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"WAS HILFT'S DEM PFAFFEN-ORDEN" Von KA THARINA

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"Was hilft's dem Pfaffen-Orden"
Katharina Mommsen. Goethe und D iez, Quellenuntersuchungen zu Gedichten der Divan-Epoche,
Berlin, Akademie.Verlag. 1961 (= Sitzungsbe.richte der D eutschen Akademie der Wissenschaften zu
Bcrlin, Klasse f. Sprachen, Literatur und Kunst, J g. 1961, Nr. 4), S. 8-11, S. 14-16, S. 186-200.
"WAS HILFT'S DEM PFAFFEN-ORDEN"
Von KA THARINA MOMMsEN
Wir sprachen schon davon, daß Diez in seiner Eigenschaft als
"Liebhaber" von der Fachwissenschaft heftig angegriffen wurde.
Diese Angriffe führten zu einem großen, Aufsehen erregenden
Gelehrtenstreit, zu der berühmten, wahrhaft überdimensionale
Maße annehmenden Fehde mit Joseph von Hammer. Was sich
historisch hier abspielte, müssen wir uns umrißweise vor Augen
führen, da es Goethes Verhältnis zu Diez maßgeblich mit beeinflußt hat und in unseren Ausführungen über die Gedichte immer
wieder eine Rolle spielen wird.
Diez war zur Mitarbeit an den Fundgruben des Orients eingeladen worden, die 1809 in Wien zu erscheinen begannen. Er
sandte auch Beiträge ein, von denen zwei im ersten Band der Zeitschrift verö'ffentlicht wurden!. In dem ersten dieser Beiträge kritisierte Diez eine 1770 erschienene Schrift D.-D. Cardonnes. Vermutlich um den "Liebhaber" wegen dieses übergriffs in die
Schranken zu weisen 2 , bekrittelte nun Hammer als Orientalist
1 Fundgruben Bd. I (1809), S.249-74: "Ermahnung an Islambol,
oder Strafgedicht des türkischen Dichters Uweissi über die Ausartung
der Osmanen." S. 397-99: "Was ist der Mensch? aus dem Türkisch-Arabischen des Kjemal Pascha Sade." Diez' Beiträge sind die einzigen, deren
Titel im Inhaltsverzeichnis der Fundgruben S. 467 f. nicht aufgeführt
wurden! Sie sind durch schwere Druckfehler entstellt, was berechtigterweise Diez' Unwillen hervorrief. So fehlt im Titel des ersten der genannten Beiträge der Name des Dichters Uweissi; statt "aus dem Türkischen" heißt es ebd. "aus dem Deutschen"!
2 Vgl. Unfug und Betrug S. 485. "Unfug und Betrug in der morgenländischen Litteratur nebst vielen Proben von der groben Unwissenheit des
H. v. Hammer zu Wien in Sprachen und Wissenschaften." Erschien als Anhang zu Diez' DA 11. Hier zitiert als: Unfug und Betrug.
235
Diez' Fundgruben-Beiträge. Er setzte ohne dessen Wissen im
Namen der "Herausgeber" - anonym also - eine Anzahl polemischer Anmerkungen unter Diez' Text. Damit war die Fehde
eröffnet. Diez nahm den Angriff nicht hin, sondern verfaßte als
Antwort eine kurze Entgegnung3 • Hammer fuhr daraufhin fort,
gegen Diez in den Fundgruben zu polemisieren 4 • Diez wiederum
griff Hammers Freund und Lehrer, .den Wiener Orientalisten
Thomas v. Chabert, an im ersten Teil seiner Denkwürdigkeiten
von Asien (1811)5.
Hammer und Chabert revanchierten sich, indem sie mehrere in
der Sache vernichtende, im Ton verächtliche Rezensionen von
Diezschen Schriften in der Jenaischen Allgemeinen Literatur-ZeitungS sowie in der Wiener Allgemeinen Literatur-Zeitung7 veröffentlichten. Inzwischen erschien ihnen Diez durch das Unternehmen seiner Denkwürdigkeiten von Asien auch als ein ernst zu
3 Auf eigene Kosten druckte er: "Widerlegung der 7 Noten, welche
von den H. H . Herausgebern der Fundgruben des Orients, Stück III z.
Uebersetzung des Gedichts von Uweissi [Bd. I] S.249'-274 gemacht
wurden, nebst Verzeichniß der Druckfehler, wodurch d. Uebersetzung
und der Original-Text des Gedichts entstellt worden." (8 Seiten ohne
Titelblatt, im Großfolioformat der Fundgruben.) Diez forderte die Aufnahme dieser Entgegnung in die Fundgruben, was jedoch abgelehnt wurde.
(Fundgruben Bd. I S. 463, "Schlußrede" der "Herausgeber".) Er veröffentlichte dann das Uweissi-Gedicht nochmals zusammen mit seiner Entgegnungsschrift in Quartformat (Berlin 1811). Vgl. Unfug und Betrug
S.487.
4 Vgl. Fundgruben Bd. I (1809) S. 463 f.; Bd. 2 (1811) S. 271; Bd. 3
(1813) S. 51. 69.
5 DA I S. 244. Vgl. Goethes Notiz: "Thomas Chabert gescholten
von Diez
Denkw. I. 244." (AA 3 S. 156.)
6 JALZ (= Jenaische Allgemeine Litteratur-Zeitung) Jan,uar 1813. Aufschluß darüber, welche Partien der hier und in der folgenden Anmerkung
genannten Rezensionen nicht von Hammer, sondern von Chabert stammen, gibt eine Tabelle Hammers in Fug und Wahrheit (s. unten Anm. 7 a).
7 Wien er Allgemeine Literatur-Zeitung 2. und 5. Februar . 1813 (über
DA I), 14. Mai 1813 (über das Buch Kabus), 6. Juli 1813 (über das
Königliche Budl), 16. Mai 1815 (über Wesentliche Betrachtungen des
Resmi Achmed Effendi).
237
Katharina Mommsen
"Was hilft's dem Pfaffen-Orden"
nehmender Konkurrent. Das wird ersichtlich aus Hammers Rezension vom 2. Februar 1815 in der Wiener Allgemeinen LiteraturZeitung.
Die Fehde zwischen" Hammer und Diez verfolgte Goethe wie wir genau wissen, seit Herbst 1814 - mit größtem Interesse.
Sie wurde recht eigentlich die Ursache dafür, daß er für die Person von Diez jene menschliche Zuneigung faßte, die aus den spärlichen persönlichen Kontakten nicht allein hätte resultieren können. Wiederum spielten hier, ähnlich wie wir es bei dem Interesse
für Sprüche sahen, aktuelle Momente eine ausschlaggebende Rolle.
In diesem Fall waren es bestimmte trübe Erfahrungen, wie sie
Goethe als Autor gerade in den damaligen Jahren gemacht hatte.
Gleich Diez war auch Goethe in seiner Eigenschaft als "Liebhaber"
soeben im Bereich der Wissenschaft von den professionellen Vertretern eines Faches heftig attackiert worden. Das kritische Echo
auf seine 1810 erschienene Farbenlehre, dies ihm so besonders am
Herzen liegende Werk, war in deprimierender Weise negativ ausgefallen. Einzig Goethes Vorsatz, sich nicht in Kontroversen einzulassen, war es zu verdanken, wenn er nicht mit den Vertretern
der Wissenschaft in einen ähnlichen offenen Konflikt geriet wie
Diez. Alle Voraussetzungen waren sonst gegeben. Stärker als sein
begreiflicher Wunsch, zurückzuschlagen, war Goethes Abneigung
gegen einen Federkrieg, der selbst unter bedeutenden Männern nur
zu oft, ja fast unvermeidlich auch mit der Waffe persönlicher Beleidigungen ausgefochten zu werden pflegt.
In dieser Situation faszinierte ihn das Schauspiel des von den
Fachleuten verfolgten "Dilettanten" auf einem Gebiet, dem er
selbst soeben als Dichter des Divan sein volles Interesse zugewandt hatte. Handelte es sich doch bei den Angriffen Hammers
nicht nur darum, Diez im einzelnen Irrtümer nachzuweisen, sondern dessen gesamte Leistungen praktisch zu annullieren. Er sprach
ihm prinzipiell Sprach- und Sachkenntnis ab und erklärte seine
übersetzungen für fehlerhaft und stilistisch schwerfällig. Wenn
Diez sich mit Ehrlichkeit, aber deutlichem Selbstbewußtsein als
"Liebhaber" bezeichnet hatte, so versäumte Hammer nicht, stolz
seinerseits den "Orientalisten" hervorzukehren 8 • Alles dies hatte
236
In den Denkwürdigkeiten von Asien, so heißt es dort (5. 148), unternähme Diez, "für seine Bibliothek und für die orientalischen Studien ganz
allein zu leisten, was in Calcutta die Asiatic researches, in England die
Oriental Collections, in Frankreich die Notices et extraits de la bibliotheque du Roi (depuis Imperiale), in Deutschland Herrn Hofraths
Eichhorn vortreffliche Werke das Repertorium und die Bibliothek,
und jüngst die Fundgruben des Orients zu Wien, durch gemeinsames Bestreben, der orientalischen Literatur zu leisten sich vorgesetzt. In so weit ist des Hrn. Verf. Absicht sehr löblich, und dieß um so
mehr, als er die Kosten der Auflage aus Eigenem übernommen, und
hierdurch dem Herrn Grafen von Rzewuski, der bisher die Auslagen der
Fundgruben gedeckt, rühmlich nachgeeifert hat."
Auf Hammers und Chaberts Rezensionen erteilte Diez nun eine
Antwort, die in ihrer Form etwas Einzigartiges darstellt. Er veröffentlichte Ende 1815 einen polemischen Anhang zum zweiten
Teil seiner Denkwürdigkeiten von Asien, ,d er den sagenhaften
Umfang von 600 enggedruckten Seiten hatte. Waren die Kritiken
der Wiener zynisch verächtlich geschrieben, so erwiderte Diez grob
verächtlich: wie an Umfang, so sucht seine Streitschrift Unfug und
Betrug auch an Derbheit ihresgleichen. Satz für Satz werden darin
Hammers und Chaberts Ausführungen zitiert und mit umständlicher Gegenargumentation bekämpft.
Hammer beantwortet Unfug und Betrug sehr bald. März 1816
veröffentlichte er die Gegenschrift Fug und Wahrheit7a ; sie erschien
in einer Wiener Zeitschrift. Doch gab Hammer sie auch als Sonderdruck heraus. Es ist ein kurzer Aufsatz von pamphletartigem Charakter. Der Boden des Sachlichen wird darin verlassen, die Polemik fast ganz ins Persönliche hinübergespielt. Der Akzent liegt
auf den sich häufenden Schimpfworten. [ ... ]
7. J. v. Hammer: Fug und Wahrheit in der morgenländischen Litteratur, nebst einigen wenigen Proben von der feinen Gelehrsamkeit des Herrn
von Diez zu Berlin in Sprachen und Wissenschaften. In: Archiv f. Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst. Wien 1816. Nr.35 u. 36. Hier
zitiert als: Fug und Wahrheit.
8 So JALZ Januar 1813, Nr. 8 und 9 und in Fug und Wahrheit
(s. S. 236); vgl ~ auch Hammers Freund Thomas v. Chabert in JALZ November 1816, Nr. 211.
238
Katharina Mommsen
"Was hilft's dem Pfaffen-Orden"
in Goethes Erfahrungen mit den Naturwissenschaftlern In Sachen
der Farbenlehre seine Parallele.
In Goethes Divan-Epoche entstanden eine ganze Reihe von
Spruchgedichten, deren Quellen sich in den Kritiken der Wiener
Orientalisten und in Diez' Antikritik finden. Man versteht diese
Gedichte erst dann in vollem Umfang, wenn man sich vor Augen
führt, daß Goethe den Hammer-Diez-Streit mit der persönlichen
inneren Beteiligung dessen ansah, der Ahnliches erlebt hatte. Wenn
er sich auch der aktiven Parteinahme enthielt, so war ihm doch
für die Person des angegriffenen Berliner "Liebhabers" eine verständliche, echte Sympathie erwachsen.
Man hat bisher den Sinn der auf den Hammer-Diez-Konflikt
anspielenden Gedichte - auch in den Zahmen Xenien gibt es nicht
wenige - nur darin finden wollen, daß Goethe hier die "Silbenstecherei" der Philologen verspotten wollte (Burdach)9. Aber damit ist viel übersehen worden. Zwar hatte der Hammer-DiezStreit für Goethe auch diesen Aspekt: typisches Beispiel zu sein für
jene Art von Polemik, die Goethe perhorreszierte, vor der er auch
Freunde vielemal warnte 10 • Insofern sagen die betreffenden Spruchgedichte allerdings manches ironische Mahnwort, an beide Parteien
gleicherweise gerichtet und darüber .hinaus ins Allgemeingültige
pädagogisch deutend. Daneben zeichnet sich aber etwas anderes ab.
Viele dieser Gedichte enthielten, für den Kenner der intimeren Zusammenhänge, auf jeden Fall für die Hauptbeteiligten jenes Streits
ohne weiteres verständlich, für die übrigen Leser vielleicht verborgener, deutliche Bekundungen der Sympathie für Diez. [ ... ]
Inspiriert durch Lektüre der DA II zu Anfang des Jahres 1816
schrieb Goethe eine Reihe von Gedichten für den West-östlichen Divan. Prüft man nach, aus welchen Abschnitten des Diezschen Buches die meisten An(egungen stammen, so erweist es sich,
daß ein Kapitel bei weitem Vorrang hat. Es ist das fünfte, das
längste Kapitel innerhalb der DA I und II (es umfaßt 135 Druckseiten): "Spiegel der Länder oder Reisebeschreibung des Admirals
Kjatibi Rumi zu Wasser und zu Lande." Neben dem Buch Kabus
ist diese Schrift wohl das Wertvollste, was Diez übersetzt hat.
Von den neun Divan-Gedichten, die nach bisherigem Forschungsstand auf den DA II beruhen, haben sieben ihren Ursprung in
Kjatibi Rumi's Spiegel der Länder. Wir werden uns mit dem
Werk eingehender zu beschäftigen haben, da es noch wichtige
Aufschlüsse für Dichtung, Entwürfe und Paralipomena des Westöstlichen Divan bietet.
Zuerst ist hier eines Gedichtes aus dem Buch der Sprüche zu gedenken, um dessen Erklärung man sich vielfach vergeblich bemühte, weil man seine Quelle nicht kannte. Es handelt sich um
den Vierzeiler:
9 Zu "Wanderers Gemüthsruhe" im Buch des Unmuts: Jub. Ausg. 5
S.362.
10 So riet er einmal dem jungen Heinrich Voß dringend, den Angriff
eines Rezensenten nicht mit "Leidenschaft" zu erwidern: "Glauben Sie
mir, ... er wird sich mehr ärgern, wenn Sie sich durch Ruhe eine Superiorität gegen ihn beilegen ... Dazu, sagte er endlich, sind wir Alten ja
da, daß wir die Jugend vor Unbesonnenheiten warnen; als wir jung
waren, machten wir es selbst nicht besser, aber es hat uns Verdrießlichkeiten zugezogen in zahlloser Menge." Vgl. Momme und Katharina
Mommsen: Die Entstehung von Goethes Werken. Bd. I. Berlin 1958, S.
109 (Artikel "Antwort des Recensenten").
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Was hilft's dem Pfaffen-Orden
Der mir den Weg verrannt?
Was nicht gerade erfaßt worden
Wird auch schief nicht erkannt.
Das Gedicht wird in den Ausgaben datiert: 27. Januar 1816,
weil die beiden letzten Verse auf einem Blatte stehen, das jenes
Datum trägt. Auf diesem Blatt befinden sich noch viele andere
Aufzeichnungen von Goethes Hand: Spruchartiges, eine Reihe
orientalischer Städtenamen etc. Wir werden unten zeigen, daß es
sich dabei um lauter Exzerpte aus immer demselben Kapitel der
DA II handelt: aus Kjatibi Rumi's Spiegel der Länder. Schon
am 21. Januar 1816 verzeichnet Goethes Tagebllch abendliche
Lektüre dieses Werks: "Nach Indien verschlagener Osmanischer
Staatsmann und Dichter in Diezens Merkwürdigkeiten", heißt es
da, und weiter am 28. Januar: "Abends übersetzung des Spiegels
der Länder von Diez". Das Blatt mit den Aufzeichnungen vom
27. Januar 1811> lehrt, daß Goethe sich auch in der Zwischenzeit
mit dem Spiegel der Länder befaßte. Ob der Vierzeiler vom
240
Katharina Mommsen
"Was hiIft's dem Pfaffen-Orden"
" Pfaffen-Orden " noch vom 27. Januar stammt, dem Tag, an dem
die Exzerpte notiert wurden, ist nicht mit Sicherheit auszumachen.
Vielleicht wurde er kurz danach, möglicherweise gemeinsam mit
dem Gedicht "Bist du von deiner Geliebten getrennt" am 31. Januar 1816 verfaßt.
An dem Pfaffenorden-Gedicht läßt sich, wie die Divan-Kommentare zeigen, rätseln und deuten. Man fragte sich, welchen
"Pfaffenorden" Goethe im Sinne hatte, worauf die merkwürdigen
letzten Verse zielen und was die Ausdrücke "gerade" und "schief"
hier wohl bedeuten.
gerichtet "gegen übertreibende romantische Frömmelei und naturphilosophische Spekuliersucht"18.
Unter dem Pfaffen orden hat man zunächst Goethes Gegner aus dem
Lager der römischen Konvertiten verstanden. Man dachte an die Maler
dieser Richtung und an die Dichter Friedrich Schlegel, Zacharias Werner
und Stolberg. Goethes Kunstrichtung, so interpretiert G. v. Loeper,
"wurde von ihnen, als Protestanten, nicht gerade, von ihnen als Katholiken schief beurteilt11 ." Düntzer dagegen meinte: "Die Frommen, die
gegen Goethe zu Felde gezogen, haben nichts gegen ihn ausgerichtet, da
sie ganz schief ihn angesehen und darum gar nicht erkannt haben." Die
beiden letzten Verse seien "als allgemeiner Satz zu nehmen, daß das
schiefe Anblicken uns am wenigsten die Dinge erkennen läßt"12. IBurdach dachte bei dem "Pfaffenorden" auch an die Naturphilosophen unter
den neueren Mystikern 13 ; 'Ermatinger interpretiert "schief" als "verworrene Mystik", "gerade" als "klaren Verstand" und sah in dem Spruch
Polemik gegen die katholisierenden Romantiker 14. Beutler bezieht den
Vierzeiler allein auf die theologischen Gegner Goethes 15. Weitz macht
mit Recht darauf aufmerksam, bei Goethe finde sich die Bezeichnung
"Pfaffen" ausgedehnt "auf jedes herrschsüchtig-geistbeengende Zunft- und
Klüngelwesen"16. Man möge denken an Wortzusammensetzungen wie
"Philister-Pfaffen" oder "Geschmäckler Pfaffen"17. Rychner greift das in
früheren Kommentaren Gesagte wieder auf und erklärt den Spruch als
WD hg. von G. v. Loeper. Berlin 1872. S. 101.
12 Düntzer Er!. zum WD. Leipzig 1878. S. 300 f.
13 Jub. Ausg. 5 S. 367.
14 Ermatinger Anmerkungsband zur Alt'schen Goethe-Ausg. S. 201.
15 WD hg. von E. Beutler. Bremen 1956. S. 519 (1. Auf!. Leipzig 1945,
11
Sehen wir uns die Quelle des Gedichtes an, so werden sich auch
für seine Deutung weitere Wege eröffnen. Wie bei vielen anderen
Entlehnungen aus Diez' Schriften schöpft Goethe auch hier aus
türkischem Bereich. Der Spiegel der Länder, der die Anregung gab,
ist das Werk eines osmanischen Staatsmanns und Admirals aus dem
16. Jahrhundert. Der Verfasser, Mir Sidi Aly, - als Schriftsteller
nannte er sich Kjatibi Rumi - war ein hoher Beamter des Sultans
Soliman 11. (1520-1566), ein gewandter Diplomat, tapferer Krieger und berühmter Seeheld. Zudem war er ein in Astronomie und
anderen Wissenschaften unterrichteter Mann, und schließlich ein Dichter. Alles in allem eine Persönlichkeit, die Goethes Interesse erregen konnte, zumal die vielerlei Vorzüge des Mannes
durchaus seinem Werk zustatten gekommen sind, das noch heute
nach über 400 Jahren lesenswert ist.
Geschrieben wurde es als eine Art Rechenschaftsbericht für Soliman II. Dieser hatte den Verfasser 1553 zum Admiral von Kgypten ernannt mit dem Auftrag, von Aleppo nach Bassora zu gehen,
um die im dortigen Hafen befindliche Galeerenflotte durch den
Persischen Golf ins Rote Meer nach Suez zu führen. Der Auftrag
scheitert an drei großen Angriffen der überlegenen portugiesischen
Flotte. Der Rest der türkischen Galeeren gerät in Seenot, wird von
der Küste Arabiens abgetrieben in Richtung auf die Küsten von
Persien und Indien. Das letzte Schiff zerschellt in einem Seesturm.
Der Admiral muß mit dem Rest der Mannschaft die Reise zu Fuß
fortsetzen. Dabei gerät er ständig in Bedrängnis und Abenteuer.
Immer treten neue Hindernisse in den Weg, die die Rückkehr ins
Vaterland verhindern. So dauert die Reise volle vier Jahre (1553
bis 1556) und führt durch so viele Länder des Orients, "daß
wenige sie ihm nachthun werden", wie Diez bemerktl~.
Als interessante "Reisebeschreibung" hat Diez denn auch Kjatibi
Rumis Schrift übersetzt. Für Goethe kamen noch weitere Qualitäten hinzu, wenn er für das Werk eine so ausgeprägte Vorliebe
S. 513).
16 WD hg. von H.-J. Weitz. LeipziglWiesbaden. 1949 u. öfter. S. 545.
17 Zahme Xenien 7, V. 250; "Mag jener dünkelhafte Mann" V. 6.
241
18 WD hg. von.M. Rychner. Zürich 1952. S. 482.
DA II S. 137.
19
242
Katharina Mommsen
"Was hilft's dem Pfaffen-Orden"
faßte. Sind es doch ·wahrhafte Odysseus-Schicksale, die darin erzählt werden. An Odysseus erinnert auch des Verfassers Charakter. Mit der Standhaftigkeit eines echten Helden erduldet er das
Unerträgliche, Weisheit und List helfen ihm und seinen Gefährten,
alle Gefahren zu besiegen, in seinem Handeln zeigt sich eine geniale Natur, die instinktiv immer das Richtige tut.
Daß Kjatibi Rumis Bericht vielfach dichterische Züge aufweist, ist ein weiterer Umstand, der Goethes Anteilnahme hervorrufen konnte. Nicht nur hat das Schildern im Spiegel der Länder
dichterische Lebendigkeit, es begegnen auch auf Schritt und Tritt
wirkliche poetische Einlagen. Es sind Gedichte aus dem Stegreif,
die Kjatibi Rumi unterwegs verfaßt. Oft meistert er gerade mit
ihnen besonders schwierige Situationen. Vorherrschend ist in diesen Gedichten ein betont gnomischer Charakter. Endlich liebt der
Verfasser reichlich Sprichwörter einzustreuen, auch wohl sentenzartige Zitate berühmter Dichter. Und von hier sehen wir denn
auch wieder die fruchtbarste Wirkung auf Goethe ausgehen. Diese
Gnomen und Sprichwörter gaben ihm viele Anregungen zum
West-östlichen Divan. Immer war es ja der Sprichwörter-Reichturn der Diezschen Publikationen, der ihn vor allem zum eigenem
Dichten beflügelte2o •
ganz eigenartigen Episode. Goethe schenkte gerade diesem Abschnitt besondere Bedeutung, denn er machte sich aus ihm zahlreiche Notizen - die wir noch besprechen werden - und entnahm
ihr auch zu anderen Divan-Gedichten Anregungen, von denen
man bereits weiß. Daß den späteren Lesern bei diesem Stand der
Dinge die Quelle zum "Pfaffen-Orden"-Gedicht entging, ist seltsam genug.
Auch die Verse vom "Pfaffen-Orden" haben ein solches von
Kjatibi Rumi angeführtes türkisches Sprichwort zur Vorlage.
Es findet sich auf S. 238 der DA 11 und lautet: "Was nicht gerade
gefaßt worden, wird auch schief nicht erkannt." Das gleicht fast
wörtlich dem Text von Vers 3 und 4 unseres Gedichts. Doch dürfen wir uns nicht mit dieser Feststellung begnügen. Erst der Zusammenhang, in dem das Sprichwort im Spiegel der Länder steht,
gibt eigentlichen Aufschluß über die Bedeutung, die es sowohl in
der QueUe wie bei Goethe bekommt. Auch muß man diesen Zusammenhang kennen, um für Vers 1 und 2 des Goetheschen Gedichts eine nähere Erklärung zu finden.
Das Sprichwort steht bei Kjatibi Rumi an einem sehr prägnanten Ort, am Höhepunkt einer längeren dramatischen, inhaltlich
20 Eine Zusammenstellung der auf Kjatibi Rumis Spiegel der Länder
beruhenden Gedichte und Paralipomena in: Katharina Mommsen, Goethe
und Diez, S. 343 ff. (Dieziana-Verzeichnis).
243
Kjatibi Rumi gerät im Verlauf seiner Irrfahrten in Kriegsgebiet. Man
verkennt seine friedlichen Absichten. Diesem und jenem Fürsten muß er
gegen seine Nachbarn beistehen. Mehrmals tritt er als Unterhändler zwischen feindlichen Parteien auf, ehe man ihn weiterziehen läßt. Aber es
gibt auch Hindernisse anderer Art. In Chor ass an, auf dem Weg zum
Schah von Persien, wird Kjatibi Rumi von einer religiösen Sekte am Weiterziehen gehindert. Man sucht ihn in Glaubensstreitigkeiten zu verwikkein. Zwar sind die Widersacher auch Mohammedaner, doch es sind
Schiiten, während die Osmanen Hanifiten sind. Die Schiiten aber behaupten gegenüber den Hanifiten, daß nach Mohammeds Tod das Kalifat auf
Ali, den Schwiegersohn des Propheten hätte übergehen und bei dessen
Nachkommenschaft verbleiben müssen, während die Hanifiten die Erbfolge Abu Bakr's, Umars und Uthmans für rechtmäßig halten. Hierüber
suchen der Moscheenverwalter und seine Leute Streit mit den Osmanen.
Kjatibi Rumi aber zieht sich im Guten aus der Affäre, bleibt höflich und
diplomatisch, und als man immer stärker auf ihn eindringt, bekundet er
in einem improvisierten Gedicht seine Liebe und Verehrung für Ali und
dessen Nachkommen, ganz im Sinne der Schiiten. So wird er des Streits
enthoben und - wie es im Bericht heißt- : "mit tausendfacher Noth aus
ihren Händen befreit". Nachträglich aber findet sich doch wieder ein Verleumder, der die Schiiten von neuem gegen ihn aufstachelt, und es kommt
zu einem heimtückischen überfall. Bei Schilderung dieser Krisensituation
tritt nun auch das Sprichwort in Erscheinung, das Goethe in dem Gedicht
vom "Pfaffen-Orden" verwendet.
"Man schickte" - so wird erzählt21 - "des andern Tages zur Frühzeit
zweyhundert Bogenschützen ... welche uns alle ergr~ffen und nach dem
Sprüchworte: was nicht gerade gefaßt worden, wird auch schief nicht erkannt 22 , einen jeden von uns einem Kriegsmanne übergaben."
Den überfallenen werden Pferde, Geräte und sonstige Habseligkeiten
geraubt. Die Gefährten verzweifeln an ihrem Leben . .Alle werden in
21
22
DA II S. 238.
Im Original nicht hervorgehoben.
244
Katharina Mommsen
"Was hilft's dem Pfaffen-Orden"
Fesseln gelegt, zur Aufsicht über Kjatibi Rumi werden fünf Kriegsleute
eingesetzt. "über diese Art des Betragens des Mirza" - so heißt es "ward ich sehr gebeugt." - In der folgenden Nacht hat Kjatibi Rumi den
glücklichen Einfall, einen Gesang auf den Kalifen Ali zu dichten, in dem
er ihn um Beistand anfleht, und diesen Gesang an den Moscheenverwalter
und Imam zu schicken. Hierdurch geraten die Schiiten in Verlegenheit.
Die Vorfälle werden in der Stadt kundbar, und das Volk tadelt sie sehr.
Am Ende fürchtet sich der Mirza vor dem Schah und bereut die begangenen Handlungen. Kjatibi Rumi und seine Leute werden in Freiheit gesetzt, sie bekommen ihre Pferde, ihre Habe zurück und können nun ungehindert ihres Weges ziehen.
Was nun die Bedeutung des Wortes "Pfaffen-Orden" betrifft,
dessen verschiedene Auslegung seitens der Kommentatoren wir
eingangs anführten, so läßt sich nach der Einsicht in die Quelle
mehr und Genaueres sagen. Es hat sich herausgestellt, daß ursprünglich die Schiiten in Kjatibi Rumis Erzählung Goethe als
dieser Pfaffenorden vor Augen getreten waren. Demnach war es
dies, was der Dichter bei Abfassung des Vierzeilers im Blick hatte:
ein verdienstvoller, ehrenwerter Mann wird von einem Haufen
dogmatisierender Fanatiker angegriffen und mißhandelt. Wir werden nicht allzuweit gehen müssen, um auszumachen, was Goethe
darüber hinaus mit dem "Pfaffen-Orden" gemeint hat. Der Ausdruck bezieht sich auf etwas viel Aktuelleres, Näherliegendes als
auf die mystischen Naturphilosophen oder auf die Dichterkatholiken Stolberg, Werner, Schlegel, oder auf die Nazarener. Ziehen
wir in Betracht, daß es eine Diezsche Publikation war, die den
Anstoß zu unserm Gedicht gab, so ergibt sich damit ein ganz
akuter Anlaß zu seiner Entstehung. Goethe zielt damit allererst
auf Diez' Streit mit Hammer, mit den Wiener Orientalisten. Es
war die Situation des von der Zunft angegriffenen, verständnislos
behandelten und mißhandelten Gelehrten, eines Mannes, dessen
hohe Verdienste über allen Zweifel feststanden, den jedoch die
Fachgenossen regelrecht zu vernichten trachteten.
Gerade die DA II, bei deren Lektüre unser Gedicht entstand,
ließen ja den Streit Hammer-Diez jenes überdimensionale Ausmaß annehmen, das ihm dauernde Berühmtheit sicherte. Hier erschien der riesige polemische "Anhang" - wir sahen, daß Goethe
ihn als erstes las, und zwar mit der größten Teilnahme. Diez selbst
hatte zudem seinen Briefen an Goethe manchen Stoßseufzer, manche Klage über Bosheit, Verständnislosigkeit und Intrigen der
Wiener Zunftgenossen anvertraut und dadurch von vornherein
Goethes Aufmerksamkeit wachgerufen. Liest man diese Briefe, so
begreift es sich am ehesten, welche Realität hinter dem Gedicht
vom "Pfaffen-Orden" steht. In dem Begleitschreiben, mit dem
Diez am 23. Dezember 1815 die DA II nebst "Anhang" über.
sandte, hieß es:
Wir haben es in der Vorlage also regelrecht und in aller Form
mit einem "Pfaffenorden" zu tun. Es wird wirklich ein "Weg verrannt" und schließlich wieder freigegeben. Auf diese Situation bezieht sich das Sprichwort, das Goethe sich zunächst gesondert
exzerpierte und dann zu einem Gedicht erweiterte. Der Quellentext wird dabei kaum verändert. In der Vorlage heißt es: "Was
nicht gerade ge-faßt worden ... " Bei Goethe steht sowohl im Exzerpt wie im Gedicht: "Was nicht gerade er-faßt worden ... "
Will man interpretieren, was der Spruch im Rahmen des Berichts
von Kjatibi Rumi zu bedeuten hat, so könnte man sagen: wenn es
dem Pfaffenorden nicht "gerade", d. h. auf geradem Weg, in
Güte, auf ehrliche Weise gelingt, den Helden zu fassen oder auch
nur sein Wesen zu erfassen, wieviel weniger noch gelingt es
"schief", Verleumdungen Glauben schenkend und einen heimtückischen überfall veranstaltend.
Goethe gibt in seinem Spruch gleichsam die Essenz der hier verkürzt mitgeteilten Erzählung Kjatibi Rumis, der, von rabiaten
Sektierern verkannt, verdächtigt und auf seinem Wege gewaltsam
gehindert, doch zuletzt ans Ziel gelangt. Goethe sah, was in Diez'
übersetzung etwas unklar bleibt, daß der Spruch" Was nicht gerade gefaßt worden, wird auch schief nicht erkannt" sich auf die
Gesamtsituation des in seinen redlichen Gesinnungen Verkannten
bezieht, keineswegs auf den Akt der Gefangennahme als solchen.
über die Ausdrücke "gerade" und "schief" wird noch zu sprechen
sein. Zunächst erweisen sie sich als sprichwörtliche Wendungen;
Düntzer hat ganz richtig gespürt, daß die letzten bei den Verse als
"allgemeiner Satz" zu nehmen seien.
245
"So langweilig .Ihnen aber auch der weitläufige Anhang vorkommen
mag: so habe ich doch auf Ihre Geduld gerechnet, daß Sie ihn nicht unge-
Katharina Mommsen
"Was hilft's dem Pfaffen-Orden"
lesen lassen werden, um über den Unfug mit zu richten, der von ein Paar
Innungsverwandten trauriger Gestalt, besonders von einem ganz verblendeten Idioten gegen mich verübt worden. Ich weiß zu verachten was
dumm, kindisch und ungelehrt ist. Da aber zugleich schaamlose Bosheit und
Verläumdung über mich hergefallen sind; so mußte ich endlich wider meinen Willen die Keule ergreifen, um darunter zu schlagen und die Unwissenheit aufzudecken, die wirklich unglaublich groß ist. Bedauern Sie mich,
daß ich meine Zeit mit solchen Elendigkeiten habe verlieren müssen 23 •
Was Diez hier in die Form eines Kompliments für Goethe kleidet, berührt letzten Endes das Verhältnis des Menschen zum
Wissen überhaupt. Um den "Geist" einer Sache zu erfassen, genügt es nicht, Detailkenntnisse zu sammeln. Die "Idee" muß zu
Hilfe kommen. Auch auf diese ewig problematische Forderung
mögen noch die Verse hinweisen:
Am 2. Februar 1816, also bald nach Entstehung des Pfaffenordengedichts, sendet Goethe seinen Dankbrief für die DA II an
Diez. Nach außerordentlichen Lobsprüchen über das Werk drückt
er zum Schluß sein Bedauern aus, "hier abermals ein Beyspiel gesehen zu haben, wie die Gildemeister, anstatt der guten Sache förderlich zu seyn, das Verdienst zu hindern und zu verdrängen
suchen. Doch will es" - schließt Goethes Brief - "zu unserer
Zeit nicht recht mehr gelingen, indem das Echte und Tüchtige
doch zuletzt seinen Platz behauptet"24.
Die Misere des angegriffenen Diez mit der des von den Sektierern verfolgten Kjatibi Rumi zu vergleichen, lag allerdings für
Goethe nahe genug. Vielleicht noch aufschlußreicher für unser
Gedicht ist der Schluß eines Diezschen Briefes vom 28 . November
1815, der eine Vorankündigung der DA 11 enthielt:
Alles deutet also darauf, daß das Gedicht vom "Pfaffen-Orden" ursprünglich einen Bezug auf Diez hat, und zwar einen positiven Bezug. Wenn Diez die Veröffentlichung des Divan noch erlebt hätte, so hätte er sicherlich diese Verse als besonders an ihn
gerichtet verstanden. Als Zuspruch und Ermunterung waren sie
offenkundig gedacht, zur Zeit als sie geschrieben wurden. Unbeschadet dessen gilt natürlich auch hier, was Goethe selbst so oft
betonte, daß Dichtung "unendlicher Auslegung fähig" ist. Selbstverständlich ist das Gedicht auch als Seitenhieb zu verstehen auf
die mancherlei Pfaffen- und Zunftanfeindungen, die Goethe zu erdulden hatte, in Religions- und Weltanschauungsdingen, wie aber
auch gerade in Sachen der Wissenschaft. Darüber hinaus reicht noch
seine überpersönliche Bedeutung als Weisheitsspruch überhaupt.
Manche Anzeichen lassen vermuten, daß Goethe hier auch speziell an die Erfahrungen in Sachen seiner Farbenlehre dachte.
Gerade im Jahr 1816 war er wieder viel auf diesem Gebiet tätig.
Die entopischen Farben beschäftigen ihn. Auch dachte er daran,
eine Sammlung von Nachträgen zur Farbenlehre zu veröffentlichen. Hier besonders wäre der Ort und die Gelegenheit gewesen,
seinen Kritikern zu antworten. Daß er dies unterließ, geschah ganz
bewußt. In der ".i\lteren Einleitung" zu jenen Nachträgen, geschrieben 1816/1817, gab Goethe hierüber eine Art Grundsatzerklärung ab, die zeigt, mit welch gleichgerichteten Problemen er beschäftigt war, als der Hammer-Diez-Konflikt auf seinem Höhepunkt anlangte:
246
"Wie aber die menschliche Vernunft an sich auf Erden nur einartig ist,
so verschieden und mannigfaltig auCh die Formen sind, worin sie . sich
nach Klimaten und Sprachen entwickelt und ausbildet: so muß man von
dieser Idee so durchdrungen seyn wie Ew. Hochwohlgeboren, um sich mit
Leichtigkeit in den Orient hineinzudenken, sobald Thatsachen dazu gegeben werden. Dies ist es, was so vielen von der Innung versagt worden,
ich meyne Kenner, welche nicht als Liebhaber sondern als Professionsverwandte die morgenländischen Sprachen treiben und vor den Worten den
Geist des Orients nicht sehen können. Sie werden darüber viele unerwartete
Beweise im Anhange des zweyten Bandes der Denkwürdigkeiten zu lesen
haben, wo ich das Geheimniß der Innung aufzudecken gezwungen gewesen,
weil man an mir als Liebhaber eine gute Beute zu finden glaubte 25 ."
23
24
25
Goethe-Jahrbuch 11, S. 33; AA 3 S. 222.
WA IV 26 S. 246.
Goethe-Jahrbuch 11, S. 32; AA 3 S. 221.
247
Was nicht gerade erfaßt worden
Wird auch schief nicht erkannt.
"Der Verfasser eines Entwurfes der Farbenlehre wurde oft gefragt:
warum er seinen Gegnern nicht antworte, welche mit so großer Heftigkeit
seinen Bemühungen alles Verdienst absprechen, seine Darstellung als mangelhaft, seine Vorstellungs art als unzulässig, seine Behauptungen als un-
Katharina Mommsen
"Was hilft's dem Pfaffen-Orden"
haltbar, seine Gründe als unüberzeugend ausschreien. Hierauf ward einzelnen Freunden erwidert: daß er von jeher zu aller Controvers wenig
Zutrauen gehabt, deßhalb er auch seine frühem Arbeiten nie bevorwortet, weil hinter einer Vorrede gewöhnlich eine Mißhelligkeit mit dem
Leser versteckt sei. Auch hat er allen öffentlichen und heimlichen Angriffen auf sein Thun und Bemühen nichts entgegengestellt, als eine fortwährende Thätigkeit, die er sich nur durch Vermeidung alles Streites,
welcher sowohl den Autor als das Publicum von der Hauptsache gewöhnlich ablenkt, zu erhalten entschlossen blieb; ich habe, sprach er, niemals Gegner gehabt, Widersacher viele 26 ."
dern gewußt." So heißt es dort - das Wort "Papstthum" wird
in gleichem Sinne noch ein zweites Mal gebraucht28 . Mag auch hier
das bevorstehende Reformationsjubiläum, das Goethe schon 1816
nachweislich beschäftigte, auf die Diktion mitbestimmend gewirkt
haben, es scheint doch gleichfalls noch unser Gedicht vom "Pfaffen-Orden" nachzuklingen, das von Ende Januar 1816 stammte.
Nicht unerwähnt darf es bleiben, daß einer der Hauptgegner
von Goethes Farbenlehre ausgerechnet Christoph Heinrich P f a f f
hieß. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sowohl der erste Vers unseres
Gedichtes als auch die angeführten Wendungen der "Alteren Einleitung" ironisierend auf diesen Namen anspielen. Im Frühjahr
1816 beschäftigte sich Goethe viel mit seinen "Widersachern", griff
auch nachweislich zu der in seinem Besitz befindlichen Schrift von
Pfaff: Ueber Newton's Farbentheorie, Herrn von Goethe's Farbenlehre und den chemischen Gegensatz der Farben. Leipzig 1813.
(Tagebuch 28 . April 1816). In der auf Farbenlehre-Probleme bezüglichen Korrespondenz mit Seebeck findet sich um diese Zeit der
charakteristische Satz: "Die Schriftgelehrten recitieren bei dieser
Gelegenheit ihren alten Rosenkranz ... "29! Vielleicht entstand
1816 auch das - undatierte - Nachlaßgedicht "Absurder Pfaffe"!,
von dem man vermutet, daß es sich auf Chr. H. Pfaff beziehe.
Unmittelbar vor jener "Alteren Einleitung" zu den Farbenlehrenachträgen ließ Goethe, als Motto der ganzen Publikation, ein
Gedicht drucken, das gleichfalls noch an die Verse vom "PfaffenOrden " erinnert. Geschrieben wurde es 1817, also in demselben
Zeitraum, in dem wir uns hier immer bewegen:
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Man begreift Goethes Stellungnahme zum Hammer-Diez-Konflikt besser, wenn man sich diese Erklärung vergegenwärtigt. Was
Goethe ablehnt, ist nicht so sehr sachliche Polemik, an der es auch
in den Nachträgen zur Farbenlehre nicht fehlt, als persönliche
"Controvers", privater Federkrieg. Gegner, die wirklich etwas zu
sagen hätten, würde er in Betracht ziehen, Widersacher nicht 27 •
Die beste Entgegnung bestünde in "fortwährender Thätigkeit". In
diesem Sinne riet schon "Wanderers Gemüthsruhe", im Hinblick
auf Diez, sich nicht mit Niederträchtigkeiten aufzuhalten.
In derselben Einleitung zu den · Farbenlehrenachträgen wird
übrigens von dem "pfäffischen Aberglauben" der Anhänger Newtons gesprochen. Das mag uns wieder daran erinnern, wie nah
zeitlich das Pfaffenordengedicht steht. Auch ist es wohl nicht Zufall, wenn in den von 1816/1817 stammenden Entwürfen zu jener Einleitung ähnliche Vokabeln auftauchen. In diesen Entwürfen
war die Tonart noCh wesentlich schärfer als im endgültigen Text.
"Gegen das Papstthum der einseitigen Naturlehren welches sich
anmaßt durch Zeichen und Zahlen den Irrthum in Wahrheit zu
verwandlen habe ich meine Thesen schon vor vielen Jahren angeschlagen. Aber die künstliche Behendigkeit dieses Pfaffengeschlechtes hatte eine allgemeine Wirckung meines Unternehmens zu hin26
Priester werden Messe singen
Und die Pfarrer werden pred'gen,
Jeder wird vor allen Dingen
Seiner Meinung sich entled'gen
,U nd sidl der Gemeine freuen,
Die sich um ihn her versammelt,
So im Alten wie im Neuen
Ohngefähre Worte stammelt.
WAll 51 S. 321.
"Widersacher kommen nicht in Betracht, denn mein Dasein ist ihnen
verhaßt, sie verwerfen die Zwecke, nach welchen mein Thun gerichtet ist,
und die Mittel dazu achten sie für eben so viel falsches Bestreben. Ich
weise sie daher ab und ignorire sie, denn sie können mich nicht fördern,
und das ist's, worauf im Leben alles ankommt." ("Bedeutende Förderniß
durch ein einziges geistreiches Wort"; geschrieben 1823. WA II 11 S. 60.)
249
27
WA II 52 S. 374 f. Hier nach der Handschrift verbessert.
Goethe an Th. J. Seebeck 11. Mai 1816. Jahrb. d. Goethe-Gesellschaft 10 (1924) S. 175.
28
29
250
Katharina Mommsen
"Was hilft's dem Pfaffen-Orden"
251
Und so lasset auch die Farben
Mich nach meiner Art verkünden,
Ohne Wunden, ohne Narben,
Mit der läßlichsten der Sünden.
Laß dich nur in keiner Zeit
Zum Widerspruch verleiten,
Weise fallen in Unwissenheit
Wenn sie mit Unwissenden streiten.
Es hat sich also gezeigt, wie sehr Goethe in dem Vierzeiler vom
"Pfaffen-Orden" auch in eigener Sache spricht. Selbst die Wendung
V. 3 f.
Von diesen Versen gilt, aus den gleichen Gründen der Aktualität wie beim Pfaffen orden gedicht, daß sie im Moment der Entstehung auch als Botschaft an Diez gedacht waren. Nur gab Goethe
diesmal eine Mahnung: besser hätte Diez getan, zu schweigen,
wie sehr ihm auch zugesetzt wurde. Das Gedicht enthält im
Grunde die gleiche Maxime, die wir in der "Älteren Einleitung"
zu den Farbenlehrenachträgen ausgesprochen fanden: in persönli-:he Kontroverse mit Widersachern soll man sich nicht einlassen.
Durch den Hinweis auf die Kjatibi-Rumi-Stelle, die Goethe natürlich aus dem Herzen gesprochen war, wurde Diez gleichzeitig
auf anmutige Weise eine Freundlichkeit gesagt, erinnerte Goethe
damit doch an sein Buch, die DA II. [ ... ]
Was nicht gerade erfaßt worden
Wird auch schief nicht erkannt
enthält aus der Perspektive der Farbenlehre heraus gesehen, eine
eigene Realität. Goethes Tendenz war, eine "reine Erfahrungslehre" aufzustellen 30, den Newtonianern warf er vor, daß sie
durch ihre "verzwickten" Experimente der Natur Gewalt antäten:
Freunde, flieht die dunkle Kammer
Wo man euch das Licht verzwickt,
Und mit kümmerlichstem Jammer
Sich verschrobnen Bildern bückt31 •
übrigens regte die Episode von Kjatibi Rumis Streit mit den
Schiiten u. a. noch zwei Divan-Gedichte aus dem Buch der Sprüche
an, die speziellen Bezug auf Diez haben dürften.
Wir sahen: Kjatibi Rumi hatte sich bei dem Rencontre mit
starrsinnigen, dabei gefährlichen Sektierern als echter Weiser betragen, indem er sein ganzes Verhalten darauf abstellte, nicht in
Kontroverse einzutreten, und mit seiner Meinung zurückhielt.
"So handelte ich nach dem Sprüchworte: Stillschweigen ist die
Antwort für Einfältige32 , und beobachtete ein tiefes Stillschweigen, sagt Kjatibi Rumi, von seinen Gegnern in die Enge getrieben;
er fährt fort mit eigenen Versen, in denen es heißt: " ... hadere
nicht, 0 Herz mit Frommen! Weise fallen in Unwissenheit, wenn
sie mit Unweisen streiten"33. Wie man weiß, regte der letzte Satz
das ganz in der Nachbarschaft der Verse vom "Pfaffen-Orden"
stehende Divan-Gedicht an:
80
81
82
88
"Altere Einleitung" WA II
WA I 3 S. 356.
Im Original gesperrt.
DA II S. 236.
51
S. 323.
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