausgesetzt werden
und sich darin bewähren. Sie wollen aber ausdrücklich dazu ermutigen, in
den Sachdiskussionen immer auch die ethischen Dimensionen mit zu bedenken und in die Lösungsvorschläge einfließen zu lassen.
235
4. Globalisierung
Ein komplexes Bündel aus gleichzeitigen, teilweise widersprüchlichen
Veränderungen
Darf eine Lehrerin, die an einer deutschen Schule arbeitet, aus religiösen
Gründen ein Kopftuch tragen? Insbesondere Menschen, die Kinder haben,
sind verunsichert, wenn sie diese Frage beantworten sollen. Das Beispiel
verdeutlicht, dass erstens die Welt ständig weiter zusammenwächst, zweitens
dieses Zusammenwachsen Folgeerscheinungen hat, die alle Menschen in
ihrem Alltag betreffen, und dass drittens von Menschen Entscheidungen in
neuartigen, für sie ungewohnten Situationen verlangt werden.
♦
Die Welt als ein Wirtschaftsraum muss immer als Teildimension
der Welt als eines Lebensraums gesehen werden. Wirtschaftliche
Globalisierung darf deswegen nie zur totalen Perspektive werden,
soll sie nicht den Charakter eines Götzen annehmen.
Im alltäglichen Leben müssen wir uns auf immer schnellere Veränderungen
einstellen. Wenn man ein Computerprogramm gerade richtig beherrscht, ist
es schon wieder veraltet und mit ihm der ganze Computer. Lebenslange
Bindungen werden immer weniger selbstverständlich eingegangen. Das trifft
sowohl für partnerschaftliche Bindungen zu als auch für Engagement in
Parteien und Verbänden. Auch die Kirchen werden von diesem Phänomen
keineswegs verschont.
Gewissheiten lösen sich auf
Ideologische Gewissheiten lösen sich auf, vertraute gesellschaftliche Strukturen geraten unter Druck sich legitimieren zu müssen. Neue Herausforderungen, etwa in der Biotechnologie, erfordern gründliche Diskussionen, für
die keine Zeit zu sein scheint. Diese Verwandlung von einer vermeintlich
überschaubaren Welt in eine ungekannte Vielfalt verursacht bei vielen Menschen Unsicherheit oder gar Angst. Die Sehnsucht nach Entschleunigung
wird immer deutlicher artikuliert.
236
Die Finanznot der öffentlichen Haushalte macht Einsparungen bei den
Ausgaben notwendig. Damit nehmen auch die Verteilungskämpfe zwischen
verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu. Das trägt mit dazu bei, dass
dringend notwendige Veränderungen, etwa im Bereich der Bildung unterbleiben. Der Reformstau hat u.a. zur Folge, dass das Interesse an der Politik
abnimmt und das Misstrauen ihr gegenüber wächst. Die »Sachzwänge«
scheinen die Politik zu dominieren.
Viele Menschen machen »die Globalisierung« für diese als unangenehm oder
unausweichlich empfundenen Veränderungen verantwortlich, wobei unter
diesem Begriff sehr unterschiedliche Phänomene zusammengefasst werden:
von der schnellen, Grenzen überschreitenden Kommunikation bis hin zur
wirtschaftlichen Öffnung und Liberalisierung. Dabei wird oft übersehen,
dass es sich keineswegs um naturwüchsige Prozesse handelt, sondern zum
Teil um eine gewollte politische Entscheidung. Als Anfang der 70-er Jahre
zum Beispiel das Bretton Woods-System der festen Wechselkurse zerbrach,
welches seit dem Zweiten Weltkrieg das Fundament für die internationale
Wirtschaft gewesen war, einigten sich die OECD-Staaten auf eine fortschreitende Liberalisierung der internationalen Wirtschaft.
Politische und kulturelle Auswirkungen
Was als internationale Wirtschaftspolitik begann, hatte schnell tiefgreifende
politische, soziale und kulturelle Auswirkungen. Durch die Liberalisierung
des Handels, der Investitionen und der Kapitalmärkte sind internationale
bzw. transnationale Beziehungsgeflechte und Interdependenzen von bisher
ungekanntem Ausmaß entstanden. So haben die „kleinen Tiger“ Asiens es
geschafft, sich aus eigenem Antrieb in den Weltmarkt zu integrieren und
beispiellose Wachstumsraten zu erzielen. Andererseits wurden bei der
schweren Finanzkrise in Ostasien 1997 auch Russland und Brasilien mit in
den Strudel gerissen. Wegen der derzeitigen Konjunkturabkühlung in den
USA haben beispielsweise die Maquiladora-Betriebe im Norden Mexikos in
den ersten vier Monaten dieses Jahres rund 100.000 Beschäftigte entlassen.
237
Die politische Architektur der alten Welt mit der Dominanz der Nationalstaaten ist nicht geeignet, den für eine global liberalisierte Wirtschaft notwendigen Ordnungsrahmen zu bilden. Durch die Transnationalisierung der
Wirtschaftsbeziehungen schwindet die nationalstaatliche Souveränität. Probleme wie Umweltverschmutzung, Geldwäsche und Menschenhandel mit
Frauen, Kindern und Flüchtlingen sind nicht auf nationaler Ebene zu lösen.
International verbindliche Abkommen sind nötig sowie die Schaffung von
zusätzlichen Institutionen bzw. die Stärkung der bestehenden. Wichtige
Schritte hin zu einer „Weltinnenpolitik“ oder auch global governance waren
die Schaffung der Welthandelsorganisation (WTO) und des internationalen
Strafgerichtshofs.
Neue politische Architektur
Um einen Kollaps der Weltwirtschaft zu verhindern, ist der Aufbau einer
neuen „apolitischen Architektur“ der Welt vorrangige Aufgabe der Politik.
Insbesondere der entfesselte Kapitalmarkt stellt ein Risiko dar, wie die Ostasienkrise gezeigt hat. Er muss in Schranken verwiesen werden, die Markteffizienz ermöglichen, aber das Risiko von regionalen oder weltweiten Finanzkrisen verringern. Dabei müssen nicht nur neue Kooperations- und
Regelungsmuster gefunden werden, sondern auch neue Wege für deren demokratische Legitimation. Das gleiche gilt für die Organisationen der Zivilgesellschaft. Unter anderem wegen ihrer effizienten Nutzung der neuen
Kommunikationstechnologien haben sie auch auf internationaler Ebene an
Einfluss gewinnen können. Auch wenn sie häufig als Sprachrohr von Armen oder Ausgeschlossenen auftreten, verfügen sie meist nicht über ein
repräsentatives Mandat.
Folgen für das alltägliche Leben
Auf der persönlichen Ebene müssen viele Menschen damit zurechtkommen,
dass das Koordinatensystem, in dem sie ihr Leben entwickeln, sich grundlegend geändert hat und weiterhin ändert. Und dies, ohne dass sie diese Veränderungen gewünscht haben bzw. daran beteiligt waren. Die Vorstellung
238
eines lebenslangen Arbeitsplatzes gehört der Vergangenheit an. Dies bedeutet auch: mehr Mobilität. Durch Migration sowie zunehmende Kommunikation und Information weicht eine weitgehend einheitliche kulturelle Identität einem plurikulturellen Zusammenleben, zumindest in den größeren
Städten. Das verschärft die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz in Zeiten, in
denen die Arbeitslosigkeit unverändert hoch ist.
♦
International verbindliche Abkommen sind nötig sowie die Schaffung von zusätzlichen Institutionen bzw. die Stärkung der bestehenden.
In anderen Teilen der Welt kommt es oft zu ganz anderen Erfahrungen: In
der Dritten Welt erleben Menschen zum einen die Freiheit des Handels,
indem sie z.B. Äpfel aus den USA in ihren Supermärkten kaufen können,
aber zum anderen eine restriktive Migrationspolitik, bei der an hochqualifizierte Experten Einladungen versandt werden, während man ungelernte
Arbeiter zurück schickt. Mit der Globalisierung wird nicht nur die freie
Marktwirtschaft in den letzten Winkel der Erde transportiert, dazu kommen die Verbreitung westlicher Wertvorstellungen und Leitbilder wie Menschenrechte und Demokratie, aber auch Konsummuster und Freizeitverhalten. Werte wie Selbstverwirklichung und materieller Wohlstand dominieren
gegenüber traditionellen Sozialformen und religiösen Symbolwelten.
Möglichkeiten für Unternehmen
Für Unternehmer bietet die sich globalisierende Welt ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten, da sich die Machtbalance zwischen Politik und Wirtschaft zu ihren Gunsten verschoben hat. Doch ist dies nicht nur ein Eldorado für die Wirtschaft: Unter dem Zugzwang, sich in einer völlig neu organisierten internationalen Weltwirtschaft gut zu positionieren, ohne dass es
dafür klare Rezepte gibt, entstehen auch hohe Belastungen. Beispiele dafür,
wie dieser Druck zu überhasteten Fehlentscheidungen führt, sind gescheiterte Unternehmensfusionen, die nur eine sehr kurze Lebensdauer hatten und
vor allem zu Gewinneinbußen führten.
239
Historisch-sozialer Kontext der Globalisierung
Schließlich muss noch auf den historisch-sozialen Kontext eingegangen werden, in dem sich die Globalisierung ereignet. Die hier zu nennenden Faktoren stehen zwar nicht ursächlich mit der Globalisierung in Verbindung,
verstärken aber deren Konsequenzen. Sie werden oft als Bestandteil von einund derselben Sache wahrgenommen. Unter den historischen, zeitgleichen
Umwälzungen ist zunächst die Implosion des Ostblocks zu nennen, die
Freiheit und offenere Grenzen, aber auch Not und neue Probleme gebracht
hat.
Innerstaatliche Kriege nehmen zu
Mit der Abnahme von zwischenstaatlichen Kriegen hat die Zahl von innerstaatlichen Kriegen in zumeist armen Ländern zugenommen. Häufig werden
interne Kriege von Machthabern konfliktverschärfend zu Religions- oder
Kulturkriegen deklariert, auch wenn die eigentlichen Ursachen eher in den
Bereichen Zugang zu Macht und Ressourcen zu suchen sind. Auf diese Kriege, bei denen oft nicht mehr klar zu identifizierende Kombattanten, sondern
Banden mit unvorstellbarer Grausamkeit gegeneinander oder auch gegen die
Zivilbevölkerung vorgehen, hat die internationale Gemeinschaft noch keine
überzeugende Antwort gefunden. Auch hier stehen grundlegende Strukturmerkmale der Internationen Beziehungen wie die nationale Souveränität
zur Diskussion. Das über Jahrzehnte erfolgreiche traditionelle Peacekeeping
der UN ist überfordert. Zusätzlich müssen die UN auch in die Lage versetzt
werden, nach Beendigung von Konflikten Wiederaufbau und Neubeginn
langfristig und großzügig zu unterstützen.
5. Konsequenzen der Globalisierung
Gewinner und Verlierer
Die fortschreitende ökonomische Globalisierung hat zu sehr unterschiedlichen Konsequenzen geführt, auch weil die politische Globalisierung hinter240
herhinkt. Viele Menschen konnten von den Veränderungen profitieren, für
viele andere haben sich die Lebensbedingungen jedoch verschlechtert.
Zuwachs im internationalen Handel
Die Fortschritte in der Handelsliberalisierung haben, bei gleichzeitigem
Absinken der Transport- und Kommunikationskosten, zu einem Zuwachs
im internationalen Handel geführt. Die weltweiten Exporte von Gütern
und Dienstleistungen haben sich zwischen den siebziger Jahren und 1997
real fast verdreifacht. Es sind globale Märkte für Dienstleistungen im Banken-, Versicherungs- und Transportwesen entstanden. Überall auf der Welt
können die Menschen nun in einen Sony-Fernseher schauen, joggen mit
Nike-Turnschuhen, und preiswerte chilenische Weine gibt es in fast jedem
Supermarkt. Doch Entwicklungsländer kritisieren, dass in Bereichen, in
denen sie über komparative Kostenvorteile verfügen, die Industrieländer den
Handel nur unzureichend liberalisiert haben. Hier ist vor allem der Agrarmarkt zu nennen. Innerhalb der OECD-Länder wird die Landwirtschaft
vom Staat mit Beträgen subventioniert, die zusammen das Bruttosozialprodukt ganz Afrikas übersteigen.
Durch die Liberalisierung der Investitionen haben ausländische Direktinvestitionen stark zugenommen. Die Deregulierung des Kartellrechts führte zu
einer Flut von Fusionen und Übernahmen. Von den über 800 Mrd. US-$,
die 1999 an ausländischen Direktinvestitionen getätigt wurden (1997: 400
Mrd.), flossen 636 Mrd. US-$ in Industrieländer. Die Gelder, die in Entwicklungsländern investiert wurden, konzentrierten sich im wesentlichen auf 20
Länder.
Am weitesten fortgeschritten ist die Liberalisierung der internationalen
Finanzmärkte. Was zunächst dazu gedacht war, internationalen Handel und
ausländische Direktinvestitionen zu erleichtern bzw. zu ermöglichen, hat
sich weitgehend verselbständigt. Heute werden an jedem Börsentag über 1,5
Billionen US-$ rund um den Globus geschickt. Dies entspricht einem Jahresumsatz von 300 Billionen US-$. Rechnet man die realwirtschaftlichen
241
Finanzflüsse, also Handel und Investitionen, dagegen, kommen sie gerade
mal auf 2,5 Prozent dieser gigantischen Summe.
Fallende Rohstoffpreise
Während einige Entwicklungsländer Investitionen anziehen konnten, fuhr
der Zug der Globalisierung an anderen Ländern komplett vorbei. Dies gilt
insbesondere für Länder in Afrika südlich der Sahara. Obwohl viele dieser
Länder durch Rohstoffexporte seit langem in den Weltmarkt integriert sind,
bekamen sie nur die weiter fallenden Rohstoffpreise zu spüren und einheimische, nicht konkurrenzfähige Produzenten mussten den Importen weichen.
In Ländern, die von der Globalisierung mehr profitieren konnten, konzentrierte sich der Fortschritt oft auf bestimmte Gebiete der Länder. So haben
die Investitionen, die nach dem Abschluss des Freihandelsabkommens
NAFTA im Norden Mexikos getätigt wurden, die Lebensbedingungen im
südlichen Chiapas nicht verbessert. Und trotz des starken Industriemotors
Sao Paulo im Süden Brasiliens gleicht der Lebensstandard der Menschen, die
im Nordosten des selben Landes in ländlichen Regionen leben, dem der
Landgemeinden in Honduras. Es sind also zum einen ganze Länder von der
Globalisierung abgekoppelt, zum anderen gelingt es begrenzten Regionen,
sich einzuklinken, ohne das es dadurch zu landesweitem Wohlstand kommt.
Von allgemeinen Wohlstandszuwächsen könnte man am ehesten in den
ostasiatischen Schwellenländern sprechen, auch wenn von der Finanzkrise
Ende 1997 viele Errungenschaften wieder fortgespült wurden.
Arbeitslosigkeit wird nicht verringert
Trotz des stetigen Wachstums der Weltwirtschaft konnte die Arbeitslosigkeit nicht verringert werden. Dies gilt auch für die OECD-Staaten: Bei einem durchschnittlichen Wachstum von 2-3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in den letzen 20 Jahren lag die Arbeitslosigkeit in den OECD-Staaten
im gleichen Zeitraum nahezu konstant bei 7 Prozent. Auch wenn immer
242
wieder gesagt wird, dass die Globalisierung zu einer sinkenden Nachfrage
nach ungelernten Arbeitskräften in den Industrieländern führt, weil arbeitsintensive Produktionen ausgelagert werden, so muss dem entgegengehalten
werden, dass es im Dienstleistungsbereich steigenden Bedarf an Arbeitskräften gibt. Diese vor allem von Frauen ausgeübten Tätigkeiten sind allerdings
zu einem großen Teil im Niedriglohnbereich angesiedelt.
Armut nimmt zu
Die Einkommenskonzentration und damit auch die Armut hat sich weiter
verschärft. Dies gilt sowohl für die Situation innerhalb der Länder als auch
für den internationalen Vergleich. Laut UNDP verfügte das Fünftel der
Weltbevölkerung in den reichen Ländern 1960 noch über ein 30 Mal so
hohes Einkommen wie das des ärmsten Fünftels, während 1997 die Relation
1997 bereits 74:1 betrug. Ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt in Armut,
zwei Drittel davon sind Frauen.
Durch die restriktive Migrationspolitik hat die illegale Migration zugenommen. Für viele Familien in Entwicklungsländern sind die Überweisungen von Familienangehörigen, die beispielsweise in den USA leben, zu einer
entscheidenden Einkommensquelle geworden, die auch lokale Krisen in den
Entwicklungsländern abpuffern kann.
Der Anstieg der Waren- und Verkehrsströme führt zu steigenden Umweltbelastungen. Da die niedrigen Transportkosten nur die Energiepreise beachten, Umweltkosten aber externalisieren, werden kurzfristige Wohlstandsgewinne auf Kosten von langfristigen Umweltschäden erkauft. Nutznießer
der Globalisierung ist auch die internationale Kriminalität. Durch die unzureichenden Kontrollmechanismen entstehen neue Möglichkeiten für Drogen- und Menschenhandel, Geldwäsche und illegale Waffengeschäfte.
♦
Es sind also zum einen ganze Länder von der Globalisierung abgekoppelt, zum anderen gelingt es begrenzten Regionen, sich einzuklinken, ohne dass es dadurch zu landesweitem Wohlstand kommt.
243
Annäherung verschiedener Kulturen
Über die Bewertung der Annäherung der Kulturen sind sich die Menschen
uneins. Einerseits werden die Einflüsse anderer Lebensformen als Bereicherung wahrgenommen, andererseits besteht die Angst vor kultureller Überfremdung. Ob das Internet für Eskimos oder Indigenas schädlich ist, sollten
sie selbst entscheiden - doch dazu müssen sie es kennen lernen. Die Revolution in der Kommunikationstechnologie hat eine neue Form des Analphabetismus geschaffen, weil viele Menschen weder Zugang zum Computer
noch zum Internet haben. Chancengleichheit besteht auf dem globalisierten
Markt nur für die, die bestimmten Mindestanforderungen entsprechen.
Die Frage nach Gewinnern und Verlierern lässt sich also nicht immer ganz
leicht beantworten. Fest steht, dass hochqualifizierte Arbeitskräfte, wenn sie
genügend mobil sind, zu den Gewinnern gehören: Sie können sich ihren
Arbeitsplatz aussuchen. Ebenso konnten einige Transnationale Unternehmen enorme Gewinnsteigerungen erzielen. Durch die Internationalisierung
ihrer Produktion konnten sie die Produktionskosten senken, und durch die
Liberalisierung des Handels gleichzeitig neue Absatzmärkte erschließen.
Dadurch sind nicht nur Betriebe im Süden unter Druck geraten. Auch auf
gestandene Unternehmen im Norden, die einen etwas ungünstigeren Start
in die Globalisierung erlebten, hat sich der Konkurrenzdruck erhöht.
Soziale Sicherung neu gestalten
In Deutschland sind Befürchtungen weit verbreitet, dass sich auf Grund der
Globalisierung das hohe Niveau sozialer Sicherung nicht halten lässt. Zweifellos stellt die Globalisierung den Sozialstaat vor neue Herausforderungen,
sie führt aber nicht automatisch zu Einschränkungen. Wie eine Gesellschaft
mit Armut und Arbeitslosigkeit, mit Behinderung und Benachteiligung, mit
Gewinnern und Verlierern umgeht, wird auch in Zukunft in nationalem
Rahmen entschieden werden. Die Veränderungen in der Arbeitswelt; die
sich weiter wandelnden und ausdifferenzierenden Lebensentwürfe; die Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturen: sie machen es notwendig,
244
die vorhandenen Instrumente zu überprüfen und, wo nötig, neu zu gestalten.
6. Globalisierung gestalten
Während in den vergangenen Jahren noch viele wie das Kaninchen vor der
Schlange standen und ängstlich die Frage zu beantworten suchten, ob Globalisierung nun gut oder schlecht sei, hat sich die Debatte inzwischen ein
Stück entspannt. Es besteht ein weitreichender Konsens darüber, dass freie
Märkte ein Mittel sein können, wenn auch nicht sein müssen, um Armut
weltweit zu verringern. Weiter besteht Konsens darüber, dass die freien
Märkte einen effektiveren politischen Rahmen brauchen, um als Mittel der
Armutsbekämpfung wirksam zu werden. Globalisierung wird also nicht
mehr als Schicksal verstanden, dessen Fakten von vornherein feststehen,
sondern als ein offener Prozess, dessen Ergebnisse davon abhängen, wie man
ihn gestaltet. Und so kommt es darauf an, aktiv auf diese Gestaltung Einfluss zu nehmen, damit auch die bisher vom Globalisierungsprozess Ausgeschlossenen daran teilhaben können.
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Zweifellos stellt die Globalisierung den Sozialstaat vor neue Herausforderungen, sie führt aber nicht automatisch zu Einschränkungen.
In armen Ländern investieren
Für die Entwicklungspolitik scheint sich dadurch ein neuer Konsens herauszubilden: Es gilt, auch die ärmsten Länder sowohl für die Bewohner als auch
für Investitionen attraktiv zu machen. Innerhalb der Entwicklungsländer
müssen deshalb die nötigen Voraussetzungen wie politische Stabilität,
Rechtssicherheit, Bildung und eine effektive Infrastruktur geschaffen werden. Die Korruption muss wirksam und mit aller Konsequenz bekämpft
werden, entwicklungsfeindliche Strukturen müssen aufgelöst werden. Damit
sich die Entwicklungsländer diesen Zielen annähern können, ist ein konditionierter Schuldenerlass unerlässlich. Gleichzeitig müssen Wirtschaftsun245
ternehmen mit Informationen versorgt werden, die es ihnen erleichtern,
sich für Investitionen in Entwicklungsländern zu entscheiden.
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Globalisierung wird also nicht mehr als Schicksal verstanden, dessen Fakten von vornherein feststehen, sondern als ein offener Prozess, dessen Ergebnisse davon abhängen, wie man ihn gestaltet.
Ferner müssen Unternehmen noch mehr als bisher die Möglichkeit bekommen, sich gegen die Risiken der Investitionen abzusichern. Damit durch
diese Investitionen tragfähige Entwicklungsprozesse angestoßen werden,
müssen Mindeststandards im Sozial-, Umwelt- und Arbeitsrechtsbereich
vereinbart werden. Denn wenn die Investitionen zu neuen Formen der
Sklavenarbeit und zu langfristigen Umweltschäden führen, ist dies kein
geeignetes Fundament für einen nachhaltigen Entwicklungsprozess. Gleichzeitig dürfen die Messlatten für diese Mindeststandards nicht zu hoch gelegt
werden. Wer es gut mit den Menschen dort meint und deshalb Arbeitnehmerrechte und Sozialstandards nach hiesigem Recht fordert, zerstört den
gewichtigen komparativen Kostenvorteil der Länder des Südens, den niedrigeren Faktorpreis der Arbeit.
In Würde leben
Wirtschaft, Markt, Wachstum und Globalisierung sind kein Selbstzweck.
Sie müssen sich daran messen lassen, inwiefern allen Menschen eine menschenwürdige Existenz ermöglicht und gesichert wird. Messlatten dafür sind
eine inklusivere Globalisierung, die zu einer breiteren Streuung der ausländischen Direktinvestitionen und zu einer abnehmenden Einkommenskonzentration führt. Diejenigen, die diese Ziele fordern, müssen sich daran
messen lassen, inwiefern sie es schaffen, derart auf die Globalisierung einzuwirken, dass die erreichte Freiheit der Märkte auch zu mehr Wohlstand
für alle führt. Die Chance der Globalisierung liegt dabei nicht so sehr in den
einzelnen Forderungen bzw. Vorschlägen. Hier präsentiert sich zum Teil
Altbekanntes in einem neuen Argumentations-Gewande. Die Chance liegt
darin, dass es ein Projekt gibt, für das sich Unternehmer wie Politiker und
246
Vertreter der Zivilgesellschaft gleichermaßen begeistern könnten, eine Basis
für Kooperation statt Konfrontation.
Erwartungen an die Politik
Regierungen wurden überrumpelt
Auch die Regierungen der Nationalstaaten wurden durch die Ereignisse
überrumpelt. Bei dem schrittweisen Souveränitätsverlust gegenüber einer
sich globalisierenden Wirtschaft blieb ihnen zunächst nur Handlungsspielraum zum Reagieren, nicht jedoch zum Agieren. Dennoch sind die Regierungen der Schlüssel zur Schaffung einer adäquaten politischen Architektur
zur Einbettung der freien Märkte. Dies gilt sowohl für bi- oder multilaterale
Abkommen wie für die Übertragung von nationalstaatlicher Souveränität
auf suprastaatliche Institutionen. Und in anderen Politikbereichen sind
nationalstaatliche Regelungen durchaus in der Lage, die Entwicklung der
Globalisierung zu beeinflussen. Zur Zeit können nur sie Verstöße gegen
Arbeits- und Menschenrechte ahnden. In anderen Bereichen, insbesondere
der Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik ist ein koordiniertes Vorgehen im Rahmen von regionalen Zusammenschlüssen wirkungsvoller.
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Die Chance der Globalisierung liegt darin, dass es ein Projekt gibt,
für das sich Unternehmer wie Politiker und Vertreter der Zivilgesellschaft gleichermaßen begeistern könnten, eine Basis für Kooperation statt Konfrontation.
Die Regierungen der Industrieländer sollten bei der Gestaltung eines globalen Ordnungsrahmens nicht nur selber kreative Ideen entwickeln, sondern
auch ermöglichen, dass von anderen Vorschläge erarbeitet werden, damit ein
Dialog geführt werden kann. Der Erfolg bei dieser Jahrhundertaufgabe wird
auch davon abhängen, wie offen und partizipativ sie gestaltet wird. Neben
Forschungsinstituten und zivilgesellschaftlichen Institutionen aus den eigenen Ländern müssen auch die entsprechenden Einrichtungen der Entwicklungsländer sowie deren Regierungen Diskussionspartner werden. Konkrete
Ziele sind, die WTO fairer zu gestalten, eine Weltumweltbehörde zu grün247
den, die nicht nur Rede-, sondern auch Sanktionsrecht hat. Auch gilt es den
Internationalen Strafgerichtshof zu stärken.
Wechselkurse stabilisieren
Die Regierungen der Industrieländer müssen alles in ihrer Macht Stehende
tun, um mehr Stabilität in die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen
zu bringen. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zeigen, dass von den
Finanzmärkten ökonomisch nicht begründete Störimpulse auf die Entwicklung in vielen Ländern ausgehen. Besonders dringlich ist die Stabilisierung
der Wechselkurse. Dafür gibt es seit Jahrzehnten brauchbare Vorschläge.
Leider fehlt es am entschlossenen Willen der USA sowie der Länder der
Währungsunion und Japans, gemeinsame Zielvorstellungen für die Wechselkurse zu entwickeln und durchzusetzen.
♦
Die Regierungen der Industrieländer müssen alles in ihrer Macht
Stehende tun, um mehr Stabilität in die gesamtwirtschaftlichen
Rahmenbedingungen zu bringen.
Turbulenzen der großen Währungen wirken sich in der Regel mit einem
Verstärkungsfaktor auf die Währungen der Schwellen- und Entwicklungsländer aus. Hier kommt es immer wieder zu spekulativen Attacken, die nur
teilweise auf das Fehlverhalten dieser Länder zurückgeführt werden können.
Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zeigen, dass es Patentrezepte zur
Stabilisierung der Währungen von Schwellen- und Entwicklungsländern
nicht gibt. Weder die völlige Kursfreigabe noch die Bindung an eine der
großen Währungen müssen erfolgreich sein. Internationale Organisationen
sollten bei ihren Empfehlungen diese Erfahrungen berücksichtigen. Mittelfristig empfiehlt sich ein Ausbau der währungspolitischen Zusammenarbeit
in der Region, verbunden mit einer Orientierung an einer oder mehreren
der großen Währungen.
248
Kohärenz als Maßstab der Politik
Die Regierungen müssen in allen Entscheidungen ihrer globalen Verantwortung gerecht werden. Kohärenz wird immer mehr zum Maßstab ihrer Politik werden: Kohärenz zwischen Reden und Handeln, und Kohärenz zwischen den Politikfeldern. Es kann nicht sein, dass auf der einen Seite die
Einhaltung der Menschenrechte eingefordert wird, und auf der anderen
Seite, wenn auch auf verdeckten Wegen, Waffen an Angola geliefert werden.
Dies gilt für die Regierungen der Industrieländer gleichermaßen wie für die
der Entwicklungsländer und der Transformationsländer Osteuropas. Beschränkungen für den Waffenhandel dürfen nicht durch ökonomische Interessen aufgeweicht werden.
♦
Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zeigen, dass es Patentrezepte zur Stabilisierung der Währungen von Schwellen- und Entwicklungsländern nicht gibt.
Migrationspolitik überdenken
Die Industrieländer werden ferner ihre Migrationspolitik überdenken müssen. Die derzeitige Praxis, bei der etwa Computerspezialisten oder Fußballspieler freundlich aufgenommen werden, während man sich gegen andere
Arbeitssuchende abschottet, ist langfristig nicht durchzuhalten und muss
durch eine Einwanderungspolitik ersetzt werden, die den Menschen im
Norden und im Süden gerecht wird. Wenn jeweils die kompetentesten
Frauen und Männer aus den Entwicklungsländern in die Industrieländer
abwandern, wird dies in der armen Welt zu einer langfristigen Entwicklungsbremse. Und in einer wirklich globalisierten Welt wird es sich nicht
mehr rechtfertigen lassen, dass die einen durch »die Gnade ihrer Geburt«
Privilegien haben, die andere aufgrund von restriktiver Einwanderungspolitik nie erhalten werden.
249
Gute Regierungsführung ermöglichen
Globale Verantwortung heißt auch, sich ernsthaft um die Verbesserung der
Lebensbedingungen der derzeitigen Verlierer der Globalisierung zu kümmern. Sie müssen gestärkt und unterstützt werden, damit sie ihre Entwicklung in die eigenen Hände nehmen können. Umfassende politische Anstrengungen sind nötig, damit ausländische Direktinvestitionen in unterentwickelte Regionen fließen werden. Den Regierungen in den Entwicklungsländern muss weiterhin kompetente Beratung zur Verfügung gestellt
werden, es muss aber auch Druck auf sie ausgeübt werden, damit Korruption wirklich bekämpft wird und vorhandene Handlungsspielräume genutzt
werden, um gute Regierungsführung zu ermöglichen. Das deutsche Instrument der Hermesbürgschaften ist eine wirksame Hilfestellung, um derartige
Kapitaltransfers zu ermöglichen, indem das Risiko für die Investoren, insbesondere aus dem Mittelstand, abgeschwächt wird. Wichtig ist dabei, klare
entwicklungspolitische Richtlinien zu beachten. Zusätzlich müssen stärker
als bisher lokale Industrien in den Entwicklungsländern beratend unterstützt werden, um deren Weltmarktfähigkeit zu erhöhen.
Die reichen Staaten können im Rahmen von Public Private Partnership
Unternehmen zu entwicklungsfördernden Initiativen motivieren und sie
darin unterstützen.
Doch selbst wenn es gelingt, die Ärmsten an den Wohlstandsgewinnen der
freien Märkte teilhaben zu lassen, so wird dies noch Jahre dauern. Die Menschen in Äthiopien und Afghanistan hungern jedoch heute. Globale Verantwortung heißt deshalb auch weiterhin, existentielle Not zu lindern, ohne
dass diese Hilfe Abhängigkeiten schafft, die sich langfristig als entwicklungshemmend auswirken.
Mit der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten
Regierungen müssen auch stärker mit der Zivilgesellschaft der Entwicklungsländer zusammenarbeiten. Regierungen armer Länder vertreten häufig,
unabhängig davon, ob sie demokratisch gewählt wurden oder nicht, nur die
Interessen einer kleinen, reichen Minderheit. Laufen die Kontakte nur zwi250
schen Regierungen, werden diese nichtrepräsentativen Regierungen zusätzlich legitimiert. Wo bilateralen diplomatischen Beziehungen die Hände
gebunden sind, kann durch die Unterstützung multilateraler Initiativen wie
dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) eine stärkere Annäherung an die Zivilgesellschaft möglich werden.
Verantwortung der Europäischen Union
Zu den treibenden Kräften weltwirtschaftlicher Liberalisierung gehört die
Europäische Union. Um die Lasten und Vorteile der Globalisierung gerechter verteilen zu können, bedürfen Regionen wie die EU eines geeigneten
Ordnungsrahmens und einer institutionellen Identität. Hier fehlen u.a.
noch: eine bessere Koordination der europäischen Geldpolitik und der nationalen Finanz- und Tarifpolitik; eine einheitliche europäische ökologische
Steuerreform; die Einführung von Euro- bzw. Konzernbetriebsräten; die
Einführung arbeitsrechtlicher, sozialer und ökologischer Mindeststandards
in Europa; die Erweiterung der Rechte des Europäischen Parlaments und die
Herstellung einer europäischen politischen Öffentlichkeit; die Stärkung der
europäischen Zivilgesellschaft gegenüber den bürokratischen Funktionseliten in Brüssel und die Schaffung einer europäischen Verfassung.
♦
Regierungen müssen auch stärker mit der Zivilgesellschaft der
Entwicklungsländer zusammenarbeiten.
Zentrales Merkmal der Beziehungen der EU mit den Entwicklungsländern
muss Kohärenz sein.
Um die Bemühungen der EU und ihrer Mitgliedsstaaten um Krisenprävention und Konfliktschlichtung zu unterstützen, dürfen keine Waffen in Krisengebiete geliefert werden.
Wenn einerseits die Eingliederung der Entwicklungsländer in den Weltmarkt betrieben wird, darf dies nicht andererseits durch Protektionismus in
Europa, etwa im Agrarsektor, konterkariert werden.
251
Marktöffnungen dürfen nicht gemäss dem Recht des Stärkeren durchgeführt
werden. Die Industrieländer müssen ihre Märkte auch dort öffnen, wo sie
verwundbar sind. Alles andere bedeutet Wohlstandsgewinne auf Kosten der
Armen und verhindert, dass die komparativen Kostenvorteile ihre für alle
am internationalen Handel Beteiligten positiven Wirkungen entfalten können.
Besondere Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die EU-Osterweiterung. Sie ist Teil des Globalisierungsprozesses, wird aber wegen der räumlichen Nähe insbesondere in den Mitteleuropa benachbarten Regionen der
EU als besondere Bedrohung wahrgenommen. Politisch und ökonomisch
gibt es zur Osterweiterung keine Alternative. Sie liegt im Interesse aller
Beteiligten. Die notwendigen Anpassungsprozesse - sowohl in den bisherigen EU-Staaten wie auch in den Beitrittsländern - müssen von der Europäischen Union umsichtig gesteuert und gefördert werden.
Erwartungen an die Wirtschaft
Verantwortung der Unternehmer
In der Unternehmensführung gibt es unmittelbar kein soziales Ziel. „The
business of business is business“, wie es der UN-Generalsekretär Kofi Annan
jüngst vor schweizerischen Unternehmern sagte. Das heißt aber nicht, dass
Unternehmen nicht auch Verantwortung für ihr Handeln übernehmen
müssen. Dafür lassen sich auch wirtschaftliche Argumente anführen: Es ist
langfristig nicht in ihrem unternehmerischen Interesse, wenn durch kurzfristiges und kurzsichtiges Handeln potentielle Absatzmärkte zerstört und
Produktionsstandorte nachhaltig geschädigt werden. In den letzten Jahren
haben sich zahlreiche Unternehmen an Diskussionen über die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen beteiligt, wenn auch nicht immer
freiwillig. Da gleichzeitig die Einsicht gewachsen ist, dass man ein Land
nicht ohne und nicht gegen die Wirtschaft entwickeln kann, lösen sich alte
Feindbilder auf und werden neue Entwicklungspartnerschaften möglich.
252
♦
Das Zustandekommen von weltweit gültigen Standards im Umweltund Sozialbereich sowie die Einhaltung der Menschenrechte darf
nicht nur der Politik überlassen werden, die der Globalisierung hinterherhinkt.
Bei dem Machtungleichgewicht zwischen Wirtschaft und Politik dürfen sich
Transnationale Konzerne, die in den letzten Jahren stark an Macht gewonnen haben, im Bezug auf ihre soziale Verantwortung nicht hinter fehlenden
politischen Regelungen verstecken. Das Zustandekommen von weltweit
gültigen Standards im Umwelt- und Sozialbereich sowie die Einhaltung der
Menschenrechte darf nicht nur der Politik überlassen werden, die der Globalisierung hinterherhinkt. Hier ist Eigeninitiative der Wirtschaft gefordert.
Mögliche Instrumente sind Verhaltenskodices, die sich Unternehmen selbst
auferlegen oder Selbstverpflichtungen von Branchen- oder Wirtschaftsverbänden, denen Unternehmen beitreten können. An Vorschlägen mangelt es
nicht: Brauchbare Grundlagen bieten die Erklärung der Menschenrechte,
Konventionen und Empfehlungen der Internationalen Arbeitsorganisation
(ILO) und die Agenda 21. Und, auch wenn dies ungewohnt ist: Die Wirtschaft sollte die Politik bei ihren Bemühungen unterstützen, überfällige
Regelungen im internationalen Bereich zu verabschieden.
Globaler Pakt
Eine wichtige Initiative ist der von Kofi Annan initiierte Globale Pakt
(Global Compact) zwischen Wirtschaft, UN und Organisationen der Zivilgesellschaft. Dass sich die vereinten Nationen, über Jahrzehnte Anwalt der
Entwicklungsländer, plötzlich mit den heutigen »Zöllnern«, den Transnationalen Unternehmen, an den Tisch setzte, hat auch Kritiker auf den Plan
gerufen. Doch inzwischen ist es weitreichender Konsens, dass Beschäftigung
und gute Arbeitsbedingungen eher durch Kooperation mit der Wirtschaft
zu erreichen sind als durch Konfrontation.
Der Globale Pakt ist ausdrücklich als Lernprojekt angelegt. Die beigetretenen Unternehmen verpflichten sich, bestimmte international vereinbarte
Grundsätze zu beachten und jedes Jahr auf ihrer Homepage mindestens ein
253
konkretes Projekt vorzustellen, das zu einer Verbesserung der Produktionsbedingungen führt. Aus Sicht der Wirtschaft können die UN für das Funktionieren der internationalen Märkte eine Schlüsselfunktion übernehmen,
indem sie zu politischer Stabilität beitragen, bei der Lösung von multilateralen Problemen vermitteln und bei der Korruptions- und Kriminalitätsbekämpfung in Entwicklungsländern helfen.
♦
Die Unternehmen müssen deshalb noch sehr viel mehr als bisher
dazu beitragen, dass ausländische Direktinvestitionen für Entwicklungsländer einen Schritt hin zu langfristig tragfähiger Entwicklung bedeuten.
Dass eine Vielzahl von Unternehmen sich explizit zu ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung bekennen, ist erfreulich. Doch nicht immer folgen
den schönen Worten auch die notwendigen Taten. Und: Sie haben bisher
nicht wesentlich dazu beigetragen, dass ausbeuterische Kinderarbeit abgenommen hat oder die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Frauen, die
in den Freihandelszonen in Vietnam oder Zentralamerika arbeiten, verbessert wurden. Die Unternehmen müssen deshalb noch sehr viel mehr als
bisher dazu beitragen, dass ausländische Direktinvestitionen für Entwicklungsländer einen Schritt hin zu langfristig tragfähiger Entwicklung bedeuten. Auch wenn dies kurzfristig höhere Kosten verursacht, so ist es mittelund langfristig im Interesse der Investoren.
Die Rolle der Kirchen
Auch die Kirchen sind von den Veränderungen der Globalisierung keinesfalls verschont geblieben. Daraus erwachsen für sie Konsequenzen auf zwei
Ebenen: Zum einen müssen die Beziehungen zu anderen Institutionen intensiviert bzw. reformiert werden, zum anderen bietet die Globalisierungsdebatte für die Kirchen eine Gelegenheit, selbst in den Spiegel zu schauen
und gegebenenfalls Korrekturen vorzunehmen.
254
Verhältnis zur Wirtschaft klarstellen
Neben der Verkündigung des Wortes Gottes muss es weiterhin vorrangige
Aufgabe der Kirchen sein, sich an die Seite der Schwachen und Ausgegrenzten zu stellen und diese zu unterstützen. Daran hat sich auch durch die Globalisierung nichts geändert. Es muss jedoch noch definiert werden, wie sich
die Kirchen zu dem oben beschriebenen neuen Kooperationsansätzen staatlicher Entwicklungspolitik verhalten sollen, der in ausländischen Direktinvestitionen nicht mehr die Ursache der Armut, sondern ein Mittel zu deren
Überwindung sieht. Auch die Kirchen müssen klarstellen, ob sie die Transnationalen Konzerne bzw. Weltwährungsfonds und Weltbank als Widersacher oder als Partner betrachten. Die Entscheidung, wie sich die Kirchen
gegenüber der Wirtschaft positionieren, wird auch Konsequenzen für ihr
Verhältnis zur Politik haben.
Auf politische Prozesse einwirken
Durch die Globalisierung haben sich die Einflussmöglichkeiten der Zivilgesellschaft auf politische Entscheidungen verändert. Wegen des strukturellen
Demokratiedefizits in den Entscheidungsprozessen der internationalen Politik kommt der Zivilgesellschaft eine wichtige Kontrollfunktion zu.
Durch die neuen Kommunikationstechnologien werden ferner weltweite
Vernetzungen und die Verbreitung von Informationen sehr viel einfacher.
So wie andere Organisationen der Zivilgesellschaft sind auch die Kirchen
aufgefordert, im Rahmen ihrer Verantwortung auf die politischen Prozesse
einzuwirken.
Um auf die Politik einer sich globalisierenden Welt Einfluss zu nehmen,
müssen adäquate Instrumente entwickelt und die neuen Handlungsspielräume aktiv genutzt werden. Dazu bedarf es jedoch hoher Kompetenz und
guten Augenmaßes.
Kirchliche Arbeit muss daher politischer werden, was nicht parteipolitischer
meint. Das gemeinsame Sozialwort der Kirchen war ein wichtiger Schritt in
diese Richtung. Die Kirchen müssen ihre Autorität, über die sie in vielen
255
Gesellschaften nach wie vor verfügen, in die Waagschale werfen, um im
Dienste der Armen Einfluss auf politische Entscheidungen hier und in anderen Teilen der Welt zu nehmen. Dazu sind freilich zeitaufwendige interne
Diskussionsprozesse nötig, in denen kompetente, treffsichere Positionen
erarbeitet werden. Die Kirchen müssen sich mehr als bisher Gehör verschaffen bei Themen wie Einkommenskonzentration, Menschenrechte und Migration. Sie müssen den zur Zeit vorherrschenden Ökonomismus noch stärker hinterfragen und kreative Alternativen anbieten.
In Konflikten schlichten
Die Kirchen verfügen ferner über ein zur Zeit nicht ausgeschöpftes Potential, um in Konflikten schlichtend wirken. Konflikte meint dabei nicht nur
bewaffnete Auseinandersetzungen, sondern auch Streitigkeiten und Differenzen zwischen unterschiedlichen Gruppen bzw. Milieus, soziale Konflikte
und Interessengegensätze. In der beschriebenen neuen Unübersichtlichkeit
der Welt wird diese Funktion der Kirchen zunehmend an Bedeutung gewinnen, wobei sie, falls es zu einem zunehmenden Bedeutungsverlust der
Kirchen selbst kommt, vermehrt mit anderen gemeinsam agieren müssen.
Kirche in multireligiösen Gesellschaften
Mit der Zuwanderung sind Menschen anderen Glaubens in unser Land gekommen, Kontakte mit anderen Religionen werden immer alltäglicher. Die
interreligiösen Beziehungen werden deshalb an Bedeutung gewinnen. Zu
einer globalisierten Welt, die auf der freiheitlichen Entscheidungsfindung
der Individuen basiert, gehört es auch, dass alle Religionen an allen Orten
ihren Glauben leben und über ihre Grundüberzeugungen informieren können müssen. Es ist zu erwarten, dass in Zukunft öfter Fragen beantwortet
werden müssen wie die, ob eine Lehrerin an deutschen Schulen ein Kopftuch tragen darf. Die Kirchen müssen auf solche Fragen einheitliche Antworten parat haben, und die Antworten werden ihre Position im Globalisierungsprozess deutlich machen.
256
2.2 Kundgebung der Synode der Evangelischen Kirche in
Deutschland
Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland hat auf ihrer Tagung
über die Probleme der zunehmend globalisierten Wirtschaft diskutiert. Dass
sie nach der Wirtschaftsdenkschrift „Gemeinwohl und Eigennutz“ von 1991
und nach dem Gemeinsamen Wirtschafts- und Sozialwort der Kirchen von
1997 sich erneut mit einer Äußerung zu Fragen der Wirtschaft zu Worte
meldet, hat Gründe: Die beiden Gesichter der Globalisierung treten immer
deutlicher hervor: Sie produziert Ungerechtigkeit und Ängste, sie bringt
aber auch Vorteile, birgt Chancen und weckt Hoffnungen.
Auf der einen Seite nehmen wir wahr:
- Die nicht zuletzt technisch bedingten Veränderungsprozesse in der Wirtschaft haben sich weiter beschleunigt und bei vielen Menschen das Gefühl
der Verunsicherung verstärkt.
- Die Euphorie über wirtschaftliche Erfolge der „New Economy“ hat einer
Ernüchterung über die Risiken einer am schnellen Gewinn orientierten
Wirtschaftsweise Platz gemacht.
- Die zunehmende Anarchie auf den internationalen Finanzmärkten hat zu
einer Situation geführt, in der die Bewertung von Aktien und Devisen
häufig mehr von psychologischen Faktoren abhängt als von wirtschaftlichen Fakten.
- Angesichts der zunehmenden Abkoppelung wirtschaftlicher Entwicklungen von Prozessen, die am Ziel der sozialen Gerechtigkeit orientiert sind,
wird der Ruf nach klareren politischen Rahmenbedingungen globalisierten Wirtschaftens lauter.
- Die Hoffnungen auf die ökologischen Chancen einer global orientierten
Politik sind angesichts von Rückschlägen, insbesondere in der Klimapolitik, einer Ernüchterung gewichen.
Auf der anderen Seite nehmen wir wahr:
257
- Mit der Globalisierung wächst auch die Chance für ein neues Weltverständnis und ein globales Verantwortungsbewusstsein.
- Auch wenn die Verteilung krasse Ungerechtigkeiten aufweist, können
mehr Güter und Dienstleistungen zu günstigen Preisen bereitgestellt werden.
- Grundsätzlich ermöglicht der Abbau von Handelsbeschränkungen auch
ärmeren Ländern die Teilhabe am Markt.
- Globalisierung kann neues Verständnis zwischen Kulturen schaffen.
- Viele ökologische Probleme können nur im weltweiten Horizont bearbeitet werden.
In christlicher Freiheit leben
Wir bekennen in unserem Glauben: „Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen“ (Ps. 24,1).
Unsere Sicht einer verantwortlichen Gestaltung der Globalisierung gründet
in der von Gott geschenkten Freiheit und dem Versuch, daraus für die Gestaltung der Welt Konsequenzen zu ziehen. In der christlichen Tradition
heißt Freiheit nicht Maximierung des eigenen Nutzens, sondern Einsatz
dafür, dass das von Gott zugesagte „Leben in Fülle“ für alle erfahrbar wird.
Darum vollzieht sich Freiheit in Solidarität mit anderen und in Verantwortung für das Gemeinwohl. Wir halten fest: Der Skandal weltweiter wirtschaftlicher Ungerechtigkeit ist die zentrale Herausforderung an die Gestaltung der globalen Entwicklung. Maßstab für die Beurteilung der Globalisierung muss deshalb die Frage sein, ob der dadurch ermöglichte wirtschaftliche Wohlstand auch den schwächsten Gliedern der Weltgemeinschaft zugute kommt.
258
In ökumenischer Verantwortung handeln
Wir leben als Kirchen in einer weltweiten Gemeinschaft und spüren deshalb
in besonderer Weise die Herausforderungen, die durch die Veränderungen
in der Einen Welt entstehen. Wir sind verbunden mit Kirchen auf allen
Kontinenten, gerade auch mit Kirchen in den Ländern, die wegen ihrer
Armut und Instabilität heute wirtschaftlich und politisch als „uninteressant“
gelten. Wir begegnen in unseren Partnerschaften denen, die nicht zu den
Nutznießern der Globalisierung gehören. „Wir dürfen uns nicht abfinden
mit einer zunehmenden Polarisierung zwischen dynamischen Wachstumszentren und Regionen von Armut und Unterentwicklung.“ (Synode der
EKD, Braunschweig 2000)
Wir stehen durch Aktionen wie „Brot für die Welt“ und kirchliche Entwicklungsdienste in einer langen Tradition der Entwicklungszusammenarbeit, die sich unter dem Leitgedanken „Den Armen Gerechtigkeit“ an den
Bedürfnissen der am meisten Benachteiligten orientiert. Wir beobachten
und fördern alternative Formen von Produktion und Handel, die auf lokaler und regionaler Ebene organisiert werden. Aus dem Entwicklungsengagement ergeben sich wichtige Maßstäbe für die Beurteilung der Globalisierungsprozesse.
Im ökumenischen Gespräch über Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung
der Schöpfung ist für uns die „vorrangige Option für die Armen“ zu einem
„Leitmotiv gesellschaftlichen Handelns“ geworden. „Alles Handeln und
Entscheiden in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft [muss darum] an der
Frage gemessen werden, inwiefern es die Armen betrifft, ihnen nützt und sie
zu eigenverantwortlichem Handeln befähigt.“ (Wirtschafts- und Sozialwort
1997, S. 107)
259
Zusammenarbeit und Dialog suchen
Es gilt, den Benachteiligten zu ihrem Recht zu verhelfen. In diesem Bemühen steht die Kirche nicht allein. Wir sind dankbar für alles, was Menschen
verschiedenster Herkunft dafür tun: In den Schwesterkirchen, nichtkirchlichen Organisationen, privaten Hilfsinitiativen, Regierungen, Unternehmen und Gewerkschaften. Wir bieten unsere Bereitschaft an, mit all
denen zu kooperieren, die sich solcher Arbeit widmen.
Insbesondere erachten wir den Dialog der Kirche mit den für die Wirtschaft
Verantwortlichen für notwendig. Dahinter steht die Überzeugung, dass
Marktprozesse nicht von selbst das Nötige und Wünschenswerte herbei
führen, sondern dass es dazu der verantwortlichen Gestaltung bedarf.
Die Kirchen haben vermehrt oder neu zu lernen, sich in die komplexen
Probleme der Ökonomie hineinzudenken und die Aufgaben der hier zuerst
Verantwortlichen mitzubedenken. In diesem Dialog haben die Kirchen an
die konkreten Ziele zu erinnern, die bei der Gestaltung des menschlich
Machbaren anzustreben sind: um der Menschlichkeit aller Menschen willen,
um des Lebens alles Lebendigen willen.
Strukturwandel sozial gestalten
Globales Wirtschaften erfordert Strukturwandel. Dieser kann nur akzeptiert
werden, wenn die Verlierer nicht allein gelassen werden. Aufgabe der nationalen Politik ist es deshalb insbesondere, die Rahmenbedingungen für die
Schaffung neuer Arbeitsplätze zu verbessern und die soziale Sicherheit von
Arbeitslosen und im Niedriglohnbereich Beschäftigten zu gewährleisten.
Globales Wirtschaften erfordert also nicht weniger, sondern mehr, wenn
auch möglicherweise andere Formen sozialer Sicherheit. Wir treten damit
der häufig geäußerten Meinung entgegen, im Zeitalter der Globalisierung
könne man sich den Sozialstaat nicht mehr leisten.
260
Bildungsverantwortung wahrnehmen
Ein wesentliches Element der Globalisierung der Wirtschaft ist die Verbindung von Marktwirtschaft und neuen Medien. Durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien werden weltweit alle Lebens- und Arbeitsbereiche grundlegend dynamisiert. Die Anforderungen an
Wissen und Qualifikation von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern
wachsen ständig. Schule und Ausbildung sollen die Menschen auf die veränderten Aufgaben vorbereiten. Allerdings darf man die Gefahr nicht übersehen, dass Schule und Ausbildung allein für ökonomische Ziele instrumentalisiert werden.
Bildung in christlicher Verantwortung nimmt dagegen den ganzen Menschen in den Blick. Unserer Menschenbild verpflichtet dazu, jeden Menschen mit seinen Stärken und Schwächen anzunehmen und zu fördern und
ihn nicht auf seine Verwertbarkeit im Arbeitsprozess zu reduzieren. Diesen
Anspruch auf eine ganzheitliche Bildung erheben Christen weltweit, unabhängig davon, ob er kirchliche oder staatliche Bildungseinrichtungen betrifft. Offene und durchlässige Zugänge zu Schulen und Ausbildungsstätten
sind die Voraussetzung für eine Teilhabe aller Menschen an diesem Bildungsgeschehen.
Den Beitrag der nationalen Wirtschaftspolitik einfordern
Gerade im Prozess der Globalisierung kommt der nationalen Wirtschaftspolitik eine besondere Verantwortung zu. Sie darf sich nicht hinter der Anonymität internationaler Entwicklungen verstecken. Es ist nicht richtig, dass
es für die nationale Wirtschaftspolitik keinen Spielraum mehr gibt, wie
immer wieder unter Hinweis auf die Globalisierung behauptet wird.
Die nationale Wirtschaftspolitik darf deshalb keine Reduzierung eigener
Standards mit dem Hinweis auf niedrigere Standards in anderen Ländern
zulassen. So wichtig eine internationale Koordinierung von Sozial- und Umwelt-Standards ist, muss klar sein, dass es sich dabei nur um Mindeststandards handeln kann.
261
„Reiche“ Länder, zu denen auch unseres gehört, sind der Nachhaltigkeit
besonders verpflichtet. Diese Länder können und müssen einen überproportionalen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der einen Welt leisten, da sie
deren Ressourcen auch überproportional in Anspruch nehmen. Sozial- und
Umweltstandards dürfen aber nicht als Instrumente des Protektionismus
missbraucht werden, denn damit werden schwächere Länder wichtiger
Wettbewerbsvorteile beraubt.
Es ist Aufgabe nationaler Politik, internationale Regeln und Standards
durchzusetzen und Verstöße gegen sie zu ahnden. Wo dies nicht geschieht,
ist internationale Politik gefordert.
Globalisierung führt nicht nur zu einer Entgrenzung der Wirtschaft, sondern auch zu einer Zunahme weltweiter Wanderungen. Das hat Folgen für
die Zuwanderungspolitik der Industrieländer. Sie dürfen sich gegen Armutsmigration nicht abschotten. Holen sie andererseits gut ausgebildete
Arbeitnehmer ins Land, verlieren die schwächeren Länder die Kräfte, auf die
sie für ihre Entwicklung angewiesen sind.
Für die Öffnung Europas eintreten
Zu einer zusammenwachsenden Weltwirtschaft gehört die gegenseitige Öffnung der Märkte. Wir müssen Verantwortung für die Entwicklung der einen Welt wahrnehmen, indem wir unsere Märkte auch dort öffnen, wo dies
Nachteile bringt. Dies gilt insbesondere für die Handelspolitik der Europäischen Gemeinschaft, die an vielen Stellen protektionistische Züge trägt.
Für den Entwicklungsprozess der schwachen Länder ist die Landwirtschaft
besonders wichtig. Notwendig ist deswegen eine verantwortlichere Form
der europäischen Agrarpolitik, damit sie einen Beitrag zur globalen Gerechtigkeit und zur nachhaltigen Entwicklung leisten kann, die im Einklang mit
ökologischen, ökonomischen und sozialen Kriterien steht. Hauptaufgabe
einer nachhaltigen Agrarpolitik im Norden und Süden ist weltweite Ernährungssicherung. Vor allem sind künftig Strukturhilfen und Subventionen in
Europa und weltweit auf nachhaltige Produktionsweisen auszurichten. Notwendiger Abbau von Handelshemmnissen darf nicht dazu führen, dass loka262
le Märkte zerstört werden, kleinen und mittleren Betrieben die Existenzgrundlage entzogen wird.
Dieser Anforderung wird die heutige europäische Agrarpolitik nicht gerecht. Sie hat durch eine verfehlte, im Wesentlichen quantitativ orientierte
Subventionspolitik zu Überproduktionen geführt, die den Entwicklungsländern in mehrfacher Hinsicht Probleme bereiten: Sie führen zu einer Abschottung Europas und stören durch heruntersubventionierte Preise Märkte, auf die gerade schwache Länder angewiesen sind. Dies alles liegt auch
nicht im Interesse unserer Landwirte. Eine Reform wird ihnen und der
Qualität der deutschen Agrarproduktion zugute kommen. Dabei müssen die
Herausforderungen der EU-Erweiterung im Blick bleiben.
Auch im industriellen und Dienstleistungssektor gibt es Handelsbeschränkungen unterschiedlicher Intensität, direkte und indirekte, offene und versteckte. Europa darf sich nicht abschotten. Es ist gerade die Verantwortung
der deutschen Politik, für ein offenes Europa einzutreten.
Besondere Bedeutung kommt den Regionen als Lebens- und Wirtschaftsraum zu. Gerade im Prozess des Zusammenwachsens in der Einen Welt,
können viele Probleme nur vor Ort gelöst werden. Am Beispiel Europas
wird dies deutlich. Hierbei können Kirchen als Initiatoren und Mediatoren
eine wichtige Rolle spielen.
Dringlich ist die EU-Erweiterung nach Osten. Sie ist eine notwendige Bedingung für einen erfolgreichen Entwicklungsprozess der aufholenden Beitrittsländer.
Internationale Institutionen stärken
Verbesserungsbedürftig ist auch die über Europa hinausgehende internationale Zusammenarbeit. Die Verantwortung der nationalen Politik endet
nicht an den Grenzen des Nationalstaates. Die bestehenden internationalen
Institutionen sind in ihrem Gewicht zu stärken. Sie sind auf die Unterstützung der nationalen Politik dringend angewiesen. Dazu müssen auch
die schon jetzt existierenden Formen der informellen Zusammenarbeit aus263
gebaut und so weit wie möglich institutionell abgesichert werden. Ebenso
sind weitere internationale Konventionen abzuschließen und umzusetzen,
um verantwortbare weltweite Standards, auch im Bereich der Sozialpolitik,
zu erreichen. Die internationalen Institutionen sollten diese so gestalten,
dass sie dann auch ratifiziert werden. Die nationalen Regierungen und Parlamente sollten diese dann aber auch ratifizieren und durchsetzen.
Der Ausbau der internationalen Koordination ist dringlich. In diese sind
Vertreter der Entwicklungs- und Schwellenländer einzubeziehen, aber auch
Gewerkschaften und Nicht-Regierungs-Organisationen im Süden wie im
Norden.
Das Schicksal ganzer Volkswirtschaften darf nicht der Willkür der Finanzmärkte ausgesetzt werden. Zur Verhinderung von Wechselkursturbulenzen
gibt es keine Patentrezepte. Die viel diskutierte Tobinsteuer hilft nicht gegen sehr große Schwankungen, außerdem kann sie nur wirken, wenn sie
weltweit eingeführt wird, was nicht zu erwarten ist. Viel wichtiger ist, dass
die großen Industriestaaten entschlossen kooperieren, den Finanzmärkten
Führung geben und für Währungsverhältnisse sorgen, welche die wirtschaftliche Entwicklung in allen Ländern fördern. Zu lange hat man geglaubt, dass man ohne eine derartige Politik auskäme. Dies hat sich, wie
viele Beispiele insbesondere aus dem vergangenen Jahrzehnt zeigen, als ein
Irrtum erwiesen, unter dem vor allem die Schwachen zu leiden haben.
Die Entschuldung der ärmsten Länder steht nach wie vor auf der Tagesordnung. Der Schuldendienst armer Länder ist existenzbedrohend für ihre bedürftige Bevölkerung.
Notwendig ist aber auch der Ausbau der Bankenregulierung im Norden wie
im Süden, um Unternehmenszusammenbrüche wegen zu kurzfristiger Finanzierung zu verhindern. Insbesondere eine Reform der Eigenkapitalregelungen ist dringlich.
Der Ausbau der regionalen währungspolitischen Zusammenarbeit könnte
gerade die Position der schwachen Länder stützen. Das Nebeneinander verschiedener währungspolitischer Regimes gehört zu den jüngsten Krisenursachen in Südamerika.
264
Die Träger der Wirtschaft an ihre Verantwortung erinnern
Unternehmen und Gewerkschaften sind im Prozess des globalen Wirtschaftens gleichermaßen gefordert. Sie müssen gemeinsam damit umgehen, dass
Produktionsstätten in andere Regionen verlagert werden, und einen solchen
Prozess sozialverträglich gestalten.
Große transnationale Unternehmen haben die Möglichkeit, auf ihrem Gebiet Standards zu setzen, die sich an den Kriterien einer nachhaltigen Wirtschaft orientieren. Es gibt Beispiele, in denen dies sehr erfolgreich getan
wurde. Auch Wirtschaftsverbände können auf nationaler oder internationaler Ebene Selbstverpflichtungen eingehen, welche die Standards verändern.
Die Wirtschaft kann zudem die Politik auf Bereiche hinweisen, in denen
Selbstverpflichtungen einzelner Unternehmen oder Verbände nicht ausreichen.
Eine wichtige Rolle kann die Wirtschaft in dem von UN-Generalsekretär
Kofi Annan initiierten globalen Pakt (Global Compact) spielen, in dem
Wirtschaft (Unternehmen und Gewerkschaften), UNO und Organisationen
der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten sollen. In Europa ist die soziale
Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility-CSR),
wie sie in dem neuen Grünbuch der EU enthalten ist, aufzugreifen und
weiterzuentwickeln.
Wirtschaft und Politik müssen gemeinsam dazu beitragen, dass die Ressourcen geschont, die Umwelt geschützt und gute Arbeitsbedingungen gefördert
werden. In diesem Sinne sollte die Politik für die Unternehmen, die in Entwicklungsländern investieren, entsprechende Anreize schaffen, um Entwicklungsimpulse zu geben.
Das wirtschaftspolitische Engagement der Kirchen verstärken
Den Kirchen stellen sich durch die Entwicklung zu der einen Welt besondere Aufgaben. Ihre Verantwortung für die Schwachen gilt auf nationaler wie
internationaler Ebene.
National müssen die Kirchen für diejenigen eintreten, die durch das globale
Wirtschaften ihren Arbeitsplatz verlieren. Sie müssen sich auch weiterhin
265
bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit engagieren und für die konkrete
Verbesserung der Situation der Erwerbslosen einsetzen. Auch das Handwerk verdient ihre besondere Aufmerksamkeit. Die Kirchen müssen so viel
wie möglich für den Ausgleich zwischen den östlichen und westlichen Ländern der Bundesrepublik tun.
International sollten die Kirchen sich an einem Umdenkprozess beteiligen,
der in ausländischen Direktinvestitionen, angemessene Rahmenbedingungen
vorausgesetzt, nicht mehr die Ursache der Armut, sondern ein Mittel zu
deren Überwindung sieht. Die Kirchen müssen klarstellen, dass sie die
transnationalen Konzerne, den Weltwährungsfonds und die Weltbank nicht
als Widersacher, sondern als Partner betrachten, die durchaus des kritischen
Dialogs bedürfen.
Wo Unternehmen soziale und ökologische Mindeststandards unterschreiten,
sollten die Kirchen die Bildung einer Gegenöffentlichkeit unterstützen, die
diese Unternehmen an ihre Verantwortung erinnert. Wenn Einzelne oder
Initiativen aufgrund ihres Engagements verfolgt werden, müssen die Kirchen für sie eintreten.
Die Kirchen müssen ihre Autorität, über die sie in vielen Gesellschaften
nach wie vor verfügen, in die Waagschale werfen, um im Sinne der vorrangigen Option für die Armen Einfluss auf politische Entscheidungen hier
und in anderen Teilen der Welt zu nehmen. Zur Erfüllung dieser Aufgaben
bedarf es verantwortungsbereiter Menschen. Die Kirchen sollen ihnen mit
der christlichen Botschaft Orientierung und Stütze geben.
Globales Wirtschaften bietet Risiken und Chancen. Wir wollen, dass die
Chancen wahrgenommen und die Risiken tragbar gehalten werden. Das
bedeutet für uns: Globale Wirtschaft verantwortlich gestalten.
Amberg, den 9. November 2001
Der Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland
266
Beschluss zu wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen
Menschenrechten
Die Synode bittet den Rat,
- die Gliedkirchen und kirchlichen Hilfswerke auf die Notwendigkeit aufmerksam zu machen, sich um ein weiteres und vertieftes Verständnis der
im Pakt von 1966 formulierten wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen
Menschenrechte (WSK) zu bemühen. Nur ganz wenige Staaten, darunter
die USA, haben diesen Pakt bisher nicht ratifiziert. Er setzt national und
international verbindliche Rechtsstandards;
- die damit befassten Werke und Institutionen zu bestärken, weiterhin Untersuchungen über die Auswirkungen, die die deutsche Politik im Rahmen
der Globalisierung für die Verwirklichung der WSK-Rechte hat, zu erstellen und zu veröffentlichen, und sich damit für die Umsetzung dieser
Rechte einzusetzen;
- auf die Bundesregierung einzuwirken, dass die im Amsterdamer Vertrag
(in Kraft getreten am 1. Mai 1999) vereinbarte Berichterstattung über die
Auswirkung der europäischen Politik bezüglich des Ziels der Armutsbekämpfung endlich vollzogen wird;
- die Hilfswerke der EKD darum zu bitten, nicht nachzulassen, ihre Partner
im Süden bei der Durchsetzung ihrer WSK-Rechte zu unterstützen;
- die Rolle des ÖRK und der konfessionellen Weltbünde darin zu bestärken, dass sie die Diskussion über die WSK-Rechte und die Bemühungen
um deren Umsetzung vorantreiben können;
- dafür Sorge zu tragen, dass die entwicklungspolitische Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit so unterstützt wird, dass in der deutschen Öffentlichkeit ein größeres Verständnis für die Bedeutung der WSK-Rechte im
Zusammenhang der Globalisierung entsteht.
Tagung der 9. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland/ Amberg, den 8. 11.2001
Der Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland
267
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Einkommen vertieft sich - und die Zahl der Kritiker wächst, in: DIE
ZEIT, Nr. 21, 17. 05.1996, S. 13f
Siemons, Mark: Das Regime der Berater. Wie mit der Globalisierung ein
neuer Menschentypus in den Betrieben Einzug hält, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 232 vom 05.10.1996 ("Bilder und Zeiten")
DER SPIEGEL, 39/1996:
„Allein der Markt regiert“ (S. 80-95); Anpassung nach unten. Hans-Peter
Martin und Harald Schumann über die Globalisierungsfalle (Textauszug, S. 90f)
„Ein Schlag ins Gesicht“. Die deutschen Automobilkonzerne drängen ins
Ausland und bauen weltweit neue Fabriken, S. 99-105
DER SPIEGEL, 40/1996:
„Wie ein Staubsauger“. Der Turbo-Kapitalismus verändert die Welt (II):
Kampf der Nationen, Angriff auf den Sozialstaat (S. 130-139)
275
„Wir testen das System“. US-Ökonom Lester C. Thurow über weltweite
Konkurrenz und die Folgen für die Gesellschaft (S. 140-146)
DER SPIEGEL, 9/1997:
„Ein heilsamer Schock“. Unternehmensberater Roland Berger über Massenarbeitslosigkeit, Globalisierung und die Verantwortung der Unternehmer (S. 110-106)
Globalisierung. Tiefe Kluft. Die Welt wird von globalen Unternehmen
beherrscht, unterstützt von willfährigen nationalen Regierungen: Wird
so die Zukunft aussehen? (S. 107)
DER SPIEGEL 10/1997:
„Wettlauf der Besessenen“. Der Jesuitenpater und Sozialethiker Friedhelm
Hengsbach warnt vor den Folgen der Sparpolitik. Die Diskussion um
die Globalisierung und Abbau des Sozialstaates nennt er eine Phantomdebatte (S. 40-44)
Spybey, Tony: Globalization and World Society, Cambridge, Ma., USA,
1996
Thompson, Grahame u. Hirst, Paul: Globalization In Question. The International Economy And The Possibility Of Governance, Cambridge,
USA, 1996
Thurow, Lester: The Future of Capitalism. How Today´s Economic Forces
Will Shape Tomorrow´s World, London 1996
Waters, Malcolm: Globalization. London u. New York 1995 (Series Key
Ideas, ed. Peter Hamilton)
Weber, Hermann (Hrsg.): Globalisierung der Zivilisation und überlieferte
Kulturen. Katholischer Akademischer Ausländerdienst KAAD, Jahresakademie 28.-30. April 1995, Bonn 1995
Weizsäcker, C. Christian von, Logik der Globalisierung, Göttingen 1999
276
Weizsäcker, Ernst Ulrich von (Hrsg.): Grenzen-los? Jedes System braucht
Grenzen - aber wie durchlässig müssen diese sein? Berlin, Basel u. Boston 1997
Weidenfeld, Werner, u. Turek, Jürgen (Hrsg.): Technopoly - Europa im
globalen Wettbewerb. Strategien und Optionen für Europa, Gütersloh
1993
Wünsch, Ulrich: Global Village und zurück. Die schöne neue Tourismuswelt. Eine Tagestour um den Erdball, in: DIE ZEIT; Nr. 21 vom 17.
05.1996, S. 55.
Zürn, Michael: Regieren jenseits des Nationalstaates. Globalisierung und
Denationalisierung als Chance, Frankfurt a. M. 1998
277
Die Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft
Die Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft ist eine freie Vereinigung
innerhalb der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers. Als Gesprächs- und Studienforum dient sie Interessierten dazu, gemeinsame Fragen im Spannungsfeld von Wirtschaft und Ethik, Gesellschaft und Kirche zu erörtern.
Ziele
Die Studiengesellschaft greift soziale Fragen auf, die gegenwärtige
Herausforderungen für die evangelische Kirche darstellen. Sie diskutiert und fördert ethisch und theologisch reflektierte Lösungsansätze.
Die Arbeit der Studiengesellschaft zielt auf einen gemeinschaftlichen Klärungsprozess der Teilnehmenden im Kontakt mit dem
KDA, kirchlichen und sozialen Initiativen sowie Institutionen.
Durch regelmäßige Erkundungen und Betriebsbesuche verschaffen
sich die Teilnehmenden einen Praxisbezug im Kontext der Auseinandersetzung mit sozialwissenschaftlichen Fragestellungen.
Die gewonnenen Einsichtung und Perspektiven sollen der Kirche
und der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft informiert über ihre Arbeit durch Publikationen (Tagungsberichte, Dokumentationen usw.). Sie gibt die wissenschaftliche Buchreihe „Quellen und Forschungen zum evangelischen sozialen Handeln“ heraus.
278
Geschichte 1
Die Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft wurde im Jahre 1929 von
dem ersten Sozialpfarrer der hannoverschen Landeskirche, Pastor Dr. J. G.
Cordes, gegründet. Sie hat seitdem kontinuierlich getagt und gearbeitet. Ihre
Ausstellung anlässlich des 60jährigen Jubiläums zum „Evangelisch-sozialen
Handeln im Industriezeitalter, Hannover 1834-1989“ erhielt den HerbertWehner-Preis der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Mitglieder und Arbeitsvorhaben
Zur Studiengesellschaft gehören als Mitglieder Personen aus verschiedenen
kirchlichen, wirtschaftlichen, sozialwissenschaftlichen und anderen Berufen,
die an den Arbeitsvorhaben und Tagungen teilnehmen und eigenverantwortlich mitwirken.
Die Studiengesellschaft veranstaltet in der Regel jährlich zwei Tagungen,
wobei eine der beiden Zusammenkünfte mit einer Betriebsbesichtigung
verbunden ist. Zu den jeweiligen Tagungen wird öffentlich eingeladen.
1
Vgl. Cord Cordes, Die Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft in der hannoverschen
Landeskirche, in: Jahrbuch der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte, 83.
Band 1985, S. 201-213, u. Martin Cordes, Die Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft in
der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers und ihr Leiter Johann Gottlieb Cordes „im Schatten“ der Jahre 1933 bis 1945, in: JGNKG 97/1999, S. 133-189.
279
Autorinnen, Autoren und Herausgeber
Fritz Erich Anhelm, Dr. rer. pol., geb. 1944; Studium der Politischen Wissenschaften, Germanistik und Pädagogik, Promotion im Fach Politologie;
1975 bis '79 Bundestutor für Gesellschaftspolitische Jugendbildung; von
1979 bis '94 Generalsekretär der Evangelischen Akademien in Deutschland,
von 1985 bis '94 auch der Ökumenischen Vereinigung der Akademien und
Laienzentren in Europa; seit 1994 Direktor der Evangelischen Akademie
Loccum
Martin Cordes, Dr. theol., geb. 1942; Professor an der Ev. Fachhochschule
Hannover (Fachbereich Religionspädagogik und Diakonie); Forschungs bereiche: evangelisches soziales Handeln im 19. und 20. Jhdt.; Kirchlicher
Dienst in der Arbeitswelt nach 1945; 1. Sprecher der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers; Vorsitzender der Aktion Arbeitslosenabgabe e. V.
Wilhelm Fahlbusch, Professor i. R., geb. 1929; seit 1962 Sozialpfarrer, seit
1963 Landessozialpfarrer in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Professor für Theologie/Sozialethik an der Ev. Fachhochschule Hannover, seit
1995 im Ruhestand
Friedrich Heckmann, Dr. theol., geb. 1953; Studium der Theologie und
Philosophie in Münster, Zürich und Erlangen; 1982-86 Wiss. Mitarbeiter am
Institut für Sozialethik der Universität Erlangen; 1986-94 Hochschulseelsorger in Braunschweig; seit 1995 Professor für Sozialethik am Fachbereich
Sozialwesen der Ev. Fachhochschule Hannover
Uwe Heinrich, geb. 1956; Studium der Ev. Theologie in Bethel und Hamburg, Auslandsstipendium in Tanzania 1984/85, Zusatzausbildungen in
kirchlicher Medienarbeit und Popularmusik; Mitarbeit in der entwicklungspolitischen Bildungsstätte Haus am Schüberg, Hoisbüttel, sowie im Arbeitskreis „Multinationale Konzerne und III. Welt", Pastor am Osdorfer Born,
Hamburg
280
Klaus Peter Japp, Dr. phil., geb. 1947; Soziologiestudium in Frankfurt /
Main; Habilitation in Bielefeld; Forschungsaufenthalte in Berkeley und
Harvard; Professor für Soziologie, Universität Bielefeld; Fachgebiet: Soziologie ökologischer Risiken
Barbara Ketelhut, Dr. phil., geb. 1956; Professorin im Fachbereich Sozialwesen an der Ev. Fachhochschule Hannover; Fachgebiete: Armut und Erwerbslosigkeit, Frauenforschung, empirische Methoden
Annette Kleinfeld, Dr. phil., geb. 1963; Studium der Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaften in Karlsruhe und München; promoviert in
München mit einer Arbeit über ethisch orientierte Unternehmens- und
Personalführung; Gründungsmitglied des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik; Vorstandsmitglied im European Business Ethics Network (EBEN); Mitarbeit im Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover (199598); seit 1998 Leiterin des Bereichs “Corporate Ethics und Wertemanagement” bei einer Hamburger Unternehmensberatung
Michael Kranzusch, geb. 1961; Studium der Ev. Theologie, Erziehungswissenschaften, Soziologie und Philosophie; Rundfunkausbildung; Schulpastor
an den Berufsbildenden Schulen in Lüneburg, Schwerpunkt Wirtschaft und
Verwaltung
Otto Lange, geb. 1937; Landessozialpfarrer in der Ev.-luth. Landeskirche
Hannovers mit Auftrag beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt, seit
2001 im Ruhestand
Ingrid Lukatis, Dr. rer. pol., geb. 1943; Diplom-Sozialwirtin, Professorin,
Leiterin des Pastoralsoziologischen Instituts in der Ev. Fachhochschule
Hannover. Arbeitsfelder: Aus- und Fortbildung von PastorInnen und anderen kirchlichen MitarbeiterInnen, Gemeindeberatung, Organisationsentwicklung in der Kirche, empirische Forschung im Bereich der Kirchen- und
Religionssoziologie
Lourens Minnema, Dr. phil., geb. 1960; Studium der Theologie, Religionssoziologie u. -philosophie in Kampen, NL, und Birmingham, GB, 1978-85;
Promotion im Bereich Vergleichende Religionswissenschaft 1990 in Kampen; Forschungsaufenthalt in Kyoto, Japan; Lehrtätigkeit in Butare, Ruan281
da, 1992-94, Dozent für Vergleichende Religionswissenschaft an der Freien
Universität in Amsterdam
Hans-Jürgen Pabst, geb. 1958; Studium der Ev. Theologie, Berufschulpastor, Beauftragter im Ev. Schulpfarramt in der Stadt Hannover für Fragen
der Wirtschaftsethik, Sprecher der Regionalgruppe Hannover des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik, Agenda 21-Beauftragter im Stadtkirchenverband Hannover, 2. Sprecher der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft
Hans-Hermann Tiemann, Dr. theol., geb. 1957; Studium Ev. Theologie in
Hamburg, Tübingen, Göttingen und Atlanta (USA), klass. Philologie (Latein) in Bielefeld; Mitarbeit im Lutherregister, Tübingen (1983-88); Promotion in Tübingen (1989); Pastor in Wissingen bei Osnabrück
Jan Tillmann, geb. 1938, Dr. phil.; Professor für Pädagogik an der Ev.
Fachhochschule Hannnover; Ausbilder für pädagogisches Rollenspiel
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