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Die Therapie der Alzheimer-Krankheit – Was ist möglich?

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Drei Veranstaltungen zum Welt-Alzheimer-Tag:
Die Therapie der Alzheimer-Krankheit – Was ist möglich?
Heilen kann man die Alzheimer-Krankheit bis heute nicht. Doch so schockierend die
Gewissheit nach einer Demenzdiagnose für Betroffene auch sein mag − es gibt ein
lebenswertes Leben danach. Die Beschwerden lassen sich mit einer passenden Behandlung
lindern, der Verlauf der Krankheit kann verzögert werden. Die gemeinnützige Alzheimer
Forschung Initiative e.V. (AFI) informierte anlässlich des Welt-Alzheimer-Tags mit drei
Veranstaltungen zum Thema „Die Therapie der Alzheimer-Krankheit“.
„Von Pflanzen, kleinen Pfoten und wertvollen Wirkstoffen“
Therapieansätze bei Alzheimer im Überblick
Die Besucher im Stadtmuseum Düsseldorf staunten nicht schlecht. Ein echtes Schwein sieht
man dort wohl höchst selten. Dabei ist Eber „Felix“ nicht irgendein Schwein, sondern ein
ausgebildetes Therapieschwein. Auf Einladung der AFI war Physiotherapeut Daan Vermeulen
mit seinem Felix zu Gast bei der Veranstaltung.
Schwein im Stadtmuseum: Eber Felix in Aktion (Foto: Wolf R. Ussler)
„Tiere können helfen, Menschen mit Demenz zu aktivieren und Brücken zu bauen“, sagte
Vermeulen, der Felix im Rahmen der tiergestützten Therapie bei Demenzpatienten in
Seniorenheimen einsetzt. „Die Liebe zu Tieren ist bei Demenzpatienten trotz der Erkrankung
vorhanden. Da sie von den Tieren so akzeptiert werden wie sie sind, steigert das auch ihr
Selbstwertgefühl“, so Vermeulen. Die Besucher im Stadtmuseum hatte Felix ebenfalls schnell
überzeugt. Dabei sind Schweine eigentlich Fluchttiere. Felix wurde aber von Physiotherapeut
Vermeulen an den Umgang mit Menschen gewöhnt. Im Stadtmuseum genoss es der Eber
sichtlich, sich von den Besuchern streicheln und füttern zu lassen. Nicht weniger
Aufmerksamkeit zogen die drei Hunde „Luna“, „Erdmann“ und „Bam-Bam“ von Therapeutin
Alexandra Taut sowie die Kaninchen und Meerschweinchen der AWO Düsseldorf auf sich.
Aus dem Wissenschaftlichen Beirat der AFI: Prof. Dr. Jörg B. Schulz (Foto: Wolf R. Ussler)
Zuvor hatte Prof. Dr. Jörg B. Schulz, Direktor der Neurologischen Klinik des
Universitätsklinikums Aachen und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der AFI, einen
Überblick über die medikamentöse Therapie der Alzheimer-Krankheit und den aktuellen
Stand der Erforschung neuer Medikamente gegeben. Prof. Schulz erklärte die Wirkungsweise
der bisher verfügbaren Antidementiva Donepezil, Galantamin und Rivastigmin aus der
Gruppe der Acetylcholinesterase-Hemmer sowie des Glutamat-Antagonisten Memantine. Er
sprach sich grundsätzlich dafür aus, bei Verträglichkeit der Medikamente immer die
Höchstdosierung anzustreben, da so die bestmögliche Wirkung entfaltet werde. Eine
Kombinationstherapie mit Donepezil und Memantine zeige bessere Ergebnisse als die
Behandlung mit einem einzigen Wirkstoff. Außerdem, so Prof. Schulz, sei mittlerweile durch
Studien belegt, dass eine kontinuierliche Gabe der Medikamente auch im fortgeschrittenen
Stadium positiv sei.
In Bezug auf die aktuelle Forschung sagte Prof. Schulz: „Viele Wirkstoffkandidaten werden in
großen Studien getestet, ein Durchbruch steht bislang aber noch aus.“ Er erklärte, dass es
verschiedene Ansätze gibt, um die Alzheimer-Krankheit aufzuhalten bzw. gar nicht erst
entstehen zu lassen – dazu gehören beispielsweise die passive oder aktive Impfung. Einen
ganz anderen Weg gehen die Forscher dagegen in Aachen. Mit Hilfe von Neurofeedback
sollen Patienten ihre eigene Gedächtnisleistung ankurbeln. Das Forschungsvorhaben von
Projektleiterin Prof. Dr. Kathrin Reetz wird von der AFI mit 79.400 Euro unterstützt.
In Düsseldorf leider nicht mit dabei sein konnte Prof. Dr. Dr. Jens Pahnke von der Universität
Magdeburg. Ein Streik der Lokführer sowie eine Evakuierung des Magdeburger Bahnhofs
machten eine Anreise unmöglich. Ausführliche Informationen zu seinem Thema
„Heilpflanzenforschung“ inklusive eines Interviews finden Sie am Ende dieses
Veranstaltungsberichts.
„Dürfen wir bitten?“
Tanz und andere Therapieformen bei Alzheimer
Tanzen kann man in Düsseldorf an vielen Orten, aber ein Tanz mitten auf dem HeinrichHeine-Platz ist dann schon etwas Besonderes. Über 50 Tänzer waren unserer Einladung zur
Veranstaltung „Dürfen wir bitten? – Tanz und andere Therapieformen bei Alzheimer“
gefolgt. Tanzleiterin Hanna Jenet gab auf dem Heinrich-Heine-Platz den Takt vor, die Tänzer
unterhielten das Publikum mit Block- und Kreistänzen.
Im „zentrum plus“ der AWO Altstadt Düsseldorf hatte zuvor Martina Piff, pädagogische
Leiterin des Langen-Instituts Düsseldorf, den Nutzen der Tanztherapie für Demenzpatienten
und ihre pflegenden Angehörigen vorgestellt. Die Tanztherapeutin erklärte den Teilnehmern
nicht nur Ursprung, Sinn und Zweck der Tanztherapie, sondern motivierte mit verschiedenen
Mitmachübungen gleich zum Ausprobieren. „Die Tanztherapie ist eine Form der
künstlerischen Therapien. Man lernt seinen Körper nutzen und die Kontrolle über den Körper
erhöht das Selbstbewusstsein“, sagte Tanztherapeutin Martina Piff. Tanzen führt zu einer
bewussteren Körperwahrnehmung und erweitert das Bewegungsrepertoire. Das stärkt das
Selbstvertrauen und fördert die Kontakt- und Beziehungsfähigkeit. Dies ist für
Demenzpatienten sehr wichtig, da so nicht nur Vereinsamung vorgebeugt werden kann,
sondern auch Emotionen besser verarbeitet werden können.
Gemeinsamer Blocktanz auf dem Heinrich-Heine-Platz in Düsseldorf (Foto: Wolf R. Ussler)
Ein guter Tänzer ist auch der AFI-Vorstandsvorsitzende Dr. Michael Lorrain. Der in Düsseldorf
niedergelassene Neurologe berichtete aber vor allem über die unterschiedlichen
Therapieansätze für Menschen mit Alzheimer. „Wir können Alzheimer nicht heilen, aber wir
können die Krankheit und vor allem die Pflegebedürftigkeit hinauszögern“, sagte Lorrain.
„Dazu müssen medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapie ineinandergreifen“, so
Lorrain weiter. Daher empfahl der Neurologe, bei der Verschreibung von AlzheimerMedikamenten immer gezielt nach begleitenden Behandlungsformen zu fragen. Diese nichtmedikamentösen Therapien können die Alltagskompetenz und damit die Lebensqualität der
Patienten verbessern. Je früher die Therapien einsetzen, desto größer ihr Nutzen.
Dr. Lorrain führte aus, dass neben den gängigen Alzheimer-Medikamenten (CholinesteraseHemmer und Memantine) häufig auch spezielle Medikamente zur Linderung einzelner
Symptome der Krankheit verschrieben werden. Das können, je nach Ausprägung des
Krankheitsverlaufs, Mittel zur Stimmungsaufhellung (Antidepressiva), Medikamente gegen
Unruhe, Wahngedanken und Sinnestäuschungen (Neuroleptika) oder Substanzen zur
Verbesserung der Beweglichkeit (Anti-Parkinson-Mittel) sein.
Flankierend sind dabei immer nicht-medikamentöse Behandlungsformen sinnvoll. Diese
Maßnahmen richten sich zum einen an die Patienten, z.B. zur Strukturierung des
Tagesablaufs oder zur sozialen Aktivierung. Zum anderen richten sie sich an die pflegenden
Angehörigen in Form von Schulungen oder Selbsthilfegruppen. Von den sehr vielfältigen
nicht-medikamentösen Therapiemöglichkeiten stellte Dr. Lorrain einige stellvertretend vor.
Besondere Aufmerksamkeit erfuhr dabei die niederländische Therapieform Snoezelen. Das
„Snoezelen“, zu Deutsch „kuscheln“, wird in Deutschland nur selten eingesetzt, da es sehr
personalaufwändig und damit kostenintensiv ist. Der therapeutische Nutzen des Snoezelen
ist bereits in mehreren Studien wissenschaftlich belegt worden. Es wird in speziell
ausgestatteten Räumen durchgeführt. Auf einem auf Körpertemperatur beheizten und in
rotes Licht getauchten Wasserbett liegen die Patienten gemeinsam mit der pflegenden
Person. Unter dem Bett befindet sich eine Bass-Box, die einen ruhigen Herzschlag akustisch
simuliert. Durch dieses Ensemble wird ein sehr tiefer Entspannungszustand erreicht, der
aktivierende und regenerierende Reaktionen im Gehirn auslöst.
„Sport und Bewegung“
Kernstück der Prävention und Therapie der Demenzerkrankung
„Sport ist gut. Für jung, für alt und für sehr alt. Für gesunde Menschen und solche, die nicht
mehr so ganz fit sind“, sagte AFI-Botschafterin und Sport-Moderatorin Okka Gundel zu
Beginn der Veranstaltung im Hockey-Judo-Zentrum der Deutschen Sporthochschule Köln.
Immerhin war die Wahl-Kölnerin selbst mit dem Fahrrad angereist und fragte die Teilnehmer
sogleich „Haben Sie auch alle Ihre Trainingshosen mit?“
Sport-Moderatorin und AFI-Botschafterin Okka Gundel (© Alzheimer Forschung Initiative e.V.)
Zunächst sorgte aber Tim Fleiner vom Institut für Sport- und Bewegungsgerontologie der
Deutschen Sporthochschule Köln für eine Einführung ins Thema Sport und Bewegung zur
Prävention und Therapie von Demenzerkrankungen. „Die körperliche Aktivität ist ein
Schlüssel in der Demenzprävention. Selbst im Alter können wir noch etwas tun, um unser
Demenzrisiko zu senken und unsere Alltagskompetenz aufrecht zu erhalten“, sagte Fleiner.
Er empfahl den Besuchern, sich etwa 150 Minuten in der Woche – also 30 Minuten pro Tag
an fünf Tagen in der Woche – zu bewegen. „Das Training sollte nicht zu leicht und nicht zu
schwer fallen. Man sollte schon ins ‚Schnaufen‘ kommen, aber beim Training noch reden
können.“ Die Bewegung müsse nicht zwingend am Stück erfolgen, sondern könne auch über
den Tag verteilt sein. Als Empfehlung gab Fleiner den Besuchern an die Hand, am Tag
mindestens 7.000 Schritte zu gehen – also rund 1,5 km.
Fitnesstraining hat aber nicht nur für gesunde Senioren Vorteile, auch Menschen mit
Demenz können von Bewegung profitieren. „Auch bei kognitiver Einschränkung sehen wir
den Nutzen durch Fitnesstraining“, sagte Fleiner. „Die Effektivität des Trainings ist zwischen
kognitiv gesunden Senioren und Demenzpatienten hinsichtlich Ausdauer und Kraft nahezu
identisch.“ Fleiner stellte auch das „Trainingskarussell“ vor, das er derzeit bei Menschen mit
Demenz in der LVR-Klinik in Köln-Merheim einsetzt. Trainiert wird hier mehrfach am Tag –
immer zu festen Zeiten. Dadurch erreicht Fleiner neben der Steigerung der Beweglichkeit
auch eine Strukturierung des Tagesablaufs durch das Training. „Wir versuchen so, dem bei
der Alzheimer-Krankheit typischen Herumwandern und der weit verbreiteten Nachtaktivität
vorzubeugen“, sagte Fleiner.
Fit für 100: Die Veranstaltungsteilnehmer sind gefordert
Wie Demenzpatienten gemeinsam mit ihren Angehörigen in einer Gruppe Sport machen
können, stellte Katharina Gangel, ebenfalls vom Institut für Sport- und
Bewegungsgerontologie, vor. Denn aus dem in Köln entwickelten Programm „Fit für 100“ ist
„NADiA – Neue Aktionsräume für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen“
hervorgegangen. Das Programm ist zwar keine Heilungsmöglichkeit, aber ein Therapieansatz
für die Abschwächung der Krankheitssymptome und den Erhalt der Alltagskompetenz. Die
zehn Übungen sind alltagsnah und können im Sitzen oder Stehen durchgeführt werden. Ziel
ist es, Kraft und Koordination zu steigern und somit auch Stürzen vorzubeugen. „NADiA“
wird als niedrigschwelliges Angebot von der Pflegeversicherung unterstützt.
Anschließend waren die Teilnehmer der Veranstaltung gefordert. Gangel zeigte einfache
Übungen, die jeder zu Hause nachmachen kann. Weitere Informationen zu den Programmen
„Fit für 100“ und „NADiA“ bietet die Deutsche Sporthochschule Köln unter 0221 - 4982 6142.
Heilpflanzenforschung – Altes Wissen neu entdeckt
Erfolgserlebnisse sind in der Alzheimer-Forschung nicht unbedingt an der Tagesordnung.
Forscher verstehen zwar die Grundlagen der häufigsten aller Demenzen immer besser,
Ergebnisse von Tests mit möglichen neuen Wirkstoffen lassen die Wissenschaftselite
dagegen nicht gerade in Jubelstürme ausbrechen. Ist gegen Alzheimer also wirklich kein
Kraut gewachsen? Erfahren Sie mehr über aktuelle Ansätze aus der Heilpflanzenforschung.
Prof. Dr. Dr. Jens Pahnke macht sich Jahrtausende altes Wissen aus verschiedenen Kulturen
zunutze. Mit seinem Team an der Universität Magdeburg untersucht er Extrakte von
Pflanzen, denen eine Wirkung gegen kognitive Störungen nachgesagt wird. Pahnke ist
Experte auf dem Gebiet der Funktion von Blut-Hirn-Schranken Transportmolekülen. Klingt
kompliziert, ist es aber nicht: Der 41-Jährige erforscht, wie Stoffe aus dem Gehirn
abtransportiert werden. Mit Recht. Seine erfolgreichen Studien zeigen, dass die „Reinigung“
des Gehirns von giftigen Stoffwechselprodukten ein großes Potenzial hat. Mit finanzieller
Unterstützung der AFI gelang es Pahnke, den entscheidenden Transporter für den
Abtransport des Alzheimer-Proteins Beta-Amyloid zu identifizieren. Nun muss diese
körpereigene „Müllabfuhr“ noch bestmöglich aktiviert werden. Einige aussichtsreiche
Kandidaten hat Pahnke bereits ausgemacht, darunter Eisenkraut und Johanniskraut.
In Griechenland gilt das Eisenkraut schon seit jeher als Heilmittel und wird zur Stärkung der
Geisteskräfte eingesetzt. Zumeist wird es als Bestandteil des griechischen Bergtees
getrunken. 2010 zeigten die Laborarbeiten Pahnkes, dass hinter der positiven Wirkung des
griechischen Krauts mit dem wohlklingenden botanischen Namen „Sideritis scarica“
tatsächlich mehr steckt. Sein Team behandelte genetisch veränderte Mäuse, die schon nach
wenigen Monaten Alzheimer-Symptome bekommen, mit einem Extrakt aus griechischem
Eisenkraut. Das Ergebnis: Ein gesteigertes Gedächtnis- und Orientierungsvermögen der
Tiere, das durch eine Verringerung der Alzheimer-typischen Ablagerungen erzielt werden
konnte. Auch wenn noch nicht ganz klar ist, wie das Eisenkraut seine Wirkung im Gehirn
entfaltet, kann eine Tasse des anregenden Kräutertees sicherlich nicht schaden.
Johanniskraut dagegen wird seit jeher bei depressiven Verstimmungen eingesetzt. Laut
aktuellen Forschungsergebnissen Pahnkes hat die Heilpflanze einen hocherfreulichen
Zusatznutzen. Ein ganz spezielles nebenwirkungsarmes Johanniskrautextrakt (das
sogenannte Hyperforin/Hyperizinarme 80%ige ethanolische Extrakt) ist demnach in der Lage,
Alzheimer-Plaques zu reduzieren und die Gedächtnis- und Orientierungsfunktion zu
verbessern. Da Demenzpatienten häufig an Depressionen leiden, ist eine kombinierte
Therapie von Depressionen und Demenzen von großem Interesse. Der genaue
Wirkmechanismus des Johanniskrauts wird jetzt erforscht.
Seit vielen Jahren wichtiger Bestandteil der Heilpflanzenforschung ist Ginkgo. Bekannt
geworden ist die aus China stammende Baumart durch Johann Wolfgang von Goethe, der
Ende des 18. Jahrhunderts einen Ginkgo-Baum im Botanischen Garten von Jena angepflanzt
haben soll, und 1816 ein Gedicht mit dem Titel „Ginkgo biloba“ schrieb. Während es in
Goethes Versen um Liebe und Freundschaft geht, bezeichnet Ginkgo biloba in der
Naturwissenschaft den Extrakt aus den Blättern des Ginkgo-Baums, der zur Förderung der
Durchblutung eingesetzt wird. Er gilt allgemein als gut verträglich.
Die Wirkung von Ginkgo auf Alzheimer-Patienten wurde in verschiedenen Studien
untersucht. Auch wenn die Ergebnisse sehr unterschiedlich ausfielen, sieht das Institut für
Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) eine Verbesserung der
Alltagsaktivitäten bei einer höheren Dosierung von täglich 240 mg als belegt an. Eine
Verbesserung der kognitiven Leistung sowie eine vorbeugende Wirkung konnten hingegen
nicht nachgewiesen werden.
Abtransport von Alzheimer-Eiweiß mit Heilpflanzen aktivieren
Im Gespräch mit Prof. Jens Pahnke
Herr Prof. Pahnke, Sie wurden 2009 − 2011 von der AFI mit einem Forschungspreis
gefördert. Mit den Mitteln erforschten Sie Reinigungsmechanismen des Gehirns. Sie haben
damals ein Transportermolekül (ABCC1) entdeckt, das für den Abtransport von betaAmyloid- zuständig ist. Was hat sich bezüglich dieses Ergebnisses inzwischen ergeben?
Aus diesen Ergebnissen hat sich zum Beispiel unsere
Forschung am Johanniskraut entwickelt. Wir wollten
wissen, was genau den Abtransport von beta-AmyloidFragmenten aktiviert, das sind Vorstufen der
nervenzellschädigenden Alzheimer-Plaques. Dabei
stießen wir unter anderem auf das Johanniskraut
(Hypericum perforatum). Schon seit dem „Cochrane
Report“ von 2009 ist bekannt, dass bei
Altersdepressionen Johanniskraut besser wirkt als
herkömmliche Antidepressiva. Und wir können bei
Patienten beobachten, dass das Absetzen des Krauts zu
einer Verschlechterung der kognitiven Leistung führt
und dessen Wiedereinnahme zur Verbesserung.
Die spannende Frage ist, wieviel Depression wirklich in Alzheimer steckt. Mittlerweile gehen
wir nämlich davon aus, dass bei Altersdepressionen und Demenz ähnliche oder sogar
derselbe ursächliche Mechanismus eine Rolle spielt. Das ist ein sehr interessanter Ansatz, an
dem wir gerade arbeiten, unter anderem in Zusammenarbeit mit Prof. Bengt Winblad vom
Karolinska Institutet in Stockholm.
Bei unseren Alzheimer-Patienten, die derzeit mit Johanniskraut behandelt werden, sehen wir
die ganze Bandbreite von Reaktionen auf die Gabe. Das reicht von keiner messbaren
Wirkung über eine Stabilisierung oder einer Verbesserung bis hin zur rapiden Verbesserung
der kognitiven Leistungen. Wir hatten auch Fälle, dass Patienten, die nicht mehr mit den
Angehörigen kommunizierten, sich wieder verbal verständlich äußerten. Einem Kollegen aus
Süddeutschland konnten wir u.a. die Kommunikation mit seiner Mutter wiederherstellen. Er
hat sich sehr darüber gefreut.
Im nächsten Schritt möchten wir in Zusammenarbeit mit dem Karolinska Institutet und
unserem neuen Labor an der Universität Oslo sowie den Kollegen dort einkreisen, welche
Patienten von der Aktivierung des Abtransports der schädlichen Proteine profitieren können.
Wer genau spricht auf die Behandlung an, wer tut das nicht und vor allem warum?
Johanniskraut steht mit einer ganzen Reihe von Medikamenten in Wechselwirkung. Was
raten Sie, wenn Alzheimer-Patienten Johanniskraut einnehmen möchten?
Grundsätzlich hat Johanniskraut das Potenzial für Nebenwirkungen, aus unserer Erfahrung
sind sie nicht ganz so ausgeprägt, wie es manchmal dargestellt wird. Das Johanniskraut trägt
zu einem schnelleren Abbau von Substanzen in der Leber bei. Wir sind in engem Kontakt mit
den Hausärzten, denn die Patienten sollten diesen vor der Einnahme von Johanniskraut
immer konsultieren. Die möglichen Wechselwirkungen können von Patient zu Patient
unterschiedlich sein, das sollte geklärt und beobachtet werden.
Bei der Einnahme rate ich zudem zu etwas Geduld. Nach ein bis zwei Monaten der Einnahme
von Johanniskraut ist mit einer vollen Wirkung zu rechnen. Vielleicht liegt das daran, dass
der ganze angesammelte Abfall von giftigen Proteinen erst einmal Beiseite geschafft werden
muss.
Wie kommt es, dass Sie sich mit Ihrer Gruppe der Heilpflanzenforschung verschrieben
haben?
Das war eher Zufall. Als wir 2011 unseren Transporter beschrieben hatten, gingen wir auf die
Suche nach einem Aktivator. Erst hatten wir Hopfen (Humulus lupulus) im Blick − das brachte
nicht die gewünschten Resultate und wir haben weitergesucht. Natürlich ist diese Suche
nicht beliebig, wir konzentrieren uns auf Pflanzen, denen aus der traditionellen Medizin eine
Wirkung nachgesagt wird und machen uns daran, dieses „alte Wissen“ wissenschaftlich zu
testen.
Trinken Sie Tee aus griechischem Eisenkraut (Sideritis scarica)? Ab welcher Menge könnte
man überhaupt von einer Wirkung ausgehen? Genügt eine Tasse pro Tag?
Ja, ich trinke ihn auch. Ich habe einen Kocher im Büro stehen und brühe mir hier meinen Tee
auf. Auch als Geschenk für ältere Freunde und Familienmitglieder macht sich der Bergtee
gut. Mittlerweile bekomme ich auch öfter Proben aus Griechenland zugeschickt, die dann
natürlich verkostet werden müssen. Patienten empfehle ich, einen Liter pro Tag zu
konsumieren mit 3 − 4 EL Siderits. Noch besser als Wasser wirkt natürlich eine 20%
ethanolische Tinktur vom griechischen Eisenkraut, hergestellt vom Apotheker oder
Eigenproduktion, davon nimmt man dann ein kleines Glas täglich.
Wem der Geschmack des Tees nicht gefällt oder wer Abwechslung braucht, kann ihn auch
mit Pfefferminze mischen. Und das Eisenkraut besser nicht nachziehen lassen, dass kann
einen pelzigen Geschmack verursachen! Es gibt mittlerweile auch Mischungen im Handel wie
zum Beispiel Johanniskraut und Thymian, gemischt mit griechischem Bergtee.
Können Sie schon andere Kandidaten nennen, die der Gesundheit in ähnlichem Maße
zuträglich sein könnten wie griechisches Eisenkraut und Johanniskraut?
Insgesamt haben wir schon 100 – 150 Pflanzen untersucht. Wir konzentrieren uns auf
europäische Gewächse, da ist die spätere Zulassung nicht so langwierig. Verbesserte
Pflanzen können so einfach viel schneller eingesetzt werden. Wir arbeiten derzeit an einer
viel versprechenden Wurzel – mehr möchte ich dazu erst sagen, wenn die Zeit reif ist.
Wir haben gehört, Ihr Labor wandert nach Norwegen aus?
Ja, wir werden in Kürze in Skandinavien tätig werden. Unsere Kooperationspartner in
Norwegen und Schweden hatten sehr großes Interesse an unserer Expertise für neue
Therapien und Diagnostik bei Alzheimer und so kam es zu diesem neuen Engagement an der
Universität Oslo. In Skandinavien existieren interessante Forschungsnetzwerke und in Oslo
sind Forschergruppen angesiedelt, die ebenfalls am Abtransport von beta-Amyloid arbeiten.
Wir bleiben aber für unsere Patienten per Telefon, Email und über unsere Homepage
www.NRL.ovgu.de erreichbar und freuen uns immer über Rückmeldungen.
Herr Professor Pahnke, wir danken für das Gespräch!
Das Team der Alzheimer Forschung Initiative e.V. (AFI) hofft, dass Ihnen die
Veranstaltungen gefallen haben und Ihre Fragen beantwortet wurden.
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