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Kiesabbau – was bleibt? Interregionales Bürgerforum zum

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Kiesabbau – was bleibt?
Interregionales Bürgerforum zum Kiesabbau – Ergebnisse und Perspektiven
»Isselburger Signal«
Kiesabbau – was bleibt?
Interregionales Bürgerforum zum Kiesabbau –
Ergebnisse und Perspektiven
»Isselburger Signal«
Michael Kempkes
Werner Brand
(Hrsg.)
mit 42 Abbildungen
Titelbild: Gefällte Eiche vor dem Hintergrund des entstehenden Baggersees in der Isselburger Breels.
Foto: Michael Kempkes, März 2012
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der
fotomechanischen Vervielfältigung oder Übernahme
in elektronische Medien, auch auszugsweise.
© 2013 Westarp WissenschaftenVerlagsgesellschaft mbH, Hohenwarsleben
http://www.westarp.de
ISBN: 978-3-89432-919-8
Satz und Layout: Alf Zander
Druck und Bindung: Westarp & Partner Digitaldruck Hohenwarsleben UG
Vorwort
Vor einem Symposium oder, wie wir es nennen, einem Bürgerforum ein Buch zu veröffentlichen, ist sicherlich eine eher ungewöhnliche Vorgehensweise. Normalerweise ist es eher
üblich, dass die Referenten nach der Veranstaltung ihre Manuskripte und Abbildungen einreichen, und dann erscheint gewissermaßen »im Nachgang« ein Symposiumsband, der alle
wesentlichen Inhalte der Referate wiedergibt. Wir haben uns für diesen Weg entschieden,
weil wir allen Besucherinnen und Besuchern unseres »Interregionalen Bürgerforums« die Gelegenheit bieten möchten, unmittelbar nach der Veranstaltung durch den Erwerb des vorliegenden Buches die Inhalte vertiefen zu können. Die Eindrücke aus den Referaten sind gerade
noch frisch und die zeitnahe Lektüre erweitert das aufgenommene und erworbene Wissen.
Mit der Wahl der Referenten haben wir im Vorfeld der Veranstaltung versucht möglichst
viele relevante Themen aufzugreifen. Zwar hat jede der drei beteiligten Bürgerinitiativen,
also EDEN e.V., Dinxperwick e.V. und Isselburg21 e.V., in den vergangenen Monaten und
Jahren eigene Informationsveranstaltungen initiiert, doch ging es bei der Planung des Interregionalen Bürgerforums vor allem um weiterreichende Informationen aus verschiedenen Perspektiven. Dazu haben wir Referentinnen und Referenten eingeladen, die einen bestimmten Aspekt näher beleuchten, sodass alle unserer Einladung folgenden Bürgerinnen
und Bürger im Auditorium Informationen zu unterschiedlichsten Sachverhalten aufnehmen
können. Dabei stellen zwei Bürgerinitiativen ihre eigenen Erfahrungen vor, und zu anderen
Sachthemen geben namhafte Experten nähere Einblicke, welche Auswirkungen der großflächige Kiesabbau hat. Wir freuen uns, dass es uns gelungen ist, für diese Veranstaltung
qualifizierte Referenten zu gewinnen. Selbstverständlich kommt auch der Austausch mit
den Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Auditorium nicht zu kurz, deshalb haben wir
bewusst als Veranstaltungsform ein Bürgerforum gewählt. Wir als Bürgerinitiativen wollen gemeinsam mit den betroffenen Bürgern sprechen und sie umfassend informieren, und
nicht einfach über ihre Köpfe hinweg diskutieren.
Wie bereits erwähnt, beleuchten wir viele Aspekte zum Kiesabbau. Dass wir als Bürgerinitiativen eine sehr kritische, teils deutlich ablehnende Position gegenüber diesem Raubbau an
der Natur und an den künftigen Generationen einnehmen, wird niemanden überraschen.
Die Bürgerinitiativen EDEN, Dinxperwick und Isselburg21 arbeiten gemeinsam an demselben Ziel: eine nachhaltige Entwicklung der gesamten Region. Jede Bürgerinitiative schaut
nicht nur auf das eigene Stadtgebiet, sondern wir denken über kommunale Grenzen hinaus,
weil wir die Region sehen. Damit geben wir das klassische Kirchturmdenken, das leider
auch noch bei manchen Politikern zu beobachten ist, eindeutig auf. Eine großflächige Abgrabung in der Isselburger Breels hat beispielsweise auch Auswirkungen auf die benachbarten Gemeinden (Rees sowie Aalten-Dinxperlo und Bocholt-Suderwick), und daher bündeln
wir unseren Widerstand gegen ein unverantwortliches Handeln, das nur den eigenen Profit
sieht, aber keineswegs nachhaltig ist.
5
Vorwort
Das gemeinsame Agieren der Bürgerinitiativen der Region und deren hohe Akzeptanz in
der Bevölkerung verdeutlichen aber auch, dass die signifikante Mehrheit der Menschen gegen weitere Abgrabungen und das stete Wachsen der Wasserwüsten ist. Die Menschen wollen ihre Heimat bewahren, und das ist ihr gutes Recht! In einer Demonstration haben wir ein
Brecht-Zitat verwendet: »Wenn aus Unrecht Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht«. Wir
sind der festen Überzeugung, dass weitere Abgrabungen bzw. Ausweitungen bestehender
Auskiesungen massives Unrecht sind – gegenüber den heute lebenden Menschen, gegenüber künftigen Generationen, gegenüber unseren Mitgeschöpfen, den Tieren und Pflanzen,
die ebenso wie wir unsere Heimat verlieren. Daran hängen Existenzen!
Vom Interregionalen Bürgerforum in Isselburg soll und wird ein Signal ausgehen, das auch
die Kiesindustrie nicht ignorieren kann. Sie wird nicht dauerhaft gegen den weiter anwachsenden Widerstand der Bevölkerung ihre Ziele durchsetzen können, da die Menschen immer besser informiert sind. Der vorliegende Symposiumsband soll und wird seinen Teil dazu beitragen. Auch die Politik – unabhängig davon, ob kommunal oder auf Kreis-, Bezirks-,
Landes- oder Bundesebene – kann die Signale, die wir aussenden, nicht ignorieren. Wir
sind allerdings jederzeit gesprächsbereit – auch das ist ein wichtiges Signal, das wir schicken möchten. Von der Politik wünschen wir uns, dass sie die durch die Gesetzgebung und
Landschafts- und Regionalplanung bestehenden Instrumente der Regulierung und Steuerung auch nutzen wird. Wir erwarten von der Politik, dass sie im Interesse der heute lebenden Bevölkerung und künftiger Generationen Entscheidungen trifft, die eine umfassende
Nachhaltigkeit erkennen lassen und die nicht aus einem Lobbyismus heraus eine Tendenz
zugunsten einiger weniger Nutznießer offenbaren.
Abschließend danken wir allen Mitstreiterinnen und Mitstreitern in den Bürgerinitiativen
für ihr großes Engagement in den vergangenen Monaten und Jahren. Wir danken ebenso
unseren teils weit angereisten Gästen und Referenten, die zum Gelingen der Veranstaltung
beigetragen haben. Dem Verlag Westarp Wissenschaften gilt unser Dank dafür, dass er unseren Symposiumsband recht kurzfristig in sein Verlagsprogramm aufgenommen hat.
Dinxperwick und Isselburg, im März 2013
Werner Brand und Michael Kempkes als Herausgeber
6
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
5
1
Kiesabbau am Niederrhein – wie eine Kulturlandschaft zerstört wird
8
2
Das Reeser Meer – Wie uns das Blaue vom Himmel versprochen
wurde und was daraus wurde
11
3
Hochwertiges Recycling von Beton und Rückgewinnung von Kies
und Zement
17
4
Kies für den regionalen Bedarf – Fakten und Mutmaßungen über
den tatsächlichen Verbleib des wertvollen Rohstoffs
22
5
Die Frage nach der Generationengerechtigkeit. Was überlassen wir
unseren Kindern und Kindeskindern?
34
6
Die ökologischen Auswirkungen des industriellen Kiesabbaus
40
7
Wildtierbewegungen im Raum Suderwick, Bocholt-West
48
8
Kiesabbau und Landwirtschaft im Regierungsbezirk Düsseldorf
54
9
Hydrologische Folgen der geplanten Sand- und Kiesabgrabung
im Grenzgebiet von Dinxperlo und Suderwick
58
10
Verkehrstechnische und städtebauliche Folgen des Kiesabbaus
62
11
Warum Widerstand? – Die Rolle der Bürgerinitiativen in der
Auseinandersetzung um den Kiesabbau in unseren Regionen
72
Isselburger Signal
82
7
1
Kiesabbau am Niederrhein – Wie eine
Kulturlandschaft zerstört wird
Dr. Leo Rehm, Bürgerinitiative EDEN e.V. (Erhaltet den einzigartigen Niederrhein)
Bereits vor Jahrzehnten sind am Niederrhein schon viele Weichen gestellt worden für Entkiesungen. Aus früherer Sicht mag das vielleicht richtig gewesen sein. Seit einigen Jahren
aber stellen immer größere Teile der Bevölkerung die Frage, ob mit dem inzwischen erreichten Ausmaß der Abgrabungen nicht Grenzen des Zumutbaren und der Vernunft überschritten worden sind. Dazu hat bereits im Jahr 2008 die Bürgerinitiative EDEN e.V. aus Rees einen Kurzfilm produziert, in dem der schon damals immense Flächenverbrauch durch diese
Abgrabungen vor allem durch Luftaufnahmen besonders gut zu begreifen ist (zu sehen auf
der Homepage www.eden-niederrhein.de).
Auf dem Gebiet der Stadt Rees sind bis zum Jahr 2012 bereits über 20 % der Flächen schon
einmal ausgebaggert worden. Die Reeser Bevölkerung lebte seit Jahrzehnten mit diesen
Kiesbaggereien. Sie hatte sich daran gewöhnt, hatte das akzeptiert oder nahm es einfach nur
so hin, ohne sich großartig Gedanken darüber zu machen. Es war ja auch ein unmerklich
schleichender Prozess. Doch immer häufiger tauchte in der Vergangenheit die Frage auf, mit
welchem Recht unumkehrbar ganze Landstriche, die ja Heimat und Lebensgrundlage sind,
zerstört werden, und mit welchem Recht die dort vorhandenen Ackerböden von höchster
Bonität unwiederbringlich vernichtet werden. Der sorglose Umgang mit der Schöpfung
wurde ebenfalls von vielen Menschen immer mehr beklagt. Man stellte sich die Frage: Für
wen und wofür eigentlich? – und das ohne jegliche Not!
Dem in dem Film so beeindruckend zu sehenden Zustand dieser geschundenen Region ist
allerdings eine jahrelange Entwicklung vorausgegangen, die hier anhand einiger Beispiele
erklärt werden soll: Entkiesungsunternehmen geben Zuwendungen in Form von Material,
Gerät oder geldwertem Vorteil an Sport- und Heimatvereine, Schulen oder Kindergärten.
Biologische Stationen bekommen von Entkiesungsfirmen Gutachteraufträge bezahlt. Bauern bekommen nur jährlich kündbare Pachtverträge. Deichverbänden wird vermeintlicher
Hochwasserschutz angedient. Selbst Städte wie Wesel oder Rees bringen sich in die Abhängigkeit von diesen Firmen. Das alles zu dem Preis mit der oft erst unbemerkten Konsequenz,
dass bei weiteren Abgrabungsbegehren wohlwollendes Abstimmungsverhalten erwartet
oder sogar eingefordert wird. Das Ergebnis dieser für die Kiesindustrie so erfolgreichen
Strategie ist in dem Film eindrucksvoll und in bedrückender Weise zu begreifen.
Politiker stehen in großer Verantwortung und müssen für den Bürger häufig weit reichende,
schwierige Entscheidungen treffen. Gleichzeitig ist aber auch der normale Bürger mitverantwortlich für seine Zukunft. Dabei muss die Wirtschaft laufen, und es werden auch Rohstoffe
8
Kiesabbau am Niederrhein – Wie eine Kulturlandschaft zerstört wird
1
2
Abb. 1.1: Abgrabungen zwischen Wesel und Emmerich, Stand 2008.
Karte 1: vorhandene Abgrabungen 2008
Karte 2: zusätzlich genehmigte Abgrabungen 2008
Karte 3: darüber hinaus von der Kiesindustrie gewünschte Abgrabungsflächen 2008
Quelle: EDEN e.V./ 51. Änderung des Regionalplans, Übersichtsdarst. d. Interessens- u. Sondierungsgebiete, Stand 11. Jan. 2008; Bez.-Reg. Düsseldorf.
3
gebraucht. Wenn man aber abwägt, ist inzwischen am Niederrhein als Folge des ausufernden Raubbaus ein Ungleichgewicht zu Ungunsten der niederrheinischen Kulturlandschaft
entstanden, mit all seinen ökologischen und ökonomischen Parametern.
Der Niederrhein wird doch seit Jahrzehnten als unerschöpflicher Selbstbedienungsladen
von der Kiesindustrie ausgebeutet, wobei ca. 80 % des Fördergutes über die Grenze in die
Beneluxländer, von dort teilweise in Drittländer und sogar nach Übersee verschifft wird.
(Anmerkung der Herausgeber: Angeblich wird mit den Auskiesungen nur der regionale
Bedarf an diesen Rohstoffen abgedeckt.) Es wurde über Jahrzehnte nach diesem Schema
genehmigt und gebaggert, ohne irgendein nachhaltiges Konzept. Von der Kiesindustrie dafür vorgebrachte Argumente wie Steigerung des gesellschaftlichen Mehrwertes durch z. B.
ökologische Aufwertung, Hochwasserschutz oder Tourismusförderung sind immer nur geschickt konstruierte Luftschlösser gewesen, ohne Verbindlichkeit mit dem wahren Zweck,
Vehikel für weitere Abgrabungsgenehmigungen zu sein. War die Genehmigung dann einmal erteilt, zerplatzten die versprochenen Vorhaben wie Seifenblasen. Die herausragendsten Belege dafür sind neben etlichen anderen Beispielen der einst so sehr propagierte Feri9
Kiesabbau am Niederrhein – Wie eine Kulturlandschaft zerstört wird
enpark »Bad Himmelblau« in Rees (s. a. Kapitel 2) oder der große Seenverbund zwischen
Wesel und Rees. Übrig bleibt in der Regel im Gegensatz zu den versprochenen Vorteilen für
die Allgemeinheit nur der wirtschaftliche Vorteil für die privaten Unternehmen, und die Allgemeinheit bleibt für Generationen auf dem verbleibenden »Landschaftsabfall« mit seinen
negativen Hinterlassenschaften sitzen.
Statt ohne Konzept die wertvolle Ressource Kies und Sand auszubeuten, wäre es doch viel
nachhaltiger und vernünftiger, dauerhafte wirtschaftliche Entwicklungen zu bewahren und
zu fördern.
Nur einige Beispiele dafür sind der Erhalt von dauerhaften Arbeitsplätzen. Allein z. B. in
Rees sind es 24 Arbeitsplätze pro 100 ha in der Landwirtschaft und in vor- und nachgelagerten Bereichen (s. a. Kapitel 8). Dann müssen wir auf unser wichtigstes Nahrungsmittel
achten, das Grundwasser, welches wir bisher noch wie selbstverständlich als kostenlos aufbereitetes Filtrat aus den unterirdischen Kiesschichten schöpfen. Und schon heute gibt es
beim Recycling die technische Möglichkeit, Stoffe im großen Stil bis ins kleinste Ursprungsadditiv aufzuspalten, wie z. B. Beton bis zum wiederverwertbaren Zement (s. a. Kapitel 3).
Und dann haben wir ja bereits immer schon unsere in Tausenden von Jahren gewachsene
wunderbare Kulturlandschaft als ein von den Menschen überaus geschätztes Erholungsgebiet (s. a. Kapitel 7).
Wir haben doch schon alles. Wir brauchen keine Luftschlösser oder anmaßend in »gottgleicher« Art modellierte Retortenlandschaften mit dem einzigen Ziel, für Einzelne kurzfristige
wirtschaftliche Vorteile zu erreichen.
In einer gut funktionierenden Gesellschaft geht es in erster Linie um Rücksichtnahme,
Wahrhaftigkeit und Nachvollziehbarkeit von Argumenten. Dabei müssen wir uns alle als
Bindeglied zwischen den Generationen verstehen, wobei wir es selbst in der Hand haben,
durch Wort und Tat die Weichen für eine positive Zukunft zu stellen – zur Bewahrung und
Übergabe unserer Heimat als wertvollen Lebensraum an die nachfolgenden Generationen.
Kurzvita Leo Rehm
Dr. Leo Rehm, geb.1952 in Rees/Niederrhein, ländlich aufgewachsen auf einem Bauernhof;
nach Ausbildung zum Zahntechniker Studium der Zahnmedizin in Münster; Abschluss mit
Promotion; 1986 Gründung der eigenen Zahnarztpraxis; 1968 Jägerprüfung, seit 1996 Hegeringleiter des Hegeringes Emmerich/Rees; Mitglied des Jagdbeirates des Kreis Kleve; 2004
aktives Gründungsmitglied der Bürgerinitiative EDEN e.V. Rees.
10
Die Frage nach der Generationengerechtigkeit.
Abb. 5.1: Aus der Vogelperspektive lässt sich die Zerkraterung der Landschaft am Unteren Niederrhein
noch deutlicher erkennen. Die einst von Landwirtschaft geprägte Kulturlandschaft gleicht heute eher einem
Schweizer Käse durch die vielen Baggerlöcher. Es entsteht eine immer großflächigere Wasserwüste. Foto:
Michael Kempkes.
Abb. 5.2: Hier entsteht eine moderne Sortieranlage für Kies unterschiedlicher Körnungen und Sand. Dank
moderner Technik lassen sich die begehrten Rohstoffe immer schneller abbauen. Für künftige Generationen
bleibt dank unserer Gier nach schnellem Profit nichts mehr übrig. Es fehlen auch die filternden Bodenschichten, die bislang die hohe Qualität des Grund- und Trinkwassers sichern. Foto: Michael Kempkes.
36
Die Frage nach der Generationengerechtigkeit.
Abb 5.3: In der modernen Kiessortieranlage des Kieswerks Breels wachsen die Sand- und Kieshaufen. Damit
fehlen dem Boden wichtige Filtermedien, die das Regenwasser säubern und filtern, bevor es in tiefere Bodenschichten gelangt. Foto: Michael Kempkes.
Abb. 5.4: Die begehrten Rohstoffe werden in riesigen Mengen ausgebeutet und stehen künftigen Generationen nicht mehr zur Verfügung. Bereits gegenwärtig bereitet der Kiesabbau große Probleme, etwa durch die
zahlreichen LKW-Fahrten, da neben den Abtransporten auch Kiese und Sand aus dem Kieswerk Werth in der
Breels sortiert werden. Sollte auch das Kieswerk Suderwick in Betrieb gehen, so ist von mehreren hundert
LKW-Bewegungen pro Tag auszugehen. Foto: Michael Kempkes.
37
Isselburger Signal
Die Bevölkerung in den Regionen Niederrhein, Westmünsterland, Achterhoek und Osnabrücker Land lehnt eine Ausdehnung des Kiesabbaus in ihren Regionen ab. Dazu haben
sich mehrere Bürgerinitiativen interregional und grenzüberschreitend zusammengeschlossen, nachdem sie sich intensiv mit den Folgen des Kiesabbaus in ihren Regionen auseinandergesetzt haben.
Wir stellen fest, dass sich die Kiesindustrie den restriktiven Vorgaben in einzelnen Regionen, wie z.B. in den Niederlanden und im Regierungsbezirk Düsseldorf, durch Ausweichen
in Nachbarregionen entzieht und damit eine nachhaltige Rohstoffpolitik in den einzelnen
Teilräumen unmöglich macht.
Gegenüber dieser unverantwortlichen Politik der Kiesindustrie, die ihre Partialinteressen
gegen das Gemeinwohl stellt, fordern wir, dass in allen Regionen grenzüberschreitend eine
nachhaltige und zukunftsfähige Rohstoffpolitik durchgesetzt und durch entsprechende Planungs-, Umsetzungs- und Kontrollinstrumente abgesichert wird.
In Anlehnung an und in Ergänzung zum »Niederrhein-Appell« und ausgehend von den
während des »Interregionalen Bürgerforums zum Kiesabbau« vorgestellten Ergebnissen
unserer Auseinandersetzung mit den Folgen des ungebremsten Kiesabbaus in unseren Regionen, senden wir folgendes Signal an Verwaltungen und politisch-parlamentarische Institutionen als Vertreter von uns Bürgerinnen und Bürgern:
1.
Wir fordern die Verwaltungen und politischen Vertretungen auf, aus den Fehlentwicklungen der Raumplanung der letzten Jahrzehnte die Lehren zu ziehen und für ein
transparentes, am Gemeinwohl orientiertes Verfahren zu sorgen. Die gesellschaftlichen
Gründe, die für einen restriktiven Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen sprechen, müssen ernst genommen und zukünftige Raumplanungen zum Wohle der gegenwärtigen und zukünftigen Bewohner unserer Regionen vorgenommen werden.
2.
Bei Planungs- und Genehmigungsentscheidungen müssen in erster Linie der Schutz der
Bevölkerung, der Natur und der regionaltypischen Kulturlandschaft gewährleistet werden.
3.
a) Wir Bürgerinnen und Bürger möchten eine strategische Regional- und Landschaftsplanung, die sich an klaren Zielen orientiert und die betroffenen Menschen in allen
Stadien der Planerstellung und Plandurchführung beteiligt.
Dabei müssen bereits bei der Festlegung von möglichen Abgrabungsgebieten transparente Verfahren im Sinne der Ziele der Landesentwicklung angewandt werden und in
den entsprechenden Voruntersuchungen neutrale Gutachten zu Eignung und Umweltverträglichkeit möglicher Abgrabungen zur Geltung kommen.
b) Verwaltung und Politik müssen dabei in ihren Regionalplanungen berücksichtigen,
82
Isselburger Signal
dass der Kiesabbau zum großflächigen Verlust landwirtschaftlicher Flächen führt, die
für die Nahrungsmittelproduktion, für die Produktion von nachwachsenden Rohstoffen und für den Natur- und Artenschutz nicht mehr zur Verfügung stehen.
Ebenso sind Grund- und Trinkwasser als natürliche Ressourcen von regionaler und interregionaler Bedeutung vor möglichen Schäden zu schützen, die durch die Zerstörung
der Bodendeckschicht und den Verlust der Filterfunktion von Kies und Sand durch
Kiesabbau herbeigeführt werden.
4.
Wir fordern von den Verwaltungen und politischen Vertretungen vor allem auf Bezirksund Landesebene, dass sie die Spielräume zur Steuerung der Abgrabungsmengen und
damit -flächen restriktiv nutzen, indem sie im Interesse zukünftiger Generationen heute
sparsam mit den endlichen Ressourcen umgehen.
5.
Wir erwarten, dass Kiesindustrie und Verwaltungen die ökosystemisch und ökonomisch angemessenen Konzepte wie Nachhaltigkeit und Multifunktionalität von Landschaftsplanungen nicht als leere Vokabeln verwenden, sondern Planungen vorlegen,
die dem Geist von nachhaltigem, ressourcenschonendem Wirtschaften entsprechen.
6.
Wir sehen es als notwendig an, dass in die jeweiligen Planungen, die eine Abgrabung
von Kies und Sand vorsehen, zukünftig die unmittelbaren und mittelbaren Kosten eingerechnet werden (Opportunitätskosten), die eine Abgrabung für Mensch und Natur in
der jeweiligen Umgebung und im Naturhaushalt verursachen.
7.
Die Verwaltungen und politischen Vertretungen auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene müssen gemeinsam dafür sorgen, dass eine restriktive, nachhaltige Rohstoffpolitik
nicht durch ein Ausweichen in Nachbarräume umgangen wird, da dadurch die Ziele
der Landespolitik vereitelt werden.
8.
»Naturschutz ist Menschenschutz!« Nach diesem Motto verlangen wir, dass die Belange
von Natur und Mensch bei allen Planungs- und Entwicklungsprozessen gleichermaßen
zur Geltung kommen und für eine ökologische und ökonomische »Balance in der Fläche« gesorgt wird.
9.
Kiese und Sande sind Allgemeingut! Dementsprechend hat derjenige, der durch die
Förderung den wirtschaftlichen Vorteil hat, der Allgemeinheit eine festzulegende Entnahmevergütung zu geben. Diese ist zielorientiert für die Entwicklung und Schaffung
von Ersatz- oder Ausgleichswerten einzusetzen.
Wir versprechen sowohl der Kiesindustrie als auch den unterschiedlichen Verwaltungsebenen, dass wir kritische Begleiter der begonnenen Veränderungen bleiben und darauf achten
werden, dass die ökosystemischen Störungen, die die Vielzahl von Abgrabungen in unseren
Regionen bedeuten, wieder beseitigt und weitere Störungen auf ein für Gegenwart und Zukunft notwendiges und erträgliches Maß beschränkt werden.
Klaus Awater
EDEN e.V.
Werner Brand
BI Dinxperwick e.V.
Michael Kempkes
Isselburg21 e.V.
Dr. Leo Rehm
EDEN e.V.
21. März 2013
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