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Das Stativredukt oder: Was hat das Germanische Starke Verbum mit

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Das Stativredukt
oder:
Was hat das Germanische Starke Verbum mit der Erschließung des
grundsprachlichen Urmediums zu tun?
Im Corpus der Germanischen Starken Verben wirft das Zeitwort kommen1
eines der faszinierendsten Probleme der diachronischen Sprachwissenschaft auf.
Besonders häufig erwähnt und eingehend besprochen ist die anstehende
Komplikation bei BAMMESBERGER (1984)2, wo er innerhalb der Gesamtproblematik p. 8 eine Herleitung aus einem (im Altindischen belegten) Wurzelaorist *gwém_gw m-´ für „ganz unwahrscheinlich“ hält, „weil kaum vorstellbar ist,
wie ein Aorist präsentische Funktion angenommen haben soll.3“ Das LIV2 verzeichnet hinsichtlich des Problems lapidar an der in Anm. 1 angeführten Stelle
„... zum Aorist ...“, was wohl bedeuten soll, dass das Verb, entgegen den Ausführungen BAMMESBERGERs, doch direkt aus dem Wurzelaorist *gwém_gw m-´
herzuleiten ist.
In der auf den Vortrag folgenden Diskussion4 entfährt MEID zum Thema die
Äußerung: „Die eigentliche Frage bei alledem ist: Wie wird ein Aorist zum
Präsens?“ MEID selbst erläutert, erklärt und ‚übersetzt‘ den Text (= seine Frage)
im Folgenden wie folgt: „Wie wird eine Einmaligkeit zur Wiederholung?“ In
der diachronischen Sprachwissenschaft sind in der Folgezeit bis heute ganze
Gutenberg-Galaxien erschienen, auch zu diesem speziellen Thema, doch, soweit ich irgend sehen kann, MEIDs Frage scheint nirgendwo mehr substanziell
aufgegriffen worden zu sein, trotz ihrer durch MEIDs eigene Worte „ ... bei alledem ... “ angezeigten inhärenten ungeheuren Wichtigkeit für das Verständnis
und die mögliche Lösung des angesprochenen Problemkreises.
.
zuletzt ausführlich im REW IV, p. 159 ff.; Lemma #276; in SEEBOLDs VEW p. 315 ff.; im
LIV2 p. 209 f., Anm. 14
2 Es handelt sich hierbei um einen Vortrag in Freiburg (Colloquium der Indogermanistischen Gesellschaft, 26. - 27. 2. 1981); an einem dieser Tage fand jene Diskussion statt, der ich
die – s. im Folgenden – bei alledem entscheidende MEIDsche Frage entnehme. Die Formulierung „ ... bei alledem ... “ bedeutet für mich „ ... in der gesamten Indogermania ... “; sie
bedeutet aber mindestens „ ... im gesamten Aorist-Präsens-Bereich ... “.
3 p. 15 leitet BAMMESBERGER dann kommen zwar lautlich und formal problemlos, aber aus
einem Partizip Aorist her
4 publiziert ibidem p. 24
1
-2Für mich ist MEIDs Frage, so wie sie dasteht, aus diesem Grunde die wichtigste Frage, die es in der gesamten Sprachdiachronie überhaupt gibt. MEID ist
überhaupt nur in der Lage, die Frage so und nur so zu stellen, weil das Verbalsystem unserer Grundsprache auf jeden Fall ein auf dem Aspekt basierendes
System darstellt. „Aspekt“ ist hierbei der traditionelle Terminus, der „Sicht des
Sachverhalts“ bedeutet, jedoch in dieser Definition das Bezeichnete nicht ganz
trifft. Genau genommen handelt es sich beim Aspekt um die Zeitdauer der beschriebenen Handlung, und zwar um den unserer Grundsprache essenziell inhärenten Unterschied zwischen „Zeitdauer absolut null“ (‚perfektiver Aspekt‘) und
„Zeitdauer potenziell unendlich“ (‚imperfektiver Aspekt‘). Alles, was mit der
Verschiedenheit des Aspekts zu tun hat, ist miteinander unverträglich und
einander absolut antagonistisch, was naturgemäß suprâ BAMMESBERGER zu
seiner (grundrichtigen) Aussage veranlasst hat, die „präsentische Funktion eines
Aorists“ sei praktisch „unvorstellbar“.
In eine traditionelle Nebeneinanderstellung der verbalen Aktionsartkategorien
Aorist – Präsens – Perfekt würde man sehr gerne eine eigene Aktionsartkategorie Stativ mit hineinnehmen. Offensichtlich ist der Stativ wegen seines ungewöhnlichen Ablautverhaltens – durchgehende Ablautgleichheit im „starken“ und
„schwachen“ Teilstamm5 – , wegen der allgemeingültigen Zuordnung zu
Stativwurzeln, und vor allem, weil MEIDs Frage auf ihn bestimmt nicht anzuwenden ist (da ja im Stativbereich von vornherein ein Aorist nicht zum Präsens
werden kann bzw. nicht zu werden braucht), eine eigene und eigenständige
Aktionsartkategorie6. Ein sinnvolles Aktionsartkategoriensystem Aorist – Präsens – Stativ – Perfekt mündet jedoch stets wieder, da Präsens und Stativ als
„zusammengefallen“ betrachtet werden, in einzelsprachliche Systeme Aorist –
Präsens – Perfekt7, so dass sich eine terminologische Besonderheit, Unzulänglichkeit oder Aporie ergibt: Man sieht sich nolens volens stets gezwungen, zu
sagen, „das einzelsprachliche Präsens sei aus dem Zusammenfall von grundsprachlichem Präsens und grundsprachlichem Stativ entstanden.“
.
Es handelt sich um die bekannten Typen 1c und 1d im LIV2. Der Stativ-Typ 1c hat
durchgehend Nullstufe (altindisch duhé ‚gibt Milch‘ *dh u.gh- é_dh u.gh- r ´); der Stativ-Typ
1d hat durchgehend -é- (auch -á-)-Vollstufe (hethitisch kitta(ri) = altindisch s´áye = griechisch κειται ‚liegt‘ *k^éi -e_k^éi -r , ne. may nhd. mag *mágh -e_mágh -r ).
6 auch im LIV2 sind die Typen 1c/1d deutlich von anderen Präsens-Typen abgesetzt (p. 15)
7 soweit die Kategorien in die Einzelsprachen hinein weitergeführt sind; im Germanischen
entfällt z.B. die Kategorie Aorist, im Hethitischen entfallen die Kategorien Aorist und Perfekt, usw.; die Kategorie Präsens ist jedoch immer da und bedarf, wie dargetan, der sprachdiachronen Zergliederung in die voraufgehenden Kategorien Präsens und Stativ
5
o
o
o
-3Mein Lehrer Karl Hoffmann hatte diese terminologische Unzulänglichkeit
vielleicht gar nicht im Auge, als er (um 1975) sagte: „Wenn Sie einmal eine
größere Arbeit schreiben, dann nennen Sie den grundsprachlichen Aorist
‚Konfektiv‘, das grundsprachliche Präsens ‚Infektiv‘ und das grundsprachliche
Perfekt ‚Naktostativ‘!“ Die traditionellen Termini scheinen ihm wohl deshalb
nicht gefallen zu haben, weil sie eigentlich nichts des Wesentlichen ausdrücken: „Aorist“ bedeutet ‚unbegrenzte Anwendungsweise‘, was heißt, dass der
Aspekt punktiv unabhängig von „der Zeit“ ist, aber das gilt im Prinzip ebenso
von den anderen Aktionsarten (insbesondere in deren Injunktiv); „Präsens“ ist
eine an sich nicht aussagekräftige Sammelbezeichnung, und „Perfekt“ – also
‚vollendete Handlung‘ – könnte ebenso gut zur Bezeichnung aller anderen verbalen Aktionsarten dienen, sofern sie nur in ihrem Präteritum stehen. Freilich
treffen auch die Termini „Konfektiv“ (‚abgeschlossene Handlung‘) und „Infektiv“ (‚nicht abgeschlossene Handlung‘) die zu bezeichnenden Tatbestände nicht
ganz genau (sehr gut entspricht allerdings „Naktostativ“ – ‚erreichter Zustand
nach abgeschlossener Handlung‘ – der Perfektbedeutung), jedoch lassen sie jetzt
die sinnvolle Aussage zu: „Das einzelsprachliche Präsens ist aus dem
Zusammenfall von grundsprachlichem Infektiv und grundsprachlichem Stativ
entstanden.“ Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass der Aspekt imperfektiv
zusammengesetzt ist aus den Aspekten iterativ und durativ und dass der Aspekt
iterativ eher der Aktionsart Infektiv, der Aspekt durativ aber eher der Aktionsart
Stativ zuzuweisen und zuzuordnen ist.
In traditioneller Terminologie entwickelt sich also eine grundsprachliche
Aktionsartreihe
Aorist
Präsens
Stativ
Perfekt
nach dem Zusammenfall von Präsens und Stativ in eine einzelsprachliche
Aktionsartreihe (mit der hier in Anm. 7 erwähnten Einschränkung; hier dargestellt mit den zugehörigen Aspekten)
Aorist
perfektiv
(= punktiv; Zeitdauer: absolut null)
Präsens
Perfekt
imperfektiv
imperfektiv
(= iterativ + durativ; Zeitdauer: potenziell unendlich).
In Karl Hoffmanns Terminologie entwickelt sich entsprechend eine grundsprachliche Aktionsartreihe (hier mit zugehörigen Aspekten und deren Bedeutungen)
-4Konfektiv
Aspekt:
Bedeutung:
punktiv
Einmaligkeit
Infektiv
iterativ
Wiederholung
einer Einmaligkeit
Stativ Naktostativ-Naktofaktiv8
durativ
Zustand
durativ
erreichter Zustand
nach Abschluss einer Handlung
zur o.g. einzelsprachlichen Aktionsartreihe
Aorist
perfektiv
(= punktiv; Zeitdauer: absolut null)
Präsens
Perfekt
imperfektiv
imperfektiv
(= iterativ + durativ; Zeitdauer: potenziell unendlich),
wobei im dargestellten System – der Bedeutung der Aspekte entsprechend –
Konfektiv jetzt zusätzlich bedeutet: Aoriste von Aoristwurzeln (besser:
Konfektivwurzeln?), und Infektiv: Präsentien von Aoristwurzeln (besser: Konfektivwurzeln?), sowie Stativ: Präsentien von Stativwurzeln.
Karl Hoffmanns Termini weisen jedoch einen zusätzlichen gewaltigen Vorteil
auf: sie schaffen – ein zunächst unwichtig erscheinender Nebeneffekt – unmittelbar ersichtliche Klarheit im Bereich der in der Grundsprache verwendeten
Endungssätze. Das von uns zu betrachtende Verbalsystem ist offenbar insgesamt, durch und durch und genuin ein „Parallelsystem“, das auf dem beschriebenen Aspektgegensatz basiert. Deshalb wird das Gesamtsystem immer mit
Gegensatzbegriffen beschrieben: perfektiv : imperfektiv; Tätigkeitsverben :
Zustandsverben; transitiv : intransitiv; objektivisch : subjektivisch; Aktiv :
Medium; Faktiv : Stativ; und schließlich Faktivendungen : Stativendungen9. In
Karl Hoffmanns Termini selbst liegt nun bereits die Information, welcher Endungssatz in der Kategorie Verwendung findet: im Konfektiv und Infektiv der
.
In Anbetracht der in jeder Kategorie vorliegenden (entweder) Faktivendungen (oder)
Stativendungen – vgl. im folgenden Text – habe ich mich entschlossen, dem Naktostativ einen
ihn besser bezeichnenden Doppelnamen zu geben. Grundlage meiner Entscheidung ist die
Tatsache, dass das Perfekt in seinem Präteritum (= Plusquamperfekt) Faktivendungen
aufweist; vgl. KATZ 2007 passim; JASANOFF 2003, p. 34. Die Erscheinung ist m.E. der
Tatsache zuzuschreiben, dass das Perfekt dadurch entstand, dass das Teilstamminventar des
Infektivs (mit den Wurzelvarianten e, Resonant und Null; vgl im folgenden Text) noch einmal verwendet (daher die Teilbedeutung ‚Abschluss einer Handlung‘) und mit den Stativendungen versehen wurde (daher die Teilbedeutung ‚erreichter Zustand‘), die sekundäre
Übertragung jedoch nur teilweise erfolgte, also Präteritum und Modi des Perfekts nicht
erfasste. In der Beurteilung der Genese des Perfekts bin ich mir vollkommen einig mit JASANOFF 2003, vgl. dort p. 169: „The perfect evidently originated within PIE as a kind of ...
reduplicated present ...“ (... kind of ... = hier: (unerkannte) Versehung mit Stativendungen.)
9 ich werde im Folgenden weitere solche wichtige Gegensatzpaare erschließen bzw. beschreiben, z.B. Faktivredukt : Stativredukt (= Uraktiv : Urmedium); active déclassé : middle
déclassé; und besonders Faktostativ : Statofaktiv
8
-5Faktivendungssatz, im Stativ der Stativendungssatz, und im Naktostativ-Naktofaktiv z.T. der eine, z.T. der andere10 / 11.
Das eingangs erwähnte Zeitwort kommen hat die Besonderheit, dass es zweifelsfrei (z.B. wegen seiner Stellung im germanischen Präsenssystem, wegen
seiner Primärendung und wegen der Abwesenheit = des Ausgestorbenseins des
Aorists im Germanischen) ein Präsens ist, das aber nicht als solches erkannt
wurde12, und dass es, wegen seiner Zugehörigkeit zur Aoristwurzel *gwem ‚einen
Schritt tun‘, der Aktionsartkategorie Infektiv zugerechnet werden muss13. MEID
hat seine Frage – die man jetzt umformulieren kann in „Wie wird ein Konfektiv
zum Infektiv?“ – ausdrücklich in direktem Zusammenhang mit diesem Verb
gestellt. Es ergibt sich im Kontext dieser so unbeantwortbar scheinenden Frage
die Überlegung, ob es innerhalb des weiten Feldes der Indogermania nicht auch
noch weitere Präsensstämme gibt, die – z.B. wegen ihrer Primärendungsfähigkeit – eindeutig Präsensstämme sind, aber nie als solche erkannt wurden.
Die überaus verbreitete Aoristwurzel *der ‚schinden, spalten, durchbohren,
reißen‘ bildet einen regulären Wurzelaorist altindisch *ádar *é dér -t ‚er
durchbohrte einmalig‘, aber in der Tat eine offensichtlich wurzelredu.
vgl. hier Anm. 8
11 Die ursprünglichen Endungen tragen den Terminus Sekundärendungen. (Die Primärendungen sind von diesen durch ein zusätzliches Additiv, u.a. genannt hic-et-nunc marker
(meist -i, -s oder h ), unterschieden. Da mit den Sekundärendungen die ursprünglichere Form
der Endungen bekannt ist, spielen die Primärendungen bei der Betrachtung der inhärenten
Problematiken nicht die große Rolle.) In einem vollständigen Gesamtsystem müssten 18
solcher Sekundärendungen vorliegen, jeweils 1sg 2sg 3sg 1du 2du 3du 1pl 2pl 3pl im
Faktivendungssatz und ebenso im Stativendungssatz. Das Hethitische besaß (noch?) keinen
Dual. Für den Rest der Sprachfamilie sind auch die Dualendungen leidlich, aber nicht ganz
vollständig rekonstruierbar. Für Zwecke dieser Darstellung genügen die recht sicher bekannten Sekundärendungen Faktiv 1sg -m, 2sg -s, 3sg -t, 3pl ént, Stativ 1sg -h e, 2sg -th e, 3sg -e,
3pl r ´. Für mich von sehr großer Wichtigkeit ist es, an den Endungen zu bezeichnen, ob sie
jeweils an einem „starken“ oder „schwachen“ Teilstamm „hängen“. Hängen sie an einem
„starken“ Teilstamm, erhalten sie einen Bindestrich. Hängen sie an einem „schwachen“
Teilstamm, notiere ich sie ohne Bindestrich. Dies ist äquivalent zu meiner Notierung „starker“ Teilstämme immer ohne Bindestrich, „schwacher“ Teilstämme immer mit Bindestrich.
Die Regelung hat sich als sehr praktisch erwiesen, besonders wenn die Teilstämme homophon sind (lat. *péd „stark“ im Akk. *péd -m , aber *péd- „schwach“ im Gen.Abl. *péd- es).
12 auch von BAMMESBERGER nicht, der es – s. hier Anm. 3 – aus einem Partizip Aorist herleitet – zur „Reduplikativvariante Null“ (s. hier p. 7) scheint er wohl doch zu sagen (1984, p.
8): „Die wirkliche Erklärung muss also komplizierter sein.“ Wirklich: ja; kompliziert: nein.
13 die Zuordnung ‚Aspekt iterativ‘ zur Aktionsartkategorie Infektiv (Konfektivwurzeln) und
‚Aspekt durativ‘ zur Aktionsartkategorie Stativ (Stativwurzeln) scheint offensichtlich
10
2
2
o
o
2
-6plizierende Form *ádardar *é dér-dor -t ‚er durchbohrte wiederholt‘. Exakt
diese Form, wiewohl sie als Präteritum zu einem primärendungsfähigen *dérdor -ti ‚er durchbohrt wiederholt‘14 gehört, wird weit aus dem Präsenssystem
weggewiesen, als „Iterativ-Intensiv“ bezeichnet und bei sprachdiachronen
Behandlungen des Präsenssystems von vornherein nie mehr in Betracht oder
Erwägung gezogen. Die Wahrheit und Wirklichkeit ist: Dieses von mir so
genannte wurzelreduplizierende Wurzelpräsens hat die älteste Stammbildung,
den ältesten Ablaut und das älteste Reduplikativ15; damit ist es alleine formal die
ältestentdeckbare Präsensform. Der Vergleich der Injunktive (im Konfektiv dár
*dér -t und im Infektiv dárdar *dér-dor -t) offenbart, dass die unbeantwortbare
MEIDsche Frage beantwortet ist: Die Einmaligkeit wird zur Wiederholung,
indem man etwas Einmaliges wiederholt sagt16 / 17.
Die Aoristwurzel *gwem ‚einen Schritt tun‘ bildet das wurzelreduplizierende
Wurzelpräsens altindisch ján.ganti *gwém-gwom -ti18. Die Antwort auf die Frage,
wie ján.ganti *gwém-gwom -ti zu kommen *gw m-ó- gehören kann, bieten
wiederum die verbalen Stammbildungsverhältnisse der Aoristwurzel *der. Diese
bildet ein Wurzelpräsens dárti *dér -ti19, und es gehört zu den unumstößlichsten
Einsichten eines jeden historischen Sprachwissenschaftlers, dass von einer
Aoristwurzel aus kein athematisches Wurzelpräsens bildbar ist, zumal der
athematische Wurzelaorist wirklich greifbar direkt danebenliegt. Die einzige
Möglichkeit ist, dass der „schwache“ Teilstamm des wurzelreduplizierenden
Wurzelpräsens *d r-d r-´20 (es gibt auch Wurzeln mit zwei Plosiven, so dass
.
alle altindischen / vedischen Formen habe ich aus Arthur A. Macdonells Vedic Grammar
for Students, dort zur Wurzel *der p. 390 f.; vgl. Literaturangabe
15 Alle Aussagen aus RIX‘ Historischer Grammatik des Griechischen von 1976, z.B. zum
hier vorliegenden Reduplikativ dort p. 203: Die ursprüngliche Form der Redupl. scheint in der
sog. Intensivreduplikation vorzuliegen, bei der die ganze Wurzel wiederholt wird. Eindeutig
ist auch RIX‘ Aussage p. 205: Die athemat. Bildungen sind typologisch und wohl auch
historisch älter als die thematischen.
16 *dér-dor ist Zusammenrückung aus *dér dér
17 Eigentlich liegt hier einer der gar nicht so häufigen Fälle vor, bei denen die Form exakt
der Bedeutung entspricht. Die 3sg-Endung -t hat lautlich oder formal nichts mit der Bedeutung „3sg“ zu tun, jedoch ist im besprochenen Fall die Form „Wiederholung“ identisch mit
der Bedeutung „Wiederholung“.
18 MACDONELL (s. Anm. 14), p. 202
19 MACDONELL (s. Anm. 14), p. 390
20 in der Gesamtformation *dér-dor (allgemein: TéK-ToK) wird im Folgenden der erste
Bestandteil der Bildung als (ja präsens-typisches) Reduplikativ empfunden und der zweite
Bestandteil als „eigentliches Verbum“ behandelt, der den üblichen Entwicklungsregeln folgt
14
-7vier Konsonanten enthaltende Anlautsclusters entstünden) zum schieren Zwecke der Aussprechbarkeit das Reduplikativ variiert, dass also Reduplikativvarianten entstehen. Die Beleglage gebietet, anzunehmen, dass athematische Paradigmen in allen Teilstämmen ein (formal, nicht akzentmäßig) identisches Reduplikativ hatten; das wurzelreduplizierende Wurzelpräsens *dér-dor_d r-d r-´
erscheint also als so genannte altindische Iterativ-Intensivbildung *dér-dor_ derd r-´ mit „Reduplikativharmonisierung“. Die Beleglage gebietet weiterhin, dass
die Reduplikativvarianten (immer im „schwachen“ Teilstamm entstanden, von
dem aus und zu dem dann ein „starker“ Teilstamm individuell neu hinzugebildet wird) in vier Hauptvarianten auftreten: „vereinfachtes“ *de-d r-´, „resonantisches“ *d r-d r-´, daraus aus -i-schließenden Wurzeln verallgemeinertes
*di-d r-´, und schließlich unter vollständiger formaler (nicht bedeutungsmäßiger; die Formation bleibt in dieser Definition weiterhin ein wurzelreduplizierendes Wurzelpräsens) Aufgabe des Reduplikativs *d r-´ („Reduplikativvariante Null“ 21). Zusammen mit den individuell nun neu hinzugebildeten „starken“
Teilstämmen ergeben sich die vier hauptsächlichen athematischen Typen22 *dédor_de-d r-´23, *dr-dér_dr-d r-´, *di-dér_di-d r-´, *dér_d r-´ (altindisch dárti).
Aus der so angenommenen verbalen Aktionsartreihe
Konfektiv
z.B.
Infektiv
dér_d r-´
dér-dor_der-d r-´
dé-dor_de-d r-´
dr-dér_dr-d r-´
di-dér_di-d r-´
dér_d r-´
dhéh _dh h -´
(Infektivparadigmen-Ausformung bei
gwém_gw m-´
Wurzeln *dheh und *gwem wie bei *der;
kommen regelhaft thematisiert aus *gwém_gw m-´)
1
Stativ
k^éi_k^éi
1
1
.
Die „Reduplikativvariante Null“ ist die jüngste, jedoch bei weitem häufigste aller Reduplikativvarianten. Aus der im Folgenden vor sich gehenden evolutiven Entwicklung ergibt
sich zwingend, dass sie immer vorliegt, wenn eine beliebige „präsentische“ Verbalbildung zu
einer Aoristwurzel gehört – und das sind im Prinzip etwa 95% aller Verben. Wenn meine
Annahme und Konklusion aus dem vorgetragenen ältesten Material stimmt, dann hat die Indogermanistik etwa 95% ihres Bestandes bisher noch nicht entdeckt („dunkle Materie“).
22 sie sind naturgemäß nicht von allen Wurzeln in kompletter Palette gebildet; z.B. entfällt
bei der Wurzel *dheh ‚stellen, setzen, legen‘ die resonantische Reduplikativvariante; das älteste Paradigma, das der altindischen Iterativ-Intensiv-Bildung entspräche, ist offensichtlich
aus Pleonasmusgründen aufgegeben, wie überhaupt potenzielle Pleonasmen dazu beitragen,
dass pro Einzelsprache gewöhnlich nur eine der möglichen Bildungen weitergeführt ist
23 im LIV2, p. 16, Typ 1g, ist der gut und eindeutig belegte Akzent des „schwachen“
Teilstamms gegen die Attestierung fälschlicherweise auf die Reduplikativsilbe gezwungen
21
1
-8ergibt sich im weiteren Verlauf der evolutiven Entwicklung viel, nämlich alles,
was es an Wörtern und Formen gibt, und das ist innerhalb der Indogermania sehr
viel, wirklich sehr viel. Der Zweck meines Vortrags ist die Darstellung des
Stativredukts (gemeinhin auch „Urmedium“ genannt), also der Reduktion des
hier ausgeworfenen unscheinbaren Paradigmas *k^éi_k^éi (in der Tat zwei
„starke“ Teilstämme von der Wurzel *k^ei ‚liegen‘) auf eine noch frühere Form
und die Sammlung und Aufzählung der Folgeformen dieser noch früheren Form
und deren Eingliederung in die bestehende Aktionsartreihe Konfektiv-InfektivStativ24. Zur Erhellung dieser Darstellung muss ich so kurz wie nur möglich auf
einige Grundsätze eingehen, die ich als Folgeergebnisse der Beantwortung von
MEIDs Frage erschlossen habe und die ich momentan „eben so sehe“, auch wenn
sie im ersten Moment etwas revolutionär anmuten mögen.
An der dargestellten Entwicklung der Reduplikativvarianten haben alle25 Ein.
Es werden 15 solcher Folgeformen sein, dazu einige weitere ältere Vorformen des Stativredunkts und deren Nachbarkategorien. Die Folgeformen (sie sind alle unmittelbar belegt)
fügen sich nahtlos ins System ein; sie blähen es keinesfalls unnötig auf, sondern machen es
nur kompakter. Die Erstellung des Systems beruht auf der dargelegten Beantwortung von
MEIDs Frage. Bisherige Systeme sind gewöhnlich „griechisch-indoiranisch-lastig“; das Hethitische will einfach nicht richtig dazu passen. Ich stelle ein System vor, das substanziell und
durch und durch griechisch-indoiranisch-anatolisch ist. Es ist einfacher, schlüssiger,
verständlicher und „aufgehender“, also nach meiner festen Überzeugung besser. Nach seiner
Entdeckung wurde das Hethitische als „Gegensatz“ aufgebaut und nicht als das betrachtet,
was es hinsichtlich der Erschließung der grundsprachlichen Verhältnisse eigentlich ist, nämlich ein missing link. Nach der Beantwortung der MEIDschen Frage ist heth. têzzi *dhéh -ti ‚er
sagt‘ ein wurzelreduplizierendes Wurzelpräsens mit Reduplikativvariante „Null“, und es ist
wegen der Primärendung nicht möglich, dass es irgendetwas Anderes ist (vgl. strukturgleiches *dér -ti in der altindischen Präsensklasse II) – es wird aber als „Aorist“ gehandelt
(wird als Reflex eines Aorists gesehen, ist in Wirklichkeit aber Reflex einer Aoristwurzel).
Niemand von den Alten, die vor fast 200 Jahren die diachronische Sprachwissenschaft begründeten, hätte aus der Tatsache, dass es sowohl transitive Deponentien (= heth. hi-Verben)
als auch Stativverben mit Faktivendungen gibt (lat. est ‚ist‘ it ‚geht‘ fit ‚wird‘ altindisch
sváp(-i-)ti ‚schläft‘), irgendwie Aufhebens gemacht, etwa dass es auch nach sieben Hypothesen (nur zum Vergleich: sechs über die hi-Verben bei Jasanoff 2003, pp. 7 - 28, hierauf
passim seine eigene) noch unerklärliche und unerklärbare „mi-Verben“ gibt. – Ich werde
dieshinsichtlich im Folgenden von „Infektostativ“ (für die transitiven Deponentien und die hiVerben) und von „Statofaktiv“ (für Stativverben mit Faktivendungen; vgl. hier betreffs der
Angabe und Bezeichnung der Endungen direkt in den Termini Karl Hoffmanns glückliches
Händchen) sprechen und aufzeigen, dass die hethitische Art der Infektostativierung, die ja nur
den „starken“ Teilstamm erfasst, wohl die ältere ist.
25 das Hethitische zeigt die jüngste und häufigste, nämlich die „Reduplikativvariante Null“,
sogar besonders ausgeprägt
24
1
-9zelsprachen teil, auch das Anatolische. Dieses tritt in jenem einfachsten Zustand
aus dem Gesamtverband aus, gibt den Konfektiv gänzlich auf und baut den
Naktostativ-Naktofaktiv nicht mehr mit auf26 / 27 / 28. Auch am für die weitere
Entwicklung der Grundsprache entscheidend wichtigen Vorgang, der Thematisierung, nimmt das Anatolische nicht teil. In der Frage der Entstehung der
thematischen Stämme folge ich in Gänze der Darstellung in RIX‘ Griechischer
Grammatik von 197629. Die Verbalendung 3pl *ént und die Nominalendung
Gen.Abl. *és haben, offenbar im Gegensatz zu allen anderen Endungen, einen
akzentuierten Vokal vor den Endungskonsonanten, also einen präponierten
Vokal, den ich in der Folge thematogenen Vokal nenne. In RIX‘ (und anderer)
Darstellung ersetzt die Formation „schwacher“ Teilstamm + thematogener Vo.
Das System ist daher sehr einfach und ursprünglich; es lässt sich in einer Art Schaubild
„im Deutschen“ wie folgt veranschaulichen: Hieße das Präsens bin – bist – ist – sind – seid –
sind, so hieße das Imperfekt (der letzte Laut wird immer weggelassen; das ist im Hethitischen der hic-et-nunc marker; das vielleicht vorauszusetzende und hinzudenkbare Imperfekt-Augment erscheint nicht mehr) bi – bis – is – sin – sei – sir, mit dieser einen bemerkenswerten Besonderheit, dass in der 3pl die Stativendung benutzt wird. Ganz zufällig und
sekundär haben im Deutschen Perfektformen und Präteritopräsentien die selbe Endungssatzverteilung wie die hi-Verben des Hethitischen, also Stativendungen im Singular und Faktivendungen im Plural; ein hethitisches hi-Verb würde also vergleichsweise kann – kannst –
kann – können – könnt – können lauten, und entsprechend sein Imperfekt – wobei auf die 3sg
zur Verdeutlichung bzw. Vermeidung oft überkurzer Formen noch jenes -s genau von der 3sg
des Imperfekts des mi-Verbs is übertragen wird – kan – kanns – kans – könne – könn –
könner. Der Vergleich passt genau; ich denke, er ist sehr ungewöhnlich, aber auch – in
mnemotechnischer Beziehung – sehr einprägsam.
27 In Anm. 8 habe ich bereits angedeutet, dass zur Erzeugung des späteren Perfekts das
Teilstamminventar des Infektivs noch einmal verwendet wird und (nach Anm. 8 teilweise) mit
dem Stativendungssatz versehen wird, um die spezifische und typische (und offensichtlich
von der Sprache desiderierte) Bedeutung erreichter Zustand nach Abschluss einer Handlung
zu erzielen. Aus diesem Teilstamminventar wurden offenbar die „schwachen“ Teilstämme mit
Reduplikativvariante „e“, mit Reduplikativvariante „Resonant“ und mit Reduplikativvariante
„Null“ übernommen, also etwa zur Wurzel *der ‚schinden‘ *de-d r-´, zur Wurzel *steu.d
‚stoßen‘ *stu-st u.d-´ und zur Wurzel *uei.d ‚finden‘ *u i.d-´. Die individuelle Neuhinzubildung
eines „starken“ Teilstamms zeichnet sich dadurch aus, dass in dieser neuen
Aktionsartkategorie in diesem „starken“ Teilstamm stets akzentuierte -o-Stufe der Wurzel
ein- und durchgeführt wurde, also die Paradigmen *de-dór_de-d r-´ (altindisch dadâ´ra), *stustóu.d_stu-st u.d-´ (altindisch tutóda, lateinisch tutudî) und *uói.d_u i.d-´ (nhd. noch
weiß_wissen usw.) entstanden.
28 auch der Dual scheint im Anatolischen noch nicht aufgebaut zu sein
29 nur erscheint es dort so, dass die Sprache in den Beispielen neue thematische Stämme in
eine bereits bestehende thematische Umgebung zusätzlich mit hineingebiert; in meiner
Auffassung ist der Vorgang identisch mit der (Neu-)Entstehung aller thematischen Stämme
26
- 10 kal das ganze athematische Paradigma und bildet es zum neuen, offensichtlich
sprachlich bequemeren – und sich daher rasch immer weiter durchsetzenden –
thematischen30 um.
.
Die RIXsche Herleitung hat den unschätzbaren Vorteil, dass verbale und nominale Thematisierungen sozusagen aus einer einzigen Quelle stammen. Jasanoff 2003, pp. 224-227,
leitet die verbalen thematischen Stämme weitgehend aus dem Konjunktiv her, muss jedoch
bereits im Verbalbereich auch andere Quellen und Herleitungswege bemühen. Im Nominalbereich muss er das bestimmt, da es ja im Nomen keinen Konjunktiv gibt. Als „Konjunktiv“
bezeichnet JASANOFF z.B. ad hoc *bhér-e- ti ‚er trägt‘, das dann sekundär wieder zum Indikativ geworden sei. In Wirklichkeit muss die Sprache die Form *bhér-e- ti im Verlaufe ihrer
Evolution erst bilden (und sie tut das sehr spät); erst dann kann sie sich entscheiden, belasse
ich sie als Indikativ oder verwende ich eine solche ganz neu entstandene Option zur Bezeichnung einer neuen und desiderierten Kategorie Konjunktiv. – Es erscheint sogar möglich,
die Anzahl der Quellen für thematische Stämme auf „Null“ herabzusetzen. In meiner Arbeit
1994 über das Fuß-Wort habe ich gezeigt, dass dessen Rekonstrukt – für den Bereich des
Lateinischen – als „Teilstammskala“ mit einem Zentrum (nehmen wir ein Narten-Paradigma)
„stark“ *péd „schwach“ *péd- dargestellt werden kann, das sich einerseits einen lautlich
abgesetzten und verdeutlichten „starken“ Teilstamm *pê´d hinzuentwickelt, andererseits aber
– vgl. hier im Haupttext p. 9 – über die Gen.Abl.-Endung *és über *péd-e- ein thematisches
Paradigma *péd-o- ausbildet. Die prognostizierten Stämme lassen sich ganz leicht auffinden:
*pê´d liegt vor im Nom. pê(d)s, *péd im Akk. pedem, *ped- im Gen. pedis, *péd-e- in oppida
‚Städte‘, und *péd-o- in dessen Singular oppidum. Der Vorgang findet dann bei jedem Wort
immer so statt; nicht im Sinne einer neuen Terminologie, sondern zur reinen
Anschaulichmachung könnte man *pê´d „stark“ maternal, *péd „stark“ virginal, *péd„schwach“ ovarial, *péd-e- „schwach“ embryonal und *péd-o- „schwach“ filial nennen;
meine noch weiter entwickelten und allerneuesten Gedankengänge belegen die angeführte
Teilstammskala mit den Werten y = 2, y = 1, y = 0, y = -1 und y = -2 (so dass also ein
thematischer Stamm immer y = -2 ist; innerhalb des Thematisierungsvorgangs geht jedoch der
-e-Vokal aus y = -1 nicht vollständig verloren; er findet sich als -é- + -io- in der Kausativstruktur ToK-é- + -io-, als -é- + h in der Kollektiv/Feminin-Struktur ToK-é- + h , in der
Konjunktiv-Doppelung des Themavokals -e- + -e- im lateinischen -ê-Konjunktiv der verbalen -â-Stämme, und schließlich unter dem Schutz der thematischen Gesamtstruktur in etlichen (den bekannten) Formen in thematischen Paradigmen). Diese Teilstammskala kann
dann auf genau ausdefinierten x-Achsen entlanggeschoben werden. Auf der Teilstammskala
steht nichts, was voneinander verschieden wäre; es handelt sich um rekonstruktionelle Erscheinungsformen einer und der selben Sache (vgl. im REW X, p. dlxiv), die Stämme sind
also im Prinzip miteinander identisch. Die Idee stammt nicht von mir: In RIX‘ LIV2
erscheinen p. 20 Wurzelaoriste und thematische Aoriste als miteinander identische Einheit
unter der gemeinsamen Typnummer 2a, nur ist die Erscheinung, wiewohl einmal so, immer
so!, auf keinen anderen Fall übertragen. – Zurück zu JASANOFFs (s. suprâ) *bhér-e- ti: dessen
Teilstammskala ist absolut identisch mit der des lateinischen Fuß-Worts, also *bhê´r_
bhér_bhér-_bhér-e-_bhér-o-. Die Verwendung nur eines einzigen Rekonstruktionsasterisken
mag die Einheit und Identität der dargestellten Formen anzeigen.
30
2
2
- 11 Die Kombination von „sich entwickelnden Reduplikativvarianten“ und „Thematisierungsvorgang“ erbringt ein eigentlich sehr überraschendes Folgeergebnis: Das Altindische reflektiert auf das Genaueste die Beschaffenheit der Reduplikativvarianten in der Grundsprache, wie immer alt diese sein mag. Altindisch
tudáti ‚er stößt‘ (von der glbd. Aoristwurzel *steu.d, vgl. die NaktostativNaktofaktiv-Bildung in Anm. 27) ist thematisiert und hat die „Reduplikativvariante Null“, und zwar nach Ausweis des Altindischen bereits fertig so vorliegend in der Grundsprache. Ohne diesen besonders wertvollen Hinweis aus dem
Altindischen müsste man annehmen, Reduplikativvarianten und Thematisierung hätten sich „einfach so“ und „auf unbestimmte und weiter undefinierbare
Weise“ aus der Grundsprache in die Einzelsprachen hinein entwickelt, ohne dass
man einen wirklich beweisbaren Hinweis auf eine Zeitstufe oder eine
Entwicklungschronologie hätte. Die Thematisierung ist aber ein abgeschlossener Vorgang, der in der Grundsprache bereits abgeschlossen worden sein muss.
Es lässt sich also eine weitere, ältere Sprachstufe vorstellen, die noch keine
thematischen Stämme hatte, und der Zeitunterschied muss mindestens so groß
sein, wie lange der Thematisierungsvorgang eben dauerte. In den Zeitraum
zwischen einer solchen Vorgrundsprache und der Grundsprache lassen sich
wohl ohne Weiteres auch die Ausbildung der Reduplikativvarianten, die Entstehung des Naktostativ-Naktofaktivs und die Ausbildung des Duals mit hineinrechnen, so dass vereinfacht definiert werden kann: die Vorgrundsprache hat
noch keine Reduplikativvarianten, kein Perfekt, keinen Dual und keine
thematischen Stämme. Nach Ausweis ihres Formenbestandes sind die anatolischen Sprachen nach der Ausbildung der Reduplikativvarianten aus dem Gesamtverband ausgetreten (oder haben diese dann unabhängig von den Vorgängen in den anderen Sprachen auf ihrer eigenen Sprachscholle durchgeführt); so
besehen müsste die Vorgrundsprache eigentlich die „Grundsprache“ sein, und
unsere Grundsprache nur die Vorstufe dessen, was JASANOFF 2003 „inner PIE“
oder „PIE proper“ nennt. Jedenfalls hat es sich als sehr praktikabel erwiesen,
zum Zwecke der Erzielung und Erkenntnis der ältesten Formen unserer Wörter
nur mit dem zu arbeiten, was ich soeben als „Vorgrundsprache“ definiert habe.
Das tue ich im REW XI, p. 353, wo ich in Anm. 1477 eben diese vorgrundsprachliche Struktur des Verbalsystems auswerfe. Im Diagramm steht unter der
Rubrik „Aktionsart Stativ“ ebenfalls jenes Paradigma *k^éi_k^éi, wie ich es hier
p. 7 auswerfe, mit Stativendungen und durchgehendem „starken“ Teilstamm.
Wo ist der „schwache“ Teilstamm mit den Stativendungen? Er findet sich in der
Tat beim Konfektiv und Infektiv: diese Aktionsarten haben offensichtlich
- 12 den „schwachen“ Teilstamm (bzw. dessen Stammbildung) des Stativs usurpiert,
ihn vollständig „aufgefüllt“ und zu ihrem so genannten Medium gemacht. Im
Konfektiv heißt jetzt *dhéh -t ‚er stellt‘ und *dh h - ént ‚sie stellen‘, aber
„plötzlich“ *dh h - é ‚er ist gestellt‘ (intransitiv), ‚er stellt sich (Dat.) oder für
sich‘ (interessiv, dynamisch), ‚er stellt sich (Akk.)‘ (reflexiv), ‚er lässt sich
stellen‘ (gerundivisch) und ‚er wird gestellt‘ (passiv) 31 / 32. Im Gegenzug füllt der
ursprüngliche Stativ sein Gesamtparadigma mit der Vollstufe auf, führt also den
„starken“ Teilstamm in seinem gesamten Paradigma durch. Ergô ergibt sich der
im REW XI, p. 353, Anm. 1477 aufgelistete Bestand.
1
1
1
Mit dieser Erkenntnis sind wir dem Suchbegriff Urmedium (in meiner Terminologie sogleich: Stativredukt) bereits ein gewaltiges Stück näher gekommen.
Im Prinzip haben wir mit der Wurzelverdoppelung (= ursprüngliches Reduplikativ) eine Art Paradigmenspaltung vor uns: Wir können theoretisch den
Konfektiv (im „starken“ Teilstamm) *dhéh und den Infektiv (im „starken“
Teilstamm) *dhéh dhéh auf einen (dann Faktiv oder Faktivredukt nennbaren)
„starken“ Teilstamm *dhéh reduzieren. Ebenso unterliegt der alte Stativ einer
Paradigmenspaltung, aber logischerweise nicht in „Konstitiv“ und „Institiv“,
sondern wie gezeigt in „Medium“ und „vollstufigen Stativ“, so dass wir für die
Ursprungsform von einem Stativredukt sprechen können, das die regelhafte
Form *k^éi -e_k^ i- r ´ aufwies.
1
1
1
1
o
Aufgrund meiner Darlegungen können wir – es handelt sich um eine ausgemachte Sensation – beim Infektiv (im „starken“ Teilstamm) *dhéh dhéh vom
„Infektivredukt“ sprechen, also der ‚Stammmutter‘ (fast) aller späterer Präsensstämme, wobei dieses Wort ‚fast‘ praktisch das wichtigste innerhalb dieser
Aussage darstellt. Denn das Infektivredukt beherbergt lediglich jene späteren
Präsensstämme, die von Aoristwurzeln stammen; der Rest gehört ursprünglich
.
1
1
die hier in die Aktionsarten Konfektiv und Infektiv mit eingebaute reziproke Bedeutungsvariante des Stativs kann logischerweise nur im Dual und Plural vorkommen, also etwa
*dh h -r ´ ‚sie stellen einander ...‘ usw.
32 Exakt von dieser Wurzel (nach den dargestellten Regeln thematisiert) heißt lateinisch
abditur „bis heute“ ‚er ist/liegt versteckt‘, ‚er versteckt sich‘, ,er lässt sich verstecken‘, ‚er
wird versteckt‘ und abduntur ‚sie verstecken einander‘. Die interessiv-dynamische („dativisches Medium“) Bedeutungsvariante des Mediums ist im Lateinischen nicht fortgeführt.
33 Die Verdoppelung scheint allerdings sehr sprachwirklich und immer schon vorgekommen
zu sein. Ich erinnere mich an meine Kindheit und an Cowboy- und Indianerspiele mit den
Spielzeugpistolen: wollten wir „einmal schießen“, sagten wir „ ... peng!“, wollten wir
„mehrfach schießen“, sagten wir „...peng peng!“ Das ist genau der hier ablaufende Vorgang.
31
1
o
- 13 in die Aktionsart Stativ. In dieser fällt jedoch am allerhäufigst vorkommenden
Verb der gesamten Indogermania, *h és -t_h s- ént ‚ist_sind‘, auf, dass es wohl
eine zweifelsfrei und exemplarisch stative Bedeutung hat, jedoch den faktiven
Endungssatz. Erwartetes *h és -e_h s- r ´ trägt den „entgegengesetzten“ Endungssatz, ohne dass dieser irgendeine Bedeutung hätte und vor allem ohne dass
auch nur die geringste Motivation zu seiner Verwendung vorläge. Es scheint
daher sehr müßig, nach dem Grund für die Erscheinung zu fragen; es ist einfach
so. Ich nenne die Erscheinung active déclassé und den Typus Statofaktiv (=
stative Bedeutung und faktive Endung; vgl. erneut Karl Hoffmanns Genialität
bei der Prägung seiner Termini, die dann eindeutig zulässt, mit einer einzigen
Bezeichnung alles Wichtige auszudrücken). Den Vorgang einer hypothetischen
Entwicklung von erwartetem *h és -e_h s- r ´ zu attestiertem *h és -t_h s- ént
nenne ich Statofaktivierung. *h és -t_h s- ént ist also eigentlich kein
Wurzelpräsens, sondern, wie eben dargestellt, ein Statofaktiv.
1
1
1
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1
o
1
1
o
1
1
1
JASANOFF 2003 plagt sich, als Ergebnis seiner Lebensarbeit, in ganz außergewöhnlicher und verdienstvoller Weise, eine schlüssige Erklärung für die
hethitische hi-Konjugation zu finden. Auf pp. 7 - 28 beweist er zunächst, dass
die bisherigen sechs Hypothesen sämtlich falsch sind. (Seine eigene scheitert
einfach daran, dass sein vorgestelltes Paradigma nirgends attestiert ist34) Auf p.
24, l. 20 findet sich jedoch „plötzlich“ und „unvermittelt“, im Zusammenhang
mit den Namen NEU und MEID, ein Terminus middle déclassé35. Damit ist hin.
Sein Standardbeispiel ist von der Wurzel *mel.h ‚mahlen‘ **mól.h _mél.h -. Eine solche
Form ist nirgends belegt, im Gegensatz zu meiner Rekonstruktion grundsprachlich *mélmol.h _mel-m l.h -´ (exakt so in ai. marmartu ‚soll zermalmen‘, vgl. JASANOFF 2003, p. 67).
Mein Gesamtrekonstruktionsansatz ist rein und durchgehend evolutiv und gehorcht Sir Karl
Poppers Forderung Die Reduktion ist die erfolgreichste Form der Wissenschaft. JASANOFFs
Gesamtrekonstruktionsansatz ist im Gegensatz zu meinem eher kreationistisch; die Formen
sind immer „einfach da“. Auch ändern sich „einfach“ Endungen und diese beeinflussen dann
die formale Stammbildung. In meiner Betrachtungsweise entwickelt sich die Stammbildung
evolutiv; innerhalb dieser „Schienen“ können sich dann die Endungen „fröhlich tummeln“. –
Grundsprachlich *mél-mol.h _mel-m l.h -´ ist reduplikativharmonisiert aus vorgrundsprachlich *mél-mol.h _ml-m l.h -´, ebenso wie – um zu nhd. kommen zurückzukehren – grundsprachlich *gwém-gwom_gwem-gw m-´ aus vorgrundsprachlich *gwém-gwom_gwm-gw m-´.
Grundsprachlich *gwém-gwom_gwem-gw m-´ liegt dann „zeitgleich“ auf der indoiranischen
Sprachscholle neben *gw m-ó- auf der germanischen Sprachscholle, lediglich regelhaft thematisiert und regelhaft mit „Reduplikativvariante Null“ (die beiden mit Abstand häufigsten
Ergebnisse der evolutiven Entwicklung); sonst sind die beiden Verben formal absolut gleich
und miteinander identisch.
35 auch demedialized middle, functionally weakened middle (dort p. 25) usw.
34
2
2
2
2
2
2
2
2
2
- 14 reichend die Erscheinung beschrieben, dass ansonsten „normale“ Infektivformen (einen Konfektiv gibt es im Hethitischen nicht) den „entgegengesetzten“
Endungssatz tragen, ohne dass dieser irgendeine Bedeutung hätte und vor allem
ohne dass auch nur die geringste Motivation für seine Verwendung vorläge. Es
ist klar: Wenn es ein active déclassé gibt, dann gibt es auch ein middle déclassé,
und wenn es den Vorgang der Statofaktivierung gibt, dann gibt es auch den
(eben beschriebenen) Vorgang der Infektostativierung. Die Erscheinung ist
überdies bereits vollständig bekannt, da es z.B. im Indoiranischen, Griechischen
und Lateinischen jede Menge transitiver Deponentien gibt. Dennoch ist sie in
den genannten Sprachen eher die Ausnahme; im Hethitischen jedoch ist die
ursprüngliche Unterscheidung offenbar vollständig aufgehoben – jedes Verb
kann prinzipiell jeden Endungssatz tragen. Nur gilt: Wenn es ihn einmal hat,
kriegt es ihn nicht mehr los, und überdies gelten – in diesem Sinne – die
(dieshinsichtlich „endungsgebundenen“) Suffixe als Verben.
Solche Verben, die „motivationslos den entgegengesetzten Endungssatz tragen“, sind sozusagen – allerdings harmlose – „Ausreißer“ im System; sie sind
schnell identifiziert und tragen in diesem dann die ihnen zukommende Bezeichnung Konfektostativ, Infektostativ und Statofaktiv. Mit diesen neuen Erkenntnissen lässt sich die Tabelle im REW XI, p. 353, Anm. 1477, versehen mit
einigen einzelsprachlichen Attestaten (in der Aktionsart Infektiv unter Angabe
ihrer Reduplikativvariante), sinnvoll erweitern (hier p. 15). Ein scheinbar
„buntes“, „unübersichtliches“ und „undurchsichtiges“ System wie dieses
vorgrundsprachliche Verbalsystem ist dadurch entstanden, dass der Faktiv und
der Stativ zwei vollkommen verschiedenartige Paradigmenspaltungen
durchlaufen haben, nämlich der Faktiv die Wurzelverdoppelung zum Infektiv
und der Stativ die Abspaltung seines „schwachen“ Teilstamms hinein in den
Konfektiv und Infektiv, wo er als Medium dient. Die resultierende „Verwebung“ stelle ich hier p. 15 dar. Die ebenfalls eigentlich auffälligen Konfektostative, Infektostative und Statofaktive verlieren im System, sobald sie ausgemacht und identifiziert sind, die mit ihnen zusammenhängenden Problematiken
und Schwierigkeiten.
Bis zur Bildung des Naktostativ-Naktofaktivs ergeben sich in einem solchen
„genialen“ Verbalsystem nirgends homophone Formen. Das wird erstmalig
anders, wenn z.B. „Infektiv Medium“ und „Naktostativ-Faktostativ Medium“
lautlich kollidieren. Das Griechische verwendet zur Unterscheidung verschiedene Reduplikativvarianten („i“ : „e“), das Indoiranische, mit jeweils „Reduplikativvariante e“, „riskiert“ in der Tat homophone Doppelformen.
- 15 [FAKTIV(-REDUKT) = eigentlich „Uraktiv“ i. Ggs. zum „Urmedium“]
[STATIV(-REDUKT) = JASANOFFs „Urmedium“]
FAKTIV
STATIV*
+FAKTOSTATIV
TéK -e_T K- ro´ (heth. _T K- ént; älter?)
+STATOFAKTIV (heth. ‚mi‘)
TéK -t_T K- ént
KONFEKTIV
INFEKTIV (heth. ‚mi‘)
+KONFEKTOSTATIV
+INFEKTOSTATIV (heth. ‚hi‘)
TéK -e_T K- ro´ (mit Med.?) TéK-ToK -e_TK-TK- ro´ (heth. ént) (mit Med.?)
(„transitive Deponentien“)
+STATOFAKTIV
TéK -t_T K- ént
NAKTOSTATIV
{Präteritum: NAKTOFAKTIV; s. KATZ 2007}
Aktiv
Medium
Aspekt: punktiv
(perfektiv)
Aktiv
Medium
Aspekt: iterativ
(imperfektiv)
-
Aktiv
Medium
Aspekt: durativ
(imperfektiv)
Aspekt: durativ
(imperfektiv)
1sg TéK -m. T K- h é
TéK-ToK -m. TK-T K- h é TéK-ToK -h e TK-T K- h é
TéK -h e*
3sg TéK -t T K- é
TéK-ToK -t TK-T K- é
TéK -e*
2
2
2
TéK-ToK -e
2
2
TK-T K- é
3pl T K- ént T K- r ´* TK-T K- ént TK-T K- r ´ TK-T K- r ´ TK-T K- r ´
o
o
o
TéK -r
o
o
(é = Ausgangspunkt der Thematisierung)
(entstehender Homophonitätsbereich)
(TK-TK-´ = Ausgangspunkt der Reduplikativvarianten)
{einmalige Handlung}
{wiederholte Handlung}
(Realisierung im Ai.):
Red.-Var. Té-/Te-:
1sg
ádhâm
ádhi
3sg
ádhât
ádhita
3pl
ádhur
ádhiran
ε ϑ η [κ ]α
3s g
ε ϑ η [κ ]ε
3pl
ε ϑ εσ α ν
‫׀כ‬
‫כ‬
‫׀כ‬
Te-
dadhé (!!)
s´áye
dádhâti
(= nhd. tut)
dadhé
s´áye
dhatté
dadháu
(*dadhâ´)
dádhati
dádhate
dadhúr
dadh(i)ré
(*dadhánti) (*dadhánte) (= nhd. ta[te]n, -ten)
Red.-Var. Ti(stTS Ti-TéK):
‫׀‬
‫׀‬
‫׀‬
τ ι ϑεµα ι
‫׀‬
τ ε ϑ η [ κ ]α
τ ε ϑ εµα ι
‫׀‬
ε ϑ ετο
‫׀כ‬
‫׀‬
ε ϑ ε ν το
‫׀כ‬
τ ε ϑ ε τα ι
‫׀‬
τ ε ϑ η [ κ ]α
‫׀‬
‫כ‬
κε%ιτα ι
‫׀‬
τ ι ϑ ε ν τα ι
τιϑ ε α σ ι
κε %ιµ α ι
‫׀‬
τ ι ϑ ε τα ι
‫׀‬
τ ιϑησι
s´ére / s´érate
Red.-Var. Te(stTS Te-TéK[κ]/Té-TeK[κ];
swTS im A aufgegeben):
‫׀‬
τ ι ϑ ηµι
εϑ ε µην
‫׀כ‬
‫׀כ‬
Red.-Var.
{Zustand}
dádhâmi
dadhé (!!)
dadháu
(= nhd. tu[e])
(*dadhâ´)
(Realisierung im Gr.):
1s g
{aufgrund einer Handlung erreichter Zustand}
τ ε ϑ ε ν τα ι
‫׀‬
τε ϑ η [ κ ] α σ ιν
κε %ιν τα ι
‫׀‬
( [κ] etwa von strukturgleichem ηνεγκα ενηνοχα *h né [n] k‘ -m. *h ne-h nók‘ -h e )
1
‫כ‬
‫׀‬
‫כ‬
1
‫׀‬
1
2
( ενηνοχε dann wohl statt * ενηνοκε ) (dieses sehr alte und sehr vornehme [κ] wäre dann identisch
mit *k‘ in as´nóti, bringe, genug, Vergnügen, NAKTOSTATIV, FAKTIV etc.)
- 16 Mein vorgetragenes vorgrundsprachliches Verbalsystem ist deswegen so und
nur so „hinschreibbar“, weil ich, vom Altenglischen her kommend, die Gleichung kommen = ai. ján.ganti wie hier in Anm. 34 formuliert aufgestellt habe. In
diesem Zusammenhang ist mir aus JASANOFF 2003 folgender Satz (auf p. 222)
aufgefallen: We are not now in a position, and may never be, to give a detailed
description of the functions of the pre-PIE protomiddle or to specify the
conditions under which some protomiddles were renewed as middles while
others were reinterpreted as h e-conjugation neoactives. Ich habe mir zu dieser
Stelle dazugeschrieben: Sind wir doch. JASANOFF verlangt nur die Sprachgeschichte der Medialformen und der Infektostative. Aber was in einer detailed
description alles geht, ist noch viel mehr. Ich habe hier folgende Tabelle zusammengestellt, in der ich die Nachfolgeformen des Urmediums, das ich Stativredukt nenne, in der Vorgrundsprache „V“ und in der Zeit unmittelbar danach (also unter Einschluss des Naktostativ-Naktofaktivs) mit 1. - 15. nummeriere (JASANOFFs desideriertes Medium hat die Nr. 3, sein Neoaktiv die Nr. 11;
zu den Übersetzungen bzw. „Übersetzungskeimen“ s. Anm. 37):
2
STATIVREDUKT („Urmedium“)
Faktiv
Stativ
Nomen
dhéh
h és
péd
U1:
1
1
U2:
dhéh _dh h -´
U3:
dhéh -t_dh h - ént
1
1
h és_h s-´
1
1
1
péd -s_p d- és
1
h és -e_h s- r ´ péd -s_p d- és usw.usf.
1
o
1
(JAROSCH 1994)
V: A: 1. Statofaktiv (active déclassé):
h és -t_h s- ént
êszi ásti εστι
dh h - é_dh h - r ´
εϑετο
1
2. Medium des Konfektivs:
‫כ‬
1
1
1
‫׀כ‬
o
3. Medium des Infektivs: dh h -dh h - é_ dh h -dh h - r ´
1
1
1
1
4. swTS-Stativ (LIV2-Typ 1c): dh u.gh- é_dh u.gh- r ´
o
5. stTS-Stativ (LIV2-Typ 1d):
k^éi -e_k^éi -r
o
‫׀‬
o
‫׀‬
τιϑεται
duhé
kitta(ri) s´áye κειται
%
- 17 B: (aus „Nartenisierung“): U3:
h ê´s -e_h és- r 
1
6. Medium des Konfektivs:
o
1
légh- e_ légh- r
7. Medium des Infektivs:
var
‫׀‬
λεκτο
o
-légh- e_ var-légh- r
‫׀‬
∗ λεκται
[ λεχεται / λεγεται ]
o
‫׀‬
8. swTS-Stativ:
k^éi- e_k^éi- r
9. stTS-Stativ:
h ê´s -e_h ê´s -r
1
kitta(ri) s´áye κει%ται
o
1
‫׀‬
~c
êsa(ri) â´ste ησται
o
C: (Faktostativierungen) (middle déclassé):
10. Konfektostativ:
déh -e_d h - ént
3
[ απεδοτο]
‫כ‬
3
‫׀‬
déh -doh -e_d h -d h - ént dâi_dânzi [ αποδιδοται]
11. Infektostativ:
‫כ‬
3
3
3
‫׀‬
3
12. M des Konfektostativs: déh -e+e_d h - r ´ [ απεδοτο, απεδοϑη Statofaktiv! Narten!]
‫כ‬
3
3
‫׀‬
‫כ‬
13. M des Infektostativs: déh -doh -e+e_d h -d h - r ´
3
3
‫׀‬
o
3
3
o
dattari [ αποδιδοται]
‫כ‬
‫׀‬
D. (Naktostativierungen):
14. Naktostativ:
dhe-dhóh -e_dhe-dh h - r ´ [dadháu] *dadhâ´ τεϑηκ
[ ]ε
‫׀‬
1
1
o
15. M des Naktostativs: dhe-dh h - é_dhe-dh h - r ´
1
1
o
dadhé
‫׀‬
τεϑεται
An die zentrale Stelle habe ich in der Sprachstufe U336 die hier p. 13 desiderierte Form h és -e_h s- r ´ gesetzt. Die Nachfolgeformen 1. - 5. entsprechen
dem Geschilderten. Statofaktive unterliegen nicht der Stativredukt-Paradigmenspaltung. Eine nicht ungelinde Überraschung ist, dass es, in der Bedeutung
.
1
1
o
in meiner Tabelle p. 15 müssen Faktivredukt und Stativredukt eigentlich zwingend in
einer weiteren früheren Sprachstufe („Urgrundsprache 3“) angesiedelt werden, ein aus beiden
Aktionsartkategorien reduziertes Verbalredukt dann vielleicht in einer „Urgrundsprache 2“
und das dann zusammen mit dem Nominalredukt weiter reduzierte Allgemeinredukt in einer
„Urgrundsprache 1“
36
- 18 ‚sitzen‘, bereits in U3 eine nartenisierte Paradigmenform h ê´s -e_h és- r  zu
geben scheint, und zwar mit den korrekt erwarteten Stativendungen; dieses
Paradigma unterliegt natürlich der Stativredukt-Paradigmenspaltung. Es ergeben sich die korrekten Nachfolgeformen 6. - 9., wobei 8. mit 5. homophon werden muss, die an sich homophonen Formen aber durch Anwendung der Bindestrich-Regel („stark“ ohne Bindestrich, „schwach“ mit Bindestrich) unterschieden werden können. 10. - 13. sind die transitiven Deponentien, im Heth. auch hiVerben genannt, die natürlich ihre Starkstammendung vom Stativredukt =
Urmedium haben und in diesem Sinne als Nachfolgeformen zu gelten haben.
Gewagt ist natürlich der Ansatz ihres Mediums, obwohl man es ohne Weiteres
annehmen kann; ich habe die Erscheinung im „starken“ Teilstamm von 12. und
13. durch Doppelung der Endung angezeigt, obwohl dies nur ein Hinweis auf
den Vorgang als solchen und nicht das lautgesetzliche Ergebnis ist. Insgesamt ist
die Behandlung von dâi_dânzi und dattari wohl ein rekonstruktioneller
Volltreffer. In den letzten von mir genannten Nachfolgeformen 14. und 15. im
Naktostativ-Naktofaktiv ist die p. 14 genannte erstmalig das Gesamtverbalsystem „störende“ Homophonität ersichtlich.
1
1
o
Insgesamt meine ich, in diesem Vortrag gezeigt zu haben, dass die präzise und
vor allem sinnvolle – und überdies völlig alternativlose37 – Beantwortung von
MEIDs Frage zu einer gewaltig großen Anzahl von Problemlösungen in der
Sprachdiachronie führt, und dass von der Beantwortung dieser Frage die Beantwortung so vieler anderer Fragen abhängt. Sie macht letztlich ein praktisch
nicht-indogermanisches Verbalsystem zu einem indogermanischen und schließt
den anatolischen „Sonderweg“ (der keiner ist) mit ein38 / 39.
.
es gibt nur diese Antwort oder keine
Beispiele für Übersetzungen bzw. „Übersetzungskeime“ (ältere Medialformen mögen
noch nicht alle der späteren einzelsprachlichen Bedeutungen aufgewiesen haben): U1-3:
‚stellen‘(‚setzen, legen‘), (germ. ‚tun‘, heth. ‚sagen‘); ‚sein‘ (auch schon: ‚sitzen‘?); ‚Fuß‘
V: A: 1.: ‚ist‘; A: 2.: ‚war/wurde gestellt / stellte (für) sich / ließ sich stellen‘; A: 3.: ‚ist/wird
gestellt / stellt (für) sich / lässt sich stellen‘; A: 4.: ‚gibt Milch‘; A: 5.: ‚liegt‘; B: 6.: ‚war/
wurde gelegt / legte (für) sich / ließ sich legen‘; B: 7.: ‚ist/wird gelegt / legt (für) sich / lässt
sich legen‘; B: 8.: ‚liegt‘; B: 9.: ‚sitzt‘; C: 10.: ‚verkaufte‘; C: 11.: heth. ‚nimmt‘, gr. ‚verkauft‘; C: 12.: ‚war verkauft; verkaufte (für) sich, ließ sich verkaufen‘ bzw. ‚wurde verkauft‘;
C: 13.: heth. ‚wird genommen‘, gr. ‚ist verkauft, verkauft (für) sich, lässt sich verkaufen‘ bzw.
‚wird verkauft‘; D: 14.: ‚hat gestellt‘; D: 15.: ‚ist gestellt (worden)‘.
39 die Erklärung der im Verbalsystem verbleibenden Reduplikative, nämlich derjenigen im
reduplizierten Aorist, als „Imitierung“ (*é ue-u kw-ó- z.B. in altindisch ávocam ‚sagte‘, worin
das Reduplikativ in logischer Absolutheit keine Bedeutung tragen kann) mag durch den zum
Ganzen passenden Terminus reduplicative déclassé abschließend geregelt sein
37
38
- 19 Verwendete Spezialliteratur:
BAMMESBERGER, Alfred, Die urgermanischen Aoristpräsentien und ihre
indogermanischen Grundlagen; in: UNTERMANN, Jürgen & Bela BROGYANYI
(eds): Das Germanische und die Rekonstruktion der indogermanischen Grundsprache. Akten, Proceedings from the Colloquium of the Indogermanistische
Gesellschaft, Freiburg, 26-27 February 1981, Amsterdam 1984
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