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Ein Mensch ist, was er hinterlässt. Ich gehöre auf den Müll - blog.de

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Ein Mensch ist, was er hinterlässt.
Ich gehöre auf den Müll, kein Thema. Mit großer Klappe das Spielfeld betreten, zu Null
wieder runter.
Klar, es wird noch gespielt. Und die zweite Halbzeit hat erst begonnen, glaube ich den
Greisen, die sich hier Seniorentische decken lassen, so weit das Auge reicht.
"Einmal Currywurst, Pommes!" Essen fassen. Abfüttern lassen. Ich spare mir die Geste,
mit der ich früher mein Notizbuch zog. Genau so gut könnte ich mich ausbreiten vor
Fototapeten, welche belebte Schankräume von Gaststätten zeigen.
Zur Geschlechtsreife hin, schmückte ich die Tür meines Kinderzimmers mit dem
lebensgroßen Poster einer Sängerin. Und im Grunde hört kein Mensch je auf, sich derart
vor lebensgroßen Postern zu ergehen.
Und wo wir nicht mit Postern Mutwillen treiben können, malen wir uns Götter aus.
Statt aber so auf sozial verträgliche Weise den Umgang mit mir selbst zu pflegen, wische
ich meine Feuchtgebiete mit Papier ab. Jenes Stehvermögen des Geschriebenen, gegen
das alles Leben treulos wirkt. Blatt für Blatt die Zeit gedachter Laufkundschaft
verschwenden.
Wobei ein Abrücken von jeder Fototapete natürlich für Qualitätsunterschiede sorgt, was
Gefühlsbekundungen betrifft: Während ich weiter auf mein erstes Petting hoffe, muss ich
meinen eingebildeten Lesern zugestehen, längst voll am Poppen zu sein. Seit jeher
entwöhnt, bin ich somit keine Dirne, von der man für etwas Wohlwollen die Brust erwarten
darf.
Meine erste Amtshandlung nach der Volljährigkeit war jener rote Vorhang, welcher die
Videothek in Gut und Böse teilte. Was hinter dem Vorhang aber als „Fleischabteilung“ vor
Augen stand, verstörte mich zutiefst.
Bis zum roten Vorhang, erschienen Frauen mir gleich Göttinnen. Nun lagen diese
Göttinnen breitbeinig vor mir, meine minderjährige Anbetung zu verhöhnen.
Wohl kein Zufall, dass ich mich bald darauf verlor an eine Welt der Philosophen, wo
Menschen Recheneinheiten waren, bunt bemalter Nippes vergangener Epochen.
Während manch 18-jähriger anfing, seine Befristung zu spüren, erhob ich mich über Zeit
und Raum.
Derart zu Hause in einem Reich, das nicht von dieser Welt ist, ließ ich mir leichthin noch
Matten wachsen, als Föhn- und Gelfrisuren selbstverständlich waren. Und wenn ich zu
Markenklamotten griff, dann aus reinstem Zufall: „Hui, Schlesi, das ist ja eine Hose von
BOSS!“ Mit diesem Ausruf konnte ich erst Jahre später etwas anfangen.
Gel, Farbe und Creme: ich habe damals wenig in den Tod investiert, der Tod daher auch
wenig in mich.
"Meine Erinnerungen", sagen die Leibesfreudigen aller Generationen, "kann mir keiner
mehr nehmen." Die Leibesfreudigen zerkleinern das Leben in genießbare Events. "All you
can eat." An jeder Ecke lungern die Leibesfreudigen mit ihren Tellern auf einen weiteren
Schlag Leben. Unterhalten wollen sie sein, verwöhnt werden. Die Leibesfreudigen
schlecken, dippen, glotzen, schmökern, voten, erwählen leibesfreudige Götter. So
vertreiben die Leibesfreudigen das ihnen geschenkte Maß an Zeit. Die Leibesfreudigen
sind die Könige des Gewesenen. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Beim Studieren eines Kommentares zum Grundgesetz wurde ich beschieden, zwar meine
Meinung frei heraus äußern zu dürfen, aber ich solle bitte keine Zuhörer erwarten. Als
beispielhaft empfinde ich die Prediger auf den "Erlebnismeilen", wie sie Einkaufstüten ihr
Evangelium gegenüberstellen. Ja, und da stehen die Prediger dann derart im Abseits,
dass ich ihnen Handschellen anlegen möchte, damit sie sich wenigstens etwas gewürdigt
fühlen. Überhaupt wird es schnell surreal, wenn Massen an Menschen in Stampede
geraten, etwa anlässlich eines Schlussverkaufes. Natürlich fühlt es sich dann an,
Gewehrkolben einzusetzen oder zum Ochsenziemer zu greifen. All diese
Körperöffnungen, Absonderungen, Kloaken. Rasch beginnt man, sich seiner Heiligen
Schriften zu schämen. Am meisten jedoch bestürzt der Wind, wie er am Ende über leere
Plätze fegt: Hey, da waren eben noch tausende Menschen! Beinahe möchte man umher
kullernde Pappbecher verehren, nur um nicht andauernd mit den Schultern zucken zu
müssen.
"Bitte zahlen!" Die Bedienung quittiert meine karge Mimik mit jener Hoffart, welche jungen
Vollbusigen eigen ist, die sich in der Gastronomie etwas hinzuverdienen.
Nun lag mir nie sonderlich daran, der Designhengst zu sein, mit dem Frauen ihre
Schrankwände abbezahlen wollen. Rangelassen werden, den Gipfel der Genüsse
erklimmen: Körperöffnungen solch Himmelreich zuzugestehen, scheint mir unbillig. Aber
wie die Bedienung auf mich herabschaut, das gefällt mir. Ich gebe großzügig Trinkgeld.
All diese gutbürgerlichen Phantasien, die aus Bleiben Drecklöcher machen, bis oben hin
voll mit Begehrlichkeiten. Irgendein Knochenjob, vierzig Jahre lang, fürs Häusle, fürs
Urlaubsschwein. Beschämend, wofür Menschen sich alles aufsparen.
Und am Ende fällt den Herrschaften in ihrer Tristesse selten mehr ein, als beim
Boxenstopp die Trulla zu wechseln.
Ihre Liebe ist groß wie ihre Welt, und die ist ziemlich klein: 2,00 x 1,60 Meter im Schnitt.
Selten fühlt Gleichgültigkeit sich herzlicher an, als hoch oben im Liebesnest. Zwei
Greifvögel beim Balzflug, bevor sie auf uns hinab stürzen. Haben wir Glück, bauen sie
unser Fleisch in ihr Liebesspiel ein, füttern und necken sich damit. Liebesnestler fressen
nicht, Liebesnestler schlingen nicht. Gemeine und heimtückische Reißzähne sind ihrer
Liebe fremd. Liebesnestler picken sich aus dem Leben nur das zarteste Fleisch heraus.
Liebesnestler sind die warmherzigsten Fleischfresser der Welt. So sprach der
Geschlechtsreifende zum Volk.
Als Kind habe ich die Nächte geliebt. Meine Träume, jene unsagbaren Gesichter des
Schlafes. Wie aber jetzt, während der Nachsaison, auf menschenleerer Kurpromenade?
Ich könnte ins Meer gehen, bis das Wasser mich begräbt, ich könnte mich auf eine Bank
setzen, bis der Morgen graut: Die Belanglosigkeit, die allzu viele als "Freiheit" empfinden,
hat mich übermannt. Kein Werkzeug Gottes bin ich, keine Wiedergeburt auf ihrem Weg
durch den Kreis des Lebens. Nur ein Date mit dem Tod ist mir sicher. Meine eingebildeten
Leser werden mir zustimmen, dass es unter solchen Bedingungen schwer ist, seinen
Schritt in eine Richtung zu lenken.
Sandburgen empfinden sich als Kronen der Schöpfung, selbst wenn sie an einer
Supermarktkasse erbaut wurden oder irgendwo Häppchen bereit halten. Bis auf die
Zinnen sind Sandburgen gestylt. Liebevolle Peelings, harte Arbeit am Idealmaß. Geht der
Wind über sie hinweg, ist es den Sandburgen, als könnten sie fliegen. Brennt Sonne auf
sie herab, vermuten die Sandburgen sich in ihrer gesündesten Farbe. Und vom Wasser
glauben sie bis zum Schluss, dass es sie trägt. Wenn alles Leben längst heimgekehrt ist,
finden sich am Strand noch Reste einstmals stolzer Sandburgen. Oft werden Sandburgen
eben selbst vom Tod vergessen. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Früh reduziert sich alles auf Gegebenheiten. Der örtliche Tempel. Das Kaufhaus. Eltern
knien, Tanten und Onkel, also knien auch die Kinder. Vielleicht war es ein Glück, Hosen
meines Cousins aufgetragen zu haben statt Mode: Jünglinge, abgefüllt mit unverbindlichen
Liedern, sind rasch gepflückt.
Allzu vieles gibt es, das wir mit unseren Sinnen schwerlich begreifen können. Der simple
Blick noch durch ein Mikroskop für Kinder beweist uns jene Ebene des Unfassbaren, die
Demut fordert und zur Vorsicht mahnt. Gebietet diese Unfassbarkeit aber nun, unseren
Sinnen Unsinne entgegen zu setzen? Engelmacher gehen auf eine Weise mit dem Nichts
um, wo selbst Kinder keine Wauwaus mehr erkennen mögen. Hat man Kinder je vor dem
Nichts knien sehen? Hingegen Engelmacher für ihr Nichts gar zum Schwert greifen. Eines
aber misslingt den Engelmachern regelmäßig: im Nichts Essen zu fassen. So sprach der
Geschlechtsreifende zum Volke.
Übrig geblieben bin ich. Ein Hagestolz, wie man ihn irgendwann aus seiner Wohnung
schafft. Meine Sterbegeldversicherung wird den überschaubaren Schaden decken, und
meiner Nichte habe ich den Bestatter notiert. Natürlich will sie der Urne ihres Onkels
letztes Geleit geben. Seebestattungen sind immer eine Reise wert, finde ich. Als
Heranwachsende wird meine Nichte sich bereichert fühlen von solch Begegnung mit dem
Tod, glaube ich. Das Meer, zwei, drei gängige Balladen vom Band... auf der Rückfahrt
sinnt sie vielleicht darüber nach, was für ein Mensch ihr Onkel gewesen ist?
Was des Menschen Anteilnahme betrifft, jene Adjuvanzien des Mitgefühls, so sind mir
kinoreife Busen Lehre genug: Selten kommen Männer umhin, solchen Busen ihre
Freundschaft anzudienen. Im Falle des (Frei-)Todes reichen kinoreife Busen zwar selten
hin zu einem Fackelzug durch die Stadt, aber ihnen wird im Regelfall mit mehr Hingabe
nachgetrauert, als den gemeinen Stücken Fleisch. So sprach der Geschlechtsreifende
zum Volke.
Beschämend eigentlich, dass selbst in abseitigen Unterkünften Fernseher bereitstehen.
Wohlstand produziert Gaffer. Elend produziert Gaffer. Gaffer produzieren Gaffer. Wenn es
Es ist eine Tragik der Enzyklopädien, dass sie den Leser oft ratlos mit Vorderseiten zurück
lassen, wo man die Schöpfung für Hinterteile hätte belobigen sollen. Wie etwa mit den
Antlitzen gerühmter Musen, obendrein noch biographisch umrahmt? Als lade der
Dichterfürst mitteldeutsche Kleinstädte in seine Gemächer. Würde man sich dem
Führenden eines Menschen nähern, Wissenschaft wäre wahrlich Wissenschaft, und kein
loses Geschwätz. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Fernfahrer steigen hier ab. Mehrbettzimmer. Schweiß. Vorkasse. Ich habe das
Einzelzimmer am Ende des Ganges. Leichtes Gepäck. Fortwährend Phantasien, wie es
wohl ist, aufgefunden zu werden? Mein Notizbuch, in das ich alles übertragen habe, an
was im Leben ich jemals Gefallen fand. Klein und knapp gehalten wie irgend möglich.
Hausstandsauflösern sollte man nicht dumm kommen, finde ich. Die Arbeitshandschuhe
stelle ich mir vor, die Overalls. Ob sie handelsübliche Müllsäcke verwenden? Dann könnte
jeder seinen Kram gleich selbst entsorgen: Urlaubsfilme entwickeln, durchschauen, ab in
die Tonne! Wäre mal eine Erfahrung, oder?
Kleiderbügel aus Draht sind ehrliche Zeitgenossen, finde ich. Auch mit der Funzel an der
Decke schloss ich gleich Freundschaft. Über Absteigen habe ich früher in Romanen
gelesen. Nun bringe ich Stunden damit herum, mein Zimmer von allen Seiten zu
betrachten. Zimmer sind so viel länger, als die Menschen darin. Erfahren will ich jenen
Weltenraum mit der Zimmernummer 16, in den Reisende aller Epochen etwas hinein
gestellt haben. Träume oder Pläne vom Glück. Ich nun, Jahre, Jahrzehnte später, liege
nachts auf dem Bett und füge als Reisender den Reisenden ein Stück Lebensweg hinzu.
Unmöglich eigentlich, sich auf solche Weise verloren zu fühlen.
Bei der Bundeswehr etwa, genoss ich Kritzeleien an Spinden oder Betten: "Ich war hier
am..." Junge Menschen, wie sie Tage herunter zählten, und sich auf das freuten, was man
zu ihrer Zeit unter Freiheit verstand.
Das Jetzt ist den Platzhaltern ihr Heiligtum. Kein Trotzkopf klammert sich inniger an seinen
Fetisch, als ein Platzhalter an das Jetzt. Platzhalter sind begeisterte Durchatmer und
leidenschaftliche Nipper. Ihre Bleiben sind dekoriert, wie nirgends sonst auf der Welt.
Augenblicke gelten den Platzhaltern als Trauben des Lebens, die erlesen und
breitgetreten sein wollen. Vom Wesen her sind Platzhalter zutiefst pünktlich, immer auf
den besten Rängen, stets angemessen kostümiert. Wer einen Platzhalter kennt, braucht
keine Zeitansage mehr. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Frei bin ich ja nun gewesen. Erspart habe ich mir jenen kleinsten gemeinsamen Nenner,
welcher im Rudel zur Größe erhoben wird. Investitionen in die Vergänglichkeit sind meine
Sache nie gewesen. Kein Freak bin ich, der sich im Feuchtbiotop einer Clique oder
Arbeitseinheit wohl fühlt. Entsprechend hoch nun meine Zeche.
Man sollte sich nicht täuschen lassen, wenn Rudeler ausgelassen beim Kartenspiel
zusammen sitzen. Rudeler sind auf der Jagd, immer auf der Jagd. Für Rudeler ist das
Leben eine Frage der Beute. Und niemandem ist gewiss wie den Rudelern, dass einsame
Jäger des Todes sind. Wer den Rudelern also genehm sein will, der mag sie tüchtig
bewirten. Keine Suppe, kein Gemüse, Fleisch! So sprach der Geschlechtsreifende zum
Volke.
Der Ledereinband des Notizbuches fühlt sich an wie der Friede auf Erden. Zweihundert
eng beschriebene Seiten. Rechenschaftsbericht dessen, was viele jauchzen lässt vor
Glück: Ein Mensch ist geboren!
Hier sitzt dieser Mensch nun. Als möblierter Herr, inmitten von Vergangenheit. Sollen sie
sich nur alle aufs Boulevard trauen, Passanten ihre Urlaubsfotos andienen. Werden
sehen, was passiert.
Von all den Sozialkapitalisten scheidet mich mein Wille zur Wahrheit. Ist es nicht zum
Krepieren, wenn Leute einem gegenüber aufmerksam sind, weil man sich ihnen
gegenüber aufmerksam zeigt? Jener Kuhhandel, der sich Freundschaft schimpft. Bin ich
aber Hasenherz, mir deswegen ein Rundum-Sorglos-Paket zu schnüren, hier etwas Kino,
da etwas Folklore?
Dieser Galanteriewarenhandel des Glaubens, wo man sich nur ins Körbchen legt, was
einen anturnt. Und dazu die halbe Welt für wüstgläubig halten: Weder Studienrat noch
Kräuterweiblein setzten mich je über heilige Waschungen am Ufer des Ganges in
Kenntnis. Eine Verständigkeit, die gerade mal bis zum Gartenzaun reicht.
Oder ist es am Ende bloß der Wein? Seit jeher als Götterblut empfunden, scheint der Wein
dem Gartenzaun Flügel zu machen.
Nie habe ich die Nähe des Weines gesucht. Ich weiß nicht, wie süß Wein schmeckt und
wie herb. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, von Herzen seinen Gartenzaun zu verehren.
Vielleicht sollte ich mein Notizbuch lassen, vielleicht sollte ich lieber Wein erwerben?
Wein verbindet. Männer mit Frauen. Väter mit Söhnen. Väter mit Vätern. Das Diesseits mit
dem Jenseits. Wein muss eine wundervolle Erfahrung sein.
Mein Wagnis war immer, wann es Zeit ist für den Wein? Mit Wasser lässt sich leben, Wein
hingegen ist ein Bekenntnis. Für lau gibt es im Weine nichts. Dort am Ende wenigstens
seinen Spargroschen retten zu wollen, ist Irrsinn. Dem Weine vertraut sich an, wer kein
Leben mehr zu verlieren hat.
Mit Verbranntem hat es zumeist folgende Bewandtnis: Qualm dringt scharf in die Augen,
Gestank frisst sich durch alles Leben, Rauch vergiftet jenes letzte bisschen Atem. In
solchen Katastrophen feiern die Aschkasper Auferstehung. Aschkasper gehen voran,
Aschkasper haken unter, Aschkasper stimmen ein Lied an. Was ohnmächtig zur Erde
fallen will, halten die Aschkasper aufrecht. Was still sich hineinsteigern möchte, befördern
die Aschkasper auf den Rummel. Was verwehen mag, harken die Aschkasper säuberlich
in einen Trauerrahmen. Aschkasper johlen mit Dreschflegeln auf Verbranntes ein, als wäre
es Kaspers Krokodil. Aschkasper zerren das Leben fort von der Asche, und sehen doch
selbst nur Asche: Asche ist ihnen allein Asche, nie, niemals Auferstehung. So spricht der
Geschlechtsreifende zum Volke.
Ich gehe zum Waschbecken am hinteren Ende des Zimmers. Handlungsreisende stelle ich
mir vor, Berufsspieler, wie sie im Morgengrauen ihre Katzenwäsche verrichten. Meine
Phantasie, die zu Kinderzeiten verblüffte und durchaus als Begabung angesehen wurde.
Mit einem Male aber muss ich an die Begräbnisse meiner Eltern denken. Beide im
"engsten Familienkreis". Ja, es ist Zeit für den Wein.
An der Rezeption hat niemand aufgemerkt. Jenes nächtliche Kommen und Gehen der
Reisenden, ihr Ankommen, ihr Fortbleiben, wer soll sich ernstlich daran stören? Man
sperrt auf, wenn Obrigkeit danach verlangt, achtet amtliche Siegel, richtet her: ein
rechtschaffener Mensch zu sein, bedarf es wenig.
"Ich suche einen Ort, wo man tanzen kann", weise ich den Taxifahrer an.
"Jüngeres Publikum?" Ein Routinier. Besser hätte ich mir meinen letzten Fährmann nicht
vorstellen können.
"Das Little Nietzsche wird Ihnen gefallen. Studenten. Auswärtige. Gelegenheitsnutten."
Ich gebe ihm zwanzig Euro Trinkgeld für die kurze Überfahrt. Er wirkt kein bisschen
verwundert. Viele alleinreisende Herren. Und die Geschichten gleichen sich am Ende.
Das Little Nietzsche ist eine jener Gaststätten, die sich selbst als "Club" verehren.
Vielleicht, weil Wein umso mehr berauscht, je größer jene Welt draußen ist, die beim
Wasser bleibt.
Auf dem obersten Deck eines umgebauten Parkhauses gelegen, erwarte ich vom Little
Nietzsche die "harte Tür". Aber nein, man kann den Club so unkompliziert betreten wie
eine Irrenanstalt des 19. Jahrhunderts. Angenehm auch das Personal an der Garderobe,
das wirkt, als habe man ihm die Zungen entfernt. Wo man sein letztes bisschen Boulevard
abgibt, wünscht man keine Fragen, warum man an Orten wie diesem endet?
Selten mangelt es einem Menschenleben an Taten, fast immer aber an Gründen. Ein
Kopf, welcher sich zwei Händen gegenüber sieht. Der Greiffreudigkeit des Menschen wird
jener Zauber nachgeredet, hinter dem aller Verstand ausgenüchtert zurück bleiben muss.
Hände, die sich königlichem Purpur entgegen recken. Jener seligen Hörigkeit, wo einer
denkt und Tausende handeln, wo einer lebt und Tausende sterben. So sprach der
Geschlechtsreifende zum Volke.
Nur noch ein Tresen aus gebürstetem Stahl zwischen mir und dem Wein. Atemlos fahnde
ich nach der richtigen Geste, nach Coolness. Aber nein, als die Reihe an mir ist, beuge ich
mich hinüber zu unserer ausgesprochen coolen Herbergsmutter: "Ich bin vierzig, ich habe
noch nie eine Freundin gehabt und ich habe noch nie Wein getrunken, obwohl ich seit fast
zwanzig Jahren bei Mutti ausgezogen bin. Was für einen Wein empfehlen Sie?"
Wäre natürlich schön, wenn das jetzt nicht vorüber gegangen wäre wie die seltsamen
Laute sterbenden Federviehs. Tatsächlich aber hält keine Brustwarze inne, mir leis: Hallo!
zu sagen. Und unsere Herbergsmutter siezt mich achtmal, ehe ein ärmlicher roter Tropfen
vor mir steht. Leben konnte ich schon nicht, sterben kann ich auch nicht.
Mein Weinglas als archimedischer Punkt am Speckgürtel fetten Vergnügens. Seit jeher
kommt es mir schlecht, wenn Fleischfresser sich herzen. Im Little Nietzsche nun erlebt
man ein volles Maß jenen Getues, das Reißzähne frech zum Lachen missbraucht. Reigen
sind es, Stammestänze. Die Philosophen an den Wänden wirken wie Lustknaben gegen
die Offensichtlichkeit, dass man das stillgelegte Parkhaus auch in seinem Urzustand hätte
anbieten können, so lange nur genügend Buddys sich einfinden. Philosophen gelten hier
wenig mehr als eine Schale Erdnüsse.
Ich nippe. Schwergängiger als Wasser, anspruchsvoller im Geschmack. Mit Durst sollte
man dem Wein nicht kommen. Wein ist die Perversion des Ochsen, der irgendwann nicht
mehr ziehen will, sondern genießen. Da kommt es gelegen, dass man im Little Nietzsche
zum Wein Muffins reicht. Ich erwerbe einmal Schokolade, einmal Blaubeere, und komme
mir mehr denn je vor wie ein Ochse.
Zuzulangen ist ein gemeiner Reflex auf den Hunger. Verwegene Geschmäcker fingern gar
etwas aus dem Aas, das sie als Liebe empfinden. Als Liebe zum Leben. Was kundige
Hände einst zu opfern verstanden, wird nun unter Applaus in den Schlund geschoben.
Dabei ruhen die Finger mit eingeübter Poesie auf den Messern und auf den Forken.
Munter puhlen sie in dem lang erwachsenen, dem reif gewordenen, dem zu Kraft
gekommenen Reichtum der Schöpfung. Hände, welche ihr feistes Äderwerk herzeigen,
Hände, die mal unter die Festtafel sinken, mal zum Gebet gefaltet sind, mal sich gebärden
- und die dann in der Todeszelle mit einem Male völlig still sind: Nach keinem noch so
leckeren Happen mögen sie mehr greifen, keinen Finger mehr erheben. Beinahe ist es,
als wären jene einst so blaublütigen Hände nie gewesen, ja, als stünde die Todeszelle
regelmäßig am Beginn eines unbegreiflichen Daseins, das, wenn auch knapp bemessen,
am Ende viel schwerer wiegt, als all die reichlich gehaltenen Henkersmahlzeiten eines
banalen Menschseins. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Während ich Blaubeere mampfe, inspiziere ich parfümierte Nacken, gegelte Zotteln,
balsamierte Kinnpartien. Auf welche Weise diese Welt des Nickens und Schöntuns wohl
im Vorgang des Absamens still steht? Unter röhrenden Genussmenschen liegen, deren
Augen zu groß sind für ihre Höhlen, ja, das wäre ein schöner Fortgang der nächtlichen
Ereignisse. Ich erkundige mich bei unserer Herbergsmutter, ob es im Little Nietzsche
Darkrooms gibt. Nein? Dann bitte noch zweimal Blaubeere.
Zur Komik von Typen wie mir gehört es, seinen Sinnen Sinn abzuverlangen: Seit Stunden
tue ich meinen Ohren im Little Nietzsche Gewalt an mit, nun ja, Konversation. Gierig
belausche ich jeden Checker, der auf den Barhockern neben mir posiert, Weinkönigin um
Weinkönigin samt Hofstaat horche ich ab. Epauletten sehe ich, Hairflips ohne Zahl. Und
natürlich höre ich auch etwas. Gelehrtes mitunter, sich weltoffen gebendes. Aber
seltsamerweise verlässt keine noch so kluge Rede den Rahmen kleinbürgerlicher
Quizshows. Über Chinchillas geht es her, über Flatrates, über Frittensaucen, über Nahost.
Sozialarbeit, die keine Briefkästen kennt, nur Mülleimer.
Vor allem, was nach draußen führt, sind im Little Nietzsche schwere schwarze Vorhänge.
Fenster gibt es keine. Trotzdem schleicht sich der Morgen wie eine Drohung zwischen uns
Verbliebene. Die Weinköniginnen sind längst heimgeführt, Auswärtige um eine Erfahrung
reicher in den Hotels. Selbst das milde Licht der Raucherlounge, dem Kaminfeuer
nachempfunden, ist nicht mehr länger mit jenen Tröpfen, die sich den Abend über als
Geschäftsleute untermischten. Überall herrscht entsetzlicher Männerüberschuss.
Blaustrümpfe, daheim auf zwei Zimmern mit ihrer pflegebedürftigen Mutter, dürfen sich
jetzt begehrt fühlen. Mag sein, dass aus solchem Morgengrauen die Vorstellung eines
Totentanzes ins Umgangssprachliche gelangte. Und irgendwie bekomme ich richtig Lust
auf jene Agonie, welche Ratgeber für Alleinstehende großzügig als "Discofox"
umschreiben. Den Wein lasse ich stehen. Fiebrig nun sind meine Wangen allein von der
Vorstellung, mich als Sterbender mit Sterbenden zu vereinen im Discofox. Die Hölle wird
zur Hüpfburg.
Sich zu finden und sich zu verlieren, im Totentanze ist es eine Lebensfreude. Das
Abklatschen wird zum Herzschlagfinale. Im Totentanz kreist, was man bei Tage von den
Bürgersteigen fegt. Nägel, gefeilt und blutig lackiert, haben im Totentanz nichts gemein mit
räuberischen Tieren. Und den Wein empfindet dort niemand als ein letztes Abendmahl.
Alles greift sich, alles lässt sich. Der menschliche Tatsch. Dazu Absätze, die klingen wie
Sargnägel. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
"Feierabend?"
Das Toilettenfräulein lächelt wie jemand, der mit einem Lächeln oder mit einem
Sturmgewehr nur gewinnen kann. Nein, sie müsse noch feucht aufwischen. Aber: "Ende
Stoßzeit in Gästebereich dürfen, für Pause." Einen Blechnapf Schwarzbrot hat sie vor sich
und einen Heftroman.
"Wessen Schicksal interessiert Sie mehr, das des ausgedachten Herrn Doktor im Roman
oder das von mir real existierendem Trauerkloß?"
"Vier Euro Stunde eigenes Schicksal interessant, Herr Trauerkloß."
"Und fünfzig Euro Stunde?"
Das Toilettenfräulein schiebt den Schein als Lesezeichen zwischen die Seiten des
Heftromans. Wie Geld im Automaten seine Bestimmung findet, springt das
Toilettenfräulein sofort um auf jene Körpersprache bester Freundinnen.
"Nacht für Nacht Klo sauber machen von Trauerklößen. Nicht wollen denken Wirklichkeit.
Trauerklöße nur auf Welt, sich erleichtern."
Im Bully eines Subunternehmers sehe ich das Toilettenfräulein kauern, wie er die Kolonne
in der Frühe ablädt an Aborten mit dem Charme hunderter Ausnüchterungszellen.
Ich überreiche dem Toilettenfräulein meine Geldbörse. "Tanzen?"
Das Toilettenfräulein braucht Zeit. Misstrauen. Angst. Stolz. Was so hochkommt, wenn
Fräuleins mit dem Geld älterer Herren in Berührung gelangen. Dass ich vor meinem
Besuch im Little Nietzsche ein Duschbad genommen habe, scheint am Ende
ausschlaggebend. Mit spitzen Fingern entnimmt das Toilettenfräulein meiner Geldbörse
einhundert Euro, entnimmt ihr zweihundert Euro.
"Als Kind nicht geträumt, werden gierig Frau aus Roman."
Mir fällt auf, um eine gierige Madame der Weltliteratur mehr geweint zu haben, als um
meine Großmutter: Erst bringt Madame den Besitz ihrer Familie durch, weil sie sich nach
Liebe sehnt, dann nimmt sie Gift. Madame rührt mich tiefer, als die Mahnung meiner
Großmutter, in der Schule ja fleißig zu sein.
Stellen wir uns einen Horst vor, einen, wie ihn die Eulen herrichten. Obendrein schmücken
wir den Horst mit Samt aus und mit Seidenpapier. Ach, sind wir doch gleich selbst die
Eulen, die diesen Horst bebrüten. An der Vorstellung, fliegen zu können, träumt sich ja
jedes Menschenkind wund. Was nun nehmen Menschen mit in ein neues Leben, worauf
können sie selbst in Arbeitslagern und auf sinkenden Schiffen nur schwer verzichten?
Richtig, auf ihren Schmuck! Legen wir also einige ausgesucht schöne Stücke der
Goldschmiedekunst in unseren Horst. Und es ist sicher ein Bild der Lebensfreude, wie wir
nun mit unseren zuckenden Eulenkörpern versuchen, den Schmuck auch zu tragen.
Mindestens ein Kettchen sollte jeder über sein Federhaupt gezuzelt bekommen. Ja, sehen
wir uns an, wie wir alle derart mit Gold geschmückt hoch oben in unserem Horst gurren:
Sind wir nicht eine Krönung des Menschheitstraumes vom Fliegen? So sprach der
Geschlechtsreifende zum Volke.
Während ich das Toilettenfräulein zur Tanzfläche geleite, summe ich jenes Lied, welches
Madame kurz vor ihrem Gifttod aus dem Munde eines Bettlers vernimmt: Ein schöner Tag,
ein warmer Wind, etwas Liebe sucht das Kind.
Das Toilettenfräulein und ich, wir segeln nun mit der Gleichgültigkeit. Drei Augenpaare, wie
Höhlen in den Knochen getrieben, sind unsere Zeugen. Am Rande eine Jukebox. Als
Mahnung, nicht übrig zu bleiben, bis selbst die Musik kostet.
Lüge sowas. Am Ende muss jeder löhnen für die Musik, jeder. Egal wie viel Du er mal im
Leben hatte, wie viel Jens, wie viel Sören, wie viel Thomas. Am Ende ist er wieder Herr
Soundso und hat gefälligst sein Pflegegeld zu berappen.
Warum nicht mit Puppen? fragten Philosophen aller Zeitalter ins Rund. Besser durch solch
stille Genossen die Einsamkeit erkunden, als jener Wahn, um ein Du wissen zu wollen.
Selbst wenn alle Welt reich wäre, wir würden in unserer Armut bleiben. Puppen sind das
Maß der Liebe. Mehr Nähe geht nicht. Nur mehr Schmerz. So sprach der
Geschlechtsreifende zum Volke.
Aber gut, die Androhung von Liebesentzug bringt wohl mehr Menschen auf Linie, als die
Androhung von Waffengewalt. Somit fördert jedes Lügenmärchen Musik, das ein Du
antäuscht, unsere Wehrkraft und ist daher mindestens staatstragend.
"Nachtclubs sind Umerziehungslager!" raune ich dem Toilettenfräulein zu.
"Umziehen?" Ob sie ihren Kittel ablegen solle? entgegnet das Toilettenfräulein
dienstbeflissen.
Das Toilettenfräulein scheint zu begreifen, dass hier niemand seinen "Spaß" mit ihr haben
will, sondern dass jemand seinem Wehrdienst am Weib entkommen will. Hin zu Sternen,
die allein vom Wind wissen und von endlosen Weiten.
Ich gebe der Jukebox Silber für einen Oldie, den ich am ersten Abend meines
Wehrdienstes hörte, zwanzig Jahre her. Von Sunglasses handelt der Oldie und von den
Stränden Kaliforniens. Angemessener Trauerrahmen, finde ich, um in Sonnenaufgänge zu
tanzen, die mir nicht mehr gelten - und dem Toilettenfräulein auch nicht mehr so richtig.
Das Toilettenfräulein hellt auf, kaum dass die ersten Takte durchs Little Nietzsche klingen.
Als würden mit einem Male hundert Kerzen im Rund ihrer Erinnerungen leuchten. Das
Toilettenfräulein nimmt mich bei der Hand: Komm!
Wir tanzen. Jeder für sich. Abgenagt von Träumen, mühen wir uns durch vergangene
Sonnentage.
Auf dem Sterbebett, ja, da gibt es einiges zu erinnern. All jene Körperöffnungen, die man
genossen, während sich einem das Herz ergoss. Fortgeschenkt und abgeflammt. Hand
angelegt, bis das Leben nur wenige Augenblicke noch arm war. Drüber reden, zärtlich,
tönend, zischend, bis wirklich nicht mehr dabei heraus kam - und dann selbst hinein
kommen. Als Rumpelstilzchen geradewegs zurück ist in den Mutterleib. So sprach der
Geschlechtsreifende zum Volke.
"Mehr Frieden jetzt?" emsig bemüht wirkt das Toilettenfräulein. Als wolle es kurz vor
Ladenschluss das Preis-Leistungs-Verhältnis des Little Nietzsche, ja, des ganzen Planeten
Erde in ein gerechtes Licht rücken.
"Hauptsache bewegen", ich tippe mir gegen die Stirn: "Der Kopf passt sich den
Bewegungen an."
"Kopf flexibel, jawohl. Werden nicht gleich alt." Das Toilettenfräulein tut, als hätte es einen
langen Bart. "Jahr sauber machen wie fünf nur dreckig machen Leben."
Der letzte Refrain, dann ist es vorbei. Morgen wird ein anderer Hagestolz hier stehen, ein
anderes Toilettenfräulein. Uns bleibt nur der Kehraus.
"Noch feucht aufwischen jetzt."
Ich biete dem Toilettenfräulein nicht an, vorm Little Nietzsche zu warten, bis es
aufgewischt hat. Mit dem Bully eines Subunternehmers wartet auf das Toilettenfräulein
mehr, als zwei Menschen einander geben können. Wie zwei Tiere des Waldes merken wir
noch einmal auf, das andere zu horchen, zu riechen, zu erspähen, bevor jedes sich weiter
in sein Schicksal vertieft.
Werktätige füllen bereits jenes Straßenbild, welches vom Nachtleben hinterlassen wurde.
Reste vergangenen Glücksgefühls sind rasch fortgeschafft. Entweder in Container, Eimer
oder in die Minnas der Obrigkeit.
Ich lasse mich vom Strom der Werktätigen tragen, hinein in Bahnen und Busse, bis letzte
Rinnsale zwischen den Backsteinen der Stores versiegen.
Mit unserem Blute hat es eine seltsame Bewandtnis. Schon der schiere Fluss mag manch
Väterchen in Wallung bringen. Verzweigt das Blut sich aber, mischt und versippt es sich,
so hält Väterchen es dampfend noch in die Höhe: Ein Mensch ist geboren! Jener stiere
Blick, der nie weiter reicht, als Väterchens Füße tragen. Dem Blute vertraut sich an, wer
es nicht sieht. Blut ist des Bullens Würde, dem Keiler sein Revier und eines Hengstes
Sache. Welch Kultur aber fällt nieder vor kopulierenden Göttern? Mag Väterchen auch
tanzen um seinen Haufen: Was geworfen wie ein Stein in den Sand, ist nicht gezeugt. So
sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Während Werktätiges sich häufig erschöpft in der Missionarsstellung, bin ich mit meiner
Sehnsucht nach einer Mission stets zu sperrig gewesen, einfach so versiegen zu können.
Unvollendet lungere ich herum inmitten wahrer Lebensläufe, die aus dem Gröbsten
herausbringen, was ihnen zufällt. Jene Besenreinheit, mit der man getrost sonnenbraun
werden kann an den Urlaubsstränden dieser Welt.
Liebe machen geht auch im Polizeistaat. Milchschaum löffeln, nett beisammen sitzen,
Grillsaison eröffnen: alles möglich.
Morgens, halb zehn in Deutschland, wenn selbst die Kleinsten auf dem Spielplatz ihr
Tagewerk verrichten, bekommt Freiheit vor lauter Freiheit Lust, in staatliche Obhut
genommen zu werden. Geschlossene, durchregulierte Kindergärten, mit tüchtigem Eisen
vor den Fenstern, von wo aus man bequem nach Freiheit brüllen kann.
Während Seelenfänger sich selten ins Seichte verirren, dümpeln Freundeskreiser im
Nahebei. Ein Schwärmen und Krebsen ist des Freundeskreisers Sozialkapitalismus. Der
Absacker, die Stampe, das Schifferklavier: Hauptsache, es gibt gut was auf die Ohren. Im
Morgengrauen dann gemeinsam zu kotzen, wird eher als verbindend empfunden. Seite an
Seite, knöcheltief. Immer Grund vor Augen. Auf solch Standpunkte kehrt der
Freundeskreiser entschieden zurück. Trifft man ihn ausnahmsweise schwankend, ist das
Leben eben ein grundsätzlicher Schwindel. Jahrzehnte seines Sozialkapitalismus mag der
Freundeskreiser daher an sich vorüber ziehen lassen, als wäre alles nur eine steife Brise
gewesen. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Im Verhör erhört sein, sich öffnen, sich ergründet fühlen, jedes Worte protokolliert wissen.
Und all das für ein Tun, das vielleicht Laune macht. Kicks, von denen kein Weinkeller zu
erzählen weiß.
Klug erscheinen mir Sympathisanten, welche es gerade so im Mittel halten.
Prälatengrüner Schein auf Radaren, wo alles Leben drumherum schwarz ist wie
Friedhofserde. Observiert sein, während Massen vor religiösem Schnitzwerk nach einem
Hirten wimmern.
Das Milieu um den Hauptbahnhof scheint mir richtig, Fürsorge zu erfahren. Als ein Stück
Wild, das sich in seiner Freiheit hoffnungslos verirrt hat. Security. Kameras. Polizei, die mit
bloßem Wink nach Papieren verlangt. Vielleicht sollte ich Zigarettenkippen auflesen. In der
Hoffnung, dass sie als Eigentum des Hauptbahnhofs von der Security eingezogen werden.
Mich des Platzes verweisen lassen, wie meine Eltern mich einst ins Kinderzimmer
verwiesen.
Unentschlossen lächle und winke ich in jede Überwachungskamera, die ich erspähe.
Vielleicht merkt am anderen Ende jemand auf von einer Brotzeit, schaut hin, ruft herbei.
Wahrscheinlich aber kaut er getrost seine Stulle Teewurst weiter: "Penner."
Mir Spielzeugpistolen zu verschaffen, auf das zweite Frühstück hinter den Kameras zu
zielen, getraue ich mich nicht. Auch zum Stinkefinger fehlt mir der Mumm. Ein elender
Streichelzoo in mir, wo alles Bitte! muht und Danke! mäht. Haltung annehmen vor
verkrachten Existenzen aus dem Sicherheitsgewerbe, zu mehr bin ich nicht geboren.
Leben, das man im Rahmen der Waidgerechtigkeit zum Abschuss freigeben mag, das
aber gewiss niemand hegen will.
Naturgeil zu sein, ich stelle es mir wunderschön vor. Röhrend aus dem Unterholz brechen,
statt Wichsvorlagen in Klarsichthüllen zu hüten. Allein jener Stolz, mit dem naturgeile
Menschen sich am Mittagstisch von den Kartoffeln nehmen, lässt mich ins Nichts sinken.
"Ich bin." weiß der naturgeile Mensch, derweil ich zittere wie Laub unter meiner Nichtigkeit.
"Ich liebe." weiß der naturgeile Mensch, während ich mich hasse für jeden Bissen Fleisch.
Naturgeile Menschen leben die Welt wie eine Scheibe, auf deren Mitte sie residieren,
während an den Rändern alles fällt, weil die Welt eben eine Scheibe ist. Das Leben als
Sänfte, welche den naturgeilen Menschen durch alle Spielarten des Begehrens trägt.
Beziehungen, wenn sie gelingen wollen, verblüffen durch ihre Geringfügigkeit. Etwa wie
zwischen Herrchen und seinem Hund. Einer macht auf Zwinger, der andere sorgt für den
Zauber. Pfötchen geben, und vielleicht zur rechten Zeit mal ein Wuff! mehr hat man in der
Rolle des Zwingers selten zu tun. Vielmehr obliegt es dem Zauber, daraus das
Maulheldentum zweier Gefährten zu machen, die selbst im Sturme... ja, Zwingers Zauber
ist ein beliebtes, ein erhabenes Gesellschaftsspiel. Echte Nähe, wie soll sie auch möglich
sein ohne Leine, ohne Maulkorb, ohne Napf? Aufmerksam zu sein, richtig hinzuhören, es
ist so wundervoll einfach, wenn wir etwas um unseren Hals gebunden haben, das uns
nach Belieben die Luft abwürgen kann. Oder jener Hunger, der uns Männchen machen
lässt, der uns vorbehaltlos vertrauen lässt. Wer also Nähe spüren will, Nähe, Nähe, Nähe,
der mag reich geschmückte Obergeschosse meiden, und stattdessen Ausschau halten
nach gut ausgebauten Kellern. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Dagegen ich Wicht, dem das Leben wie ein Mühlstein anhängt. Ziehe mich hier durch den
Hauptbahnhof mit der Verlegenheit von Abfall, während naturgeile Menschen aus jedem
Reinstecken ein Mausoleum erbauen.
Die Spielhalle im Obergeschoss des Hauptbahnhofs wühlt mich auf. Gelb abgeklebte
Fenster mit einem Joker drauf. Weithin sichtbar thront die Spielhalle über den
Bahngleisen. Ein zärtliches Erinnern zurück in Kinderzeiten, als man mich für einige
Groschen Brötchen holen schickte. An einer Spielhalle vorbei führte mein Weg. Seltsam
fehl am Platz damals der lächelnde Joker. Ich Kind konnte ihn schwer verbinden mit jenen
älteren kittelgeschürzten Damen nebenan, die mich erwerben ließen, was ich aufgeregt
von Mamas Zettel vortrug. Ich glaubte auch zu spüren, dass der Joker nicht gutgeheißen
wurde in Angelegenheiten, die von Schrot und von Korn handelten.
Viele Brötchen sind seither erworben worden, viele ältere Damen zu Grabe getragen, der
Joker meiner Kindertage aber, der lächelt immer noch. Als wäre ich gerade erst mit ein
paar Groschen im Herzen an ihm vorbei.
In fernen Kindertagen, da besaß ich einen roten Spielzeuglaster. Und ich fand keinen
Schlaf, wenn dieser Spielzeuglaster nicht neben meinem Bettchen stand. Wohl niemand
von uns, der damals unbeeindruckt blieb von den Kulleraugen eines Plüschtieres. Völlig
ohne Gehalt, waren uns Plüschtiere doch wichtiger als die Welt.
Nun würde natürlich jeder gerne behaupten, er sei den Plüschtieren entwachsen, jenen
Gefäßen kindlicher Sehnsucht. Vielleicht ist es aber auch so, dass wir uns nur andere
Verrichtungsgehilfen gesucht haben. Vom gemeinen Haustier könnte hier die Rede sein,
oder mit welcher Hingabe mitunter das Nutzvieh gepäppelt wird. Schauen wir jedoch auf
das Beuteschema eines Triebtäters - rote Haare, sonst nichts - können wir uns sicher
auch Menschen als den Plüsch unseres Daseins vorstellen. Wie wir keinen Schlaf mehr
finden, wenn man ein besonders kulleräugiges Exemplar der Gattung Mensch aus
unserem Bettchen fortnimmt. Ein Lustprinzip, stärker als die Furcht vor dem Tode. Kein
Plüsch, kein Leben. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Verblüfft registriere ich hinter der Fassade des lächelnden Jokers eine ältere Dame,
allerdings nicht kittelgeschürzt. Verloren fühle ich mich, keinen Einkaufszettel meiner
Mama mehr bei mir zu haben. Kehrt machen will ich, sofort.
"Wollen Sie die letzte Spielhalle vor Ihrem Tod wirklich versäumen?" Ein Flüstern. In
meinem Kopf. So weit habe ich mich Kind verloren, dass es per Sie mit mir ist. Trotzdem:
"Schön, dass Du nun bei mir bist", flüstere ich zurück.
Die ältere Dame ist sichtlich bestürzt, als ich mich ihr wieder zuwende und nach einem
späten Frühstück für zwei Personen verlange.
Brötchen mit Sesam essen wir, Brötchen mit Mohn, dazu Körbchen voll Portionen NussNougat Creme. Nebenbei füttern wir eine Reihe Daddelautomaten mit jenen Summen, die
notwendig sind, uns in Ruhe frühstücken zu lassen.
"Kein Spielzimmer hier."
"Mama und Papa mussten auch fortwährend Geld nachwerfen, sonst hätten wir uns mit
Tannenzapfen begnügen müssen oder mit Kieselsteinen, statt uns bimmelnd zu drehen."
"Da waren wir die Automaten."
"Ältere Damen gab es auch, die darüber wachten, dass Mama und Papa uns nicht ohne
Fürsorge ließen."
"Geschrien haben wir, jawohl, wenn der Laster aus rotem Plastik nicht neben unserem
Bettchen stand."
"Sollen wir einen neuen kaufen?"
"Dass rotes Plastik noch vermag, uns Schlaf zu schenken, das wärs."
"Und schreien können wir kaum mehr."
"Wenn wir dafür wenigstens für zwei Personen essen könnten."
"Der Mund hat zu tun, beide Hände sind beschäftigt. Wenn man es gescheit anstellt,
dämmert unser Kopf dabei völlig tatenlos durch die Gänge."
"Gab schon immer mehr Köche als Philosophen."
"Sind wir Köche?"
"Wir sind philosophische Mitesser."
"Wir sind fertig!"
Schon setzt die ältere Dame sich in Bewegung, abzuräumen. Genügend Trinkgeld ist auch
dabei, ihre Bestürzung in Mütterlichkeit zu verwandeln. Beinahe zärtlich, wie sie die Teller
ineinander stellt und sich unserer Krumen annimmt.
Ob es je einer Menschenseele gelungen ist, sich derart vollendet zu entfernen vom Tisch
des Lebens?
Ein frisch verrentetes Ehepaar begibt sich auf Weltreise. Camcorder, Spiegelreflex,
mehrere Objektive. Geschleppe und berechtigte Sorgen, vor lauter Lichtbildern zurück zu
bleiben hinter der Gruppe. Wieder daheim, erfahren die Fotos viel freundschaftliches
Interesse. Über den noch zu bearbeitenden Videos stirbt der Mann weg. Sie ist bald
gezwungen, sich zu verkleinern auf ein Appartement betreutes Wohnen. Vor die Wahl
gestellt, ihr Ableben mit einem Wust aus Urlaubsbildern zu beengen, wirft sie alles weg.
Unter ihren letzten Habseligkeiten finden sich nur ein paar kleine Aufnahmen aus
Kriegszeiten.
Vom betreuten Wohnen aus besehen, stellt sich nun folgende Frage: Ist eine Weltreise
realer als ein Fiebertraum oder als der Sekundenschlaf übernächtigter Grubenarbeiter?
Selten ein Mensch, der sich im Straßenbild anderer von den Mülltonnen abhebt oder sich
klar von stromernden Hunden scheiden lässt. Leicht erklären können wir unserer
Erkenntnis nur jene "Schnitten", die regelmäßig den ganzen Rahmen des Erlebens füllen,
zu dem Männer fähig sind. "Wann sagst du deiner Alten endlich, dass Schluss ist?" Die
"Alte", die wie ein übler Geruch aus unseren Sinnen schwindet. Die "Alte", sie steht vor
uns, steht und steht und steht vor uns, zetert vielleicht sogar - aber wir erkennen sie nicht.
Eine Tugend der Gleichgültigkeit, welche uns alles Sein als gleich gültig erkennen lässt, ist
schlicht nicht lebbar. Stattdessen jener Alltag, der regelmäßig darum bittet, den Sender zu
wechseln: man esse gerade.
Ein Menschenleben gilt nichts, wenn es lauter Rücken sieht. Und wir verstehen uns
meisterhaft darauf, den Rücken mit flinker Hand Gesichter aufzumalen. Führendes Motiv
ist das Antlitz eines Lieben Gottes, der seine Zeit damit durchbringt, über unser Tun zu
urteilen. Besser noch ein Jüngstes Gericht hoch in den Wolken, mit Engeln und Teufeln
und Lämmern und Löwen. Und alles im Himmelrund hört uns zu, wie gütig wir am
Hauptbahnhof mit Strichern umgehen... Selbst in vollster Blüte wären wir allein Staub,
könnten wir so nicht fortwährend mit Göttern brabbeln. So sprach der Geschlechtsreifende
zum Volke.
Ohne Zweifel gehört die Spielhalle zu den Hauptgängen menschlichen Seins. Hoffnung
wandelt sich in Arbeitskraft, wandelt sich in Vermögen, wandelt sich in Hoffnung.
Daddelautomaten wie Opferstöcke, in deren Zentrum eine Dreifaltigkeit jener Räder des
Lebens herrscht, die Gold und Kirschen herzeigen, während anderswo Brot und Wasser
den Weg ins Himmelreich weisen.
Nachempfunden dem Taumel unseres Daseins, seinem Wanken und Irren. Alles bereitet,
Menschen zu Händen zu degradieren.
Die Spielhalle, sie ist durchdrungen von dem Zauber verrichteten Lebens: Gewinne
summieren, Verluste in Maßen einbeziehen, so dass sich dabei runde Summen ergeben,
mag auch stets ein Gott sein Scherflein hinzutun müssen. Sorgsam geführte Kladden, die
von Kindern wissen wie von Liebesnächten, von Reisen wie von Karrieresprüngen.
Automobile stehen dort, getrennt nach Typ und Kaufdatum, schlüsselfertige Eigenheime,
Sternstunden im Fußballstadion. Am Ende zärtlich mit einem Gummiband umwickelt und
auf den Nachttisch gelegt: Fertig.
"Jedes Eichhörnchen macht sich mehr Gedanken über das Leben!" Um es einmal noch
ins Rund zu rufen. Aber außer uns beiden ist allein die ältere Dame in der Spielhalle. Und
nach unserem Trinkgeld eben, wird sie in ihrem Verständnis kaum mehr zu erschüttern
sein.
Die ältere Dame begrüßt unser angestrengtes, lauthalses Tun denn auch mit einem
Nicken: Ob wir Getränkewünsche hätten? "Wir", sie sagt tatsächlich: "Wir." Als wäre unser
beider Wir ihr ersichtlich und geläufig. Wahrlich, es reicht eine Hand voll Geld, aus
Irrenanstalten Paläste zu machen. Angeschmiert haben wir uns mit dem Leben, statt an
ihm zu wachsen.
Alles drängt zur Aktion, obwohl man sich eigentlich in Aktion wähnt. Die Nacht, den
ganzen Morgen über, immer in Bewegung. Jahrzehnte ist man an Gaststätten wie dem
Little Nietzsche vorbei marschiert, hat nüchtern einen Bogen um Spielhallen gezogen,
ohne Bedürfnisse, ja, Notdurften ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Dann endlich nimmt
man Anlauf, nächtelang, tritt ein, ist entschlossen - und blubbert ab wie Leck geschlagene
Jollen.
Jenes Muster angeblichen Erlebens, simple Sachverhalte zu komplizieren, um sie so am
Ende als Leistung zu begreifen. Drei Dates Straight Edge für einen Fick.
"Haben Sie das auch öfter", fragen wir die ältere Dame in ihrem Kabäuschen, "einfach
losrennen zu wollen."
Wo wir denn hindächten? Sie sei eine ältere Dame, brauche das Geld.
Eigenheiten im Gesicht der älteren Dame treten hervor. Wie ein besonders Gewitzter
damals in der Schule den Lehrkörper als einen Zoo aus Nilpferden und Krokodilen
karikierte. Aber die Affenmami hier ist nicht mehr witzig. Eher scheint sie am Beginn eines
furchtbaren Erwachens zu stehen. Vergleichbar vielleicht, wenn man sich unverhofft einem
Mob ausgesetzt sieht.
Mit fortschreitender Wissenschaft lassen sich bestimmt planetenartige Affengehege
bauen, ohne dass die Tiere sich auf dem Kopf fühlen. Hingehängt in ein Zirkuszelt, völlig
frei von Gittern, können die Tiere fliehen wie sie wollen, Schwerkraft hält sie stets im Rund.
Am Ende sind die Tiere wieder an jener Futterstelle, von wo ihre Flucht begann.
Glubschäugiges Umschauen unter dem Gelächter des Publikums, bevor die heimgeirrten
Tiere sich gierig über Näpfe und Tröge beugen, neue Wraps probieren.
Auch wir fahnden nun panisch nach einem Hungergefühl in uns, das sich befriedigen lässt.
Doch frisch abgefrühstückt wie wir sind, schützt uns in der Spielhalle kein Hunger vor dem
Gelächter des Publikums.
Mit einem Male grinst der Geschlechtsreifende von uns beiden, als hätte er einen Tunnel
erspäht, welcher geradewegs ins Leben führt.
"Wohin jetzt?"
"Zur Nutte."
Früher Nachmittag, als wir uns an jenem Ausgang des Hauptbahnhofes wiederfinden, von
wo aus es zu den Hotels geht, zu den Absteigen, den stundenweise mietbaren Zimmern.
Obwohl die Spielhalle nur wenige Schritte hinter uns liegt, und der Abschied von der
älteren Dame keine fünf Minuten her ist, fühlt das eben Vergangene sich an, als wäre es
nicht verlebt, sondern dem Erinnern aufgeklebt. Wie wenn unser Innerstes einen
Laufzettel herzeigt: drei Stationen noch bis Himmelfahrt.
Angst, jetzt doch. Wir schauen einander an, ob wir aus den drei Stationen vielleicht dreißig
machen könnten? Geld wäre da, wenn auch kaum für dreihundert Stationen.
Sich einmieten, preiswert, unseren Entschluss durchdenken, abermals und nochmals
durchdenken. Würde uns um des Friedens willen nur mehr einfallen, als den Viechern auf
ihren Weiden. Jetzt zur Nutte, das gleicht einer Kapitulation, ist unser eigentliches
Todesurteil.
"Wie wärs mit uns beiden?"
Wir müssen nicht lange den Bordstein entlang schleichen. Eine junge Frau. Ins
Bahnhofsmilieu gezeichnet von jenen stärkenden Pulvern, welche sicher auch im Little
Nietzsche als "Überdosis Leben" gefeiert werden.
Der Geschlechtsreifende macht jetzt die Ansagen. Keine Rede mehr davon, unser
Menschsein in irgendeiner Weise zu krönen. Jetzt wollen wir auf den Affen. Möglichst so,
dass jeder Affe still beiseite steht, welch Treiben da in sein Gehege vorgedrungen ist?
Mögen uns Affenmännchen in ihrer Geilheit kaum nachstehen, so mangelt es ihnen jedoch
an List und an Heimtücke, einen Schoß nachhaltig zu öffnen.
"Wir könnten uns verloben", entzückt sich der Geschlechtsreifende, "wir könnten ein paar
Stunden miteinander verbringen: wie Sie wollen." Schließlich und endlich hat man soeben
jene Frau gefunden, nach der man Jahrzehnte in jeder Kirche des Landes betete.
Die junge Frau wirkt, als wäre in ihr etwas angeknipst worden. Auf nicht ungefährlichem
Terrain scheinen wir Nachwuchsfreier Sicherheit erworben zu haben. Nachkobern wird
zwischen uns kein Thema sein.
Natürlich, wo man denn hingehen könne, den weiteren Verlauf des Tages beratschlagen?
Die junge Frau schlägt einen gut einsehbaren Streifen Park vor, mit grün gestrichenen
Bänken, auf denen man es gerne ruhig angehen lässt, was gegenseitige Sympathie und
Fürsorge betrifft.
Jenes Wohlgefühl unter Viechern, dass es mit Fressen, Auslauf, Bällchen werfen getan ist,
bleibt einem unter Menschen verwehrt, mag man seiner Sache noch so sicher sein, dass
es der Welt zum Glück genügt, täglich ihre drei, vier Stunden Glotze reingeschüttet zu
bekommen.
Auf solch schwülem Basar des Gebens und des Nehmens kommen Nutten als
Heilsbringerinnen daher, vom Busen bis zu den Flanken mit Preisschildern ausgezeichnet.
Der zeitlos beliebte Griff in den Schritt wird so zum Glücksgriff.
Fünfzig Euro vorab, noch bevor wir auf der Parkbank in Verhandlungen treten. Als
Dankeschön, mit der jungen Frau auf rechten Pfaden zu wandeln.
Auch wenn der Geschlechtsreifende seine dicke Hose einbringt, derweil die junge Frau
allein auf ihr Leibchen setzen muss: wie wir so nett beieinander sitzen auf der Parkbank,
mal unserem, mal ihrem Knie uns zuwenden, es blitzt doch auf, das "Später!" der jungen
Frau: Anfang zwanzig mag sie sein, sicher nicht sehr lange im Milieu. Vielleicht lebt sie in
einer Kommune von Künstlern, wo jeder auf seine Weise zum Unterhalt beiträgt. Möglich,
dass es hier die Zeit über höchstens um ein kleines Herrengedeck geht, mit Spritzern dirty
Talks, während sie in Gedanken bereits Bühnen großer Clubs besteigt, wo sie, umrahmt
von gitarrenschwingenden Zotteln, der Welt völlig neue Lieder singt. Dann wären wir mit
unserer dicken Hose nurmehr Fettfleck in ihrer Biographie.
Welch Kraut dagegen unser "Früher". Dem Geschlechtsreifenden gefriert beinahe die
Hand auf der jungen Frau Knie. Sind wir einst mit Mama und Papa hier entlang spaziert,
hüpfend vorweg? Dort am Eck war das Kino-Center. Bilder übermannen uns, Melodien.
Für Augenblicke müssen wir die Verhandlung mit der jungen Frau unterbrechen. Sie streift
ihr Leibchen glatt und lässt den Kunden König sein.
Menschen zu reduzieren auf Butzen und auf Kleinkredite, beinahe unmöglich bei den
eigenen Eltern. Mag den Geschlechtsreifenden und mich die tatsächliche Geringfügigkeit
unserer Kinderzeit auch bestürzen, stets erleiden wir Verlust. Was uns anfangs erschien
als Hinauswachsen über Erziehungsberechtige, offenbarte sich als emporwucherndes
Unkraut.
Mag ein Mensch sämtliche Achttausender besteigen, er entkommt seinem Kindergarten
nicht, er wird ihm nur fremd.
Wir alle haben unsere Stunden Kino im Kopf von dem, was uns Kindheit war. Ein Warten
auf die Mutter etwa, dass sie uns endlich aus der Vorschule abholen möge. Fern am
Horizont schon winkt die Mutter uns zu, und wir winken, winken, winken zurück. Oder der
Vater, wie er immer eine Partie Schach mit uns spielte, wenn er von der Arbeit nach
Hause kam. Gleich einem Heiligtum bewahren wir das Schachspiel unserer Kindheit. Es
ist ein Paradies, ein verlorenes Paradies. Selbst wenn wir durch Tore in den Dimensionen
unseren roten Rodelschlitten wiederbekämen, wir wären doch andere. Niemand könnte
uns mehr Weihnachten vorspielen, kein schwarzer Mann wäre uns selbstverständlich.
Erst recht, wenn mit dem Alter die Besucher in unserem Leben seltener und seltener
werden, wenn unseren Nahtoderfahrungen das Personal abhandenkommt. Spätestens
dann ist es Zeit, sich auch am Dienstagabend in die Heilige Messe zu kauern. Getragene
Musik vom Endlosband. Immer wieder aus dem Off eine leuchtende Hand, welche uns,
nach erhabenstem Vorspiel, die Tränen aus dem Antlitz tupft. Wir sind wieder Kinder. Dort
am Horizont unsere Mutter, und hier wartet schon der Vater mit dem Schachspiel.
Wie nun bekommen wir es hin, diesen Heiland unserer Träume ans Kreuz zu schlagen?
Und zwar noch qualvoller als beim ersten Mal, so dass seine Leiden nicht vor der Zeit ein
Ende finden.
"Ach, das mit dem Himmelreich, das habe ich mir ausgedacht. Sonst hat man ja nur
Gaffer und keinen, der hilft. Wie, was ich mit meinen Knechten für grausame Scherze
treibe? Leute, denkt doch mal nach: Der alzheimerkranke Opa neben dem totgeborenen
Brüderchen, an solch einen Ort kann im Ernst wohl keiner wollen. Hey, Ihr habt mir diesen
Döntjes vom Himmelreich damals nicht wirklich geglaubt, oder? Jetzt rückt Ihr mir aber ein
bisschen sehr auf die Pelle! Was wollt Ihr mit den Handschellen und mit den Drähten, ist
da Strom drauf? Hilfe. Hilfe!" So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Wie also nun mit der jungen Frau, die Hand an den Zaun unseres Kindergartens legt?
Jenem Flittchen Leben, das gegen Geld uns Mama sein will.
"Sicher wissen Sie einen Raum, wo wir beide unser Geschäft machen können", der
Geschlechtsreifende will das endlose Handeln mit der Welt jetzt zu einem Ergebnis
bringen, zu irgendeinem Ergebnis.
Die Frau sagt ihren Businessplan auf, was möglich ist und zu welchem Preis. Der
Geschlechtsreifende nickt erleichtert über das schmale Angebot: Himmelfahrt als Jungfrau
begehen zu können, wirkt von einem Affengehege aus wie ein letztes bisschen Würde vor
der Hölle.
Dem Kino-Center am Hauptbahnhof entschwebt, frisch aufgeblasen von Trickfilmen,
fragten wir Papa einst, was es mit jenem Zweckbau auf sich habe, schräg gegenüber dem
Kino-Center, welcher noch zwischen unsäglichen Hotels wirkte wie eine Räuberhöhle.
Im Gefolge der jungen Frau betreten wir nun dies graue Getüm, das damals unfassbar
verboten schien. Und keine noch so rasche Umkehr, hinein in irgendeinen Kinderreim,
wird uns mehr retten. Es ist alles ausgeträumt.
Wie viele siamesische Zwillinge gibt es auf der Welt? Etwas Logistik vorausgesetzt,
könnte man mit ihnen vielleicht eine Straße bevölkern oder einen Stadtteil: Seht, so ist er,
der Mensch!
Es mag daher eine Tragik sein, dass wir selbst im Urwald unser Viertel nicht verlassen. Da
können wir auswandern, wie wir wollen, jedes Leben bleibt das Bauwerk eines
Sandkastens.
Fraglich ist allein, inwieweit wir das Naheliegende ehelichen? Zur Blindheit verdammt zu
sein, verpflichtet uns nämlich noch lange nicht, auch blindlings zu handeln. So sprach der
Geschlechtsreifende zum Volke.
Wir fügen uns, steigen mit der jungen Frau Türen ab. Türen. Türen. Türen. Unser Fleisch
dampft. Im Treppenhaus, durch Notausgänge, wird aus Schießscharten das Getue der
Stadt irrwitziger und irrwitziger. Leben scheint bloß zum Fortwerfen mehr gut. Aber auf
jeder luftigen Höhe herrscht Stacheldraht, trotz allem. Damit wir gefälligst an Orten
zerplatzen, deren Boden sich aufwischen lässt.
Natürlich haben wir kein oberstes Stockwerk erwartet, keinen mit Teppich ausgelegten
Flur, keine weiß gestrichenen Flügeltüren. Aber sein Schicksal hinter Pressholz erfüllt zu
sehen, das die Nummer 716 trägt, hat den Charme eines Faustschlags.
Zimmerschlüssel wie im Hotel, wo man genauso gut hätte gegentreten können, um zu
öffnen.
Kleiner Abort, gekrönt von einem Bidet. Weiter geht es ohne Umwege zu zwei auf dem
Beton liegenden Matratzen. Campingstühle dienen als Ablage.
Unsere Gastgeberin will wissen, ob sie ein Rauschmittel zubereiten soll? Gegen geringen
Aufpreis aus dem Arbeitsalltag schlüpfen und so. Wir aber schauen begeistert hinaus zum
Balkon: Dürfen wir?
Leergut, ein Aschenbecher, kein Stacheldraht. Unter uns erstes Stadtgelichter. Nie ist es
leichter, hops zu gehen, als in der Höhe.
"Schön hier!"
Die junge Frau steht mit laufendem Motor wie ein Taxi, das man warten lässt.
"Gestatten Sie uns noch etwas Zeit." Wir reichen ihr vom Balkon aus unsere Geldbörse:
"Stellen Sie bitte das Doppelte von dem in Rechnung, was Sie sonst zu nehmen pflegen."
Klärende Worte, für welchen Service wir uns entschieden haben. Der Geschlechtsreifende
gibt sich einen Ruck und wählt das "Happy End": Mit gefüllter Samenblase auf
Himmelfahrt zu gehen, wirkt peinlich. Also auf Erden nochmal Pipi machen, bevor höheren
Ortes hoffentlich großes Kino beginnt.
Ob man sie dabei nackt sehen wolle? erkundigt sich die junge Frau. Mit unserer
Geldbörse in der Hand wirkt die junge Frau wie eine aus Fleisch geformte Patronin
moderner Dienstleistungsgesellschaften.
Wir nicken den Deal ab: Wenn es ihr für diese Jahreszeit nicht zu kalt sei, dürfe sie sich
gerne frei machen. Bevor man komme, müsse sie allerdings etwas Aufenthalt
einkalkulieren. Man sei ungeübt, entschuldigt sich der Geschlechtsreifende.
Schon nestelt die junge Frau an Knöpfen und an Bändern. Aus ihrer Routine gebracht
wirkt sie, zwei Knacker halbwegs entjungfern zu müssen. Verdrossen, dass man sie für
eine Nutte hält, die ihre Freier im Zeittakt über einen Berg Wollust treibt. Als würde sie
Esel hüten, statt internationalem Publikum untenrum Frieden zu verschaffen.
Freudenmädchen ist sie, eigentlich Künstlerin, die für einige Zeit in Jugendsünde macht,
um später davon singen zu können. Auf anderen, auf großen Bühnen.
Wie aber nun wir: Unser kleines Welttheater weiterspielen und spielen, bis im Spiegel zwei
Muselmänner schwanken? Abgrundtief fremd der Balkon. Stehen einem Affenfelsen vor
und philosophieren über Leergut. Furchtbarer kann Zivilisation nicht sein.
Unter uns setzt Feierabendverkehr ein. Keine Horde johlender Schulkinder, die sich auf
das Trottoir ergießt. Sieht man von den Verliebten ab, überwiegt jene stille Freude, seine
Fassung gefunden zu haben. Stumm auch der Geschlechtsreifende. Nahende Finsternis
verlangt nach einer Entscheidung. Zurück ins Warme, sich Weiber nehmen, abwarten.
Oder der Nacht entgegen.
Ehe wir uns versehen, ruhen beide Hände auf dem schmalen Stück Brüstung, bereit,
zuzupacken. Falls wir auch nur anbändeln mit etwas, das des Lebens warmer Bruder nicht
ist. Wie ja beinahe alles herbei eilt, wenn jemand zu lange auf einem Balkon steht. Und
wer sind wir denn, die junge Frau hier im Gang ihrer Geschäfte zu beunruhigen.
Ein Cliquchör ist jener kleinste gemeinsame Nenner, der unsere Zivilisation beherrscht,
seit man sich müht, Fremde "Freunde" zu nennen. Auf Volksfesten werden Cliquchöre zur
Recheneinheit oder auf Sportveranstaltungen. Überall, wo geschunkelt und gejohlt wird,
wo man sich unterhakt, wo gute Laune mitzubringen ist.
Die Menschheit kommt seit Anbeginn ohne Worte aus, selbst wenn sie mitunter viele
Worte erzeugt. Wer je im Zoo gesehen hat, wie Affen sich in sich selbst zurück ziehen, der
weiß zugleich alles Notwendige über das menschliche Miteinander.
Ein Miteinander, das gekrönt wird von Cliquchören: Lachen wir, lachen auch die
Cliquchöre, erheben wir uns von unseren Tribünensitzen, erheben sich auch die
Cliquchöre.
Im Gegensatz zum Rudeler, sind Cliquchöre selten auf Fleisch aus, wenn sie sich etwa
Kinofilme anschauen, die ihnen alleine nie in den Sinn gekommen wären, oder wenn sie
auf Amüsiermeilen stundenlang jene sensiblen Augenblicke erspähen, wo es gilt, seine
Lacher zu platzieren, um ordentlich Sympathie abzugreifen. Cliquchöre sind in der
Mehrheit weiblich, wollen "einfach nur leben" und streben danach, den Tod in
Gemeinschaft zu erfahren. Gerne auch vorzeitig. Händchenhaltend im Widerstand, im
Kriegsdienst, im Terror, in der Entwicklungshilfe. Je nachdem. Sie wollen nur ihren
"Homies" nahe sein.
Cliquchöre sind die Blaskörper des Lebens. Nicht Stein, nicht Feuer, nicht Flut bringt
Cliquchöre zum Klingen. Cliquchöre wollen nur Luft, Cliquchöre können nur Luft. So
sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Rasch zimmern wir uns das geile Lächeln solventer Kunden, die in Stimmung gekommen
sind. Als wir uns nach der jungen Frau umdrehen, sehen wir gerade noch, wie sie weitere
Fünfziger in eine Tasche ihres Leibchens stopft. Daran herrscht im Leben natürlich kein
Mangel, an Fünfzigern und an Taschen.
Rasch wirft die junge Frau ihr Leibchen auf einen der Campingstühle. Nackt ist sie. Wie
der Abgrund draußen vor dem Balkon. Unter einigem Buhei mögen Kindsköpfe nun jene
Bocksprünge wagen, welche dem Roman oder dem Volksmund entnommen sind.
Hingegen wir vor Geilheit keinen Blick verlieren wollen an die junge Frau. Uns brünstig
sehen, liebestoll und verkatert seinen Mann stehen, entspricht dem Selbstverständnis
unseres Grabes. Wie ein Baby an den Busen gehoben sein, grabschen nach jenem
Orkus, aus dem man uns einst presste. Nichts kommt dem Leben schlechter, als zögernde
Lenden. Der Geschlechtsreifende beeilt sich denn auch, Meldung zu machen über jenen
beklagenswerten Zustand unserer Lüste. Gar einen Todesfall im engsten Familienkreis
führt er ins Feld. Nurmehr Krächzen, wo wir auf den Ruf der Natur hätten antworten sollen
mit: "Hier!"
Die junge Frau, sie hat genug gehört. Was soll sie Geschäfte machen mit einem Typ, der Kimme und Korn, immer nach vorn - sein Gewehr nicht in Anschlag bringt, der nie fertig
wird. Zu brasilianisch gewachst ist sie, um einer Milieustudie beizuwohnen vom Freier, der
reden will. Keine gitarrenschwingenden Zottel, kein Publikum nirgends für Lieder über
sozialarbeitende Huren.
Bis hierhin! die junge Frau hebt beide Hände. In Fällen wie unserem sei sie bereit, der
Angelegenheit per Hand zu einigem Schwung zu verhelfen. Das ginge aufs Haus, wäre im
Preis inbegriffen. Wollen wir ihr hier aber das Hirn ficken, können wir uns geschwind mit
unseren Fünfzigern vom Acker machen. Entweder zur Tür oder zum Balkon hinaus. Sie
macht eine Bewegung, mit der man Vieh verscheucht. Und wuchtig trifft uns ihre
Hurenehre: Als Vettel noch wird sie nicht bedürftig sein, wird stockschwingend fortprügeln,
was sich an ihr Windelhöschen verirrt. Unser Existieren, mag es auch Kathedralen frönen,
fromm und fastend, bleibt für die jungen Frau auf immer etwas, das nach einer
Katzenwäsche vergangen ist. Spurenlos verendet im Bidet.
In keinster Hinsicht Kapitalist sind wir gewesen. Niemand Bankrottes, der zur Hure geht für
letzte Fontänen Glück. Wir wissen nicht, was dem Vater seine Kinder sind, was dem
Freunde sein Freund. Wir konnten unserem Leben wenig abgewinnen. Fremd daher jener
Schmerz, alles verloren zu haben, welcher animieren mag, Huren freie Hand zu lassen.
Als ewig Geschlechtsreifender stehen wir zwischen Matratze und Campingstuhl, zwölf,
dreizehn Sommer jung. Kaum je selbst sind wir unserem Sonntagsstaat an den
Reißverschluss, warum nun blau lackierte Nägel ins Frischfleisch treiben?
Mit niedergeschlagenen Lidern bringt der Geschlechtsreifende sein Bedauern zum
Ausdruck, dass unser dreier Geschäftsbeziehung nachhaltig gestört worden sei.
Tatsächlich war es ein Fehlverhalten, die junge Frau nicht sogleich als Abführmittel
körpereigener Sekrete nutzen zu wollen. Stattdessen habe man versucht, kleinliche
Seelenhygiene mit ihr zu treiben. Letztendlich brauche ja jeder Gott seine Visage. Und das
Lächeln einer jungen Frau, das nachsichtige, anerkennende, wohlwollende Lächeln einer
jungen Frau reicht leicht hin, hunderte Zwiesprachen mit Gott nicht vom Fleisch fallen zu
lassen. So durch den Hurenlohn gleichzeitig auch Ablass zu empfangen, dieser
Versuchung war der Geschlechtsreifende erlegen, ja.
Wie der Geschlechtsreifende so dermaßen auf Gott kommt, reißt die junge Frau ihr
Leibchen vom Stuhl. Als gelte es, rasch in einen Kampfanzug zu kommen. Ganz
Lebensmaschine ist sie nun, Motor eiserner Verrichtung. Auf dem Rummel zwischen
Getrieben von Karussellfiguren zu klemmen, so fühlt sich das an.
Bei Regen würden wir Kirchen behelligen, sonst wären wir auf Huren aus! Lauthals
bezweifelt die junge Frau den Wert unseres Daseins. Im Bahnhofsmilieu, wie allgemein.
Der Geschlechtsreifende gesteht zu, nimmt auf sich. Tatsächlich siezt die junge Frau uns
nun auf eine Weise, mit welcher gemeinhin das Unwesen von Schaben und anderem
Geziefer beklagt wird.
Peinlich missglückt ist unsere Geschäftsbeziehung. Ich bringe denn auch meine Hoffnung
zum Ausdruck, die Appartements rings um unsere klärenden Worte mögen unbelegt sein.
"Raus jetzt!"
Wenn man im Bahnhofsmilieu des Raumes verwiesen sei, das wissen wir wohl aus
Ratgebern, solle man sofort gehen. Sofort!
Der Geschlechtsreifende und ich, wir kehren uns schleunigst zur Tür hinaus. Ohne
Schlusswort, obwohl es noch manches anzumerken gab. Aber, wie es mit
Lebensmaschinen eben ist, mögen wir auch hundert Mal "Du" zu ihnen sagen: ohne
Schraubschlüssel findet man keinen Dreh hinein ins Getriebe. Drei Notausgänge später
noch verfluchen wir uns, mit Blümchen vorstellig geworden zu sein, wo nach der Natur der
Dinge reinste Manneskraft verlangt wird.
Gemeinhin sparen Menschen erst viel Leben an, ehe sie ihres verscheuern. Zugegeben,
es hat Stil, für den Preis eines kleinen Vermögens tödlich auf dem Mount Everest zu
verunfallen. Während aber alle von "Todeszonen" hoch auf den Achttausendern
schwärmen, schert sich niemand um das Erlebnis, in der Todeszone eines Badesees zu
ersaufen. Keiner will rüber zum Spielplatz, sich die Nacht über im Schnee betten und
schauen, was passiert. Es kann doch nicht alles Schwachsinn sein, nur weil es sich
Nahebei vollzieht. Als hätte ein brennender Sportwagen mehr Charme, als die zerdrückte
Kiste dreier junger Menschen, deren Fahrstil genau so sportlich gewesen sein mag. Wir
haben nur verlernt hinzuschauen, das Abenteuer jedes Augenblicks zu erkennen. Etwa
unsere Pimpfe, wie sie mitunter saufen wie die Großen. Stattdessen bekümmert man sich
um Exzesse ehemaliger Serienstars. Es kann doch nicht alles gleichgültig sein, nur weil
es sich in der gleichgültig ausschauenden Butze eines Hochhauses vollzieht. Warum
allein die Totenmesse einer Königin der Herzen, wenn einem in der massiven Eiche
deutscher Reihenbehausungen mitunter viel zeitiger das Sterbeglöckchen läutet. So
sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Auf der Straße. Abend ist es geworden. Freier eilen heim, mit Frau und Kind das Brot zu
teilen, Cliquen finden sich zum Kinobesuch, Personenkraftwagen beehren und
empfangen. Überall sitzt man beim Bier, schlendert, genießt. Der Geschlechtsreifende
schweigt. Beinahe bedrohlich nun das Schaufenster eines Sexshops. Bleiben die
schließenden Kaufhäuser, bleiben die Vororte. Wir kommen überein, nicht zu wissen, wo
wir hinwollen. Natürlich wissen wir es. Aber wir wollen nicht hin, wo wir hinwollen. Mögliche
Umwege jedoch werden weniger, immer weniger. Zwei, vielleicht noch drei.
Schulterzuckend tröpfeln wir mit letzten Rinnsalen in ein Königshaus des Konsums.
Wehende Fahnen. Marmor. Erquikende Musik. Als "Marken" bezeichnete Wappenpracht,
gereicht von behandschuhten Zofen.
Gebenedeite aller Epochen stehen uns vor Augen. In welch Duft, welch Schmuck, welch
Garderobe sie Himmelfahrt hielten.
Wir erkundigen uns nach einem Smoking, begehren Auskunft über das Angebot an
Galauniformen. Oberste Etage.
Der Fahrstuhl Richtung Herrenausstattung glänzt mit Panoramablick weit über Rat- und
Gotteshäuser hinweg. Aus den Lautsprechern schnulzen Sänger, übermannt zu sein von
so viel Himmel. Beinahe retten müssen wir uns vor Sehnsucht, wahrhaft eines Königs
Eigentum zu sein, jener Wollust, uns niederzuwerfen. Stillgestanden und zu Befehl, statt
Beute freier Liebe sein. Rittersleute, wie sie im Tode noch ihren Herren grüßen, ohne des
Schoßes zu gedenken, dessen Wärme ihnen Dasein schenkte.
Den Teppich der Herrenausstattung empfinden wir als Referenz in Sachen Flauschigkeit.
Wahrscheinlich könnte man im Flausch verrecken, ohne durch unzweckmäßige
Geräusche den Geschäftsgang zu stören. Jenes rauschende Schleifen toter Leiber, das
Kinder vor Neugier in die Hände klatschen lässt.
Einige kostbare Stoffe hängen hoch wie manch Traube am Baum des Lebens, allein durch
entsprechende Gerätschaft in Kundenhand zu bringen. Und wenig deutet darauf hin, dass
oft nach entsprechender Gerätschaft gegriffen wird.
Mögen auch Sklaven ihnen das Spukschälchen reichen und Huren ihre Betten wärmen,
selten verabsäumen es Wohlstandsbürger, dem nachzusteigen, was sie als ihren
Gefühlshaushalt empfinden. "Ins Feinstoffliche gehen." Besonders Akademikerpaare
zeichnen sich durch hohe Diskussionskultur aus. Studiert, promoviert, schriftgelehrt bis
zum Abwinken. Würden Herr und Frau Doktor die Heiligkeit ihres Gefühlshaushaltes dem
Gesinde erläutern, es könnte ihnen gewiss niemand folgen. Erst den Herrn Doktor mit
herunter gelassener Hose verstünde man, wie er sich austauscht bei einem
Frauenzimmer, das, jung und frisch eingerichtet, unmöglich die Frau Doktor sein kann.
Feinstofflichkeiten zählen zu den vornehmsten aller Ausscheidungen. Ein Odem, der
Lippen heiligt, welche vom Weine benetzt sind, welche lächeln im Nachgeschmack zarten
Fleisches.
Leicht verpuffen Wohlstandsbürger im Feinstofflichen. Auf Bütten empordichten lässt der
Feinstoffler sich dann. Hinauf zu jenen Putten, welche Friedhöfen den letzten Pfiff
verleihen. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Der Herrenausstatter wirkt, als habe er eben eine Stulle angebissen und sich rasch den
Mund getupft. Im Entgegenkommen zieht er Samthandschuhe über, nun schon deutlich
gefasster.
"Bitte?" begrüßt er uns. Als wäre zum Abendbrot ein Höhenkranker auf seinem Gipfel der
Herrenausstattung angelangt.
"Wir wollen uns zur Himmelfahrt festlich machen", buckeln wir.
Der Herrenausstatter scheint sich über das "wir" zu belustigen, hält doch gerade nur ein
alleinstehendes Männlein um seine Dienste an. Und eine Himmelfahrt findet sich in
seinem ledernen Kalender erst nächstes Jahr wieder, kleingedruckt, abwegig. Aber richtig,
als seien ihm drollige Gedankengänge bewusst geworden, mit jedem Männlein steht ja
eine ganze Sippe Männlein vor Gericht, was Geschmack betrifft, jene Ausgesuchtheit des
Empfindens. Auch das mit der Himmelfahrt scheint ihm rasch einzuleuchten, als er kurz
sich herablässt, uns zu mustern. Ein scheuchendes Zucken mit den Fingern nur: Fertig.
Noch nicht ganz auf dem Posten, längst reif zu sein für das Fallbeil zwischenmenschlichen
Urteilens, missverstehen wir die Geste des Herrenausstatters. Vor allem der
Geschlechtsreifende ließ sich eben im Fahrstuhl ja noch bespiegeln, als wären gerade erst
die Sommerferien vorüber.
Entsprechend hoffnungsfroh manövriert der Geschlechtsreifende uns in vermeintlich
schmeichelhaftere Position, möge man uns nun eines Stoffes und Schnittes für würdig
halten. Immerhin begibt sich hier jemand auf Himmelfahrt, dem von Seiten des
Lehrkörpers außergewöhnliche Wissbegier bescheinigt ist, dem überhaupt manches
Darüberstehen zu Ohren gelangte.
Nun erlebt der Herrenausstatter auf seiner Höhe viel Gebein. Und ein samthändiger
Hinauswurf ins Flachland ist regelmäßig an Verausgabungen gebunden, wie sie vom
Feinsinn gemieden werden.
Ohne viel Aufhebens scheint der Herrenausstatter sich in Tonlagen zu gefallen, welche
etwas von jenen Schlangen haben, die im verbotenen Garten mancher Mythologie Dienst
tun.
Wir alle wissen von Stalkern, wie sie sich wahnhaft in Beziehung setzen zu einem Leben,
das sich nicht im Geringsten um den Stalker bekümmert. Jene Spanner mit ihren
Fernrohren, die der Unendlichkeit des Sternenbildes mal eine Haushaltswaage
abgewinnen, mal ihrem Gemüt den großen Bären aufbinden. Als würde man Wissenschaft
mit einem Pin-up treiben. Von der Wand weg heiraten, was nie auch nur ahnen wird,
welch Gesellen sich da am Papier festmachen: Zirkelzunder und Füllfedertum. Ein
Kartenwerkeln, welches Blinden zur Wahrheit gereicht, Kindsköpfe nach Buntstiften
verlangen lässt.
Wenn Einfalt das ist, was im Leben am längsten klebt, haften Sternenstauber ihrer
Gesinnung an, bis sie unter hundert Schaufeln schwarzer Erde von ihnen abfault. So
sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
"Lustbarkeit verlangt stets nach Lustbarkeit..." der Herrenausstatter rückt unsere Schultern
zurecht, probiert grob an uns jene Haltung, die man gerade nennt "...will man sich zum
Ende hin nicht mit Asche pudern." Der Herrenausstatter seufzt wie über einen üblen
Geruch.
Rasch scheint er nun Ordnung schaffen zu wollen auf seiner Höhe. Er lustwandelt durch
den Showroom, streicht mal hier mal dort über glänzendes Tuch, ehe er ins Off der
Kulissen greift. Stoff kommt zum Vorschein, spröder Stoff. Ein aschgrauer Zweireiher.
Hier muss sich jemand irren, wir begehen Himmelfahrt! Ereifern will ich mich, der
Geschlechtsreifende aber steht still. Bekommt er doch für die Schule allzeit Kleidung
aufzutragen. Warum auch sollten der Geschlechtsreifende jenes Alte fürchten, welches
zwischen den Kulissen hingeknüllt liegt? Er verlangt nach keinem modischen Beweis
seiner Gegenwart, nach keinem Pfiff. Aschgraue Notdurft kleidet ihn wie geckenhaftes
Weiß.
Schon sehen wir uns im Zweireiher stehen, vor einem mannshohen Spiegel, der alle
Eitelkeiten des Showrooms auf sich zieht. Übel tragen wir an dem Stoff. Rauh, fast
harmvoll. Nichts, was verlockt zum Ausschweifen. Dennoch drehen wir uns wie zum Feste,
froh, dem Belieben unserer Freizeitkleidung entstiegen zu sein.
Erfahrungen eigenen Wohlbefindens wirken häufig so drollig wie Raubtiere als Babys.
Sparsam dreht sich abwärts, was uns einander umbringen lässt. Wie Männer etwa in der
Reinheit der Ehe beginnen, über Jahre hinweg ihrem Wohlbefinden nachsteigen bis hin
zur Geliebten, mit welcher sie dann in der Reinheit der Ehe ihr Kinderspiel von Neuem
beginnen.
Erfahrungen eigenen Wohlbefindens machen, ist die Leidenschaft allzu vieler Menschen.
Als wäre das Leben eine Wichsvorlage, als hätte es irgendwo eine Taste: "New Game".
So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Mit Abstand schaut der Herrenausstatter auf unser Betragen. Jene zackige Art von
Zufriedenheit, wie man sie bei Warten findet, wenn alles regelgerecht in Marsch gesetzt
ist.
Der Herrenausstatter bestimmt uns, die Arme zu heben. Tanzschritte sollen wir
nachvollziehen, als habe man eben das Siegestor erzielt, gehen, stehen, abhocken. Am
Ende klopft der Herrenausstatter uns auf beide Schultern: Passt!
Wir probieren es mit Mienen voller Dankbarkeit. Der Herrenausstatter aber lässt sich auf
keine Duselei ein. Statt mit dem erhofften Smoking, habe er uns mit rauhem Zweireiher
gewartet, weil wir selbst in königlichem Purpur elend wirken. Schwarze Galle seien wir, der
man mit grau noch Ehre antäte. Das bitteschön mögen wir zur Kenntnis nehmen.
Dem Geschlechtsreifenden, der sich eben frisch aus den Sommerferien wähnte,
entgleisen sämtliche Gesichtszüge. Was den Herrenausstatter übrigens nicht weiter
verwundert: Es sei eine Ausgeburt des Wohlstandes, alles stehen lassen zu können, damit
sich ja niemand überhebe. Gleich wäre es, welchem Gott man opfere, wenn genug für alle
da ist. Widerwärtig nur, dass den so gezogenen Wohlstandsgören wenig mehr in ihren
Blödsinn komme, als ein Himmelreich voll Milch und voller Honig.
Während der Geschlechtsreifende beiseite steht, reißen mich meine neuen Kleidern hin:
Hohelieder von milchgewaschener Haut und von Hönigdöschen betreffend, sei ich längst
angelangt bei jenem Entsetzen, das unerhört Begehrten eigen ist: Was man denn von
ihnen wolle? Sie seien doch nur ganz normale Frauen.
Dem Herrenausstatter aber scheint solch redlich entleerte Samenblase wenig zu
bedeuten. Meine Himmelfahrt, mein fortwährendes Gequatsche mit mir selbst, so gebärde
Nutzvieh sich nicht.
"Ich bin ein Mensch!" schon ist es mir abgegangen, und tatsächlich presst der
Herrenausstatter sich sein parfümiertes Taschentuch unter die Nase. Minuten lässt er mich
so stehen in meinem Menschsein. Die Stille der Herrenausstattung, wie sich jeder Knopf
noch zwischen lauter Gebeinen wiederfinden wird. Beinahe fürchte ich, das aschgraue
Tuch, das mich so munter verführt hat zum Menschsein, ist aus eingeebneten Gräbern
gewonnen.
Vater zu sein, das kann uns leichter fallen, als Schneemänner hüten. Joppe über und
raus, sich ein Kind suchen. Eines, das wirklich spannend ist, das etwas anderes im Sinn
hat, als Fußball und Reiten. Keiner jener langweiligen Filme, die Eltern mit
Allerweltsgeschichten vom ersten Mal und vom Führerschein behelligen. Seit dem
Wunder der unbefleckten Empfängnis, seit wir rund um den Globus an jungfräuliche
Geburten glauben, braucht niemand mehr Gören, die nur kreativ sind, was das
Hineinschmuggeln von Genussmitteln anbelangt.
Wenn Hohepriestern ein Himmelreich offensteht, warum vermögenden Vätern nicht die
ganze Welt? Unsere Glaubens- und Bekenntnisfreiheit ermöglicht es, gleich einem
Heiligen Geist Vater zu sein von jedem Kind, das wir uns wünschen. Egal, was für ein
Erzeuger sich in weltlichen Urkunden dicke tun mag.
Sollte die Kindesmutter in wütenden Unglauben fallen, wenn wir ihr unsere Vaterschaft
offenbaren, ja, dann werden wir eben um eines Bekenntnisses willen verfolgt.
Sicher aber verdienen wir jenen Respekt, den Hohepriester erfahren, wenn sie predigen
von der routinemäßigen Fleischwerdung ihrer Götter. So sprach der Geschlechtsreifende
zum Volke.
"Bezahlen!" kommt uns von weither zu Ohren. "Kein Mensch denkt ans Bezahlen." Der
Herrenausstatter hat sich hinter eine Kasse begeben. Aus anderer Zeitrechnung wirkt die
Kasse. Mit Elfenbein geziert, Schnitzwerk, das Mythologien verherrlicht. In
Schatzkammern Gefangene oder unter Gold Begrabene. Jenseits mehrerer
vollelektronischer Registrierkassen, findet der Herrenausstatter sich so bereit für den
Zahlvorgang.
Tatsächlich ist alles Geld gestopft in die Taschen unserer abgelegten Buchse,
zurückgeblieben im Gewirr von Verkleiden.
"Es ist ein ausgelaufenes Modell", der Herrenausstatter klingt nachlässig. Kundschaft mag
ihm untergekommen sein, welche mit hängender Zunge ihren Geschäftsgang neu
bekleidet wissen wollte.
Körpersäfte sind abwaschbar, sind wegwaschbar, hat der Mensch sich ergossen, ist er
fertig geworden, zur Erde gefallen in des Baumes Wollust.
"Es ist ein ausgegrabenes Modell." Wie Federstrich sein Lächeln, als wir begreifen. Die
Augen des Herrenausstatters tiefblau. Bevor Land war und Leben.
Dem Geschlechtsreifenden übersteigt jener Grusel, mit dem Jungs in Kriechkeller robben.
Ohne Taschenlampen, ganz Tier vor Angst.
"Sie wünschten, auf Himmelfahrt zu gehen", dient der Herrenausstatter.
Getragen als Auslaufmodell, wirkt das Leben wahrhaftig wie etwas, das sich ablegen lässt,
ja, das abgelegt sein will. Allein unser Blick in den Spiegel war ein Fehlverhalten.
Tatsächlich gibt es über die gesamte Etage des Herrenausstatters nur jenen Spiegel,
welcher uns im Auslaufmodell noch zur Eitelkeit nötigte. Hingegen wir inmitten der nackten
Wände der Verkleiden leichthin unser Erspartes zurück ließen.
Der Herrenausstatter hebt denn auch seine Hände, uns einst so Leistungswillige
herabzuregeln: Natürlich trage man Auslaufmodelle mit leeren Taschen. Bezahlen
verstehe sich nicht allzeit auf das Geben. Mit einem Klingeln, als wäre Gott an den Tresen
zitiert, öffnet sich des Herrenausstatters Kasse: Bezahlen bedeute auch, zu nehmen.
Der Herrenausstatter befiehlt unseren Händen Zierliches an. Mit einem Geldschein
umwickelt ist seine Gabe. Welkes, abgegriffenes Bildnis königlicher Hoheit. Licht die
Tablette darin, licht wie ein Abendmahl.
Absitzen! Fünferreihen! Marschmarsch! Ihrer gemütlichen, soliden, hübschen
Fernsehcouch derart zu entfliehen, danach sehnen sich Mengen von Kartoffeln. Ein Tod
fürs Vaterland als unerhörte Karriere. Führer werden begrüßt wie groß geratene Stampfer,
welche die weich gekochten Kartoffeln zu jenem Einheitsbrei zerquetschen, der sich
hinunter schlingen lässt vom Leben: Im Orkus, statt einfach nur daneben. Gesegnet
wirken Kartoffeln, drückt man sie in Uniform, gekrönt, wenn Blumenmädchen die
Kartoffeln hinaus zum Stadttor geleiten.
Hinter den Kartoffeln ein kalt werdendes Leben, das von ihnen abfällt wie Pelle. Voraus,
am donnernden Horizont, der Tod als letztes großes Abdampfen des Kartoffelseins. So
sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
"Meine Empfehlung für Herrschaften, welche unter dem Talar keine Familienplanung
treiben."
Vom Liebesmahl als Vater sich zu erheben, der Geschlechtsreifende schaut ratlos bei
diesem Gedanken.
Kopuliert werden muss, mir ist kein Stück Vieh geläufig, das anders dem Leben zu Umsatz
verhilft. Wie aber weiter mit denen, die Kraft ihrer Leibesfreude nicht bestehen können, wo
Drängendes blass zur Erde verbracht wird? Derart abgetrieben, spricht wenig gegen einen
letzten Stoß hinaus aufs Meer. Im Wind, in Tagen und Nächten dem Himmel entgegen.
"Sind wir damit rasch auf offener See?"
"Keine Minute", versichert der Herrenausstatter.
Plötzlich wird mir bang in dem Auslaufmodell. Der Stoff fühlt sich an wie etwas, für das
Kinder noch in zweifelhafter Erde graben, das Erwachsene aber entsetzt von sich weisen.
Minuten suchen meine Augen die Herrenausstattung ab nach dem Geschlechtsreifenden:
Heimgelaufen vielleicht. Auf jenen Wiesen meines Hirns, an deren Ende das Elternhaus
steht, Papa bei klassischer Musik, Mama mit spätem Abendbrot.
Kindertage, wie sie sich abwaschen lassen. Im hellblauen Bademantel, weißgestreift,
duftend vor Schaum. Noch wäre ich rechtzeitig für die Trickfilme des Vorabendprogramms.
Meine Faust ballt sich um das Licht, das, in Tablettenmaß gebannt, mir leis seine Dienste
zusichert. Mag es dem Geschlechtsreifenden zur Erbauung dienen, lockt das Licht mich
allein als Erfüllungsgehilfe, Horizonte bersten zu lassen. Minuten schauen der
Herrenausstatter und ich auf meine Faust, ehe das Licht versinkt im Futteral des
Auslaufmodelles. Hinter ein letztes Aufleben befohlen, bis zum Sendeschluss Müdigkeit
mit Macht hinzutritt, um rasch für bestes Einvernehmen zu sorgen.
Das Licht, es ist nun alles, was ich noch "am Mann" habe.
"Sehen Sie!" unter der ausholenden Geste des Herrenausstatters wirkt alles Leben, als
würde es frisch aufgebügelt warten, erübrigt zu werden von der Mode und ihrer Zeit. "An
die Stange gehängt, Ämter zu bekleiden." Bloß könne niemand sich seinem Triebe
verbunden fühlen, missfallen müsse alles Bloße der steten Lese der Schöpfung. Er, der
Herrenausstatter, wache über Sitz und Form im Königreich Gottes.
Mag mir auch nicht unbedingt eingehen, warum der Herrenausstatter sich derart befördert
weiß, für den Stolz des Flaneurs ist es Jahre zu spät. Nun heißt es Stellung beziehen.
Eingraben muss ich mich mit den letztbesten Parolen, mit den letztbesten
Wahnvorstellungen.
Wenn auf verlassenen Plätzen Laub über den Asphalt schabt, dauert es nicht lange, bis
auch Abfall sich ins welke Spiel mischt. Besonders Tüten, leer und fortgeworfen, tun sich
hervor. Wie das Nichts der Tüten Innerstes bläht, sie aufwirbelt, zwei, drei Stockwerke
Zweckbau hoch, ehe die Tüten verstummen vor lauter Sinken.
Leere reißt zu Tänzen hin, Leere sitzt allzeit zu Gericht, Leere ist haltlos an jedem Ort.
Niemand wird der Leere je habhaft. Leere als Ersatzreligion, auf deren Zinnen Leere sich
lieber verfolgt fühlt bis in den Wahn hinein, als abzufallen aus leerer Höhe. So sprach der
Geschlechtsreifende zum Volke.
Als habe jemand einen Ausguss eröffnet, rinnt das Blut mir aus den Fäusten. Peinlich nun,
ja beschämend, Jahre, Jahrzehnte Taschen kontrolliert zu haben, ob sich darin alles
vollzählig befindet. Dasein als Sparschwein hingeben für eine Portion Licht, es fühlt sich
gut an. Hungern müssen, sich ins Erdreich schanzen, alles, was uns anleitet wie ein Tritt in
die Fresse. Ich freue mich, Knochen zu fühlen, hart zu sein, sehnig, verwitterter Pfahl
Stacheldraht. Das Auslaufmodell, es kleidet mein Wesen. Zum ersten Male fühle ich mich
im Gewinne dessen, was uns alle Waschungen der Welt versagen. Mag sein, man
entsorgt mich so an der Autobahn. Aber wie denn sonst? Es kann der Mensch nicht
glücklicher sein, als im Winde. Eine Wiese wird man mir lassen, eine Anhöhe, ein Stück
vom Himmel.
Der Herrenausstatter steuert still drei Mäntel zur Auswahl bei. Damit Nachtfrost mir am
Ende nicht die Seele verdirbt. Man will ja niemand sein, dem Mut allein im Badeurlaub
überkommt.
Neuware, Stoff alltäglicher Witterungsumstände. Beinahe entschuldigend blickt der
Herrenausstatter, kein Auslaufmodell bieten zu können, sondern nur kleinlich Produziertes,
von dem das Boulevard sich große Abende erhofft. Wollne Bauten, Kokonen gleich,
welche Spinnen in ihrem Netz hüten. Umsponnener Fraß.
Ich wähle knochenbleiches Weiß. "Leichter kann ein Totenhemd nicht sein", lächeln wir.
Jene Mentalität von Bunkern, in denen man halb die Fahne hisst, halb geborgen sich
wissen möchte. Suchtrupps, Hubschrauber, ich weiß auf weitem Feld. Dabei schickt
niemand mehr auch nur seinen Hund nach mir.
Auf dem Friedhof endlich beweinen Trockenbluter, was sie lebendig nie haben wollten.
Denkverhältnisse, so beengt, dass kein zusätzliches Bett hinein passt. Am Wohlstand
erkrankt, im Herzen Sparstrumpf, gerinnt Trockenblutern das Leben, bis es über ihnen
zusammen wächst. Allein weiße Fläche, wo Trockenbluter über Generationen zähes
Tagewerk verrichteten. Als wäre die Welt reicher geworden durch solch ein Weniger, als
wäre Tod dem Leben auch Heilung. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Reisefertig stehe ich vor dem Herrenausstatter. Es bleibt nicht mehr viel. Hinter den
Fenstern ist Nacht. Keine Nacht, die herrscht, wartet, ruft, lockt. Eine Nacht, der gleich ist,
was sie Menschenkindern bedeuten mag. Wenn wir während ihrer Schicht unsere
Angelegenheiten nicht geregelt kriegen, verbleiben wir eben dem Tag. Ohne
Bestandsmeldung, was alles im Dunkel geboren und was gestorben. Fenster sind dabei
selten mehr, als trübe Spiegel unseres Daseins: Der Herrenausstatter wie ein
Homunculus, ich dagegen gleiche abgebrannter Milch, dumpf und verdorben. Jetzt gilt es,
Worte zu finden.
"Ich schaff das!" sage ich.
Der Herrenausstatter blickt mir mit einem Male scheel als Gläubiger entgegen: "Gewiss!"
vertraut er auf den Zins seines Tuns.
Danach wollte ich noch fragen, nach dem Zins. Auslaufmodelle sind so leicht ja kaum zu
bergen.
"Ich pflege ein Poesiealbum Zeitungsartikel. Vermischtes vom Tage. Und berichten wird
man doch wohl?"
Die Befähigung, aus Lauten mich zum Wort zu formen, macht kurz Pause. Selten erschien
mir etwas sinnhafter, als solch Poesiealbum.
"Eine Liebhaberei mit Tradition in den Reihen meiner Ahnen", freut sich der
Herrenausstatter. "Mein Großvater diente dem Leben bereits als Herrenausstatter. Früh
sein Empfinden für den Frieden ausgesuchten Stoffes. Hasardeure aller Couleur blieben
ihm die teuersten Kunden." Der Herrenausstatter richtet zum letzten Male meinen Mantel.
"Und so auch mir."
Dem letzten menschlichen Vorposten Sterbewohl wünschen, mein Ich erzittert.
Außerstande, all die vergangenen Herrlichkeiten seines Wahnwitzes weiterhin mit
Phantasien zu unterhalten. Beinahe wähne ich mich in der Herrenausstattung auf einem
leis sinkenden Schiff. Hier angeheizter Wohlstand, dort finstere See um den Gefrierpunkt.
Nur dass hier gar nichts, absolut gar nichts sinkt. Ich sinke, ich allein.
Der Herrenausstatter hat sich zurück gezogen. In sein Rettungsboot aus Tradition und
Poesie. Plünnen bleiben mir zum Adieu. Eine Etage mit auf Puppen gezogenen Plünnen.
Elend wenig, wenn alles Begehren sich in den Feierabend verabschiedet.
Den nächsten Morgen bilde ich mir ein. All die Latte macchiatos, stramm im Glied
geschlürft. Das Leben, wie es nach Milchhörnchen schmeckt. Ergüsse des Wollens über
jener Dürre des Seins, welche mir entgegen stiert inmitten der nächtlichen
Herrenausstattung. Schon dimmt Notbeleuchtung auf, tunkt alles in das Rot glimmender
Asche. Wie wenn unter mir Geröll urzeitlicher Behausungen knirscht. Geburt stelle ich mir
in diesem Lichte vor, Schlaf, Tod. Ganz früher war ich mal vergessen und eingeschlossen.
Als es noch einen Vater gab. Hingegen heute keine Stimmung mehr aufkommen mag.
Welche Nummer sollte ich auch wählen von dem Wandtelefon neben den Kassen? Und
hinten der Notausgang bequem ins Freie. Das letzte Gebäude vor Himmelfahrt. Ich will
nochmal in die Spielwarenabteilung!
Lassen wir unsere Augenblicke einfach los. Kein Kennen mehr, sondern ein Ersuchen. So
weit Licht uns führen mag. Wie viel Schöpfung fasst eines Sinnes Rand, wie weit dringt
die Nacht?
Alles, was war, was Form gewesen ist, muss vollzogen worden sein, musste Dasein
werden, lange bevor der Morgen es erblickte. Im Nebel nun mögen Wesenheiten
aufziehen, die dem Warum auf immer entzogen sind. Augen, Münder, tausend Hände
bilden sich uns ein. Kein Irren, vielmehr jenes Urahnen, welch Wassern wir einst
entkrochen, welch Fließen unsere Gnade war. So sprach der Geschlechtsreifende zum
Volke.
Die Vitrinen der Spielwarenabteilung präsentieren nichts, wie es einmal war. Als Kind, da
herrschte Tag. Wir stromerten durch die Warenhäuser, dampften vor Sonne, hatten weder
hier noch dort etwas zu erledigen. Alles verweilte in Sehnsucht. Niemands Wunsch ward
erfüllt auf entsetzlich banale Weise: Fleisch, das sich anfühlt, wie Fleisch sich eben
anfühlt. Viele Sommerferien blieben wir davon befreit, Lotterbetten mit Liebe anreichern zu
müssen.
Den Brettspielen wende ich mich zu. Pappminiaturen, welche uns fernhielten von der
Ödnis ihrer als "lebendig" bezeichneten Ebenbilder. Eher würfelte ich Stunden allein mit
mir, als bei den Erwachsenen Futtertröge voll Sahne zu genießen. Fressen ja, immer
gerne, aber nicht genießen. Damals schon ahnte ich wohl, welch Sein eher Wiederkäuern
zukommt, und welch Sein zumindest den Irrwitz wahrt.
Kostbar mag erscheinen, was niemand im Leben verstehen kann. Jenes Heiter bis
Wolkige der Liebe, das sich am Horizont aufbauscht, das tausend Booten in die Segel
fährt. Jener Kurs ins Ungefähre, er scheint uns klar wie selten etwas auf den sieben
Meeren.
Wir wollen Nichtsein. Trunken möchten wir über die Weiten hinweg stürmen. Als
Freibeuter, als fliegender Holländer. Trennen, was bindet. Zauber sein und Fingerzeig.
Aber: wessen Beutel füllen solch zappelnde Piraten, wessen Mund berauben sie nicht?
Bestürzt stehen Kinder an vogelfreien Lotterbetten, still ihre Fahnen vor Papas Weinbrand
und Mamas Papageienlook. Der Vater geht mit Engeln um, Mutti übern Gartenzaun mit
einem "Seelengefährten". Wo Kinder schon kaum mehr Blutsbrüder sein wollen, schließen
Eltern Bund um Bund.
Wer wissen will, was in diesem Irgendwas von Welt Bleiben heißt, der soll mit Kindern
ziehen. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Ich nestle ein Schachspiel aus der Folie, baue es auf vor mehreren Rollen
Geschenkpapier. Spuren hinterlassen! lächle ich und schiebe die weiße Dame nach b3.
Nun steht sie, meine Gewinnvariante der Indischen Verteidigung von Großmeister
Grünfeld. Mein Zeichen Leben, für die Kassiererinnen morgen wohl nur eine Irritation ihrer
Arbeitsabläufe.
Selbst habe ich den ganzen Weg über auch nicht nach neuen Schuhen verlangt. Im
Auslaufmodell eines Anzugs mochte ich mich feiern, aber auf meine Schuhe ließ ich kein
Wort kommen. Vielleicht wäre der Geschlechtsreifende nicht heim und vielleicht wäre der
Herrenausstatter nicht fort in sein Rettungsboot aus Poesie, hätte ich beiden mehr
zugemutet als abgegriffenes Schuhwerk.
Schon offenbart sich mir ein Heldenkostüm für Kinder ab sechs Jahren: Die rot gefärbte
und mit Spinnennetz verzierte Strumpfhose schnipple ich zu zwei langen Socken. Kaum
ist das Schuhwerk wieder geschnürt, fühle ich das Kinderglück einer Geheimidentität.
Derart in Socken nehme ich mir meine letzten Meter Leben vor, wenn die Zeit gekommen
ist.
Noch aber will ich mich verschwenden im Licht der aschfahlen Spielwarenabteilung, will
Heiligabend sein und Mitternachtsmesse.
Erdfarben mögen wir überleben, spätestens unter dem Himmelszelt aber setzt selbst
längst erwachsenes Menschengeschick aus. All unsere Wohllaute, konnten sie je sein
ohne ein Türkis, ohne ein Bordeaux? Liebend gerne pinseln wir Holz an, Beton und Stahl:
Die Bleibe als Lebensereignis.
Welch Glaubenwollen hat uns derart zu Schönfärbern werden lassen, dass alles
Unfassbare sogleich zum menschlichen Antlitz verhunzt wird? Was verzärtelt ist,
bereichert nicht. Herausgeputzt, um zu sterben. Auslegeware, wo man auf Holz gebaut
und auf Wasser, höhlt den fabelhaftesten Instinkt. Stubenphilosophen, Küchenmeister, die
vom Feuer nichts wissen. In den Baumarkt, wer sich selbst berauben will. Verleben, was
andere bewohnen. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Einen Indianerhäuptling setze ich auf den Verkaufstresen, eine Puppe
"Schleckermäulchen". Beiden möchte ich erzählen aus meiner Schulzeit. Jene Freitage,
als wir in der Letzten Religion hatten bei Herrn Pusch. Wie er uns sanft predigte von
Menschen, denen das Wasser bis zum Hals steht, uns was es mit dem "Bezahlen" auf
sich habe. Derweil wir nur scharrten auf sein: Schönes Wochenende!
"Herr Pusch!" rufe ich in die Leere des Kaufhauses. "Sie sind bestimmt längst hinüber,
sind Sie nicht?" Ich warte. Kleinlaut warte ich vor dem Lehrerzimmer des Pavillons der
Klassen 5a und 5b. Alles dunkel.
"Die Wochenenden liegen hinter mir, Herr Pusch... Ich bin bereit", flüstere ich, "ich bin
bereit."
Wie wenig man die Leute kennt. Es kam vor, dass durchs Schlüsselloch gespäht wurde,
was Herr Pusch alleine in dem kleinen Lehrerzimmer treiben mochte? Vielleicht fügt es
sich vortrefflich, wenn stets Phantasien aus jenen Räumen treten, die in unserem Dasein
verblieben sind.
"Mein Gesicht gefällt Dir also?" will Herr Pusch wissen. Selbst habe er seine Schulzeit
erlitten, störte Herr Pusch eines Freitags unser Kalkulieren, wie lange es noch war bis zum
Wochenende. Nicht wenige etwa schworen darauf, fortwährend bis 60 zu zählen. Die
gerieten durch Herrn Pusch natürlich aus dem Takt. Immerhin war es ja auch lange her,
dass Herr Pusch einen Klassenlehrer hatte, dem Herrn Puschs Gesicht nicht gefiel.
"Gefällt Dir mein Gesicht?" will Herr Pusch wissen.
"Wie einem so manches gefällt, nachts, allein."
"Man kann seinen Phantasien fernbleiben."
"Sehe ich aus wie einer, der sich das leisten kann?" Zum Beweis zerre ich meine
geschnippelten Socken unter den Hosenbeinen vor.
Herr Pusch nimmt Begradigungen vor an dem Kassengestell auf seiner Nase. "Immerhin
leistest Du Dir viele Worte."
Wenn die Welt ist wie Beton, was bleibt dann mehr, als wenigstens mit seinem Blute für
ein paar Schmierereien zu sorgen? Bestimmt keine Zeugnisse inneren Reichtums, was
regelmäßig von den Grenzen der Welt geschrubbt wird.
"Nun habe ich mir Sie behalten, Herr Pusch."
"Seltsam, welch Lämmlein gegen Abend ins Hampeln geraten."
"Wahrlich die, aus denen kein Bock erwachsen ist."
"Warum nicht weiter still zurück sitzen? Es fehlt den Lämmern alles zum Bocksgesang."
"Haben Sie je einen Hinterbänkler zu Boden verbracht?"
"Nein."
"Und so muss ich dürres Stück Fleisch mich dem Schlachtblock eben aufdrängen."
Herr Pusch nickt: "Damit wenigstens Dein Fell vielleicht zu etwas gut ist."
"Niemand bin ich, der am Boden mit Teppichläufern sich eine gute Nacht wünschen will."
"Und ich Christenkind soll Deinem Schlachtblock nun Flair verschaffen?"
"Sie habe ich mir behalten, Herr Pusch."
Staunend verharren wir vor meiner Phantasie, der Herr Pusch und ich, in welch rascher
Weise Lämmer wie Christenkinder durch Phantasien dem Unterrichtsgespräch entfremdet
sind. Schwer auszudenken, würden wir einander wahrhaft begreifen. Dies irrsinnige
Gebräu fremder Leute Kindereien und Hohelieder ins Hirn geschüttet bekommen. Allein
Unverstand vermag uns zu retten vor solch Senkgruben Leben.
Nähe lässt sich am besten spüren, wenn niemand in der Nähe ist. Fern jeder Nähe,
werden wir Nähe. Wobei wir das Bedürfnis, aneinander rumzumachen, nicht mit Nähe
verwechseln sollten: Was der Schoß gebiert, bleibt fern ein Leben lang.
Seltsam zwar, dass viele sich jenem Nichts opfern, das "Gott" genannt wird, derweil man
dem Nächsten nur Nächster ist, wenn "Gott" es will. Aber es entspricht dem Gleichstrom
des Subjekts. Es kann nur Befriedet sein, was dem Selbst entflossen. Nähe ist das Selbst
mit sich selbst, mit "Gott". Jenes Himmelreich, nach dem wir uns sehnen, ist ein Träumen
ohne Maß. Ein in Grabkammern hinter tausend Siegeln bewahrtes Ich, allein in seinem
Dunkel mit Gold und mit Edelsteinen. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Ich schicke Herrn Pusch also austreten, bis mir ein Skript für ihn in den Sinn kommt,
welches meiner Himmelfahrt entschieden mehr Würde verleiht. Viel Zeit bleibt nicht. Kaum
auszudenken, wenn gleich die Nacht über mich kommt mit eisigen Böen. In den
Schlafstädten mümmeln sie Häppchen vor dem Fernseher, herzen Haustiere auf ihrem
Schoß, rufen vielleicht alle Jubeljahr mal den Bestatter. So natürlich vollzieht es sich, wie
bei den Tieren des Waldes, während ich hier in einem leeren Kaufhaus abhänge, und
gewiss anderes zu erwarten habe, als neue Staffeln alter Serien.
Eine Wahl, noch habe ich sie. Ich könnte mir in der Herrenausstattung mein Geld
wiederholen, unten bei der Unterhaltungselektronik einige Boxen Filme mitgehen lassen,
heimfahren inmitten von Pärchen, die es sich den Abend über haben gutgehen lassen. Der
Umschlag auf dem Wohnzimmertisch wäre schnell zerrissen. Stecker vom Fernseher
wieder rein, etwas Staub vom Herd, schon stünde ich bereit, auf vierundvierzig
Quadratmetern Leben weiterhin Dienst zu verrichten. Zwanzig, dreißig, vielleicht vierzig,
fünfzig Jahre. Und selbst dann wird das Radio dudeln, als habe es eben erst den
Sendebetrieb aufgenommen.
Zehn Radios könnte ich erwerben, jedes auf anderer Frequenz meine vierundvierzig
Quadratmeter Weltraum bespielen lassen, es bliebe still wie nachts auf
viertausendvierhundert Quadratmetern Warenhaus. Geräusche sind kein Leben,
Bewegungen keine Handlung. Wird auf viertausendvierhundert Quadratmetern
Milchschaum gelöffelt, ist das gegenüber den Puppen hier nur ein Mehr an umgesetzten
Fetten. Da erscheint jede Tat als Butze, die es trocken zu wohnen gilt.
Wären wir allein unsere Tat, wären wir nicht mehr als Sensen in der Unendlichkeit
wogenden Korns. Ein Schnittern nur, ein Trennen. Sekundensein an Sekundensein. Wie
aber glänzt der Schnitt, wenn die Sense längst gesunken? Jenes ahnungsvolle
Schmieden reinster Bewegung. Das Auf, das Ab, der Schwung mittendrin. Aufschwung.
Ab. Zwei Worte, welche die Werke von Generationen wahren. Auserwählt jene zum
Mensch gefügten Silben, die ihrem Tun ihr Tun nachsprechen, bis Bewegung sich erhebt:
Was vorher bloß aneinander gereiht war, krönt sich nun zur Handlung. So sprach der
Geschlechtsreifende zum Volk.
Hingegen niemand dem Wind, dem Meer, den versammelten Naturgewalten nachsagen
kann, einem Vergnügen zu dienen. Selbst Vieh, welches ja angeblich nur beschränkt
Einsicht hat ins Leben, ergibt sich still seiner Weide, statt röhrend alle Viere leiern zu
lassen. Und welch höhere Pflicht erwächst aus dem Leben, als die des Todes?
Im Fleisch bin ich dem Drugstore nahe, verbannt von immergrünen Wiesen. Gewächs bin
ich, das nach Wasser giert und befruchtet sein will, das Stein behaust und in hundert
Nächten sein Maß verliert. Eher gibt meine Natur mir auf, als Stumpf zu vegetieren, als
gerupft dem Wind mich darzubieten. Keine Herbstwiese bin ich, die nach ihrer Stunde
verlangt.
Doch barme ich lieber Ewigkeiten, statt gegebenes Handwerk zu vollziehen. Sekunden
nur, die der Führung bedürfen. Elende Auswüchse, welche beschnitten sein wollen. Was
ist fromm daran, was unserer Schöpfung gefällig, sich auf hundert Jahre ins Kraut
schießen zu lassen? Als wären Windelhöschen der Menschheit Festbekleidung.
Gleich einem Zündholz streiche ich die Regale der Spielwarenabteilung entlang. Wie ein
Christbaum will ich entflammen, herunter brennen will ich. Zusammengefegt liegen, in ein
Behältnis getan sein.
Hätte ich mich je aufs Feinstoffliche besonnen, wäre nun wohl Ahnung in mir, welch
Zeitgenossen mich unter Tage beehren, wenn mein friedlich Beisammensein tiefer und
tiefer sinkt ins Erdenreich.
Menschenmaß sein, Zahl ohne Namen. Mietzins, vom Leben abgebucht. Wozu fügen,
was nur ein Auf und Ab verträgt? Hinunter auf den Quadratmeter bröckelt der Gedanke.
Aufstampfen, gerade heraus sich wenden, und doch nur Lärm machen. Nicht Tat, sondern
Ruhestörung.
In Winkeln leis sich vorwärtsziehen. Unten bleiben. Bleib unten. Damit Du Luft erlangst im
Pulverrauch Deiner Zeit. Vergrabe, wo andere sich emportun. Was ihnen Moder, ist Dir
Blüte. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Die erste Flugreise als Kind. Angst hatte ich, festgenommen zu werden wegen zweier
Stücken Plastik, die, hellgrün und blau gefärbt, einer Pistole und einem Messerchen
nachempfunden waren. Aber nirgends leuchtete Alarm, niemand erkannte in mir mehr als
ein Kind, das Angst hat um sein Spielzeug.
Für bedeutungslos befunden und nach sonst wo durchgewunken zu werden, im Beginnen
meines Lebens hat mich das nicht verstört. Alle Anteilnahme fahren lassen, immergrün mit
mir selber spielen, wohl wissend, dass schon irgendwo eine Mutter sein wird. Wie wäre
man sonst zum Sitzen gekommen, wo man gerade Steine mehrt, Sand anhäuft, sich sein
Hüttchen baut.
Spätnachmittags am Zaun seines Kindergartens stehen und nach der Mutti ausschauen.
Die allermeisten warten bis weit in die Dunkelheit, bis ihnen das Bewusstsein schwindet.
Und kurz bevor sie zu Boden sinken, scheint am Horizont tatsächlich jemand nach ihnen
zu verlangen. Diese Seligen.
Früh machte ich mich davon. Fort von all den Wippen, Schaukeln, Gerüsten, an
welche amtlich überprüfte Gärtnerinnen uns gewöhnen sollten. Lächelnd zeigten sich die
Gärtnerinnen, wann immer wir 's Bällchen oder Stöckchen holten. Mütter versprachen sie
uns, Mütter, die stolz sein würden auf uns.
Bevor die Gärtnerinnen mich aber regelgerecht abtöpfen konnten, lief ich längst durch die
Straßen. Zuerst freundlich angesehen als verirrtes Kind, dann kritischer, bis man nach der
Obrigkeit zu flüstern begann.
Meine Freiheit, das war, als wenn alles keinen Namen mit sich trug. Wo ringsum
Sittenpolizei Streife ging, Begriffsstutzigen den Weg zu weisen, fand ich für mich nirgends
ein Ort im Weltbild. Keines der rosig gemalten Kinder, kein Halbstarker, dessen Schritt
man sonderlich ausschmücken mochte, kein Familienoberhaupt, das bei Tisch stolz von
den Kartoffeln nimmt. Nirgends ward ein anderer Zusammenhang, als jener, der mir
gegeben war, mir allein. Straße für Straße musste ich mir so erschließen. Vom Milchmann
bis zum Laternenumzug. Tausende Seiten Bildung leimte ich über einen Abgrund
Unverstand. Auf welche Weise Genussmittel Unschuld zur Matratze wandeln, wie prall
Samenblasen werden können: Ich wusste alles, und begriff nichts.
Seltsam, so für eine Weile von den Sternen hinab gefallen zu sein. Hätte ich versucht,
mein Fleisch mit Liebe vor dem Verderben zu retten, fände ich mich jetzt wohl anderswo
wieder, als in der verlassenen Spielwarenabteilung eines Kaufhauses. Vielleicht mit kaltem
Schweiß im Dunkel eines Reihenhauses. Vielleicht am Ausschank des Nachtlebens,
Haare gefärbt, Zähne gebleicht. Alles wegen etwas Funkenschlag in einem Rund, das
weder Himmel ist noch Erde.
Ich drücke den mit einer Note beklebten Bauch eines Stoffesels: "Ich bin so fröhlich!" tönt
der Esel. "Ich bin so fröhlich!"
In der Seitenstraße, am Notausgang des Kaufhauses, treffe ich Herrn Pusch wieder. Er
wirkt in seinem Parka wie auf Klassenreise, bereit zur Nachtwanderung. Ich halte meinen
Stoffesel im Arm, will sonst nichts weiter mehr besitzen.
Bullen, die nicht mehr ziehen wollen, sondern genießen, sind ein Witz ihrer Natur. Als
wenn wir Muskeln hätten zum Flanieren. Wir müssen uns schon einspannen, wollen wir
Frieden finden.
Wobei besonders jener kleinste gemeinsame Nenner des Hungers anziehend wirkt. Von
der Hand in den Mund als kürzester Weg, ganze Völker zu befrieden. Herzen, die früh
Feierabend machen können. Bullen, welche Muselmännern aufhelfen, statt Fettwänste in
die Knie zu zwingen. Solch ein Jöchlein kann der Friede nicht sein.
Weder Dornen noch Dürre, Irrsinn ist das Maß, das es zu ertragen gilt. Fressende
Sattheit, ersaufendes Glück, armseliger Götzendienst. Hunger ist seit Anbeginn eine
Herausforderung des Lebens, wie aber lässt sich der Fleisch gewordene Tod unterjochen?
So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.
Herr Pusch regt einen kleinen Rundgang an, bevor wir die Stadt hinter uns lassen, die
Jahrzehnte mir Kulisse war. Und siehe, ich fühle mich verwandelt. Kein Gezetere mehr in
mir um jeden Meter Weg, wie entsetzlich es doch sei, ohne Not sich der Himmelfahrt
anzuvertrauen. Als hätte die Welt ringsum Kehraus gemacht, was den Sommer meiner
Generation betrifft. Jene jahrhundertealte Flaniermeile zwischen Kaufhaus und
Hauptbahnhof, sie empfängt mich ohne jede Teilnahme. Mit Herrn Pusch stehe ich dort auf
Trottoir wie auf Frost. Als müsste ich mit dem Eispickel ran, Erinnerungen vielleicht ein
Stück weit freizulegen unter Schichten des Vergessens.
"Mein Wesen ist mir gefroren", sage ich zu Herrn Pusch. Aber der Seelenhirte lächelt
natürlich wie einer lächeln kann, der längst nicht mehr zappelt am Haken mit Namen
Eitelkeit. Als zum Traume gewandelter Mensch ruft Herr Pusch gewiss nie mehr nach dem
Richter.
Getrieben von der Eiseskälte im Gemüt des Abgewiesenen, mühe ich mich, die
Flaniermeile mit meinem Leben zu verbinden, wie sie sich einst jung mir zeigte. Jene Zeit,
wo zwei, drei Stationen Bahn schon reichten, mich am anderen Ende der Welt aussteigen
zu lassen.
"Hallo Papa!" flüstere ich, als endlich mein Vater vortritt, auf der Flaniermeile nach meiner
Mutter zu telefonieren. Um einen Schachcomputer ging es, ob ich sämtliche Ersparnisse
dafür geben durfte?
Ich durfte. Doch kaum ist das schachspielende Blechäffchen in der Erinnerung wieder
mein, ist Nacht, wo Papa eben noch stand.
Gerade so glückt es mir darauf, am anderen Ende der Flaniermeile die 10b eines längst
vergangenen Schuljahrgangs zu sammeln. Ich etwas abseits, während man sich ein
letztes Mal zum Klassenausflug bereitfand. Neben mir das Mädchen, das bereits zur
Himmelfahrt sich einfand, als wir alle noch im Rausch unseres Jugendwahns dämmerten.
Wie verhält es sich mit Leben, das außerhalb jeder Wahrnehmung vollzogen wird? Ein
Zerschmettern auf immergrünen Weiden, als würden selbst Blumen, selbst Singvögel sich
abwenden.
Dem können wir nur Wahn entgegen setzen. Wahn, der ausstaffiert sein will. Kulissen,
finanziert aus Sozialkapital. Freunde, die wir ihren Anteil nehmen lassen an unserem Sein.
Ob wir nun Waffeleisen gekauft haben oder nach China gereist sind. Ein Mau Mau mit
Gefühl: Erklären wir Waffeleisen zum Trumpf, zeigen Freunde unbedingtes Interesse an
Waffeleisen. Präsentieren wir China, präsentieren Freunde unbedingtes Interesse an
China.
Wahn bedingungsloser Freundschaft spült das Leben weich. So können wir uns Blumen
überziehen und Singvögel beherzigen. Keine Halden blindwütigen Erfahrens sind wir
mehr, sondern umsorgte Quellen reinen Erlebens. So sprach der Geschlechtsreifende
zum Volke.
Nun leben Flaniermeilen von den Dämmerzuständen der Flaneure. Und mir unschön
Erwachten wird rasch deutlich, mit Recht nach einer Tür hinaus zu verlangen.
Seit Tagen suche ich Eingang in den Wahnwitz. Brandbeschleuniger, die zündeln, bis mein
Hirn fixe Ideen abfackelt, sind mir aber selbst jetzt noch fremd.
"Zeit für das Abendmahl", lächelt Herr Pusch.
Mir kommt eine Pinte in den Sinn, aus der ich als Kind Litaneien hörte: "Heiliger Wirt,
befreie mich von meiner Alten!" Die Weisen des Akkordeons, denen mein Vater einst
Wohlwollen entgegen brachte. Der "Puppenspieler", vielleicht zwanzig Minuten Fußweg.
"Am kürzesten ist es vorbei am Gotteshaus", rät Herr Pusch. Auf eine Sehenswürdigkeit
deutet er, in Stadtführern wohlerwähnt. Wobei man vielleicht auch schreiben sollte, dass
der Ausguck im Turm zugedrahtet ist. Gäbe es eine Rubrik "Himmelfahrt", wäre dort kein
Stern fällig.
Mag modernes Schaffen mit mancher Fotografie meine Sinne erfreuen, wahrhaft inne
halten mich allein Linien und Schwünge der Zeichenkunst.
Licht lässt alluviales ins Leben, was nicht der Logik des Lebens entspricht. Erst Zeichen
schärfen den Sinn für die Bedeutung eines jeden Seins.
Im Lichte ihres Empfindens werden Menschen durchgereicht vom Tage in die Nacht, von
der Nacht in den Tag. Empfinden kennt kein Halten, nur stetiges Vergehen.
Zeichen hingegen schaffen Formen. Formen empfinden nach, was dem Licht längst
verloren ist. Formen sind Gestalten, Gestalten sind Leben. Reines, dem
Allzumenschlichen abgewonnenes Leben.
Leben heißt: Gestalten. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volk.
Erinnerungen sind Kirchen. Kein Gedenken ohne Weihe. Niemand will leben, was wie
Schotter den Berg hinab rauscht. Nachts im Steinbruch wollen wir Allmacht spüren. Lieber
launig verworfen sein, als mit den Jahreszeiten verwittern.
Nacht ist es, wirklich Nacht, als ich mit Herrn Pusch vor dem Gotteshaus aufkreuze.
Beinahe gewalttätig erhebt das Mauerwerk sich in die Luft. Ewigkeit thront hier, welche
alles Aufbegehren mit sanfter Hand zermalmt.
Keck steht Herr Pusch im Abglanz sengenden Scheinwerferlichtes, das dem Kirchturm
weithin Geltung verleiht. Vor einem abseitigen Tor steht Herr Pusch. Der Knauf des Tores
verziert mit christlicher Tierwelt.
"Wir nehmen den Weg der Särge", sagt er.
Mich inspiriert das Bild Christi vom Sämann. Ich schreibe mit jener kindlichen Neugier, mit
der ich früher Apfelkerne in die Erde drückte. Wobei natürlich auch Hoffnung keimt, mein
Saatgut möge zu einer Sprachgestalt erwachsen, die in tausend Jahren nicht totzukriegen
ist.
Schreiben ist für mich nachhaltigste Aggression. Kein Clown bin ich, der Menschen unter
Einsatz von Fleisch erobern will. Meinen Mann stehe ich im Erzeugen kognitiver
Dissonanzen. Eines Schriftstellers Wort kann nur sein, wenn dagegen das Wort des
Lesers zurück weicht.
Schriftsteller, wie ich sie verstehe, wissen für sich weder Beginn noch Ende. Schriftsteller
strömen im Ist Ihrer Worte. Erwartungen an jenes Gelichter, das sich "Leben" nennt, sind
eines Schriftstellers Sache nicht. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volk.
Im Kirchenschiff hunderte Lichter. Feurig eingefärbt durch Zutun ihrer Behältnisse.
Kirchenbänke, derart aufgereiht, als wären sie die eigentlich Andächtigen, und das
sonntägliche Leben auf ihnen nur ein schwüler Hauch. Umstände, wie sie Macht über
mich gewinnen. Keineswegs zärtlich beäugt das Kirchenrund meine Himmelfahrt. Ich habe
mich noch tüchtig zu neigen, will ich Frieden finden.
Herr Pusch ist nun ganz Besitzer eines biblischen Gutes. Stolz auf seine Saat, schreitet
Herr Pusch Kandelaber ab, nickt hier einem Flämmchen zu, genießt dort einen
Wohlgeruch. Was uns im Leben an Liebe nicht glückt, im Traume vermögen wir es.
Wahrscheinlich, weil sich langwierige An- und Abfahrten erübrigen, die gerade unter der
Woche vieles streichen von unserem Plan vom Glück. Tatsächlich wechselte ich mit Herrn
Pusch nie ein persönliches Wort, mir ist auch nicht in Erinnerung, mich an seinem
Unterricht sonderlich beteiligt zu haben. Nun im Traume aber ziehen wir um die Häuser,
der Herr Pusch und ich.
Viele Menschen richten ihr Leben danach aus, als hätte man Jesus Christus nicht
verspottet und gekreuzigt, sondern zum König von Jerusalem erhöht. Ihnen ist nach
Bergpredigten, während sie den Karfreitag höchstens zum Anlass nehmen, sich
kulinarisch ein wenig zurück zu halten.
Verlassen sein - vom Gottvater, von den Gefährten, von allen anderen sowieso - das
ist vielleicht jener Frieden, nach dem unsere Herzen sich so sehr sehnen. Eins sein
können mit dem Schmerz und dem Verderben. Die Kraft, sich einer letzten großen
Herausforderung zu stellen.
Erlösung kann doch nur sein, wenn jemand uns den Kreuzweg vorausgeht, den wir
ins Ewige Leben wählen sollen. Wäre Jesus Christus diesen Weg ein für alle Mal für
uns gegangen, wäre unser Dasein so sinnlos wie das eines Knallbonbons. Kurz
Lärm machen und dann wieder weg sein, das kann ein Leben nicht sein.
Jesus Christus hat nicht für uns sein Kreuz auf sich genommen, glaube ich, er ist
mit uns am Kreuz gestorben. Wenn wir Frieden finden wollen, müssen wir Jesus
Christus schon auf seinem Weg nachfolgen.
"Warum so still?" verlangt Herr Pusch zu wissen.
"Weil Sie wahrscheinlich nicht einmal mehr Knochen sind."
Herr Pusch lässt sich in erster Reihe nieder. Seine Augen ruhen auf dem Altar. Ein
Steinbehau, wie süßer die Glocken nicht klingen. Herr Pusch breitet die Arme aus. Herr
Pusch lacht. Herr Pusch winkt mich an sein Herz. Für einen Augenblick ist es, als würde
Leere auf mich niederstürzen. Kalt ist es geworden im Kirchenschiff. Beinahe bin ich
versucht, meinen Atem vor Augen sehen zu wollen. Das wäre jedoch selbst mir etwas viel
Phantasie. Die Welt wird Morgen von Neuem einen milden Sommertag erleben.
Spätsommer, wenn wir es genau nehmen, aufmerksame Beobachter mögen erste Verluste
im Grün registrieren, aber Sommer. Ich lasse mich neben Herrn Pusch fallen, seit bald
achtundvierzig Stunden ohne Schlaf.
Gott schenkte uns das Wasser, auf dass wir in seinem Lichte unser Antlitz sehen.
Ein flüchtiges Aufglänzen, ein Fließen ins Ferne. Wasser reinigt uns von der Furcht
um unser Selbst.
Des Menschen eitles Handwerk hingegen narrt uns mit Spiegeln und
schmeichelndem Neonschein. Fleisch, wie es mehr und mehr verdirbt, mögen wir es
noch so bunt bemalen. Fern stehen wir dann dem Leben, obwohl wir meinen, es
genau zu erkennen. Unseren Tod schauen wir im Spiegel an, nicht den Geist, der
lebendig macht.
Weinen müsste man nun können, trauern. Etwas, das loslöst von der Schwerkraft
ausgelebter Gotteshäuslichkeit. Stattdessen mümmeln mich Zerrbilder an in Gestalt des
Geschlechtsreifenden und des Herrn Pusch. Schwülstige Sehnsucht, zurück gehalten zu
werden, errettet zu sein. Kein Mensch, der sich unter dem Himmelreich mehr vorstellen
kann, als die Heimeligkeit gesteigerter Normalität: Endlos Freibier mit dem Besten, was
Blutsverwandtschaft und Freundeskult je hergaben.
"Das Fegefeuer ist vielleicht, uns selbst nie die Welt zu bedeuten", dabei streicht Herr
Pusch sich über den Brustkorb, weil er ja weiß, dass er ich ist, ins Leben gezwungener Teil
meines Gefühlshaushaltes.
"Gott weiß, in was für Schmelztiegel wir uns begeben, um in ein Du gegossen zu sein."
Leise höre ich mich, von ferne. Die Kirchenbank unter meinen Händen verliert sich im
Traum.
Der Mensch kann nicht spähen wie ein Adler, nicht wittern wie ein Wolf, nicht
horchen wie ein Luchs. Er kann nur beschreiben, was ist. Ohne sinnliche
Anschauung, mit den wenigen Farben, die ihm gegeben sind.
Entsprechend kindlich bildet unser Herz ab, was in Wirklichkeit die Schöpfung
krönt.
Warum sollen wir nur in Form schwachen Fleisches sein können? Unser Geist ist
aus jener Energie, mit der Blitze durchs Himmelsrund fliegen, unser Wort der Schall,
aus dem der Donner ist, unsere gelebte Liebe der Stoff, aus dem unserer Kinder
Träume sind.
Wie wir in Erinnerungen leben, erinnert die Schöpfung sich an uns. Jene Weite
unseres Erlebens, die eines Nachts heimfließt ins Universum.
Wie sieht eine Erinnerung aus, wie ist sie beschaffen? Plötzlich erinnern wir, was
wir längst vergessen glaubten. Möglich, dass wir nie etwas vergessen haben. Was
wären wir nun ohne ein Bewusstsein, das uns in die Irre führt?
Vielleicht finden die Erinnerungen meiner Frau jenseits der Sterne die meinigen,
weil sie auf eine Weise gemeinsam schwingen. Dann sind wir uns so nahe wie
niemals im Leben. Dann sind wir wieder vereint am Strand von Südfrankreich. Für
immer.
"Ein gutes Zeichen", kommentiert Herr Pusch. Auch mir schlägt das Herz, auf welche
ungestüme Weise der Schlaf nach mir greift. Als würde aus meinen Untiefen etwas empor
kriechen, mich letztendlich einzuziehen.
"Lebensfunken", murmele ich, "der Lebensfunken!" Ein Funken nur, was Jahrzehnte
aufstampfte und nach Leben verlangte.
Meine Hand drückt den Stoffesel. "Ich bin so fröhlich", schnarrt es durchs Kirchenrund,
"ich bin so fröhlich!" Mit einer Verbeugung zieht der Schlaf sich zurück, bleibt aber am
Rande, zur Hilfe zu eilen, wenn es soweit ist.
Mein Leben lang habe ich mich Morgen für Morgen auf-, bereit- und eingefunden zum
Dasein, tausende Male erwachte ich noch aus der kleinsten Dämmerung mit dem
Marschbefehl, geträumt zu haben. Nun nehme ich mich ein letztes Mal in Betrieb.
Dutzende Kirchenbänke hinter mir, auf denen ich kniete, hoffte, leis meinem Handeln Wert
zubilligte, stets die Gebetsmühlen anderer im Ohr, stets weit genug abgedrängt, weder auf
dem Altar ein Christkindlein zu entdecken, noch es nicht zu entdecken. Immer blieb genug
Herrlichkeit, die als verborgen anzuerkennen war. Herrlichkeit, nach der ich spähen
konnte.
"Allmacht kann es nach menschlichem Ermessen nicht geben, weil keine
Verbindung herzustellen ist zwischen in die Zukunft sehen können einerseits und
eine freie Entscheidung treffen andererseits. Angenommen, unser Schöpferwesen
sieht in die Zukunft und stellt fest, dass es Morgen ruhen wird. Am Morgen endlich
muss(!) unser Schöpferwesen dann auch ruhen, da es sonst die Zukunft nicht
voraussehen kann."
Solch philosophisches Zerstörungswerk ging mir in meiner Jugend leicht von der
Hand. Ich war doch unsterblich, was sollte ich da mit einem "Lieben Gott" und
einem Himmelreich? Derart in ein höheres Geschick fühlte ich mich eingebunden,
dass ich auf bucklige Vaterunser verzichten konnte. Ich brauchte mir aus der Bibel
kein Schicksal borgen, ich hatte eines. Dem Lieben Gott fühlte ich mich so über, wie
manche Christen den Tiergöttern der Naturvölker. Ein Ewiges Leben im Gefolge des
"Highlanders", für den die Sterne ruhig Nadelstiche im Mantel der Nacht bleiben
konnten: Jene alles durchdringende Macht noch über den Sternen hatte ihn
auserwählt. Da brauchte er nicht weiter fragen. Die Gnade der
Selbstverständlichkeit. Heilige Erde, wo Normalsterbliche Kirchen bitter nötig
hatten.
Gleich einem Rowdy fiel ich über handgeschnitzte Altäre her. Altäre, deren
mühevolle Errichtung für sich schon ein Gnadenbrot im Dienste des Herrn
bedeutete. Mit den Füßen sorgte ich dort für Wahrheit. Holz war Holz, und musste
krachen. Liebevolle Lichter, für mich als Erben entzündet, blies ich fort. Meine
Wahrheit war meine Stärke, meine Wahrheit waren Trümmer.
Es wäre Frieden genug für mich dagewesen, aber ich wählte das Kriegshandwerk.
Ein wütender Kreuzritter, dem noch das argloseste Beisammensein ein Schlachtfeld
war. Und es gibt kein Zurück mehr. Kein Zurück. Der Himmel schweigt still, um mich
herum nichts als Zerstörung. Ich wollte schwaches Fleisch zu Asche brennen
sehen. Jetzt brennt es. Meins.
"Was kann ich für Dich tun?" Herr Pusch wendet sich seinem Geschäft zu, seiner
Kernkompetenz. Der Geistliche, der einen zur Himmelfahrt abholt, hier ist er nun. Als
würden sich Schlüssel im Schloss meiner Zellentür drehen. Wobei ich mir bereits zu viel
Ehre gönne, Herr Pusch ist ja allein im Zellentrakt meines Kopfes.
Ohne Willen zum Wahnwitz, ließe das Leben mich sitzen auf wackeligen Kirchenbänken,
wie wenn ich das vergessene Blatt eines Gemeindebriefes wäre: "Wir trauern um..." fünf,
zehn, zwanzig Namen.
Streng genommen bedeutet selbst das zu viel Ehre. Keine Gemeinde, welcher mein Name
nicht längst aus der Kartei gefallen ist. Also bin ich ein vergessener Name auf einer
vergessenen Seite eines vergessenen Gemeindebriefes.
Wenn ich aber langsam zur Ruhe finden will, sollte ich mich vielleicht mit etwas
Dankbarkeit betten, dass mein Herr Pusch nicht biologisch abbaubar ist, niemand, dem
man in einem fort Brot zuteilen muss. Welch trauriges Gespann wären wir, wenn auch
Herr Pusch barmend durchs Dunkel trotten würde, einen Stoffesel unterm Arm. So
hingegen bleibt die Würde von Gesellen, die nicht austreten müssen.
Trickfiguren kommen mir in den Sinn, wie sie über den Rand einer Klippe eilen, wie sie
laufen und laufen, ohne weiter Boden unter den Füßen zu haben, ehe ihre Augen sich
derart weiten, dass jedes Kind lachen muss. Weil es kein Schrecken ist, sondern ein
Verwundern, derart leicht ins Himmlische geraten zu sein. Selbst der tatsächliche
Übergang, das rasante Abfallen allen Fleisches, mag bestimmt werden von jenem sich
Wundern: Kurios. Kurios.
"Ich möchte mit Ihnen auf die Höhe meiner Welt spazieren", wünsche mir von Herrn
Pusch. Wild sein, das stolz noch sich hören lässt, wenn um es herum längst jenes Lauern
herrscht, welches den Odem dessen, was vom Leben abgeschieden, als alleiniges Regen
auf weitem Felde erscheinen lässt.
Mir das Gemüt waschen, darum geht es nun. Reinheit ist Erlösung. Wie ich der Welt auch
begegnet bin, stets zeigte sie mir eine Nase. Wollte ich die Welt berauben, wollte ich die
Welt schänden, schaute die Welt, als hätte ich eine Heilige Messe gestürmt. Nahte ich in
Soutane, tanzte die Welt bocksbeinig Reigen um Reigen. Wahrscheinlich muss ich froh
sein, dass die Welt mich nicht verworfen hat, sondern am Rande fiepsen ließ.
"Wir könnten von der Liebe reden", Herr Pusch blickt zu Boden. Natürlich weiß er, dass
kein Frauenzimmer mehr in meinem Kopfknast ist, nicht mal eine Liebeszelle.
Wenn ich den Geschlechtsreifenden endlich zur Himmelfahrt abhole, vielleicht hält er das
erste Stück Weg ein Mädchen bei der Hand. So aber sind sämtliche mir verbliebene
Bildnisse der Liebe bereits zerstoben, kaum dass ich einen Namen ahne.
Ohnehin werde ich mich an kein Weibsbild entsinnen, das nicht am Tropf eines Gottes
hing. Mochte er bloße Sage sein oder gar mit Handynummer schmeicheln. Der Kontext
blieb stets Schwärmerei, gelehrtes Ammenwesen. Allein meinen Mund hätte ich halten
brauchen, um als stattlich geratener Schmusekater vorm Traualtar Leben um Leben
versprochen zu bekommen. Tatsächlich blickt nun jedes Haustier hinab auf mein mickriges
Ende, welches nur mit Wahn sich leidlich ausstaffieren lässt.
Ich blicke empor zu den Abbildern der Heiligen. Ein Kerzenschein, in welchem Herr Pusch
mir keine Hilfe sein wird. Was im Traume auch zu uns spricht, seltsamerweise ist es nie
gebildeter als wir. Jedes Mosaik, das nach Namen verlangt und nach Zahlen, jeder lieblich
gezeichnete Rauschebart im Kirchenrund, alles reduziert meinen Herrn Pusch sogleich zur
Jämmerlichkeit eines Kopfknastes.
Vorm Altar mit solch lichten Gesellen Abendmahl zu feiern, lohnt so wenig wie ein
Herrengedeck an der erstbesten Tränke. Im Stall zwischen Futterkrippen geboren liegen,
ist weniger armselig, als ledergebundene Schwurbeln weismachen mögen.
Die Wege ebnen sich. Zwar vermag ich noch, den Kirchgänger vom Affen zu scheiden,
doch die Urzeit dämmert mir, als alles Wasser war und Luft. Dem lebenslangen Wunsch,
oben zu schwimmen, bleibt kaum mehr Zeit, vergessen zu sein. Wer ringt weiter mit
Naturgewalten, wenn er hinter sämtlichen Horizonten den Ozean weiß? Klarheit, die allein
durch Gestrampel nach Leben trübe wird. Kein Mensch je kleidete sich mit Stoff, aus dem
das Leben ist. Allesamt drückten Verderben an ihr Herz.
Herr Pusch wendet sich zum Gehen. Lang genug habe ich mich geweigert, mit ihm
fromme Lieder zu singen. Selbst das Personal meines Kopfknastes mag also nicht länger
erdulden, dass ich an keinem Gitter vorbei kann, ohne dagegen zu wüten.
Hätte ich nur meinen Beinen ihren Lauf gelassen! Der geringste Freigang noch hätte
gelangt für ein Leben. Kein Tier, das irgendwann danach verlangt, unter Palmen Gassi zu
gehen. Mein Viereck Dasein. Meter für Meter Beton, an dem ich mich aufrecht erhalten
oder zur Nacht beruhigen kann.
"Warten Sie!" flehe ich. "Lobpreisen will ich mit Ihnen!" Bereit bin ich für jeden Eid, im
Angesicht meiner Himmelfahrt nicht als Abfall der eigenen Sittenpolizei dazuliegen.
Verurteilt, vom nächsten Regen ausgewaschen zu sein. Dem Moder überlassen mit einem
Bühnenbild gewesener Moral, über das ich jahrzehntelang alle Welt in Kenntnis setzte.
Einem Bühnenbild, das kein von mir ersponnenes Strichmännchen mehr bespielen mag.
Wenn man krakeelt hat, lange vergeblich krakeelt, auf welche Weise nimmt man Platz,
seine Füße fortan still zu halten? Ich breite die Arme nicht aus, Herrn Pusch einige wenige
Stunden für einen neuen Bund zu gewinnen. Ich ziehe unter der Kirchenbank das
nächstbeste Gesangsbuch vor und falle mit flammenden Lobpreis über das Kirchenschiff
her. Beinahe brülle ich unter dem Anblick, wie Herr Pusch die Maske des Scharfrichters
überzieht.
Wenn ich mir einen Scharfrichter vorstelle, dann auf jene leise Weise, mit der Herr Pusch
hinter mich rückt, bis er mir im Genick sitzt: "Besser?"
Tatsächlich streicht die Befürchtung, sogleich von einem Draht um den Hals nach hinten
gerissen zu werden, meinen Gefühlshaushalt angenehm zusammen. Wie Kinder sich
darauf einschwören, was unter ihren Betten lauern mag oder im Wandschrank.
Furcht ist vielleicht meine letzte Zuflucht, mich zurück in die Hochhausbutze zu kehren.
Auf der Matratze kauern vor dem Untier Finsternis. Ich spüre, wie die Verwaltung meines
Kopfknastes den unbedingten Erhalt des Mauerwerkes fordert. Selbst wenn mich niemand
zwingen kann, während solch versifftem Nachtlager auch nur einen Bissen Leben zu
begehren. Nur ich und der Hunger, ich stelle es mir wundervoll vor. Stattdessen nun die
Kür einer Himmelfahrt, wo ich in Jahrzehnten meiner Pflicht schon keinen Beifall
Abgewinnen konnte. Tatsächlich hofft der Herrenausstatter wohl vergebens auf eine
Randnotiz in der Tagespresse. Dann wird er nicht mehr viel Licht zu verteilen haben,
vermute ich.
Selbst Hand an meine Gurgel legen, während ich im Traume einen Scharfrichter seines
Amtes walten lasse, es bleibt mir unmöglich. Zum Beweis drücke ich erneut den Stoffesel:
"Ich bin so fröhlich..."
Tatsächlich überkommt Herrn Pusch zu keinem Zeitpunkt die Mordlust des Verhöhnten.
Wie auch, wenn selbst seine Liegefrist auf einem der Gottesäcker dieser Welt längst
verstrichen ist. All unser Gebärden will stets ins Verhältnis gesetzt sein zu dem Häufchen
Urnenschmutz, das bleibt.
Ich lasse Herrn Pusch seufzen unter der Maske des Scharfrichters, sinke in mich
zusammen. Keine Furcht mehr. Weder vor Hunger noch Himmelfahrt. Man könnte mich in
die Garotte drehen wie einen vergessenen Sack Getreide. Abermals drücke ich den
Stoffesel an meine Brust, als ich darüber erschrecke, mich mit beiden Händen auszusäen.
Hier! Kann etwas mehr auf Stein fallen, als auf diesem Stück Leben, das alle Welt als
geweiht empfindet?
Durch die Zeit getrottet sein in dem Bewusstsein, alles auf dem Kopf zu erfahren. Als hätte
ich das Flötenspiel eines Affen begreifen wollen.
In jedem Straßenbild ist so vieles nebeneinander, was sich schwerlich in Zusammenhang
denken lässt. Mit dem Herzen fällt es leichter. Und warum sollte Leben etwas zur Hand
nehmen, darauf nur Töne von sich zu geben? Heiligkeit muss in den Affen gefahren sein!
beschließt das Herz und wandelt zufrieden seiner Wege.
Wäre anderes um mich herum, als Gespenster, vielleicht könnte ich unmöglich gen
Himmel fahren. In Urzeiten von Pest und Kriegskunst musste das Erdenreich sich auch
um seine Karteileichen sorgen. Jedem Wandervogel bot es ein "Du" an. Hingegen nun auf
alles, was zu schwer wird, Dutzende Fledderer stieren.
Könnten wir Licht anders brechen, es in Urtiefen geleiten, ließe ich mich im Strom kleinster
Teilchen vielleicht als Geschwülst ausmachen, das mittels seines Vorhandenseins
Harmonien stört. Nicht empfindlich, beileibe nicht, aber doch so, dass auch ungeschulte
aber nachdenkliche Augen zum Skalpell schielen.
"Mein stier gewordener Hagestolz, das hier ist nimmermehr ein Ort für Dich." Sicher bin
ich, die Hand von Herrn Pusch wahrhaftig auf meiner Schulter zu spüren. "Jetzt steigen wir
in den Wein. Ohne Trunk ist noch keine Himmelfahrt je geworden."
Mehrmals drehe ich mich um, dem Kirchenrund Frieden abzugewinnen. Als gäbe es noch
etwas, das ich mir in die Taschen stopfen könnte. Jedoch bleibt alles Kunsthandwerk.
Taufbecken wie Beichtstuhl verschließen sich meinem letzten Hoffen auf Gleichgesinnte.
Möge ich in Freiheit verderben, wie jemand nur verderben kann, der aus einem Käfig
gezerrt und in den bodenlosen Sternenhimmel geworfen ist.
Wenn ich schlafe, wenn ich träume, lebe ich dann weniger, als wenn ich wache? Seit
Jahren denke ich nach über die Möglichkeiten unseres Daseins. Schneeflocken
etwa sind mit dem Mikroskop besehen mehr, als unser Auge jemals wahrnehmen
wird. Keine Realität, hinter der sich nicht noch eine Realität verbirgt. Was im freien
Fall zu sein scheint, ist so in Wirklichkeit sanft behütet.
Weder unsere Augen vermögen uns zu segnen, noch unsere Ohren, noch die Hand,
die wir spüren. Für unsere Sinne gibt es einen Anfang und ein Ende, gibt es Wege
und Wände. Das Leben an sich aber kennt keine Grenzen. Mag es sich auch
wandeln, es endet niemals.
Jeder von uns nun bringt diese Unendlichkeit auf seine Weise zum Schwingen. Wie
wenn wir mit dem Finger stilles Wasser berühren. Das ist es, was bleibt. Für immer.
Keine Bürgerlichkeit mehr vor dem Kirchentor. Abfallbehältnisse treten ins Straßenbild,
Schmierereien ist zu Licht verholfen, Uneinsehbares lockt den Notdürftigen. Herr Pusch
steht wie an einer Schultafel, ist ganz der Lehrmeister, mein verloschenes Sein als
erwartetes Endergebnis zu notieren.
Die Nacht ist mir Verwandtschaft. Festlich in Schwarz, mahnt mich ihre Kühle, im
Folgenden meinen Mann zu stehen. Und ich habe verdammte Sehnsucht. All jene Weihen,
Erprobungen, Reifezeugnisse, mit denen mir bedeutet wurde, mein Leben so und so weit
abgelatscht zu haben, sie sind mir stets nur Denkzettel gewesen, wie unterworfen ich bin.
Nun jedoch das Versprechen, erhoben zu sein von den Toten. Keinen Augenblick mehr
zerschlagen liegen vor Fassaden, die so natürlich in alle Himmel ragen, als wäre mein Blut
nur ein übles Gebräu, sie zu besudeln.
Jene Stunde zwischen Tag und Nacht, wenn die Welt gemalt scheint. Fort bin ich, nicht
daheim. Hinter Fenstern kein Licht, in das ich gehen muss. Wann bin ich bereit für die
Nacht? Was mein Leib mir zu empfangen gebietet, kann ich schlecht wollen. Für den
Preis des Himmels reicht mein Herz nicht hin.
Gelehrt wurde ich, in Federn zu denken. Dabei sinkt sogleich alles Flattern, wenn ich meinen Mund zum Schnabel zwinge. Nicht Kraft ist es, nicht Erkenntnis, nicht Liebe. Es ist die
Leichtigkeit. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volk.
Herr Pusch zieht mich zurück zum Hauptbahnhof. Niemand will jetzt mehr unnötige Wege
in wie auch immer geartete Erinnerungen. Stein habe ich für mein Leben genug beseelt.
Auch die Gastronomie des Bahnhofsviertels wird mir solch Sehnsuchtstropfen
einschenken können, nach denen Allerweltsgewese das gesamte Uhrwerk der Schöpfung
hindurch verlangt. Bei wessen Tränke ich hinabgestürzt, wer über meiner Wiege sich
neigte, es soll mir eine Weinglut wert sein. Wenn ich den Geschlechtsreifenden zur letzten
Frühstunde wecke, wird er, im Traume noch, für Heimat nehmen, was mir billig scheint.
Herr Pusch deutet auf einen "Bierbrunnen" gegenüber vom Hauptbahnhof. Beide wollen
wir im "Bierbrunnen" den Anschluss Richtung Himmelfahrt vor Augen haben, weil wir
vielleicht ohne Fluchtweg als Brandschatzen anerkennen, was die neugewonnenen
Onkels uns verheißen.
Onkels sind keine schwache Währung im Leben. Leichthin nahm mein Kinderherz damals
"Onkels" für anverwandt. Ein Vermögen, das nur andere Wege findet, wenn bald genug
Bullenklöten die Rechtsprechung übernehmen im Gefühlshaushalt. Der Bierbrunnen mag
daher auch als Taufbrunnen sich eignen, gilt es doch, dem Herzen erneut ein Kindermaß
beizubringen, es zu versöhnen mit den Begrenzungen des Gottesackers.
Was Vater und Mutter nicht vermögen, der Schamesröte unseres Blutes glückt es. Leben
derart anzuherrschen, dass im Innersten es sich verkriecht.
Dasein ist Mode, Mode ist Dasein. Jener stolze Teint des Beliebt seins.
Solch Sein aber muss in tausend Accessoires zerspringen, wenn es den Grund des Bewusstseins versucht. Vor den Tieren des Waldes mag es stolzieren, unter freiem Himmel.
Wo Schamesröte vom Wind getröstet ist, wo sie ruhen kann in tiefen Augen, muss Mode
in Lumpen vergehen. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volk.
Es ist keine leichte Geburt, die Herr Pusch und ich im Bierbrunnen durchleben. Der
Schankraum leuchtet ein, als wäre alles seit Trinkergenerationen an seinem Platze. Neues
wird nur erduldet, wenn altes die Theke hinabgefault ist. Und nun wir zwei von der
Laufkundschaft!
Schlitzaugen blicken uns entgegen. Keine Faust, welche nicht fester hält am Humpen. Als
ginge gleich etwas ab mit Gebrüll. Vielleicht eine Himmelfahrt, ganz nach dem Gemüt des
Herrenausstatters.
Aber da wird am Ausschank ein Seidel für uns vorgeholt. So auf die Art, als wolle man
gleich zwei Trinkhalme für uns zutun.
"Herrschaften, was darf es sein?" dröhnt der Wirt.
"Ein Bier, bitte."
Mein Blut schwillt zum Strom. Kein Geld, keine Papiere, und in den Seidel schüttet das
erste Bier meines Lebens. Als die Schaumkrone knistert, empört knistert, was für ein
Abschaum nach ihr verlangt, ist es, wie wenn in meinem Schlund entsetzliche Schwüle
ausbricht. Beinahe stürze ich hinunter, was mir bitter schmeckt, bitterer denn je. Noch
eins!
Bereits der dritte Seidel, auf solch Weise ins Tiefe verbracht, scheint den Schlitzaugen und
ihren Fäusten eine viehische Leistung, die Respekt abnötigt. Was trinkendes Nutzvieh,
sind saufende Menschen.
Kein Gefühl kann großartig sein, ohne ein Ausdenken, welches das Gefühl im vollen
Bewusstsein krönt. Kein Herz wird in Urwäldern Brand entfachen, wenn ihm obenrum
niemand flüstert, was dieser Hauch bedeutet und jener Laut. So mag das Blööcken des
Viehs einem mehr Leben verheißen, als des Dichters Laute.
Dem Herzen folgen heißt, einem trommelnden Affen folgen.
Ein erster aufmunternder Ruf, welcher meinem Stehvermögen am Seidel gilt. Wie durch
den Urwald hallt plötzlich das Lautgebenmüssen. Baritons und Mezzosoprane, kehlig,
heiser, versoffen. Vielleicht erleichtert man sich nun an mir Laufkundschaft, dass der
Bundesbürger insgesamt des Trunkes bedarf, nur eben nicht solch Entschlusskraft
aufbringe wie die Herrschaften im Bierbrunnen.
Ich wende mich dem Schankraum in seiner Tiefe zu, stürze vor aller Augen meinen Seidel
um: "Kein Trinkrand!"
Ich lasse nachschenken, hebe das Glas: "Wer sich solch güldener Schöpfung versagt, ist
ein Versager!"
Hemmungslos prostet man mir zu. Als hätte die Welt draußen soeben einen Pakt
geschlossen mit dem Bierbrunnen. Hinter seinem Humpen mag eben niemand glauben,
allein gesellschaftsfähig zu sein für selbsternannte Himmelfahrer, von denen keiner weiß,
ob nicht ein gefällig bemalter Höllenschlund zur Zuflucht ihnen geworden ist.
Herr Pusch hält sich jenseits des Gedröhnes. Ich merke, wie reizbar die Ausgeburten
meines Kopfknastes gegen Menschen sind, gegen dies fortdauernde Beschnuppere und
orale Rumgemache. Beinahe möchte ich Herrn Pusch zur Beruhigung ein parfümiertes
Taschentuch reichen.
Fest schaue ich Herrn Pusch in die Augen. Herr Pusch hält den Blick. Die Armseligkeit
ausgedachten Lebens, die sich keine Umstände mehr macht, vor meinem Bewusstsein
zurück zu weichen. Ein Augenblick, in dem mir die Lippen zittern, wie es so weit kommen
konnte? Schlimmer, dass es für JEDEN so weit kommt.
Meine Himmelfahrt hier, ich könnte sie mir leicht sparen. Buletten erwerben, Dosenbier,
mich vorm Fernseher parken, nichts weiter. Die Sonne aufgehen und untergehen lassen,
irgendwer wird mich schon holen. "Heimholen!" nickt Herr Pusch.
Ein erneuter Versuch meines Kopfknastes, Hausrecht geltend zu machen. Doch in mir ist
nichts mehr mit Haus, nichts mehr mit Recht. Buchstabieren mag ich beide Worte wohl
noch können, aber einen Sinn erschließt mir keines von beiden mehr.
"Kann man hier auch Lokalrunden geben?" heuchle ich Begeisterung für den Augenblick.
Der Wirt durchschauts sofort. Ein Geschäftsmann, der nüchtern den Unterhaltungswert
elender Kreaturen wie mir aufrechnet gegen Honorarforderungen professioneller
Entertainer und den Kistenpreis von Bier im Einkauf. Der Wirt nickt.
"Freibier!" krächze ich. Dabei versuche ich, lustvoll in meinen leeren Taschen zu graben.
Allerdings zweifle ich langsam, dass wegen meiner Himmelfahrt auch nur ein Polizist sein
zweites Frühstück unterbricht.
Erneut brüllt und krächzt es im Urwald. Beinahe geht man mit jedem Humpen um, als
wäre das letzte Bier Generationen her.
Spendiert, schmecken Biere wohl wie jene Freileben, um deren Willen Jungvolk Joysticks
bearbeitet. Freileben droben auf dem Dach Gottes, welche selbst den Wirt feucht werden
lassen ums Augenrund.
Doch bevor ich solcherart mit einem leibhaftigen Wirtsmann Körpersäfte tauschen darf,
steht mir das Bier bevor. Immerhin will ich meine Zeche nicht umsonst prellen dürfen.
Obendrein mir als Himmelfahrer nun wirklich alle Tiere des Urwalds zum Gebrauch
stehen. Aufschnappen. Nachäffen. Tröten. Jenes Gewese, früh vollendet, das einzig in
den Tod sich zurück zieht, wo immer es von Übermacht betroffen wird.
Mein Blick schwimmt in dem mit Bier geschwängerten Schankraum. Alles glänzt vor einem
Stolz, wie ihn einzig der Tod verleiht. Mag ich mich hunderte Male bekreuzigen, nie werde
ich so natürlich, so selbstverständlich fallen wie ein Humpen.
Mögt Ihr alle gen Himmel fahren! schlägt Herr Pusch vor als Saufspruch. Ich war nie
besoffen, würgte während meines Militärdienstes mal ein Bier herunter, nippte dann und
wann Schaumweinchen. Und nun hier mit fast vier Seideln. Möchte schlafen, seit zwei
Nächten keinen Schlaf. Wie aber würde ich erwachen, es ist eine Katastrophe, dies
Erwachen! Wahrscheinlich käme ich gar nicht erst in den Schlaf, müsste tun, als ob, die
Augen dichthalten, dichthalten, dichthalten, während man im Schankraum johlt über mich
Opfertier, mich mit Fusel überschüttet, mich in Brand setzt... Aber nein, dafür ist der Wirt
Geschäftsmann genug: Dem Urwald auf solche Weise Leine zu lassen, das rechnet sich
nicht. Er würde die Horde sich wundschreien lassen, dann aber nach den Klempnern in
den weißen Kitteln telefonieren.
Von Amts wegen, mit dem Siegel der Obrigkeit, würde man mir die Lider aufdrücken,
würde sich vielleicht empören, im Mindesten aber heftig werden, was denn nun sei?
Als Laufkundschaft bin ich erlaubt, darf mich gerne ins Bier begeben, bis mir der Boden
schwindet, aber fürs nur so Daliegen hat unsere Zivilisation nicht genügend Trottoir, nicht
genügend Schankraum übrig.
Dem Torkelnden, dem Saufkumpan ist jede Bühne bereitet. Noch ein Licht setzt man ihm
auf, sagt, er würde sich köstlich amüsieren. Als müsse der Erdenball so in einem fort
bewegt werden, damit solch aufgesetzte Lichter nicht verlöschen.
Ließe jeder seinen Arsch zu Boden sinken, wie es ihm dünkt, es käme zu einem
Gestolpere, gegen das Saufkumpaneien als Muster an Zielstrebigkeit durchgehen.
Nirgends ein Humpen, ein Schoppen oder ein Seidel, der ernsthaft mit dem Aufhören sich
befasst. Eher gießt man sich das Zeugs während erzwungener Schlafpausen noch im
Traum hinter die Binde.
Lasterhaftigkeit als Schmiere menschlichen Seins. Halt gewinnen in völliger Haltlosigkeit.
Keinem Wesen ist es mehr gegeben, sich völlig dahinfahren zu lassen, als dem
Menschen. Wobei bereits die Kleinigkeit, sich gehen zu lassen, für mehr Umsatz sorgt als
eine Schlafmütze wie ich.
Ich stemme mich von meinem Stück blankgewienertem Tresen in die Höhe. Es
funktioniert. Und so ein Boden, der sich anfühlt wie jene blauen Matten damals im
Sportunterricht, sollte dem Himmelfahrenden keine Last sein. Obendrein wirkt das Freibier
unterstützend: Aufmunternde Rufe, aber auch Hände, welche mich anleiten. Als wäre ich
trunkener König dieser Lokalität. Wann immer besonders herzhaft für mein Fortkommen
gesorgt wird, ist Szenenapplaus vom Wirt zu hören.
"Sehen Sie!" murmle ich in die Richtung, wo ich Herrn Pusch vermute. "Gehn natürlich
mehr zur Taufe zum Bierbrunnen. Während niemandem im Gotteshaus aufgeholfen wird,
jedenfalls nicht so."
Allgemeines Gelächter über eine Laufkundschaft, die keine Stunde nach Hinzutritt bereits
laut denkt und vom Christkind lallt.
Ruckartig hebe ich beide Arme. Blödsinn eigentlich, Blödsinn alles. "Soll ich Euch von
meinem Leben erzählen?" kiekse ich hinein in einen Mob, welcher des Mob seins rasch
müde geworden ist. Allgemein drängt man heim an den Humpen, zurück zur Saufordnung.
Ich lehne verbracht neben der Türe des Bierbrunnens, einer schweren, gusseisernen
Türe, öffne den Mund, schließe ihn wieder, öffne ihn, schließe ihn, finde nirgends in mir
mehr ein Wort. Als würde das Leben jedem seinen Vorrat Worte eröffnen, und meiner ist
nun aus.
Ganz nah spüre ich den Herrn Pusch. Mein Ende aller Worte scheint ihm geläufig zu sein.
Als wäre Herr Pusch eine Vorstellung in den Lüften, die sich jedem Himmelfahrer formt,
wenn es an der Zeit ist.
Herr Pusch nickt zur Fensterfront des Bierbrunnen hinaus. Von Ferne erkenne ich den
Geschlechtsreifenden, wie er vorm Hauptbahnhof auf und ab geht, wetterfest gekleidet,
marschbereit. Es ist so weit.
Schon steht der Wirt neben mir, während rückwärtig im Brunnen das Bier fließt, als hätte
ich niemals mit beiden Händen hineingelangt. Ich mache eine halbe Geste in jene
Richtung, wo man bei Erwachsenen Geld vermutet, auch die Gesten gehen mir nun aus,
doch der Wirt scheint ein besseres Geschäft darin zu erkennen, wenn ich meine Zeche
schuldig bleibe. Vielleicht glaubt der Wirt, so seinem Schatz im Himmel das Doppelte
hinzufügen zu können. Mit jenem Männerlächeln, das im Film sterbenden Kameraden gilt,
öffnet der Wirt mir die Tür hinaus, diese schwere gusseiserne Tür hinaus.
"Finden Sie Frieden!" sagt er.
Irre gehen wir im Licht, wenn das Leben aufstampft vor Musik. Eilen in einem Weltenraum
dahin, der geschlossenen Auges noch blendet. Mögen wir auch beben unter aller Erkenntnis, uns selbst belangen wir nicht.
Wie anders fällt es, ausgebreiteten Armes Stück um Stück Weg zu tasten, wo Gäule
schier durchgehen mögen. Weder im Dickicht noch auf der Ebene will uns etwas lodernd
eingehen. Jahrmillionen Sterne bei uns, sanft zu verlieren, fest im Trost. Geschlagen mit
Licht, krönt die Nacht Wanderer auf dem Grunde ihres Wesens. Traum sein von Ewigkeit
zu Ewigkeit. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volk.
Es gab eine Zeit, eigentlich umfasst diese Zeit mein ganzes Leben, da drängte ich gleich
einem Sinkenden hinaus, wann immer ich durch üble Fügung hinein geriet in Tränken und
Brunnen voller Alk. Vor der schweren gusseisernen Tür aber, vor dieser allerletzten,
schwersten, gusseisernsten Tür, sind weite Bezirke meines Seins mutwillig genug, zurück
zu stürzen in den Brunnen, sich am Ausschank irgendwie dingfest zu machen.
Nehme ich mich richtig wahr, liegt eine Hand bereits auf dem Türgriff, der trotz seines
burschikosen Designs mehr verspricht als alles, was mir je glückte. Ich muss nur nach
Hilfe rufen, nur rufen muss ich!
Aus dem Dunkel heraus, legt die Hand von Herrn Pusch sich auf meine und macht, dass
plötzlich keinen Sinn mehr ergibt, was eben noch von weither "Hilfe!" genannt ward. Wer
solch Begrifflichkeit mir wohl einst ins Herz säte? Meine Mutter vielleicht, bevor ich allein
mich zum ersten Male auf den Schulweg begab.
Auch Herr Pusch nimmt mich nun bei der Hand. Jene sanfte Gewalt, wie sie jeder
Schulweg fordert. Eigentlich möchte man ja weiterspielen, eigentlich weiter über Wiesen
laufen, sich ins Gras fallen lassen, von Helden träumen, träumen, selbst Held zu sein.
Nun hinter uns ein Bierbrunnen, vor uns das Bahnhofsmilieu. Schon hat der
Geschlechtsreifende uns entdeckt, winkt, warum wir nicht eilen? Merkbar ungeduldig, der
Geschlechtsreifende. Alles bereit zur Himmelfahrt, nur ich kann mich kaum trennen von all
dem Spielkram. Als hätte je ein Bierbrunnen mir gefehlt zur Seligkeit.
Der Geschlechtsreifende mahnt zur Eile. Ebenbild vieler Kindheiten ist er gewesen, ist es
noch, wird es sein. Wahrscheinlich stand der Geschlechtsreifende bereits vor
Jahrhunderten Himmelfahrern bei als ein Hoch auf jene Tage, in welchen das Leben sich
den Himmelfahrern freundlich zeigte.
Stunden schlagen einem, in denen das Leben sich anfühlt wie Stroh. Alles wühlt, schabt,
buddelt. Schönheit, die zum Karnickelbau sinkt. Schwer fällt es, seine Hand zu heben gegen solch Gewese. Eher möchte man vorzeitig in Verwesung geraten, als länger auf diesen Äckern Dienst zu schieben. Wie kann jemand erlangen, was nirgends grünt?
Vollends das Licht der eigenen Augen sein, derart entrückt vom Schein des Brachlandes,
wie allein Ohnmacht es vermag. Was lebt, lässt sich nicht bezeichnen, was bezeichnet ist,
lebt nicht. Gewesenes im Augenlicht pflücken. Mehr bleibt unmöglich, liegt man auf Stroh
geboren. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volk.
Beistand, wie ihn zur Stunde Himmelfahrer auf allen Bahnsteigen unseres Erdenwesens
herbei sehnen mögen. Es ist daher wohl nicht richtig, dass der Geschlechtsreifende hinter
dem Horizont weilte bei meinen Eltern, während ich vom Bierbrunnen soff. Sicher hat er zu
keinem Zeitpunkt Bekanntschaft gemacht mit meinen Eltern.
Eher scheint der Geschlechtsreifende Leerläufe in den jeweiligen Himmelfahrten zu
nutzen, bei anderen Himmelfahrern vorbei zu schauen, ob es ordentlich voran geht beim
Hinübergleiten? Am Ende verdeutlicht er wohl zaghafteren Gemütern, wie gewesen ihr
Glanz im Diesseits ist.
Ein Geschäft mit Stoßzeiten. Es graut bereits der Morgen. Und kein Himmelfahrer steht
gerne als Depp inmitten öffnender Ladenzeilen, sich einen Kaffee zu bestellen, als wäre
man ein wenig zu lang spielen gewesen.
Oft ging ich diesen Weg durch den Hauptbahnhof: treppab, eine Unterführung, treppauf.
Die ersten Male mit Schulranzen, dann mit Aktenkoffern zu neunundvierzigneunzig, nie
ohne etwas in der Hand. Nun lasse ich meine Arme baumeln, als wären sie mir eben erst
geschenkt, und es dauert mich, hier nie eine Besonderheit ins Auge gefasst zu haben, von
der ich mich nun verabschieden könnte.
Der Geschlechtsreifende und Herr Pusch eskortieren mich schweigend. Man ist wohl einer
Meinung, mir genug geboten zu haben.
Alle Etappen meines Seins über gab es wohlmeinende Angebote, natürlich, das ganze
Leben ist Angebot, ist Vorschlag, ist zwanglosestes Beisammensein. Man kann sich
vordrängeln im allgemeinen Kommen und Gehen, man kann herumlungern, glotzen, kann
mit Händen in den Taschen stehen. Immer ist da jemand, der lächelt: "Warum nicht?"
Manchmal, ganz manchmal auch jemand, der im Vorbeischieben der Massen sagt: "Bleib!"
Es ändert nichts.
Herr Pusch und der Geschlechtsreifende, beide tun sie verkehrt in ihrem Anspruch, mir
Möglichkeit gewesen zu sein und Chance. Gerade auch, weil sie selbst Gespenster sind.
Aber sowas von Gespenst ist wohl niemand, nicht Jemanden jemand sein zu wollen.
Im Kopfknast hat sich die Direktion längst davongemacht. Alle Zellentüren offen, alle Tore
hinaus ins Dunkel. Nur vereinzelte Schreckensbilder irren noch auf den Gängen. Nichts,
womit man ein Bewusstsein in die Flucht schlagen könnte. Wobei, natürlich, der Todestrakt
ausgenommen ist von jeder Direktion.
Mein Todestrakt wird sich mir bald eröffnen, der ist allein für mich.
Am Gleis haben wir Aufenthalt. Die Stimmung eines ersten Schultages liegt in der Luft. Wo
früher meine Eltern waren, geleiten mich nun Kopfgeburten zu neuen Einsichten.
Einiges an berechtigter als auch an unberechtigter Erziehungsarbeit, welche gleich gen
Himmel fährt. Freilich, die letzte große Investition des Gemeinwohls in mich liegt Jahrzehnte zurück: Von Amts wegen bin ich längst keine Keimzelle der Gesellschaft mehr.
Eher dauere ich fort als ein abhanden gekommenes Stück Dasein, dessen kümmerlicher
Rest Lebensfunktion zwar noch auf Posten ist, wie eine tickendes Uhrwerk im Unterholz,
aber sich im Ganzen reduziert auf seine Entsorgung.
Ich hetze meinen Kopfknast ab nach Empfindungen, die mir als junger Mann einst gegeben waren, wenn ich Aufenthalt hatte an Gleisen. Der Militärdienst, natürlich. Dienstschlüsse, welche nur der Drill verheißt. Bogen sein und Pfeil, jene wohlige Spannung, eines Morgens mit Schuss hinaus zu fliegen ins... Leben.
Seitdem ist mir kein Aufenthalt, kein Gleis, kein Flug mehr untergekommen, von dem ich
mir Leben versprochen hätte. Alles blieb Frist, alles Ablauf, alles Verblühen. Dabei war
mein Tagewerk weder frei von giggelnden Schülern noch von flirrenden Novizen. Ordnungsgemäß zeigte jedes Stück Weltbild seine Fülle her. Und ich erkannte mich in meinem Hinwelken als das Laub auf dem Trottoir dieser Blüte. Laub, welches selbst die
kecksten Sprösslinge sacht zur Vorsicht anhalten würde.
In letzter Instanz aber sehe ich, dass Leben auch anders kann, als mit Laub vor der Haustür. Leben verlangt nicht danach, Elend fortzukehren, es würdigt bestenfalls den Tod. Bersten muss ich, zerschmettern, damit Jungspunde meinen Überrest ehren: "Oho!"
Der Geschlechtsreifende und Herr Pusch schauen pikiert. Mein Pillchen Licht im Futteral
wirkt nicht, als könnte es jemanden dazu bewegen, sexuelle Handlungen kurzfristig zu unterbrechen oder auch nur einer Raucherpause fernzubleiben.
Die Fäuste möchte ich ballen. Werktags, frühmorgens, auf einem Bahnsteig, nach
achtundvierzig Stunden ohne Schlaf. Und leer ist der Bahnsteig. Nur ich, meine Kopfgeburten und meine gedachten Fäuste. Bis in die Zehenspitzen geht mir, was ich jemals über
Realitäten in Erfahrung brachte. Fernöstliche Lehre wie plattdeutsche Folklore. Und mit jeder Vorratskammer Erkenntnis wird der leere Bahnsteig leerer, Stein steiniger, Tunnel
schwärzer.
Erblickt man den Planeten Erde, wie launig er beschaffen ist, bleibt Glück selbst für allergemeinste Gemüter unerreichbar.
Manche brauchen Abschnittsgefährten, in "Seasons" zerkleinerte Kintöppe, Zähl- und
Nutzvieh, ehe sie grau sich an Orten dreinfinden, welche ihrer frühesten Kinderstube so
unähnlich nicht sind. Nur dass dort keine Mutti nach dem Rechten schaut. Was aber ein
Fortschritt kaum ist.
Mit dem Menschen verhält es sich wie mit Blechspielzeugs: Aufgezogen wird es zur Unmöglichkeit, selbst in der Luft die Beinchen stillzuhalten. So lange das Pump- und Schlagwerk abläuft, kann Verkehr aller Art auf uns zählen.
Wer will auch schätzen, was es für eine Mark fünfzig im Blumenhandel gibt? Solch Gezier
wird unser Wesen wohl nicht sein. Linksabbieger sind wir und nach dem Rechten Schauende, statt Guck-in-die-Lufts der Natur.
Wer schert sich um den Himmel, um dieses nach oben offene Reich. Wir bleiben beim
Blech. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volk.
Der Geschlechtsreifende macht Miene, dass speziell gegen Sonnenaufgang hin Stoßzeit
sei, weil viele Durchnächtigte ungern noch einmal der Sonne ins Angesicht zu sehen wünschen. Überhaupt gäbe es würdigere Himmelfahrer. Und an Herrn Pusch soll es gewiss
nicht liegen. Man könnte noch an der Bahnsteigkante Hände schütteln, jeder seinen Geschäftsgang wieder aufnehmen. Ich habe noch Urlaub, ein Schlüssel liegt beim Hausmeister. Einige kleinere Wege, dann könnte ich meine Butze runterwohnen, als sei ich nie fort,
nie hier gewesen.
Wer mag bestreiten, wie unanständig jener Mutwille ist, den ich hier treibe mit der mir zugestandenen Frist in Fleisch und Erden? Dafür hat bestimmt niemand einst Mobiles über
meine Wiege gehängt, niemand Stützräder an mein Fahrrad montiert. Leben darf, wie es
will, stets hat es als Geschenk zu gelten. Selbst, wenn es grausam sich zu erkennen gibt,
wenn es mit dem Tode droht jahrelang.
Geschlechtsreifende sehen im Leben den putzigen Verehrer, der ihnen Wegesränder
schmückt, ihnen Liebeshaine pflanzt, der ihren Ohren musiziert und ihnen zartes Fleisch
zum Gaumen führt. Mir hingegen hat das Leben sich endlich als ein blutrünstiger Aasfresser gezeigt. Kein Tag, an dem das Leben nicht zwei Tische neben mir lauert, jeden meiner
Bissen fixiert, ob ich -jetzt!- daran verende.
Natürlich, nun stehen Herr Pusch und der Geschlechtsreifende mir bei, was denn so
schlimm sei am Leben?
Da wird dann freilich ein unschuldiger Bahnsteig hergezeigt, mit Werbung, dass ja wohl jeder selbst verantwortlich sei. Aufforderungen, gefälligst einen Stern zu gebären, statt hier
zu jammern, statt jedermann in Anspruch zu nehmen mit wilden Verdächtigungen und mit
Gespinsten.
Dabei wissen wir beide, das Leben und ich, dass das Leben bereits im Dunkel meiner Butze lauert, mich zu fesseln, mich zu knebeln, mich in einer Kiste mit dem Namen "Tod" jede
nur erdenklichen Furcht leiden zu lassen.
Ich entschuldige mich gegenüber dem Geschlechtsreifenden wie gegenüber Herrn Pusch,
indem ich das Aufzählen von Kindereien beginne, was damals im Angesicht der Gärtnerinnen gegreint wurde, während alles um einen herum nur vom Frieden wusste.
Ratlosigkeit bei den Gärtnern meines Kopfknastes nutzend, greife ich hurtig nach dem
Herrn Pusch, ehe ich mich dem Geschlechtsreifenden zutraulich zeige. Beide fasse ich sie
bei ihren Händen, das Eisenbahnspiel hier nicht zu beenden, nicht das Licht auf dem
Bahnsteig zu löschen, mich nicht alleine zu lassen mit dem Leben bunt und schreierisch
beklebten Steins, mit lauter Erscheinungen zivilen Seins, die angeblich für die Ebenbilder
eines Gottes stehen.
Der Geschlechtsreifende atmet durch, Herr Pusch tut es ihm gleich: bis zum Morgen harre
man bei mir aus, danach sei ich auf mich gestellt. Dabei macht Herr Pusch mit der Hand,
als ließe er einen Vogel frei.
Ich schaue vorbei an Herrn Pusch, hinein ins Dunkel des Tunnels: Du freier Vogel Du, wir
warten hier alle auf Dich! giert das Dunkel nach mir.
Wer weiß es denn, ob man nicht tatsächlich bleibt, wo man sein Ende sich bestimmt und
urkundlich gefunden hat? Auf Bahngleisen, am Rande eines Tunnels, weder Arm noch
Bein, sondern helles, klares Auge, welches einen sehen macht, wie der Bahnsteig sich erfüllt unter den Massen Werktätiger. Werktätige, die mal lang, mal kurz tragen, mal lachen,
mal nicht, während man selbst verworfen ist von jeder Jahreszeit, allein auf Abriss hoffen
darf, auf Zertrümmerung. Die Steine im Gleisbett als Seelen einstiger Himmelfahrer, wel-
che vorm Tode sich zierten, und nun im Gleisbett Unterwelten davon entfernt sind, Wunden zu erleiden.
So viel Spuk in den Köpfen. Dass alles nur entsetzlicher wird, wenn man nicht tut, wie einem geboten. Kein Gedanke daran, auf ewig eine Geriatrie zu durchgeistern oder einen
Seniorenstift, dem Leben Linoleum zu sein oder Auslegeware. Einem Geheißenen führen
alle Richtungen nach oben.
Die Bahn kommt, rumpelt blitzend und pfeifend mir zwischen meine Furcht. Handeln können, im Vorwärts sein: wahrscheinlich scheidet so die Masse sich von versprengten Himmelfahrern. Massenweise seinen Leib aus dem Bette stemmen, ein Duschbad nehmen,
Essen fassen: Mag solch Entschiedenheit in ihrer Summe auch Null ergeben, dem Leben
wird so übers Maul gefahren, kaum dass es sich anschickt, Werktätige zur Flucht zu verlocken. Als bäte man den Eifernden, kurz die Tüte Eiscreme zu halten, man wolle schräg
über die Straße einer Musik Ehre erweisen. Noch dem finsteren Gevatter seinen Scheitel
zu ziehen, darin zeigt der Werktag Größe.
Tatsächlich merkte ich mir als Schüler Nummern von Bahnwaggons, "9955" etwa, und
zweigte so dem Leben manchen Gedanken ab, was das Wiederkehren bestimmter Waggons an bestimmten Tagen zu bedeuten habe? Freitags in den 9955 steigen, hatte etwas
von Auserwählt sein. Da blieb das Leben dann dumm auf dem Bahnsteig zurück, seine
Kiste "Tod" vor anderer Leute Augen zu schleifen.
Auch der Bahnwagon, in dem ich und meine Kopfgeburten nun Platz nehmen, ist mit einer
Nummer versehen. Aber die darunter gedruckte Bitte, jene Nummer zu benennen, falls
mal etwas sein sollte, verhindert hier den Zauber zwischen Mensch und Nummer.
Bestimmt wollen wir uns fühlen von Nummern, erkannt, auserwählt - nicht mit einem zusätzlichen Mittel versehen, Obrigkeiten Meldung zu machen.
Derart übel kommt mir die Nummer des Bahnwagons, dass ich sie beinahe als Schild an
meinem großen Zeh empfinde, wie ein Assi sie in den Papierkram trägt.
Ruhend, befreit vom Blute: mir gelingt auch nach schlaflosesten Nächten keine rechte Vorfreude auf dies Fort- und Vergangen sein.
Stets ist es meinem Wesen ein Vergnügen gewesen, in leeren Waggons zu reisen. Nirgends das Verlangen nach dem Rudel. Auch jetzt genügen Artgenossen mir als eine Zierde meiner Vorstellungen vom kommenden Sonnenaufgang: Erst der zufällige Passant,
möglicherweise ein Herr mit Hund, hoffentlich eine Joggerin, jung, mit Musik im Ohr. Dann
Schutzpolizei, dann Gesundheitswesen. Absperrband. Kaum wage ich mir junge Leute
einzubilden, die vielleicht von meinem derart geborgenen Leib begeistert werden, es sich
eine Lehre sein zu lassen: "So kann es enden!" werte ich schon als Erfolg.
Wäre der Erdball Zeit meines Daseins leer gewesen und wüst, ich hätte von Träumen neuen Lebens leben können. Bedeutungslose Tatsächlichkeit, statt tatsächliche Bedeutungslosigkeit.
Natürlich, wüsste ich mich in meiner Hochhausbutze behütet, auf achtsame Weise bevölkert, vielleicht könnte ich entschieden länger ausharren. Nicht des Lebens einzige Geisel
zu sein, wie tröstlich. Wir Geiseln würden uns etwas vorbeten, würden uns etwas vorhoffen. Einfach, weil das Leben dann in meiner Hochhausbutze mehr Auswahl hätte, wen es
in die Kiste "Tod" zerrt.
Tragende Wände meines Kopfknastes machen sich davon, Mauer um Mauer fällt. Wobei
es eher so ist, dass all das in Jahrzehnten fest gefügte mir leis entschwebt. Als lösche
mein Denkapparat sich aus, neuen, vielleicht reinkarnierten Nutzern zu dienen.
Ein letztes Mal ist das Bewusstsein nun angetreten. Dabei drängt sich entschieden vor,
was mir Kindheit war. Wie ich einst durch Nächte mich spann. In letzten Zugverbindungen,
die doch meine ersten waren.
In den ersten letzten Zügen durfte es kleingeistig zugehen, für mich Kind wuchsen Spieleabende zu Weltereignissen. Vor höchsten Gerichten wie in Fegefeuern hätte ich würfeln
können. War die Reihe nicht an mir, stand das Leben still.
Ob zukünftige Besitzer meines Denkapparates sich vielleicht im Halbschlaf oder im Suff
wundern über Reste solchen Empfindens? Einmal zum Bild gefügt, erkenne ich wenig,
was runderneuerbar wäre. Der Markt an Eindrücken ist zu gering, um keine Dankbarkeit
zu empfinden für das, was man im Dachstübchen bereits vorfindet, mag es auch auf seltsamsten Wegen dorthin gelangt sein.
Ein Hütchenspieler des Mittelalters, vielleicht verlor er sich einst in mir, vielleicht langten
meine Hände nach dem, was seine nicht zu Ende führten.
Kein herausragender Spielkamerad bin ich den Jahrmärkten gewesen. Man tat wohl recht
daran, mich als Letzten aufs Feld zu wählen, wann immer ein Ball vorgeholt wurde.
Wobei ich mir selbst am übelsten mitspielte, mich einerseits zu berauschen an den Horizonten fröhlichen Hin und Hers - zum kommenden Meister mancher Ballsportart ernannte
ich mich - andererseits aber weder zu Tritt noch Wurf fähig zu sein.
Als wenn eines Menschenkindes Verstand sich derart verirrt, fortan sich berufen zu fühlen
wie das Gebiss eines Haies oder wie das Auge eines Falken.
Bald drei Jahrzehnte lauerte solch Getier im Hintergrund meines Verstandes. Kein Kindskopf hält sein Dahinsterben aus, glaube ich, ohne der Menschen Tagewerk wie Budenzauber zu erfahren, wo man mal von dieser, mal von jener Attraktion eingezogen wird.
Fortwährend berief ich mich, ließ im Geiste Türen fliegen, mir katzbuckelnde Ehr erweisen,
und stand doch nur daneben, derweil jedes Gör das Schicksal als Schießbude nahm, dagegen an zu bolzen. Füße ohne Willen. Willen ohne Füße.
Auf Füßen mag ein Mensch wohl wund werden, mag wohl Blasen schlagen und vor Pein
ganz stille stehen, doch kann er den Gang seiner Geschäfte stets im Erdenreich neu aufnehmen.
Wie dagegen mit eines Menschen Willen, der von keinem Triebe weiß, sich an mancherlei
irdische Frucht zu wühlen? Auf Himmelswegen ist nicht gut schanzen.
"Last Train Home", der Titel einer Musik, von welcher ich mich seit Jugendzeiten rühren
lasse. Solche Töne anzuschlagen, tut mir vielleicht besser, als bis aufs letzte die Leere ringsum ins Vertrauen zu ziehen. Wer summt, irrt nicht.
Ein Hadern und ein Plappern, wenn ich es richtig bedenke. Weil der Weg zum Fallbeil selten absehbar ist. Leben, wie es sich umgekehrt zur Aussicht verhält. All die Horizonte, von
denen ich mich ins Gras verbringen ließ, den Tag mit Träumen durchzubringen. Und selbst
wenn weithin hundert Fallbeile zu besichtigen gewesen wären, ich hätte keinem geglaubt:
So gerade kann dem Kindskopf der Weg gar nicht sein, ein Fallbeil auf sich zu beziehen.
Wann fing es an, dass ich selbst in Messerchen für frische Früchte den Tötungsmechanismus gewahrte? Noch dem harmlosesten Gedeck an meines Schöpfers Tafel gewann ich
grausame Wendungen ab. Unerhörte Rasereien, reichlich Absonderungen, rasches Sinken. Meine Blumen wussten von keiner Jahreszeit mehr. Binnen eines Flügelschlages
konnten sie verdorben und gänzlich dahin sein. Das Erdreich hörte auf, mir Blüte zu verheißen. Fortan schlang es hinab, was mir Morgen war.
Ich summe vor mich hin, während aus dem Lautsprecher eine freundliche Stimmkonserve
mein Leben Bahnstation für Bahnstation mehr als Gepäckstück erscheinen lässt, als ein
sperriges Frachtgut. Etwas, das in seinem Abteil mal ins eine, mal ins andere Eck sich stapelt, während es gleichgültig Richtung Endstation bugsiert wird. Ein summender Karton
Vergangenheit.
Es ist schwer, seine letzte Zugverbindung ins Gewicht fallen zu lassen. Ich lege meine
Hand aufs Herz, Kostbarkeit zu spüren, Süße. So leis dieser Schlag, so unentwegt. Als
würde man aus der Tiefe Zeichen geben, endlich dem Lichte beigebracht zu werden. Und
ich drumherum ein Keller, eine Senke verkohlter Ereignishaftigkeit. Hysterie das alles, dies
ausdauernde, dies verfluchte Unterwegs sein. Um mein Herz hätte ich herum stehen sollen, statt meine Vorstellungen von der Welt zu begaffen. Als wenn auch nur in einer
Fremdheit etwas die Stunde schlägt, das mich erretten könnte.
Blut lecken wollen, immer wieder, als wüsste niemand in uns von diesem Safte. Befrieden,
was friedlich zur Welt gekommen. Aufs Fressen hätte ich mich besinnen sollen. Stundenlang Rauch auf Feuerstellen treiben, rohe Stücke feinwürzen. Mut zur Beute hätte ich fassen müssen, ja. Im Munde strömt es mir zusammen und im Schritt, als Vögel mir kommen,
Chicks, wie Reißzähne sich ihrer bemächtigen, in sie dringen, wieder und wieder. "I wanna
be your Chick", deklamiere ich: "I wanna be your Chick!"
Entschieden verlange ich nach dem Geschlechtsreifenden, der schon dabei war, sich am
Rande meines Kopfknastes zu verflüchtigen. Wild komme ich Herrn Pusch, gefälligst mit
seiner himmlischen Baggage innezuhalten, bis ich alles Fleisch auf große Fahrt geschickt
habe. Noch sind meine Hände zu mehr gut, als über der Brust gefaltet zu liegen.
Da gucken beide. Man wäre doch beim Freudenmädchen vorstellig geworden. Herr Pusch
heißt mich rausspähen, als wir in den nächsten Bahnhof einfahren: Er ist ebenso leer, wie
sein Milieu geschlossen. Der Bierbrunnen, das Little Nietzsche - die Indizien gegen ein
Tier in mir sind erdrückend. Mich auf allen Vieren zu verlieren, es wird mir niemals
glücken. Was überwunden, lässt sich höchstenfalls präpariert in den Keller stellen. Das
Äffchen etwa, das im Kindergarten ein anderes Junges vom Gerüst schubste. Will ich bis
ans Ende meiner Tage schräg gegenüber der Waschküche Rituale treiben wegen längst
erloschenem Getier? Es ist doch alles ein fortwährendes Gackern um Vergangenheit, unter unseren Händen hinweg gestorbenes Irrsein. Auf einem Friedhof zur Besinnung kommen, aber wenig Lust haben, sich dazuzulegen, wenn man schon mal dort ist.
In gedeckten Farben durch seine Zeit auf Erden huschen. Wer nach mehr verlangt als einem Aschgrau, wird knapp beschieden, was er eigentlich wolle? Bestimmt fände ich an
der Bahnstrecke einen Marktplatz oder einen Anger, von wo aus ich den beginnenden
Morgen anbrüllen könnte.
"Dann brüll doch", seufzt der Geschlechtsreifende, der seinem Schichtende entgegen
sieht. Selbst meine Kopfgeburten wirken nun wie Geiseln eines Durchgeknallten. Weil gegen nichts im Leben wirklich etwas vorzubringen ist. Wahrscheinlich komme ich nachher
sowas von im Licht der aufgehenden Sonne zum liegen, dass jeder versucht ist, mich anonymst und so weit als möglich am Rande zu verbuddeln.
Ich schaue Herrn Pusch an. Herr Pusch schaut zurück wie jemand, der Hunger schiebt.
Vielleicht sollte ich meine Begleiter mit Stullen versorgen, bevor wir zum Finale schreiten.
Ein früher Leichenschmaus.
Nun kommt es mir doch, mein Grinsen von vor Ewigkeiten. Dies Grinsen süffiger Jugend,
welches dem Eiferer begegnet, wie er sich nach getaner Hetzrede über Fleischbällchen
hermacht und über Kanapees, wie alles in ein leibliches Wohl mündet, welches an das
Sein von Pfeffersäcken erinnert.
Ich grinste über Widersprechende, ich grinste über Einvernehmliche. Wenig, was mir nicht
zur Witzfigur taugte.
Für eine kurze Weile nun ist es zurück gekehrt, jenes Grinsen. Ich betrachte es sorgfältig
im Spiegelbild der Scheibe, die mein leeres Abteil trennt von den anderen leeren Abteilen
des Bahnwagons. Ein illuminiertes Werk Muskulatur, welches ich früher oft entspannen
musste, damit ich in den Schlaf fand. Würde man mich der Totenmaske für wert befinden,
man könnte noch Generationen später ahnen, was das war, mein Grinsen, welch fiedelndes Ereignis Leben.
"Kiwittsmoor", klingt es freundlich aus dem Lautsprecher. Das Grinsen ist weg. Der Todestrakt.
"Geh gerade!" tut Herr Pusch mir einen Gefallen, als wir uns zum Ausstieg begeben.
"Brust raus!" Jene Kommandos Wissender, welche dem selbstvergessenen Kinde erste
Stöße zueignen, es selbst zum Stoße zu befähigen. Erziehungsberechtigte schätzen junge
Wölfe, denen man von gedeckten Familientafeln aus Fleisch zukommen lassen kann, ihre
Zähne daran zu erproben. Das Blut mit dem Blute mengen, auch dem frühen Tag sein
Maß an Verderben bedeuten - anders lässt sich der Todestrakt kaum bestehen.
Zischend wie eine Höllenpforte entleert sich die Bahn. Beinahe angewidert wirkt das Szenario, befördert zu haben, was kein Zuhause mehr aufnehmen will.
Gleichmütig dagegen der Bahnsteig. So vieles blutet dort aus, so vieles fährt auf Nimmerwiedersehen dahin. Von den Mengen an Ausläufen, welche wir Zweibeiner der Welt abgewonnen, ja, abgetrotzt haben, sind Bahnsteige mir mit die liebsten gewesen. Hallenden
Schuhs patrouillierte ich dort im Geiste eines erwachsenden Lebens, bedachte Zeitfragen,
stellte meine Jahre denen der Artgenossen gegenüber, errechnete Chancen... Bahnsteige
schienen mir als Gewandhäuser vor dem Höchsten.
Ohne Geld zu sein, Bahnsteige verzeihen uns das. Auch mit nur ein paar Pfennigen Taschengeld im Schulranzen fühlte ich mich noch bestens bedient. Ist einem aber das Leben
ausgegangen, werden selbst Müllbehältnisse frech. Mutwillig stehen sie da, ob man lieber
gleich hineinsteigen wolle? Keine Bank, welche sich nicht sträubt gegen meinem Bedürfnis
nach Schlaf und nach Frieden. Allein das Grün, das aus dem Stein gewachsen ist, scheint
mir Gefährte sein zu wollen. Beinahe möchte ich mich zudecken mit tausenderlei Gewächs, welches so den Weg ins Sternenrund fand.
"Erde wirst Du noch genug!" betont der Geschlechtsreifende das Tatsächliche meiner Himmelfahrt. Er hat keinen Bock mehr. Jeder Anwandlung auf unseren Wegen begegnete ich
mit der Aufforderung an den Geschlechtsreifenden, mir mein Grinsen zu gewähren. Einmal
war er so freundlich, nun jedoch hebe ich von Neuem ab, wieder grün sein zu wollen.
"Du hast mich genug beliehen!" stellt der Geschlechtsreifende klar. "Komm zu einem
Ende." Herr Pusch und der sich rötende Morgen schweigen zustimmend. Keine Kreditlinie
mehr in was für eine Rausch auch immer. Zahltag.
Bleich geht es die Treppen hinunter, anzukommen am Ende aller Träume. Beschlossen
sein und verkündet, man kann es sich kaum vorstellen, weil immer noch etwas geht,
schlägt, weht. Aber meine Begleiter lassen mich nun nicht mehr aus ihrer Mitte. Behutsam
werde ich abgeführt, belassen in meinem Willen. Soll er doch laufen, ja, soll er doch abhauen! Frei bin ich wie ein Dreijähriges. Brüllend, stolpernd, mit ausgestreckten Ärmchen
kann ich mich davon machen. Nur wohin, wohin?
Die Uhr auf dem Vorplatz steht finster in ihrem Recht: Gleich wird sie dem Morgen seine
vierten Stunde bedeuten. Keine zwei Stunden mehr, schätze ich. Keine zwei Stunden.
Jegliches Streben ist mir verflogen. Als käme etwas Aufgezogenes zum Stillstande. Der
Geschlechtsreifende könnte mich zehnmal überflügeln, hielte er sein Ausschreiten nicht
mühsam in den Grenzen meines Wesens. Jenes langsam machen, welches mir Kinde so
geläufig war. Nun bin ich es, der kaum mehr reinlich zwischen Diesseits und Jenseits
scheiden kann, mal hier zögert, mal dort, insgesamt allein ins Irre gehen kann. Wobei ich
so helle bin, so licht, so klar, dass es ein Entsetzen ist.
Gerne würde ich, verjüngt, himmelblaue Shirts tragen, mit sonnigen Löwen drauf, verblendet sein von hunderterlei Spielerei.
Wohl ginge mir die Kraft noch, das Naherholungsgebiet des Kiwittsmoores zu durcheilen,
doch leuchten alle Laternen mir zum Scheine. Wo meine Füße gemeinhin, weiterhin und
immer noch Boden spüren, voll des Schotters, des Sandes, des Gefleuches, weiß mein
Geist nur vom Nichts. Mit den Füßen abstimmen, ja, es ist ein Ding der Kinder.
Stehen bleibe ich, die Füße von Herrn Pusch zu beäugen. Und das war mir bereits als
Kind so, dass die Füße grausam abfielen von den Ornaten und den Talaren. Als hätten Furien dort Unterschlupf gefunden, listige kleine Stapfen, die unter ihrer angezogenen Würde
Purzelbäume schlagen mochten.
Herr Pusch verwahrt sich, fässt an seine Brust, dorthin, wo das Herz schlägt, redet auf
mich ein... Ruhig stehe ich, gefasst wie seit Tagen nicht mehr. Fern wird mir Herr Pusch,
immer ferner. Mit einem Male stehe ich allein, stehe allein im Rauschen der Blätter.
Das Frieren, das jeder Einsamkeit eigen ist, überkommt mich in Maßen. Ein schöner Sommertag wird es werden. Ohne mich. Und es ist okay.
Als wäre ich getrennt worden von der Erde, als gewänne ich sanft an Höhe. Hinauf zu steigen in den Frieden einer verlorenen Sprache. Kein Begriff lässt sich dafür finden, was jenseits der Wolken ist, kein Ort, den es zu erfüllen gilt.
Vom Wind bin ich nun geborgen, als wäre ich sein eben heimgekehrter Erstgeborener.
Nichts, was die Erde mir zur Liebe anbefahl, vermochte je mich derart zu befrieden: Ein
schöner Sommertag wird es werden. Ohne mich. Und es ist okay.
Ich fühle mich Lächeln. Ich lächle, lächle, wie ich immer geträumt habe, zu lächeln. Ich,
der ich eben noch Sehnsucht empfand nach dem entsetzlichen Grinsen meiner Jugend.
Kein Teufel, welcher mir mehr Gott war, als dieses Grinsen. Und nun lächle ich, lächle.
Meine Haare, meine Arme, alles ist mit dem Wind. Ein letztes Mal könnte ich hier im Park
am Kiwittsmoor den Wegen meiner Kindheit nachtrauern, vergangenen Fortschritten gedenken. Ich tue es nicht. Quer wandle ich über die Wiesen, will neu sein, weder alt noch
jung, neu. Beinahe weine ich vor Bereitschaft, vergessen zu sein, beinahe winke ich den
Vögeln. Doch es ist kein Raum mehr vor lauter Wandeln. Satzweise denke ich, satzweise
vergesse ich.
Da ist auch schon die Landstraße, das Krankenhaus, in dem ich Menschenkind geboren
ward. Keine Stunde mehr, lächle ich.
Nein, selbst vor dieser Kaserne des Gebärens, die sich Krankenhaus nennt, mag ich nicht
verweilen. Mein Grinsen hatte Vielfältigem etwas hinzuzufügen, was so einfältig in der
Welt war, wie das Vielfältige. Mein Lächeln hingegen kann vorüber an der Welt, will vorüber: Ein Menschenleben, dessen Friede das Vorübergehen ist.
Am See vorüber der Pfad hinein ins Gewerbegebiet. Verlassene Betriebshöfe begeistern
mich. Diese Ruhe nach aller Geschäftigkeit. Überhaupt, wenn Stille sich das Leben zurück
erobert. Gerne will ich Platz nehmen gegenüber von Lieferwagen und Arbeitsgerät, will
nach Fahnen spähen, will Mauern in Augenschein nehmen. Aber, ach, manch Kabäuschen, manch Arbeitseinheit ward bereits unter Licht gesetzt. Und Menschen mag ich
gewiss keine mehr sehen.
Mit beginnender Morgenröte öffnet sich der Horizont. Leise Bilder von Ackerbau nun. Allzu
sehr habe ich mich vergessen, um weiterhin jener Früchte zu gedenken, die ich hier einst
pflückte. Als das Leben mehr Acker war und ich mehr Bauer. Nun will ich nicht nur nicht
mehr, ich bin auch nicht mehr.
Mag mir das Licht des Tages noch aufgehen, ich werde weiter keinen Sinn darin erkennen,
außer, dass beschienen ist, was sich mir verdunkelt hat.
Am Segelflieger aber hält mein Bewusstsein fest als ein notwendiges Gefährt hinüber. Besonders an jenen harten Flügeln, deren Freundschaft mit dem Winde damals im Werkunterricht außerhalb meines Höhensinnes blieb. Wie es sich mir auch jetzt nicht vollends erschließt, auf welche Weise es gen Himmel gehen soll. Doch als ich Schwung nahm an jenem Freitag vor fast vierzig Jahren, als ich losließ, stieg mein Segelflieger umstandslos in
Richtung der Wolken.
Vor mir, die Landstraße entlang, neigt sich alles dem Wind, welcher beinahe zum Sturm
ausgewachsen ist. Freie Sicht auf den Berg nun. Fahrräder langen in meiner Erinnerung
an, knatternde Mofas. Wie wir Schüler einst den Berg uns aneigneten, wie wir im Kräftezehren des Sturmes noch lachten: Dies verlassene Stück Leben soll nun der Himmelfahrt
Erfüllung sein. Ein Hügel aufgeschütteten Erdreiches, fern jeder Menschenseele. "Berg" ist
das vom Unkraut bewilderte Land allein auf meines Irrsinns Kartengeschmier.
Je näher ich komme, desto abweisender erhebt sich der Berg im Jenseits einander kreuzender Landstraßen. Beinahe Feind scheint der Berg dem Kinde nun, das einst mit rotem
Schlitten des Berges Rücken zu erobern gedachte. Lange, bevor es mit Segelflieger anradelte, sich auf dem Berg obendrein noch die Lüfte einzubilden.
Mich als solch phantasierendes Geschmeiß einer Himmelfahrt zu verweigern, weil noch
etwas Frist hingewest sein will, es erscheint mir absurd. Erkannt ist nun, dass vor meiner
Bretterbude Persönlichkeit kein Licht je verborgen war, dessen Abwesenheit Götter nutzten, mit mir Verstecken zu spielen, sondern schlichte Finsternis sich entleerte.
Ich schlage mich hinein ins Grün, stolpere durch ein gewesenes Tor, das, blau gestrichen
und seiner Angeln enthoben, im Graben liegt. Auf die wehrhafte Spitze des rechten Torpfostens ist eine Bierdose gespießt.
Wenn solch eiserne Zeitgenossen schon derart verworfen sind vom Leben, mit welchem
Recht erhebt sich auch nur eines von uns Menschenkindern? Deutlicher kann wohl niemandem bedeutet werden, es endlich gut sein zu lassen.
Bergauf kraxeln, trotzdem, verdammt nochmal in der Höhe vorübergehen wollen. Kein Gedanke an einen Fuß des Behagens, dass alles ja irgendwie bestehen muss. Grund gewinnen, selbst auf allerletzten Metern misslingt es.
Luft gefressen, eine lange Weile des Daseins nur Luft gefressen. Es hat ja mit dem Winde
nun allein noch die Bewandtnis, am schonendsten jenes Fleckens Boden Größe 46 verlustig zu gehen, den man bestenfalls bestanden. Dass niemand sich dabei verrecken möge,
im Oberstübchen unserer Sinne anzulangen, sondern dass es derart Strebsame hoffentlich - bautz! - von den Füßen holt, friedlich zerschlagen im Grase zu enden als lächelndes
Aas.
Eine Steigung noch, beinahe auf allen Vieren, dann bin ich an mein Ende gelangt. Selbstbestimmt mein Ende, und doch derart beliebig, dass es kindisch wirkt: Während alle Welt
sich für den hereinbrechenden Werktag rüstet, hampelt da einer auf einem Haufen Erdreich herum. Untersagt fühle ich mich, zu sehe ich, von keiner Landstraße aus einsehbar
zu sein. Standen Schlitten und Segelflieger unter väterlicher wie staatlicher Obhut, eilt nun
allein jene Scham hinzu, an Geheiligtem sich zu vergehen. Im Vergehen vorübergehen.
Noch könnte ich unbemerkt mich zurück stehlen. Nahebei ein Busbahnhof, ohne Aufsehen
in meiner Arbeitseinheit anzulangen, "hier!" zu rufen.
Doch als ich vor zwei Tagen um mein Leben kalkulierte, kalkulierte ich klug: Beinahe nach
vorne über möcht ich fallen im Trane zweier Nächte ohne Schlaf. Wahrscheinlich sind
kaum mehr genug Botenstoffe in mir, mich von einer Bettruhe mit Raubtieren fernzuhalten.
Rasch verwüstet das Land unter fliehenden Augen, drängt ringsum zum Eyland zusammen, an jedem Ufer schunkelnd abgegrenzt durch kaum mehr deutbares Bewegen. Der
Wind nur heißt mich bleiben in seiner Frische, heißt mich Folge leisten.
Zu Boden gehe ich. Kein sanftes Sinken, jedoch klingt das Rascheln des Gestrüpps nach
einem herzlichen Willkommen, knirschen Steine mir zum Feste. Rücklings entfällt mein
Bild der Welt, Himmel Ahoi in alle Richtungen. Gesalbt bin ich vom Winde und Erstgeboren.
Als ich das Pillchen Licht in meiner Hand spüre, wie es sacht zum Schlunde sich drängt,
schreckt das Herz ein letztes Mal hoch, treulich Alarm zu schlagen. Es ist ein Schlagen in
einem leeren Hause.
An den Lippen nun das Licht. Ungeküsste Lippen, welche rasch sich der Verheißung ergeben. Zögern auch die Zähne, so ist meine Zunge allzu willig in ihrer Jahrzehnte währenden
Vergeblichkeit. Hinab fällt das Licht, dem Finstern entgegen.
Durch und durch geht mir das in mich hinein fallende Licht. Überall ist nun Licht. Unbeschreiblich zieht die Morgenröte herauf. Kaum meine ich einen Ton Farbe benennen zu
können, erklingt satt ein neuer. Nuancen, welche allein für sich Anfang sein können und
Ende.
"Wunderschön..." höre ich mich flüstern. Dann stehen die Lungenflügel still. Einfach so,
nach fünfzig Jahren. Gerade noch reicht es hin für den Gedanken, wie ich aufgefunden
sein will: Füße zusammen, Hände an die Hosennaht, entschieden Richtung Himmel zeigen.
Ich schließe meine Augen. Ich lächle.
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