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Du bist, was du isst Ein Jahr AStA Eislabor Fernweh - Scheinwerfer

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Ein Jahr AStA
Eine Bilanz
Eislabor
Was die Stadt
zu bieten hat
Du bist, was du isst
Die Mensen im Vergleich
Fernweh
Ein Besuch
in London
Wahlzirkus
Bremer Landtagswahl
Gremienwahl der Universität
Inhalt
Kurzmeldungen
4
Bremen
28
Fünf Kreuze - aber für wen?
28
31
Hochschulpolitik
6
Der Wahl-O-Mat zur Bürgerschaftswahl
Ahnungslos im Gremiendschungel
6
Neues Wahlrecht soll Wählern
Wer die Wahl hat
9
mehr Einfluss geben
31
Drei Kreuze für deine Uni
12
Krawall leicht gemacht
32
Ein Jahr neuer ASta
14
Eis mit Gefühl
33
Bremen für Studenten: Walle
34
Konzerte für lau, wo gibt‘s denn sowas?
36
Überhört
37
Campusleben
18
Du bist, was du isst
18
Herz aus Glas
21
Feuilleton
Twitter Gewitter
22
Bin ich inspiriert, geht alles
38
Zwischen Wickeltisch und Vorlesung
24
Besuch im Brauhauskeller
39
Universum der Bücher
26
Ein Fest der Farben
40
Biutiful
41
Warum der Mensch spricht
42
Anständig essen. Ein Selbstversuch
43
Adele 21
44
Clueso - An und für sich
45
Blog-Up Your Life!
46
Und wenn sie nicht gestorben sind...
47
Fernweh
48
Die Qual der Wahl
50
Impressum
2
38
51
Editorial
Liebe KommilitonInnen,
liebe LeserInnen!
19.000 Studenten an einer Uni der Freien Hansestadt. 19.000
Individuen mit diversen Interessen, verschiedenem Charakter
und unterschiedlicher Einstellung. 19.000 mal Kreativität und
Wissbegierde – das ist zumindest das, was von Studenten erwartet wird. Und täglich tauchen tausende Fragen auf, die die
Studierenden betreffen.
Die Wahlen sind das zentrale Thema der ersten Ausgabe des
Scheinwerfers. Nicht nur mit der Entscheidung über die Zusammensetzung des Bremer Landtages am 22. Mai, sondern
auch mit den Wahlen des Studierendenrates in der darauf folgenden Woche haben wir zwei besondere und wichtige Mitbestimmungsmöglichkeiten.
Um diesen Fragen und vor allem den Antworten mehr Beachtung zu schenken, haben sich im Dezember auf Initiative des
Studierendenrates knapp hundert Studenten zusammengefunden und den „Scheinwerfer“ gegründet. Doch was ist der
„Scheinwerfer“ überhaupt? Als unabhängiges Campusmagazin
der Uni Bremen informieren wir euch über relevante Themen
und beleuchten diese kritisch ohne die Beeinflussung Dritter
und ohne von einer konkreten politischen Einstellung gefärbt
zu sein. Und unsere Unabhängigkeit steht nicht nur auf dem
Papier, sie wird auch durch Entscheidungen, die sich gegen die
Vorlieben des Studierendenrates stellen und eine gänzlich unbeeinflusste Themenauswahl gelebt.
Damit ihr euch eine differenzierte Meinung bilden könnt, ist
der
mit den verschiedenen Verantwortlichen, beispielsweise Vertretern der für den SR kandidierenden Listen und
dem Bremer Bürgermeister, in Kontakt getreten und hat kritisch
nachgefragt. Die daraus resultierende, ausführliche Übersicht in
dieser Ausgabe soll euch bei der Wahlentscheidung helfen.
Wir hoffen, dass der Scheinwerfer euch während der zahlreichen
Stunden in der Mensa, beim Sonnenbaden oder der „spannenden“ Vorlesungen in der Keksdose eine Abwechslung im routinierten Unialltag sein wird. Wir freuen uns, wenn ihr durch
eure Kritik oder eure aktive Mitarbeit die nächste Ausgabe, die
übrigens Anfang Juli erscheinen wird, mitgestaltet.
Und jetzt viel Spaß beim Lesen!
Anne Glodschei und Lukas Niggel
Ihr erreicht uns bei Fragen, Anregungen oder Kritik entweder persönlich auf dem Campus oder unter scheinwerfer@uni-bremen.de.
3
Kurzmeldungen
Preis hervorragende Lehre:
AS gibt Preisträger bekannt
D
ie Gewinner des jährlich verliehenen Preises für hervorragende Lehre stehen fest: Dr. Karsten Hölscher (FB 3 Mathematik/Informatik) wird für das Modul „Praktische Informatik I“ geehrt. Der Preis für „Das beste Lehrprojekt“
geht an Prof. Dr. Cordula Nolte (FB 8 – Sozialwissenschaften).
Sie konnte die Auswahlkommission mit dem Projekt „Von der
Idee zur Ausstellung – Geschichte in der Praxis“ überzeugen.
Eine besondere Auszeichnung kommt Dr. Anja Lepach (FB 11 Human- und Gesundheitswissenschaften) zuteil – sie erhält den
„Studierendenpreis“. In dieser Kategorie hatten alle Studenten
die Möglichkeit über Stud.IP Vorschläge einzureichen. Am Ende
lag Lepach mit der Lehrveranstaltung „Grundlagen der biologischen Psychologie“ vorne. Mit der Vorstellung ihres Konzeptes
konnte sie dann auch die Auswahlkommission für sich gewinnen, die nach eigenen Angaben dem Votum der Studierenden
gerne gefolgt ist.
Der Akademische Senat (AS) schloss sich in der April-Sitzung
wiederum den Vorschlägen der eigens dafür eingesetzten Auswahlkommission an. Diese besteht aus drei Hochschullehrern,
zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern, einem sonstigen Mitarbeiter und drei Studierenden.
Die Preisverleihung erfolgt im Rahmen der Veranstaltung „Tag
der Lehre“ am 25. Mai 2011 von 16-18 Uhr im Hörsaal HS
2010. Das Preisgeld in Höhe von 6000 Euro wird von dem Verein „unifreunde“ gestiftet.
Stipendienordnung: Studentische Vertreter erringen Teilerfolg
I
n einer Arbeitsgruppe zur Überarbeitung der Stipendienordnung konnten die AS-Mitglieder von AStA für Alle (AfA)
und Campus Grün (CG) einige ihrer zentralen Forderungen durchsetzen. So begrenzt der neue Entwurf die Vormachtstellung des Rektors und sieht außerdem eine Stimmenparität
zwischen Studenten und Hochschullehrern im Stipendienrat
vor. Die geänderte Version der Stipendienordnung steht in der
nächsten Sitzung des Akademischen Senats (AS) am 18. Mai
erneut zur Debatte.
Nach einer turbulenten Schlussphase der AS-Sitzung im April
war in letzter Sekunde eine Arbeitsgruppe einberufen worden.
Für den Rektor der Uni, Prof. Dr. Wilfried Müller, schien die
Verabschiedung der Satzung nur noch Formsache gewesen zu
sein. Es bestand jedoch ganz offensichtlich noch Klärungsbedarf, vor allem auf studentischer Seite, aber auch ein Dekan
zeigte sich nicht ganz zufrieden mit der zur Abstimmung stehenden Version. Aufgrund von mehrfachen Änderungen der Tagesordnung war das Thema an letzte Stelle gerückt, sodass der allgemeine Zeitverzug eine ausführliche Debatte unmöglich machte.
Daraufhin drohte der Rektor mit einer Eilentscheidung, sollte
der AS nicht zustimmen. Diese Äußerung sorgte wiederum für
Unmut bei einem Professor, der sich stattdessen für die zeitnahe Einberufung einer Arbeitsgruppe aussprach und mit diesem
Vorschlag Erfolg hatte. Rektor Müller entschuldigte sich eine
Woche nach der Sitzung bei den studentischen Gremiumsmitgliedern für sein Vorgehen.
4
Eine Woche später diskutierten zwei Professoren, drei Studenten (AfA und CG), ein wissenschaftlicher Mitarbeiter und die
Leiterin des Dezernats „Studentische Angelegenheiten“ knapp
vier Stunden lang über die umstrittenen Aspekte der Stipendienordnung.
Die wichtigsten Änderungen im Einzelnen: Der Rektor behält
zwar den Vorsitz des Stipendienrats, verliert aber sein Stimmrecht. Stimmberechtigte Mitglieder des Gremiums sind je drei
Hochschullehrer und drei Studierende. Damit ist das Gremium ohne studentische Vertretung nicht beschlussfähig. Die ursprüngliche Satzung sah einen Stipendienrat bestehend aus zwei
Studierenden, drei Hochschullehrern und dem Rektor vor.
Außerdem weicht das tabellarische Punkteraster zur Bewertung
der potenziellen Stipendiaten einem standardisierten Bewerbungsbogen, der die Bereiche „Leistung“, „ehrenamtliches Engagement“ und „Benachteiligungen/ Lebensumstände“ berücksichtigt.
Die Listen AfA und Campus Grün lehnen die sogenannten
Deutschlandstipendien grundsätzlich ab. Im Akademischen Senat wurden sie allerdings überstimmt. Das Gremium beschloss
im Dezember, dass sich die Universität Bremen am Stipendienprogramm beteiligen werde. Ein Vertreter vom Ring ChristlichDemokratischer Studenten sprach sich im AS für das Stipendienprogramm aus. Er forderte außerdem, den Stipendienrat
mit weniger Studenten zu besetzen und stattdessen Vertreter der
Wirtschaft miteinzubeziehen.
g
Kurzmeldungen
SR vor Einführung einer
Finanzordnung
B
ei der vergangenen Sitzung des Studierendenrats hat der
Finanzreferent des AStAs, Jan Cloppenburg, eine neue
Finanzordnung eingebracht, die nach drei Lesungen mit
einer Zweidrittelmehrheit verabschiedet werden sollte. Dieser
Passus wurde allerdings bereits bei Gesprächen einer Arbeitsgruppe wegen fehlender Aussicht auf Erfolg gestrichen. „Dann
ist sie allerdings auch mit einer einfachen Mehrheit wieder abzuschaffen“, erklärte Sebastian Vogt, Präsident des SR. Kernpunkte
der Finanzordnung sind eine geregelte Haushaltsführung durch
den AStA und damit verbunden zahlreiche Einfluss- und Mitsprachemöglichkeiten für den Studierendenrat, der bisher nach
der Abstimmung über den Haushalt gut aus den Finanzdiskussion herausgehalten werden konnte. Eine Diskussion bei der ersten Lesung blieb aus. Die Linken Listen zeigten sich aber bereits
skeptisch zu dem zwölfseitigen Werk. Die endgültige Entscheidung war zu Redaktionsschluss noch nicht bekannt.
Rektor Müller verteidigt
Stiftungsprofessur
I
n der April-Sitzung des Akademischen Senats (AS) zeigte
sich der Rektor der Universität Bremen, Prof. Dr. Wilfried
Müller, verärgert über die öffentliche Debatte zu einer Stiftungsprofessur im Bereich „Raumfahrttechnologie“. Um die
AS-Mitglieder von dem Vorhaben zu überzeugen, hatte er zwei
Vertreter der beteiligten Institutionen eingeladen.
Prof. Dr. Hansjörg Dittus vom Deutschen Zentrum für Luftund Raumfahrt (DLR) und Prof. Dr. Claus Lämmerzahl vom
Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM) stellten in einer Präsentation die laut Rektorat
„rein grundlagenorientierten zivilen“ Forschungsbereiche der
Stiftungsprofessur vor.
Bremer Wissenschaftler und Hochschullehrer hatten sich zuvor
in einer Erklärung gegen Stiftungsprofessuren im Allgemeinen
ausgesprochen. Diese würden die Freiheit der Forschung und
Lehre aufs Spiel setzen. In dem aktuellen Fall sei besonders die
Verbindung des Raumfahrtkonzerns OHB Technology zur Rüstungsproduktion problematisch. Das
widerspreche dem Geist der Gründung der Universität sowie dem Auftrag der Friedensforschung. Der
AStA der Universität Bremen ist unter den sonstigen Unterstützern der Erklärung aufgeführt.
in durchaus positives Jahr 2010 vermeldete das Studentenwerk Bremen.
„Das Studentenwerk hat im vergangenen Geschäftsjahr einen Gewinn
Im November letzten Jahres hatte die Universität
von 184.000 € erwirtschaftet“, berichtete Andreas Butsch, studentisches
bekanntgegeben, dass das Unternehmer-Ehepaar
Mitglied des Verwaltungsrates des Studentenwerks. Der Gewinn soll in die allFuchs (OHB) zusammen mit dem DLR und dem
gemeinen Rücklagen wandern, mit denen der Bau eines neuen Studentenwohn„Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft“ für
heims realisiert werden könnte. Ein weiteres Thema im Verwaltungsrat war die
eine Dauer von zehn Jahren eine Professur im BeEinführung des veganen Essens in der Uni-Mensa, die nach Angaben der Menreich „Raumfahrttechnologie“ fördern wird. Diese
saleitung zu einem Kundenrückgang geführt haben soll. Genaue Zahlen sind
soll beim ZARM im Fachbereich Produktionstechhier noch nicht bekannt.
nik angesiedelt werden und entsteht in Kooperation mit dem DLR.
Studentenwerk erzielt Gewinne –
Veganes Essen lockt keine Kunden
E
Der Boulevard wird umgebaut
D
er 30 Jahre alte Boulevard, der sich vom Sportturm
über die Keksdose bis zum ZWG (Zentrum für Weiterbildung) und EZ (Energiezentrum) erstreckt, wird von
November 2011 bis März 2012 renoviert. Diese längst überfällige Erneuerung wird durchgeführt, da sich die Metallschienen
im Boulevard schon seit Jahren verbiegen und so Wasser in das
Fundament eintritt. In diesem Zuge wird auch die Überdachung
erneuert werden.
Der Boulevard ist übrigens ca. 21 500m² groß, was der Fläche
von drei Fußballfeldern entspricht. Im November beginnen die
Renovierungsarbeiten an dem Abschnitt an der Keksdose und
werden dann in östlicher Richtung fortgesetzt.
Für Studenten und Mitarbeiter der Uni werden während den
Umbauarbeiten die Wege etwas länger, jedoch werden die „Umleitungen“ ausgeschildert und auch die Barrierefreiheit weiterhin gewährleistet sein.
Näheres zum Umbau des Boulevard erfahrt ihr in der nächsten
Ausgabe des Scheinwerfers.
5
Hochschulpolitik
Ahnungslos im Gremiendschungel
Die Gremien an der Uni Bremen, die die Hochschulpolitik bestimmen, bilden auch für Redakteure
des Scheinwerfers ein kompliziertes Konstrukt. Grund genug, einen Selbstversuch zu starten, in dem
unsere Redakteurin ihre Belastung in Sachen Gremienbesuche austestet.
H
ochschulpolitik – nicht gerade das Thema, mit dem
man beim Smalltalk auf einer Party punkten kann.
Zu Unrecht? „Als ob meine Stimme da etwas bewirken würde.“ „Wie? Wir können wählen?“ „Für so etwas habe ich
nun wirklich keine Zeit.“ „In einem Jahr bin ich doch sowieso
weg. Warum sollte ich hier für Veränderungen kämpfen?“ „Das
überlass´ mal den Politikstudenten.“
Resignation, Gleichgültigkeit und vor allem Desinteresse – diese
Vokabeln beherrschen die Stimmung, wenn es um Hochschulpolitik geht. Die Mehrheit der Studenten lässt sich vermutlich
in eine dieser drei Kategorien einordnen. Der Inbegriff der Sinnlosigkeit von Hochschulpolitik ist für viele die jährliche Zettelschlacht, auch bekannt als Gremienwahlen. Man wird mit Flyern zugeschüttet, so dass sich manch einer schon gefragt haben
dürfte, wie viele Quadratmeter Regenwald bereits dem Bremer
Hochschulwahlkampf zum Opfer gefallen sind.
Aber was steckt eigentlich hinter diesem Wort „Hochschulpolitik“? Gibt es tatsächlich eine politische Kultur auf dem Campus
oder grassiert auch hier die allgemeine Politikverdrossenheit?
Was gibt es für Institutionen? Wer sind die Vertreter der Bremer
Hochschulpolitik? Wo und wie erfährt man, was hier politisch
passiert? Wieso bekommt man nichts mit? Über was wird überhaupt entschieden?
Hochschulpolitik - ein Wort, das uns sagt: hier wird über unser direktes Umfeld entschieden, unsere Studienbedingungen,
unser Geld, über ganze Studiengänge und Prüfungsordnungen.
Das Gewissen sagt: „Das sollte uns eigentlich interessieren.“ Der
Bauch sagt: „Schwere Kost, lass´ mal lieber.“ Die Mehrheit des
akademischen Nachwuchses scheint auf ihren Bauch zu hören.
Die Zahlen zur Wahlbeteiligung im letzten Jahr sprechen eine
deutliche Sprache: Satte 7,54 Prozent der Studierenden gaben
ihre Stimme ab – da könnte man die Legitimation der gewählten
Gremien hinterfragen.
Nun soll ein Campusmagazin dem entgegenwirken – eine unabhängige Hochschulöffentlichkeit, die unter anderem neutral
über die politischen Vorgänge an der Universität Bremen informiert. Mein Gewissen meldet sich: Nach drei Semestern Studium könntest du langsam mal anfangen, dich über deine Rechte
und Möglichkeiten zur Mitbestimmung auf dem Campus zu informieren. Auch du warst bislang eher ein Teil der uninformierten Masse. Also ab ins kalte Wasser – das Ressort „Hochschulpolitik“ beim neuen Campusmagazin „Scheinwerfer“ ist da genau
das Richtige. Bevor ich aber anfange, anderen etwas zu erklären,
muss ich mich erstmal selbst schlaumachen. Ich hoffe, mein gu-
6
ter Freund „Internet“ kann mir helfen. Die erste Lektion meines
selbst entworfenen Crash-Kurses „Hochschulpolitik für Dummies“ lautet Institutionen-Kunde. Ich beginne im world wide
web und in den Tiefen der Uni-Homepage zu stöbern und stoße
auf unglaublich wichtig klingende Namen wie Akademischer Senat, Studierendenrat, Fachbereichsrat – was es alles gibt?!
Die zweite Crash-Kurs-Lektion: aktuelle Themen in den Gremien. Ich merke schnell, dass die richtig aufwendige und mühsame
Recherche-Arbeit erst jetzt losgeht. Und dann sitze ich da, Stunden über Stunden, durchforste das Internet, lade Tagesordnungen herunter, wälze Protokolle und Drucksachen in astreinem
Bürokraten-Deutsch, versuche Entscheidungsprozesse nachzuvollziehen, notiere Sitzungstermine und trage mich in diverse
Mail-Verteiler ein. Davon mal abgesehen, dass ich nebenbei
auch noch studiere. Mir wird klar, warum sich kaum einer mit
diesen Themen beschäftigt und wenn, wohl nur mit Ausschnitten davon. Da entsteht eine Datenflut, die alleine kaum zu be-
Resignation, Gleichgültigkeit und
vor allem Desinteresse - diese Vokabeln beherrschen die Stimmung,
wenn es um Hochschulpolitik geht.
wältigen ist. Und ich muss zugeben, der Spaßfaktor hält sich
bislang in Grenzen.
Umso gespannter bin ich auf die ersten Termine: Hochschulpolitik live und in Farbe! Das entschädigt hoffentlich für die
mühsame PC-Recherche. Als Erstes steht die Sitzung des studentischen Parlaments auf dem Programm. Ein wenig nervös mache
ich mich auf den Weg ins SFG. In einem einfachen Seminarraum tagt das Gremium mit dem klangvollen Namen Studierendenrat (SR). Überpünktlich betrete ich den Raum und werde
sogleich kritisch beäugt. War die schon mal hier? Ist die sicher,
dass sie hier richtig ist? Hat sie sich im Raum geirrt? Fragen
über Fragen in den Blicken der bereits Anwesenden. Nachdem
der erste Schock vorüber ist, wendet man sich wieder den abgebrochenen Gesprächen zu. Ich versuche, ein wenig zu lauschen,
um festzustellen, ob ich gerade Zeuge gelebter Hochschulpolitik
werde. Und tatsächlich, wie die ganz Großen tauscht man sich
über Sitzungsergebnisse aus, klopft gegensätzliche Positionen ab
und der neueste Tratsch darf natürlich auch nicht fehlen. Die
Herr- und Damenschaften stehen dem Bundestag wirklich in
Hochschulpolitik
nichts nach. Allein die Zeugen in Form von Kamerateams und
Fotografen sind nicht zur Stelle und in Krawatte und Anzug
taucht hier auch keiner auf, da macht sich dann doch eher studentisches Flair breit.
Eben noch auf der Gästeliste verewigt (das war es dann mit dem
Inkognito-Besuch), geht wie aus dem Nichts die Sitzung los.
Das hatte ich anders erwartet. Ich hatte mir vorgestellt, dass der
SR-Präsident alle begrüßt und die Beschlussfähigkeit des Gremiums feststellt, indem er beispielsweise die einzelnen Listen
nennt und die wiederum bei Anwesenheit per Handzeichen antworten. Nach einer schon fast vollendeten
Legislaturperiode ist das aber wahrscheinlich nicht mehr notwendig – man kennt
sich. Auch die übrigen Gäste scheinen alte
Bekannte zu sein. Gut, dass ich vorbereitet
bin. Ich hatte die Zusammensetzung des
SR überflogen, und da die einzelnen Fraktionen tiefe Gräben in Form von nicht besetzten Stühlen zwischen sich frei gelassen
haben, kann sich auch der Parlamentsneuling nach ein paar Redebeiträgen die Listenzugehörigkeiten erschließen.
Auf die erste Ernüchterung folgt allerdings
schnell die nächste: Manche Redebeiträge
können schon rein akustisch gar nicht zu
mir durchdringen. Grund dafür ist, dass
ein Teil des Gremiums mit dem Rücken
zum Publikum sitzt und die Beiträge infolgedessen bis auf ein paar lautstarke
Ausnahmen nur einen undurchsichtigen,
genuschelten Klangbrei ergeben. Aber mit
der Zeit gewöhnt man sich auch daran.
Dann steht ja der Konzentration auf die
Inhalte nichts mehr im Wege: Zu Beginn
hat der Laie den Eindruck, dass das Gremium sich unverhältnismäßig lange mit Kleinigkeiten beschäftigt. Erst im Laufe der
Sitzung wird es konkreter. Vor allem der Bericht vom studentischen Vertreter im Verwaltungsrat des Studentenwerks ist äußerst interessant. Da tauchen dann auf einmal so lebensnahe
Themen wie die Preiserhöhung des Semestertickets, das vegane Essensangebot in der Mensa oder die geplante Einführung
von Kulturtickets für Studenten auf. Und die Debatte über den
Haushalt mag zwar etwas dröge erscheinen, aber das Volumen
ist nicht unerheblich. Davon mal abgesehen, dass es um nicht
weniger als die Verwendung von unserem Geld geht: Hier wird
über den Teil des Semesterbeitrages entschieden, der an den
AStA fließt. Der Besuch einer SR-Sitzung kann sich also durchaus lohnen, man muss es ja nicht gleich zum monatlichen Hobby erklären. Außerdem sind Zeitpunkt und Dauer der Sitzung
noch recht human - montags 18 bis etwa 20 Uhr ist zu schaffen.
Doch dass es auch anders geht, erfahre ich zwei Tage später.
Der nächste Termin steht in meinem Kalender: Auch der Akademische Senat (AS) soll gehört werden. Der Zeitpunkt spielt
schon in einer anderen Liga – mittwochs 8:30 Uhr. Der richtige
Schock kommt aber erst noch, ich rechne mit rund zwei Stunden Sitzung, ähnlich wie beim SR. Falsch gedacht: 13 Uhr steht
als prognostiziertes Ende der Sitzung auf der Tagesordnung! Da
muss ich erstmal schlucken. Doch mein Gewissen erinnert mich
an meinen Selbstversuch, also Augen zu und durch!
Ich betrete noch etwas schläfrig, aber wieder mal überpünktlich den Raum 3009 im GW 2 und staune erstmal. Hier geht
das ganze Prozedere schon professioneller vonstatten. An allen
Tischen sind Mikrofone aufgestellt, der Beamer läuft schon auf
Hochtouren, Getränke stehen bereit, Kopien der Tagesordnung
und der diversen Anträge werden ausgelegt und auch einen Fotografen habe ich schon gesichtet. Nach und nach trudeln die
wichtigen Leute in Jackett und Krawatte, mit der Aktentasche
unter dem Arm ein. Ich beobachte das Treiben: Man begrüßt
sich, klopft sich auf die Schulter – Smalltalk und Networking
wie aus dem Lehrbuch. Andere studieren die Tagesordnung
oder hauen schwer beschäftigt bis kurz vor Sitzungsbeginn in
ihre Laptop-Tasten. Etwas verspätet eröffnet der Vorsitzende
dann die Sitzung. Zu Beginn muss man viel Kleinkram über
sich ergehen lassen: Die Tagesordnung muss genehmigt werden,
7
Hochschulpolitik
die Protokolle der vorherigen Sitzungen ebenfalls. Es folgen Berichte von allerhand wichtigen Leuten und die eine oder andere
Debatte.
In der Pause ist Zeit für ein erstes Fazit: Ich muss feststellen, dass
man als studentischer Vertreter hier einen sehr schweren Stand
hat. Man wird belächelt, das Wort wird abgeschnitten, die Meldung wird rein zufällig übersehen oder es wird taktisch geschickt
die Rednerliste geschlossen. Überhaupt ist das Geschehen von
Strategie und Taktik geprägt. Kunstvoll würfelt der Vorsitzende
die Tagesordnung durcheinander, immer gut begründet durch
den Zeitverzug. Ich denke mir zunächst nichts Böses dabei – im
Gegenteil: Man könnte fast anerkennend erwähnen, wie flexibel
er mit der neuen Situation umgeht; aber irgendwann erscheint
mir das Ganze doch äußerst berechnend eingefädelt.
Gegen Ende der Sitzung wird es dann noch richtig hitzig: Ein
Blick auf die Tagesordnung zeigt, es gibt ein für die Studenten
besonders interessantes Thema – die Verabschiedung der Satzung zum Nationalen Stipendienprogramm. Laut Plan sollte der
Punkt ungefähr in der Mitte der Sitzung besprochen werden,
mittlerweile hat der Vorsitzende aber so lange taktiert, bis das
Thema an die letzte Stelle der Tagesordnung gerückt ist. Angesichts der offensichtlich bestehenden Kontroverse und der voran geschrittenen Zeit droht er auf einmal damit, die Satzung
per Eilentscheidung durch zuwinken, sollte der Senat sich nicht
zu einer Zustimmung durchringen können. So macht man das
also: Wenn das Gremium nicht zustimmt, dann entscheidet der
Vorsitzende eben alleine. Ich lerne hier wirklich etwas fürs Leben. Nur dem energischen Einschreiten eines Professors ist es
8
zu verdanken, dass nun doch vorher noch eine Arbeitsgruppe
zusammenkommt und den Entwurf überarbeiten darf.
Den Sitzungsraum verlasse ich mit gemischten Gefühlen. Ein
wenig Resignation macht sich breit: Mit drei studentischen
Vertretern in einem 22 Sitze umfassenden Gremium (eigentlich
vier: das Linke-Listen-Bündnis hat Anspruch auf einen Sitz,
boykottiert aber den AS) kann man nicht wirklich viel ausrichten. Auf der anderen Seite war es durchaus ein Gewinn, Zeuge
dieser turbulenten Sitzung gewesen zu sein.
Und dann nimmt die Geschichte um das Stipendienprogramm
sogar noch einen positiven Verlauf: Entgegen den Erwartungen
der studentischen Vertreter läuft das nachfolgende Treffen äußerst fair und produktiv ab.
Die anwesenden AfA- und Campus-GrünMitglieder konnten wichtige Teile ihrer Forderungen umsetzen. Vor allem die angenehme
Atmosphäre wurde lobend hervorgehoben.
Das Studenten-Herz stellt fest, es ist doch
nicht alles aussichtslos. Der Aufwand hat sich
gelohnt, man kann doch etwas bewirken.
Nun ist es Zeit, ein Resümee zu ziehen: Was
hat der Selbstversuch gezeigt? Was hat sich
verändert? Ich bin vor allem müde. Es handelt
sich schon um ein äußerst zeitintensives „Hobby“, das kann man nicht bestreiten. Stundenlange Sitzungen, viele Termine, aufwendige
Recherche – das könnte man wirklich hauptberuflich machen!
Und genau deshalb machen wir den „Scheinwerfer“ für euch. Wir bereiten für euch die Informationen lesbar auf und ihr könnt bequem
vom Sofa aus am hochschulpolitischen Leben
teilhaben.
Trotz alledem sollte jeder Student auch mal „live“ an solch einer
Sitzung teilgenommen haben. Man kann über die Machtverhältnisse und die Streitkultur solcher Gremien eine Menge lernen.
Hinzu kommt, dass sich gerade im AS die wenigen studentischen Vertreter über Unterstützung in Gestalt zahlreicher Zuhörer bestimmt freuen würden. Ich bin überzeugt, dass eine stärkere studentische Präsenz im Publikum viel bewirken könnte.
Schon allein, um zu demonstrieren, dass wir die größte Gruppe
an der Universität sind.
Übrigens, die nächste Sitzung des Akademischen Senats findet
am 18. Mai statt.
Text: Maike Kilian
Illustration: Fatima Yoldas
Hochschulpolitik
Wer die Wahl hat
Wieder treten dieses Jahr etliche politische Listen für die Gremienwahlen an. Welchen Kurs die
Hochschulpolitik künftig fährt, entscheiden die Studenten ab dem 23. Mai. Eine Übersicht der Listen
G
anz gleich, ob in der Mensa, der Caféte oder mitten auf
dem Campusboulevard – bunte Zettelchen und Plakate, wohin man schaut. Meist nur einmal im Jahr – zur
Wahl des neuen Studierendenrates – verändert sich jedoch das
sonst relativ ausgewogene Werben zwischen Politik und Feierei.
Um in dem Zettelchaos ein wenig Überblick zu verschaffen, hat
der „Scheinwerfer“ im Gespräch mit Vertretern einiger politischer Listen an der Uni Bremen deren Ziele und Forderungen
zusammengetragen. Leider standen nicht alle Listen für ein Gespräch bereit.
AfA – AStA für Alle
Bei AfA handelt es sich nach eigener Bezeichnung um eine linke Bündnisliste, deren Gründungsabsicht die Bündelung der
Kräfte und Interessen des linken Spektrums war, um mehr an
einem Strang zu ziehen. Die Liste ist sowohl organisatorisch als
auch finanziell unabhängig und offen für alle, die konstruktiv
arbeiten wollen. Stefan Weger (24), Politikstudent und Sprecher
der Liste, erklärt, dass es durchaus eine traditionelle Verbindung
mit den Arbeiterbewegungen gebe. Dies erklärt das Engagement
einzelner Mitglieder in anderen Verbänden oder Vereinigungen.
Konkret setzt sich AfA als Hochschulliste gegen Benachteiligungen ein und versucht, Barrieren zu überwinden. Ganz besonders
präsent wird dies zum Beispiel im neu gegründeten Referat für
Soziales, in dem der Fokus auf der Verbesserung des Studiums
mit Kind sowie des Studiums mit Behinderung liegt. Bei der
Arbeit im SR beschäftigt sich die Liste darüber hinaus mit der
Etablierung einer neuen Finanzordnung, die einen Schritt zu
mehr Transparenz darstellt, mit dem Kampf gegen das Nationale Stipendienprogramm als reine Elitenförderung, mit der Stiftungsprofessur der Familie Fuchs, die die Rüstungsforschung
an die Universität gebracht hat, sowie mit der Förderung von
Hochschulgruppen, die sich nun nur mit bestimmten Kriterien
als solche anerkennen lassen können. Außerhalb des SR ist AfA
der Initiator des Campuskinos, in dem es Studierenden ermöglicht wird, gegen eine Aufwandsentschädigung von einem Euro
mit Freunden und Mitstudierenden Filme auf Leinwandformat
zu schauen. Um die Studenten stetig über Hochschulpolitik zu
informieren, gibt AfA regelmäßig den Cafeten-Kurier raus.
WARUM AfA wählen?
Laut Weger steht AfA für eine verantwortliche Selbstverwaltung.
Wer AfA wähle, der wähle eine Liste, der es darum geht, studentische Interessen durchzusetzen. Das Ziel sei, so beendet er seine
Ausführung, ein humanes Studium.
Bei der Frage der Forderungen wird Weger sehr konkret und
erläutert einen strukturierten Forderungskatalog. Unter den
Stichpunkten „soziale Uni“, „demokratische Uni“ und „ökologische Uni“ stehen diverse Vorschläge. Eine soziale Uni bedeute für AfA, Benachteiligungen zu verhindern, Diskriminierung
und Ausgrenzung zu unterbinden und eine gerechte Studien-
finanzierung zu ermöglichen. Demokratischer werde eine Universität, wenn studentische Mitbestimmung verstärkt wird, zum
Beispiel durch die Drittelparität in Gremien wie dem Akademischen Senat, wo die Studenten deutlich unterrepräsentiert seien.
Weiterhin gehe es um eine Förderung der Transparenz, was man
mit der neu eingebrachten Finanzordnung schon teilweise umgesetzt habe. Zuletzt stehe das Konzept der ökologischen Universität. Hierbei fordere man, Mittel und Wege zu finden, den
Müll- sowie Energieverbrauch zu senken.
Die großen Themen ergänzend, geht es beim Stichwort Studierbarkeit darum, das Studium sozialverträglich zu gestalten und
beispielsweise vermehrt gegen die Raumnot anzugehen. Andere
konkrete Maßnahmen wie der Ausbau vegetarischer und veganer
Essensangebote, aber auch allgemein die Förderung von Kultur
fließen zuletzt mit in den Forderungskatalog ein.
Antirassistische Liste
Leider stand diese Liste für ein Gespräch mit dem Scheinwerfer
nicht zur Verfügung.
BaLi – Basisdemokratische Linke
Die Basisdemokratische Linke wird zur kommenden Wahl antreten und bittet um den Abdruck folgenden Statements:
„Die Liste Basisdemokratische Linke (BaLi) hat kein Interesse
daran, hier mit ins „demokratische Horn“ zu stoßen – schon gar
nicht, wenn auch rechte Listen zu Wort kommen.“
Campusgrün Bei Campusgrün (CG) handelt es sich um einen bundesweit
agierenden Hochschulgruppenverband, dessen Landesverband
für Bremen erst vor wenigen Jahren gegründet wurde. Gründungsmitglieder waren damals Mitglieder der Liste „AStA für
Alle“ (AfA), die zur Hervorhebung von sozialen und ökologischen Aspekten eine neue Liste ins Leben riefen. Heutzutage
präsentiert sie sich als parteiunabhängiger und grünalternativer
Landesverband mit linker Positionierung.
9
Hochschulpolitik
eine große Rolle. Um den freiwilligen Einsatz zu fördern, plädiert Campusgrün auch dafür, Credit Points für ehrenamtliches
Engagement zu vergeben. Dies solle die Studierenden motivieren und den Zeitverlust ausgleichen, der automatisch entsteht.
LaD.i.y. Liberty
Die Liste wird zur kommenden SR-Wahl antreten, verzichtet
aber aus Zeitgründen auf ein Interview. Man sei mit der Organisation von Aktionen im Bereich Antiatomkraft, Antirassismus
und anderem Nichthochschulpolitischen derzeit ausgelastet.
„Mitmachen statt zugucken“, lautet das Motto der Listensprecherin Sara Dahnken (25). Damit trifft sie eine der Vorstellungen von Campusgrün im Kern, nämlich das Begreifen der
Universität als Lebensraum. Dafür setzen sich die Mitglieder
der Liste sowohl im SR als auch im AS aktiv ein und stellen
zusammen mit AfA den aktuellen AStA. Insgesamt steht hinter
Campusgrün eine breite Basis, die sich sowohl in den inneruniversitären Gremien sowie in der Alltagswelt der Studierenden
gefestigt hat. Großes Engagement zeigt die Hochschulgruppe
zurzeit in den Bereichen Fairtrade-Kaffee, Gleichstellung sowie
bei der Schaffung von transparenten Strukturen. Für die Zusammenarbeit mit anderen Hochschulgruppen, Gremien und dem
Rektorat gilt für Campusgrün der Slogan „Dialog statt Blockade“. „Man kann nur etwas erreichen, wenn man seine Ziele auch
bei jenen argumentativ vorbringt, die anderer Meinung sind“,
erklärt Dahnken für ihre Liste.
WARUM Campusgrün wählen?
Bei der Beantwortung dieser Frage betont Dahnken erneut die
breite Aktivität der Liste. Es gehe zum Einen um die Mitgestaltung des Campus und zum Anderen um die Förderung linker,
ökologischer und nachhaltiger Politik an der Universität. Dabei
sei es von zentraler Bedeutung, den Lebensraum Universität so
zu gestalten, dass auch spätere Generationen an diesem Ort vernünftig leben und studieren können. „Wir machen Politik für
heute und morgen!“
Inhaltlich setzt sich Campusgrün gegen Studiengebühren und
Begabtenförderung, die nur der Elite dient, ein und fordert, dass
Bildung generell jedem, unabhängig von finanziellem, kulturellem oder gesundheitlichem Hintergrund, zugänglich sein muss.
Außerdem will sich Campusgrün für die Optimierung der Vorlesungspläne einsetzen, um die Belastung der Studierenden zu
reduzieren. Dazu gehört auch der Aspekt der barrierefreien Universität. Um eine konkrete Idee handelt es sich beim Stichwort
„Fairtrade-Kiosk“, der im GW1 studentisch organisiert realisiert
werden soll. Um „Wohlfühlatmosphäre“ an der Uni zu schaffen,
hat CG den Wunsch, die freie Fläche hinter dem SFG nutzen
und gestalten zu wollen und die Fläche unterhalb der Treppen
im GW2 zu verschönern. Mit Blick auf die Ökologie und Nachhaltigkeit engagiert sich Campusgrün in der Prüfung der Möglichkeit, ein „Uni Solar Projekt“ an der Universität zu etablieren, wie es an anderen Unis bereits durchgeführt wird. Dabei
geht es um den Bau von Photovoltaikanlagen auf Unidächern.
Darüber hinaus spricht sich Campusgrün dafür aus, dass eine
Zivilklausel im Bremer Hochschulgesetz verankert wird, mit der
sich die Universität verpflichten würde, ausschließlich zivile,
nichtmilitärische Forschung zu betreiben. Weitere Themen sind
Sicherheit und Antidiskriminierung. Konkret wird dabei gefordert, eine Kriminalstatistik zu schaffen, um die Effektivität der
Videoüberwachung zu prüfen. Außerdem spielt Interkulturalität sowie der Wunsch, einen „Campus der Vielfalt“ zu schaffen,
10
LiSA – Liste der StudiengangsAktiven
LiSA wurde nach eigenen Angaben zu Zeiten des Uni-Streiks
2003/2004 gegründet. Hauptgrund damals war die dem AStA
vorgeworfene, fehlende Unterstützung im Streik. Nach Aussage
einiger Aktiver sei es dabei nicht um Posten und Positionen, sondern um die Betrachtung der und die Kritik an den bestehenden
Strukturen gegangen. Bei der als politisch links einzustufenden
Liste handelt es sich um einen breiten Zusammenschluss Studierender verschiedener Studiengänge und Fachbereiche. Dabei
ist LiSA basisdemokratisch organisiert, kritisch eingestellt und
unabhängig von Parteien. Deshalb wird betont, dass es sich bei
den Aktiven der Liste nicht um Parteikarrieristen handle.
In diesem Sinne werden auch die SR-Wahlen selbst sehr kritisch gesehen. LiSA kritisiert das bestehende parlamentarische
System und arbeitet nur zwangsweise innerhalb dieser Strukturen, soweit dies zur Zielerreichung von Nöten ist. Die derzeitige
Studierendenvertretung wird von LiSA als „Mitte-Rechts-AStA“
bezeichnet, zu dem die eigene Liste das Gegengewicht darstelle.
Insgesamt geht es LiSA darum, sich zu organisieren und allen
Studierenden die Möglichkeit zu geben, aktiv zu werden und
sich einzubringen. Es gehe um selbstständige Partizipation. An
der Universität an sich sei man gerade deshalb aktiv, da man als
Studierender viel Zeit an der Uni verbringe und diesen Lebensschwerpunkt selbst ausgestalten wolle.
LiSA stellte seit ihrer Gründung bis zum Jahre 2010 in einem
Bündnis linker Listen den AStA der Universität Bremen, den sogenannten „AStA der Projekte“. Damit verdeutlichten die Koalitionspartner, dass sie eine offene Anlaufstelle für die Studierenden sind, die Zusammenarbeit mit den Stugen verbessern wollen
und aufgrund der engen Spielräume an der Uni der außerparlamentarischen Politik einen großen Stellenwert zuschreibt. Denn
es wird kritisiert, dass die Studierenden in den Gremien kaum
Mitgestaltungsrecht hätten, obwohl sie die größte Statusgruppe
stellten. Speziell an der Universität hat die Liste eigene Seminare
und kulturelle Veranstaltungen organisiert.
WARUM LiSA wählen?
Wer einen linken parteiunabhängigen AStA haben wolle, der
solle LiSA wählen, heißt es von Seiten der Liste. Da LiSA sich
oft als radikale Opposition begreift, entsprechen auch viele der
folgenden Forderungen diesem Verständnis einer oppositionellen Rolle und der radikalen Kritik der herrschenden Verhältnisse.
Man fordert mehr Freiräume an der Universität, in denen sich
Studierende ohne große Mühe selbst organisieren und engagieren können. Weiterhin wird sich gegen jede Anwesenheitspflicht
ausgesprochen – auch in Seminaren. Die Abschaffung der Mittagspause wird noch immer kritisiert und bekämpft. Darüber
hinaus stellt sich LiSA gegen die Rüstungsforschung an der
Universität Bremen und fordert als Mindeststandard eine Zivilklausel. Das Maximalziel besteht für LiSA aber eigentlich in der
Festigung der Universität Bremen als Friedensuniversität, an der
gezielt Friedensforschung betrieben wird. Darüber hinaus wolle
man sich gegen die Überwachung und die zunehmende Datenspeicherung an der Universität einsetzen. Ein weiterer Bereich,
in dem man sich noch stärker aktiv zeigen würde, sei der Kampf
gegen die aus ihrer Sicht fortschreitende Ökonomisierung und
Kommerzialisierung der studentischen Lebenswelt. Besonders
zentral sehe man hier das Problem des Plakatierverbotes.
Erklärung:
Auf ausdrücklichen Wunsch von LiSA wird an dieser Stelle betont, dass man dem Abdruck dieser Darstellung nur „unter Vorbehalt aufgrund der kurzen Zeit“ zustimme. Dabei wird Bezug
genommen auf den Zeitraum zwischen Interviewanfrage und
Redaktionsschluss.
RCDS – Ring christlich demokratischer Studenten
1951 wurde in Bremen ein Landesverband des Rings christlich
demokratischer Studenten, kurz RCDS, gegründet und ist mit
Unterbrechungen nun seit etwa 30 Jahren aktiv. Er gehört damit
dem gleichnamigen bundesweit agierenden Studierendenverband an, der zwar kein direktes Organ der CDU ist, allerdings
enge Verflechtungen zur Jungen Union und der CDU aufweist.
Diese Verknüpfung hilft dem Studierendenverband, seine Interessen auch in der außeruniversitären Politik unterzubringen. An
der Universität Bremen versteht sich der RCDS als Korrektiv
linker Politik und ist der Auffassung, als einzige nicht linke Liste
sowohl jene Studierende zu vertreten, die sich mit ihm identifizieren, als auch jene, die sich von den übrigen Listen nicht
vertreten fühlen.
In der vergangenen Legislaturperiode verstand es der RCDS
als seine Aufgabe, den amtierenden AStA aus Campusgrün und AfA kritisch, aber
konstruktiv, zu begleiten. Aus
diesem Grund entschloss man
sich auch, den AStA in einigen
Bereichen zu unterstützen.
Von besonderer Bedeutung
sind dabei die Bereiche der
Finanzordnung und des Haushalts gewesen.
Außerhalb des SR betrachtet
der RCDS sich als Serviceanbieter. So erreicht man über
ihn eine Praktikumsbörse sowie eine Börse zum Studienplatztausch. Ein großer Teil der Arbeit außerhalb des SR fließt des Weiteren in die Information für
Studierende, dabei geht es unter anderem um Stipendien.
WARUM den RCDS wählen?
Helge Staff, Landessprecher des RCDS, unterstreicht, dass die
Gelder der Studierenden nicht rausgeworfen, sondern für mehr
Service eingesetzt werden sollten. Dafür brauche es eine „schlagkräftige Studierendenvertretung“, die „nicht für Ideologien und
Weltrevolution“, sondern für das Studium arbeite. Seine Aussage: „Wir machen den Unterschied.“
Die Forderungen zur kommenden Wahl fasst Staff in den zwei
Blöcken „Infrastruktur des Studiums“ sowie „Finanzen und
Haushalt“ zusammen. Darunter versteht er eine Effizienzsteigerung von PABO sowie studierendenfreundlichere Öffnungszeiten und Verwaltungsstrukturen des Prüfungsamtes. Weiterhin
spricht sich der RCDS für die Einführung einer Multifunktions-
Hochschulpolitik
karte (Campuscard) aus und fordert, dass es mehr Möglichkeiten
gebe, Anträge und Behördenspezifisches online zu erledigen.
Eine letzte Forderung bezieht sich auf die Vergabe von Credit
Points für ehrenamtliche Tätigkeiten. Nach Aussage von Staff sei
dies in einigen Studiengängen bereits etabliert und müsse ausgebaut werden. Im Bereich der Finanzen wünsche man sich eine
verstärkte Kooperation mit der Wirtschaft. Begründet wird dies
mit der notwendigen Organisation von Drittmitteln zur Verbesserung der Lehre und des Studiums. Des Weiteren spricht man
sich für die Einführung des Nationalen Stipendienprogramms
aus. Zuletzt müssten einige Strukturen, wie zum Beispiel Hochschulreferate, seiner Ansicht nach zumindest kritisch auf ihre Finanzierungslegitimation untersucht werden.
SDS – Sozialistischer Demokratischer Studierendenverband
Mit dem Ziel, die hochschulpolitische Lücke zwischen linken
Gruppen und radikalen Linken zu schließen, wurde im letzten Jahr
an der Uni Bremen der Sozialistisch
Demokratische Studierendenverband
(SDS) reaktiviert. Die Liste steht im
kritischen Austausch mit der Partei
DIE LINKE und möchte die genannte
Lücke mit einem sozialistischdemokratischen Selbstverständnis schließen.
Übergeordnetes Ziel ist das Schaffen
einer gerechteren, demokratischeren
und friedlicheren Gesellschaft.
Speziell an der Uni ist es das Ziel,
Wirtschaftsinteressen auf Lehr- und
Forschungsinhalte zurückzudrängen
und kritischen Wissenschaften wieder
mehr Raum zu geben, um die Menschen
mit den Problemen in unserer Welt zu
konfrontieren und auf die Gestaltung
einer gerechteren Welt vorzubereiten.
Warum SDS wählen?
Der SDS teilt sein aktuelles Programm für die Wahlen an der
Uni Bremen in die vier Bereiche „Mehr Mitbestimmung“, „Für
die Forschung“, „Studierendenfreundliche Bedingungen“ und
„Gleichberechtigung“ auf. Zu den zahlreichen Punkten aus den
vier Blöcken gehören die Abschaffung versteckter Studiengebühren,
Förderung des vegetarischen Angebots in der Mensa, mehr
Schutz für außereuropäische Studierende, ein Ende aller
Zulassungsbeschränkungen für die Studiengänge, tragfähige und
studierendenfreundliche Konzepte für die zu erwartenden steigenden
Immatrikulationszahlen durch den doppelten Abiturjahrgang sowie
ein klares Bekenntnis zu einer Zivilklausel und ein deutliches Nein
zum Thema Tierversuche.
Text: Björn Knutzen
Illustration: Fatima Yoldas
11
Hochschulpolitik
Drei Kreuze für deine Uni
Die Legislaturperiode an der Uni Bremen geht zu Ende und im Mai stehen die Uni-Wahlen an.
Der ScheinWerfer erläutert den Ablauf der Wahl und stellt die drei zu wählenden Gremien vor.
Die kleine aber markante Wahlkabine fällt inmitten der Mensa besonders auf, zumal in fünf Metern Umkreis kein einziges
Wahlplakat hängt. Student Max Mustermann stellt sein Tablett nach dem Mittagessen mit seinen Kommilitonen auf das
Laufband und geht gezielt auf den Kasten zu. Nachdem er seinen Studentenausweis unter eine Schwarzlichtlampe gehalten
hat, gibt ihm die Wahlhelferin seine Unterlagen. Daraufhin
verschwindet Mustermann hinter dem klapprigen Sichtschutz.
Man hört Papier rascheln, dann das Scratchen eines Kulis. Wenig später kommt der
junge Wähler mit zufriedenem Gesichtsausdruck wieder hervor. Nachdem die
Wahlhelferin seinen Studentenausweis abgestempelt hat, wirft er seinen Umschlag
schwungvoll in die Wahlurne. Dann geht
er wieder seines Weges in die laue Bremer
Sommerluft. So einfach ist das, was bald
auch an der Bremer Universität wieder
ansteht.
Denn vom 23. bis 27. Mai finden an der
Uni die alljährlichen Wahlen statt. Gut
zu merken, denn am Sonntag davor wird
in Bremen die Bürgerschaft gewählt. Die
ganze Woche lang besteht die Möglichkeit, an verschiedenen Wahlstationen seine Kreuzchen zu machen. Zu bestimmten
Zeiten ist das unter anderem in der Mensa und der Glashalle möglich. Eine komplette Liste der Wahlstationen und deren
Öffnungszeiten findet sich unter http://
sr.uni-bremen.de/w/images/9/96/2011Wahlausschreibung.pdf. Wer keine Zeit
hat, kann alternativ bis zum 22. Mai einen Antrag auf Briefwahl und bis zum 25.
Mai einen Antrag auf Zusendung der benötigten Unterlagen bei der Wahlkommission stellen.
Zur jährlichen Wahl der 25 Mitglieder des Studierendenrates
(SR) sind alle zurzeit immatrikulierten, circa 19.000 Studenten
der 124 verschiedenen Studiengänge der Uni Bremen durch Vorlegen ihres Studienausweises berechtigt. Der Wahlausweis, den
jeder Student am Anfang eines Semesters zugesandt bekommt,
wird in diesem Jahr nicht mehr benötigt. Stattdessen wird der
Studentenausweis mit einem Schwarzlicht-Stempel markiert.
Als Studentenparlament entscheidet der SR unter anderem über
den studentischen Haushalt, das Semesterticket sowie zahlreiche
andere studierendenrelevante Themen.
12
Bei der Wahl im vergangenen Jahr hat die gemeinsame Liste
von Campusgrün und AfA (AStA für Alle) elf der 25 zu vergebenden Plätze im Studierendenrat erhalten. Sie ist damit die
stärkste Fraktion des Studierendenrates und stellt den AStA sowie den Präsidenten des Gremiums, Sebastian Vogt. In ihren
Entscheidungen wird diese Koalition vom Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) unterstützt und erhält somit
ihre Mehrheiten im Rat. Die restlichen zwölf Sitze gingen an
verschiedene Linke Listen, die stärkste aus diesem Lager ist die
„Liste der in den Studiengängen Aktiven“, kurz LiSA, mit sechs
Abgeordneten. Insgesamt sind acht verschiedene Listen im SR
vertreten.
In der konstituierenden Sitzung des Studierendenrates wird der
bereits erwähnte Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) gewählt. Dieser besteht aus einem dreiköpfigen Vorstand sowie
den AStA-Referenten für verschiedene Fachbereiche, in denen
sich die Mitglieder dieses Ausschusses in Form von politischer
Bildung und Beratung engagieren oder als Ansprechpartner für
Hochschulpolitik
Studenten oder auch Personen außerhalb der Uni bereit stehen.
Darüber hinaus stellt der AStA die Verknüpfung zu den Studiengangsaktiven dar.
Liste oder dem Einzelbewerber ihrer Wahl. Nach dem Prinzip
der personalisierten Verhältniswahl werden zunächst den Listen
und Einzelbewerbern Mandate zugeteilt. Die auf eine Liste entfallenden Sitze werden dann an die jeweiligen Kandidaten in der
Reihenfolge ihrer Stimmzahlen vergeben. Bei gleicher Stimmzahl
entscheidet das Los. So werden nacheinander jeweils die 25 (SR),
vier (AS) beziehungsweise zwei (FBR) Sitze an die Studentenvertreter in den Gremien zugeteilt.
Wahlbeteiligung (in %)
Gleichzeitig zur Wahl des SR finden an der Uni weitere Gremienwahlen statt. Alle Studierenden haben die Möglichkeit, ihre
Stimme für die vier studentischen Vertreter im Akademischen
Senat (AS) abzugeben. Dieser besteht aus insgesamt 22 Personen, aufgeteilt in
Beteiligung bei der Wahl zum Studierendenrat (SR)
sieben ProfessoAm Freitag, den 27.
ren, fünf Dekane,
Mai, erfolgt öffentvier Akademische
lich die erste von
Mitarbeiter, vier
zwei Auszählungen
Studenten sowie
und die vorläufizwei
Sonstige
ge Bekanntgabe der
Mitarbeiter. Zu
Wahlergebnisse. Falls
den wichtigsten
die Wahlbeteiligung
Aufgaben des Sebei der SR-Wahl
nats gehören die
unter dem DurchWahl des Rekschnitt der letzten
tors, die in der
drei Jahre liegen sollkommenden Lete, werden die Wahgislaturperiode
len bis Dienstag, den
ansteht, sowie die
31. Mai verlängert.
Beschlussfassung
2010 lag die Wahlbeüber die Einrichteiligung bei circa 7,5
tung, Auflösung
Prozent. Es ist schwer
Sommersemester (1999 bis 2010)
oder Änderungen
zu sagen, wie demovon Studiengänkratisch das noch
gen und Fachbereichen. Den Vorsitz hat zurzeit Prof. Dr. Wilist. Glücklicherweise wird an der Bremer Uni aufgrund geringer
fried Müller, Rektor der Universität Bremen. Die vier studenWahlbeteiligung allerdings keine Streichung von Finanzmitteln
tischen Sitze sind aufgeteilt auf die Listen AfA, Campusgrün,
vorgenommen, wie dies an anderen Unis durchaus der Fall ist.
RCDS und LiSA, wobei letztere das Gremium boykottiert und
Eine höhere Wahlbeteiligung ist aber mehr als wünschenswert
seine Stimme nicht wahrnimmt.
und würde den Gremien mit einer breiteren Legitimationsbasis
Jeder der zwölf Fachbereiche wählt schließlich seinen eigenen
den Rücken stärken.
Fachbereichsrat (FBR), in dem jeweils zwei Studenten einer
großen Anzahl anderer Mitglieder gegenüber sitzen. Die Anzahl
Für weitere Informationen stehen die Wahlleiter unter srwahl@
variiert dabei zwischen sechs (FB Jura) und elf (alle anderen
uni-bremen.de beziehungsweise ibruening@uni-bremen.de zur
Fachbereiche) anderen Mitgliedern. Studenten, die an mehreren
Verfügung.
Fachbereichen studieren, dürfen bei den Fachbereichswahlen
nur für ihr Hauptfach eine Stimme abgeben. Themen in diesen
Räten sind die Studiengänge betreffende Aspekte wie zum Beispiel die Änderung von Prüfungsordnungen oder die Besetzung
von neuen Professorenstellen.
Auf dem jeweiligen Wahlzettel machen die Wahlberechtigten
für eine gültige Stimme jeweils ein Kreuz bei der Person einer
Text: Fabian Nitschmann, Sylvana Lange
Grafiken: Lisa Mertens
Quellen: AStA, Finanzcontrolling der Uni Bremen
13
Hochschulpolitik
Ein Jahr neuer AStA - eine Bilanz
Die Minderheitskoalition aus Campusgrün und AStA für Alle steht für parlamentarische
Arbeit anstatt außerparlamentarischer Opposition
B
ei jeder Wahl gibt es zwei Fragen, die sich die Wählenden
unweigerlich stellen sollten.
Erstens gilt es herauszufinden, was eine politische Partei,
eine hochschulpolitische Liste oder ein Bewerber um ein Amt
nach einer Wahl zu tun gedenkt. Die zweite Frage aber betrifft
die derzeit Regierenden: Was haben die Amtierenden erreicht,
wie zufrieden ist man mit ihrer Arbeit?
In der Legislaturperiode 2010/2011 wurde der AStA von einer
Koalition aus Campusgrün (CG) und AStA für Alle (AfA) gestellt. In Bezug auf die bevorstehende Wahl lohnt es, sich ihre
Programme, ihre Ziele und das, was wirklich umgesetzt wurde
noch einmal anzuschauen. Nach einer sehr kurzen Einordnung
des politischen Verständnisses der Akteure der derzeitigen und
der vorigen Legislaturperiode wird es zuerst dem amtierenden
AStA ermöglicht, Stellung zum letzten Jahr zu beziehen. Daraufhin kommt die Opposition zu Wort und erklärt, was als positiv beziehungsweise negativ zu bewerten sei. Am Ende soll eine
konkrete Bilanz stehen, die sich dem letzten Jahr noch einmal
aus der Beobachterperspektive zuwendet. Mit einem Kommentar des Autors wird die Bilanz dann geschlossen.
Ein neuer AStA – Ein neuer Stil
Bevor CG und AfA im letzten Jahr in ausreichender Stärke in
den Studierendenrat (SR) einzogen und durch Unterstützung
des RCDS den AStA stellten, regierte lange Zeit ein Bündnis
linker Listen (LiLi). Die Koalitionen zeichnen sich dabei durch
zwei Aspekte aus: ein in vielen Punkten radikal unterschiedliches Selbstverständnis sowie ein recht unterschiedliches politisches Handeln. Der damalige AStA verstand sich stets als „AStA
der Projekte“, was nicht weniger heißen sollte als Selbstorganisation der Studierenden beziehungsweise jenen unter ihnen, die
an (politischen) Aktionen interessiert gewesen wären. Es ging
darum, Strukturen zu schaffen und nutzbar zu machen, weniger um politisches Handeln als Interessenvertretung. Vertreten
könne sich nur jeder selbst, war eines der Kernargumente eines
AStAs, der das parlamentarische System sowie Wahlen im parlamentarischen Sinne kritisierte. An Wahlen wurde hauptsächlich
teilgenommen, um Strukturen zu schaffen und zu erhalten, die
den Studierenden die Möglichkeit bieten sollten, sich selbst zu
vertreten. So gesehen bestand die einstige Koalition zu einem
großen Teil aus Personen, die ein deutlich außerparlamentarisches Verständnis von Demokratie eint.
In der letzten Legislaturperiode erfolgte dann ein Stilbruch. CG
und AfA sind Befürworter des parlamentarischen Systems und
machten schon vor den Wahlen deutlich, dass sie die Möglichkeit wahrnehmen wollten, die Studierenden aktiv zu vertreten.
14
Das bedeutete eine aktive Arbeit im SR und das Bestreben, Ziele umzusetzen, mit denen die Studierenden unterstützt werden
können. Auf der einen Seite handelt es sich also um eine Koalition politischer Akteure, die zumindest dort, wo es ihnen nicht
anders möglich erscheint, fernab von Räten und Gremien, eine
außerparlamentarischer Politik betrieben hat, die nicht selten als
Protest empfunden wurde und wird und auch so gedacht war.
Auf der anderen Seite handelt es sich um eine Koalition politisch
arbeitender Personen, die die bestehenden Strukturen, die den
Studierenden zur Interessenartikulation und –vertretung gegeben sind, voll ausnutzen wollen und Politik im SR statt draußen auf dem Boulevard oder der Straße betreiben möchten - ein
neuer Stil.
Was wurde geschafft?
Auf die Frage, was der amtierende AStA geschafft habe und welchen Anteil AfA daran trage, antwortete Stefan Weger, Listensprecher von AfA, ohne Umschweife. Man habe „den Kahn aus
dem Dreck gehievt“, erklärt er mit Verweis darauf, dass der frühere AStA des Linkslistenbündnisses den AStA „kaputtgewirtschaftet“ habe. Dabei betont er, dass es dank AfA mittlerweile
zumindest wieder eine ordentliche Finanzordnung gebe.
Über die Zusammenarbeit mit dem RCDS, die für den Minderheiten-AStA aus AfA und CG nötig geworden war, urteilt
Weger, dass es „eine funktionale Zusammenarbeit“ gewesen sei.
Und auch wenn diese Zusammenarbeit funktioniert und durchaus Positives mit auf den Weg gebracht habe, so sei doch das
Ziel, in der nächsten Legislaturperiode ohne den RCDS zu regieren. Weger betont an dieser Stelle sehr ernst, dass eine Zu-
Hochschulpolitik
sammenarbeit mit dem immerhin konstruktiv mitarbeitenden
RCDS schon deshalb nötig geworden sei, weil man über den
früheren AStA frustriert gewesen wäre. Und um diesen und
dessen Misswirtschaft abzulösen, habe es einen neuen AStA gebraucht, der jedoch nur unter Beteiligung des RCDS möglich
gewesen sei, da die übrigen Listen sich gegen eine Kooperation
entschlossen hätten.
Die Zusammenarbeit zu CG wird ebenso sachlich, aber freundlicher dargestellt. Sicher habe man nicht überall immer das Glei-
bieten, aber kein Geld an Projekte zu verschwenden, die diese
Kriterien dabei nicht erfüllen. Diese Kriterien seien transparent
und konkret gehalten. Eine Koalition mit AfA werde jedenfalls
erneut angestrebt, um die positive Richtung fortzusetzen.
Beide Listen, AfA und CG, erklärten auf Nachfrage des Scheinwerfers zur Arbeitsbelastung auch, dass es doch einige Zeit in
Anspruch nimmt, im AStA aktiv zu sein. Dies hänge natürlich
davon ab, wie sehr man sich engagiere. Dahnken führt aber
noch aus, dass eine hohe Belastung zu Beginn der letzten Legislaturperiode auch davon ausgehe, dass man sich erstmal habe
einarbeiten müssen, weil eine ordentliche Übergabe, wie Weger
auch erklärt, nicht stattgefunden habe.
Welche Ziele wurden nicht erreicht?
che gewollt beziehungsweise direkt zueinander gefunden, eine
Koalition gehe man aber gern wieder ein, da man gemeinsam
vieles habe verwirklichen können. Trotzdem verdeutlicht Weger
nochmal die Einstellung des AfA, indem er hervorhebt, man
wolle mit jedem reden, der konstruktiv und themenbezogen zusammenarbeiten könne. Das Fehlen dieser Bereitschaft wird einigen Listen der Opposition unterstellt, die selbst bei Anträgen,
die ihren eigenen Zielen entsprächen, aus Prinzip ihre Unterstützung verweigert hätten.
Auch CG zieht eine eher positive Bilanz. Das Motto „Dialog
statt Blockade“ habe sich im Umgang mit dem Rektorat, den
Gremien und den Stugen bewährt, wie Sara Dahnken, Sprecherin bei CG, erklärt. Auch der Kontakt zu den Studierendenvertretungen anderer Hochschulen sei angestoßen worden, müsse
aber noch vertieft werden. Hervorgehoben wird, dass man mehr
Transparenz geschaffen und die offizielle Homepage des Bremer AStA’s überarbeitet habe und sie aktuell halte. Bei weiteren
konkreten Themen werden die gute Zusammenarbeit mit AfA,
aber auch die eigenen Einflüsse betont. Man habe dafür gesorgt,
dass zumindest ein Aufbaukurs im Fremdsprachenzentrum vergünstigt worden sei. Campusgrün sei auch stark daran beteiligt,
den Ausbau des vegetarischen und veganen Essensangebotes in
der Mensa zu fördern. Gemeinsam mit AfA habe man endlich
konkrete Kriterien zur Förderung von Hochschulgruppen festgesetzt, um Unterstützung für z.B. Amnesty International zu
Es dürfte nachvollziehbar sein, dass man nicht gern über unerreichte Ziele spricht. Dennoch sind einige selbstkritische Punkte
aus den Interviews mit AfA und CG deutlich geworden.
Weger erklärt hier, es hätten vielleicht nicht immer alle Listenmitglieder auch ihren vollen Einsatz gezeigt, sagt aber generell,
dass die gemeinsame Arbeit gut verlief. Dahnken ist da etwas offener und zeigt sich bedrückt darüber, dass nur die Aufbaukurse
im Fremdsprachenzentrum vergünstigt seien. So müsse das Ziel
bleiben, auch die Preise der Einführungskurse zu prüfen, zumal
an anderen Universitäten oft bessere Bedingungen herrschten.
Auch sei man noch unzufrieden mit der finanziellen Situation
zwischen Bremen und der Universität und setze sich weiterhin
dafür ein, dass finanziell zumindest ein Status Quo gehalten
werden könne, um die Lehre nicht zu gefährden. Zuletzt habe
man vor der Wahl das Ziel gehabt, das ökologische Bewusstsein
unter den Studierenden zu steigern. Dies sei noch nicht zur Zufriedenheit gelungen und solle sowohl in der Arbeit auf dem
Campus als auch im AStA selbst verstärkt werden.
Stimmen aus der Opposition
Naturgemäß hat die Opposition einen teilweise ganz anderen
Blickwinkel auf die letzte Legislaturperiode. Deshalb kommen
hier sowohl LiSA zu Wort wie auch der RCDS. Letzterer unterstützt zwar den amtierenden AStA und hat ihn als Minderheiten-AStA ermöglicht, generell gibt es aber doch deutliche Unterschiede zwischen den Listen. LiSA kritisiert als Erstes genau
diesen Punkt und bezeichnet den derzeitigen AStA als „MitteRechts-AStA“. Es wird den Mitgliedern der regierenden Liste
unterstellt, man sei nur auf Stimmenfang und wolle Posten ergattern. „Es sei“, so ein Aktiver, „nicht viel passiert.“ Vieles sei
wichtiger als eine neue Finanzordnung, beispielsweise praktische
Politik man hätte sich beispielsweise eher für Demonstrationen
engagieren sollen. Außerdem erklärt man, der amtierende AStA
habe sich früher aus der Opposition nach Eigenaussage am damaligen AStA abgearbeitet. Dieser soll Verschwendung finanzi15
Hochschulpolitik
eller Mittel betrieben haben. Nun, so der Vorwurf, werde Gleiches vom derzeitigen AStA getan, indem aus ihrer Sicht unnötige Projekte finanziert würden, andere, viel wichtigere, aber
nicht. Dazu gehört beispielsweise die Arbeitsgemeinschaft Hundebetreuung.
Was eine etwaige Zusammenarbeit mit AfA und CG betrifft,
wird betont, dass es verhärtete Fronten gebe und man beide
generell nicht als Bündnispartner betrachte, so lange sie nach
rechts offen seien.
Dabei sei speziell die Kooperation mit dem RCDS gemeint. Zuletzt wird noch einmal das eigene Politikverständnis verdeutlicht
Kommentar: Wählen gehen!
Es ist in der letzten Legislaturperiode gewiss nicht alles
erreicht worden, aber es wäre auch vermessen und unrealistisch, solch eine Forderung zu stellen, wo dies aus der
Politik allgemein ein bekanntes Problem ist und vielfältige
Gründe hat.
Tatsache ist aber, dass AfA und CG viele ihrer Ziele erreicht
haben. Von den meisten Akteuren, wie dem Rektorat und
einzelnen Stugen, wird ihnen eine konstruktive Haltung
attestiert.
Bei der Frage, wer den AStA stellen soll, gibt es sicher einiges, was in Betracht zu ziehen wäre. Die Frage hier müsste
sein, wie viel man vom damaligen und vom aktuellen AStA
mitbekommen hat. Danach muss man sich darüber klarwerden, ob das, was man mitbekommen hat, konkrete und
konstruktive politische Inhalte oder aber Dinge gewesen
sind, die viele Studierende vielleicht nicht betreffen. Denn
das ist schließlich das stärkste Kriterium bei dieser Wahl:
Die Frage ist, wer sich am Besten für die Studierenden einsetzt. Wer dazu aus Sicht der Wählerinnen und Wähler am
Besten in der Lage ist, der hat die Stimmen verdient.
Das gänzlich falsche Mittel ist es allerdings, nicht zur Wahl
zu gehen: Es geht um die Verantwortung aller Studierenden
und ihr Geld. Und auch wenn einige Studierende die Uni
nur als Durchgang und nicht als Lebensraum begreifen, so
sollte spätestens mit Blick auf die kommenden Studierenden
die Mitgestaltung an der Uni ein zentrales Interesse Vieler
sein. Der einfachste Weg dafür ist, zur Wahl zu gehen.
Text: Björn Knutzen
16
und erklärt, die Politik finde nicht in Gremien statt, sondern auf
dem Campus beziehungsweise auf dem Boulevard.
Der RCDS zieht eine positivere Bilanz. AfA und CG seien, so
Helge Staff, der Landeslistensprecher des RCDS Bremen, konstruktiver als das damalige Linkslistenbündnis. Besonderes Lob
erhält dabei der von AfA eingesetzte Finanzreferent Jan Cloppenburg, der eine gute Arbeit mache. Auch würdige man die
gesteigerte Transparenz vor dem SR. Dennoch, so erläutert Staff,
sei dies noch ausbaufähig. Man kritisiere, dass die Referentin
für politische Bildung von AfA einfach ausgetauscht worden sei,
nachdem diese ihre Aufgabe derzeit leider nicht erfüllen könnte.
Dafür hätte man aber den SR einbeziehen und eine Neuwahl
für das Referat für politische Bildung durchführen müssen. Dies
sei kein Grund zur Radikalkritik, betone aber den Anspruch
des RCDS, dass man den SR respektieren müsse. Auch wünsche man sich noch mehr Engagement und Unterstützung bei
der Forderung nach einer Multifunktionskarte auf dem Campus
(Campuscard). Zuletzt kritisiert man die Blockadehaltung des
AStAs beim Nationalen Stipendienprogramm, das man selbst
positiv bewerte.
Die übrigen Listen in der Opposition sind für eine Stellungnahme leider nicht erreichbar gewesen. Die Basisdemokratische Linke (BaLi) verweigerte ihre Zusammenarbeit mit dem
„Scheinwe und LaD.i.y. Liberty fehlte leider die Zeit.
Eine Bilanz
Neben den listeneigenen Selbsteinschätzungen gilt es hier noch
einmal konkret zu prüfen, was aus dem Wahlkampf umgesetzt
wurde, und was nicht.
AfA sprach sich im letzten Wahlkampf gegen Studiengebühren
und Stipendien sowie für ein elternunabhängiges und angemessenes Bafög aus. Tatsächlich konnte das Stipendienprogramm
gegen den Akademischen Senat nicht verhindert werden, es wird
nun wohl aber sozialer gestaltet, indem man den Fokus zu anderen Kriterien als der reinen Notenvergabe verschiebt. Zum Beispiel sollen die soziale Situation wie auch soziales Engagement
stärker in die Bewertung mit einbezogen werden. Dazu soll die
erkämpfte studentische Beteiligung im Auswahlgremium beitragen.
Weiter wollte man sich für eine bunte und vielfältige Uni engagieren. Für diesen Zweck beteiligt sich der AStA in diesem Jahr
an der bundesweiten Veranstaltung „Festival contre le racisme“.
Im Bereich „Vereinbarkeit von Familie und Studium“ werden
derzeit Akzente gesetzt, indem man das „Referat für Soziales“
wieder gegründet hat und mit einem Mitglied der Liste besetzte.
Bei der Forderung, verstärkt Kultur unter den Studierenden zu
fördern, ist man derzeit auf dem Weg, ein Kulturticket ähnlich
dem Semesterticket zu etablieren. Darüber wird derzeit noch
mit den zuständigen Stellen verhandelt.
Hochschulpolitik
Weitere Forderung im Wahlkampf war die
Konsildierung und Modernisierung der
Strukturen im AStA. Dies ist zu einem guten Teil mit der Gründung des Sozialreferats gelungen, aber auch mit dem Umbau
der AStA-Homepage sowie der Einführung
konkreter Kriterien zur Förderung von
Hochschulgruppen. Auch habe man sinnvolle Referate geschaffen, wie sich auf der
AStA-Etage und der eigenen Homepage
nachvollziehen lässt.
Zuletzt steht im Raum, wie sehr AfA an
der Abschaffung der Anwesenheitspflicht
in Vorlesungen beteiligt gewesen ist. Über
diesen Punkt streiten sich oppositionelle
linke Listen mit AfA und argumentieren
wechselseitig, dass dies dank der Arbeit
in Gremien oder außerparlamentarischem
Protest gelungen sei. Ohne weitere Prüfung
lässt sich dies wohl nicht eindeutig klären.
Daneben gibt es einige Dinge, die gefordert, aber noch nicht umgesetzt wurden.
Die Gründe dürften dabei vielfältig sein.
Weiteres Engagement würde dementsprechend noch die Verbesserung der Öffnungszeiten an der Uni benötigen. Auch
die Mittagspause ist noch immer abgeschafft. Weiterhin steht der Kampf gegen die Hochschulwerbung genau so aus, wie die Etablierung einer Möglichkeit zur
Online-Evaluation der AStA-Arbeit im Stud.IP.
Campusgrün forderte im letzten Wahlkampf eine Verbesserung
der finanziellen Situation an der Uni und wollte sich dafür einsetzen, dass die Gelder der Studierenden vom AStA im Interesse
aller eingesetzt würden. Während man weiterhin mit dem Land
Bremen über die Finanzen verhandeln muss, wird im AStA dank
der Kriterien zur Förderung von Hochschulgruppen und dank
einer Umstrukturierung der Referate vermehrt darauf geachtet,
das vorhandene Geld sinnvoll einzusetzen.
Eine weitere Forderung betraf die „Uni als Lebensraum“, wie
es in einem Flyer von CG heißt. Dabei stellte man in Aussicht,
eine AG Gestaltung zu gründen, die auf Eigeninitiative eine
„Wohlfühlatmosphäre“ schaffen sollte. Bisher ist dies aber nicht
gelungen. Ein weiterer Punkt ist das Thema Ernährung. Hierbei
hat sich bei den Essensangeboten etwas getan, was weiter verfolgt wird.
Was die Förderung des ökologischen Bewusstseins, auch ein
Ziel von Campusgrün, betrifft, so hat man sich hierbei bereits
selbstkritisch gezeigt und will verstärkten Einsatz zeigen. Weitere Forderungen betrafen das Grundrecht auf Bildung. So hat
CG gemeinsam mit AfA das Nationale Stipendienprogramm
nicht verhindern können, es jedoch um eine verstärkte soziale
Perspektive bereichert. Im Bereich der Sprachkurse im Fremdsprachenzentrum ist zwar das Ziel der moderaten Preise noch
nicht gänzlich erreicht, Teilerfolge wurden jedoch erzielt. Bei
der Forderung nach einer transparenten und demokratischen
Hochschulpolitik ist man den Zielen dafür größtenteils nahe gekommen. So wird mittlerweile regelmäßig und aktuell auf der
AStA-Homepage über hochschulpolitische Themen informiert.
Die Schaffung transparenter Kriterien bei der Hochschulgruppenförderung gehört dazu wie auch der funktionierende Dialog
mit den universitären Gremien und Akteuren.
Text: Björn Knutzen
Foto: Lisa Mertens
17
Campusleben
Du bist, was du isst
Täglich begeben sich die eifrigen Studenten der Uni Bremen zu einer der zahlreichen Essenseinrichtungen, um neue Kräfte für die nächste Vorlesung zu tanken. Doch was wird ihnen dort eigentlich
geboten? Welche positiven und negativen Aspekte in Bezug auf Qualität oder Angebot gibt es?
Wo kann man am besten oder am günstigsten essen? Diesen und anderen Fragen soll mittels
eines Praxistests in den verschiedenen Einrichtungen der Uni auf den Grund gegangen werden.
G
etestet wurden zunächst die Mensa am Boulevard, die
Cafeteria im GW2, BioBiss im GW1 und In‘s quirl in
der Grazer Straße. Dabei wurden jeweils mindestens
zwei verschiedene Hauptgerichte, ein Dessert und ein weiteres
Extra, wie Salat, Suppe oder Saft beurteilt.
Unimensa am Boulevard
Testgerichte
1. Mozzarellasticks mit Fladenbrot und Salat 3,10 €
2. Eier in Senfsauce 1,20 €
3. Salat (eigene Zusammenstellung) 1,00 €
4. Mousse au Chocolat 1,30 €
Zu den beliebtesten Plätzen in der Mensa und wahrscheinlich
auch zu den schönsten Ausblicken auf dem Campus, gehören die Sitzplätz im hinteren Teil der Mensa, von wo aus man
direkt auf den kleinen See des Campusparks blickt. Doch die
Mensa hat noch mehr zu bieten, als nur diese schöne Aussicht.
Das Essensangebot ist von einer Vielfalt, die man nirgends
auf dem Campus findet. Darüber hinaus sind die Preise sehr
studentenfreundlich. Man kann wählen zwischen Essen 1,
Essen 2, wöchentlich wechselnden Suppen, Pizzen, preisintensiveren Wok- Gerichten, Aufläufen, Vegetarischem und
Salaten. Auch bei den Desserts hat man die Qual der Wahl,
unter anderem zwischen Pudding, verschiedenen Moussevariationen oder Roter Grütze. Bei den kunstvoll mit Früchten dekorierten Desserts kommt es aber auch mal vor, dass das
Obst nicht mehr ganz so frisch ist.
Die Mensa ist einer der zentralsten Anlaufpunkte auf dem
Campus, wenn sich der kleine oder große Hunger meldet.
Und genau deswegen muss man gerade zu den Hauptzeiten, auch mal länger anstehen, vor allem bei dem allseits beliebten Essen 1. Essen 2 fällt leider öfters etwas dürftig aus,
was sich bei den doppelten Rationen auf den Tabletts der
Kommilitonen bemerkbar macht, ist aber auch sehr
preisgünstig. Sehr zu empfehlen sind auch die verschiedenen Säfte in der Mensa. Informationen über die Inhaltsstoffe stehen direkt auf dem Speiseplan und auch
noch mal an den einzelnen Theken, so dass Allergiker und
18
Vegetarier nicht lange suchen und nachfragen müssen. Bei
dem vielfältigen Angebot in der Mensa ist meist für jeden
etwas dabei, so dass auch Studierende von Gebäuden, die
weiter weg vom Boulevard liegen, hierher kommen. Während
der Vorlesungszeit hat die Mensa von 11:30 Uhr bis 14:15 Uhr
geöffnet, in der vorlesungsfreien Zeit nur bis 14 Uhr.
Die Cafeteria im GW 2
Testgerichte
1. Käsetortellini mit Tomatensauce 2,30 €
2. Vegetarische Pizza 2,50 €
3. Wok: Ente süß-sauer mit Gemüse und Basmatireis 4,10 €
4. Gemischter Salatteller (eigene Zusammenstellung) 2,45 €
5. Vanillequark mit Fruchtdekor 1,25 €
Campusleben
Zugegeben, der orangefarbene Fußboden ist Geschmackssache.
Dennoch kann die Cafeteria im GW2 in vielen Bereichen punkten. Im Gegensatz zur Hauptmensa ist die Auswahl an Hauptgerichten zwar eher gering, dafür sieht man dem Essen die
Qualität schon auf dem Teller an. Da wären zum Beispiel die
frischen Kräuter auf den Käsetortellini oder das große Salatangebot. Auch der Geschmack des Essens überzeugt. Die Ente
süß-sauer ist gut gewürzt und
das Gemüse schmeckt sehr
frisch. Die selbstgemachte Pizza überzeugt geschmacklich
ebenfalls, sie ist knusprig und
großzügig mit Käse und Gemüse belegt. Die Pizza ist mit
2,50 € allerdings vergleichsweise teuer, zumal man nur ein
Stück bekommt. Das Obst auf
dem Vanillequark ist sehr frisch
und der Quark selbst schmeckt
wirklich nach Vanille. Mit Informationen über Inhaltsstoffe
der Hauptgerichte wird leider
sparsam umgegangen, so dass
Allergiker nachfragen müssen.
Seinen Sitzplatz muss man sich
zum Teil erkämpfen, was aber
auch daran liegt, dass die nette
Atmosphäre der Cafeteria dazu
einlädt, auch mal länger sitzen zu bleiben. Angesichts der
Freundlichkeit des Personals
und des leckeren Essens kann
darüber aber leicht hinweggesehen werden. Die Ausgabe für
die warmen Gerichte hat hier
von Montag bis Freitag, 11:30
Uhr bis 14:30 Uhr, geöffnet.
Biobiss
Testgerichte
1. Mediterrane Bulgurpfanne mit Joghurt-Dessert 3,00 €
2. Putensteak mit Tomate und Mozzarella überbacken,
Kartoffelspalten und Salat 3,20 €
3. Lauchcremesuppe und Apfelzimt-Muffin 3,50 €
Der BioBiss ist eine kleine Kantine im Erdgeschoss des Gebäudes
GW1. Leider kann man hier nicht mit der Mensacard bezahlen,
da die Einrichtung von einem gleichnamigen, externen Betrieb
unterhalten wird. Schwierig wird es als Vegetarier, Allergiker
oder mit anderen speziellen Ernährungsweisen, da die Inhaltsstoffe zum Großteil nicht deklariert sind und man Einzelheiten
erfragen muss. Auch die Preise für die Hauptgerichte sucht man
vergeblich, wohingegen sämtlich
Snacks mit Schildern versehen
sind.
Als besonders positiv sind die
kurzen Wartezeiten zu bewerten.
Ein weiteres Plus ist, dass man zu
den zwei Hauptgerichte zwischen
einem Dessert und einem Salat
wählen kann. Letzteren kann man
sich selbst aus einer kleinen Auswahl an frischem und dadurch
leckerem Gemüse zusammenstellen. Auch die Muffins sind
wirklich lohnenswert. Etwas
schade ist, dass die Auswahl
für das Mittagessen mit zwei
Hauptgerichten
und
einem
täglichen Suppenangebot recht
eingeschränkt ist. Leider waren
auch die Mitarbeiter nicht sehr
freundlich. Auf Nachfrage nach
dem Angebot reagierten sie abweisend oder sogar genervt. Das
Essen selbst bestand aus großen
Portionen, die satt machten.
Allerdings schwamm das Putensteak sehr in Fett und das Essen
war zum Teil zu schwach oder zu
stark gewürzt.
Biobiss strahl im weitesten
sinne den Charme einer Jugendherberge aus: In einem recht kargen Raum stehen lange
Holztische mit klobigen Stühlen zwischen ein paar Topfpflanzen. Nach dem Essen muss man Reste, Besteck und Teller in
bereitstehende Eimer aufteilen, was der Gesamtoptik auch
eher schadet. Durch Reinlichkeit konnte BioBiss ebenfalls
nicht überzeugen, da Besteck und Glasschalen zum Teil unsauber waren. Abschließend ist es noch wichtig zu wissen,
19
Campusleben
dass zwar der Großteil der Nahrungsmittel von einem
zertifizierten Biohof oder von biologischen Großhändlern
kommt, aber die Kantine selbst nicht zertifiziert ist. Das
bedeutet, dass es gelegentlich vorkommen kann, dass abgesehen von den Rohstoffen wie z.B. Fleisch, Käse oder Gemüse, nicht ausschließlich alle Lebensmittel biologisch
hergestellt worden sind. Geöffnet hat BioBiss montags bis
donnerstags von 9 Uhr bis 16 Uhr sowie freitags von 9 Uhr
bis 14 Uhr. Mittagessen ist täglich ab 12 Uhr zu haben.
In’s quirl
Testgerichte
1. Gnocchi mit Zucchini
in Käsesauce 3,00 €
2. Hähnchenschnitzel,
Pilzrisotto, Salat 3,00 €
(jeweils eine Quarkspeise
als Nachtisch inklusive)
was her. Abgesehen von kleinen Mankos (sparsam gewürzt, ein
wenig zu kalt) überzeugt ebenso der Geschmack des Essens:
die Soße auf den Gnocchi ist nicht zu schwer und schmeckt
trotzdem herrlich nach Käse; Das Putenschnitzel ist überhaupt
nicht trocken und hat eine sehr leckere Panade. Einzig die
Nachspeise überzeugt nicht und fällt durch seinen eher
undefinierbaren Geschmack auf. Es könnte Naturjoghurt mit
Zucker sein. Aber wenigstens hat man dafür nicht extra Geld
ausgegeben und den kleinen Hunger auf etwas Süßes nach
dem Mittagessen stillt die Nachspeise trotz allem. Die Portionen sind großzügig und
die Preise zwar auch hier angehoben, aber für die Gesamtleistung
angemessen.
Fazit:
Wer
mal
eine
Alternative zum Einheitsbrei
der Hauptmensa sucht und
mehr als eine halbe Stunde
Zeit hat zum Essen, der wird
von In’s quirl (das übrigens
von einer Fraueninitiative betrieben wird) nicht enttäuscht
werden. Und die Öffnungszeiten sind im Vergleich
zu den anderen Einrichtu
gen auch sehr großzügig:
Montags bis freitags, 8 Uhr bis
15:30 Uhr hat In’s quirl geöffnet.
Ein bisschen abgeschoben
sind die Psychologen und
Gesundheitswissenschaftler schon. Um zur Grazer
Straße 4 zu kommen kann
man entweder 15 Minuten laufen oder den 22er
Bus Richtung Horn Lehe
nehmen (Station Spittaler
Straße). Doch lohnt sich der
weite Weg auch, wenn man
Lage der Mensa (1), GW2 Cafeteria (2), Biobiss (3) und In‘s quirl (4).
nicht zum „AufmerksamGuten Appetit! Quelle: Universität Bremen.
keit und Denken“- Seminar
muss wie die Psychologen?
Ob man Reis mit Pilzen wirklich als „Pilzrisotto“ bezeichnen
kann, ist fragwürdig (wer sich auskennt weiß, dass ein echtes
italienisches Risotto mit speziellem Rundkornreis zubereitet wird und eine sämige Konsistenz hat). Doch die nette
Atmosphäre entschädigt für Vieles: Hier geht es auf keinen Fall
um Massenabfertigung. Das Personal ist freundlich und auf
Tabletts wird verzichtet; dies kann man gut oder schlecht
finden – für die einen ist ein Tablett bloß praktisch, die anderen empfinden es als Merkmal eines schnellen, unpersönlichen
Kantinenessens. Die Räumlichkeiten sind nett eingerichtet, es
gibt Zimmerpflanzen, Bilder an den Wänden und Sitzkissen
auf den Stühlen – man fühlt sich wohl hier. Auch die Gerichte
sehen gut aus, selbst die Auswahl ist mit zwei Hauptgerichten sehr
Text: Elisabeth Schmidt, Lea Baukenkrodt, Alina Fischer
Fotos: Gerhard Freudenberg
beschränkt, aber das Essen macht dafür schon auf dem Teller
20
Campusleben
Herz aus Glas
In einer Reihe präsentiert der Scheinwerfer die unterschiedlichsten Gebäude des Unicampus.
Angefangen in der ersten Ausgabe mit dem Zentrum der Universität - die Glashalle
D
üster muss es zugegangen sein im Zentralbereich der
Uni Bremen, folgt man den Erzählungen von Eberhard
Scholz. Der Leiter der Pressestelle der Uni erinnert sich
noch gut an die Zeit, bevor die Glashalle hier stand: „Durch die
alte Überdachung war der Bereich sehr dunkel und dreckig, weil
sich so viele Tauben dort eingenistet hatten.“ Um diese Situation
zu bessern und einen repräsentativen Empfangsbereich für die
Uni zu schaffen, musste ein
neuer Bau her. Offen
und
zukunftsorientiert sollte der
Zentralbereich
gestaltet werden. Daher
konnte 1994
der
Entwurf eines
Hamburger
Architekturbüros
überzeugen,
der sich besonders durch seine
Leichtigkeit
und
Transparenz auszeichnete. Vier Jahre später
wurde dann mit dem Bau
des neuen Empfangsbereichs
begonnen. Allerdings gab es
durch fehlerhafte Baupläne einige
Schwierigkeiten, die dafür sorgten, dass
sich die Fertigstellung um über ein halbes
Jahr verzögerte. Am 7. Juli 2000 konnte die
Glashalle dann aber schließlich feierlich eingeweiht werden. Bereits kurze Zeit später gewann sie
mehrere Architekturpreise. Die Glaskonstruktion, deren
einzelne Scheiben bei Wind beweglich sind, um so auch
starken Stürmen standhalten zu können, sorgte zur damaligen
Zeit aufgrund der innovativen Technik für großes Aufsehen. Als
weniger standhaft hat sich jedoch die Glasdecke des Gebäudes
erwiesen: Vor knapp zwei Jahren musste die Halle für längere
Zeit gesperrt werden, da sich zuvor einige Scheiben gelöst hatten
und die Decke überarbeitet werden musste.
Seit über 10 Jahren kann man hier nun schon in verschiedenen Geschäften Lebensmittel, Tabakwaren, Zeitungen und sogar Uhren kaufen. Auch wer eine neue Frisur braucht, gemüt-
lich einen Kaffee trinken möchte, oder einfach nur urlaubsreif
ist, findet hier mit Friseurgeschäft, Bistro und Reisebüro die
richtigen Anlaufstellen. Auf den oberen Etagen findet man
zudem verschiedene Krankenkassen, das Studentenwerk und
den AStA. Alle vier Wochen sendet außerdem das Campusradio live aus der Glashalle. Informationen zu den Sendeterminen gibt es unter www.campusradio.uni-bremen.de.
Eine „Halle für alle“ solle
das neue Glasgebäude
sein, schrieb der
Bremer
Uni
Schlüssel
in
seiner Juni/
Juli Ausgabe
2000. Und
das ist sie
auch – ganz
egal, ob man
schnell etwas
einkaufen
oder einfach
im Trockenen
auf die Bahn
warten
möchte.
Seit gut einem Jahr
wird
die
Glashalle
jedoch stärker für Werbung genutzt. Die Treppenstufen ziert neuerdings die Werbung eines Mobilfunkanbieters
und die Medienwand, auf der Werbung, Uni-Infos und Nachrichten angezeigt werden, ist seit April 2010 in Betrieb.
In Zukunft soll dieses Angebot noch weiter
ausgeweitet werden. Wer sich dieser Werbung lieber entziehen will, dem bleibt wohl nur der Umweg
über die Außentreppen des Boulevards.
Text: Anna Lenja Hartfiel
Foto: Gerhard Freudenberg
21
Campusleben
Twitter Gewitter
Im März beherbergte die Cafeteria des GW2 das diesjährige EduCamp, bei dem die große Welt der
Neuen Medien unter die Lupe genommen wurde. Facebook, Twitter, Geo-Caching und weitere digitalen Neuheiten dürften für die 155 Teilnehmer aus ganz Deutschland nun nichts Fremdes mehr sein.
F
lankiert von den Veranstaltungen Media@School und
Mobile Learning Conference schlug das EduCamp am
19. und 20. März 2011 buchstäblich erstmals seine Zelte
an der Universität Bremen auf. Die siebte Veranstaltung ihrer
Art war gleichzeitig die erste in der Hansestadt und stellte wie
üblich die Kombination digitaler Medien mit Lernprozessen
ins Zentrum. Dabei stand die aktuelle Ausgabe unter der Überschrift „Neue Lernräume
gestalten – BarCamp für
E-Learning,
Corporate
Learning sowie Lehren
und Lernen.“
Seit 2008 ist ein Konglomerat von Medien- und
Erziehungs-Experten in
hiesigen Landen aktiv und
bedient sich dabei halbjährig an wechselnden Orten dem Prinzip des BarCamps. Bei dieser Art der
Tagung kommen Input
und Strukturierung von
den Teilnehmern selbst,
weswegen Insider in Abkehr zu traditionellen
Kongressinszenierungen
auch von „Unkonferenzen“ sprechen. In den partizipatorischen
Hergängen geht es darum, dass Interessierte den Verlauf mit eigenen Veranstaltungsangeboten gestalten und sich so gegenseitig zu
Vorträgen, Debatten oder Workshops beflügeln. Das herkömmliche Verhältnis von Referenten und Konsumenten verfließt
auf diesem Wege weitestgehend. So wurden auch beim Bremer
EduCamp jeweils zu Beginn der Kongresstage in einer offenen
Runde Themenvorschläge artikuliert und bei ausreichend Interessensbekundungen ins Programm aufgenommen. Die zahlreichen sogenannten Speakerscorners waren mit einstündigen Zeit22
fenstern belegt und boten Raum für verschieden große Gruppen
und unterschiedlichste Aspekte relevanter Themenbereiche. An
dieser Stelle vollzieht sich eine Verknüpfung zweier maßgeblicher Ebenen dieses Wochenendes: diejenige neuer Lernräume
mit jener der Veranstaltungsräume. Dabei wird erstere Ebene in
digitale, virtuelle und vernetzte Zusammenhänge gesetzt und als
Medium gesehen. Letztere Ebene, dem Titel entsprechend quasi
der Campingplatz, wurde
in der seit 2008 aufgemöbelten GW2-Cafeteria am
Boulevard gefunden, die
aufgrund ihrer vielseitigen Eigenschaften vielerlei Lob erntete. Durch die
offenen Räumlichkeiten
auf drei unterschiedlich
beschaffenen Etagen bot
sie ausreichend Platz, um
die Sessions in direkter
Nachbarschaft stattfinden
zu lassen und gleichzeitig
verstärkt den „Klassenzimmer-Charakter“
zu
entkrampfen, ohne sich
dabei jedoch gegenseitig
in die Quere zu kommen.
Eben diese Flexibilität lud
zum Flanieren und Wandeln in Geräumigkeit ein, was vielerorts
als vorteilhafte Errungenschaft wahrgenommen wurde.
Im inhaltlichen Raum war alles erlaubt, was im weitesten Sinne zum Veranstaltungskonzept passte. Entsprechend gestaltete
sich das Angebot ebenso vielfältig wie das Teilnehmerfeld, welches sich beispielsweise aus Lehrern, Medienpädagogen und
-beratern, Studenten, Social Media Experten, Digital Natives
(in der digitalen Welt aufgewachsen), Digital Immigrants (sich
die digitale Welt aneignend), kulturellen Vertretern oder Wis-
Campusleben
senschaftlern zusammensetzte. Als bemerkenswerte Inhalte der
Sessions seien hier Google Apps for Education, iPad Klassen,
Knowledge-Speeddating (Wissensaustausch mit wechselnden
Partnern), Sprachunterricht in Second Life oder Wikipedia in
der Schule genannt. Komprimiert ließe sich exemplarisch der
Komplex „Alte Lehrer, neue Medien“ herausgreifen, wobei Potentiale und Probleme des sich vollziehenden digitalen Wandels,
vermeintlichen Leitmedienwechsels oder auch schlicht Medienkompetenzen thematisiert wurden. Es kam zu partiell originellen Erkenntnissen, wie, dass neue Medien im Bildungskontext
nicht mit alten Methoden angegangen werden dürften. Auch
wurde teils augenzwinkernd gefragt, warum Lehrer überhaupt
noch medienkompetent werden sollten, wenn es ihre Schüler
doch meist längst sind. Ebenso kam das Dilemma zur Sprache,
wie sich die Lehrkraft bei Facebook-Freundschaftsanfragen von
Schülern zu verhalten hätte, wobei neben vermeintlichen Kommunikationsvorteilen angemerkt wurde, dass Schulisches und
Privates zu trennen sei.
Natürlich durfte im Kreise dieser größtenteils neumedienaffinen
Pädagogen auch das zunehmend allgegenwärtige Twitter nicht
fehlen. Neben anderen Netzphänomenen fand sich der Mikrologgingdienst sowohl in Debatten, als auch in reger Verwendung durch die Teilnehmer wieder. Dadurch spielten sich für
den Außenstehenden mitunter skurril anmutende Szenerien ab,
in denen Lehrer entgegen deren sonstigen Natur während der
Vorträge nicht von ihren iPhones, iPads oder Macbooks lassen
konnten, um neben ihrem Sitznachbarn auch der weltweiten
Community mittels Twittergewitter zu verklickern, was aktuell
geschah. Jedoch sei auch betont, dass eben jene digitale Echtzeitverschriftlichung zu einer ungewöhnlich akribischen Dokumentation der Geschehnisse beitrug. So ließen sich durchgehend
aktuelle Meldungen zu den Nachbarsessions mittels beigefügter Hashtags (Schlagworte wie #echb11) auf den aufgestellten
Twitterwalls verfolgen. Zugleich konnte schlicht Bezug auf die
Tweets (Twitter-Beiträge) von Diskussionspartnern genommen
oder selbige ReTweetet werden. Ebenso bot sich für Abwesende
die Gelegenheit zu kommentieren und anhand von Livestreams,
Blogs, Etherpads, Youtube-Videoreportagen und einem LiveWebradio zeitgleich oder -versetzt teilzuhaben. Im Übrigen veranlasste die ungehemmte elektronische Kommentargelegenheit
so manchen EduCamper beziehungsweise virtuellen Zuschauer
zu mehr („Wäre gern in Bremen. Schön wenigstens online dabei
sein zu können.“) oder weniger („EduCamp verzerrt die Realität.
Gerade erst mitbekommen, dass Knut tot ist. Der Eisbär.“) sachdienlichen Bemerkungen.
Am Samstagabend bestand ausreichend Gelegenheit, sich bei
dem ein oder anderen Bierchen und musikalischer Untermalung
der Band Avery Mile auf den roten Sofas an den Loungequalitäten des GW2s zu erquicken, den Tag Revue passieren zu lassen,
das Werderergebnis auszuwerten, einer Twitterlesung zu lauschen
und natürlich reichlich zu socialisen und zu networken. Seitens
der Organisation zeigte man sich abschließend zufrieden: „Von
den 179 sich über die Homepage für die einzelnen Veranstaltungen angekündigten Teilnehmenden kamen letztlich 155 aus ganz
Deutschland und den Nachbarländern. Wir können damit auf
ein sehr gut besuchtes Event zurückblicken!“
Beim finalen sonntäglichen Geocaching (GPS-Schnitzeljagd)
entfleuchten schließlich einige nimmersatte Teilnehmer hinter
ihren Geräten her in die Weiten Bremens und entfernten sich
auf diesem Wege, vermutlich nach neuen Lernorten suchend,
vom aktuellen Austragungsort, um bei der nächsten Ausgabe in
Bielefeld (18.-20.11.2011) sicher wieder voller (W)Elan bei der
Sache zu sein.
Text: Joschka Schmitt
Foto: Lisa Henjes
23
Campusleben
Zwischen Wickeltisch
und Vorlesung
Zahlreiche Studierende kommen bereits als Eltern an die Uni und müssen sich zum Lernstress um
Kind und Kegel kümmern. Im Interview berichtet die AStA-Referentin für Soziales, Johanna Vogt,
über die Situation der Studierenden mit Kind und die Entwicklung in den helfenden Einrichtungen.
: Johanna, wie viele Studierende mit Kind gibt es an
der Uni Bremen?
Johanna Vogt: Eine offizielle Statistik gibt es nicht. Es gibt allerdings eine Sozialerhebung des Studentenwerks von 2008, die besagt, dass etwa acht Prozent der Studenten in Deutschland mit
Kind studieren. Auf Bremen heruntergerechnet sind das etwa
1000 Eltern. Oftmals sind die Kinder allerdings schon etwas älter, etwa 300 Kinder sind jünger als drei Jahre.
: Was sind typische Anlaufstellen für studentische
Eltern an der Uni Bremen?
Johanna Vogt: Viele Studierende wissen gar nicht über die Services und Beratungsangebote der Uni Bescheid. Die Studenten,
die sich an die Uni wenden, suchen meist einen Betreuungsplatz
für ihr Kind, welcher oftmals nur schwer zu finden ist. Mögliche
Anlaufstellen sind zum Beispiel die Website www.familie.unibremen.de, auf der man sich einen guten ersten Eindruck über
die vorhandenen Angebote verschaffen kann. Zum anderen das
Studentenwerk, der AStA, die AG Familienfreundliches Studium oder Gleichstellungsbüros und Frauenbeauftragte.
: Welche Betreuungsangebote sind an der Uni
Bremen vorhanden?
Johanna Vogt: Genügend Betreuungsplätze sind am wichtigsten
für die Studierenden. Viele Eltern sind gezwungen, ihr Studium
um bis zu fünf Semester zu verlängern oder brechen es ganz
ab. Besonders schwierig ist es für Alleinerziehende Studium und
Kind unter einen Hut zu bringen.
: Wie beurteilst Du die Kinderfreundlichkeit an der
Uni Bremen insgesamt?
Johanna Vogt: Insgesamt verläuft die Situation in Bremen
gut. Seit 2007 nimmt die Universität Bremen zudem auch an
dem Audit „Familiengerechte Hochschule“ der berufundfamilie gGmbH teil – ein Untersuchungsverfahren, welches die
Kinderfreundlichkeit an der Uni regelmäßig prüft. So wird
die Situation kontinuierlich verbessert. Allerdings verläuft der
Prozess recht langsam, da der Universität nur begrenzte Mög24
lichkeiten zur Verfügung stehen. Die 50 – 60 Betreuungsplätze, die insgesamt zur Verfügung stehen, sind natürlich auf die
Masse der Studenten gesehen eher gering. Zudem fehlt einfach die Sensibilisierung für das Thema. Viele Studierende, die
gleichzeitig Eltern sind, werden kaum wahrgenommen und
müssen sich gegenüber Dozenten oder Kommilitonen häufig
rechtfertigen.
Neben den Betreuungsangeboten sind an der Uni viele familienfreundliche Orte vorhanden. So gibt es in der Mensa beispielsweise einen Eltern-Kind Bereich. Direkt daneben können
die Kleinen in der Mensa-Rakete, einem vom Studentenwerk
finanzierter Spielturm, spielen. Kinder von Studierenden, die
nicht älter als sechs Jahre alt sind, können vom Essen I und II
kostenlos einen Kinderteller erhalten. In der GW2 Cafeteria
gibt es auch ein Holzlaufgitter mit Spielzeug, zudem stehen dort
auch Kinderstühle bereit. In vielen Studien- und Praxisbüros
oder Beratungsstellen sind Spielzeugkisten vorhanden, die zum
Zeitvertreib für Kinder zur Verfügung gestellt werden. Darüber
hinaus bietet auch der Hochschulsport Eltern-und-Kind Sportkurse an. Eine weitere Flexibilität stellt der allgemeine Teil der
Prüfungsordnung dar. Darin gibt es speziell einen Paragraphen
für Studierende mit Kind. So können Eltern, die studieren, beispielsweise ein Urlaubssemester beantragen, in denen es ihnen
aber trotzdem erlaubt ist, Prüfungen abzulegen.
: Wie wird sich die Betreuung an der Universität
Bremen in Zukunft entwickeln?
Johanna Vogt: Gerade heute (13. April, Anmerkung der Redaktion) habe ich an einem Termin zur Abstimmung des weiteren
Vorgehens bezüglich der Kinderbetreuung auf dem Campus teilgenommen. Dort hat der Kanzler sein ‚ja‘ zu zehn neuen Kinderplätzen gegeben. Diese sollen ab August, spätestens aber ab
Oktober 2011 in den ehemaligen Räumen der Uni-Kita, nahe
der Mensa, realisiert werden. Für die nächsten zwei Jahre können die dortigen Räumlichkeiten genutzt werden.
Text: Silja Strauch
Illustration: Fatima Yoldas
Die Betreuungsangebote im Überblick
Uni-Kita e.V.
Die Uni-Kita e.V. befindet sich in der Barbara McClinckton-Straße, nahe dem NW1. Es handelt sich dabei um einen
studentischen Elternverein, der Betreuungen für ein- bis dreijährige Kinder von Studierenden und Beschäftigten der Universität
Bremen anbietet. Zurzeit werden dort sechs altersgemischte Gruppen mit jeweils acht Kindern betreut.
Kontakt: Barbara McClinckton-Straße. Telefon: 0421 218-69661, E-Mail: info@unikita-bremen.de, www.unikita-bremen.de Kinderzimmer für Tagungen und Kongresse „Geo-Zimmer“
Am Fachbereich Fünf ist im GEO-Gebäude ein Kinderzimmer eingerichtet worden. Hier können Kinder von sechs Monaten bis zwöl
Jahren unter fachlicher Betreuung spielen. Die Kinder werden hier stundenweise betreut, maximal jedoch 9,5 Stunden pro Woche.
Da das Zimmer recht klein ist, werden dort maximal acht Kinder gleichzeitig betreut.
Kontakt: Fachbereich 5, GEO-Gebäude Raum 1420, http://www.geo.uni-bremen.de/page.php?pageid=473
AstA-Kinderland
Das Kinderland ist eine kostenlose, von Eltern selbstorganisierte und selbstverwaltete Kinderbetreuung im Sportturm der Universität.
Finanziert wird es vom Studentenwerk und der Universität. Neben studentischen Hilfskräften kümmern sich die Eltern selbst abwechselnd um die Kinder, da sie für die Betreuung mitverantwortlich sind. Die Plätze sind auf maximal neun Kinder begrenzt.
Kontakt: Sportturm, Ebene 1. Telefon: 0421-218/4802, E-Mail: kinderland.bremen@yahoo.de,
http://www.asta.uni-bremen.de/?page_id=138
25
Campusleben
Universum der Bücher
Die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen erstreckt sich über einen großen Teil des
Boulevards und gehört für jeden Studenten zu den wichtigsten Adressen in Studienzeiten.
Die Arbeit zwischen den Regalen ist nicht immer leicht. Ein paar Tipps...
S
ie ist groß, sie ist grau und sie steckt voller Bücher.
Die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen (SuUB).
Die meisten Studierenden machen sich im Laufe ihres
Studiums mit ihr vertraut, wenn sie sich der Aufgabe „Literaturbeschaffung“ stellen.
An den 180 Computerarbeitsplätzen kann man nach Anmeldung
mit dem Bibliotheksausweis ins Internet gehen und mit Office
arbeiten. Die meisten Arbeitsplätze in der Bibliothek bieten einen Stromanschluss, so dass man auch seinen eigenen Laptop
mitbringen und über WLAN das Internet nutzen kann. Hierfür benötigt man lediglich ein WLAN-Konto beim Zentrum für
Netze (ZfN). Auf der Website des ZfN gibt es eine Anleitung für
alle gängigen Betriebssysteme.
Wenn man etwas zu kopieren hat, ist
man in einem der Kopierräume der
Bibliothek gut aufgehoben: hier ist es
möglich zu drucken, scannen und zu
kopieren.
Um den Buchbestand dieser Bibliotheken einzusehen, muss man
nicht extra dort vorbeigehen, da er über die Suchfunktion der
Bibliothek angezeigt wird. Außerdem kann man in diesen Bibliotheken ebenfalls sehr gut lernen, weil sich dort weniger Studenten aufhalten, wie in der Zentralbibliothek.
Das Thema steht, aber das Material nicht – diese Situation kennen alle Studierenden. Sein Themengebiet auf gut Glück in die Suchfunktion des
Online- Bibliothekkataloges einzutippen ist eine
Möglichkeit, um einen Schritt vorwärts zu kommen. Ein weiterer Schritt ist das virtuelle Bücherregal, das einen Überblick über die Sortierung der
vorhandenen Bücher in die einzelnen Themengebieten und ihre zugeordneten Signaturen vermittelt, zumindest wenn man sein Thema relativ klar
umreißen kann. Wenn man beispielsweise einen Essay über „Loyalität“ verfassen muss, kann man sich über diesen Weg gezielt
das richtige Regal raussuchen, indem man unter Fachinformation-virtuelles Bücherregal-Politikwissenschaft schaut. Allerdings
bleibt diese Funktion Studierenden aus manchen Fachbereichen
wie z.B. der Physik, verwehrt. Studierenden der Kulturwissenschaft dürfte die virtuelle Bibliothek verwirren, denn aufgrund
der breiten Thematik und den vielen Schnittstellen zu anderen Fächern kann von Übersicht nicht entfernt die Rede sein.
Teilweise sind die Bücher auch als ebook vorhanden, welche
im Katalog extra gekennzeichnet sind. Um die ebooks von zu
Hause aus lesen können, muss man allerding einen Proxy einrichten. Eine Anleitung dazu befindet sich auf der Website des
ZfN. Doch was kann man tun, wenn das gewünschte Werk gar
nicht in der Bibliothek vorhanden ist? Die Fernleihe gibt eine
Antwort. Als Nutzer der Bibliothek kann man sich ein Fernleihkonto einrichten und Bücher aus Bibliotheken anderer Städ-
Doch was kann man tun,
wenn das gewünschte Werk gar
nicht in der Bibliothek vorhanden ist? Die Fernleihe gibt
eine Antwort
Möchte man seine Lernmaterialien
nicht die ganze Zeit über mit sich herumtragen und nicht mit nach Hause nehmen, ist es möglich sich einen Bücherwagen zu mieten
und seine Materialien dann in diesem verstaut bequem mit sich
schieben, es gibt aber auch Bücherfächer – in beiden kann man
seine Materialien verstaut lassen. Zurzeit gibt es 120 Bücherwägen und 50 Bücherfächer – jedoch sind die Wartezeiten für
beides relativ lang, so dass man sich möglichst frühzeitig darum
kümmern sollte. Zwischen Bücherwagen oder Bücherfach kann
man nicht auswählen. Die Leihfrist ist dafür lang: 120 Tage.
Wichtig ist, dass nicht entleihbare Bücher dabei nicht im Bücherwagen/Bücherfach eingeschlossen werden dürfen. Nur ausgeliehene Bücher dürfen eingeschlossen werden.
Die SuUB verfügt über eine weitere Besonderheit: Den Zeitschriftenlesesaal. Dieser befindet sich im Erdgeschoss und beinhaltet Fachliteratur sowie populäre Magazine. Ob nun die
Financial Times Deutschland oder die Zeit – ein Blick in den
Zeitschriftenlesesaal lohnt sich.
26
Findet man mal ein Buch nicht in der Zentralbibliothek,
lohnt es sich in die zugehörige Bereichs-/Teilbibliothek einen
Blick zu werfen. So gibt es zum Beispiel das Juridicum, die
Bereichsbibliothek Wirtschaftswissenschaft, Bereichsbibliothek Physik/Elektrotechnik und noch weitere Teilbibliotheken.
Der Bibliotheksausweis ermöglicht dabei Zugang zu all
diesen Bibliotheken.
te bestellen. Über den gvk- Katalog, der auf der Website unter
„Ausleihe“ zu finden ist, wird das gewünschte Werk mittels der
Eingabe der Eckdaten bestellt. Der Kostenfaktor beträgt 1,50€
pro Bestellung. Diese Option beansprucht unter Umständen die
Geduld, Wartezeiten von bis zu drei Wochen sind keine Seltenheit. Eine konkrete Auskunft über das Lieferdatum kann nicht
gemacht werden. Ein Plus ist jedoch die Möglichkeit der Aufsatzkopiebestellung. Wenn man nur einen bestimmten Aufsatz
braucht, kann man dies angeben und erhält den Aufsatz fertig
kopiert, ebenfalls für 1.50 €. Wer immer noch mit leeren Händen dasteht, kann Kaufvorschläge machen, das heißt, man kann
die Literatur, die die Bibliothek nicht beinhaltet, zum Erwerb
bestellen. Das entsprechende Formular befindet sich online.
Wer jetzt schon das Gefühl bekommt langsam den Überblick zu
verlieren, dem ist das Programm Refworks zu empfehlen, mittels dem man strukturiert und einfach die verwendete Literatur
verwalten kann. Die SuUB bietet jeden Monat Schulungen dazu
an, die online stattfinden.
An vielen Orten der Bibliothek finden sich arbeitende Studierende- im doppelten Sinne. Denn für manche ist die Bibliothek
nicht nur Lernort, sondern auch Arbeitgeber. Viele Bereiche,
darunter der Zeitschriftenlesesaal, die Garderobe oder die Leihstelle beschäftigen studentische Hilfskräfte. Wie bekommt man
einen Job? Für die Bewerbung reicht es zunächst einen Bewerbungsbogen auszufüllen, den man an der zentralen Information
bekommt. Bei 40 Stunden im Monat, relativ flexiblen Arbeits-
zeiten und einem Stundenlohn von 8.45€ verwundert es nicht,
dass diese Jobs begehrt sind. Zusätzlich werden aufgrund der
Personalumstrukturierung Hilfskraftstellen gekürzt. Lange Wartelisten sind die Regel, die nur durch Vitamin B umgangen werden können. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mehrfaches
Nachfragen sinnvoll ist“, sagt Hans-Georg, der als Buchwegsteller in der zweiten Ebene und der Bereichsbibliothek Physik als
Hilfskraft arbeitet. Dafür braucht man jedoch keine Vorkenntnisse in der Bibliotheksarbeit. „Eigenschaften wie Geduld, rudimentäre Englischkenntnisse und ein bisschen Menschenkenntnis schaden sicherlich nicht“, lässt Hans-Georg wissen.
Die Bibliothek wird nicht nur ihrer Wortbedeutung „Büchersammlung“ gerecht, sondern bildet auch einen Lern- und Arbeitsort, der bei einer Bibliotheksführung näher erkundet werden kann. Diese Führung findet von September bis Juni immer
mittwochs um 17:00 Uhr statt. Treffpunkt ist der i-Punkt in der
Glashalle. Wenn man schon viel Zeit in der Bibliothek zwecks
lernen verbringt, ist es sinnvoll, die Möglichkeiten der Bibliothek vollauszuschöpfen und sich in ihr auszukennen.
Text: Salma Yousaf, Larissa Fitschen
Foto: Lisa Mertens
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Bremen
Fünf Kreuze - aber für wen?
Von allen Seiten lächeln den Bremern Wahlplakate entgegen und versprechen Jobs, Umweltschutz und
Chancengleichheit. Doch was steckt dahinter? Was haben die Parteien vor und wie wollen sie es umsetzen? Der Scheinwerfer hat diese Fragen den fünf großen Parteien in der Bremer Bürgerschaft gestellt.
D
ank des neuen Bremer WahlHochschulpolitik
rechts dürfen bereits 16-Jährige
Röwekamp (CDU) denkt, dass „Brebei der anstehenden Landtagsmen als Haushaltsnotlageland das Prowahl am 22. Mai ihre Stimme abgeben.
blem der doppelten Jahrgänge nicht
Die Parteien werben um diese und anallein schultern kann“ - die Schließung
dere junge Wähler. Aber warum sollten
von schlecht angewählten Studiengänsich junge Leute ausgerechnet für SPD,
gen gehört somit zur Politik der CDU.
CDU, Grüne, Linke, FDP oder eine anAber auch im rot-grünen Regierungsladere Partei entscheiden?
ger herrscht eine Kürzungsstimmung.
Die Vertreter der fünf großen Parteien
Zwar gibt Böhrnsen (SPD) keine klare
standen dem Scheinwerfer hierzu Rede
Stellungnahme zu der Zukunft einzelund Antwort. Finanzsenatorin Karoliner Studienbereiche, Koalitionspartne Linnert (Grüne) ist sich gegenüber
nerin Linnert (Grüne) macht aber
dem Scheinwerfer sicher, dass ihre Partei
deutlich, dass auch mit Rot-Grün die
Jungwähler anziehe, “weil wir eine PoliSchließung einiger, tendenziell schwätik machen, die der Zukunft verpflichtet
cher angewählter Studiengänge nicht
ist - Nachhaltigkeit, Generationengeausgeschlossen werden könne. Sie sagt,
rechtigkeit und Ressourcenverantwores bräuchte mehr Mut, bestimmte Betung sind unsere Themen.“ Auch für
reiche zu schließen, als systematisch
den Fraktionsvorsitzenden der CDU,
überall gleichermaßen zu kürzen.
Thomas Röwekamp, sind NachhaltigNur die Linke und FDP sprechen sich
Jens Böhrnsen
keit im Bereich der Energiepolitik sowie
gegen die Schließung einzelner StudiSPD
der verantwortungsvolle Umgang mit
engänge aus. Spehr (Linke) dazu: „Es
Amtierender Bürgermeister
Finanzen und die Bildungspolitik wichist falsch, bestimmte Studienbereiche
tig. Er ist der Ansicht, dass beson-ders
abzuschaffen. Es war beispielsweise
diese Themen für Jungwähler bedeutend
total idiotisch, den Studiengang Sonsind. Die FDP meint ebenfalls zu wissen, was die Jugendlichen
derpädagogik zu schließen.“ Die Absolventen wären nämlich
beschäftigt und will gleiche Chancen für alle. „Wir sind liberal
angesichts der Inklusion der Sonderschulen in den normalen
und stehen für Eigenverantwortung und Freiheit des Einzelnen
Schulbetrieb wichtig gewesen. Auch Meyer von der FDP ist für
ein“, sagt Christina Meyer, jüngste Kandidatin der FDP und
den Erhalt aller Studiengänge: „Es wird nicht gekürzt oder geVorsitzende der Jungen Liberalen Bremens. Im Klartext heißt
spart.“
das: Zunächst ist jeder für sein eigenes Wohl verantwortlich
Kürzen oder sparen will man nicht - aber gegebenenfalls den
und sorgt sich um sich selbst. Erst wenn das nicht mehr geht,
Universitäten die Möglichkeit einräumen, Studiengebühren zu
greift der Staat ein. Die Linke hingegen sieht sich bei den jungen
erheben. Denn die FDP sieht die höheren BildungseinrichtunWählern im Vorteil, weil sie nach eigener Auffassung als einzige
gen als vom Land unabhängige Körperschaften an. Die LibePartei den nötigen Druck von links gegen Kürzungen im soziralen sind dafür, Uni und Hochschulen selbst entscheiden zu
alen Bereich ausüben kann. Der Landesvorsitzende der Linken,
lassen, ob sie Studiengebühren einführen wollen oder nicht.
Christoph Spehr, sagt: „Wir brauchen dringend eine echte StuMeyer von der FDP ist der Meinung, dass die Bildungsanstaldienreform, die das Studium wieder studier- und mitbestimmten vor Ort die Ressourcen selbst besser verwalten könnten als
bar macht.“ Bürgermeister und Senatspräsident Jens Böhrnsen
eine Behörde. Diese Mittel kämen dann der Lehre zugute, sagt
(SPD) denkt hingegen, dass die Bremer Studienlandschaft besie. Die Höhe der eventuell anstehenden Gebühren könnten
reits ganz gut aussieht: „Wir bilden in Bremen im Vergleich zu
Uni und Hochschulen selbst bestimmen, ohne dass der Staat
unseren Landeskindern viel mehr aus. Wir sind eine bedeutende
eine Obergrenze vorgibt. Meyer sagt, der Preis werde sich selbst
Universitätsstadt.“
regulieren - zu hohe Studiengebühren könnten die Unis nicht
Im ersten Moment klingt das alle wieder nach leeren Sätzen
erheben, da sonst keine Studenten kämen. Dennoch würde bei
und wohlfeilen Versprechungen, die schon am Wahlabend passé
dieser Regelung das Prinzip von Angebot und Nachfrage den
sind. Doch wo sind die klaren Unterschiede der „fünf Großen“?
Preis bestimmen. Eine Selektion der Bewerber würde in diesem
28
Bremen
Fall nicht nur durch die einzelnen
leistungsbezogenen Auswahlkriterien vorgenommen, sondern auch
durch die finanzielle Leistungsfähigkeit eines jeden.
Die restlichen Parteien sind sich
beim Thema Studiengebühren einig: Es wird sie nicht geben und das
Studium in Bremen bleibt damit gebührenfrei.
verankerte Schuldenbremse. Demnach
müssen die Länder 2020 einen ausgeglichenen Haushalt präsentieren und dürfen
keine neuen Schulden mehr aufnehmen.
Für die Zustimmung Bremens im Bundesrat zu der Schuldenbremse sowie um
die enorme Zinslast zu bewältigen, gibt es
nun bis 2020 jährlich 300 Millionen Euro
für die Hansestadt. Die gibt es aber nur,
wenn Bremen es schafft, jährlich 120 Millionen Euro weniger an neuen Krediten
Freizeitgestaltung
aufzunehmen. Für das kleinste BundesBereits seit den 90er Jahren beschäfland eine echte Herausforderung.
tigt der Bahnhofsvorplatz die BreBöhrnsen (SPD) und Linnert (Grüne)
mer Öffentlichkeit und die Stadt
sehen diese Herausforderung als ChanBremen versucht, ihn zu verkaufen.
ce. „Die Schulden weiter anwachsen zu
Seit 2004 wird der mit Rampen und
lassen, ist nicht verantwortlich“, sagt
Sitzgelegenheiten ausgestattete Platz
Böhrnsen (SPD). Immerhin muss Bremen
vom Sportgarten e.V. betrieben.
bereits jährlich 650 Millionen Euro an
Dies ist allerdings nur eine ZwiZinsen zahlen - das macht fast ein Drittel
Thomas Röwekamp
schennutzung, bis ein Investor für
der Einnahmen aus. Die Ausgaben reduCDU
die freie Fläche gefunden ist.
zieren möchte die SPD in ausnahmslos
Fraktionsvorsitzender
Das Projekt Skateplaza hat sich aber
allen Bereichen. Hiervon wird auch der
trotz Übergangscharakter etabliert
Personalbereich - mit circa zwei Milliarund der Platz ist ein beliebter Treffden Euro der größte Ausgabeposten des
punkt von Jugendlichen geworden.
Bremischen Haushalts - betroffen sein.
Dennoch befürworten alle ParteiThomas Röwekamp (CDU) sieht die geen außer der Linken die Bebauung
samte Gesellschaft in der Pflicht zu spades Platzes. Der jetzige Blick vom
ren: „Wenn man es wirklich will, darf es
Bahnhof Richtung Innenstadt sei
auch kein Tabu geben.“ Schlechter angeunzumutbar. Sie wünschen sich
wählte Studiengänge sollen seinen Plänen
einen Bau mit anspruchsvoller Arnach geschlossen, die Verwaltungsdoppelchitektur, um das Stadtbild Brestrukturen von Bremen und Bremerhamens aufzuwerten. Und natürlich
ven verringert und sogar das Parlament
wollen sie das Geld der Investoren.
verkleinert werden. Das größte EinsparLinnert (Grüne) dazu: „Ich bin Fipotenzial aber sieht der CDU-Politiker
nanzsenatorin, ich möchte die Einebenso wie Böhrnsen im Personalbereich.
nahmen haben und finde das auch
Dort möchte er aber nicht „wie Rot-Grün
vertretbar.“ Spehr (Linke) möchte
mit der Rasenmähermethode in allen Bezwar auch das Stadtbild aufgewertet
reichen 2,5% einsparen“, sondern den unsehen, fragt sich aber, ob ein weiteterschiedlichen Arbeitsbelastungen in den
rer Betonklotz das Stadtbild tatsächjeweiligen Bereichen gerecht werden.
lich verbessern könnte. Er spricht
Effektivere Strukturen möchte auch die
Christoph Spehr
sich für eine Grünanlage auf dem
FDP schaffen, beispielsweise durch KoDie Linke
Bahnhofsvorplatz aus - so könne der
operation mit Niedersachsen.
Landesvorsitzender
öffentliche Raum als Treffpunkt geSpehr von der Linken fordert vom Bund
wahrt bleiben. Wie ein Investor für
eine deutlich höhere finanzielle Ausstateine Grünanlage gefunden werden
tung Bremens, da er das Land an dieser
soll, bleibt allerdings fraglich. Immerhin will die Stadt knapp
Stelle überfordert sieht. Wie groß die Wahrscheinlichkeit ist,
sechs Millionen Euro für den Platz haben.
dass der Bund zahlt, bleibt allerdings offen.
Ob nun aber großer Bau oder Park - konkrete Angaben zu einer
Ausweichanlage für die Skater kann keiner der Parteivertreter
Datenschutz
machen.
Oft berichten die Medien über neue Verletzungen des Datenschutzes und Eingriffe, beziehungsweise Gefährdungen von
Finanzen
Nutzern sozialer Netzwerke wie Facebook, StudiVZ und Co.
Bremen ist pleite - bis 2020 muss die jährliche Differenz zwiHier sind sich alle Parteien einig: Medienkompetenz muss
schen Einnahmen und Ausgaben, die letztes Jahr 1,2 Milliarden
den Jugendlichen verstärkt vermittelt werden. Denn vielen sei
Euro betrug, ausgeglichen werden. So will es die im Grundgesetz
gar nicht klar, dass sie unvorsichtig mit ihren Daten umgehen.
29
Bremen
„Das Hauptproblem ist, dass die Leute
zu gutgläubig sind und da hilft nur Aufklärung“, sagt Linnert von den Grünen.
Auch Spehr (Linke) und Meyer (FDP)
plädieren gegenüber dem Scheinwerfer
für Aufklärung. „Die Jugendlichen sollen in der Schule für das Thema Datenschutz sensibilisiert werden“, sagt Meyer. Die übrigen Parteivertreter sprechen
sich gleichermaßen für das Vermitteln
von Medienkompetenz in der Schule
aus, beispielsweise im Rahmen des bereits vielerorts bestehenden Informatikunterrichts. Bürgermeister Böhrnsen
(SPD) betont hingegen auch die Eigenverantwortung des Einzelnen: „Wer sich
auf Facebook einlässt, weiß, dass der
Schutz seiner Daten, vorsichtig ausgedrückt, nicht an erster Stelle steht“.
Umwelt
Karoline Linnert,
Bündnis90/Die Grünen
Finanzsenatorin
Diese sollen dann die Stromversorgung
gewährleisten.
Sowohl Böhrnsen als auch Linnert sehen in dem Standortvorteil Bremerhaven und der Möglichkeit, dort Offshorewindparks weiter auszubauen,
großes Potenzial für die erneuerbaren
Energien. Zudem plädiert Grünenpolitikerin Linnert für ökologischere
Verkehrsmittel wie den modernisierten
Schiffs- und Schienenverkehr.
Angesichts der neuen grünen Linie der
großen Parteien hat Linnert (Grüne) allerdings zuweilen das Gefühl, es komme
momentan darauf an, wer der Radikalste
sei. Ihre Partei entgegnet der neuen Anti-Atomgesinnung auf einem der vielen
Wahlplakate: „Alles muss aus!“
Währenddessen sagt die Linke selbstbewusst: „Wieder Die Linke. Wen sonst?“.
Und die SPD vertraut auf das neue
Wahlrecht selbst - von den Wahlplakaten lächeln die Kandidaten die potenziellen Wähler an. Die CDU will „Jetzt
das Richtige tun“ und der Spitzenkandidat der FDP, Oliver Möllenstädt, will
„Bremen nach vorne bringen.“
Ein bunter Plakatwald mit vielen Stimmen. Weitere Informationen zu diesen
Stimmen und den dazugehörigen Parteien gibt es im Internet unter
Nach dem Reaktorunglück in Fukushima ist der Atomausstieg eines der Lieblingsthemen der Politiker über alle Parteien hinweg. Plötzlich wird sogar das
dreimonatige Moratorium der Bundesregierung gleichgesetzt mit einem Ausstieg. „Wir haben mehr Atomkraftwerke
vom Netz genommen, als das irgendeine
Partei jemals versprochen hat“, verkündet Röwekamp von der CDU stolz. Ob
dies nun am grünen Willen der Partei
oder dem Druck der vielen, die den
http://fdp-lv-bremen.wcsite.liberale.de/
Energiewandel wollen, liegt, müssen die
http://www.cdu-bremen.de/
Wähler selbst entscheiden.
http://www.spd-land-bremen.de/index.
Die Grünen haben es an dieser Stelle
php?id=56
einfacher, da die Forderung nach dem
http://gruene-bremen.de/
Ausstieg aus der Atomenergie eines ihhttp://www.dielinke-bremen.de/
rer zentralen politischen Ziele seit ihrer
Gründung ist. Dennoch sagt GrünenChristina Meyer
politikerin Linnert, dass das sofortige
Auf der Homepage der jeweiligen ParFDP
Abschalten aller AKWs nicht möglich
tei können das Wahlprogramm und die
Vositzende der JuLis Bremen
sei. Die bereits vom Netz genommenen
einzelnen politischen Ziele nachgelesen
Kraftwerke sollten zwar keinesfalls wiewerden.
der in Betrieb genommen werden, der
Welche Vorhaben wirklich umgesetzt
endgültige Atomausstieg brauche allerdings noch etwas Zeit. In
werden und was leere Versprechen bleiben, wird sich erst nach
dieser müsse mit Hochspannung an der Weiterentwicklung neuder Wahl am 22. Mai zeigen.
er Energiekonzepte gearbeitet werden.
Alle Parteien sind sich einig, dass der Atomausstieg so schnell
wie möglich kommen muss. Um das „Wie“ gibt es allerdings
noch Debatten. So spricht sich Böhrnsen (SPD) gegenüber dem
Scheinwerfer für einen stärkeren Ausbau von Stromnetzen aus.
Spehr von den Linken setzt auf die dezentrale Stromversorgung.
Einzig Röwekamp (CDU) schlägt einen anderen Kurs als die
übrigen Politiker ein. Er will zwar auch den Atomausstieg, meint
aber, dieser sei nur realisierbar, wenn nicht nur erneuerbare
Text: Olga Galashevich, Benjamin Reetz
Energien ausgebaut, sondern auch vorrübergehend Kohle- und
Foto: Philipp Johannßen (Böhrnsen)
Gerhard Freudenberg (Röwekamp, Spehr, Linnert, Meyer)
Gaskraftwerke nach modernen Maßstäben errichtet werden.
30
Bremen
Der Wahl-O-Mat zur Bürgerschaftswahl
Mit Hilfe des Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung kann sich
jeder Wähler vorab online einen Überblick im Parteiendschungel verschaffen.
I
m Jahr 2002 rief die Bundeszentrale für
Politische Bildung (bpb) den Wahl-O-Mat
ins Leben. Ziel des Online-Tools ist es,
insbesondere junge Wähler zu informieren und
zum Wählen zu motivieren. Auch zur Bremer
Bürgerschaftswahl am 22. Mai gibt es einen
Wahl-O-Mat, der unter www.wahlomat.de erreichbar ist. Mit Hilfe von 38 Thesen, auf die
der User mit „stimme zu“, „stimme nicht zu“,
„neutral“ oder „These überspringen“ antworten kann, ermittelt der Wahl-O-Mat, welche
der zur Wahl stehenden Parteien am stärksten
mit der eigenen politischen Position übereinstimmt. Zusätzlich besteht die Möglichkeit,
Thesen, die einem besonders wichtig sind, zu
gewichten. Sie zählen bei der Auswertung dann
doppelt. Diese Thesen wurden im Vorfeld von einem Team aus
politisch interessierten Schülern, Auszubildenden und Studenten im Rahmen eines Workshops mit der Unterstützung von Politik- und Sozialwissenschaftlern erarbeitet und von den Parteien
beantwortet. Alle Parteien, die vom Wahlleiter zur Wahl zugelassen wurden, sind auch im Wahl-O-Mat vertreten, vorausgesetzt,
dass sie die Thesen rechtzeitig vor Redaktionsschluss beantwortet haben. Für die Auswertung können bis zu acht verschiedene
Parteien ausgewählt werden. Das Ausmaß der Übereinstimmung
zu diesen Parteien wird anschließend in einem Balkendiagramm
angezeigt. Neben den Ergebnissen sind dann
auch die Begründungen der einzelnen Parteien abrufbar.
Das Ergebnis des Wahl-O-Mat ist keine
Wahlempfehlung, sondern vielmehr als Startpunkt für eine Auseinandersetzung mit den
zur Wahl stehenden Parteien zu verstehen.
Es lohnt sich daher immer, die Argumente
der Parteien zu den einzelnen Thesen genau
zu lesen. Denn auch wenn verschiedene Parteien alle derselben These zustimmen, kann
diese Zustimmung vollkommen anders motiviert sein. Stimmen beispielsweise mehrere
Parteien der Einführung eines Mindestlohns
zu, kann es jedoch sein, das Partei A einen
wesentlich höheren Mindestlohn fordert als Partei B, während
Partei C den Mindestlohn nur für Deutsche einführen möchte.
Zusätzliche Informationen in Form von Kurz-Profilen der zur
Wahl stehenden Parteien gibt es zudem unter www.wer-stehtzur-wahl.de.
Text: Anna Lenja Hartfiel
Foto: Kai Ole Laun
Neues Wahlrecht soll Wählern mehr Einfluss geben
B
remen hat ein neues Wahlrecht - am 22. Mai bei der
Wahl der Bremischen Bürgerschaft und der 22 Beiräte
im Gebiet der Stadt Bremen kommt es zum ersten Mal
zum Einsatz. Dieses neue Wahlrecht, das durch ein Volksbegehren erwirkt wurde, bringt zwei entscheidende Änderungen mit
sich: Zum einen dürfen erstmals auch Jugendliche ab 16 Jahren
den Landtag wählen, zum anderen hat nun jeder Wahlberechtigte fünf Stimmen pro Wahlheft. Dies soll dem Wähler mehr
Möglichkeiten zur Einflussnahme auf die Zusammensetzung des
Parlaments geben.
Die fünf Stimmen können beliebig an Parteien und/oder an
Personen vergeben werden. Dabei ergeben sich drei Möglichkeiten: Sagt dem Wähler eine Partei besonders zu, kann er ihr alle
seine fünf Stimmen geben. Möchte er hingegen bestimmte Kandidatinnen oder Kandidaten unterstützen, kann er diese direkt
mit seinen fünf Stimmen wählen. Die fünf Stimmen können
aber auch auf mehrere Parteien oder Personen verteilt werden.
So können zum Beispiel favorisierte Koalitionen durch das gezielte Verteilen der Kreuze unterstützt werden. Insgesamt gilt:
Jede Kombination ist zulässig, solange die Gesamtzahl von fünf
Stimmen nicht überschritten wird. Setzt man weniger als fünf
Kreuze, hat man zwar auch gültig gewählt, die übrigen Stimmen
jedoch verschenkt.
Um allen Wahlberechtigten im Vorfeld der Wahl die Möglichkeit zu geben, sich mit dem neuen System vertraut zu machen,
hat die Bremische Bürgerschaft eine Reihe von Schnupperwahllokalen eingerichtet. Dort kann das Wählen mit fünf Stimmen
auf Muster-Stimmzetteln ausprobiert werden. Zudem hat jeder
Haushalt vor der Wahl einen Musterstimmzettel erhalten. Mehr
Informationen zum neuen Wahlrecht und den Schnupperwahllokalen gibt es außerdem unter www.5stimmen.de.
Text: Anna Lenja Hartfiel
31
Bremen
E
r ist aus mehreren Gründen in
Deutschland populär geworden: Martin Sonneborn war
bis 2005 der Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“. Von einigen
Aktiven der „Titanic“ wurde 2004
die Partei mit dem Namen „Die
Partei“ gegründet, deren Parteivorsitzender Martin Sonneborn ist. Die
dominant inhaltsfreie bzw. für alles
stehende Partei parodiert die Beliebigkeit der etablierten deutschen
Parteien. Das ironische Hauptziel
„der Partei“ ist der Wiederaufbau
der Mauer und damit verbunden
die endgültige Teilung Deutschlands. Aktuell hat „Die Partei“ ca.
8000 Mitglieder und ist damit eine
Kleinstpartei. Angesichts ihres nicht
ernstzunehmenden Charakters ist
dieses Mitgliedervolumen jedoch beachtlich.
Krawall
leicht
gemacht
Am 6. April 2011 war Sonneborn im
Bremer Schlachthof zu Gast. Unter
dem Motto „Krawall und Satire“ wurde
sein Auftritt beworben. Das klingt viel
versprechend und interessant, jedoch
wusste man in keiner Form, was einen
als Zuschauer erwartet. Geboten bekam man auf der Bühne im Schlachthof einen Tisch, auf dem ein „Apfel
Laptop“ stand, einen Beamer, der seine Bilder auf eine Leinwand warf und
schließlich einen Stuhl, auf dem Sonneborn saß. Es stellte sich heraus, dass
seine spitze Zunge und sein staubtrockener Spott genauso waren, wie man
sie aus seinen zahlreichen Medienauftritten kennt. Allerdings hätte man
weitaus mehr von dem Programm seines Auftritts erwarten können. Dieser
Der Satiriker Martin
gestaltete sich jedoch lediglich aus der
Sonneborn und sein
Moderation seiner bereits bestehenden
Auftritt in Bremen
Werke. Er las aus seinem eigenen Buch
„Heimatkunde“ vor, in dem Eindrücke
Bundesweite Bekanntheit erreichte
und Vorkommnisse auf einer Reise, auf
Sonneborn vor allem durch zahlder er 250 km rund um Berlin auf den
reiche Fernsehauftritte in der SatiSpuren der deutsch-deutschen Grenze
resendung „Heute Show“ des ZDF
gewandert ist, beschreibt. Er kommenund etablierte sich damit endgültig
tiere einige Fotos, die er auf seiner Reiin der deutschen Satireszene. Am
se geschossen hatte, sodass diese einen
liebsten macht Sonneborn Politiker
humoristischen Effekt inne hatten und
lächerlich, indem er sie schamlos
schließlich zeigte er eine stupide Aneibloßstellt. Seine „Hauptopfer“ sind
nanderreihung von ca. einem Dutzend
dabei die NPD, die ehemalige DDRseiner – zugegebenermaßen großarPolitik und die FDP. Aber auch ettigen – Videoclips. Darin ist immer
liche andere gesellschaftsrelevante
Sonneborn als Reporter zu sehen, wie
Themen werden von Sonneborn
er vor Ort von verschiedensten Ereigparodistisch und zynisch mit staubnissen berichtet und dazu Anwesende
trockenem Humor angesprochen.
interviewt, beispielsweise das bereits
Einer seiner bekanntesten Videoclips
erwähnte „Google Home View“ und
ist sicherlich sein Auftritt als Mitarbeiter von „Google Home
einen Videoclip, in dem er auf der Frankfurter Buchmesse chiView“. Darin besucht er „im Auftrag von Google“ diverse Bunnesische Aussteller auf die missachteten Menschenrechte in Chidesbürger und fotografiert deren komplette Wohnung. Bei einer
na anspricht.
Weigerung der Bewohner droht Sonneborn ihnen damit, Google abzustellen. Diese vollkommen realistisch dargestellte Aktion
Eine übertriebene Selbstdarstellung sowie mangelnder Aufwand
ist so unwirklich und abstrus, dass man dabei nicht nur herzhaft
und Raffinesse machen den Auftritt des eigentlich großen Satirilachen kann, sondern sie auch eine starke Wirkung hinterlässt
kers Sonneborn keine 14 € Eintrittspreis wert.
und nachdenklich macht. Sonneborns gewagte, provokative Art
ist zwar bei seinen Fans sehr beliebt, bringt ihm aber auch immer wieder Ärger von Betroffenen ein, die sich die Bloßstellung
Text: Lukas Niggel
des Satirikers ungern gefallen lassen.
32
Eis mit Gefühl
Das Eislabor Bremen überzeugt mit Kreativität und Hingabe.
Die Birač-Brüder begeistern ihre Kunden immer wieder mit neuen ausgefallen Eiskreationen.
A
ls wir hier angefangen haben, dachten viele: Eislabor, das
muss etwas mit Chemie zu tun haben.“, erzählt Srećko
Birač, der zusammen mit seinem Bruder Damir die Eisdiele in der Östlichen Vorstadt betreibt. Für ihn steht jedoch
fest: „ Ein gutes Eis ist so natürlich wie möglich hergestellt.“
Statt künstlichem Pulver kommen hier echte Vanilleschoten und
Früchte in das Eis. Experimentieren ist dabei aber ausdrücklich
erlaubt: Neben den klassischen Eissorten findet man im Eislabor
Bremen auch allerhand außergewöhnliche Kreationen. Zu dem
insgesamt mehr als 230 Sorten umfassenden Sortiment gehören
zum Beispiel Geschmacksrichtungen wie Erdbeer-Basilikum,
Schoki-Feta und Ziege-Ananas. Das Angebot wechselt, abgesehen von den Klassikern wie Schoko und Vanille, täglich. Wer
sich an die unkonventionellen Geschmackssorten noch nicht
herantraut, kann vorher einfach probieren. So ist sicher, dass
jeder für die 70 Cent pro Kugel auch das Eis bekommt, das ihm
schmeckt. Davon profitierte auch eine Kundin, die beim Probieren von Erdbeer-Basilikum das Gesicht verzieht: „Das schmeckt
ja wie Pizza mit Erdbeeren.“ Für sie ist Stracciatella dann wohl
doch die bessere Wahl. „Die Klassiker gehen immer noch am
besten. Es gibt aber auch viele Stammkunden, die oft nach bestimmten, außergewöhnlichen Sorten fragen.“, sagt Srećko.
Die Arbeit in ihrem Café teilen sich die Brüder – Srećko kümmert sich vor allem um die neuen Eiskreationen und Damir
ist für den Verkauf und die Kaffeespezialitäten zuständig. Alle
Geschmacksrichtungen werden von Srećko im eigenen Eislabor,
der Küche der Eisdiele, selbst gefertigt. Bei den Ideen für neue
Eiskreationen vertraut er vor allem auf seine jahrelange Erfahrung. Außerdem legt er viel Wert auf saisonale Eisvariationen:
Einen Erdbeerbecher gibt es hier außerhalb der hiesigen Erdbeersaison nicht. Während Srećko also an neuen ungewöhnlichen Erlebnissen für den Gaumen bastelt, ist sein Bruder Damir als ausgebildeter Barista – als „Kaffeekünstler“ also – für
die kunstvolle Zubereitung von Cappuccino und Co. zuständig.
Die gibt es übrigens, genau wie das Eis, auch in laktosefreien
und veganen Varianten.
Bevor sie ihren Laden in Bremen eröffnet haben, betrieben die
Brüder schon einige Jahre ein Eiscafé in Hoya. Doch die ersten
Erfahrungen, was das Eismachen angeht, haben die gebürtigen
Bremer kroatischen Ursprungs im Bremer Viertel als Angestellte
gemacht. Nun betreiben sie das Eislabor schon im vierten Jahr,
haben im letzten Jahr noch eine kleinere Filiale im Viertel eröffnet und können eine große Anzahl begeisterter Stammgäste
vorweisen – auf Facebook hat das Eislabor schon weit über 400
Fans. „Die Leute merken einfach, dass man mit Herzblut bei der
Sache ist.“, meint Srećko Birač. Das stimmt. Wer hier einmal
war, kommt bestimmt gerne wieder.
Text: Anna Lenja Hartfiel
Foto: Lisa Mertens
33
Bremen für Studenten
In dieser Rubrik stellt der Scheinwerfer studentische Besonderheiten
und sehenswerte Gegenden der Bremer Stadtteile vor.
Walle, Walle, da wohnen sie alle...
I
ch habe selbst mal in Walle gewohnt, am Steffensweg, Ecke
Der Stadtteil Walle liegt nordwestlich der Bremer Altstadt und
Nachtigallstraße. Damals, während des Zivildienstes, waentwickelte sich nach dem Krieg zu einem klassischen Arbeiterren uns unsere WG-Räumlichkeiten Amüsement genug,
viertel, nicht zuletzt aufgrund der Nähe zum Hafen. Hier gibt es
schließlich hatten wir meistens genug Bier und einen Kicker.
keine der typischen Altbremer Häuser wie im Viertel, da Walle
Doch Bier und Tischfußball waren irgendwann nicht mehr geim 2.Weltkrieg, übrigens mehr als alle anderen Stadtteile, masnug - in den ersten Studentenjahren lernte ich das Waller Nachtsiv unter der Bombardierung zu leiden hatte. Ganze Straßen,
leben kennen. Dann ging es meist
wie z.B.der Steffensweg, lagen brach
zu Konzerten ins Kairo, heute das
und mussten neu aufgebaut werden.
Nichtsdestotrotz gibt es genug
Karo, und Filmnächten im Kino46.
Nichtsdestotrotz gibt es genug Ecken,
Eines der Highlights war ein Alienin denen Besucher einer ähnlichen
Ecken, in denen Besucher einer
Film-Marathon, alle vier Filme, unGemütlichkeit wie im Viertel begegähnlichen Gemütlichkeit wie im
geschnitten und am Stück. Das war
nen können. Diese sind zum Beispiel
irgendwann wirklich Horror, trotzin den vielen Seitengassen, die von
Viertel begegnen können.
dem waren wir hinterher glücklich,
der Vegesacker Straße abgehen, zu
vermutlich aus Stolz über unser
finden.
sportliches Durchhaltevermögen.
Heute ist der Stadtteil sozial durchmischt wie kaum ein anderer
Heute lasse ich es kulturell gediegener angehen und begebe
in Bremen. Sehr gut ausmachen lässt sich das am Waschcenter
mich zu mongolischen Unter- und Obertongesangsabenden ins
an der Vegesacker Straße. Dort geben sich der Zeitung lesende
Westend an der Waller Heerstraße. Da gibt es übrigens waschRechtsanwalt und der Punk mit seinen zwei Hunden die Klinke
echte Hippies zu bestaunen, so richtig 1:1 aus den 70ern rüberin die Hand. Schräg gegenüber des Waschcenters ist ein Eiscagebeamt. Die finde ich klasse, wie sie da so hin- und herwiegend
fé, wo alt und jung bei gutem Wetter die Sonne genießen. Nur
im Yogasitz den Spirit der mongolischen Steppenlandschaft
ein kleines Stückchen weiter ist das El Mundo, ein Restaurant,
nachempfinden. Walle ist immer noch ein gerngesehener Begleidas mit seinen Burritos (gefüllte, weiche Tortillas) weit über die
ter meines Studentenlebens, da der Stadtteil immer wieder etwas
Grenzen Walles hinaus bekannt ist. Wer keine Lust auf spaniÜberraschendes bietet.
sche Küche hat, kann sich am indischen Kiosk oder dem tür34
Bremen
kischen Kartoffelimbiss mit Köstlichkeiten versorgen. Für das
leibliche Wohl ist in Walle also gesorgt. Ab 20 Uhr kann im
Karo in der Reuterstraße ein kühles Bier genossen werden und
sonntags wird dort gemeinsam Tatort geschaut. Zudem werden
alle Werderspiele gezeigt, ab und zu gibt es auch Konzerte oder
Ausstellungen. Das Karo ist eines der Aushängeschilder für die
Waller Kneipenszene, und ist nach eigener Aussage doch mehr
als eine Kneipe, da hier über die Jahre ein reger Austausch von
Künstlern, Musikern und Szenegängern stattgefunden hat.
Wer sich in Walle sportlich betätigen möchte, dem sei im Winter
das Waller Bad oder das ParadIce zum Schlittschuhlaufen empfohlen. Im Sommer sind es nur 15 Minuten vom Waller Friedhof
mit dem Rad zum Waller Feldmarksee, ein echter Geheimtipp.
Er ist eine tolle Alternative zum Massenbaden im Werder- oder
Unisee und noch dazu sehr schön zwischen den Schrebergärten
im Waller fleet und dem Blockland gelegen. Wer lieber Radfahren oder spazierengehen möchte, kann dies im Waller Grüngürtel oder dem Park am Waller Friedhof.
Das Kino46, welches direkt an der Waller Heerstraße liegt, ist
das letzte verbliebene Kommunalkino in Bremen. Hier werden
nicht einfach nur Filme gezeigt, sondern ganze Filmreihen zu bestimmten Themen oder Regisseuren wie Fassbinder oder Orson
Welles. Darüber hinaus gibt es Symposien mit Vorträgen von
Filmwissenschaftlern. Eine sehr beliebte Einrichtung ist immer
noch der Lieblingsfilm am Sonntag, wo auch schon Prominente
Filme ihrer Wahl vorgestellt haben. Die Bremer Tatortkommissarin Sabine Postel war zum Beispiel schon mit einem BunuelFilm zu Gast. Generell ist das Kino46 immer einen Besuch wert
und verlangt immer noch studentisch-humane KommunalkinoEintrittspreise von 4,50 Euro pro Karte.
Studieren ist in Walle natürlich auch möglich. Und zwar nicht
nur zu Hause, sondern auch an der Hochschule für Kunst und
Design in den Speicherstätten am Hafen, wo auch immer wieder
interessante Präsentationen der dort Studierenden stattfinden,
manchmal auch verbunden mit feucht-fröhlichen Partys.
Weiter die Waller Heerstraße hoch steht die Kulturwerkstatt
Westend mit ihrem wunderschönen Konzertsaal und weiteren
Räumlichkeiten für Ausstellungen.
Walle hat immer etwas zu bieten: Erst kürzlich lief ich an einem eher unscheinbar aussehenden Haus mit dem aufsehenerregenden Schild „Institut für Zeitreisen“ vorbei. „Für Schäden
im Raum-Zeit-Kontinuum wird keine Haftung übernommen.“
Ob da die Hippies hergekommen sind...?
Text: Karim Ahmed
Foto: Philipp Johanßen
35
Bremen
Konzerte für lau, wo gibt’s denn sowas ?
Der Musikclub Tower lädt zu kostenlosen Konzerterlebnissen ein. In regelmäßigen Abständen
können bei der Konzertreihe „Freigemacht“ Bands aus dem In- und Ausland erlebt werden.
„Das letzte Mal, als wir in Bremen gespielt haben, war das Publikum ungefähr ein Zehntel so groß wie heute!“ stellt Karen,
die Sängerin der Band „Shellycoat“ schon zu Beginn des dritten
„Freigemacht“-Konzertes am 9. April begeistert fest. Damit fasst
sie auch gleich den Sinn und Zweck dieses Abends im Bremer
Musikclub „Tower“ perfekt zusammen. Die Veranstaltungsreihe
„Freigemacht - Konzerte
für lau“, wurde in diesem
Jahr ins Leben gerufen,
um talentierten Künstlern
und Bands die Möglichkeit zu geben, ihre Musik
vor einem breiteren Publikum zu präsentieren und
so möglichst viele Menschen von ihrem Können
zu überzeugen – völlig
„freigemacht“ von finanziellen Zwängen. Denn
es gibt eine Menge talentierter Musiker, die zwar
eine Vielzahl toller Lieder
haben, aber deren Konzerte trotzdem nur mäßig
besucht werden. Erklärungen dafür gibt es zahlreiche, sei es nun, dass den
Künstlern die Unterstützung einer großen Plattenfirma fehlt, ihre Musik für die breite
Masse einfach nicht kommerziell genug ist oder dass Fans von
guter Livemusik ihr Geld schon in Tickets für eine andere Band
investiert haben.
Aus diesem Grund fand nun bereits das dritte „Freigemacht“Konzert statt und das, wie der Name schon verrät, wieder ohne
Eintritt. Die Künstler für die Konzertreihe werden von den
Veranstaltern selbst ausgewählt, Oliver Brock vom Tower-Team
sagt: „Wir waren selbst ein wenig überrascht, dass alle von uns
angedachten Bands gleich einverstanden waren und das Konzept
toll fanden.“ Inzwischen gäbe es sogar Bands, die explizit nach
„Freigemacht“ fragen und dort spielen wollen. Bereits die ersten
beiden Konzerte mit der schwedischen Sängerin Lena Malmborg
36
und Simon den Hartog, auch bekannt als Sänger der „Kilians“,
stießen im Januar und Februar auf eine breite Resonanz und
sorgten für einen vollen Club. Aufgrund des großen Interesses
mussten bei der Premiere sogar einige Zuspätkommende wieder
nach Hause geschickt werden.
Pünktlich zum Einlass für das dritte „Freigemacht“-Konzert um
20 Uhr war der Platz vor
dem „Tower“ im Herdentorsteinweg deshalb bereits gut gefüllt – keiner
der Gäste wollte riskieren
draußen zu bleiben und
die Hamburger Band
„Shellycoat“, sowie den
Hauptact, die „Blacklist
Royals“ aus Nashville, zu
verpassen.
„Shellycoat“
eröffneten das Konzert
und begeisterten die zahlreichen Zuschauer mit ihren Punkrock-Songs, die
gleich für eine gute Stimmung und einen rundum gelungenen Einstieg
sorgten. Nach 45 Minuten endete das Set von
„Shellycoat“, die kürzlich
ihr neues Album „Hours
Left To Stay Awake“ veröffentlicht haben. Bevor im Anschluss
die „Blacklist Royals“ die Bühne stürmen konnten, mussten die
Zuschauer sogar gebeten werden ein bisschen näher zusammenzurücken. Denn auch die Gäste aus der einen Stockwerk höher
gelegenen Bar wollten noch einen Platz vor der Bühne im randvollen „Tower“ ergattern. Das Quartett aus den USA, das beim
Bremer Plattenlabel „Gunner Records“ unter Vertrag steht und
im letzten Jahr sein Debütalbum „Semper Liberi“ veröffentlichte, konnte sein musikalisches Können bereits auf zahlreichen
Konzerten und Festivals unter Beweis stellen. Auch die „Blacklist Royals“ überzeugten mit ihren Songs, die ebenfalls in Richtung Punkrock gehen, auf Anhieb. So sehr sogar, dass es unter
den Zuschauern die ein oder andere Pogo-Einlage gab und die
Bremen
Band die Bühne erst nach zwei Zugaben verlassen durfte. Nach
insgesamt gut zwei Stunden Spielzeit blieb ein rundum glückliches Publikum und die Erkenntnis, dass man für gute Musik nicht unbedingt viel bezahlen muss. Die „Blacklist Royals“
selbst waren auch mehr als zufrieden und bezeichneten ihren
Auftritt sogar als „best show in Germany so far“. Oliver Brock
war nach dem dritten Konzert der Reihe ebenfalls hocherfreut
von der guten Resonanz: „ So haben wir uns das vorgestellt und
so macht es einfach Spaß, zu sehen, dass sich die Bremerinnen
und Bremer wirklich für Musik interessieren und offen für Neues sind“. Bleibt nur noch zu wünschen,
dass sich vielleicht auch andere Musikclubs in Bremen
ein Beispiel an dieser Idee nehmen werden und man
so in Zukunft noch öfter in den Genuss von Livemusik kommen kann, ohne dafür tief in die Tasche
greifen oder sich gleich auf den Weg nach Hamburg
machen zu müssen. Denn der Abend im „Tower“ hat
bewiesen, dass diese Stadt durchaus zu rocken weiß
und sich nicht nur als Heimat der Stadtmusikanten
bestens eignet.
Wer jetzt auch Lust auf ein Konzerterlebnis für lau bekommen
hat, kann sich freuen, denn die nächsten „Freigemacht“-Konzerte
sind schon in Planung. Alle weiteren Infos, sowie Ankündigungen zu anstehenden Termine sind auf http://www.tower-bremen.
de/ zu finden.
Text: Kira Kettner
Foto: shellycoat.de, southernlovin.com
Überhört
In den Bussen und Bahnen Bremens sind oft kuriose und lustige Gespräche oder
Situationen zu überhören. Oft kann man garnicht anders, als amüsiert zu lauschen.
In dieser Kolumne gibt es ein paar Kostproben von dem, was ich täglich überhören musste.
Haltestelle des Universität Zentralbereichs
Straßenbahn Linie 10
Die ersten Sonnenstrahlen, fast schon sommerliche Temperaturen. Ein junger Mann guckt irritiert auf die Beine seiner Begleitung, die auf Grund ihrer ¾ Hose nicht ganz bedeckt sind.
„Sag mal, warum trägst du denn bei diesem Wetter eine weiße
Strumpfhose?“ - „Äh, das ist keine Strumpfhose, das ist meine
Haut.“
Merke: Jeder, der nach dem Winter keine gebräunten Beine vorzeigen kann, gilt also keinesfalls als solariumabstinent, sondern
als Fetischist für weiße Strumpfhosen.
Zwei junge Frauen unterhalten sich über den Film und das Buch
Wüstenblume des somalisches Models Waris Dirie. Dabei scheint
es, als hätten nicht beide regelmäßig den Geographieunterricht
besucht.
„Hast du eigentlich auch den Film Wüstenblume geguckt? Nach
dem Buch von dieser Waris Dirie?“ - „Ne, ich hab nur das Buch
gelesen. Wo kommt diese Waris nochmal her?“ - „Ich glaube aus
Somalia oder so.“ - „Quatsch, die kommt doch aus Afrika oder
nicht?“ - „Bist du doof? Somalia ist in Afrika! Du warst letzten
Sommer auch in Afrika, das weißt du, ne!?“ - „Bist du doof?? Ich
war letzten Sommer in Ägypten!“
Eine Sekunde lang überlege ich, das Geographiegenie nach der
Staatsangehörigkeit zu fragen. Die Angst, dass die Antwort „europäisch“ lauten könnte, ist jedoch zu groß und so bleibe ich still
und schmunzelnd sitzen.
Straßenbahn Linie 6
Zwei Kinder, circa zwölf Jahre alt, diskutieren Themen, die weit
über Pokemon und Co. hinaus gehen.
„Hast du die neuen Spritpreise schon gesehen?“ - „Ja, die sind ja
schon wieder hoch gegangen!“ Ernstes Kopfschütteln: „Ich weiß,
schlimm sowas. Wer kann es sich denn bald überhaupt noch
leisten, Auto zu fahren!?“
Inmitten dieses interessanten Gesprächs musste ich leider aussteigen, dabei hätte ich doch zu gerne noch die neuesten Aktienkurse erfahren.
Text: Giulia Ricci
37
Feuilleton
Bin ich inspiriert, geht alles gut…
Spätestens seit Cordula Stratmanns „Schillerstraße“ ist Impro-Theater bekannt und beliebt.
Ein Hochschulsportkurs gibt einen Einblick in diverse Techniken des kreativen Bühnenspiels.
S
tudenten brauchen seit jeher ein ausgeprägtes Improvisationstalent. Sei es, um ein schlecht ausgearbeitetes Referat
zu retten, um immer neue Argumente für die Verlängerung von Abgabefristen zu finden oder für den kreativen Speiseplan am Monatsende. Vielleicht hat die Uni Bremen diesen
Umstand erkannt, als sie dem Hochschulsportkurs „Improvisationstheater“ für dieses Semester ihr Einverständnis gegeben hat.
Jeden Freitag von 20:30 bis 22:00 Uhr werden Michel Büch,
Tobias Sailer und eine bunt gemischte Gruppe von Bremer Studenten ihre Improvisationskünste ausprobieren, üben und perfektionieren. Die Workshopleiter
sind selbst begeisterte Impro-Spieler
und stehen gemeinsam unter dem
Namen „die beiden“ regelmäßig auf
der Bühne. Hinter ihrem Programm
und dem Workshop stecken ein
langer Weg über viele verschiedene
Theaterprojekte und eine große Portion Leidenschaft, die sie gerne mit
anderen teilen möchten.
Improvisation kann bedeuten,
einfach auf die Bühne zu gehen
und irgendeinen Satz zu sagen, der
einem gerade in den Kopf kommt.
Darauf reagiert der Partner und aus
diesen fortgeführten Reaktionen
entwickelt sich dann eine Geschichte, die völlig überraschend sein kann
und zu Beginn der „Impro“ nicht feststeht. Das ist spontan, oft
sehr lustig und kann kaum langweilig werden. Aber dies ist nur
das Grundprinzip, denn Improvisation ist eine sehr facettenreiche Spielart des Theaters und schließt viele verschiedene Formen
und Varianten mit ein. Ihnen allen gemein ist, dass sie gänzlich
ohne vorgefertigten Text, ohne Skript und ohne Pläne auskommen. Auf der Bühne hat der Impro-Schauspieler nur sich selbst
und das, was sich um ihn herum im Raum befindet, zur Verfügung. Trotzdem – oder gerade deswegen – tritt er nicht völlig
unvorbereitet vor sein Publikum. „Wenn wir proben“, so Michel Büch über die gemeinsame Arbeit, „versuchen wir einfach,
zusammen zu kommen, uns genau zuzuhören und gemeinsam
etwas zu entwickeln.“ Es gilt, eine hohe Sensibilität für Mimik
und Gestik des Partners zu entwickeln, um dessen Andeutungen
und Hinweise verstehen und weiterführen zu können. Dafür
muss die gegenseitige Wahrnehmung der Schauspieler geschärft
werden. Als Vorbereitung können aber auch diverse Techniken
und ein gewisses Repertoire an erzählerischen Strukturen erlernt
werden. Darunter fällt zum Beispiel die „Yes, and“-Methode.
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Dabei lernen die Impro-Spieler einen Impuls von anderen aufzugreifen und ihn weiter zu entwickeln ohne dabei den eigenen
Vorstellungen den Vorrang zu gewähren. Nicht die eigene Interpretation der Situation ist entscheidend, sondern das, was aus
einer gegebenen Idee heraus improvisiert werden kann.
Ganz nach dem Motto des vermutlich bekanntesten Improtheater-Mitbegründers Keith Johnstone: „Bin ich inspiriert,
geht alles gut, doch versuche ich es richtig zu machen, gibt es
ein Desaster.“ Es soll nicht in erster Linie um Methoden gehen, sondern vor allem um den Spaß am Ausprobieren. Darum, auch in Situationen, in denen
man im Mittelpunkt steht, nicht zu
verkrampfen und sich von unnötigen Erwartungshaltungen frei zu
machen. Jeder kennt die Nervosität
und das ungewohnte Gefühl, angeschaut zu werden, aus diversen, nicht
immer angenehmen Referatssituationen und so manch einer kann es
nur durch Üben und Ausprobieren
überwinden. „Ich glaube, dass jeder schon die Anlagen in sich trägt,
um Nervosität, Hemmungen und
das Angegucktwerden übergehen zu
können und sich davon nicht aufhalten zu lassen“ stellt Tobias Sailer fest.
Deswegen richtet sich das Kursangebot weder speziell an erfahrene, noch
an unerfahrene (Impro-)Schauspieler, sondern an alle, die sich
dafür begeistern können.
Der Erfolg spricht für das Konzept des Workshops. Unmittelbar nach der Anmeldefrist waren alle Plätze besetzt und die Länge der Warteliste wächst stetig weiter. Deswegen wurde sogleich
ein zweiter Workshop, ebenfalls unter der Leitung von Tobias
Sailer, ins Leben gerufen (Montag, 18:15 bis 19:45 Uhr im
Schlachthof ). Wer also jetzt Lust bekommen hat, sein Improvisationstalent auf die Probe zu stellen, ist herzlich eingeladen, sich
auf der Warteliste einzuschreiben oder sich per Mail (kontakt@
die-beiden.info) direkt bei den Workshop-Verantwortlichen zu
melden. Notfalls improvisieren die beiden da was. Und wer das
alles gerne einmal mit eigenen Augen sehen möchte, kann „die
beiden“ bei ihrem nächsten Auftritt am 28. Mai 2011 im Magazin-Keller im Schlachthof besuchen oder sich nach weiteren Informationen auf der Website www.die-beiden.info umschauen.
Text: Anna Cordes
Foto: Lisa Mertens
…
Feuilleton
D
er Hinterhof des Goethetheaters. Ein Tunnelgang führt
in Bremens beschauliches Milchquartier im Ostertorviertel. Seitlich geht es in den Brauhauskeller. Gerade
mal 50 Leute haben hier Platz. Die Stücke von Elfriede Jelinek
stoßen in der Regel immer auf relativ großes Interesse, was nicht
zuletzt auch daran liegt, dass ihr 2004 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde und ihre Stücke das moderne Regietheater
immer wieder zu exzessiven Bühnenshows verleiten. Im Vorraum stehen Ü-50 Pärchen so weit das Auge reicht, aber auch
ein linksalternatives, jüngeres Paar wie aus dem Bilderbuch.
nachvollziehen kann... Vielleicht wäre ein Ein-Personen-Stück
sinnvoller gewesen, diese Jelinekschen Sprachflusskonstrukte, mit
viel gesellschaftskritischem RAF-Duktus versehen, lassen sowieso
keine Dialoge, geschweige denn eine Handlung entstehen. Von
Nachvollziehen kann keine Rede mehr sein.
Die Analogie zu Schillers Drama „Maria Stuart“ ist vor allem in
der Konstellation der beiden konkurrierenden „Königinnen“
Meinhof und Ensslin als DIE weiblichen Führungsfiguren der RAF
angelegt. Beide ziehen sich im weiteren Verlauf dementsprechend
elisabethanische Unterrockkleider an und balzen sich danach wie
Besuch im Brauhauskeller
Das RAF- Schauspiel „Ulrike Maria Stuart“
von Elfriede Jelinek Versuch einer Rekonstruktion
der Ereignisse
Des Weiteren die obligatorische Tochter aus gutem
Haus, die ihre Eltern mit dem Besuch eines JelinekStücks mal so ein bisschen „Schockkitzeln“ möchte.
Nach einem Glas Merlot bewege ich mich in den Saal,
der wie einer von diesen Mini-Kinosälen wirkt. Passend
dazu wird im hinteren Teil der schlauchartigen Tunnelbühne ein Störfernsehflimmerbild auf eine Leinwand
projiziert. Blind versuche ich mir meine ersten Notizen
zu machen, dann geht es los, das Königinnendrama.
Zu Beginn gibt uns Irene Kleinschmidt als Ulrike Meinhof
im existentialistischen Schwarzlook eine Einführung in die
geschichtlichen Umstände, aus denen die RAF hervorging.
Sie erklärt es nicht nur uns, sondern auch ihren Kindern,
die sie damals für den bewaffneten Stadtguerillakampf
verließ. Pikanterweise werden diese als Hand-Puppen von
den hinter ihrem Schreibtisch hockenden Schauspielern Johanna
Geißler und Glenn Goltz wie im Kasperletheater gesprochen.
Wenig später erscheinen die Beiden als Andreas Baader und Gudrun
Ensslin auf der Bühne, die als Terrorliebespaar zusammen mit
Meinhof als die Hauptidentifikationsfiguren der ersten Generation
der RAF galten. Ensslin bauchfrei mit Lady Gaga-Perücke, Baader
im Armeesakko, beide mit coolen Sonnenbrillen ausgestattet.
Der Schriftzug des Kaufhauses Schneider erscheint im Hintergrund.
Dort fand der berühmte Kaufhausbrand statt, so etwas wie die
Initialzündung für die RAF. Langsam erinnere ich mich wieder:
Baader in Haft, die spektakuläre Befreiung, Ulrike Meinhoff,
dramatisch vor die Wahl gestellt, die Revolution weiterhin vom
Schreibtisch aus zu begleiten oder jetzt und hier, den lebensgefährlich
verletzten Institutsangestellten im Rücken, mit in den bewaffneten
Untergrund zu gehen. Schwere Kost, durchaus Stoff für ein
Drama bietend. Und Jelinek lässt uns an dem inneren Zwiespalt
der Meinhoff als Mutter von zwei Kindern sogar teilhaben, durch
klare Monologe, die ich zu diesem Zeitpunkt noch wunderbar
Sumoringer über den Bühnenboden. Baader taucht irgendwann
als schwarzer Mephisto-Engel auf, Tocotronic singen von
der „puren Vernunft“, die „niemals siegen darf.“ Da kommt
beim Zuschauer automatisch Melancholie auf - das wirkt. Das
„Schreibmaschinenkonzert“ von Leroy Anderson wird von Meinhof
und Ensslin pantomimisch begleitet, zum Schluss versammeln sich
alle zu „Gute Nacht, Freunde“ von Reinhard May auf der Bühne
und ich habe das Gefühl, einen etwas wortlastigen Videoclip
gesehen zu haben.
Text: Karim Ahmed
Foto: Theater Bremen
„Ulrike Maria Stuart“ unter der Regie von Mirja Biel und Joerg
Zboralski
Am 19. und 28. Mai im Brauhauskeller (Hinterhof des Goethetheaters)
Kartenpreise für Studierende bis 27 Jahre: 9 Euro, darüber 14 Euro
39
Mathilde Vollmoeller-Purrmann, Stillleben mit Calla,
Paris, 1911, Stadt Speyer
Ein Fest
der Farben
Im Paula Modersohn-Becker Museum
findet zur Zeit eine Austellung der
Malerin Mathilde Vollmoeller-Purrmann statt.
D
ie Kunstsammlungen Böttcherstraße, bestehend aus
dem Paula Modersohn-Becker Museum und dem Museum im Roselius-Haus, zählen für viele immer noch
zu den eher altmodisch konzipierten Museen, die Bremen zu
bieten hat. Alleine das abwechslungsreiche und vielfältige Programm der letzten Monate beweist jedoch das Gegenteil.
Das Paula Modersohn-Becker Museum ist weltweit das erste
Museum, welches dem Werk einer Malerin gewidmet wurde.
Paula Modersohn-Becker (1876- 1907) wurde nur 31 Jahre alt
und gilt heute dennoch als Pionierin der Moderne. In immer
wieder wechselnden Ausstellungen werden ihre Werke in verschiedenste Kontexte gestellt und den Besuchern wird verdeutlicht, wie sich ihre Arbeit verändert und weiterentwickelt hat.
Abgesehen von den Werken seiner Namensgeberin stellt uns
das Paula Modersohn-Becker Museum momentan eine weitere Künstlerin vor, die bei der Betrachtung der künstlerischen
Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht außer Acht
gelassen werden sollte.
Mathilde Vollmoeller-Purrmann (1876- 1943) kann, genau wie
Paula Modersohn-Becker selbst, zu den Künstlerinnen gezählt
werden, welche zu Lebzeiten nicht die Anerkennung bekamen,
die sie verdienten. Lange ist man davon ausgegangen, dass sie
nach ihrer Heirat mit Hans Purrmann, selbst auch Künstler, das
Malen eingestellt hatte und viele ihrer bis dahin geschaffenen
Werke zerstört wurden. Erst 1999 wurde eine Vielzahl ihrer Arbeiten wiederentdeckt und es wurde klar, dass sie der Kunst bis
zu ihrem Tod treu geblieben war.
Die Sammlung der Gemälde von Vollmoeller-Purrmann besteht
größtenteils aus Porträts und Landschaften. Sie lebte und ar40
beitete einige Zeit in Paris und nach ihren Besuchen der dortigen Cézanne-Retrospektive wurde deutlich erkennbar, welchen
künstlerischen Einfluss dieser berühmte Maler auf ihre Werke
hatte: Die Farbe wurde zum Gegenstand der harmonischen
Bildkomposition. Auch ihr späteres Studium an der Akademie
von Henri Matisse prägte ihre Arbeit.
Die Sonderausstellung „Fest der Farben“ wurde kuratiert von
Dr. Frank Laukötter, Verena Borgmann und Simone Ewald. Sie
entstand in Kooperation mit dem Purrmann-Haus in Speyer.
Etwa 40 Leihgaben wurden von diesem Haus und aus Privatbesitz zur Verfügung gestellt. Darunter befinden sich zahlreiche
Landschaftsbilder und Porträts, sowie Aquarelle aus ihrer späteren Schaffensphase. Die Ausstellung zeigt auf beeindruckende
Weise das Werk einer „verloren gegangenen“ Künstlerin und
bringt dem Betrachter das Leben einer willensstarken Frau näher, die es geschafft hat, für ihre Familie da zu sein und trotzdem
ihre künstlerische Freiheit auszuleben. Vor allem einige ihrer lebendigen Landschaftsbilder geben dem Besucher das Gefühl,
selbst ein Teil der sonnigen Darstellungen zu sein und lassen die
kühlen Museumsräume gleich ein paar Grad wärmer erscheinen.
Noch bis zum 3. Juli 2011 kann die Ausstellung im Paula Modersohn-Becker Museum bewundert werden und für alle Studierenden des Fachbereichs Neun ist der Eintritt sogar kostenlos!
Weitere Informationen zu Öffnungszeiten und kommenden
Veranstaltungen findet ihr auf www.pmbm.de
Text: Alexandra Knief
Foto: pmbm.de
Feuilleton
Biutiful
Ein Film über das Leben und Sterben, über den Glanz und die Schatten Europas. Der neue Film von
Regisseur Alejandro González Inárritu, derzeit in der Schauburg zu sehen, ist keine leichte Kost.
W
ährend Javier
Bardem
in
Woody Allens
romantischer
Vorzeigekulisse („Vicky Cristina
Barcelona“) sorglos umherstreifen konnte, hastet
er in „Biutiful“, einem
Raubtier gleich, tief gebeugt durch eine trostlose,
elende Stadt. Handlungstechnisch überrascht der
Film nicht, jedoch liefert Regissseur Alejandro
González Iñárritu einen
unerwarteten Blick auf
Barcelona.
Bis jetzt der bedrückendste Film des Mexikaners,
ist „Biutiful“ aber auch eindringlich und unsentimental, nicht
zuletzt dank der Leistung des Hauptdarsteller. Obwohl die ganze Unmenschlichkeit der globalisierten Welt vorgeführt wird, ist
Globalisierungskritik nicht das Hauptziel: Der Film erzählt vom
Leben und Loslassen, von Kampf und Verzweiflung, von der
Menschlichkeit im Unmenschlichen. Manche Geschichten sind
eben hoffnungslos. Schön sind sie dennoch, und es wert, erzählt
zu werden. Am Ende verlässt man betäubt den Kinosaal. Ob es
sich lohnt, entscheidet jeder für sich.
Um seine Kinder zu versorgen, verdient der Kleinkriminelle
Uxbal (Javier Bardem) sein Geld durch zwielichtige Geschäfte
mit illegalen Einwanderern, die er einerseits unterstützt und andererseits ausbeutet. Er ist außerdem Mittelsmann zwischen den
Toten, mit denen er angeblich reden kann, und den Lebenden,
die in ihrer Trauer dafür bezahlen. Seine psychisch labile ExFrau (Maricel Alvarez) schläft mit seinem Bruder. Uxbals Leben
ist also bereits ziemlich unerfreulich, als er erfährt, dass er Krebs
im Endstadium hat. Ihm bleibt wenig Zeit, die wichtigsten Dinge vor seinem Abgang zu erledigen. Was schwierig ist, in einer
Welt, in der ein Tiefschlag auf den nächsten folgt.
Anders als in den verwickelten Episodengeschichten
„Amores Perros“, „21 Gramm“ und „Babel“ konzentriert sich
der Regisseur diesmal auf eine Stadt und einen Charakter. Gerade wegen der geradlinigen Erzählweise scheint dieses Werk zunächst überfrachtet mit Hoffnungslosigkeit. Es ist anstrengend,
Uxbal dabei zuzusehen, wie er sich durch die Schattenseiten Europas bewegt, wo Gewalt an der Tagesordnung steht, in der dreckigen Toilette schmerzhaft Blut uriniert und Angst hat, nach
dem Tod von seinen Kindern vergessen zu werden.
Text: Natalie Sadovnik
Foto: Prokino
41
Feuilleton
Warum der Mensch spricht
„Was wäre das Leben ohne die Sprache“? wird sich auch mancher Journalist oft fragen. Doch wo
kommt sie her? Wie alt ist sie? Dieser und vieler Fragen mehr ist Autorin Ruth Berger nachgegangen.
D
er Dozent, durch den man sich ungerecht behandelt
fühlt, Liebeskummer oder Selbstfindungsprobleme –
alles wird etwas leichter erträglich, wenn man darüber
redet. Doch auch positive Erlebnisse, wie die tolle Zeit im Ausland oder die Begeisterung für den Film am Abend zuvor, möchten wir mit anderen teilen.
mit beeinflusst haben – die Sprache ist nicht durch eine einzelne
Mutation gegeben, sondern entstand im Zuge der Entwicklung
vieler anderer kognitiver und emotionaler Fähigkeiten.
Ruth Berger sammelt im Verlauf des Buches Indizien für beide
Thesen und am Ende wird abgewogen, welche These stichhaltiger ist. Das Besondere hierbei ist, dass der Leser in alle wissenSprache gehört so selbstverständlich zu unserem Alltag wie
schaftlichen Disziplinen Einblicke bekommt, die an der Erfordas Atmen: Ständig kommunizieren wir – es scheint uns ein groschung der Evolution der Sprache beteiligt sind – und das ist
ßes Bedürfnis zu sein, uns anderen Menschen mitzuteilen, uns
längst nicht nur die Sprachwissenschaft. Wir begleiten Biologen
auszutauschen. Warum sollten wir so etwas Selbstverständliches
und Psychologen bei ihren Versuchen, Menschenaffen Sprache
wie unsere Sprache überhaupt in Frage stellen?
beizubringen; Man ist erstaunt, denn das klappt besser als gedacht. Auch wenn Sprachfähigkeiten der Menschenaffen nicht
Weil wir uns damit auf eine sehr interessante Reise nach den
an das Sprachniveau eines erwachsenen menschlichen Sprechers
Ursprüngen der Menschheit begeben und außerdem etwas daheran kommen, können sie immerhin bis zu 300 Wörter einer
rüber erfahren, was uns als Menschen ausmacht! Ruth Berger
Sprache lernen und verblüffen durch eine ungeahnte Verwennimmt uns in ihrem Buch “Warum
dung von Wörtern. Beispielsweise
der Mensch spricht” auf diese äußerst
ist der Schimpanse Sherman, dem
spannende Exkursion in die Verganim Zuge eines Forschungsprojekgenheit mit. Es soll die Frage beanttes beigebracht wurde, sich mittels
Sprache gehört so
wortet werden, wann in der Geschicheines Computers sprachlich auszuselbstverständlich zu unserem
te der Menschheit das erste Mal eine
drücken, sogar in der Lage, SpraSprache auftrat, die vergleichbar mit
che kreativ zu verwenden. Als ihn
Alltag wie das Atmen.
den heutigen Sprachen ist.
ein Pfleger durch das Entzünden
einer bisher unbekannten WunderInsgesamt läuft Ruth Bergers Unterkerze in Angst versetzt, tippt er in
suchung der Sprache auf zwei Hauptthesen hinaus, die nicht
den Computer ein: „Strohhalm geben Schreck raus“ - da er kein
miteinander vereinbar sind. Die erste geht von einem recht späWort für „Wunderkerze“ hat, verwendet er eben „Strohhalm“
ten Beginn der Sprache aus – demnach wäre sie den Menschen
dafür, welcher einer Wunderkerze zumindest von der Form her
durch die zufällige Mutation des Erbguts vor circa 50.000 bis
ähnelt.
200.000 Jahren zugefallen, welche eine Umstrukturierung im
Gehirn bewirkte, die den Menschen sprachfähig machte. Die
Weitere Antworten auf die vielen Fragen versuchen Genetiker
zweite These sieht Sprache als Produkt eines wesentlich längeren
zu liefern: Was hat es mit dem mysteriösen Sprachgen FOXP2
evolutionären Prozesses, der quasi dann einsetzte, als aus Menauf sich? Oder kommen wir der Antwort ein Stück näher, wenn
schenaffen die ersten Urmenschen wurden – das ist immerhin
wir mit Archäologen die Knochen von Neandertalern und Urschon gut zwei Millionen Jahre her. Diese Thesen beinhalten
menschen ausgraben? Diese Knochen sollen Auskunft darüber
jedoch mehr als die bloße Frage der Datierung, vielmehr geht
geben, ob die frühen Menschen aufgrund ihres Sprechapparats
es hierbei um zwei verschiedene Auffassungen über die Spraüberhaupt in der Lage gewesen wären, Laute zu produzieren,
che und das Menschsein. Folgt man der ersten These, setzte die
die denen heutiger Sprachen ähneln. Schließlich leisten auch die
Sprachfähigkeit der Menschheit erst dann ein, als der Mensch
Neurowissenschaften ihren Beitrag, denn es könnte aufschlussschon alle anderen Eigenschaften besaß, die ihn „menschlich“
reich sein zu erforschen, ob Sprachproduktion und -verarbeimachen. Folgt man jedoch der zweiten These, muss die Entwicktung eher in evolutionär alten oder neuen Gehirnteilen stattfinlung von Sprache den Prozess der Menschwerdung entscheidend
det – hier streifen wir die alte Debatte, ob Sprachfähigkeit für
42
Feuilleton
sich alleine steht oder mit der allgemeinen Intelligenz verknüpft
ist.
So fügen sich letztendlich immer mehr Puzzleteile zu einem
Gesamtbild zusammen. Ruth Berger hat das Ganze sehr gut
nachvollziehbar strukturiert und fasst am Ende noch einmal
all ihre Ergebnisse zusammen. Obwohl das Buch sich mit anspruchsvollen wissenschaftlichen Inhalten befasst, ist es sehr
humorvoll und unterhaltsam geschrieben und außerdem auch
gut ohne Vorkenntnisse verständlich.
Alles in allem ist es der Autorin sehr gut gelungen, die neuesten
Forschungsergebnisse aus den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen darzustellen und zueinander in Beziehung
zu setzen. So entsteht eine runde Vorstellung davon, wie sich
die Sprache entwickelt haben könnte. Dieses Buch sei vor allem
Studenten der Linguistik, einer Philologie, der Biologie oder der
Kulturwissenschaften ans Herz gelegt und darüber hinaus natürlich allen, die an der Evolution von Sprache oder des Menschen
generell interessiert sind. Nach dem Lesen des Buches macht sich
das Gefühl breit, auf sehr unterhaltsame Weise mehr gelernt zu
haben als in so manchem linguistischen Seminar.
Ruth Berger: „Warum der Mensch spricht. Eine Naturgeschichte der Sprache“ ist 2008 bei Eichborn erschienen. Erhältlich für
19,95€.
Text: Christina Freihorst
Anständig essen. Ein Selbstversuch
Diäten sind zum Kult geworden, ganz gleich auf welche Art. Was neben dem Gewicht mit einem selbst
passiert, wenn man den Ernährungsexperten folgt, steht aber meistens nicht in den selben Büchern.
I
n der Mensa gibt es seit kurzem veganes Essen und es ist auch noch nicht
allzu lange her, dass in Bremen der
vegetarische Tag eingeführt wurde. Sich
mit seiner Ernährung auseinanderzusetzen, scheint momentan voll im Trend zu
liegen. Genau dies tut auch Karen Duve,
indem sie ein 10-monatiges Experiment in
Sachen Ernährung wagt und dieses in ihrem Buch „Anständig essen“ dokumentiert.
Alles begann damit, dass ihr das Gewissen
in Gestalt ihrer Mitbewohnerin im Supermarkt eine Packung „Qualfleisch“ ausredete. Karen Duve, ehemals Verfechterin von
Brathähnchen, Gummibärchen, Cola und
Co., entscheidet sich, jeweils zwei Monate
nacheinander die rein biologische, vegetarische und frutarische Ernährung zu testen.
Vier Monate lang lebt sie sogar vegan. Ihre
Vorurteile, Erfahrungen und Erkenntnisse
hält sie in Form von Tagebucheinträgen,
die monatsweise zusammengefasst sind, fest. Auf humorvolle
Art und Weise beschreibt sie ihren täglichen Kampf mit dem
Essen und den strikten Regeln, die ihr die Ernährungsweisen
auferlegen. Dabei bezieht sie den Leser direkt in ihr Alltagsleben mit ein und schildert anschaulich, wie ihr neues Essverhalten ihren Tagesablauf beeinflusst. Obwohl die Autorin anfangs
die verschiedenen Überzeugungen nicht nachvollziehen kann,
sie stellenweise sogar verspottet, bleibt sie zielstrebig. Neben
den Nahrungsmitteln an sich beschäftigt Karen Duve sich auch
Karen Duve
Anständig
essen
Ein Selbstversuch
mit der Herkunft und Herstellungsweise unseres
Essens und liefert dabei viele wissenswerte, teils
erschreckende Fakten über die Nahrungsmittelindustrie. Ein Beispiel ist, dass einem Huhn in einer
typischen Legebatterie gerade mal 550 cm² zur
Verfügung stehen, was in etwa der Größe dieser
Seite entspricht. Dies wird durch mehrere informative Interviews mit verschiedenen Parteien über
das Thema Ernährung unterstützt.
Insgesamt ist „Anständig essen“ ein lesenswertes
Buch, das keinesfalls nur für Vertreter einer der
von Karen Duve erprobten Ernährungsweisen geeignet ist. Da die Autorin ihren Selbstversuch unabhängig von jeglichen Überzeugungen begann,
kann der Leser durch ihre Augen mitverfolgen, wie
sie langsam anfängt, sich mit ihrer Ernährung zu
befassen und welche Faktoren, wie beispielsweise Internetrecherche, sie dabei beeinflussen. Am
Ende des Experiments zieht sie ihre Schlüsse und
trifft eine endgültige Entscheidung in Bezug auf
ihre Ernährung.
Karen Duve: „Anständig essen. Ein Selbstversuch“
Verlag: Galiani Berlin, Hartcover mit Schutzumschlag
Preis: 19,95 Euro, ISBN 978-3-86971-028-0
Text: Alina Fischer
Foto: Galiani Verlag
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Adele 21
In ihrem neuen Album singt die junge Britin mit der
außergewöhnlichen Stimme von Liebe und Schmerz und
lässt den Soul noch lange nicht in Vergessenheit geraten.
A
dele Laurie Blue Adkins, besser bekannt als „Adele“,
hatte bereits mit 14 zum ersten Mal ein Mikrofon in der
Hand. Seit ihrem ersten Album „19“, das 2008 erschien,
wird sie in Großbritannien als neue Amy Winehouse gefeiert – stimmlich kann sie da auf jeden Fall mithalten, nur über
Drogenskandale ist bisher nichts bekannt. Sie macht Soul mit
etwas Pop und Jazz vermischt, vergleichbar mit den ebenfalls
britischen Sängerinnen Rumer und Duffy. Nun ist ihr zweites
Album „21“ erschienen, welches entstand, während sie 21 war
(mittlerweile ist sie 22). Adeles Stimme ist sehr vielseitig: Mal
geschmeidig und glatt, mal rau und soulig. In Kombination mit
Background-Gesang und Orchester entstehen imposante Klänge, manche Lieder sind aber auch nur mit Klavierbegleitung
ganz puristisch gehalten (zum Beispiel „Someone like you“). Auf
„21“ finden sich viele ruhigere Balladen, in denen Adeles Stimme sanft und manchmal zerbrechlich oder anklagend klingt. Als
Gegensatz dazu gibt es auch ein paar schnellere, energiegeladenere Stücke, wie das erste „Stück Rolling in the deep“: es hat einen schnellen, stampfenden Rhythmus und drückt eine gewisse
Wut über das Scheitern einer Beziehung aus.
das man zurzeit beobachten kann. Das Album ist als normale
Version (11 Tracks) für 11,99€ erhältlich oder als Limited Edition mit zwei Bonustracks für 15,95€.
Die Limited Edition lohnt sich schon wegen einem dieser
Bonustracks: „If it hadn’t been for Love“, ein Coversong, der
nach Country und Blues klingt und deswegen aus dem Rest des
Albums heraussticht.
Insgesamt ist das Album von der Verarbeitung von Trennung
und Liebeskummer geprägt, wobei man das Gefühl hat, dass
diese Verarbeitung nun abgeschlossen ist. So wünscht Adele in
„Someone like you“ ihrem ehemaligen Geliebten alles Gute für
den weiteren Lebensweg, möchte aber dennoch nicht vergessen
werden: “Nevermind I‘ll find someone like you/ I wish nothing
but the best for you two/ Don‘t forget me, I beg/ I remember you say: ‚Sometimes it lasts in love but sometimes it hurts
instead‘“. Am Ende bleibt die nüchterne Erkenntnis, dass die
Liebe eben manchmal schmerzlich sein kann. Gut, wenn man
den Schmerz wenigstens kreativ verarbeiten kann, so wie Adele.
Alles in allem ist dank Adeles außergewöhnlicher Stimme und
den gelungenen musikalischen Arrangements ein ausdrucksstarkes Album entstanden.
Einziges Manko: Man hätte sich über noch mehr schnellere
Songs à la „Rolling in the deep“ gefreut! Trotzdem lohnt sich die
Anschaffung für jeden, der sich über das Revival des Soul freut,
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Text: Christina Freihorst
Foto: Beggars Group
Feuilleton
Clueso – An und für sich
Mit Songs wie „Gewinner“ und „Keinen Zentimeter“ erreichte Clueso bereits gute Chartplatzierungen und machte bundesweit auf sich aufmerksam. Im neuen Album „An und für sich“ bleibt
sich der kreative Songwriter treu und begeistert mit einem Hauch Poesie und ruhigen Melodien.
E
inem größeren Publikum zugänglich wurde der Erfurter Sänger und Songwriter Clueso erstmals, als er 2005
bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest mit dem
Song „Kein Bock zu geh’n“ für sein Bundesland antrat und
immerhin den siebten Platz holte.
Urspünglich kommt Clueso aus der
Musikrichtung Hip Hop, was sich
vor allem auf seinem ersten Album
„Text und Ton“ (2001) noch stärker
bemerkbar macht. Auf seinen folgenden Alben „Gute Musik“ (2004),
„Weit Weg“ (2006) und „So sehr
dabei„ (2008) experimentiert Clueso mit verschiedenen Musikstilen
und mischt Pop mit Reggae, Rock,
Jazz und Hip Hop. Auch sein viertes
Album „An und für sich“ lässt sich
schwer in nur eine Musik-Kategorie
einordnen: Hier wechseln sich akustische Gitarren und deutlich mehr
elektronische Elemente, als man es
von Clueso gewohnt ist, ab.
Insgesamt sind die Lieder auf diesem Album eher ruhig, manch einer
mag die Stimmung als melancholisch empfinden. In der Tat ist dies
kein Album, das man hören würde, um in Partystimmung zu
kommen. Andererseits ist es aber auch keine Musik, die einen
runterzieht oder die man nur hören kann, wenn man sowieso
schon deprimiert ist. Am besten lässt sich das Album wohl in
einer leicht nachdenklichen Stimmung hören, wenn man Zeit
hat, auch auf die Texte zu achten: Diese machen Cluesos Musik
zu etwas Besonderem und werden von seinen Fans besonders geschätzt. Jeder Song ist wie eine kleine Geschichte, eine persönliche Erfahrung oder eine Reise, auf die uns Clueso mitnimmt.
Das Alltägliche, das Erlebte wird zur Poesie. Thematisch handeln
die Lieder davon, im Hier und Jetzt zu leben und den einzelnen
Moment zu schätzen, was schon der erste Song „Zu schnell vorbei“ einleitet: „Zu schnell vorbei./ Sag mal wie schnell verging
schon wieder die Zeit./ Ich genieß‘ den Moment, zu schnell vorbei.“ Auch das Auf-der-Suche-sein, nach sich selbst und dem,
was man tut, sowie eine gewisse Rastlosigkeit wird thematisiert.
Schade ist, dass Clueso im Vergleich zu früheren Alben etwas an
sprachlicher Originalität und musikalischer Vielfalt eingebüßt
hat. Die Songs sind sich untereinander vom Klang her ähnlicher
als auf früheren Alben.
„An und für sich“ ist definitiv ein
Album, in das man sich eine Weile
reinhören muss, es ist nicht unbedingt beim ersten Mal eingängig.
Nach mehrmaligem Hören kann
man aber zustimmen: Es ist “mehr
als nur Musik” entstanden – wie
Clueso, ganz unbescheiden, im
CD-Booklet verkündet – insofern,
als man das Gefühl hat, dass in vielen der Songs Wahrheiten ausgedrückt werden, die man vielleicht
schon immer kannte, aber sich so
nicht bewusst gemacht hat.
Für Clueso-Fans ist das neue Album fast schon ein Muss, da es wie
gewohnt Texte enthält, die einen
zum Nachdenken anregen können
(wenn man denn möchte) – wer
Clueso aber noch nicht kennt, dem
würde ich vor allem auch die früheren Alben „Gute Musik“ und
„Weit Weg“ empfehlen, in denen noch mehr mit verschiedenen
Musikstilen und Themen experimentiert wird.
„An und für sich“ ist für 14,95€ käuflich zu erwerben und enthält 17 Tracks.
Übrigens: Wer Karten für die Auftritte von Clueso und seiner
Band im Clueso Ticketshop (http://ticket.clueso.de/ctxs/) bestellt, bekommt das Album kostenlos als Download obendrauf.
Clueso und seine Band sind z.B. am 19.10.2011 in Hannover in
der AWD Hall zu sehen (Stehplatz für 30€).
Text: Christina Freihorst
Foto: becktomusic.de
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Feuilleton
Blog-Up
Your Life!
Eine neue Ära des Social-Networking: In der Mode
geht nichts mehr ohne das Phänomen Blog.
D
as Internet gehört zum Studenten-Alltag, das ist klar,
aber nicht nur Stud.IP ist dafür verantwortlich. Schon
vor dem ersten Bissen ins Frühstücksbrötchen wissen
wir dank Facebook, dass die beste Freundin mal wieder verpennt
hat oder ein Kommilitone heute doch lieber an den Werdersee
fährt und die Uni sausen lässt. Unser Auftritt im World Wide
Web wird immer bedeutender und die sozialen Netzwerke wie
Facebook, Twitter & Co. reichen für viele User nicht mehr aus,
um die eigene Persönlichkeit im Internet darzustellen. Das immer mehr genutzte Blogsystem bildet hierfür ein einfach zu
handhabendes Medium.Besonders stark ist die Entwicklung von
Blogs in der Modebranche zu beobachten. Schon heute haben
sie einen bedeutenden Einfluss auf das Business und in einigen
Jahren wird dieser Einfluss größer werden als der von renommierten Modemagazinen wie der Vogue. Anna Wintour, die
gnadenlose Chefredakteurin, könnte von Jungbloggern/innen
wie der fünfzehnjährigen Tavi Gevinson (www.thestylerookie.
com), die bei legendären Modeschöpfern wie Karl Lagerfeld
oder Marc Jacobs in der ersten Reihe sitzt, ersetzt werden. Die
Online-Beliebtheit, welche durch kreativ gestaltete Blogs steigt,
erleichtert den Einstieg in die Modeindustrie, auch ohne eine
journalistische Ausbildung.
Die Fashionwelt hat sich deutlich in Richtung Internet verschoben und ein Bericht über die letzte Modenschau von Louis
Vuitton auf einem der zahlreichen Blogs wie „fashiontoast“ oder
„menrepeller“ ist entsprechend wichtig. Sie dienen aber auch als
ein einfaches Werbemittel für Designer und Marken, denn im
Gegensatz zu den Zeitschriften können die Blogs kostenlos von
Jedem im Internet aufgerufen werden.
Aber nicht nur international haben die Modeblogs an Bedeutung zugenommen. In Deutschland hat das Duo Jessica Weiß
und Julia Knolle von „Les Mads“ (www.lesmads.de) mit seinem
Blog die regionale Modewelt in eine neue Ära geleitet.
Als die beiden 2007 neben ihrem Studium in Köln die Domain
gründeten, hätten sie sich den heutigen Erfolg wohl kaum zu
46
träumen gewagt. Sie gehören zu den gefragtesten Modejournalisten in Deutschland und ihr Blog hat monatlich über 650.000
Besucher. Das zeigt ganz deutlich den Trend von teuren Zeitschriften weg und hin zu kostenlosen Informationen über das
Internet. Die Printindustrie muss sich etwas einfallen lassen, um
nicht noch mehr ins Wanken zu geraten. Der Mix aus Mode,
Lifestyle, Musik und Fotografie hält die Leser neben Neuigkeiten von den Laufstegen der Welt auch über neue Bands und
coole Events in den deutschen Großstädten auf dem Laufenden. „Les Mads“ bietet nicht nur die Möglichkeit, eine persönliche Meinung abzugeben (bei Fragen wie: „Soll ich diese
Bluse kaufen?“), sondern ist mit anderen Blogs in ganz Europa vernetzt, deren aktuellsten Post-Einträge immer ganz oben
auf der Seite angezeigt werden. Blogs haben in Deutschland
eine große Modebegeisterung hervorgerufen und zeigen, dass
Mode und modisch Sein einen bezahlbaren Preis hat. Dieser
Hype wirkt sich nicht nur auf die Hauptstadt aus, die ja bekanntlich Modemetropole ist. Auch in Kleinstädten, wie unserer
Hansestadt, versuchen Modebegeisterte mit persönlichen Blogs
den Einstieg in die Fashionbranche. Mit „lauscho in fashion“
(www.lauschoinfashion.blogspot.com) zeigt eine Studentin unserer Uni Mode-Input aus Bremen. Hier werden Trends analysiert oder „Streetstyles“ veröffentlicht. Die Reisen zur Fashion
Week in Berlin im Frühjahr und Sommer sind die jährlichen
Highlights des Blogs.
Für die Zukunft dürfen, müssen und sollten wir uns auf einen
explosiven Anstieg von Blogs auch in unserem ganz normalen
Alltag einstellen. Informationen können so nämlich kostenlos
und in einem rasanten Tempo verbreitet werden. Das Onlineprofil wird für alle bedeutsamer und Blogs bieten die Möglichkeit eines günstigen und vor allem persönlichen Auftritts im Internet. Also: Bloggst du schon oder blätterst du noch???
Text: Laura Schorfmann
Foto: lesmads.de, Laura Schorfmann
Feuilleton
Und wenn sie nicht gestorben sind...
Zwei Milliarden Menschen bestaunten ein britisches Märchen, dessen wahres Happy End
noch aussteht. Ein kritischer Blick auf die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton.
H
aben wir im Moment eigentlich keine größeren
Probleme als eine Hochzeit? Eigentlich schon, dennoch saßen am 29.April zwei Milliarden Menschen
auf der ganzen Welt gebannt vor ihrem Fernseher und sahen
dabei zu, wie Catherine „Kate“ Middleton zum Altar schritt,
um die Ehefrau von William Arthur Philip Louis MontbattenWindsor, kurz Prinz William, zu werden. Auch hier in Deutschland, wo wir ansonsten höchstens die Hochzeiten von B-Promis
zu sehen bekommen, war dieser Tag im Kalender vieler nebenberuflicher Adelsexperten rot angestrichen.
Aber was macht die Begeisterung für eine
solche königliche Vermählung aus? Warum
zelten Menschen tagelang vor dem Buckingham Palace, nur um einen kurzen Blick auf
das Brautpaar zu erhaschen oder im schlechtesten Fall auf tausende von Hinterköpfen
und allenfalls den Schatten einer Kutsche?
Offenbar ist es die Sehnsucht nach ein wenig Romantik und Glück in Zeiten, in denen die Medien von Naturkatastrophen und
Kriegen beherrscht werden, vielleicht auch
nur die Begeisterung für den gewissen Glamour, der die königliche Familie seit jeher
umgibt. Immerhin hat die Welt lange genug
auf diesen Tag gewartet, inzwischen sind
Kate und William seit acht Jahren in einer festen Partnerschaft, bis im letzten Jahr
„endlich“ die Verlobung verkündet wurde.
Ein ganz normaler Zeitraum für ein Paar in
ihrem Alter, aber eine halbe Ewigkeit für die
britische Boulevardpresse, die die Braut schon als „Waity Katie“
verspottete. Auch die traurigen Erinnerungen an Williams oft
unglückliche Mutter Diana, der verstorbenen „Prinzessin der
Herzen“, wurden immer wieder heraufbeschworen. Nicht Wenige sahen in Kates Verlobungsring, mit dem schon Prinz Charles
um Dianas Hand angehalten hatte, gar ein schlechtes Omen für
die Ehe der beiden.
verstaubt anmutenden Traditionen auch in dieser Ehe erhalten. So wird Kate als neue Prinzessin ihren Bachelor of Arts in
Kunstgeschichte wohl nicht nutzen können, denn einem normalen Beruf nachzugehen ist einer königlichen Hoheit, allein
schon aus Sicherheitsgründen, nicht zuzumuten. Stattdessen
wird sich Prinzessin Catherine, wie sie von nun an heißt, wohl
eher für öffentlichkeitswirksame Charityprojekte engagieren.
Durchaus eine adäquate Tätigkeit, aber ob eine solche „Karriere“
eine wirkliche Erfüllung für eine moderne, junge Frau sein kann,
bleibt fraglich. Als Gattin des Kronprinzen
wird sie auch damit leben müssen, dass ihr
in den kommenden Monaten die ganze Welt
auf den Bauch starren wird, um zu beobachten, ob sich dort denn schon etwas wölbt.
Schließlich muss so schnell wie möglich für
einen kleinen Thronfolger gesorgt werden.
Die Prinzessin als lebende Brutmaschine,
wenn man so will. Leider ist auch die Tatsache, dass auf dem offiziellen Hochzeitsmerchandise das C für Catherine erstmals in
der britischen Geschichte vor dem W ihres
Ehemanns William steht, kein Zeichen für
eine neue Emanzipation im Königshaus. Die
königliche Familie wollte wohl nur keine romantischen Teller und Tassen mit dem Antlitz des Brautpaars verkaufen, die den treuen
Untertan an seine Toilette erinnern, deshalb
also nun CW anstelle von WC.
Nun aber sind alle Zweifel vergessen, wirklich jeder scheint
sich für das frisch vermählte Ehepaar zu freuen und das britische
Volk feiert den Aufbruch in eine modernere und irgendwie frischere Monarchie.
Kate Middleton hat Westminster Abbey als
Prinzessin Catherine verlassen und sich damit den Traum vieler kleiner und großer Mädchen erfüllt. Wieder einmal ist ein Märchen wahr geworden und eine Bürgerliche
aus dem Volk und ein gutaussehender, wohlhabender Prinz haben sich gefunden. Doch trotz der rosigen Aussicht, irgendwann
einmal die Königin von England zu werden, trotz all des Glamours, der Krone und der Juwelen, so wirklich möchte man die
junge Prinzessin nicht um ihr neues Leben im goldenen Käfig
beneiden. Es bleibt den Frischvermählten nur zu wünschen, dass
sie auch lange nach den Flitterwochen, wenn selbst der größte
Adelsfan das winkende Paar auf dem Balkon oft genug gesehen
hat und auch das kitschigste Hochzeitssouvenir im Regal langsam Staub ansammelt, immer noch glücklich sind.
Aber selbst wenn Kate und William als der neue junge Adel
bejubelt werden, bleiben doch viele der althergebrachten und
Text: Kira Kettner
Grafik: Stefan Kampe
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Feuilleton
Fernweh
Beim Durchforsten von Literatur, der Vorbereitung von Referaten sowie dem Lernen für Klausuren
ist es kein Wunder, wenn einen das Fernweh überkommt. Eine Reisemöglichkeit bietet die britische
Hauptstadt London, die nicht nur mit ihren weltbekannten Sehenswürdigkeiten punkten kann.
I
m Supermarkt kaufe ich Bioprodukte. Und versuche nicht
so viel Müll zu produzieren. Und ich finde Atomkraft blöd.
Ich würde behaupten, dass ich auf meine Umwelt acht gebe.
Aber ich muss zugeben, dass ich auf die günstigen Ryanair- Flüge nicht mehr verzichten möchte. So kann ich auf eine zwar
unökologische, dafür aber sehr preiswerte Art und Weise meine
absolute Lieblingsstadt besuchen: Großbritanniens Metropole
London. Um mir aber auch den Aufenthalt in der größten Stadt
der Europäischen Union leisten zu können, musste ich Wege
finden, mit möglichst wenig finanziellem Aufwand möglichst viel dabei rauszuholen. Ein Urlaubsbericht.
Die Anreise nach London ist denkbar einfach, die Billigflieger-Kette Ryanair (www.ryanair.com/de) fliegt von
Bremen aus täglich nach London Stansted. Von dort aus
gibt es einen Bus- oder Zugtransfer in das Zentrum Londons. Damit euch der etwa einstündige Transfer nicht
teurer als der Flug zu stehen kommt, solltet ihr im Voraus über das Internet buchen (www.stanstedairport.com)
oder euch ein Ticket direkt an Bord des Fliegers verkaufen
lassen. So zahlt ihr zum Beispiel für den Zug ca. £ 25,70
pro Person für Hin- und Rückfahrt. Über die verfügbaren Busgesellschaften könnt ihr euch am besten auf der
Homepage des Flughafens informieren.
Was den Transport innerhalb der Stadt angeht, gibt es einige Möglichkeiten, zu sparen – ein Schritt könnte dabei
die Anschaffung einer Oyster Card sein. Das ist eine Prepaidkarte, die ihr für £ 5 an vielen Kiosken in London
kaufen und aufladen kann. Anschließend können, statt
jede Fahrt bar zu bezahlen, die Tickets mit der Oyster
Card erworben und so auch noch Geld gespart werden.
Nach 10 bis 15 Fahrten zahlt sich der Kauf auch aus, ansonsten kann die Karte einfach weiter gegeben oder für
den nächsten Londonaufenthalt aufgehoben werden. Wer
nur einen Wochenendtrip nach London unternimmt,
fährt besser mit Tagestickets. Unter der Woche kosten
diese £ 8, am Wochenende nur £ 6,60. (Vorsicht, vor
neun Uhr am Morgen zahlt ihr unter der Woche noch
einen Zuschlag für die Rush- Hour!) Aber egal, wie man
es dreht oder wendet, Bus und U-Bahn zu fahrenist immer teuer in London. Deshalb habe ich versucht, so wenig
„Viertelhopping“ wie möglich zu machen. Nehmt euch
immer einen ganzen Tag für ein Viertel und bewegt euch
dort zu Fuß fort, so werdet ihr mehr von der Stadt sehen
und weniger Geld ausgeben.
In Camden zum Beispiel, einem Stadtteil im Nordwesten Londons, könnte ich mich danke diverser Attraktionen eine ganze
Woche lang aufhalten. Entlang der Camden High Street reiht
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sich Laden an Laden, Bar an Bar. Exotische Menschen und die
zwei Flohmärkte Camden Lock und Stables Market rauben einem am Wochenende wegen der Menschenmassen zwar den
letzten Nerv, sind aber trotzdem einen Besuch wert. An den kleinen Verkaufsständen lohnt es sich, zu handeln- legt euch also
vielleicht schon ein paar passende Vokabeln zurecht, um wahre Schnäppchen abzustauben. Auch wenn ihr keinen Schmuck,
Klamotten oder Vintage kaufen möchtet, könnt ihr an den
verschiedenen Ständen rund um die beiden Märkte lecker und
günstig essen und euch komplett kostenlos an den bunten Gestalten (viele Gothics, Punks etc.) erfreuen. Wenn es euch aber zu
bunt wird, könnt ihr in einem der unzähligen Cafés entspannen,
wie zum Beispiel im veganen Café In Spiro direkt am Camden
Feuilleton
Canal. Bei schönem Wetter könnt ihr auch direkt draußen am
Kanal sitzen - aber denkt trotz der entspannten Atmosphäre daran: Kiffen ist in England nicht legal und Zivilpolizisten sind gerade in diesem Stadtteil viel unterwegs. Von Camden aus könnt
ihr euch auch in andere Ecken treiben lassen, zu Fuß seid ihr
schnell am Kings Cross Bahnhof, etwas länger braucht ihr zum
Hampstead Heath, einem großen, aber weniger von Touristen
besuchten Londoner Park.
Einen ganzen Tag kann man sich übrigens auch in Shoreditch,
dem angesagten Osten Londons vertreiben. Am besten sonntags,
denn an diesem Tag findet der Brick Lane Market statt. Genau
wie für Camden gilt auch hier: einfach treiben lassen und die
Stimmung genießen, die Angebote in einem der vielen pakistanischen Restaurants nutzen und abends in eine der angesagten
Bars einkehren. The Big Chill Bar ist zwar nicht besonders günstig, aber immer gut besucht und ein Spaßgarant. Vielleicht lernt
ihr wie ich durch Zufall Leute kennen und zieht dann in eine
andere Bar oder zu einer Party weiter.
Aber wo bleiben die klassischen Sehenswürdigkeiten? Die sind
alle nur kurze Distanzen voneinander entfernt, also kann man
sich eigentlich eine organisierte Stadttour sparen und mithilfe
eines Reiseführers die Gebäude ablaufen. Dazu könnt ihr gut
am Buckingham Palace starten, weiter zur Westminster Abbey,
zum Big Ben und von dort aus die Themse überqueren oder am
Victoria Embankment entlangspazieren. Auf der Südseite der
Themse findet ihr Shakespeares Globe Theatre und die fabelhafte
Tate Modern – einfach ein Muss für alle Kunstbegeisterten. Der
Eintritt ist hier, wie in den meisten Museen in England, übrigens frei. Gerade deshalb verwundert es sehr, dass viele Leute
gerade die Sehenswürdigkeiten besuchen, die viel Geld kosten.
Madame Tussauds und das Horrormuseum London Dungeon
kann man zwar für £ 28 bzw. £ 18 besuchen – oder sich diese speziellen Attraktionen einfach in Hamburg angucken. Wer
die Geschichte der Royal Family und die Kronjuwelen erleben
möchte, kommt um einen Besuch des Tower of London nicht
herum. Der Eintritt liegt allerdings bei ca. £ 15.
Ansonsten ist es vom Buckingham Palace auch nicht weit zur National Gallery, in der der Eintritt ebenfalls kostenfrei ist. Nach
Einbruch der Dunkelheit geht es über den in hellen Farben erleuchteten Piccadilly Circus weiter nach China Town. Dort gibt
es leckere „all you can eat“- Buffets für wenig Geld. Wen danach
die Füße noch tragen, der macht noch einen Abstecher nach
Soho oder sucht sich einen gemütlichen Pub, um den Abend auf
britische Weise ausklingen zu lassen.
Übrigens ist das Übernachten in London mit das Teuerste – deshalb empfehlen sich (Youth-) Hostels, die ihr am besten frühzeitig im Internet (zum Beispiel über www.hostels.com) bucht.
Da England ein typisches Backpacker-Land ist, sind die meisten
Unterkünfte recht ordentlich. Pauschal etwas zu empfehlen ist
schwer, die Auswahl in London ist groß! Eine nette Möglichkeit
ist beispielsweise das saubere und gut gelegene Journeys King‘s
Cross Hostel (www.visitjourneys.com) oder das YHA am Earl‘s
Court (www.yha.org.uk). Die Youth Hostel Association ist übrigens das Pendant zum deutschen Jugendherbergswerk. Wer sich
traut, kann sich auch über die Möglichkeit des „Couchsurfings“
informieren. Der ein oder andere Londoner teilt sicher gerne sein
Sofa. Übrigens eine tolle Alternative, um die Stadt aus einem anderen Blickwinkel als dem des Touristen kennen zu lernen.
Text: Marina Pavic
Foto: Jessica Heidhoff
Noch ein paar Tipps:
1. Geht niemals an eurem ersten Tag in London auf der
Oxford Street shoppen. Niemals! Eure Füße und euer
Geldbeutel überleben sonst nicht lange…
2. Wenn ihr feiern gehen wollt, lasst euch nicht in die
Clubs am Leicester Square lotsen. Die werben zwar mit
günstigen Angeboten, sind aber meistens Touristenabzocken.
3. Im Hilton Hotel an der Park Lane kann man zwar nicht
günstig wohnen, aber in der Galvin at Windows Bar des
Hotels kann man von der 28. Etage aus den Blick auf die
Stadt genießen – einen viel besseren Blick auf das nächtliche London hat man auch nicht vom London Eye, dem
großen Riesenrad an der Themse.
4. Wenn am Ende das Geld immer noch nicht alle ist,
aber das schlechte Gewissen wegen des Fluges euch
plagt, könnt ihr unter www.atmosfair.de die CO²- Emission eures Fluges ausrechnen lassen und durch eine Geldspende in bestimmter Höhe kompensieren. 80 Prozent
des gespendeten Geldes fließt dabei in Umweltprojekte.
5. Neben den üblichen Stadtführer kann ich den Indie
Travel Guide für UK und Europa empfehlen – in diesem
erzählen nämlich Bands von den Lieblingsplätzen in ihrer Stadt. (Indie Travel Guide City: London, € 12,95 vom
edel-Verlag)
6. Auf der Seite des Lonely Planet-Reiseführers gibt es
ein paar kurze, ehrliche Tipps und Bemerkungen zum
Sigthseeing in der Metropole (www.lonelyplanet.de/reiseziele/europa/england/london/infos.html).
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Feuilleton
Die Qual der Wahl
Nicht nur in der Politik wird gewählt, das ganze Leben wird durch Wahlen bestimmt.
Dass nicht jede Wahl erwünscht, durchdacht oder nötig ist, bringt unsere Autorin auf den Punkt.
A
lle Jahre wieder und manchmal sogar mehrmals, sollen
wir als pflichtbewusste Bürger zur Wahlurne schreiten
und uns für ein möglichst geringes Übel entscheiden. Ich
erinnere mich noch genau, kurz bevor ich 18 geworden bin, fand
ich die Aussicht, bald entscheiden zu dürfen, wie mein Leben
laufen soll und was in der Politik passiert, ziemlich spannend.
Aber als ich dann meinen Geburtstag hinter mir und das Abi in
der Tasche hatte, stürmten die ganzen Wahlmöglichkeiten nur
so auf mich ein: Studieren? Wenn ja, was und wo? Eine äußerst
schwierige Entscheidung, da ich zunächst von gefühlt 500 Studiengängen lediglich 20 für mich ausschließen konnte. In eine
Wohnung oder ein Studentenheim ziehen, eine WG gründen wenn ja, mit wem? Oder mein altes Leben hinter mir lassen und
in einem neuen Land ein paar Selbsterfahrungen machen? Eine
Partei in blau, rot, grün, gelb, lila oder schwarz wählen?
Was ich damals höchstens erahnen konnte, war die Tatsache,
dass das erst der Anfang meiner Wahlqualen war. Erwachsenwerden heißt, Freiheit(en) zu bekommen, und dabei handelt es
sich vor allem um die Wahlfreiheit. Als Kind habe ich Pippi
Langstrumpf und Peter Pan so sehr um ihre Selbstbestimmung
beneidet. Nur war mir nicht bewusst, wie anstrengend diese mit
der Zeit werden kann, da man, um diese Freiheit ausschöpfen
50
zu können, zu allem eine Meinung haben muss. Wie oft habe
ich mit Eltern und Lehrern darum gekämpft, Entscheidungen
selbst treffen zu dürfen, und wie sehr wünsche ich mir heute
manchmal, dass mir diese jemand abnimmt. Dass jemand anderes für mich die Verantwortung für die Konsequenzen trägt.
Denn nicht alles, was glänzt, ist Gold.
Tatsache ist, dass man im Vorfeld nie bestimmt sagen kann, wer
oder was die bessere Wahl ist, denn einmal im Amt entpuppt
sich oft auch die favorisierte Partei als „Griff ins Klo“ und die
beste Freundin als die schrecklichste WG-Mitbewohnerin aller
Zeiten. Holen einen dann die Konsequenzen der (Aus-)Wahl
ein, kann man die eigenen Entscheidungen manchmal nicht
mehr nachvollziehen: Was fand ich an meinem Ex-Freund so
toll? Warum habe ich bloß angefangen dieses Fach zu studieren
und warum habe ich diesen unfähigen Idioten ins Amt gewählt?
Nicht jede Wahl, müssen wir uns vielleicht eingestehen, war
vorher gut durchdacht. Aber das Schöne daran ist: Die nächste
Wahl kommt bestimmt!
Text: Nora Enzlberger
Illustration: Lisa Mertens
Impressum
Redaktion:
Allgemeiner Studierendenausschuss der Universität Bremen
c/o Scheinwerfer - Bremens freies Unimagazin
Bibliothekstraße 3
D-28359 Bremen
scheinwerfer@uni-bremen.de
Chefredaktion:
Anne Glodschei (V.i.S.d.P.; 0160/98271720), Lukas Niggel (V.i.S.d.P.; 0172/8685899)
Ressortleitung:
Fabian Nitschmann (Hochschulpolitik), Natalie Vogt (Campusleben),
Olga Galashevich (Bremen), Jessica Heidhoff (Feuilleton)
Layout:
Valerie Schröder, Kai Ole Laun, Stefan Kampe (balger@email.de), Manuela Uhr (Web)
Grafik und Foto:
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Mitwirkende Redakteure:
Maike Kilian, Sylvana Lange, Björn Knutzen, Benjamin Reetz, Elisabeth Schmidt,
Lea Baukenkrodt, Alina Fischer, Silja Kathrin Strauch, Salma Yousaf, Larissa Fitschen, Joschka Schmitt,
Anna Lenja Hartfiel, Giulia Ricci, Karim Ahmed, Kira Kettner, Nora Anna Enzlberger, Alexandra Knief,
Anna Cordes, Christina Freihorst, Marina Pavic, Natalia Sadovnik, Laura Schorfmann
Titelbild: Lisa Mertens, Manuela Uhr
Druck: Druckerei Peter von Kölln, Scipiostraße 5a, 28279 Bremen
Für den Inhalt der einzelnen Artikel sind die Autoren verantwortlich.
Die in Artikeln oder Kommentaren zum Ausdruck kommende Meinung spiegelt
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