close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Arterienverkalkung – was Sie darüber wissen sollten

EinbettenHerunterladen
Arterienverkalkung –
was Sie darüber wissen sollten ...
und wie Sie sich dagegen wehren können
Ein Beitrag zur Prävention Ihres
Herz- und Hirnschlags
Herausgegeben von der Stiftung Varifo, Olten
Impressum
Autoren
Herausgeber
Stiftung Varifo
Dr. Michel Romanens
Ziegelfeldstr.1
4600 Olten
Gestaltung
Stephanie Estoppey,
Bachelor of Arts Industrial Design, Basel
Druck
Jobfactory Print Basel
Lektorat
Jean-Pierre Rothen, PhD
Eduard Hafner, lic. iur.
Stephanie Estoppey B.A. FHNW HGK
Bestellung
Mail an checkup@varifo.ch
Stiftung Varifo
Ziegelfelstrasse 1
4600 Olten
Tel: 062 212 44 10
Fax: 062 212 44 30
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Präventionsinformation der Stiftung VARIFO
Die Autoren geben in dieser Präventionsinformation in gut verständlicher Form
wichtige Informationen zur Vorbeugung von Herz- und Hirnschlag.
In 23 kommentierten Abbildungen und Tabellen werden die wichtigsten Informationen auf den Punkt gebracht. Neben nützlichen Ratschlägen werden aber auch
ethische Fragen um die Prävention und Schwachpunkte in der heutigen Therapie
und Prävention von Herz- und Hirnschlag thematisiert.
Wir hoffen, damit unseren Probanden der Cordicare II Studie sowie allen interessierten Laien eine interessante und lehrreiche Lektüre vorlegen zu können.
2. Auflage
September 2009
Ihre Meinung ist uns wichtig. Anregungen oder Kritik nehmen wir gerne per
E-Mail unter der Adresse checkup@varifo.ch oder info@kardiolab.ch entgegen.
Der Unkostenbeitrag von CHF 20.00 kommt der Stiftung zu Gute.
Der Herausgeber:
Dr. med. Michel Romanens
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
3
Einleitung
4
1// Was Arterienverkalkung ist und was
ich tun kann damit es nicht passiert
5
Beschwerden, die mich verunsichern 19
2// Bin ich schon krank? Ich habe
3// Etablierte Möglichkeiten zur Gefahren –
Erkennung 23
4// Ergänzende Möglichkeiten zur verbesserten
Gefahrenerkennung
25
5// Spezielle Situationen
30
6// Grundsatzfragen zu Prävention und Ethik
37
Zusammenfassung 40
1. Anhang Verhütungsstrategie in der Übersicht 42
2. Anhang Risikoberechnungsbeispiel und
mögliche Erfolge dank Risikokontrolle 44
Internetadressen zu Evidenz – basierter Medizin
49
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Vorwort
Arterienverkalkung wird gefürchtet, weil sie gemeinhin mit „Verblödung“ assoziiert wird. Arterienverkalkung betrifft jedoch alle wichtigen Arterien, nicht nur jene
im Kopf.
Arterienverkalkung ist ein über Jahrzehnte schleichender Prozess ohne Krankheitssymptome. Bei den ersten Anzeichen die sich bemerkbar machen, ist die Arterienverkalkung schon weit fortgeschritten, sie macht sich häufig direkt in einem
Herz– oder Hirnschlag deutlich.
Eine frühzeitige Erfassung der Arterienverkalkung, vorzugsweise mit Ultraschall
an der Halsschlagader, macht es möglich, den gefährlichen Prozess früh zu erkennen und zu behandeln. Hier gilt: je früher, desto besser.
Eine Behandlung der Arterienverkalkung ist gut möglich. Durch kleine Änderungen im täglichen Leben können Hauptrisikofaktoren wie Rauchen,
Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker, Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung korrigiert und damit das Risiko um bis zu 80% gesenkt werden.
Eine gute Kontrolle der Risikofaktoren ist eine weitgehende Garantie gegen das
weitere Fortschreiten der Arterienverkalkung und damit auch gegen das Auftreten von Herz- und Hirnschlag.
Neben Veränderungen des Lebensstils muss die Arterienverkalkung und die erhöhte Thromboseneigung, welche mit der Arterienverkalkung einhergeht, häufig
auch mit Medikamenten behandelt werden.
Es ist schon seit über 100 Jahren bekannt, dass ein Mensch so alt ist wie seine
Arterien (Sir William Osler). Der Zustand der Arterien ist somit ein Ersatz für das
chronologische Alter und entspricht dem biologischen Alter. Tatsächlich ist eine
Verbesserung des Zustandes der Arterien möglich und führt zu einer Art biologischen Verjüngung des Organismus. Dies ist nicht schwer zu verstehen, sind
doch die Gifte, welche zur Arterienverkalkung führen, insbesondere auch schädliche Luftpartikel aus Abgasen und Zigaretten, wichtige Ursachen für Herz- und
Hirnschlag, aber auch für Krebs.
In England beobachtete man beispielsweise nach Schliessung gewisser Fabriken mit erheblicher Luftschadstoffbelastung eine Abnahme der Herzinfarkte in
den umliegenden Spitälern um 70%.
Mit dieser Präventionsinformation erhalten Sie wichtige Daten dazu, wie Sie Ihr
biologisches Alter erfassen und was Sie gegen die Arterienverkalkung tun können. Arterienverkalkung ist kein Schicksal sondern eine Krankheit der Arterien,
welche behandelbar ist.
3
4
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Einleitung
Diese Präventionsinformation ist notwendig
Die Ratgeber im Gesundheitsbereich sind zahlreich. Gesundheit ist schliesslich
unser wichtigstes Gut. Doch wer garantiert schon, dass all diese Aussagen nicht
gesteuert werden durch finanzielle oder ideologische Interessen? In dieser Informationsschrift erwartet Sie eine kompakte und wissenschaftlich fundierte Information zur Frage, wie Sie künftig Herz- und Hirnschlag vermeiden können – oder
dürfen! Die Information, die Sie hier erhalten, wird gefördert durch die Stiftung
Varifo, welche die Verhütung von Herz- und Hirnschlag zum Ziel hat. Hier erhalten Sie Informationen aus 15 Jahren täglicher Erfahrung in der Frage, wie verhüte ich den Herz- und Hirnschlag. Dem Leserpublikum soll dieses Wissen und die
Zukunftsperspektiven in allgemein verständlicher Form nahe gebracht werden.
Was können Sie aus der Lektüre lernen?
Ziel dieses Ratgebers ist es, Ihnen in konzentrierter Form über 6 Kapitel die
Möglichkeiten zur Verhütung von Herz- und Hirnschlag darzulegen. Weiter erwartet Sie eine Fülle an Informationen über die korrekte Einordnung von Brustbeschwerden und Atemnot.
Der Herausgeber
Dr. Michel Romanens führt seit 1994 eine Arztpraxis zur Abklärung von vermuteten oder bekannten Herzkrankheiten. Seit 1996 interessiert sich der Autor für
die Bildgebung der Arterienverkalkung und hat darüber mehrfach publiziert. Insbesondere liefert der Autor zusammen mit seinen Mitarbeitern neue Lösungsansätze zum korrekten Einbezug der Resultate aus Bildgebungsverfahren in ein
effizientes klinisches Risiko-Management.
Dr. med. Michel Romanens
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
1// Was Arterienverkalkung ist und was ich tun kann,
damit es nicht passiert Erster Teil: Arterienverkalkung: was ist das?
Durch die Arterien wird im Blut Nahrung und Sauerstoff zu den Organen transportiert. Im Gegensatz zu den Venen, in welchen das verbrauchte Blut von den
Organen abtransportiert wird. Dabei kommt es zu Ablagerungen im Bereich der
innersten Schicht der Arterien, der so genannten Intima. Die Intima kann mit einer
Tapete verglichen werden, welche die Arterie inwendig kleidet und normalerweise 0.5 Millimeter dick ist.
Die Erkrankung der Intima (Halsschlagader), also die Arterienverkalkung, wird
wissenschaftlich mit dem Begriff Atheromatose umschrieben. Dabei führen
Schadstoffe und übermässige Druckbelastung zu einer Verdickung der Intima.
Diese lagert die Schadstoffe ein, was wiederum zu einer Entzündung führt.
Abbildung 1
Die Entwicklung der Atherosklerose über die Jahrzehnte: links eine „junge“
Arterie mit normaler Intimadicke. Im Verlauf der Jahrzehnte bilden sich die
Atherome, welche im günstigen Fall durch die Intima abgedeckt wird. Reisst
die Intima – die schützende Tapete – ein, kann es zu einem plötzlichen
Verschluss der Arterie kommen (Thrombose). Es existieren Medikamente,
welche sowohl die Zunahme der Atherome als auch das Risiko der Thrombose senken können.
5
6
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Diese Entzündung, welche lokal auch zu einer messbaren Temperaturerhöhung
führt, wird über den Verkalkungsprozess teilweise repariert und führt zu einer
lokalen Verdickung der Arterien – der sogenannten Atheromatose oder Plaquebildung.
In den meisten Fällen führt eine abrupte Unterbrechung der Blutzufuhr zum so
genannten Infarkt, Herz- und Hirnschlag können die Folge sein, vor allem wenn
die Blutzufuhr nicht in kürzester Zeit wieder hergestellt werden kann. Der Herzmuskel erträgt einen Unterbruch der Blutzufuhr unbeschadet während höchstens
30 Minuten, beim Hirnschlag können schon wenige Minuten fatale Auswirkungen
haben.
Abbildung 2
Thrombose im Herzkranzgefäss als Ursache des Herzinfarktes.
Die Atherome entwickeln sich langsam
und verursachen keine Beschwerden.
Das Bild unten rechts zeigt eine Thrombose nach Einreissen der Intima. Bei
über 70% der Fälle tritt die Thrombose
ohne Vorwarnung auf, da das Gefäss
meist nicht hochgradig eingeengt ist, bevor „es“ passiert.
Warum es plötzlich zum Herz- und Hirnschlag kommen
kann Gemäss landläufiger Meinung führt die zunehmende Einengung der Arterien
durch die Arterienverkalkung zum Herz- und Hirnschlag. Dieser Prozess führt
jedoch meistens zu Symptomen, vor allem als Folge einer Sauerstoffschuld. Im
Herzmuskel tritt diese Sauerstoffschuld bei körperlicher Belastung auf (Angina
Pectoris). Das Gehirn ist durch solche Einengungen viel weniger gefährdet, da
die Zufuhr über 4 Hauptarterien erfolgt, welche so miteinander verbunden sind,
dass die Verminderung der Zufuhr meist problemlos kompensiert werden kann.
Herz- und Hirnschlag werden somit nicht nur durch Einengungen der Arterien
verursacht, sondern mehrheitlich durch plötzliche Verschlüsse der Arterien. Diese treten innerhalb von wenigen Minuten auf und werden durch ein Gerinnsel
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
verursacht, die Thrombose, und genau dass ist das gefährliche an der Arterienverkalkung.
Als weitere Ursache des Hirnschlags ist die Embolie zu nennen. Dabei handelt
es sich um kleine Gerinnsel (Thrombosen) welche über den Blutstrom in das
Hirn transportiert werden und dort zu einem plötzlichen Verschluss führen. Die
Gerinnsel können ausgehen
a) vom Herzen aus dem linken Vorhofsohr bei Vorhofflimmern,
b) von der Hauptschlagader (Aorta),
c) von der Halsschlagader, beide bei Vorliegen schwerer Arterienverkalkungen
d) bei den seltenen hochgradigen Einengungen der Halsschlagadern.
Demgegenüber wird die Hirnblutung meist durch eine Erkrankung der Arterien
im Bereich der Hirnbasis verursacht. Dabei wird die Arterienwand durch schädliche Stoffe brüchig. Dies ist ebenfalls Folge eines zu hohen Blutdrucks, welcher
dann zudem zum Einreissen der Arterienwand führt. Bei Personen, welche einen
kontrollierten Blutdruck aufweisen, kann diese häufige Ursache des Hirnschlages
unter 1% gesenkt werden (NASCET Studie, New England Journal of Medicine,
1998). Andere, seltene, Ursachen der Hirnblutung sind Gefässmissbildungen (arteriovenöse Fisteln, Aneurysmen, Cavernome) sowie Hirnlappen - Blutungen bei
(amyloider) Degeneration (meistens bei Alzheimer-Patienten).
Wie gefährlich ist der Einengungsgrad in den Herzkranzgefässen: eine kurze Übersicht
Der Einengungsgrad als Ursache für den Herzinfarkt wird kontrovers diskutiert.
Dieses Problem wird im Folgenden unter Beachtung von 3 Hauptargumenten
kurz diskutiert:
A) Erste Anzeichen für die Herzkranzgefäss-Erkrankung gemäss Framingham - Studie
B) Prognose von Einengungen, welche keine Durchblutungsstörung zur
Folge haben
C) Einengungsgrad zum Zeitpunkt der Untersuchung im Herzkatheter-Labor für die stabile Angina Pectoris, für die instabile Angina Pectoris und für
den Herzinfarkt
7
8
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
A) Erste Anzeichen für die Herzkranzgefäss-Erkrankung gemäss Framingham-Studie
Tatsache ist, dass viele Personen, welche einen tödlichen oder nicht-tödlichen
Herzinfarkt erleiden, vorher keine Beschwerden aufwiesen. Die Daten hierzu lieferte die weltberühmte Framingham-Studie.
Diese ergab, dass sowohl bei Männern wie bei Frauen die ersten Anzeichen der
Herzkranzgefäss-Erkrankung (=koronare Herzkrankheit) in über 50% der Fälle
akut lebensbedrohlich und in rund 15% der Fälle direkt tödlich sind. Dies deutet
klar darauf hin, dass die Daten über die Gefährlichkeit des Einengungsgrades mit
Vorsicht zu betrachten sind: es wurden nur die Überlebenden untersucht und die
Mehrheit der Fälle hatten offensichtlich keine eindeutigen Warnungen (Angina
Pectoris.)
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
B) Prognose von Einengungen, welche keine Durchblutungsstörung zur
Folge haben
Anlässlich von Herzkatheter-Untersuchungen kann mit einer speziellen Technik
die Flussreserve für das Blut in den Herzkranzgefässen (sogenannten fraktionelle Flussreserve, FFR), festgestellt werden, ob eine scheinbar hochgradige Einengung (>70%) auch tatsächlich eine Durchblutungsstörung zur Folge hat.
In der FAME Studie (Nico Pijls, 2008) wurden bei 500 Personen jede hochgradige Einengung in den Herzkranzgefässen mit einem „Gitterli“ (Stent) versorgt, bei
weiteren 500 Personen wurden nur diejenigen Einengungen mit Stents versorgt,
die auch eine niedrige Flussreserve (FFR< 75%) aufwiesen. Wer in der jeweiligen Gruppe behandelt worden war, wurde vorgängig durch das Zufallsprinzip
bestimmt. Die Abbildung zeigt, dass bereits nach einem Jahr die Herzinfarktrate
bei jenen 500 Patienten 50% höher war, welche unabhängig von der Flussreserve mit einem Stent behandelt worden waren. Dieses Resultat war statistisch
signifikant (p=0.04), das heisst, ein Irrtum ist zu 96% ausgeschlossen.
Zudem konnten wir in einer eigenen Arbeit im Kanton Solothurn feststellen, dass
das Risiko für tödlichen und nicht-tödlichen Herzinfarkt 0.7% pro Jahr beträgt,
wenn die wegen Herzbeschwerden untersuchten Patienten in der HerzmuskelDurchblutungsmessung (Nuklearmedizin) keine Durchblutungsstörung aufwiesen.
Somit gilt: ohne Durchblutungsstörungen sind auch relativ hochgradige Einengungen in der Regel ungefährlich und sollten nicht mit Stents behandelt werden,
da sonst das Risiko des Patienten mit Herzkranzgefäss-Erkrankung nicht sinkt
sondern zunimmt!
Abbildung 3
Stents, sog. „Gitterli“ dienen dazu,
eine Ballonerweiterung der Herzkranzgefässe zu stabilisieren.
Diese werden ohne Operation
über eine Einstichstelle in der
Leiste mittels einem Katheter zu
den Herzkranzgefässen geführt.
A Ballonkatheter wird eingesetzt
B Ausdehnung des Stents via Ballon
C Implantiertes Stent
9
10
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
C) Einengungsgrad zum Zeitpunkt der Untersuchung im Herzkatheter-Labor für die stabile Angina Pectoris, für die instabile Angina Pectoris und für
den Herzinfarkt
Die Grafik zeigt drei Zustände, welche für die Erkrankung der Herzkranzgefässe
typisch sind:
1) Stabile Situation: die Einengung führt zu meist spürbaren Durchblutungsstörungen bei Belastung (=stabile Angina pectoris, Definition siehe Tabelle 4).
Wie aus der Grafik ersichtlich ist, können Einengungen zwischen 50-95% Angina
Pectoris verursachen, es ist aber aufgrund der Diagnostik-Methode nicht erwiesen, dass bei all diesen Patienten die erfassten Einengungen tatsächlich für die
Beschwerden verantwortlich sind, hierfür hätte man einen Test für die Messung
der Herzdurchblutung durchführen sollen.
2) Instabile Situation: hier sind die Einengungen, welche tatsächlich gefährlich
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 11
werden können, im Mittel mit 72% (gegenüber 65% bei der stabilen Angina Pectoris) erfasst. Gleichzeitig ist aber die Streubreite der Einengungen grösser.
3) Beim akuten Herzinfarkt zeigt sich eigentlich kein grundlegend anderes Bild.
Die Einengungen variieren von höchstgradig bis gering mit einem Mittelwert von
65%, einige Einengungen, die einen Herzinfarkt verursacht haben, waren aber
sogar geringer als 50%.
12
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Fazit: auch Hühner machen Mist, oder auf die Herzkranzgefäss-Erkrankung
übertragen: Die meisten Einengungen in den Herzkranzgefässen machen keine
Beschwerden und bergen für sich einzeln ein sehr niedriges Risiko für Herzinfarkt und plötzlichen Herztod.
Da jedoch die Atherosklerose in den Herzkranzgefässen zu 99% keine hochgradigen Einengungen verursacht (die Plaques wachsen nicht in die Blutstrombahn,
sondern nach aussen, sogenannten Glagov-Phänomen, siehe Abbildung), sind
die vielen kleinen Plaques, welche sich im ganzen Herzkranzgefäss-System bilden können, so häufig, dass auch seltene Ereignisse wegen der Vielzahl dieser
kleinen Plaques durchaus für die Prognose relevant sein können.
Deshalb ist die Entdeckung der sogenannten subklinischen (also: keine Beschwerden verursachenden) Atherosklerose so enorm wichtig. Einerseits können
die Betroffenen frühzeitig behandelt werden, andererseits muss man ja nicht warten, bis aus kleinen Plaques hochgradige Einengungen werden, welche für sich
dann ein deutlich höheres Risiko in sich bergen. Eingriffe in den Herzkranzgefässen (Stents oder Erweiterungen mit Ballon) sollten in der Regel nur bei Personen
durchgeführt werden, welche eine Durchblutungsstörung aufweisen.
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 13
Zweiter Teil: Was ich tun kann, damit „es“ nicht
passiert
Herz- und Hirnschlag sind Folgen einer geringen Zahl von Haupt-Risikofaktoren, diese sind: Alter, Geschlecht, Cholesterin, Blutdruck, Zuckerkrankheit, Nikotin.
Alle anderen Risikofaktoren wie familiäre Belastung mit Herz- und Hirnschlag,
Übergewicht, Bewegungsmangel, Luftverschmutzung, Depression, einseitige
Ernährung, übermässiger Alkoholkonsum oder negativer Stress am Arbeitsplatz
sind Nebenfaktoren, welche in der Verhinderung von Herz- und Hirnschlag ebenfalls und besonders im Einzelfall wichtig sein können. Allein die Behandlung der
Hauptfaktoren kann allerdings das Risiko für Herz- und Hirnschlag um bis zu
80% senken.
Wenn Sie Ihr Risiko senken möchten, dann machen Sie es sich also nicht zu
kompliziert. Beachten Sie zunächst die Hauptfaktoren, diese müssen im Zielbereich sein. Alle anderen Faktoren sind ebenfalls zu beherzigen, aber weniger
wichtig.
Wie werde ich mein eigener Doktor? Bei der Verhütung von Herz- und Hirnschlag sollten Sie Ihr Risiko kennen und
sich entsprechend der Höhe des Risikos bestimmte Ziele setzen: denn jeder
Haupt-Risikofaktor ist umso gefährlicher, je höher Ihr Risiko eingeschätzt werden
muss. Sie können Ihr Risiko durch Ihren Hausarzt bestimmen lassen oder auf der
Website Ihr Risiko berechnen:
http://gesundheitscheck.ch/riskcalculator.htm
Bitte beachten Sie, dass heute das Risiko mit verschiedenen Risikorechnern berechnet werden kann. Das Risiko kann für den Herzinfarkt oder Tod durch Herz- und
Hirnschlag berechnet werden. Die Sache ist im Einzelfall nicht immer ganz einfach,
weswegen eine Beratung durch den Hausarzt bei Unklarheiten immer notwendig ist.
Sie sollten Ihr Risiko für Herzinfarkt in drei Kategorien einordnen können: niedrig
(grün), mittel (gelb), hoch (rot). Ab dem 45. Lebensjahr befinden sich rund 75%
im niedrigen, rund 20% im mittleren und rund 5% im hohen Risikobereich.
14
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Ein hohes Risiko bedeutet jedoch lediglich, dass das Risiko für Herzinfarkt
20% in 10 Jahren (oder mehr) beträgt, also kein Grund zur Panik, sondern
Grund, etwas zu ändern!
Abbildung 4
Die drei Risikokategorien für Herzinfarkt.
Je ein Drittel der Herzinfarkte treten pro Risikokategorie auf. 2/3 der Herzinfarkte treten somit bei Personen ohne hohes Risiko auf (Sensitivität ca
33%) wie der hellgrüne und der gelbe Teil zeigen.
Für jede der genannten Risikogruppen hat die Schweizerische Arbeitsgruppe für
Lipide und Atherosklerose als auch die Schweizerische Hypertonie-Gesellschaft
Empfehlungen abgegeben (www.agla.ch). Im Grunde genommen ist die Sache keineswegs kompliziert. Ihr Blutdruck sollte unter 135/85 mm Hg betragen, bei hohem Risiko 120/80 mm Hg. Beim Cholesterin unterscheiden
wir zwischen dem „bösen“ LDL- und dem „guten“ HDL-Cholesterin. Das
LDL-Cholesterin sollte möglichst unter 4.9 mmol/l betragen, bei weiteren
Risikofaktoren wie Rauchen oder hohem Blutdruck unter 4.1 mmol/l, bei
mittlerem Risiko unter 3.4 mmol/l, bei hohem Risiko unter 2.6 mmol/l, bei
sehr hohem Risiko unter 2.0 mmol/l. Das HDL-Cholesterin sollte über 1.0
mmol/l betragen, bei Frauen sogar über 1.2 mmol/l.
Sind die Zielwerte für Blutdruck und Cholesterin nicht erreicht, besteht Handlungsbedarf. Der Bluthochdruck wird meist mit Medikamenten behandelt, zusätzlich führen vermehrte körperliche Aktivität, Abnahme des Körpergewichts
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 15
und eine Verminderung der Kochsalzzufuhr zum Erfolg. Beim Cholesterin sind
in der Regel sogenannte Statine1 notwendig. Sowohl den Blutdruck senkende
Medikamente wie auch Statine weisen ein ausgesprochen gutes Sicherheitsprofil
auf und schützen ihren Körper zusätzlich vor den Folgen der Arterienverkalkung.
Das Hirnschlagrisiko kann durch die Behandlung der wichtigsten Risikofaktoren,
welche zum Herzinfarkt führen, ebenfalls sehr effizient gesenkt werden. Wird
beispielsweise der erhöhte systolische („obere“) Blutdruck um 6 mm Hg gesenkt,
also z.B. von 140 auf 134 mm Hg, sinkt das Hirnschlagrisiko um 42%. Selbst bei
Personen jenseits des 80. Lebensjahres konnte gezeigt werden, dass mit einer
Senkung des Blutdrucks sogar die Gesamtsterblichkeit günstig beeinflusst wird.
Raucherinnen und Raucher haben ein ca. 2-fach erhöhtes Hirnschlagrisiko. Dieses wird nach Nikotinstop innerhalb eines Jahres um 50% gesenkt. 5 Jahre nach
Einstellend es Rauchens ist das Risiko wieder gleich hoch wie beim Nichtraucher.
Hier noch einige Informationen zum Metabolischen Syndrom:
Tabelle 1: Metabolisches Syndrom
Das Metabolische Syndrom ist eine Vorstufe zum Diabetes (Zucker
krankheit) und als wichtiger Risikofaktor anerkannt
3 von 5 Kriterien sollten zutreffen, um die Diagnose zu stellen:
•
•
•
•
•
Bauchumfang Mann > 102 cm, Frau > 88 cm
Blutdruck > 130/85 mm Hg
Triglyceride > 1.7 mmol/l
HDL Mann < 1.0 mmol/l, Frau < 1.3 mmol/l
Nüchtern Blutzucker (im Plasma) > 6.1 mmol/l
¹ Statine sind Medikamente, welche das „schlechte“ Cholesterin senken. (LDL Cholesterin).
Dies geschieht über eine Hemmung der Cholesterinproduktion durch einen Eingriff in die Cholesterinproduktion der Leber.
Eine Diät kann das LDL – Cholesterin häufig nur ungenügend beeinflussen.
16
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Tabelle 2: Richtige Messung und Behandlung des Blutdrucks
•
•
•
•
•
•
•
•
• • Warten Sie mit der Blutdruckmessung einige Minuten, ruhen Sie sich aus vor der Messung und messen Sie am besten mit einer Manschette am Oberarm. Idealerweise sollten 3 Messungen durch-
geführt werden und die 2. und 3. Messung gemittelt werden = Endresultat.
Die vom Patienten selbst durchgeführten Messungen im Sitzen oder bei älteren Personen ab 70 im Stehen müssen validiert sein, dass heisst, es muss eine Kontrolle der Selbstmessungen mit den Messungen des Arztes erfolgt sein.
Falls die Werte übereinstimmen, empfiehlt sich eine Dokumentation mehrerer Blutdruckwerte über 2 Wochen, mit Messung jeweils am Tag 1 am Morgen, Tag 2 am Mittag, Tag 3 am Abend, usw. und Be-
stimmung des Mittelwertes aus allen Messungen.
In der Regel sollte der Mittelwert des Blutdrucks unter 135/85 mm Hg betragen.
Bei Hochrisiko-Patienten, insbesondere Diabetes mellitus Typ 2 oder Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) ist ein noch tiefe
rer Mittelwert anzustreben. Besprechen Sie dies mit Ihrem Hausarzt.
Achtung: vor allem bei älteren Patienten über 70 Jahren kann der Blutdruck abfallen. Deswegen muss der Blutdruck im Stehen gemessen werden.
Achtung: während Hitzeperioden verliert der Körper unter Umstän-
den viel Flüssigkeit. Dies kann zu tiefem Blutdruck führen, deswegen muss ev. die Tabletteneinnahme angepasst werden.
Zu tiefe Blutdruckwerte, insbesondere der diastolische Blutdruck
< 60 mm Hg, kann zu Unterdurchblutung des Herzmuskels führen.
Die Zielwerte für den Blutdruck müssen durch eine Änderung des Lebensstil (Bewegung, Gewichtsabnahme, Vermeidung übermässi-
ger Kochsalz-Zufuhr, gesunde Ernährung) und allenfalls durch Medi-
kamente erreicht werden.
Bei Vorliegen von Atheromen in der Halsschlagader sollte zudem eine Aspirin- und Statinbehandlung erwogen werden und gegebe-
nenfalls der Blutdruck noch intensiver behandelt werden.
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 17
Tabelle 3: Zielwerte Cholesterine in Abhängigkeit des Risikos
•
•
•
•
•
•
•
•
Bei Personen mit niedrigem Risiko für Herzinfarkt und keine weite-
ren Risikofaktoren sollte ein LDL-Cholesterin < 4.9 mmol/l erreicht
werden.
Bei Personen mit niedrigem Risiko für Herzinfarkt und einem
weiteren Risikofaktor wie z.B. Rauchen, sollte ein LDL-Cholesterin <4.1 mmol/l erreicht werden.
Bei Personen mit intermediärem Risiko für Herzinfarkt (10-19%
Risiko in 10 Jahren) sollte ein LDL-Cholesterin < 3.4 mmol/l erreicht
werden.
Bei Personen mit hohem Risiko für Herzinfarkt sollte ein LDL-Cho-
lesterin < 2.6 mmol/l weiter erreicht werden.
Bei Personen mit sehr hohem Risiko für Herzinfarkt sollte ein LDL-
Cholesterin < 2.0 mmol/l weiter erreicht werden.
Das HDL-Cholesterin (das gute Cholesterin) sollte bei Männern über 1.0 mmol/l betragen, bei Frauen über 1.2 mmol/l.
Bei erhöhtem LDL-Cholesterin ist in der Regel eine Statinbehand-
lung nicht zu umgehen. Die Dosis ist an die Zielwerte anzupassen.
Bei niedrigem HDL-Cholesterin hilft gesunde Ernährung, gute Ein-
stellung des Blutzuckers, mehr Bewegung (Ausdauertraining), Niko-
tinabusus stop, Reduktion Körpergewicht.
18
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Wie pflege ich die Beziehung zu meinem Hausarzt?
Ihr Hausarzt ist der erste Ansprechpartner für die Prävention von Herz- und Hirnschlag. Voraussetzung für eine Prävention ist aber ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Arzt. Aber Achtung: die Versicherer zwingen heute
die Hausärzte zum Sparen. Es kann deswegen sein, dass Ihr Hausarzt bei den
Versicherern als teurer Arzt identifiziert wurde, nur weil er versucht, seine teuren
Patienten richtig medizinisch zu versorgen.
Viele Hausärzte erhalten vom Dachverband der Krankenversicherer, der
Santésuisse, Briefe, wonach sie den Kostenschnitt überschritten hätten. Da der
Kostenschnitt der Santésuisse als Beweismittel für Überarztung vor den Gerichten gewertet wird, sind durch Santésuisse angedrohte Rückzahlungen, z.B. von
Medikamenten, die Sie auf Anraten Ihres Arztes in der Apotheke gekauft haben,
eine echte Bedrohung für Ihren Hausarzt. Die Rückforderungen der Santésuisse
können so rasch mehrere 100‘000 Franken betragen.
Fragen Sie deshalb Ihren Hausarzt mal vorsichtig, ob er von der Santésuisse gezwungen wird, zu sparen. Falls ja, fragen Sie ihn, welche Lösungen er vorschlägt,
es gibt da mehrere Möglichkeiten. Wichtig ist, dass Sie Ihre persönlichen Risikofaktoren kennen und mit dem Hausarzt daran arbeiten, die Zielwerte zu erreichen.
Es darf nicht sein, dass Sie Opfer einer versteckten Sparübung (Rationierung)
werden. Zudem stehen Sie mit Ihrem Arzt in einem zivilen Rechtsverhältnis,
dem sogenannten Auftragsrecht. Ihr Hausarzt muss mit allen Mitteln versuchen,
bei Ihnen einen Herz- und Hirnschlag zu verhindern, wenn Sie das von ihm so
klar und deutlich verlangen. Und vergessen Sie nicht, dass nur da versteckt
rationiert wird, wo sich der Patient nicht selber wehrt.
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 19
2// Bin ich schon krank? Ich habe Beschwerden, die
mich verunsichern…
Art und Interpretation von Beschwerden
Irgendwann werden wir uns bewusst, dass das Leben nicht ewig währt. Auslöser solcher Erkenntnis sind nicht selten dramatische Ereignisse im persönlichen
Umfeld (zum Beispiel: Bekannter in den Ferien plötzlich gestorben) oder das
Auftreten von unklaren Beschwerden, welche über die Zeit zunehmend ängstlich
erlebt werden. Werden solche Beschwerden dann falsch interpretiert, kehren sie
sich gegen einen selber, werden von der sprichwörtlichen Mücke zum Elefanten,
arten in Panikattacken aus und führen zu einer allgemeinen Verminderung des
Lebensgefühls: wir stehen nicht mehr auf dem eigenen Geleise.
Deswegen die Grundregel bei unklaren Beschwerden: holen Sie sich Klarheit.
Sie dürfen von Ihrem Hausarzt dabei einiges mehr erwarten als die Aussage, es
sei nichts. Da fühlt sich sonst keiner wirklich ernst genommen. Mögliche Warnsymptome sollten also nicht verschleppt werden (siehe Tabelle 4).
Bei der Durchblutungsstörung des Herzmuskels treten typischerweise drückende oder brennende Brustbeschwerden bei körperlicher Belastung auf, welche in
Ruhe rasch verschwinden. Alle Brustbeschwerden, welche durch körperliche Belastung ausgelöst werden, sind abklärungspflichtig. Andere Brustbeschwerden,
die z.B. den ganzen Tag anhalten, durch körperliche Belastung nicht verstärkt
oder sogar gemildert werden, durch tiefes Einatmen beeinflusst werden können
(z.B. Abschwächung oder Verstärkung durch tiefes Einatmen) oder stechender
Natur sind, vor allem im Bereich der linken Brust, sind in der Regel lediglich unangenehm, aber harmlos.
Treten durch körperliche Belastungen vermehrt Atemnot oder Pulsunregelmässigkeiten auf, sollte dies ebenfalls abgeklärt werden. Beim Herzinfarkt treten starke Brustbeschwerden auf, welche durch kalten Schweissausbruch, Angstgefühle
und Atemnot begleitet werden. In diesem Fall sollten Sie sofort die Ambulanz avisieren (Tel 144), das Risiko für Herzinfarkt ist hoch, es gilt, keine Zeit zu verlieren
und auch nicht den Helden zu spielen.
Der drohende Hirnschlag wird in der Regel rasch richtig erfasst, denn die Symptome sind eindeutig: das Nervensystem reagiert nicht mehr auf Ihren Willen,
es kommt zu Lähmungserscheinungen oder Empfindungsstörungen, welche
typischerweise halbseitig auftreten (sogenannte Streifung). Auch hier ist der
notfallmässige Transport in das nächste Spital das einzig Richtige.
20
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Tabelle 4: Brustbeschwerden richtig interpretiert
• Typische Angina Pectoris: Die typische Angina pectoris weist auf eine
Durchblutungsstörung des Herzmuskels hin. Treten bei körperlicher Belastung hinter dem Brustbein, im Hals, im Unterkiefer oder in der Innenseite des linken oder rechten Armes ziehende, brennende, drückende
oder einengende Beschwerden auf, ist eine ärztliche Abklärung angezeigt. Diese Beschwerden können auch Nachts in Ruhe oder nach dem
Essen auftreten, dabei handelt es sich um Verkrampfungen der Herzkranzgefässe. Wenn die typische Angina Pectoris während der Anstrengung verschwindet, besteht wahrscheinlich eine fixierte Einengung oder
ein Verschluss einer Kranzarterie mit jedoch eigenen Bypassgefässen.
• Atypische Angina Pectoris: diese unterscheidet sich von der typischen
Angina Pectoris lediglich durch den Ort der Beschwerden, z.B. auf der
rechten Brust – oder Schulterseite .
• Andere Brustbeschwerden: diese sind meist nicht durch Herzdurchblutungs-Störungen verursacht, insbesondere Stechen in der Herzgegend
ist praktisch nie ein gefährliches Zeichen!
• Herzinfarkt: dieser wird in der Regel rasch erkannt, indem die typische
Angina Pectoris in Ruhe und intensiv (stark) auftritt, mindestens 15 Minuten anhält und begleitet werden kann von kaltem Schweissausbruch,
Unwohlsein, Angst und Atemnot. Zögern sie nicht, die Notfallzentrale
des nächsten Spitals über Tel 144 zu alarmieren. Verlieren sie keine
Zeit!
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 21
Beschwerden: wie abklären lassen?
Die erste Instanz für die Abklärung von Beschwerden, welche keinen Notfall darstellen, ist der Hausarzt. Er wird mit Ihnen besprechen müssen, ob seine Möglichkeiten (Ruhe-Elektrokardiogramm, Labor, Brustraum-Röntgen, ev. BelastungsEKG) ausreichend sind oder ob ein Spezialarzt beigezogen werden muss.
Beim Spezialisten können Brustbeschwerden oder Atemnot mittels Herz-Ultraschall und einem Belastungs-Elektrokardiogramm weiter abgeklärt werden. Der
Herzspezialist muss bei der Wahl der weiteren Abklärungen die Wahrscheinlichkeit einer Herzmuskel-Durchblutungsstörung abschätzen.
Liegt diese über 50%, reicht das Belastungs-Elektrokardiogramm möglicherweise nicht aus, da rund 1/3 der Durchblutungsstörungen mit dieser Methode verpasst werden. Hier empfiehlt sich dann die Durchführung einer Belastungsuntersuchung unter Verwendung der Bildgebung mittels Herz-Ultraschall.
Bei ungenügender Bildqualität kann der Herzspezialist auch eine nuklearkardiologische Untersuchung (Herz-Szintigraphie) anordnen. Bei normalen Resultat
dieser Bildgebungsverfahren ist das Risiko für Herzinfarkt in der Regel sehr gering (< 1% / Jahr), so dass weitere Abklärungen, insbesondere der nicht immer
ungefährliche Herzkatheter (mehr davon später) keinen Sinn mehr machen.
Abbildung 5
Halsschlagader: an der Gabelung sind Ablagerungen (Plaques) sichtbar.
Die Menge Plaques ist verbunden mit dem Risiko: Je mehr Plaques eine
Person bereits aufweist, desto höher ist das Risiko für Herz- und Hirnschlag. Mehr darüber im 3. Kapitel.
22
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Im Notfall: keine Zeit verlieren
Bei Auftreten typischer Symptome für Herz (Tabelle 4)- und Hirnschlag (Lähmungen, insbesondere einseitige, auch wenn nur wenige Minuten dauernd) müssen
Sie sich notfallmässig mittels Ambulanz-Fahrzeug (Tel 144) hospitalisieren lassen.
Kein Notfall?
Lassen Sie sich auch im Spital genau
über Ihre Optionen informieren! Sie
haben sich wegen Brustbeschwerden
hospitalisieren lassen, dabei wurde
festgestellt, dass kein Herzinfarkt aufgetreten ist, aber möglicherweise ein
solcher droht (instabile Angina pectoris).
Die Spitalärzte verfügen über eine
grosse Palette von Methoden, um Ihr
Risiko für Herzinfarkt besser abzuschätzen. Mit Medikamenten, welche
das vermutete Gerinnsel in Ihrem
Herzkranzgefäss wieder auflösen (insbesondere Hemmer der Blutplättchen
und andere Blutverdünner wie Heparine) sowie der Gabe von anderen
Medikamenten (Blutdrucksenker, Betablocker, Statine) kann das Risiko in
der Regel einfach kontrolliert werden.
Sollte Ihnen ein Herzkatheter zur weiteren Abklärung vorgeschlagen werden, lassen Sie sich über die Risiken genau informieren. Insbesondere kann es sein,
dass anlässlich des Herzkatheters gleich sogenannte Stents (Siehe Seite 17)
eingepflanzt werden, welche im Einzelfall nicht unproblematisch sind. Hier liegt
es an Ihnen, mit den behandelnden Aerzten abzuwägen, ob allenfalls eine Bypass-Operation nicht die bessere Option darstellt.
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 23
3//Etablierte Möglichkeiten zur Gefahren - Erkennung
Haupt-Risikofaktoren
Die Haupt - Risikofaktoren sind Alter, Geschlecht, Cholesterin, Diabetes, hoher
Blutdruck und Nikotinabusus.
Auf der Bevölkerungsebene ist der schlimmste Risikofaktor das Zigarettenrauchen, bei Männern wie bei Frauen. Auf der persönlichen Ebene ist die Zuckerkrankheit betreffend Gefährlichkeit bei beiden Geschlechtern an erster Stelle, gefolgt von hohem Blutdruck beim Mann und Rauchen bei der Frau (Copenhagen
City Heart Study, European Heart Journal 2003;23:620).Daraus lässt sich folgern,
dass die drei Haupt - Risikofaktoren die Zuckerkrankheit, der Nikotinabusus und
der hohe Blutdruck sind, während knapp danach der erhöhte Cholesterin - Spiegel lediglich auf Platz 4 oder 5 rangiert.
Dies zeigt auch, warum es nicht selten schwierig ist, den Patienten zu erklären,
warum neben dem Blutdruck nun auch das Cholesterin behandelt werden muss.
In vielen Fällen ist ein relativ hohes Cholesterin eine harmlose Sache und keine
Krankheit.
Tabelle 5: Risikorechner: Bedeutung und Gebrauch
• Der Risikorechner basiert auf Bevölkerungsgruppen, welche über Jahre
beobachtet wurden im Hinblick auf das Auftreten von besonderen Ereignissen wie Herzinfarkt, Hirnschlag und Tod. Diese Ereignisse wurden
in Beziehung gesetzt zu den am Anfang der Beobachtung bekannten
Messungen wie Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker, Rauch- und Ernährungsgewohnheiten. Anhand solcher Studien konnten die wichtigsten
Risikofaktoren erfasst werden. Spätere Studien zeigten dann, dass die
Behandlung dieser Risikofaktoren zudem das Auftreten von sogenannten Endpunkten wie dem Herzinfarkt verhindern kann.
• Die heutigen Risikorechner basieren auf dem globalen Risiko. Jeder
Risikofaktor wird aufgrund seiner Gefährlichkeit gewichtet und die Risiken zusammengezählt. Daraus kann dann beispielsweise das Risiko
errechnet werden, in den nächsten 10 Jahren einen Herzschlag oder
einen Hirnschlag zu erleiden.
• Die Risikorechner und daraus abgeleitete Empfehlungen stimmen nicht
immer überein. Zusatzinformationen wie aus der Bildgebung der Arterienverkalkung können deshalb hilfreich sein.
• Auf unserem in englischer Sprache im Internet publizierten Risikorechner können die Risikounterschiede und die Unterschiede in der Behandlungsempfehlung für das Cholesterin auf einen Blick abgelesen werden.
• http://scopri.ch/riskalgorithms.htm
24
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Globales „vaskuläres“ (Herz - und Hirnschlag-) Risiko
Das Konzept der Haupt-Risikofaktoren hat seine Grenzen. Wie aggressiv das
Cholesterin behandelt werden muss, ist z.B. häufig nicht einfach zu beantworten.
Eine Hilfe bieten heute die so genannten globalen Risikorechner, welche grosse
Bevölkerungsgruppen beobachtet, die Wertigkeit der Haupt-Risiko-faktoren erfasst und daraus Risikotabellen erzeugt haben.
In der Schweiz werden heute zwei Risikorechner verwendet, einerseits der internationale, andererseits der europäische Risikorechner. Gerade im mittleren
Risikobereich ist die Frage der Cholesterin-Behandlung jedoch zwischen diesen
beiden Rechnern bei über 80% nicht übereinstimmend.
Tabelle 6: Vor- und Nachtest Wahrscheinlichkeiten
• Die Vortest-Wahrscheinlichkeit lässt sich mit den Risikorechnern berechnen (siehe Tabelle 5). Diese kann z.B. 15% für einen Herzinfarkt in
10 Jahren betragen.
• Die Bildgebung der Arterienverkalkung muss als neuer Test insofern
brauchbar sein, als bekannt ist, wie häufig in Abhängigkeit von Atheromen ein Herzinfarkt oder ein Hirnschlag aufgetreten ist. Für die TPAMethode (Total Plaque Area, Abbildungen 7 und 8) existieren hierfür
über 40‘000 Beobachtungsjahre. Daraus lässt sich die diagnostische
Genauigkeit der TPA (gemessen anhand der sogenannten Sensitivität
und Spezifität) berechnen
• Die Nachtest-Wahrscheinlichkeit wird mit dem Bayes-Theorem Rechner berechnet. Dazu wird ganz einfach die Sensitivität und Spezifität
des TPA Test verwendet. Nach nach Atherommenge steigt dann die
Nachtest-Wahrscheinlichkeit mehr oder weniger stark an, z.B. von 15%
Herzinfarktrisiko in 10 Jahren (also die Vortest-Wahrscheinlichkeit) auf
30% oder gar 50%.
• Die Information, welche aus der Nachtest-Wahrscheinlichkeit resultiert
kann im Einzelfall darüber entscheiden, ob eine intensivere Behandlung
der Risikofaktoren notwendig ist.
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 25
4// Ergänzende Möglichkeiten zur verbesserten
Gefahrenerkennung
Labormethoden
Es wird eine Vielzahl von zusätzlichen Laboruntersuchungen angeboten (z.B.
Lipoprotein (a), Homozystein, hoch sensitives C-reaktives Protein, Ferritin, genetische Risikofaktoren). Bei keinem dieser Zusatz-Untersuchungen ist jedoch der
Nutzen erwiesen, weswegen diese als Screening-Methode nicht geeignet sind
bzw. deren Erfassung von den Fachgesellschaften nicht empfohlen wird.
Für die Zukunft verspricht allerdings ein besonderer Entzündungsmarker am
meissten: das Lp-PLA2 entsteht in entzündeten Atheromen. Das Lp- PLA2 kann
im Blut gemessen werden und zeigt die Enteündung der Herzkranzgefässe an
und könnte künftig ein zusätzlicher sinnvoller Parameter für die Bestimmung des
Herzinfarkt-Risikos darstellen.
Bildgebungsverfahren
In den letzten Jahren sind vor allem zwei Methoden verfügbar geworden, welche
die Arterienverkalkung sichtbar machen und damit das Risiko für Herz- und Hirnschlag zusätzlich abschätzen lassen.
Einerseits kann mittels Computertomographie die Verkalkung der Herzkranzgefässe sichtbar gemacht werden (sogenannter „Calcium Score“), andererseits
kann mit Ultraschallverfahren die Arterienverkalkung im Bereich der Halsschlagader erfasst werden. Während mittels Computertomographie für den Körper eine
Strahlenbelastung von 1-2 mSv (Milli-Sievert) mit entsprechendem Krebsrisiko
resultiert, sind die Ultraschall-Methoden ungefährlich und können auch beliebig
wiederholt werden.
26
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Abbildung 6
Darstellung und Messung der Kalkmenge in den Herzkranzgefässen. Diese
Bilder wurden mit einem Computertomographen aufgenommen. Dabei erscheinen kalkhaltige Strukturen weiss. Beide Bilder zeigen einen Brustkorb
im Queerschnitt.
Auf der linken Bildhälfte („Gesunde Arterie“) sieht man den Abgang des linken Hauptstammes aus der Aorta (Bildmitte). Das Bild rechts zeigt die schwer
verkalkte vordere Kranzarterie, weiss dargestellt.
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 27
Atheromatose der Halsschlagader
Abbildung 7 (oben)
Eine spezielle Messmethode des Risikos mit Bildgebungsverfahren ist die so
genannte TPA, eine Messung der Gesamtfläche aller Atherome (Plaques) im
Bereich der Halsschlagadern.
Gemessene Plaquefläche: 24mm²
Abbildung 8
Darstellung der Flächenbestimmung eines Atheroms im Bereich der Halsschlagader in der Realität.
28
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Integration von ergänzenden Methoden in die Risikovorhersage
Die Frage ist, wie diese Bilder der Arterienverkalkung in ein wissenschaftliches
Risikoberechnungsverfahren integriert werden können. Im von uns entwickelten
Berechnungsmodell wird anhand der Haupt-Risikofaktoren das globale Risiko
berechnet (sowohl gemäss internationalen und europäischen Empfehlungen)
und anschliessend aufgrund der Menge Ablagerungen in der Halsschlagader
(Summe der Gesamtfläche der Plaques, so genannte „Total Plaque Area, TPA“)
eine Nachtest-Wahrscheinlichkeit berechnet.
Anhand dieser Berechnungsverfahren können das Risiko für Herzschlag oder
das Risiko für tödlichen Herz- und Hirnschlag neu erfasst und daraus Behandlungskonsequenzen werden. Zudem kann damit auch das chronologische Alter
durch das biologische Alter ersetzt werden. So beträgt bei einem Risiko für Herzschlag von 14% in 10 Jahren (mittlerer Risikobereich: 10-19%) bei einem 55
jährigen Mann mit leicht erhöhtem Cholesterin (LDL-Cholesterin 4.0 mmol/l und
leicht erhöhtem Blutdruck (150 mm Hg) das biologische Alter bei Vorliegen einer
TPA von > 0.50 cm2 63 Jahre, bei fehlendem Nachweis von Ablagerungen in der
Halsschlag-ader 45 Jahre. Das heisst, biologisch betrachtet könnte der gleiche
Mann 45 jährig oder 63 jährig sein.
Abbildung 9
Die Ultraschalluntersuchung der Halsschlagader für die TPA – Messung.
Mit freundlicher Genehmigung durch
Cornelia Nussbaum, Olten
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 29
Verlaufskontrollen bei Arterienverkalkung
Gemäss Literatur und eigener Erfahrung seit März 2002 ist die TPA als Verlaufskontrolle geeignet. Ähnlich wie zur Behandlung des Blutdrucks Blutdruck-Messungen notwendig sind, kann zur Behandlung der Arterienverkalkung die TPA
notwendig sein.
Nimmt die Arterienverkalkung nach einem Jahr zu, ist es angebracht, nach den
Ursachen zu suchen. Hat ein Patient die verordneten Tabletten nicht eingenommen, wird weiterhin Nikotinabusus betrieben, wie ist der Blutzucker eingestellt,
hat der Patient genügend Bewegung, ist er Passiv-Rauchen ausgesetzt? Alle
diese Fragen können im Rahmen dieser Verlaufskontrollen (sogenanntes atherosclerosis tracking) aufgeworfen und beantwortet werden. Tabelle 7: Konkrete Massnahmen zur Verhinderung des Herzschlags
• Personen mit hohem Risiko gemäss Risikotabellen sollten unbedingt
mit allen verfügbaren Mitteln behandelt werden, da das hohe Risiko
aus Risikotabellen ein hochspezifischer Befund ist (90% diagnostische
Sicherheit).
Bei Personen mit nicht hohem Risiko (Herzinfarktrisiko < 20%) kann die
Zusatzabklärung mittels Bildgebung hilfreich sein.
Behandlung:
• Mit den Risikorechnern kann man berechnen, wie hoch das Risiko
wäre, wenn sie nicht rauchen würden, wenn der obere Blutdruck statt
150 mm Hg nur 110 mm Hg betragen würde oder wenn das gefährliche
LDL-Cholesterin unter 2.6 mmol/l statt 4.7 mmol/l betragen würde. Daraus kann ihr Arzt ableiten, welcher Risikofaktor das Risiko am meissten
senken würde, z.B. zunächst Nikotin-Stop und Blutdruck runter.
• Überprüfung des Behandlungserfolgs anhand der Nachkontrolle der
Risikofaktoren: sind die Zielwerte tatsächlich erreicht? (Zielwerte: siehe
Tabelle 3)
• Ausreichend Bewegung (30 Min. zügiges Gehen pro Tag) und gesunde
Ernährung. Bei Fragen wenden sie sich an ihren Hausarzt oder gönnen
sich eine Ernährungsberatung.
30
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
5// Spezielle Situationen
Angstzustände und Hyperventilation
Angstzustände sind in unserer Gesellschaft häufig anzutreffen und werden leider
zu häufig zu spät behandelt. Wenn man bedenkt, dass vor dem 70. Lebensjahr
der Selbstmord die dritthäufigste Todesursache bei Männern und Frauen in der
Schweiz ist, kann man sich vorstellen, dass Angst und Depression eine ernst zu
nehmende Volkskrankheit darstellen.
Abbildung 10
Bedrohungen sind Tatsachen, Angst darf
sein und ist auch normal. Angstgefühle
bis hin zu Panikattacken können jedoch
ein ernsthaftes Krankheitssymptom sein,
welchs ärztlich behandelt werden muss.
Häufig sind Angstzustände Vorläufer einer Depression.
Angstzustände können zu Invalidität führen, indem sich die Betroffenen in fortgeschrittenen Fällen nicht mal mehr trauen, die eigene Wohnung zu verlassen.
Kompliziert werden diese Angstzustände oder Panikattacken durch Körpersymptome, welche selber das Bedrohungsgefühl, z.B. jetzt sterben zu müssen, in
einer Art Teufelskreis verstärken. Diese Körpersymptome sind Benommenheit,
Schwindel, Druck auf der Brust, Erstickungsgefühle, Angst vor Persönlichkeitsverlust, Schweissausbruch und Herzasen.
Ein Teil dieser Körpersymptome wird durch eine meist unbewusste Beschleunigung der Atmung mit verursacht (sogenannte Hyperventilation). Paradoxerweise
führt die Hyperventilation selbst zum Gefühl, zu wenig Luft zu haben. Panikattacken sind häufig und gehören in fachkundige Hände. Ein Hyperventilationstest
kann zusätzlich helfen zu verstehen, was passiert, wenn der Körper den Angstsymptomen im Rahmen von Panikattacken ausgesetzt wird.
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 31
Bedrohung durch frühzeitigen Herz- und Hirnschlag in der
Familie – was tun?
Es ist wichtig, Herz- und Hirnschlag vor dem 60. Lebensjahr bei Verwandten (Eltern, Geschwister, Onkel und Tanten) als eigenen Risikofaktor wahrzunehmen.
Solche Personen sollten frühzeitig, spätestens aber ab dem 30. Lebensjahr, hausärztliche Untersuchungen durchführen lassen (Cholesterin, Blutdruck), möglichst
nicht rauchen und sich viel körperlich bewegen. Ab dem 45. Lebensjahr kann
zudem die Messung der Karotis-Atheromatose, z.B. mittels TPA, sinnvoll sein,
um das eigene Risiko noch besser abzuschätzen.
Abbildung 11
Die roten Pfeile markieren die rechte
Kranzarterie, welche schwer erkrankt
ist. Praktisch überall treten Einengungen
auf, zudem wurde vor der Gabelung ein
Stent eingesetzt. Häufig sind die „Einengungen – siehe rote Pfeile“ jedoch für
Beschwerden nicht verantwortlich. Man
könnte hier 3 weitere Stents einpflanzen:
doch dies würde ohne Nachweis einer
Herzdurchblutungsstörung weder die
Beschwerden lindern, noch die Prognose verbessern. Im Gegenteil: ein geringes Risiko entsteht pro Stent zusätzlich.
32
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Im Herzkatheter-Labor
Hat man bei Ihnen die Vermutung, dass Sie eine Einengung der Herzkranzgefässe, also der Arterien des Herzmuskels haben könnten, sind weitere Abklärungen
angezeigt. Grundsätzlich bestehen dann zwei Möglichkeiten. Sie können sich
untersuchen lassen mit der Frage nach Durchblutungsstörung oder mit der Frage nach Einengung der Herzkranzgefässe. Das ist keineswegs dasselbe. Viele
Einengungen führen nämlich nicht zu einer Durchblutungsstörungen und Einengungen mit fehlenden Durchblutungsstörungen, verursachen auch praktisch nie
einen Herzinfarkt (unter 1% pro Jahr).
Trotzdem hat es sich eingebürgert, bei Einengungen der Herzkranzgefässe eine
Erweiterung (Ballon-Dilatation) durchzuführen, die Patienten scheinen einen solchen Eingriff schon zu verlangen, falls möglich mit einem neuen stabilisierenden
Stents (drug eluting stents), damit es nicht wieder zu einer Einengung kommt.
So kann auch erklärt werden, dass die Zahl dieser Eingriffe in den letzten Jahren
stark zugenommen hat (im Jahr 2005 in der Schweiz 16‘624 Ballon-Dilatationen
und Stent-Implantationen).
Leider haben diese Stents ein eigenes Thromboserisiko, welches sich zum Thromboserisiko Ihrer Herzkranzgefässe aufsummiert. Kosten: neben den Stentkosten
(für die Implantierung von zwei Stents werden bis zu 18000 Franken verlangt)
kommen noch die Medikamentenkosten dazu (z.B. Plavix: ca. 2.- CHF/ Tag über
mindestens ein Jahr).
Obwohl das Thromboserisiko für einen Stent mit 1%/Jahr als relativ niedrig
angegeben wird, ist die Dunkelziffer nicht bekannt (nochmals 1%/Jahr?). Eine
Stent-Thrombose endet in 20-50% tödlich. Deshalb muss wegen dem erhöhten
Blutungsrisiko manchmal sogar eine für den Patienten wichtige Operation verschoben werden.
Aus den genannten Gründen ist die Implantation von Stents in ihre Herzkranzgefässe in der Regel zu unterlassen, wenn nicht eine relativ ausgedehnte Durchblutungsstörung des Herzmuskels vorliegt. Gegebenenfalls genügt auch eine einfache Ballon-Dilatation ohne Stent, vor allem bei einfachen und kurzstreckigen
Einengungen der Herzkranzgefässe.
Bei Vorliegen einer stabilen Situation, wo Brustbeschwerden als Folge von Durchblutungsstörung lediglich bei grösseren körperlichen Belastungen verspürt werden,
kann gemäss Studienlage mit absolut genügender Sicherheit das Herzkranzgefässystem ohne potentiell gefährlichen invasiven Eingriff und Stents behandelt werden:
mittels Behandlung der Risikofaktoren, Nikotinabusus stop, mehr Bewegung.
Der Körper ist zudem in der Lage, selber Einengungen zu überbrücken (Kollateralenbildung). Diese Brückengefässe entsprechen von der Funktion her einer
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 33
natürlichen Bypassoperation und schützen Sie vor Herzinfarkt und Herztod. Aktive Bewegung und Training fördert die Ausbildung dieser Brückengefässe und
können zum Verschwinden der Brustbeschwerden beitragen. Dass mit BallonDilatationen und Stents Herzinfarkte vermieden werden können, ist nicht wissenschaftlich erwiesen worden, im Gegensatz zur Bypass-Operation.
Abbildung12
Kollateralen schützen den Herzmuskel vor Durchblutungsstörungen. Es
handelt sich um ganz feine Gefässe, welche untereinander ein Netzwerk
bilden, welches den Herzmuskel vor einem Infarkt bewahrt. Häufig genügt
diese natürliche „Bypass“ völlig, sogar bei grösseren Anstrengungen, wo
der Blutbedarf um das 4fache ansteigt.
34
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Tabelle 8: Medikamente oder Stents: eine kurze Übersicht
• Koronarstents oder „Gitterli“ werden verwendet, um Einengungen in den
Herzkranzgefässen zu erweitern und vor allem um zu verhindern, dass
die Einengung wieder auftritt.
• Das Risiko einer langsamen Einengung kann tatsächlich signifikant
gesenkt werden, da die Vernarbungsprozesse durch die Stents, welche
häufig mit Medikamenten beschichtet sind, verhindert werden (Drug
Eluting Stents)
• Diese Verhinderung des Vernarbungsprozesses kann zu einer erhöhten Thromboseneigung führen (ca 7/1000/Jahr oder 7 Promille). Eine
Thrombose führt in 20-50% zum Sekundentod.
• Die Stents behandeln die Krankheit der Herzkranzgefässe nicht, sondern stellen nur sicher, dass der Blutfluss verbessert wird. Das Herzinfarkt-Risiko wird durch diese Massnahme in der Regel nicht gesenkt.
• Medikamente wie Aspirin, Statine, Blutdrucksenker behandeln sämtliche Atherome im Koronarsystem und wirken dadurch schützend vor
Herzinfarkt.
• Eingriffe am Koronarsystem sollten wegen der bekannten Risiken Personen vorbehalten bleiben, welche eine relativ ausgedehnte Durchblutungsstörung des Herzmuskels aufweisen (in der Regel > 10%).
• Bei Personen mit Befall mehrerer Hauptäste der Herzkranzgefässe ist
die Komplikationsrate der Herzchirurgie den Stents gemäss vielen Studien überlegen. Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 35
Abbildung 13
Hier sehen Sie den Verlauf der Arterienverkalkung bis zum Moment des
akuten Ereignisses in einer Herzkranzarterie: über Jahrzehnte bilden sich
Atheromoe (Stadien 1-4) ohne das Einengungen und damit Beschwerden
auftreten. Im Stadium 5 kommt es zur Thrombose. Diese kann das Blutgefäss akut vollständig oder teilweise verschliessen. Bei vollständigem Verschluss kommt es zum Herzinfarkt. Der akute Herzinfarkt ist eine lebensbedrohliche Situation. Die Blutzufuhr sollte in dieser Situation so schnell wie
möglich wieder hergestellt werden (invasive Untersuchung und Therapie).
36
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Tabelle 9: Angehörige und Umgang mit Risikofaktoren Ihres
Partners
• Hier ist vor allem das Problem der Nikotinabhängigkeit beim nicht rauchenden Partner zu erwähnen.
• Es ist in der Regel nicht hilfreich, den Partner immer wieder mit seiner
Nikotinsucht zu konfrontieren.
• Es gibt gute Rauchentwöhnungsprogramme. Fragen sie ihren Partner,
ob er sich mit diesem Problem nicht an den Hausarzt wenden möchte.
Dieser kann dann weiter helfen. Tabelle 10: Wo Sie sich betreffend Ihrem Herzinfarkt- oder Hirnschlagrisiko am besten beraten lassen
• Die vertrauensvolle Beziehung zu ihrem Hausarzt ist wertvoll für die
Erhaltung ihrer Gesundheit.
• Regelmässige Gesundheitsberatung ist sinnvoll. Die Häufigkeit der Abklärungen ist abhängig von der Risikoeinschätzung, bei höherem Risiko
sind häufigere Abklärungen sinnvoll.
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 37
6// Grundsatzfragen zu Prävention und Ethik
Prävention kann durchaus kontrovers diskutiert werden, wie dies z.B. beim Brustkrebs-Screening der Fall ist. In der Schweiz leben rund 7 Mio Personen, wovon
jährlich ca 1% oder rund 70‘000 Personen sterben.
Prävention will frühzeitige Todesfälle und Erkrankungen vermeiden helfen. Voraussetzung hierfür ist, dass 1. die Erkrankung selbst vermeidbar ist und dass 2.
eine gute Präventionsmöglichkeit existiert. Die Erkrankungs- und Todesursachen
sind dabei je nach Alter in der Schweiz völlig unterschiedlich ( siehe auch http://
www.gesundheitscheck.ch/SterbeziffernVortragVarifo072009.pdf)
Vor dem 70. Lebensjahr steht der Krebs als häufigste Todesursache an erster
Stelle, gefolgt von Herz- und Hirnschlag an zweiter Stelle, und von Selbstmord
an dritter Stelle.
Nach dem 70. Lebensjahr stehen die Kreislaufkrankheiten weit im Vordergrund,
zunehmend aber auch die Altersdemenz (4000 Sterbefälle pro Jahr). Dies zeigt
die Todesursachenstatistik 2007 auf, die das Bundesamt für Statistik (BFS) veröffentlichte. 2007 starben in der Schweiz 61 089 Menschen.
Ein Drittel aller Todesfälle sind auf Herzkreislauf-Erkrankungen zurück zu führen.
26 Prozent der Todesfälle haben Krebserkrankungen als Ursache. Fast jeder
fünfte Krebstodesfall ist auf Lungenkrebs zurück zu führen. 2007 waren es 3000
Todesfälle. Mit knapp 3800 Todesfällen folgt die Gruppe der gewaltsamen Todesfälle an vierter Stelle aller Todesursachen. Davon waren 36 Prozent Suizide, 10
Prozent Strassenverkehrsunfälle, 50 Prozent andere Unfälle und andere Ursachen. 3700 Menschen starben an Erkrankungen der Atemorgane.
Ein relevantes, auch ethisches, Problem ist die Wahrnehmung des Erkrankungsrisikos durch die Bevölkerung, da die absoluten Risiken ungenügend kommuniziert werden. Dies führt zu einer teils erheblichen Überschätzung von tatsächlichen Risiken (siehe Tabelle Seite 39) und daraus folgender Angst und Panik.
Beispiel Prostata-Krebs:
59 Prozent der Befragten überschätzten den Nutzen einer Früherkennung von
Prostatakrebs mindestens um den Faktor zehn.
Es gibt zwar viel weniger Untersuchungen als zu Brustkrebs.Aber eine europäische Studie hat errechnet, dass mit Vorsorgeuntersuchung 3 von 1000
Männern an Prostatakrebs sterben. Ohne Untersuchung seien es 3,7, also
knapp einer mehr. Eine amerikanische Studie konnte gar keinen Unterschied
zwischen den beiden Gruppen feststellen. Falsche Testergebnisse und unnötige
Behandlungen kommen auch hier häufig vor.
38
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Beispiel Brust-Krebs:
Bei 50 bis 200 der untersuchten Frauen im Laufe der zehn Jahre fälschlicherweise ein positives Ergebnis bekommen.
Zwischen zwei und zehn von ihnen werden unnötigerweise behandelt oder sogar
operiert. Insgesamt sterben außerdem genauso viele Frauen in der Gruppe, die
zur Früherkennung geht, wie in der anderen. Woran das genau liegt, wisse man
nicht, sagt Gigerenzer. Möglicherweise sterbe für die eine Frau, die den Brustkrebs überlebt, dann eine andere Frau als Folge ihrer Behandlung. So könnte
etwa eine Operation wegen eines Blutgerinnsels tödlich enden.
Von 1000 Frauen, die nicht zum Brustkrebsscreening gehen, sterben in einem
Zeitraum von zehn Jahren etwa fünf an Brustkrebs. Lassen die Frauen jährlich
eine Mammografie machen, verringert sich die Zahl auf vier. 20 Prozent bedeutet
in diesem Fall also eine von tausend.
Die zentrale Frage ist nun, ob die Gesamtsterblichkeit einer Bevölkerung durch
Prävention gesenkt werden kann.
Nun ist bekannt, dass die Hauptrisikofaktoren für Kreislauf-Erkrankungen wie
Rauchen, hoher Blutdruck andere chronische und häufig tödliche Krankheiten
nach sich ziehen: Rauchen erhöht das Risiko für eine Vielzahl von Krebsarten,
während hoher Blutdruck die Zahl der Demenzerkrankungen erhöht.
Durch Vermeidung von Zigaretten-Konsum und Senkung des Blutdrucks kann
deshalb nicht nur das Herz- und Hirnschlagrisiko gesenkt werden, sondern auch
die Krebs- und Demenzsterblichkeit.
Gesunder Lebensstil und die Beobachtung und Behandlung der wichtigsten Risikofaktoren (Rauchen, Blutdruck, Cholesterin, Bewegungsmangel, Übergewicht,
ungesunde Ernährung, Depression) ist mit einer Senkung der Gesamt-Sterblichkeit verbunden.
Sogar nur schon einzelne Massnahmen wie etwa Cholesterinsenkung oder Blutdruckbehandlung waren je nach untersuchter Bevölkerungsgruppe mit einer
Senkung der Gesamtsterblichkeit verbunden.
Mit den heutigen Ultraschallmethoden können wir rasch und ungefährlich das
biologische Alter eines Menschen messen.
Es wäre nachgerade unethisch, Menschen solche Untersuchungen vorzuenthalten, solange das Prinzip der Freiwilligkeit beachtet wird. Die Bildgebung der
Arterienverkalkung ist aber kein Screening-Verfahren, sondern eine Zusatzinformation. Insbesondere dann, wenn Sie mit dem Gedanken spielen, den Zigarettenkonsum aufzugeben oder ihr Hausarzt nicht weiss, ob er bei Ihnen das Cholesterin behandeln soll.
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 39
10 Jahres absolutes Risiko
CH-Sterbeziffern in Prozent (linear extrapoliert aus Sterbeziffern 2007, Bundesamt für Statistik)
Geschlecht
Alter
Total
Lungenkrebs
Kolonkrebs
Prostata- / Brustkrebs
Hirnschlag
Herzschlag
Hirn- und Herzschlag
Mann
45-64
Frau
45-64
Mann
65-84
Frau
65-84
5.0
0.6
0.1
0.1
2.9
0.4
0.1
0.4
31.6
2.6
0.8
1.7
20.4
0.9
0.6
1.0
0.1
0.7
0.8
0.1
0.1
0.2
1.7
5.1
6.8
1.6
2.5
4.1
Die 3 ethischen Grundregeln der Prävention
Freiwilligkeit
Mitteilung relativer und
absoluter Risiken
(Fragen Sie danach!)
Screening der Bevölkerung muss möglichst
einfach sein (Fragen
nach Krebsbelastung
in der Familie, Messen
des Blutdrucks etc.)
Zusatzuntersuchungen nur bei erhöhtem Risiko
40
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Zusammenfassung
Die Arterienverkalkung ist in der Schweiz häufig und führt nicht selten ohne Vorwarnung zu Invalidität oder Tod. Trotzdem wird die Prävention immer noch zu
wenig ernst genommen. Dies mag daran liegen, dass gewisse Risikofaktoren im
Einzelfall mal von grosser, mal von kleiner Bedeutung sein können. In diesem
Grauzonenbereich liegen rund 70% der Personen ab 45 Jahren.Hier mehr Klarheit zu schaffen, ist Aufgabe der Wissenschaft.
Die Sichtbarmachung der Arterienverkalkung ist heute mittels Ultraschall der
Halsschlagader ohne Strahlenbelastung möglich, es existieren aber noch keine
verbindlichen Empfehlungen für die Art, wie die Arterienverkalkung genau ausgemessen noch wie sie in das Risikomanangement integriert werden könnte.
Auf diesem Gebiet leistet die Stiftung VARIFO für die Schweiz Pionierarbeit. Es
ist zu hoffen, dass die Messung der Arterienverkalkung in der Halsschlagader,
insbesondere mittels der TPA-Methode, möglichst bald fester Bestandteil des Risikomanangements in der Schweiz wird.
Was kann unsere Stiftung für Sie tun?
•
Unsere Stiftung Varifo erarbeitet laufend neue Daten zur Bedeutung der Bildgebung der Arterienverkalkung und macht die daraus gewonnenen
Erkenntnisse interessierten WissenschaftlerInnen verfügbar.
Was können Sie für unsere Stiftung tun?
•
•
Teilnahme am Gratisprogramm (www.gesundheitscheck.ch)
Spenden
Was ist künftig zu erreichen
•
•
•
Verbesserte Risikovorhersage dank Bildgebung der Arterienverkalkung.
Verbesserte Glaubwürdigkeit der Prävention
Prävention muss bezahlbar bleiben.
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 41
Kontaktdaten und Danksagung
Internetadressen
1. Gesundheitscheck.ch
2. Scopri.ch
3. Consano.ch
4. Taskforce.atherosclerosisimaging.ch
5. physicianprofiling.ch
6. Tpainfo.ch
7. Kardiolab.ch
Kontakt
Präsident Varifo
Dr. med. Michel Romanens
Ziegelfeldstr. 1
4600 Olten
Tel 062 212 44 10
Fax 062 212 44 30
Email info@kardiolab.ch Studienzentrum
Frau Lotti Estoppey
Ziegelfeldstr. 1
4600 Olten
Tel 062 213 05 10
Bankverbindung:
Credit Suisse Aarau
IBAN: CH48 0483 5086 4789 7100 0
Danksagung
Thalmann-Stiftung Olten
Unigamma Stiftung Aarau
Medizinisches Labor Olten
Alle Mitwirkenden und Donatoren seit der Stiftungsgründung im Jahr 2003
42
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
1. Anhang Verhütungsstrategie in der Übersicht
Grafik Teil 1
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo 43
Grafik Teil 2
44
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
2. Anhang Risikoberechnungsbeispiele und
mögliche Erfolge dank Risikokontrolle
1. Beispiel
58 jähriger Mann mit folgenden Risikofaktoren: Blutdruck 160 mm Hg, Raucher,
„gutes“ HDL-Cholesterin 1.0 mmol/l, „schlechtes“ LDL-Cholesterin 4.4 mmol/l,
Triglyceride 1.0 mmol/l, Blutzucker normal, keine frühzeitigen Herzschläge in der
Familie
Das Risiko für Herzinfarkt in den nächsten 10 Jahren beträgt 22%
Das Risiko für Hirnschlag in den nächsten 10 Jahren beträgt 6%
Das Herz- und Hirnschlagrisiko beträgt 27%.
Effekt der Beeinflussung seiner Risikofaktoren:
A Nicht-Rauchen
Herzschlag: Hirnschlag: 13% (- 9%)
2% (- 4%)
B LDL-Cholesterin gesenkt auf 2.6 mmol/l (=Zielwert für hohes Risiko, siehe
Richtlinien)
Herzschlag: Hirnschlag: 11% (-11%)
6% (0%)
C Blutdruck gesenkt auf 125 mm Hg
Herzschlag Hirnschlag 17% (-5%)
3% (-3%)
Beachtung der Punkt A, B, C
Herzschlag
Hirnschlag
4% (-18%)
1% (-5%)
Schlussfolgerungen:
durch Kontrolle von nur 3 Risikofaktoren wird das Risiko bei diesem 58
jährigen Herrn innerhalb weniger Jahre von hoch auf niedrig gesenkt
Gleichzeitig sinkt auch das Krebsrisiko dank dem Nikotinstop und damit das gesamte Sterberisiko
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
2. Beispiel
58 jährige Frau in der Menopause mit den folgenden weiteren Risikofaktoren:
Blutdruck 160 mm Hg, Raucherin, „gutes“ HDL-Cholesterin 1.8 mmol/l, „schlechtes“ LDL-Cholesterin 4.4 mmol/l, Triglyceride 1.0 mmol/l, Blutzucker normal, keine frühzeitigen Herzschläge in der Familie
Das Risiko für Herzinfarkt in den nächsten 10 Jahren beträgt 11%
Das Risiko für Hirnschlag in den nächsten 10 Jahren beträgt 3%
Das Herz- und Hirnschlagrisiko beträgt 14%.
Effekt der Beeinflussung seiner Risikofaktoren:
A Nicht-Rauchen
Herzschlag: Hirnschlag: 6% (- 5%)
1% (- 2%)
B LDL-Cholesterin gesenkt auf 2.6 mmol/l (=Zielwert für hohes Risiko, siehe
Richtlinien)
Herzschlag: Hirnschlag: 4% (-7%)
3% (0%)
C Blutdruck gesenkt auf 125 mm Hg
Herzschlag Hirnschlag 8% (-3%)
2% (-1%)
Beachtung der Punkt A, B, C
Herzschlag
Hirnschlag
2% (-9%)
1% (-2%)
Schlussfolgerungen:
durch Kontrolle von nur 3 Risikofaktoren wird das Risiko bei dieser 58 jährigen
Frau innerhalb weniger Jahre von mittelhoch auf sehr niedrig gesenkt
Gleichzeitig sinkt auch das Krebsrisiko dank dem Nikotinstop und damit das
gesamte Sterberisiko.
45
46
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
3. Beispiel
Einfluss von Ablagerungen in den Halsschlagadern (TPA) auf das Risiko
Bei Männer und Frauen steigt das Risiko für Herzinfarkt und Tod als Folge von
Herzinfarkt und Hirnschlag in Abhängigkeit von der Menge Ablagerungen an:
Mann, 15% Herzinfarktrisiko in 10 Jahren, TPA 0.56 cm2
Herzinfarktrisiko: 26%
Frau, 15% Herzinfarktrisiko in 10 Jahren, TPA 0.56 cm2
Herzinfarktrisiko: 37%
Schlussfolgerungen:
Bei gleicher Plaquemenge ist das Risiko für die Frau höher als für den Mann.
Die Berechnungen basieren auf der Tromso-Studie, wo 250 Herzinfarkte nach 6
Jahren Beobachtungszeit bei je 3000 Männern und Frauen festgestellt wurden.
Alle Personen waren zum Zeitpunkt der TPA-Messung gesund!
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
4. Beispiel und Vergleich mit Krebsrisiken
Absolutes und relatives Risiko sind auseinander zu halten!
Nehmen Sie das 1. Beispiel, Herzinfarktrisiko in 10 Jahren bei diesem 58 jährigen Mann. Das Risiko beträgt 22% oder 220/1000 in 10 Jahren oder 22/1000
in 1 Jahr. Das absolute Risiko beträgt pro Jahr also 2.2%. Somit bleiben 978 im
ersten Jahr vom Herzinfarkt verschont!
Das Risiko wird nun wie oben beschrieben auf 4% oder 40/1000 in
10 Jahren oder 4/1000 in 1 Jahr gesenkt. Somit bleiben 996 im ersten Jahr vom Herzinfarkt verschont, wobei selbstverständlich die Risikofaktorenkontrolle erst mit den Jahren seine volle Wirkung entfalten kann.
Trotzdem: in diesem Überlegungsmodell wird das Risiko absolut gesenkt um
18/1000 in 1 Jahr (also 1.8%), während die relative Risikoreduktion 82% beträgt.
Vergleich mit Prostata-Krebsrisiko und Vorsorgeuntersuchung (PSA-Test):
In einer Studie wurden 162 000 Männer während 9 Jahren beobachtet. Davon starben in der Screening-Gruppe 214 Männer an einem Prostatakrebs, in der Kontrollgruppe ohne Screening-PSA waren es 326. Somit betrug die Sterberate pro Jahr 0.13% in der Screening-Gruppe und 0.20% in
der Kontrollgruppe, mit einer Verringerung des Sterberisikos von 1:1429.
Vergleich mit Risiko für Brustkrebs und Screeningmethode (Mammographie):
es wurden 15 000 Frauen im Alter von 45-64 untersucht. Es traten 100 Brustkrebsfälle auf (7 pro 1000 Frauen). 75 der Brustkrebsfälle wurden mit der Mammographie erfasst, 25 wurden verpasst. Allerdings: 745 vermutete Brustkrebsfälle stellten sich aufgrund weiterer Untersuchungen als falschen Alarm heraus.
Quelle: Pharmaceutical Care Basics, 04/2005.
47
48
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Was leistet die Bildgebung der Halsschlagader in Bezug auf Herz – und
Hirnschlag?
• TPA liefert statistisch signifikante Zusatzinformationen
• Die TPA – Untersuchung birgt kein Risiko (keine Strahlenbelastung,
sondern ungefährlicher Ultraschall) im Gegensatz zu Koronalkalkmessungen mit kontrastmittelgestützter Untersuchung der Herzkranzkranzgefässe.
Herzinfarkte
• 2989 Männer
• 3237 Frauen über 6 Jahre beobachtet, insgesamt 208 Herzinfarkte
Hirnschläge
• 3214 Männer
• 3313 Frauen, über 8.9 Jahre beobachtet, insgesamt 355 Hirnschläge
Kardiovaskuläre Präventionsinformation der Stiftung Varifo
Internetadressen zu Evidenz-basierter Medizin
Horten-Zentrum für praxisorientierte Forschung und Wissenstransfer am Universitätsspital Zürich:
www.evimed.ch
Gemeinsames Patientenportal von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher
Bundesvereinigung in Deutschland:
www.patienten-information.de
Gesundheits-Informationen des deutschen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen:
www.gesundheitsinformation.de
Medizinwissen Online des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation
und Information:
www.dimdi.de/static/de/index.html
Patienten-Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin:
www.degam.de/typo/index.php?id=fertiggestellteleitlinien
Kurzzusammenfassungen von Übersichtsartikeln für Laien in deutscher Sprache aus der Cochrane-Bibliothek:
www.cochrane.org/reviews/de/index_list_all_reviews.html
Informationen zur Brust- und Gebärmutterhalskrebs-Vorsorge des Nationalen
Netzwerks Frauen und Gesundheit:
www.nationales-netzwerk-frauengesundheit.de
49
Document
Kategorie
Gesundheitswesen
Seitenansichten
2
Dateigröße
7 703 KB
Tags
1/--Seiten
melden