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Dietrich Treis WAS IST AUS DEM BROTKORB EUROPAS

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WAS IST AUS DEM BROTKORB EUROPAS GEWORDEN?
Dietrich Treis
Dietrich Treis
WAS IST AUS DEM BROTKORB EUROPAS GEWORDEN?
Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeitserklärung
von 1991 war die Hoffnung groß, dass die Ukraine bald wieder ihrem
Ruf als Brotkorb Europas gerecht wird. Misswirtschaft und die
verzögerte Privatisierung ließen die Ernte dann jedoch fast jährlich
wieder sinken, bis sie im Jahr 2000 zu gering war, um für die
Versorgung der eigenen Bevölkerung auszureichen. Die Ukraine
wurde zum Getreideimporteur. In der Konsequenz wurde die
Privatisierung forciert, was zu einem starken Produktionsanstieg führte
(Bild 1). Die Ukraine wurde auf den Getreidemärkten wieder
wahrgenommen.
Bild 1: Getreideproduktion in der Ukraine
Kolchoswirtschaft.1 Erst seit Sommer 2000 hat sich die Situation in der
Landwirtschaft und für die Bewohner des ländlichen Raums
verbessert. Rückblickend lässt sich heute die Geschichte der unabhängigen Ukraine in den Zeitraum vor 2000, also vor der
Privatisierung, und den Zeitraum nach 2000, sprich mit einer privatisierten Landwirtschaft und zu großen Teilen liberalisierten Märkten,
einteilen.
Im folgenden Beitrag wird ein kurzer Überblick über die historische
Entwicklung der ukrainischen Landwirtschaft gegeben. Anschließend
wird die Privatisierung im Jahr 2000 dargestellt sowie deren
Auswirkungen auf die Betriebe, den Landmarkt und den ländlichen
Raum.
Im Jahr 2003 hat es eine wetterbedingte Missernte gegeben mit der
Folge, dass Reformen teilweise wieder zurückgenommen worden
sind. Diese Situation ist ein Hinweis auf den tatsächlichen
Reformwillen der ukrainischen Regierung und deutet die weitere
Entwicklung des Landes an. Daher wurde ihr ein eigener Abschnitt
gewidmet.
Im letzten Teil soll eine Antwort auf die Frage gegeben werden, ob und
wie schnell die Ukraine den alten Ruhm als Brotkorb Europas wiedererlangen kann.
Vom Großgrundbesitzer zum reformierten Kolchos
Quelle: Staatl. Statistikkomitee
Wie wichtig die Landwirtschaft für die Ukraine ist, zeigt ihr Anteil am
Bruttosozialprodukt in Höhe von 19%. Unter Einbeziehung der
Lebensmittelverarbeitung sowie anderer vor- und nachgelagerter
Bereiche sind es sogar mehr als 30%. Die Landwirtschaft ist der
wichtigste Arbeitgeber im ländlichen Raum, in vielen Gegenden der
einzige. Noch in den neunziger Jahre ähnelte die ukrainische
Agrarwirtschaft in vielerlei Hinsicht der früheren sowjetischen
1
Um die Situation in der Ukraine und insbesondere der
Landbevölkerung besser zu verstehen, lohnt es sich, in die
Vergangenheit zu blicken. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in
Russland und damit auch in der Ukraine, die damals noch zum
Zarenreich gehörte, die Leibeigenschaft verboten. Doch abgesehen
von der Verbesserung ihres rechtlichen Status änderte sich für die
Mehrzahl der Landbewohner damit nicht viel mehr.
Im Jahr 1919 riefen die Bolschewiken die Ukrainische Sozialistische
Sowjetrepublik aus, drei Jahre später wurde sie der Sowjetunion
angegliedert. Große Teile der heutigen Westukraine, das so genannte
Galizien, gehörten damals noch zu Österreich-Ungarn und wurden
1
Kolchos: russische Abkürzung fur kollektiwnoje chosjaistwo: Kollektivwirtschaft –
theoretisch ein gemeinsam geführtes Unternehmen, praktisch wurde es aber staatlich
gelenkt.
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WAS IST AUS DEM BROTKORB EUROPAS GEWORDEN?
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später zwischen Polen und der UdSSR aufgeteilt. Nach dem Zweiten
Weltkrieg fielen auch jene Gebiete, die zeitweise zu Polen gehörten, an
die Sowjetunion und sind heute nun Teil der Ukraine.
Bis zum Beginn der Kollektivierung in den Jahren 1928/29 hatte sich
für die Landbevölkerung nicht viel geändert. Die Landwirtschaft in den
östlichen Regionen der Ukraine wurde weiterhin von
Großgrundbesitzern dominiert, in den westlichen Gebieten konnte
sich dank des österreichischen Einflusses eine zum Teil kleinbäuerliche Landwirtschaft mit unabhängigen Bauern entwickeln. Mit der
Kollektivierung wurde das Privateigentum an Grund und Boden
abgeschafft und die kollektive Planwirtschaft eingeführt, die noch bis
in die neunziger Jahre hinein währte. Zum Teil bewusst herbeigeführt,
zum Teil als Folge der Verstaatlichung der Landwirtschaft kam es unter
Stalin 1932/33 zu einer großen Hungersnot in der Ukraine, der etwa
sieben Millionen Menschen zum Opfer fielen. Während der deutschen
Besatzungszeit gab es einige Privatisierungsbestrebungen, die aber
kaum Einfluss auf die Entwicklung hatten. Bis auf wenige Regionen im
Westen konnte sich in der Ukraine nie eine nennenswerte bäuerliche
Landwirtschaft wie beispielsweise in Westeuropa entwickeln. Das
Fehlen einer selbstständigen und unabhängigen Bauernschaft macht
sich noch heute bemerkbar und hemmt die Entwicklung.
In den großen Kolchos- und Sowchosbetrieben kamen hoch spezialisierte Arbeiter, Agronomen, Zootechniker, Buchhalter usw. zum
Einsatz, die aber wenig Verständnis für die Gesamtzusammenhänge
des Landwirtschaftsbetriebes hatten, dessen Abläufe stark zentral
geregelt waren.
2
Der Kolchos übernahm überdies Aufgaben der Gemeindeverwaltung.
Er war für den Straßenbau, den technischen Zustand der öffentlichen
Gebäude, für Kindergarten und Schule zuständig. Zwischen den
Dörfern bestanden zum Teil große wirtschaftliche Unterschiede, die
aber weniger auf die fachliche Kompetenz des Kolchosdirektors
zurückzuführen waren, als vielmehr auf dessen Kontakte oder verwandtschaftlichen Beziehungen zum Verwaltungsapparat. Zuweilen
war kein Unterschied zwischen Kolchosdirektoren und den früheren
Großgrundbesitzern auszumachen. Relikte davon bestehen auch
2
3
Sowchose: russische Abkürzung fur sowjetskoje chosjaistwo: Sowjetwirtschaft – landwirtschaftlicher Betrieb, der in Staatsbesitz und -Bewirtschaftung war. Im Gegensatz
zu den Kolchosen, die zumindest theoretisch kollektiv bewirtschaftet wurden.
heute noch, wie das folgende Beispiel zeigt. Wer in diesen Tagen das
Land eines ehemaligen Kolchos pachten will, wird nicht selten mit der
Frage konfrontiert, ob er sich an den Kosten für Beerdigungen im Dorf
beteiligen wird. Dafür war früher der Kolchos aufgekommen.
Zu Zeiten der Sowjetunion und in den ersten Jahren der Unabhängigkeit wurde der Anbau zentral im Landwirtschaftsministerium geplant.
Die regionalen Landwirtschaftsverwaltungen mussten dafür sorgen,
dass der Plan eingehalten wurde. Teile dieses Systems finden sich
noch heute. So obliegt es den Oblast-3 und Regionalverwaltungen, die
Ernährung ihrer Bewohner sicherzustellen. In den neunziger Jahren
führte dies dazu, dass Getreide nur mit besonderer Genehmigung aus
den Oblasten ausgeführt werden durfte. Der Warenverkehr wurde von
der Polizei kontrolliert. Jede Lieferung ohne entsprechende
Dokumente wurde zurückgeschickt.
Die Landwirtschaftsverwaltungen verteilten die aus dem Staatshaushalt für die landwirtschaftlichen Betriebsmittel bereitgestellten
Finanzmittel und forderten im Gegenzug die Ernte ein. Durch
Korruption und Vetternwirtschaft floss dabei viel Geld in falsche
Kanäle.
Überdies wurde staatliches Geld in Privathände umgeleitet, wie das
folgende Beispiel zeigt. So wurde noch vor wenigen Jahren –
regelmäßig zur Frühjahrs- und Herbstbestellung – der Diesel knapp,
infolgedessen sich der Preis verdoppelte, teils verdreifachte. Die
Landwirte, mit Abstand die größte Käufergruppe von Dieselkraftstoff,
mussten die überhöhten Preise zahlen. Als Verrechnungsbasis wurde
der Dieselpreis und ein Getreidepreis festgelegt. Wegen des teueren
Treibstoffs mussten die Betriebe mehr Getreide abgeben als unter normalen Umständen. Das Geld für den Diesel erhielten die Betriebe als
Kredit vom Staat. Der Kredit wurde zu staatlich festgesetzten Preisen
in Getreide zurückgezahlt. War nicht ausreichend Getreide vorhanden,
blieb eine Restschuld übrig. Diese Restschulden wurden den
Betrieben regelmäßig erlassen. Obwohl eine solche Situation jedes
Jahr erneut eintrat, wurden zu keiner Zeit Kraftstoffreserven angelegt.
Erst nach der Privatisierung wurden keine horrenden Preisanstiege
mehr registriert. Grund: Die Regierung unter dem damaligen
3
Oblast: Verwaltungseinheit unterhalb der Zentralregierung. Die Ukraine ist in
25 Oblaste eingeteilt, die sich wiederum in etwa 20 Regionen (gesamt 490) aufteilen.
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Premierminister Wiktor Juschtschenko setzte auf marktwirtschaftliche
Mechanismen.
Nachdem sich der Staat im Frühjahr 2000 aus der Finanzierung der
Betriebsmittel zurückgezogen hatte, waren die Betriebe auf sich allein
gestellt. Die Frage der Finanzmittel musste, wenn eigene Reserven
nicht vorhanden waren, über private Banken geregelt werden. Um den
Agrarsektor trotzdem zu unterstützen, leistete der Staat eine
Zinsbeihilfe, so dass der Zinssatz für Kredite etwa auf das
Inflationsniveau gesenkt werden konnte. Auf diese Art und Weise wird
der Geldfluss hin zu jenen Betrieben gelenkt, die wirtschaftlich gesund
sind und eine Entwicklungsperspektive haben. Zuvor wurden
Staatskredite vergeben unabhängig davon, ob die Investition
wirtschaftlich sinnvoll war oder nicht. Und zwar wurden sie vergeben
von Staatsangestellten, die in vielen Fällen unterbezahlt waren und
kein Interesse daran hatten sicherzustellen, ob der Kredit auch zurückgezahlt wird. Eine private Bank kann sich derlei Gleichgültigkeit natürlich nicht leisten. Sie ist auf die Rückzahlung von Krediten angewiesen.
Die Privatisierung des Bodens
Der erste Ukas des wiedergewählten Präsidenten Leonid Kutschma im
Dezember 1999 zielte auf die Privatisierung der Landwirtschaft.
Angeordnet wurde, die bereits im Jahr 1996 beschlossene
Privatisierung des Bodens und der Kolchosen bis Mai 2000
abzuschließen.
Der Boden eines Betriebes wurde gleichmäßig unter allen
Kolchosmitgliedern aufgeteilt. Das heißt, jeder, unabhängig von seiner
Stellung, bekam ein gleich großes Stück Land, das so genannte «Paj».
Jedoch unterschieden sich die zugeteilten Stücke von Kolchos zu
Kolchos. Im Westen der Ukraine, wo die Bevölkerungsdichte sehr
hoch ist, wurde der Landbevölkerung mancherorts kaum mehr als ein
halber Hektar zugeteilt. Im Osten dagegen wurden bis zu zwölf Hektar
vergeben. Im landesweiten Durchschnitt hat ein Kolchosmitglied etwa
fünf Hektar erhalten. 10 bis 15% der Kolchosfläche wurden als
Reservefläche zurückbehalten und dem «Silska Rada», dem Dorfrat,
zugeteilt (Kasten 1). Dieser verpachtet die Flächen und nutzt die
Einnahmen für Gemeindezwecke. Einige Dörfer können nur daraus
ihren Haushalt finanzieren. Jeder neue Landbesitzer hatte die Wahl,
das Land selbst zu nutzen oder es zu verpachten. Aufgrund fehlender
5
Finanz- und Betriebsmittel
und unzureichender Kenntnisse haben die meisten ihr
Land verpachtet.
Kasten 1: Beispiel Landprivatisierung
Ein Kolchos hat 1750 ha Land und 300
Kolchosmitglieder
Da die Felder früher dem
Land . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1750 ha
- Reservefläche (Silska Rada) . . . - 250 ha
Kolchos bzw. dem Staat
= zur Verteilung . . . . . . . . . . . . . 1500 ha
gehörten, waren sie nur in
: Anzahl der Mitglieder . . . . . . . . . . . :300
ihrer Gesamtheit vermes= Fläche pro Paj . . . . . . . . . . . . . . . 5 ha
sen. Nun aber mussten die
Felder, die zwischen 150 ha
bis 200 ha umfassten, in Parzellen aufgeteilt werden, die einem Paj
entsprechen. Natürlich war es unmöglich, in kurzer Zeit die ganze
Ukraine zu vermessen. So sind zunächst Zertifikate ausgestellt worden, die dem Besitzer das Recht an einem entsprechenden Stück
Land garantieren. Erst danach sollte das Land vermessen und die
Zertifikate in den so genannten «Dersch-Akt» (Staats-Akt) umgetauscht werden, die Besitzurkunde für ein genau definiertes
Landstück. Diese Urkunde entspricht im weitesten Sinne dem
Katastereintrag in Deutschland. Bis zum Jahr 2004 muss dieser
Prozess abgeschlossen sein, weil dann auch landwirtschaftlich
genutztes Land frei gehandelt werden kann. Nach dem im Herbst 2001
verabschiedeten Bodenkodex können von 2005 an alle ukrainischen
natürlichen und juristischen Personen landwirtschaftlich genutztes
Land kaufen. Bisher ist es nicht veräußerbar. Allerdings ist der Besitz
bis 2010 auf 100 ha begrenzt, womit verhindert werden soll, dass
einzelne Personen zu viel Land erwerben.
Der Landmarkt: Warum ein Hektar Schwarzerdeboden
in der Ukraine weniger wert ist als ein Hektar Sandboden
in Deutschland?
Die Freigabe des Landkaufs ist mit großen Hoffnungen verbunden.
Sehr oft ist die Erwartung da, dass die Landpreise auf ein derart hohes
Niveau wie in Deutschland steigen werden, möglicherweise sogar
noch höher. Als Argument dient die Qualität der ukrainischen
Schwarzerdeböden, an die die deutschen Böden nicht heranreichen
können. Die Qualität aber ist nicht der einzige Faktor, der den Wert
eines Bodens bestimmt. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist Land ein
Produktionsfaktor neben Saatgut, Düngemittel usw. Abhängig vom
finanziellen Ertrag, den man mit ihm erwirtschaften kann, steigt
6
Dietrich Treis
oder sinkt der Wert dieses
Produktionsfaktors. So spielt
das wirtschaftliche Umfeld in
Hinsicht auf den Boden letztlich
eine größere Rolle als seine
Qualität. Denn anders als beispielsweise Saatgut, das jederzeit in ein
anderes Land exportiert werden kann, um dort höhere Gewinne zu
erzielen, ist Boden nicht beweglich.
So spielt das wirtschaftliche
Umfeld in Hinsicht auf den Boden
letztlich eine größere Rolle als
seine Qualität.
In der Ukraine sind die Vermarktungskosten um ein Vielfaches höher
als in Westeuropa; Monopole, Registrierungsgebühren für Verträge,
schleppende Rückvergütung der Mehrwertsteuer sind nur einige
Gründe dafür. So wurde privaten Investoren erst im Jahr 2001 die
Möglichkeit gegeben, eigene Verladekapazitäten in den Häfen
aufzubauen, und zwei Jahre danach ist man noch immer hauptsächlich auf die staatlich kontrollierten Terminals angewiesen. Wegen der
mangelnden Konkurrenz sind die Preise für das Umladen im Hafen
wesentlich höher als unter anderem in den Nordseehäfen. Während
das Umladen in Rotterdam etwa 3 Euro pro Tonne kostet, fallen dafür
in der Ukraine etwa 11 Euro an. Kurz, der Weg vom Produzenten zum
Verbraucher ist in der Ukraine teurer als in Deutschland. Um trotzdem
keine Verluste zu machen, muss der Landwirt bei der Produktion
Kosten sparen.
Ein deutscher Landwirt verdient pro Hektar Weizen, inklusive der
Ausgleichszahlungen von 350
Euro pro ha, etwa 600 Euro. Die
Ein deutscher Landwirt verdient
besten seiner ukrainischen
pro Hektar Weizen etwa 600 Euro.
Die besten seiner ukrainischen
Kollegen kommen allenfalls auf
Kollegen 100 USD pro ha...
ein Gewinn von 100 USD pro ha,
die meisten verdienen weniger.
Unter diesen Bedingungen ist eine Erhöhung der Pachtzahlungen
nahezu ausgeschlossen. Zurzeit werden in der Ukraine etwa 20 USD
pro ha Pacht gezahlt.
Laut offiziellen Zahlen des MAP4 arbeiten etwa 70% der Betriebe mit
Verlust. Eigenen Schätzungen zufolge ist etwa ein Zehntel der
Betriebe in einer finanziell stabilen Lage. Für mehr als die Hälfte ist die
Lage aussichtslos, eigentlich sind sie bankrott. Die erzielten Einkünfte
4
7
MAP, Ministerium für Agrarpolitik der Ukraine.
WAS IST AUS DEM BROTKORB EUROPAS GEWORDEN?
reichen nicht aus, um Rechnungen zu begleichen und die Felder in
der nächsten Saison neu zu bestellen. Trotzdem bestehen viele dieser
Betriebe vorerst weiter, verringern aber mit jedem neuen Jahr ihre
Größe.
Landkauf kommt zweifelsohne nur für Betriebe in Frage, die
Kapitalreserven haben. Somit ist die Zahl potenzieller Käufer von Land
sehr gering. Überdies sind die wahrscheinlich zahlungskräftigsten
Käufer, in erster Linie ausländische Investoren, per Gesetz vom Markt
ausgeschlossen. Selbst Betriebe, die profitabel arbeiten, sind nicht
unbedingt daran interessiert, Land zu erwerben. Denn dadurch wird
Kapital gebunden, das dringend für andere Investitionen benötigt wird,
allen voran für die Erneuerung der Maschinenparks. Hinzu kommt,
dass der gesetzliche Rahmen zum Handel mit Land und die Sicherung
der Eigentumsrechte noch viele Lücken hat. Aufgrund dieser
Rechtsunsicherheit werden viele sich scheuen, ihr Geld in Land zu
investieren.
Allerdings ist gleichzeitig mit einem sehr großen Angebot an Land zu
rechnen. Insbesondere die jüngere Generation wandert verstärkt in
die Städte ab und hat kaum noch eine Verbindung zum eigenen Land.
Durch den Landverkauf erhielten viele die Chance, sich mit dem Erlös
eine neue Existenz in der Stadt aufzubauen.
Summa summarum ist also ein großes Angebot bei einer geringen
Nachfrage zu erwarten, was auf geringe Preise schließen lässt.
Der Pachtpreis ist ein weiterer Faktor zur Bestimmung des
Bodenwertes. Noch sind diese sehr unterschiedlich. So wird für ein
Feld zuweilen der doppelte Pachtpreis gezahlt als für das Nachbarfeld.
Die Gründe dafür sind vielerlei: An Pächter, die aus dem eigenen Dorf
kommen und möglicherweise auch noch in der Nachbarschaft leben,
werden andere Ansprüche gestellt als an einen Pächter von
außerhalb. Anderswo werden ein geringerer Bildungsgrad oder
Machtpositionen ausgenutzt, um Pachtpreise zu drücken. Das trifft
nicht zuletzt auf die ältere Dorfbevölkerung, die es gewohnt ist, auf
Kolchosdirektoren zu hören. Auch wenn Fälle von Missbrauch als
Ausnahme gelten, bleibt festzuhalten, dass sich der Pachtmarkt nur
sehr langsam entwickelt.
In einer freien Marktwirtschaft, die die Ukraine anstrebt, muss auch
Land frei handelbar sein. Die Ukraine befindet sich in einer Über8
Dietrich Treis
gangsphase. Es ist wenig wahrscheinlich, dass die notwendigen
Gesetze zur Regelung des Landmarktes bis zum Jahr 2005 verabschiedet und umgesetzt werden. Sinnvoll wäre es dagegen, die
Freigabe des Marktes um zwei bis drei Jahre zu verschieben und die
Zeit für Aufklärungskampagnen und zur Anpassung der Gesetze zu
nutzen, zumal durch die Möglichkeit der Landpacht ohnehin
gewährleistet ist, dass der Boden zum besseren Wirt «wandert». Gut
wirtschaftende Betriebe können schon heute ihre Flächen durch
Zupachtung vergrößern, ihre Einnahmen steigern und so zur
Erhöhung des Bruttosozialprodukts beitragen.
Wird durch die schnelle Freigabe des Landmarktes
der Zugang zu Krediten verbessert?
Nahezu allen Agrarbetrieben mangelt es an Kapital. Land als
Besicherung von Krediten ist ein oft genutztes Instrument. Viele argumentieren für die schnelle Freigabe des Landkaufs, um Boden als
Garantie für Kredite oder Hypotheken nutzen zu können. Aus mehreren
Gründen ist aber nicht mit einer Veränderung auf dem Kapitalmarkt zu
rechnen. So ist die Gesetzgebung noch unzureichend auf Hypotheken
ausgerichtet. Sollte der Kreditnehmer den Kredit nicht zurückzahlen
können, ist es für die Gläubigerbank sehr schwer, das Recht an der
Fläche zu erhalten. Das Limit von 100 ha zwingt die Bank sehr schnell,
Land wieder verkaufen zu müssen, wodurch sie in eine schlechte
Verhandlungsposition gerät und nur niedrige Preise erzielen wird.
Ein weiterer Grund ist der geringe Landbesitz. Er beläuft sich durchschnittlich auf 5 ha. Wenn man einen Marktwert von 500 USD pro ha
annimmt, dann stellt das eine Gesamtsumme von 2500 USD dar. Nach
heutigen Erfahrungen geben einheimische Banken maximal auf 50%
des Werts der Besicherung einen Kredit, in diesem Beispiel also 1250
USD. Für die meisten ukrainischen Geschäftsbanken kommen derlei
geringe Kreditsummen gar nicht erst in Betracht. Großbetriebe
brauchen zwar größere Beträge, arbeiten aber ausschließlich mit
gepachtetem Land, das nicht für eine Hypothek geeignet ist.
Die Besicherung von Krediten unter anderem durch Land oder
Immobilien ist nur ein Aspekt bei der Kreditvergabe. Wichtiger noch
sind der Businessplan und die Qualifikation des Betriebsleiters. Die
Mehrzahl der heutigen Betriebsleiter hat ihre Ausbildung noch zu
Zeiten der Sowjetunion und damit unter Planwirtschaftsbedingungen
absolviert. Nicht wenigen fällt es schwer, sich den neuen
9
WAS IST AUS DEM BROTKORB EUROPAS GEWORDEN?
Anforderungen der Marktwirtschaft anzupassen, so dass sie für
Kredite nur bedingt qualifiziert sind.
Seit 2000 wird die gesamte Ukraine neu vermessen und in einzelne
Parzellen aufgeteilt. Da die meisten der neuen Landbesitzer ihr
Land verpachten, bleibt es weitestgehend bei den großen
Betriebseinheiten. Von 2005 an wird das noch bestehende Verbot für
den Handel mit landwirtschaftlich genutztem Land aufgehoben, doch
der Boden wird trotz seiner sehr guten Qualität wahrscheinlich einen
geringeren Marktwert haben als schlechtere Böden in Westeuropa.
Die Gründe dafür sind die fehlenden Subventionen, vor allem aber das
unsichere wirtschaftliche Umfeld. Mehr Konkurrenz, weniger staatliche
Einflussnahme auf den Markt und eine zielgerichtete transparente
Politik würden die Betriebseinnahmen und das Investitionsklima
verbessern.
Wegen der unsicheren Rechtslage wird der Boden ungern als
Besicherung für Kredite genommen werden. Wenn doch, wird aufgrund der kleinen Eigentumsflächen und der aller Voraussicht nach
niedrigen Bodenpreisen die Kreditsumme nicht sehr hoch sein.
Was ist aus den privatisierten Kolchosen geworden?
Im Gegensatz zum Land wurde das Kolchoseigentum nicht gleichmäßig, sondern verhältnismäßig aufgeteilt. Abhängig vom Rang und
von den Arbeitsjahren in einem Kolchos wurden mehr oder weniger
Anteile vergeben. So erhielt ein Hauptagronom mehr Anteile als der
Hilfsarbeiter, ältere Mitglieder mehr als jüngere. Im Vorfeld der
Verteilung wurde das gesamte Eigentum bewertet und der Kolchos in
eine Genossenschaft, GmbH, usw. umgewandelt. Aufgrund der Art
und Weise, wie die Privatisierung vollzogen wird, haben viele
Landwirte verstanden, dass sie tatsächlich die eigentlichen
Eigentümer sind. In etwa 30% der Betriebe wurde als Folge der
Privatisierung ein neuer Direktor gewählt. Die Entwicklungen im
Anschluss daran waren sehr unterschiedlich, und es ist schwer, hier
eine Bewertung zu treffen. Einige Beispiele sollen zum besseren
Verständnis der Situation beitragen.
Die reformierten Kolchosnachfolgebetriebe stellen die größte Gruppe
dar. Sie sind Rechtsnachfolger und führen die Geschäfte des
Kollektivbetriebs weiter. Einige haben sich gut entwickelt.
Erfahrungen aus anderen Ländern, die eine ähnliche Entwicklung
10
WAS IST AUS DEM BROTKORB EUROPAS GEWORDEN?
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Kasten 2: Landwirtschaftlicher Betrieb,
Farmer, Haushaltswirtschaft
Dies sind die üblichen Begriffe, die zur
Beschreibung der Landwirtschaft in der
Ukraine verwendet werden.
Landwirtschaftliche Betriebe sind Wirtschaftsunternehmen wie GmbH, AG oder auch
Genossenschaften. Die meisten Kolchosnachfolgebetriebe gehören in diese
Gruppe bzw. wirtschaften auf den Flachen
und den Betriebsgeländen der ehemaligen Kolchosen. Die durchschnittliche
Größe dieser Betriebe liegt bei 2300 ha.
Farmer sind Betrieb, die nach dem
Farmer-Gesetz gegründet wurden. In der
Regel handelt es sich um kleinere
Familienbetriebe. Es gibt aber auch
Farmer, die 5000 ha und mehr
bewirtschaften. Die durchschnittliche
Größe beträgt 66 ha.
durchgemacht
haben,
zeigen aber, dass solche
gemeinschaftlich geführten
Betriebe schwer zu leiten
sind. Einem womöglich
notwendigen Abbau von
Arbeitsplätzen stimmt die
Eigentümergemeinschaft
selten zu, weil sie um
ihren eigenen Arbeitsplatz
fürchtet.
Die
meisten
dieser Betriebe stehen
wirtschaftlich sehr schlecht
da. Ausnahmefälle zeigen
aber, dass es auch erfolgreiche Genossenschaften
gibt.
Die zweite Gruppe sind
Betriebe, in denen ein
Mitarbeiter oder eine kleine
Hauswirtschaften sind das Rückgrat
der Gemüse- und Kartoffelproduktion.
Gruppe von Mitarbeitern
Das sind Privatflächen, die den
einen
neuen
Betrieb
Dorfbewohnern schon zu Zeiten der
gegründet hat, oder die
Sowjetunion zugesprochen wurden.
Mehrheit der GeschäftsSchon damals wurden 90% des Gemüses
anteile
des
früheren
und der Kartoffeln in Hauswirtschaften
Kolchos
wurde
übernomproduziert. Vornehmlich dienen diese
Flächen zur Eigenversorgung.
men. Der größte Teil der
erfolgreichen Unternehmen
ist unter den neu gegründeten Betrieben zu finden, die keine rechtliche Bindung mehr zum
ehemaligen Kolchos haben. Oft kommen die Betriebsgründer aus
demselben Dorf und pachten ganz oder teilweise die Flächen, auf
denen früher der Kolchos wirtschaftete. Der Rechtsnachfolger des
ehemaligen Kolchos bleibt bestehen und verwaltet das einstmalige
Kolchoseigentum, bis es irgendwann verkauft oder der Betrieb liquidiert wird. Damit sind dann auch die letzten, alten Strukturen verschwunden.
Die dritte Gruppe sind Investoren, die von außerhalb kommen, das
heißt, die zuvor keinerlei Verbindung zu diesem Betrieb oder zur
11
Landwirtschaft hatten. Was sie motiviert, ist nur schwer zu bestimmen.
Einige haben sich von den hohen Getreidepreisen, die nach der
Freigabe der Märkte im Jahr 2000 zu erzielen waren, blenden lassen
und sich hohe Gewinne versprochen. Für andere könnte die geringe
Besteuerung der Landwirtschaft ausschlaggebend gewesen sein. Seit
2000 gibt es eine feste Steuer für Agrarbetriebe, die pro Hektar
entrichtet wird und sich nach der Bodenqualität richtet. Andere
Steuern werden nicht erhoben. Vor allem Betriebe aus dem Erdöl- und
Stahlsektor haben Flächen ehemaliger Kolchosen gepachtet und
bewirtschaften sie. Die Erfolgsaussichten müssen jedoch kritisch
betrachtet werden. In vielen Fällen reicht die Qualität des
Managements nicht, um derart große Betriebe zu führen, und ist nichts
anderes als eine Weiterführung der Planwirtschaft.
Die am schnellsten wachsende Gruppe ist die der Farmerbetriebe. Ein
Teil dieser Betriebe sieht darin einen interessanten Wirtschaftszweig,
für den anderen war das zugeteilte Land der Grund für die
Betriebsgründung.
Die Anzahl ausländischer Investoren ist noch gering. In den letzten
Jahren ist aber ein verstärktes Interesse aus den EU-Ländern zu
verzeichnen. Viele suchen ein Standbein außerhalb der EU, um den
engen Regeln des EU-Agrarmarktes zu entgehen. Die Ukraine ist ein
Land, in dem es noch viele freie Flächen gibt.
Die Entwicklung nach der Privatisierung im Jahr 2000
Außer der Privatisierung der Kolchosen ist der Rückzug des Staates
aus dem Handel und der Finanzierung von Vorleistungen ein weiterer
Grund für die positive Entwicklung der Landwirtschaft seit dem
Frühjahr 2000. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Staat Finanzmittel für
die Betriebe zum Kauf der erforderlichen Betriebsmittel bereitgestellt.
Nach der Ernte hat er zu festgesetzten Preisen das Getreide eingesammelt. Ein freier Handel war auch für Betriebe ohne staatliche
Unterstützung ein Problem. Bis zum Jahr 2003 wurde der Handel bis
auf einige Ausnahmen unter anderem in Hinsicht auf die Eisenbahn
oder die Verladung im Hafen weitgehend liberalisiert.
Gute Betriebsleiter konnten sich nun frei entwickeln, und die neuen
Landbesitzer waren daran interessiert, ihr Land an denjenigen zu verpachten, der ihnen die höchste Pacht versprach.
12
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Nachdem im Jahr 2000 die Produktion so weit gesunken war, dass die
Ukraine Weizen importieren musste, bekamen die einheimischen
Landwirte etwa 140 USD pro t (Bild 2).
Bild 2: Preisentwicklung Weizen 3. Klasse EXW.
schnittliche Betriebsgröße hat
Vor allem die Farmerbetriebe
sich gegenüber 1999 verdoppelt
haben sich nach der Privatisierung
(Bild 3). Die besten haben ihre
gut entwickelt.
bewirtschafteten Flächen in den
vergangenen drei Jahren vervielfacht.
Bild 3: Anzahl und durchschnittliche Größe der
Farmerbetriebe
Quelle: APK-Inform
Im Jahr 2001, als die Ukraine wieder Weizen exportierte, reagierten die
Preise indes lehrbuchmäßig auf die erhöhte Produktion und fielen auf
etwa 70 USD pro t, während der Weltmarktpreis annähernd unverändert blieb. Der große Preisunterschied ist auf die veränderte Situation
zurückzuführen. In einer Importsituation kommen zum Weltmarktpreis
die Importkosten (Transport, Hafengebühren, Versicherung usw.)
hinzu, in einer Exportsituation werden diese Kosten vom einheimischen Verkäufer abgezogen.
140 USD pro t Weizen liegt weit über den Produktionskosten und verspricht hohe Gewinne. Ein Weizenpreis von 70 USD pro t entspricht
dagegen in etwa der Höhe der Produktionskosten. Nur gute Betriebe,
die kostengünstig wirtschaften, erzielen bei diesen Preisen noch
Gewinn.
Vor allem die Farmerbetriebe haben sich nach der Privatisierung gut
entwickelt. Ihre Anzahl ist nicht nur stark gestiegen, auch die durch13
Größe, ha
Durchschnittliche Größe, ha
Anzahl,tsd.
Anzahl,tsd.
Quelle: staatl. Statistikkomitee
Drei Jahre nach der Privatisierung lässt sich feststellen, dass sie
erfolgreich verlaufen ist und mit weniger Problemen als erwartet
durchgeführt wurde. Der größte Vorwurf, den man machen kann, ist,
dass sie zu spät in Angriff genommen wurde. Das allerdings ist nicht
untypisch für die Ukraine. Reformschritte werden erst dann unternommen,
wenn es offensichtlich keinen anderen Ausweg mehr gibt. So war es
auch in der Landwirtschaft. Erst als abzusehen war, dass die Ernte im
Sommer 2000 den eigenen Bedarf nicht decken wird, wurde der
Startschuss für die Privatisierung gegeben. Und dies, obwohl der
negative Trend bei der Getreideproduktion bereits Ende der achtziger
Jahre begonnen hatte.
14
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Für die Mehrzahl der Betriebe kamen die Rettungsversuche zu spät.
Es fehlte an Ausbildung, Erfahrung und finanziellen Reserven, um der
neuen Situation gewachsen zu sein. Selbst finanziell stabile Betriebe
sind nicht in der Lage, alle notwendigen Investitionen innerhalb
kürzester Zeit zu tätigen.
Ein Bereich, der bisher noch nicht angeschnitten wurde, ist die
Tierproduktion. Schon zu Zeiten der Sowjetunion war die
Tierproduktion
eher
ein
notwendiges Übel als ein inteSchon zu Zeiten der Sowjetunion
war die Tierproduktion eher ein
ressanter
Wirtschaftszweig.
notwendiges Übel als ein interesBesonders unbeliebt war die
santer Wirtschaftszweig.
Milchproduktion. Gerade für
Kühe muss viel Feldfutterbau
betrieben werden. Das natürlich mindert die Getreideproduktion, das
wichtigste und bekannteste Gut der Ukraine. Die Milch wurde zu
staatlich festgesetzten Preisen verkauft. Anders als Getreide ließ sie
sich nicht zwischenlagern, um später unter der Hand verkauft zu werden. Überdies war es in der Sowjetunion versäumt worden, Maschinen
für die Futterernte zu konstruieren.
In der Ukraine gab es über 400 Molkereien, in jedem Kreis eine. Jeder
Kreis wollte seine Molkerei am Leben erhalten, so dass die Betriebe
ihre Milch auch dann an die lokale Molkerei abliefern musste, wenn
anderswo höhere Preise geboten wurden. Die Konsequenz dieser
Politik war, dass die Milchproduktion von den Kolchosen immer mehr
in den nicht kontrollierten Privatsektor abwanderte. Im Jahr 2003 wurden 70% der Milch in Betrieben produziert mit fünf Kühen oder
weniger. Für die ehemaligen Kolchosen waren Kühe durchaus eine Art
Finanzquelle. Immer wenn Geld unter anderem zum Kauf von Saatgut
oder Diesel benötigt wurde, wurden einige Kühe zum Schlachter
gebracht. Im Sommer 2000 erhielten die lokalen Administrationen die
Anweisung, keinen Einfluss mehr auf die Vermarktung zu nehmen.
Seitdem hat sich die Lage etwas entspannt.
Seit zwei Jahren wird hauptsächlich in die Hähnchenmast investiert.
Es haben sich einige große Produzenten gebildet, die unter ihren
Markennamen tiefgefrorene oder gekühlte Hähnchen verkaufen. Im
Gegensatz zu Schweinen und Kühen sind Hähnchen schneller
verkaufsfertig. Während ein Hähnchen schon nach wenigen Wochen
geschlachtet werden kann, müssen Kühe etwa drei Jahre wachsen,
15
um die erste Milch zu geben. Überdies: Eine Kuh bekommt nur ein
Kalb pro Jahr, Hühner hingegen haben viele Nachkommen. Der
Aufbau einer Milchkuhherde dauert mehrere Jahre, vor allem wenn die
Bestände so vernachlässigt wurden wie in der Ukraine. Außer
Investitionen in Ställe und Tiere muss der Betrieb auch noch teure
Technik zur Futtergewinnung kaufen. Die wenigsten Betriebe können
sich das leisten.
Die Entwicklung im ländlichen Raum
Ein Drittel der ukrainischen Bevölkerung lebt im ländlichen Raum. Der
Unterschied zwischen Stadt und Land war schon zu Zeiten der
Sowjetunion größer als in Westeuropa. So wurden zwar selbst die
entlegensten Dörfer mit Elektrizität und Fernseher versorgt, jedoch ist
die Infrastruktur veraltet und wird seit Jahren kaum noch gewartet. In
letzter Zeit geht die Schere noch weiter auseinander.
Die ukrainische Wirtschaft hatte in den vergangenen drei Jahren eine
der höchsten Wachstumsraten in Europa. In Kiew und einigen
anderen Ballungsräumen macht sich dieses Wachstum durch starke
Bautätigkeit und florierenden Handel stark bemerkbar. In den Dörfern
ist davon jedoch kaum etwas zu spüren.
Die schlimmsten Zeiten erlebte die Landbevölkerung Mitte bis Ende
der neunziger Jahre. Die Kolchosen zahlten keine Löhne, die Rentner
bekamen ihre Rente nicht, und die Energieversorgung war vielerorts
zusammengebrochen. Es war eine starke Abwanderung vom Land in
die Stadt zu beobachten. Vor allem die junge Generation zieht es in
die Städte.
Seit 2000 hat sich die Lage etwas gebessert. Die Renten wurden
erhöht und werden pünktlich ausgezahlt. Außerdem sind durch die
Landprivatisierung die meisten Rentner zu Landbesitzern geworden
und beziehen durch die Verpachtung ein zusätzliches Einkommen.
Die monatliche Durchschnittsrente beträgt etwa 70 UAH,5 die Pacht
liegt etwa bei 100 UAH bis 200 UAH pro Hektar und Jahr. Mit 5 ha Land
kann ein Rentner so auf ein Jahreseinkommen von etwa 1500 UAH
kommen, das durch Saisonarbeit und den Verkauf von Gemüse oder
Milch noch gesteigert werden kann.
5
1USD = 5,33 UAH (Hrywna), 1 Euro = 5,8 UAH.
16
Dietrich Treis
Für jüngere Leute ist dies keine Perspektive, zumal es immer weniger
Arbeitsplätze gibt. Zu Zeiten der Sowjetunion wurden kleinere
Produktionsstätten in den ländlichen Raum gelegt, um dort
Arbeitsplätze zu schaffen. Heute legen Investoren Wert auf eine gute
Infrastruktur und eine möglichst hohe Bevölkerungsdichte, um unter
vielen Kandidaten mit guter Ausbildung ihre Mitarbeiter auszuwählen.
Die Ausbildung der Landbevölkerung ist in der Regel landwirtschaftlich ausgerichtet und eignet sich kaum für die industrielle
Produktion. Der Altersdurchschnitt in den Dörfern steigt rapide an.
Schon heute gibt es Landwirtsbetrieb, die über einen Mangel an höher
qualifizierten Arbeiter klagen, die einen modernen Traktor mit viel
Elektronik bedienen könnten.
Mit der Aufteilung des Landes unter der Landbevölkerung hat die
Ukraine zwar einen Schritt zur Linderung der Not im ländlichen Raum
gemacht. Eine richtige Strategie
wurde
aber
noch
nicht
...Arbeitskräftebesatz umgerechentwickelt. Dagegen besteht die
net auf einen Hektar Ackerland in
der Ukraine heute noch um das
Hoffnung auf die wirtschaftliche
Zehnfache über dem in DeutschEntwicklung der Landwirtschaft
land.
und parallel dazu auf eine
Erhöhung der Löhne und die
Schaffung von Arbeitsplätzen. Allerdings liegt der Arbeitskräftebesatz
umgerechnet auf einen Hektar Ackerland in der Ukraine heute noch
um das Zehnfache über dem in Deutschland. Insofern ist eher ein
weiterer Abbau von Arbeitsplätzen zu erwarten.
Wie auch zu früheren Zeiten lastet damit die soziale Last auf den
Schultern der Landwirtschaftsbetriebe. Während sich die Lage der
Rentner verbessert hat, bietet sich für Familien nicht viel. Es fehlt an
Freizeitangeboten, die Ausbildung an den Schulen ist schlecht. Wegen
bautechnischer Mängel müssen sie zuweilen sogar geschlossen
werden, der Staat kümmert sich nicht um ihre Unterhaltung. Um Hilfe
wird da sehr schnell der Nachfolgbetrieb des Kolchos gebeten, zumal
die einstigen Kolchosen sich auch um die Infrastruktur im Dorf gekümmert
hatten. Und nicht selten gehen sie dem Dorf in der Tat zu Hand, auch
um besser in die Dorfstrukturen integriert zu werden.
Überdies baut manch ein Betrieb zusätzlich arbeitsintensive Kulturen
wie Gemüse an, um zumindest saisonal alle Arbeitswilligen beschäftigen zu können.
17
WAS IST AUS DEM BROTKORB EUROPAS GEWORDEN?
Selbst bei einer sehr positiven wirtschaftlichen Entwicklung der
Landwirtschaft wird sich die Lage der Mehrzahl der Dorfbewohner
kaum nennenswert verbessern. Nur einige höher qualifizierte
Angestellte mit einem entsprechend größeren Verantwortungsbereich
können künftig auf ein stark steigendes Einkommen hoffen.
Die Abwanderung in die Städte, insbesondere nach Kiew, in das
Donezkgebiet und nach Dnipropetrowsk, wird anhalten, da die
ukrainische Regierung keine ernsthaften Schritte zur Verbesserung
der Situation im ländlichen Raum unternimmt.
Um die Abwanderung zu verlangsamen, müssten die soziale
Absicherung, das Schulwesen und die Infrastruktur verbessert werden. Damit würden die Landwirtschaftsbetriebe von der sozialen Last
befreit und hätten mehr freie Finanzmittel, um zu investieren. Indes,
selbst reichere Länder als die Ukraine haben bislang keinen Weg
gefunden, um den Abwanderungstrend in die Städte zu stoppen oder
den Prozess gar umzukehren.
Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es in der Westukraine. Zu
Zeiten der Sowjetunion und in den neunziger Jahren waren diese
Gebiete unterprivilegiert. Immer mehr Westukrainer zog es in die zentralen Regionen oder nach Osten, um dort zu arbeiten. Andere nutzten
die Nähe zu Polen, der Slowakei und Ungarn, um dort – meist illegal –
zu arbeiten. Heute jedoch interessieren sich mehr und mehr ausländische Investoren für diese Gebiete. Durch die EU-Osterweiterung
wird die EU künftig an die Ukraine grenzen. Die Löhne in der
Westukraine sind niedriger als anderswo in der Ukraine, und die
Grenze ist höchsten ein bis zwei Stunden Autofahrt entfernt. Da zudem
die Bevölkerungsdichte höher als in anderen Gebieten ist, besteht
durchaus die Chance, dass kleinere Produktionsstätten auch auf dem
Land ansiedelt werden.
Die hausgemachte Krise 2003 und der teilweise Rückfall in
die Planwirtschaft
Nachdem die Ukraine bei der Privatisierung der Landwirtschaft und
des Bodens als Klassenprimus innerhalb der Gemeinschaft
Unabhängiger Staaten (GUS) gelobt wurde, zeigte sich im Krisenjahr
2003, wie groß der Reformwille tatsächlich ist. Im Frühjahr wurde ein
früherer Vizepremierminister als vermeintlich Schuldiger für diese
Krise in Untersuchungshaft genommen, 200 weitere Verfahren wur18
WAS IST AUS DEM BROTKORB EUROPAS GEWORDEN?
Dietrich Treis
den eröffnet. Der freie Getreidehandel wurde in einigen Regionen
zeitweise unterbunden, und der Landwirtschaftsminister denkt
öffentlich darüber nach, die zentrale Anbauplanung wieder
einzuführen. Was aber waren die wirklichen Hintergründe für die
Getreideknappheit?
Im Herbst 2002 war die Welt noch in Ordnung. Die Ernte war besser
ausgefallen als im Jahr zuvor und gemeinsam mit Russland und
Kasachstan spielt die Ukraine wieder eine Hauptrolle auf den
Getreidemärkten. Nach äußerst niedrigen Preisen infolge der Ernte
2002 stiegen die Preise zum Winter an. Im Grunde ein normaler
Vorgang, wenn die Preise bis zum Frühjahr nicht über das
Weltmarktniveau gestiegen wären. Besorgt wegen des damit verbundenen Anstiegs der Brotpreise, forderte Präsident Kutschma, den
Getreidemarkt zu untersuchen. Im Ergebnis wurde festgestellt, das
etwa 2 Mio. t Getreide fehlen, und dies trotz der guten Vorjahresernte.
Die vorhandene Menge aber reiche, so hieß es, bis zur nächsten Ernte
nicht aus. So begann eine Hexenjagd nach den Schuldigen. Aufgrund
der Aussicht einer Missernte im Jahr 2003 verschärfte sich die
Situation weiter. Durch ungünstige Wetterbedingungen waren etwa
60% der Winterkulturen erfroren oder unter einer dicken Eisschicht
erstickt. Diese angespannte Lage wird unter Umständen bis zur Ernte
2004 anhalten.
Was war passiert? Im Herbst 2002 war sehr viel Getreide auf den
Markt gekommen, wesentlich mehr als im Vorjahreszeitraum. Wegen
des Überangebots gingen die Preise drastisch zurück. In einer
solchen Situation würden Betriebe normalerweise den Weizen
zurückhalten und auf einen Preisanstieg warten. Anders in der
Ukraine. Die Finanzreserven der Betriebe reichten offensichtlich
nicht mehr aus, um Saatgut und Treibstoff für die Herbstbestellung
zu kaufen. Das Getreide musste verkauft werden, gleich zu welchem
Preis. Erschwerend kam hinzu, dass die Banken die Rückzahlung
von Produktionskrediten direkt nach der Ernte fordern. Das heißt,
Betriebsleiter haben für Spekulationen keinen Spielraum. Um das
Überangebot und damit den Preisverfall nicht noch mehr zu
forcieren, wurde innerhalb kürzester Zeit viel Getreide exportiert
(Bild 4).
Bild 4: Registrierte Exportverträge 2001/02 und 2002/03
in 1000 t
Quelle: Ukragroconsult
Der damalige Vizepremierminister für Landwirtschaft, L. Kosatschenko, hatte die Lage erkannt und sich für einen stärkeren Export
eingesetzt, um den Preisverfall zu stoppen. Allein bis November wurde
mehr Weizen ausgeführt als im Jahr zuvor. Die ukrainischen Häfen
waren auf diesen Ansturm nicht vorbereitet, zumal auch Russland6
einen großen Getreideüberschuss exportieren wollte. Erst im
Spätherbst entspannte sich die Lage.
Die Exportförderung hat einen weiteren Preisverfall verhindert. So
erhielt der ukrainische Landwirt immerhin noch etwa 65 USD pro t
Weizen, was gerade zur Deckung der Produktionskosten reicht. In
Russland, wo der Preis auf etwa 35 USD pro t gefallen ist, wurde das
Getreide mit Verlust verkauft.
Ein Relikt der Planwirtschaft ist, dass die Landwirtschaftsverwaltungen
in den Regionen und Oblasten für die Erntemenge verantwortlich sind.
6
19
Da die Sowjetunion viel importierte und kaum exportierte, gibt es in Russland Häfen,
die zwar Schiffe entladen, aber nicht beladen können. Russland lässt deshalb sein
Getreide vor allem uber die ukrainischen Häfen verschiffen.
20
Dietrich Treis
Die besten werden vom Präsidenten ausgezeichnet. Um die Vorgaben
zu erfüllen, wurden in einigen Fällen die Ergebnisse nach oben korrigiert. In der Sowjetunion war dies gängige Praxis, auch noch einige
Jahre danach. Allerdings dient die offizielle Statistik zur Berechnung
der möglichen Exportmenge, ausgehend davon, dass der jährliche
bekannt und eine mehr oder weniger konstante Größe ist. In den
Jahren zuvor, in denen das Exportgeschäft schleppend verlief, ließen
sich die Schätzungen zu einem späteren Zeitpunkt an die aktuellen
Lagerbestände anpassen. Die Händler exportierten nicht mehr, wenn
sie einen Bedarf im Inland erwarteten. Im Herbst 2002 ging in der
Ukraine aber alles sehr schnell. Es gab kaum Möglichkeiten, sich
einen genaueren Marktüberblick zu verschaffen. Außerdem waren die
Bestände in den staatlichen Lagern falsch angegeben. Der Staat hält
eine so genannte strategische Reserve für Notfälle zurück. Diese
lagert zum Teil in privaten Silos, für die in einigen Fällen seit Jahren
keine Miete mehr gezahlt wurde. Zur Deckung seiner Kosten hat der
Besitzer im Laufe der Zeit einen Teil des eingelagerten Getreides
verkauft, offiziell aber weiterhin die ursprüngliche Menge als Bestand
angegeben.
All diese Faktoren führten dazu, dass trotz einer guten Ernte nicht
mehr genügend Weizen bis zur nächsten Ernte vorhanden war.
Obwohl die Zahlen und Fakten zu Beginn dieses Jahres noch nicht
bekannt waren, reagierte der Markt schon auf das verminderte
Angebot. Die Preise stiegen.
Als einer der Hauptschuldigen wurde der ehemalige Vizepremierminister Kosatschenko genannt. Er wird für den überhöhten Export
verantwortlich gemacht. Zusätzlich wurden ihm Straftaten zur Last
gelegt, die seinen früheren zivilen Beruf betreffen. Die Vorwürfe gegen
ihn sind allerdings auch in einem politischen Kontext zu sehen.
Während seiner Amtszeit hatte Kosatschenko wiederholt eine
verbesserte Statistik und mehr Konkurrenz beim Transport, bei der
Lagerung und der Vermarktung von Getreide gefordert und sich damit
nicht nur Freunde gemacht.
Aller Wahrscheinlichkeit nach hätte sich die Lage wieder normalisiert,
wenn die Ernte 2003 in etwa so ausgefallen wäre wie die des
Vorjahres. Doch wurden durch widrige Wetterbedingungen etwa 60%
der Winterkulturen, zu denen auch der Weizen gehört, vernichtet,
infolgedessen die Ukraine zum zweiten Mal seit 2000 Getreide
21
WAS IST AUS DEM BROTKORB EUROPAS GEWORDEN?
importieren muss. Nachdem die GUS-Länder noch im Vorjahr einen
Spitzenplatz im weltweiten Weizenhandel belegt hatten, bedeutet die
diesjährige Situation einen harten Rückschlag. Für die Betriebe und
die Bevölkerung wurde die Lage zusätzlich durch das Verhalten der
Politik verschärft. In Anbetracht der zu erwartenden Importsituation
wäre es ratsam gewesen, den Importzoll für Getreide schnellstmöglich
abzuschaffen. Im Sommer nach der Ernte ist das Getreide in der Regel
am günstigsten. Da in diesem Jahr ganz Europa unter
Ertragseinbußen durch Frost oder Trockenheit leidet, wird ein starker
Preisanstieg bis zum Jahresende erwartet. Statt ohne Verzug zu
reagieren, wurde in der Ukraine lange unter anderem über
Importquoten diskutiert, bevor entschieden wurde, den Importzoll
gänzlich aufzuheben.
Allerdings kam es trotz der Abschaffung des Importzolls zu keiner verstärkten Importtätigkeit. Öffentlich wurde angekündigt, dass Russland
der Ukraine 2 Mio. t Tonnen Getreide zu günstigen Preisen liefern wird,
genauere Konditionen wurden aber nicht bekannt. Da Russland selbst
eine schlechte Ernte eingefahren hat, bleibt jedoch fraglich, ob eine
Lieferung in diesem Umfang und zu niedrigeren Preisen tatsächlich
die Ukraine erreichen wird. Sollte dies der Fall sein, wird die Ukraine
mit Sicherheit Zugeständnisse auf anderem Gebiet machen müssen.
Am Ende bringen derlei Geschäfte der Ukraine nicht selten mehr
Nachteile als Vorteile.
Da eine geringe Gefahr besteht, dass dieses Getreide wirklich auf den
Markt kommt, halten sich die Händler beim Importieren von Weizen
zurück. Wenn sie zu Weltmarktpreisen einkaufen, zu denen auch noch
die Importkosten kommen, könnten sie wahrscheinlich nicht mit dem
russischen Getreide konkurrieren und müssten mit Verlust verkaufen.
Außerdem gibt es einen weiteren Grund, warum kein Weizen importiert
wird. Ukrainische Betriebe werden zurzeit angehalten, ihr Getreide zu
sehr niedrigen Preisen zu verkaufen, damit der Brotpreis niedrig bleibt.
Importiertes Getreide wäre teurer als das einheimische und ein Import
damit wirtschaftlich wenig sinnvoll. Auf einem freien Markt würde der
Preis für das einheimische Getreide in etwa auf das Preisniveau des
importierten Getreides steigen. Die Betriebe würden in der Folge
höhere Einnahmen erzielen, mit denen sich ein Teil der Ausfälle
kompensieren ließe. Mit Blick auf die kommende Präsidentschaftswahl im Jahr 2004 ist die Staatsführung aber daran interessiert,
22
Dietrich Treis
den Brotpreis unter allen Umständen stabil zu halten, wenn nötig gar
zu subventionieren. Politisch mag sich das gut verkaufen, aus
wirtschaftlicher Sicht macht dieses Anliegen aber keinen Sinn. Die
Kosten für den Rohstoff Weizen machen etwa die Hälfte des
Brotpreises aus. Würde der Weizen um 20% teurer, stiege der
Brotpreis um etwa 10%, was rund 10 Kopeken7 entspricht.
Subventioniertes Brot erreicht alle Bevölkerungsschichten, die meisten Ukrainer aber könnten sich zweifelsohne ein etwas teureres Brot
leisten. Den sozial schwächsten Gruppen müsste insofern auf eine
andere Weise geholfen werden, während der Brotpreis dem Markt
überlassen werden sollte.
Während die ukrainische Regierung noch nach Schuldigen für die wetterbedingte Missernte sucht, steigen die Preise auf dem Weltmarkt
weiter an. Die Reserven in der Ukraine reichen nur noch bis Anfang
2004. Andere europäische Länder, die in einer vergleichbaren
Situation sind, haben rechtzeitig im Sommer begonnen, ihre Lager zu
günstigen Preisen aufzufüllen. Dagegen hat die Ukraine bis Anfang
Oktober 2004 noch keine Schritte unternommen, größere Mengen
Getreide zu importieren. Versucht wird, auf die Händler Druck
auszuüben, damit sie Weizen einführen. So kann derzeit beispielsweise Futtergerste, in großen Mengen auf dem ukrainischen Markt
vorhanden, nur ausgeführt werden, wenn parallel Weizen eingeführt
wird. Im ungünstigsten Fall lässt sich niemand auf dieses Geschäft ein,
und es wird zu einem großen Überangebot an Futtergerste im Lande
kommen, was einen Preisverfall nach sich zöge. Die Alternative für
einen Händler wäre, zu einem äußerst niedrigen Preis die Gerste
einzukaufen, um einen möglichen Verlust beim Import von Weizen zu
kompensieren. Der Verlierer ist in jedem Fall der Landwirt.
Inzwischen wurde der Mindestpachtpreis heruntergesetzt, und zwar
als Ausgleich für die geringeren
Einnahmen der Landwirte.
Somit ist es letztendlich die
Landbevölkerung, die das billige
Damit gibt der Betrieb seinen
Brot finanziert.
Verlust teilweise an den
Verpächter weiter, der das letzte
Glied der Kette ist. Somit ist es letztendlich die Landbevölkerung, die
das billige Brot finanziert.
7
10 Kopeken sind etwa 0,019 USD.
23
WAS IST AUS DEM BROTKORB EUROPAS GEWORDEN?
Im Ergebnis trägt diese Politik also dazu bei, dass sich die soziale
Lage der Landbevölkerung erneut verschlechtert. Durch die direkten
und indirekten staatlichen Eingriffe in den Markt werden Investitionen
in die Landwirtschaft zurück- oder gar eingestellt. Banken werden
noch weniger als bisher landwirtschaftliche Betriebe finanzieren.
Die ukrainische Regierung wäre gut beraten, die Hexenjagd nach den
vermeintlich Schuldigen an dieser Situation einzustellen. Die außerordentlich schlechte Ernte ist auf sehr ungünstige Wetterbedingungen
zurückzuführen. So etwas lässt sich zwar nicht vorhersehen, die
Auswirkungen aber könnten abgeschwächt werden. Ein Schritt in
diese Richtung wäre die Diversifizierung des Anbaus. Da meist nur ein
Teil der Kulturen unter einem bestimmten Klima leidet oder von ungünstigen Marktbedingungen betroffen ist, kann das Risiko durch eine
Vielfalt von Kulturen verringert werden.
Die Politik sollte deshalb nicht in kurzfristigen Aktionismus verfallen,
sondern eine langfristige Strategie zur Entwicklung der Landwirtschaft
verfolgen. Es ist nicht möglich, drei Jahre lang auf einen freien Markt
zu setzen und schließlich -wegen einer wetterbedingten Missernte –
wieder nach mehr Kontrolle und staatlicher Einflussnahme zu rufen.
Für viele Investoren, für einheimische wie für ausländische, wird diese
Situation als Lackmustest für die Stabilität der Reformen dienen, und
das nicht nur im landwirtschaftlichen Bereich.
Wird die Ukraine wieder die Kornkammer Europas?
In Statistiken oder in Berichten über die Ukraine ist in erster Linie von
der Getreide-, meist nur von der Weizenproduktion und den
Zuckerrüben die Rede. Andere Kulturen werden in der Regel eher
beiläufig erwähnt. Durch den
Weizen und den Zucker, auf
Durch den Weizen und den Zucker
ist die Ukraine weltweit bekannt
dem sich der Reichtum der
geworden.
Ukraine im 19. Jahrhundert
aufgebaut hat, ist die Ukraine
weltweit bekannt geworden. Daran wird in der Ukraine auch heute
noch wieder und wieder erinnert. Dabei wäre es sinnvoller, sich mehr
an den aktuellen Gegebenheiten des Marktes zu orientieren. Ohne
Frage, die Ukraine hat ihr Potenzial in der Zucker- und
Weizenproduktion höchstens zur Hälfte ausgeschöpft und könnte sie
leicht steigern. Jedoch hat sich die Situation auf dem Weltmarkt seit
Anfang des 20. Jahrhunderts grundlegend geändert. Das
24
Dietrich Treis
Weizenangebot ist sehr groß, und vor allem die umliegenden Länder
produzieren mehr, als nur für Deckung des eigenen Bedarfs nötig.
Hinzu kommt, dass die EU ihren Überschuss subventioniert auf
andere Märkte bringt, vor allem nach Nordafrika und in den Nahen
Osten. Der EU-Markt selbst ist wegen der Einfuhrbarrieren nur
eingeschränkt zugänglich.
Während Zucker noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts knapp und
sehr teuer war, produzieren ihn heute vor allem die süd- und mittelamerikanischen Länder so kostengünstig, wie es in der Ukraine kaum
möglich sein wird. Die Zuckerfabriken sind veraltet und die
Zuckerausbeute geringer als in modernen, westlichen Produktionsstätten. Die Investitionen für die Landwirtschaftsbetriebe und die verarbeitende Industrie sind sehr hoch, und es ist ungewiss, ob der
ukrainische Zucker auf dem Weltmarkt jemals konkurrenzfähig sein
wird. Zurzeit sind die Zuckerpreise etwa doppelt so hoch wie auf dem
Weltmarkt. Die produzierte Menge liegt bei knapp 90% des
Eigenbedarfs. So lange Waren importiert werden, lassen sich deren
Inlandspreise durch Zölle oder eine Mengenbegrenzung steuern. Wird
die gegenwärtige Produktion jedoch gesteigert, muss der Überschuss
exportiert werden. Die einzige Möglichkeit, den Inlandstarif hoch zu
halten und den Zucker trotzdem zum niedrigeren Weltmarktpreis zu
verkaufen, ist eine Exportsubventionierung, wie sie die EU durchführt.
Es ist fraglich, ob die Ukraine die finanziellen Mittel dafür aufbringen
kann.
Im Schnitt erntet heute ein ukrainischer Betrieb 15 t Zuckerrüben pro
ha. Künftig sind 60 t durchaus eine realistische Größe. Die
Eigenversorgungsgrenze kann also schon bald überschritten werden.
Zu Zeiten der Sowjetunion hat die Ukraine wesentlich mehr Zucker
produziert und große Teile des Bedarfs der UdSSR gedeckt. Heute
sind diese Länder unabhängig und werden, vor die Wahl gestellt, sich
für das günstigere Angebot entscheiden. Die Regierung hat sich bisher
noch nicht dazu geäußert, ob und wie sie die Zuckerproduzenten in
Zukunft unterstützen will, auch wenn Zuckerrüben als Stützpfeiler der
ukrainischen Landwirtschaft bezeichnet werden.
Ein ähnliches Bild zeichnet sich beim Weizen ab, der ebenso als
Stützpfeiler der ukrainischen Produktion dient. Auch Weizen gibt es
normalerweise ausreichend auf dem Weltmarkt. Eine weitere
Produktionssteigerung könnte die Preise zusätzlich drücken. Die
25
WAS IST AUS DEM BROTKORB EUROPAS GEWORDEN?
Ukraine hat in dieser Hinsicht
Die Ukraine hat ... einen
einen schwachen Stand, da
schwachen Stand, da Länder wie
Länder wie die USA und die EUdie USA und die EU-Staaten zum
Staaten zum Teil subventioTeil subventioniertes Getreide auf
den Markt bringen...
niertes Getreide auf den Markt
bringen und den Weltmarktpreis
dadurch ohnehin schon drücken. Sollte die Ukraine ihr ganzes
Produktionspotenzial ausschöpfen, würde sie sicherlich wieder den
alten Ruf als größter Getreideproduzent Europas wiedererlangen. Ob
sich dies aber auch in höheren Einnahmen der Produzenten widerspiegeln würde, ist fraglich. Ruhm allein auf jeden Fall reicht nicht aus,
um Löhne und Pachten zu bezahlen.
Es gibt aber auch Produkte mit einer wachsenden Nachfrage. Als
Beispiele sollen hier Sojabohnen und Raps angeführt werden. Durch
Fortschritte in der Züchtung kann in weiten Teilen der Ukraine Soja
angebaut werden. Die Bohne ist der wichtigste Lieferant für pflanzliches
Eiweiß und kann Tiermehl als Eiweißlieferant in Futtermitteln ersetzen.
Tiermehl ist als wahrscheinlicher Überträger von BSE identifiziert,
weshalb es als Futtermittel verboten wurde.
Durch die EU-Förderung von nachwachsenden Rohstoffen ist Raps als
Rohstoff für Biodiesel eine Kultur, deren Marktpotenzial noch nicht ausgeschöpft ist. In Deutschland wurden Anlagen zur Verarbeitung von Rapsöl
zu Biodiesel gebaut, deren Kapazität weit über dem liegt, was in
Deutschland an Rapsöl produziert werden kann. Der Anteil von Biodiesel
am Treibstoffverbrauch der EU wird weiter steigen, zumal ein Mindestanteil
an nachwachsenden Rohstoffen gesetzlich festgeschrieben ist.
Bis auf einige wenige Lippenbekenntnisse fördert die ukrainische
Regierung bisher in keiner Weise diese oder andere Kulturen, bei
denen es noch eine offene Nachfrage auf dem Weltmarkt gibt.
Stattdessen wird weiter auf eine Ausweitung der Weizen und
Zuckerproduktion gesetzt.
Die ukrainische Führung sollte deshalb ihre Ziele überdenken. Statt
dem alten Ruf als Kornkammer
Statt dem alten Ruf als KornEuropas hinterher zu rennen,
kammer Europas hinterher zu
wäre es realistisch, eine lukrarennen, wäre es realistisch,
tive Landwirtschaft aufzubauen.
eine lukrative Landwirtschaft
Das Potenzial dafür ist voraufzubauen.
handen.
26
WAS IST AUS DEM BROTKORB EUROPAS GEWORDEN?
Dietrich Treis
Die Hoffnung auf eine schnelle Steigerung der Erntemengen ist
trügerisch. Selbst in Ländern wie Ungarn und Polen, die mit der
Anpassung an die Marktwirtschaft schon weiter vorangekommen sind,
steigen die Erträge nur langsam und liegen noch weit hinter denen
Westeuropas.
Zusammenfassung
Die Ukraine hat gute Ausgangsbedingungen für eine positive
wirtschaftliche Entwicklung. Die Nähe zur EU und günstige klimatische
und geographische Bedingungen sind ein deutlicher Vorteil des
Landes. Bisher wurde das Potenzial aber nur wenig genutzt. Wenn das
politische Umfeld nicht stimmt, werden Investoren auch weiterhin fernbleiben. Seit der Unabhängigkeit der Ukraine gab es einige
Aufwärtstrends, denen regelmäßig ein ebenso starker Abwärtstrend
folgte. Auch im Herbst 2003 ist die Euphorie, die nach der
Privatisierung zu spüren war, der Realität gewichen. Die schlechte
Ernte hat die letzten Reserven der meisten Betriebe vernichtet und der
Reformwille der Regierung starke Kratzer bekommen. Beides zusammen wird die Entwicklung der ukrainischen Landwirtschaft hemmen.
Ernten wie in den vergangenen zwei Jahren von 38 Mio. t werden so
schnell nicht mehr eingefahren werden. Zwar werden einzelne
Betriebe binnen kurzer Zeit ihre Ernte verdoppeln können, jedoch
können sich nur die wenigsten Betriebe die notwendigen Investitionen
dafür leisten. Die meisten verringern Kapital, statt es zu vermehren.
Das heißt, die erzielten Erträge reichen nicht mehr aus, um so dieselbe
Fläche wie im Vorjahr zu bestellen. So steigt mit jedem neuen Jahr die
Anzahl der Flächen, die brachliegen, auch wenn dies in der Statistik
nur bedingt auftaucht.
!
!
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!
!
!
!
Transportwege wie der Schiffstransport könnten als günstige
Alternative zur Eisenbahn ausgebaut werden.
Der Staat darf keinen Einfluss mehr auf die Preise nehmen. Eine
gezielte Unterstützung der ärmeren Bevölkerungsschicht ist
besser als künstlich niedrig gehaltene Brotpreise für alle.
Die Infrastruktur im ländlichen Raum muss verbessert und die
Betriebe von der sozialen Verantwortung für das Dorf befreit
werden.
Bevor der Handel mit Land freigegeben wird, müssen die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür geschaffen und umgesetzt
werden.
Die Rechtssicherheit muss verbessert werden.
Außer Weizen und Zuckerrüben sollten auch andere Kulturen
beachtet werden. Raps – wegen des steigenden Bedarfs an
nachwachsenden Treibstoffen; Soja – als wichtigster Lieferant
von pflanzlichem Eiweiß. Das sind nur zwei Beispiele für aussichtsreiche Alternativen. Eine Diversifizierung des Anbaus mindert außerdem das Risiko.
Importbeschränkungen für Landmaschinen und Saatgut sollten
aufgehoben oder verringert werden, da sie die Einkaufspreise
für die Betriebe erhöhen.
Die wichtigsten Faktoren sind natürlich Stabilität und das
Festhalten am Reformkurs.
Wenn die ukrainische Regierung die oben genannten Schritte befolgt,
werden die Investitionen in die Landwirtschaft und den ländlichen
Raum steigen. Die Ukraine hätte die Chance, künftig wieder eine
bedeutende Rolle auf den Weltmärkten für Agrargüter zu spielen.
Folgende Schritte sollten unternommen werden, damit sich die
Landwirtschaft wieder positiv weiterentwickelt:
! Die Regionalverwaltungen sollten weder für das Erreichen von
festgesetzen Erntezielen noch für die Ernährung der Bevölkerung
zuständig sein. Dies kommt in einer freien Marktwirtschaft nicht
vor. Gesunde Konkurrenz sorgt für günstige Preise. Die Politik
sollte daran gemessen werden, wie gut das Investitionsklima ist
und wie viel Arbeitsplätze geschaffen werden.
! Monopole sollten abgeschafft werden. So sollte es beispielsweise privaten Investoren ermöglicht werden, eigene
Hafenanlagen zu bauen.
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