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I. Recherche wissenschaftlicher Literatur 1. Was unterscheidet

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Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft I
Sommersemester 2009
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AUFGABEN- UND ÜBUNGSKATALOG
ZUM EINFÜHRUNGSSEMINAR NEUERE DEUTSCHE LITERATURWISSENSCHAFT I
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A) WISSENSCHAFTLICHES ARBEITEN
I. Recherche wissenschaftlicher Literatur
1. Was unterscheidet Primär- und Sekundärliteratur?
2. Was sind selbständige, was unselbständige Publikationen?
3. Was versteht man unter einer abgeschlossenen Bibliographie, was unter einer periodischen? Nennen Sie je zwei Beispiele (korrekte Titel).
4. Was meint der Begriff „Referat“im Zusammenhang mit Bibliographien? Wo können
Sie derartiges finden?
5. Warum empfiehlt es sich, nach aktueller Sekundärliteratur zu deutschsprachiger Literatur nicht nur in der MLA-Datenbank zu suchen? Welche weiteren Bibliographien
können Sie heranziehen (mindestens zwei Titel)?
6. Zu welchen literaturwissenschaftlich relevanten Themen/Gegenständen gibt es literaturwissenschaftliche Lexika? (mindestens vier Themengebiete)
7. Was ist das KLG? Nennen Sie den vollständigen Titel dieses Nachschlagewerks und
skizzieren Sie kurz, worüber es informiert und wie es strukturiert ist. (Digitale Version!)
8. Sie suchen Informationen zu einem Autor/einer Autorin und dessen/deren Werk, außerdem bibliographische Angaben zu seinen/ihren Publikationen sowie zu entsprechender Sekundärliteratur. Welcher Recherchequellen können Sie sich bedienen?
(mindestens fünf Nachschlagewerke/Recherchequellen)
9. Sie möchten den Begriff „episches Theater“klären. Wo können Sie ihn nachschlagen,
wo können Sie zum Thema recherchieren? (mindestens vier Hilfsmittel)
10. Was versteht man unter dem „Schneeballsystem“? Was sind seine Vor-, was seine
Nachteile?
II. Zum Kennenlernen der Teilbibliothek 4 und einzelner Nachschlagewerke
1. Wo finden Sie was in der Teilbibliothek 4?
a. allgemeine Literatur (Nachschlagewerke, Monographien u.ä.) zur Sprach- und
Literaturwissenschaft
b. Semesterapparate (Was sind diese überhaupt und welchen Zweck haben sie?)
c. Lehrbuchsammlung (Kennzeichen 43)
d. aktuelle nationale und internationale Zeitungen
e. neueste und deshalb noch ungebundene Hefte/Nummern von Fachzeitschriften
f. schon gebundene Hefte/Nummern von Fachzeitschriften
g. Bibliographie der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft (zwei Angaben)
2. Geben Sie die Signaturen folgender Fachzeitschriften an.
a. The Germanic Review
b. Wirkendes Wort
c. Sinn und Form
d. Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte
e. Euphorion
1
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Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft I
Sommersemester 2009
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3. Welche Recherchemöglichkeiten für literaturwissenschaftliche Fachliteratur bietet die
Teilbibliothek 4 in gedruckter Form und digital? Nennen Sie jeweils mindestens fünf
konkrete gedruckte Nachschlagewerke und digitale Medien.
4. Welche Recherchemöglichkeiten (Such- und Bestellfunktionen) bietet speziell der
OPAC?
5. Warum genügt die OPAC-Recherche nicht?
6. Was ist die EZB? Was ist die IBZ?
7. Was ist das Datenbankinfosystem (DBIS)?
8. Worüber informiert BLINNS Informationshandbuch Deutsche Literaturwissenschaft?
(zehn Aspekte)
9. Welche Informationen können Sie dem Informationshandbuch Deutsche Literaturwissenschaft zu folgenden Nachschlagewerken bzw. Institutionen entnehmen?
a. Bibliographisches Handbuch der deutschen Literaturwissenschaft
b. Bibliographie der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft
c. MLA International Bibliography of Books and Articles on the Modern Languages and Literatures
d. Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur
e. Romantik-Handbuch
f. Deutsches Wörterbuch (von Jacob und Wilhelm Grimm)
g. Schiller-Nationalmuseum und Deutsches Literaturarchiv (Marbach)
h. Deutsches Literaturinstitut Leipzig
i. Literarisches Colloquium Berlin
j. Georg-Büchner-Preis
k. Nobelpreis für Literatur
10. Entnehmen Sie dem aktuellen KLG-Eintrag zu BERTOLT BRECHT folgende Informationen:
a. Aus welchen Teilen setzt sich der Eintrag zu BERTOLT BRECHT zusammen?
Wozu erhalten Sie also Informationen im KLG?
b. Welche Informationen finden Sie im Eintrag zu BERTOLT BRECHT über Die
Dreigroschenoper?
c. Welche Informationen finden Sie im Eintrag zu BERTOLT BRECHT über Kuhle
Wampe?
11. Wie sind die Artikel im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft i.d.R. aufgebaut?
12. Wie ist das Quellenlexikon zur deutschen Literaturgeschichte aufgebaut? Wie schlagen Sie darin z.B. Sekundärliteratur zu BERTOLT BRECHTS Die Dreigroschenoper
nach?
13. In welchem Band und auf welchen Seiten im von WALTHER KILLY herausgegebenen
Literatur Lexikon finden Sie Informationen zu Friedrich Schiller und dessen Werk?
Wie ist der Eintrag gegliedert?
14. In welchem Band und auf welchen Seiten finden Sie in Kindlers Neuem LiteraturLexikon den Artikel zu JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHEDS Sterbender Cato?
15. Worin ist MATHIAS MAYERS Aufsatz Goethes vampirische Poetik. Zwei Thesen zur
„Braut von Corinth“ enthalten? Geben Sie an, auf welchen Seiten der Aufsatz in dem
gesuchten Medium steht.
16. Welche Publikationen zu Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger verzeichnet die Germanistik in den Bänden von 2006? Geben Sie die verzeichneten Titel
in korrekter bibliographischer Notation an.
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17. Ermitteln Sie anhand des FAZ BiblioNet, wann die Rezension zu Sibylle Bergs Das
war’s dann wohl. Abschiedsbriefe von Männern in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist. Wer schrieb die Rezension?
18. Recherchieren Sie im Süddeutsche Zeitung Archiv, wer in der Literaturbeilage der
Süddeutschen Zeitung zur Leipziger Buchmesse 2008 Marcel Beyers Roman Kaltenburg rezensiert hat und wann diese Rezension erschienen ist.
19. Stellen Sie sich vor, Sie würden zum Konzept des epischen Theaters am Beispiel von
BERTOLT BRECHTS Die Dreigroschenoper ein Referat halten oder eine Hausarbeit
schreiben. Welche Hilfsmittel zur Recherche wissenschaftlicher Literatur würden Sie
heranziehen (mindestens fünf)? Unter welchen Stichworten würden Sie suchen?
III. Seminararbeiten, Bibliographieren, Zitieren
1. Was ist mit Objektsprache und Metasprache gemeint? Was müssen Sie in diesem Zusammenhang bei Hausarbeiten unbedingt berücksichtigen?
2. Was sollte in einer Hausarbeit inhaltlich und formal unbedingt enthalten sein?
3. Wozu dienen die Konventionen des wissenschaftlichen Arbeitens?
4. Welche Grundprinzipien gelten beim Zitieren und bibliographischen Notieren?
5. Warum empfiehlt es sich, bei bibliographischen Angaben auch Verlagsnamen zu berücksichtigen? Welchen Informationsgehalt können sie haben?
6. Was sind Bandnummer und Reihenbandnummer?
7. Was unterscheidet direkte und indirekte Zitate? Wie gehen Sie jeweils beim Nachweis
derselben vor?
8. Welche Möglichkeiten haben Sie, um in einer Hausarbeit Nachweise möglichst ökonomisch zu notieren? Wie gehen Sie dabei genau vor?
9. Wie und wann gebrauchen Sie Siglen?
10. Wie gehen Sie mit veralteten Schreibweisen beim Zitieren um?
11. Wie markieren Sie Auslassungen bei Zitaten?
12. Wie gehen Sie beim Zitieren mit Hervorhebungen im Original, wie mit von Ihnen
vorgenommenen Hervorhebungen um?
13. Praktische Übung zum Bibliographieren:
a. Erstellen Sie korrekte bibliographische Angaben für Literaturverzeichnisse.
b. Wie könnten Sie die einzelnen Texte bei mehrfachem Zitieren und Nachweisen
in Fußnoten ökonomisch angeben?
1.
Im Jahr 2006 erschien im in Marburg ansässigen Verlag LiteraturWissenschaft.de
eine zwei Bände umfassende Studienausgabe mit Dokumenten von Gabriele Reuters Roman Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens. Die Herausgeberin ist Katja Mellmann. Band I der insgesamt zwei Bände umfassenden Ausgabe
liefert den Text, Band II Dokumente.
(Geben Sie die bibliographische Angabe für die Ausgabe insgesamt und für jeden
Band einzeln an.)
2.
Auf den Seiten 72-81 des dritten Bandes der Stuttgarter Ausgabe der Werke Gottfried Benns findet sich der Erzähltext Diesterweg aus dem Jahre 1917. Die in Verbindung mit Ilse Benn von Gerhard Schuster herausgegebene Werkausgabe ist überschrieben mit Sämtliche Werke, der dritte Band trägt den Titel Prosa 1. 19101932. Der Band ist 1987 erschienen, und zwar beim in Stuttgart beheimateten Verlag Klett-Cotta, der der Ernst Klett Verlage GmbH u. Co. KG angehört.
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3.
2004 erschien im A. Francke Verlag, der in Tübingen und Basel ansässig ist, das
Lehrbuch Literaturtheorie. Theoretische und methodische Grundlagen der Literaturwissenschaft. Der Autor des Buches ist Oliver Jahraus, der seinerzeit Privatdozent an der Universität Bamberg war und mittlerweile als Professor den Lehrstuhl
für Neuere deutsche Literatur und Medien an der LMU in München innehat. Sein
Lehrbuch zur Literaturtheorie erschien als Uni-Taschenbuch 2587.
4.
2006 veröffentlichte der Kulturverlag Kadmos, der seinen Sitz in Berlin hat, Nina
Diezemanns Monographie Die Kunst des Hungerns. Essstörungen in Literatur und
Medizin um 1900. Die Publikation ist eine überarbeitete Fassung der Dissertationsschrift der Verfasserin. Das Buch umfasst 230 Seiten und ist unter der ISBN 386599-005-3 erschienen.
5.
Der Verlag J.B. Metzler, der in Stuttgart und Weimar ansässig ist, publizierte 1997
als Band 246 der Sammlung Metzler die vierte Auflage von Terry Eagletons Einführung in die Literaturtheorie. Diese Auflage stellt eine Erweiterung und Aktualisierung der früheren dar. Die Übersetzung aus dem Englischen besorgten Elfi Bettinger und Elke Hentschel.
6.
1999 veröffentlichte der Verlag Neue Kritik, der in Frankfurt am Main ansässig ist,
die siebte Auflage von Christina von Brauns Buch Nicht Ich. Logik, Lüge, Libido.
Gedruckt wurde der Band von der Druckerei Optima in Ljubljana, Slowenien, und
erschien unter der ISBN 3-8015-0224-4.
7.
Im Jahr 2005 erschien im 5. Heft des 59. Jahrgangs von Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen ein Aufsatz mit folgendem Titel: „Eßstörungen“–Goethes Wahlverwandtschaften als Krankengeschichte gelesen. Die Verfasserin ist Ulrike Prokop. Der Aufsatz befindet sich auf den Seiten 395-430.
8.
Auf den Seiten 410-413 des Sammelbandes Ich esse deine Suppe nicht. Psychoanalyse gestörten Essverhaltens. Ambulante Behandlungen und theoretische Konzepte,
den Ulrike Jongbloed-Schurig herausgegeben hat, befindet sich folgender Beitrag
der Herausgeberin: Gedanken zu Kafkas Hungerkünstler. Der Band erschien 2006
im in Frankfurt am Main ansässigen Verlag Brandes & Apsel.
9.
Friedbert Aspetsberger und Gerda E. Moser gaben 2005 einen Sammelband mit
dem Titel Leiden … Genießen. Zu Lebensformen und -kulissen in der Gegenwartsliteratur heraus. Es handelt sich hierbei um Band 16 der Schriftenreihe Literatur
des Instituts für Österreichkunde. Darin ist auf den Seiten 185-200 der Aufsatz
Vom Nährwert der Sprache. Hungerkünstlerinnen in Texten von Galvagni, Flöss,
Freud und Hofmannsthal von Renate Langer enthalten. Der Band erschien 2005 im
StudienVerlag in Innsbruck.
10.
Im Heft 1/2 ihres 50. Jahrgangs erschien auf den Seiten 213-237 in der Deutschen
Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte ein Aufsatz von
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Joachim Wich mit folgendem Titel: Groteske Verkehrung des „Vergnügens am tragischen Gegenstand“. Untertitel: Thomas Manns Novelle Luischen als Beispiel.
Das Publikationsjahr ist 1976.
11.
Die Zeitschrift The Germanic Review veröffentlichte 2005 auf den Seiten 213-227
im dritten Heft des 80. Jahrgangs folgenden Aufsatz von Yahya Elsaghe: Racial
Discourse and Graphology around 1900: Thomas Mann’s Tristan.
12.
Ortwin Beisbart und Ulf Abraham veröffentlichten 1992 den Sammelband Einige
werden bleiben. Und mit ihnen das Vermächtnis. Der Beitrag jüdischer Schriftsteller zur deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Auf den Seiten 142 bis
147 steht Peter Hanenbergs Aufsatz Erinnern und Erzählen. Jurek Beckers ‚Beliebteste Familiengeschichte‘. Verlegt wurde der Band von der Bayerischen Verlagsanstalt in Bamberg.
13.
Wulf Segebrecht, emeritierter Professor der Universität Bamberg, hat gemeinsam
mit Hartmut Steinecke unter dem Titel Sämtliche Werke in sechs Bänden eine
E.T.A.-Hoffmann-Ausgabe herausgegeben. Als fünfter Band erschien darin Die
Lebensansichten des Katers Murr. Herausgeber dieses Bandes, des zugleich 75.
Bandes der Reihe „Bibliothek deutscher Klassiker“, ist Hartmut Steinecke. Die
Werkausgabe wurde 1992 vom in Frankfurt am Main ansässigen Deutschen Klassiker Verlag publiziert.
14. Benennen Sie die Elemente folgender bibliographischer Angaben.
a. Nünning, Ansgar u. Vera Nünning (Hg.): Neue Ansätze in der Erzähltheorie.
Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier 2002 (= WVT-Handbücher zum
literaturwissenschaftlichen Studium 4).
b. Brecht, Bertolt: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Hg. von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei u. Klaus-Detlef
Müller. Bd. 2: Stücke 2. Frankfurt a. M.: Suhrkamp; Berlin/Weimar: Aufbau
1988.
c. Benn, Gottfried: Gehirne. In: Ders.: Sämtliche Werke. Stuttgarter Ausgabe. In
Verbindung mit Ilse Benn hg. von Gerhard Schuster. Bd. 3: Prosa 1. 19101932. Stuttgart: Klett-Cotta 1987, S. 29-34.
d. Pekar, Thomas: Das Essen und die Macht. Zum Diätdispositiv bei Daniel Paul
Schreber und Franz Kafka. In: Colloquia Germanica 27 (1994), H. 4, S. 333349.
15. Erstellen Sie anhand des auf der folgenden Seite nachgebildeten Titelblatts, Impressums sowie Aufsatzanfangs und Aufsatzschlusses eine korrekte bibliographische Angabe des Aufsatzes.
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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über dnb.ddb.de abrufbar
Shoah
in der
deutschsprachigen
Literatur
Weitere Informationen zu diesem Titel finden Sie im Internet unter
ESV.info/3 503 07976 9
Herausgegeben von
Norbert Otto Eke
und
Hartmut Steinecke
Gedruckt mit Unterstützung des Förderungs- und Beihilfefonds
Wissenschaft der VG Wort
ISBN-13: 978 3 503 07976 1
ISBN-10: 3 053 07976 9
Alle Rechte vorbehalten
© Erich Schmidt Verlag GmbH & Co., Berlin 2006
www.ESV.info
Dieses Papier erfüllt die Frankfurter Forderungen der Deutschen
Bibliothek und der Gesellschaft für das Buch bezüglich der
Alterungsbeständigkeit und entspricht sowohl den strengen
Bestimmungen der US-Norm Ansi/Niso Z 39.48-1992 als auch
der ISO-Norm 9706
ERICH SCHMIDT VERLAG
Druck und Bindung: Hubert & Co., Göttingen
Alo Allkemper (Paderborn)
[...]
Lermen, Birgit / Michael Braun: Nelly Sachs „an letzter Atemspitze des Lebens“, Bonn 1998.
Weissenberger, Klaus: Zwischen Stein und Stern. Mystische
Formgebung in der Dichtung von Else Lasker-Schüler, Nelly
Sachs und Paul Celan, Bern, München 1976.
Nelly Sachs
Lyrische Zeichen „unsichtbarer Heimat“?
Leben und Werk der Nelly Sachs ist, wenn auch unterschiedlich vermittelt, in extremer Weise gezeichnet von
der Shoah; die Shoah ist ihr negatives Zentrum.
[...]
Immer wieder versichert sie, dass ihre Person vollkommen gleichgültig und nebensächlich sei:
191
200
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B) FACHGESCHICHTE
1. Was hat die Romantik mit der Entstehung des Faches Germanistik zu tun (Personen,
literatur- bzw. sprachbezogene Projekte –jeweils vier Beispiele)?
2. Inwiefern waren politische Impulse mit ausschlaggebend für die Anfänge der universitären Germanistik? In welche Zeit fallen sie?
3. Nennen Sie mindestens vier Philologen, die das Fach Germanistik im 19. Jahrhundert
entscheidend geprägt haben und dazu jeweils eine bedeutende Publikation.
4. Durch welches Paradigma wurde die Germanistik im 19. Jahrhundert entpolitisiert?
Was hatte dies mit den Naturwissenschaften zu tun?
5. Welche Ansätze lösten die positivistische Literaturwissenschaft ab?
6. Skizzieren Sie kurz die Situation der Literaturwissenschaft im nationalsozialistischen
Deutschland (Ansätze, Forschungsschwerpunkte). Nennen Sie mindestens vier Literaturwissenschaftler dieser Zeit.
7. Was ist die Grundprämisse der marxistischen Literaturwissenschaft bezogen auf das
Verhältnis von Literatur und Gesellschaft?
8. Nennen Sie mindestens vier Vertreter der marxistischen Literaturwissenschaft.
9. Wer prägte entscheidend die Literaturwissenschaft der DDR in ihrer Frühphase?
10. Was ist unter Methodenpluralismus zu verstehen?
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C) TEXTKRITIK UND EDITION
1. Differenzieren Sie die Begriffe Edition, Editionsphilologie und Textkritik.
2. Differenzieren Sie Leseausgabe, Studienausgabe und historisch-kritische Ausgabe.
3. Warum empfiehlt es sich, bei der Anfertigung einer Hausarbeit eine textkritische Ausgabe zu verwenden? Welche Vorteile sind damit verbunden?
4. Durch welche Schritte und Techniken erhält man einen kritischen Text?
5. Was ist unter folgenden Begriffen zu verstehen:
a. Stemma
b. Majuskel, Minuskel
c. Lemma
d. Variante
e. Lesart
f. Apparat
g. Synopse
h. Archetyp (vs. Original)
6. Was ist ein Lemmazeichen? Wie und wo wird es verwendet?
7. Was gehört in einen textkritischen Apparat?
8. Was ist ein Stellenkommentar?
9. Welche Informationen liefern die Anmerkungen zu Seite 9, Zeilen 25 bis 27 und zu
Seite 78, Zeile 14 in der Reclam-Ausgabe von GOTTHOLD EPHRAIM LESSINGS Emilia
Galotti?
10. Welche Grundvarianten des Apparats im engeren Sinne gibt es?
11. Was ist ein Textträger? Nennen Sie drei Beispiele.
12. Was ist die Ausgabe letzter Hand, was die Ausgabe erster Hand? Welche Ausgabe
wird heute von Editoren bevorzugt und wie lässt sich dies begründen?
13. Was sind autorisierte, was nicht-autorisierte Fassungen?
14. Was sind Doppeldrucke?
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D) THEORIEN UND METHODEN
1. Warum ist es notwendig, sich in der Literaturwissenschaft mit Theorien und Methoden
auseinanderzusetzen?
2. Was ist eine Theorie, was eine Methode?
3. Worauf kann sich der Fokus bei der wissenschaftlichen Untersuchung eines Textes
richten?
4. Was erforschte und erarbeitete die positivistische Literaturwissenschaft? (mindestens
vier Aspekte)
5. Was ist unter dem hermeneutischen Zirkel zu verstehen? Wieso kann man treffender
von einer hermeneutischen Spirale sprechen?
6. Wo hat die literaturwissenschaftliche Hermeneutik ihre Wurzeln?
7. Erläutern Sie das Hermeneutikkonzept nach FRIEDRICH SCHLEIERMACHER.
8. Was versteht WILHELM DILTHEY unter ‚verstehen‘?
9. Wogegen richtete sich die Werkimmanenz fachgeschichtlich?
10. Was wird nach werkimmanentem Ansatz untersucht?
11. Erläutern Sie die Begriffe Struktur und Opposition im Kontext des strukturalistischen
Ansatzes.
12. Erläutern Sie den Zeichenbegriff nach DE SAUSSURE; gehen Sie dabei auf die Begriffe
Signifikant, Signifikat, Arbitrarität und Konvention ein.
13. Was wird bei der strukturalistischen Analyse eines Textes in den Blick genommen?
(mindestens vier Aspekte)
14. Inwiefern ist der Poststrukturalismus antihermeneutisch?
15. Was ist unter der unendlichen Semiose zu verstehen?
16. Erklären Sie kurz das Diktum vom „Tod des Autors“.
17. Warum Dekonstruktion und nicht Destruktion?
18. Nennen und erklären Sie kurz mindestens vier Arten von Intertextualität gemäß den
deskriptiven Intertextualitätstheorien.
19. Womit setzt sich die psychoanalytische Literaturwissenschaft auseinander? Auf wen
oder was kann sich ihr Fokus richten?
20. Inwiefern können die sog. Cultural Studies als antielitär betrachtet werden?
21. Nennen Sie mindestens vier Forschungs-/Arbeitsfelder der feministischen Literaturwissenschaft.
22. Stellen Sie Feministische Literaturwissenschaft und (literaturwissenschaftliche) Gender Studies gegenüber.
23. Was ist unter dem Erwartungshorizont zu verstehen?
24. Erklären Sie den Begriff des impliziten Lesers.
25. Was ist nach WOLFGANG ISER unter Appellstruktur, Leerstellen und Aktualisierung zu
verstehen?
26. Wie erhebt die empirische Rezeptionsforschung Daten für ihre Untersuchungen?
27. Nennen Sie jeweils mindestens zwei Vertreter folgender theoretischer und methodischer Ansätze der Literaturwissenschaft: Positivismus, Hermeneutik, werkimmanente
Interpretation, Strukturalismus, Poststrukturalismus, Dekonstruktivismus, Intertextualitätstheorien, feministische Literaturwissenschaft, Gender Studies, Rezeptionsästhetik, empirische Rezeptionsforschung.
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E) GATTUNGSTHEORIE UND -ANALYSE
I. Rhetorik und Stilistik
1. Warum ist es sinnvoll, bei der Auseinandersetzung mit literarischen Texten Aspekte
der Rhetorik zu berücksichtigen?
2. Bei der Analyse von Texten welcher literarischen Epochen/Strömungen und welcher
Gattungen/Untergattungen erscheint die Einbeziehung rhetorischer Kategorien besonders sinnvoll?
3. Was ist eigentlich Rhetorik?
4. Setzen Sie Rhetorik und Poetik ins Verhältnis zueinander.
5. Grenzen Sie Tropen einerseits und Stil-, Satz-, Klangfiguren andererseits voneinander
ab. Nennen und erklären Sie kurz je zwei Beispiele.
II. Gattungstheorie
1.
2.
3.
4.
Wie lassen sich die Großgattungen Lyrik, Drama und Epik unterscheiden?
Nennen Sie jeweils zwei Untergattungen zu den Gattungen Lyrik, Drama, Epik.
Nennen Sie jeweils eine Untergruppe zu Ode, Tragödie und Roman.
Lesen Sie die Artikel Gattung, literarische, Gattungsgeschichte sowie Gattungstheorie und Gattungspoetik im Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Beantworten
Sie dazu jeweils in einem Satz folgende Fragen:
a. Was ist damit gemeint, dass sich der Verlauf der Gattungsgeschichte als „diachrone Systemtransformation“beschreiben lässt?
b. Welche Positionen stehen sich im so genannten „Universalienstreit“ gegenüber?
c. Was heißt es, dass Gattungen „offene Systeme“darstellen?
III. Lyrik
1.
2.
3.
4.
Seit wann wird Lyrik als eigenständige Gattung neben Epik und Drama gesehen?
Was meint der Begriff Erlebnislyrik?
Verorten Sie den Begriff lyrisches Ich literarhistorisch.
Was ist unter dem alternierenden Prinzip zu verstehen? Stellen Sie in diesem Zusammenhang Kürze/Länge und Senkung/Hebung gegenüber.
5. Was sind Versfüße? Nennen Sie vier Beispiele und stellen Sie diese schematisch dar.
6. Unterscheiden Sie Rhythmus und Metrum.
7. Was ist mit dem Begriff Tonbeugung gemeint?
8. Was sind Kadenzen? Welche Arten von Kadenzen werden unterschieden?
9. Was sind Enjambements?
10. Unterscheiden Sie Haken- und Zeilenstil.
11. Was ist mit harter, was mit glatter Fügung gemeint?
12. Analysieren Sie die folgenden Texte bzw. Textauszüge auf die Aspekte a) bis e).
a. Metrum
i. Versfüße
ii. Zahl der Hebungen
iii. Kadenzen
iv. ggf. Versform
b. Reime
c. ggf. Strophenform
d. ggf. Gedichtform
e. jeweils mindestens zwei Stilmittel (Tropen, Stil-, Satz-, Klangfiguren)
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Es ist alles eitell (1643)
Dv sihst/ wohin du sihst nur eitelkeit auff erden.
Was dieser heute bawt/ reist jener morgen ein:
Wo itzund städte stehn/ wird eine wiesen sein
Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden.
Was itzund prächtig blüht sol bald zutretten werden.
Was itzt so pocht vndt trotzt ist morgen asch vnd bein.
Nichts ist das ewig sey/ kein ertz kein marmorstein.
Jtz lacht das gluck vns an/ bald donnern die beschwerden.
Der hohen thaten ruhm mus wie ein traum vergehn.
Soll den das spiell der zeitt/ der leichte mensch bestehn.
Ach! was ist alles dis was wir für köstlich achten/
Als schlechte nichtikeitt/ als schaten staub vnd windt.
Als eine wiesen blum/ die man nicht wiederfindt.
Noch wil was ewig ist kein einig mensch betrachten.1
Vergänglichkeit der schönheit (Erstdruck 1695)
Es wird der bleiche tod mit seiner kalten hand
Dir endlich mit der zeit umb deine brüste streichen/
Der liebliche corall der lippen wird verbleichen;
Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand/
Der augen süsser blitz/ die kräffte deiner hand/
Für welchen solches fällt/ die werden zeitlich weichen/
Das haar/ das itzund kan des goldes glantz erreichen/
Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band.
Der wohlgesetzte fuß/ die lieblichen gebärden/
Die werden theils zu staub/ theils nichts und nichtig werden/
Denn opfert keiner mehr der gottheit deiner pracht.
Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen/
Dein hertze kan allein zu aller zeit bestehen/
Dieweil es die natur aus diamant gemacht.2
Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht
Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht,
Das den grossen Gedanken
Deiner Schöpfung noch Einmal denkt.
Von des schimmernden Sees Traubengestaden her,
Oder, flohest du schon wieder zum Himmel auf,
Kom in röthendem Strale
Auf dem Flügel der Abendluft,
Kom, und lehre mein Lied jugendlich heiter seyn,
Süsse Freude, wie du! gleich dem beseelteren
Schnellen Jauchzen des Jünglings,
Sanft, der fühlenden Fanny gleich.
[...]3
(1750)
1
Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. 3 Bde. Hg. von Marian Szyrocki u. Hugh
Powell. Bd. 1. Tübingen: Niemeyer 1963, S. 33f.
2
Benjamin Neukirchs Anthologie Herrn von Hoffmannswaldau und andrer Deutschen auserlesener und bisher
ungedruckter Gedichte erster Theil. Nach dem Druck vom Jahre 1697 mit einer kritischen Einleitung und Lesarten hg. von Angelo George de Capua u. Ernst Alfred Philippson. Tübingen: Niemeyer 1961, S. 46f.
3
Friedrich Gottlieb Klopstock: Der Zürchersee. Oden. 2 Bde. Bd.1. Leipzig: Göschen 1798, S. 83.
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Anakreon (1767)
Wer war Anakreon?
Fragt’einstens Doris mich.
Er war, antwortet ich,
Er war ein Mann wie ich!
Er sang am Helikon,
Den Musen Liederchen,
Und küßte Grazien,
Und war mit ihnen froh,
Und lebt’er noch, o so
Verließ er sie für dich.
Zög’aber Doris mich
Ihm vor, o Himmel! so
Wär’in Arkadien
Kein Schäfer wohl so froh,
Und so verliebt, wie ich;
Und seine Grazien
Behielt’er wohl für sich.4
Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor;
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.
[...]5
(1779)
Ja, Daja; Gott sei Dank! Doch warum endlich?
Hab’ich denn eher wiederkommen wollen?
Und wiederkommen können? Babylon
Ist von Jerusalem, wie ich den Weg,
Seit ab bald rechts, bald links, zu nehmen bin
Genötigt worden, gut zwei hundert Meilen;
[...]6
(Erstdruck 1779)
Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.
[...]7
(1785)
4
Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Ausgewählte Werke. Hg. von Leonhard Lier. Leipzig: Reclam 1885, S. 169.
Johann Wolfgang von Goethe: Der Fischer. In: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Hg. von
Erich Trunz. 10., überarb. Aufl. Bd. 1: Gedichte und Epen 1. Textkrit. durchges. u. komm. von Erich Trunz.
München: C. H. Beck 1974, S. 153.
6
Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise. In: Ders.: Werke und Briefe in zwölf Bänden. Hg. von Wilfried
Barner u.a. Bd. 9: Werke 1778-1780. Hg. von Klaus Bohnen u. Arno Schilson. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1993 (= Bibliothek deutscher Klassiker 94), S. 483-627, hier: S. 485.
7
Goethe: Willkommen und Abschied. In: Hamburger Ausgabe. Bd. 1, S. 28.
5
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Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste!
Straßen, redet ein Wort! Genius, regst du dich nicht?
Ja, es ist alles beseelt in deinen heiligen Mauern,
Ewige Roma; nur mir schweiget noch alles so still.
[...]8
(1788)
Ruhig gelehnt in der Gondel, durchfuhr ich die Reihe der Schiffe,
Die in dem Großen Kanal, viele befrachtete, stehn.
Mancherlei Ware findest du da für manches Bedürfnis,
Weizen, Wein und Gemüs, Scheite wie leichtes Gesträuch.
Pfeilschnell drangen wir durch; da traf ein verlorener Lorbeer
Derb mir die Wangen. Ich rief: Daphne, verletzest du mich?
Lohn erwartet ich eher! Die Nymphe lispelte lächelnd:
Dichter sünd’gen nicht schwer; leicht ist die Strafe. Nur zu!
[...]9
(1790)
Auch von des höchsten Gebirgs beeisten, zackigen Gipfeln
Schwindet Purpur und Glanz scheidender Sonne hinweg.
Lange verhüllt schon Nacht das Tal und die Pfade des Wandrers,
Der, am tosenden Strom, auf zu der Hütte sich sehnt,
Zu dem Ziele des Tags, der stillen hirtlichen Wohnung;
Und der göttliche Schlaf eilet gefällig voraus,
[… ]10
(1797/1798)
Lange lieb ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
Mutter nennen, und dir schenken ein kunstlos Lied,
Du, der Vaterlandsstädte
Ländlichschönste, so viel ich sah.
[...]11
(1798/1800)
Sehnsucht nach dem Tode (1797/1800)
Hinunter in der Erde Schooß,
Weg aus des Lichtes Reichen,
Der Schmerzen Wuth und wilder Stoß
Ist froher Abfahrt Zeichen.
Wir kommen in dem engen Kahn
Geschwind am Himmelsufer an.
Gelobt sey uns die ewge Nacht,
Gelobt der ewge Schlummer.
Wohl hat der Tag uns warm gemacht,
Und welk der lange Kummer.
Die Lust der Fremde ging uns aus,
Zum Vater wollen wir nach Haus.
[...]12
8
Goethe: Elegien 1. In: Hamburger Ausgabe. Bd. 1, S. 157.
Johann Wolfgang von Goethe: Venetianische Epigramme. In: Ders.: Sämtliche Werke nach Epochen seines
Schaffens. Münchner Ausgabe. Hg. von Karl Richter in Zusammenarb. mit Herbert G. Göpfert u.a. Bd. 3.2:
Italien und Weimar 1786-1790, 2. Hg. von Hans J. Becker u.a. München: Hanser 1990, S. 125.
10
Goethe: Euphrosyne. In: Hamburger Ausgabe. Bd. 1, S. 190.
11
Friedrich Hölderlin: Heidelberg. In: Ders.: Sämtliche Werke. Kleine Stuttgarter Ausgabe. 6 Bde. Hg. von
Friedrich Beissner. Bd. 2: Gedichte nach 1800. Stuttgart: Cotta 1953, S. 14.
12
Novalis: Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs. Hg. von Paul Kluckhohn u. Richard Samuel. 3.,
nach den Handschriften erg., erw. u. verb. Aufl. in vier Bänden und einem Begleitband. Bd. 1: Das dichterische
Werk. Stuttgart u.a.: Kohlhammer 1977, S. 152.
9
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Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Heiße Magister, heiße Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr’
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
[...]13
(1797/1806)
Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich,
Purpurne Wolken! und möge droben
In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! –
Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht
Der Zauber; dunkel wirds und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich –
[...]14
(1799)
Zu Bacharach am Rheine
Wohnt eine Zauberin,
Sie war so schön und feine
Und riß viel Herzen hin.
Und brachte viel zu schanden
Der Männer rings umher,
Aus ihren Liebesbanden
War keine Rettung mehr.
[… ]15
(1802)
ΕΡΩΣ, Liebe
Die bleibt nicht aus! –Er stürzt vom Himmel nieder,
Wohin er sich aus alter Öde schwang,
Er schwebt heran auf luftigem Gefieder
Um Stirn und Brust den Frühlingstag entlang,
Scheint jetzt zu fliehn, vom Fliehen kehrt er wieder,
Da wird ein Wohl im Weh, so süß und bang.
Gar manches Herz verschwebt im Allgemeinen,
Doch widmet sich das edelste dem Einen.16
(1817)
13
Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Eine Tragödie. In: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden.
Hg. von Erich Trunz. 10., überarb. Aufl. Bd. 3: Dramatische Dichtungen 1. Textkrit. durchges. u. komm. von
Erich Trunz. München: C. H. Beck 1976. S. 7-364, hier: S. 20.
14
Hölderlin: Abendphantasie. In: Ders.: Sämtliche Werke. Kleine Stuttgarter Ausgabe. 6 Bde. Hg. von Friedrich
Beissner. Bd. 1: Gedichte bis 1800. Stuttgart: Cotta 1944, S. 298.
15
Clemens Brentano: [Zu Bacharach am Rheine]. In: Ders.: Werke. 4 Bde. Hg. von Friedhelm Kemp. Bd. 1:
Gedichte, Romanzen vom Rosenkranz. München: Hanser 1963, S. 112.
16
Goethe: Urworte. Orphisch. In: Hamburger Ausgabe. Bd. 1, S. 360.
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Tristan (1825)
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheimgegeben,
Wird für keinen Dienst auf Erden taugen,
Und doch wird er vor dem Tode beben,
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen!
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe,
Denn ein Tor nur kann auf Erden hoffen,
Zu genügen einem solchen Triebe:
Wen der Pfeil des Schönen je getroffen,
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe!
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen,
Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen,
Und den Tod aus jeder Blume riechen:
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen!17
Im ernsten Beinhaus war’s, wo ich beschaute,
Wie Schädel Schädeln angeordnet paßten;
Die alte Zeit gedacht ich, die ergraute.
Sie stehn in Reih geklemmt, die sonst sich haßten,
Und derbe Knochen, die sich tödlich schlugen,
Sie liegen kreuzweis, zahm allhier zu rasten.
Entrenkte Schulterblätter! was sie trugen,
Fragt niemand mehr, und zierlich tät’ge Glieder,
Die Hand, der Fuß, zerstreut aus Lebensfugen.
[...]18
(1826)
Stets am Stoff klebt unsere Seele, Handlung
Ist der Welt allmächtiger Puls, und deshalb
Flötet oftmals tauberem Ohr der hohe
Lyrische Dichter.
[...]19
(Erstdruck 1832)
„Ich hab’es getragen sieben Jahr
Und ich kann es nicht tragen mehr,
Wo immer die Welt am schönsten war,
Da war sie öd’und leer.
Ich will hintreten vor sein Gesicht
In dieser Knechtsgestalt,
Er kann meine Bitte versagen nicht,
Ich bin ja worden alt.
Und trüg’er noch den alten Groll,
Frisch wie am ersten Tag,
So komme, was da kommen soll,
Und komme, was da mag.“
17
August Graf von Platen: Werke in zwei Bänden. Bd. 1: Lyrik. Hg. von Kurt Wölfel u. Jürgen Link. München:
Winkler 1982, S. 69.
18
Goethe: [Im ernsten Beinhaus war’s]. In: Hamburger Ausgabe. Bd. 1, S. 366.
19
Platen: Los des Lyrikers. In: Ders.: Werke in zwei Bänden. Bd. 1, S. 483.
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Graf Douglas spricht’s. Am Weg ein Stein
Lud ihn zu harter Ruh,
Er sah in Wald und Feld hinein,
Die Augen fielen ihm zu.
[...]20
(1854)
Sprengende Reiter und flatternde Blüten,
Einer voraus mit gescheitelten Locken –
Ist es der Lenz auf geflügeltem Renner?
Karl ist’s, der Jüngling, der Erbe von England
[...]21
(Erstdruck 1864)
Fisches Nachtgesang (Erstdruck 1905)22
–
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–––
Sabbath (1909)
Ein Hauch von fiebernd giftigen Gewächsen
Macht träumen mich in mondnen Dämmerungen,
Und leise fühl’ich mich umrankt, umschlungen,
und seh’gleich einem Sabbath toller Hexen
Blutfarbne Blüten in der Spiegel Hellen
Aus meinem Herzen keltern Flammenbrünste,
Und ihre Lippen kundig aller Künste
An meiner trunknen Kehle wütend schwellen.
Pestfarbne Blumen tropischer Gestade,
Die reichen meinen Lippen ihre Schalen,
Die trüben Geiferbronnen ekler Qualen.
Und eine schlingt –o rasende Mänade –
Mein Fleisch, ermattet von den schwülen Dünsten,
Und schmerzverzückt von fürchterlichen Brünsten.23
20
Theodor Fontane: Archibald Douglas. In: Ders.: Sämtliche Werke. 25 Bde. Hg. von Edgar Groß u.a. Bd. 20:
Lieder und Sprüche. Hg. von Edgar Groß und Kurt Schreinert. München: Nymphenburger Verlagshandlung
1962, S. 120f.
21
Conrad Ferdinand Meyer: Die Rose von Newport. In: Ders.: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Vollständiger Text
nach den Ausgaben letzter Hand. Mit einem Nachwort von Erwin Laaths. Bd. 2. München: Winkler 1968, S. 216.
22
Christian Morgenstern: Ausgewählte Werke. Hg. von Klaus Schuhmann. Leipzig: Insel 1975, S. 252.
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Vorfrühling (Erstdruck 1914)
In dieser Märznacht trat ich spät aus meinem Haus.
Die Straßen waren aufgewühlt von Lenzgeruch und grünem Saatregen.
Winde schlugen an. Durch die verstörte Häusersenkung gieng ich weit hinaus
Bis zu dem unbedeckten Wall und spürte: meinem Herzen schwoll ein neuer Takt entgegen.
In jedem Lufthauch war ein junges Werden ausgespannt.
Ich lauschte, wie die starken Wirbel mir im Blute rollten.
Schon dehnte sich bereitet Acker. In den Horizonten eingebrannt
War schon die Bläue hoher Morgenstunden, die ins Weite führen sollten.
Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen Fernen.
Überm Kanal, den junge Ausfahrtwinde wellten, wuchsen helle Bahnen,
In deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in umwehten Sternen.
In meinem Herzen lag ein Stürmen wie von aufgerollten Fahnen.24
IV. Epik
1. Unterscheiden Sie die Begriffe Epik, Narration und Prosa.
2. Problematisieren Sie die Begriffe Erzähler und Erzählinstanz.
3. Erläutern Sie die drei Erzählformen. Beziehen Sie dabei die nachfolgenden Textbeispiele ein:
a. Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet
mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines
Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann.25
b. Ilsebill salzte nach. Bevor gezeugt wurde, gab es Hammelschulter zu Bohnen und
Birnen, weil Anfang Oktober. Beim Essen noch, mit vollem Mund sagte sie: „Wolln
wir nun gleich ins Bett, oder willst du mir vorher erzählen, wie unsre Geschichte
wann wo begann?“
Ich, das bin ich jederzeit. Und auch Ilsebill war von Anfang an da. Gegen Ende der
Jungsteinzeit erinnere ich unseren ersten Streit: rund zweitausend Jahre vor der
Fleischwerdung des Herrn, als das Rohe und Gekochte in Mythen geschrieben wurde. 26
c. Arme Effi, du hattest zu den Himmelswundern zu lange hinaufgesehen und darüber
nachgedacht, und das Ende war, daß die Nachtluft und die Nebel, die vom Teich her
aufstiegen, sie wieder aufs Krankenbett warfen, und als Wiesike gerufen wurde und
sie gesehen hatte, nahm er Briest beiseite und sagte: „Wird nichts mehr; machen Sie
sich auf ein baldiges Ende gefaßt.“27
23
Georg Trakl: Das dichterische Werk. Auf Grund der historisch-kritischen Ausgabe von Walther Killy und
Hans Szklenar. Mit einem Anhang von Friedrich Kur. 15. Aufl. München: dtv 1998, S. 135.
24
Ernst Stadler: Dichtungen. 2. Bde. Hg. von K. L. Schneider. Bd. 1. Hamburg: Ellermann [1954], S. 124.
25
Günter Grass: Werkausgabe in zehn Bänden. Hg. von Volker Neuhaus. Bd. 2: Die Blechtrommel. Darmstadt/Neuwied: Luchterhand 1987, S. 6.
26
Günter Grass: Werkausgabe in zehn Bänden. Hg. von Volker Neuhaus. Bd. 5: Der Butt. Hg. von Claudia
Mayer. Darmstadt/Neuwied: Luchterhand 1987, S. 6.
27
Theodor Fontane: Effi Briest. In: Ders.: Werke, Schriften und Briefe. 22 Bde. Hg. von Walter Keitel u. Helmuth Nürnberger. 2. Aufl. Abteilung 1: Sämtliche Romane, Erzählungen, Gedichte, Nachgelassenes. Bd. 4.
München: Hanser 1974, S. 292.
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d. Morgen. Es ist sieben Uhr und du wachst auf. Es ist wie immer. Wie immer, jeden
Morgen. Du ahnst die kommenden Morgen. Um sieben. Aufwachen. Die Augen
verschliert, der Kopf schwer von einem Schlaf, der gar nicht nötig wäre, sich von
nichts erholen muß. Wie immer. Das Aufwachen macht dich so müde, da glaubst du
nicht mehr atmen zu können vor Müdigkeit, vor Langeweile kaum noch laufen zu
können. [...]28
4. Unterscheiden Sie die Begriffe Erzählhaltung und Erzählverhalten.
5. Welche Arten von Erzählverhalten lassen sich unterscheiden?
6. Unterscheiden Sie zwischen erlebter Rede, innerem Monolog, stream of consciousness. Welchem Erzählverhalten lassen sich diese Darbietungsweisen zuordnen?
7. Nennen Sie weitere Darbietungsweisen neben erlebter Rede, innerem Monolog und
stream of consciousness.
8. Bestimmen Sie das Erzählverhalten in folgenden Textauszügen und begründen Sie Ihre Entscheidung. Berücksichtigen Sie auch konkrete Darbietungsweisen. Fragen Sie
sich, wie präsent oder wie deutlich konturiert die Erzählinstanz jeweils ist. (Veränderungen des Erzählverhaltens und der Darbietungsweisen innerhalb der Beispiele sind
nicht ausgeschlossen.)
a. Was ich von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können, habe ich
mit Fleiß gesammelt und lege es euch hier vor, und weiß, daß ihr mir’s danken werdet. Ihr könnt seinem Geist und seinem Charakter eure Bewunderung und Liebe, seinem Schicksale eure Tränen nicht versagen.
Und du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem
Leiden, und laß das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener
Schuld keinen nähern finden kannst.29
b. Was für eine Bewandtnis hat es mit diesem Manne, der stets allein ist und der in ungewöhnlichem Grade unglücklich zu sein scheint? Seine gewaltsam bürgerliche Kleidung sowie eine gewisse sorgfältige Bewegung der Hand über das Kinn scheint anzudeuten, daß er keineswegs zu der Bevölkerungsklasse gerechnet werden will, in deren
Mitte er wohnt. Gott weiß, in welcher Weise ihm mitgespielt worden ist. Sein Gesicht
sieht aus, als hätte ihm das Leben verächtlich lachend mit voller Faust hineingeschlagen...Übrigens ist es sehr möglich, daß er ohne schwere Schicksalsschläge erlebt zu
haben, einfach dem Dasein selbst nicht gewachsen ist, und die leidende Unterlegenheit und Blödigkeit seiner Erscheinung macht den peinvollen Eindruck, als hätte die
Natur ihm das Maß von Gleichgewicht, Kraft und Rückgrat versagt, das hinlänglich
wäre, mit erhobenem Kopfe zu existieren.30
c. Er kam bald vom Weg ab, und eine sanfte Höhe hinauf, keine Spur von Fußtritten
mehr, neben einem Tannenwald hin, die Sonne schnitt Kristalle, der Schnee war leicht
und flockig, hie und da Spur von Wild leicht auf dem Schnee, die sich ins Gebirg hinzog. Keine Regung in der Luft als ein leises Wehen, als das Rauschen eines Vogels,
der die Flocken leicht vom Schwanze stäubte. Alles so still, und die Bäume weithin
mit schwankenden weißen Federn in der tiefblauen Luft. Es wurde ihm heimlich nach
und nach [...] (L, 10)
28
Sibylle Berg: Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot. Leipzig: Reclam 1997, S. 86.
Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther. In: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14
Bänden. Hg. von Erich Trunz. 9., überarb. Aufl. Bd. 6: Romane und Novellen 1. Textkrit. durchges. von Erich
Trunz. Komm. von Erich Trunz u. Benno von Wiese. München: C. H. Beck 1977, S. 7-124, hier: S. 7.
30
Thomas Mann: Tobias Mindernickel. In: Ders.: Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke – Briefe –
Tagebücher. Hg. von Heinrich Detering, Eckhard Heftrich u.a. Bd. 2.1: Frühe Erzählungen. 1893 –1912. Hg. u.
textkrit. durchges. von Terence J. Reed unter Mitarb. von Malte Herwig. Frankfurt a. M.: S. Fischer 2004,
S. 181-192, hier: S. 183.
29
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d. Eines Abends ging er hinunter zu den Liegehallen; er blickte die Liegestühle entlang,
wie sie alle still unter ihren Decken die Genesung erwarteten; er sah sie an, wie sie dalagen: alle aus Heimaten, aus Schlaf voll Traum, aus Abendheimkehr, aus Gesängen
von Vater zu Sohn, zwischen Glück und Tod – er sah die Halle entlang und ging zurück. (G, 34)
e.
Großkaufmann Stephens grüßte außerordentlich ehrerbietig, als der Wagen herangekommen war, und auch der kleine Herr Friedemann lüftete seinen Hut, wobei er Frau
von Rinnlingen groß und aufmerksam ansah. Sie senkte ihre Peitsche, nickte leicht
mit dem Kopf und fuhr langsam vorüber, indem sie rechts und links die Häuser und
Schaufenster betrachtete.
Nach ein paar Schritten sagte der Großkaufmann:
„Sie hat eine Spazierfahrt gemacht und fährt nun nach Hause.“
Der kleine Herr Friedemann antwortete nicht, sondern blickte vor sich nieder auf das
Pflaster. Dann sah er plötzlich den Großkaufmann an und fragte:
„Wie meinten Sie?“
Und Herr Stephens wiederholte seine scharfsinnige Bemerkung.31
f.
Der Chefarzt wurde zurückgerufen; er war ein freundlicher Mann, er sagte, eine seiner
Töchter sei erkrankt. Rönne aber sagte: sehen Sie, in diesen meinen Händen hielt ich
sie, hundert oder auch tausend Stück; manche waren weich, manche waren hart, alle
sehr zerfließlich; Männer, Weiber, mürbe und voll Blut. Nun halte ich immer mein eigenes in meinen Händen und muß immer darnach forschen, was mit mir möglich sei.
Wenn die Geburtszange hier ein bißchen tiefer in die Schläfe gedrückt hätte ...? Wenn
man mich immer über eine bestimmte Stelle des Kopfes geschlagen hätte ...? Was ist
es denn mit den Gehirnen? Ich wollte immer auffliegen wie ein Vogel aus der
Schlucht; nun lebe ich außen im Kristall. Aber nun geben Sie mir bitte den Weg frei,
ich schwinge wieder –ich war so müde –auf Flügeln geht dieser Gang –mit meinem
blauen Anemonenschwert –in Mittagsturz des Lichts –in Trümmern des Südens –in
zerfallendem Gewölk – Zerstäubungen der Stirne – Entschweifungen der Schläfe.
(G, 8/34)
g. Wohin ging er? Er wußte es kaum. Es war wie gestern. Kaum daß er sich wieder von
diesem wunderlich würdigen und unvertrauten Beieinander von Giebeln, Türmchen,
Arkaden, Brunnen umgeben sah, kaum daß er den Druck des Windes, des starken
Windes, der ein zartes und herbes Aroma aus fernen Träumen mit sich führte, wieder
im Angesicht spürte, als es sich ihm wie Schleier und Nebelgespinst um die Sinne legte ... Die Muskeln seines Gesichtes spannten sich ab; und mit stille gewordenem Blick
betrachtete er Menschen und Dinge. Vielleicht, daß er dort, an jener Straßenecke,
dennoch erwachte ...32
h. Man gewöhnte sich an die Sonderbarkeit, in den heutigen Zeiten Aufmerksamkeit für
einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen, und mit dieser Gewöhnung war das
Urteil über ihn gesprochen. Er mochte so gut hungern, als er nur konnte, und er tat es,
aber nichts konnte ihn mehr retten, man ging an ihm vorüber. Versuche, jemandem
die Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich
machen. (H, 271)
i.
Er stieg unbeachtet wieder aus dem Wagen, war unter Menschen. Was war denn?
Nichts. Haltung, ausgehungertes Schwein, reiß dich zusammen, kriegst meine Faust
zu riechen. Gewimmel, welch Gewimmel. Wie sich das bewegte. Mein Brägen hat
wohl kein Schmalz mehr, der ist wohl ganz getrocknet. Was war das alles. Schuhgeschäfte, Hutgeschäfte, Glühlampen, Destillen. Die Menschen müssen doch Schuhe
31
Mann: Der kleine Herr Friedemann. In: Ders.: Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Bd. 2.1, S. 87-119,
hier: S. 97.
32
Mann: Tonio Kröger. In: Ders.: Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Bd. 2.1, S. 243-318, hier: S. 287.
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haben, wenn sie so viel rumlaufen, wir hatten ja auch eine Schusterei, wollen das mal
festhalten. Hundert blanke Scheiben, laß die doch blitzern, die werden dir doch nicht
bange machen, kannst sie ja kaputt schlagen, was ist denn mit die, sind eben blankgeputzt. Man riß das Pflaster am Rosenthaler Platz auf, er ging zwischen den andern auf
Holzbohlen. Man mischt sich unter die andern, dann merkst du nichts, Kerl. Figuren
standen in den Schaufenstern in Anzügen, Mänteln, mit Röcken, mit Strümpfen und
Schuhen. Draußen bewegte sich alles, aber –dahinter –war nichts! Es –lebte –nicht!
Es hatte fröhliche Gesichter, es lachte, wartete auf der Schutzinsel gegenüber Aschinger zu zweit oder zu dritt, rauchte Zigaretten, blätterte in Zeitungen. So stand das da
wie die Laternen –und – wurde immer starrer. Sie gehörten zusammen mit den Häusern, alles weiß, alles Holz.33
j.
Um sechs Uhr nachmittags kam der Konsul herauf. Er begab sich ins Landschaftszimmer, woselbst er eine lange Unterredung mit seiner Mutter hatte.
„Und wie ist sie?“fragte er. „Wie benimmt sie sich?“
„Ach, Tom, ich fürchte, sie ist unversöhnlich… Mein Gott, sie ist so sehr gereizt…
Und dann dieses Wort… wenn ich nur das Wort wüßte, das er gesagt hat… “
„Ich gehe zu ihr.“
„Thu’das, Tom. Aber klopfe leise, daß sie nicht erschrickt, und bleibe ruhig, hörst du?
Ihre Nerven sind in Unordnung… Sie hat fast nichts gegessen… Es ist ihr Magen,
weißt du… Sprich mit Ruhe zu ihr.“34
k. Und der lange Film beginnt. Es ist also wahr. Man darf noch mal alles betrachten. Ich
sehe ein verpißtes Bett, eine löchrige Insel, silberne Eidechsen, Litfaßtitten, einen Karamboletisch. Tss… Inmitten der schweinischen Zerstörung hab ich das Fett zum Elefanten gemacht, Eis zur Kristallkugel, Schmutzblut zum Abendrot, und ich sagte
welch Ding sich da auch wälzen mag zuerst ist es doch farbig ja und Hauptsache erregend sagte ich zum Ekel… Partisan und Parasit… Das A des Schmerzes.
Orgasmen verkommen zur Auflehnung gegen Momentlosigkeit und andere Lügen, die
rosanen, hellblauen, Versprechungen, Ausflüchte… der ganze brabblige Schwindel…
Aufpfropfungen… Amputationen… B der Furcht.
Hier stürzen die Wasser über die Kante mit Algen und Quallen Fischen und Schiffen… mit allem was sagen kann… D des Trostes. Will nicht sanft in diese Nacht glitschen… schlechter Rutsch in den Vorleichenschleim… gequetscht gepreßt zerknüllt
geplättet verätzt zersetzt verflacht sporadisiert verschossen… Platzpatrone… Hormondreiklänge… Pariserfetzen… E des Zweifels.
Versackt verschlickt abgemoort verlächerlicht… das Narrenatom oder die Spaltung
zwischen Sumpf und Frosch.
ENERGIE! ENERGIER!
Oberflächenspannung einer zähflüssigen… F der Wind.
Vor diesen Leuten die mich finden werden… den glasäugigen Zyklopen Geistministranten Badeschlappen Steckdosen Drehverschlüssen… Aktionäre… Reaktionäre…
bedröhnt verworben gekauft Zins und Zinseszins abblutend Amok Gog und Magog
kawumm ins Notlochschwarz im Kollapsus Katako… 35
l.
Wie lang’wird denn das noch dauern? Ich muß auf die Uhr schauen... schickt sich
wahrscheinlich nicht in einem so ernsten Konzert. Aber wer sieht’s denn? Wenn’s ei-
33
Alfred Döblin: Ausgewählte Werke in Einzelbänden. Begr. von Walter Muschg. In Verbindung mit den Söhnen des Dichters hg. von Anthony W. Riley. Bd. 6: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf.
Hg. von Werner Stauffacher. Zürich: Walter 1996, S. 15f.
34
Thomas Mann: Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke – Briefe – Tagebücher. Hg. von Heinrich
Detering, Eckhard Heftrich u.a. Bd. 1.1: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Hg. u. textkrit. durchges. von
Eckhard Heftrich unter Mitarb. von Stephan Stachorski u. Herbert Lehnert. Frankfurt a. M.: S. Fischer 2002,
S. 415.
35
Helmut Krausser: Fette Welt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1993, S. 247f.
20
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ner sieht, so paßt er gerade so wenig auf, wie ich, und vor dem brauch’ich mich nicht
zu genieren… Erst viertel auf zehn?... Mir kommt vor, ich sitz’schon drei Stunden in
dem Konzert. Ich bin’s halt nicht gewohnt… Was ist es denn eigentlich? Ich muß das
Programm anschauen.. Ja, richtig: Oratorium! Ich hab’gemeint: Messe. Solche Sachen gehören doch nur in die Kirche! Die Kirche hat auch das Gute, daß man jeden
Augenblick fortgehen kann. – Wenn ich wenigsten einen Ecksitz hätt’! – Also Geduld, Geduld!36
9. Inwiefern ist GEORG BÜCHNERS Lenz unter erzählerischen Aspekten literarhistorisch
innovativ?
10. Erklären Sie kurz die Aspekte des Standorts und der Perspektive der Erzählinstanz und
betrachten Sie die folgenden Textbeispiele unter diesen Aspekten. (Veränderungen/Bewegungen sind nicht ausgeschlossen.)
a. In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen.
Während es sich früher gut lohnte, große derartige Vorführungen in eigener Regie zu
veranstalten, ist dies heute völlig unmöglich. Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag
stieg die Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindest einmal täglich sehn;
an den spätern Tagen gab es Abonnenten, welche tagelang vor dem kleinen Gitterkäfig saßen; [...]37
b. Den 20. ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die
Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war naßkalt, das
Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen
hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles
so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das
Gesträuch, so träge, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg,
bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehn konnte.38
c. Rönne, ein junger Arzt, der früher viel seziert hatte, fuhr durch Süddeutschland dem
Norden zu. Er hatte die letzten Monate tatenlos verbracht; er war zwei Jahre lang an
einem pathologischen Institut angestellt gewesen, das bedeutet, es waren ungefähr
zweitausend Leichen ohne Besinnen durch seine Hände gegangen, und das hatte ihn in
einer merkwürdigen und ungeklärten Weise erschöpft.
Jetzt saß er auf einem Eckplatz und sah in die Fahrt: es geht also durch Weinland, besprach er sich, ziemlich flaches, vorbei an Scharlachfeldern, die rauchen von Mohn.
Es ist nicht allzu heiß; ein Blau flutet durch den Himmel, feucht und aufgeweht von
Ufern; an Rosen ist jedes Haus gelehnt, und manches ganz versunken. Ich will mir ein
Buch kaufen und einen Stift; ich will mir jetzt möglichst vieles aufschreiben, damit
nicht alles so herunterfließt. So viele Jahre lebte ich, und alles ist versunken. Als ich
anfing, blieb es bei mir? Ich weiß es nicht mehr.39
36
Arthur Schnitzler: Leutnant Gustl. In: Ders.: Gesammelte Werke. Die erzählenden Schriften. 2 Bde. Bd. 1.
Frankfurt a. M.: S. Fischer 1961, S. 337-366, hier: S. 337.
37
Franz Kafka: Ein Hungerkünstler. In: Ders.: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Nach der Kritischen Ausgabe hg. von Hans-Gerd Koch. Bd. 1: Ein Landarzt und andere Drucke zu Lebzeiten. Frankfurt a. M.: Fischer
Taschenbuch 1994, S. 261-273, hier: S. 261. Im Folgenden nachgewiesen als H.
38
Georg Büchner: Lenz. Studienausgabe mit Quellenanhang und Nachwort. Hg. von Hubert Gersch. Durchgeseh. u. erw. Ausg. Stuttgart: Reclam 1998 (= RUB 8210), S. 5. Im Folgenden nachgewiesen als L.
39
Gottfried Benn: Gehirne. In: Ders.: Gehirne. Novellen. Textkrit. hg. von Jürgen Fackert. Stuttgart: Reclam
1974, S. 3-8, hier: S. 3; außerdem in: Ders.: Sämtliche Werke. Stuttgarter Ausgabe. In Verbindung mit Ilse Benn
hg. von Gerhard Schuster. Bd. 3: Prosa 1. 1910-1932. Stuttgart: Klett-Cotta 1987, S. 29-34, hier: S. 29. Im Folgenden nachgewiesen als G.
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d. Die Leute, schweigend und ernst, als wagten sie die Ruhe ihres Tales nicht zu stören,
grüßten ruhig, wie sie vorbeiritten. In den Hütten war es lebendig, man drängte sich
um Oberlin, er wies zurecht, gab Rat, tröstete; überall zutrauensvolle Blicke, Gebet.
Die Leute erzählten Träume, Ahnungen. Dann rasch ins praktische Leben, Wege angelegt, Kanäle gegraben, die Schule besucht. Oberlin war unermüdlich, Lenz fortwährend sein Begleiter, bald in Gespräch, bald tätig am Geschäft, bald in die Natur
versunken. Es wirkte alles wohltätig und beruhigend auf ihn, er mußte Oberlin oft in
die Augen sehen, und die mächtige Ruhe, die uns über der ruhenden Natur, im tiefen
Wald, in mondhellen schmelzenden Sommernächten überfällt, schien ihm noch näher,
in diesem ruhigen Auge, diesem ehrwürdigen ernsten Gesicht. Er war schüchtern, aber
er machte Bemerkungen, er sprach, Oberlin war sein Gespräch sehr angenehm, und
das anmutige Kindergesicht Lenzens machte ihm große Freude. Aber nur solange das
Licht im Tale lag, war es ihm erträglich; gegen Abend befiel ihn eine sonderbare
Angst, er hätte der Sonne nachlaufen mögen; wie die Gegenstände nach und nach
schattiger wurden, kam ihm alles so traumartig, so zuwider vor, es kam ihm die Angst
an wie Kindern, die im Dunkeln schlafen; es war ihm als sei er blind; jetzt wuchs sie,
der Alp des Wahnsinns setzte sich zu seinen Füßen, der rettungslose Gedanke, als sei
alles nur sein Traum, öffnete sich vor ihm, er klammerte sich an alle Gegenstände,
Gestalten zogen rasch an ihm vorbei, er drängte sich an sie, es waren Schatten, das
Leben wich aus ihm und seine Glieder waren ganz starr. Er sprach, er sang, er rezitierte Stellen aus Shakespeare, er griff nach allem, was sein Blut sonst hatte rascher fließen machen, er versuchte alles, aber kalt, kalt. (L, 8f.)
i. Welchen Effekt hat das Auftauchen des Pronomens „uns“ in diesem
Textabschnitt (vgl. „die mächtige Ruhe, die uns über der ruhenden Natur [...] überfällt“)?
11. Differenzieren Sie Erzählzeit und erzählte Zeit. In welchen Verhältnissen zueinander
können diese Zeitebenen stehen?
12. Was ist unter Analepse und Prolepse zu verstehen?
13. Betrachten Sie folgende Textbeispiele unter dem Aspekt der Zeit. Achten Sie ggf.
auch auf die Tempora.
a. Die Zimmernachbarn, Kellner und Wirtin stürzten in wirrem Durcheinander herbei.
Agathe hatte ihre Schwägerin zu Boden geworfen, kniete auf ihr und suchte sie zu
würgen. Sie lachte, sie schrie und stieß irre Worte aus.
Mit brutaler Gewalt mußte die Tobende gehalten – der zarte Mädchenkörper gebändigt und gefesselt werden.
[...]
Mit Bädern und Schafmitteln, mit Elektrizität und Massage, Hypnose und Suggestion
brachte man Agathe im Laufe von zwei Jahren in einen Zustand, in dem sie aus der
Abgeschiedenheit mehrerer Sanatorien wieder unter der menschlichen Gesellschaft erscheinen konnte, ohne unliebsames Aufsehen zu erregen.
Sie wohnt bei ihrem Vater und hat so viel damit zu thun, die Vorschriften, welche die
Ärzte ihr mitgegeben haben, getreulich zu befolgen, daß ihre Tage und ihre Gedanken
so ziemlich ausgefüllt sind.
[...]
Walter und Eugenie bemühen sich, eine Stelle für sie in dem neugegründeten Frauenheim zu erlangen. Denn, sollte Papa einmal abgerufen werden....ins Haus nehmen
kann man sie doch nicht gut, zu den Kindern – ein Mädchen, das in einer Nervenheilanstalt war...
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Und Agathe hat vielleicht ein langes Leben vor sich – sie ist noch nicht vierzig Jahre
alt.40
[Anmerkung: Das Erzähltempus des Romans ist – abgesehen vom Schluss –
durchgehend das Präteritum.]
b. Einen Augenblick darauf platzte etwas im Hof mit so starkem Schall, daß es Oberlin
unmöglich von dem Falle eines Menschen herkommen zu können schien. Die Kindsmagd kam todblaß und ganz zitternd. (x-x)
Er saß mit kalter Resignation im Wagen, wie sie das Tal hervor nach Westen fuhren.
Es war ihm einerlei, wohin man ihn führte; mehrmals wo der Wagen bei dem schlechten Wege in Gefahr geriet, blieb er ganz ruhig sitzen; er war vollkommen gleichgültig.
In diesem Zustand legte er den Weg durchs Gebirg zurück. Gegen Abend waren sie im
Rheintale. Sie entfernten sich allmählig vom Gebirg, das nun wie eine tiefblaue Kristallwelle sich in das Abendrot hob, und auf deren warmer Flut die roten Strahlen des
Abend spielten; über die Ebene hin am Flusse des Gebirges lag ein schimmerndes
bläuliches Gespinst. [...] Sie mußten einkehren; da machte er wieder mehre Versuche,
Hand an sich zu legen, war aber zu scharf bewacht. Am folgenden Morgen bei trübem
regnerischem Wetter traf er in Straßburg ein. Er schien ganz vernünftig, sprach mit
den Leuten; er tat alles wie es die andern taten, es war aber eine entsetzliche Leere in
ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen; sein Dasein war ihm eine notwendige Last. - - So lebte er hin. (L, 30f.)
c. Ich stehe auf der Plattform des elektrischen Wagens und bin vollständig unsicher in
Rücksicht meiner Stellung in dieser Welt, in dieser Stadt, in meiner Familie. Auch
nicht beiläufig könnte ich angeben, welche Ansprüche ich in irgendeiner Richtung mit
Recht vorbringen könnte. Ich kann es gar nicht verteidigen, daß ich auf dieser Plattform stehe [...] Niemand verlangt es ja von mir, aber das ist gleichgültig.
Der Wagen nähert sich einer Haltestelle, ein Mädchen stellt sich nahe den Stufen, zum
Aussteigen bereit. Sie erscheint mir so deutlich, als ob ich sie betastet hätte. [...] Ihr
kleines Ohr liegt eng an, doch sehe ich, da ich nahe stehe, den ganzen Rücken der
rechten Ohrmuschel und den Schatten an der Wurzel.
Ich fragte mich damals: Wieso kommt es, daß sie nicht über sich verwundert ist, daß
sie den Mund geschlossen hält und nichts dergleichen sagt?41
14. Was ist an THEODOR STORMS Der Schimmelreiter erzählerisch besonders auffällig?
15. Wie wird die Gattung Novelle literaturwissenschaftlich charakterisiert? Greifen Sie
zur Beantwortung dieser Frage auch auf den Eintrag zum Lemma „Novelle“im Metzler Lexikon Literatur zurück.
16. Inwiefern würden Sie THEODOR STORMS Der Schimmelreiter als Novelle charakterisieren?
17. Nennen Sie mindestens vier weitere Untergattungen der Epik neben der Novelle.
V. Drama
1.
2.
3.
4.
5.
Grenzen Sie die Begriffe Drama und Theater gegeneinander ab.
Differenzieren Sie Figur und Person.
Unterscheiden Sie Haupt- und Nebentext.
Differenzieren Sie Akt, Szene und Auftritt.
Was versteht man unter Stichomythie? Wie nennt man die radikalisierte Form der Stichomythie?
40
Gabriele Reuter: Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens. Studienausgabe mit Dokumenten.
2 Bde. Hg. von Katja Mellmann. Bd. 1: Text. Marburg: LiteraturWissenschaft.de 2006, S. 266-268.
41
Franz Kafka: Der Fahrgast. In: Ders.: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Bd. 1, S. 26-27.
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6.
7.
8.
9.
Welche Formen von Konflikten kann man differenzieren?
Was sind Mauerschau und Botenbericht? Welche Funktion erfüllen sie in Dramen?
Was bezeichnet man als Anagnorisis?
Nennen Sie zwei unterschiedliche Übersetzungsmöglichkeiten des aristotelischen
Begriffspaares „phobos“und „eleos“? Welche unterschiedlichen Vorstellungen davon,
was eine Theateraufführung beim Zuschauer auslösen soll, stehen hinter diesen Übersetzungsvarianten?
10. Was ist mit der Ständeklausel gemeint? Berücksichtigen Sie hierbei die Aspekte Fallhöhe und verhandelte Werte.
11. Was ist unter den drei Einheiten zu verstehen?
12. Stellen Sie die Dramentektonik nach GUSTAV FREYTAG vor. Wann und unter welchem
Titel veröffentlichte Freytag seine bedeutende Schrift zum Drama?
13. Erläutern Sie anhand von JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHEDS Drama Sterbender Cato
VOLKER KLOTZ’Kriterien der geschlossenen Dramenform.
14. Was ist bürgerlich am Bürgerlichen Trauerspiel? Gehen Sie exemplarisch auf GOTTHOLD EPHRAIM LESSINGS Emilia Galotti ein.
15. Welcher Dramenform würden Sie Büchners Woyzeck zuordnen? Gehen Sie dabei auf
deren Merkmale nach der Systematik von VOLKER KLOTZ im Einzelnen ein und wenden Sie sie auf Büchners Stück an.
16. Was zeichnet das epische Theater aus? Gegen welche Theaterform grenzt es sich ab?
Wer hat das epische Theater entscheidend geprägt? Nennen Sie eine bedeutende
Schrift zu diesem Konzept. Inwiefern spiegelt es politische Auffassungen wieder?
17. Erläutern Sie, inwiefern BRECHTS Die Dreigroschenoper als exemplarisch für das epische Theater gelten kann.
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F) LITERATURGESCHICHTE
Aufgabeneinheiten zur Literaturgeschichte und Literaturgeschichtsschreibung
1. Was meint der Begriff Kanon?
2. Erklären Sie kurz, was unter dem Konstruktcharakter der Literaturgeschichte zu verstehen ist.
3. Was ist eine Anthologie?
4. Differenzieren Sie die Begriffe Strömung und Epoche. Nennen Sie je drei Beispiele.
5. Barock
a) je zwei Beispiele (Autoren und Texte) zu den Gattungen Lyrik, Drama, Epik
b) bevorzugte Gattungen und Untergattungen
c) typische Themen, Motive
d) typische Formmerkmale
e) Autorbild (poeta doctus, poeta faber, poeta laureatus)
f) Sprachgesellschaften (exemplarische Gruppierung, Mitglieder, Programm/Ziele)
g) Begriff Regelpoetik (→ Reformen in MARTIN OPITZ’Buch von der Deutschen
Poeterey)
h) gesellschaftlicher Kontext
6. Aufklärung
a) je zwei Beispiele (Autoren und Texte) zu den Gattungen Lyrik, Drama, Epik
b) bevorzugte Gattungen und Untergattungen
c) typische Themen, Motive
d) typische Formmerkmale
e) Anakreontik (Begriffsklärung; zwei exemplarische Autoren und Texte)
f) Empfindsamkeit (Begriffsklärung; zwei exemplarische Autoren und Texte)
g) philosophische Einflüsse („-ismen“; mindestens fünf Philosophen)
h) Autorbild
7. Sturm und Drang
a) je zwei Beispiele (Autoren, Texte) zu den Gattungen Lyrik, Drama, Epik
b) bevorzugte Gattungen und Untergattungen
c) typische Themen, Motive
d) typische Formmerkmale
e) Bezeichnung „Sturm und Drang“
f) Autorbild Genie
g) Göttinger Hain (Organisation der Gruppierung; mindestens drei Mitglieder)
h) Verhältnis zur Aufklärung
8. Klassiker und Autoren zwischen Klassik und Romantik
a) je zwei für die Klassik exemplarische Texte zu den Gattungen Lyrik, Drama,
Epik
b) bevorzugte Gattungen und Untergattungen der Klassiker
c) typische Themen, Motive klassischer Texte
d) typische Formmerkmale klassischer Texte
e) Bezeichnung „Klassik“
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f) Konzept der „ästhetischen Erziehung des Menschen“
g) drei Beispiele nicht einzuordnender Autoren zwischen Klassik und Romantik
und je zwei Texte
9. Romantik
a) je zwei Beispiele (Autoren, Texte) zu den Gattungen Lyrik, Drama, Epik
b) bevorzugte Gattungen und Untergattungen
c) typische Themen, Motive
d) typische Formmerkmale
e) Bezeichnung „Romantik“
f) Konzept der progressiven Universalpoesie
g) Unterscheidung Früh-, Hoch- und Spätromantik (je zwei exemplarische Autoren)
h) Jenaer Romantik (Begriffsklärung; mindestens drei Vertreter und Texte)
i) Sammeltätigkeit (Gegenstände; mindestens drei „Sammler“ [Philologen/Autoren])
10. Biedermeier, Junges Deutschland, Vormärz
a) je zwei Beispiele (Autoren, Texte) zu den Gattungen Lyrik, Drama, Epik für
Biedermeier, Junges Deutschland und Vormärz
b) bevorzugte Gattungen und Untergattungen der einzelnen Strömungen
c) jeweils typische Themen, Motive
d) jeweils typische Formmerkmale
e) Bezeichnung „Biedermeier“
f) Abgrenzung: Junges Deutschland vs. Vormärz
11. Realismus
a) je zwei Beispiele (Autoren und Texte) zu den Gattungen Lyrik und Drama
b) vier Beispiele (Autoren und Texte) zur Epik
c) bevorzugte Gattungen und Untergattungen
d) typische Themen, Motive
e) typische Formmerkmale
f) gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Tendenzen
g) Einflüsse aus Philosophie und Wissenschaft
h) Was bedeutet „realistisch“?
i) Abgrenzung zum Naturalismus
12. Naturalismus
a) je zwei Beispiele (Autoren und Texte) zu den Gattungen Lyrik, Drama, Epik
b) bevorzugte Gattungen und Untergattungen
c) Programmatik, Formel
d) typische Themen, Motive
e) typische Formmerkmale
13. Impressionismus und Symbolismus
a) je zwei Beispiele für impressionistische und symbolistische Literatur (Autoren
und Texte)
b) Begriffe „décadence“, „fin de siècle“, „Jugendstil“
c) Abgrenzung Impressionismus und Symbolismus
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d) Georgekreis (Kunstauffassung; mindestens vier Mitglieder)
e) Heimatkunst (Begriffsklärung)
14. Expressionismus
a) zwei Beispiele (Autoren und Texte) zu den Gattungen Lyrik, Drama, Epik
b) bevorzugte Gattungen und Untergattungen
c) typische Themen, Motive
d) typische Formmerkmale
e) Nietzsche-Einfluss
f) Ich-Dissoziation
15. Weimarer Republik und Drittes Reich
a) Einfluss neuer Medien auf literarische Schreibweisen; Montagetechnik
b) je drei Beispiele zu den Gattungen Lyrik, Drama, Epik (möglichst disparate
Beispiele)
c) Neue Sachlichkeit
i. mindestens zwei Beispiele (Autoren und Texte)
ii. Begriffsklärung
d) Rolle des Romans (inkl. drei Beispiele)
e) Tendenzen des Dramas (inkl. drei Beispiele)
f) drei Beispiele für Autoren der sog. Inneren Emigration
g) drei Beispiele für Autoren im Exil
16. Von 1945 bis zur Gegenwart
a) Gruppe 47 (fünf Beispiele für Mitglieder [darunter mindestens zwei Literaturkritiker] und Texte; Rolle im Literaturbetrieb)
b) hermetische Lyrik (drei Beispiele [Autoren und Texte])
c) Gruppe 61 und Werkkreis Literatur der Arbeitswelt (Programm/Themen, vier
Beispiele für Autoren)
d) politisierte Literatur der 60er und 70er Jahre in der BRD (drei exemplarische
Autoren und Texte)
e) Dokumentartheater (Begriff; zwei Beispiele [Autoren und Texte])
f) Konkrete Poesie (Konzept, drei Beispiele [Autoren und Texte])
g) Literatur in der DDR
i. je drei Beispiele (Autoren und Texte) zu den Gattungen Lyrik, Drama,
Epik
ii. Literaturprogrammatik gemäß dem sozialistischen Realismus
iii. Bitterfelder Weg
h) drei Beispiele (Autoren und Texte) für sog. Wende-Literatur
i) drei deutsche Autoren, die nach 1970 geboren sind
17. Nennen Sie jeweils drei Autoren aus der Schweiz und aus Österreich und dazu je einen exemplarischen Text.
18. Nennen Sie jeweils zwei Epochen/Strömungen, in denen Konzepte entweder der Autonomie der Literatur oder der engagierten bzw. außerliterarisch funktionalisierten Literatur virulent waren.
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