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EINBLICK Sonderheft „Was heißt schon normal?“ - AGAPLESION

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Sonderausgabe
Was heißt schon normal?
Betreuung und Pflege
chronisch psychisch kranker Menschen
Sonderheft EINBLICK | 1
Editorial | Intern
Liebe Leserinnen und Leser,
Kleinkinder werden trotz Auffälligkeiten in die normale Kitagruppe integriert und bekommen
dafür einen zusätzlichen Stützerzieher. Auch Grundschulkinder
mit besonderem Förderbedarf
besuchen heute Regelklassen.
Für diese Inklusion stehen den
unterrichtenden Lehrern Sozialarbeiter, Sonderpädagogen und/
oder Psychologen zur Seite.
Auch manche Erwachsene mit
chronisch psychischen Erkrankungen oder geistiger Behinderung benötigen Begleitung und
Anleitung, um sich gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen
Prozessen beteiligen zu können.
Das beginnt bei der eigenen
Körperpflege und regelmäßigen
Nahrungsaufnahme, geht über
die Haushaltsführung und Tagesstrukturierung bis hin zu Arbeit
und Freizeitgestaltung.
BETHANIEN RADELAND und
BETHANIEN HAVELSTRAND
bieten einen Lebensraum, in dem
psychisch Kranke im Rahmen der
vollstationären Pflege und Betreuung nach dem Normalitätsprinzip Unterstützung, Zuwendung und Anerkennung erfahren
und inbesondere jüngere Menschen eine Chance erhalten, den
Alltag wiederzuerlenen, um in
ein selbstbestimmtes Leben zurückkehren zu können.
Mit diesem Sonderheft bieten wir
einen EINBLICK in unsere Häuser
und unsere Arbeit. Damit können
wir nicht alle Fragen zum Thema
beantworten, aber vielleicht zu
einem besseren Verständnis beitragen, warum unsere Einrichtungen gebraucht werden.
Ich bedanke mich für Ihr Interesse
Ihr Alexander Dettmann
Geschäftsführer
2 | EINBLICK Sonderheft
Neue Freunde finden
Wieder teilnehmen am Leben, die
positiven Seiten des Alltags entdecken, sich trauen und anderen vertrauen – die AGAPLESION BETHANIEN DIAKONIE schafft in ihren
Häusern für chronisch psychisch
kranke Menschen die Voraussetzungen dafür, dass die Bewohnerinnen und Bewohner wieder ein
Selbstwertgefühl entwickeln können. EINBLICK sprach darüber mit
dem Geschäftsführer Alexander
Dettmann.
Was ist das Besondere an Haus
Radeland und Haus Havelstrand?
Dettmann: Wir sind stolz auf unser
breitgefächertes Therapieangebot,
das wir in dieser Vielfalt nur deshalb vorhalten können, weil wir
sowohl über die räumlichen Bedingungen dafür verfügen, als auch
personell so aufgestellt sind, dass
immer mehrere Angebote gleichzeitig stattfinden können.
Welche Angebote sind das?
Dettmann: Das reicht von hauswirtschaftlichen Tätigkeiten wie
Kochen und Backen über gemeinsame Frühstücksrunden, Kosmetikgruppen, eine Zeitungsredaktion,
Kreatives Gestalten, Gedächtnistraining, eine Kleiderbörse und die
Bücherkiste, Musik-, Kunst-, Gartenund Bewegungstherapie bis hin zur
tiergestützten Therapie und Arbeitstherapie, in denen Bewohner
Wäsche sortieren, handwerklich
tätig sind, Gartenarbeit verrichten,
Marmeladen selbst hergestellen
und seit Kurzem auch im eigenen
Hofladen verkaufen.
Sie erwähnten die idealen Räumlichkeiten in Haus Radeland.
Dettmann: Ganz richtig. Wir verfügen über gemütliche Gesellschaftsräume und Wohnküchen auf jeder
Wohnetage, einen Festsaal für
Alexander Dettmann, Geschäftsführer der
AGAPLESION BETHANIEN DIAKONIE
gemeinsame Feiern mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern, eine
Vielzahl an Therapieräumen, darunter ein Kunstatelier, ein Musikraum,
Werkstätten, eine Wellnessoase,
ein Fitnessraum sowie ein hotelähnlich gestaltetes Foyer mit offenem
Empfangsthresen. Unser Kleinod
aber ist der Park, in dem nicht nur
unsere beiden Alpakas einen großzügigen Auslauf haben, sondern
auch Spazierwege und zahlreiche
Ruhebänke dazu einladen, die
Natur zu erleben.
Über die definierte Nutzung hinaus
haben all diese Räume eine weitere
Funktion, welche?
Dettmann: Sie sind auch Orte der
Begegnung. Hier kommen unsere
Bewohnerinnen und Bewohner wie
selbstverständlich in Kontakt miteinander und erlernen wie beiläufig
wieder soziales Verhalten.
Wie würden Sie Ihr hauptsächliches Pflegeziel beschreiben?
Dettmann: Wir wollen, dass die
Menschen, die für kürzere oder längere Zeit bei uns wohnen, ihr Leben
möglichst eigenständig bewältigen.
Wir stärken sie durch unsere Pflege,
Betreuung, Begleitung und Therapieangebote, sodass sie Schritt für
Schritt an Selbstvertrauen gewinnen
und dadurch auch befähigt werden,
eigeninitiativ neue Freundschaften
zu schließen.
Hintergrund
Was heißt schon normal?
Psychische Erkrankungen sind immer häufiger
Aus einer Studie der Technischen
Universität Dresden aus dem Jahr
2005 geht hervor, dass wir in unserem Verständnis für psychische
Störungen umlernen müssen. Der
Leiter der Studie, Prof. Hans-Ulrich
Wittchen, hob in seinem Kommentar hervor, dass psychische Erkrankungen nicht selten sind, sondern
dass jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt im Laufe seines Lebens davon
betroffen sein kann.
„Psychische Störungen sind Erkrankungen unseres Gehirns und Nervensystems – dem komplexesten
Organ des Menschen! Warum sollte
ausgerechnet dieser Teil unseres
Körpers weniger häufig erkranken
als andere Organe unseres Körpers?“
Eine EU-Studie ermittelte, dass pro
Jahr 27 Prozent (83 Millionen) der
EU-Bürger eine Depression, bipolare Schizophrenie, Alkohol- oder
Drogenabhängigkeit, Sozialphobie,
Panikstörung, generalisierte Angst,
Zwangsstörungen, somatoforme
Störungen oder Demenz erleiden
und daran dauerhaft erkranken.
Aber nur etwa ein Viertel der Betroffenen wird auch angemessen
behandelt.
Ausmaß und Folgen sind höchst
variabel: Einige erkranken nur
episodisch kurzzeitig über Wochen
und Monate, andere längerfristiger.
Zirka 40 Prozent sind chronisch
über Jahre oder gar von der Jugend
bis an ihr Lebensende betroffen.
Mit geringen Unterschieden zwischen den EU-Ländern erhalten nur
26 Prozent aller Betroffenen mit
psychischen Störungen überhaupt
irgendeine und noch weniger eine
adäquate Behandlung. Oft vergehen viele Jahre, manchmal Jahrzehnte, bevor eine erste Behandlung eingeleitet wird. Ausnahmen
sind Psychosen, schwere Depressionen und komplexe komorbide
(Mehrfacherkrankungen) Muster.
Unbehandelt verlaufen viele psychische Störungen häufig chronisch
mit zunehmenden Komplikationen.
Die besorgniserregend niedrige
Behandlungsrate von psychischen
Störungen, die in keinem anderen
Bereich der Medizin in diesem Ausmaß bisher beobachtet wurde, ist
nicht allein mit der psychischen
Störungen immer noch anhaftenden
Stigmatisierung zu erklären.
Ein Schlüsselkriterium der Diagnostik aller psychischen Störungen ist,
dass sie mit Leiden des Betroffenen
und gravierenden Belastungen und
negativen Folgen im beruflichen,
familiären und sozialen Rahmen
einhergehen. Angesichts der Häufigkeit und Schwere psychischer
Störungen erscheint es nicht überraschend, dass die Studie aufzeigt,
dass von allen Arbeitsunfähigkeitstagen pro Jahr die Mehrzahl auf
psychische Störungen und nicht
etwa auf somatische Erkrankungen
zurückgeführt werden kann.
Sonderheft EINBLICK | 3
Wohnen & Pflegen
Heimat ist da, wo du angenommen wirst
gemeinsamen Aktivitäten treffen.
Das Wohnhaus stellt auf dem Weg
zurück in die Normalität einen
wichtigen Therapieschritt dar. Hier
wird vor allem die Rückkehr in das
selbstbestimmte Leben trainiert.
RADELAND
Wir kümmern uns um Menschen
mit chronisch psychischen, Suchtund gerontopsychischen Erkrankungen sowie um Menschen mit
Demenz oder geistiger Behinderung in allen Altersgruppen.
SO WOHNT MAN BEI UNS
Haus Radeland
Es gibt es 171 Pflegeplätze, die sich
auf vier Wohnetagen des Haupthauses sowie ein siebengeschossiges Wohnhaus verteilen. Dieses
verfügt über Einzelapartments mit
eigener Küche, Bad und Balkon
sowie zwei Wohngemeinschaften.
Darüber hinaus gibt es mehrere
Aufenthaltsräume, in denen sich die
Bewohnerinnen und Bewohner zu
RADELAND: Einzelzimmer im Haupthaus
4 | EINBLICK Sonderheft
SO LEBT MAN BEI UNS
Wir schaffen ein Zuhause, in dem
unsere Bewohnerinnen und Bewohner uneingeschränkte Annahme finden. Wir bieten die Art von Pflege
und Betreuung, die sie tatsächlich
brauchen, um ihren Alltag trotz
ihrer Erkrankung als sinnvoll und
lebenswert zu erfahren. Dazu stärken wir vorhandene Kompetenzen
und vermeiden Reizüberflutungen
und Überforderungen.
Haus Havelstrand
Die idyllisch gelegene Villa verfügt
über 44 Pflegeplätze. Die Zimmer
sind mit einem eigenen Duschbad/
WC ausgestattet oder haben eine
naheliegende Anbindung an ein
Bad mit Toilette. Von den gemeinschaftlich genutzten
Wir kümmern uns
Räumen blickt man
direkt auf die Havel.
Das therapeutische Team von
Die Betreuung
orientiert sich am
psychobiografischen
Pflegemodell nach
Haus Radeland besteht aus:
• Ergotherapeut/innen
Spezialisierte
Böhm. Wir fragen
•
Krankengymnast/innen
Wohngruppen
nach der Biografie
• Betreuungsassistent/innen
unserer Bewohner
Gartenstadt, Wasser• Gartentherapeut/innen
stadt, Siemensstadt,
und betrachten
• Musiktherapeut/innen
Haselhorst, Klosterderen Lebensge• Kunsttherapeut/innen
felde, ... Unsere
wohnheiten vor der
• Diplom-Sozialpädagoginnen
Bewohnerinnen und
Erkrankung. Ziel unBewohner leben in Radeland in
serer Pflege und Betreuung ist das
kleinen, nach Spandauer Stadtteilen Wohlbefinden unserer Bewohner
und Bewohnerinnen als Ausdruck
benannten Wohngruppen.
von Lebensqualität.
Die Gruppen sind nach ihren KrankWir begleiten und unterstützen sie
heitsbildern zusammengestellt:
zum Beispiel bei
• Menschen mit psychischen
• Handlungen des täglichen LeErkrankungen
bens wie Aufstehen, Waschen,
• Menschen mit dementiellen
Anziehen, Essen usw.,
Erkrankungen
• der Haushaltsführung,
• Menschen mit geistiger
• der Aufnahme sozialer Kontakte,
Behinderung
Eigenes Duschbad
Einzelapartment im Wohnhaus
Wohnen & Pflegen
• der Kommunikation mit Mitbewohnern und Betreuern,
• der Freizeitgestaltung und
• der Tagesstrukturierung.
MEDIZINISCHE VERSORGUNG
AGAPLESION BETHANIEN RADELAND und AGAPLESION BETHANIEN HAVELSTRAND nehmen am
„Berliner Projekt“ teil, das heißt,
wir bieten eine medizinische Versorgung durch festangestellte Ärzte,
die in Rufbereitschaft auch rund um
die Uhr erreichar sind. Wöchentliche Visiten ermöglichen, Veränderungen rechtzeitig wahrzunehmen,
einen langfristigen persönlichen
Kontakt zu den Bewohnerinnen
und Bewohnern aufzubauen und
mit den Pflegekräften zielorientiert
zusammenzuarbeiten.
UNSER PFLEGEZIEL
Ankommen
„Ich bin angekommen.“ Ist dies
nicht für uns alle eine der persönlichsten, Halt gebenden, ja wichtigsten Erfahrungen? Irgendwo ankommen bedeutet auch „Ich bin
angenommen worden“.
bedürfnis, das jeder Mensch hat.
Es bedeutet für die tägliche Arbeit,
die natürlichen und gesunden
Anteile des Erkrankten anzuerkennen, sie anzusprechen, manchmal
kreativ zu übersetzen und diese
durch den gemeinsamen Austausch
und Wertschätzung zu stärken.
Wir wollen, dass unsere Bewohnerinnen und Bewohner lernen, ihr
Leben wieder eigenständig zu bewältigen. Deshalb konzentrieren
wir uns darauf, vorhandene körperliche und geistige Fähigkeiten zu
erhalten, zu fördern und wiederzuerwecken. Wir bereiten sie so
auf die Wiedereingliederung in die
Gesellschaft vor. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernehmen
dabei die Rolle des Begleiters in
allen Lebensbereichen und bieten
praktische Hilfe nach dem Normalitätsprinzip an.
Wenn Interessierte nach unseren
Zielen für die Bewohner fragen, so
ist eine der grundlegenden Antworten: die persönliche Annahme eines
jeden, der zu uns findet, mit einer
oft langen Leidensgeschichte – Erfahrungen von Ausgrenzung, Verlust
von Halt gebenden Strukturen
– und vor allem auch mit seinem
Bedürfnis „anzukommen“.
Einen guten Lebensort für sich zu
finden, ob vorübergehend oder für
länger, bedeutet erst einmal, wahrgenommen zu werden – ein Grund-
Es bedeutet, durch die stützende
Zusammenarbeit im Team nicht die
Geduld zu verlieren, die gesunden
Lebensmotive der Bewohnerinnen
und Bewohner selektiv zu suchen
und in der Beziehung (wieder)
erfahrbar zu machen. So kann ein
Ankommen im Haus Radeland
dann vielleicht auch für die Bewohnerin oder den Bewohner ein
Ankommen in einem lebenswerten
neuen Zuhause bedeuten.
Daria Kaluza, Psychologin
Fernsehzimmer im Wohnhaus
Wohnetagenküche
HAVELSTRAND
Sonderheft EINBLICK | 5
Ergotherapie
IM PORTRAIT:
BRIGITTE SCHMIDT
Leiterin der Ergotherapie
BETHANIEN RADELAND
• Realschulabschluss in Wolfsburg
• Lehre als Arzthelferin
• 1968 – 1969 Au-pair bei einer
amerikanischen Familie in
einem Vorort von Washington
D. C. (18 Monate)
• 1969 Umzug nach Berlin
• Ausbildung zur Ergotherapeutin am Ev. Waldkrankenhaus
• Schwangerschaftsvertretung,
danach Leitungsposition für die
Ergotherapie an der FU-Klinik
in der Nussbaumallee
• Eröffnung eines Patientenclubs
für ehemalige Patienten
• Gründung einer gestaltungstherapeutischen Gruppe
• Geburt einer Tochter und ein
Jahr Elternzeit
• Aufbau der Ergotherapieabteilung und einer Gedächtnisgruppe in einem privaten
Seniorenheim im Grunewald
• seit 1993 Leitung Ergotherapie
in Haus Radeland
• berufsbegleitendes Weiterbildungsstudium „Psychosoziale
Therapie und Beratung“ an der
Alice Salomon Fachhochschule
• Ausbildung von Praktikanten
• Dozentin an der Wannsee-Akademie (für Gesundheitsberufe)
Erfüllung im Beruf
Während meiner Au-pair-Zeit in
den USA kam ich im Georgetown
Hospital in Washington erstmals
mit der „Occupational Therapy“
in Kontakt. Dieses Berufsfeld, in
dem man mit kreativen und lebenspraktischen Techniken Menschen
in schwierigen Situationen behandelt, überzeugte mich so, dass ich
nach Berlin zog und – finanziert
durch meine Ersparnisse aus den
USA – am Ev. Waldkrankenhaus
eine Ausbildung zur Ergotherapeutin begann. Zu dieser Zeit gab es in
Deutschland nur sechs Schulen für
„Beschäftigungs- und Arbeitstherapie“, drei davon in Berlin.
Psychologen einen Patientenklub
für entlassene Patienten und eine
Gestaltungstherapeutische Gruppe.
Da ich später in der Pädiatrie arbeiten wollte, schrieb ich meine Diplomarbeit über das Thema „Kindliche Entwicklung“ und verfasste
drei Kinderbücher zu dem Thema.
Nach dem Examen erhielt ich ein
Stellenangebot von der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität
Berlin in der Nussbaumallee in
Westend, zunächst als Schwangerschaftsvertretung, danach für einen
Leitungsposten in der Ergotherapie.
1993 übernahm ich die Leitung der
Ergotherapie/Therapieabteilung
in der Radelandstraße, erst unter
dem ASB, heute in Trägerschaft
der AGAPLESION BETHANIEN
DIAKONIE. Daneben absolvierte
ich berufsbegleitend ein Weiterbildungsstudium „Psychosoziale
Therapie und Beratung“ an der
Alice Salomon Fachhochschule,
bildete Praktikanten aus, gab Unterricht zur Gerontopsychiatrie an der
Wannsee Schule e. V. und nahm
mit der Akademie das Staatsexamen
für Ergotherapeuten ab.
In dieser Zeit hielten die ersten
Ansätze der Sozialpsychiatrie und
Familientherapie als Behandlungsmethoden Einzug in die Klinik. Da
in der Ergotherapieausbildung alle
Fachgebiete nur angerissen worden
waren, absolvierte ich viele Fortbildungen in Gesprächsführung,
themenzentrierter Interaktion, Gestalttherapie usw. Gemeinsam mit
Kollegen verfassten wir ein Buch
über die Wirkung und Anforderungen bestimmter handwerklicher
Materialien und Techniken – das
erste in seiner Art und eine ziemliche Fleißarbeit!
Unter dem Eindruck der Sozialpsychiatrie eröffnete ich mit einem
6 | EINBLICK Sonderheft
Nach der Geburt meiner Tochter
und einer einjährigen Berufspause
wechselte ich in ein privates Seniorenheim im Grunewald. Hier baute
ich die Ergotherapieabteilung und
das Kulturprogramm auf. Einige
meiner Patienten nahmen an einem
Forschungsprojekt des Max-PlanckInstituts für Bildungsforschung zum
Thema „Lernen im Alter“ teil. Das
war so spannend, dass ich eine Gedächtnisgruppe aufbaute und einige
Jahre durchführte.
Auch nach über 40 Berufsjahren ist
die Arbeit mit unseren Bewohnerinnen und Bewohnern spannend
und jeden Tag eine neue Herausforderung, die eine dauernde Weiterentwicklung notwendig macht.
Das wünsche ich mir auch für die
Zukunft von Haus Radeland: dass
die AGAPLESION BETHANIEN
DIAKONIE nicht aufhört, sich für
diese Einrichtung und die Belange
der psychisch Erkrankten zu engagieren, weiter Visionen entwickelt
und zum Wohl der uns anvertrauten Menschen umsetzt.
Brigitte Schmidt
Anleiten & Begleiten
Balkonkästen bepflanzen
Spendensammlung für Tsunami-Opfer
Bei Hertha im Olympiastadion
Ganz nah dran
Bewohner in Einzel-, Gruppen- und
Arbeitstherapien an, während die
Pädagoginnen sie im Alltag begleiten. Dies reicht von der Anleitung
zur selbstständigen Körperpflege bis
zur Erledigung von Behördengängen. Damit sind die Pädagoginnen
den Bewohnerinnen und Bewohnern sehr nah und übernehmen
dadurch auch eine Vermittlerrolle,
nicht nur, wenn es darum geht,
eigene Wünsche zu artikulieren.
Die pädagogische Arbeit zielt auch
auf die Teilhabe am Gesellschaftsleben. Dazu gehören Ausflüge, Reisen, Café- und Restaurantbesuche,
Hausfeste wie Faschingsfeiern,
Sommerfeste usw., zu denen auch
Angehörige und Besucher herzlich
willkommen sind, sowie Basare zu
Ostern, im Herbst und Advent und
seit Neuestem auch Discoabende.
Seit 2012 arbeiten im Therapeutenteam von Haus Radeland zwei
Diplom-Sozialpädagoginnen. Was
unterscheidet diese von den Ergo-,
Musik-, Garten-, Bewegungs- und
Kunsttherapeuten? Warum sind
die Pädagoginnen für die Arbeit in
unserem Haus wichtig?
Obwohl ihre Tätigkeiten eine große
Schnittmenge aufweisen, sind ihre
Aufgaben sehr verschieden. Therapeuten leiten Bewohnerinnen und
Ein Beispiel für gemeinsame Projekte der Therapeuten und Pädagoginnen ist die Begrünung der
Balkone und die Pflege der Pflanzen im Wohnhaus, bei der die
Bewohner von den Pädagoginnen
begleitet und von der Gartentherapeutin angeleitet werden.
Brigitte Schmidt
Eigenes schaffen und gegenseitig loben
Das Kreativangebot im Haus Havelstrand ist vielseitig. So gestalten die
Bewohnerinnen und Bewohner nicht
nur die Hausdekorationen passend
zur jeweiligen Jahreszeit, sondern
auch den Raumschmuck zur Ausgestaltung unserer Feste und erfreuen
damit sich selbst und die Angehörigen, denen sie ihre Werke stolz präsentieren. Oftmals wird das Selbstgefertigte später mit in die eigenen
Zimmer genommen und dort noch
einmal den Mitbewohnerinnen und
Mitbewohnern gezeigt. Das steigert
erneut das Selbstwertgefühl.
Das Malangebot erfreut sich ebenfalls großer Beliebtheit. Es fördert
die Kreativität und bietet eine sinnvolle Tagesbeschäftigung. Wir arbeiten dabei biografiebezogen und
ermöglichen unseren Bewohnern
und Bewohnerinnen, sich ihrer persönlichen Geschichte entsprechend
bildlich auszudrücken. Bei allen gestalterischen Arbeiten steht jedoch
das Gruppengefühl im Vordergrund.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterstützen sich untereinander in ihren kreativen Prozessen
und sprechen sich auch gegenseitig
Lob zu.
Martina Glauke
Sonderheft EINBLICK | 7
Reiseberichte
Cattlemans Ranch
Wir erreichen Wiesendorf über eine
Waldstraße. Bernd Stamm erwartet
uns schon. Der Pferdewirt und gebürtige Frankfurter zeigt uns einen
Teil seiner 50 Hektar großen Ranch,
auf der er Angus-Rinder und Pferde
züchtet. Bei der Besichtigung der
Ställe trauen sich einige Ausflügler
gleich in die Nähe der Pferde,
andere halten sich erst einmal im
Hintergrund. Das ändert sich nach
immer mochte, aber an Pferde nicht
rangeht“. Daraufhin fordert der
Rancher sie auf, mit ihm gemeinsam Hafer zu holen. Zögernd gibt
sie dem Pferd das Futter. Dann
berührt sie zaghaft den Hals und
die Mähne, legt die Hand auf und
setzte sie wieder ab.
dem zünftigen Mittagessen und
einer kurzen Erholungspause.
Bernd Stamm bittet zwei Ausflügler,
ihm zu helfen, die Tränke zu befüllen und ein Pferd zu putzen. Die
beiden Männer gehen vorsichtig auf
das Tier zu und striegeln es schließlich unter Anleitung.
Eine Mitfahrerin, die den Vorgang
beobachtet, erzählt, dass sie „Tiere
Nachdem das Pferd geputzt ist, soll
es in den Stall zurückgeführt werden. Mit dieser Aufgabe wird ein
weiterer Mitfahrer betraut, der bis
dahin die Sonne genossen und dem
Treiben aus der Ferne zugeschaut
hat. Er nähert sich dem Pferd recht
lustlos, doch als er die Zügel in der
Hand hält, wirkt er sehr zufrieden
und wendet sich dem Tier zu.
Die Rückfahrt erfolgt wieder über
die herrliche Waldstrecke mit einem
Abstecher zum Gräbendorfer See.
Stefan Berg
„Wenn ich die See seh, ...“ – Ausflug nach Warnemünde
Wir fahren mit einer kleinen Bewohnergruppe für ein paar Stunden
an die Ostsee nach Warnemünde.
Schon die Fahrt dorthin tut gut:
hinaus in die Welt durchs schöne
Land Brandenburg und hügelige
Mecklenburg-Vorpommern, vorbei
an großen Spargelfeldern, weiten
Wäldern, riesigen Windparks und
dem Müritz-Nationalpark. Wir
sehen Bauern, die ihre Felder bestellen, überholen viele Laster und
sehen Kraniche fliegen. Spätestens
jetzt kommt ein bisschen Urlaubsstimmung auf. Gleich hinter Berlin
reißt die Wolkendecke auf und
die Sonne strahlt vom knallblauen
Himmel. Wenn Engel reisen!
Herr Bauer* hat einige CDs mit
toller Musik für die Fahrt dabei.
Herr Schornstein steuert behutsam
den Bus, dass man sich fühlt wie in
„Abrahams Schoß“. Den ersten Halt
– Raucher- und Kekspause muss
8 | EINBLICK Sonderheft
schon sein – machen wir an der
Raststätte Walsleben-Ost, den zweiten kurz vor Rostock. In Warnemünde parken wir unser Auto direkt
hinter dem berühmten Hotel Neptun, durchqueren einen kleinen
Park mit einem Gedenkfriedhof
für Kapitäne zur See und schon
empfangen uns die Düfte von Tang
und Salzwasser und die weitläufige
Strandpromenade.
Einige suchen nach Steinen und
Muscheln, andere legen sich auf
die mitgebrachten Decken, sonnen
sich, lauschen dem Rauschen des
Meeres und beobachten die einund auslaufenden Schiffe: riesige
Fähren von und nach Skandinavien
und große Containerschiffe. Wir
lassen unsere Gedanken treiben
wie die Möwen, die von den Wellen getragen werden, trällern alle
„Ein Schiff wird kommen...“ vor uns
hin und genießen die Zeit. Es ist
Spaziergang am Ostseestrand
April. Einige wenige Mutige baden
schon in der eiskalten, klaren Ostsee.
Wir beschließen diesen schönen
Tag bei Kaffee und Kuchen auf der
Sommerterrasse des „Neptun’s“.
Gegen 15 Uhr geht es dann wieder
zurück nach Berlin.
Angela Hellmann
Beauty & Wellness
„Spieglein, Spieglein an der Wand“
Wellnessoase
die Sinne und steigern das Bewusstsein für die persönliche Hygiene.
Darüber hinaus hilft die Kosmetikgruppe zu erkennen, wann man
Körperkontakt zulässt und wann
Distanz benötigt wird: Darf mir die
Therapeutin die Nägel lackieren?
Schminke ich mich selbst oder lasse
ich mich schminken?
Als wir die Kosmetikgruppe in Radeland einführten, fand sie einmal in
der Woche für zweieinhalb Stunden
statt. Im Laufe der Zeit wurde sie
immer stärker angenommen, sodass
ein Beautytag für Frauen und Männer entstand.
Wir stellen ein vielfältiges Angebot
an Kosmetikprodukten bereit, das
zum Ausprobieren verführt. Damit
werden die Eigeninitiative und Entscheidungsfähigkeit verbessert. Aber
Peelings, Cremes, Parfums und
andere Kosmetika stimulieren auch
Von der Gruppe profitieren insbesondere auch Bewohnerinnen und
Bewohner mit schweren körperlichen Behinderungen, da hier das
sinnliche Erleben und die Kommunikation im Vordergrund stehen und
viele Einschränkungen nebensächlich werden. Die gemütliche Atmosphäre erleichtert es, selbstbestimmt
Kontakte zu anderen zu knüpfen,
sich gegenseitig zu beraten und Hilfestellung zu leisten. Das wiederum
stärkt die eigene Wahrnehmung,
wirkt Verwahrlosungstendenzen
entgegen, fördert die Entspannung,
steigert das Selbstwertgefühl und
beeinflusst das Sozialverhalten
positiv. Von diesen Runden profitieren aber auch die Therapeutinnen,
da über das Kosmetikthema oft
andere wichtige Themenbereiche
von allein angesprochen werden,
wodurch ein vertrauensvolles therapeutisches Verhältnis entstehen
kann.
Rebecca Schwerdtfeger,
Angela Hellmann
Unsere Bewohner haben wie alle
anderen Menschen ein Bedürfnis
nach Entspannung und Wohlgefühl.
Für den „Urlaub vom Alltag“ haben
wir in BETHANIEN RADELAND eine
Wellnessoase mit Pool eingerichtet.
Der Wellnessbereich kann von Personen genutzt werden, die körperlich gesund sind, aber wegen ihrer
geistigen oder seelischen Behinderung und ihres Sozialverhaltens in
öffentlichen Bädern wenig toleriert
werden. Außerdem dient der Bereich im Rahmen der Einzeltherapie
der Entspannung mit deeskalierender
Wirkung.
Ziel ist es, dass
unsere Bewohnerinnen und
Bewohner
später wieder problemlos ein öffentliches Schwimmbad besuchen
können und damit in ihrer Alltagsnormalität gestärkt werden.
Katrin Hartenstein
Schön aussehen und gut riechen: kein Problem bei dieser Auswahl an Kosmetika!
Sonderheft EINBLICK | 9
Kunsttherapie
Bilder der Gefühls- und Seelenwelt
Gruppentherapie einen hilfreichen
Rahmen, um wieder mit anderen
Menschen Kontakt aufzunehmen.
Bewohner, die die Zweierbeziehung
brauchen, um sich zu öffnen, betreut der Kunsttherapeut in Einzeltherapie. Gerade schwer psychisch
erkrankte Menschen, die die Dynamik einer Gruppe belastet, benötigen einen schützenden Rahmen,
um sich bildnerisch auszudrücken
und nonverbal kommunizieren zu
können.
Kunstatelier in BETHANIEN RADELAND
Kunsttherapie findet bei Menschen
mit unterschiedlichen Erkrankungen
und krisenhaften Entwicklungen in
allen Lebensphasen und psychosozialen Zusammenhängen sinnvollen Einsatz. Kunsttherapie fördert
die Fähigkeit des Menschen, seine
Umwelt unmittelbar über die Sinne
wahrzunehmen und zu begreifen.
Im gestalterischen Prozess können
Beeinträchtigungen der Krankheitsverarbeitung, der Selbst- und Fremdwahrnehmung, der Lebensfreude,
der Zusammenarbeit zwischen Klienten und Therapeuten überdacht
und positiv verändert werden.
Der Klient kann im therapeutischen
Gespräch mögliche Bedingungen
für die Entstehung von Störungen/
Erkrankungen erkennen und Bewältigungsstrategien entwickeln.
Verloren geglaubte Fähigkeiten und
Selbstheilungskräfte werden auf
diese Weise neu entwickelt und
gestärkt. Das Sprechen über das gestaltete Werk kann dem Bewohner
helfen, neue Perspektiven und Lösungsmöglichkeiten zu entdecken.
10 | EINBLICK Sonderheft
Das Kunstwerk wird zum Spiegel
der persönlichen Geschichte, des
momentanen Empfindens und der
aktuellen Handlungsweise.
Die Kunsttherapie in Haus Radeland findet täglich einzeln oder
in der Gruppe statt. Auf der Basis
einer vertrauensvollen Beziehung
werden innere Prozesse durch Materialien und Medien der Bildenden
Kunst sichtbar gemacht, Farb- und
Formqualitäten mit eigenem Erleben und persönlichen Lebensmotiven verbunden. Dabei werden Materialien wie flüssige (z. B. Aquarell,
Tempera) oder feste Farben (zum
Beispiel Pastellkreiden, Ölkreiden,
Farbstifte), Ton, Holz oder Stein
(z. B. Speckstein) verwendet.
Kreatives Gestalten in der Gruppe
ermöglicht und fördert gegenseitige
künstlerische Anregung und Hilfestellung, soziales Lernen und damit
eine Erweiterung der sozialen Kompetenz. Da chronische Erkrankungen oft mit einem sozialen Rückzug verbunden sind, bietet die
Die Bilder aus der Kunsttherapie
findet man an den Wänden des
ganzen Hauses. Sie bieten einen
minimalen Einblick in die Gefühlsund Seelenwelt der Bewohner. Der
alte Spruch „Wo man singt, da lass
dich ruhig nieder, böse Menschen
haben keine Lieder“ gilt auch für
die Maltherapie: Wo man Freude
am Bild hat, lässt es sich gut leben!
Sandra Müller, Valery Diel
„Sonst verlerne ich alles“
Udo Simon*: Seit ungefähr einem
Jahr nehme ich an der Kunsttherapie teil, einmal wöchentlich eine
gute Stunde. In diesen Stunden
widme ich mich der Schönschreibkunst (Kalligraphie) und schreibe
Sprüche und Gedichte in verschiedenen Schriften ab.
Kalligraphie eines Bewohners
Kunsttherapie
In meinem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst
in Leipzig habe ich mich intensiv
mit Schrift befasst. Mein Studium
dauerte fünf Jahre, danach war ich
noch drei Jahre Meisterschüler.
Meine Ausbildung endete 1981 mit
dem Diplom als Grafiker. Heute
werden allerdings die Schriften am
PC ausgeführt.
Durch eine persönliche schwere
Krise wurde ich krank und muss
seitdem Tabletten nehmen. Meine
Motorik ist durch die Krankheit
nicht mehr so locker. Mein Schreibfluss war früher auch viel flüssiger.
Diese Übungen in der Kunsttherapie sind für mich sehr wichtig, weil
ich sonst gar nicht mehr schreibe
und befürchte, alles zu verlernen,
denn die Fertigkeiten müssen frisch
gehalten werden. In den Übungsstunden bekomme ich die nötige
Motivation und das Material wird
mir gestellt. Manchmal schreibe
ich auch Schilder, die hier im Haus
gebraucht werden.
„Ich male, was mir in
den Kopf kommt“
Anni Meyer*: Jede Woche warte ich
darauf, dass Mittwoch wird, weil ich
da zur Kunsttherapie gehe. Bislang
hatte ich nur in der Schule gemalt
und dachte immer, ich könnte nicht
malen und ich hatte auch überhaupt
kein Interesse daran, bis der Kunsttherapeut mir Wachsbuntstifte in die
Hand gab, ich sie gegriffen hab und
es ging plötzlich! Vögel, Blumen
oder was immer mir in den Kopf
kommt, muss ich dann auch gleich
malen. Nicht mit Wasser und Farbe,
das ist mir fremd. Jetzt knie ich
mich richtig rein und es gefällt mir
sehr, was ich male, und ich bin
auch richtig stolz darauf. Einige
meiner Bilder sind gerahmt worden
und aufgehängt. Ich gehe sie mir
anschauen und freue mich darüber,
was ich schaffen kann!
Orientierung durch farbenfrohe Spraykunst
In Radeland erleichtert ein Farbenleitsystem, sich im Haus zurechtzufinden. Volker Kempf heißt der
Künstler, der den Gestaltungsauftrag umgesetzt hat. Mit Spraydosen
brachte er seine Kunstwerke auf
dünne Holztafeln auf und schuf damit sehr farbenfrohe, heitere Bilder.
Die Bewohnerinnen und Bewohner
konnten diese Technik in einem
Workshop selbst erproben. Herr
Kempf brachte Schablonen mit, die
bei den ersten Versuchen mit der
Spraytechnik geholfen haben. Nach
wenigen Stunden zeigte sich, dass
auch unter den Bewohnern etliche
Künstler sind, die ihre Bilder anschließend stolz präsentierten.
Zeichnung einer Bewohnerin, entstanden in der Kunsttherapie
Sonderheft EINBLICK | 11
Musiktherapie
„Wo man singt, da lass dich ruhig nieder...“
Für die therapeutische Arbeit ist der
Zugang zum Bewohner sehr wichtig. Dies gilt auch für die Musiktherapie. In Haus Radeland gehen die
beiden Musiktherapeuten Gisela
Reiber und Stefan Herold deshalb
mit den Bewohnern erst einmal ins
Gespräch. „Zuerst muss eine Beziehung aufgebaut werden, bevor
man ein therapeutisches Bündnis
eingeht“, sagt Reiber, die den Bewohnerinnen und Bewohnern dafür
entsprechende Zeit gibt. Jeder dürfe
in seinem Tempo ankommen.
Die Musiktherapie stellt einen eigenständigen Teil des therapeutischen
Angebots dar. Der
gezielte Einsatz
von Musik kann
Oft sind Lieb„Ein Freund ist jemand, der das Leid
bei psychischen
lingslieder der
deines Herzens kennt und es dir
vorsingt, wenn du es vergessen hast.
Erkrankungen
Schlüssel zum
Ein Musiktherapeut ist jemand, der
zu seelischer
Aufbau einer
Sie unterstützt, Ihr Lied selbst wiederund körperlicher
Beziehung. „Die
zufinden.“
Gisela Reiber, 2010
Stabilität führen.
Rhythmen der
Dies ist sowohl
biografischen
über das Musikhören als auch über
Musik haben sich in den Jahren verdas eigene Musizieren möglich.
ändert“, so Frau Reiber. „Vor einigen Jahren wurden noch Lieder der
Da Musik starke emotionale Reak20er und 30er Jahre gewünscht.“
tionen hervorrufen kann, war sie
Heute muss sie auch Lieder im
schon früh mit Heilung und WohlInternet suchen. Die Bewohner und
befinden verbunden. In der Antike
Krankheitsbilder haben sich ebenwurden Menschen gezielt mit Mufalls verändert. Viele sind bei der
sik in Trance versetzt, um die Götter Aufnahme jünger und verschloszu beschwören und Dämonen zu
sener. Zudem fehle die Bereitschaft,
vertreiben. Man ging davon aus,
im Bewohnerchor mitzusingen. Desdass durch Musik die geistige und
halb haben Stefan Herold und Gisela
seelische innere Harmonie wiederReiber ihre Angebote verändert.
hergestellt werden kann.
„Ein wichtiges Gruppenverfahren
in der modernen Musiktherapie ist
jedoch auch die Improvisation“,
erklärt Musiktherapeutin Gisela
Reiber. „Der Bewohner ist nicht immer zum fröhlichen Lied gestimmt
oder bereit, zur verabredeten Zeit
seinen Gefühlen freien Lauf zu
lassen, zum Beispiel in der Trommelgruppe.“ Frau Reiber erkennt
die Stimmung und geht darauf ein.
Manchmal wird dann nur geredet
oder ein Lied von der CD gehört.
12 | EINBLICK Sonderheft
Musiktherapeut Stefan Herold baut mit
Bewohnern eigene Instrumente.
Unter anderem werden nun auch
eigene Lieder mit entsprechender
Software zusammengestellt, sodass
die Bewohnerinnen und Bewohner
bei Feiern des Hauses schon ihren
eigenen Rap präsentiert haben.
Frau Reiber leitet zudem seit einigen
Jahren montags eine 75-minütige
offene Musikstunde. In diese Runde
kann jeder kommen und darf einfach wieder gehen, wie er Lust hat.
Man kann sich Lieder wünschen
und Orffsche Musikinstrumente wie
Glockenspiele, Klangstäbe aus Holz
und Metall, Pauken, Trommeln, Geräuschemacher, Lärm- und Effektinstrumente ausprobieren. „Dann
ist Stimmung im Haus – die Musik
schallt durch alle Stockwerke.“
Herr Herold baut mit einer kleinen
Männergruppe selbst Trommeln
und andere Instrumente. „Die sind
natürlich besonders wertvoll für
unsere Bewohner“, erklärt er und
es mache riesigen Spaß, die Instrumente dann zu spielen.
Dass beide Therapeuten auch die
Bewohnerfeiern mit ihrer Instrumentenkunst bereichern, versteht
sich von selbst. Man kann über die
Vielfalt nur staunen. Da erklingen
Klavier, Akkordeon, Flöte, Djembe,
Saxophon, Monochord und lassen
in die Welt der Musik eintauchen.
Sandra Müller
Beschäftigungstherapie
Wir stellen vor: „Sprachrohr“ IRRE erfolgreich
Die Zeitungsgruppe von Haus Radeland
Eines ist klar: Ohne Nervennahrung
wie Kekse, Schokolade, Selters usw.
geht bei uns gar nix! Manchmal
diskutieren wir Themen so intensiv,
dass wir vergessen mitzuschreiben,
und manchmal sind die Dinge von
so persönlicher Natur, dass wir sie
nicht aufschreiben wollen!
Toll ist es, hier eine Gruppe zu haben, in der wir frei und offen reden
können und jeder den Mitstreitern
vertraut.
Redaktionssitzung mit Ergotherapeutin Angela Hellmann
Im Sommer 2007 entstand die Idee,
mit Bewohnerinnen und Bewohnern
ein Instrument für den internen
Informationsfluss zu entwickeln.
Nach vielen Gesprächen auch mit
der Heimleitung und Kollegen wurde schließlich eine Zeitungsgruppe
ins Leben gerufen. Zwölf Bewohnerinnen und Bewohner wollten
etwas Neues ausprobieren. Das
Neue wurde „Sprachrohr“ genannt
und ist eine hausinterne Zeitung,
geschrieben von Bewohnern für
Bewohner.
Wir greifen Themen auf, die von
allgemeinem Interesse im Haus
Radeland sind, informieren über
geplante Veränderungen, erzählen
kleine Geschichten, schreiben
Gedichte, thematisieren Sorgen und
Nöte, stellen Fragen, stoßen Diskussionen an, berichten über Ärgerliches, Ernstes und Lustiges – kurz
gesagt: Wir schreiben über Dinge,
die uns bewegen. Wir denken uns
außerdem für jede Ausgabe ein
Schwerpunktthema aus (wie zum
Beispiel das Thema Depression)
und sind mit viel Spaß dabei.
Das „Sprachrohr“ erscheint dreimal
jährlich und ist zwischen 10 bis 20
Doppelseiten stark. Die Zeitung
wird in unserem Haus kopiert und
geheftet. Sie wird nicht verkauft,
sondern ausschließlich hausintern
verbreitet.
Was haben wir nicht alles erlebt in
den vergangenen sechs Jahren: den
Trägerwechsel, inhaltliche Neuerungen, viele bauliche Veränderungen, die Umbenennung der Wohnetagen, die Zusammensetzung der
Bewohner und zahlreiche personelle Veränderungen, die Umstellung von papier- auf PC-gestützte
Dokumentation und und und. All
das hat die Zeitungsgruppe mit
begleitet und kommentiert.
Wir haben uns entschieden weiterzumachen. Wir sind keine Hochleistungstruppe, arbeiten nicht im
Akkord und setzen uns nicht unter
Druck, aber wir haben immer noch
viele Dinge auf dem Herzen, die
wir weitergeben wollen. So treffen
wir uns jeden Freitag für eine
Stunde zur Redaktionssitzung und
schreiben alles mit großem Elan,
rauchenden Köpfen und viel Spaß
auf. Wir sind sehr stolz darauf,
schon sechs Jahre (!!!) zu bestehen.
Die Sprachrohr-Redaktionsgruppe,
unterstützt von Angela Hellmann
Unsere Gruppe hat sich ebenfalls
verändert: Wir sind kleiner geworden, haben zwischendurch leichte
Ermüdungserscheinungen gezeigt,
sodass wir überlegten, ob wir das
Projekt nicht einstellen sollen und
ob wir eigentlich noch ausreichend
Leser und ausreichend Redakteure
haben.
Sonderheft EINBLICK | 13
Tiergestützte Therapie
Ängste überwinden. Verantwortung übernehmen.
Das Alpaka ist eine aus den südamerikanischen Anden stammende,
domestizierte Kamelart, die vor
allem wegen ihrer Wolle gezüchtet
wurde. Aufgrund ihres Haus- und
Begleittiercharakters werden die
ruhigen und friedlichen Alpakas
in Deutschland gerne in der tiergestützten Therapie eingesetzt, seit
2010 auch in Haus Radeland. EINBLICK sprach darüber mit Ergothe-
rapeutin Linda Temizkan, die auch
ausgebildete Tiertherapeutin ist.
Warum arbeiten Sie mit Alpakas?
Alpakas wirken auf Menschen entspannend und ausgleichend. Sie
unterscheiden nicht zwischen behinderten und gesunden Menschen
und passen sich dem Menschen,
der Situation und der Stimmung
an. Alpakas haben einen vergleichbaren therapeutischen Wert wie
Delfine und können mehrere Stunden am Tag ohne Stress mit Menschen arbeiten. Dazu müssen sie
aber trainiert sein und eine Bezugsperson an ihrer Seite haben, die
ihnen Sicherheit gibt und sich
regelmäßig um sie kümmert.
Was gehört zu diesem Training?
Die Tiere werden schrittweise an
ein Halfter und an das Striegeln gewöhnt. Auch den Parcours müssen
sie erst kennenlernen, bevor die Bewohner mit ihnen unter Anleitung
arbeiten können. Da Alpakas Herdentiere sind, kann man nur mit
beiden gleichzeitig arbeiten.
Die Therapie mit Kleintieren fördert
neben den verschiedenen Sinnen
auch das Sozialverhalten. Im Vordergrund steht das Verantwortungsgefühl für ein anderes Lebewesen,
das jeden Tag zu versorgen ist und
um das man sich kümmern muss.
Im Haus Havelstrand sollen künftig
Kuschelhühner in der Kleintiertherapie eingesetzt werden. Das große
Gartengrundstück und die dörfliche
Atmosphäre in Konradshöhe bieten
sich dafür wie von selbst an. Der
Hühnerstall ist bereits gebaut. Die
Bewohnerinnen und Bewohner
werden die Tiere demnächst also
unter Anleitung füttern und das
14 | EINBLICK Sonderheft
Wie bereiten Sie Bewohner auf den
Kontakt mit den Alpakas vor?
Erst einmal informieren wir über
die Tiere. Zum Beispiel „schreit“
das Alpaka, wenn Gefahr durch einen Fuchs oder einen Hund droht,
und alle anderen Tiere stimmen
mit ein. Wir erklären auch, wie
man sich den Tieren nähert und sie
streicheln kann, ohne sie zu irritieren, und worauf man beim Putzen
achten muss.
Wie verläuft die Alpaka-Therapie?
Basis sind ein Vertrauen zwischen
Bewohner und Therapeut und ein
individueller Therapieplan, der mit
dem Bewohner besprochen wird.
Dann werden Mensch und Tier einander vorgestellt. Danach sind die
Therapieabläufe so unterschiedlich
wie die Diagnosen der einzelnen
Bewohner. Möglich ist das Tier zu
füttern, zu tränken, zu putzen, zu
pflegen oder den Stall auszumisten
und in Ordnung zu halten.
Gehege sauber halten. Dabei lernen
sie auch, sich gegenseitig zu helfen.
Das Sammeln der Eier dürfte dann
zu der Frage anregen, was man mit
ihnen machen soll. Antwort: zum
Beispiel einen Kuchen backen.
Martina Glauke
Wie lange dauert diese Therapie?
Pauschal kann man das nicht
beziffern. Da jeder Mensch individuell ist, kann die Therapie von
einem einmaligen Besuch bis zu
einer Langzeittherapie reichen. Die
Dauer wird anhand des Befundes
mit dem Arzt oder den Therapeuten
abgesprochen.
© Gerhard Seybert – Fotolia.com
Streicheln, füttern, sauber halten
Wo sind die Tiere untergebracht?
Sie leben in unserem Park, wo sie
auch einen Unterstand haben, in
den sie sich selbstständig zurückziehen können.
Was bewirkt die Therapie?
Der Umgang mit Alpakas fördert
die Kontaktaufnahme, hilft Ängste
zu überwinden, baut das Selbstwertgefühl auf und hilft Verantwortung aufzubauen.
Das Gespräch führte Sandra Müller.
Physiotherapie
Heilen und vorbeugen
Fragt man Cornelia Kromski, was
ihre tägliche Arbeit ausmacht, lächelt sie gewinnend. Seit 26 Jahren
organisiert die 60-jährige staatlich
geprüfte Physiotherapeutin im Haus
Radeland die Krankengymnastik
und führt auch selbst Behandlungen
durch.
Frau Kromski begann ihre berufliche Laufbahn im Lynar Krankenhaus (heute: Vivantes Klinikum) in
Spandau auf der Wachstation der
Chirurgie, war danach fast zehn
Jahre am Unfallambulatorium in
Kreuzberg tätig, bevor sie 1987 in
das ASB-Krankenheim für chronisch
psychisch Kranke in der Radelandstraße (seit 2009: AGAPLESION BETHANIEN RADELAND) wechselte,
deren Krankengymnastikabteilung
sie von 1995 bis 2000 leitete. 2001
machte sich Frau Kromski selbstständig, behandelt aber weiterhin
Bewohnerinnen und Bewohner im
Haus Radeland.
peutin auch bei den verschlossensten Bewohnern einen dauerhaften
Behandlungserfolg. Ebenso gelang
es ihr, dass Bewohner mit starker
Gangunsicherheit nach neurologischen Ausfällen, wie etwa einem
Schlaganfall, wieder selbstständig
gehen.
Regelmäßig besuchte Cornelia
Kromski Fortbildungen, zum Beispiel zum Umgang mit Depressionen und Burnout, und qualifizierte
sich in speziellen Knie- und Wirbelsäulentherapien, gerätegestützten
Therapien und Fixation weiter.
Ruhig, einfühlsam und humorvoll
führt sie ihre Behandlungen durch.
Mit Atmungs- und Entspannungstherapien in Anlehnung an die
Kinesiologie erzielt die Physiothera-
Ihre Art, in kleinen, wenig belastenden Behandlungsschritten nach und
nach Fortschritte zu erzielen, sind
ein wesentlicher Grund, warum Frau
Kromski einen guten persönlichen
Zugang zu den Bewohnerinnen und
Bewohnern hat. Durch ihre sensible
Kontaktaufnahme und zielgerichtete
Entspannungstechniken konnte die
Physiotherapeutin bereits schwere
Kontraktionen und Auffälligkeiten
wie Schreiattacken und aggressives
Verhalten dauerhaft reduzieren.
Jeder Bewohner kann nach Absprache mit dem Therapeutenteam, den
Pflegefachkräften und der Ärztin
eine krankengymnastische Behandlung in Anspruch nehmen. Bettlägerige Patienten besucht Frau Kromski
in deren privatem Pflegezimmer,
mobile Bewohnerinnen und Bewohner kommen zu ihr in den Behandlungsraum und absolvieren dort unter Anleitung der Krankengymnastin
ihre Übungen – bei akuten Zuständen nach Frakturen aller Art, bei
Parkinson oder Multiple Sklerose
zum Beispiel nach dem Bobathkonzept, bei Arthrose, Rheuma oder
Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zum
Rollstuhltraining, der Fußreflexzonenmassage oder für die CarnioSacrale Therapie.
Sandra Müller
Sonderheft EINBLICK | 15
Bewegungstherapie
Lebensfreude durch Sport und Bewegung
• Förderung der Fähigkeit zur sozialen Integration durch Anpassung
an Spielregeln
• Förderung der Fähigkeit zur
psychischen Selbststrukturierung
durch spielerische Interaktion
• Aufbau eines vitalen Körperbildes
Gesprächs- und Mitteilungsbedarf
wiederbelebt – die Begleitmusik der
bewegungstherapeutischen Arbeit.
Die Bewohnerinnen und Bewohner
öffnen sich allmählich, die Bewegungstherapeutin kann dadurch
eine therapeutische Beziehung
aufbauen.
WER DARF MITMACHEN?
Regelmäßige Bewegung und gesunde Ernährung sind wichtige Voraussetzungen für das körperliche
Wohlbefinden. Auch Menschen mit
psychischen Erkrankungen sollten
sich deshalb fit halten. Doch fehlt
ihnen oft der Antrieb zu sportlichen
Aktivitäten. Wie in allen anderen
Bereichen des täglichen Lebens
benötigen unsere Bewohnerinnen
und Bewohner daher professionelle
Anleitung, wenn es darum geht,
sich gezielt zu bewegen.
Die Angebote der Bewegungstherapie in BETHANIEN RADELAND
verfolgen mehrere Ziele:
• Förderung und Erhalt von körperlicher Mobilität und Fitness
• Stressabbau
• Gewinn an Lebensfreude
• Anbahnung einer aktiven Freizeitbeschäftigung
• Ausschöpfen biografischer Ressourcen und Kompetenzen
• Integration in gemeinschaftsfördernde Gruppenaktivitäten
16 | EINBLICK Sonderheft
Wir wenden uns vor allem an die
Bewohnerinnen und Bewohner des
Wohnhauses, die häufig zurückgezogen in ihren Apartments leben,
aber auch an die Menschen auf den
Wohnetagen des Haupthauses, insbesondere an diejenigen mit psychotischen Krankheitsbildern und
Demenz, die sich vom Gemeinschaftsleben zurückgezogen haben
oder es bedrohen. Hingegen darf
die Bewegungstherapie in akuten
Phasen psychotischer, depressiver
und manisch-depressiver Krankheitsbilder sowie bei akuter Suizidalität nicht angewendet werden
(Kontraindikationen).
Die Bewohnerinnen und Bewohner
leiden häufig unter starken muskulären Verspannungen, die durch die
Bewegungstherapie wieder gelöst
werden können.
MEDIEN, DIE WIR EINSETZEN
Schwimmen ist ein wirksames Entspannungsmedium. Durch die Bewegung des Wassers und im Wasser wird das ganze Körpersystem
(Haut, Muskeln, Gelenke, Drüsen)
sanft massiert. Gemeinsame Ballspiele bewirken spielerische Interaktionen.
IM SPANNUNGSFELD
VON ARBEITSTHERAPIE UND
PSYCHOTHERAPIE
Die Bewegungstherapie arbeitet
mit der Arbeitstherapie Hand in
Hand. Sie dient der Vorbereitung
einer arbeitstherapeutischen Maßnahme, indem sie mobilisiert und
die Anpassung an und Einhaltung
von Spielregeln trainiert. Umgekehrt kann die Bewegungstherapie
von der Arbeitstherapie das Entlohnungsmodell übernehmen, hier
dann in Naturalien wie Essen und
Trinken.
Die Bewegungstherapie arbeitet
auch mit der Psychotherapie Hand
in Hand. Denn körperliche Aktivitäten bringen die Seele in Bewegung. Dadurch wird oft auch der
Aqua-Fitness unterstützt die individuelle Motivierung der Bewohner
zu neuen spielerischen und freieren
Bewegungsformen bei reduzierter
Schwerkrafteinwirkung und ohne
Sturzgefahr. Dies reicht vom AquaTanz bis zum Aqua-Walken.
Tischtennis eignet sich ausgezeichnet zur Förderung der (Bewegungs-)
Spontanität. Diese Sportart arbeitet
an der Wurzel von Antriebsstörungen. Sie ermöglicht gleichfalls den
spielerischen Zugang zu dem vom
Bewegungstherapie
Bauchtanz verbindet Tanz und
Musik. Beide Elemente vermitteln
Lebensfreude. Dieses Bewegungsangebot erproben wir noch. Der
Bauchtanz ist insbesondere für
Menschen mit starken Mobilitätseinschränkungen geeignet. Kreisende Bewegungen werden hier
in kleinem Radius und an jedem
Gelenk entfaltet.
Bewohner internalisierten System
sozialer Spielregeln und trägt dazu
bei, diese zu verändern. Die internalisierten sozialen Regeln sind
häufig abweichend oder wahnhaft
verzerrt gegenüber den sozial
geltenden, mit denen sich manche
Bewohner überworfen haben. Spielen nach Regeln hilft, diese Kluft zu
überwinden und fördert damit die
Integrations- und Anpassungsfähigkeit.
Fitnessgeräte sind ein beliebtes Medium, um Kraft aufzubauen und das
Selbstbewusstsein zu stärken.
Walken beinhaltet einfache Bewegungsprinzipien und ermöglicht ein
hohes Maß an Lockerung der oft
extrem verspannten Schulter-Nacken-Muskulatur. Gleichzeitig wird
durch das Erleben der Natur während des Walkens Stress abgebaut.
Bewohnern oft als bedroht empfundene eigene Körperbild positiv
zu beeinflussen. Unkontrollierte
Bewegungen können in Bildern wie
„den Affen abwehren“ aufgefangen
werden.
Yoga mit seinen sanften Dehnungsübungen hilft die häufig extrem
verspannte Muskulatur zu lockern.
Seelische Kraft kann in symbolisch
bedeutsamen Positionen, wie zum
Beispiel „der Krieger“, aufgebaut
werden.
Qigong besteht aus langsamen und
fließenden Bewegungen. Qigong
arbeitet mit Vorstellungsbildern und
deren suggestiver Kraft, die eine
tiefenpsychologische (Neben-)Wirkung haben. Die Arbeit mit beruhigenden, schönen Bildern, wie „den
Mond schauen“, ermöglicht es,
das von den Bewohnerinnen und
Mit Qigong-Übungen wird die
Koordination geschult, die häufig
eingeschränkt ist, wenn das Körperbild als zerstückelt erlebt wird. Die
langsamen und fließenden Bewegungen im Qigong wirken effektiv
auf das vegetative Nervensystem
und damit an der Wurzel von körperlicher und seelischer Entspannung und seelischer und geistiger
Aufmerksamkeit. Die einfachen
Bewegungsmuster ohne Kraftaufwand und Bewegungsartistik stellen
im Hinblick auf die bei vielen
Bewohnern stark eingeschränkte
Bewegungsfähigkeit ein adäquates
Bewegungsangebot dar.
Inge Wittneben, Ergotherapeutin
und Qigong-Kursleiterin (DQGG)
Sonderheft EINBLICK | 17
Arbeitstherapie
„Wenn die blauen Veilchen wieder blühn...“
Die Gartenarbeit ist ein altes Mittel,
um kranken Menschen durch alltagspraktisches Tun ein Gefühl von
Selbstwirksamkeit und Ich-Wichtigkeit zurückzugeben, denn Mensch
und Natur stehen von Anfang an in
einem sehr engen Verhältnis zueinander.
Die Gartentherapeutin organisiert
nach Niepel/Pflister (Praxisbuch
Gartentherapie, 2010) pflanzenund gartenbezogene Aktivitäten
und (Natur-)Erlebnisse, um die
Sinne zu stimulieren, Erfahrungen
mit Pflanzen zu bieten, soziale
Kontakte und die Kommunikation
zu fördern, vorhandene Fähigkeiten
zu erhalten sowie eine Realitätsorientierung zu ermöglichen. Alle
gartentherapeutischen Aktivitäten
werden jahreszeiten- und themenbezogen geplant, zum Beispiel
Anzucht im Frühjahr, Gemüse im
Sommer, Früchte zu Erntedank,
Adventsgestecke im Winter.
Die Gartentherapie findet einmal
pro Woche auf jeder Wohnetage
als Einzel- oder Gruppenbetreuung
mit zwei bis fünf Bewohnern statt.
Sie kann ganzjährig im Innen- und
Außenbereich durchgeführt werden
(Bewohnerzimmer, Aufenthaltsraum, Balkon, Garten) und dauert
zwischen 30 bis 90 Minuten. Die
Tätigkeiten werden im Sitzen oder
Stehen verrichtet. Die Anforderungen lassen sich von sehr niedrig (im
Sinne von dabei sein, zuschauen),
über niedrig (z. B. 15 Minuten Blumen gießen) bis fachlich anspruchsvoll (z. B. Hecke schneiden) einstufen. Bei der Planung wird darauf
geachtet, dass es weder zu Überlastungen und Versagensgefühlen
kommt, noch zu Unterforderungen.
Gärtnerisches Handwerk
Bodenbearbeitung, Säen, Stecklinge
ziehen, Pflege von Zimmerpflanzen,
Anbau und Ernte von Obst, Gemüse
und Kräutern, Schneiden von Obststräuchern usw.
Herbstbasar: Stolz werden die selbstgefertigten Blumengestecke präsentiert.
18 | EINBLICK Sonderheft
Nach der Quittenernte
Holunderblüten portionieren
Selbstgemachte Marmeladen etikettieren
Die Gartenarbeit erfüllt körperliche,
psychische, emotionale und spirituelle Bedürfnisse.
Floristik
Blumensträuße binden, Pflanzenschalen dekorieren, Adventskränze
basteln, Kräutermandalas, Kunst im
Garten, Wohnetage dekorieren.
Kreatives Gestalten in jahreszeitlichen, traditionellen Bezügen hilft,
die persönliche, kulturelle Identität
auszudrücken. Durch die gemeinsame Ausgestaltung des Hauses entsteht ein Gefühl des „Daheimseins“.
Arbeitstherapie
Pflanzenverwendung
Teemischungen, Konfitüren, Öle,
Duftkissen u. a. m.
Obst, Gemüse und Kräuter bieten
von der Ernte über die Verarbeitung
bis zum Verzehr durch Geruch,
Geschmack, Haptik und Aussehen
zahlreiche sinnliche Stimulationen.
Unterschiedliche Essgewohnheiten
und kulturelle Vorlieben werden im
Gespräch aufgegriffen, das stärkt
das Selbstwertgefühl.
Sinnesstimulierende Aktivitäten
für Bettlägerige
Wir bringen Natur und Garten durch
natürliche, jahreszeitliche Elemente
an das Bett unserer Bewohner und
aktivieren damit seine Sinne: Hören,
Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten.
Diese Wahrnehmungen vermitteln
Ruhe, Geborgenheit und Sicherheit,
der Bettlägerige erfährt Zuwendung
und entspannt sich.
Aktivitäten im Freien
Bewohnern, die keinen Bedarf an
gartentherapeutischen Aktivitäten
haben und trotzdem die Vielfalt
der Natur erleben möchten, bieten
wir das Programm „Naturgestützte
Aktivitäten im Freien“ an: auf den
Balkon oder nach draußen vor die
Tür gehen, im Garten sitzen, im
Wald oder in der Gartenkolonie
spazierengehen, Ausflüge machen.
Duft, Farben und Formen der Pflanzen, Vogelgezwitscher, Luft, Licht,
Wetter und Temperatur beleben
alle Sinne. Die Natur bietet kalendarische Orientierung, Vertrautheit
und Normalität und ist deshalb ein
Ort für Sicherheit und Geborgenheit mit natürlicher Milieugestaltung.
Die alltagsnahen Situationen der
Gartentherapie führen dazu, dass
die Teilnehmenden die Aktivitäten
oft gar nicht als Therapie wahrnehmen, ähnlich wie das bei hauswirtschaftlichen Angeboten erlebt wird.
Kerstin Elschner
Das RadeLandlädchen
Das RadeLandlädchen schließt den
Garage zu holen, das GeöffnetKreis der Arbeitstherapieangebote
Schild und die Kaffeefahne sind aufund ist doch etwas Besonderes! Hier zustellen, die Kasse mit Wechselund auf dem Bauernmarkt in der
geld aufzufüllen und das Angebot
Spandauer Altstadt verkaufen wir
attraktiv zu arrangieren.
die Produkte, die unsere Gartengruppe sät, zieht und erntet und die Während der Öffnungszeit von 14
Einkochgruppe verarbeitet. Wir stel- bis 17 Uhr sind Kundenkontakte
len uns der Konkurzu bewältigen,
renz und machen auf Wir bieten
Auskünfte über die
uns aufmerksam. Da- • selbstgemachte MarmeProdukte zu geben
laden aus heimischen
rüber hinaus bieten
und die Kasse zu
Früchten,
z.
B.
Quitte,
wir Kommissionswabedienen. Nach
Erdbeer-Rhabarbar, sowie
re von „Platane 19“
Ladenschluss wird
exotische Kompositionen
aus Charlottenburg
dann abgerechnet,
wie Ingwer-Orange, Kiwiund „Lebensräume“
aufgeräumt, ausgeAprikose usw.
aus Neuruppin an,
fegt und schließlich
• Holunderblütensirup (nur
was die Vernetzung
noch die Alarmanim Juni/Juli), Himbeeressig
nach draußen ebenlage eingeschaltet.
• Hundekekse „ Leckerlis“
falls stärkt.
• Blumengestecke
Der Hofladen hat
• selbstgezogene Pflanzen
• duftende LavendelsäckDas Verkaufsteam
sich auch zu einem
chen
und
-kissen
hat seit Eröffnung des
beliebten Treff• selbstgemalte Bilder
Hofladens im März
punkt für andere
2013 ein hohes Maß • Modeschmuck
Bewohnerinnen und
an Verantwortungsbe- • Bücherkiste
Bewohner entwi• Snacks und Kaffee to go
wusstsein und Engackelt, die hier gerne
gement entwickelt.
einen besonderen
Öffnungszeiten
Montag, Mittwoch, Samstag
Kaffee trinken, ein
14:00
–
17:00
Uhr
Für die Verkäufer beBuch tauschen oder
deutet die Arbeit im
einfach nur zum
RadeLandlädchen ein Stück mehr
Plauschen vorbeischauen.
Normalität. Immer zwei Bewohner
sind – mit Unterstützung der TheraEinmal im Monat trifft sich das
peuten – für die Ladendienste am
Team des RadeLandlädchens, um
Montag, Mittwoch und Samstag
den Dienstplan festzulegen, Ideen
verantwortlich. Ab 13:30 Uhr
zur Weiterentwicklung des Ladens
bereiten sie zuerst alles für den
zu diskutieren und ein wenig den
Verkauf vor: Die Kaffeemaschine ist Erfolg zu feiern!
einzuschalten, das Mobiliar aus der
Brigitte Schmidt
Sonderheft EINBLICK | 19
Arbeitstherapie
Frisch und sauber in den richtigen Schrank
Zimmernummern. So können sie
die Wäsche den jeweiligen Fächern
teilweise aus dem Kopf zuordnen.
Für ihre Tätigkeit erhalten die
Mitglieder der Wäschegruppe eine
Motivationshilfe. Voraussetzungen
für die Teilnahme an dieser Maßnahme sind persönliche Hygiene,
Zuverlässigkeit und ein gewisses
Maß an Verantwortungsgefühl.
Die Wäschegruppe bietet Arbeitstherapieplätze im Dienstleistungsbereich. Eine kleine verbindliche
Gruppe von drei Bewohnern mit
unterschiedlichen Diagnosen sortiert unter Anleitung einer Ergotherapeutin dreimal in der Woche die
persönliche Kleidung der 171 Bewohner von Haus Radeland. Diese
kommt gewaschen, aber unsortiert
aus einer Großwäscherei und muss
für die Verteilung auf den Wohnetagen und richtige Zuordnung zu
seinem Besitzer vorbereitet werden.
geliefert werden kann. Die Absprachen sind klar und werden eingehalten. So verbessern sie auch ihre
Handlungsplanung, Zeiteinteilung,
Ausdauer, Pünktlichkeit, Konzentration, Kommunikation und Kooperationfähigkeit. Dabei entwickeln sie
erstaunliche Gedächtnisleistungen:
Sie merken sich nicht nur die Wohnbereiche, in denen die einzelnen
Bewohner leben, sondern auch die
Die Wäschegruppe ermöglicht
wichtige Erfahrungen, die jeder
andere Berufstätige auch macht.
Wenn zum Beispiel ein Gruppenmitglied ausfällt, müssen die anderen seine Arbeit mit übernehmen,
da unsere Bewohner sonst keine
sauberen Anziehsachen bekämen.
Das führt mitunter zu intensiven
gruppendynamischen Prozessen.
Die wiederkehrenden Arbeitsabläufe geben den Mitgliedern der
Wäschegruppe Sicherheit und
die verantwortungsvolle Tätigkeit
steigert ihr Selbstvertrauen und ihre
psychische Stabilität.
Angela Hellmann
Kleiderbörse
Der zeitliche Aufwand für diese
Arbeit orientiert sich an der Liefermenge. In der Regel wird dafür dreimal wöchentlich zirka eine Stunde
benötigt: Das Wäschedienstteam
hängt die Oberbekleidung nach
Wäschereibons auf die Kleiderständer, sortiert die übrige Wäsche in
Wagen, säubert Wäscheständer und
räumt die Wäschekammer anschließend wieder auf.
Die drei Bewohner teilen die Aufgaben selbstständig untereinander
auf, sind sich gegenseitig behilflich
und haben ein System entwickelt,
wie die fertig sortierte Wäsche am
schnellsten auf die Wohnetage
20 | EINBLICK Sonderheft
Ob Oster-, Herbst oder Adventsbasar – die Second-Hand-Kleiderbörse ist bei den
Bewohnerinnen und Bewohnern sehr beliebt und bietet ideale Möglichkeiten, sich
den eigenen Kleiderschrank regelmäßig für kleines Geld aufzufrischen oder aber
Kleidungsstücke, an denen man sich sattgesehen hat, auszusortieren.
Leben im Wohnhaus Spandau
Auf dem Weg zurück in die Selbstständigkeit
Im Wohnhaus von BETHANIEN
RADELAND betreuen und pflegen
wir 44 Menschen in unterschiedlichen Pflegestufen mit diversen
psychischen Krankheitsbildern,
darunter auch Doppeldiagnosen
(geistige Behinderung und chronisch psychische Erkrankungen).
Stellvertretung, Pflegekräfte, Ergotherapeuten, eine Sozialpädagogin,
Betreuungsassistenten, die Physiotherapeutin, eine Psychologin und
eine Ärztin, Pflegeschüler und Praktikanten. Sie alle bemühen sich um
das Wohl der Bewohnerinnen und
Bewohner.
Die Bewohnerinnen und Bewohner
finden im Wohnhaus oft für viele
Jahre ein neues Zuhause. Sie sind
unterschiedlichen Alters, verschiedener Herkunft und Familienstände.
Sie leben allein oder zu zweit im
eigenen Apartment mit Küche und
Duschbad oder zu dritt in einer der
beiden Wohngemeinschaften mit
eigenem Zimmer, einem großen
Wohnzimmer, Gemeinschaftsküche
und Badezimmer. Die Wohnräume
verteilen sich auf acht Etagen. Das
Haus verfügt über einen Fahrstuhl,
einen behindertengerechten Hauseingang und zwei Aufenthaltsräume
(in der 1. und 6. Etage).
LEBEN IM WOHNHAUS
Selber kochen und abschmecken
Gemeinsam den Tisch decken
In „familiärer“ Runde beim Essen
Hier treffen sich die Bewohnerinnen
und Bewohner viermal täglich zu
den gemeinsamen Mahlzeiten. Die
Gruppenräume ermöglichen ihnen
darüber hinaus individuelle Kontaktaufnahmen, gemütliches Beisammensein und gemeinsame Fernsehabende. Außerdem treffen sie hier
für ihre persönlichen Belange stets
Ansprechpartner, wie zum Beispiel
die Wohnetagenleitung und deren
Anleitung und Betreuung erfolgen
in enger Zusammenarbeit mit den
gesetzlichen Betreuern. In regelmäßigen Fallgesprächen mit den
Bewohnerinnen und Bewohnern
wird beraten und entschieden, was
aktuell für den Betroffenen wichtig
und sinnvoll ist. Ebenso werden die
individuellen Tagesabläufe gemeinsam entwickelt und in persönlichen
Wochenplänen festgehalten.
Die ganzheitliche pädagogische Betreuung umfasst neben Gruppenangeboten auch eine Einzelbetreuung.
In diesen „Zweierrunden“ lässt sich
ein intensives Vertrauen aufbauen,
das es leichter macht, Bedürfnisse
zu äußern oder Probleme anzusprechen und zu lösen. Die Pädagoginnen und Therapeuten entwickeln
darüber hinaus mit jedem Bewohner
einen individuellen Förderplan und
Im Wohnhaus steht der selbstbestimmte Alltag im Vordergrund.
Die Bewohnerinnen und Bewohner
werden in allen Bereichen des täglichen Lebens unterstützt, gefördert
und gefestigt: bei der Körperpflege,
der Zubereitung der Mahlzeiten,
der persönlichen Haushaltsführung,
dem Ordnunghalten, dem Saubermachen und der Ausgestaltung des
eigenen Zimmers und der Gemeinschaftsräume, beim Umgang mit
Geld, bedarfsgerechten Einkäufen,
aber auch bei Arztbesuchen und
Behördengängen.
Die Bewohner können folgendes
Beschäftigungsangebot wahrnehmen: wöchentliche Einkaufs- und
Kochgruppen; Gartengruppe (Pflege
der Topfblumen und Balkonkästen,
Gestaltung des Außenbereichs);
Arbeitsförderung (z. B. Mitarbeit
im RadeLandlädchen oder auch
Teilnahme an der Einkochgruppe);
Bewegungstherapie (Schwimmen,
Tischtennis usw.); Tiertherapie (Versorgung und Kontakt zu den Alpakas); Besuch des wöchentlichen
Gottesdienstes im Haupthaus.
Außerdem finden einmal monatlich
Ausflüge mit dem hauseigenen Bus
statt. Ziele waren zuletzt: Naturkundemuseum, Luftwaffenmuseum,
Tropical Island, Döberitzer Heide
und ein Markt in Polen.
Die Wohnzimmer und Gemeinschaftsräume werden entsprechend
den Jahreszeiten und christlichen
Feiertagen dekoriert.
Sonderheft EINBLICK | 21
Leben im Wohnhaus Spandau
Gemeinsame Mittagsmahlzeit im Tagesraum
definieren persönliche Ziele. Dies
ist für die Bewohner ein wichtiger
Schritt in Richtung Selbstständigkeit
– nicht nur hinsichtlich der Möglichkeit, in eine offenere, ambulante
Wohneinrichtung umzuziehen,
sondern auch in einer Förderwerkstatt zu arbeiten oder eine Praktikumseinrichtung zu besuchen.
Zurzeit werden auch neue Handlungskataloge entwickelt. Ziel ist
eine deeskalierende, auf das jeweilige Krankheitsbild abgestimmte
Vorgehensweise, um persönliche
Krisen eines Bewohners frühzeitig
zu erkennen, professionell darauf
reagieren zu können und adäquate
Hilfe anzubieten.
Das Beispiel einer 29-jährigen
Bewohnerin verdeutlicht, welche
persönlichen Entwicklungschancen
das Wohnhaus eröffnet:
Frau Weiß* lebt seit Oktober 2012
im Wohnhaus. Sie zog gemeinsam
mit ihrer Lebenspartnerin in eine
Zwei-Zimmer-Wohnung ein. Frau
Weiß war anfangs sehr schüchtern,
sprach wenig, zog sich häufig zurück und zeigte ein gestörtes Essverhalten. Durch den starken Einfluss
ihrer Freundin war ihr Leben fremdbestimmt. Es gelang, beide Frauen
Wieder den eigenen Haushalt führen
Wichtige Voraussetzungen für das selbstständige Leben außerhalb unserer stationären psychiatrischen Intensivpflegeeinrichtungen sind auch hauswirtschaftliche
Fertigkeiten, die im Rahmen der Beschäftigungstherapie trainiert werden.
22 | EINBLICK Sonderheft
für unser Therapieprogramm zu
gewinnen. Ein Wochenplan half,
sich schnell mit den Angeboten
und Terminen vertraut zu machen.
Regelmäßig nehmen Frau Weiß und
ihre Freundin jetzt mit großer Begeisterung an der Koch-, der Einkaufs- und der Schwimmgruppe
teil. Seit Eröffnung des RadeLandlädchens im März 2013 helfen
beide Frauen außerdem aktiv im
Verkauf mit. Des Weiteren besucht
Frau Weiß die Gartentherapie, zeigt
Freude und Interesse am Gestalten
von Tischgestecken und Blumenkästen. Durch eine engmaschige
Einzelbetreuung und kleinschrittige
Arbeitsanweisungen wird sie immer
sicherer in ihren Handlungen und
arbeitet zum Teil selbstständig auch
ohne ihre Freundin. Frau Weiß wird
regelmäßig zu den Mahlzeiten im
Gemeinschaftsraum eingeladen.
Zusätzlich erhält sie flüssige Zusatznahrung, sodass eine ausgewogene
Ernährung gewährleistet ist. Noch
immer fällt es Frau Weiß allerdings
schwer, über ihre Vergangenheit
oder ihre Bedürfnisse zu sprechen.
Kontaktgespräche werden in ihrem
Zimmer geführt. Langfristiges Ziel
ist es, Frau Weiß in ihrer Selbstständigkeit weiter zu stärken und das
Vertrauen weiter auszubauen.
Anna-Katharina Kluttig
Respectare
Die Kunst der respektvollen Berührung
Das Bedürfnis nach Geborgenheit
und Nähe ist uns Menschen in die
Wiege gelegt. Unsere erste Sinneserfahrung ist die Berührung im
Mutterleib. Hier erspüren wir mit
unserem gesamten Körper unsere
Umgebung und uns selbst. Berührung ist somit die erste Form der
Kommunikation und Kontaktaufnahme mit unserer Umwelt. Im
Laufe des Lebens lässt das Bedürfnis nach Berührungen nicht nach,
es ändern sich nur die Umstände.
Mit zunehmendem Alter schwinden
allerdings oft die Möglichkeiten der
Berührung – durch den Verlust des
Lebenspartners oder nachlassende
soziale Kontakte.
In der Pflege ist die Berührung von
Mensch zu Mensch ein wesentliches Medium zur Kontaktaufnahme.
Berührung greift in die Intimität der
Person ein. Pflegende sollten sich
deshalb bewusst sein, was es bedeutet, berührt zu werden und andere zu berühren. Sie müssen viel
über die Wirkung wissen. In Haus
Radeland arbeiten wir dabei nach
dem respectare®-Konzept.
Es dient der Kommunikation, wenn
Worte nicht mehr zum Menschen
durchdringen. Bei Menschen mit
dementiellen oder psychischen
Erkrankungen kann eine einfühlsam
und respektvoll gestaltete Begegnung Sicherheit und Geborgenheit
schaffen.
konzipiert. Der von Frau Berggötz
für ihr Konzept benutzte Begriff
„respectare“ ist ein Kunstwort, auch
wenn es lateinisch klingt. Auf die
Berührungskompetenz bezogen
lässt sich „respectare“ übersetzen
mit „Zeit für Nähe – Raum für
Distanz“. Doch vor allem bedeutet
„respectare“ Beziehungsarbeit.
Berühren nach respectare®
Die Berührung ist eingebunden in
ein festes Ritual. Dieses beginnt
mit der Erlaubnisfrage. Es folgen
Streichmassagen nach einem festgelegten Ablauf. Dabei bleiben die
berührenden Hände kontinuierlich
in Kontakt mit dem Körper. Am
Ende der Berührungen steht das
Bedanken. Warum bedanken wir
uns? Wir sehen es als ein großes
Geschenk an, dass ein Mensch uns
so viel Vertrauen entgegenbringt,
dass wir ihn berühren dürfen.
Bei den Streichberührungen der
Arme und Hände, Beine und Füße,
des Rückens und Kopfes fließen
Elemente aus der traditionellen indischen und schwedischen Massage sowie der Reflexiologie mit ein.
Was ist respectare®?
Respectare® ist ein Konzept zur Entwicklung der Berührungskompetenz
für das Begleiten und achtsame Berühren in Pflege und Therapie. Respectare® wurde 1999 von Annette
Berggötz, Lehrerin für Pflegeberufe,
Dozentin und Respectare-Trainierin,
Warum wenden wir
respectare® an?
Wir haben uns für dieses Konzept
entschieden, weil es Mitarbeiter in
ihrem wertschätzenden, respektvollen Kontakt mit Bewohnern,
Kollegen und Angehörigen stärkt.
Wie erwerben unsere Mitarbeiter
Berührungskompetenz?
Sie werden in einem zweitägigen
Basisseminar von ausgebildeten
Praxisbegleitern unseres Hauses geschult. Hier lernen sie unter Anleitung und durch Selbsterfahrung die
verschiedenen Streichberührungen.
Zusätzlich finden Kick off-Schulungen statt, um allen Mitarbeitenden
die Grundlagen des Konzepts vorzustellen.
2011 erhielten alle Führungskräfte
aus den Häusern AGAPLESION
BETHANIEN RADELAND und
AGAPLESION BETHANIEN HAVELSTRAND eine Schulung durch Frau
Berggötz, zwei Mitarbeitende wurden zu respectare®-Praxisbegleitern
ausgebildet. Sie schulen nun die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
im Haus und leiten sie anschließend in der Praxis an. Bei Interesse
und Fragen können sich alle Mitarbeitenden, Bewohnerinnen und
Bewohner sowie deren Angehörige
jederzeit gern an die Praxisbegleiter
wenden.
Katja Hamburger
Sonderheft EINBLICK | 23
Deeskalation
Konflikte und aufschaukelnde Prozesse verhindern
Deeskalation durch aggressionsfreie Sprache und Verhaltensweisen
Vermeidung negativ besetzter Begriffe
Die Krankenschwester Christiane
Temizkan ist im Haus Radeland
Wohnetagenleiterin der Bereiche
Gartenstadt und Wasserstadt für
Bewohner mit Demenz. Sie arbeitet seit 20 Jahren mit dementiell erkrankten Menschen. Deren herausforderndes Verhalten
brachte die Krankenschwester
trotz langjähriger Erfahrungen
immer wieder in Situationen,
die auch sie nur schwer händeln
konnte. Als ihr Hausleiter Heiko
Wiemer vorschlug, eine Deeskalationstrainerausbildung zu
absolvieren, nahm Christiane
Temizkan dieses Angebot gerne
wahr. Im Folgenden stellt sie die
Grundzüge des Deeskalationsprogramms vor.
ProDeMa® (Professionelles Deeskalationsmanagement) ist ein umfassendes und mehrfach evaluiertes
Präventionskonzept zum professionellen Umgang mit Gewalt und
Aggression. Es wurde von dem Psychologen und Psychotherapeuten
Ralf Wesuls entwickelt und umfasst
für alle Bereiche des Gesundheitsund Sozialwesens speziell auf die
jeweiligen Patienten/Betreuten
zugeschnittene Ausbildungs- und
Schulungsinhalte, um eine maximale Praxistauglichkeit zu erreichen. Das Deeskalationsprogramm
umfasst sieben Stufen:
Die Deeskalationsstufen I – III
beschäftigen sich mit den Gründen
des herausfordernden Verhaltens.
Diese können sein: Angst, Unsicherheit, Verlust der Autonomie usw.
Stufe IV widmet sich der Technik
der verbalen Deeskalation.
24 | EINBLICK Sonderheft
Stufe V beinhaltet Übungen der
Körperintervention zur Vermeidung
eines physischen Angriffs bzw. einer
bewohnerschonenden Befreiung der
Pflegefachkraft.
Stufe VI befasst sich mit patientenschonenden Begleit-, Halte-, Immobilisations- und Fixierungstechniken.
In vielen Situationen müssen
Patienten/Betreute bei Selbst- oder
Fremdgefährdung festgehalten oder
immobilisiert werden, um weder
sich noch andere Personen zu verletzen. Die Begleitung eines zum
Beispiel verwirrten oder alkoholisierten Bewohners erfordert große
Vorsicht. Unsere Begleit-, Halteund Immobilisationstechniken sind
flexibel hinsichtlich des jeweiligen
Bewohners und seines Verhaltens.
Stufe VII (Nachsorge): Aggressive
Vorfälle, herausfordernde Verhaltensweisen, stattgefundene Eskalationen oder notwendig gewordene
Immobilisationen und Fixierungen
werden mit dem Bewohner, einzelnen Mitarbeitern oder dem gesamten Team nachbesprochen mit dem
Ziel, zukünftige Vorfälle zu vermeiden.
Nach Erhalt des Trainerscheins
übertrage ich mein Wissen im Deeskalationmanagement an unsere
Mitarbeiter weiter. Das Erkennen
und Vermeiden von angespannten
Situationen wird in Gruppenarbeiten gelehrt. Die Erlernung der
Technik verbaler Deeskalation
nimmt den Hauptteil der zweitägigen Fortbildung in Anspruch.
Dabei erproben die Mitarbeiter
einfache Techniken, um körperliche
Angriffe zu vermeiden und diesen
zu entgehen.
Das Feedback der Mitarbeiter nach
der Fortbildung ist überwiegend
positiv. Sie sind erfreut, dass gerade
langjährige Kollegen schon unbewusst gewisse Techniken anwenden.
Durch die Theorie fühlen sich die
Teams gestärkt und
können die Techniken
der verbalen Deeskalation anwenden.
Die Befreiung aus einer
Umklammerung seitens des Bewohners ist
verblüffend einfach und
zeigt den Mitarbeitern
und Mitarbeiterinnen,
dass sie mit herausforderndem Verhalten
professionell umgehen
können. Mich persönlich begeistert dieses
Training insbesondere deshalb, weil
es nur in Zusammenarbeit mit den
Bewohnern gut funktioniert.
Die wichtigste Voraussetzung für
eine erfolgreiche Deeskalation ist
ein intensiver Beziehungsaufbau
zu den hilfebedürftigen, uns anvertrauten Menschen.
Christiane Temizkan
Biografiearbeit
Psychobiografisches
Pflegemodell
Das psychobiografische Pflegemodell von Erwin Böhm basiert auf
der Annahme, dass Körper, Seele,
Geist, soziales Umfeld und die persönliche Geschichte in einem permanenten Zusammenhang stehen.
Böhm stellte fest, dass Menschen
mit Demenz nicht mehr über die
„Welt der Dinge“, also den kognitiven Anteil der Psyche, erreicht
Erinnerungen an die Urgroßeltern
werden können, sondern der Zugang über die „Welt der Gefühle“
erfolgen muss. Er unterscheidet
sieben Interaktionsstufen, auf
denen sich der alte Mensch befinden kann: Sozialisation (regionale
Geschichtsprägung), Mutterwitz
(sprechen, wie einem der Schnabel
gewachsen ist), seelische soziale
Grundbedürfnisse, Prägungen (als
Kind erlernte Verhaltensnormen,
Eigenarten, Rituale), Triebe, Intuition (Märchen, Aberglaube), Urkommunikation (Ebene des Säuglings).
Für jede Stufe müssen eigene
Zugangswege zum alten Menschen
gefunden werden, wobei grundsätzlich gilt: „Vor den Beinen muss
die Seele bewegt werden.“
Böhms Pflegemodell hat gleichermaßen den Gepflegten und den
Pflegenden im Blick. Ziele sind die
Reaktivierung des Pflegebedürftigen,
eine Steigerung seines Selbstwertgefühls, eine Symptomlinderung
ohne Einsatz von Psychopharmaka,
eine Verbesserung der Pflegequalität durch „seelische Pflege“, die
Erhöhung der Arbeitszufriedenheit
und die Senkung der Krankenstände.
Von Böhm
stammt auch
der Begriff
des Normalitätsprinzips. Er geht
davon aus,
dass jeder
Mensch
– geprägt
durch seine
Sozialisation, Kultur und Erfahrungen – eine
persönliche Lebensform entwickelt,
aus der sich sein Bild von einem
normalen Verhalten und Handeln
ergibt: wie und was man isst; wie
man mit anderen in Beziehung tritt;
womit man sich beschäftigt; worin
man den Sinn des Lebens sieht;
wie man sich kleidet. Ein Mensch
mit Demenz greift auf Normen und
Handlungsweisen aus seinen früheren Lebenszeiten zurück. Deshalb
ist die Biografiearbeit von zentraler
Bedeutung.
Sonderheft EINBLICK | 25
Biografiearbeit
Milieugestaltung
Damit sich unsere Bewohnerinnen
und Bewohner daheim fühlen,
sind ihre Zimmer und die Gemeinschaftsräume so möbliert, wie die
Wohnräume ihrer Prägungszeit
eingerichtet waren.
Gewohnheiten
Von Herrn Mitzner* wissen wir aus
seiner Kindheit, dass er immer der
Erste in der Badewanne war, wenn
die Mutter Wasser eingelassen hat.
Baden ist
für ihn mit
wohltuenden
Erinnerungen
verbunden.
Wir ermöglichen ihm
Entspannung
in unserem
Pflegebad, um
seine permanente motorische Unruhe für einen
Augenblick zu unterbrechen. Es
sind oft gerade die kleinen Dinge,
die den Alltag unser Bewohner bestimmen und auflockern können.
Mutterwitz
Böhm nimmt an, dass der alte
Mensch in der von ihm definierten
Interaktionsstufe 2 (noch Erwachsenenalter) kognitiv nachlässt, aber
noch erreichbar ist und auch noch
auf Humor reagiert. Insbesondere
wenn sein „Mutterwitz“ ehedem
26 | EINBLICK Sonderheft
stark ausgeprägt war, kann dieser
ein sehr wichtiger Schlüssel sein,
um Zugang zu ihm zu bekommen.
Als die noch etwas müden Bewohnerinnen und Bewohner der Wohnetage Altstadt im Aufenthaltsraum
frühstückten und ich ihre Morgenmedikation vorbereitete, kam Frau
Husmann* zu mir. Sie wollte wie so
oft die Erste sein. Ich bat um etwas
Geduld. Sie ging zu ihrem Platz
zurück und ich wandte mich erneut
den Medikamenten zu. Ich nahm
den Medikamentenblister von Frau
Husmann, füllte ihn um, drehte
mich zu ihr und… weg war sie!
„Huch, ist Frau Husmann verpufft?“
entfuhr es mir. Herr Adam* lachte
laut los und klopfte auf den Tisch,
Frau Knorr* meinte lachend und mit
Tränen in den Augen: „Nein die ist
doch gerade rausgegangen.‘‘ Frau
Husmann kam lachend vom Flur
zurück: „Aber nein, ich bin doch
hier.“ Nun musste auch ich lachen.
Alle anderen wurden von unserer
Fröhlichkeit angesteckt. Der Tagesraum war plötzlich ganz erfüllt von
einer heiteren lauten Stimmung und
alle unterhielten sich angeregt. Das
lockte weitere Bewohner und meine Kollegin aus der Wohnküche an.
Wir erlebten einen heiteren Tag.
Ich-Wert
Böhm geht davon aus, dass ein
Mensch nur „lebbar“ ist, wenn
er mindestens einmal am Tag der
Wichtigste ist.
An einem sehr schönen Sommertag
beschlossen Herr Rosen* und ich,
WELTALZHEIMERTAG
In Deutschland sind rund 1,2
Millionen Menschen an Demenz
erkrankt. Es sind fast ausschließlich Menschen höheren Alters
betroffen. Seit 1994 finden jedes
Jahr am Welt-Alzheimertag (21.
September) vielfältige Aktivitäten statt, um die Öffentlichkeit
auf die Situation der Erkrankten
und ihrer Angehörigen aufmerksam zu machen.
unseren Kaffee im Freien zu trinken, und bereiteten vor dem Wohnhaus eine Tafel vor. Sie war gut
besucht, alle unterhielten sich und
genossen das herrliche Wetter. Da
kam Herr Graul*, eine ehemaliger
Schauspieler und extrovertierter
Mensch, hinzu. Alle rollten mit den
Augen. Wie erwartet, riss er gleich
das Gespräch an sich. Die ersten
Bewohner verließen genervt die
Runde. Ich reichte Herrn Graul eine
Tasse mit den Worten: „Romeo, oh
mein Romeo, hier ist ihr Kaffee!“
„Vielen Dank, ihr holde Maid.“ Er
verbeugte sich schmunzelnd und
bat mich, für einen Augenblick seine Assistentin zu sein. Er schlüpfte
in die Rolle des Romeo und spielte
mit mir die Balkonszene, begleitet
von einer gewissen Situationskomik,
da Julia überhaupt nicht textsicher
war und Romeo ihr die Einsätze ins
Ohr flüstern musste. Dann geschah
ein kleines Wunder: Die Kaffeetafel
füllte sich wieder. Mehr und mehr
Bewohner kamen dazu, um sich
das Spektakel anzusehen. Zum Abschluss verbeugten sich Herr Graul
und ich in alter Theatermanier. Es
gab klatschenden und lachenden
Beifall und Zugaberufe. Herr Graul
genoss diesen Moment. Wir blieben
in lockerer Atmosphäre zusammen
bis zum Abendbrot, das wir auf
Wunsch vieler Bewohner ebenfalls
im Vorgarten einnahmen.
Susanne Schneider
Berliner Projekt |Angehörige
Ärztliche Versorgung
Angehörige
AGAPLESION BETHANIEN RADELAND und AGAPLESION BETHANIEN HAVELSTRAND sind Mitglied
im „Berliner Projekt – Die Pflege
mit dem Plus“. Es bietet eine ganzheitliche Betreuung und intensive
Pflege von chronisch kranken, multimorbiden und psychisch kranken
Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen rund um die Uhr. Das
Projekt ist eine Besonderheit und
existiert seit 1998 nur in Berlin.
Auffällig ist, dass wahnhafte Störungen immer mehr zunehmen – und
dass diese auch immer mehr jüngere Menschen betreffen. Wenn man
Haus Radeland und Haus Havelstrand exakt benennen wollte, müsste man eigentlich von einer „Intensivstation der Psychiatrie sprechen“,
so der behandelnde Psychiater.
Der Kontakt und die Zusammenarbeit mit den Angehörigen unserer
Bewohner ist uns sehr wichtig, deshalb bieten wir verschiedene Veranstaltungen an, in denen wir informieren, Hilfeangebote unterbreiten
und Raum für den Gedanken- und
Erfahrungsaustausch untereinander
schaffen.
Durch die ärztliche Begleitung, eine
angemessene, gesunde Ernährung,
die viele Bewohnerinnen und Bewohner lange Zeit entbehrt haben,
aber auch durch eine behutsame
Einführung in die Therapie zuerst in
Einzel-, später in Gruppenaktivitäten
– wie gemeinsames Kochen, Malen,
Musizieren, Gärtnern, Bewegung
und Sport, Ausflüge und Reisen –
werden die Menschen, die in Haus
Radeland und Haus Havelstrand
leben, allmählich wieder in die
Lage versetzt, ihre Umwelt wahrzunehmen und einzuschätzen. „Sie
erlangen ein Sicherheitsgefühl, eine
Art Heimat“, sagt die zuständige
Hausärztin.
Sandra Müller
Angehörigen-Abende
je Wohnetage zweimal im Jahr
Die medizinische Versorgung in Radeland und Havelstrand wird von
zwei festangestellten Ärzten, einem
niedergelassenen Psychiater und
zwei Psychologinnen gewährleistet,
die außerhalb ihrer Präsenzzeit in
der Einrichtung über eine 24-Stunden-Rufbereitschaft erreichbar sind.
Das schafft Bedingungen, die weit
über dem allgemein üblichen medizinischen Betreuungsstandard in
Pflegeheimen liegen.
Die Bewohnerinnen und Bewohner
werden mit schwersten psychiatrischen Störungen aufgenommen.
SEELISCHE GESUNDHEIT
Fast jeder Dritte leidet einmal in
seinem Leben an einer behandlungsbedürftigen psychischen
Erkrankung. Experten nennen sie
seit langem Volkskrankheiten.
Erst in den letzten Jahren wurde
das Problem zunehmend in der
Gesellschaft diskutiert. Für mehr
Aufklärung über das Thema sorgt
auch der Internationale Tag der
seelischen Gesundheit, 1992 von
der World Federation for Mental
Health mit Unterstützung der
Weltgesundheitsorganisation ins
ins Leben gerufen. Er findet wieder am 10.10.2013 statt.
Vorträge
In der 2011 gegründeten Angehörigen-Akademie der AGAPLESION
BETHANIEN DIAKONIE berichten
erfahrene Experten aus der Praxis
für die Praxis unter anderem über:
• Humor in der Psychiatrie
• Psychisch krank? Symptome erkennen und damit umgehen
• Tiere als Therapie
• Depression – oder etwas depri?
• Depression oder Burn-out?
• Schritte aus der Depression
• Angststörungen – muss Angst
immer eine Erkrankung sein?
• Deeskalation im Pflegealltag mit
psychisch kranken Menschen
• Man kann nicht immer lächeln
• Aggression in der Pflege
• Hinlauftendenz – Wenn Menschen mit Demenz weglaufen
• Begleiten bis zum Schluss –
Wünsche erfüllen
Der Dialog – Selbsthilfegruppe
Jeder 1. Dienstag im Monat
17:30 – 19:00 Uhr
kostenfrei, ohne Anmeldung
Angehörigen-Akademie: Barbara Evers,
Diplom-Psychologin und psychologische
Psychotherapeutin, spricht über „Humor
in der Psychiatrie“.
Offene Sprechstunde
„Tiertherapie mit Alpakas“
Jeder 3. Mittwoch im Monat
15:00 – 17:00 Uhr
kostenfrei, ohne Anmeldung
Aktuelle Themen und Termine unter
www.bethanien-diakonie.de
Sonderheft EINBLICK | 27
Gerichtliche Unterbringung nach § 1906 BGB
Wenn die ambulante Betreuung nicht ausreicht
Manche Menschen sind psychisch
so schwerwiegend erkrankt, dass
sie eine besonders engmaschige Betreuung benötigen. Darüber hinaus
stellen sie häufig eine Gefahr für
sich selbst und/oder ihre Mitmenschen dar. In solchen Fällen ist die
Gesellschaft gefordert. Die Bundesländer haben daher gesetzliche
Grundlagen geschaffen, die es
Betreuern und Ämtern erlauben,
nach einer fundierten Begutachtung
eine in der Regel befristete Unterbringung in einer dafür besonders
spezialisierten stationären Pflegeeinrichtung zu veranlassen.
Die Bewohnerinnen und Bewohner
kommen aus den Akutstationen der
psychiatrischen Krankenhäuser, aus
dem Krankenhaus des Maßregelvollzugs, aus ambulanten Versorgungsstrukturen wie dem betreuten
Einzelwohnen oder Wohngemeinschaften für psychisch Kranke, aber
auch aus der Obdachlosigkeit.
Haus Radeland bietet diesen Menschen ein wohnliches Ambiente und
vielfältige Gesellschaftsräume wie
gemütliche Wohnzimmer, moderne
Gemeinschaftsküchen, Sport- und
Fitnessräume, ein Wellnessbad,
einen Festsaal sowie einen großen
28 | EINBLICK Sonderheft
Garten. Überall im Haus und auf
dem Grundstück können sich die
Bewohnerinnen und Bewohner frei
bewegen.
Durch eine intensive Betreuung und
über den Tag verteilte Anleitungen,
Ansprachen und Motivationshilfen
erreichen wir, dass sich ihr Zustand
stabilisiert und sie langsam Vertrauen zu unseren Therapeutinnen und
Therapeuten, Pflegekräften und Psychologinnen aufbauen. Sie können
jederzeit auch von sich aus in die
psychologische Beratung kommen.
Kontrolle. Wenn sich der Betroffene
durch das tägliche Training zudem
an Absprachen und Regeln hält,
kann der Unterbringungsbeschluss
nach Beratung mit dem Betreuer,
der Hausärztin und der Pflegedienstleitung aufgehoben werden.
Ebenfalls im Team entscheiden wir,
welche Therapien sinnvoll sind.
Jeder wird in das tägliche Angebot
eingebunden und findet eine sinnvolle Beschäftigung. Wichtig ist
auch der regelmäßige Kontakt zur
Außenwelt, um die Selbstständigkeit in dieser Umgebung zu üben:
Viel läuft über die Beziehungsarbeit. Die meisten Bewohner sind
beim ersten Zusammentreffen sehr
misstrauisch, aber ein offener, ehrlicher Umgang mit ihrer Erkrankung
hat sich bewährt. Außerdem bieten
wir an, den Kontakt zu Angehörigen
und Bekannten neu aufzubauen.
In halbjährlichen Fallgesprächen
werden Ressourcen und Defizite
der Bewohnerin oder des Bewohners immer wieder neu definiert.
Nach den ersten Monaten können
wir das Verhalten der Person einschätzen. Bei regelmäßiger Medikamenteneinnahme sind wahnhafte
Störungen und Gefährdungen unter
Gemeinsames Picknick am Kiesteich
beim Besuch eines Fußballspiels,
einem Ausflug in die Spandauer
Altstadt, einem Spaziergang in der
Gartenkolonie oder einer mehrtägigen Reise zum Beispiel an die
Ostsee.
Sandra Müller
Beruf & Karriere
Berufe mit Perspektiven
Die AGAPLESION BETHANIEN
DIAKONIE bildet junge Berufsanfänger als Altenpfleger/in, Kauffrau/
Kaufmann im Gesundheitswesen,
Restaurantfachfrau/-fachmann oder
Köchin/Koch aus. Sie ermöglicht zudem Berufstätigen und Wiedereinsteigern, die sich neu orientieren,
den Pflegeberuf über den zweiten
Bildungsweg zu erlernen. Außerdem fördert sie Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter durch regelmäßige
Fortbildungen, den stetig steigenden Anforderungen in Pflege und
Betreuung gewachsen zu bleiben.
Ebenso unterstützt sie die Weiterqualifizierung – zum Beispiel zur/
zum Fachkrankenpfleger/in für
Psychiatrie, zur Wohnetagenleitung
oder zur/zum Qualitätsmanagementbeauftragten.
BERUFLICHE ENTWICKLUNGSMÖGLICHKEITEN – EIN BEISPIEL
Susanne Schneider kam als Quereinsteigerin Ende der 1990er Jahre
eher zufällig zur Altenpflege. Die
gelernte Köchin absolvierte während eines Erziehungsjahres ein
Praktikum in einem Fachkrankenhaus für Geriatrie. Danach fand die
junge Mutter eine Anstellung als
Pflegehelferin im Haus Radeland.
Mit dieser Position gab sich Susanne
Schneider aber nicht zufrieden. 1998
begann sie eine vierjährige berufsbegleitende Ausbildung zur Altenpflegerin und stieg bis zur Wohnetagenleiterin auf. Ihr Interesse, sich
weiterzubilden, blieb ungebrochen.
Von 2010 bis 2012 nahm sie an
einer zweijährigen berufsbegleitenden Ausbildung zur „Fachkrankenschwester für Psychiatrie“ am Sankt
Hedwig-Krankenhaus teil, die ihr
krankheitsbezogene Fachkenntnisse
und Strategien vermittelte. Diese
Ausbildung bestätigte Susanne
Schneider aber auch in vielem, was
sie in ihrer täglichen Arbeit schon
„aus dem Bauch raus richtig“ gemacht hatte. „Ich bekam vor allem
den fachlichen Hintergrund, um
gegenüber meinen Mitarbeiterinnen
argumentieren zu können,“ erzählt
sie. Und was schätzt die mittlerweile
43-Jährige besonders an ihrem
Beruf? „Die Dankbarkeit der Leute,
egal wie krank sie sind. Wenn man
selbst wertschätzend und freundlich
ist, bekommt man sehr viel Bestätigung.“
VORAUSSETZUNGEN
Die Gesundheitsbranche bietet vielfältige Karrieremöglichkeiten. Diese
beginnt mit einem Studium (z. B.
Medizin, Psychologie, Sozialwesen/
Sozialpädagogik, Musikpädagogik/
-therapie u. ä.) oder einer Berufsausbildung zur Krankenschwester
bzw. zum Krankenpfleger, zur/zum
Susanne Schneider spricht mit einem
Bewohner des Wohnhauses Spandau
Altenpfleger/in, Heilerziehungspfleger/in, Ergotherapeut/in usw. Voraussetzung aller Ausbildungswege
ist ein erfolgreicher Schulabschluss,
also die Allgemeine Hochschulreife (Abitur) oder das Fachabitur,
der Mittlere Schulabschluss MSA
(früher: Realschulabschluss), die
Erweitere Berufsbildungsreife eBB
oder die Berufsbildungsreife BB
(früher: Hauptschulabschluss).
Erfolgreich bestanden und übernommen
Hausleiter Heiko Wiemer (links) und Pflegedienstleiter und Diakon Peter
Sehmsdorf (rechts) gratulieren Ronny Ortmann und Janina Jonath zum
Examen als Altenpfleger/in. Beide wurden daraufhin im Juni 2013 in eine
unbefristete Anstellung übernommen. AGAPLESION BETHANIEN RADELAND beabsichtigt, zukünftig auch Heilerziehungspfleger/innen im eigenen Haus auszubilden.
Katrin Hartenstein
Sonderheft EINBLICK | 29
Menschen um uns
„Endlich wieder ich“
Ralf Sommer* zog vor Kurzem aus
dem Wohnhaus aus. Er hat den
Schritt zurück in die Normalität
geschafft. EINBLICK sprach mit
dem 46-Jährigen über seine Zeit in
Radeland und seine Zukunftspläne.
Erinnern Sie sich noch an Ihre Anfangszeit in Radeland?
Ich kam nach einer Krise direkt aus
dem Krankenhaus hierher. Die erste
Zeit im Haupthaus war geprägt von
Unsicherheit, Ängsten und der neuen Wohnsituation. Allmählich gewöhnte ich mich an die Strukturen
und fasste Vertrauen zu netten Pflegern und Schwestern. Die Kontakte
zu einigen Bewohnern bestehen
heute noch und sind mir wichtig.
An welcher Beschäftigungstherapie
haben Sie teilgenommen?
An der Tischtennis- und der Abendgruppe, der Kochgruppe und der
Gartengruppe. Dies kann ich jedem
Bewohner empfehlen. In Radeland
gibt es tolle Ergotherapiegruppen.
Durch die regelmäßige Teilnahme
verbesserte sich meine körperliche
und seelische Belastbarkeit. Ich hatte wieder Lebensmut und wollte in
ein eigenständigeres Leben zurück.
Der erste Schritt dahin war mein
Umzug in das Wohnhaus.
Was veränderte sich dadurch?
Die Eingewöhnungsphase gestaltete
sich teilweise schwierig. Ich fand
erst nach zwei Monaten Zugang
zu den anderen Bewohnern des
Wohnhauses. Parallel ging ich
weiter zu den therapeutischen
Angeboten im Haupthaus. Das
eigenständige Leben im Wohnhaus
hat meine hauswirtschaftlichen
Fähigkeiten wieder aktiviert. Aber
auch die Möglichkeit, jederzeit in
meinem Einzelzimmer Ruhe zu finden, gab mir viel Kraft. Mit der Zeit
fühlte ich mich aber nicht mehr
ausreichend gefordert.
Welche zusätzliche Herausforderung haben Sie gefunden?
Der „Zuverdienst Spandau“ bot mir
an zwei bis drei Tagen in der Woche eine Tätigkeit in der Gartenarbeit an. Ich fühlte mich gebraucht.
Nach eineinhalb Jahren im Wohnhaus haben Sie mit Ihrer Bezugspflegerin, der Hausärztin und
ihrem gesetzlichen Betreuer über
Ihren Wunsch gesprochen, in eine
eigene Wohnung zu ziehen.
Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben wurde immer stärker. Ich fand Unterstützung durch
das Pflegepersonal im Wohnhaus.
In den Fallbesprechungen wurden
schrittweise Regeln für meine bevorstehende Selbstständigkeit formuliert. Das gab mir eine Richtung
vor. Ich habe auch das Gespräch
mit den Ärzten des Hauses gesucht.
Sie unterstützten meinen Heilungsprozess. Nun habe ich eine eigene
Wohnung und hoffe auf meine
Zukunft.
Sie haben sich noch einen weiteren
Wunsch erfüllt.
Sie meinen meinen neuen Motorroller. Ja, den habe ich mir vor vier
Wochen gekauft. Damit bin ich
mobiler und nicht mehr auf die
öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen.
Herr Sommer, wir wünschen Ihnen
für Ihre Zukunft alles Gute.
Das Gespräch führte Sandra Müller.
Einsam oder gemeinsam?
Wer in das Haus Radeland einzieht,
muss sich auf eine neue Umgebung
und neue Menschen einlassen. Obwohl ein Umzug für psychisch Kranke eine noch weit größere Herausforderung darstellt als für gesunde
Menschen, eröffnet er auch Chancen, neues Vertrauen zu erleben
und neue Freunde zu finden.
Haus Radeland verfügt über Einzel- und wenige Doppelzimmer.
Auf den ersten Blick scheint das
Einzel-zimmer die bessere Wahl,
doch es gibt auch Bewohnerinnen
30 | EINBLICK Sonderheft
und Bewohner, die sich bewusst
für ein Doppelzimmer entscheiden,
wie Heike* und Jutta*. Die beiden
Frauen wohnten zuerst in getrennten Zimmern auf der gleichen
Wohnetage, bis sie beschlossen, ein
Zimmer zu teilen.
Disco oder zum Fußballspiel. Neben
diesen Unterschieden gibt es viele
gemeinsame Aktivitäten wie Cafébesuche oder Spaziergänge. Aber
auch weniger beliebte Tätigkeiten
wie das Aufräumen des Zimmers
werden gemeinsam leichter erledigt.
Während Heike im Hofladen arbeitet, ist Jutta in der Besteckgruppe.
So hat man sich beim Abendessen
viel zu erzählen. Dasselbe gilt für
ihre Freizeitaktivitäten: Jutta interessiert sich für hauswirtschaftliche
Tätigkeiten, Heike geht lieber in die
Die Freundschaft der beiden Frauen
bewährt sich besonders, wenn krankheitsbedingte Schwierigkeiten im
Alltag auftreten. Diese werden dann
mit der Stärke der jeweils anderen
überwunden.
Rebecca Schwerdtfeger
Seelsorge
Seelsorge neben der Spur, in der Spur
Es passiert immer wieder: Züge
fahren, Züge verspäten sich und
Züge entgleisen. Wenn auch nur
ein Wagon aus der Spur gerät, kann
der ganze Zug nicht weiterfahren,
selbst wenn alle anderen Wagen
einwandfrei auf dem Gleis verharren. So geht es auch manchen
Menschen.
„Neben-der-Spur-Sein“ – mehr oder
weniger dauerhaft aus der Spur
geraten sind die Menschen, die in
AGAPLESION BETHANIEN RADELAND wohnen und die ich als
evangelischer Pfarrer und Seelsorger regelmäßig begleite. Es sind
Menschen unterschiedlichster Bildung, Menschen jeden Alters und
verschiedenster Religiosität – jeder
ein unvergleichliches Individuum.
Gemeinsam ist den Bewohnern
jedoch Eines: Ein Teil ihres Lebenszuges ist durch Erkrankung wie
Schizophrenie, Borderline oder bipolare Störungen „neben die Spur“
geraten. Man hält sie für „Irre“.
Jedoch: Ein anderer Teil ihrer Persönlichkeit ist noch im richtigen
Gleis, ist gesund, ist ansprechbar,
hat gesunde Gedanken und Gefühle, mitunter auch hochfliegende
Pläne. Natürlich ist es oft nicht
einfach, die komischen, merkwürdigen, krankhaften Anteile auszuhalten und ihnen dabei nur so viel
Beachtung zu geben, wie nötig ist;
der „Wahnsinn“ drängt selbige Anteile gern nach vorne – sie möchten
beachtet werden. Dennoch: Es
lohnt sich, den Persönlichkeitswaggon auf dem richtigen Gleis in den
Blick zu nehmen; es lohnt sich für
mich als Seelsorger, der gesunden
Seite der Menschen Aufmerksamkeit zu schenken, indem ich die
Bewohner wochentags besuche.
Mit viel Geduld ist die Suche nach
validen Spuren der Vergangenheit
so gut wie immer erfolgreich.
Genauso heilsam ist es, mit den
Menschen neue Alltagswege zu
entdecken und Schritte auf diesen
Wegen mitzugehen. – Und das im
Namen Gottes.
neuen Gedanken, mit Bildern und
Dingen zum Anfassen. Oftmals
werden diese Gottesdienste ganz
von allein zu lebhaften MitmachGottesdiensten – einmal im Jahr
sogar unter freiem Himmel.
Pfarrer Stefan Kuhnert
Neben den auch in der Psychiatrie
vorkommenden traurigen liturgischen Anlässen – wie Aussegnung
am Totenbett und Trauerfeiern auf
dem Friedhof – sind das zweite bedeutende Element der Seelsorge die
wöchentlich gut besuchten Gottesdienste – mit vertrauter und neuer
Musik, mit bekannten Texten und
Wir haben unser Feld bestellt…
„Zuhause in christlicher Geborgenheit“ – an der praktischen Umsetzung dieses Leitspruchs in unserer
Einrichtung hatte den größten Anteil
wohl niemand anderes als Pastor
Karsten Mohr. Er bot Atempausen
für die Mitarbeitenden an, leitete
die Teamtage, gestaltete Andachten,
war für die Seelsorge der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zuständig
und für die Aussegnungen unserer
verstorbenen Bewohnerinnen und
Bewohner.
Nun, im einhundertsten Gründungsjahr des Bethanien Sophienhauses
und der Bethanien Diakonie, verabschiedet sich Pastor Mohr in den verdienten Ruhestand. Er hinterlässt
eine große Lücke. Wir werden
gemeinsam versuchen, diese zu
schließen. Die Angebote, die Pastor
Mohr im Haus Radeland geschaffen
hat, sollen fortbestehen.
In Zukunft werde ich als Diakon
die Atempausen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Aussegnungen übernehmen. Sicher kann
ich Pastor Mohr nicht ersetzen, aber
es wird weiterhin Angebote geben,
die das christliche Profil unseres
Hauses unterstreichen. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind
herzlich eingeladen, sich mit Ideen
und Taten daran zu beteiligen.
Peter Sehmsdorf, Diakon
IM P RESSU M
Herausgeber: AGAPLESION BETHANIEN DIAKONIE gGmbH, Paulsenstr. 5 – 6, 12163 Berlin; V. i. S. d. P.: Alexander Dettmann, Geschäftsführer; Redaktionsleitung: Sandra Müller, Unternehmenskommunikation, presse@bethanien-diakonie.de; Redaktion/Lektorat: Nicola von Amsberg; Fotos: Marcus von
Amsberg, Christian Lietzmann, privat; Layout: News & Media, Berlin; © AGAPLESION BETHANIEN DIAKONIE, Juni 2013. Nachdruck, auch auszugsweise,
sowie Übernahme auf Datenträger aller Art oder fotomechanische Wiedergabe ist untersagt. *Alle Bewohnernamen wurden von der Redaktion geändert.
Sonderheft EINBLICK | 31
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Seele and Geist
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