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Gilgenberg vor 700 Jahren was war da eigentlich ?

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Berndt Bleckmann
Gilgenberg vor 700 Jahren
was war da eigentlich ?
Ein Beitrag zur Geschichte der Gemeinde Gilgenberg
im 13. und 14. Jahrhundert
2
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Inhalt
VORWORT....................................................................................... 5
1. DIE BEVÖLKERUNGSEXPLOSION IM 12. UND 13.
JAHRHUNDERT .............................................................................. 7
2. DIE ENTSTEHUNG VON GILGENBERG................................... 9
3. DER HERZOG UND DIE GRAFEN VON BURGHAUSEN....... 11
4. DAS AUGUSTINER CHORHERRENSTIFT RANSHOFEN ...... 13
"Über das Elend des Menschseins"............................................................ 14
Die Schenkungen an das Stift .................................................................... 16
Der Grundbesitz des Stiftes Ranshofen...................................................... 17
Die Einnahmen des Stiftes......................................................................... 18
5. DIE STÄNDE IM MITTELALTER............................................. 21
Ritter und Bauern...................................................................................... 21
Die Leibeigenen........................................................................................ 23
Die unfreien Lehen-Inhaber....................................................................... 26
Die Ministerialen ...................................................................................... 28
6. DAS GERICHTSWESEN............................................................ 28
Der Landrichter von Burghausen............................................................... 30
Heintzl Ampman von Sand Jlligenperg...................................................... 31
Was der Scharfrichter bekommt ................................................................ 32
"Prauten" .................................................................................................. 33
Die Schranne zu Gilgenberg...................................................................... 33
7. DER BAUERNSTAND IM HOCHMITTELALTER ................... 35
Die Viehzucht ........................................................................................... 35
Preise für Tiere im 13. Jahrhundert............................................................ 37
Die Bienenzucht........................................................................................ 37
Der Ackerbau............................................................................................ 38
Bier und Obst............................................................................................ 40
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3
Über das Waffentragen.............................................................................. 41
Kleidungs- und Ernährungsvorschriften..................................................... 41
Die Bauernhäuser...................................................................................... 43
Gilgenberg 1829 ....................................................................................... 46
8. DAS URBAR VON 1240............................................................. 48
Die großen Höfe: Zahberger, Stockner, Hopfersbacher, Maierhofer,
Pirach, und der Hof zu Rudolfstal.............................................................. 51
Die mittelgroßen Bauern, die "Huber" ....................................................... 52
Wie hoch war die Belastung durch die Abgaben ? ..................................... 53
Der Kirchenzehnt ...................................................................................... 54
Kleiner Zins, großer Zins .......................................................................... 55
9. DAS URBAR VON 1330............................................................. 56
Was hat sich zwischen 1240 und 1330 verändert ?..................................... 66
Die Bauerngüter um 1240 ......................................................................... 67
Die Bauerngüter um 1330 ........................................................................ 68
Der Zahlermeier ........................................................................................ 69
Der Moihofer müßte sich was erspart haben .............................................. 70
Der Hopfersbacher ist Zeuge bei einem Menschenhandel Das älteste Zeugnis aus Gilgenberg vom Jahre 1180.................................. 70
Hofteilungen ............................................................................................. 71
10. HELMBRECHT ....................................................................... 72
Eine historische Begebenheit..................................................................... 73
NACHWORT .................................................................................. 76
und die Hügelgräber beim Gänsfuß ?......................................................... 76
LITERATUR................................................................................... 77
DIE QUELLEN ............................................................................... 78
VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN.......................................... 78
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4
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Erläuterungen
Frühmittelalter = die Zeit nach der Völkerwanderung bis etwa 1000
Hochmittelalter = 1000 bis 1300
Spätmittelalter = 1300 bis 1500
Karolingerzeit = Zeit Kaiser Karls des Großen und seiner Nachkommen = 9. und 10.
Jahrhundert
Hochgericht = Blutgericht = Rechtsprozeß, der sich mit den Kapitalverbrechen, Diebstahl,
Notzucht und Mord beschäftigt.
Höriger = unfreier Inhaber eines Lehens, für das er dem Grundherrn Zins zu zahlen hat.
Meist kommen noch andere Verpflichtungen hinzu.
Hube = Bezeichnung für die Größe eines Hofes. Eingeteilt wurde in ganze Huben, halbe
Huben und viertel Huben. Die ganze Hube hatte etwa 7 bis 15 Hektar.
Lehen = Das Wort hängt mit "leihen" zusammen. Ein Lehen ist ein geliehener Besitz, der
vom Eigentümer wieder zurückgefordert werden kann.
Ministerial, Ministerialer = direkter Bediensteter des Herzogs oder des Grafen, modern
gesprochen, ein Beamter.
1 Pfund Pfennige = 240 Silberpfennige
Scherge = Gehilfe des Richters, auch als „Gendarm“ tätig
Schergamt = Gerichts- und Polizeibezirk des Schergen
Seelgerät = Jahrtagstiftung oder Stiftung einer Messe für die Erlösung der Seele eines
Verstorbenen aus dem Fegefeuer. Die Stiftungen bestanden aus Gütern, seltener aus
Geldgaben.
Urbar = Verzeichnis der Besitzungen eines Grundherren, das sind in der Regel die
zinspflichtigen Güter und Höfe.
Vasall = ein adeliger Gefolgsmann eines Herrschers
Der Zehnt = Der Zehnt wurde seit dem Frühmittelalter von allen Christen gefordert und
diente der Finanzierung der Kirche.
Wisot = Weizensaat (?), Abgaben zur Finanzierung herrschaftlicher Besuche
Medieninhaber: Berndt Bleckmann, A-5133 Gilgenberg, Ruderstallgassen 11
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5
Vorwort
Diese Schrift wurde verfaßt anläßlich der 800 Jahrfeier der Gemeinde Gilgenberg
am Weilhart, im August 1997. Müßte da die Frage nicht lauten: Was war vor 800
Jahren ? Die Antwort wäre schnell gegeben : wir wissen es nicht. Aus dem 12.
Jahrhundert gibt es so gut wie keine Quellen, aus denen wir etwas über unsere
Gemeinde erfahren könnten. Um so reichlicher sprudeln sie ab dem 13. Jahrhundert. Der Zufall wollte es, daß unsere Gemeinde im Laufe der Geschichte nicht nur
einmal im Brennpunkt der finanziellen Interessen eines Herrschers lag. Die herr-
Abbildung 1. Die Katastralgemeinden Gilgenberg,und Ruderstallgassen im Josefinischen
Lagebuch von 1788
schaftlichen Grundbesitzer wechselten und jedesmal wollten die neuen Herren
wissen, was sie erworben hatten, und sie ließen Verzeichnisse anfertigen, welcher
Bauer wieviel Abgaben liefern muß. Das geschah zum erstenmal, als die
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6
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Burghauser Grafen von der Bildfläche verschwanden und der Bayernherzog das
Land wieder zu seinem unmittelbaren Eigentum erklärte.
Zwischen 1229 und 1241 entstand dieses älteste Verzeichnis, in dem die
Gilgenberger Höfe einen gewichtigen Teil ausmachen. Rund 30 Höfe werden
genannt, die mit großer Wahrscheinlichkeit in unserer Gemeinde liegen: Der
Zahberger, der Hopfersbacher, der Maierhofer, der Senner, der Hofstätter, der
Hinterhauser, der Höllersdorfer usw. Bevölkerung und Wirtschaft wuchsen in
diesem Jahrhundert mit atemberaubender Geschwindigkeit. Schon rund 90 Jahre
später wird das Verzeichnis aktualisiert. Wir haben das Urbar von 1330 vor uns.
Hier sind schon mehr als 80 Höfe verzeichnet, die zur Gemeinde gehören. Die
meisten Namen lassen sich durch die Jahrhunderte hindurch verfolgen und somit
können wir mit ziemlicher Sicherheit sagen, ja, das sind die Höfe, die es heute
noch gibt. Das nächste, schon sehr genaue Urbar stammt aus dem Jahre 15811 und
umfaßt allein für Gilgenberg 54 eng beschriebene Seiten und zählt über 100
Hofstellen auf. Die Anzahl der Obstbäume wird ebenso registriert, wie der Zustand
der Gebäude. Eine bayerische Güterkonscription aus dem Jahre 1749 nennt 81
Gilgenberger Höfe. 2 Als das Innviertel zum Hause Habsburg kam, ließ Kaiser Josef
II. eine Bestandsaufnahme anfertigen, das Josefinische Lagebuch von 1780 - 1790.
Es schlägt an Umfang alles bisher Dagewesene. Je ein schwerer Foliant über die
Katastralgemeinden Gilgenberg, Mairhof und Ruderstallgassen (siehe Abbildung
vorhergehende Seite). Das Material, das wir über die Jahrhunderte hinweg haben,
ist so reichhaltig, daß es nicht übertrieben ist zu sagen: Gilgenberg ist fast eine
historische Besonderheit. Es sind nicht nur ein, zwei oder eine Handvoll Höfe, die
sich bis 1330 zurückverfolgen lassen, sondern es ist die überwiegende Mehrzahl
der Höfe. Legt man die uralten Aufzeichnungen aus längst vergangener Zeit wie
eine Schablone auf unser heutiges Gilgenberg, so erkennt man, daß sich nicht allzu
viel verschoben hat. Die alten Strukturen leben noch. Wo sonst gibt es so ein Dorf
?
Es ist kein Zufall, daß zwei Heimatforscher des Innviertels, Alois Haberl und
Franz Berger, der Erste um 1910, der Zweite im Jahre 1935, ausgerechnet für die
Gemeinde Gilgenberg Hofchroniken aus den alten Quellen verfaßten. Und auch
diese beiden Schriften, selbst schon wieder "antiquarisch", gehören zum
verborgenen Schatz an historischen Aufzeichnungen über unsere Gemeinde.
In den Klöstern wurden in früher Zeit junge Mönche
Schreibschulen in die hohe Kunst des Schreibens eingeweiht. Es
so ein Pergament beschrieben, Buchstabe für Buchstabe gemalt
verziert war. Daher wurde nur das Wichtigste aufgeschrieben.
1
2
in sogenannten
dauerte lange bis
und mit Initialen
Neben frommen
Urbarbuch des landesfürstlichen Kastenamtes Burghausen für den Kasten Ober- und Niederweilhart.
siehe Hofbuchhaltungsblätter in "Quellen" im Anhang
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7
Texten wurde alles, was mit Besitz zu tun hatte, vermerkt. Man legte
Besitzstandsverzeichnisse an, sogenannte Urbare. Darin stand zum Beispiel, was
die einzelnen Höfe schuldig waren als Pacht. Andere Verzeichnisse berichten von
Schenkungen an die Kirche oder an ein Kloster.Das sind die sogenannten
Traditionen (lateinisch : traditiones = Übergaben). Wir wissen über die
Angelegenheiten der Kirchen und Klöster am besten Bescheid, weil die
Dokumente dort am sorgfältigsten aufbewahrt wurden.
Wenn in den alten Schriften über Personen berichtet wird, dann über die Taten
"edler Männer" von adeligem Geblüt, in weltlicher oder geistlicher Stellung. Eine
Geschichtsschreibung "von unten", aus der Sicht des Volkes, hat es nie gegeben.
Wie es den "kleinen Leuten" damals erging, war kein Thema und die Quellen
geben nur indirekt davon Zeugnis. Wir müssen daher versuchen, aus den
Dokumenten zu erschließen, wie es den "Dillibergern" damals erging, wie sie
gelebt haben, was sie besaßen, was sie erlitten und was sie gewannen.
1. Die Bevölkerungsexplosion im 12. und 13.
Jahrhundert
Nach der Völkerwanderungszeit, so schätzen Historiker, lebten im Gebiet des
späteren Deutschen Kaiserreiches wenig mehr als eine halbe Million Menschen.
Dabei war die Bevölkerungsdichte sehr unterschiedlich. Im Westen, besonders in
der Rheingegend, lebten wesentlich mehr Menschen als im Osten. Weite Teile des
Landes waren so gut wie menschenleer. In unserer Gegend waren wohl nur die
Flußlandschaften entlang Inn, Salzach und Mattig besiedelt. Dieses uralte
Siedlungsgebiet war auch nach der Völkerwanderungszeit nicht entvölkert. Im
Salzburger Becken dürften Bevölkerungsgruppen aus der Römerzeit
weiterbestanden haben. So auch an den Trumer-Seen.
Das bayerische
Stammesgebiet lag zu Beginn viel weiter östlich als das heutige Bayern.3 Der
geographische Mittelpunkt lag etwa bei Altötting. Und so ist der Weilhart
altbayrisches Kernland (siehe Karte). Zwischen 500 und 800 wurden aus
3
Die karolingische Ostmark, Ursprung und Kernland Österreichs, war bayerisches
Kolonisationsgebiet und wurde von altbayrischen Klöstern aus kultiviert und missioniert. Es umfaßte
nicht mehr als das Gebiet des heutigen Niederösterreich und das östliche Oberösterreich. Die
Steiermark und Kärnten wurden vom Erzbistums Salzburg kolonisiert.
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8
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Alteingesessenen und Neuzuwanderern die Bajuvaren, die späteren Bayern4. Von
1100 bis 1300 vervielfachte sich die Bevölkerung im gesamten Reich.
Weilhart
Abbildung 2. Das bayerische Stammesgebiet um das Jahr 788.. Die geographische Mitte ist
etwa Altötting. Der Weilhart liegt in Zentrum.
Der sprunghafte Anstieg der Bevölkerung hatte mehrere Ursachen. Wo früher nur
Vieh gehalten wurde, baute man nun Getreide an und dadurch konnten mehr
Menschen ernährt werden. Hand in Hand damit ging die Verbesserung der
landwirtschaftlichen Erträge durch die Einführung der Dreifelderwirtschaft und die
Erfindung neuer Gerätschaften wie Pferdekummet und Beetpflug. Zugleich mit den
äußeren Veränderungen entstand eine neue soziale Schicht, die Bauern. Am Ende
dieser Periode um das Jahr 1300 war die heutige Zahl der Dörfer, der Kirchen, und
der bäuerlichen Höfe im deutschsprachigen Raum in etwa erreicht. In der folgen
4
Die bayrische Stammeswerdung wurde 1988 in der Landesausstellung "Die Bajuvaren", die in
Mattsee und Rosenheim zu sehen war, eindrucksvoll behandelt.
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den Periode fand in manchen Gegenden ein starker Rückgang, sowohl der Dörfer,
wie der Bevölkerung statt. Viele Dörfer verfielen wieder, wurden Wüstungen. Im
bayrisch-österreichischen Raum war das weniger der Fall. Aber die ganzjährige
Besiedelung nordalpiner Gebirgstäler bis in 2000 m Höhe, wurde nie wieder
erreicht.
2. Die Entstehung von Gilgenberg
Gilgenberg, als besiedeltes Bauernland, noch nicht als Gemeinde, entsteht im 12.
Und 13. Jahrhundert. Geretsberg, Hochburg, Handenberg und Neukirchen, die
Nachbargemeinden, werden schon früher erwähnt, Schwand erst später. Die
planmäßige Rodung des Gilgenberger Gebietes begann vermutlich um 1100.
In der päpstlichen Bestätigung für das Kloster Ranshofen vom Jahre 1157 wird
Gilgenberg noch nicht als Besitztum aufgezählt. Papst Hadrian IV. bestätigt dem
Kloster Ranshofen am 29.Jänner 1157 das Recht auf den Kirchenzehnten und die
Seelsorge für die Kirche St.Michael (in Braunau) und die Pfarren (capellas)
Neunchirchen, Haentenberg, Geroltzberg und St.Stephani in Praunawe (=Braunau),
sowie für die Capella Howerch (=Hochburg). Es wäre möglich, daß damals in
Gilgenberg bereits eine Kirche existierte, aber noch nicht zu Ranshofen gehörte.
Der Fall ist aber unwahrscheinlich, da offen bliebe, zu welchem Bistum diese
Kirche gehört hätte. Ranshofen und auch der Untere Weilhart gehörten zum Bistum
Passau. Wahrscheinlich wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine
kleine Kirche (Capella) auf Gilgenberger Gebiet errichtet. Vielleicht schon aus
Stein. Vielleicht kündet der Ortschaftsname Steinkirchen von der Stelle, wo sie
stand. Wenn der Bedarf für eine Kirche vorhanden war, mußte die Gegend bereits
besiedelt gewesen sein.
Papst Cölestin III. bestätigt in der päpstlichen Urkunde vom 29. April 1195 die
Rechte und Besitzungen des Klosters Ranshofen erneut. In dieser Urkunde wird
dann die Capella in monte sancti Egidii (Gilgenberg) neben Niunchirchen,
Handenberge, Geroldesberge, Sancti Stephani, sowie Hobercha (Hochburg) und
anderen Besitzungen erwähnt.
Zu Beginn der Rodungszeit reichte der nördliche Weilhart bis nach Handenberg
und Neukirchen, wo er in den heutigen Lachforst überging5. Der Wald war damals
ein heller Laubwald, mit vielen Lichtungen und Feuchtgebieten, ein Urwald in dem
Totholz und junger Wuchs im Rhythmus der Natur einander abwechselten. Das
Schwarzwild sorgte für morastige Flächen, Hirsch und Reh sorgten durch Verbiß
5
In einer Urkunde von 1125 wird von "Handenberg im Weilhart" gesprochen. Nach Schopf, a.a.O.,
S. 172. Namen wie Reith (von roden) und Schwand (von schwenden, schwinden) verraten uns den
vormaligen Waldboden.
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für den Erhalt mancher Lichtung. Wölfe und Bären verhinderten ein
Überhandnehmen des Wildes.
Abbildung 3. Die älteste erhaltene Urkunde in der Gilgenberg erwähnt wird.6
Abbildung 4. Ausschnitt aus der Urkunde mit dem Schriftzug "capella in monte S. egidii",
dem lateinischen Namen für Gilgenberg. 8. Zeile von oben.
6
Die Urkunde stammt aus dem Jahre 1262. Das Original von 1195 ging im 2. Weltkrieg in Leipzig
verloren.
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Die Rodungen, die zur Entstehung der Gemeinde Gilgenberg führten, sind sicher
auf den Druck einer wachsenden Bevölkerungszahl zurückzuführen. Woher die
Siedler kamen wissen wir nicht. Das Bistum Bamberg in Franken besaß rund um
den Kobernauser Wald ausgedehnte Besitzungen. Ortsnamen wie Frankenmarkt
oder Frankenburg könnten Hinweise sein, daß Einwanderer aus dem fränkischen
Raum dort seßhaft wurden. Für die Landnahme am Weilhart fehlen uns
Fingerzeige dieser Art. Die Namen der im ältesten Urbar erwähnten Siedler sind
meist bayrisch und dort, wo sie aus der Bibel stammen, entsprechen sie dem
Geschmack der Zeit.
Obwohl uns schriftliche Quellen fehlen, liegt es nahe, anzunehmen, daß das
Kloster Ranshofen Anteil hatte an der Urbarmachung des Weilhartforstes, da
Rodungen oft von Klöstern durchgeführt wurden. Die Rodungsarbeit leisteten
meist Unfreie oder Leibeigene. Das gerodete Land wurde ihnen zur jährlichen oder
zur lebenslangen Pacht verliehen, was eine gewisse Besserung ihrer
Lebensverhältnisse bedeutete und Anreiz war, die schwere Rodungsarbeit auf sich
zu nehmen. Wären die Rodungsarbeiten in großem Stil unter der Regie des
Klosters durchgeführt worden, dann wären Güter entstanden, die dem Kloster
zinspflichtig waren. Im Gilgenberger Gebiet gibt es aber nur ein paar Güter, die an
das Kloster zinsen. Die Masse der Gilgenberger Güter ist dem Herzog
zinspflichtig. Daher können wir vermuten, daß der Herzog, beziehungsweise sein
Lehensmann der Graf, der Rodungsherr war.
3. Der Herzog und die Grafen von Burghausen
Seit Karl dem Großen (742 bis 814) war der Weilhart Reichsforst. Karl hatte den
Bayenherzog Tassilo III. gefangengenommen und seine Güter kassiert.7 Das Land
der Bayern wurde hinfort an Herzöge, die der Kaiser bestimmte, als Lehen
verliehen, bis die Wittelsbacher zu Beginn des 13. Jahrhunderts erreichten, daß die
Herzogswürde erblich wurde, was bedeutete, daß sie in ihrer Familie blieb.
Seitdem standen die Wittelsbacher an der Spitze Bayerns und das blieb so bis 1918.
Hochburg und Ranshofen werden schon im 10. Jahrhundert als kaiserliche,
beziehungsweise herzogliche Pfalzen erwähnt. Eine Pfalz war ein Hof, der auf den
Inspektionsreisen als Stützpunkt diente, denn die Fürsten regierten damals,
mangels landesweitem Verwaltungsapparat, mehr oder weniger durch
Umherreisen.
7
Der Weilhart blieb fortan unmittelbares kaiserliches, beziehungsweise herzogliches
Herrschaftsgebiet, bis zum Jahre 1871. Damals benötigte der Habsburger Geld und verkaufte den
Wald an Graf Hoyos. Dieser veräußerste ihn schon 1887 an die Gräfin Amalie von ReichenbachLessonitz. Seit 1912 ist der Weilhart im Besitz der Familie von Castell.
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Abbildung 5. Die Grafschaft Burghausen um das Jahr 1000, nach F. Tyroller
( in: Burghauser Geschichtsblätter Nr. 28)
Etwa um die Jahrtausendwende entsteht die Grafschaft Burghausen. Die Grafen
waren ursprünglich vom Herzog eingesetzte Vasallen. Das Grafenamt war, in
moderner Sprache ausgedrückt, ein öffentliches Verwaltungsamt. Auch die meisten
Bischöfe übten gräfliche Funktionen aus. Im Laufe der Zeit werden die
Grafenämter erblich und die Grafen üben ihre Befugnisse mehr und mehr in
eigener Herrlichkeit
aus. Diese Grafengeschlechter werden mächtig und
einflußreich, herrschen relativ souverän über das ihnen überlassene Land und
werden in Machtfragen Konkurrenten des Herzogs. Zweihundert Jahre später, im
13. Jahrhundert, sterben in bayrischen Landen auffallend viele Grafengeschlechter
aus. Ob das Leben auf den kalten und feuchten Burgen so ungesund war, ob es die
Inzucht war, oder aber, ob dem Aussterben von interessierter Seite nachgeholfen
wurde, wir wissen es nicht. Vielleicht kam alles zusammen. Fest steht, sie sterben
aus, was um so auffallender ist, als sich der Bauernstand zahlenmäßig in diesem
Jahrhundert mehr als verdoppelt. 8 Wo die Grafengeschlechter verschwinden,
nimmt der Herzog das Land wieder an sich, und so geschah es auch in der
Grafschaft Burghausen. Der letzte Graf, der die Stadt Burghausen besaß, Bernhard
8
"Am erbittertsten führten die Wittelsbacher den Kampf gegen die mächtigen Andechser. Aber
nachdem 1248 der Letzte dieses Geschlechts umgekommen war, hatte das Herzogtum im großen und
ganzen seine neue Form gewonnen. Unter den ersten Wittelsbachern sind über dreißig Geschlechter
erloschen, zum Teil eines nicht natürlichen Todes. Aber aus ihren Gütern schufen die Herzöge den
Staat Bayern." Pfennigmann, S. 28
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von Lebenau, stirbt 1229. Der Herzog setzt einen Richter und einen "Kastner" ein,
die hinfort als Stellvertreter des Herzogs dem ehemaligen Grafschaftsgebiet
vorstehen. Dieser Richter ist so etwas wie Bezirkshauptmann und
Gerichtspräsident in einem.
Die Zeit der Rodung des Gilgenberger Gebietes fällt also in die Herrschaftszeit der
Grafen von Burghausen. Wir haben aber keine Quellen aus denen hervorginge,
welche Grafen die Rodungsherren waren. Eine "wilde" Rodung, wie heutzutage
im Amazonasgebiet durch landlose Bauern, ist auf herzoglichem Grundbesitz
damals kaum denkbar.
Abbildung 6. Das "Closter Ranßhofen", Kupferstich von M. Wening 1721
4. Das Augustiner Chorherrenstift Ranshofen
Die weltliche Macht war der Herzog und seine Leute. Das geistliche Zentrum
dieser Gegend war das Augustiner Chorherrenstift Ranshofen. Wenn wir von
"weltlich" und "geistlich" sprechen, dann ist das eine Unterscheidung unserer
modernen Zeit. Für den mittelalterlichen Menschen gab es diese Unterscheidung
nicht. Alles fand seine Bestimmung, seinen Sinn, seinen Anfang und sein Ende im
allumfassenden, allgültigen, mittelalterlich-christlichen Weltverständnis. Ein
Weltverständnis, das weit weg ist vom Denken unserer Zeit. Könnten wir einem
mittelalterlichen Menschen begegnen, wir wären wahrscheinlich überrascht, wie
inbrünstig religiös, wie unfaßbar abergläubisch, wie leidenschaftlich, aber auch wie
leidensfähig, ausdauernd und genügsam er wäre. Und umgekehrt würde der
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14 __________________________________________________________________
Mensch des Mittelalters die meisten von uns Heutigen wahrscheinlich entsetzlich
berechnend, gefühlskalt, egoistisch, verweichlicht und glaubensschwach finden.
Ein mittelalterliches Kloster war viel mehr als ein Ort stiller Religiosität. Wenn ein
König, ein Herzog, oder ein Bischof ein Kloster stiftete, dann betrieb er damit, in
modernen Begriffen ausgedrückt, aktive Raumplanung. Ein Kloster war nicht nur
ein Seelsorgezentrum, sondern zugleich ein Wirtschaftsunternehmen, eine
Bildungseinrichtung, eine Missionsstation und nicht zuletzt eine Parteizentrale. Die
Einsetzung des Klostervorstehers (Abtes) war in der Regel ein Fall von
"Vetternwirtschaft". Der nächste Verwandte oder Vertraute des Stifters kam zum
Zuge. Der Stifter konnte als Grundherr das Kloster verkaufen, verpfänden oder zu
Lehen vergeben. Der Lehensnehmer hatte dann Anteil an den Einkünften (Pfründen) des Klosters.
Im Frühmittelalter gibt es eine Vielzahl von Klostergründungen, auch im
bayrischen Raum. Schaut man sich aus der Vogelperspektive an, wo Klöster
gegründet wurden, erkennt man die raumplanerische Absicht der Stifter. Klöster
entstehen entlang der Flüsse (Inn, Donau, Salzach) also entlang der Handels- und
Verkehrswege und in den fruchtbaren Seengebieten der Voralpen (Mondsee,
Mattsee, Schliersee, Chiemsee, Staffelsee usw.). Klöster waren also, solange die
Bischöfe und Äbte vom Landesfürsten, oder anderen mächtigen Geschlechtern,
eingesetzt wurden, nicht nur Zentren frommer Spiritualität, sondern auch, wegen
ihrer Nähe zum Herrscher, Stützpunkte weltlicher Macht. Durch die
Verschwägerung mit der Macht und den Mächtigen kam es alsbald dahin, wohin es
kommen mußte. Die Klöster wurden bisweilen ein Hort der Korruption und des
Sittenverfalls. Aber es gab auch immer wieder fromme Menschen, die am Verfall
der Sitten litten und Besserung erstrebten. Und so ist die Geschichte der Klöster
zugleich eine Geschichte ihrer Erneuerung. Viele freilich, empfanden die ganze
Welt als Jammertal.
"Über das Elend des Menschseins"
In jenem Jahr 1195, als Papst Cölestin III. dem Augustiner Chorherrenstift
Ranshofen bestätigte, daß unter anderem auch jene capella in monte sacti ägidii
(Gilgenberg) zu seinem Besitz gehöre, was dem Kloster den Zehnten aus diesem
Pfarrbereich einbrachte, veröffentlicht der Kardinal Lothar von Segni, der spätere
Papst Innozenz III., seine Schrift "Über das Elend des Menschseins" (de miseria
humana conditionis). Die ihn quälende Frage lautet: Warum bin ich aus dem
Mutterleib hervorgekrochen, daß ich solches Elend und Herzeleid sehen und meine
Tage mit Schanden zubringen muß? Die Sterne sind aus Feuer, die Winde aus Luft,
die Fische aus Wasser, aber die Menschen und Tiere hat Gott aus "Dreck" geformt.
Die menschliche Geburt ist eine Folge sündhafter Wollust. Im Mutterleib werden
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__________________________________________________________________ 15
wir von giftigen Säften genährt, bei deren Genuß Hunde in Tollwut verfallen;
brüllend ob des Elends erblicken wir die Welt; nackt kommen wir, nackt gehen
wir, und das Leben wird immer kürzer.......In diesem Stil geht die Erörterung über
fast 100 Kapitel weiter, und am Ende stehen die Strafen im Jenseits: "Phosphor und
glühendes Feuer in alle Ewigkeit."
Die Schrift fand eine ganz ungewöhnlich weite Verbreitung. In diesem
Weltbild ist die Erde ist eine Scheibe
und Jerusalem liegt in der Mitte. Die
ständige Sorge um das Seelenheil gibt
dem Leben einen düsteren Ernst. Ein
ungetauftes Kind fällt der ewigen Verdammnis anheim. Aber auch bei der
Taufe lauert der Teufel auf Beute.
Kenntnis in Teufelsaustreibung gehört
zur Priesterausbildung und ist die
dritte Stufe der vier niederen Weihen.
Das Lachen gilt in manchen MönchsAbbildung 7. Der Teufel ist dem
regeln als "Defekt des menschlichen
Menschen des Mittelalters leibhaftig
Fleisches". Der Theologe Petrus
gegenwärtig. Der "Leibhaftige" ist der
Cantor predigt um 1170: "Man liest,
negative Pol, der dem positiven
Göttlichen stets entgegenwirkt. Der
daß der HERR dreimal geweint, aber
Mensch steht im Spannungsfeld dieser
niemals gelacht habe, er, der da
b id P l
spricht: Weh euch, die ihr lacht, denn
9
ihr werdet weinen und heulen."
Aber nicht jeder konnte oder wollte sich wortgewaltig von Rom aus an die
Christenheit wenden um sie vor dem sündigen Diesseits zu warnen. Manche
wollten den Verstrickungen der Kirche in weltliche Händel dadurch entfliehen, daß
sie sich zurückzogen in die Einsamkeit um als Einsiedler10 ein Leben in Keuschheit
und Armut zu führen11. Andere fromme Brüder taten sich zusammen und suchten
in den alten Schriften nach Vorbildern für ein gottgefälliges Leben. Eine solche
Erneuerungsbewegung zu Beginn des 12. Jahrhunderts wollte den Regeln des
9
zitiert nach Fuhrmann, S.16 u. S. 17
10
Die alljährliche Wallfahrt von Gilgenberg nach St. Wolfgang führt über den Falkenstein, wo der
Legende nach der Heilige Sankt Wolfgang (von 982 bis 987 Bischof von Regensburg) als Einsiedler
gelebt hat.
11
In diesem Sinne auch Stefan Weinfurter: "Man könnte diesen Abschnitt als Zeit der Selbstfindung
bezeichnen, für die der Rückzug aus der Welt schon deshalb erforderlich war, um sich damit der
damals vorherrschenden Einbindung der Kirche in weltliche Interessen und weltliche Gewalten
entziehen zu können." S. 24
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16 __________________________________________________________________
Kirchenlehrers Augustinus12 folgen und ein gemeinschaftliches Leben in
persönlicher Besitzlosigkeit pflegen. Diese sogenannte Kanonikerreform wurde
von Erzbischof Konrad I. von Salzburg (1106 - 1147) maßgeblich gefördert. In der
zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts versiegte die Kraft der Reformbewegung,
die strengen Vorschriften der Besitzlosigkeit wurden milder ausgelegt und aus den
Augustiner Chor-Brüdern wurden die Augustiner Chor-Herren.
Im Jahre 1125 vermacht Herzog Heinrich IX. "den Brüdern" an der Pankrazkirche
in Ranshofen "die Christus nach der Regel des hl. Augustinus dienen, " den
Kirchenzehnten im Gau Ranshofen, sowie Güter in Handenberg und Neukirchen
und schafft damit die materiellen Voraussetzungen für die Entwicklung des Augustiner Chorherrenstiftes Ranshofen und in weiterer Folge, so darf man vermuten,
die Voraussetzungen für die geordnete Missionierung und Kultivierung des
Weilhartgebietes. Das Chorherrenstift Ranshofen war ein verhältnismäßig kleines
und nicht allzu reiches Kloster. Sein Besitzstand war starken Schwankungen
ausgesetzt. Auch ist es eine verhältnismäßig späte Gründung. Die Klöster in unserem Raum entstehen ab dem 8. Jahrhundert. Die ältesten waren die reichen und
großen Benediktinerklöster St.Peter in Salzburg, Mondsee und Mattsee. Ranshofen
ist sozusagen ein Kloster der zweiten Gründergeneration.
Im sogenannten Investiturstreit, jener jahrzehntelangen kriegerischen
Auseinandersetzung (1075 bis 1122) zwischen dem Papst einerseits und Kaiser und
Königen andererseits, ging es um die Frage, wer die Bischöfe ernennen darf,
Kaiser, König oder Papst. Das war von herausragender machtpolitischer Bedeutung
im damaligen Europa, schon allein deshalb, weil die Kirche der größte Grundbesitzer im Reich war. Der Streit endete im Deutschen Reich mit einem Kompromiß.
Der Papst durfte ernennen, aber die Bischöfe und Reichsäbte wurden mit ihren
weltlichen Gütern dem Kaiser tributpflichtig. Als nun der Papst das Recht erwirbt,
Bischöfe zu ernennen, versiegen die Schenkungen und Klostergründungen seitens
der weltlichen Herrscher. An ihrer Stelle machen kleinere Leute den Klöstern und
Kirchen Schenkungen um ihres und ihrer Lieben Seelenheiles willen. Wer konnte,
versuchte "Phosphor und glühendes Feuer in alle Ewigkeit" durch eine Schenkung
zu vermeiden, oder zumindest zu verkürzen. Besonders die Verstorbenen waren auf
die Opferbereitschft der Hinterbliebenen angewiesen, wollten sie der ewigen
Verdammnis und den Feuerqualen der Hölle entgehen.
Die Schenkungen an das Stift
12
Augustinus Aurelius, lebte von 354 bis 430 und war Bischof von Hippo Regius in Nordafrika
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 17
Zahlreiche Schenkungen an das Stift Ranshofen sind zwar nicht aus Gilgenberg,
aber aus der näheren Umgebung überliefert. Im 12. und 13. Jahrhundert wurden in
Ranshofen 184 Urkunden angelegt in denen einige Hundert Schenkungen
aufgeführt sind. Meist handelt es sich um ein Bauerngut mit dazugehörigen
Leibeigenen. Ein Teil der Leibeigenen wird in eine milde Fron entlassen, die darin
besteht, dem Kloster neben dem Pachtzins, jährlich 5 Silberpfennige Kopfzins zu
zahlen. Ein anderer Teil bleibt zu täglicher, unbefristeter Fronarbeit verpflichtet,
die nun für das Kloster zu leisten ist. In wie weit die Schenkungen manchmal
verdeckte Verkäufe von Leibeigenen waren, da ja Christenmenschen offiziell nicht
verkauft werden durften, läßt sich nicht sagen Ein Gut, das dem Kloster geschenkt
worden wäre, hätte ohne Arbeitskräfte nichts genützt, da die Chorherren von
Ranshofen, zum Unterschied von den Zisterziensermönchen von Raithenhaslach,
selbst keine Handarbeit verrichteten.
Die Freie Irmingard und ihr Sohn Raffold schenken dem Kloster Ranshofen
im Jahre 1125 ihre Güter in Aspach mit allen Leibeigenen. 21 Leibeigene
werden zum jährlichen Kopfzins von 5 Pfennigen übergeben, die übrigen
müssen unbefristete Fron leisten, mit Ausnahme eines Tages in der Woche.
(Urkundenbuch I, S. 215f) 13
Um 1150 vermacht Udalrich von Hennigebel (Hangöbel, Pfarre Handenberg)
seine Leibeigene Mechthild mit ihrer Nachkommenschaft dem Kloster
Ranshofen. (Urkundenbuch I, S. 219)
Um 1215 verpfändet der herzogliche Beamte Pubo an Ranshofen sein Gut,
das er in Überackern hat, mitsamt seiner Leibeigenen Mechthild und ihren
Kindern. (Urkundenbuch I, S. 265)
Um 1220 schenkt die Witwe Adelheid von Hagenau, zum Seelenheil ihrer
Eltern und ihres verstorbenen Gatten Wernhard, an Ranshofen ihr Gut in
Ludolfingen und "das Weib Leukarda, das auf jenem Gut saß, mit ihren
Kindern" (Urkundenbuch I, S. 268f)
Der Grundbesitz des Stiftes Ranshofen
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts besaß das Stift Ranshofen rund 500 Bauerngüter in
den heutigen Grenzen von Oberösterreich, Ober- und Niederbayern. 14 Dazu kamen
15 Mühlen, 11 Weingärten an der Donau und zahlreiche Grundstücke. Auch in
13
Mit Urkundenbuch ist das Urkundenbuch des Landes ob der Enns gemeint. Siehe Quellen im
Anhang.
14
Der Historiker Schopf zählt nach dem Stiftsurbar von 1303, 26 Höfe, 2 halbe Höfe, 44 Huben, 98
Güter, 14 Lehen, 350 Besitzungen, deren Größe sich nicht genau bestimmen läßt und 54 Hofstätten.
Schopf, S. 189. Diese Zahl weist das Stift Ranshofen als kleineres Kloster aus. Große Klöster besaßen
damals einige Tausend Bauerngüter.
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18 __________________________________________________________________
Gilgenberg besaß das Stift Güter. Allerdings war hier der Grundbesitz des Stiftes
im Vergleich zum Besitz des Herzogs kaum nennenswert. Im "Urbar A" des
Klosters Ranshofen, das unter Probst Konrad um 1278 angelegt wurde, werden "in
monte s. Egidii", also in Gilgenberg, 4 Hofstellen aufgeführt.
- Das Gut des Puchs, zahlt als Pachtzins: 3 Schilling, 3 Schilling für Eier,
3 Käse, 1 Schwein im Wert von 3 Schilling.
- Das Gut des Ludwigs: 60 Pfennig, 60 Eier, 2 Käse.
- Das Gut des Calcificus (Schuster): 40 Pfennig, 40 Eier, 1 Käse
- Ecclesiasticus15: 30 Pfennig, 30 Eier, 1 Käse.
Aufgeführt ist außerdem ein "Wolfart in der Gassen", der am Weilhart behaust
sein könnte und ein "Schupfen" (Schupfner?). Die hörigen Bauern des Stiftes
haben deutlich weniger zu zahlen als die Hörigen des Herzogs. Wir wissen allerdings nicht, wie groß die Höfe waren und auch nicht wo sie gelegen sind.
Das Zisterzienserkloster Raithenhaslach besaß 1334 in Reith ein Gut. Das Gut
wird noch 1438 und 1481 aufgeführt. Später erscheint es nicht mehr. Nähere
Angaben werden nicht gemacht.16
Die Einnahmen des Stiftes
Der Historiker Schopf hat die Einnahmen des Stiftes nach dem Stiftsurbar von
1303 berechnet: Danach beliefen sich die Münzeinnahmen jährlich auf 150 Pfund
Silberpfennige, die an Getreide auf 26.000 Liter. Hinzu kamen 3600 Käse, 18.000
Liter Wein und andere Abgaben (Schopf , S.189ff). Ein Schwein wurde um 1320,
je nach Größe, mit 45 bis 90 Pfennigen gehandelt. 17 Ein Liter Weizen oder Roggen
kostete im Jahre 1268 einen Pfennig, ein Liter Hafer einen halben Pfennig. Hinzu
kamen die Einnahmen aus dem Zehnten, die beträchtlich gewesen sein können,
deren Höhe aber aus den Dokumenten nicht sichtbar wird. Wesentliche Einnahmen
erzielte das Kloster auch durch Seelgeräte (Jahrtagstiftungen und Stiftungen von
Messen).Von den Einnahmen bestritt das Stift unter anderem eine Krankenstation,
die Lebenshaltung der Chorherren und Bediensteten, Neu- und Umbauten an
Klostergebäuden, die Steuern an den Diözesanbischof in Passau und den den Papst.
Genaue Angaben über die Höhe dieser Ausgaben fehlen aber.
15
Der Ecclesiasticus (lat. ecclesia = Kirche) könnte zu deutsch der Kirchner sein, oder es ist ein Mann
der Kirche gemeint.
16
Quellen und Erörterungen zur bayer. Geschichte, Band 17, S.
17
nach dem herzoglichen Urbar von 1330. Allerdings sind Vergleiche dieser Art problematisch, weil
es Regensburger-, Passauer-, oder Wiener Pfennige gab, deren "Wechselkurse" nicht konstant waren.
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__________________________________________________________________ 19
Im Stift lebten 10 bis 15 Chorherren, Mägde, Knechte, Handwerker und Verwalter.
Die Urkunden erwähnen Schuster, Wagner, Kürschner, Schneider, Messerer,
Bader , Bäcker, Fleischhacker und einen Wirt. Diese Handwerker haben ihr
Gewerbe im Rahmen der Stiftswirtschaft ausgeführt, waren aber nicht allein im
Stift beschäftigt. Im Stift selbst werden ein Koch, ein Küchenknecht, und ein
Tafelmeister erwähnt. Sicher gab es auch einen Kellermeister, angesichts der
Weingärten an der Donau.Die Chorherren waren alle geweihte Priester und
betrieben die Seelsorge in den Pfarreien des Pfarrverbandes Ranshofen18. Zum
Pfarrverband gehörten die Pfarren Braunau, Ranshofen, Hochburg, Geretsberg und
Handenberg. Die Chorherren stammten aus Familien des niederen Adels der
Umgebung. Gilgenberg gehörte zur Pfarre Handenberg und wurde vom dort
zuständigen Pfarrer betreut. Durch die Stiftung einer Mittwochsmesse im Jahre
1373 durch die Gilgenberger Zechmeister Hainreich aus dem Holz und Hanns von
Dichk wurde der Pfarrer zusätzlich am Mittwoch in die Gemeinde geholt.
18
Hierin liegt der Unterschied zu den Mönchen eines Mönchsklosters, die nicht zum Priester geweiht
sein müssen und deren Aufgabe nicht in erster Linie Seelsorge in Pfarreien ist. Insofern waren die
Augustiner Chorherrenstifte keine Klöster im alten Sinne.
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20 __________________________________________________________________
Abbildung 8.Das älteste erhaltene Schriftstück aus Gilgenberg, die Seelgerätstiftung von
1373. Die Stiftung einer Mittwochsmesse durch die Gilgenberger Zechpröbste Hanns von
Dick und Heinrich aus dem Holz. Übersetzung aus dem Mittelhochdeutschen nächste Seite.
7. Juni 1373
Die Zechmeister und Pfarrleute von Gilgenberg Heinrich aus
dem Holz und Hans von Dick stiften eine Mittwochsmesse
und für jeden Quatember-Samstag zwei Messen.
(Übersetzung aus dem Mittelhochdeutschen, leicht gekürzt)
Ich, Heinrich aus dem Holz und ich, Hans von Dick, derzeit Zechmeister und
Pfarrleute der Pfarre zu Sankt Gilgenberg, bekennen beide gleichermaßen, daß wir
wohlbedacht eine ewige Wochenmesse gestiftet haben, die allwöchentlich am
Mittwoch unverzüglich abgehalten werden soll, GOTT und unserer FRAU zu Lob
und allen gläubigen Seelen zu Trost und Freuden. Und dazu stiften wir eine Vigil
und zwei Messen, die unser Pfarrer von Handenberg mit seinem Gesellen jeden
Quatember-Samstag in unserer Pfarrkirchen unverzüglich begehen und
vollbringen soll. Die Wochenmesse mitsamt der Vigil und auch die zwei Messen
in den Quatember-Wochen hat der ehrwürdige geistliche Herr Probst Heinrich zu
Ranshofen bestätigt und als ewig beschieden, daß wir unserem genannten Pfarrer
von Handenberg und seinem Gesellen alljährlich zwei Pfund Pfennige Wiener
Münze aus dem Zechschrein unserer Pfarre geben sollen und daß wir an jeder
Quatember den Zechschrein mit einem halben Pfund Pfennige ewiglich auffüllen
für den Abgang. Von dem genannten Geld fällt dem Pfarrer zwei Drittel und dem
Gesellen ein Drittel zu. Tun wir das nicht fristgerecht, so kommen für jeden Tag
Säumnis zwölf Pfennige dazu. Und die soll unser Gotteshaus bekommen...Es ist
auch festgelegt daß, wenn der Gottesdienst nicht am Mittwoch und an jedem
Quatember-Samstag vollbracht wird, wie oben beschrieben, so soll er unverzüglich
am Tag danach geschehen und wenn das wieder nicht geschieht, so soll der
Pfarrer und sein Geselle zwölf Pfennig Abgang haben von dem Geld. Es ist auch
anzumerken, daß jedesmal wenn ein Feiertag auf den Mittwoch fällt oder auf den
Quatember-Samstag, und der Pfarrer deswegen eine Messe hält, so soll die
gestiftete Messe und die Vigil an einem anderen Tag begangen und vollbracht
werden. Und der Pfarrer oder sein Geselle sollen darüber mit den Pfarrleuten
einig werden am nächsten Sonntag vor der Quatember. Damit das ewig steht und
ungebrochen bleibt, errichten wir diese Urkunde in ewiger Wahrheit versiegelt mit
dem Siegel des ehrbaren Mannes Heinrich von Raitenbuch, derzeit Richter im
Weilhart. Mit dem, was in dem Brief geschrieben ist verbinden wir uns beide
gleich mit unserem treuen Eid. Zeugen des Rechtsvorganges sind Dietreich Pfarrer
zu Neukirchen, Herr Pauls, Pfarrer von Handenberg, Ott der Rauhenberger,
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 21
Heinrich von Stadeln, Kunrad Meier aus dem Holz, Rudel an dem Kirchweg,
Äsperl von Hopfstätt und andere ehrbare Leute genug. Das geschah als man von
Christi Geburt dreizehn hundert und drei und siebzig Jahr zählt in dem Eritag der
Pfingstfeier.
5. Die Stände im Mittelalter
Abbildung 9. Darstellung der
drei Stände im Mittelalter. Jesus
spricht zur Geistlichkeit zu seiner
Rechten, "Du bete demütig", zur
weltlichen Herrschaft zu seiner
Linken, "Du gewähre Schutz"
(vor Feinden) und zu den Bauern
(unten) "Ihr sollt arbeiten".
Geistliche und weltliche Mächte
tragen lange Gewänder, die
Bauern den kürzeren Bauernrock.
Menschenrechte im heutigen
Sinne waren dem Mittelalter
fremd. An der Spitze der Pyramide befand sich die herrschende Schicht aus weltlichem und geistlichem Adel.
Den Bodensatz bildeten die
Leibeigenen. Diese Menschen
galten nicht mehr als ein
Gegenstand oder ein Stück
Vieh. Ihr Schicksal ist im
Frühmittelalter
dem
der
antiken Sklaven ähnlich. Sie sind rechtlos, können verkauft, oder verschenkt
werden, dürfen ohne Erlaubnis des Eigentümers nicht heiraten und bei ihrem Tode
fällt ihr bescheidener Besitz an den Eigentümer. Ihre Kinder sind ebenfalls
Leibeigene. Nach der Jahrtausendwende beginnt eine leichte Besserung des
Schicksals der Leibeigenen.
Ritter und Bauern
Aus den bewaffneten Rindernomaden-Kriegern der Völkerwanderungszeit, aus den
freien und Waffen tragenden Viehzüchtern des Frühmittelalters, waren im
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22 __________________________________________________________________
Hochmittelalter die hörigen (unfreien) und waffenlosen, bäuerlichen Zinspächter
geworden. Die Erinnerung an frühere Freiheit lebte noch in der Bezeichnung
"Aigen" fort, die abgabenfreies Eigentum an Boden bedeutet hatte. In der Zeit, um
die es hier geht, war das nur noch ein Name, der seine ursprüngliche Bedeutung
verloren hatte. So heißt es im Urbar von 1330 zum Beispiel: "daz Aigen ze Leitten
(Leiten), daz Aigen auf der Hub (Huber), daz Aigen in der Aue (Auergut)".
Diese Gilgenberger Höfe waren in derselben Weise zinspflichtig wie alle anderen.
Die Bauern waren also nicht Eigentümer, sondern hörige Pächter. Wo nicht nackte
Gewalt die ehemals Freien in die Hörigkeit getrieben hatte, da war die Entwicklung
der Kriegs-technik die Ursache für den Verlust der Waffenfähigkeit und damit der
Freiheit.
Es war "die Herausbildung
einer bewaffneten Berufskriegerschaft, die sich auf Lehen,
Großgrundbesitz und Hörige
stützte und die waffenführenden, einfachen Freien allmählich aus dem Kriegsdienst
verdrängte. Die ausgedehnten
und zeitraubenden Heereszüge
der
fränkischen
Könige
machten es den kleinen Freien
immer
schwerer
daran
teilzunehmen" (Rösener, S.
20).
Sie mußten ihre Felder bestellen und konnten die finanziellen Mittel einer zeitgemäßen
Bewaffnung nicht mehr aufbringen. Eine Ritterrüstung
hatte den Gegenwert eines
mittleren Bauerngutes. Mit der
Entstehung eines Heeres von
Berufskriegern war der Ritterstand geboren. Dieser hatte
sich gegen Ende des 13. Jahrhunderts schon so weit von der
Abbildung 10
Ein Ritter aus der 2. Hälfte des
13. Jahrhunderts
großen
Mehrheit
der
bäuerlichen
Bevölkerung
abgehoben, daß in der
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__________________________________________________________________ 23
Erzählung des Meier-Helm-brecht das Ansinnen des jungen Bauernsohnes, als
"Quereinsteiger" mitzumachen, von den adeligen Zeitgenossen als
Ungeheuerlichkeit empfunden wurde.
Die Leibeigenen
Soweit die Urkunden zurück reichen, finden wir auf bajuwarischem Boden
Unfreie. Die Unfreien verrichteten die schwerste Arbeit, bebauten das Land und
rodeten den Wald. Es gibt im 13. Jahrhundert verschiedene Stufen der Unfreiheit.
Die zu täglicher, unbemessener Fron verpflichteten leibeigenen Knechte und Mägde (leibeigene Tagewerker) tragen das schwerste Los. Sie haben ihren Stand ererbt,
oder waren durch Schulden dahin gekommen. Die Zeit, da es Versklavung durch
nackte Gewalt gab, liegt noch nicht lange zurück. Erzbischof Konrad von Salzburg
berichtet um 1177 daß
"der Raub und der Verkauf von Männern und Frauen, der früher ständig
vorkam (!), heutzutage sehr selten geworden ist und man nichts mehr davon
hört" (Dollinger, S.255)
Es war zwar verboten Christen zu versklaven, aber offensichtlich erlaubt
Ungetaufte in die Sklaverei zu zwingen. Daher gab es im heidnischen Osteuropa
Sklavenjagden. Der Zolltarif von Raffelstetten bei Linz aus dem Jahre 904
bestimmt für Sklavenhändler aus Rußland, Böhmen und dem fränkischen Reich
Folgendes:
"Die russischen Händler zahlen eine Gebühr von einem Drittel Schilling für
jede Frau oder jeden Hengst, eine saiga (einen halben Schilling?) für jeden
Mann oder jede Stute. Die fränkischen Händler jedoch, mit Ausnahme der
Juden, zahlen für diese Handelsgüter keine Gebühren." (Dollinger, S.255)
Eine Urkunde des Klosters Niederaltaich aus dem 13. Jahrhundert bestimmt: Als
Leibeigener gilt jedes uneheliche Kind ("Kebs-Kint") einer dem Kloster hörigen
Frau. Die Verwandten konnten das Kind von der Unfreiheit loskaufen. Unterblieb
das, dann sollte es der "Kuntmeister", wenn es volljährig geworden war (= mit
Vollendung des 12. Lebensjahres) "gebunden, auf einen vom Abt bestimmten Hof
führen, wo der Nachkomme auf Lebenszeit als Leibeigener dienen soll."
(Dollinger, S.253f )
Der Historiker Dollinger meint dazu:" Bedenkt man, daß das Konkubinat
(Beischlaf) zwischen dem Herrn und seinen Mägden allgemeiner Usus (Brauch)
war, so kann man kaum bezweifeln, daß uneheliche Nachkommenschaft trotz
zahlreicher Einzelregelungen eine der Hauptquellen der unbemessenen Fron
bildete."19
19
Dollinger, S.254. Finden wir hier eine der Ursachen der jahrhundertelangen Diskriminierung
unehelich Geborener ? Weil die unehelich geborenen Nachkommen von Mägden die niedersten
Arbeiten zu verrichten hatten, wird der Uuneheliche selbst zur Schande. Das Opfer wird zum
„Täter“.
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24 __________________________________________________________________
Ähnlich äußert sich der Historiker Strnad: "Das Eigentumsverhältnis zu den
weiblichen Leibeigenen führte im Mittelalter, dessen Rechts- und
Sittlichkeitsbegriffe mit den geläuterten der Gegenwart nicht vergleichbar sind, zu
steten Übergriffen der Leibherren auf geschlechtlichem Gebiete; Konkubinat mit
leibeigenen Frauen war gang und gäbe bei Hoch und Nieder...Wer auch nur einige
Traditionsbücher durchgesehen hat, wird dem Bibliothekar Theodor Mayer von
Melk zustimmen, welcher schon im Jahre 1851 schrieb: Aus allem springt in die
Augen wie allgemein und offen das Konkubinat in jenen Zeiten war, wo die
Leibeigene auch hierin mit dem Leibe eigen war; denn wenigstens 19 von 20 der
Freigelassenen sind solche Mägde, jede mit Nachkommenschaft von vier oder
mehreren Kindern (darunter Töchter, die selbst schon wieder 2 bis 4 Kinder hatten)
gesegnet , welche man alle mit Namen fleißig aufgeführt findet, weil sie, wenn
erwachsen (= 12 Jahre alt) gleichfalls zum Zins von 5 Denaren (=Pfennigen)
verhalten waren..."( Strnad, S. 756)
Ein besonderes Merkmal der Unfreiheit bestand darin, daß Ehen vom Grundherren
genehmigt werden mußten. Auswärtsehen, das waren Ehen zwischen Menschen,
die verschiedenen Grundherren gehörten, waren ursprünglich verboten und mit
hohen Strafen belegt, denn sie führten zu endlosen Streitigkeiten zwischen den
Grundherren über die Frage, wem die Kinder gehören sollten. Das kirchliche Recht
verbot Ehen zwischen Verwandten bis zum 7. Grad, daher war es für viele
Leibeigene kaum möglich einen Partner innerhalb der Gutsherrschaft zu finden und
so wurden seit dem 12. Jahrhundert mehr und mehr Ausnahmeregelungen gestattet.
Uneheliche Kinder verfielen der härtesten Form der Unfreiheit und sie gehörten
dem, der die Mutter besaß.
Leibeigene waren nicht zu den kirchlichen Weihen zugelassen, durften also nicht
Priester werden. Bei den zahlreichen Ehen zwischen Freien niederen Standes und
Unfreien galt der Grundsatz: die Kinder folgen der ärgeren Hand. Das heißt, die
Kinder waren unfrei, wenn einer der beiden Elternteile unfrei war. Dadurch
vergrößerte sich die Zahl der Unfreien stetig. Später galt der Satz: die Frucht folgt
dem Bauch. Das bedeutete, daß der Stand der Mutter ausschlaggebend war.
Die Entstehung der Städte wurde eine Gefahr für den Bestand der Leibeigenschaft.
"Stadtluft macht frei", hieß es, weil Leibeigene, die in die Stadt entlaufen waren,
nur binnen Jahresfrist von ihrer Herrschaft zurückgefordert werden konnten. Diese
Menschen nannte man Pfahlbürger. Die Flucht in die Städte nahm aber solche
Ausmaße an, daß im Jahre 1340 Kaiser Ludwig der Bayer die Aufnahme von
Pfahlbürgern in den Städten und Märkten Bayerns generell verbot. "Nichts lesen
wir häufiger in den Urkunden der altbayrischen Klöster im 14.Jahrhunderte"
schreibt der Historiker Strnad, "als Reverse (=Verpflichtungen) von Leibeigenen
ihren geistlichen Herren nicht entfahren und nicht ohne ihre Bewilligung sich
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verehelichen zu wollen; diese (die geistlichen Herren) suchten sich wieder dadurch
zu schützen, daß sie im Entweichungsfalle nach den Angehörigen des Leibmannes
griffen und diese einkerkerten." (Strnad, 759)
Wir haben oben gesehen, daß Leibeigene von ihren Besitzern zur Erlangung des
eigenen Seelenheiles an eine Kirche oder an ein Kloster verschenkt wurden. Die
einen blieben im Stand der Leibeigenschaft, andere wurden zur Zinspflicht
"freigelassen". Das bedeutete für die Betreffenden zwar noch nicht Freiheit im
modernen Sinne, aber eine mildere Form der Knechtschaft. Vollständige Freiheit
konnten Leibeigene mit einem Schritt kaum erlangen. Dafür war die Kluft
zwischen frei und leibeigen zu groß. Er oder sie mußten für die Freilassung jährlich
5 Pfennige Kopfzins an eine Kirche oder ein Kloster abliefern. Versäumten sie die
Zahlung, fielen sie wieder in die vorherige, unbedingte Knechtschaft zurück. Der
Freikauf von Leibeigenen war möglich.
Der Krieger Hartwig von Hag übergibt um 1215 an den Altar des Hl.
Pancratius in Ranshofen die Magd Wiradis, unter der Bedingung, daß sie sich
um 1 Pfund Pfennige freikauft, damit sie und ihre Nachkommenschaft frei
seien. (Urkundenbuch I, S. 266)
Der rechtgläubige Mann Siboto, der die leibeigene Magd Fridrun des Klosters
Reichersberg zur Frau hat, kauft sie im Jahre 1280 durch Zahlung von einem
Pfund Silberpfennigen frei, mitsamt ihren Kindern Dietwin, Siboto, Pertha,
Alheit und Wentel. Dafür wird sie dem Kloster jährlich 5 Silberpfennige
Kopfzins zahlen. (Urkundenbuch I, S. 369)
Die Brüder Chunrad, Herting und Heinrich von Haubnperch verkaufen für
20 Pfund Silberpfennige Mechthild, die Frau des Wilhelm von Braunau an
den Altar des Märtyrers Pancratius (Ranshofen) zum jährlichen Kopfzins von
5 Pfennig, zusammen mit ihrem Sohn Otto und ihrer Schwester Alheida und
ihrer weiteren Nachkommenschaft. (Urkundenbuch I, S. 252) (Die Frau und
ihre Verwandtschaft waren also Leibeigene der Brüder und werden nun
Zinspflichtige des Klosters Ranshofen. Wer die große Summe bezahlt hat geht aus
der Urkunde nicht hervor, vermutlich der Gatte.)
Es kam auch vor, daß Leibeigene entführt oder gestohlen wurden. Eine Urkunde
vom Stift Ranshofen aus dem Jahre 1170 vermeldet:
" Allen Gläubigen in Christus sei bekannt gemacht, daß sich Otto von Ror
unrechtmäßigerweise die Menschen der Kirche Mazelin, Udalschal und
deren Verwandte angeeignet hat. Er hat sie aber korrekterweise
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zurückgegeben. Zeugen sind Otto selbst, sein Sohn, Otto Val, Otto von
Überackern, Diepold von Überackern und andere." (Urkundenbuch I, S. 229)
Die Rorer waren ein Rittergeschlecht.
Es kommt auch vor, daß sich Menschen selbst zu Zinspflichtigen an die Kirche
machen. Sie stellen sich damit unter den Schutz des Altares. Um 1170 tritt eine
ganze Familie in den Zinsdienst des Klosters Ranshofen:
"Udalrich von Wercingen, und Otaker, sein Bruder und deren Schwestern
Fromut und Perhta und die Kinder des genannten Udalrich, ...übergeben sich
für ihr Seelenheil dem Altar des Hl. Pankratius (=Ranshofen), zum Kopfzins
von 5 Silberpfennigen. Zeugen sind Eberhard, Chonrad von Braunau,
Wolferin von Apfelthal, Adelram von Überackern" (Urkundenbuch I, S. 232)
20
Die unfreien Lehen-Inhaber
Ein Lehen ist ein geliehener Besitz, der vom Eigentümer wieder zurückgefordert
werden kann. Der Lehen-Inhaber des Mittelalters ist kein Pächter im modernen
Sinn. Der heutige Pächter schließt mit dem Pachtgeber einen Vertrag von gleich zu
gleich und genießt im übrigen dieselben bürgerlichen Rechte und Freiheiten wie
der Pachtgeber. Der mittelalterliche Lehen-Inhaber ist seinem Grundherren
untertänig und von ihm in vielfältiger Weise abhängig. Vielfach ist der Grundherr
auch sein Gerichtsherr.
Die unfreien Lehen-Inhaber bebauten das ihnen überlassene Land in Eigenregie.
Für die Überlassung mußten sie dem Grundherren einen Teil der Ernte geben.
Später wurden die Naturalabgaben mehr und mehr durch Geldbeträge ersetzt.
Ursprünglich waren unfreie Leheninhaber an einigen Tagen der Woche zu
Frondiensten am herrschaftlichen Hof (Fronhof) verpflichtet, der Rest der Tage
konnte zur Bestellung des eigenen Landes verwendet werden. Dieser Dienst entfiel,
als die Grundherren den Eigenbau auf den Fronhöfen einstellten und alles Land,
das sie hatten, verliehen. Für den Wegfall der Fronarbeit wurden Geldabgaben
verlangt. Herrschaftliches Land wurde auch an Freie verliehen. Auch sie mußten
einen Teil des Ertrages abliefern. Mit dem Wegfall der Fronarbeit auf dem
Herrenhof unterschied sich die Arbeit der unfreien und der freien Leheninhaber
nicht mehr voneinander. Im 12. Jahrhundert verschmelzen unfreie und freien
Lehen-Inhaber zu einer neuen Schicht, den Bauern. Um diese Zeit entsteht auch
20
In Bayern wurde die Leibeigenschaft erst im Jahre 1808 unter dem Eindruck der französischen
Revolution (Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!) aufgehoben. Noch im Jahre 1758 gilt im Codex
Maximilianeus Bavaricus Civilis (dem damaligen allgemeinen Gesetzbuch Bayerns) das ganze 8.
Kapitel der Leibeigenschaft. In Österreich wurde 1781 unter Kaiser Josef II., dem einzigen
Habsburger Herrscher, der in einem modernen Sinne sozial dachte und regierte, die Leibeigenschaft
gänzlich aufgehoben.
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__________________________________________________________________ 27
das Wort Bauer, mittelhochdeutsch "Gebure", das von bauen (= ein Feld bebauen),
kommt. Im 13. Jahrhundert bildet der Bauernstand schon eine geschlossene, von
den anderen Ständen klar abgegrenzte Schicht. Innerhalb dieser Schicht gibt es
bereits eine Trennung in arm und reich, in verhältnismäßig wohlhabende
Großbauern, ärmere Mittelbauern und in arme Kleinbauern. Freie Bauern, mit
eigenem Grund und Boden, gibt es so gut wie nicht mehr. Der Adel versucht sich
vom
Bauernstand
zu
distanzieren.
"Diese
Tendenz wird besonders in
den Landfriedensgesetzen
faßbar, in denen zahlreiche
Vorschriften
darauf
abzielen,
den
Bauern
bestimmte Rechte, vor allem
militärischer Art, und sogar
bestimmte
Gewohnheiten
und Bräuche zu untersagen."
(Dollinger, S.350)
Die Arbeit der Freien
unterscheidet sich strikt von
der Arbeit der Unfreien.
Bäuerliche Arbeiten gehören
zu den unfreien Arbeiten. Es
gilt geradezu der Grundsatz,
wer unfreie Arbeiten verrichtet, wird unfrei. Wenn
zum Beispiel eine freie Frau
einen Unfreien ehelicht, und
während dreier Jahre keine
bäuerlichen Arbeiten verrichtet, so bleibt sie eine
Freie.
Verrichtet
sie
bäuerliche Arbeiten, wird
sie unfrei. 21 Unter den
unfreien Arbeiten wurde wieder unterschieden zwischen verschiedenen
Unfreiheitsgraden. Es gibt Arbeiten, die der leibeigene Tagewerker (Knecht) zu
verrichten hat und solche, die der Bauer verrichtet.
21
"Gott soll mich strafen, wenn ich dir die Ochsen treibe und den Hafer säe. Das ziemt sich wahrlich
nicht bei meinen langen blonden Haaren" sagt der junge Helmbrecht zum Vater. Lange Haare waren
ein Zeichen des freien (!) Ritterstandes. (Helmbrecht-Lied, Strophen 68 - 73)
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28 __________________________________________________________________
Die Gilgenberger, die uns durch die Urkunden des 13. und 14. Jahrhunderts
bekannt werden, und das sind
Abbildung 11. Bauern, die den kleinen Zins
nicht wenige, wie wir später
abliefern. Kupferstich von A. Dürer 1512
sehen
werden,
gehören
allesamt dieser abhängigen, bäuerlichen Schicht an. Diese Bauern hatten gewiß
selbst Leibeigene als Knechte und Mägde. Von Adeligen, die im Gemeindegebiet
gesessen hätten, berichten die Urkunden nichts. Von freien Bauern, die eigenes
Land besaßen, lesen wir auch nichts. Um 1330 gibt es in Gilgenberg bereits so
viele Höfe, die an den Herzog Abgaben zu leisten haben, daß für eine
nennenswerte Anzahl von freien Bauern schon rein räumlich gesehen, kein Platz
mehr gewesen wäre.
Die herzoglichen Güter wurden den Bauern zu Freistift, zu Leibrecht oder zu
Erbrecht überlassen.
Freistift , auch Herrengunst oder Herrengnad genannt, bedeutete jederzeit
mögliche Kündigung durch den Herren. In der Regel fand die Stiftung alljährlich in
einer Zeremonie statt, wobei der Bauer dem Herrn ein Geschenk zu geben hatte
und dann wieder gestiftet (= auf dem Gut eingesetzt) wurde. Diese Form der Leihe
wurde besonders von den Klöstern lange beibehalten. Die Grundherren hatten kein
Interesse den Bauern vom Hof zu jagen, solange sie ihre Abgaben erhielten, aber
die jährliche Stiftung sollte ihn an seine Abhängigkeit erinnern.
Leibrecht (oder Leibgeding) bedeutete, daß die Stiftung sich auf den Leib, das
heißt auf die Lebenszeit erstreckte. Bei Stiftsantritt hatte der Bauer dem Herren ein
größeres Geschenk zu machen, zum Beispiel einen Ochsen.
Erbrecht bedeutete, daß die Nachkommen des Bauern das Recht hatten auf dem
Hof zu bleiben. Erbrecht wurde im Hochmittelalter nur aus besonderen Gründen
vergeben. Bei Neuantritt mußte der Erbe ein Geschenk geben , das etwa 5% des
Gutswertes ausmachte.
Die Ministerialen
Auch das Mittelalter hatte seine klassischen Aufsteiger, die "Ministerialen" (das
Wort "Minister" kommt davon). Sie waren ursprünglich zum Heeres- und
Hofdienst verpflichtete Unfreie, die geschickt genug waren, sich unentbehrlich zu
machen und in wichtige Positionen emporzuarbeiten. Ihre Stellung bessert sich im
Lauf der Zeit zusehends. Wir finden sie bald in den höchsten Ämtern.
6. Das Gerichtswesen
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__________________________________________________________________ 29
In der Karolingerzeit lag die Rechtssprechung beim Grafen, er war oberster Richter
in der Grafschaft. Im 12. Jahrhundert übertrugen die Grafen das Richteramt als
Lehen an Berufsrichter (Landrichter). Diese waren im 12. und 13. Jahrhundert für
die niedere und die hohe Gerichtsbarkeit verantwortlich. Die hohe Gerichtsbarkeit
befaßte sich mit Kapitalverbrechen, die niedere mit kleineren Delikten. Die
Ausführung der niederen Gerichtsbarkeit wurde vom Landrichter dem Schergen
übertragen.
Das Richteramt war eine begehrte Einkommensquelle, da die Geldbußen der
Verurteilten dem Richter zufielen. Wenn ein Scherge tätig war, bekam auch er
seinen Teil.
In der Karolingerzeit galt, daß der Unfreie für Missetaten körperlich gezüchtigt
oder verstümmelt wurde, während der Freie sich durch ein Bußgeld loskaufen
konnte. Bei Vergewaltigung büßte der Freie mit einem Bußgeld von 12
Schillingen, während der Unfreie zur Hinrichtung an die Verwandten des Opfers
ausgeliefert wurde. "Die Hochgerichtsbarkeit der Karoligerzeit war im
wesentlichen Sühnegerichtsbarkeit, die auf dem Prinzip der Buße beruhte. Gewiß
kannte sie auch die Todesstrafe, aber sie bemühte sich in erster Linie, die eine
Partei für das angetane Unrecht zu entschädigen, um Privatfehden zu vermeiden
".22 Vom 11. Jahrhundert an ändert sich diese Auffassung. Auch unter dem
Eindruck des wachsenden Räuberunwesens wird die Hochgerichtsbarkeit zur
Blutgerichtsbarkeit für alle. "In ihrem Kampf gegen das Räuberunwesen wandten
sich die Könige und Fürsten von der ausgleichenden Rechtsprechung ab und einer
strafenden Rechtsprechung zu, die blutig und exemplarisch war, dem sogenannten
Volksempfinden sicherlich mehr entsprach und auch größere Wirkung zeigte. Aus
diesen Überlegungen entstanden Strafen wie Verstümmelung und Hinrichtung, die
für die Landfriedensgesetze charakteristisch sind"23
Die Mächtigen waren die Besitzenden. Daher waren Eigentumsdelike die
schwersten Verbrechen. Eigentum galt mehr als ein Menschenleben. "Zu Beginn
des 13. Jahrhunderts lag noch nicht genau fest, welche Verbrechen mit dem Tode
bestraft werden sollten. Zwar war man sich nahezu darüber einig, daß Diebstahl
dazu gehören sollte, Totschlag dagegen galt als "ehrbares" Verbrechen, das schon
eher durch ein Blutgeld zu sühnen war." (Dollinger, S.59)
Der Sachsenspiegel, eine Sammlung von Rechtsvorschriften, die um 1220
entstanden ist, sagt kurz und bündig:
22
Dollinger, S.57. Sippenfehden führen, wenn Blutrache geübt wird, zur Unregierbarkeit eines
Volkes oder Stammes. Das lag nicht im Interesse der Herrscher.
23
Dollinger, S.58. Ein Beispiel hierfür ist der bayerische Landfrieden von 1244 (nach heutigen
Begriffen ein Grund- und Strafgesetzbuch).
_________________________________________________________________________
30 __________________________________________________________________
Wer des Nachtes Korn stilt, der is schuldig des Galgen, stilt er´s des Tages, es
get ihm an den Hals.24
Um die Mitte des 13. Jahrhunderts wurden in Bayern die todeswürdigen
Verbrechen endgültig festgelegt : Diebstahl, Mord und Vergewaltigung. In dieser
Zeit werden die Unterschiede im Strafrecht zwischen Freien und Unfreien kleiner.
Die leibeigenen Knechte und Mägde freilich waren in ihrem Alltag kaum geschützt
durch das Gesetz. Stadtrechte waren vergleichsweise liberal und dennoch bestimmt
das Stadtrecht von Enns aus dem Jahre 1212:
"Wenn jemand seinen Knecht oder seine Magd ohne eine Waffe blutig
schlägt, muß er sich hierfür vor dem Richter nicht verantworten."
Bischof Ruprecht von Freising bestimmt im Hofrecht von 1328, daß der Herr sich
strafbar macht, wenn er den Leibmann oder die Leibfrau mit einer Waffe oder
einem Knüppel tötet; schlägt er mit Ruten oder mit einem Zweig, der innerhalb
eines Jahres gewachsen ist, so gilt Folgendes: stirbt das Opfer unmittelbar nach der
Tat, so ist der Herr strafbar; überlebt es bis zum nächsten Tag, wird der Herr nicht
gerichtlich verfolgt.
Der Landrichter von Burghausen
Die drei todeswürdigen Verbrechen Mord, Notzucht und Diebstahl unterstanden
der Hochgerichtsbarkeit, auch Blut- oder Malefizgerichtsbarkeit genannt. Hierfür
war der Landrichter in Burghausen zuständig. Alle geringeren Vergehen waren der
Niedergerichtsbarkeit anhängig. (vgl Hiereth, S. 8)
Zur Verwaltung der herzoglichen Güter, auf denen die Gilgenberger Bauern saßen,
war beim Landgericht Burghausen das Kastenamt eingerichtet. Der Name leitet
sich vom Getreidekasten (Kornspeicher) her, worin die Naturalabgaben der Bauern
gesammelt wurden. Dem Kastenamt stand der Kastner vor. Die Kastner übten die
Niedergerichtsbarkeit über die Bauern aus, hatten also auch richterliche Aufgaben.
Zur Seite standen ihnen die Schergen und deren Gehilfen, die Amtsknechte. Die
Schergen übten in ihren Ämtern praktisch Polizeigewalt aus, wozu auch die
Eintreibung der Steuern und Abgaben gehörte. Im Volksglauben hatte der Scherge
übernatürliche, von Gott, um der Gerechtigkeit willen, gegebene Kräfte. Im
Helmbrecht heißt es in Strophe 1641 :
"Schlüge ein Dieb auch ein ganzes Heer, gegen den Schergen hätte er keine
Wehr. Wenn er ihn von Ferne sieht, erlischt ihm das Augenlicht, er wird
aschfahl im Gesicht. Wie kühn und wie schnell er auch wäre, ihn fängt selbst
24
Sachsenspiegel, Landrecht und Lehnrecht, Hgb. Friedrich Ebel, Reclam, Stuttgart 1993
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 31
ein lahmer Scherge. Seine Wendigkeit und List sind verschwunden, wenn
Gott selbst Rache nehmen will."
Heintzl Ampman von Sand Jlligenperg
Am 14. Jänner 1379 wird in Braunau der Rechtsstreit in der Sache Margareth,
Erbin von Aschach gegen den Abt von St.Peter zu Salzburg verhandelt. Die
Margareth behauptet, das Gut Stein in der Ostermüthinger Pfarr, sei ihr väterliches
Erbe. Der Abt läßt ausrichten, es wäre sein´s. Die Frau verliert, der Abt gewinnt
und Zeuge der Verhandlung ist, unter anderen ehrbaren Leuten, Heintzl Ampman
von Sand Jlligenperg. (Urkundenbuch, Band IX, S.567f). Wenn Heintzl Amtmann
von Gilgenberg war, gab es in der Pfarre bereits einen
Ortsvorsteher.
Möglicherweise ist dieser Heintzl jener "Heinrich aus dem Holz", der als
Zechmeister, zusammen mit Hanns von Dick, 1373 eine Mittwochsmesse stiftete.
Abbildung 12. Vor dem
Richter. Auf dem Richterstuhle der Richter mit langem Haar und dem Stab in
der Hand. Rechts der Kläger in langem Gewand,
rechts der Übeltäter in
bäuerlichem Dreiviertelrock, der von dem Schergen
mit Kapuze festgehalten
wird.
In der frühmittelalterlichen Gesellschaft war
Freiheit oder Unfreiheit
eine Frage der Geburt.
DerUnterschied zwischen
arm und reich war geringer als im Spätmittelalter,
denn die frühmittelalterlichen Bauernwirtschaften
waren nicht produktiv
genug, eine größere und
reichere, von anderer Leute Arbeit lebende (soziale) Oberschicht zu tragen. (vgl.
Abel, S.25). Im Spätmittelalter ist die Situation umgekehrt. Die Unterschiede in
den persönlichen Freiheiten sind geringer geworden. Die Unfreien sind nicht mehr
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32 __________________________________________________________________
vollkommen rechtlos, auch die Bauern können ihre Rechte vor einem öffentlichen
Gericht bekommen. Dafür werden die Unterschiede zwischen arm und reich immer
größer, wobei Reichtum Freiheit bedeutet und Armut Unfreiheit. Raub- und
Eigentumsdelikte werden mit drakonischen Strafen geahndet. Die Blut- und
Verstümmelungsgerichtsbarkeit bleibt bis weit in die Neuzeit hinein bestehen.
Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen.
Was der Scharfrichter bekommt
Eine Gebührenordnung des Gerichts Mauerkirchen vom Jahre 1699 legt fest, was
der Scharfrichter für den Strafvollzug bekommt (nach Strnad, S. 838)
Der Scharfrichter bekommt für:
Gulde Kreuz Heller
n
er
Eine Person mit dem Schwert köpfen
2
mit dem Strang hinrichten
2
mit dem Rad hinrichten
3
für Stoß, Rad und Brechen
3
25
5
auf das Rad legen
1
8
4
mit dem Feuer hinrichten, ohne Pulver, Stroh und
4
anderes
mit (glühenden) Zangen greifen, für jeden Griff
1
8
4
für die Zange
1
8
4
für Kessel und Blasebalg (zum Erhitzen der
4
8
4
Zangen), ohne Kohle
die Zunge abschneiden und an den Pranger stellen
2
die Ohren abschneiden oder durch die Backen
2
34
brennen
strangulieren (erwürgen) an der Säule
2
mit Ruten aushauen
1
8
2
des Landes verweisen
34
2
die Hand abhauen
1
8
4
die Finger abschneiden
1
34
für das Hinausführen auf den Richtplatz (kommt
1
8
4
jedesmal hinzu)
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 33
für Strick und Handschuh (kommt jedesmal hinzu)
so sich eine Person selbst hinrichtet, für Verbrennen
oder Vergraben
so der Scharfrichter übers Land reist, auf Roß und
Mann den Tag
34
2
8
1
30
"Prauten"
Die Gerichtsordnung des Landgerichtes Wildshut droht noch um 1600 folgende
Strafe an:
Wer am jährlichen Gerichtstag unentschuldigt fernblieb hatte ein halbes Pfund
Pfennige zu zahlen. Als Entschuldigungsgründe galten nur Feuersbrunst,
Wasserschaden oder "welches Ehegemahl in Geburtsnöten were". War jemand
nicht in der Lage die Strafe zu zahlen
"so soll ihm der (Gerichts-)Pfleger zu Haus und Herberg ziehen und
ihm den Ofen einschlagen. Da er aber im Haus keinen Ofen funde
(fände), und damit er demnach seines Ausbleibens ungestraft nicht
bleibe, so soll der Pfleger ihm sein Hausfrau, wovor es (= wenn sie )
ihm gefiele, prauten : gefiel es aber dem Pfleger an der Gestalt nicht, so
mags der Pfleger dem Gerichtschreiber zu verrichten vergonnen. Wo es
aber demselben auch nicht gelegen wäre, so soll es dem Amtmann, wie
oben gesezt, zu thun geschafft und auferladen werden." (Österr.
Weistümer, Bd XV. S.129)
Das Landgericht Wildshut wurde zwischen 1402 und 1408 vom Gericht Weilhart
abgetrennt und zu einem eigenen Landgericht. Es hatte auch die
Blutgerichtsbarkeit über den Weilhartforst.
Die Schranne zu Gilgenberg
Als die Wittelsbacher die Grafschaft Burghausen übernahmen, richteten sie zu
deren Verwaltung "Ämter" ein, denen herzogliche Beamte, sogenannte Richter
vorstanden. Die Unterbeamten der Richter waren die Schergen. Im Urbar von 1240
sind die Gilgenberger Höfe unter dem "Chunrads Schergamt" aufgeführt. Die
Stätten an denen diese Schergen Gericht abhielten, waren die Schrannen.
_________________________________________________________________________
34 __________________________________________________________________
Gilgenberg war mindestens zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine Schranne. Der
Historiker Strnad erwähnt, daß Ulrich der Dachsberger, Richter im Weilhart, in
der Zeit zwischen 1423 und 1427 "in der Schranne zu Gilgenberg mit dem Stab
in der Hand gesessen ist" (Strnad, S. 816). Der Stab war das Symbol richterlicher
Gewalt.
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__________________________________________________________________ 35
7. Der Bauernstand im Hochmittelalter
Die Viehzucht
Der hochmittelalterliche Bauernhof hatte bereits alle heute bekannten Nutztiere.
Rind, Schwein, Pferd, Esel, Schaf, Ziege, Gänse, Enten, Hühner, Bienen, Hund und
Katze. Der weitaus wichtigste Fleischlieferant, besonders in waldreichen Gegenden
wie der unseren, war das Schwein. Die Schweine waren der Wildform noch sehr
ähnlich. Schlanke, hochbeinige Tiere mit Haarkamm am Rücken. Sie wurden in
Herden bis zu 50 Tieren gehalten. Wenn man sie in den Wald trieb band man
ihnen Schellen um den Hals um die Herde beisammen zu halten. Sie wurden an
Eicheln und Bucheckern gemästet, bevor sie
im Spätherbst geschlachet wurden. Die
Schinken konnten geräuchert werden und
wenn der Winter früh kam, war auch die
Natur ein Kühlschrank. Zur Nacht wurden
die Schweine in Hütten oder umzäunte Plätze
getrieben. Der Weilhart war damals, wie alle
anderen
Wälder
außerhalb
der
Gebirgsregionen im wesentlichen Laubwald.
Die Buche war der Hauptbaum, dazwischen
wuchsen, zwischen Sträuchern, Eiche, Ahorn,
Ulme, Linde, Esche, Erle, Weide und Föhre. Wie wichtig das Schwein war, zeigt
auch die sprachliche Genauigkeit mit der man von Schweinen sprach. Das Urbar
von 1330 unterscheidet zwischen Schlachtschwein, halbgültigem Schwein,
dreischrotigem Schwein, Viertel-Schwein und Frischling. Das Wildbret 25 spielte
nur in der Ernährung des Adels eine Rolle, dem allein das Jagdrecht vorbehalten
war. Erlegt wurde das Wild vom Pferd herab mit Pfeil und Bogen und mit dem
Speer. Auch Fallenstellerei wurde betrieben.
Abbildung 13. Hausschweine,
Zeichnung 15. Jahrhundert
Pferde und Rinder waren kleiner als heute. Die Schulterhöhe der Pferde entsprach
mit 140 cm etwa dem heutigen Islandpony. Die Rinder hatten eine Widerristhöhe
von 110 cm. Auch auf den mittelalterlichen Abbildungen ist zu erkennen, daß das
Rind wesentlich kleiner war als heute (siehe Abbildung nächste Seite). Das
Lebendgewicht eines drei- bis vierjährigen Rindes lag bei 200 kg, das
Schlachtgewicht bei 100 kg. Das Gewicht eines Kalbes betrug ca. 35 kg lebend und
25
Im Urbar von 1581 wird von vielen Feldern in der Hoißgassen und der Ruderstallgassen vermeldet,
daß sie durch Wild gefährdet seien.
_________________________________________________________________________
36 __________________________________________________________________
20 kg geschlachtet (nach Abel, S. 24). Rindfleisch scheint in der Ernährung der
Bauern nur eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Das Rind war wesentlich
Zugtier und Milchproduzent. Der Anteil der Ziegen und Schafe als
Milchproduzenten,
dürfte hoch gewesen
sein.
Abbildung 14. Ein
Rinderkauf um 1500
Die Milchleistung einer
Kuh lag bei 3 bis 5 Liter
pro Tag. Die Laktationsperiode war kürzer
als heute und dauerte 6
bis 8 Monate. Die
Jahresmilchleistung lag
bei etwa 1000 Litern.
Milch und Butter verdarben schnell, daher
wurde aus der Milch
Käse bereitet. Rinder
werden zum Unterschied von Schweinen,
Gänsen, Enten und
Hühnern in den Abgabelisten nicht erwähnt.
Wir können aber annehmen, daß es auf den
Weiden
vor
dem
Weilhart und im Wald
Milchtierhaltung gab.
Im Urbar von 1240 gibt der Hof zu Weidental 10 Stück Käse. Im Urbar von 1330
geben fünf Höfe Käse. Ein Käse wog 1 - 1,5 kg und wurde aus ca. 20 Litern Milch
gewonnen. Ein mittelgroßer Bauernhof hatte ein bis zwei Kühe. Ausgesprochene
Rinderhaltung gab es in der Gemeinde wahrscheinlich nicht, denn es findet sich
kein Hinweis auf eine Schwaige bzw. eine Schwaighof. So nannte man Höfe, die
Viehzucht betrieben. Schwaighöfe gab es vorallem in den Gebirgstälern von Tirol
und Salzburg. Der Viehbestand eines mittelalterlichen Schwaighofes war nach
heutigen Maßstäben bescheiden. Er hatte 6 Rinder und etwa ein oder zwei Dutzend
Schafe und einige Ziegen.
_________________________________________________________________________
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Preise für Tiere im 13. Jahrhundert
Nach dem Sachsenspiegel ist ein Rind 4 Schilling wert, ein Eber oder eine tragende
Sau 5 Schillinge, ein jähriges Schwein 3 Schillinge, ein Ferkel 3 Pfennige (30
Pfennige = 1 Schilling). Ein Rind ist also weniger wert als ein Eber (nach Abel,
S.93). Die Verhältnisse in Bayern werden ähnlich gewesen sein. Im Urbar von
1330 gilt im Amt Burghausen das Schlachtschwein 3 Schilling, ein "halbgültiges
Schwein" 45 Pfennig, ein "Dreischrotschwein" 32,5 Pfennig und ein
"Viertelschwein" 22,5 Pfennige. Schafe oder Widder wurden mit 10 - 15 Pf
gehandelt und Lämmer zu 1 bis 5 Pfennigen26. Ein Käse kostete einen halben bis
zwei Pfennige. Schafe wurden weniger des Fleisches wegen gehalten, sondern um
der Wolle willen. Die Haut des Schafes diente zur Pergamentherstellung. Auf
Pergament wurden die Urkunden verfaßt. Die "Kuh" der armen Leute war die Ziege.
Die Bienenzucht
Eine wichtige Rolle spielte die Bienenzucht, da Honig das einzige Mittel zum
Süßen der Speisen war. Daher war der Bedarf hoch und der Honig teuer. Die
Hofstellen (Huben) der Zeidler werden allgemein Zeidelhub, oder Zeidellehen
genannt. Der Historiker Dollinger schreibt: "Die Imkerei war eng mit der
Waldwirtschaft verbunden. In früheren Zeiten, und sogar noch im 13. Jahrhundert
sammelte der Imker oft wilden Honig in Baumhöhlen und Felsnischen.
Waldgebiete, in denen sich Bienenschwärme bevorzugt einnisteten, wurden als
Bienenweiden bezeichnet, und es war verboten, sie zu roden. Jedoch wurde der
Imker in den meisten Fällen sehr früh zum "Honiggärtner", der auf seiner Hofstelle
Bienenstöcke aus Holz oder Weiden aufstellte." (Dollinger, S. 397). Der Weilhart
war ein lichter Laubwald mit einem relativ unberührten Urwaldkern. Tote Stämme
mit geeigneten Höhlen für Bienenschwärme und Lichtungen auf denen Blumen
und Buschwerk wucherten, waren sicherlich ausreichend vorhanden. Da Honig
teuer war, waren Imker geachtete Leute. Öfter als andere zahlten die Imker den
Pachtzins in Geld und hatten ihren Hof in bevorzugter Erbleihe. (vgl. Dollinger, S.
398)
Gleich zweimal verraten uns Namen von Hofstellen in unserem Gemeindegebiet
welchem Haupterwerb die Inhaber nachgingen. Im Urbar von 1240 wird der
"Zidelaere" genannt und im Urbar von 1330 ist die Rede von "Zeidelperg"
(=Zeisberg) und von dem "Zeidelhub" (= Zahlermeier). Im Urbar von 1581 heißt
es: "Georg Zeidlmayr, derzeit fürstlicher Castnbreiter, besitzt die Zeidlhueb. Aus
dem "Huber" war ein "Meier" geworden. Die Namen kommen vom Zeidler, dem
26
Dollinger, S. 167. Mittelalterliche Preis- und Maßangaben sind aber mit großer Vorsicht zu
behandeln.
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38 __________________________________________________________________
Imker. Der "Zeidler" wiederum kommt vom lateinischen "cidelarius". Mehr über
den Gilgenberger Cidelarius später.
Bei der geringen Bevölkerungsdichte im Frühmittelalter konnte auf den
vorhandenen natürlichen Weideflächen entlang der Flußlandschaften und in den
lichten Buchenwäldern, extensive Viehhaltung betrieben werden, während
Getreideanbau eine geringere Rolle spielte. Mit dem sprunghaften Anstieg der
Bevölkerung im Hochmittelalter wird Getreideanbau vorherrschend. Mit Getreide
können von derselben Fläche wesentlich mehr Menschen ernährt werden als durch
Viehhaltung. In der Nahrung wird tierisches Eiweiß durch pflanzliches Eiweiß
ersetzt. Eine Folge davon ist, daß die Körpergröße der Menschen abnimmt27. Erst
im 20. Jahrhundert, wird wieder die Größe des Menschen der
Völkerwanderungszeit erreicht, was wiederum mit dem steigenden Konsum an
tierischem Eiweiß übereinstimmt.
Körpergröße von 600 bis heute
Jahr
1800
600
800
1000
1200
1400
1600
1980
Abb. 15. Die durchschnittliche Körpergröße deutscher Männer von 600 bis heute
Der Ackerbau
Der Anbau von Roggen, Hafer, Gerste und Weizen erfolgte im Rhythmus der
Dreifelderwirtschaft Dabei ist nicht klar, ob Gerste rein angebaut wurde oder als
Saatgut, das mit Hafer vermischt war.28 Daneben wurden Mohn, Flachs, Rüben,
Bohnen, Erbsen und Linsen angebaut. Die Ernte betrug das Drei- bis Vierfache der
Saatmenge. Je Hektar wurden 600 - 800 kg Getreide geerntet. Gute Böden warfen
mehr ab und schlechte weniger. Die jährlichen Ertragsschwankungen waren groß.
Je nach Jahr gab es eine gute oder eine schlechte Ernte, im ungünstigsten Fall
erntete man überhaupt nichts. Die Bauernwirtschaft des Hochmittelalters war ein
27
Die Körpergröße der Menschen sinkt in diesen Jahrhunderten auch wegen der Unterernährung, die
durch die "Übervölkerung" hervorgerufen wurde.
28
"Es ist ein viel zu wenig beachteter Vorgang in der Geschichte der Landwirtschaft, wie aus dem
bunten Sortiment frühgeschichtlicher Getreidearten sich allmählich die "Landsorten" herausschälten,
die dann Bestand hatten, aber vielfach auch noch als Mischgetreide angebaut wurden." Abel, S. 39.
Das Urbar von 1330 stellt fest: " Vastmuz das ist eine Mischung aus Hafer und Gerste " Damit könnte
eine Fastenspeise, ein Fastenmuß, gemeint sein.
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__________________________________________________________________ 39
Existenzkampf mit ungewissem Ausgang. Unwetter, Hagelschlag oder
Viehseuchen konnten rasch den Untergang der bäuerlichen Existenz bedeuten.
Rücklagen in Geld oder Gütern, die im Notfall eine gewisse Sicherung bedeutet
hätten, konnten die mittleren und kleinen Bauern kaum anhäufen, dafür waren die
Abgaben zu hoch.
Abbildung 16. Männer und Frauen bei der Getreideernte. Holzschnitt aus dem 16.
Jahrhundert.
Die Getreidefelder sahen anders aus als heute. Die Ähren standen auf langem,
schlankem Halm, der Mannshöhe erreichte. Auf zeitgenössischen Abbildungen
schneidet der Schnitter mit der Sichel nur den oberen Teil des Halmes. Später
wurde das Vieh in die Felder getrieben und so wurden sie gedüngt.
Gepflügt wurde mit Ochsen. Das Ochsenjoch wurde in dieser Zeit verbessert und
erhielt seine bis in die Neuzeit gültige Form. Auch Pferde wurden mehr und mehr
als Zugtiere verwendet, wobei die Erfindung des gepolsterten Pferdekummets eine
wesentliche Leistungssteigerung der Tiere ermöglichte. Vorher wurden den
Pferden Riemen um den Hals gebunden, woran der Wagen befestigt war. Das hatte
die Atmung der Pferde behindert und deren Zugleistung vermindert.
Gedroschen wurde mit dem zweiteiligen Dreschflegel. Wassermühlen, um das
Getreide zu mahlen, waren im 13. Jahrhundert schon verbreitet, daher wird es in
Überackern schon eine Mühle gegeben haben. Wo keine Mühle war, mußte das
Getreide mit Handmühlen oder Mörsern zerkleinert werden. Aus dem Urbar von
1581 geht hervor, daß die meisten Wiesen in Gilgenberg "zwimadig" waren, das
heißt, daß zwei Schnitte im Jahr gemacht wurden. Nur wenige waren "einmadig".
Ob das im 13. Und 14. Jahrhundert auch so war, geht aus den Urbaren nicht hervor.
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40 __________________________________________________________________
Die Gerätschaften waren noch überwiegend aus Holz. Auch Egge und Pflug
bestanden aus Holz. Werkzeuge wie das Grabscheit, ein Spaten aus Holz, der den
Stil seitwärts hatte, waren allenfalls an der Unterkante mit Eisen verstärkt.
Eisenbeschlagene Wagenräder waren etwas Besonderes.
Abbildung 17. Ochsenbespannter Beetpflug mit Ochsentreiber, Pflugführer und Sämann.
Das Treiben wird als niedere Arbeit von einem Knecht verrichtet, der, wie es einem Knecht
geziemt, barfuß geht. Malerei aus dem 12. Jahrhundert.
Bier und Obst
Bier wurde aus Hafer oder Roggen gebraut, erst später aus Gerste. Und so manche
Hausfrau wird mit geheimen Zutaten aus ihrem Kräuter- und Gewürzgarten ein gar
köstliches Gebräu gezaubert haben. "Allerdings verdarb es schnell, was so
manchen Bajuwaren einem nicht unwillkommenen Zwang ausgesetzt haben mag,
zu genießen, was da war" (Brunner S. 194). Die Chorherren von Ranshofen besaßen Weingüter in Niederösterreich. Ob schon Obstanbau betrieben wurde, sagen
die Quellen uns nicht. Es ist aber zu vermuten, weil im Urbar von 1581 alle
Obstbäume genauestens aufgelistet und in ihrem Zustand beschrieben werden, was
zeigt, welch großen Wert sie hatten. Dörrobst war ein wichtiger Vitaminlieferant
im Winter und schon deshalb wird Obstanbau stattgefunden haben. Backöfen in
denen Obst gedörrt und Malz geröstet werden konnte, waren damals bei Bauernhäusern vorhanden. Aus den Äpfeln und Birnen wird man auch Most gemacht
haben. Aufbewahrt wurde er in Tonkrügen, Eichenfässern oder vielleicht auch in
ziegenledernen Behältern.
Was der Historiker Brunner für das Frühmittelalter bemerkt, wird auch in dieser
Zeit mindestens für die Kleinbauern gegolten haben: "Zum Frühjahr hin, wenn
alles andere zur Neige ging, brauchte die Kirche wohl nicht allzu deutlich das
Fasten ansagen: Es war ohnehin nicht mehr viel da, bis die ersten Lämmer
geworfen wurden. Der Mangel war Teil der Wirtschaft, und das galt nicht nur für
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die Armen. Man muß sich ein Leben vorstellen, in dem nahezu jeder Mensch
mehrmals in seinem Leben Hungersnot gelitten hat ...Es war ein hartes Brot von
dem die meisten lebten. Aber auch die, welche die Macht hatten, konnten sie nicht
einsetzen wider die Natur, der alle ausgeliefert blieben in ihrem für unsere
Verhältnisse so kurzen Leben." (Brunner, S. 197)
Über das Waffentragen
Im 9. und 10. Jahrhundert, als es noch freie Viehzüchter gab, waren alle Freien,
gleich welchen Standes, zur Heeresfolge verpflichtet. Die Unfreien waren nicht
zum Kriegsdienst verpflichtet. Ihr Herr konnte sie aber als seine Kriegsknechte
mitnehmen. Vom Jahre 1000 an sind freie, und unfreie Bauern gleichgestellt und
nicht mehr zum Kriegsdienst verpflichtet, können aber als Landwehr oder zur
Verfolgung von Räubern, herangezogen werden. Die Privatfehden der Grundherren
gaben reichlich Anlaß dazu. Das Waffentragen war im bayerischen Landfrieden
von 124429 so geregelt: Die Bauern dürfen Waffen besitzen, aber sie dürfen diese
Waffen nicht tragen, außer beim Einsatz als Landwehr. Verboten ist das Tragen
von Harnischen, Helmen, Hauben, Panzerhemden und Angriffs- und
Verteidigungswaffen, außer zur Begleitung eines Gastes und bei festlichen
Umzügen vor der Dorfkirche. Sonst dürfen sie nur ein kurzes Messer tragen. Alle
anderen Waffen haben sie zu Hause aufzubewahren.
Kleidungs- und Ernährungsvorschriften
Die Besitzunterschiede zwischen Bauer und Edelmann waren im 13. Jahrhundert
noch nicht so kraß wie in späteren Zeiten. Manch verarmter Ritter hatte weniger als
ein Meier und wenn er standesgemäß leben wollte, mußte er Raubritter werden.
Um so nötiger hatte es der Adel und besonders der niedere Adel, sich vom
Bauernstand abzuheben. Dem dienten die Kleidervorschriften für die Bauern. Der
Landfrieden von 1244 bestimmte, daß der Bauer das Haar bis zu den Ohren kurz
geschnitten haben soll. Seine Kleidung soll nicht bunt und edel wie bei den
Rittersleuten sein, sondern aus grobem, grauem Stoff bestehen, und seine Schuhe
sollen aus Ochsenleder sein. Die Bauersfrau soll keine Seidenkleider tragen, nur
einen leinernen Umhang.30
29
Der bayerische Landfrieden war nach heutigen Begriffen ein Grund- und Strafgesetz
Ausführlich wird im Helmbrecht geschildert, was der heimkehrende Sohn den Seinen alles
mitbringt. Einen Fuchspelz der Mutter, ein Seidenband der Schwester, Schuhe für den Knecht und ein
Kopftuch mit roten Bändern für die Magd, ausnahmslos Geschenke, die gegen die herrschende
Ordnung verstießen. (Strophen 1068 - 1090)
30
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42 __________________________________________________________________
Abbildung 18. Dörfliches Mahl im Freien. Das mit Schindeln gedeckte Bauernhaus ist in
Holzblockbauweise errichtet. Die Fenster sind nicht höher als die Balken. Kupferstich von
Daniel Hofer um 1500.
Wein zu trinken und Wildbret zu essen, geziemt dem Bauern nicht, nur dem Adel.
Der junge Helmbrecht, der ein Ritter sein will, sagt zum Vater:
"Trink du nur Wasser, Vater, ich will Wein trinken. Iß Du nur Grütze, ich esse
gesottenes Huhn. Ich will bis zu meinem Tod Semmeln aus Weizenmehl es
sen, zu dir paßt der Hafer." (Helmbrecht, Str ophen471 - 479) 31
31
Genüßlich erzählt uns der Dichter Werner der Gartenaere wie der junge Helmbrecht eine Vorschrift
nach der anderen bricht. Seine Unbotmäßigkeit ist grenzenlos. Die Beschreibung der Kleidung, der
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Die Bauernhäuser
Die Bauernhäuser waren in Holz-Blockbauweise errichtet, wahrscheinlich auf
einem Natursteinfundament. Sie waren ebenerdig und für unsere heutigen
Wohnvorstellungen sehr, sehr schlicht. Die Bauernhäuser zählten im Mittelalter
nicht zu den Immobilien ( = "Unbeweglichkeiten"), sondern zur fahrenden Habe
und konnten vom abziehenden Pächter mitgenommen werden. Schon das weist
darauf hin, daß die Häuser in Größe und Bauweise nicht mit heutigen
Bauernhäusern vergleichbar waren. Nach der Rechtsvorschrift des Sachsenspiegels
aus dem 13. Jahrhundert soll der abziehende Zinsmann (Pächter) das Haus und den
Mist dem Herrn anbieten, damit er ihm das ablöst. Will der Herr das nicht tun, so
darf der Bauer Mist und Haus mit sich führen. ( vgl.Rösener, S.81)
Abbildung 19. Die Kuchl des Mondseer Rauchhauses aus dem 15. Jhdt.
Das Rauchhaus war im Mittelalter im Bayrisch-Salzburgischen verbreitet. Es war
ein Einhaus, das Stall, Stadl und Wohnhaus unter einem Dach vereinte. Das
Mondseeer Rauchhaus aus der Zeit um 1416 (?) vermittelt einen Eindruck wie man
Bewaffnung und der Trinksitten des jungen Bauernsohnes, muß auf die adeligen Zuhörer, denen die
Geschichte erzählt wurde, schockierend gewirkt haben.
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44 __________________________________________________________________
damals wohnte. Das Haus hatte keinen Rauchfang, ein offenes Feuer brannte auf
einem Herd und der Rauch entwich durch Spalten in der Kuchldecke in den
Dachboden und durch Schindelfugen ins Freie. Über der offenen Feuerstelle auf
dem gemauerten Herd war ein "Feuerhut" gegen den Funkenflug. Solch eine Kuchl
war bisweilen bis in den letzten Winkel mit beißendem Rauch erfüllt. Eine
Redensart aus dem 11. Jahrhundert nennt die drei schlimmsten Dinge: ein
undichtes Dach, ein böses Ehegespons und den Rauch. Die besser gestellten
Großbauern hatten neben der Rauchkuchl eine rauchfreie Stube. Ein sogenannten
Hinterlader Ofen, der vom Küchenherd aus beheizt wurde, war in die Stube
hineingemauert und gab Wärme. Der Rauch im Rauchkuchlhaus hatte nicht nur
schlechte Eigenschaften. Ein Rauchkuchlhaus war weniger leicht entflammbar als
ein Blockhaus mit offenporigem Holz. Im Rauch wurde geselcht, am Dachboden
wurde das Getreide zum Trocknen aufgehängt und der Dachstuhl wurde durch die
dichte, fettige Rußschicht vor Ungeziefer und Verwitterung geschützt und hielt
länger. Die Raumhälfte um den Herd war den weiblichen Mitgliedern vorbehalten.
Die Männer saßen auf der Eckbank um den Tisch.
Abbildung 20. Die Stube des Mondseer Rauchhauses.
Megenwart hat eine weite Stube, wenn´s euch allen wohl behagt, tanzen wir
am Feiertag dort den Gofenanz (-Tanz)" dichtete der Sänger Neidhard von
Reuental in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Und ein andermal: "Räumt aus
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 45
die Schemel und die Stühle ! Tragt die Tische beiseite ! Heute wollen wir uns
müde tanzen. Macht die Stube auf, so ist es kühl, daß der Wind den Mädchen
sanft durch die Mieder streiche". 32
350 Jahre später sind im Urbar von 1581 drei Viertel der Bauernhäuser in
Gilgenberg ebenerdig, ein Viertel ist einstöckig. Was das Aussehen betrifft, meint
Franz Berger, "daß der Bauernhof im 16. Jahrhundert so ausgesehen hat wie heute:
Wohnhaus, Stadel, Stall und Getreidekasten getrennt und durch Plankenabschluß
zu einem Hof vereinigt. Nur in vier Fällen waren (bei Sölden) Wohnhaus, Stadel
und Stall aneinander gebaut, hatten also die Form, wie wir sie bei Sölden noch
häufig treffen" (Berger, S. 37).
Abbildung 21 Eines der
letzten Gilgenberger
Bauernhäuser in
Blockbauweise. Zeisberg 1
Ob die Häuser um diese
Zeit schon Rauchfänge
hatten und wie sie beheizt
wurden geht aus dem
Urbar nicht hervor. Eine
Besonderheit des ostbayrischen Siedlungsraumes ist der Einzelhof,
während zum Beispiel in
Franken oder Niederösterreich die Besiedlung
von Anfang an in Form
von Dorfgemeinschaften
stattfand. Die Abbildung
aus dem franciscäischen Kataster aus dem Jahre 1829 zeigt, daß das Dorf
Gilgenberg noch nicht bestanden hat. Bei der Kirche war nur der Wirt, und ein paar
Häusl.
32
Mitunter ging es schon recht "bayrisch" zu: "Eppe riß Geppe vom Gumpe los, dabei half ihm sein
Dreschflegel. Und Meister Adelber machte es mit dem Knüppel. Und das alles wegen einem Ei, das
Ruoprecht fand (ich meine, der Teufel gab´s ihm) das drohte er herüber zu schmeißen. Eppe war
beides, zornig und kahlköpfig. Ärgerlich sprach er "Tratz!" und Ruoprecht warf´s ihm an die Glatz,
daß es zu Boden rann." Neidhart von Reuental, Winterlieder, erste Hälfte 13. Jahrhundert.
_________________________________________________________________________
46 __________________________________________________________________
Gilgenberg 1829
Abbildung 22. Gilgenberg nach dem Franziscäischen Kataster von 1829
Alte Schule
Kirche
Wirt
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 47
Abbildung 23. Eine Seite aus dem Urbar von 1240.
9
11
13
20
22
Zeile 9 ist P(er)neke zu erkennen. 10/11:Engelsc(h)alk von Purb(er)ge (Bierberg),
13:Hopfirsbach, 20: Albreht an dem Ecke (Ecker), 22: Altman von Schitir
_________________________________________________________________________
48 __________________________________________________________________
8. Das Urbar von 1240
Im ältesten bayrisch-herzöglichen Urbar finden sich 32 Hofstellen, die mit
Sicherheit oder hoher Wahrscheinlichkeit im Gilgenberger Gemeindegebiet liegen.
Das Urbar ist in verschiede Ämter gegliedert: das Amt von Burghausen, das
Helmperhtis Schergamt, das Chunrads Schergamt usw. Die Gilgenberger Hofstellen gehörten zum "Chunrads Schergamt".
Die jährlich zu erbringenden33 Abgaben:
Erläuterungen
Muth oder Mutt, = Getreidemaß, ein Vielfaches eines Metzen
Metzen , Hohlmaß = möglicherweise 37 Liter ? (in Bayern)
Fuder, Weinmaß = ca. 850 Liter ? (Regensburg)
Eimer, Hohlmaß (Bayern) auch Biereimer genannt ca. 68 Liter ?
12 Eimer = ca. 1 Fuder
Wage = Raummaß
Smalsete = Kraut und Gemüse (eigentlich kleine, schmale Saat)
Schräg geschrieben, die alten Namen.
In fetter Schrift, die heutige Bezeichnung
Hofgrö Weizen
ße in
in Me
Huben
Zaechinberc
Groß-Zahberger,
Gilgenberg 12
Losperc
Lohnsberg
Stakin
Unterstockner
Hopfirsbach
Hopfersbach
Mairhove
Maierhofer,
Mairhof 2
Pirchenstadil
Pirach,Hopfersbach
Sewen
Senner, Revier 22
Roggen
Hafer
in Mu
Schwe
ine
Bier
1+¼
2 Mu
8,5
1+¼
56 Me
20 Me
1
45 Me
16 Me
1
45 Me
16 Me
1
45 Me
16 Me
2
1Fuder
1
45 Me
16 Me
2
1Fuder
½
22,5
8 Me
1
½Fuder
1,5
1
2
6
1Fuder
2
33
Der sogenannte große Zins war in der Regel an Michaeli (29.9.) oder an Mauritius (23.9.) fällig.
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 49
Hofgrö Weizen
ße in
in Me
Huben
Hofstet
Hofstätt
Losperc
Lohnsberg
Ron div stat
Röhrn, Kern ?
Ulrich in der puonte
Peunt
Perneke
Zechmeisterlehen,
Revier 9
Gansar
Baumgarten, Haz ?
Gansar eidem
Baumgarten
Engelscalc
v
Purperge
Bierberg
Altman von Schitir
Schiederer ?
Ruperth von Schitir
Schiederer?
Reingrube
(Reingrubergütl,
Zeisberg 2)
Smellinberc
Schnellberg
Rudolftal
Ruderstal
Straze
Straßer
zu
Lohnsberg
Ruhenperge Werner34
Rauchenberg
Helenbreht
Helmbrechtshof
Roggen
Hafer
in Mu
Schwe
ine
Bier
½
22,5
8 Me
3 Mu
½
22,5
8 Me
3
1
½
22,5
2 Mu
3
1
½
22,5
8 Me
½
22,5
4 Me
¼
11
4 Me
1
8Eimer
¼
11
4 Me
1
8Eimer
¼
11
4 Me
1,5
¼
8 Me
1
¼
½ Mu
3
¼
11
¼
15
¼
11
½
2
3
4 Me
4 Me
1,5
1 Mu
4
¼
12
4 Me
1,5
¼
11Me
1Mu +
4Me
1,5Mu
½Fuder
1?
1
1
8Eimer
1
12Eimer
1
1
34
Im Urbar findet sich hier der Zusatz: und git (= gibt) daz von dem alten sinlehen. Sinlehen, oder
Sinhuben, waren Lehen herzoglicher Sendboten.
_________________________________________________________________________
50 __________________________________________________________________
Helmbertis stat
Helmbrechtshof ??
Albreht an dem Ecke
Ecker, Revier 20
Hinterhusen
Hinterhauser,
Mairhof 7
Wilental
Weidental Nr.1 ?
Herliep
Röhrn, Höllersdorf
Zu den Stedelin
Stadlern,
Unterstadler Bierberg
7 Kasten35
Zu
dem
? Kastenberg
Zidelaere
Zeidelmeier/Zahler
meier
Hof ze
Rudolfstal
3 Muth
Weizen
Hofgrö Weizen
ße in
in Me
Huben
<¼
<¼
<¼
Roggen
Schwe
ine
2Mu
1Mu
10Mu
1
?
1Mu
11Mu
1
?
8Mu
42Mu
4
?
Bier
1Mu
6Me
= 22 L
6Me
?
Hafer
in Mu
1Mu
1Mu
?
14 Muth 2
2
Roggen Schweine Fuder
Bier
5 Wagen 6
12
100
Flachs
Gänse
Hühner
Eier
1 Muth
Smalset
e
5
Metzen
Mohn
1
Muth
Rüben
Die Hofstellen wurden 1240 eingeteilt in ganze Huben, halbe Huben und viertel
Huben. Noch kleinere Einheiten, wir würden heute "Sacherl" sagen, werden oft
"Hofstat" genannt. Die in der Tabelle aufgeführten Hofstellen finden sich alle in
späteren Urbaren wieder, wobei sich in den meisten Fällen die Namenswerdung bis
zur heutigen Form verfolgen läßt. Sie lassen sich daher mit hoher
Wahrscheinlichkeit lokalisieren, entweder als Ortschaft oder als Hof selbst. In dem
Urbar finden sich noch ca. ein Dutzend Namen von Höfen, die auch im
Gemeindegebiet gelegen sein könnten. Es werden aber nur Vornamen von
Besitzern mitgeteilt, die in späteren Urkunden nicht mehr auftauchen und daher
35
Franz Berger meint, daß es sich hier um den Kastenberger handelt. Die Stelle der Eintragung im
Urbar befindet sich aber zwischen den Hofnamen "Wilnbrunne" (Weilbrunn oder Weidenbrunn) "in
dem Gruont" (Grund), "Studach" (Staudach) und "Stegersriut" (Stegersreut), weisen also nach
Hochburg.
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 51
läßt sich der Standort dieser Hofstellen nicht feststellen.36 Einige Hofgrößen
wurden mit einem Fragezeichen versehen, da sich die Größe aus den Abgaben
nicht eindeutig ersehen läßt. "Zu den Stedelin" muß 42 Muth Roggen abliefern. Im
Vergleich mit den Abgaben der andern eine sehr große Menge. Vermutlich handelt
sich um mehrere große Höfe in der Ortschaft Stadlern. Dafür würde auch die Zahl
von 4 Schweinen sprechen und der Zusatz im Text: "Öl und Areweizen (= Erbsen)
und all das andere, das die anderen Höfe geben" .
Die in der Tabelle aufgeführten Hofstellen zeigen, der Größe der Abgaben nach
geordnet, 7 ganze Huben, 7 halbe Huben, 10 Viertelhuben, 3 Hofstellen, die den
Abgaben nach kleiner als eine Viertelhube sind und 5 Hofstellen, deren
größenmäßige Einordnung nicht möglich ist. Wie groß war eine Hube? Von
Historikern wird die Größe mit 7 bis 15 Hektar angegeben. Eine halbe Hube hätte
entsprechend die Hälfte, eine Viertelhube ein Viertel des Bodens. Das sind aber nur
Richtgrößen. Die Größe der Hofstelle und die Menge der Abgaben wurde nicht
nach der Bodenfläche berechnet, sondern nach der wirtschaftlichen Ertragskraft.
Ein System, das der Produktivitätssteigerung nicht unbedingt förderlich gewesen
sein muß.
Die großen Höfe: Zahberger, Stockner, Hopfersbacher,
Maierhofer, Pirach, und der Hof zu Rudolfstal
1240 werden 7 große Höfe genannt: Zahberger, ein Hof in Lohnsberg, Stockner,
Hopfersbacher, Maierhofer, ein Hof in Pirach, und der Hof zu Rudolfstal. Vier
davon haben 45 Metzen Weizen, 16 Metzen Roggen, und 2 Schweine abzuliefern.
Drei geben dazu noch ein Fuder Bier, Hopfersbach und Zahberg noch eine
ansehnliche Menge Hafer. Rechnet man das Metzen zu 37 Liter, dann wären
Weizen und Roggen in etwa der Ertrag von 5 Joch, was für einen großen Bauern
damals machbar gewesen sein könnte. Denn die Abgaben, das wissen wir aus
anderen Quellen, haben ein Drittel bis zur Hälfte des Getreideertrages betragen.
Zahberg hat noch ein Gütel, das heißt "In dem Tal" und schuldet nichts.
36
Im Urbar von 1240 sind die Höfe nach ihrer ungefähren räumlichen Nachbarschaft geordnet. In
manchen Fällen ist die Zuordnung schwierig. Franz Berger ordnet den Namen "Helmbertis stat" dem
späteren Helmbrechtshof zu, wahrscheinlich, weil der Hof Ron (Röhrn) vorher genannt wird. Es folgt
aber Hinterhusen (Hinterhauser) ein Hof, der nicht in unmittelbarer Nachbarschat des
Helmbrechtshofes liegt. Der ebenfalls genannte "Helenbreht"-Hof, kommt nach "Timenstat", ein Hof
der nicht mehr lokalisierbar ist und steht im Urbar vor Losperc (Lohnsberg). "H" wurde wie "CH"
gesprochen. Nach der Menge der Abgaben zu schließen wäre die "Helmbertis Stat" eine sehr kleine
Hofstelle. Der Helenbreht eine viertel Hube, also immerhin ein kleinerer Hof. Im Urbar von 1330, ist
der "Helmbrechtz hof" eine ganze Hube, also ein großer Hof und in der Reihenfolge der Nennung
liegt er nach "Chaestorf" (Kasdorf) und vor "Rinne" (Röhrn).
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52 __________________________________________________________________
Drei Höfe fallen mit besonderen Abgaben auf. Der "Zidelaere" (Zeidelmeier,
Zahlermeier), der Hof eines Imkers, hatte außer 2 Eimern Honig keine weiteren
Abgaben zu bringen.
Der Hof im Wilental (Weidental) gibt neben Roggen und einem Schwein 10 Käse.
Wenn die Zahl von 10 Muth Roggen nicht ein Schreibfehler ist, dann hätte der Hof
ausgedehnte Roggenfelder besessen, daneben aber auch Viehzucht betrieben.
Der Hof ze Rudolfstal
Der Hof ze Rudolfstal gibt neben einer großen Menge Weizen und Roggen (3
Muth und 14 Muth), 2 Schweine, 2 Fuder Bier, 1 Muth Gemüse, 5 Metzen Mohn, 1
Muth Rüben, 5 Wagen Flachs, 6 Gänse, 12 Hühner und 100 Eier. Damit ist er der
einzige Hof, der eine Vielzahl von verschiedenen Abgaben zu leisten hat. Das ist
eine Besonderheit. Ein Teil der Höfe, im Gebiet von Ach, die zum Amt zu
Burghausen zählten, hatten ebenfalls eine Vielzahl verschiedener Abgaben zu
liefern.37 Möglicherweise dienten diese Höfe der unmittelbaren, tagtäglichen Versorgung des Marktfleckens Burghausen und seiner Burg, während die Lieferungen
der anderen Höfe die Kornspeicher des Herzogs füllten. Die Höfe im Burghauser
Amt sind oft zu Geldabgaben anstelle von Fronarbeiten, verpflichtet. Im
Gilgenberger Gebiet gibt es keinen Hof, der hierzu verpflichtet wäre.
Die Ruderstallgassen hat mit dem alten Rudolf(s)tal zu tun. Darüber besteht kein
Zweifel. Noch im letzten Jahrhundert hieß es hier das Rudolfsthaleramt. Wo aber
dieser Hof war, wissen wir nicht. Im Urbar von 1330 wird ein Hof dieser Größe
nicht mehr genannt. Das "Rudolfstal" ist als kleine Viertelhube aufgeführt.
Die mittelgroßen Bauern, die "Huber"
Senner, Hofstätter, ein Hof in Lohnsberg, ein Hof in Röhrn, der Pointner, der
Perneker (Zechmeisterlehen), und Straßer zu Lohnsberg bilden 1240 die
"Mittelschicht". Sie geben meist die Hälfte der großen Höfe, nämlich 22,5 Metzen
Weizen, 8 Metzen Roggen und 3 Muth Hafer. Die Kleinbauern geben davon
wieder die Hälfte: 11 Metzen Weizen, 4 Metzen Roggen und 1,5 Muth Hafer, dazu
bisweilen einige Eimer Bier. Bierbrauen war also bereits eine verbreitete Kunst.
Offen bleibt allerdings, wo das Bier gebraut wurde. Gab es schon eine Braustube in
der Gemeinde? Wie und worin wurde das Bier transportiert? Das Gebräu war nicht
lange haltbar und holperige Hohlwege haben den Reifungsprozeß gewiß beschleunigt.
Den Abgaben nach zu schließen, waren die Besitzunterschiede um 1240 unter den
Bauern bereits deutlich ausgeprägt. Es gab ein vermutlich wohlhabendes Viertel,
37
Auch einige Höfe bei Schwand, wie Spieglern und Viermaiern.
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__________________________________________________________________ 53
ein weiteres Viertel der Bauern hatte mittelgroße Höfe und die Hälfte waren kleine
Landwirtschaften, die der Härte der Gesellschaftsordnung und den Unbilden der
Natur schutzlos ausgeliefert waren.
Abbildung 24 . Das alte Zechmeisterlehen. Im Urbar von 1240 „Perneke“ genannt. Zu
Ende des letzten Jahrhunderts war hier ein kleines Museum untergebracht, das die Funde
aus den Hügelgräbern zeigte. Der Besitzer des Hofes war der Feuerwehrkommandant Josef
Hirschlinger, der zusammen mit Hugo von Preen die Ausgrabungen organisiert hatte.
Wie hoch war die Belastung durch die Abgaben ?
Es wäre verlockend die Abgaben in Liter und Kilogramm umzurechnen um eine
genaue Vorstellung von der Belastung eines mittelalterlichen Bauernhofes zu
bekommen. Es ist aber nicht möglich mittelalterliche Mengenangaben in modernen
Maßeinheiten auszudrücken, weil selbst in ein und demselben Urbar ein Maß
verschiedene Größen hat Aus anderen Quellen wissen wir, daß die Abgaben an den
Grundherren im allgemeinen ein Drittel bis die Hälfte des Nettoertrages
ausmachten. 38 Hinzu kam der Kirchenzehnt und andere Steuern. Die Belastungen
eines hochmittelalterlichen Bauernhofes waren so hoch, daß die Kleinen sozusagen
zuwenig zum Leben und zuviel zum Sterben hatten.
Die Zahl der kleinsten Hofstellen nimmt im Laufe der Zeit relativ nicht zu, sondern
ab. Die mittleren Hofstellen konnten wahrscheinlich gerade so recht und schlecht
überleben,. Die großen Höfe waren in der Lage Wohlstand zu entwickeln und sind
bisweilen reicher als verarmte Ritter. Ein Thema, das zeitgenössische Dichter
beschäftigte, so auch Werner den Gärtnaere im "Helmbrecht" . Die Unterschiede
38
"Das gebräuchlichste Hohlmaß für Getreide war der modius (Mutt), der eine unterschiedliche
Anzahl von metretae (Metzen) umfaßte. Da jeder Markt seine eigenen Maßeiheiten kannte, ergab sich
eine unentwirrbare Vielfalt, bald zählt der modius drei, bald vier, fünf, acht, oder dreißig metretae,
wobei außerdem noch unterschiedliche Maßeinheiten für die verschiedenen Geteidesorten galten."
Dollinger, S. 162
_________________________________________________________________________
54 __________________________________________________________________
innerhalb der Bauernschaft hatten sich schnell herausgebildet und bleiben das
ganze Mittelalter hindurch bestehen, fast möchte man sagen, bis heutigentags.
Abbildung 25. Bauern liefern den kleinen Zins beim Grundherrn ab. Holzschnitt, Augsburg
1479.
Der Kirchenzehnt
Seit Karl dem Großen mußten alle Christen den Kirchenzehnten bezahlen. Der
Zehnte war der zehnte Teil des Ertrages. Ursprünglich bekam der Bischof ein
Drittel, ein Drittel bekam das Kloster und ein Drittel ging an den örtlichen Pfarrer,
also bei uns an den Pfarrer zu Handenberg. Der Pfarrer hatte sein Drittel im Verhältnis 2 : 1 mit seinem Gehilfen zu teilen. Wie hoch die Abgaben tatsächlich waren und wie wirklich geteilt wurde, läßt sich aus den Ranshofener Urkunden nicht
genau ersehen. Bischöfe hatten ihre Rechte an dem Zehnten vielfach verkauft oder
als Lehen vergeben. Auch ist zu berücksichtigen, daß die kirchlichen Schreiber
nicht angehalten waren, Unvorteilhaftes aufzuschreiben. Reichliche Einnahmen
wird man nicht unbedingt an die große Glocke gehängt haben. Das Stift Ranshofen
hat mehrmals in Bittschreiben an den Papst seine materielle Lage als
erbarmungswürdig dargestellt und um Hilfe gebeten.
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 55
Kleiner Zins, großer Zins
Die Getreideabgaben und dazu oft ein Schwein, waren der große Zins. Der kleine
Zins, der mehrmals im Jahr zu bringen war, (an Michaeli = 29.9., Weihnachten,
St.Georg = 23.4., Ostern und Pfingsten) bestand je nachdem aus Hühnern, Eiern ,
Gänsen, Honig ,Gemüse, Mohn, und Flachs.
Die Tatsache, daß vorrangig Weizen, Roggen und Hafer als Abgabe verlangt
werden, muß nicht bedeuten, daß keine anderen Getreidesorten angebaut wurden.
Hirse wurde sicherlich angebaut, galt aber nicht als wertvoll. Dinkel wurde mehr in
den südwestdeutschen Gegenden angebaut. Öl wurde aus Mohn gewonnen,
weshalb der Mohnanbau verbreitet gewesen sein muß. Die Höfe hatten mit Sicherheit Gewürz-und Gemüsegärten und Krautäcker auf denen Bohnen, Erbsen,
Linsen, Rüben, Karotten, Flachs und Hanf angebaut wurden.
Daneben gab es noch eine Reihe weiterer Abgaben. Jene Bauern, die zu "Freistift"
auf dem Hof saßen, mußten bei der jährlichen "Neustiftung", das war die
Wiederverleihung des Gutes an den Bauern, dem Grundherren ein Geschenk
machen. Erbpächter oder Pächter auf Lebenszeit (Leibgeding) hatten das Geschenk
nur einmal zu hinterlegen, dafür war es größer, zum Beispiel ein Ochse. Ein nicht
unbeträchtlicher Betrag fiel auch an, wenn ein Erbpächter seinem Nachfolger den
Hof übergab. Die Handwechselgebühr war fällig, wenn der Bauer mit Zustimmung
des Grundherren den Hof einem anderen übergab. Außerdem waren bei
verschiedenen Anlässen Markt- ,Maut- und Wegegelder zu bezahlen. Auch bei
"Totfall", wenn der Pächter starb, mußten die Angehörigen an den Grundherrn eine
Abgabe leisten.
_________________________________________________________________________
56 __________________________________________________________________
9. Das Urbar von 1330
Um ca. 1330 wurde ein weiteres Urbar angefertigt, wohl wegen der rasanten
Bevölkerungsentwicklung in jener Zeit. Es nennt sich "Urbarium ducatus
Baiuvariae inferioris", zu deutsch "Urbar des Herzogtums Niederbayern".
Altbayern wurde im Jahre 1255 in die Herzogtümer Ober- und Niederbayern
geteilt. Der Weilhart war damals bei Niederbayern und zwar bei der Hofkanzlei
Pfarrkirchen.
Erläuterung
Im Urbar von 1330 werden, ebenso wie im Urbar von 1240, die Hofstellen nicht
nach Ortschaften oder Gemeinden aufgezählt, sondern nach einer gewissen
Reihenfolge, die der Reiserute der herzoglichen Beamten entsprechen könnte,
wenn sie auf Inspektionsreise gingen. Was nebeneinander aufgeführt wird, kann
benachbart sein, muß aber nicht. Daher ist in manchen Fällen die Zuordnung nicht
ganz einfach. Zum Beispiel meint Franz Berger, daß der Hof, der als "Seboteshof
in dem Holz, da sitzt nu Perchtold und Heinrich" bezeichnet wird, der spätere
Heinzl am Holz wäre. Seine Annahme stützt sich auf die Tatsache, daß ein "Heinrich aus dem Holz" in der Urkunde von 1373 (siehe Seite 20) zusammen mit
"Hanns von Dickh" als Zechmeister von Gilgenberg eine Messe stiftet. Eine
Meßstiftung war eine teure Angelegenheit und konnte eher von einem größeren
Hof geleistet werden. Auch das würde passen, da der Seboteshof einer der größten
ist. Aber letzte Gewißheit gibt es in diesem Fall nicht.
1330 sind die Größenbezeichnungen der Hofstellen anders geregelt als im Urbar
von 1240. Die großen Hofstellen werden nun Höfe genannt. Halbe Höfe sind
Huben, und die kleinen werden als Viertail bezeichnet (Viertel Höfe), wobei wir
weder Angaben über die Grundfläche, noch über die wahre Größe haben. Wir
können wieder nur von der Höhe der Abgaben auf die Größe schließen. Bei einer
Reihe von Hofstellen läßt sich aber die Größe aus den Abgaben nicht eindeutig
ersehen. In diesen Fällen wurde in der Tabelle bei der Größe ein Fragezeichen
gemacht. Oft werden die Güter auch als "Lehen", als "Gut", oder als "Aigen"
bezeichnet, Benennungen, die keinen Zusammenhang mit der Größe erkennen
lassen. Einige Hofstellen geben nur Geldbeträge. Warum wissen wir nicht. Im Fall
der Zeidelhube (Zahlermeier) wird die Imkerei der Grund dafür sein, da Honigabgaben, die noch im Urbar von 1240 verlangt wurden, in dieser Zeit durch
Geld abgelöst wurden. Es ist anzunehmen, daß der Imker den Honig selber
verkauft hat. Auch bei den anderen Höfen, die nur Geld geben, müssen die
finanziellen Mittel durch den Verkauf eigener Waren beschafft worden sein.
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 57
Abbildung 26. Eine Seite aus dem Urbar von 1330
Linke Spalte: von oben: Kasdorf, anderer Hof dort, Egneinsperg (Engsberger),
Helmbrecht, Rinne = Röhrn. Rechte Spalte: Maierhof (Baumgarten), Rudolfsperg,
Stadln (Großstadler), Pirchberg (Mathiesgut ?), Weilenwies (Weilner)
_________________________________________________________________________
58 __________________________________________________________________
Abbildung 27 Eine Seite aus dem Urbar von 1330
Linke Spalte: Ober Haus (Oberhauser), Chirchweg (Kirchweger), Ester
(Oberstockner ?), Staken (Unterstockner), Seifrides (?), in dem Velde (Fellner).
Rechte Spalte: Gallen (Gall). Peunt (Pointner), Sevn (Senner), Zeitelperg (Zeisberg),
Tal (Thaler)
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 59
Die Schweine werden nach der Größe berechnet. Ein Speckschwein galt 90
Silberpfennige, ein "Halbgültiges" 45, ein "Dreischrotschwein" 32,50 und ein
"Viertelschwein" 22,50. Der Übersicht halber wird in der Tabelle der
entsprechende Pfennigwert genannt. "90+45" heißt, daß ein Speckschwein und ein
Halbgültiges gegeben werden mußten.
Bier wurde zum Unterschied vom älteren Urbar nicht mehr geliefert, sondern statt
dessen ein Geldbetrag berechnet. Man sieht, daß sich der Übergang von der
Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft allmählich vollzog.
1330 finden wir 13 große Höfe: Den Seboteshof (Heinzl am Holz ?), 2 Höfe in
Reitgrabenweg, 2 Höfe in Kasdorf (Kasdorfer und Marolt ?), den Helmprechtzhof,
einen Hof in Röhrn (Kerngut?), den Maierhof in Baumgarten, einen Hof in
Stadlern, den Zahberger, das Gut in Ermreichsperg (Emersberger) und den
Maierhofer (Moihofer). Zehn dieser Höfe haben auch Abgaben zu machen, die
dem kleinen Zins entsprechen: Käse, Gänse, Hühner und Eier. Auch Mohn, zur
Ölgewinnung, wird gefordert.
Die Huben oder halben Höfe gaben in der Regel 22 Metzen Weizen, 8 Metzen
Roggen, ein halbgroßes Schwein und 60 Pfennig für Bier. Die Viertelhöfe gaben
von all dem die Hälfte. Von dieser Regel gibt es aber zahlreiche Ausnahmen,
warum wissen wir nicht.
Die Hofstellen, nach der Größe der Abgaben geordnet:
Mu = Muth;
Me = Metzen;
? = Größe aus den Abgaben nicht ersichtlich;
G = gibt nur Geld;
Pf = Pfemmig
Schräg geschrieben, die Namen wie sie im Urbar stehen; fett geschrieben, der
heutige Name. Ein Fragezeichen beim Namen steht dort, wo die Zuordnung nicht
eindeutig ist. Das Maß für Roggen ist bei den ersten zehn großen Höfen das Muth,
sonst wird meist in Metzen gerechnet. Weizen wird mit wenigen Ausnahmen, die
in der Tabelle mit einem Mu gekennzeicnet sind, in Metzen berechnet. Hafer
rechnet in Muth
_________________________________________________________________________
60 __________________________________________________________________
Große Höfe, die den großen und kleinen Zins zahlen
Seboteshof
in dem Holz
Heinzl am Holz
Grabenweg
Reitgrabenweg
Grabenweg
Reitgrabenweg
Chaesdorf der Hof
Kasdorfer Reith
der ander Hof
Marolt
Helmbrechtzhof
Bauer am Hof 1
Hof daz der Rinne
Röhrn, Kerngut?
Der Hof daz den
Stadln, Stadtlern
Klein+
Großstadler
der Maierhof
Maierhof
in Baumgarten
Rudolfsperg der
Hof
? (Stelle unbek.)
Hofgröße
Roggen
in Mu
Vastmuz Schwein
in Me
zu Pf
1
20
8
90+45
1
10
8
1
10
8
1
Mohn
in Me
Bier
Pf
Käse
Gänse
Hühner
Eier
3
10
3
10
100
90+45
3
10
3
6
100
90+45
3
10
3
6
100
8
90+45
3
10
3
6
100
1
8
90+45
3
10
3
6
100
1
6
8
90+45
3
10
2
6
100
1
8
8
90+45
3
2
6
100
1
14
90+45
3
10
3
6
100
1
5
8
90+45
3
10
2
6
100
1
8
8
90+45
3
3
6
100
90
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 61
Höfe die nur den großen Zins zahlen
Hofgröße
Ermreichsperg daz gut
Emersberger, Zeisberg
7
ze Maierhoven daz gut
Moihofer, Maierhof 2
Zaehenperg
Groß-Zahberger,
Gilgenberg 12
daz aigen auf der hub
Huber, Revier 16
Reicholfstat daz lehen
Kammerbauer, Revier
19
an dem lehen Eiten sun
Eitllechner, Revier 12
daz lehen ze Raeut da
avsitzet Gebhart
Gebhartsreit, Nazl,
Revier 13
da selben von einem
akcher
ze Neuchum zwou hub
geltend beid (2 Höfe)
Nökamer, Revier 7
ze Neuchum zwou hub
geltend beid (2 Höfe)
Nökamer, Revier 7
daz der Pastuben deu
Hub
Pastuber
an dem lehen Pernekaer
Zechmeisterlehen,
Hirschlinger, Revier 9
daz lehen daz dem
Nidernhausen
Hausbauer, Revier 4
1
Silber Weize Rogge
n
n
Pfenni Me
Me
g
44
16
Hafer
Mu
Schwein
zu Pf
6
45+45
1
44
16
1
44
8
½
22
½
22
8
45
60
½
18
6
32,5
45
½
22
8
45
40
1 Mu
22,5
45+45
6
45+45
3
45
Bier
zu Pf
120
½
22
8
45
60
½
22
8
45
60
½
22
8
½
22
8
½
22
8
3
45
32,5
60
60
_________________________________________________________________________
62 __________________________________________________________________
Hofgröße
daz lehen ze Oberhaus
Oberhauser
an dem Chirchweg daz
lehen
Kirchweger, Revier 1
daz Lehen datz den
Staken
Unterstockner
da selben Seifrides lehen
?
daz lehen in dem velde
Fellnergut, Revier 24
an dem Lehen daz
Gallen
Gall, Revier 21
in der peunt datz Lehen
Pointnergut, Rvier 23
ze Sevn daz lehen
Senner, Revier 22
in dem Tal daz lehen,
daz da pawet Pauswek
und sein geselle
Thaler ? Zeisberg 2
ze Reingrub daz gut
Zeisberg 2
datz der Pirchen daz gut
Hopfersbach 5
da selben des gutes
nahtgepawer (Nachbar)
Piztl in Piret,
Hopfersbach 6
daz gut ze Hopferspach
Hön
Hopfersbacher,
Hopfersbach 1
½
Sil- Weize Rogge
bern
n
Pfenni Me
Me
g
1 Mu 1 Mu
Hafer
Mu
Schwein
zu Pf
Bier
zu Pf
½
33
12
45
90
½
22
8
45
60
½
22
8
45
½
22
8
45
½
22
8
45
½
22
8
½
22
8
45+
22,5
45
60
½
22
¼
11
4
22,5
30
½
22
8
45
60
½
22
8
45
60
½
22
8
60
3
3
45
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 63
Hofgröße
sein nahtgepawer
(Nachbar) da selben
Veitlgut
ze Schiter zwai lehen
Schiederer ? Sterz
Smelperg daz gut
Schnellberg, Steindlgut
da selben ze Smelnperg
? Schnellberg
Ober Losperg daz gut
Lohnsberg
Nider Losperg
Maiergut, Lohnsberg 4
da selben sein
nahtgepawer (Nachbar)
der Stainkirchaer
Lohnsberg 11 ?
da selben Seibotes lehen
? in Lohnsberg
da selben dez gemainen
Seibotz lehen
? in Lohnsberg
da selben daz Stadelehen
? in Lohnsberg
ze Schiter daz gut
Schiederer ? Sterz
Chamerstet daz gut
Kammerstätter, Dick 1
Dikhe daz gut
Dicker, Dick 3
ze Hofstet daz gut
Hofstettergut, Dick 4
da selben von einem
akcher
daz dem Ester daz lehen
Oberstockner ?
½
Sil- Weize Rogge
bern
n
Pfenni Me
Me
g
22
8
Hafer
Mu
Schwein
zu Pf
Bier
zu Pf
3
45
60
16
3
8
3
½
22
¼
11
½
22
8
3
½
22
8
3
¼
11
4
1,5
½
22
8
3
½
22
8
3
45
32,5
?
45
22,5
22,5
½
22
3
45
½
22
3
45
½
22
3
45
½
22
G
¼
78
8
3
12
11
4
45
30Pf
_________________________________________________________________________
64 __________________________________________________________________
Hofgröße
daz aigen in der Awe
Auergut, Revier 18
da selben leit ein aigen,
haizzet Ek
Ecker, Revier 20
Rudolfstal
Ruderstaller ?
Zeidelperg daz lehen
Zeisberg 1
Smittal =
Schmiedstal39
Arnoldstat
Bitzl, Bitzlthal 2
da selben von einem
akcher
Ludelins lehen, daz da
haizzet an dem Lehen
Ascherer, Hoisgassen
18
da selben ein Lehen,
haizzet Wolfart vor dem
holtz
Holzner, Maierhof 5
ze Hinterhausen daz gut
Hinterhauser,
Maierhof 7
da selben Werner von
einem lehen
? Maierhof
daz gut vor dem holtz
?
¼
Sil- Weize Rogge
bern
n
Pfenni Me
Me
g
11
4
¼
11
4
¼
11
4
¼
11
4
¼
11
4
1,5
22,5
¼
11
4
1,5
22,5
G
Bier
zu Pf
22,5
30Pf
22,5
22,5
2 Mu
¼
11
¼
8
¼
1,5
Schwein
zu Pf
30Pf
40
¼
G
Hafer
Mu
4
22,5
1,5
22,5
1
30
11
1 Mu
1
32,5
39
Schmiedstal , bei Zahberg. Wahrscheinlich übte hier in alter Zeit ein Schmied sein Handwerk aus.
Die Schmiede gehörten unter den Unfreien (Nichtadeligen) zu den Privilegierten. Sie waren häufig
Zeugen in Rechtsakten und sie waren in gewisser Weise herzogliche Amtsträger, da beim Ding
(öffentliche gerichtliche Versammlung) der Grundherr die Bauern fragte, ob sie sich über den Schmid
zu beklagen hätten. Dasselbe galt auch für die Müller und Förster.
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 65
Hofgröße
ze Futtal daz lehen
Langer ?
auf der Zeidelhub daz
lehen
Zeidelmeier,
Zahlermeier, Revier 6
ze Rauhenperg daz gut
Bauer zu Rauchberg
da selben von einem
gütel
daz aigen ze Leitten
Leiten
Gasornperg, sex vierteil,
geltend alle
Baumgarten, 6 Höfe ?,
Haz
ze Pfaeffenmos daz gut
Pfaffelmoser,
Hoisgassen
Strazze
Straßer, Lohnsberg 7
hinter Chalaun ein gut
Leimkofer, Hinterklam
1
Weilenwis
?
ze Chasten der hof
Kastenberger,
Weidental
ze Strangstat daz lehen40
Schmid im Weidental 1
Pirchberg der hof
Bierberg 1, Mathiesgut
Hafer
Mu
Schwein
zu Pf
4
1,5
22,5
?
1 Mu
1
?
1 Mu
1
G
Sil- Weize Rogge
bern
n
Pfenni Me
Me
g
90
G
160
G
120
¼
11
G
60
G
330
G
120
G
30
G
40
G
120
?
11 Mu
Bier
zu Pf
45
40
Anmerkung bei dieser Eintragung: Daz lehen leit (liegt) in dem Weiltol (= Weidental) obn und ist
lang gewesen öd (verlassen).
_________________________________________________________________________
66 __________________________________________________________________
Hofgröße
daz gut ze Chalwaln
Kolwarer, Hoisgassen
16
sein nahtgepawer ze
Schopfen
Schupfner
ze Weilen der hof
Weilner, Weidental
ze Egneinsperg der hof
41
Engsberger, Weidental
7
Herliebstorf der hof
Höllersdorfer, Röhrn 6
?
Sil- Weize Rogge
bern
n
Pfenni Me
Me
g
8
1 Mu
?
Hafer
Mu
Schwein
zu Pf
Bier
zu Pf
10 Käse
1
1
?
3 Mu
?
2 Mu
22,5
?
3 Mu
45
Was hat sich zwischen 1240 und 1330 verändert ?
Das älteste Urbar nennt 30 Höfe, die wir mit großer Wahrscheinlichkeit unserer
Gemeinde zurechnen können. Etwa ein Dutzend weiterer Hofstellen könnte von
der Lage im Urbar her dazugehören. Es sind aber Namen, die später nicht mehr
auftauchen und daher nicht zu lokalisieren sind. Aber dessen ungeachtet hat sich
die Zahl der Hofstellen in den rund 90 Jahren, die zwischen den beiden Urbaren
liegen, gewaltig vermehrt. Das Urbar von 1330 nennt 84 Höfe, die wir
identifizieren können. Rechnet man im Schnitt 6 bis 8 Personen je Hof, ergibt das
eine Einwohnerzahl für das Jahr 1330, von 500 bis 700 Personen.42 Die
Einwohnerzahl hätte sich, seit 1240 fast verdreifacht, war also schneller gewachsen
als je zuvor und danach. Das entspricht der Bevölkerungsexplosion im 13
Jahrhundert im gesamten Reich. Bis auf die Ruderstallgassen sind nun alle unsere
heutigen Ortschaften entstanden. 43
41
Dieser Hof gibt auch 10 Käse. Der Übersichlichkeit halber wurde die Spalte für Bier verwendet.
Im Urbar von 1581 sind 111 Hofstellen aufgeführt. Und Pillwein nennt für den Anfang des 19.
Jahrhunderts 936 Einwohner. (Pillwein, S.206)
43
Es scheint, daß die Ruderstallgassen als durchgehend gerodete Tallandschaft noch nicht bestanden
hat. Wahrscheinlich wurde von den Seitentälern Bitzlthal und Weidental aus die Rodung in die
heutige Ruderstallgassen vorangetrieben. Die schlechteren Böden wurden hier erst später ärmeren
Leuten zugeteilt. Die heutigen Sölden in der Ruderstallgassen sind im Urbar von 1581 noch nicht
genannt. Die ersten Erwähnungen stammen aus den kirchlichen Verzeichnissen aus dem 17.
Jahrhundert.
42
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 67
Die Bauerngüter um 1240
Abbildung 28 Die lage der Bauerngüter nach dem Urbar von 1240
_________________________________________________________________________
68 __________________________________________________________________
Die Bauerngüter um 1330
Abbildung 29 Die Bauerngüter in Gilgenberg nach dem Urbar von 1330
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 69
Eine größere Einwohnerzahl als 500 bis 700 Menschen war beim Stand der
Produktion damals kaum zu ernähren. Die Ackerfläche war sicher kleiner als heute,
weil es zahlreiche feuchte Stellen gegeben haben muß und auch die Waldstücke
und Feldgehölze vermutlich zahlreicher und größer waren als heute. Die
Ackerfläche beträgt heute rund 1000 ha. Aber selbst die heutige Fläche würde bei
einem Hektarertrag von 500 bis 700 Kilogramm, nach Abzug von 30% für Aussaat
und weiteren 30% für Abgaben an den Herzog, rund 1 kg Brotgetreide pro Person
und Tag ergeben44. Das entspricht nicht dem Kalorienbedarf eines hart arbeitenden
Erwachsenen. Bei dieser Rechnung sind andere Abgaben, wie der Zehnt an die
Kirche noch nicht berücksichtigt. Andererseits waren auch Wiesen und
Waldweiden vorhanden. Kühe, Ziegen , Schafe, Schweine- und Geflügelzucht und
die Früchte des Hausgartens kamen als Ergänzung der Nahrung hinzu.
Der Zahlermeier
Privilegien als Imker und eine schaurige Geschichte
1240 muß der "Zidelaere" zwei Eimer Honig liefern. 1330 zahlt er 160
Silberpfennig, was ungefähr zwei großen Schweinen entspricht. Eine verhältnismäßig geringe Abgabe. Die Geldabgabe setzt voraus, daß der Imker seinen
Honig verkauft, etwa direkt am Markt (in Burghausen?) oder an einen Händler.
Vielleicht hängt das mit seiner privilegierten Stellung zusammen, die uns eine
Randbemerkung bei seiner Eintragung verrät45:
"Hier hat Ott Schefman mit seinem Weib und seinen Kindern Lehensrechte
von König Otto von Ungarn46, und ich habe hierzu zwei Schriftstücke mit
Siegeln gesehen, die Simon der Lagerverwalter einst hatte, der sein Weib
erschlug und als er flüchtig war, übertrug der König ihm (dem Schefman) die
Zeidelhub mit allen innliegenden Rechten zu ewigem Lehen."
Der Zeidelhuber hatte somit die begehrte Erbpacht
44
30% des Ackerlandes liegen in der Dreifelderwirtschaft brach
Im Original in Lateinisch: In margine manu recentiori: hoc habet Ott Schefman, uxor et pueri sui
feodali a rege Ottone Ungarie et vidi super eo duas ipsius literas cum sigillis, (quas) Symon
apothekarius quondam habuit, qui occidit uxorem suam, et sic ipso profugo rex sibi contulit pro feodo
perpetuo cum omni jure possidendo, videlicet zeidelhub.
46
Herzog Otto von Bayern war 1305 bis 1308 König von Ungarn
45
_________________________________________________________________________
70 __________________________________________________________________
Der Moihofer müßte sich was erspart haben
Im Jahre 1240 gibt der "Mairhove" 45 Metzen Weizen, 16 Metzen Roggen, 2
Schweine und 1 Fuder Bier. 1330 gibt er 44 Metzen Weizen, 16 Metzen Roggen, 2
mittlere Schweine und zahlt für Bier 120 Silberpfennige. Die Abgaben haben sich
90 Jahre später kaum verändert. Die Naturalabgabe Bier wurde in eine Geldschuld
umgewandelt. Die Produktionsmethoden wurden in dieser Zeit verbessert, daher
müßte der große Hof, bei gleichen Abgaben, besser dastehen wie 1240. Das gilt für
alle Höfe, deren Abgaben sich nicht wesentlich erhöht haben. Welchem Druck die
Bauern widerstehen mußten, um die Menge der geforderten Abgaben konstant zu
halten, wissen wir nicht. Die Mächtigen haben immer versucht die Abgaben zu
erhöhen. Das Festhalten am Althergebrachten erwies sich für die Bauern des
Mittelalters in den meisten Fällen als vorteilhaft.47 Hinzu kommt, daß die Bauern
die Gewinner der damals herrschenden Geldentwertung waren. Mit dem Werden
der Städte wuchs die Nachfrage nach bäuerlichen Produkten und damit deren
Preise. Zur Deckung der gleich bleibenden Geldabgaben mußten die Bauern
weniger Produkte verkaufen.
Der Hopfersbacher ist Zeuge bei einem Menschenhandel - Das
älteste Zeugnis aus Gilgenberg vom Jahre 1180
Hopfersbach ist um 1240 einer der großen Höfe. 1330 gehört "daz Gut ze
Hopferspach" zu den halben Höfen. Wahrscheinlich ist der Besitz geteilt worden.
In der Ortschaft Hopfersbach sind nun vier Güter genannt (siehe Tabelle). Der
Hopfersbacher war ein angesehener Mann, denn 1180 ist ein Chunrad de
Hopfersbach Zeuge einer damals üblichen Übergabe Leibeigener zu 5 Pfennigen
Kopfzins an das Kloster Ranshofen:
"Allen Gläubigen in Christus sei bekanntgegeben, daß Sighard von Schieder
und drei seiner Geschwister, Diemut, Mathild und Adelbert, sechs Leibeigene
zum jährlichen Kopfzins von 5 Silberpfennigen an den Altar des Hl.
Pancratius von Ranshofen entlassen. Wenn sie drei Jahre lang den Kopfzins
nicht bezahlen und auch im vierten Jahr nicht begleichen, werden sie
Leibeigene der Kirche. Zeugen sind Pilgrim von Plasenberg, Dietrich Salzman,
Dietrich von Neukirchen, Chunrad von Hopferspach, Pilgrim von
Schonenberg und andere."48
47
Wenn Jahrhunderte alte Erfahrungen den "Charakter" eines Standes prägen, sollte das nicht
verwundern.
48
Urbarbuch, Band I, S. 233. Die Urkunde selbst ist nach der Aufhebung des Klosters Ranshofen im
Jahre 1811 verschollen. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatten die Herausgeber der Monumenta Boica
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 71
Hofteilungen
Hofteilungen nach der sogenannten Anerbensitte (Aufteilung unter die
Nachkommen) sind nicht die Regel, kommen aber vor. Im Urbar von 1240 werden
in Lohnsberg zwei Hofstellen genannt. Der eine ist ein halber Hof, der andere ist
ein einundeinviertel Hof. Im folgenden Urbar ist der große Hof nicht mehr
aufgeführt. Statt dessen sind in Lohnsberg 6 Hofstellen genannt. Hofteilungen
fanden aber nicht häufig statt und nach 1330 wohl kaum noch. Erstens hat sich die
Anzahl der Hofstellen bis 1581, dem nächsten uns erhaltenen Verzeichnis, nicht
bedeutend erhöht und zweitens ist die Zahl der Hofstellen bereits um 1330 so groß,
daß eine weitere Teilung nicht mehr zu tragfähigen Hofstellen geführt hätte, bei der
damaligen Produktivität.
1330 sind ein Fünftel der Hofstellen große Höfe, zwei Fünftel sind halbe Höfe (im
Urbar von 1330 Huben genannt), ein weiteres Fünftel sind Viertelhöfe und kleiner
und ein Fünftel der Höfe zahlt Geld und keine Naturalien mehr.
Zahl und Größe der Höfe 1240 u. 1330
Höfe
90
80
16
Zahl der Höfe
70
60
35
50
halbe Höfe
viertel Höfe
40
30
6
20
10
0
17
7
10
13
5
1240
8
Geldabgaben
Größe nicht
ersichtlich
1330
Die Abgaben in diesen 90 Jahren sind erstaunlich konstant geblieben,
vorausgesetzt die Maße galten noch dasselbe. Weizen, Roggen und Hafer sind auch
1330 noch die Hauptabgaben. Daneben wird nun Vastmuz, eine Mischung von
Gerste und Hafer verlangt. Die Schweine werden genauer bestimmt, nach vier
verschiedenen Kategorien. Bier wird nicht mehr als Naturalie geliefert, die
Verpflichtung wurde wie bei Honig in eine Geldabgabe umgewandelt. Auch andere
(Sammlung der historischen Dokumente Bayerns) glücklicherweise von 184 Urkunden des Klosters
Abschriften angefertigt.
_________________________________________________________________________
72 __________________________________________________________________
Höfe, zum Beispiel der Pfaffelmoser, oder der Bauer zu Rauchberg, waren nur
Geld schuldig. Das könnte ein Hinweis sein, daß auch diese Höfe ein besonderes
Handwerk ausübten.
Die Tiere wurden lebendig geliefert. Eier wurden in Kalkwasser konserviert. Die
Abgabe von Gänsen49 spricht dafür, daß es in unserer Gegend wesentlich feuchter
war als heute. In Rodungsgebieten sinkt der Grundwasserspiegel im Allgemeinen
im Laufe der Zeit. Sicherlich beherrschten die Menschen damals das
Brunnenbauen. Aber es ist schwer vorstellbar, daß ein unfreier Pächter mit den
damaligen Werkzeugen und Baumaterialien eine Brunnengrabung, womöglich
durch Fels und Konglomerat, von 60 bis 70 Meter Tiefe, das heutige
Grundwasserniveau, in Angriff genommen hätte. Entweder waren noch
oberirdische Fließgewässer vorhanden, oder Grundwasseradern waren damals in
geringerer Tiefe zu finden. Wir wissen es nicht, aber gewiß war es feuchter, dafür
sprechen nicht nur die Gänse, sondern auch die Ortsnamen, die auf "Moos" und
"Au" lauten. 50
10. Helmbrecht
Im 13. Jahrhundert tobte ein Kampf zwischen Kaiser und Papst. Die Macht des
Kaisers war dramatisch geschwächt. In dieser "kaiserlosen" Zeit versuchten
Fürsten, Bischöfe, Herzöge, Grafen, Äbte und Ritter ihre Hausmacht auf Kosten
des jeweils anderen zu vermehren. Ein Teil der Ritter war verarmt und verlegte
sich "hauptberuflich" auf´s Rauben (Raubritter).In diesem Poker um Macht und
Einfluß wechselten die Spieler die Seiten ebenso schnell, wie sich die Grenzen
ihrer Besitzungen verschoben. Die Kämpfe und Kriege wurden auf dem Rücken
der Bauern ausgetragen. Ritterheere und Räuberbanden verwüsteten, wo immer sie
hinkamen, Dörfer, Felder und Höfe.
Vor diesem Hintergrund sind sowohl die Erzählung des Meier-Helmbrecht zu
sehen, wie auch die historisch belegten Ereignisse, die sich damals in unserer
engeren Heimat abspielten.
49
In den Urbaren ist von "Gens" die Rede. Enten werden nicht genannt. Vermutlich waren die "Gens"
beides.
50
Hinweise auf die Wasserversorgung finden sich im Urbar von 1581: Von Wolfgang zu Helbmstorf
heißt es, daß er am Ganserberg und Brunfeld Felder besitzt, die seien moosgallig und brunnäderig.
Als Besonderheit wird erwähnt, daß Wolf zu Niderlohnsberg einen eigenen Brunnen hat. Die Felder
von Georg Staindl zu Schnellberg "sein höhlich durchläufig Wassergründ". An mehreren Stellen wird
berichtet, daß Felder von der "Güssen" ertränkt werden. Franz Berger schreibt: " Der Flurname
Gansfeld bezeichnet das Gebiet von Dietmarstal am Weilhart bis Schieder an der östlichen
Gemeindegrenze. Für die Gänsezucht war auch genügend Sumpfboden vorhanden, wie die Namen
Päffermoos (Ortschaft Hub), Tränkfeld (Röhrn) und Seewiesen bei Hopfersbach-Spielberg zeigen.
Vielleicht weist auch der Name Gallen (Revier 21)...auf eine sumpfige Stelle hin." Berger, S. 10
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 73
Eine historische Begebenheit
Im Mai des Jahres 1242, in der Nacht zum Fest des hl. Urban, kamen 80
bewaffnete Männer aus der passauisch-bischöflichen Stadt Obernberg und
überfielen das Stift Ranshofen, plünderten es aus und steckten es in Brand. Die
gesamte Klosteranlage wurde ein Raub der Flammen. Diese Begebenheit ist
zweimal überliefert. In der Weihechronik des Stiftes Ranshofen und in den Analen
des Klosters Mattsee. Der Wiederaufbau der Gebäude muß Jahre gedauert haben.
Der Bayernherzog Otto war 1241 zur kaiserlichen Seite übergewechselt. Der
Bischof Rudiger von Passau war ebenfalls Parteigänger des Kaisers. Daher dürfte
die Tat nicht vom ihm angestiftet worden sein. Als Anstifter kämen die bischöflichen Verwalter und Brüder Heinrich und Ortolf von Waldeck in Frage. Die beiden
Ritter hatten sich das bischöfliche Obernberg angeeignet. Von Obernberg aus
unternahmen sie Plünderungen in der Umgebung. Einem dieser Raubzüge dürfte
das Stift Ranshofen zum Opfer gefallen sein (vgl. Schopf, S. 162). Der Bischof
versuchte erst mit eigenen Mitteln die Abtrünnigen zu besiegen, als ihm das nicht
gelang bat er den Herzog von Österreich, den Babenberger Friedrich II., Obernberg
für ihn zurückzuerobern. Das tat der Österreicher auch, gab die Burg Obernberg
aber nicht mehr her.
Die Bischöfe von Regensburg, Salzburg und Freising waren, nach dem
Seitenwechsel des Bayernherzogs, ihrerseits zur päpstlichen Seite übergewechselt,
bis auf besagten Bischof Rudiger von Passau. Der vom Papst eingesetzte Gesandte
Albert Behaim bekämpfte daher den Passauer Bischof. Es gelang dem Gesandten
im Jahre 1249 den Bischof Rudiger abzusetzen und statt seiner Bertold von Sigmaringen einzusetzen, den Bruder des Regensburger Bischofs. Kaum war dieser im
Amt, begann er den Kampf gegen den kaisertreuen Bayernherzog. Das
Weilhartgebiet war damals ein Zentrum des Bayernherzogs. Im November 1250
fielen Leute des neuen Passauer Bischofs unter Führung eines weiteren Bruders,
nämlich des Grafen Gebhard von Sigmaringen, in das Weilhartgebiet ein,
verwüsteten die Gegend und führten rund 1500 Stück Vieh weg.
Das war der Viehbestand von schätzungsweise 200 bis 400 Bauernhöfen, eine
Katastrophe für die Gegend, die eine Hungersnot auslösen mußte. Aber noch war
das Weilhartvolk nicht verloren. Die Ritter Alram von Uttendorf, Ortolf von Wald
und Heinrich von Rohr riefen ihre Leute zusammen. Die Schar sammelte sich bei
der Kirche in Neukirchen an der Enknach und setzte den Viehdieben nach. Als
diese die Ach bei Altheim durchquert hatten, wurden sie von den Rittern überrascht
und überwältigt. Der Anführer, Graf Gebhard von Sigmaringen, der Bruder des
Bischofs von Passau, wurde gefangengenommen und mit ihm Wilhelm von
_________________________________________________________________________
74 __________________________________________________________________
Prambach und einige andere. Die Gefangenen wurden nach Burghausen gebracht
und auf der Burg eingekerkert. Wie sie verurteilt wurden wissen wir nicht. Da der
Richter von Burghausen ein Mann des Bayernherzogs war, wird er wenig
Federlesen gemacht haben. Auf Diebstahl stand die Todestrafe, ebenso wie auf
Mord und Vergewaltigung.
Abbildung 30. Räuberischer Überfall. Rechts treiben Bewaffnete Kühe fort. Im brennenden
Kirchlein schaut einer aus dem Fenster. Links unten bemühen sich zwei Frauen um die
Brandwunden eines Alten. Links oben treiben die Räuber mit Raubgut bepackte Pferde fort.
Vergegenwärtigen wir uns was damals passierte. Die Quellen berichten uns, die
Passauer hätten 1500 Stück Vieh weggetrieben und die Gegend verwüstet. Auch
wenn die Zahl übertrieben wäre, die meisten Bauernställe am Weilhart waren
ausgeräumt worden. Wie mag das vor sich gegangen sein? Sie hatten ausdrücklich
den Auftrag die Gegend zu verwüsten um die Existenzbasis des Gegners zu vernichten. Die Existenzbasis der adeligen Herren waren die Bauern. Es gab kein
Erbarmen im gegnerischen Land. Kleine Trupps von Bewaffneten brachen in die
Bauernhöfe ein, vergewaltigen die Frauen, erschlugen die Männer, trieben das
Vieh aus dem Stall und legten Feuer. Ein geordneter Feldzug war das nicht. Für die
Einheimischen waren das Räuberbanden.
Die Ballade vom Meier-Helmbrecht entsteht zwischen 1250 und 1290, eher später
als früher. Die in der Ballade geschilderten Räubereien entsprechen dieser Zeit.
Auch die überraschende Gefangennahme der Räuber erinnert an die Ballade. Und
wäre es so überraschend wenn junge Leute aus der Gegend, in dieser verwirrten
Zeit, sich den Räuberbanden angeschlossen hätten? Und wären nicht die Eltern
dieser jungen Frevler fassungslos gewesen? Der dichterische Stoff aus dem die
Ballade gewoben ist, lag damals hier in der Luft. Das ist kein Beweis für die
historische Wahrheit der Geschichte vom Meier Helmbrecht, aber es erhöht die
_________________________________________________________________________
__________________________________________________________________ 75
Wahrscheinlichkeit, daß sie hier spielen könnte. Vielleicht kannte der Dichter den
Helmbrecht-Hof und machte ihn dichterisch zum Meier-Helmbrechthof. Denn der
Fall des Sohnes aus begütertem Hause ist tief und je tiefer der Fall desto höher ist
die Dramatik. Vieles spricht dafür, daß der junge Helmbrecht hier in unserer
Gegend sein Unwesen trieb, leibhaftig oder zumindest als Romanfigur.
Der Dichter Werher der Gartenäre war sicher kein Chorherr aus Ranshofen, wie
verschiedentlich angenommen wurde. 51 Wahrscheinlich, war er ein fahrender
Sänger aus niederem Adel. Er kannte die damalige höfische Literatur aufs Beste
und trug seine Ballade einem adeligen Publikum vor, das sich köstlich amüsiert
haben muß über die schockierenden Versuche des jungen Helmbrecht einer der
ihren zu werden.
Hat es den Meier Helmbrechtshof gegeben ? Das Urbar von 1240, nennt den
Helenbreht (Helmbrecht), der eine Viertel Hube ist, also ein kleiner Hof. Ein
Meierhof war ursprünglich ein Privathof des Grundherrn, der von einem
Verwalter, dem Meier, bestellt wurde. Diese Meierhöfe waren in der Regel
besonders große Höfe. Der Name Meier-Hof hielt sich, auch wenn der Meier
inzwischen den Hof in Eigenregie bewirtschaftete und zum Zinspflichtigen
geworden war. "Meier" wurde zur Bezeichnung für einen besonders großen Hof.
Das Urbar von 1330 nennt einen "Helmprechtz hof" und der zählt zu den großen
Höfen. Dieser Hof taucht auch in späteren Verzeichnissen auf. Also gab es einen
Helmbrechthof damals in Gilgenberg. Aber einen Meier-Helmbrechthof hat es,
nach den Verzeichnissen, nicht gegeben.
Abbildung 31. Der einst sehr schöne, alte Hadl-Hof kurz vor dem Abriß. Auch an dieser
Stelle könnte der mittelalterliche Helmbrechthof gestanden haben
51
"Ich geb auch einem Pfaffen nur, was sein bares Recht", sagt der alte Meier Helmbrecht in Strophe
780. Worte, die ein Chorherr wohl nicht geschrieben hätte.
_________________________________________________________________________
76 __________________________________________________________________
Nachwort
und die Hügelgräber beim Gänsfuß ?
vor 2500 Jahren - was war da eigentlich ?
Der Weilhart war um das Jahr Tausend nach Christus viel größer als heute. Wir
finden sowohl in alten Urkunden, wie in den Ortsnamen Hinweise, daß der
Weilhart bis Handenberg und Neukirchen reichte.
Abbildung 32. Nachbildungen von
Fundgegenständen aus den
Hügelgräbern. Eine Pferdetrense, eine
Fibel, mit der Kleider zusammengehalten
wurden und ein Dolch.
Beim Gänsfuß wurden hallstattzeitliche Gräber gefunden, die in die Zeit
zwischen 800 und 600 v.Chr. datiert
werden. Mitten im Wald ? Die Bestattungsplätze der "Hallstattleute" waren
nicht weit entfernt von ihren Siedlungen. Das wissen wir von anderen
Ausgrabungsplätzen. Also gab es in der Nähe vom Gänsfuß eine Siedlung. Diese
Menschen waren Viehzüchter und Ackerbauern. Wo waren die Felder und die
Äcker? Wo später der Weilhart gerodet wurde? Fragen über Fragen und die
Wahrheit ist wieder einmal viel komplizierter. Wer waren diese Menschen ? Die
Kommen-und-Gehen-Geschichtsauffassung: erst kamen die Illyrer52, dann kamen
die Kelten, dann kamen die Römer, usw..., wird von der neueren Forschung
aufgrund von Bodenfunden und Quellenstudien nicht mehr geteilt. Das
bodenständige, das "einheimische" Element darf nicht unterschätzt werden. Die
Eroberer waren oft nur eine zahlenmäßige Minderheit, die mit den
"Einheimischen" verschmolzen. Wer weiß, wieviel Blut der Hallstattleute in den
Innviertlern, oder in den Österreichern, fließt. Jedenfalls ist mit den herzoglichen
Urbaren aus dem 13. Und 14. Jahrhundert die Geschichte Gilgenbergs noch lange
nicht erschlossen und die Geschichtsschreibung über Gilgenberg sollte mit dieser
kleinen Schrift beileibe nicht beendet sein. Vielleicht kann sie interessierte
Gemeindebürgerinnen und - bürger dazu anregen, einen kleinen Arbeitskreis zu
gründen um die hier begonnene Arbeit fortzuführen.
52
Die "Illyrer" geistern in heimatkundlichen Chroniken immer noch durch die historische Landschaft,
obwohl die Fachwissenschaft diese These schon seit Jahrzehnten verworfen hat.
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Danksagung
Mein Dank gilt im Besonderen den Mitarbeiterinnen des Stadtarchivs Burghausen
Frau Ulla Kendlinger, Frau Annegret Weinzierl und Frau Angelika Schuder, die
mir mit ihrem fachkundigen Rat den Einstieg in das kleine Projekt sehr erleichtert
haben, Herrn Dr. Hubert Schopf vom Salzburger Landesarchiv, der geduldig und
liebenswürdig meine oft laienhaften Fragen beantwortet hat und Herrn Reinhard
Russinger für die elektronische Betreuung des Projektes. Die Augen geöffnet für
die historischen "Geheimnisse" des Weilhart, hat mir mein im Jahre 1993
verstorbener Freund, Felix Hirschlinger.
Gilgenberg im Juli 1997
Berndt Bleckmann
Literatur
(Übersetzungen aus dem Lateinischen und dem Mittelhochdeutschen vom Verfasser)
- Abel Wilhelm, Geschichte der deutschen Landwirtschaft vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahr
hundert, Stuttgart 1967
- Berger Franz, Rieder Heimatkunde, Bilder aus der Heimat, 5. Teil, Ried 1935
- Brunner Karl in: Die Bajuwaren, Von Severin bis Tassilo 488 - 788, München u. Salz
burg 1988
- Burghauser Geschichtsblätter, Folge 28, Burghausen 1960
- Dollinger Philippe, Der Bayerische Bauernstand vom 9. Bis zum 13. Jahrhundert, Hgb. Franz Irsig
ler, München 1982
- Fuhrmann Horst, Deutsche Geschichte im hohen Mittelalter, Göttingen 1978
- Haberl Alois, Braunauer Heimatkunde, Heft 3
- Hiereth Sebastian, Die bayerische Gerichts- und Verwaltungsorganisation vom 13. Bis 19. Jahrhun
dert, München 1950
- Lomnitzer Helmut, Hgb., Neidhart von Reuental, Lieder, Reclam, Stuttgart 1993
- Pfennigmann Josef, Burghauser Geschichtsblätter, 47. Folge, Burghausen 1992
- Pillwein Benedikt, Geschichte, Geographie und Statistik des Erzherzogtums Österreich ob der Enns
und des Herzogtums Salzburg, Vierter Theil: Der Innkreis, Linz 1843
- Werner Rösener, Bauern im Mittelalter, München 1991
- Sachsenspiegel, Landrecht und Lehnrecht, Hgb. Friedrich Ebel, Reclam, Stuttgart 1993
- Schiffmann Konrad, Die mittelalterlichen Stiftsurbare, Band I, Das Land ob der Enns, Münche
1922
- Schopf Hubert, Die Geschichte des Augustiner Chorherrenstiftes Ranshofen am Inn im Mittelalter
(1125 - 1426), Unveröffentlichte Dissertation, Universität Innsbruck 1985
- Spamers Illustrierte Weltgeschichte, Band IV, Leipzig 1897
- Strnad Julius, Innviertel und Mondseeland, o.J.
- Tschirch Fritz, Werner der Gärtner - Helmbrecht, Reclam, Stuttgart 1978
- Verdenhalven Fritz, Alte Maße, Münzen und Gewichte aus dem deutschen Sprachgebiet, Neustadt
an der Aisch 1968
- Wand Norbert, Das Dorf in der Salierzeit, Sigmaringen 1991
- Stefan Weinfurter, Die Kanonikerreform des 11. Und 12. Jahrhunderts, in: 900 Jahre Stift Reichers
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78 __________________________________________________________________
berg, Linz 1988
Die Quellen
Die Urbare (Besitzstandsverzeichnisse)
Das älteste bayrisch-herzogliche Urbar wurde zwischen 1228 und 1240 angefertigt. Es wird als
Urbarium antiquissimum bezeichnet. Die ehemalige Grafschaft Burghausen ist hier bereits geteilt in
das Amt Ötting und das Amt Burghausen. Auffallend ist, daß das Einzugsgebiet von Burghausen ganz
und gar rechts der Salzach gelegen ist, also im heute oberösterreichischen Gebiet.
Das zeitlich nächst folgende Urbar unseres Gebietes ist zwischen 1323 und 1339 entstanden, also um
1330. Es wird als Salbuch Nr. 7 im Bayer. Hauptstaatsarchiv geführt und gilt als Salbuch Herzog
Heinrich des Älteren. Der Heimatforscher und spätere Landesschulrat von Oberösterreich, Franz
Berger, gibt das Jahr 1313 als Entstehungszeit an. Es handelt sich jedenfalls um das Urbar, das als
"Urbarium ducatus Baiuvariae inferioris" (Urbar des Herzogtums Niederbayern) betitelt ist.
- Salbuch Nr.1, Kurbayern äußeres Archiv Nr.: 4734, Bayer.Hauptstaatsarchiv München. Entspricht:
Monumenta Boica, Bd XXXVI/I, Urbarium antiquissimum
- Salbuch Nr. 7, Kurbayern äußeres Archiv Nr.: 4740, Bayer.Hauptstaatsarchiv München. Entspricht:
Monumenta Boica, Bd XXXVI/II, Urbarium ducatus Baiuvariae inferioris = niederbayrischherzogliches Urbar
- Urbarbuch des landesfürstlichen Kastenamtes für den Kasten Ober- und Niederweilhart von 1581,
herausgegeben von H.C.Faussner u. A.v.Grote, Hildesheim 1983
- Augustiner-Chorherrenstift Ranshofen, Urbar von 1278 (in K. Schiffmann...)
- Die Urkunden der Zisterzienserabtei Raithenhaslach, in: Quellen + Erörterungen zur bayrischen
Geschichte, Bd 17. Besitzverzeichnis 1334 in: Erzbistum Salzburg 1, Die Zisterzienserabtei
Raithenhaslach. Bearbeitet von Edgar Krausen, Berlin 1977. Max Planck Ges. für Geschichte
- Josefinisches Lagebuch entstanden 1780 bis 1790. Katastralgemeinden Mairhof Hs Nr. 205,
Gilgenberg Hs Nr. 100, Ruderstallgassen Hs Nr.290 (Oö Landesarchiv Linz)
- Franziscäischer Kataster 1829 (Oö Landesarchiv Linz)
- Hofbuchhaltungsblätter, Bayer. Hauptstaatsarchiv München unter: Hofanlagsbuchhaltung, Box Nr:
157, Kurbayrische Hofkammer, Innviertler Gerichte, Güterkonscription, Rentamt Burghausen,
Pfleggericht Braunau 1749
- Österreichische Weistümer, Bd XV
Verzeichnis der Abbildungen
(Fotos und Abbildungen, wo nicht anders angegeben, vom Verfasser. Abbildungen 3, 4, 8, 23, 26
mit freundlicher Genehmigung des Hauptstaatsarchivs München)
Titelbild: Drei Bauern, Kupferstich von Albrecht Dürer (1471 - 1528), Bildarchiv Preuß. Kulturbesitz,
Berlin
Abbildung 1. Die Katastralgemeinden Gilgenberg und Mairhof im
Josefinischen Lagebuch, Landes archiv Linz .............................................................5
Abbildung 2. Das bayerische Stammesgebiet um das Jahr 788
8
Abbildung 3. Papst Cölestin III. 1195, Inseriert in Urkunde 1262 III/18, Erzbischof Ulrich
Salzburg, Martin Reg. Salzburg 1 Nr.379, Hauptstaatsarchiv München........................ 10
Abbildung 4. Ausschnitt aus der Urkunde mit dem Schriftzug "capella in monte S. egidii", dem
lateinischen Namen für Gilgenberg................................................................ .. .......10
_________________________________________________________________________
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Abbildung 5. Die Grafschaft Burghausen um das Jahr 1000, nach F. Tyroller, in Burghauser
Geschichtsblätter Nr. 28, 1960 .................................................................................12
Abbildung 6. "Closter Ranshofen", Kupferstich von Michael Wening, 1721;
OÖ Landesmuseum Linz. (Kat.Nr.4.50) ....................................................................13
Abbildung 7 Teufel, Zeichnung 12. Jhdt.......................................................................... ........15
Abbildung 8. Das älteste erhaltene Schriftstück aus Gilgenberg,
Klosterurkunde Ranshofen Nr. 79, Hauptstaatsarchiv München .................................20
Abbildung 9. Die drei Stände. Holzschnitt aus Lichtenbergers "Prognosticatio"
Jacob Meydenbach, Mainz........................................................................................21
Abbildung 10 Ein Ritter, nach Biolett le Duc, in: Spamers, a.a.O., S.245 .............................22
Abbildung 11. Bauern, Kupferstich von A..Dürer 1512 .................................................. .....27
Abbildung 12. Vor dem Richter. 15 Jhdt, in : Spamers, a.a.O.S. 766....................................31
Abbildung 13. Schweine, Zeinung von Martin Schongauer (1430- 1491),
Musee1d´Unterlinden, Colmar, Inv. Nr. 762..............................................................35
Abbildung 14. Ein Rinderkauf um 1500, Holzschnitt von Hans L. Schäufelein, Staatl. Graph.
Sammlung München (Nr.14632) ..............................................................................36
Abbildung 15. Körpergröße deutscher Männer, Maße nach M. Kunter in: Wand, S. 56 ........38
Abbildung 16. Männer und Frauen bei der Getreideernte. Holzschnitt
aus dem 16. Jahrhundert,Bildarchiv Preuß. Kulturbesitz......................................................39
Abbildung 17. Ochsenbespannter Beetpflug, Malerei 12. Jhdt, Brit. Museum,
London, Cotton Hss., Tib. B V, fol. 4.......................................................................40
Abbildung 18. Dörfliches Mahl. Kupferstich von Daniel Hofer um 1500. ............................42
Abbildung 19. Die Kuchl des Mondseer Rauchhauses aus dem 15. Jhdt..............................43
Abbildung 20. Die Stube des Mondseer Rauchhauses........................................................44
Abbildung 21 Eines der letzten Gilgenberger Bauernhäuser in Blockbauweise. Zeisberg 1...45
Abbildung 22. Gilgenberg nach dem Franziscäischen Kataster von 1829, LA Linz ..............46
Abbildung 23. Seite aus dem Urbar von 1240, Salbuch Nr.1,
Kurbayern äußeres Archiv Nr. 4734, Hauptstaaatsarchiv München............................47
Abbildung 24 . Das alte Zechmeisterlehen. .........................................................................53
Abbildung 25. Bauern, Holzschnitt, Augsburg 1479............................................................54
Abbildung 26. Seite aus dem Urbar von 1330, Salbuch Nr. 7,
Kurbayern äußeres Archiv Nr. 4734, Hauptstaaatsarchiv München ...........................57
Abbildung 27 Eine Seite aus dem Urbar von 1330 .............................................................58
Abbildung 28 Die Bauerngüter um 1240..................................... ............................................66
Abbildung 29 Die Bauerngüter um 1330..................................................................................67
Abbildung 30. Räuberischer Überfall, Hans Schäufelein, Hiob im Unglück, um 1530
Staatl. Graph. Sammlung München, Inv.Nr. 15932. ...................................................73
Abbildung 31. Der alte Hadl-Hof kurz vor dem Abriß, Foto: Danninger. .............................75
Abbildung 32. Nachbildungen von Fundgegenständen aus den Hügelgräbern.
Originale im OÖ Landesmuseum in Linz..................................................................76
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