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"Schwer was im Gange" - Landesmedienzentrum Baden-Württemberg

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Autoren: epd medien, .
Titel: Schwer was im Gange. Ein epd-Interview mit Gerold Hug und Helge Haas.
(DasDing/SWR)
Quelle: epd medien, Nr.57. Frankfurt/ Main 1999. S. 6-11.
Verlag: Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von epd medien.
Epd Medien
"Schwer was im Gange"
Ein epd-Interview mit Gerold Hug und Helge Haas
("DasDing"/SWR)
epd Der Worte sind schon viele gewechselt: Über den Übergang ins digitale
MedienZeitalter wird seit Jahren debattiert. Längst aber haben sich die Praktiker ans Werk
gemacht und erste Schritte auf diesem Weg zurückgelegt. Nach ihren Erfahrungen fragen
wir in einer neuen Reihe in loser Folge: Wie entwickeln sich Multimedia-Projekte, wie
ändern sich Nutzungsgewohnheiten, wie lassen sich Digital Audio Broadcasting (DAB)
oder der Kabelausbau im Alltag an?
Am Anfang unserer Reihe "Digital-Werkstatt" steht ein Gespräch mit zwei
Verantwortlichen für "DasDing", dem "Jugend-Multimediaprojekt" des Südwestrundfunks.
Das 1997 gestartete "Ding" will weit mehr sein als ein Radioprogramm für die 10- bis
19jährigen: Es verknüpft Medien, ist im Internet genauso präsent wie im SüdwestFrühstücksfernsehen. Es nutzt die modernen Verbreitungstechniken DAB, ASTRA Digital
Radio (ADR) und ARD-Digitalpaket. Dank einer Kooperation mit dem SR ist es im
Saarland auch über UKW zu empfangen; auch in Teilen des SWR-Sendegebiets wird
"DasDing" ab nächstem Jahr über UKW zu hören sein, so eine vor kurzem getroffene
Vereinbarung zwischen SWR und den Landesregierungen in Stuttgart und Mainz (epd
53/99). Über die Erfahrungen mit "DasDing" sprach Claus Morhart mit Gerold Hug (40),
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dem Programmchef der SWR3 PopUnit, und mit Helge Haas (38), Berater in der
Projektleitung von "DasDing"
epd: Als ich gestern durchs Internet-Angebot von "DasDing" surfte, fand ich ein "Fax des
Tages", das zwölf Tage alt war. Haben Sie so wenig Publikum?
Helge Haas: Das liegt daran, daß wir beim "Ding" immer so viele neue Ideen ausbrüten.
Da rutschen manchmal andere Dinge in den Hintergrund. Faxe kriegen wir jeden Tag.
Manchmal hat dann aber derjenige, der das "Fax des Tages" auf die Internet-Seiten
stellen soll, die Fotorubrik "Augenblicke" entdeckt. Das passiert halt in einem so jungen
Team.
epd: Die Resonanz auf "DasDing" ist wahrscheinlich schwer zu messen; ohne UKWVerbreitung im eigenen Sendegebiet taucht das Programm nicht in der Media-Analyse
auf. Trotzdem: Gibt es irgendwelche Anhaltspunkte, wie viele Leute "DasDing" auf den
diversen Verbreitungswegen nutzen – als da sind UKW, DAB, ADR, ARD-Digital, Internet,
Südwest-Frühstücksfernsehen, im Saarland auch UKW?
Gerold Hug: Im Fernsehen schauen manchmal 30.000 bis 40.000 Menschen zu. Wir
wissen, daß pro Tag rund 1500 Leute "DasDing" über "Real Audio" im Internet hören. 50
Prozent davon kommen sogar aus dem Ausland; Amerika ist da der Schwerpunkt. Dort
scheint sich herumzusprechen: Da gibt's eine Radiostation mit ganz komischer Musik, die
wir hier in Amerika gar nicht kriegen. Außerdem kommen jeweils rund 40 Faxe, Anrufe
und E-mails am Tag.
Haas: Im Saarland haben wir noch keine Zahlen, weil wir dort zusammen mit den
Kollegen von "Unser Ding" erst am 1. März gestartet sind. Ansonsten hat das Fernsehen
bislang die größte Reichweite, einfach weil jeder einen Fernseher hat. Die anderen
Medien sind sehr zukunftsweisend, aber bei Jugendlichen halt noch nicht sehr weit
verbreitet.
"Das Fernsehen wird von jungen Leuten ganz anders genutzt"
epd: Zu den einzelnen Verbreitungswegen und zunächst zum Fernsehen, wo "DasDing"
an Werktagen zwischen 6 und 7.30 Uhr morgens zu sehen und zu hören ist. Das
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Musikprogramm wird dort von Computerbildern begleitet; Kritiker sprechen von
bebilderten Klangtapeten. Sehen Sie die anderthalb Stunden im Südwestfernsehen vor
allem als günstige Möglichkeit, um auf sich aufmerksam zu machen?
Hug: Wir haben das immer begriffen als ein Schaufenster - und sei es nur, um unsere
Internet-Adresse bekanntzumachen. Dann ist das Fernsehen aber auch ein
Experimentalfeld. Wenn wir das Geld hätten, um im Fernsehen richtig einzusteigen,
wüßten wir auch, wo das hingeht. Da gibt es interessante Formate wie GIGA-TV und - von
der Technologie her - Bloomberg-TV. Das Fernsehen wird von jungen Leuten ganz
anders genutzt. Die nächtliche Spielwiese "Wildall-TV" im Südwest-Fernsehen kommt
beispielsweise auf Marktanteile bis 24 Prozent.
epd: Zu DAB: Bei jeder Funkausstellung wird der Startschuß für das Digitalradio gegeben,
aber trotzdem scheint DAB nicht richtig voranzukommen. Auch in der ARD gibt es
Stimmen, die an DAB nicht mehr glauben. Sie sagen, daß DAB technisch überholt sei,
etwa weil einer der DAB-Vorteile - Datentransport - inzwischen vom viel populäreren
Internet geleistet werde. "DasDing" ist als DAB-Projekt gestartet - wird am Schluß DAB
die am wenigsten genutzte Verbreitungstechnik sein?
"DAB ist im Moment viel zu teuer, für unsere Zielgruppe allemal"
Hug: Als Technik ist DAB faszinierend, aber im Moment viel zu teuer, für unsere
Zielgruppe allemal. Zum Teil ist es auch richtig, daß DAB technologisch nicht mehr ganz
auf dem neuesten Stand ist. DAB muß vom Inhalt her betrachtet werden. Es reicht
wahrscheinlich nicht, nur Programme in DAB zu spiegeln. Ein Verbund von Anbietern,
Industrie undsoweiter müßte DAB mit Inhalt füllen - dann kann das Ganze funktionieren.
Wir werden's beobachten.
"DasDing" ist ja modular aufgebaut: Wir sind überall in der digitalen Welt. Der Markt wird
entscheiden, welcher Weg sich durchsetzt. Es gibt im Moment zu DAB leider keine
Alternative, wenn man Mobilempfang bekommen will - außer jetzt UKW, was eigentlich
eine Steinzeit-Technologie ist. Inzwischen schauen wir sogar bis hin zur HandyEntwicklung, um zu sehen, ob sich da mal irgendetwas tut, was Radio mobil ergänzen
könnte.
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epd: Welche Rolle spielt ADR, das ASTRA Digital Radio?
Haas: Es wächst, und zwar nach unserer Beobachtung vor allem im Norden und im Osten
ganz stark. Das hängt sicherlich damit zusammen, daß der Osten eine andere
Satellitenkultur hat. Technisch ist dieser Übertragungsweg völlig problemlos. Aber den
mobilen Empfang erlaubt er eben auch nicht.
epd: Es kann doch nicht mehr lange dauern, bis eine kleine Satellitenantenne entwikkelt
ist, die man aufs Auto setzen kann?
Hug: Da warten wir drauf.
Seit kurzem wird "DasDing" auch jeweils zwischen 13 und 17 Uhr über den sogenannten
Online-Kanal des ARD-Digitalpakets verbreitet. Wer die d-box oder einen anderen
Digitaldecoder besitzt, kann in dieser Zeit "DasDing" mit Zusatzinformationen auf dem
Bildschirm empfangen.
Haas: Für Jugendliche ist es ganz wichtig zu erfahren, was da gerade läuft. Diese
Informationen übertragen wir in DAB, ADR und Internet auch.
epd: Was ist der spezifische Vorteil des "DasDing"-Empfangs über die d-box? So
interaktiv wie im Internet kann man dort doch nicht sein.
Haas: Aber es geht ein Stück weit in die Richtung. Sie können Audiobeiträge genau wie
im Internet on demand abrufen. Das ist zwar im Moment auf die Beiträge zum "Ding der
Woche" beschränkt, aber es ist schon mal der entscheidende Schritt hin zu einem
interaktiven Programm.
"Im Internet klingt's wie ein gutes Mittelwellen-Radio - aber eben weltweit"
epd: "DasDing" übers Internet: Wie läuft das, wo sind die Probleme im Vergleich zu
anderen Übertragungswegen?
Haas: Wichtig ist die Bandbreite. Im Moment übertragen wir unser Live-Programm mit 16
Kilobit pro Sekunde. Wenn Sie Beiträge gezielt abrufen, gehen wir bis auf 40 Kilobit pro
Sekunde. Das klingt wie ein gutes Mittelwellen-Radio - mit dem Unterschied, daß man es
weltweit empfangen kann. Das hört man halt in San Francisco und in Neu-Delhi genauso.
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In den zwei Jahren seit Sendestart ist die Qualität sehr viel besser geworden. Vor zwei
Jahren klang "DasDing" über Internet noch wie ein kleiner Kurzwellensender von ganz
weit weg, mit ganz mieser Qualität. Jetzt kann man es sich schon anhören.
Und die Qualität wird steigen: Die Komprimierungsalgorithmen werden noch besser. Die
gesamten Fortschritte der vergangenen zwei Jahre gehen auf eine Verbesserung der
Komprimierungsrate zurück. Die eigentliche Bandbreite ist in dieser Zeit gar nicht größer
geworden; dies wird aber in der Zukunft geschehen. Darauf drückt das Fernsehen mit
Herrn Bloomberg und Yahoo-TV und was die alles im Internet machen wollen. Die
brauchen ja noch viel größere Bandbreiten. Dann wird sich die Klangqualität noch einmal
erhöhen.
Der Durchbruch ist aber heute schon da, wenn der Nutzer das Internet als Abruf-Medium
begreift. Wenn er sagt: Ich höre "DasDing" über andere Kanäle - über DAB, über ADR,
über UKW - und will dann nochmal etwas nachhören, vor allem die Wortbeiträge. Dieses
Abrufen funktioniert schon astrein. Da ist die Soundqualität mittlerweile völlig ausreichend.
epd: Ich muß einen Abruf-Beitrag nicht unbedingt auf die Festplatte herunterladen,
sondern kann ihn übers Internet einfach noch einmal hören. Dabei können aber doch
Störungen auftreten?
Haas: Das ist klar und hängt mit den schwankenden Übertragungsbreiten im Internet
zusammen: Das Netz ist in der einen Sekunde sehr freundlich zu mir und in der Sekunde
darauf weniger freundlich, weil irgendeiner im Nebenzimmer die Mega-Grafikdatei abruft.
Der "Real Player", das ist ein kostenloses Zusatzprogramm für meinen Webbrowser,
wendet deshalb einen Trick an: Er lädt zunächst Sound in einen Zwischenspeicher und
beginnt dann erst, ihn auszuspielen. Das Programm läuft also mit ein paar Sekunden
Verzögerung. Das hat den Vorteil, daß es nicht unterbrochen wird, wenn das Netz für
einen Moment nicht die nötige Übertragungsbreite hat. Dann dient der Zwischenspeicher
als Puffer.
Hin und wieder passiert es aber trotzdem, daß das Programm für einen kurzen Augenblick
aussetzt - nämlich dann, wenn die Übertragungsrate so weit in den Keller geht, daß der
Real Player seinen Zwischenspeicher komplett ausgespielt hat, bevor er neue AudioDaten empfangen kann. Dann habe ich im Live-Empfang ein Loch. Wenn ich einen
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Beitrag gezielt abrufe und sowas passiert, kann ich ihn natürlich noch einmal abrufen. Ist
überhaupt kein Problem.
epd: Könnte der Computer als Empfänger den herkömmlichen Radioapparat langfristig
ablösen?
Hug: Als Heimempfänger könnte das sein, mobil nicht. Wobei dann wieder die alte
philosophische Frage kommt: Wird es diesen Multimedia-Computer im Wohnzimmer
geben oder nicht? Oder wird der Computer für immer ein Computer bleiben, der vor allem
zum Arbeiten, zum Suchen, zum On-demand-Abhören genutzt wird? Das ist schwer zu
beurteilen.
epd: Nach Ihrer Prognose, Herr Haas, werden die traditionellen Medien Radio und
Fernsehen gegenüber dem Internet an Boden verlieren. Wie nutzt Ihr Publikum, also die
nachwachsende Mediengeneration, die Multimediamaschine "DasDing"?
Haas: Die Nutzer sehen "DasDing" morgens im Fernsehen, merken sich vielleicht schon
mal "Das Ding der Woche" – und nehmen sich vor, die anderen Beiträge dieses
Wochenthemas nach der Schule im Internet anzuhören und durchzulesen. Sie hören
"DasDing" vielleicht nebenbei, wenn sie im Netz surfen. Sie hören es bislang noch sehr
wenig über die digitalen Audiomedien DAB, ADR und ARD-Online, denn die sind noch
wenig in der Hand von Jugendlichen. Im Saarland hören's die Jugendlichen im Radio über
UKW. Auch dort gibt es wieder den Effekt, daß die Hörer ins Internet gehen, wenn sie
etwas mehr über einzelne Dinge wissen wollen.
"Dieses Mosaikartige ist schon verstärkt da"
epd: Es entsteht das Bild von Jugendlichen, die sehr aktive Mediennutzer sind. Sie lassen
sich nicht mehr berieseln, sondern rufen Beiträge auf oder schicken eine Mail. Verhält
sich der typische 10- bis 19jährige wirklich so? Oder gibt es nicht doch eine ganz große
Gruppe, die etwa im Saarland "DasDing" einfach über UKW hört und sonst gar nichts
macht?
Hug: Gibt es mit Sicherheit auch. Unsere Medienforschung sagt, daß die Mediennutzung
anders wird, je jünger man geht. Dieses Mosaikartige ist schon verstärkt da: CD
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reinhauen, da mal schnell Fernsehen anmachen, auch mal was lesen. Man kann nun
darüber diskutieren, wo die Grenzen von Interaktivität liegen werden. Ich persönlich
glaube nie daran, daß es sich durchsetzen wird, das Ende eines Films selbst zu
bestimmen. Eines glaube ich allerdings schon: Der Trend wird stärker, daß sich Leute
gezielt ihre Inhalte aussuchen werden. Wir sind da aber noch am Anfang.
epd: Wie oft werden denn beispielsweise redaktionelle "DasDing"-Beiträge nachträglich
übers Internet abgerufen?
Haas: Von den etwa 1500 täglichen Zugriffen entfallen etwa zehn Prozent auf diese
gezielten Abrufe von Audiobeiträgen. Ob wir vor allem aktive Jugendliche erreichen, ist
wirklich eine Glaubensfrage. Ich krieg's natürlich mit bei unseren Piloten - den 15- bis
22jährigen "DasDing"-Moderatoren - und den Coaches, unseren jungen Redakteuren. Da
hat jeder eine e-mail-Adresse, da hat jeder mittlerweile ein Handy. Es wird auch immer
normaler, daß sie eine eigene Homepage haben. Die sind mit diesen Medien
großgeworden. Die schicken Textnachrichten auf ihrem Handy hin und her, die sind in
hohem Maße kommunikativ und interaktiv. Ich kann mir nicht vorstellen, daß diese
Generation sich noch damit zufriedengibt, nur vorgefertigte Programme passiv zu
konsumieren.
Diese Jugendlichen sind anders aufgewachsen als wir, die wir zum Teil zunächst nur drei
Fernsehkanäle und keine Fernbedienung hatten. Da hat man sich hingesetzt, da wurde
der Knopf gedrückt und da hat man das geguckt. Dann kam die Fernbedienung und das
erste interaktive Element, das Zappen. Das Medium hat sich darauf eingestellt:
Sendungen wurden so konzipiert, daß man zappen kann. Und jetzt haben wir wieder so
eine Schwelle: Wir haben die Möglichkeit, interaktiv zu sein, wir haben eine Generation,
die damit aufwächst. Ein Programm, das sich nicht darauf einstellt, wird nicht lange
überleben können. Die Industrie stellt die Geräte – den Fernseher mit eingebautem
Internet – ja schon her.
"Heute kann niemand mehr sagen: Ich bin nur audiofixiert"
epd: Was bedeuten diese Veränderungen der Technik für das Radiomachen selbst?
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Hug: Es sind mehrere Erkenntnisse. Die Berufsbilder im Job verändern sich. Heute kann
niemand mehr sagen: Ich bin nur audiofixiert. Man muß vernetzt denken. Ich sag immer:
Du mußt wissen, wie hört sich ein Thema an, wie sieht es aus, was lege ich dahinter. Du
mußt technisch kompetent sein, auch als klassischer Redakteur. Die Grenzen fließen
ineinander: Wo hört Radio auf, wo fängt Fernsehen an, wo fängt Internet an.
Wir bekommen ganz andere Typen. Viele Leute kommen eher aus der Technik und
wühlen sich plötzlich in klassische redaktionelle Felder rein. Wir haben Leute, die
kommen eher aus der Online-Ecke - die hatten von Radio noch nie eine Ahnung, merken
aber jetzt plötzlich, daß sie ihr Online-Thema um eine visuelle Dimension oder um eine
Audio-Dimension erweitern können. Da ist schwer was im Gange. Es wird darüber
nachgedacht, wie ich auf welchem Kanal das Optimale aussenden kann, was wirklich der
Kern von Audio ist, was vielleicht online am besten aufgehoben ist.
epd: Verliert der traditionelle Radiomoderator an Bedeutung?
Haas: Nein, unsere Piloten bekommen E-mails, Fan-mails.
Hug: Wir haben sie absichtlich Piloten genannt, weil wir diese Lotsenfunktion haben
wollten. Ein Pilot ist mehr als ein klassischer Moderator - das war uns zu sehr
radiobesetzt. Es wird aber immer Personalities geben.
epd: Wenn manches doch so ist wie beim herkömmlichen Radio - warum enthält dann das
"Ding"-Internetangebot vieles, aber kein Sendeschema?
Haas: Das wird kommen. Wir haben gemerkt, daß eine gewisse Verläßlichkeit für den
Hörer doch wichtig ist, weswegen wir die Nachrichten jetzt auch immer etwa zur dreiviertel
Stunde senden. Aber an sich denken Sie mit Ihrer Frage nach dem Sendeschema sehr
radiomäßig. Übers Internet kann sich der Nutzer die "DasDing"-Beiträge jederzeit
anhören, ganz ohne Vorgaben eines Sendeschemas.
"Du kannst auf einem Heimrechner Radio machen"
epd: Ist ein solches "Multimedia-Ding" mit seinen vielen Übertragungswegen teurer als ein
herkömmliches Radio?
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Hug: Viel günstiger, weil wir auf Consumer-Artikel zurückgreifen können. Dieses "Ding"
wurde ja innerhalb von sechs Wochen aus dem Boden gestampft - mit herkömmlichen
PCs, mit herkömmlicher Technologie. Es entfallen diese ganzen Monster-Studiobauten
von früher. Du kannst heute auf einem Heimrechner Radio machen. Das macht das
Ganze viel viel billiger. Da ist eine Chance drin. Wir könnten es schaffen, daß Schul-AGs
oder sonstige Radiobegeisterte plötzlich zu Korrespondenten werden. Früher mußte man
denen ein Studio hinstellen, heute haben die einen PC und ein kleines Mikro und dann
können sie uns Beiträge zujubeln.
epd: Trotzdem sind Ihre Kosten gestiegen. Sie fingen mit 800.000 Mark im Jahr an,
inzwischen sind es 1,1 Millionen und demnächst sollen es 2 Millionen sein. Was
verursacht diese Steigerung?
Hug: Wir werden mit dem Zugewinn von UKW-Frequenzen den Live-Sendebetrieb
ausweiten; derzeit sind wir drei Stunden täglich live auf Sendung. Wir arbeiten übrigens
ökonomisch mit Wiederholungen - auch so eine Erkenntnis. VIVA und MTV haben uns
vorgemacht, daß es gar nicht schlimm ist, gute Beiträge zu wiederholen. Ein gutes
Interview mit einem Musiker läuft im "Ding" dreimal an verschiedenen Sendeplätzen - das
ist überhaupt kein Thema.
epd: Wie verhalten sich die Kosten für "DasDing" etwa gegenüber den Ausgaben für ein
Programm wie SWR 3?
Hug: SWR 3 kostet um die neun Millionen Mark im Jahr. Da arbeitet "DasDing" mit einem
weitaus geringeren Etat, vor allem auf der Investseite.
epd: Die Personalkosten sind natürlich niedriger, weil Sie Schüler einsetzen.
Hug: Sie können einen Schüler, der bei "DasDing" Beiträge macht oder moderiert,
natürlich nicht bezahlen wie einen ausgebildeten Journalisten. Wir haben uns deshalb
beim Honorar an den Tagessätzen orientiert, die wir auch im Hörspiel für jugendliche
Sprecher zahlen – und die Schüler kriegen eine fundierte Ausbildung. Die bekommen
Know-how, daß es nur so kracht.
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"Eine Zensur findet statt"
epd: Wie steht es um die redaktionelle Kompetenz, die gerade in einem
öffentlichrechtlichen Angebot erkennbar sein sollte? Es wird ja qualitative Unterschiede
zwischen dem Beitrag eines Schülers und dem eines versierten SWR-3-Journalisten
geben.
Haas: (zum Interviewer) Sie sind aber auch ungefähr so alt wie der SWR-3-Journalist.
epd: Trotzdem könnte man kulturpessimistisch sagen: Es ist keine gute Entwicklung,
wenn ein öffentlich-rechtliches Programm zum Offenen Kanal wird.
Haas: Das ist es nicht. Eine Zensur findet statt. Es ist ja nicht so, daß hier jeder
ankommen und seinen Beitrag senden darf. Wir haben eine Redaktionskonferenz und
sprechen über Themen und die Art, in der wir sie anpacken. Wir hören sehr viel ab hier,
kritisieren Beiträge. Der Chef vom Dienst hört sich die Beiträge an, und wenn der CvD
unsicher ist, kommt er zum Projektleiter Marcus Schuler oder zu mir.
epd: Sind Sie von Ihrem journalistischen, von Ihrem öffentlich-rechtlichen Anspruch her
zufrieden mit "DasDing"?
Hug: Ja. Aber es ist eine Gratwanderung zwischen dem Authentischen - also dem Stil der
Jugendlichen - und den Gesetzmäßigkeiten des Berufs. Zudem kann man "DasDing" nicht
nur nach dem Informationsanteil des Radioangebots beurteilen. Das Radio dient zum
Reinsaugen in die Medienmaschine von "DasDing". Man muß vernetzt denken: Hinter
unseren Internet-Seiten kann die "Library of Congress" stehen.
epd: Sie haben vor zwei Jahren "DasDing" mit bestimmten Erwartungen gestartet. Sind
sie so eingetroffen, was hat sich anders entwickelt?
Hug: Ich persönlich hatte erwartet, daß DAB schneller funktionieren würde, daß da viel
mehr Schub kommt. Wir warten ganz gespannt, ob dieser Schub jetzt kommt. Was sich
schneller entwickelt hat als erwartet, ist das Internet, auch die Technik dort, etwa mit dem
Musikübertragungs-Standard MP3 - ein Quantensprung, was Audio im Internet angeht.
Auch die gute Zusammenarbeit mit Schulen hätte ich nicht so erwartet. Wegen des
Bildungsauftrags, wegen des öffentlich-rechtlichen Aspekts hatten wir dieses Thema
angepackt - eines, das sonst keiner macht: Wie vermittle ich an den Schulen
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Medienkompetenz? Daß das so reinballert, hätten wir nicht gedacht. Dafür ist ein
Höllenbedarf, auch bei den Lehrkräften.
Workshops mit Schülern: "Interviewführen können sie auch ganz gut"
Haas: Ich hätte nie gedacht, daß die Schüler bei den Workshops so schnell mit der
Technik klar kommen - daß sie innerhalb eines halben Tags Multitrack-Digitalschnitt
kennenlernen. Interviewführen können sie auch ganz gut. Zwar sind die Interviews
natürlich alle viel zu lang, doch ist es ein Riesenlernerlebnis, solche Interviews zu kürzen weil die Schüler beim Schneiden beispielsweise merken, daß ein Politiker gar nichts
gesagt hat. Das Schwierigste ist Texten und Sprechen. Viele denken, sie müßten reden
wie Ulrich Wickert, und schreiben ganz verquastes Zeug.
Wir werden im neuen Schuljahr das Angebot unserer Workshops erweitern, nehmen die
Grafik mit rein. Wir haben nochmals vier Rechner mehr und vier Digitalkameras, mit
denen die Themen fotografisch aufbereitet werden. Dann werden die Bilder in den
Computer eingelesen und bearbeitet und genauso wie die Audio-Beiträge über ISDN nach
Baden-Baden geschickt. Die Fotoserien laufen dann zum jeweiligen Beitrag im
Fernsehen.
epd: Wie viele Workshops machen Sie im Jahr?
Haas: Es waren 23 Workshops, jeder vier Tage lang - so viele werden es auch im
nächsten Schuljahr sein. Wir werden die Auswahl ein bißchen davon abhängig machen,
daß Lehrer bereit sind, eine Radio-AG nach dem Workshop weiterzubetreuen. Das Netz
mit Schülerkorrespondenten soll ja wirklich entstehen.
epd: Wenn "DasDing" nun in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz UKWFrequenzen
bekommt - wird das Programm auf herkömmlichen Verbreitungswegen auch
herkömmlicher erscheinen? Werden Spielwiesen verschwinden, weil man dann dem
Wettbewerbsdruck ausgesetzt ist?
Hug: "DasDing" wird mit Sicherheit interaktiver werden. Der ganze Faktor Telefon, mit
dem wir bisher gar nicht spielen können, wird wichtiger. Mit Sicherheit wird auch die Zahl
der Außenaktivitäten steigen. So sind wir im nächsten Jahr mit einem mobilen Studio
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unterwegs. Wir packen "DasDing" in einen Container und bringen es überall dort hin, wo
Jugendliche sich treffen. Da gibt es noch eine ganze Menge Spielwiesen.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung
außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des
Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,
Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in
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