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1. Was ist die pädagogische Perspektive auf den - Ernst Klett Verlag

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1. Kapitel
1. Was ist die pädagogische Perspektive
auf den Lebenslauf?
Im letzten Kurs haben Sie sich mit Erziehung und Entwicklung im Kindesalter beschäftigt.
Jetzt wird die gesamte Lebensspanne in den Blick genommen. Es geht um Erziehung und
Entwicklung im Lebenslauf. Sicherlich haben Sie sich schon Gedanken über Ihre nächste
Zukunft gemacht, vor allem darüber, was Sie nach dem Abitur machen wollen. Kann man
überhaupt weiter in die fernere Zukunft planen? Was passiert mit Menschen in Verlaufe
ihres Lebens? Was können Sie beeinflussen, was nicht? Welche Aufgaben erwarten einen?
Sie haben sicherlich schon mit älteren Menschen gesprochen, die über ihre Erfahrungen
mit den Plänen und Entscheidungen, die sie im Leben getroffen haben, aber auch über die
äußeren Umstände, die Einfluss auf ihren Lebenslauf hatten, nachgedacht haben. Und Sie
kennen sicherlich auch Beispiele für gelungene und für gescheiterte Lebensläufe.
Was hat das alles mit Erziehung zu tun? Ist Erziehung nicht irgendwann zu Ende? Wieso
sind die späteren Lebensphasen überhaupt ein Thema für die Pädagogik? Sie werden in
diesem Kurs solchen Fragen nachgehen. Manche Themen werden Sie aus eigener Erfahrung sehr gut nachvollziehen können, z. B. wenn es um das Jugendalter geht. Sie werden
aber auch in unbekannte Bereiche der Pädagogik vorstoßen.
Aufgaben
In den nächsten Texten ( M 1 bis M 4 ) lernen Sie Anna
und Annika jeweils an zwei Stellen ihres Lebensweges
kennen.
Sie können die folgenden Aufgaben arbeitsteilig angehen.
1. Beschreiben Sie, welche Personen und äußeren Bedin-
Anna ist im ersten Text aus dem Jahre 2004 13 Jahre alt. In
einem Artikel für eine Zeitschrift erzählt ein Journalist, wie
Anna lebt, welche Probleme sie beschäftigen und welche
Pläne sie hat. Im zweiten Text aus dem Jahre 2011 treffen
Sie die inzwischen zwanzigjährige Anna wieder. Auch diesmal erzählt der Journalist von ihrer Lebenssituation, ihren
Ansichten, ihren Plänen – und wie ihr Leben in den letzten
Jahren verlaufen ist.
gungen auf die Lebenssituation von Anna jeweils Einfluss
haben. Achten Sie dabei auch auf die Versuche erzieherischer Einwirkungen.
2. Untersuchen Sie, welche Veränderungen sich zwischen
2004 und 2011 ergeben haben.
3. Arbeiten Sie heraus, wie Anna sich zu den Personen und
äußeren Bedingungen verhält, die auf sie Einfluss nehmen. Weisen Sie insbesondere nach, inwiefern sie selbst
durch eigene Entscheidungen an den Veränderungen
beteiligt war und welche Aufgaben sie dabei bewältigen
musste.
Danach erzählt Annika kurz vor ihrem Abitur im Jahre 2007
von ihren Plänen. Fünf Jahre später berichtet sie, was aus
ihnen geworden ist.
4. Gehen Sie bei der Erschließung der beiden Texte zu AnM1
nika ähnlich vor. Arbeiten Sie vor allem heraus, inwiefern
Annika an ihrer Entwicklung durch eigene Entscheidungen beteiligt war.
2004: Anna ist 13
Für Anna war es an der Zeit, auf Distanz zu ihrer Mutter zu
gehen. Aber nur ein bisschen.
Zuhause: eine Vierzimmerwohnung in Düsseldorf
Schule: Luisen-Gymnasium, Düsseldorf
5 Eltern: IT-Kaufmann, Sozialarbeiterin
Geschwister: keine
Taschengeld: 56 Euro im Monat, zum Teil aufs Konto
Berufswunsch: Architektin
Lieblingsessen: Feldsalat
10 Lieblingsstar: Avril Lavigne
Größter Wunsch: eigene WG mit einer Freundin
Sommerferien: drei Wochen Segeln mit der evangelischen
Jugend
4
Das Verhältnis zwischen Anna und ihrer Mutter hat sich in
letzter Zeit etwas abgekühlt. Nicht weil irgendwas passiert
wäre. Im Großen und Ganzen hat ihre Mutter allen Grund,
mit Anna zufrieden zu sein: Sie findet Britney Spears „tussig“ und Deutschland sucht den Superstar „voll scheiße“.
Sie weiß, dass man in der Schule fit sein muss, um einen
20 vernünftigen Beruf zu finden. Sie hat einen Notenschnitt
von Zwei und will Architektin werden. Anna wiederum
schwärmt von ihrer Mutter: Sie sei so klug, so verständnisvoll und selbstständig und habe trotz ihrer anstrengenden
Arbeit als Betreuerin psychisch Kranker immer Zeit für sie.
15
Was ist die pädagogische Perspektive auf den Lebenslauf?
„Irgendwie bin ich schon
immer an ihr gehangen.“
Als sich ihre Eltern vor
acht Jahren erst stritten
und dann trennten, „war
30 ich natürlich parteiisch“.
Inzwischen leben Vater und
Mutter wieder zusammen,
was Anna uneingeschränkt
freuen würde, wären da
35 nicht diese nervigen Dreiecksbeziehungen: „Sobald
Abb. 1.1: Anna im Jahr 2004
es Streit gibt, geht es zwei
gegen einen. Aber meine
Mutter hält dann auch oft zu mir.“
40 Trotz ihrer innigen Beziehung sucht Anna zusehends Distanz zu der Mutter. Die Tochter zeigt sich neuerdings nur
wenig begeistert, wenn ihre Mutter einfach so ins Zimmer
kommt, um die Blumen zu gießen. Und dann auch noch
wissen will, mit wem sie gerade telefoniert. Oder wenn sie
45 sich in die blaue Hängematte setzt, um zu plaudern, obwohl Anna ihre Ruhe haben will. Und die Kuschelnummer
am Abend, vor einem Jahr noch selbstverständlich, muss
Anna nun auch nicht mehr haben.
Die Abgrenzung bedeutet natürlich Stress: Zum Beispiel
50 hat Anna monatelang überlegt, wie sie es ihrer Mutter
schonend beibringt, dass sie morgens lieber allein in die
Schule fährt. Ihre Freundinnen sitzen ja auch ohne Aufsicht in der Straßenbahn. Gott sei Dank hat die Mutter
das geschluckt. Überzeugungsarbeit war auch nötig, um
55 der Mutter die Erlaubnis abzuringen, hin und wieder bei
einer Freundin zu übernachten. Kein Wunder, dass Anna
ihre Mutter manchmal als überängstlich empfindet. Bis zu
einem gewissen Grad hat sie aber Verständnis, vor allem
wenn die Mutter argumentiert, sie wisse aus ihrer tägli60 chen Arbeit, „wie viel Wahnsinn es da draußen in der Welt
gibt“. Deshalb akzeptiert Anna auch, dass sie abends um
acht zu Hause sein muss. „Meine Freundinnen dürfen ja
auch nicht länger“, sagt sie. Noch.
Es gibt andere Situationen, in denen Anna sehr wohl bo65 ckig reagiert: Wenn sie nach der dritten Aufforderung ihrer
Mutter, doch endlich ihr Zimmer aufzuräumen, nur ein
nöliges „Jaaa“ von sich gibt, bedeutet das womöglich Hausarrest. Aber wenn die Mutter mal genervt und deshalb kurz
angebunden ist, „dann ist das natürlich was ganz anderes“,
70 beklagt sich Anna. Pubertätszicke halt, denkt sich ihre Mutter in solchen Fällen, „erst lacht sie, dann schmollt sie und
alles ist dramatisch“.
Besonders dramatisch nimmt Anna alles, was mit ihren
Freundinnen zusammenhängt, mit Lena, Chrissi, Jenny,
75 Maria, Alicia, Nicki, Steffi. „Neulich war Anna völlig aufgelöst, nur weil Lena und Maria gestritten hatten“, erzählt die
Mutter kopfschüttelnd.
Aber was heißt hier „nur“? Die Freundinnen rücken immer
mehr in den Mittelpunkt von Annas Leben. Mit ihnen liest
80 sie vor der Schule Yam, weil Bravo peinlich ist, und geht sie
nach der Schule ins „Woyton“, ein Café in der Düsseldorfer
Innenstadt, oder zu „McDonald’s“. Danach Kino, Schwimmen oder Bummeln, bei Esprit oder H & M. Wobei H & M
25
langsam nervt „mit seinem Siebziger-Look, ich will ja nicht
rumlaufen wie vor dreißig Jahren“, sagt Anna und ihre
Freundinnen sehen das natürlich genauso. Annas Outfit besteht aus Jeans, T-Shirt und schwarzen Turnschuhen. Noch
vor kurzem hat sie kaum über Klamotten nachgedacht.
Jetzt glaubt sie, dass sie auf der Straße alle anstarren, so90 bald sie eines dieser T-Shirts trägt, die ihre Mutter für sie
gekauft hat. Auch Schminken ist jetzt ein Thema: aber bitte
nur Lidschatten. Lippenstift findet Anna problematisch,
Puder peinlich. Puder nimmt, wer „ein Pickelproblem hat“.
Anna und ihre Freundinnen würden sich nie pudern.
95 Noch ein Thema, das immer wichtiger wird und das Anna
nur mit ihren Freundinnen besprechen kann: Jungs. Sie und
ihre Freundinnen seien oft verknallt, erzählt Anna. Aber
immer in die Jungs, die schon vergeben sind oder nichts
von ihnen wissen wollen. Anna hat zwar noch nie einen
100 Korb gekriegt. Eine Freundin ist aber mal zu einem Jungen
gegangen, den Anna ganz toll fand. Sie fragte ihn, ob er
auch in Anna verknallt sei. Er hat nein gesagt.
Wie sehr Anna dieses Thema beschäftigt, zeigt schon ein
Blick auf das Holzregal in ihrem Zimmer. Es ist gefüllt mit
105 Lektüre aus der Reihe Freche Mädchen, freche Bücher. „Die
lesen wir alle“, sagt Anna. Die einzelnen Bände tragen die
Titel Liebe, Grips & Gänseblümchen, Küsse, Chaos, Feriencamp oder Schule, Frust & große Liebe. Im selben Regal
stapeln sich Spiele wie Sagaland, Inkognito und Skill – Der
110 Kugelspaß für Kinder. Die will Anna demnächst in den Keller verfrachten.
Klar wäre sie lieber älter. 15 vielleicht. Da sind dann die
Jungs auch besser. Momentan kann Anna mit den gleichaltrigen Jungs wenig anfangen. Bis vor kurzem hat man noch
115 alles gemeinsam gemacht, bedauert sie. Aber jetzt hört
man von denen nur noch doofe Sprüche. Und warum müssen die eigentlich ihre Hosen immer unterm Arsch tragen?
85
M2
2011: Anna ist 20
Anna: „Ich habe nie Haschisch und Alkohol kombiniert“
Auch ansonsten hat Anna oft befolgt, was ihr die Mutter
sagte. Aber richtig erwachsen wurde sie erst, als sie ohne
ihre Hilfe auskommen musste.
Zuhause: lebt mit ihrer Mutter in Düsseldorf
Ausbildung/Beruf: Abitur/will Eventmanagement studieren
Liebe: seit fünf Monaten mit Robin zusammen
Einkommen: 100 Euro Taschengeld
Lieblingsessen: Artischocken, Dorade
10 Lieblingsstar: Left Boy
Größter Wunsch: immer noch eigene WG mit bester
Freundin
Nächster Urlaub: zwei Wochen Spanien mit dem Freund
5
15
Wenn es eine Konstante gibt im Leben von Anna, dann
sind es diese Fragen: „Anna, räumst du dein Zimmer auf?“ –
„Hast du dich für die Geschenke bedankt?“ – „Was ist mit
deinem Praktikumsplatz, willst du da nicht mal anrufen?“
Mit 13 hofft Anna noch, ihre Mutter würde bald damit aufhören, mit 16 rebelliert sie dagegen, heute sagt sie: Lieber
5
1. Kapitel
etwas Genörgel als gar
keinen Rückhalt. Sie hat am
eigenen Leib erlebt, wie tief
man fallen kann.
Sommer 2008. Anna ist 17
25 und macht mit ihren Eltern
Urlaub an der türkischen
Riviera. Sie liegt mit ihrer
Mutter am Strand, der Vater
streift allein umher. Zu Hau30 se erfährt sie dann, dass
sich ihre Eltern trennen
Abb. 1.2: Anna im Jahr 2011
wollen: Der Vater hat eine
neue Freundin, kaum älter als seine Tochter. Anna steht
noch unter Schock, da stirbt ihr innig geliebter Großvater.
35 Und wenig später trennt sie sich von ihrem Freund, der seit
Wochen nur noch kifft. Der Albtraum scheint kein Ende zu
nehmen.
Aber Anna hat ja ihre Mutter, die zwar manchmal nörgelt,
aber immer Rat weiß. Mit ihr spricht Anna über alles, etwa
40 wenn sie Stress mit ihrem Freund hat. Freundinnen seien
da schlechte Ratgeber, „zu loyal, die sagen sofort: ach, der
Arsch“. Ihre Mutter dagegen hat stets auch die Perspektive des Freundes im Blick. Sie ist Sozialarbeiterin, betreut
psychisch Kranke, die Probleme anderer sind ihr Alltag, so
45 leicht erschüttert sie nichts.
Da ist zum Beispiel die Sache mit den Alcopops: Als Anna
14 wird, geht die Mutter mit ihr zur Tankstelle und kauft
ein paar Flaschen. Kichernd sitzen beide dann zu Hause
in der Küche und testen, wie viel Anna verträgt. Drogen?
50 Die Mutter warnt Anna nur, Haschisch mit Alkohol zu kombinieren, das führe geradewegs in die Psychose. „Hab ich
auch nie gemacht“, sagt die Tochter heute. Mit 16 hat Anna
eine Zeit lang „einen reicheren Freundeskreis“. Ein Freund
holt sie oft im goldenen Porsche seiner Eltern ab, dann
55 fährt er mit ihr die Düsseldorfer Einkaufsstraßen entlang.
Die Begeisterung der Mutter, eher rot-grün sozialisiert, hält
sich in Grenzen. Trotzdem redet sie Anna die Freunde nicht
schlecht, das rechnet ihr die Tochter hoch an. Selten erlebt
sie ihre Mutter ratlos, am ehesten bei den Wutanfällen des
60 Vaters. Doch in diesen Situationen rücken die beiden noch
näher zusammen.
Umso härter trifft es Anna, dass sie nach der Trennung der
Eltern mit ihren Problemen auf einmal allein dasteht. Ihre
Mutter ist mit sich beschäftigt – die Freundin ihres Man65 nes, sie ahnte ja nichts. Ständig ist sie gereizt, jedes Paar
Schuhe, das nicht aufgeräumt ist, bedeutet Streit zwischen
Mutter und Tochter. Anna kämpft auch mit dem Vater: Er
weigert sich, Unterhalt zu zahlen. Überall Krisenherde,
überall Spannungen. Annas Körper hält diesen Zustand
70 nicht lang aus. Sie schläft zwanzig Stunden am Tag und
fühlt sich die übrigen vier schlapp. Schließlich landet sie
in einer Spezialklinik am Starnberger See, Diagnose: Burnout.
Sommer 2011. Anna sitzt im „Rosie’s“, einem Bistro in der
75 Düsseldorfer Innenstadt. Die reichen Freunde hat sie längst
hinter sich gelassen, manche halten sie trotzdem noch
„für eine Schickimicki-Ziege“, erzählt sie genervt. Anna ist
1,82 Meter groß, schlank, hat lange braune Haare. Sie trägt
20
6
einen kurzen, weißen Rock, graues Top, braune Lederjacke.
Wie es in ihr aussieht, wissen nur ihre Mutter und ein paar
Freunde. Sie war während ihrer dreimonatigen Therapie
mit Abstand die Jüngste, in ihrer Gesprächsgruppe befanden sich ein BMW-Manager und ein Rentner, der sein Trauma aus dem Zweiten Weltkrieg verarbeitete. Seitdem hat
85 sie recht genaue Vorstellungen davon, was im Leben zählt.
Sie hat das schlimme Jahr 2008 überstanden, und das ohne
die Hilfe der Mutter; in Therapie zu gehen war ihre eigene
Idee, auch die Klinik suchte sie selbst aus. Diese Zeit war
„eine enorme Bereicherung für mich“, sagt sie. Vor zwei
90 Monaten starb Annas Vater an Lungenkrebs. Da fiel auch
der Mutter auf, wie erwachsen ihre Tochter geworden war:
Wie selbstverständlich beteiligte sie sich an der Organisation des Begräbnisses. In derselben Zeit legte sie ihre letzte Abiturprüfung ab. Ihre Mutter, stolz, überraschte sie mit
95 einer spontanen Party. Und ermahnte sie am Ende, auch
allen für die Geschenke zu danken. „Sie kann einfach nicht
anders“, sagt Anna belustigt.
Es sei schon gut, „dass Anna demnächst in einer anderen
Stadt studiert“, sagt ihre Mutter, „dann bin ich endlich
100 diese Mutterrolle los“. Dafür hat Anna begonnen, sich über
ihre Mutter Gedanken zu machen. Zu Hause gibt es jetzt
einen Hund, es wird also nicht ganz ruhig werden, wenn
sie auszieht. Mit dem neuen Freund der Mutter versteht
sie sich auch gut. Trotzdem wäre es Anna lieber, wenn ihre
105 Mutter nicht mehr heiratet.
80
M3
2007: Annika vor dem Abitur
Annika Reeb: „Erst mal nach Australien“
Ich rechne mit einem Abi-Schnitt zwischen 2,3 und 2,4.
Damit dürfte ich die Hürde zu meinem gewählten Studienfach wohl schaffen. Mein Favorit ist derzeit der Stu5 diengang Baugestaltung Holz an der Fachhochschule in
Salzburg. Auf einer Studienmesse in München bin ich auf
das Fach aufmerksam geworden. Ein Architektur-Studium
hat mich schon vorher interessiert, aber die schlechten
Aussichten, eine Stelle zu bekommen, haben mich davon
10 abgehalten.
Der Studiengang in Salzburg ist eine Kombination aus
Design und Architektur mit Schwerpunkt Holz, die Berater
der Fachhochschule halten die Berufsaussichten der Absolventen für gut. Das hat sich gut angehört, deshalb habe ich
15 mich gründlich über das Studium informiert.
Meine Alternative ist eine Ausbildung zur Fluglotsin. Dann
sind Englischkenntnisse wichtig. Die trainiere ich demnächst intensiv. Denn nach dem mündlichen Abi gehe ich
erst mal für ein halbes Jahr als Au-pair in eine Familie nach
20 Australien.
Die Zeit down-under nutze ich auch, eine endgültige Entscheidung zu treffen. Ich bin mir sicher, dass entweder das
eine oder das andere klappen wird. Beides liegt mir wohl
auch. Es ist aber schon sehr schwierig, sich für einen Beruf
25 entscheiden zu müssen, von dem man nicht weiß, was einen tatsächlich erwartet. Die Eindrücke, die einem andere
vermitteln, sind nun mal sehr subjektiv.
Was ist die pädagogische Perspektive auf den Lebenslauf?
M4
2012: Annika fünf Jahre später
Annika Reeb: „Im vierten Semester sind wir zu dritt.“
Als ich nach dem Abitur in den Flieger nach Australien
stieg, um dort als Au-pair zu arbeiten, wollte ich nach einem halben Jahr zurück sein. Doch daraus wurden zehn
5 Monate, weil ich in Australien im Internet erfahren habe,
dass mein Wunschstudiengang Baugestaltung an der Fachhochschule Salzburg neu ausgerichtet würde. Damit war
mein Favorit gestorben.
Meine Alternative, Fluglotsin, interessierte mich nicht mehr
10 und immer noch in Australien fand ich den Studiengang
Wandmalerei, Architekturoberfläche und Steinpolychromie auf der Internetseite der Kunstakademie Stuttgart.
Ich wollte etwas Kreatives machen. Eigentlich Architektur,
doch davon wurde mir abgeraten, weil es schon viel zu
15 viele Architekten gibt.
Vor dem Studium musste ich ein zweijähriges Praktikum
machen. Ich habe bei einem Steinrestaurateur in Ochsenfurt am Main gearbeitet. Wir haben die Bausubstanz alter
Fachwerkhäuser untersucht oder die von Schlössern und
20 Burgen. Nun bin ich im vierten Semester. In dem sind wir
zu dritt, im Fachbereich insgesamt neun. Überfüllte Hörsäle kenne ich nur vom Hörensagen.
Die Berufsaussichten seien zwar besser als in Architektur,
hieß es in der Studienberatung. Doch wie ich von Absol25 venten höre, hangeln sie sich von Projekt zu Projekt. Mir
ist klar, auf was ich mich einlasse. Aber das Studium macht
mir Spaß, die Inhalte sind interessant. Ich bin zufrieden mit
meiner Wahl.
Aber nicht mit dem ständigen Umziehen. Von Ellwangen
30 nach Australien, zurück, dann an den Main, von dort nach
Stuttgart. Das geht nun schon fünf Jahre so und wird sich
nach dem Studium fortsetzen, wenn ich mal hier, mal dort
arbeite. Ich wünsche mir einen festen Platz, an dem ich für
längere Zeit bleiben kann.
Aufgaben
1. Sammeln Sie weitere Informationen zum Leben von Ruth
Klüger.
2.
Arbeiten Sie heraus, welche Entscheidungen Ruth Klüger
selbst getroffen hat, die ihren Lebensweg beeinflusst
haben, und mit welchen von außen gesetzten Bedingungen sie sich dabei auseinandersetzen musste. Beachten
Sie dabei auch die Genderperspektive (also die Tatsache,
dass sie eine Frau ist).
3.
Arbeiten Sie heraus, wie sie im Rückblick bestimmte
Personen, die in ihrem Leben von Bedeutung waren, und
Entscheidungen, die sie getroffen hat, bewertet.
Ruth Klüger hat in zwei Büchern ihre Erinnerungen verarbeitet: „weiter leben“ (1992) und „unterwegs verloren“ (2008).
Im folgenden Gespräch aus dem Jahre 2012 blickt sie auf ihr
Leben zurück.
[…] Ihr Leben war schon oft bedroht. Sie haben einen
sehr schweren Unfall überlebt und drei Konzentrationslager, eines davon war Auschwitz. Alles Glück?
In Auschwitz wurden an einem Tag Frauen und Mädchen
5 über 15 ausgesucht, sie sollten in ein Arbeitslager kommen.
Bei der Selektion habe ich mich für 15 ausgegeben, obwohl
ich erst zwölf war. Das schien keine so große Entscheidung
zu sein.
Sie hatten es vorher schon einmal versucht und wurden
10 zurückgeschickt. Hatten Sie nicht große Angst?
Meine Mutter hat mich dazu überredet, es noch mal zu
versuchen. Ich wollte eigentlich nicht. Man wusste ja nicht,
wohin man geschickt würde. Wir waren umgeben von Leuten, die sagten, bis jetzt ist alles immer noch schlimmer
15 geworden, warum sollen wir uns da melden? Nur wenn
man zurückschaut, schüttelt man den Kopf und denkt: Wie
M 5 Die 80-jährige Ruth Klüger blickt
bin ich da überhaupt rausgekommen? Denn die, die gebliezurück
ben sind damals, sind alle vergast worden.
Es war Ihnen aber in dieser Situation nicht klar, dass es
20 um Leben und Tod ging?
Ruth Klüger wurde 1931 in Wien als
Nicht einmal das. Meiner Mutter, die in ihrer paranoiden
Tochter eines jüdischen Arztes
Art eher zum Zweifel und auch zur Verzweiflung neigte,
geboren. 1942 wurde sie mit ihrer
war das schon eher klar.
Mutter in die Konzentrationslager
Also war Paranoia nützlicher als guter Glaube?
Theresienstadt, Auschwitz und
25 Ich zitiere in meinem Buch weiter leben den polnischen
Christianstadt deportiert. 1947
Schriftsteller Tadeusz Borowski, der auch in Auschwitz-Biremigrierte sie in die USA, studierte
kenau war. Er sagt, die Hoffnung macht feige. „Man hat uns
und machte als Germanistikpronicht gelehrt, die Hoffnung aufzugeben. Deswegen sterben
fessorin Karriere. In den Fünfzigerjahren war sie kurze Zeit mit eiwir im Gas.“ Das ist ein toller Satz, so richtig. In Auschwitz
nem Professor für Geschichtswis30 war es genauso: Die Leute, die gedacht haben, es wird
senschaft verheiratet. Aus dieser
schon irgendwie wieder, sind umgekommen.
Verbindung ging ein Sohn hervor.
Ihre Mutter hat Sie damals also gerettet. Und doch hatten
Sie immer ein schwieriges Verhältnis zu ihr. Warum?
Abb. 1.3: Ruth Klüger (* 1931)
Eltern waren anders zu ihren Kindern als heute. Man hat
35 Kinder viel mehr geohrfeigt und das gar nicht ernst genommen. Es gibt ganze Generationen von grausam erzo-
7
1. Kapitel
genen Kindern, die selbst grausam werden. Meine Mutter
war vereinnahmend und stachlig. Als ich klein war, hat sie
mich gezwungen, kratzige Wollunterwäsche zu tragen. Und
40 es gab überhaupt keinen Grund dafür. Besonders wenn
man bedenkt, dass die Mütter selbst solche Unterwäsche
nicht getragen haben, sondern sich das Feinste, das sie
sich leisten konnten, ausgesucht haben. Diese kleinen
Grausamkeiten zwischen den Generationen – meiner Mut45 ter ist es in ihrer Kindheit auch nicht so gut gegangen, ihre
eigene Mutter war hoch neurotisch.
Nach dem Krieg und dem Notabitur studierte Ruth Klüger
ein Jahr in Regensburg und emigrierte, 16 Jahre alt, mit ihrer
Mutter nach New York.
50 Sind Sie Ihrer Mutter ähnlich?
Dem Aussehen nach nicht, da ähnele ich meinem Vater.
Meine Mutter hatte grüne Augen, und ich habe braune. Sie
hatte eine Großzügigkeit, die mochte ich gern. Darin würde
ich sie gern nachmachen. Sie hat meine Pflegeschwester
55 unter Umständen adoptiert, die schwieriger nicht hätten
sein können: im Konzentrationslager. Aber sonst habe ich
mich dagegen entschieden, so zu werden wie sie.
Kann man das: sich dagegen entscheiden? Prägt einen die
Mutter nicht sehr?
60 Ich hatte gar nicht so viel mit ihr zu tun. Als ich klein war,
in Wien, war sie kaum da. Ich durfte als Jüdin ja nicht einmal in die Schule gehen, saß immer allein in der düsteren
Wohnung und habe Balladen von Schiller auswendig gelernt. Ich hätte mir gewünscht damals, dass sie mehr für
65 mich da gewesen wäre.
Aber Sie waren zusammen in den Lagern, aufeinander
angewiesen sogar.
In Theresienstadt und Auschwitz war ich nicht mit ihr zusammen, sondern mit den anderen Kindern. Als wir nach
70 unserer Flucht für zwei Jahre in Straubing waren, hat sie
die Woche über in Regensburg gearbeitet. In New York
haben wir von 1947 an kurze Zeit zusammengelebt, bis ich
geheiratet habe. Da habe ich meine Mutter verlassen und
mich ziemlich schuldig gefühlt.
75 War es nicht normal, von zu Hause wegzugehen, wenn
man erwachsen war?
Diese Generation hatte das Gefühl: Eine Tochter bleibt bei
der Mutter. Aber um meine Mutter konnte man sich nicht
kümmern. Sie hat in Amerika auch gleich wieder geheira80 tet. Erst als sie alt war und hier in Kalifornien lebte, wurde
es leicht mit ihr.
Warum?
Da konnte ich etwas für sie tun. Sie ließ es zu. Auch wenn
sie immer noch versucht hat, mich zu ärgern.
85 Und Sie haben sich immer noch ärgern lassen?
Na ja, schon. Wenn ich reinkam und sie sprach mich mit
„Sie“ an, zum Beispiel weil sie nicht gut fand, was ich anhatte. Sie ist 97 Jahre alt geworden. Es war ein verflixtes
Verhältnis. Mir ist erst kürzlich aufgefallen, dass es die
90 Mutter-Tochter-Beziehung in der Literatur und Mythologie
bis vor Kurzem überhaupt nicht gegeben hat. Die Literatur
ist voller Mütter, aber es sind immer Mütter von Söhnen.
Dabei ist das eine so wichtige Beziehung zwischen Müttern und Töchtern.
95 Haben Sie Ihre Mutter geliebt?
8
Ja, sicher. Wenn man jetzt wüsste, wie man Liebe definiert.
Wenn es um große Anhänglichkeit geht, ja. Aber nicht,
wenn es um Vertrauen geht.
Ist Ihnen das passiert, dass Liebe und Vertrauen eins ge100 worden sind?
Bei verschiedenen Freundinnen. Aber nicht mit meiner
Mutter.
Und sonst in der Familie?
Meine Familie wurde zerschlagen durch den Krieg. Es gab
105 Verwandte in New York, aber sie waren früher emigriert
und schon so amerikanisch. So sehr konnte ich mich nicht
anpassen. Ich wusste gar nicht, wie ich mich in den amerikanischen Teenager der Vierzigerjahre hätte verwandeln
können.
110 Was wurde vom Teenager der Vierzigerjahre erwartet?
Alles steuerte darauf hin, dass die Mädchen heiraten und
die Buben Geld verdienen. Die Frauen haben im Krieg noch
stark mitgearbeitet, aber das wurde nach dem Krieg alles
zurückgenommen. Die Idee war dann, dass Mädchen ab115 hängig sind. Und ich wollte was werden. Ich wollte unabhängig sein.
Und doch haben Sie jung geheiratet und Kinder bekommen.
Aber ich wollte einen Beruf haben, auch als verheiratete
120 Frau und Mutter. Ich habe immer gearbeitet und verdient,
vor den Kindern habe ich Anglistik studiert und im Büro
gearbeitet, dann lange als Bibliothekarin.
Sie haben sich als „Krückstock“ für die Karriere Ihres Mannes empfunden. Warum?
125 Ich habe seine Dissertation getippt und gearbeitet und in
die gemeinsame Kasse gezahlt. Mein Beruf hat ihn nicht
interessiert. Er war Historiker, ich die faculty wife, sein
Anhängsel. Er ist ursprünglich Berliner gewesen und auch
emigriert.
130 Was haben Sie sich von der Ehe versprochen?
Wenn Sie mich jetzt fragen, was der größte Fehler war, den
ich je gemacht habe, so würde mir zuerst einfallen: meine
Ehe. Das war wirklich blödsinnig, mit 21 Jahren einen zu heiraten, bei dem ich völlig unsicher war, ob das klappen könn135 te. Ich habe eigentlich von Anfang an gewusst, dass es nicht
klappen würde. Und gleichzeitig sind aus dieser schlechten
Ehe diese beiden Kinder hervorgegangen, die ich innig liebe. Und wer wünscht sich seine Kinder ungeboren?
In den 50er-Jahren heiratete sie den Historiker Tom Angress,
140 zog mit ihm nach Connecticut und bekam ihren ersten
Sohn, Percy.
Sie meinen: Es war ein Fehler und auch wieder keiner?
Ich meine: Das Richtige kann aus dem Falschen kommen.
Auch aus schlechten Erfahrungen können sich Dinge er145 geben, die nicht rückgängig gemacht werden wollen. Wie
Kinder, die man liebt. Das ist übrigens auch eine Liebe, die
nicht unbedingt mit Vertrauen zu tun hat. Kinder lügen
einen ja an. Und man selbst hat die eigenen Eltern angelogen. Eltern und Kinder verschweigen sich gegenseitig viel.
150 Haben Sie um Ihre Ehe gekämpft?
Es hat Versuche gegeben, es zwischen uns ins Reine zu
bringen, aber es hat nicht funktioniert. Er war kein Mann,
mit dem man reden konnte – ich spreche in der Vergangenheit von ihm, weil er letztes Jahr gestorben ist.
Was ist die pädagogische Perspektive auf den Lebenslauf?
Sie waren knapp zehn Jahre verheiratet und erst Anfang
30, als Sie sich scheiden ließen. Hatten Sie den Wunsch,
dass es mit einem anderen Mann klappt?
Ich hab schon noch ein paarmal gedacht, das könnte es
sein, aber es ging nie wieder tief, auch wenn ich mir wo160 chenlang eingebildet habe, es sei wichtig. Um mich herum
gab es noch keine selbstbewussten alleinstehenden Frauen, da hat jeder erwartet, dass ich mir wieder einen Ehemann angeln werde. Doch mir war das nicht mehr wichtig
genug. Ich wollte Literaturwissenschaftlerin werden,
165 promovieren und mich, so gut ich konnte, um die Kinder
kümmern. Ich glaube, ich war von Anfang an nicht für eine
Ehe gemacht. […]
Es war also keine Enttäuschung über die Liebe, die Sie von
den Männern entfernt hat?
170 Nein, überhaupt nicht. Das hat die Geschichte so arrangiert. Es ist leicht, sich vorzustellen, dass das Leben ganz
anders hätte verlaufen können. Dass man nicht durch drei
Konzentrationslager gegangen wäre. Ich spiele gern das
Spiel, mich zu fragen: Was wäre, wenn … Wenn ich zum
175 Beispiel auf den Kindertransport nach England gekommen
wäre. Das wäre ein ganz anderes Leben geworden. Ich
wäre immer noch Jüdin, Emigrantin, aber ich hätte die KZs
nicht erlebt und wäre viel früher in eine englische Gesellschaft hineingewachsen. Mir wäre das lieber gewesen.
180 Aber meine Mutter wollte das nicht.
Ihre Mutter hat damals nicht zugelassen, dass Sie mit
einem der letzten Kindertransporte nach England fuhren.
Haben Sie ihr das verübelt?
Das war ihr gutes Recht, sie hatte Angst, mich nie wieder185 zusehen.
Ihr älterer Sohn wollte mit 14 Jahren bei seinem Vater leben. Mal küchenpsychologisch gefragt: Kann es sein, dass
Sie ihn haben fortgehen lassen, eben weil Ihre Mutter Sie
damals nicht gehen ließ?
190 Nein, so geht das nicht auf. Ich habe eher gedacht: Wer
nicht mit mir leben will, muss nicht mit mir leben. Und
habe gesagt: „Jederzeit kannst du zu mir zurückkommen.“
Zwei Jahre später kam er dann ja auch.
Sie schreiben, er hat Ihnen das Herz gebrochen damals.
195 Ja, und er ist mir dadurch entfremdet. Er hat mir später
gesagt, ich hätte um ihn kämpfen sollen. […]
Sie waren von 1980 bis 1986 Germanistikprofessorin an
der Universität Princeton, eine Frau unter lauter Männern.
Eine schwierige Zeit?
200 Das war der größte Fehler, den ich in meiner beruflichen
Laufbahn gemacht habe. Es war interessant und natürlich
sehr gut fürs Image. Aber dort habe ich gelernt, was es
bedeutet, wenn man eine Renommierfrau ist. Die Männer
wollten bewundert werden, das war die geeignete Rolle
205 für eine gebildete Frau. Was ich geschrieben oder gedacht
habe, war bedeutungslos. […]
Sind Sie milder geworden mit den Jahren? Versöhnlicher?
Nein, eigentlich nicht. Mir wird manchmal vorgeworfen,
dass gerade in meinem zweiten Erinnerungsbuch, unter210 wegs verloren, alle möglichen Ressentiments stecken, und
ich sage dann freudig: „Das ist total richtig. Ich bin dafür,
Ressentiments zu hegen.“ Ich halte das für eine angemessene Weise, mit Ungerechtigkeiten umzugehen, gegen die
155
man nichts machen kann.
Ich will mich nicht aussöhnen, zum Beispiel mit den
Kriegsverbrechen. Nichts ist
wiedergutzumachen. Was
geschehen ist, ist gesche220 hen.
215
Was ist die pädagogische
Perspektive auf den Lebenslauf?
Sie lernen im Folgenden
Abb. 1.4
zwei Antworten auf diese
Frage kennen, in deren Mittelpunkt der Begriff der „Bildung“ steht. Die Autoren kennen Sie bereits aus den vorangegangenen Kursen. Jürgen
Henningsen geht dem Zusammenhang von Autobiografie
und Bildung nach, Volker Ladenthin definiert den Begriff
der „Bildung“ so, dass er als der zentrale Grundbegriff der
Pädagogik fungiert.
Mit Hilfe dieser Überlegungen können Sie nicht nur die
bereits bearbeiteten Texte klarer verstehen, sondern auch
ein Vorverständnis vom Thema dieses Kurses erarbeiten.
Insbesondere der Begriff der Bildung eröffnet die pädagogische Perspektive auf den Lebenslauf und hilft Ihnen
dabei, Fragen und Erwartungen zu formulieren.
Aufgaben
Um die Positionen der beiden Autoren richtig zu verstehen,
sollten Sie sich zunächst über Ihr Vorverständnis von Bildung
klar werden.
1. Skizzieren Sie Ihr eigenes Verständnis von „Bildung“ und
vergleichen Sie Ihr Verständnis mit dem Ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler. Sammeln Sie in diesem Zusammenhang auch Beispiele dafür, wie heute der Bildungsbegriff in der Öffentlichkeit gebraucht wird.
2. Achten Sie bei der Arbeit an den folgenden Texten genau
darauf, ob bzw. wie sich das Bildungsverständnis der
beiden Autoren von dem heute üblichen Gebrauch des
Begriffs unterscheidet.
M6
Autobiografie und Bildung
(Jürgen Henningsen)
1. Das erste Beispiel entnehme ich der Autobiografie The
Education of Henry Adams. Adams (1838–1918), Historiker
und Geschichtsphilosoph in Harvard, war der Enkel des
sechsten amerikanischen Präsidenten John Quincy Adams,
5 der Urenkel des zweiten amerikanischen Präsidenten John
Adams. […] Adams berichtet und deutet in einem Atemzuge. Fast verflüchtigen sich die Fakten in der intellektuellen Höhenluft dieses fanatisch vom konkreten Detail ins
Allgemeine strebenden Buches – der Autor spricht von sich
9
1. Kapitel
nur in der dritten Person. Wir wenden uns einem Ereignis
dieses Lebens zu, das mit naturwissenschaftlicher Exaktheit konstatiert wird:
„Am 3. Dezember 1841 – Adams war damals knapp vier
Jahre alt – erkrankte er an Scharlach. Einige Tage war er so
15 gut wie tot und lebte nur durch die sorgfältige Pflege seiner Familie wieder auf.“
Was ist an diesem Faktum pädagogisch bemerkenswert?
Gar nichts. Dass Kinder Kinderkrankheiten haben, weiß
jeder. Jeder Lehrer findet in den Schulgesundheitsbögen
20 seiner Kinder deren Kinderkrankheiten exakt aufgezeichnet. Diese Eintragungen sind für den Pädagogen nur interessant, wenn er nach Gründen sucht, weshalb dieses oder
jenes Kind schwächlich aussieht, nicht recht „mitkommt“
oder zurückgestellt werden soll.
25 Aber eine Autobiografie ist kein Schulgesundheitsbogen.
Wenn ein Autor im Rückblick auf sein Leben berichtet, er
habe als Kind Scharlach gehabt, misst er diesem Ereignis
eine andere Bedeutung bei als die Schulärztin, die solche
Angaben in den Gesundheitsbogen einträgt. Henry Adams
30 geht es um „The Education of Henry Adams“ – um die Frage, wie er der wurde, der er ist und als den er sich sieht,
um die Frage, wie durch „Education“ aus Henry Adams
Henry Adams wurde.
Autobiografie ist Selbstvergewisserung und Gestaltung
35 eines Bildungsschicksals. Was war bildend? Geht nicht, so
fragt Adams selbst an dieser Stelle, die erste Bildung (education) vom Schmerzgefühl aus? Tatsächlich sei ein solches
Schmerzgefühl (discomfort) unter den ersten Erinnerungen des Kindes.
40 „Sobald es transportfähig war, wurde es in Leintücher gehüllt und von dem kleinen Haus in der Hancock Avenue
in ein größeres in der benachbarten Mount Vernon Street
getragen. Es war mitten im Winter, am 10. Januar 1842, und
nie vergaß das Kind den heftigen Schmerz, den es unter
45 den Tüchern durch den Luftmangel verspürte, noch auch
den Lärm des Möbelrückens.“
Immer noch haben wir ein alltägliches, in keiner Hinsicht
pädagogisch bemerkenswertes Geschehen vor uns – was
kann eine erziehungswissenschaftliche Reflexion damit
50 anfangen? Ein Autor schreibt in seiner Autobiografie, dass
er als Kind Scharlach hatte und Schmerzen verspürte, die
er nicht vergessen konnte. Macht ihn diese Allerweltstatsache interessant? Bereitet er ein Alibi vor, um zu erklären,
weshalb er nicht wie sein Großvater und sein Urgroßvater
55 Präsident der USA wurde?
Adams selbst problematisiert dieses simple Faktum und
zeichnet uns vor, wonach wir zu fragen haben, indem er
unvermittelt fortfährt:
„[…] und besonders Scharlach beeinflusst ernstlich die kör60 perliche und charakterliche Entwicklung von Knaben, mögen sie sich auch ihr Leben lang den Kopf über die Frage
zerbrechen, ob diese Krankheit sie tüchtig oder untüchtig
für den Erfolg gemacht hat.“
Damit ist das Problem zunächst einmal abstrakt und allge65 mein gestellt: Eine Kinderkrankheit prägt das von ihr befallene Individuum körperlich und charakterlich […].
Substanz gewinnt diese allgemeine Überlegung, indem sie
dann vom Autor auf das eigene Leben bezogen wird. Der
10
10
Autor blickt von einem vorweggenommenen Endstadium
seines Lebens aus zurück und vergewissert sich des Erlittenen unter dem Blickwinkel, was es zur eigenen Bildung
beigetragen hat, so eine Integration des Lebenslaufs als
Bildungsschicksals herstellend. Von der Nennung kör75 perlich-leiblicher Symptome
steigt der Gedankengang
auf zu einer umfassenden
Deutung der ganzen geistigen Eigengestalt, wobei
80 diese ein scharfes Profil
erhält, indem Adams stilisierend […] die Dominanz
bestimmter charakterlicher
Züge und Verhaltensweisen
Abb. 1.5
85 betont – eben jener Züge
und Verhaltensweisen, zu denen die Krankheit in einer
Beziehung steht, die in der hinterherkommenden Selbstvergewisserung, deren letzten integrierenden Schritt die
Autobiografie darstellt, deutlich wird – eine Beziehung, die
90 aber auch schon, wie Adams selbst sagt, im bisherigen Leben eine „immer größere Bedeutung“ angenommen hatte:
„Doch nahm, vom Gesichtspunkt der Erziehung, dieses Fieber in Henry Adams’ Augen immer größere Bedeutung an,
je länger er lebte. Zunächst war die Beeinträchtigung eine
95 körperliche. Er blieb im Wachstum um sechs bis acht Zentimeter hinter seinen Brüdern zurück, sein Knochenbau war
entsprechend schwächer, sein Gewicht geringer. Sein Charakter und seine geistigen Fortschritte schienen an dieser
Schwächlichkeit teilzuhaben. Bei Kämpfen zog er den kür100 zeren, und seine Nerven waren zarter, als die Nerven der
Knaben sein sollten. Er übertrieb diese Schwächen, als er
älter wurde. Die Gewohnheit, zu zweifeln, seinem eigenen
Urteil zu misstrauen und das Urteil der Welt völlig zu verwerfen; die Neigung, jede Frage als eine offene anzusehen;
105 die Unschlüssigkeit, zu handeln, außer wenn es zwischen
zwei Übeln zu wählen galt; die Scheu der Verantwortung;
das Wohlgefallen an Linie, Form, Qualität; der Schauder vor
der Langeweile; die Leidenschaft für einen kleinen Freundeskreis und die Abneigung für die große Gesellschaft:
110 All das sind wohlbekannte Wesenszüge Neuenglands, die
durchaus nicht bloß einzelnen Personen eigentümlich sind;
aber in Henry Adams’ Fall schienen sie durch das Fieber
gesteigert zu sein, und er konnte sich nie darüber schlüssig werden, ob diese Veränderung seines Charakters im
115 ganzen für seine Sache krankhaft oder gesund, gut oder
schlecht gewesen.“
Wir brauchen die Kenntnis der ganzen umfangreichen Autobiografie, die Kenntnis des ganzen komplizierten Henry
Adams, um ermessen zu können, wie genau das kurze Zitat
120 den Mann charakterisiert. Für unseren Zweck möge die
Versicherung genügen, dass es treffend und typisch ist.
2. Endlich kann jetzt die erziehungswissenschaftlich relevante Frage voll entfaltet werden. Ein Mann steht vor uns,
dem die Mit- und Nachwelt zu bestätigen nicht umhin
125 kann, dass er Großes geleistet hat – ein Mann, der von
seinen Freunden geliebt und geschätzt wurde als der, der
er geworden war. Wie ist er dieser Mensch geworden? Wie
70
Was ist die pädagogische Perspektive auf den Lebenslauf?
hat sich dies Ausgeprägt-Eigentümliche an ihm, diese unfür gewöhnlich auf der Minusseite der menschlichen Entverwechselbare leiblich-seelisch-geistige Form, die wir als
wicklung einordnen, die wir, träfe sie uns selbst oder un130 „Charakter“ oder „Bildung“ bezeichnen können, gebildet?
sere Kinder, als Unglück oder Widrigkeit ansehen würden.
Der Erziehungswissenschaftler stellt die Frage, wie diese 190 Eine Ratte, einmal von Krankheit befallen, kümmert, bleibt
Gestalt entstand, wie der sich uns darstellende Charakter
zurück, wird in der Regel lebensuntauglicher als ihre Artsich bildete […]. (Wichtig ist dabei, dass die Gestalt einer
genossen. Ein Mensch leidet, aber dieses Leiden muss sich
Bildung nicht beschrieben werden kann, ohne dass man
nicht notwendig nur negativ auswirken. Es kann angeeignet, in das Ganze des individuellen Seins integriert werden,
135 die Selbstdeutung des Individuums dabei mithört: Bildung
ist eine Reflexionstatsache. Die autobiografische Aussage 195 zum Bestandteil der Bildung werden. […]
ist deshalb ein bevorzugtes, durch nichts zu ersetzendes
Von den verschiedenen Aspekten, unter denen ein LebensMaterial für die Frage nach dem Bildungsschicksal.)
lauf dargestellt werden kann, kommt dem der „Bildung“
Nun sagt uns der Mann, dessen Bildungsschicksal wir
eine Vorzugsstellung zu: Lebenslauf ist Bildungsschicksal.
So kann z. B. Henry Adams seine berühmte Autobiografie
140 nachspüren, dass sein ganzes Leben unverständlich bliebe,
wenn man die Kinderkrankheit Scharlach daraus weg200 unter den Titel The Education of Henry Adams stellen:
streichen wollte. Dass er es selbst sagt, ist wesentlich für
„Bildung“ ist seiner Auffassung nach nicht eine Ausstatdie Frage nach seiner Bildung. Denn nicht das ist bildend,
tung, die dem Jüngling irgendwann in Familie, Schule und
was einem Individuum irgendwie zustößt (und von außen
College vermittelt worden wäre, sondern Anruf und unentrinnbares Schicksal durch ein langes Leben des Lernens
145 registriert werden könnte);
bildend ist, was dieses Indivi205 und Umlernens hindurch. […]
duum zu einem Bestandteil
Noch deutlicher wird die Vorzugsstellung des Bildungsasseiner selbst macht, indem es
pekts für den Lebenslauf, wenn die Kategorien der Bildung
darüber nachdenkt, mit sich
nicht nur in der rückschauenden Betrachtung auf das
gelebte Leben angewandt werden, um es auf „Bildung“
150 und anderen darüber spricht,
sich des Widerfahrenen inne210 hin durchsichtig zu machen und darstellen zu können,
wird und sich daran erinnert,
sondern wenn diese Kategorien der Bildung schon im Lewas es in sich hineinverwanben selbst gestaltend gegenwärtig waren. Der Lebenslauf
delt, zu einem Eigenen macht,
wird dann nicht nur in der Rückschau als Bildungsschicksal
gesehen und deutend dargestellt, sondern schon als Bil155 integriert: wie man sieht,
haben wir eine ganze Reihe
215 dungsschicksal gelebt. Das bekannteste Beispiel solchen
von Metaphern für diesen so
Selbstverständnisses ist wohl Wilhelm von Humboldt, dem
Abb. 1.6
schwer definierbaren Vorgang
seine berufliche Tätigkeit, seine Freunde, seine Liebe ganz
der Bildung. Der eine hat Scharlach und kommt darüber
bewusst Material der Bildung wurden: „Jedes Schicksal ist
mir ein Stoff, an dem meine Seele sich übt.“ […]
160 hinweg, ohne dass dies Folgen für seine Bildung hätte: so,
als hätte er einen Regenmantel angezogen und wieder
220 Die Autobiografie beschreibt nicht einen Lebenslauf, wie
ausgezogen; der andere wird jenes ihm Widerfahrene zeitein naturhafter Vorgang beschrieben wird. Sie ist selbst
lebens nicht wieder los, es wird Bestandteil seiner Bildung,
Bestandteil dieses Lebenslaufs, sie ist seine notwendige
es wird zu einem Zeichen, an dem dieses Individuum von
Integration. Unter dem Zwang der Kategorie „Bildung“
leben wir alle autobiografisch; wir leben, pointiert gesagt,
165 sich selbst und seinen Freunden erkannt wird. Ganz zweifellos hat so Henry Adams seine Kinderkrankheit zu einem 225 nicht einen Lebenslauf, sondern eine Autobiografie. UnseTeil seiner selbst, zu einem Stück seiner Bildung gemacht.
rem Leben würde etwas fehlen, wenn es nicht sprachlich
Er fragt, wie wir sahen, „ob diese Veränderung seines Chareflektiert wäre, und zwar im Hinblick auf die Selbstvergerakters im ganzen für seine Sache krankhaft oder gesund,
wisserung in der Bildung. Bildung ist, so könnten wir geradezu definieren, die das gelebte Leben erst ermöglichende
170 gut oder schlecht gewesen“ sei. Er lässt diese Frage offen –
und auch in dieser „Neigung, jede Frage als eine offene
230 Selbstvergewisserung in der Sprache, deren notwendige
anzusehen“, sieht er, wie es oben hieß, einen dominanten
Konsequenz die Autobiografie ist – ob diese tatsächlich
Zug seines Charakters. Es sei noch einmal betont, dass
geschrieben und publiziert wird oder nicht, ist dabei vernicht die Krankheit als solche, als factum brutum, sondern
hältnismäßig belanglos.
175 die Art und Weise ihrer sprachlich-geistigen Verarbeitung
für besagte „Veränderung des Charakters“ ursächlich ist.
Aber ob diese Veränderung nun „krankhaft oder gesund,
Aufgaben
gut oder schlecht gewesen“ – wer wollte das beurteilen?
Das ist entweder eine private Geschmacksfrage oder eine
1. Geben Sie genau wieder, wie Henningsen die Begriffe
180 Frage für das Jüngste Gericht, an die wir mit den Mitteln
„Autobiografie“ und „Bildung“ versteht und aufeinander
erziehungswissenschaftlicher Reflexion nicht herankönnen.
bezieht.
Wir können aber etwas anderes festhalten und als bewie2. Erläutern Sie sein Verständnis dieser Begriffe mithilfe der
sen und nachprüfbar ansehen: Das sich in dem Buch The
Education of Henry Adams seines Bildungsschicksals veroben angeführten Texte.
185 gewissernde Individuum ist geprägt und weiß sich geprägt
durch ein Ereignis, durch eine erlittene Krankheit, die wir
11
1. Kapitel
M7
Bildung: die pädagogische
Perspektive auf den Lebenslauf
(Volker Ladenthin)
Ist jeder Mensch bildsam?
Bildungsvorstellungen korrelieren direkt mit einem Bild
vom Menschen und einem Verständnis von Gesellschaft.
55 Bildung umschreibt die Zielvorstellung von dem, was eiWelches Problem löst „Bildung“?
nem Menschen zukommen soll, damit er als Mensch unter
Der Idee der Bildung liegt die (ebenso unbeweisbare wie
Menschen denken, sprechen und handeln, also leben kann.
unwiderlegbare) Voraussetzung zugrunde, dass Denken,
Daher ist Bildung ein Menschenrecht für alle Menschen.
Sprechen und Handeln des Menschen prinzipiell frei sind
Die Idee der „Bildung“ erhebt einen politisch-sozialen An5 und/oder faktisch frei sein sollten. Bildung bezieht sich
60 spruch, indem sie eine Gesellschaft einfordert, die allen
daher auf jenen Bereich des Menschen, der von der Natur
Menschen Freiheit tatsächlich gewährt (,Freiheit‘ meint die
nicht festgelegt ist und von der Gesellschaft nicht geformt
Möglichkeit, zu tun, was man soll) und so Bildung für jeden
werden kann oder soll.
ermöglicht („Bildungsgerechtigkeit“). […]
Gegenbegriffe der Bildung sind der Begriff der EntwickIst Bildung nicht etwas fürs Bildungsbürgertum?
10 lung, unter den die naturhaften Prozesse der Menschwerdung des Menschen gefasst sind, und der Begriff der
65 Bildung ist weder identisch mit oder affin zu bestimmten
Sozialisation, der die indirekten, nicht intentional und nicht
Inhalten, Themen, Medien, Kulturen oder Traditionen, sonexplizit gestalteten Beeinflussungen des Menschen durch
dern bezeichnet das erkennende und wertende sowie erst
die zufällige Umgebung und Kultur meint.
noch zu gestaltende sinnvolle Verhältnis zu allen geistigen
wie materialen Produkten des Menschen, zu allen Medien,
15 Wenn der Mensch von Natur aus nur daraufhin festgelegt
ist, dass er nicht völlig festgelegt ist (und sich zu allen
70 zu allen Kenntnissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten (KomFestlegungen ins Verhältnis setzen kann), fragt es sich,
petenzen), zu allen Kulturen, Überlieferungen und gegenwie seine „Festlegung“ (Gestaltung, Formung, Bildung)
wärtigen politischen, sozialen, technischen, künstlerischen,
erfolgen „soll“ bzw. sein „Verhältnis“ zu den Festlegungen
pädagogischen, religiösen oder ethischen Aufgaben. Da
Bildung ein erkennendes, wertendes und sinngebendes
20 gestaltet werden soll. Die Theorie des Ziels und Verfahrens
dieser „Festlegung“ nennt man „Bildungstheorie“. Das
75 Verhältnis bezeichnet, kann alles Erkennbare, zu BewerNachdenken über und Gestalten von Bildung gehört zur
tende und Sinnoffene zum Gegenstand von Bildungspro„Pädagogik“ und gibt ihr die ideelle Identität.
zessen werden. Bildung stellt daher die gleiche Aufgabe
für jeden Menschen, unabhängig von Geschlecht, sozialem
Was meint „Bildung“?
Stand, kultureller oder ethnischer Identität.
25 „Bildung“ ist somit die zentrale Kategorie pädagogischen
Denkens, Sprechens und Handelns, aus der alle weiteren
80 Meint Bildung nicht die Aneignung von Hochkultur, also
pädagogischen Konzepte abgeleitet oder auf die alle weiTheater, Literatur, klassischer Musik?
teren pädagogischen Konzepte bezogen werden.
Eine Einschränkung des Begriffs Bildung auf Kultur, gar
Der Terminus entstand in einer besonderen kulturellen
auf geisteswissenschaftliche Bereiche und dort wieder auf
bestimmte Medien („Buch“) widerspricht dem universalen
30 Situation im Übergang vom europäischen Mittelalter zur
Neuzeit – gleichwohl lässt sich das Problem, zu dessen Lö- 85 Konzept des Begriffs. Bildung ist daher die über allen Kulsung er beitragen will, kultur- und zeitübergreifend herausturen und kulturellen Objektivationen stehende ubiquitäre
arbeiten: Bildung ist die Antwort auf die Bildsamkeit des
Aufgabe des Menschen, sich so viel Welt wie nützlich und
Menschen, d. h. seine Unbestimmtheit. Jeder Mensch muss
nötig sinnvoll anzueignen, um sein Handeln gültig zu gestalten. Ausbildung oder Allgemeinbildung sind daher kei35 sich erst zu dem gestalten (formen, „bilden“), der er sein
muss, sein will und sein soll. Ohne diese Selbsttätigkeit
90 ne Oppositionen von Bildung, sondern bildungstheoretisch
wäre der Mensch nicht einmal lebensfähig, und er würde
zu prüfende Teilaspekte. […]
seine sittlichen Möglichkeiten unterbieten; er wäre verantwortungslos. Er würde nicht als Mensch handeln, sondern
40 sich als fremdgesteuertes Naturwesen oder identitätsloses
Partikel einer Masse verhalten. Da er dies aber weiß, kann
er nicht anders, als sich handelnd zu seinem Verhalten
in Bezug zu setzen, selbst da, wo er seine Aufgabe nicht
angeht. Auch das Nicht-tätig-Werden ist für den Menschen
45 ein Handeln – weil er dies weiß. […]
Bildung ist an die Idee der Bildsamkeit des Menschen gebunden, d. h. die anthropologisch einzige Bestimmung des
Menschen, sich in Auseinandersetzung mit Natur und Geschichte anderen Menschen und sich selbst selbsttätig und
50 selbstständig lernend bestimmen zu können und daher zu
müssen. […]
Abb. 1.7
12
Was ist die pädagogische Perspektive auf den Lebenslauf?
Aufgaben
1. Arbeiten Sie heraus, wie Ladenthin „Bildung“ definiert.
Geben Sie dabei auch wieder, welche anderen Verständnisse dieses Begriffs er anführt und wie er sie von seiner
Definition abgrenzt.
2. Geben Sie Ladenthins Definition der Begriffe „Entwicklung“ und „Sozialisation“ wieder und vergleichen Sie seine
Definitionen mit anderen, die Ihnen bekannt sind.
3. Erläutern Sie Ladenthins Begriff von Bildung mithilfe von
Texten aus diesem Kapitel und selbstgewählten Beispielen.
4. Erörtern Sie kritisch Ladenthins Position.
5. Entwickeln Sie im Anschluss an Henningsens und Ladenthins Bildungsbegriff pädagogische Fragestellungen zum
Thema „Erziehung und Lebenslauf“.
Im nächsten Text erzählt ein Vater vom Leben und den
Plänen seines zwanzigjährigen Sohnes, erinnert sich an
seine eigene Entwicklung und denkt über seine pädagogische Aufgabe als Vater nach. Der Autor, Harald Martenstein
(geb. 1953), ist Journalist und Schriftsteller.
M8
Von nun an auf getrennten Wegen
(Harald Martenstein)
Mein Sohn ist 20. Jetzt, während ich diesen Text schreibe,
erntet er in Australien Paprika. Oder hat die Mangoernte
schon angefangen? Wir haben zurzeit nicht so oft Kontakt.
Am Anfang schickte er oft Mails, inzwischen arbeitet er
5 mitten im Outback auf einer Farm und kommt oft tagelang
nicht an einen Computer. Die Erntehelfer wohnen in billigen Hotels oder Baracken, sie stehen vom Sonnenaufgang
bis zum Abend auf den Feldern.
Es ist ein „Work and Travel“-Programm: Junge Leute aus
10 Übersee helfen in der australischen Landwirtschaft aus
oder in der Tourismusbranche, immer nur für ein paar Wochen, als Saisonkräfte. Wenn er genug verdient hat, fährt
mein Sohn an den Strand, dort feiert und surft er ein paar
Tage lang, vielleicht auch ein paar Wochen, je nachdem,
15 wie lange das Geld reicht. Dann sucht er sich einen neuen
Job.
Nach der Schule, zum Beispiel dem Abitur, beginnt eines
der letzten Kapitel der Elternschaft. Was soll aus dem Kind
werden? Soll es studieren? Und was?
20 Als Vater ist man während der Ausbildung immer noch
Finanzier, die Möglichkeiten der Einflussnahme sind trotzdem begrenzt. Mein Sohn war nie überdurchschnittlich
rebellisch, die Pubertät verlief ohne größere Zwischenfälle,
trotzdem wird er diese Entscheidungen selber treffen und
25 sich nicht reinreden lassen. Meine Ratschläge hört er sich
an, aber mehr auch nicht.
Ich finde, dass er Talent zum Schreiben hat, bitte schön, ich
kann das beurteilen. Ehrlich gesagt: Mir gefiele der Gedanke, dass mein Sohn in meine Fußstapfen tritt. Aber er will
30 nicht.
Er will Sport studieren und Sportmanager werden.
Ich bin sehr oft mit ihm zum Sport gegangen, er hat viele Sportarten ausprobiert, war in etlichen Vereinen, das
Studienfach kommt nicht von ungefähr und ist trotzdem
35 etwas völlig Unerwartetes, mir Fremdes.
So ist das eben: Die Kinder nehmen ihren eigenen Weg.
Mein eigener Vater hat mir geraten, Jura zu studieren. Damit wäre ich nicht glücklich geworden. Aber das konnte
mein Vater nicht wissen, nur ich selbst konnte es wissen.
40 Was ist das Ziel von Erziehung? Das Ziel kann, glaube ich,
nur heißen, dass die Kinder irgendwann selbstständig sind
und in der Lage, für sich zu entscheiden. Loszulassen ist
schwierig, eine Alternative dazu gibt es aber nicht.
Wenn mein Sohn tatsächlich den Berufsweg einschlagen
45 würde, der ihm von mir, seinem Vater, vorgeschlagen wird –
im ersten Augenblick würde mich das wohl freuen, aber
im zweiten Moment käme es mir gespenstisch vor. Das
Erziehungsziel „selbstständiges Denken“ hätten wir, seine
Mutter und ich, dann wohl verfehlt.
50 Früher folgten die Kinder meist den Eltern. Das Kind des
Metzgers übernahm den Laden, das Kind des Arztes wurde
Arzt. In meiner Schulzeit kannte ich einige Gleichaltrige,
die schon mit 13 wussten, dass sie später mal den Betrieb
der Eltern übernehmen.
55 Solche Dynastien werden seltener, darin liegt zweifellos
ein Gewinn an individueller Freiheit. Auch wenn es für die
Eltern nicht immer schön ist.
Die Gesellschaft, sagt man, soll durchlässig sein. Nicht die
Herkunft und die Elternhäuser sollen über die Lebensläufe
60 entscheiden, sondern das Talent und die Neigung.
Abstrakt findet das fast jeder gut. Wenn es einen konkret
betrifft, findet man es oft nicht mehr gut.
Schwierig wird es fast immer, wenn die Kinder von Akademikern sich gegen ein Studium entscheiden. Ich kenne ein
65 paar Fälle. Da wird ein Arztsohn zum Beispiel Tischler. Ein
sozialer Abstieg, reden wir doch bitte nicht drum herum.
Weniger Geld, geringerer Status.
Aber der Junge will das. Kann man da von „Abstieg“ reden?
Wenn es für ihn das Richtige ist?
70 Nach außen sind die Eltern solidarisch, sie sind total einverstanden, geben sich keine Blöße. Nur einmal habe ich
den Vater sagen hören: „Er erbt ja eine ganze Menge. Er
muss später mal nicht nur von seiner Werkstatt leben.“ Da
war eine Prise unelterlicher Neid spürbar auf die Freiheit
75 des Sohnes, von der er frech Gebrauch macht.
Heimlich denke ich: Zum Glück studiert mein Sohn wenigstens.
Man will das Beste für das Kind. Das war immer so, seit es
geboren wurde. Und das ist auch völlig richtig. Will man
80 etwa Eltern, denen das Wohl ihres Kindes gleichgültig ist?
Aber irgendwann kommt der Moment, an dem die Eltern
nicht mehr wissen können, was das ist, dieses „Beste“.
Eine Meinung aber wird man vielleicht doch haben dürfen.
Mein Sohn bleibt sechs Monate in Australien. Ich finde
85 das richtig. Körperlich arbeiten, Surfen, Feiern, davon hat
13
1. Kapitel
er was fürs Leben. Das meine ich nicht ironisch. Wann im
Leben wäre sonst Platz dafür? Es ist Unsinn, mit 20 auf den
Karrieretrip zu gehen und so zu tun, als wisse man, wer
man sei und was man mal werden möchte.
90 Ich wusste es mit 20 jedenfalls nicht. Ich wollte Tierarzt
werden, oder Psychologe, war ein paar Monate im Kibbuz,
ein paar Monate in Südamerika, habe ziellos vor mich hin
studiert, nicht etwa Psychologie, sondern randständige Fächer wie Ethnologie und Afrikanistik, und das Gleiche emp95 fehle ich meinem Sohn, falls er mal zuhört. Lass dir Zeit.
Nicht endlos, versacken sollte man nicht. Aber ein bisschen
Zeit nehmen ist okay. Man muss nicht mit Mitte 20 voll im
Beruf stehen, vor allem nicht heute, wo man, vermutlich,
sowieso bis Ende 60 arbeiten muss.
100 Vor einiger Zeit hörte ich mal wieder den Satz: „Wo möchten Sie in zehn Jahren beruflich stehen?“ Ich fand das lustig, weil man so eine typische Bewerbungsfrage in meinem
Alter lange nicht gehört hat – mir reicht es völlig, wenn ich
in zehn Jahren noch am Leben bin, halbwegs gesund und
105 nicht völlig verarmt. Leute zwischen 20 und 30 hören diese
Frage in Einstellungsgesprächen sicher oft, sie soll den
Ehrgeiz und die Zielstrebigkeit testen, den Biss, das Karrierestreben, vielleicht auch den Realismus.
Hinter der Frage aber steckt etwas Fragwürdiges – die
110 Idee, dass man sein Leben planen sollte. Auf mindestens
zehn Jahre im Voraus. Etwa so: Heute habe ich das zweite
Staatsexamen, in fünf Jahren sitze ich im Landtag, in zehn
Jahren bin ich Minister.
Karriere, wenn es darauf ankommt, kann man auch anders
115 machen. Sicher, ohne Ehrgeiz und ohne eine gewisse Hartnäckigkeit erreicht man keine Ziele. Aber es muss auch
Raum für Abenteuer da sein. Es ist wichtig, offen zu sein
für Zufälle, und man sollte den Mut haben, Ziele aufzugeben, wenn man das Interesse an ihnen verloren hat oder
120 wenn der Preis zu hoch erscheint. Ich kenne fast niemanden in meinem Alter, der beruflich oder privat jahrzehntelang einen schnurgeraden Weg gegangen ist.
Deshalb sollten wir das auch von unseren Kindern nicht
verlangen.
125 Mein wichtigster Rat an meinen Sohn klingt sehr angenehm: Er sollte tun, was ihm Spaß macht. Wenn er einen
Beruf ergreift, der ihm Spaß macht, dann wird er mit hoher
Wahrscheinlichkeit gut sein in diesem Beruf. Und wenn er
gut ist, in was auch immer, dann kann er damit auch Geld
130 verdienen. Das, was ihm Spaß macht, muss er dann allerdings mit Ehrgeiz, Fleiß und Zähigkeit tun. […]
Als ich 20 war, waren wir natürlich alle ziemlich optimistisch. Irgendeinen Job würden wir schon finden. Und das
passierte dann auch. Ich zum Beispiel habe in meinem
135 Leben kein einziges Praktikum gemacht. Studium. Volontariat. Dann die erste richtige Anstellung, mit Ende 20, unbefristet. Wir sind eine Generation, die es leichter hatte als
ihre Kinder. Die machen manchmal noch mit 30 Praktika,
leben womöglich noch von den Eltern, hangeln sich von
140 einem befristeten Job zum nächsten. […]
Überall wird geklagt oder gewarnt. Das ist so etwas wie
das Mantra unserer heutigen Gesellschaft: klagen und
warnen. Selten hört man den Satz „Das Leben ist schön“,
er steht beinahe unter Kitschverdacht. Oder es heißt, man
14
finde sich mit Ungerechtigkeiten und politischen Mängeln
ab, wenn man sich auf eine Wiese setzt, sich die Sonne ins
Gesicht scheinen lässt und das Leben schön findet. Unsinn!
Man findet sich deswegen keineswegs mit allem ab.
Nur mit einem muss man sich abfinden: mit dem Men150 schen, der man nun einmal ist. Das ist das Wichtigste am
Erwachsenwerden, die Voraussetzung zur Zufriedenheit.
Ich habe lernen müssen, dass ich kein Manager bin, wenig
Talent zum Multitasking besitze, zum Teamwork nicht tauge, bei 60-Stunden-Wochen Hautausschlag bekomme; und
155 der richtige Weg bestand nicht darin, dagegen anzukämpfen, sondern darin, nach einer Nische zu suchen, in die ich
hineinpasse.
Erfolg und Glück sind zwei verschiedene Dinge. Nicht alle
im Beruf erfolgreichen Menschen sind glücklich, nicht alle
160 erfolglosen Menschen sind unglücklich. Glück aber ist das
Wichtigere. Das sollte man den Kindern vermitteln. […]
145
Aufgaben
1. Geben Sie wieder, wie Martenstein die Entwicklung
seines Sohnes und seine eigene Entwicklung beschreibt
und welche pädagogischen Überlegungen er daran anschließt.
2. Prüfen und erörtern Sie seine pädagogischen Ansichten
vor dem Hintergrund der Bildungsbegriffe von Henningsen und Ladenthin.
Fragen und Anregungen zum Abschluss
1. Formulieren Sie zusammenfassend im Anschluss an Henningsen und Ladenthin die pädagogische Perspektive auf
den Lebenslauf.
2. Entwickeln Sie begründete Vermutungen darüber, welche
Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen pädagogischen und psychologischen Sichtweisen auf den Lebenslauf bestehen. Greifen Sie bei der Antwort auch auf Ihr
Wissen über „Entwicklung“ und „Entwicklungsbegriffe“
aus dem letzten Kurs zurück.
3. Sammeln Sie Fragen, denen Sie im Hinblick auf „Erziehung und Lebenslauf“ in diesem Kurs nachgehen möchten.
Was ist die pädagogische Perspektive auf die Entwicklungsaufgaben im Jugendalter?
2. Was ist die pädagogische Perspektive auf die Entwicklungsaufgaben
im Jugendalter?
Welchen Herausforderungen man sich im Jugendalter stellen muss, welche Entwicklungsaufgaben man bewältigen muss, erleben Sie jeden Tag. Sie haben sicherlich auch schon oft
darüber nachgedacht, was sich im Vergleich zu Ihrer Kindheit verändert hat. Und Sie haben
wahrscheinlich mehr oder weniger konkrete Pläne, wie Ihr Leben in zwei, fünf oder zehn
Jahren aussehen soll. Im Jugendalter kann man den Fragen nicht ausweichen: Was hat sich
bei mir verändert? Wie will ich sein? Welches Verhältnis zu meinen Eltern möchte ich haben? Wer sollen meine Freundinnen und Freunde sein?
In diesem Kapitel werden Sie wissenschaftliche Konzepte und Theorien kennenlernen, die
sich mit diesen Themen beschäftigen. Dabei sind unterschiedliche fachliche Sichtweisen
im Spiel. Aus pädagogischer Perspektive geht es vor allem darum zu klären, welche Möglichkeiten der Unterstützung bei der Entwicklung zu einem mündigen Erwachsenen es gibt
und wann die pädagogischen Einwirkungen an ein Ende kommen sollten. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive geht es um die sozio-kulturellen Einflüsse auf das Heranwachsen in dieser Lebensphase. Psychologische und biologische Erkenntnisse erweitern und
ergänzen diese Blickwinkel.
Sie werden zunächst einige Jugendliche kennenlernen, die über ihre Pläne und Probleme
berichten. Danach bieten wir Ihnen einige pädagogische Konzepte an, die das Jugendalter
betreffen. Dann können Sie das in der Öffentlichkeit viel beachtete Konzept der produktiven Realitätsverarbeitung von Klaus Hurrelmann kennenlernen. Hurrelmann beschreibt
aus sozialwissenschaftlicher Perspektive bestimmte „Entwicklungsaufgaben“, die im Jugendalter zu bewältigen sind. Im dritten Teil finden Sie die bildungstheoretischen Positionen der Pädagogen Jürgen Rekus und Marian Heitger, die Ihnen helfen können, Leistungen
und Grenzen der verschiedenen Sichtweisen zu erkennen.
2.1 Jugendliche über ihre Pläne und Probleme
Aufgaben
uu8v92 und
3t8rx4 erzählen JugendliIn M 1 und
che von ihren Plänen und Problemen. In einem weiteren Text
( M 2 ) erinnern sich Erwachsene an ihre Jugendzeit.
1. Arbeiten Sie heraus, welche Pläne, Sorgen und Entwicklungsaufgaben die Befragten beschäftigen.
M1
Tom – ein Fallbeispiel
Tom ist 22 Jahre alt und lebt in einem kleinen Ort in Brandenburg, nicht weit von Berlin. Er ging auf eine Gesamtschule und hat die Schule in der 8. Klasse abgebrochen.
Seine Eltern trennten sich, als er neun war. Tom wohnt bei
5 seiner Mutter und hat relativ häufig Kontakt mit seinem
Vater. Er würde gern Kraftfahrer werden, aber dazu muss er
zunächst noch ein paar Hürden überwinden.
2. Ergänzen Sie, wenn Sie möchten, die Aussagen der
Jugendlichen um Erfahrungen, die Sie selbst gemacht
haben.
3. Entwickeln Sie auf dieser Basis eine nach Kriterien gegliederte Übersicht über Entwicklungsaufgaben, um die es
im Jugendalter geht.
4. Nehmen Sie Stellung zu den jeweiligen Lebensentwürfen
und Entscheidungen der Jugendlichen.
5. Entwerfen Sie pädagogische Handlungsoptionen, die die
Jugendlichen bei der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben unterstützen können.
Wie würde ick mich vorstellen? Ein offener Mensch bin ick,
ick rede manchmal sehr gerne sehr viel, manchmal zu viel.
10 Kann mich aber auch schnell aufregen, also ick bin so ein
kleener Choleriker. Ick dreh auch gern mal schnell durch
und so ’ne Sachen. Was noch? Eigentlich kann man mit mir
viel erleben, ick will immer lachen, eigentlich so gut wie
bei allen Sachen dabei sein. Ja. Bin manchmal ein kleener
15 Sesselpupser hier mit meinen Computerspielen halt so,
das kann man ja nicht verneinen, heißt aber nicht, dass ick
mich hier einschließe wochenlang und die ganze Zeit nur
spiele, also ick bin auch gerne draußen, wenn es nicht gerade minus 18 Grad sind und irgendwas. Ja. Also eigentlich
15
2. Kapitel
20
ein rundum offener Mensch. Also, ick komm mit allen klar,
die mit mir klarkommen wollen.
Schule abgebrochen: Jetzt sitz ick hier
Ich bin 22, habe gar keine Ausbildungsabschlüsse, irgendwie gar nicht, weil ick mich nicht hinjesetzt habe früher. Ick
25 hab wichtige Sachen für mich irgendwie, äh, ja, ick war ’ne
stinkfaule Sau früher in der Schule, also richtig doll faul,
hab auch keene Arbeiten mitgeschrieben oder so Zeug,
weil mir dieser Graffitimist und so wat alles wichtiger war.
Äh ja, bin dann ja hier jahrelang zur Schule gegangen, ir30 gendwann in der 8. Klasse bin ick abgegangen, also ick hab
in dem Sinne auch keenen richtigen Abschluss deswegen.
Auf was für eine Schule bist du gegangen?
Auf eine Gesamtschule. Und ja, und irgendwann hab ick
die Schnauze voll gehabt und hab halt gesagt, ick schaff’s
35 sowieso nicht mehr, und dann bin ick ein halbes Jahr früher
aus der Schule gegangen und hab dann als Dachdecker
gearbeitet, aber auch nicht lange, nur so Familienbetrieb,
und dann hab ick da ein halbes Jahr oder so gearbeitet und
dann mich durchgeschlagen. Kleinigkeiten halt, hier mal
40 einen Monat, da mal einen Monat gearbeitet und so. Und
dann…, jetzt sitz ick hier.
Kannst du mir beschreiben, wie im Moment so ein normaler
Wochentag von dir aussieht?
Ganz sinnlos meistens. Also entweder leb ick einfach
45 nur in den Tag hinein und spiele halt meine drei Stunden
Computer am Tag und treff mich mit Kumpels oder so, und
dann, rumvegetieren, mache nichts halt. „Chillen“, wie man
immer so schön sagt. Bei irgendwelchen Kumpels, gucken
Filme und so ein Zeug halt, nichts Weltbewegendes.
Führerschein weg: Echte Katastrophe
Ick bin totaler Motorradfan. Also ganz schlimm. Also, mit
jede zweite Woche ’n MotoGP gucken und so ’ne Sachen
und Valentino Rossi anfeuern und so, das ist ’ne ganz dolle
Macke von mir. Mit 16 hab ick meinen Motorradführer55 schein gemacht, mein Vater hat ’ne Fahrschule, so lag es ja
nah, musste auch nichts bezahlen dafür. Da hab ick mir so
’ne kleine Rennkarre gekauft, damit sind wir den ganzen
Tag rumgeballert. Das ist halt meine Welt, Motorradfahren.
[…] Also, es stand bei mir auf jeden Fall mit an erster Stel60 le, Motorradfahren. Also, da konnte mir auch keiner reinfunken. Das ist meine Welt. […]
Und machst du das auch immer noch? Wär schön!
Ich musste meinen Führerschein abgeben.
Aah, wie kam das denn?
65 Ja, Kifferscheiße. Also, ick wurde angehalten und musste
dann, weeß ick nich, da in so ’nen Becher pinkeln und alles.
Okay, und damit ist er dann erst mal weg. Erst mal schon.
Also, ick muss MPU64 machen, und das wird alles wieder
relativ teuer, deswegen muss ick auch gucken, dass ick
70 irgendwie Arbeit kriege langsam. Die wollen irgendwie
3200 Euro von mir haben, nur die Strafe alleine, und dann
MPU auch noch mal locker 1000 Euro, also es wird nicht
billig … Also, also ick krieg‘n auf jeden Fall wieder irgendwann, so ist es nicht, aber ick muss das Geld erst mal auf75 treiben. Das passiert mir nicht noch mal. […]
50
16
Bei der Mutter leben mit Hartz IV
Eine andere Perspektive hab ick zurzeit nicht, weil ick
brauch nicht auf 200-Euro-Basis irgendwo anfangen zu arbeiten, da hab ick nichts von, da verdien ick mehr Hartz IV,
80 wenn ick nüscht mache, wie wenn ick mich dann da hinstelle und für 1 Euro die Stunde arbeite, ist einfach mal so.
Das heißt, im Moment beziehst du auch dann Arbeitslosengeld II.
Ja genau, ist aber nicht so, dass ick das auf mein Konto
85 kriege und ick das jeden Tag ausgebe. Dadurch, dass ick
bei meiner Mutter wohne, kriegt die das komplette Geld.
Ick krieg auch kein Kindergeld, weil ick halt kein, na, keine
Lehre, ick bin nicht für Lehre angemeldet. […] Wenn ick
denn mal ein paar Taler haben will, so armselig sich das
90 auch anhört, dann muss Klein-Tom zu seiner Mutti gehen
und die mal nach 5 Euro fragen. Is halt einfach so, geht
nicht anders.
Graffiti und Respekt
Das war so ein Hobby von euch, Graffiti zu sprühen?
95 […] Wir wollen cool sein und müssen jetzt hier sprühen,
aber irgendwie hat sich daraus halt wat entwickelt. Ick bin
damit aufgewachsen und ohne geht auch nicht mehr. […]
Computerspiele
Kannst du mir zu den Computerspielen noch ein bisschen
100 was erzählen?
Ja, na wir haben gestern zum Beispiel erst halt wieder
gespielt, abends bei ’nem Kumpel. So gegeneinander halt.
Wir schleppen dann unsere Laptops rüber, stöpseln die
Dinger aneinander und spielen irgendwas. Kann ick gleich
105 sagen, was ick gar nicht abkann, sind so ’ne Sachen wie
World of Warcraft, allet dieses Science-Fiction-Zeug hasse
ick wie die Pest. […]
Ick bin so ein Renn-Realismus-Fan, also so Simulationen
halt. Wo du halt noch an den Dingern rumbasteln kannst,
110 tunen, jetzt aber nicht so übertrieben tunen. […] Naja, und
dann halt weeß ick nicht, ick will ja nicht sagen Ballerspiele, das hört sich immer so bescheuert an, aber ist ja eigentlich so. Aber dann spiel ick halt auch nicht irgendso ein’
Müll, wo ick mit so einer Cyberwaffe rumrenne und irgend115 welche Monsterraketen abschieße, sondern dann muss es
irgendwie realistisch sein. […]
Mit dem Vater auf den Schießstand
[…] Aber das ist quasi auch was, was du mit deinem Vater
regelmäßig zusammen machst?
120 Ja, das ist auf jeden Fall so ein Vater-Sohn-Ding. Er ist dann
auch immer ganz stolz, wenn ick gut schieße und solche
Sachen, und seine Kumpels dann auch. – Macht Spaß.
Mir wurden Manieren beigebracht
Also, mit meiner Mutter und meinem Vater bin ick immer
125 gut klargekommen. Meine Mutter war immer mehr die
Frau, die durchgegriffen hat, wenn irgendwas war. Mein
Vater konnte mir keine knallen, da wär ick durchs Zimmer
geflogen, das ist einfach so. Also hat meine Mutter das gemacht. Aber, na … ick habe Anstand beigebracht gekriegt
Was ist die pädagogische Perspektive auf die Entwicklungsaufgaben im Jugendalter?
von meinen Eltern, ohne Ende, also ohne „Bitte, Danke“
und so ging gar nicht. Da war mein Vater rigoros.
Aber du hast ja gesagt, du verstehst dich gut mit deinem
Vater?
Sehr gut, ja. Also es ist ’ne extreme Respektsperson. Also,
135 das ist schon was anderes. Wo ick mit meiner Mutter mehr
diskutiere, sag ick bei meinem Vater gleich: Ja, ist okay.
Bumm, Kopf runter und das war‘s. Der schafft es heute
noch, mich wie einen Elfjährigen hinzustellen. Wo du dir
echt wie ein kleines Kind vorkommst so. Aber so sind halt
140 Eltern. Da wirst du auch nie rauskommen, schätze ick mal.
Aber das heißt, du hast auch einfach, also, du hast auch
Respekt vor ihm, du findest auch gut, was er macht und
was er sagt und so?
Ohne Ende, ja. Ja. Muss ick. Ansonsten wär das alles anders
145 abgelaufen, ist halt einfach so. Mein Vater ist auch manchmal nicht so der Ruhigste, was solche Sachen angeht.
Also ist keen Mensch, den man irgendwie an der Nase
herumführen kann, sagen wir’s mal so, ist ’ne extreme Respektsperson. Und wenn der auf den Tisch kloppt und sagt:
150 „Bis hier und nicht weiter!“, dann ist auch bis hier und nicht
weiter so. Er kann auch anderen Leuten es gut klarmachen,
die ihn nicht kennen. Und das ist bei mir nicht anders. So
manchmal wirk’ ick och auf Leute, weeß ick nich, aggressiv,
obwohl ick’s nich bin so. […]
130
Zukunft: Hab Schiss!
Beschreib mal dein Gefühl, was die Zukunft betrifft! Also,
was würde es da am besten beschreiben?
Hab ick Schiss. […] Hab einfach Angst vor der Zukunft. Keine Ahnung, warum. Also, irgendwie arbeitstechnisch und
160 allet. Wenn ick sehe, wie es andern Leuten geht so. Weil,
ick will auf keenen Fall auf der Straße enden oder irgend
so ’n Scheiß oder in ’ner Ein-Raum-Wohnung oder so. Ick
will ’n vernünftiges Leben haben. Und davor hab ick Angst.
Also Existenzängste einfach. Später, ja … so Kleinigkeiten.
165 Ick will och in Urlaub und all so ’n Scheiß. Ick will mein
Auto nehmen, will meine Freundin einsacken und einfach
mal irgendwo hinfahren, an die Ostsee. Wo bei mir schon
mehr wieder is, wo ich mich auf die Fahrt freue, wie auf
die Ostsee selber so. Weißte, der-Weg-is-das-Ziel-mäßig,
170 so Kleinigkeiten. Wie du das von Mama und Papa früher
gesehen hast. Du sitzt als kleener Piepel hinten in dem Van
drinne, Papi fährt, Mutti krault ihm den Nacken, weil er
schon fünf Stunden fährt, so nach dem Motto, so wat find
ick cool einfach, weißte. Diese Fernfahrer-Romantik in dem
175 Sinne, so wat möchte ich einfach och haben später. Und ick
will nicht, weeß ick nicht, wie irgendso ’n Asi enden. Weil,
det könnt ick nicht. Und ick will jetz och nicht … Sagen
wir‘s einfach ma so: Also, bevor ick gar nichts habe, hört
sich jetzt ganz übel an, nehm ick’s mir einfach.
180 Ist einfach so. Weil, ick verreck nicht auf der Straße, ist mir
scheißegal, wo ick’s dann herhole. Ick meine jetzt nicht in
dem Sinne, dass ick jetzt Menschen ausraube, aber kannst
ja och bei den Firmen wat machen und Geld machen.
Schadest ja zwar der Firma meinetwegen, in dem Sinne,
185 weil du den halben Hof da leerklaust mit irgendwelchem
Dreck, aber ick würde auf jeden Fall nicht auf der Straße
155
verrecken, so viel ist schon mal klar. Und da bin ick nicht
der Einzigste, dem es so geht.
Mir soll’s einfach gut gehen später. Ick will, dass et mir gut
190 geht, egal in welcher Hinsicht. Anderen Leuten geht’s gut,
wenn se zweitausend Euro auf‘m Konto haben, mir geht’s
gut, wenn ick geliebt werde. In dem Dreh halt, mir muss
es einfach gut gehn. Ick will halt vielleicht mal Kinder, nich
übertrieben, vielleicht zwei höchstens, ’ne Frau, die ick lieb195 habe, und allet so wat. Ick mein, ick will einfach nur ganz
normal sein. Das is einfach so. Mehr erwart’ ick gar nicht
vom Leben. Dass ick och morgen mit ’nem guten Gewissen
aufstehn kann.
M2
Probleme und Entwicklungsaufgaben
von Jugendlichen im Rückblick
(Rolf Göppel)
(1) Ich kann mich an einen Herbst erinnern, als meine
Mutter radikal versuchte, mir Ordnung beizubringen. Ich
räumte mein Zimmer – aus Trotz – nicht auf. Meine Mutter
verzweifelte total, ordnete meine Sachen in meiner Ab5 wesenheit. Natürlich hasste ich sie dafür, weil sie einfach
Sachen, die ich noch gut hätte gebrauchen können (!!!)
wegwarf. Einmal hat sie meine neuen Möbel in den Keller
gestellt, sie durch alten Sperrmüll ersetzt, mit der Begründung, ich sei noch nicht reif für solch teure Möbel. Ich fand
10 es schon damals lächerlich, es war echt ein Zeichen von
Überforderung […]. Ein halbes Jahr lang damals hatten wir
diesen Krieg.
(2) Lange Zeit hatte ich kein Gefühl dafür, eine biografische
Kontinuität in meinem Leben zu sehen, ich konnte mir
15 kaum eine Vorstellung über mein zukünftiges Sein machen.
Das lag wohl zum Teil daran, dass ich immer sehr wenig
auf meine Fähigkeiten vertraut habe und mir immer sehr
unsicher in allem war, was ich getan habe. Außerdem wollte ich es immer allen Leuten aus meiner Umgebung gleich
20 recht machen (meinen Eltern, meinen Freunden etc.),
hatte immer Angst davor, was andere über mich denken,
wenn ich so und so handelte. Das hat mich immer sehr in
meinen Entscheidungen behindert, hat dazu geführt, dass
bestimmte Entscheidungen sehr lange gedauert haben.
25 Trotzdem gab es immer wieder Punkte, bei denen ich genau sagen konnte, dass ich so nicht sein möchte. Bestimmte Personen, ihre Lebensweise und ihre Ideale haben mich
immer abgeschreckt.
(3) Meine Eltern wussten in dieser Zeit zwar gar nichts von
30 mir und meinem Leben, spürten aber irgendwie, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie warfen mir ständig vor, mich
von ihnen abzugrenzen. Ich war ganz beleidigt, dass sie
wohl gar nicht bemerkt hatten, dass ich mich ihnen schon
lange völlig entzogen hatte. Sie wollten einfach nicht wahr
35 haben, dass zu viel passiert war, um so zu tun, als ob alles
in Ordnung wäre. Sie wollten unbedingt wieder eine Bilderbuchfamilie herstellen und nahmen mir sehr übel, dass ich
ihren Plan durchkreuzte.
(4) Ich erinnere mich, wie ich plötzlich mit meiner Volljäh40 rigkeit in die Verlegenheit kam, wählen zu „müssen“. Ich
17
2. Kapitel
wollte nicht zu den Nichtwählern gehören, da ich zwar
zugeben muss, dass mein Interesse für Politik nicht groß
war, ich sie aber für sinnvoll und notwendig hielt. Ich bin
losgezogen und habe mir die einzelnen Parteiprogramme
45 besorgt und angefangen, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Es fiel mir ziemlich schwer da durchzublicken, denn
die Ziele sahen im Groben sehr ähnlich aus. Auch heute hat
die Politik noch nicht den Stellenwert in meinem Leben,
den sie haben sollte.
50 (5) Ich habe wirklich ganz genau beobachtet, wie sich
mein Körper verändert. Viele Stunden habe ich vor dem
Spiegel verbracht und meine Figur, mein Gesicht, meine
Augen und meine Haare begutachtete und ausprobiert,
wie ich in verschiedenen Klamotten aussehe. Dabei kam
55 ich eigentlich immer zu dem Schluss, dass ich mit meinem
Aussehen zufrieden bin und im Vergleich mit den anderen
gut mithalten kann. Oft habe ich mich auch direkt mit meinen Klassenkameradinnen gemessen und überlegt, ob ich
hübscher bin oder nicht. Diese Art Konkurrenzkampf war
60 wahrscheinlich an meiner Schule besonders ausgeprägt,
weil ich bis zur elften Klasse eine Mädchenschule besucht
habe. Dazu fällt mir ein, dass eine Mitschülerin in der siebten Klasse eine Rangliste aufgeschrieben hat, in der sie
alle Schülerinnen der Klasse nach ihrer Attraktivität aufge65 listet hat. Sich selber hatte sie an die erste Stelle gesetzt,
danach eine große Lücke gelassen und dann alle anderen
aufgelistet. Die Liste ließ sie dann durch die Klasse gehen,
was natürlich für riesige Aufregung sorgte und eine generelle Antipathie gegen diese Schülerin.
70 (6) An dem Tag, als ich mein Elternhaus verließ, um im Ausland zu studieren, geriet ich in Panik. Die Erkenntnis, dass
ich mich abnabeln muss, dass ich jetzt alleine in die Welt
geschickt werde. Ich blickte zurück auf diese schwierigen
Jahre und erkannte, dass meine Eltern doch in meinem
75 Interesse handelten, dass sie mir nur auf der Suche nach
dem richtigen Weg helfen
wollten. Bittere Erkenntnis.
Es tat mir auf einmal leid
für meine Trotzreaktionen,
80 für die Zeit, in der ich mich
mit ihnen stritt, für die Zeit,
die ich nicht mit ihnen gemeinsam verbrachte. Ich
wusste, jetzt werde ich ins
85 Ausland gehen, jetzt ist es
vorbei mit der Geborgenheit. Ich war jetzt „frei“,
selbstständig. Doch so ist
es im Leben, oder? Man
Abb. 2.1
90 erkennt alles immer, wenn
es zu spät ist.
(7) Mit dem Wechsel auf das Gymnasium gehörte ich eher
zu dem guten Durchschnitt der Klasse. Ich lernte bald ein
paar Mädels kennen, mit denen ich teilweise heute noch
95 befreundet bin. Insgesamt fühlte ich mich in meiner „neuen Klasse“ eher weniger wohl. Ich vermisste unseren alten
Klassenzusammenhalt. Ich gehörte auch in eine Clique,
in der mir nur die Hälfte der Mädels sympathisch war. Die
Mädels untereinander lästerten sehr viel und verletzten
18
sich damit. jedenfalls habe ich diese Zeit als ziemlich stressig in Erinnerung. Es ging mehr darum, irgendwie dazu zu
gehören. Trotzdem entwickelten sich in dieser Klasse neue
Freundschaften, die zum Teil heute noch existieren.
(8) Meine Mutter nutzte diese Situation, indem sie die
105 Höhe meines Taschengeldes stark von meinen Noten abhängig machte, d. h. ich bekam kaum festes Taschengeld,
dafür bekam ich für Einser und Zweier Extrageld. So war
ich gezwungen, für die Schule zu lernen, um meine Freizeit und auch Dinge wie teure Kleidung und Kosmetika zu
110 finanzieren, die meine Eltern (verständlicherweise) nicht
noch komplett zusätzlich bezahlen wollten, sodass ich
mich mit meinem Taschengeld beteiligen musste.
(9) Ich habe mich in der Jugendzeit phasenweise sehr intensiv zurückgezogen, d. h. ich wollte alleine bestimmten
115 Gedanken nachhängen, diese auch mit niemandem teilen,
häufig geschah dies auch in Tagebuchaufzeichnungen.
Hier hatte ich meine eigene Welt, wobei es tatsächlich
nachdenkenswert ist, ob dies mein eigentliches Selbst
war, mit dem ich mich beschäftigte – oder ob ich eher ein
120 Ich-Ideal entworfen habe, also wie ich gerne wäre, was ich
alles erreichen wollte. Sicher trifft beides zu, denn ich habe
versucht herauszufinden, wer ich bin, wie mich andere
wohl sehen und was ich verändern wollte. So entstanden
auch Krisen, Phasen des Unwohlseins, wenn ich erkannte,
125 dass die Realität eben nicht den Wünschen entsprach, besonders, wenn ich mich eben nicht, aus welchen Gründen
auch immer, so geben konnte, wie ich „eigentlich“ war bzw.
sein wollte. Das war eine ständige Arbeit an mir selbst,
ein ständiges Hinterfragen. Ich war ständig auf der Suche,
130 nach Wissen, nach Werten, nach Antworten über mich,
über die Welt, über den Sinn von allem; ich habe regelmäßig stundenlang alleine in Buchhandlungen gestöbert,
wobei es hier auch nicht „die“ Antwort gab. Es war alles
ein Prozess, ein Vortasten vor allem zu der Frage, wer ich
135 eigentlich bin, zu meinen Zielen etc. Auch die Auseinandersetzung mit der Welt, mit gesellschaftlichen Themen wie
auch Erwartungen war wichtig. Ich habe versucht, meine
Stellung in der Welt herauszufinden, eigene Standpunkte
zur Politik, Religion, Lebensgestaltung etc. zu entwickeln.
140 Im Nachhinein kann ich dabei feststellen, dass bestimmte
Einstellungen, Neigungen sich im Wesentlichen bis heute
nicht geändert haben, also sich in der Adoleszenz mein
eigentlicher Kern, mein Selbst ausgebildet hat, das sich
zwar ausdifferenziert und teilweise auch verschoben hat,
145 doch nicht mehr in völlig andere Richtungen ging. Eine
gewisse Kontinuität, ein In-mir-selber-Ruhen, eine Treue zu
mir selbst also.
100
Was ist die pädagogische Perspektive auf die Entwicklungsaufgaben im Jugendalter?
2.2 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
Hurrelmann war lange Zeit Professor an der Universität Bielefeld
und ist inzwischen an der Berliner
Hertie School of Governance tätig.
Abb. 2.2: Klaus Hurrelmann (* 1944)
Das Energieunternehmen Shell beauftragt seit den fünfziger Jahren unabhängige Forschungsinstitute damit, Ansichten und Stimmungen von Jugendlichen zu erforschen.
Für die 16. Shell-Jugendstudie im Jahre 2010 wurden 2604
Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren befragt. Federführend wurde die Studie von dem Sozial- und Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann durchgeführt. Grundlegend
für die Studie ist Hurrelmanns Konzept der „Entwicklungsaufgaben“.
M3
eine berufliche Erwerbsarbeit aufzunehmen und dadurch
die eigene ökonomische Basis für die selbstständige Existenz als Erwachsener zu sichern. Soziologisch gesprochen
30 handelt es sich hierbei um die Übernahme einer Mitgliedschaftsrolle in der Leistungsgesellschaft und die Vorbereitung auf die Übernahme der Verantwortung für die „ökonomische Reproduktion“ der Gesellschaft.
Entwicklungsaufgabe „Ablösung und Bindung“: Hier geht
35 es um das Akzeptieren der veränderten körperlichen Erscheinung, die soziale und emotionale Ablösung von den
Eltern, den Aufbau einer Geschlechtsidentität und von
Bindungen zu Gleichaltrigen des eigenen und des anderen
Geschlechts sowie um den Aufbau einer Partnerbeziehung,
40 welche potentiell die Basis für eine Familienplanung und
die Geburt und Erziehung eigener Kinder bilden kann.
Aus soziologischer Perspektive handelt es sich bei dieser
Aufgabe um die Übernahme von Verantwortung für die
Sicherung sozialer Bindungen und der „biologischen Repro45 duktion“ der Gesellschaft.
Entwicklungsaufgaben im Jugendalter (Mathias Albert/Klaus Hurrelmann/Gudrun Quenzel)
Die von außen an die Jugendlichen herangetragenen gesellschaftlichen und kulturellen Erwartungen ähneln sich
durchaus, auch der Umgang der Jugendlichen mit ihnen
weist gemeinsame Muster auf.
5 Sozialisationstheoretisch spricht man in diesem Zusammenhang auch von Mustern der Bewältigung psychosozialer „Entwicklungsaufgaben“. Darunter werden Zielprojektionen verstanden, die in jeder Kultur existieren, um die
Anforderungen zu definieren, die ein Kind, ein Jugendlicher,
10 ein Erwachsener und ein alter Mensch zu erfüllen haben
(Hurrelmann 2006: 35). Nach diesem von Havighurst (1981)
entwickelten Konstrukt werden an die Individuen der
verschiedenen Altersgruppen kulturell und gesellschaftlich vorgegebene Erwartungen herangetragen, die ihrer
15 Entwicklung nützlich und der Gesellschaft zu ihrem Erhalt
funktional sind.
Was an die verschiedenen Altersgruppen an Entwicklungsaufgaben herangetragen wird, ist kulturspezifisch und
ändert sich im Zeitverlauf. Die für die Lebensphase Jugend
20 in den modernen Industriegesellschaften aktuell konstitutiven Entwicklungsaufgaben lassen sich in vier Cluster
unterteilen (Hurrelmann 2010: 27):
Entwicklungsaufgabe „Qualifikation“: Hier geht es um die
Entfaltung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz,
25 um selbstverantwortlich schulischen und anschließenden
beruflichen Anforderungen nachzukommen, mit dem Ziel,
Abb. 2.3
Entwicklungsaufgabe „Regeneration“: Hier geht es um
selbstständige Handlungsmuster für die Nutzung des Konsumwarenmarkts einschließlich der Medien, um die Fähigkeit zum Umgang mit Geld, mit dem Ziel, einen eigenen
50 Lebensstil und einen kontrollierten und bedürfnisorientierten Umgang mit den „Freizeit“-Angeboten zu entwickeln.
Soziologisch gesprochen geht es um die Partizipation an
der Konsumwirtschaft und die Regeneration der Arbeitskraft.
55 Entwicklungsaufgabe „Partizipation“: Hier geht es um den
Aufbau einer autonomen Werte- und Normenorientierung
und eines ethischen und politischen Bewusstseins, das mit
dem eigenen Verhalten und Handeln in Übereinstimmung
steht. Soziologisch gesprochen handelt es sich um die
60 verantwortliche Übernahme von gesellschaftlichen Partizipationsrollen als Bürger im kulturellen und politischen
Raum und damit um die Sicherstellung der Einbindung des
Individuums in den kulturellen und politischen Reproduktionsprozess einer demokratischen Gesellschaft.
19
2. Kapitel
Bedingt durch den ökonomischen Wandel von der industriell produzierenden zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, die rasanten Entwicklungen im Konsum- und
Freizeitmarkt sowie die die Geschlechterrollen herausfordernden Identitätsbewegungen ist die Bewältigung der
70 verschiedenen Entwicklungsaufgaben für viele Jugendliche
zu einer sehr viel größeren Herausforderung geworden. Jugendliche müssen heute mehr Informationen verarbeiten
und mehr Entscheidungen treffen als jede Generation vor
ihnen. Um diese Wahlfreiheit nutzen zu können, benötigen
75 Jugendliche heute vielfältige Kompetenzen, angefangen
mit der Fähigkeit, die möglichen Konsequenzen ihrer Wahl
abschätzen zu können, bis hin zur Selbsterkenntnis und
auch dem Selbstbewusstsein, ihre eigenen Präferenzen zu
erkennen und nach diesen zu handeln.
80 Die Chance, dass mit der erhöhten Wahlfreiheit und der
individuellen Gestaltungsmöglichkeit auch eine Biografie
gestaltet wird, die den Wünschen und Bedürfnissen der
einzelnen Jugendlichen entspricht, erhöht sich dabei aber
nicht bei allen Jugendlichen. Während erhöhte Wahlfreiheit
85 und individuelle Gestaltungsmöglichkeit bei den einen den
Raum schaffen, in dem sie kreativ ihre eigene Zukunft gestalten können, lösen sie bei den anderen Unsicherheiten
und Ängste aus. Freiheiten können dann auch als Zwang
empfunden werden, das eigene Leben erfolgreich gestal90 ten zu müssen, und hierüber vermittelt zum Gefühl der
Überforderung und zu Zukunftsängsten führen.
65
Aufgaben
1. Erläutern Sie die vier Entwicklungsaufgaben mit Beispielen aus den oben dokumentierten Texten von Jugendlichen.
2. Vergleichen Sie Hurrelmanns Einteilung der Entwicklungsaufgaben mit der von Ihnen entwickelten Systematik.
3. Erörtern Sie, welche Aufgaben das Konzept der Entwicklungsaufgaben übernehmen kann und ob es Grenzen
aufweist.
M4
Kritik des Konzepts der Entwicklungsaufgaben (Jutta Ecarius)
Über die Entwicklungsaufgaben lässt sich die Jugendphase
von der Kindheit und dem Erwachsenenalter abgrenzen.
Im Kindesalter geht es um die Entwicklung kognitiver und
sprachlicher Kompetenzen und um die Entwicklung sozialer
5 Kooperationsformen sowie moralischer Grundorientierungen. Der Übergang ins Erwachsenenalter ist gegeben, wenn
die jugendspezifischen Entwicklungsaufgaben vollständig
bewältigt sind und eine Identität herausgebildet sowie der
innere Prozess der Ablösung von den Eltern abgeschlossen
10 ist. Der Entwicklungsverlauf des Lebens ist danach eine
kontinuierliche Abfolge der Lebensphasen Kindheit, Jugend,
frühes Erwachsenenalter, spätes Erwachsenenalter und
spätes Alter (vgl. Heitmeyer, Hurrelmann 1988, S. 56), mit
denen jeweils spezifische Konfigurationen von Handlungs15 kompetenzen definiert werden. Präzise Altersdatierungen
tauchen nur noch dann auf, wenn sie durch institutionelle
Vorgaben festgelegt sind, wie z. B. den Beginn der Schulpflicht oder die Länge der Berufsausbildung.
Vernachlässigung bzw. Verengung der Generations20 unterschiede
Generationenunterschiede werden auf diese Weise zu unterschiedlichen Entwicklungsaufgaben im Lebenslauf. Die
Perspektive lässt die sozialen Bedeutungszuschreibungen
der jungen und alten Generationen verschwinden. Welche
25 Personen Entwicklungsaufgaben formulieren und auch
einfordern, sie gesetzlich über die Schulpflicht und das
Ausbildungsrecht verankern, bleibt offen. Diskutiert wird
nicht, dass es sich auch hier um eine spezifische Form von
Generationsbeziehungen und Generationsunterschieden
30 handelt und Entwicklungsaufgaben von älteren Generationen formuliert werden. Die Verknüpfung von Lebenslauf
und Entwicklungsaufgaben führt zu einer Verengung, da
mit der Perspektive der Subjekthaftigkeit Verantwortlichkeiten zwischen den Generationen, Erziehungsaufgaben
35 und Anforderungen an die jüngere Generation unbeantwortet bleiben und auch nicht beantwortet werden
müssen. Durch die Überbetonung der Selbsttätigkeit der
jüngeren Generation scheint sich die Notwendigkeit von
pädagogischen Generationsbeziehungen zu erübrigen.
Aufgaben
1. Geben Sie die Kritik wieder, die Jutta Ecarius an dem Konzept der Entwicklungsaufgaben formuliert.
2. Erörtern Sie, ob bzw. inwiefern Ecarius’ Kritik überzeugen
kann.
20
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Seele and Geist
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