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Geschlagen Eine Mutter flüchtet ins Heim Ehrlich Was Kinder - Biss

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BÜRGER IN SOZIALEN SCHWIERIGKEITEN
1,80 O, davon 0,90 O für den Verkäufer
Mai 2009
Mama
Geschlagen Eine Mutter flüchtet ins Heim
Ehrlich Was Kinder über ihre Mamas denken
Bisschen Lohnt es sich, zu betteln?
ISSN 0948-3470
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Durch Gemeinschaft gewinnen.
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gegenüber den Behörden und Sozialversicherungsträgern zu erstreiten. Bei Problemen mit der Rente, der Kranken- und
Pflegeversicherung, dem Schwerbehindertenrecht, Hartz IV und
anderen sozialrechtlichen Fragen beraten wir Sie, helfen Ihnen
bei der Antragsstellung und vertreten Sie, wenn es sein muss,
vor Gericht – und zwar durch alle Instanzen.
Wir kämpfen für Ihre Interessen
Der VdK mischt sich ein in die aktuelle Sozialpolitik, damit in
Deutschland soziale Gerechtigkeit, Humanität und Solidarität
nicht auf der Strecke bleiben.
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Aber der VdK bietet noch viel mehr:
Kur, Erholung und Reisen, Seminar- und Freizeitangebote für
Familien mit behinderten Kindern, eine Akademie für pflegende
Angehörige, Seminare für Ehrenamtliche, maßgeschneiderte Versicherungsangebote, günstige Telefontarife – um nur einiges zu
nennen. Allein in Bayern vertrauen über 540.000 Mitglieder dem
VdK. Nutzen Sie die Vorteile einer starken Gemeinschaft.Werden
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intern
Der 90. Geburtstag
Das Geburtstagskind war noch im Nachthemd, als um halb acht Uhr morgens der erste Gratulant klingelte. Von elf bis sechs Uhr abends kamen Verwandte, Bekannte, Nachbarn sowie der Bürgermeister und gratulierten
Mama zum 90. Geburtstag. Danach wurde Weihnachten gefeiert. Denn
meine Mutter hat am Heiligen Abend 1918 mit dem ersten Glockenschlag
um 24.00 Uhr das Licht der Welt erblickt. Das hat amtlicherseits zu Verwirrung geführt, deshalb ist in ihrem Taufschein der 24. und in der Geburtsurkunde der 25. Dezember als Geburtstag eingetragen.
Weihnachten ist kein guter Tag, um ein Fest zum eigenen Geburtstag zu
geben, deshalb feiern die „Christkindle“ meist ihren Geburtstag nach. So
auch meine Mutter. Sie feierte am 27. Dezember mit den Verwandten und
Freunden, und am Abend des 29. gab es eine schöne Nachfeier mit dem Katholischen Frauenbund Steinfeld, bei dem wir beide seit seiner Gründung
vor 30 Jahren Mitglieder sind.
Einige Wochen vor ihrem Geburtstag musste meine Mutter ins Krankenhaus. Bis dahin hatte sie noch täglich im Gasthof meines Bruders mitgearbeitet. Es war nicht sicher, ob sie bis Weihnachten wieder gesund oder überhaupt in der Stimmung zum Feiern sein würde. Aber Mama meinte, wir
sollten die Einladungen verschicken. Denn sonst käme die Verwandtschaft
ja nur noch auf Beerdigungen zusammen.
Es wurde ein fröhliches und entspanntes Fest, mit einem Geburtstagskind, das zwar hin und wieder Schmerzmittel einnehmen musste, dem aber
die Freude anzusehen war, wieder einmal alle Verwandten zugleich zu sehen. Mein Bruder und meine Schwägerin hatten alles ganz nach den Wünschen meiner Mutter ausgerichtet. Zu Mittag gab es Leberknödelsuppe und
Schweine-, Rinder- und Gansbraten („Des mög’n die Ald’n“), zum Abendessen Hähnchen, Pommes Frites und Pizza („Des mög’n die Jungen“).
Die köstlichen Torten und Kuchen hatte sie sich als Geburtstagsgeschenk
von Verwandten gewünscht („Dann wiss’n die Leud’ wenigsdens, was sie
scheng’n soll’n“). Mama saß zwischen Tante Fina und Onkel Emil, den beiden nach ihr ältesten Verwandten, unterhielt sich prächtig und ließ es sich
nicht nehmen, von Tisch zu Tisch zu gehen und sich mit allen Gästen zu unterhalten. Sie mag die Menschen, und deshalb mögen die Menschen sie.
Unsere Mutter hat ihr Leben lang gearbeitet, aber immer auch gern Feste
gefeiert. Was sie nie getan hat und auch jetzt nicht tut, ist, über Krisen zu
klagen. Die bewältigt sie lieber. „Soll’n sie hald g’scheide G’sedze mach’n,
dann passierd so was ned“, meinte sie neulich, als es bei einer Talkshow im
Fernsehen wieder einmal um die Finanzkrise ging. Und Recht hat sie!
Es grüßt Sie ganz herzlich
Foto: Barbara Donaubauer
3
Intro
BISS ist ein Zeitungsprojekt, das seit
1993 Bürgerinnen und Bürgern in sozialen
Schwierigkeiten hilft, sich selbst zu helfen.
Das Blatt wird professionell gemacht und
hauptsächlich von Menschen verkauft,
die obdachlos sind oder waren. Die Verkäufer kommen in der Schreibwerkstatt
(SWS) auf den Seiten 4, 16, 17 und 30
selbst zu Wort.
Vom Verkaufspreis, 1,80 Euro pro Exemplar, behalten die Verkäufer 90 Cent.
BISS hat die Anstellung von Verkäufern,
die auf dem Arbeitsmarkt keine Chance
haben, zum Ziel. Zurzeit sind 32 von rund
100 Verkäufern fest angestellt.
BISS finanziert sich durch den Verkauf
der Zeitschrift sowie durch Anzeigen und
Bußgelder, die BISS von Richtern und
Staatsanwälten sporadisch zugesprochen
werden. Mit diesen Einnahmen werden
die Herstellungskosten der Zeitschrift
inklusive Honoraren sowie die Betriebskosten und die Fachpersonal-Gehälter
bezahlt.
Der gemeinnützige Verein BISS e.V.
unterstützt Qualifizierungsmaßnahmen
für Betroffene. Um sozial benachteiligten
jungen Menschen zu einer erstklassigen
Berufsausbildung zu verhelfen, hat der
Verein die Stiftung BISS gegründet, die
die Trägerschaft beim geplanten Projekt
Hotel BISS (Seite 21) übernehmen soll.
Alle Spenden werden für Bürgerinnen
und Bürger in sozialen Schwierigkeiten
eingesetzt.
Spendenkonto bei der
LIGA Bank München
Konto-Nr. 22186 66
BLZ 750 903 00
Bitte kaufen Sie BISS nur bei Verkäufern,
die ihren Ausweis deutlich sichtbar
tragen. BISS wird nur auf der Straße,
nicht an der Haustür verkauft.
BISS ist Mitglied im Internationalen Netz
der Straßenzeitungen.
www.street-papers.org
Titel-Foto: Kathrin Harms
Foto Intro: Benjamin Ganzenmüller
Foto Inhalt (v.o.): Volker Schmitt,
Jule Schneider, Anja Weigandt
4
BISS-Verkäufer Marco Veneruso am Rolltreppenaufgang Schützenstraße
Mein Standplatz Stachus
Ich verkaufe BISS seit acht Jahren im Ladengeschoss zwischen
Stachus und Hauptbahnhof, direkt vorm Eingang der Schmankerlgasse, am Rolltreppenaufgang Schützenstraße. Oberhalb der
Rolltreppe befindet sich – glaube ich – der Justizpalast. Genau
weiß ich das gar nicht, weil ich im Rollstuhl sitze, ich bin die
Rolltreppe noch nie hochgefahren. Seit einigen Monaten wird
im Untergeschoss gebaut. Es ist staubig und dreckig, die Presslufthämmer und Zementmischmaschinen machen einen Höllenlärm. Bevor ich mit dem Verkaufen beginnen kann, hebt der
Angestellte des Telefonladens die BISS-Hefte aus meiner Tasche
und legt sie vor mich auf den Boden. Ein Heft gibt er mir in die
Hand und in die andere Hand mein Plastikschälchen mit dem
Wechselgeld. Meine Kunden sind meistens Frauen. Viele nette
Leute bieten an, mich auf eine Leberkässemmel oder einen Kaffee einzuladen. Ich lehne aber immer ab, weil ich eh zu dick bin
und nur wenig trinke, um nicht so oft heim auf die Toilette zu
müssen. Schon manchmal haben Araber mir im Vorbeigehen 1Cent-Stücke in die Geldschale geworfen, weil sie denken, ich sei
ein Bettler. Früher habe ich dann „No,no,no“ gerufen, auf die
Zeitungen gezeigt und versucht zu erklären, die kosten „two Euro“, weil ich „1,80“ nicht auf Englisch sagen kann. Mittlerweile lasse ich das und sage „shukran“, das heißt „Danke“ auf Arabisch. Im Sommer ist es schön an meinem Platz, dann stehe ich
bis 19 Uhr, und danach fahre ich zum BISS-Verkaufen die Leopoldstraße auf und ab. Wenn ich Kunden im Gespräch erzähle,
dass ich meine Miete selber zahle, sagen die oft, ich könne stolz
auf mich sein, ich finde es aber ganz selbstverständlich, dass
man sein Geld selber verdient.
Marco Veneruso/SWS
Inhalt
Mama
8
Papa haut nicht mehr
Er schlug sie, sie floh ins Haus für Mutter und Kind.
Wenn er heute zu Besuch kommt, sitzt er ganz kleinlaut
in der Ecke
12
„Mama trifft immer meinen Geschmack“
Kinder erzählen, was sie über ihre Mütter denken
14
Kleiner Mensch, was nun?
Nicole Kurz fiel nach der Geburt ihres Sohnes in ein
tiefes Loch. Sie berichtet, wie sie wieder herausfand
15
Hausmütterchen, Karriereweib oder Rabenmutter
Wie es die heutige Frau auch macht: Es ist falsch.
Männer werden schon für kleine Fortschritte gelobt
18
„Man muss in der Lage sein, für sich selbst zu sorgen“
Zwei Mütter aus zwei Generationen über die Rolle
der Frau in der Familie
20
Mama, Mutter, Mutti, Mam
Wie Kinder ihre Mütter nennen und warum
18 Zwei Frauen, zwei Generationen: ein Gespräch
über die Mutterrolle
G’schichten
12 Was Kinder schon immer über ihre Mama
sagen wollten
16
Schreibwerkstatt
Unsere Verkäufer erzählen
22
Arbeit beschaffen, Menschen beschäftigen
Das Münchner Projekt ABBA bringt seit 20 Jahren
Menschen in Lohn und Brot
24
Die Bilderbuchfamilie
Felix muss zur Kinderärztin, Mama Chris geht tanzen – und
kämpft am Tag darauf mit einer Sehnenscheidenentzündung
28
Um die Ecke
Christine Grän fühlt sich schwabinglich
30
Jana auf dem Balkon
Die Kolumne aus der Schreibwerkstatt
Rubriken
14 Nicole Kurz ist eine gute Mutter – aber sie
musste das erst lernen
6
7
21
26
27
30
31
Lob & Tadel
BISSchen
Hotel BISS
Patenuhren
Freunde & Gönner | Nachruf
Impressum
Adressen
5
Lob & Tadel
Lob
München hat ein Herz für ältere Arbeitslose – und hilft durch Kreativität, Freundlichkeit und Geduld
7500 ältere Arbeitslose zwischen 50
und 64 Jahren sind bei der Arge gemeldet. In der Regel geht es denen so wie
dem Schreiber dieser Zeilen, 57 Jahre alt und allzu freier Journalist: Entweder erkannten einen die Sachbearbeiter im Arbeitsamt selbst beim dritten
oder vierten Besuch nicht, weil sie überlastet waren, oder sie drückten einem 1Euro-Jobs und ABM-Maßnahmen aufs
Auge und schönten so ihre Statistik. Das
Projekt „KompAQT 50 plus – Kompetenznetzwerk für Arbeit, Qualifi zierung
und Transfer“ macht das besser. Unser
Lob gilt weniger dem sperrigen Namen
als dem Elan und der Kreativität der 45
Mitarbeiter in der Poccistraße, die versuchen, jährlich rund 1000 Langzeitarbeitslose wieder einzugliedern. Es ist wichtig,
Menschen sich ihrer eigenen Fähigkeiten
bewusst werden zu lassen und zugleich
den Arbeitgebern die Vorteile älterer Mit-
arbeiter nahezubringen: Erfahrung, Ausstrahlung, Zuverlässigkeit. Jetzt hat sich
die Arge Verstärkung geholt. „Neue Wege wagen“ heißt das Motto von Ingeus
– internationaler Anbieter von Arbeitsmarktdienstleistungen. Ingeus, in Australien gegründet, gibt es seit November
2008 in München. Ihr Ansatz geht über
die reine Arbeitssuche hinaus: Hilfe in
Sachen Finanzplanung, Kinderbetreuung
oder Obdachlosigkeit, Bewerbungsfotos,
Seminare zur Stärkung des Selbstvertrauens, Unterstützung im Job bis zu sechs
Monate nach Arbeitsbeginn. Man konnte bereits Supermarktleiter, Verkäufer für
Herrenmode, Altenpfleger, Studienreiseleiter und einen Buchlektor vermitteln.
Wenn wieder ein neuer Arbeitsplatz gefunden worden ist, erklingt ein Gong auf
der Büroetage. Und dann weiß jeder, was
es geschlagen hat.
Dieter Wachholz
Tadel
In bayerischen Kneipen und Wirtshäusern darf nicht geraucht werden.
Es passiert aber trotzdem
Eigentlich ist die Sache eindeutig: In Bayerns Gaststätten besteht noch immer ein
striktes gesetzliches Rauchverbot. Darüber kann man streiten, aber es besteht
und es gilt. Das Bundesverfassungsgericht hatte daran bei einer Überprüfung
im August 2008 nichts zu bemängeln.
Zwar will die neue bayerische Staatsregierung aus CSU und FDP das Verbot
mit einem Änderungsgesetz ab 1. August 2009 lockern. Doch bis dahin gilt:
Steigt blauer Qualm über Tresen und Tischen auf, verstößt der Wirt gegen geltendes Recht, jedenfalls wenn er nicht
gerade einen der eigens erfundenen Raucherclubs führt. So weit die Theorie, die
Realität aber sieht anders aus. In immer
mehr Bars und Restaurants wird inzwischen wieder geraucht, selbst wenn sie
keine Raucherclubs sind. In manchen nur
heimlich, still und leise, nämlich spät am
Abend, an besonderen Tagen, unter be6
sonderen Umständen, wenn wenig Gäste
da sind. In anderen ganz ungeniert und
den ganzen Tag. Das Kreisverwaltungsreferat München, das für die Überwachung
des Rauchverbots zuständig ist, gibt zwar
die Auskunft, noch immer anlassbezogen und in Stichproben Münchens Gaststätten auf den blauen Dunst hin zu kontrollieren. Besonders wirksam scheint das
aber nicht zu sein, jedenfalls scheinen die
angeblichen Kontrollen die Wirte recht
wenig zu beeindrucken. Erfreulich für die
Raucher – aber nervig für diejenigen, die
die dicke Luft nicht vertragen. Zwar will
manche Gaststätte das Rauchverbot von
sich aus aufrechterhalten, weil sich viele
Gäste daran gewöhnt haben und damit
zufrieden sind. Dort aber, wo das nicht
der Fall ist, herrschen harte Zeiten für
Nichtraucher. Denn wo sollen sie nur hin,
bei einem Rauchverbot à la carte?
Christian Siepmann
chen
Lohnt es sich,
zu betteln?
Auf der Straße sitzen und die Vorbeigehenden um
Geld bitten – ist das nicht ein lockeres Leben? Das
wollten die Schüler der 8a an der Helen-Keller-Realschule wissen. Sie haben die Teestube „komm“Streetwork des evangelischen Hilfswerks in der
Zenettistraße besucht, mit den Streetworkerinnen
Ellen Mayrhofer und Verena Graf gesprochen und
dabei ganz neue Erkenntnisse gewonnen
Wollen manche Leute lieber auf der Straße leben, als einem geregelten Leben nachzugehen?
Verena Graf: Viele unserer Klienten sagen zunächst, dass sie sich
in ihrer Lebenssituation wohlfühlen und es gar nicht anders haben möchten. Doch es ist wichtig, da ganz genau hinzuschauen.
Ich glaube, dass in fast jedem Menschen der Wunsch nach einem
Zuhause steckt. Das kann man sich wie einen Kern vorstellen,
um den sich die zahlreichen Verletzungen und Misserfolge wie
Schalen herumgelegt haben. Natürlich gibt es auch Aussteiger,
aber mit denen kommen wir nicht in Kontakt, weil sie nicht in
der Stadt leben, sondern sich wirklich absondern.
Betteln alle Obdachlosen?
Verena Graf: Das gehört zu den klassischen Vorurteilen. Sehr
vielen obdachlosen Menschen sieht man nämlich gar nicht an,
dass sie auf der Straße wohnen – und sie würden niemals betteln. Auch sie haben Anspruch auf finanzielle Unterstützung
durch den Staat. Trotzdem sieht man natürlich Bettler. Die Motive, die Hand aufzuhalten, sind vielfältig. Manche denken, ich
muss nur eine kurze Zeit überbrücken, bis ich wieder einen Job
habe. Außerdem schreckt der Antragsweg für staatliche Unterstützung manche ab. Dabei muss man nämlich viele Formulare
ausfüllen und seine gesamte finanzielle Situation offenlegen. Das
schaffen viele Menschen nicht allein.
Lohnt sich das Betteln?
Ellen Mayrhofer: Ich persönlich kenne nur zwei Männer, bei denen das Betteln ganz gut klappt. Sie stehen schon seit Jahren im-
mer an denselben Ecken der Stadt und haben Bekanntschaft mit
vielen Passanten geschlossen. Vielleicht sind für manche nicht
nur die Spenden, sondern auch der regelmäßige Kontakt wichtig. Es hilft ihnen sicher, dass sie interessante Typen sind und
sich recht leicht damit tun, jemanden auf ein bisschen Kleingeld
anzusprechen.
Soll man Bettlern überhaupt Geld geben?
Verena Graf: Das Betteln ist wirklich oft nur ein ganz kleiner
Teil des Problems. Dahinter steckt meist eine Lebensgeschichte, in der sehr viele Sachen schiefgegangen sind. Ich selbst gebe Bettlern kein Geld, sondern versuche, mit ihnen ins Gespräch
zu kommen, um auf weiterführende Hilfen hinzuweisen. Es ist
aber oft gar nicht leicht, den richtigen Ton zu finden. Auf jeden
Fall ist es besser, etwas zu essen oder trinken zu kaufen, anstatt
Geld zu geben.
Woran erkennt man, ob ein Bettler wirklich Hilfe braucht oder
ob er zu einer Bande gehört?
Verena Graf: Das ist sehr schwierig festzustellen. Ein Zeichen,
dass er zu einer Bande gehört, könnte sein, dass der Bettelnde
Verletzungen oder Krankheiten präsentiert. Auch bei Bettlern,
die mit Babys unterwegs sind, sollte man eher vorsichtig sein.
Leider können wir diesen Menschen, die oft gnadenlos ausgebeutet werden und selbst meist nur ganz wenig von dem erbettelten Geld behalten dürfen, nur sehr schwer helfen, weil sie
rasch ihre Standplätze wechseln und auch immer nur kurz in
der Stadt sind. Das ist sehr tragisch.
Protokoll: Bernd Hein
Foto: Barbara Donaubauer
7
Schwerpunkt Mama
8
Sechs Kilo
Selbstvertrauen
Im Haus für Mutter und Kind finden Frauen eine
Unterkunft, die von ihren Männern geschlagen
wurden. Der Weg in ein sicheres, selbstbestimmtes
Leben kann ziemlich schwierig sein. Eine junge Frau
erzählt, wie sie es dennoch mit ihrer Tochter geschafft hat
Text: Christine Auerbach
Foto: Volker Derlath
Barbara Donaubauer
Sechs Kilo mehr machen den Unterschied. Zwischen der alten
Florentina Craciun und der neuen. Zwischen Angst und Selbstbewusstsein. Aber auch zwischen Himbeerjoghurt und Erdbeerjoghurt oder nur Erdbeerjoghurt. Bis Florentina Craciun ihren
richtigen Namen und den ihrer Tochter in einer Zeitschrift lesen
will, müssen jedoch noch ein paar Kilo mehr hinzukommen,
und ihre Haut muss noch ein bisschen dicker werden – an den
Stellen, an denen ihr Lebensgefährte zugeschlagen hat.
Auch mit den zusätzlichen sechs Kilo ist Florentina Craciun immer noch schmal. Schmaler als damals vor sieben Jahren,
bei der Taufe ihrer Tochter: großes Lachen, großes Fest, große
Pläne mit ihrem Lebensgefährten und der neugeborenen Anna, in der Heimat Rumänien. Jetzt, nachdem alles vorbei ist,
würde sie gerne dorthin zurückgehen. Aber sie geht nicht – wegen ihrer Tochter Anna. Denn Florentina Craciun ist vor allem
eines: Mutter. „Deshalb kommt meine Tochter an erster Stelle“, sagt sie, und dafür hält die 28-Jährige einiges aus. Dafür
trifft sie zum Beispiel den Mann wieder, der zeitweise das Verbot bekommen hatte, sich ihr und ihrer Tochter auf weniger als
500 Meter zu nähern.
Vor zwei Jahren kommen Florentina Craciun, ihr Lebensgefährte und die damals fünfjährige Anna nach Deutschland.
Sie ziehen in die Nähe von München und arbeiten im Serviceteam eines Hotels. Sie will die Schulden, die sie bei Mutter und
Schwester haben, so schnell wie möglich zurückzahlen. Er nicht.
Damit kommen die Probleme, die immer größeren Meinungsverschiedenheiten, die immer heftigeren Streits. Und die Schläge. Die Beziehung kippt endgültig, als der Lebensgefährte einen
Nebenjob annimmt – jedenfalls nennt er das so. Dieser Nebenjob ist weiblich und ruft häufig abends an, wenn Florentina ihre Tochter ins Bett bringt und sich selbst dazulegt. Anna schläft
nicht gern allein, weil sie weiß, dass, wenn die Mama bei ihr im
Bett liegt, der Papa die Mama nicht schlagen kann.
Lange Zeit erträgt Florentina Craciun die Schläge. Wegen
Anna. „Die braucht einen Vater“, sagt sie. Wenn die Tochter anwesend ist, ist dieser Vater nett zur Mutter: meine Liebe, mein
9
Mama
Florentina flüchtete vor den Schlägen ihres Lebensgefährten mit ihrer Tochter in ein Heim.
Und fühlte sich schuldig: „Ich will nicht, dass meine Tochter ohne Vater aufwächst“
Schatz. Sobald Anna weg ist, kommt sein anderes Gesicht hervor. Dieses Gesicht ist nicht so hübsch wie das, welches er in
der Öffentlichkeit und auf den Familienfotos zeigt. Dort sieht er
nett aus, der Lebensgefährte. „Aber nicht innen drin“, sagt Florentina Craciun.
Seit sie nach Deutschland gekommen sind, bläut ihr der Lebensgefährte ein: Du bist Ausländerin. Du hast hier keine Rechte, weder als Frau noch als Mutter. Du kannst nicht einmal richtig Deutsch. Zwei Jahre lang glaubt sie ihm. Als sie jedoch den
wahren Inhalt seines „Nebenjobs“ herausbekommt und er sie
wieder einmal verprügelt, ist die Angst vor ihm endlich stärker
als die Angst vor der deutschen Polizei. Sie erstattet Anzeige und
erfährt dabei, dass ihr Lebensgefährte sie nicht einmal in der gemeinsamen Wohnung gemeldet hat. In Begleitung der Polizisten
kommt sie in diese Wohnung zurück, der Lebensgefährte muss
für zehn Tage seine Schlüssel abgeben und zu Freunden ziehen.
Florentina Craciun hat nun zehn Tage Zeit, für sich und ihre
Tochter ein neues Leben zu organisieren. Was sie vom alten Leben in das neue mitnehmen soll, weiß sie nicht so richtig. Sie
weiß ja nicht einmal, wohin sie gehen soll. Eine Polizistin gibt
ihr den Rat mit den Frauenhäusern, und Florentina hat Glück.
Am letzten der zehn Tage entscheidet sie, welche Dinge aus den
zehn gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten verbrachten Jahren
sie in ihr neues Leben mitnehmen will: das weiß-rosa Stockbett
der Kleinen, dazu die Fotoalben und den Fernseher. Damit zieht
sie in das Haus für Mutter und Kind in der Bleyerstraße.
Seit fünf Monaten lebt sie nun hier und erfährt, dass sie Rechte hat, dass sie für sich und ihre siebenjährige Tochter kämpfen
kann. Aber sie merkt auch, wie schwer das ist. Vor allem we10
gen Anna hat sie immer wieder Schuldgefühle: Früher kaufte sie
einfach zwei Joghurts, wenn Anna zwei wollte, heute muss sich
Anna im Supermarkt für einen entscheiden, denn das Geld ist
knapp. Früher hatte sie eine Wohnung mit 84 Quadratmetern,
heute teilt sie sich mit ihrer Tochter ein 18 Quadratmeter großes
Zimmer. Das Kinderstockbett links an der Wand, das Erwachsenenbett rechts. Dazwischen Platz für einen kleinen Tisch.
Aber: Es ist ihre Welt. Sie bestimmt, wer sie betreten darf. Das
gilt auch für den Vater.
An Annas Geburtstag kommt er zu Besuch. Anna hatte es
sich gewünscht, Florentina willigte ein – nicht weil sie es wollte,
sondern weil ihre Tochter es wollte. Wenn Florentina Craciun
die freie Wahl hätte, würde sie ihren ehemaligen Lebensgefährten nie mehr wiedersehen. Aber die freie Wahl hat sie eben nicht:
„Ich will nicht, dass meine Tochter ohne Vater aufwächst. Mein
eigener ist früh gestorben, ich weiß, wie das ist“, sagt sie. Wenn
sie zu dritt spazieren gehen, Anna in der Mitte, an der linken
Hand die Mama, an der rechten den Papa, und die Kleine dann,
während des Gehens, ihre Arme überkreuzt, so dass sich Mama und Papa die Hand geben müssen, dann berührt Florentina den Mann, der ihre linke Körperhälfte blau geprügelt und ihr
die Haare in Büscheln ausgerissen hat. Im Haus für Mutter und
Kind lernt sie nun Deutsch. Schreibt Sätze auf kleine Post-it-Zettel und ist inzwischen richtig gut darin. Und sie hat einen Job
gefunden. Wenn der Vater ihrer Tochter zu Besuch kommt, ist
sie stolz darauf, dass er ziemlich klein in der Zimmerecke sitzt,
während sie ihm etwas zu essen anbietet. Es ist ihre Welt. Er ist
der Gast. In den letzten fünf Monaten hat Florentina Craciun
zugenommen. Sechs Kilo, vor allem an Selbstvertrauen.
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Sandra Hilarius, Arbeitgeberservice
Tel.: 089 /666169 - 290; Fax: 089/ 666169 -120
E-Mail: arge-stadt-muenchen.zew-av @ arge-sgb2.de
Arbeitsgemeinschaft für Beschäftigung
München GmbH
Zentrale Wohnungslosenhilfe (ZEW)
im Amt für Wohnen und Migration
Franziskanerstr. 6 - 8, 81669 München
Endlich wieder lachen: Neubeginn im Haus für Mutter
und Kind
Das Haus für Mutter und Kind ist eine der Münchner
Anlaufstellen für Mütter und Kinder. Die 72 Ein- und
Zwei-Zimmer-Appartements bieten eine vorübergehende Wohnmöglichkeit für Frauen ab dem 18.
Lebensjahr. Die Frauen leben eigenständig dort,
zahlen eine geringe Miete, kochen selbst und gehen,
wenn möglich, arbeiten. Dazu gibt es Hilfestellung
und Beratung bei persönlichen Problemen, Behördengängen und Erziehungsfragen, Gesprächsgruppen
und verschiedenste Kurse. (Haus für Mutter und Kind,
Bleyerstraße 6, Telefon 0 89 / 74 21 54-0)
11
Mama
„Mama trifft
immer meinen
Geschmack“
Was Kinder über ihre Mütter denken
Moritz (9)
„Meine Mutter regt sich immer darüber auf, wenn ich mit Papa herumraufe. Sie schimpft dann und sagt, wir sollen mit dem
Lärm aufhören, sonst steht irgendwann das Jugendamt vor der
Tür. Aber sonst ist sie sehr nett und hilft mir immer bei den
Hausaufgaben und ist bei mir, wenn ich mal traurig bin.“
Sofía (9)
„Am schönsten war es, als wir alleine zusammen nach Italien in
Urlaub gefahren sind, gerade weil meine drei Brüder nicht mitgekommen sind. Denn die stören uns nur. Ich gehe auch gerne
mit meiner Mama zusammen in die Stadt zum Shoppen. Sie ist
immer sehr nett und schimpft nur ganz selten. Das Einzige, was
mich manchmal nervt, ist, wie sie immer „ah ja“ sagt, wenn ich
ihr etwas erzähle.“
Tobi (10)
„Am liebsten mag ich an meiner Mama, dass sie so gut kocht.
Mein Lieblingsgericht ist Pizza. Aber es regt mich auf, dass sie
so oft mit meiner 17-jährigen Schwester streitet, denn dabei
kann ich mich nicht auf die Hausaufgaben konzentrieren.“
Julian (10)
„Ich finde am besten an meiner Mutter, dass sie immer für mich
da ist, wenn ich mal Scheiße gebaut habe.“
Dilara (10)
„Meine Mutter lässt mich immer Süßigkeiten essen, wenn ich
will, und wenn ich mal schlechte Noten habe, schimpft sie nie.
Im Sommer gehen Papa, Mama und ich manchmal schwimmen
oder picknicken, und letzten Sommer waren wir in der Türkei
bei unseren Verwandten.“
Mario (10)
„Meine Mutter und ich haben oft gleiche Meinungen und Ansichten und den gleichen Geschmack. Wenn wir zum Beispiel
essen gehen wollen und sie mich fragt, wo ich hingehen möchte, und ich dann sage, es ist mir egal, dann sucht sie immer das
Lokal aus, das ich auch ausgesucht hätte. Sie trifft immer meinen Geschmack. Ärgerlich ist aber, dass sie oft ohne Grund mit
mir schimpft. Wenn mein fünfjähriger Bruder etwas angestellt
hat, denkt sie einfach, ich wäre es gewesen, und schimpft dann
mit mir. Das Schlimmste, was ich bisher angestellt habe, war,
einmal an dem Gebüsch neben unserem Haus mit dem Feuerzeug die trockenen Blätter anzuzünden. Das hat sie aber, Gott
sei Dank, nie gemerkt.“
Andreas (10)
„Meine Mutter ist eigentlich immer freundlich, hilft mir bei den
Hausaufgaben, und wenn ich gute Noten geschrieben habe, gehen wir zusammen Eis essen.“
Paul (10)
„Wenn ich eine schlechte Note geschrieben habe, sagt meine
Mama, es macht nichts, das nächste Mal kann ich das ja wieder
ausgleichen. Sie ist manchmal freundlich und manchmal streng.
Aber sie hilft mir immer, wenn ich die Hausaufgaben nicht verstehe.“
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PLZ/Ort
BLZ
halbjährlich
jährlich
Anzeige
Senem (9)
„Am meisten mag ich an meiner Mama, dass sie immer lieb zu
mir ist, nett und liebevoll. Nur manchmal ist sie ein bisschen ungeduldig, gerade wenn ich morgens zur Schule muss und schon
spät dran bin. Ganz toll war es, als ich mit meiner Mama zusammen ganz alleine zum Oktoberfest gegangen bin und wir
Kettenkarussell gefahren sind.“
Jasper (10)
„Meine Mutter kocht immer für mich, hilft mir dabei, mein
Zimmer umzuräumen, was ich oft mache, und ist immer für
mich da. Manchmal ist sie ein bisschen inkonsequent. Erst verbietet sie mir, Computerspiele zu spielen, und wenn ich sie lange
genug nerve, darf ich dann doch spielen. Wenn ich mal schlechte
Noten habe, tröstet sie mich und sagt: ‚Alles wird wieder gut.’
Simon (10)
„Gut finde ich, dass mir meine Mutter oft Dinge erlaubt, die
meine jüngeren Brüder noch nicht dürfen, zum Beispiel Playstation spielen. Was mich stört, ist, dass sie oft die Schaukel von
unserem Hochbett abhängt, wenn sich die Brüder darum streiten, und dass ich manchmal bei schönem Wetter nicht rausgehen und Fahrrad fahren darf.“
Protokoll: Nina Koslowski
Bild: Jule Schneider
Judith Kowalski
13
Mama
Kleiner Mensch,
was nun?
Nicole Kurz fiel nach der
Geburt von Lukas in ein
tiefes Loch. Und erzählt,
wie sie wieder herausfand
„Ich dachte: Du bist eine schlechte Mutter“. Nicole Kurz brauchte Zeit
und Hilfe, um ihr Kind lieben zu können
Ich hab mich total auf unseren Lukas gefreut. Aber ich stand enorm unter Druck. Ich wollte die Supermutter werden, wollte alles richtig machen. Das kam auch ein bisschen von außen: Lukas war das erste Kind, der erste Neffe, der erste Enkel, das
erste Urenkelkind – und jeder hatte Ratschläge. Jeder meinte es
gut, aber ich empfand es als Druck. Man hat eben nicht immer
gute Tage in der Schwangerschaft. Dann wurde ich auch noch
arbeitslos, das hat mich zusätzlich gestresst. Aber ich dachte:
Wenn mein Kind erst mal da ist, wird sich schon alles auf Mutterschaft einstellen.
Dann war Lukas geboren, und ich fühlte mich nur leer. Ich
hatte mir das so schön vorgestellt, dass ich ihn voll stille, ohne Zufüttern, aber das ging nicht. Lukas schrie vor Hunger. Da
14
dachte ich: Du bist eine schlechte Mutter, du kannst dein
Kind nicht selber ernähren. Wenn Lukas schlief, saß ich auf
der Couch und schaute durch den Fernseher durch.
Ich hätte ganze Tage lang heulen können und wusste
nicht, warum. Warum kannst du dich nicht freuen, dass du
ein gesundes Kind hast? Ich war in dieser Zeit so überfürsorglich, ich habe seine ganze Wäsche gebügelt, nur die teuersten Windeln und die beste Babynahrung gekauft. Wenn
ich ihm schon keine Liebe geben konnte, wollte ich wenigstens, dass drumherum alles stimmt. Wenn Lukas wach war,
schrie er oft. Das machte mich rasend: Mensch, was willst
du, du bist frisch gewickelt und gefüttert!
Dann kamen diese Fantasien. Wie ich mein Kind in der
Badewanne unter Wasser tauche, wie ich es aus dem Fenster werfe. Auch an Selbstmord habe ich gedacht. Natürlich
habe ich nichts davon gemacht, aber ich bin wahnsinnig erschrocken. Ich hatte Angst, ihm was zu tun, und war heilfroh, dass meine Mutter und mein Mann den Lukas so gut
betreut haben. Aber wenn er meine Mutter so anstrahlte,
tat das richtig weh. Sie war seine erste Bezugsperson, mein
Mann die zweite, dann erst kam ich.
Schließlich bin ich mit Lukas für sechs Wochen ins Psychiatrische Zentrum Nordbaden nach Wiesloch gegangen.
Dort waren viele Mütter, denen es so ging wie mir und die
mich verstanden haben – allein das half mir schon. Und es
gab eine Ärztin, die sagte: Sie sind keine schlechte Mutter,
Sie haben schließlich Ihr Kind in gute Obhut gegeben und
suchen sich professionelle Hilfe. So hatte ich das noch gar
nicht gesehen.
Am Anfang halfen mir vor allem die Medikamente gegen
Depression aus dem Loch heraus. Und dann ging manchmal
mein inneres Türchen zu Lukas einen Spalt weit auf. Ganz
selten, ganz kurz. Das konnte nachts um drei sein. Da stand
ich an seinem Bett und sah ihm beim Schlafen zu. So klein
lag er da. Da hab ich ihn gebraucht. Von diesen Momenten
hab ich tagelang gezehrt, weil ich wusste: Es ist doch was da!
Diesen Kontakt zwischen Lukas und mir haben die Ärzte in
Wiesloch gefördert.
Am meisten half mir die Videotherapie. Ich wurde zum
Beispiel gefilmt, wie ich Lukas wickle. Ich hatte mir eingebildet, Lukas mag mich nicht, aber auf dem Video sah ich,
wie er immer meinen Blick sucht und mich anlacht – das tat
so gut! Und wenn er strampelte, hatte ich immer gedacht, er
tritt nach mir. Bis ich auf dem Video sah: Der strampelt ja
die ganze Zeit. Das ist er! Er will, dass ich mit seinen Füßen
spiele. Wenn ich jetzt auf seine Füße pruste, dann lacht er.
Auch seine verschiedenen Arten zu schreien habe ich unterscheiden gelernt – früher habe ich das einfach nur als Ablehnung verstanden, jetzt weiß ich: Manchmal ist ihm langweilig. Oder er ist müde. Oder grantig. Oder hungrig.
Endlich können mein Mann und ich die Familie leben, die
wir uns von Anfang an gewünscht haben. Klar nervt Lukas
auch jetzt noch manchmal. Wenn er einfach nicht einschlafen will zum Beispiel.
Aber ich habe jetzt wieder die Kraft, damit umzugehen.
Der Lukas ist halt ein Kind mit Ecken und Kanten. Wie die
Mama auch.
Foto: Anja Weingandt
Protokoll: Andreas Unger
Mama
Kinder, Karriere
und Kritik
An den Lebensentwürfen von
Frauen wird gerne herumgenörgelt – während Männer schon für
kleine Fortschritte gelobt werden
Bald gibt’s keine Mamas mehr. Zumindest keine gebildeten. Davon waren noch bis vor Kurzem Bevölkerungsforscher überzeugt. Sie entnahmen ihren
Statistiken, dass sich die Geburtenraten
der deutschen Akademikerinnen im freien Fall befänden. 40 Prozent der Frauen
mit höherem Schulabschluss ohne Kinder – was für ein Skandal! Und wie verantwortungslos! Schnell war von einem
Gebärstreik die Rede und vom Auslaufmodell Mama. Frauen hätten sich von ihren natürlichen Fortpflanzungsverpflichtungen verabschiedet, tönte es allerorten.
Die Aufregung legte sich etwas, als man
auch Frauen über 40 Jahre in die Befragungen einbezog. Und zu dem Schluss
kam: Sie weigern sich nicht, sondern sie
lassen sich einfach mehr Zeit. Für sich,
den Beruf, das Leben. Und schon hagelte es wieder Kritik. Denn wo kämen wir
denn hin, wenn sich Frauen genauso verhielten wie ... – Männer? Von Gleichberechtigung zu sprechen ist einfach. Sie zu
akzeptieren, um einiges schwerer.
So richtig recht machen können es
Frauen offenbar niemandem. Verzichten
sie auf Kinder oder verschieben sie den
Geburtswunsch, gelten sie als egoistisch
und karrieresüchtig. Arbeiten sie trotz
Nachwuchs, bezeichnet man sie als Rabenmütter. Bleiben sie bei den Kleinen zu
Hause, werden sie als rückständige Glucken oder Feiglinge betrachtet. Geben
sie ihre Kids frühzeitig in Krippen, gelten sie als verantwortungslos. Da haben
es Männer leichter. Steigt – wie im vergangenen Jahr – der Anteil der Väter, die
Elternzeit nehmen, jubelt die Presse: „Bilderbuch-Väter!“ Kinderwagen schiebende
und Windeln wechselnde Papas werden
in manchen Kreisen zwar immer noch
als Weicheier verspottet, doch grund-
sätzlich hat sich ihr Image deutlich verbessert. Sind sie nicht liebevoll, lernfähig
und engagiert, die neuen Kerle? Ach, wie
süß! Wobei die Frage in den Hintergrund
gerät, ob zwei mickrige Monate bezahlte
Auszeit tatsächliches großes Engagement
bedeuten. Aber immerhin: Das männliche Rollenmodell verändert sich. Langsam zwar, doch das ist schon mal ein Anfang.
Trotzdem müssen die Mamas ran.
Der Regelfall in deutschen Familien sieht
nämlich so aus: Papa macht Überstunden
im Büro, Mama kümmert sich um Kind
und Haushalt – und absolviert zusätzlich einen Job. 80 Prozent der Herren der
Schöpfung verzichten auf Elternzeit.
Die Folge: Mann Vollzeit, Frau Teilzeit. Mann Feierabendpapa, Frau Vollzeitmama. Mittlerweile wird ein modernisiertes Ernährermodell favorisiert, das
Frauen zwar zusätzliche Selbstverwirklichung und Abwechslung im Beruf bringt,
aber oft auch zusätzlichen Stress und eine
gestiegene Gesamtbelastung. Von einem
bisweilen schlechten Gewissen gegenüber
dem Nachwuchs ganz zu schweigen.
Es war einmal: Die Rolle einer Mutter war
1890 noch klar definiert
Und die Männer? Betonen in Umfragen
zunehmend, wie wichtig Gleichberechtigung sei. Wie positiv der verstärkte Einsatz von Frauen im Beruf wirke. Und
wie gerne sie selbst daheim mit anpacken
würden. Indes, das sei nun einmal nicht
so einfach ... Stimmt. Aber das ist es für
Mamas auch nicht. Nie gewesen und heute ebenfalls nicht.
Text: Günter Keil
15
Schreibwerkstatt
In der Schreibwerkstatt bringen BISSVerkäufer unter Anleitung einer Journalistin ihre Gefühle und Gedanken zu
Papier. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die
der Redaktion wieder.
Mutter sagte „ja“, Vater „nein“
Ich wurde in den 50er-Jahren in Tirol geboren und hatte es offenbar sehr eilig damit, denn ich bin ein 6-Monats-Kind.
Meine Mutter schob mich noch in einem
Kinderwagen aus einem geflochtenen
Korb herum. Später begleitete sie mich
in den Kindergarten. Ich war das einzige
Kind, denn wir hatten eine kleine Wohnung. Mutter machte den Haushalt und
ging morgens Zeitungen austragen. Samstags, wenn die Zeitungen sehr schwer
waren, half ihr mein Vater, und ich blieb
währenddessen allein daheim. Wenn es
beim Fußballspielen am schönsten war,
schrie meine Mutter vom Fenster runter:
„Peter, einkaufen gehen!“ Mit sieben hatte ich bereits einen Job als Brotausträger.
Ich stand um fünf Uhr auf und belieferte zwei Hotels und drei Kioske für umgerechnet 3,5 Cent die Woche und ein
paar Handsemmeln. Wenn ich dann damit nach Hause zum Frühstück kam, war
meine Mutter stolz auf mich. Ich glaube,
meine Mutter war oft traurig, denn mein
Vater war immer der Chef. Kam ich mit
irgendeiner Bitte, sagte Mutter „ja“ und
16
Vater „nein“. War ich mal mit meiner
Mutter allein, hatte ich mehr Freiheiten,
die ich natürlich ausnützte. Als ich nach
neun Volksschuljahren eine Bäckerlehre
machte, musste ich feststellen, dass meine Mutter immer kränker wurde. Sie hatte Wasser in den Beinen, und eines Tages
rief mich mein Vater in der Bäckerei an,
dass Mutter tot sei. Eines fällt mir noch
ein: Mit meinem Lehrlingsgehalt kaufte ich ihr zum Geburtstag einen Teddybären, und ich konnte einmal beobachten, wie sie mit ihm gesprochen hat, als
sie traurig war. Mein Vater starb ein paar
Jahre später. Ich hatte keine gute Kindheit, denn ich musste mehr arbeiten, als
dass ich spielen konnte. Es heißt, mit der
Zeit heilen alle Wunden, aber irgendwie
hat man die Mutter doch immer besser in
Erinnerung als den Vater.
Peter Novoveszky, „der Obersendlinger“/SWS
Früher nur für die Familie da
Meine Mama ist eine nette Frau, die ihre eigenen Vorstellungen hat. Sie ist blond
und etwa 1,70 Meter groß. Mit meinem
Vater hatte sie eine schöne, aber auch eine
schwierige Zeit, während der sie sehr litt.
Früher war sie nur für die Familie da und
machte den Haushalt. Später, als sie sich
von meinem Vater trennte, musste sie arbeiten gehen, damit wir vorerst weiter in
unserem Haus leben konnten. Doch eines
Tages verkaufte sie das Haus und zog mit
ihrem neuen Lebensgefährten zum Ammersee. Für mich und meine Schwester
besorgte sie Wohnungen, worüber wir
uns sehr freuten. Wenn ich mal nicht so
nett zu ihr bin, tut es mir hinterher recht
leid, denn sie ist sehr verletzlich. Ich bemühe mich um ein gutes Verhältnis zu
ihr, denn Harmonie ist auch mir wichtig;
diese weiche Seite habe ich von ihr. Meine Mutter ist keine Karrierefrau, sondern
eine gute, mütterliche Mama, die hilft,
wenn man sie braucht. Als ihr Lebensgefährte in Schulden kam, musste sie das
Haus am Ammersee verkaufen und zog in
eine Wohnung nach Peißenberg. Jetzt lebt
sie mit einem neuen Mann in Tschechien.
Obwohl sie dort keinen Job mehr fand,
weil sie schon über 50 war, fühlt sie sich
wohl dort. Wenn ich Zeit habe, fahre ich
hin, und wenn sie mal was zu erledigen
hat, kommt sie nach München, außerdem
telefonieren wir sehr oft. Ich bin froh,
dass es meiner Mutter in Tschechien gut
geht. Letztes Jahr begann sie eine Hundezucht. Von den neun Welpen, die bei
ihr geboren wurden, verkaufte sie sechs
und behielt drei. Insgesamt hat sie fünf
Hunde und zwei Katzen. Dafür bewundere ich sie sehr, denn es ist viel Arbeit.
Ich persönlich würde es nicht machen,
aber wenn es meiner Mutter Spaß macht,
dann freut es mich natürlich auch.
André Schmitt/SWS
Ohne Mama
1970, nachdem mich das Jugendamt
von meiner Schule weggeholt und in die
„Übergangsstelle für schwer erziehbare
Kinder“ gebracht hatte, musste ich dort
ein halbes Jahr verweilen, hinter verschlossenen Türen, in Zimmern mit Panzerglas wie Gefängniszellen, in die man
nur mit einer Unterhose bekleidet eingesperrt wurde. So hat man damals das
Verhalten der „Schwererziehbaren“ untersucht. Aber dank der Leute vom Jugendamt kam ich anschließend in die
Heimschule Kleinwalsertal. Dort in Österreich hatte ich sechs Jahre lang eine
sehr schöne Zeit. Wir hatten sehr nette
Erzieherinnen, und unser Heimleiter war
zugleich unser Lehrer. Wir lernten alles,
genauso wie Kinder, die bei den Eltern
aufwachsen. Unser Haus befand sich in
über 1300 Metern Höhe zwischen Riezlern, Mittelberg und Hirschegg. Mindestens vier Monate im Jahr konnten wir
dort Ski fahren. Einmal waren wir so
eingeschneit, dass uns die BLV, die Bayerische Lagerversorgung, sechs Wochen
nicht beliefern konnte. Zwei Wochen
lang hatte es Tag und Nacht so stark geschneit, danach lagen über sieben Meter
Schnee. Das Österreichische Bundesheer
brauchte mit seinen riesigen Schneefräsen fast drei Wochen, um zu uns durchzugelangen. Insgesamt gesehen, habe ich
nach anfänglichem Heimweh eine sehr
schöne Kindheit dort verlebt und den
Hauptschulabschluss erlangt. Uns hat es
an nichts gefehlt. Ich danke Gott für diese schöne Zeit, denn ich bin katholisch
und denke, dass jedem sein Leben vorbestimmt ist. 1977 kam ich ins SOS-Jugendhaus Weilheim. Dort war es auch sehr
schön und auch aufregend im positiven
Sinn, z. B. als wir, acht Jugendliche und
eine Erzieherin, eine Reise nach Italien
ans Meer machten. Die Hin- und Rückfahrt mit dem Zug dauerten mit mehrmaligem Umsteigen jeweils 26 Stunden. Am
Hauptbahnhof in Rom wurden wir alle
von den Carabinieri festgenommen, weil
genau zu dieser Zeit ein Banküberfall
stattfand. Als wir dann endlich auf den
Vulkaninseln Stromboli, Lipari und Vulcano angekommen waren, verbrachten
wir dort sehr schöne 14 Tage Urlaub. Außerdem haben wir Wanderungen zu Jugendherbergen unternommen. Bevor ich
von 1979 bis 1982 eine Lehre bei der Post
absolvierte, versuchte ich mich als Metzger, Schuhverkäufer und Eisenspengler.
Ich möchte noch ausdrücklich erwähnen,
dass die Erzieherinnen und Erzieher uns
Jugendlichen immer mit guten Ratschlägen und Tipps zur Seite standen.
uns waschen und erinnere mich an ihre
roten, verschrumpelten Hände – richtige
Arbeiterinnenhände hatte sie. Es war ja
eine ganz andere Zeit früher, als noch
nicht jeder Haushalt eine Waschmaschine hatte. Oft stand sie um sechs Uhr auf,
um das Frühstück zuzubereiten und die
Schulbrote für uns Kinder und den Henkelpott mit Eintopf, Kartoffeln, Gemüse
und Speck, den mein Vater in die Zeche
mitnahm. Meine Mutter war eine starke
Persönlichkeit, sodass sie das alles ertragen konnte. Sie war eine große, kräftige
Frau mit langen blonden Haaren, die sie
zu einem Vogelnest hinten hochgesteckt
hatte. Auch wenn sie werktags einen Arbeitskittel trug, war sie eine hübsche Frau.
Sonntags, für den Kirchgang, haben wir
uns alle in Schale geschmissen, besonders
meine Mutter, die ein Kleid mit weißen
Rüschen am Hals trug. Unsere neunköpfige Familie saß immer in der dritten Reihe. Nach der Messe versammelten sich
alle Dorfbewohner auf dem Kirchplatz
und tauschten sich über alles aus, was daheim und in der Welt passiert war. Meine
Mutter ist streng katholisch, deshalb wurde bei uns zu Hause bei Tisch und abends
im Bett regelmäßig gebetet. An Muttertag
überreichte mein Vater meiner Mutter einen Frühlingsblumenstrauß und gab ihr
ein Bussi zum Dank für die viele Arbeit
während des ganzen Jahres.
Hans Pütz/SWS
Traum-Mama
Mama ist sehr nett und freundlich. Sie
kümmert sich um die Kinder, weil die
vom Leben noch nicht alles verstehen.
Mama ist verantwortungsvoll und selbstständig. Sie träumt davon, einmal mit den
Kindern nach Australien in Urlaub zu fahren. Sie wünscht sich dafür einen Gutschein von ihrem Bruder, als Geburtstagsgeschenk. Sie gewinnt im Lotto und
deshalb können wir uns ein Haus, einen
Urlaub und ein Traumauto leisten. Mama
ist Hausfrau, sie geht einkaufen, putzt,
bringt die Kinder in den Kindergarten
oder zum Arzt. Mama feiert gern Gartenpartys mit der Familie. Sie ist glücklich, weil sie das Leben gut meistert. Mama kocht Spaghetti. Mama verhält sich
ganz normal. Mama mag Sport, sie geht
gern schwimmen. Sie ist groß, hat lange Haare, eine normale Figur und ein
hübsches Gesicht. Während sie eine Banane isst, träumt sie von etwas Schönem.
Mama hilft ihrem Mann. Wenn Mama
Zahnschmerzen hat, müssen die Kinder
sie trösten. Mama betreut die Kinder bei
den Hausaufgaben. Wenn die Kinder etwas kaputt machen, schimpft sie. Die
Kinder müssen der Mutter bei der Hausarbeit helfen. Nachmittags spaziert sie
mit den Kindern zum Spielplatz, wo sie
Fußball spielen und Spaß haben. Mama
zeigt den Kindern, wie man sich anzieht
und die Schuhe bindet. Mama arbeitet
auf einem Bauernhof. Sie kocht frisches
Essen, damit die Kinder gesund bleiben.
Wenn die Kinder alleine unterwegs sind,
macht sie sich Sorgen, weil sie ja noch
nicht so stark sind. Sie will eine gute Beziehung zu den Kindern haben. Wenn die
Familie im Sommer am Meer ist, erklärt
sie den Kindern, wie man sich richtig verhält, damit nichts passiert, und passt auf,
dass kein Kind ertrinkt. Mama gibt Taschengeld und kleine Belohnungen, damit sich die Kinder selber ein paar Sachen
kaufen können.
Annegret Künkel/SWS
Ernst Köppel/SWS
Mutter von sieben Kindern
Jedes Jahr zum Muttertag schicke ich
meiner Mutter mit Fleurop einen Blumenstrauß und eine Karte ins Pflegeheim
nach Düsseldorf. Als Mutter von sieben
Kindern hatte sie ein anstrengendes Leben. Zu Hause gab es immer viel Arbeit,
meist kam sie deshalb erst gegen Mitternacht ins Bett. Ich sehe sie noch jeden Tag
mit einem Waschbrett die Wäsche von
Die BISS-Verkäuferin Annegret
Künkel machte
dieses Foto von
einem Laden für
Schaufensterpuppen in Neuhausen
17
Mama
„Man muss in der Lage sein,
für sich selbst zu sorgen“
Zwei Mütter aus zwei Generationen sprechen
über die Rolle der Frau in der Familie
Die 30-jährige Karin Adolph (links) hat eine Tochter, Reinhild Huber, 60 Jahre,
ist Mutter zweier Söhne
Karin, Sie bezeichnen sich als halberziehend. Was verstehen Sie darunter?
Adolph: Das heißt, dass ich mir das Sorgerecht mit dem Vater teile. Wir haben
uns getrennt, als unsere Tochter eineinhalb war. Ich bin mit der Kleinen in der
Wohnung geblieben.
Wie sieht so ein gemeinsames Sorgerecht
aus?
Adolph: Wir haben es so geregelt, dass
die Kleine am Wochenende bei ihrem Vater ist. So habe ich Samstag und Sonntag frei. Außerdem ist sie unter der Wo18
che noch eine Nacht bei ihm: Er holt sie
abends ab, sie übernachtet dort, und er
bringt sie am nächsten Morgen in den
Kindergarten. Ansonsten handhaben
wir das flexibel. Wenn ich mal wegmuss,
übernimmt er auch mal einen Nachmittag oder hängt ans Wochenende noch einen oder zwei Tage dran. Wenn mir einfällt, dass ich heute Abend weggehen will,
dann versuchen wir halt, das irgendwie
hinzukriegen.
Huber: Das ist in festen Beziehungen
und Ehen ja auch nicht anders. Da muss
man sich auch absprechen. Ich bin ja
noch so eine Mutter, die zu Hause war,
was ich auch sehr genossen habe. Das ist
eine Empfindung von mir, keine Empfehlung an andere. Ich fand das bei meiner Mutter schon toll, dass die immer
da war, wenn wir nach Haus gekommen
sind, und meine Kinder haben das auch
sehr genossen. Bei uns standen oft zwanzig Paar Kinderschuhe vor der Tür. Die
Nachbarskinder sind bei uns ein und aus
gegangen. Ich fand das schön und möchte
diese Zeit nicht missen.
Haben Sie sich das Muttersein so vorgestellt, Karin? Viele Mütter beklagen, dass
sie sich allein gelassen und überfordert
fühlen.
Adolph: Also, ich verstehe nicht, dass alle immer nur jammern und klagen. Natürlich verändert sich vieles, wenn man
Kinder hat. Die ersten beiden Jahre waren schon auch mal anstrengend, ja. Aber
inzwischen schlägt meine Tochter die Tür
hinter sich zu, wenn sie Besuch hat. Da
hab ich gar keinen Zutritt mehr. Das ist,
als hätte ich frei.
Huber: Was man, wie ich finde, in den
letzten Jahren zunehmend beobachten
kann, ist, dass manche Mütter ihre Mutterrolle als etwas ganz Außergewöhnliches und Besonderes ansehen, als etwas,
das keinesfalls einfach so bewältigt werden kann. Diese Mütter können nicht einfach nur Mütter, sie wollen erfolgreiche
Mütter sein. So machen sie sich zwar
vor allem selbst Druck, stellen das Ganze aber auch auf eine Art Sockel. Mein
Eindruck ist, dass die, die ständig klagen,
wie anstrengend und schwierig das alles
ist, selten diejenigen sind, die wirklich zu
kämpfen haben.
Adolph: Ich kann das alles auch kaum
noch hören. Egal, wo man hinkommt –
bei Müttern dreht sich das Gespräch immer und überall nur um Kinder. Ich würde aber auch ganz gern mal über was
anderes reden. Über meinen Beruf zum
Beispiel.
Was meinen Sie – ist es heutzutage für
Mütter einfacher, weil Frauen grundsätzlich mehr Freiheiten haben als früher?
Huber: Ich finde, dass es schwieriger geworden ist. Mit den Freiheiten und Möglichkeiten hat auch der Druck zugenommen, das Richtige zu tun. Aber wer
entscheidet, was das Richtige ist? Wer
beschließt, bei seinen Kindern zu Hause
zu bleiben, wird von der Gesellschaft als
doofes Hausmütterchen abgestempelt, als
eine, die sich dem Erfolgsdruck im Beruf
durchs Muttersein entzieht.
Und wer sich für Karriere und Fremdbetreuung entscheidet, gilt nach wie vor als
Rabenmutter.
Adolph: Da ist doch aber nicht nur der
gesellschaftliche, sondern auch der wirtschaftliche Druck. Ehen und Beziehungen
dauern nun mal nicht mehr ein Leben
lang. Man muss immer damit rechnen,
dass die Beziehung auseinandergeht, und
dann muss man als Mutter einfach in der
Lage sein, für sich selbst und sein Kind zu
sorgen.
Das sieht auch das neue Unterhaltsrecht
so vor. Sich auf die Mutterrolle beschränken, das kann sich frau heute eigentlich
gar nicht mehr leisten, oder?
Adolph: Nicht, wenn sie nach einer gescheiterten Beziehung nicht dumm dastehen und nurmehr die Wahl zwischen
Hartz IV und einem Job bei Norma hinter der Kasse haben will. Zu meinem
Wohlbefinden jedenfalls gehört ein anspruchsvoller Job. Das ist das A und O.
Eine Notwendigkeit – nicht nur eine wirtschaftliche.
Diesen Anspruch teilen Sie doch aber mit
vielen anderen Müttern.
Adolph: Meine Tochter ist in einer Montessori-Elterninitiative, weil wir dort früher einen Platz bekommen haben als im
städtischen Kindergarten um die Ecke.
Diese Einrichtung ist, ich sage mal: ein
wenig Upperclass. Die Eltern, die ihre Kinder dort hinbringen, sind fast alle
Akademiker, also Anwälte, Ärzte und vor
allem: als Familie komplett. Die Frauen
bleiben zumindest teilweise zu Hause.
Die sind alle schon angekommen, während ich immer noch nach dem richtigen
Weg für mich suche. Andererseits brauche ich halt auch meinen Freiraum: Ich
will arbeiten, Karriere machen, ausgehen,
Freunde treffen. Wenn ich dann manchmal sehe, was die Frauen sich da antun
mit ihren Männern – darauf habe ich einfach keine Lust.
Huber: Du scheinst das ja auch so ganz
gut hinzubekommen.
Adolph: Bisher schon, ja. Ein Nachteil ist sicher, dass ich beruflich häufig
unter Stress stehe und dann nicht einfach abschalten, auf dem Spielplatz rumsitzen und entspannt mit meiner Tochter
im Sand buddeln kann, wenn ich eigentlich meine Arbeit fertig kriegen muss. Ich
konnte mir zwar eine berufliche Selbstständigkeit aufbauen, aber ich lebe auch
in der ständigen Angst, dass mal kein
Auftrag mehr kommt. Deshalb käme ein
zweites Kind für mich auch nur in einer
mindestens schon fünf Jahre dauernden
glücklichen Beziehung und mit Festanstellung infrage.
Huber: Ich finde, das muss jeder für
sich entscheiden dürfen. Meine Schwiegertochter zum Beispiel hat sich vor zweieinhalb Jahren ganz bewusst entschieden, zu Hause bei der Kleinen zu bleiben
und in erster Linie Mama zu sein und
nur noch nebenbei und von daheim aus
in ihrem Beruf als Modedesignerin zu arbeiten. Mein Sohn führt in seiner Familie ohnehin vieles fort, was er aus seiner
eigenen Kindheit kennt und was ihm offenbar gefallen hat. Auch, was bestimmte
Werte betrifft. Und meine Schwiegertochter hat das übernommen, weil sie es offensichtlich auch ganz gut findet, wie wir
es gemacht haben – und immer noch machen. Weil sie in Wien leben, können wir
uns nicht so häufig sehen. Trotzdem hatte
ich zu meiner Enkelin von Anfang an eine sehr enge und innige Beziehung. Wir
versuchen auch immer, uns mindestens
alle sechs Wochen zu sehen. Mal fahren
wir zu ihnen, mal kommen sie zu uns.
Um den Geburtstermin der Kleinen herum war ich auch wieder für mehrere Tage bei ihnen in Wien. Großmutter zu sein
ist großartig: Man ist nur noch zuständig
für das, was Spaß macht. In alles andere
mische ich mich ohnehin nicht ein.
Interview: Daniela Walther
Foto: Volker Schmitt
Reinhild Huber, 60 Jahre, Mutter zweier
Söhne im Alter von 32 und 35 Jahren
und Großmutter von zwei Enkeltöchtern
im Alter von zweieinhalb Jahren und
acht Wochen, ist seit 37 Jahren glücklich
verheiratet und arbeitet Teilzeit in einem
Call-Center.
Karin Adolph, 30 Jahre, freie Journalistin, Mutter einer vierjährigen Tochter,
lebt in einer Wohngemeinschaft und teilt
sich das Sorgerecht mit dem Vater ihrer
Tochter.
19
Mama
Mutter,
Mutti,
Mama,
Mam
Wovon es abhängt,
wie Kinder ihre
Eltern nennen
Panik herrscht auf der Web-Seite babyzimmer.de, wo sich Eltern bei Fragen
rund ums Kind gegenseitig helfen: Mutter Heike ist verzweifelt, dass ihr zweieinhalbjähriger Sohn sie und ihren Mann
nicht mehr „Mama“ und „Papa“ nennt,
sondern mit den Vornamen anredet. Ihre Vermutung: Das liege am Umzug, bei
dem sich die beiden mehrfach laut auf diese Weise angesprochen hatten. Jetzt ist
Heike befremdet – und besorgt, dass der
kleine Bruder es nachahmt.
Kein Grund zur Panik, meinen andere Mütter im Forum und geben Entwarnung. Jani und Bettina halten es für eine Phase, Claudia und Mella hören ihre
Vornamen gern aus dem Mund der Kinder. „Es gibt immer verschiedene Varianten, mit denen Kinder ihre Mütter
anreden. Die häufigste in Deutschland
ist wahrscheinlich ,Mama‘“, sagt der
Sprachwissenschaftler Dr. Lutz Kuntzsch
von der Gesellschaft für deutsche Sprache. Dies gelte auch für andere Länder,
etwa im slawischen Sprachraum. Kuntzsch
sieht den Grund vor allem in der leichten Lernbarkeit: „Die Lautformung von
,Mama‘ ist für Kleinkinder viel leichter
als die von ,Mutti‘.“
Das soziale Umfeld spielt laut Kuntzsch
eine große Rolle. „Viele Kinder orientie20
ren sich daran, wie ältere Geschwister die
Eltern anreden.“ Darüber hinaus gebe es
regionale Unterschiede. Kuntzsch stammt
aus Leipzig. Nach seiner Erfahrung ist
die „Mutti“ im Osten stärker verbreitet als im Westen. Schließlich ist die Situation ein entscheidender Faktor für die
Wahl der Anrede: „Wer von der üblichen
Anrede abweicht, setzt ein Signal“, so
Kuntzsch. So könne sich die an „Mutti“
Gewöhnte bei der Anrede „Mutter“ auf
Unmut gefasst machen. Umgekehrt kann
es ein Zeichen von Nähe sein.
Eher selten zu hören sind „Mutter“
oder das aus dem Englischen entlehnte
„Ma“ oder „Mum“. „Kein Kind würde
heute wohl ,Mutter‘ sagen, ohne sich lächerlich vorzukommen“, sagt der Marburger Sprachforscher Wolfgang Näser.
„Ma“ und „Mum“ seien vor allem dem
Einfluss amerikanischer TV-Serien zu
verdanken.
Und die Erwachsenen? Dürfen die
noch „Mama“ sagen? Oder sind sie längst
zu „Mutti“ gewechselt, weil sie sich sonst
kindisch vorkommen? Dazu lasse sich
keine allgemein gültige Aussage treffen,
meint Kuntzsch. Möglich ist also alles,
was gefällt – inklusive Vornamen.
Text: Lutz Steinbrück
Foto: Volker Derlath
Hotel BISS
Der Spendenwürfel
Den Hotel-BISS-Spendenwürfel (20 x 20
x 20 cm) stellen wir Ihnen gern für Ihre
Feiern und Veranstaltungen zur Verfügung.
Auf Wunsch kommen wir bei größeren
Veranstaltungen auch selbst vorbei, um
über unser Projekt zu sprechen.
Hotel BISS, grüß Gott!
Die gemeinnützige und mildtätige Stiftung BISS möchte das
Münchner Frauen- und Jugendgefängnis Am Neudeck unter
Einhaltung des Denkmalschutzes und Erhalt des alten Baumbestands in ein Hotel der gehobenen Klasse umbauen, um damit
eine umfassende, erstklassige Ausbildung und Qualifizierung
von etwa 40 jungen Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten möglich zu machen. Hotel BISS wird 72 Zimmer haben. In einem separaten Gebäudeteil werden elf altengerechte
Wohnungen im Rahmen eines Konzepts vermietet, das die „Zusammenführung der Lebenswelten“ zum Inhalt hat. Die Erfahrungen und die Professionalität der Älteren sollen aktiv für die
zu qualifi zierenden Jüngeren genutzt werden. Das denkmalgeschützte Ensemble Am Neudeck wird erhalten, zur Freude
aller Bürger.
Um das Hotelprojekt realisieren zu können, ist es notwendig,
bereits jetzt Spenden zu sammeln, obwohl wir noch nicht sicher
wissen, ob wir das Grundstück vom Freistaat Bayern bekommen. Die Bayerische Landesstiftung fördert das Projekt mit 2,5
Millionen Euro. Dieser Betrag wird für den Kauf des Gefängnisgrundstücks Am Neudeck 10 eingesetzt, das der Freistaat voraussichtlich im Herbst veräußern wird.
Ihre Spende trägt dazu bei, dass die Stiftung BISS das zusätzlich
notwendige Eigenkapital von drei Millionen Euro für den Umbau aufbringen kann. Wir brauchen Ihre Spenden jetzt, denn
das Hotel als Social Business trägt sich schon nach der Eröffnungsphase selbst! Für Ihre Spende gibt es zwei Möglichkeiten:
1. Sie sind damit einverstanden, dass Ihre Spende von der Stiftung BISS für die Baukosten des Hotels verwendet wird. Die Stiftung wird das Hotel an die zu gründende Hotel BISS gemeinnützige GmbH günstig vermieten, die das Hotel betreibt. Falls das
Projekt nicht realisiert werden kann, wird Ihre Spende für die
Qualifizierung und Ausbildung von schwer vermittelbaren jüngeren Menschen verwendet, die auch bei wirtschaftlichem Aufschwung keine Lehrstelle bekommen. In diesem Fall erhalten Sie
sofort eine Spendenquittung.
2. Sie wollen Ihre Spende nur für das Hotelprojekt zur Verfügung stellen. Dann schreiben Sie auf den Überweisungsträger:
„Nur für Hotel“. In diesem Fall erhalten Sie eine Empfangsbestätigung von uns. Später, wenn die Stiftung BISS das Grundstück erworben hat, erhalten Sie eine Spendenquittung. Falls das
Hotelprojekt nicht realisiert werden kann, bekommen Sie Ihr
Geld zurück.
Hildegard Denninger
Foto: a+p Architekten
Frauengefängnis Am Neudeck 10:
An diesem Ort ist Platz für Zukunft
Mit Ihnen zusammen schaffen wir es:
• Knast wird Sternehotel • Ausgegrenzter wird Arbeitnehmer
• Fremder wird Freund • Vision wird Wirklichkeit.
Spendenkonto: Stiftung BISS,
Konto-Nr. 81 66, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 700 205 00
Die Spenden werden ohne Abzug dem guten Zweck zugeführt.
Alle Sach- und Verwaltungskosten trägt BISS e.V. Wir danken
den großzügigen Spendern, die mit uns das Hotel BISS
realisieren möchten. Sie können auch online spenden!
Für nähere Informationen besuchen Sie bitte unsere Website:
www.hotelbiss.de
Spendenstand:
780.084,12 Euro
Förderzusage der Landeshauptstadt München:
500 000,00 Euro
ergibt insgesamt:
1.280.084,12 Euro
Die Stiftung braucht für den Umbau ca. drei Mio. Euro Eigenkapital.
Hotel-BISS-Freundeskreis
Wir sind dafür, dass das Hotel-BISSProjekt Realität wird. Deshalb unterstützen wir dieses Vorhaben:
Detlev von Arnim,
Vorstand der Gertrud HenningKoch-Stiftung
Prof. Dr. Reinhold Baumstark,
Generaldirektor i.R. der
Bayerischen Staatsgemäldesammlungen
Bayerische Landesstiftung
Senta Berger, Schauspielerin
BonVenture, Fonds und Stiftung
für soziale Verantwortung
Prof. Dr. Joachim Braun,
Dekan der Tierärztlichen
Fakultät der LMU München
Oberkirchenrätin Susanne
Breit-Keßler, Regionalbischöfin
von München und Oberbayern
Ilonka Erlenbach-Wegner,
Vorstand der Fridericke und
Wolfgang Erlenbach-Stiftung
Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios
E. Fthenakis, Präsident des
DIDACTA-Verbands e.V.
Claus Fussek, Vereinigung
Integrationsförderung (ViF)
Uschi Glas, Schauspielerin
Uli Hoeneß, Manager
FC Bayern München
Bruno Jonas, Kabarettist
Prof. Dr. Heiner Keupp, Department Psychologie, LMU München
Uwe Kiessler, Architekt,
Kiessler+Partner
Theodor Kilgert, Partner bei KPMG
Charlotte Knobloch,
Präsidentin des Zentralrats
der Juden in Deutschland
Altabt Odilo Lechner,
Abtei St. Bonifaz München
und Kloster Andechs
Prof. Dr. Jutta Limbach,
ehemalige Präsidentin des
Goethe-Instituts
Caroline Link, Regisseurin,
Oscar-Preisträgerin
Lions Hilfswerk Metropolitan e.V.
Ulrike Mascher, Präsidentin des
Sozialverbands VdK Deutschland
Dr. Jürgen Micksch,
Vorsitzender des Interkulturellen
Rates Deutschland
Rudolph Moshammer Verein
Licht für Obdachlose e.V.
Prof. Dr.-Ing. Winfried
Nerdinger, Direktor des Architekturmuseums der TU München
Der Paritätische Wohlfahrtsverband Bayern
Bob Ross, Leiter der Band
Blechschaden
Weihbischof Engelbert Siebler,
Erzdiözese München-Freising
Sportfreunde Stiller, Rockband
Prof. Sepp Starzner,
Fachhochschule Augsburg,
Baumanagement
Christian Ude, Oberbürgermeister
der Landeshauptstadt München
Dr. Hans-Jochen Vogel,
Altoberbürgermeister von München
Innegrit Volkhardt,
Geschäftsführende Gesellschafterin
des Hotels „Bayerischer Hof“
Dr. Georg Freiherr
von Waldenfels, ehemaliger
bayerischer Finanzminister
Wogeno München eG,
Wohngenossenschaft
Sönke Wortmann, Regisseur
„Um das Projekt BISS zu unterstützen, übernehmen wir die Druckkosten für diese Seite.“
Drs. Marlies und Ulrich Brügmann, www.herzdoc.de
21
Projekt
Arbeit beschaffen,
Menschen beschäftigen
Das Projekt ABBA bringt seit 20 Jahren
Münchner in Lohn und Brot
Anpacken, und zwar
richtig: Beim Beschäftigungsprojekt ABBA
gehört schwere Arbeit
zum Alltag
Marko Mirkovic drückt die schwarzen Hebel mit beiden Händen nach unten. Der Spaltkeil fährt surrend abwärts.
Meist teilt er die Buchenstämme mühelos in handliche Scheite. Jetzt ist ein gut
einen Zentner schweres Teil an der Reihe. Zwei Männer müssen anpacken, um
es per Schubkarre auf das Holzschafott
zu zerren. Das Holz ist stärker als der
Spaltkeil: Der Spaltkeil hat sich im nassen
Eschenholz festgefressen. Der Keil sitzt
so fest, dass er den Holzklotz mit nach
oben zieht, als Mirkovic die Steuerungshebel loslässt. Jetzt muss der Mann mit
dem Hammer ran. „Hau drauf, Siggi“,
spornt Mirkovic seinen Kollegen an. Siggi
holt weit aus und zimmert den Hammer
auf den verkeilten Holzklotz. Mit einem
dumpfen Knall landet der Klotz wieder
auf dem Boden.
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Es ist eine schwere Arbeit, die Mirkovic und seine zwei Kollegen hier im Hof
von ABBA leisten. ABBA steht für Arbeit
für Behinderte, Benachteiligte und Arbeitslose. Es ist das seit mehr als 20 Jahren bestehende Beschäftigungsprojekt des
Arbeitslosenvereins München-West, das
fast 40 Prozent seiner Teilnehmer in den
ersten Arbeitsmarkt vermitteln konnte.
Die Liste der Angebote ist lang: Entrümpelungen, ein Gebrauchtbuchladen, der
Verkauf von Arbeitsbekleidung. Und der
Garten- und Landschaftsbau, bei dem
Arbeiten wie Häckseln, Jäten, Säen, Heckenschneiden anfallen oder eben das
Holzspalten, mit dem sich Mirkovic und
seine Kollegen plagen. Und doch ist Mirkovic froh, bei ABBA gelandet zu sein.
„In meinem Alter ist es schwer, Arbeit zu
finden“, sagt der gebürtige Serbe, der seit
fast 36 Jahren in Deutschland lebt. Als
Maler hat er gearbeitet, als Schlachter, als
Gärtner; wegen seiner Zuckerkrankheit
wurde er dann arbeitslos. Jetzt ist Mirkovic 48 und seit drei Jahren bei ABBA.
Dort arbeitet er unter der Regie von
Projektleiter Rupert Herzog. Der Sozialpädagoge beklagt den Jugendwahn auf
dem deutschen Arbeitsmarkt. „Vor zehn
Jahren galt man mit 55 als schwer vermittelbar, vor fünf Jahren mit 50 und
heute schon mit 45“, sagt er und schüttelt seinen grauhaarigen Kopf. Und das
in einem Land, dessen Regierung die Lebensarbeitszeit verlängert und die Rente
mit 67 eingeführt hat. Mirkovic hat mit
seinen 48 Jahren einen nüchternen Karriereplan. „Ich hab hier noch einen Vertrag bis März 2010, dann gibt es vielleicht noch drei Jahre Verlängerung, und
„In meinem Alter ist es
schwer, Arbeit zu finden.“ Doch bei ABBA
hat der 48-jährige
Marko Mirkovic genug
zu tun
dann werde ich wohl Frührentner.“ Mit
52. Dabei ist Mirkovic sogar „Anleiter“ bei ABBA, eine Art Vorarbeiter. Er
hat Berufserfahrung, einen Führerschein
für kleine Lkws und kann mit Werkzeugen umgehen. Viele seiner 22 Kollegen
bei ABBA stehen nicht so gut da: Sie sind
laut Herzog „geringstqualifi ziert“ oder
gelten als „arbeitsmarktfern“, weil sie
körperlich behindert, lernbehindert oder
psychisch krank sind, manche haben eine
Suchtvergangenheit hinter sich.
Umso wichtiger sind für solche Menschen Einrichtungen wie ABBA, ein
klassisches Beispiel für den zweiten Arbeitsmarkt. Zwar bemüht sich Projektleiter Rupert Herzog recht erfolgreich
um Aufträge zum Entrümpeln oder im
Landschaftsbau, doch ohne öffentliche
Zuschüsse könnte sein Projekt nicht überleben.
Zu den größten Sponsoren zählen
die Landeshauptstadt, die Arbeitsagentur und die Arbeitsgemeinschaft München. Die beiden Letzteren sind Herzogs
Ansprechpartner, wenn es um die verschiedenen staatlichen Fördermittel geht,
aus denen der 53-jährige Sozialarbeiter
dann zeitlich befristete Stellen bei ABBA macht: die im März 2010 auslaufende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, der
gemeinhin als 1-Euro-Job bekannte Arbeitsplatz, der Eingliederungszuschuss.
„Ich versuche auf diese Weise, Förderketten von vier bis fünf Jahren zu basteln“,
erklärt Herzog sein Tun. „Wer so lange
bei ABBA ist, hat schon eine höhere Vermittlungschance.“
Die Vermittlung klappt nicht immer.
Für manche Mitarbeiter ist nach zwei,
drei Fördermaßnahmen Schluss, ohne dass sie eine Beschäftigung im ersten Arbeitsmarkt gefunden haben. Dann
kommt der bittere Moment, in dem Herzog seine Schutzbefohlenen in die Arbeitslosigkeit entlassen muss. „Wenn ich
sagen muss, du kannst zwar immer gerne auf einen Kaffee vorbeikommen, aber
ich habe keine Förderung mehr für dich,
dann ist das das Schlimmste“, bedauert Herzog. Denn dann steigt die Gefahr,
dass all das wieder verloren geht, was
sich die Mitarbeiter durch ihre ABBA-Tätigkeit aufgebaut haben: eine eigene Wohnung, soziale Kompetenzen, ein Freundeskreis und vor allem Selbstwertgefühl.
„Ich will eines Tages an den Punkt kommen, an dem entweder der Mitarbeiter
oder ich über das Arbeitsverhältnis entscheiden, aber nicht eine anonyme Behörde“, sagt Herzog.
2008 hat er drei seiner Mitarbeiter in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt. Darunter war Karl Haringer (Name geändert). Haringer arbeitet jetzt als
Hausmeister für eine Münchner Hausverwaltung. Davon profitiert auch ABBA: Denn Haringer vergibt jetzt Aufträge an das soziale Projekt. Nun kommen
seine früheren Kollegen vorbei, um Wohnungen zu entrümpeln, kleinere Schäden
zu reparieren oder die Müllräume zu reinigen. „Das ist natürlich ein Gusto-Stückerl“, freut sich Herzog mit einem Lächeln in seinem vollbärtigen Gesicht.
Text und Foto: Bernd Oswald
23
Bilderbuchfamilie
Vorsorge und
andere Sorgen
Alltag in München als Alleinerziehende mit sechs Kindern: Wie sieht das
aus, was Mutter Chris Gottschalk „den
ganz normalen Wahnsinn“ nennt?
BISS begleitet die Großfamilie diesmal
von der Vorsorgeuntersuchung bis zur
Erste-Hilfe-Versorgung, inklusive eines
Zwischenstopps auf dem Tanzparkett
Text: Annette Leyssner
Foto: Kathrin Harms, Annette Leyssner
1 Wonneproppen nähert sich 10Kilo-Marke. Bei der Vorsorgeuntersuchung beeindruckt der einjährige
Felix mit Top-Werten: 9800 Gramm,
Kopfumfang 65 Zentimeter. Beißen
kann er auch schon, aber nur mit
zwei Zähnchen. Die Bernsteinkette
soll dafür sorgen, dass es keine
Probleme beim Zahnen gibt.
2 Die Kinderärztin ist hochzufrieden. Das ist nicht selbstverständlich: Laut einer
Studie des Familienministeriums leiden Kinder aus Hartz-IV-Haushalten häufiger an
Entwicklungsstörungen und chronischen Krankheiten als Sprösslinge reicher Eltern.
24
3 Kerngesund, aber noch nicht verkehrstauglich: Das älteste Gottschalk-Kind hat den Jüngsten fest im Griff. Garance
passt auf ihren Bruder am S-Bahn-Gleis auf.
4 Kinder gesund, alles gut: Da kann die Mutter beruhigt
ausgehen. Sie probiert verschiedene Outfits an.
5 „Lang-lang, kurz-kurz“, sagt die Tanzlehrerin beschwörend. Foxtrott wird geübt
zu den Klängen von Robbie Williams‘ Hit „Millennium“. Chris geht einmal in der
Woche zum Tanzkurs. „Das ist für mich Ausgleich und Prophylaxe gegen Rückenschmerzen.“ Therapiestunden beim Osteopathen bezahlt die Krankenkasse nicht
– außerdem machen die längst nicht so viel Spaß.
7 JoJo (r.) und ihre Freundin Tami halten Chris
den Rücken frei und spielen mit Felix. „Könnt
ihr den Stinker mal wickeln?“, ruft Chris.
6 Schmerzhaftes Erwachen am nächsten Morgen – Sehnenscheidentzündung! Das Tanzen in Kombination mit dem täglichen Heben, Wuchten und Tragen war zu viel. Chris stellt
ihren Arm mit dem Tuch ruhig, in dem sie schon ihre Kinder
getragen hat. „Es zahlt sich aus, Dinge aufzuheben“, sagt sie.
8 Einiges bleibt liegen: Die Stiftung ProFamilia
hat einen Zuschuss gegeben, damit das Kammerl umgebaut werden kann.
9 Onkel Marko hat geholfen – schnell ist der
neue Schrank voll. Lulu sieht nach, ob für ihren
Kram noch ein Eckchen frei ist.
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Freunde & Gönner
eine Patenuhr für…
Patenschaften: Die Paten übernehmen
den Teil des Gehaltes, den der Verkäufer
nicht selbst durch den Zeitungsverkauf
erwirtschaften kann. Das sind durchschnittlich 5000 Euro pro Verkäufer und
Jahr. Auch eine Teilpatenschaft (für 1250
Euro, 2500 Euro, 3750 Euro) ist möglich.
Hans Pütz
Pate: Dr. Georg Freiherr
von Waldenfels
bis Dezember 2009
Jürgen Hörl
Patenschaft: Lions Hilfswerk
Metropolitan e.V.
bis November 2009
Christian Zimmermann
Patin: Katrin Keller
bis Dezember 2009
Thomas Grabner
Patenschaft:
KPMG München 5 Partner
bis Dezember 2009
Hartmut Jacobs
Patenschaft: R. Moshammer
Verein Licht für Obdachlose e.V.
bis Dezember 2009
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Pietro Dorigo
Patenschaft:
Antonie-Zauner-Stiftung
bis Dezember 2009
Maximilian Käufl
Patenschaft:
Rücker + Schindele GbR
bis Dezember 2009
Frank Schmidt
Pate: Rainer Koppitz
bis Dezember 2009
Rainer Angele
Patenschaft: R. Moshammer
Verein Licht für Obdachlose e.V.
bis Dezember 2009
Bernhard Gutewort
Patenschaft: Bayerngas GmbH
bis Dezember 2009
Francesco Silvestri
Patenschaft:
Prof. Hermann Auer Stiftung
bis Dezember 2009
Katharina Gutewort
Paten:
Sabine und Franz Lutzenberger
bis Dezember 2009
Jaroslav Zlucka
Patenschaft:
SZ-Adventskalender
bis Dezember 2009
Veronika Lackenberger
Patenschaft: Bunique GmbH
bis Dezember 2009
Martin Berrabah
Pate (Jan.– Juni): anonym
versorgt bis Dezember 2009
Roman Hajek
Pate: anonym
bis Dezember 2009
Annegret Künkel
Patin (April –Juni): anonym
versorgt bis Dezember 2009
Rainer Bernhöft
Pate: anonym
bis Dezember 2009
Ercan Uzun
Pate: anonym
bis Dezember 2009
Joachim Seifert
Patenschaft: anonym
bis Dezember 2009
André Schmitt
Pate: anonym
bis Dezember 2009
Peter Schratz
Patenschaft: anonym
bis Dezember 2009
Marco Veneruso
Pate: anonym
bis Dezember 2009
Jana Förster
Patenschaft: anonym
bis Dezember 2009
Edelfried Fili
Pate: Christof Gabriel Maetze
bis Dezember 2009
Ernst Köppel
Pate (bis Juni): Stefan Schleibner
versorgt bis Dezember 2009
Halina Massouras
Pate (Jan. – Sept.):
Marco Patzwahl
versorgt bis Dezember 2009
Wolfgang Urban
Pate: Karl-Peter Schmitt
bis Dezember 2009
Ursula Graßl
Patenschaft (März – Mai):
Riverland Solutions GmbH
versorgt bis November 2009
Christine Karsunke
Pate: anonym
bis Dezember 2009
Dirk Schuchardt
Patin: anonym
bis Dezember 2009
Tibor Adamec
1. Patenschaft:
Martina und Robert
2. Patenschaft für Altersteilzeit:
R. Moshammer Verein
Licht für Obdachlose e.V.
bis Dezember 2009
Karl-Heinz Wendicke
1. Patenschaft: Stefan Schleibner
2. Patenschaft für Altersteilzeit:
R. Moshammer Verein
Licht für Obdachlose e.V.
bis Dezember 2009
Peter Cwetko / Dynamo
Fahrradservice BISS e.V.
Pate (April – Juni):
Christopher Gebray
versorgt bis Dezember 2009
„Um das Projekt BISS zu unterstützen, übernehmen wir die Druckkosten für diese Seite.“
kb-m, Planungsbüro für Ingenieurbauten, Filchnerstraße 104d, 81476 München, wiegard@kb-m.de
Herzlichen Dank!
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Dr. Dorothee Lutter
Annelie und Rudolf Lenhard
Kempinski Hotel Vier Jahreszeiten
Barbara Schubert
Biron von Curland
Adelheid Eiba
Berghamer & Penzkofer GbR
Susanne Ringeling
Bunique GmbH
PKF hotelexperts GmbH
Ernst Burger
kb-m, Planungsbüro für
Ingenieurbauten
• Sportfreunde Stiller
• Myllykoski
P. Acton, J. Albrecht, D. Alt, R. Annetsberger, H. Aschberger, E. Baigger, A. +
A. Bajohr-Dohme und Dohme, N. Baldauf, R. Bamgratz, D. Banzhaf, H. + Th.
Bartels, M. Bauer, A. Bautzmann, Bayer.
Landesärztekammer, B. Bäzner, I. Becker-Sattler, P. + F. Bellingacci, N. Bembe,
S. + M. Bender, R. Berger, R. Bernhardt,
A. Beyerlein, M. Bock, G. Boesel, Dr. B.
Böhm, H. Böhm-Burgardt, U. Bohra, T.
Bosse, H. Boubong, M. Brade, A. Brandenburg, G. Brandl, A. Brandt, F. Braun,
U. Breuel, J. Breuel, R. Bruckmeier, L.
Bruckner, Ch. Bucher, U. Buchholz, A.
Buchmüller, A. Burgfeld, M. Burghardt,
Ch. + H. Buschkowiak, D. Busse, D. + B.
Butz, H. Candussio, A. Croci, U. Decker,
A. Deifel, H. Deimel, Th. Dettweiler, U.
Diehl, Th. Dir, V. Dollinger, K. Dreisbach, M. Dresse, Dt. Mieterbund Dachau, S. Ebert, Ch. Eckert, E. Eggerstedt,
U. + M. Ehrenwirth, H. Eisenberger, A.
Elfinger, A. Elsasser, E. Englmüller, M.
Erber, R. Faul, R. J. Feuchtwanger, G.
Fichtner, Dr. A. Fischer, E. + F. Follner,
D. + R. Forster + Urmann, S. Franzke, I.
Freiwald, D. Frischke, A. Froschermeier, F. Fuchs, E. Gailer, E.-M. Gehrle, E.
+ D. Gerhards, D. Gerth, S. Gervasini, K.
+ O. Geuss, H. Glatz, H. Grabmeier, E.
Gräßl, K. Gressbach, R. Gruber, M. von
Grund, C. Grundherr, D. Gumberger, R.
Hagspiel, A. Hallas, Dr. C. Haußer, St.
Heidbrink, E. Heinloth-Warkotsch, J. +
R. Heinz, M. Hemmer, P.-D. Herbst, W.
Hering, K. Hesedenz, I. Hesse, W. Hey,
S. Heyng, M. Hidalgo, H. Hirschauer,
R. Hoefer, Dr. C. Hoess, B. Höfer, R. D.
Hoffmann, D. Hoffmann, D. Hofmann,
I. + K. Homberg, J. Horbach, G. Horn,
F.-W. Hortig, H.-J. Huber, H. Huebner,
B. Hueller, B. Huettl, O. Husmann, Institut für Mittelstandsförderung GmbH, M.
Ippen, K. Irlbeck, E. + G. Jekutsch, H.
Jilg, Dr. W. Joeckle, Ch. Juers, E. JungKramer, B. Kaemmerer, P. Kapser, Kaspar, S. Kegel, K. Keller, G. Kiendl-Koch,
A. Kienitz, S. Klaerner, B. Kleucker, Dr.
G. Klier-Hemme, G. Klinger-Freier, M.
Klöppel, R. Knaeusl, P. Köberl, M. Kobl,
R. Kobler, R. Kodura, R. Köfferlein, D.
Kolmeder, M. + S. Koniarczyk, H. Konrad, F. Kopp, Th. Krammer, V. Krause,
St. Krenn, Kreuzpointner, Dr. U. Krönig,
Dr. G. Kronseder, Ch. Kubuschok, A. +
W. Kugler, S. Kuhn, M. + N. Kutschki,
M. Kuttenreich, M. Lammel, H. de Lana, Dr. K. Lang, D. Lang, R. Langnickel,
Th. Lanzendörfer, P. Lauro, F. Lechner,
A. Lega, A. Lehmer, S. Lehn, St. Leitner, H. Lenk, R. Lichtinger, R. Lippert,
M. Littel, A. Loewenberg, M. Lohmeier, I. Loncaric: Donuts and Candies, S.
Löwe, S. + Th. Lucka, W. Ludwig, M.
Lüling, Th. Maier, J. Maier, P. Mann,
K. Marefati, M. Markl, M. Mattheis,
E. Matz, L. Mayer, Ch. McMahon, R.
Meindl, S. + Th. Mende, I. Menzel, MGS
Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung mbH, M. Milch, N. Mittelhammer, S. Möbius, Moumouni, M. Mueller,
J. Muschik, C. Mutius, B. + R. Naue, R.
Naumann, A. Nefigma, B. Neumann,
M. + R. Niemitz + Kosch, I. Notbohm,
I. Ordnung, OTS Unternehmensberatung GmbH, Z. Parol, C. Parth, U. Peters, F. Petschler, G. Pfaffenbauer, H. Pienikg, L. Plank, Dr. A. Platte, H. Ploog,
G. + A. Porak, E. Prandl, Prem Amido,
Dr. St. Pueschner, M. Puglia-Beretta, Dr.
A. Quecke, I. Rass, J. Rau, M. Rauschel,
M. Reif, M. Reinecker, R. Reischmann,
G. + L. Reitz, H. J. Richter, A. Riedelsheimer, Th. Riedl, G. Ringeling, RA Dr.
H. Roithmaier, H. Rosendorfer, G. Roßberger, B. Rothmann, R. + K. Ruchti,
M. Rueth, H. + A. Sabatino, B. Sailer,
S. Salzberger, H. Samer, L. + G. Sammer, Ch. Sartorius, St. Sauer, A. Schäfer,
Dr. U. Schaper, G. Schaupp, A. Schießl,
U. Schlabach, H. Schlapka, St. Schlegel,
D. Schlösser-Berster, K. Schlossinger, H.
+ K. Schlüter, E. + W. Schmeiser, A. +
L. Schmid, W. Schmidt, H. Schmitt, St.
Schmitt, D. Schöckel, D. Schoeckel, S.
Schöller, E.-F. Schreiber, U. Schroeder,
B. Schulz, G. Schumacher, S. Schumann,
B. Schürmann, Ch. + R. Schwill, P. Seefelder, P. Seefeldt, J. Seel, Dr. H.-J. Seib,
M. Seidler, M. Shellabear, L. Sommer, O.
Speer, R. Spiegel, K. Steinmetz, K. Stelling-Schack, Dr. F. Stepan, Th. Sternberg,
P. Sterzl, U. Stoeckl, H. Straßer, E. Strassinger, W. Sunkler, S. + H. Suski, I. + K.
Svenka, B. Tang, G. Theimer, I. + K. Thomas, S. Trautmann, H. + P. Triebenbacher, A. Trumpp, U. Undeutsch, P. Vahlensieck, Dr. M. Venhofen, I. Vielwerth,
Dr. P. + Th. Vignau, A. + M. Vogel, H.
Voggenreiter, R. + S. Vogler, H. Volz, H.
Waechter, A. Wagner, H. Wagner, Dr.
U. Wahllaender-Danek, A. Wallinger,
A. Wallner, E. + E. Wanner, J. P. Wartmann, V. Webel, Max Weber, L. Weber,
T. Wech, R. Weigert, T. Weinmann, G.
Weinmann, I. + G. Wenzel, M.-L. + N.
Werner, Dr. P. Wibbe, Dr. J. Wiegand,
St. Wiegard, J. Wiesboeck, M.-L. Wilhelmi, Dr. B. Wimmer, A. Winkelmann, U.
Winter, F. Wittmann, Dr. O. Wohofsky,
Ch. Wollenweber, I. Woltz, P. Zangl, D.
Zerrmann, G. Zierer, S. Ziolkowski-Görges, H.-P. Zoeller
Frei-Abos: Der Spiegel / Stern / Süddeutsche Zeitung
Manfred Karsunke
* 05.11.1939
† 17.03.2009
Herr Karsunke kam 2001 als freier
Verkäufer zu BISS. Ein Jahr später
wurde er fest angestellt und blieb dies,
bis seine Gesundheit es nicht mehr
zuließ und er Anfang 2008 aufhören musste. Herr Karsunke war ein
freundlicher, sehr beliebter und allseits geschätzter Verkäufer. Wenn er
einmal nicht an seinem Standplatz im
Ostbahnhof war, riefen seine Stammkunden an oder kamen im Büro vorbei, um sich nach ihm zu erkundigen.
Herr Karsunke war gelernter Schlosser. Durch einen Freund kam er zu
BISS. Bei BISS fand er auch seine Frau
Christine, die ihn während seiner
Krankheit vorbildlich versorgte. Ein
besonderer Höhepunkt für ihn war
2002 unser Betriebsausflug nach Venedig. Allen Teilnehmern dieser Reise
wird Herr Karsunke mit seinem schicken Gondolierehut in bester Erinnerung bleiben. Wir trauern um ihn und
werden ihn nicht vergessen.
27
Um die Ecke
Schwabinglich
fühlen
Münchner Künstler und ihr Viertel:
Christine Grän über Wein
und Feines und das Lächeln
Ein verzweifelter junger Mann betritt eine Weinhandlung in der Ainmillerstraße.
Erzählt eine Geschichte von Aussperren,
unerreichbarem Portemonnaie und leerem Tank, der ihn daran hindere, Ersatzschlüssel zu holen. Er fleht den Ladenbesitzer an, ihm 30 Euro zu leihen – und als
dieser zögert, bietet er ihm seinen Pass als
Pfand an. Noch am selben Tag will er das
Geld zurückbringen.
Was nicht geschieht. Arnold Zöhrer ist
um 30 Euro ärmer und einen tunesischen
Reisepass reicher. Seine Kunden, Gäste,
Freunde, Nachbarn diskutieren das Mysteriöse mit Anteilnahme. Ich meine, dass
der Mann einen Unfall hatte, mindestens.
Schriftsteller neigen zu katastrophalen
Schlussfolgerungen.
Wir sind in der „Boteghin“, was so viel
heißt wie kleiner Laden, und genau das ist
er: winzig, überquellend von Weinen und
Delikatessen, eine Oase der Gemütlichkeit. Der Begriff wurde in Österreich geboren, und Arnold Zöhrer auch, genauer
gesagt, in Weiz. Er kommt aus demselben
steirischen Kaff wie ich, so etwas verbindet im Exil, auch wenn wir beide wissen,
dass Schwabing der Weizer Existenz vorbehaltlos vorzuziehen ist.
Nach zehn Jahren Herzogpark bin ich
in die Franz-Joseph-Straße gezogen. Neun
Jahre und neun Monate zu spät. Nichts
gegen den Herzogpark, der ruhig und
28
noch ruhiger ist, eine Idylle aus rasierten Bäumen, gepflegten Straßen, schwäbischen Sportwagen und großen blonden
Frauen mit kleinen Hunden. Im Herzogpark habe ich gewohnt, in Schwabing lebe ich. Das ist eine Art Liebeserklärung,
verfrüht vielleicht, doch dann denke ich
an meine Großmutter, die schon sehr alt
war, als ich sie fragte: „Welcher Tag war
der schönste in deinem Leben?“ Sie sagte:
„Heute.“ Daran sollte man sich halten.
Die Schwabinger scheinen davon ein
gutes Stück in sich zu tragen. Das empfinde ich so, wenn ich in Arnolds Laden
sitze, der „Wein und Feines“ heißt. Zu
den Feinheiten gehören steirischer Kren,
Käferbohnen und Artischocken aus Italien. Die Weine sind ein Gedicht, und
nach dem dritten Glas erwacht Peter Paul
Althaus zum Leben, der berühmte Schwabinger Bohemien, Erfinder der „Traumstadt“, und die erste Zeile seines schönsten Gedichts: „In der Traumstadt ist ein
Lächeln stehen geblieben, niemand weiß,
wem es gehört.“
Wem gehört es? Denen, die es für sich
und bei anderen suchen. Arnolds Gäste
sind eine Melange aus Alt und Jung, sie
kommen aus allen Berufen und teilen eine gewisse Leidenschaft für ihr Viertel.
Schwabing ist halt nicht bloß ein Stadtteil
von München, sondern etwas Eigenständiges, ein Biotop, in dem das Bürgertum,
Studenten, Handwerker und Künstler
und alle anderen fast friedlich koexistieren. Gestern stand ich an der Fleischtheke neben einem bekannten Fernsehschauspieler, der Putenbrust kaufte. Er
schenkte mir ein Lächeln, und ich ließ es
nicht stehen.
Ach ja, die Prominenten: Allein in der
Ainmillerstraße wohnten und arbeiteten
von 1888 bis heute 27 Schriftsteller, 60
bildende Künstler, 19 Komponisten, Musiker und Sänger, 17 Schauspieler, 40 Gelehrte, 13 Direktoren von Bibliotheken,
Museen, Banken und Versicherungen sowie 22 Politiker und Höhere Beamte. Anwohner wie Althaus, Klee, Rilke, Kandinsky, Thomas Mann, die Gräfin Reventlow
… nicht zu vergessen der berühmte Briefträger Alfred „Fred“ Dorbath, der sie alle
kannte und wesentlich zu dem Buch über
die Ainmillerstraße beigetragen hat, welcher das Ehepaar Bellinger immerhin 536
prächtige Seiten widmete.
Welche andere Straße Münchens
könnte sich dessen rühmen, und zumindest bin ich „ums Eck“ eingezogen. Drei
Buchhandlungen sind auch in der Nähe, das braucht die Schreibkraft: „Lehmkuhl“ und „Pfeiffer“ und die „Autorenbuchhandlung“. Dass man mich dort bei
meinem ersten Besuch erkannte, hat mir
sehr geschmeichelt. Denn Schriftsteller
sind ja nicht per se prominent, sie treten
Christine Grän weiß:
Nirgendwo sonst gibt
es so viele winzige,
wundersame Geschäfte,
Cafés und Beisln wie in
der Türkenstraße
weder im Dschungelcamp auf, noch werben sie für Spinat. Sie führen ein stilles,
bescheidenes Leben und kreisen immer
nur um sich selbst und ihre Werke.
Deshalb freue ich mich, wenn ich in der
Seidl-Villa lesen darf, weil es einer dieser
magischen Schwabinger Orte ist, an denen Improvisation zur Kunstform erhoben
wird. Es ist stets brechend voll, zu wenig
Stühle und erhitzte Luft, manchmal funktioniert das Mikrophon nicht, doch immer ist die Stimmung herrlich. Dank sei
Britta Rambeck, der Seele des Seerosenkreises, die von Schwabing aus ihre kulturellen Fäden spinnt. Wer anschließend
noch zu einem Nachttrunk von Oswald
Maluras Sohn Andrew in die „Traumstadt-Wohnung“ in der Kaulbachstraße eingeladen wird, ist im Schwabinger
Kunsthimmel angelangt. Alles ist so, wie
es war, als die Traumstädter und Seerosianer noch ihre wilden Feste feierten – die
lange Tafel, der Flügel, der Kandelaber,
die Bilder und Fotos … alles ist Kunst,
und die Kunst verstand sich zu feiern.
Zeitzeugen schwärmen heute noch
vom Schwabing der besten Jahre, doch
ich begnüge mich durchaus vergnügt mit
der Gegenwart. Bin ich doch ein Frischling, „a Zuagroasta“, aber ich habe mich
vom ersten Tag an schwabinglich gefühlt. Wo doch sowieso auf 1000 Leute
nur fünf echte Schwabinger kommen, wie
Walter meint, Zahntechnikermeister und
Stammgast im „Boteghin“. Er gehört zu
jenen, die im Chor singen, dass früher alles besser war. Zahntechnisch begründet
er es damit, dass es heutzutage viel mehr
„Knirscher“ gebe als früher. Ich knirsche
nicht, ich blühe auf in meinem neuen
Viertel, in dem es so viel zu entdecken
gibt, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Der
Wagen steht gut in der Duplex-Garage,
und das rückwärtige Einparken in dieselbe weist einen schon als Künstler aus.
Vergessen Sie die Leopoldstraße, die
so gesichtslos ist wie mittlerweile alle großen Straßen in allen großen Städten. Wo
sich McDonald’s & Co. ausbreiten, sollst
du weichen und in Nebenstraßen eintauchen. Sogar in der Hohenzollern finden sich eine wunderbare, sehr skurrile
Parfumerie, die ihren eigenen Öffnungszeiten folgt, und ein Strumpfwarenladen,
der noch Laufmaschen „auffängt“. Zum
Kurfürstenplatz hin und in Richtung Elisabethmarkt entfalten sich kleine Spezialitätengeschäfte, die Minirestaurants
der Italiener und Vietnamesen, die mittags immer brechend voll sind. In Schwabing wird gegessen und getrunken, was
das Zeug hält, und die Krise, sie scheint
einen Bogen um das Viertel zu machen,
vielleicht, weil hier so viele Genieanwärter wohnen, Künstler aller Arten, die das
Brotlose auf ihre Weise ausleben, sowie
betuchte Beamte, Rentner und Witwen in
Jugendstilwohnungen, aus denen sie niemals weichen wollen.
Zu guter Letzt die Türkenstraße: In
Kälte und Schneetreiben entfaltet sie
nicht diese bunte, lärmende Pracht der
Sommermonate. Doch gibt es nirgendwo so viele winzige, wundersame Geschäfte, Cafés und Beisln wie in der
Straße der letzten Bohemeanwärter. Nirgendwo so viele Männer mit kleinen kläffenden Hunden und Frauen mit kleinen
exzentrischen Hüten. Das Heute ist gut,
doch freue ich mich auf den Frühling in
Schwabing. Bis dahin wird Arnold Zöhrer vielleicht Pass gegen Geld eingetauscht
haben. Falls nicht, bleibt es eine dieser
Geschichten, die zu Schwabing gehören
wie das Lächeln, traumstädtisch und nie
gänzlich verloren.
Foto: Volker Derlath
Christine Grän, Jahrgang 52, lebt seit
zehn Jahren in München. Nach dem
Studium und einem Journalistik-Volontariat ging sie nach Afrika, um eine Lodge
zu leiten, und schrieb dort ihren ersten
Kriminalroman. Weitere folgten mit der
Detektivin Anna Marx. Die Reihe war
auch als TV-Serie erfolgreich. Weitere Romane: „Die Hochstaplerin“, „Hurenkind“
und zuletzt „Heldensterben“. Grän wurde
u.a. 2007 mit dem Ernst-Hofrichter-Preis
ausgezeichnet.
29
Kolumne
Impressum
Herausgeber und Verleger:
BISS e.V.
Metzstraße 29, 81667 München
(zugleich Anschrift aller Verantwortlichen)
Jana Förster (54) verkauft seit 2004 BISS. Sie wurde in Prag geboren, lebt seit 33 Jahren in
München und hat zwei erwachsene Söhne.
Geschäftsführung: Hildegard Denninger
Chefredaktion: Günter Keil, Andreas
Unger (beide verantwortlich im Sinne des
Presserechts)
Schlussredaktion: Helga Voit
Gestaltung: Medienkeller
(Anne Britt Keller, Sabine Klein)
Mitarbeit:
Text: Christine Auerbach, Hildegard Denninger, Christine Grän, Bernd Hein, Nina
Koslowski, Annette Leyssner, Bernd
Oswald, Fabienne Pakleppa, Christian
Siepmann, Lutz Steinbrück, Daniela
Walther, Dieter Wachholz und die Schreibwerkstatt von BISS unter der Leitung von
Simone Kayser
Foto: Volker Derlath, Barbara Donaubauer,
Benjamin Ganzenmüller (auch SWS),
Kathrin Harms, Annegret Künkel,
Bernd Oswald, Volker Schmitt,
Anja Weingandt
Comic: Papan
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Redaktionsschluss dieser Ausgabe:
18.04.2009
Anschrift der Redaktion:
Metzstraße 29, 81667 München
Tel. 089 / 33 20 33, Fax 089 / 33 20 34
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Internet www.biss-magazin.de
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Hildegard Denninger (verantwortlich)
Derzeit gilt Anzeigenpreisliste Nr. 8.
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Verkaufspreis: A 1,80
Nachdruck – auch in Auszügen – nur
nach vorheriger Rücksprache mit der
Redaktion.
BISS erscheint monatlich,
Juli/August in einer Doppelausgabe.
Gesamtherstellung:
Color-Offset GmbH
Geretsrieder Str. 10, 81379 München
Tel. 780 41-0, Fax 780 41-200
Druckauflage: 35 000
Für unverlangt eingesandte Manuskripte
übernehmen wir keine Gewähr. Die Rücksendung erfolgt nur gegen Rückporto.
BISS wird gedruckt auf einem zweiseitig
gestrichenen holzhaltigen Bogenoffsetpapier mit ökologischem Fasermix. Ein
Produkt von Myllykoski, MD Albbruck
ISSN 0948-3470
30
Jetzt ist wieder die Zeit der Garten- und
Balkonarbeiten. Am Viktualienmarkt,
wo ich mit meinen BISS-Zeitungen stehe, werden Geranien, Fuchsien, Petunien
und andere Blumen verkauft. Es erinnert mich daran, wie ich vor vielen Jahren mit meinen beiden Jungs in eine wunderschöne 2-Zimmer-Wohnung zog, mit
Küche, Bad und einem Balkon, der sich,
etwa acht Meter lang, über die Breite beider Zimmer erstreckte. Auf diesem Balkon verbrachten wir sehr schöne Sonntage und Abende. Wir hatten da einen
Plastikgrasteppich, den wir bei den Mülltonnen unseres Hauses gefunden und mit
ziemlich viel Schrubben sauber gekriegt
hatten. Wir besaßen damals auch eine
liebe Katze, die sich auf dem Balkon ein
bisschen fürchtete. Als aber im Juni dicke Käfer auf unserem Balkon landeten,
schnappte sie die und fraß sie manchmal
sogar. Ich war damit nicht einverstanden und sperrte sie in die Wohnung. In
warmen Nächten schliefen meine Jungs
auf Matratzen auf dem Balkon und hatten dabei viel Freude. Wir schleppten Säcke voll Erde vom Supermarkt heim und
bepflanzten die Balkonkästen mit prächtigen Geranien. Im folgenden Jahr siebte
ich die Erde und besorgte Blumensamen,
die wir im Frühling in unsere Balkonkästen säten. Lange Zeit wuchs gar nichts.
Wir gossen die unsichtbaren Pflanzen
und machten aus, dass der, der den ersten
Keimling entdeckt, sich etwas wünschen
darf. Ich hoffte nur, dass nicht ich es sein
würde, sondern einer meiner Jungs. Und
eines Tages entdeckten sie die ersten Sämlinge und wünschten sich … Taschengeld.
Das gab es bis dahin nicht, da ich als Alleinerziehende nicht viel verdiente, aber
für jene Sommersaison machte ich eine Ausnahme. Die Blumen wuchsen und
wuchsen und hingen weit über die Balkonbrüstung. Dazwischen blühten stehende Pflanzen. Lila, weiß und gelb war unser Balkon. Aus der Weite ein herrlicher
Anblick. Wir freuten uns, aber die Nachbarn unter uns schimpften, da immer
wieder Blüten runterfielen. Diese Leute
übertrieben es ein wenig mit der Sauberkeit, und ich musste sogar mal runter, ihren Balkon putzen. Ich wollte schon alle Pflanzen rausreißen, aber da kam mir
ein Hagelsturm zuvor. So schnell konnten
wir die Blumenkästen gar nicht abnehmen, wie der Wind sie von der Brüstung
auf unseren Balkonboden blies. Es sah
aus wie nach einer Schlacht. Im Jahr darauf pflanzte ich nur noch ein paar Grünpflanzen, und bald konnte ich die Wohnung eh nicht mehr finanzieren und wir
zogen in die jetzige, wo ich nun alleine
wohne. Ich habe keinen Balkon mehr.
„Um das Projekt BISS zu unterstützen, übernehme ich die Druckkosten für diese Seite.“
Ernst Burger, Sintzenichstr. 9, 81479 München
Adressen
Wohnungsverlust
Amt für Wohnen und Migration
Franziskanerstr. 6 und 8,
zuständig für Unterbringung, Wohnen
und Geld ist die Zentraleinheit
Wohnungslosigkeit, Öffnungszeiten:
Mo, Mi, Fr: 8.30 – 12 Uhr, Mi: 15 – 17
Uhr (nur für Berufstätige)
Städtisches Unterkunftsheim
für Männer
Pilgersheimer Str. 11, Tel. 62502-20,
Bettenvergabe: Mo bis Fr: 14 – 19 Uhr,
Sa, So u. Feiertage: 16 – 19 Uhr
Karla 51 Frauenobdach,
Karlstr. 51, Tel. 549151-0, Beratung
und Aufnahme rund um die Uhr; Café:
Di bis So: 12 – 17 Uhr, Fr: bis 20 Uhr
Heilsarmee (nur für Männer),
Pestalozzistr. 36, Tel. 267149,
Aufnahme tägl. 5 – 22.30 Uhr
Jugendschutzstelle für
männliche Jugendliche von
14 bis 18 Jahren
Scapinellistr. 15a, Tel. 829903-14,
Öffnungszeiten: rund um die Uhr
Jugendschutzstelle für Mädchen
von 13 bis 17 Jahren
Oselstr. 31a, Tel. 82070047,
Öffnungszeiten: rund um die Uhr
Internationaler Bund
Mädchenschutzstelle
für Mädchen von 13½ bis 17 Jahren,
Tel. 43908413
JUP – Jugendpension
Nockherstr. 60, Tel. 436629-11,
Öffnungszeiten: tägl. 8 – 21 Uhr
I.M.M.A.
Zufluchtsstelle für Mädchen und junge
Frauen zwischen 14 und 20 Jahren,
Tel. 183609, erreichbar rund um die
Uhr
Herzogsägmühle
Von-Kahl-Str. 4, 86971 Peiting,
Beratung und Aufnahme rund um die
Uhr für Frauen, Männer und Paare,
Tel. 08861/219-349
H-TEAM e.V. Ambulante Wohnungshilfe/Ambulanter Pflegedienst,
Beratung und Hilfen bei Wohnproblemen durch Sammeln, Horten,
„Verwahrlosung“, Pflege - und anderem Hilfebedarf. Plinganserstr. 19,
Tel. 7473620, Fax: 7470663, Sprechzeiten: Mo, Mi und Fr: von 9 - 12 Uhr
Beratung
Teestube „komm“ Streetwork
(für Männer und Frauen),
Zenettistr. 32, Tel. 771084/-85,
Öffnungszeiten: tägl. 14 – 20 Uhr
Bürozeiten: Mo bis Fr: 9 – 13 Uhr
Außenstelle Streetwork
München-Nord, Trautenwolfstr. 9,
Tel. 335574 oder Terminvereinbarung
über die Teestube „komm“
Streetwork-Büro
Beratungsstelle für Jugendliche und
junge Erwachsene, Johannisplatz 12,
Tel. 4891472, Öffnungszeiten:
Mo: 10.30 – 12 Uhr, Di: 18 – 21 Uhr
Sozialer Beratungsdienst
(nur für Männer), Pilgersheimer Str.
11, Tel. 62502-0, Sprechzeiten: Mo bis
Fr: 8.30 – 12 Uhr und nach Vereinbarung; Notdienst: Mo bis Fr: 14 – 19
Uhr, Sa, So u. Feiertage: 16 – 19 Uhr
Evangelischer Beratungsdienst
für Frauen (mit Wohnheim),
Heßstr. 12, Tel. 288285/-86,
Sprechzeiten: Mo bis Fr: 9 – 16 Uhr
Beratungsstelle für Mädchen
und Frauen (Sozialdienst katholischer
Frauen), Dachauer Str. 48, Tel. 559810,
Sprechzeiten: Mo bis Do: 9 – 12 Uhr,
13 – 17 Uhr, Fr: 9 – 13 Uhr und nach
Vereinbarung
Initiative Münchner Mädchenarbeit (I.M.M.A.) Beratungsstelle für
Mädchen und junge Frauen, An der
Hauptfeuerwache 4, Tel. 2607531
Frauenhilfe München
Beratung und Wohnmöglichkeit für
misshandelte Frauen und deren Kinder, ambulante Beratung, Tel. 35483-0
Frauennotruf
Fürstenrieder Str. 84, Tel. 763737, Beratungs- und Fachzentrum bei sexualisierter Gewalt: Mo bis Fr: 10 – 18 Uhr,
Krisentelefon bei Gewalt: Mo bis Fr:
18 – 24 Uhr, Sa und So: 18 – 2 Uhr
Ausländerberatung im internationalen Beratungszentrum des BRK
Goethestr. 53, Tel. 5328989, Öffnungszeiten: Mo, Mi, Fr: 9 – 12 Uhr, Di u. Mi:
14 – 17 Uhr und nach Vereinbarung
Krankheit
Informationszentrum Referat für
Gesundheit und Umwelt
zu Gesundheit und Krankheit, zu
stationären und ambulanten Einrichtungen, zu Selbsthilfegruppen und
Beratungsstellen, Dachauerstr. 90, Tel.
233-37663
Praxis Dr. Barbara PetersSteinwachs, Pilgersheimer Str. 11,
Tel. 6250240, Sprechzeiten: Mo bis Fr:
9 – 12.30 Uhr, Obdachlosenmobil,
Tel. 0172/8221173
Praxis der Benediktinerabtei
St. Bonifaz: Dr. Irene Frey-Mann,
Dr. Mechthild Nowottnick, Karlstr. 34,
Tel. 55171-310, Sprechzeiten:
Mo bis Fr: 8.30 – 12 Uhr und nach tel.
Vereinbarung; Di ab 13 Uhr in Karla
51, Tel. 549151-0
Landeshauptstadt München Referat für Gesundheit und Umwelt
– Anonyme Beratung zu Aids und
sexuell übertragbaren Krankheiten
Bayerstraße 28a, 80335 München,
Erdgeschoss, Zi. 0045. Beratung und
kostenlose Testmöglichkeit:
Mi, Do: 8 – 11 Uhr, Di: 14 – 18 Uhr,
Do: 14 – 15 Uhr, Tel. 233-2 3333
Münchner AIDS-Hilfe e.V.
Lindwurmstr. 71, Tel. 54333-0,
Öffnungszeiten: Mo bis Do: 9 – 17
Uhr, Fr: 9 – 14 Uhr
Psychiatrischer Krisendienst
Tel. 729 59 60
Sucht
Landeshauptstadt München Psychosoziale Beratungsstelle für Alkohol- u. Medikamentenprobleme
Dachauer Str. 90/UG, Tel. 233-37563,
Sprechzeiten: jeden Werktag.
Tel. Terminvereinbarung sinnvoll
SuchtHotline:
Tel. 28 28 22 (rund um die Uhr)
Tal 19 Beratungs- und Therapiezentrum für Suchtgefährdete und Abhängige, Tel. 242080-0, Fax 242080-11
Frauenberatungsstelle TAL 19
Tel. 242080-20, Fax 242080-21,
Öffnungszeiten: Mo bis Do: 10 – 18
Uhr, Fr: 10 – 15 Uhr
Frauentherapie-Zentrum
Beratung und Behandlung bei Alkoholoder Medikamentenabhängigkeit,
Güllstr. 3, Tel. 747370-0, Fax 74737080, Mo bis Do: 10 – 13 Uhr und
15 – 17 Uhr, Fr: 10 – 13 Uhr
Städtische Drogenberatung
Bayerstr. 28a, Beratung und Betreuung für Konsumenten illegaler Drogen
und deren Angehörige, Tel. 23347964, Sprechzeiten: Mo bis Fr: 10
– 17 Uhr oder nach Vereinbarung
extra Beratungs- und Kontaktzentrum für drogenabhängige und
gefährdete Frauen und Mädchen,
Mütter und ihre Kinder, schwangere
Frauen und Mädchen, Corneliusstr. 2, 80469 München, Tel. 236063,
Fax 236069, Öffnungszeiten: Mo bis
Do: 9 – 17.30 Uhr, Fr: 9 – 16 Uhr und
nach Vereinbarung
Condrobs Drogenberatung
Beratung, Therapie, Prävention,
Konradstr. 2, Tel. 3883766
Anonyme Alkoholiker (AA)
Tel. 19295, tel. Sprechzeiten:
19 – 22 Uhr
Al Anon Familiengruppen
Anonyme Selbsthilfegruppen für Angehörige und Freunde von Alkoholikern, Tel. 55029916
Blaues Kreuz
Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtgefährdete
(auch für Angehörige), Kurfürstenstr.
34/I, Tel. 332020, Telefonsprechzeiten:
Mo, Di, Do: 10 – 12 Uhr und 14 – 17
Uhr, Mi: 14 – 17 Uhr, Fr: 10 – 13 Uhr,
offene Angebote: Mo: 10 – 12, Di:
9 – 11 Uhr
Caritas Fachambulanz für
Suchtkranke
Erwachsene ab 30 Jahre: Schwanthalerstr. 84/Rgb., Tel. 530991-0.
Beratung für junge Erwachsene bis 30
Jahre: Dachauer Str. 29, Tel. 5458320
Drogennotdienst München „L43“
prop e.V., 24 Std. Beratung – Kontaktladen – Notschlafstelle, Landwehrstr.
43/Rgb., Tel. 54908630, Öffnungszeit
Kontaktladen: So bis Mi: 11 – 21 Uhr
u. Do bis Sa: 16 – 21 Uhr, Anmeldung
Notschlafstelle: tägl. 18 – 20 Uhr
Kontaktladen OFF
Condrobs, Orleansstr. 60, Tel. 481425,
Fax 44 71 88 70, Öffnungszeiten:
Mo u. Di: 10.30 – 16.30 Uhr,
Mi u. Do: 12.30 – 16.30 Uhr
Hans-Scherer-Haus
Träger: Katholischer Männerfürsorgeverein München e.V.,
85764 Oberschleißheim,
Tel. 3158250, Fax 31582599
Kreuzbund Diözesanverband
München und Freising e.V.
Selbsthilfe-Helfergemeinschaft für
Suchtkranke und deren Angehörige,
Dachauerstr. 5, Tel. 59083777,
Fax 59083776, Kontakttelefon, Gruppenverzeichnis, persönliche Beratung
nach Vereinbarung
Fährhaus – Anonyme
Sucht-Selbsthilfe
Zusammenkünfte:
Mo: 20.15 Uhr, Westendstr. 68;
Mi: 19.30 Uhr, Nußbaumstr. 7;
Sa: 17.30 Uhr, Leonrodstr. 19
Schulden
Landeshauptstadt München
Allgemeiner Sozialdienst (ASD)
Schuldnerberatung
Mathildenstr. 3a, Tel. 233-24353,
Anmeldung über die zuständige
Außenstelle des ASD
Schuldnerberatung von AWO
und DGB im Gewerkschaftshaus für
Münchner Arbeitnehmer, Schwanthalerstr. 64, 80336 München, Tel.
532716
Bayerisches Rotes Kreuz
Schuldnerberatung, Kreisverband
München, Seitzstr. 8, 80538
München, Tel. 2373-0/-245/-264
Schuldner- und Insolvenzberatung
Evangelisches Hilfswerk München
Bad-Schachener-Str. 2b,
81671 München, Tel. 1890476-60,
Fax 1890476-61
Schuldnerberatungsstelle
der Caritas, Landwehrstraße 26,
80336 München, Tel. 23114930
Weitere Hilfsangebote
Münchner Arbeitsgemeinschaft
Arbeitsförderungsinitiativen
Jobbörse und Infos über Qualifizierungsmöglichkeiten für schwervermittelbare Arbeits- bzw. Erwerbslose
MAGAFI im Internet unter
www.magafi.de
Telefonseelsorge
Beratung in allen Lebensfragen, rund
um die Uhr besetzt (gebührenfrei),
Tel. 0800/1110111 (ev.),
Tel. 0800/1110222 (kath.)
Evangelische und katholische
Bahnhofsmission
Münchner Hauptbahnhof, Gleis 11,
Tel. 594576/-77/-78, Öffnungszeiten:
tägl. rund um die Uhr.
Die Bahnhofsmission übernimmt
in Notfällen Vertretungsfunktion für
Sozial- und Wohnungsamt.
Münchner Insel unter dem
Marienplatz
Ökumenisches Kriseninterventionsund Beratungszentrum (keine finanzielle Hilfe), U-Bahn-Hof Marienplatz,
Untergeschoss, Tel. 220041,
Öffnungszeiten: Mo, Di, Mi, Fr:
9 – 18 Uhr, Do: 11 – 18 Uhr
Münchner Zentralstelle für
Strafentlassenenhilfe
Haimhauser Str. 13 (Eingang
Occamstr.), Tel. 380156-0,
Sprechzeiten: Mo bis Fr: 8 – 12 Uhr
und nach tel. Vereinbarung
Alleinerziehende, VAMV – Verband
alleinerziehender Mütter und Väter,
Silberhornstr. 6, Tel. 6927060
Väterinitiative für engagierte
Elternschaft e.V.
Ligsalzstr. 24, Väterbüro:
Tel. 50009595, Fax 50009597
BISS 06/2009 erscheint Anfang
Juni mit dem Schwerpunkt:
Bildung
Anzeigenschluss:
05.05.2009
Druckunterlagenschluss:
08.05.2009
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