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(Die Rolle der) und was wir daraus lernen können

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(Die Rolle der)
Väter im Tierreich
und was wir daraus lernen können
Dr. Carsten Schradin
Privatdozent, Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften,
Universität Zürich.
Wissenschaftler am CNRS, Strasbourg.
Honorarprofessor, School of Animal, Plant and Enviornmental Sciences, University
of the Witwatersrand, Johannesburg, Südafrika.
Head Succulent Karoo Research Station, Südafrika.
Tierväter
• Wirbellose. Väterliches Verhalten ist selten, aber: Wüstenassel,
Weberknechte, Aaskäfer, Riesenwanze.
• Fische: Väterliches Verhalten bei 10% der Arten. Väterliches
Verhalten häufiger als mütterliches Verhalten.
• Amphibien: Väterliches Verhalten erstaunlich häufig!
• Reptilien: Kein väterliches Verhalten.
• Vögel: Die meisten Arten zeigen väterliches Verhalten.
• Säugetiere: Väterliches Verhalten bei ca. 10% der Arten.
Väterliches Verhalten ist selten, kommt aber im
ganzen Tierreich vor.
Wie kommt das?
Väterliche Motivation
Krallenaffen:
• Zwillingsgeburten
• Vater trägt Junges kurz nach der Geburt
Springtamarin (Callimico
goeldii):
• Einzelgeburten
• Vater trägt Junges 3-4
Wochen nach der Geburt.
Väterliche Motivation
Warum fangen Väter des Springtamarins so spät an, ihre Jungen zu tragen?
Sind sie in den ersten Wochen nicht an ihrem Jungen interessiert?
50
% Körperkontakt
40
30
20
10
0
vor Geburt
nach Geburt
Vater trägt
Die Väter sind von Anfang an an ihren
Jungen interessiert, von diesen angezogen!
Verständnis von väterlichem Verhalten
Die vier Fragen von Tinbergen:
1. Individualentwicklung: Ontogenese
2. Kausalstruktur
3. Stammesgeschichte: Phylogenese
4. Funktion
}
}
Wodurch, welche
Mechanismen?
REGULATION
Wozu?
EVOLUTION
Niko Tinbergen
1973 Nobelpreis für Medizin und Physiologie
zusammen mit K. Lorenz und K.v. Frisch
Evolution (ultimat)
Stammesgeschichte
Vorfahren
Genpool
Funktion
Fitness
Umwelt +
Verhalten
Medizin:
Symptome, die erklärt
werden müssen.
väterliches
Verhalten
Mechanismen (proximat)
Individualentwicklung
Genotyp
+ Umwelt
Physiologische
Reaktion
Verhaltensmaschinerie
Reize
Gehirn
1. Individualentwicklung
Die Individualentwicklung beinhaltet alle Ereignisse,
welche (deutlich) vor dem Auftreten von väterlichem
Verhalten stattfanden.
• Testosteronwerte, denen der Embryo
ausgesetzt ist. (Clark et al. 1997)
2W Männchen:
Nur eigenes
Testosteron
2M Männchen:
Eigenes Testosteron
und das der zwei
Nachbarn
 Organisatorische Effekte des Testosterons in der frühen
Entwicklung: das Gehirn wird für immer verändert !
1. Individualentwicklung
Die Individualentwicklung beinhaltet alle Ereignisse,
welche (deutlich) vor dem Auftreten von väterlichem
Verhalten stattfanden.
• Vorgeburtliche Titer von Testosteron
• Erfahrene Fürsorge in der Kindheit
• Erfahrung mit jüngeren Geschwistern
• Vorhergehende Paarung
• Gesellschaft mit schwangerem Weibchen
• Erfahrung mit eigenen Kindern
2. Kausalstruktur
Die Mechanismen, die zum Auslösen von väterlichem
Verhalten führen: Umwelt und Physiologie.
• Erkennen der eigenen Jungen
• Abfall des Testosteronspiegels
• Anstieg des Prolaktinspiegels
• Hormon der Hypophyse (Vorderlappen)
• Protein
• Laktation: Milchproteine
• Bei allen Wirbeltieren verbreitet
Prolaktin und väterliches Verhalten bei Neuweltaffen
(Schradin et al. 2003, Journal of Comparative Psychology)
Springaffe (Callicebus moloch)
• Klammerschwanzaffen
• Vater ist Hauptträger, Mutter
nimmt das Junge nur zum Säugen.
Weißbüscheläffchen (Callithrix jacchus)
• Krallenaffen
• Vater ist Hauptträger, bekommt Hilfe
von der Mutter und älteren Kindern
80%
50%
Springtamarin (Callimico goelii):
• Krallenaffen
20%
• Vater trägt die Jungen erst 3-4 Wochen
nach der Geburt, Mutter ist
Hauptträger, Kinder helfen.
Physiologische Grundlagen väterlichen Verhaltens: PROLAKTIN
Schradin & Anzenberger 1999: Review
„… prolactin was also found to be connected with
paternal care in fish, birds, and mammals including
primates.“
250
225
225
225
200
200
200
175
175
175
150
125
100
Prolactin (pg/mg Cr)
250
Prolactin (pg/mg Cr)
Prolactin (pg/mg Cr)
250
150
125
100
150
125
100
75
75
75
50
50
50
25
25
25
0
0
0
-3 bis -1
1 bis 3
n.s.
4 bis 6
-3 bis -1
1 bis 3
4 bis 6
p=0,1
(Schradin et al. 2003, Journal of Comparative Psychology)
-3 bis -1
Af ter birth
Carrying
p=0,005
C. moloch
C. jacchus
C. goeldii
200
(pg/mg
Prolactin
Cr)Cr)
Prolaktin (pg/mg
175
150
125
100
75
50
25
0
S ons Fathers
Sohn
Vater
S ons Fathers
Sohn
Vater
S
ons Fathers
Sohn
Vater
Starkes väterliches Verhalten: Allgemein erhöhte
Prolaktinwerte, aber kein Anstieg nach Geburt des
Jungen.
Mittelstarkes väterliches Verhalten:
Allgemein erhöhte Prolaktinwerte und
Trend für eine zusätzkiche Erhöhung
nach Geburt der Junegen.
Geringes väterliches Verhalten: Keine allgemein
erhöhten Prolaktinwerte, aber Erhöhung von
Prolaktin nach Geburt des Jungen.
.
120
pg PRL/mg
Cr)
(pg/mgCr
Prolaktin
Bei Weißbüscheläffchen zeigen Männchen zum ersten Mal eine
Erhöhung des Prolaktinspiegels, wenn ihre ersten Jungen geboren
wurden. (Schradin & Anzenberger 2004, Hormones and Behavior).
100
80
60
..
40
20
0
Sohnson
adult
verpaart
pair
vor Geburt
nach
Geburt 2.5 months
before
birth
after birth
after birth
life history stage
handlich
tagaktiv
gestreift
kooperativ
Freilandstudien ín der Sukkulentenkaroo Südafrikas:
• Halbwüste
• Regen im Winter (Mai-August, 160mm/ Jahr)
• Sukkulenten, Büsche und Wildblumen
• Einer von 25 Biodiversitätshotspots weltweit (Myers et al, 2000, Nature).
Springbok /
Goegap
Springbok
Die
Forschungsstation
Methoden
Striemengrasmausväter haben erhöhte Prolaktinspiegel!
p<0.05
60
NFS = Nicht Fortpflazungssaison
Prolactin (ng/ml)
.
N=9
50
FS = Fortpflanzungssaison, wenn Männchen
väterliches Verhalten zeigen.
40
30
N=24
p<0.001
N=9
20
N=15
10
0
NFS 2002
RIA 2003
FS 2002
FS 2006
NFS 2007
EIA 2007
Zwei Männchentaktiken:
1. Umherschweifend (Roamer), solitär.
2. Väterlich, gruppenlebend.
Roaming M1695 mit F2152 von Gruppe 23
F1012, F1158, F2002, F2004, M1517:
polygyn.
Zwei Männchentaktiken:
1. Umherschweifend (Roamer), solitär.
2. Väterlich, gruppenlebend.
Breeding seasons 2006 / 2007
25
.
.
N=9
P < 0,003
Proalctin (ng/ml)
20
15
N=16
10
5
0
Väter
Roamer
Prolaktin und väterliches Verhalten bei anderen Arten:
Diskus-Buntbarsch (Symphysodon aequifasciatus; Blüm & Fiedler 1965)
Gabe von Prolaktin führt bei beiden Geschlechtern zu:
• Befächeln der Eier
• Produktion von Diskusmilch
Prolaktin und väterliches Verhalten bei anderen Arten:
Lachtaube (Streptopelia risoria;
Buntin 1996)
Gabe von Prolaktin löst bei beiden
Geschlechtern aus:
• Elterliches Verhalten
• Produktion von Kropfmilch
3. Stammesgeschichte
Einen starken Einfluss hat das Sozialsystem. Gute Väter findet man
vor allem bei monogamen Arten.
3. Stammesgeschichte
Einen starken Einfluss hat das Sozialsystem. Gute Väter findet man
vor allem bei monogamen Arten.
3. Stammesgeschichte
Einen starken Einfluss hat das Sozialsystem. Gute Väter findet man
vor allem bei monogamen Arten.
4. Funktion
• Fitnessauswirkungen
– Anzahl Nachkommen
– Indirekt: Anzahl Partnerinnen
Wann führt väterliches Verhalten zu einer
Steigerung der MÄNNLICHEN Fitness???
Männchen zeigen väterliches Verhalten, wenn es aussichtslos
ist, nach weiteren Weibchen zu suchen.
Territorialität!
Männchen zeigen väterliches Verhalten, wenn es sich mehr
lohnt, sich um die Jungen zu kümmern, als nach weiteren
Weibchen zu suchen.
Kalifornische Hirschmaus: Von 2
Jungen überleben 2, wenn der
Vater hilft, aber nur 0,6, wenn die
Mutter die Jungen alleine aufziehen
muss.
Ein Männchen müsste 4 Weibchen
befruchten (2/0,6), um durch
Weibchensuche einen höheren
Fortpflanzungserfolg zu haben, als
durch väterliches Verhalten.
Ein Erdwolfpaar kann im Jahr im Durchschnitt 1,5 Junge aufziehen.
Eine Mutter alleine nur 0,3 Junge (Schakal!). Ein Männchen müsste
also 5 Weibchen befruchten, um gleich viele Junge zu haben, wie
wenn er die halbe Nacht über die Bewachung übernimmt.
Väterliches Verhalten macht sexy:
Mehr Weibchen paaren sich mit dem guten Vater!
Grasländer: Weibchen sind Einzelgänger,
Männchen zeigen kein väterliches Verhalten sondern besuchen
Weibchen nur zur Kopulation.
Anzahl der Weibchen, zu denen Männchen Zugang haben:
Umherstreifende Männchen der Grasländer: 2.3 + 0.7
Gruppenlebende Männchen der Sukkulentenkaroo: 2.9 + 0.4
Umherstreifende Männchen der Sukkulentenkaroo: 3.0 + 0.5
(Jahr 2003)
Männchen zeigen väterliches Verhalten, wenn sie Zeit und
Energie übrig haben!
4. Funktion
Männchen zeigen väterliches Verhalten, anstatt nach weiteren
Weibchen zu suchen, wenn:
1. Es aussichtslos ist, nach weiteren Weibchen zu
suchen.
2. Es sich mehr lohnt, sich um die Jungen zu
kümmern, als nach weiteren Weibchen zu
suchen.
3. Sie dadurch mehr Weibchen anlocken.
4. Sie Zeit und Energie übrig haben.
Väterliches Verhalten entsteht NICHT, weil
es von Vorteil für die Mutter ist !!!
Eine Mutter, die ihre Kinder nicht alleine grossziehen kann, stirbt aus. Sie führt
nicht zur Evolution von väterlichem Verhalten.
Die Biologie des Menschenvaters
Väterliche Motivation
Erst seit wenigen Jahrzehnten wird anerkannt, dass Väter nicht
nur Versorger sind (sein können), sondern auch fürsorglich und
emotional beteiligt Lamb, M. E. 1984. Observational studies of father-child
relationships in humans. In: PrimatePaternalism (Ed. by Taub, D. M.), pp. 407-430.
New York: VNR.).
Engrossment: Hingabe
Gibt es eine
Biologie des
Menschenvaters
?
Die Biologie des Menschenvaters
• Väterliches Verhalten ist bei >50% der Kulturen wichtig
Hiwi,
Venezuela
Zulu,
Südafrika
Aka,
Zentralafrika
Hadza,
Tansania
Ache,
Paraguay
China
Die Biologie des Menschenvaters
• Väterliches Verhalten bei >50% der Kulturen wichtig
• Was ist väterliches Verhalten?
• Direkter Umgang: Füttern, Spielen, Beschützen, Lernen von KINDERN
• Direkte Unterstützung: Nahrung, Geld, Resourcen bei so gut wie ALLEN Kulturen
•Dreieinigkeit des Menschenvaters:
1. Biologie
2. Verhalten
3. Recht
•Stiefväter
•Adoptivväter
Die Biologie des Menschenvaters:
1. Individualentwicklung
Diese Faktoren wurden bisher kaum untersucht. Negativ auf
väterliches Verhalten wirkt sich aber aus (Shears et al 2002, Infant
Mental Health Journal):
• Geringes Einkommen
• Depressionen
• Alkoholismus
• Männer, die als Kinder misshandelt wurden
• Zerüttete Familienverhältnisse
Vor allem Männer, denen es gut geht, sind
auch gute Väter!
Die Biologie des Menschenvaters:
2. Kausalstruktur
Hormonelle Veränderungen
während der Schwangerschaft
Couvade
Mütter
Prolaktin (ug/l)
200
Storey et al 2000,
Evol Hum Behav
Väter
10
Prolaktin (ug/l)
8
150
6
100
4
50
2
0
0
1000
Cortisol (nmol/l)
300
Cortisol (nmol/l)
250
800
200
600
150
400
100
200
50
0
40
Östradiol (nmol/l)
40
0
Testosteron (pmol/l)
35
30
30
25
20
20
15
10
10
5
0
0
Anfang
Ende
kurz nach
der Schwangerschaft
nach
Anfang
Ende
kurz nach
der Schwangerschaft
nach
Die Biologie des Menschenvaters:
3. Stammesgeschichte
G. Anzenberger
Australopithecus sediba
G. Anzenberger
Die Biologie des Menschenvaters:
3. Stammesgeschichte
Ist der Mensch von Natur aus monogam, der Menschenmann natürlicher Weise
ein treuer Ehemann und fürsorglicher Vater?
• 83,4% menschlicher Kulturen sind polygyn
• 16,1% sind monogam
• 0,4% sind polyandrisch
 Menschenväter KÖNNEN so sein: soziale Flexibilität!
Die Biologie des Menschenvaters:
4. Funktion
Hiwi,
Venezuela
Ache,
Paraguay
80% der Kinder mit Vater werden 15
Jahre alt, aber nur 50% der Kinder
ohne Vater!
Väter kümmern sich mehr als bei
den Ache, haben aber keinen so
grossen Einfluss!
• Väter sind vor allem wichtig, um Resourcen zu sichern.
• Fürsorgliches Verhalten durch den Vater ist um so wichtiger, desto
weniger andere Gruppenmitglieder der Mutter helfen: Oma,
Tante, Nachbarin.
Die Biologie des Menschenvaters
• Väterliches Verhalten bei >50% der Kulturen wichtig.
• Dreieinigkeit des Menschenvaters: Biologisch, rechtlich,
Verhalten.
• Individualentwicklung: Vor allem Männer, denen es gut
geht, sind auch gute Väter.
• Couvade Syndrom.
•Erhöhte Prolaktinwerte und erniedrigte Testosteronwerte.
• Vor allem bei monogamen Kulturen ausgeprägt 
Männer können hier nicht in Polygynie investieren!
• Väter investieren mehr in ihre eigenen Kinder.
• Anwesenheit des Vaters für das Kind dann von Vorteil,
wenn der Vater kulturell eine wichtige Rolle einnimmt.
Die Biologie des Menschenvaters
 Die Biologie kann uns nicht sagen, ob gute
Väter bessere Männer sind.
 In der öffentlichen Diskussion wird nicht
unterschieden, ob Väter den Kindern nutzen
sollen, oder ob sie die Partnerin entlasten sollen.
 Die Rolle des Vaters muss nicht identisch mit
der Rolle der Mutter sein (kann es aber).
Finanzielle Unterstützung durch:
Schweizer Nationalfonds
National Research Foundation Südafrika
Deutsche Forschunsgemeinschaft
Vontobel-Stiftung
Holcim-Stiftung
Helene Bieber Fonds
Claraz Stiftung
Dank an:
Dr. Gustl Anzenberger
Prof. Barbara König
Heinz Galli
Doktoranden, Masterstudierende,
Voluntäre
Goegap Naturreservat
…
Filander Verlag
Die Biologie des Menschenvaters
 Die Biologie kann uns nicht sagen, ob gute Väter bessere Männer sind.
 In der öffentlichen Diskussion wird nicht unterschieden, ob Väter den Kindern nutzen
sollen, oder ob sie die Partnerin entlasten sollen.
 Die Rolle des Vaters muss nicht identisch mit der Rolle der Mutter sein (kann es aber).
Wie bekommt man gute Menschenväter?
1. Die Beziehung zwischen Mann und Frau unabhängig von den Kindern
2. Möglichkeit zur Polygynie verhindern. Männer sind nicht von Natur aus monogam, sie
können es aber sein.
3. Kontakt zwischen Kind und Vater, wenn das Kind noch ein Säugling ist.
Darauf achten, dass der Vater nicht nur die Drecksarbeit zu erledigen hat wie Windeln
wechseln, während die Mutter die positive und belohnende Erfahrung des Stillens macht.
4. Es muss dem Mann gut gehen.
5. Gentest routinemäßig durchführen: Keine Gefährdung der Dreieinigkeit des Vaters
zulassen.
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