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"Die Welt ist helldunkel. Manches ist klar, vieles unklar. Was klar ist

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Nr. 21
xy ungelöst
Reflexionen über Sex und Gender
"Die Welt ist helldunkel. Manches ist klar, vieles unklar. Was klar ist,
wird bei genauerem Hinsehen unscharf, das Dunkle auf die Dauer ein wenig deutlicher. Einiges scheint gut, anderes schlecht zu sein. Auch hier
verschwimmen die eindeutigen Grenzen unter einer verschärften Beobachtung."
Hannes Böhringer
Impressum
"Momente" ist ein schriftliches Denk-, Sprach- und Kommunikationsforum am
Gy mnasium Muristalden in Bern. Am Muristalden Tätige und Gäste, präsentieren
hier Gedanken, Reflexionen, Perspektiven, Aufsätze, Produkte.
In ihrer Bedeutung sind Momente (lat. movere) kritische, ausschlaggebende, bewegende Augenblicke. Um solche geht es hier ansatzweise.
Parallel zur ‚DenkBar’, dem mündlichen Denk- und Reflexionsforum am Muristalden, werden in "Momente" Fragen der Bildung, der Schulentwicklung, der
Jugend, der Ethik, des Unterrichts, des Alltags, der Zeit besprochen. Es erscheinen hier sowohl Sonderabdrucke von publizierten als auch speziell für "Momente" geschriebene Texte.
"Momente" wird als Print- und als Internetmedium produziert. Im Erscheinungsbild hat es Alltags- und Gebrauchscharakter. Die Sprachprodukte werden einer
dem Gy mnasium Muristalden nahe stehenden Leserschaft zugänglich gemacht,
welche ausdrücklich bereit ist, sich lesend den "Menschen und Sachen" hier zuzuwenden.
In der Schriftenreihe "Momente" sind bisher erschienen:
Nr.
1 1998 Von Bildern, ihren Schatten und der Freiheit hinauszutreten
(W. Staub)
Nr.
2 1999 Qualm (W. Staub)
Nr.
3 2000 Das Gy mnasium steht (W. Staub)
Nr.
4 2001 Spiegelung mit anderen Gy mnasien (B. Knobel)
Nr.
5 2002 Die neuen Lernenden (W. Staub)
Nr.
6 2002 Das geniale Rennpferd (Kathy Zarnegin, Basel)
Nr.
7 2002 Werten und Bewerten (Wilhelm Schmid, Berlin)
Nr.
8 2002 Reif und patentiert – zwei Reden (A. Hohn / A. Struchen)
Nr . 9 2002 Weihnachtsfeier – vom Versuchtwerden (A. Hohn / R. Radvila)
Nr. 10 2003 bau zeit (F. Müller)
Nr. 11 2003 Faszination Clown – eine Matura-Arbeit (A. Michel)
Nr. 12 2003 SteinGut (C. Jakob / R. Radvila)
Nr. 13 2003 " Ich weiss, was gu t für dich ist." (P. Zimmermann)
Nr. 14 2003 Matura 2003 Ei ne Rede – Zwei Aufsätze
(A. Rub / H. Bär / S. Steiner)
Nr. 15 2003 Öffentliche Schule – Offene Schule (H. Saner, Basel)
Nr. 16 2004 Wer schreibt hat mehr vom Lesen
(M. Michel / S. Boulila / T. Steiner)
Nr. 17 2004 Globaler Markt im ethikfreien Raum (T. Kesselring)
Nr. 18 2004 Über die Pflege verrückter Kühlschränke (N. Theobaldy)
Nr. 19 2005 Aufklärung und Weltveränderung
Für Hans Saner – eine Festschrift anlässlich seines
70. Geburtstages
Nr. 20 2005 Jean-Jacques Rousseau und Europas Moderne. (P. Blickle)
Nr. 21 2005 XY ungelöst – Reflexionen über Sex und Gender (J. Schönenberger)
Redaktion dieser Ausgabe
Andreas Hohn
© Gy mnasium Muristalden Bern 2005 www.muristalden.com
8.8.2005 AHo/UBo
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
5
1.
Einleitung
6
2.
Roland Neyerlin & Heidi Pfaeffli-Bachmann:
Wer das Sagen hat, bestimmt das Sein
6
3.
Begriffserklärungen
9
-
Androgynie
-
Transsexualität
-
Homosexualität
-
Intersexualität
4.
Die Geschlechterrolle
11
5.
Martha Nussbaum:
Die soziale Bedeutung des Körpers
12
6.
Genesis
14
7.
Platon: Das Gastmahl (Symposion)
14
8.
Rollenwechsel
17
9.
Michèle Roten: Brüste: ja oder nein?
17
10.
Glossar
20
11.
Literaturverzeichnis
21
In eigener Sache
23
Vorwort
Verehrte Damen, Herren und Transgender, liebe Drag Kings & Queens, Intersexuelle, Crossdressers, Boychicks und Tomboys, verehrte Weekend
Warriors, liebe Multi-, Poly- und Nongenders, wir freuen uns, dass Sie bereit sind, sich mit Genderfragen zu beschäftigen.
In der vorliegenden Momente-Ausgabe gehen wir auf die Suche nach den
Grenzen der geschlechtlichen Identität. Es ist nicht unsere Absicht, Ihnen
Lösungen zu präsentieren, sondern wir versuchen vielmehr, die Komplexität des Themas aufzuzeigen und sie etwas zu verwirren.
Unter „Gender Studies“ versteht man die Erforschung der Geschlechtsverhältnisse in der Gesellschaft. Die Gender Studies gehen davon aus, dass
Identität nicht natürlich ist, sondern durch komplexe Diskurse und soziale
Praxen produziert wird. In den folgenden Texten gehen wir unter anderem
der Frage nach, wie in der bildenden Kunst „Gender“ hergestellt wird. Die
Vorstellung vom Körper als Garant von Natürlichkeit wird in der aktuellen
Kunst ebenso dekonstruiert wie die Vorstellung vom Bild als Abbild der
Natur.
Bei der abgedruckten Fotoarbeit geht es um Grenzverläufe, neue Geschlechterkonzepte und die Suche nach Identität in der Vorherrschaft gesellschaftlicher Normen und Werte. Erfahrungen in Bezug auf Geschlecht
werden relativiert und erweitert, indem Geschlechtergrenzen aufgelöst und
Vorurteile hinterfragt werden.
Weitere Arbeiten zu den Themenbereichen „Drag und Performance“ – bei
welchen die inszenierte Überschreitung von Geschlechtergrenzen und die
spielerische Kostümierung im Vordergrund stehen – sind auf meiner Website zu finden: www.diefotografin.ch
Anlässlich einer DenkBar im Frühling 2005 haben Judith Schönenberger
und Andreas Hohn dieses „genauere Hinsehen“ ermöglicht.
Bilder und Texte erlaubten es, die gesellschaftlich anerkannten Abgrenzungen zwischen Mann und Frau in ein neues Licht zu rücken.
Dass es gerade im Selbstverständnis und in der Selbst-Darstellung der Geschlechter Unschärfen gibt, hat Judith Schönenberger auf Bildern dokumentiert. Texte aus zwei Jahrtausenden gaben Anhaltspunkte, wie das Dargestellte „eingeordnet“ werden kann.
Wir dokumentieren alle Texte und eine Auswahl der an diesem Abend vorgestellten Bilder.
Judith Schönenberger und Andreas Hohn
5
1. Einleitung
Auf den ersten Blick gibt es wohl nichts Eindeutigeres als Mann und Frau.
Jedes Kind kann intuitiv eine Frau von einem Mann unterscheiden und
lernt schon ganz früh, sich als Eines von Beiden zu identifizieren: als
Mädchen oder als Junge. Das Frau- und Mann-Werden sind komplexe Prozesse, in deren Verlauf die komplizierten Rollenvorschriften und Verhaltensweisen für jedes Geschlecht eingeübt und diejenigen des anderen Geschlechts ausgeschlossen und tabuisiert werden.
Dass diese binäre Geschlechterstruktur längst nicht für alle Menschen gilt,
wird in der abgedruckten Fotoarbeit mit dem Titel „Gender Identity“ thematisiert. Ich habe ich mich mit der Frage befasst, wann eine Person als
Mann und wann als Frau wahrgenommen wird und versucht, die Grenzen
zwischen den Geschlechtern zu verwischen.
2. Roland Neyerlin & Heidi Pfaeffli-Bachmann:
Wer das Sagen hat, bestimmt das Sein
-
6
(...)
Was ist eigentlich eine Frau?
Eine Frau ist ... ein weiblicher Mensch.
Und worin besteht diese Weiblichkeit?
Na – du weißt schon, der kleine Unterschied!
Wie bitte?
Nein, nicht was du jetzt vielleicht denkst! Aber zum Beispiel die
Tatsache, dass Frauen Kinder kriegen können.
Dann sind Menschen, die keine Kinder kriegen können - oder wollen
- also keine Frauen?
Es gibt Ausnahmen.
Diese Ausnahmen sind aber doch ziemlich zahlreich.
Da hast du Recht!
Zudem – dann könnten wir genauso gut unterscheiden zwischen
Menschen, die gebären und jenen, die nicht gebären. Aber dann
könnten wir nur diejenigen als Frauen bezeichnen, die Kinder bekommen und sie wären es nur in der Phase ihres Lebens, in der sie
das gerade tun.
-
-
-
Halt - das führt nirgendwo hin. - Probieren wir’s andersrum: Was ist
ein Mann?
Ein Mann ist vielleicht jemand, der sich als Mann fühlt!
Dann sind Männer, die sich als Frau fühlen keine Männer?
Wahrscheinlich nicht.
Und wie ist es mit den biologischen Frauen, die sich als Männer fühlen? Sind die nach deiner Ansicht dann Männer? Und was ist
schließlich mit jenen, die sich weder noch fühlen?
Heisst das, es gebe, wenn wir’s genau betrachten, weder Frauen noch
Männer?
Das scheint eine Frage zu sein, die sich einigen von uns heute tatsächlich stellt.
Einverstanden - DEN Mann oder DIE Frau, d. h. eine vollkommene
Repräsentation des Weiblichen oder Männlichen, das gibt’s ja nun
tatsächlich nirgends, sondern bloß eine Vielzahl von unterschiedlichen Individuen mit eher männlichen oder eher weiblichen Eigenschaften.
Folglich kann ich also nie mit Sicherheit wissen, ob ich nun gerade
einem Mann oder einer Frau gegenüberstehe?
Es ist noch schlimmer: Gemäss dekonstruktivistischem Credo kann
ich nicht einmal sicher sein, ob ich selber nun eigentlich eine Frau
oder ein Mann bin! Es wird behauptet, es gebe keine Körperlichkeit
als Natur. Geschlecht entstehe ausschliesslich in der Kommunikation, in der Art, wie Menschen sich aufeinander beziehen.
Damit müsste selbst das biologische Geschlecht als soziales Konstrukt betrachtet werden.
Wenn es weder Männer noch Frauen gibt, dann spielt das auch gar
keine Rolle mehr!
Ich selber kann mich jederzeit als dieses oder jenes bestimmen.
Du stehst dauernd unter dem Druck, dich selbst zu definieren! Die
neu gewonnene Freiheit kann also auch ein Zwang zur permanenten
Selbstbestimmung sein. Wir haben heute die Möglichkeit, uns mittels einschlägier Oberflächenbehandlungen, zum Beispiel mit Hormonen und Hometrainer, nötigenfalls auch mit Skalpell und Silikon,
in jede beliebige Form zu bringen. Design your Body, design your
life!
(...)
7
8
3. Begriffserklärungen
Androgynie
Der Begriff ‚androgyn‘ ist zusammengesetzt aus dem griechischen ‚anär‘
(der Mann) und ‚gynä‘ (die Frau). Mit Androgynie verbunden ist die Vorstellung von Vollkommenheit, indem die beiden entgegengesetzten Pole
männlich und weiblich in einer androgynen Person zusammenkommen. Dabei löst sich deren Geschlecht nicht auf, sondern spielt mit dessen Grenzen: Die Attribute (Kleidung, Frisur, Haltung, Verhalten), die uns ermöglichen, jemandem ein Geschlecht zuzuordnen, werden überschritten, ohne
aber die Möglichkeit zu verlieren, sich in die eine oder andere Richtung zu
verschieben.
Um die folgenden drei Begriffe – Homo- / Trans- und Intersexualität – verstehen zu können, ist es wichtig, die Definition von Sex zu untersuchen. Im
Duden wird Sexualität als Gesamtheit der geschlechtlichen Äusserungen
und Empfindungen definiert, im Alltagsverständnis bezieht sie sich jedoch
mehrheitlich auf Erotik.
Transsexualität
Der Begriff Transsexualität taugt folglich für die Alltagssprache wenig,
denn es handelt sich dabei nicht um Erotik, sondern um einen Zustand von
Nicht-Übereinstimmung von Sex und Gender auf eine Weise, in der das
körperliche Geschlecht im Verhältnis zur Geschlechtsidentität verschoben
ist. Der Wunsch, die andere Geschlechterrolle zu leben, steht dabei im
Vordergrund. Die Erotik und Anziehung im Bezug auf andere Personen hat
damit nichts zu tun. Man müsste daher eher von Transidentität oder Transgender sprechen, um diesem Thema gerecht zu werden.
Homosexualität
Homosexualität hingegen hat mit der Geschlechtsidentität und Rolle hingegen vorerst gar nichts zu tun. Homosexualität meint das ‚sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen‘, im körperlichen wie auch im geistigen Sinne. Homophil (statt homosexuell) wäre also weitaus der treffendere
Ausdruck, tönt aber – vielleicht durch die Nähe zur Pädophilie – sehr pathologisch und ist daher auch eher unpassend.
9
Intersexualität
Die geltenden Masse zur Bestimmung des Geschlechts bei Neugeborenen
sind: bis 0.85 cm: Klitoris, ab 2.5 cm: Penis. Dazwischen liegen 1.65 cm
Intersexualität.
Das ‚...sexualität‘ im Begriff ‚Intersexualität‘ meint das biologische Geschlecht, die Chromosomen und Genitalien. Auch diese Bezeichnung hat –
wie die Transsexualität – nichts mit Erotik zu tun. Intersexuell geborene
Menschen weisen physische Geschlechtsmerkmale beider Geschlechter auf.
Bis heute gilt in der Medizin die Theorie, dass die Genitalien operativ dazu gebracht werden müssen, der Norm zu entsprechen und einem weiblichen oder männlichen Geschlecht angepasst werden. In der Regel wird die
Geschlechtszugehörigkeit anhand der äusseren Erscheinung der Genitalien
und weniger nach dem Chromosomensatz definiert. Heute ist die Fähigkeit
zum heterosexuellen Geschlechtsverkehr der wichtigste Aspekt bei der
Langzeitbeurteilung von Genitaloperationen an Intersexuellen. Die operativen Eingriffe an Intersexuellen werden von Seiten der Betroffenen und
Fachpersonen stark kritisiert.
10
4. Die Geschlechterolle
In den Gender-Studies wird unterschieden zwischen „sex“, dem anatomischen Geschlecht, und „gender“, dem kulturellen oder sozialen Geschlecht,
das durch die Gesellschaft geschaffen wird. Körperliche Eigenschaften wie
primäre oder sekundäre Geschlechtsmerkmale gehören zu „sex“, während
andere Unterscheidungsmerkmale von Frauen und Männern äusserlicher
oder innerlicher Art wie Haarlänge oder mathematische Begabung dem
„gender“ zugerechnet werden. Dabei ist die Zuordnung von einem „sex“ zu
einem bestimmten „gender“ (also von so genannt weiblichen Attributen
und Charaktereigenschaften zu einem anatomisch weiblichen Körper) willkürlich und entspricht nicht einer „inneren Wahrheit“. Diese Zuordnungen
beruhen auf Konventionen, sie sind nicht ursprünglich, sondern werden
von aussen in unsere Körper eingeschrieben. Die Geschlechtsidentität ist
ein Konstrukt, welches durch fortlaufende Imitation der weiblichen und
männlichen Stereotypen erreicht wird.
11
5. Martha Nussbaum: Die soziale Bedeutung des Körpers
Körperteile interpretieren sich nicht selbst. Jede Frau, die in ihrer Jugend
den Wandel von den fünfziger zu den sechziger Jahren, von Marilyn Monroe und Jane Mansfiels hin zu Twiggy als weiblicher Norm miterlebt hat,
weiss: Was Brüste und Beine bedeuten, ist nicht von Natur aus gegeben.
Ausschlaggebend ist, wie sie durch soziale Anpreisung gedeutet werden.
Bei den sogenannten Geschlechtsorganen liegen die Dinge gar nicht so viel
anders. Ihre Form und ihre biologische Funktion ist in gewissem Masse
unabhängig von der Interpretation, die ihnen durch die Kultur zuteil wird,
doch die Rolle, die sie im Leben der Menschen spielen, hängt grossenteils
davon ab, wie Eltern und sonstige soziale Akteure diese Form und Funktion deuten, welche Gebrauchsmöglichkeiten sie ihnen zuschreiben, welche
Metaphern sie diesbezüglich verwenden, welche Rollen und Erfahrungen
sie mit ihnen verbinden.
Kurz, die Geschlechtsorgane interpretieren sich nicht selbst; sie verkünden
ihren Trägern nicht, was sie sind und was an ihnen hervorsticht. Andererseits sind sie, sobald das Kind geboren ist, Gegenstände der kulturgebundenen Interpretation und Vorstellung. In der menschlichen Erfahrung spielen sie nur insofern eine Rolle, als sie durch viele Vorstellungen vermittelt
werden, und diese Vorstellungen wiederum interagieren in vielfältiger
Weise mit anderen Vorstellungen vom sozialen Geschlecht. Die historische
Forschung hat gezeigt, dass es auch hier wieder enorm viel Spielraum für
unterschiedliche Deutungen gibt.
Die These der sozialen Konstruktion leistet eine Menge, wenn erklärt werden soll, wie es kommt, dass Gesellschaften die tatsächlich in ihnen vorhandenen Geschlechtskategorien besitzen. Ausserdem leistet sie eine Menge, wenn es um den Nachweis geht, wie tief diese gesellschaftliche Formung von frühester Kindheit an in die Erfahrung jedes einzelnen Angehörigen der Gesellschaft eingreift und nicht nur das Denken prägt, sondern
auch das Erleben des Begehrens und der eigenen Person als eines begehrenden Wesens.
12
13
6. Genesis
1,26 Und Gott sprach:
Lasst uns Menschen machen nach unserm Bild, uns ähnlich!
Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel
des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!
27
Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild,
nach dem Bild Gottes schuf er ihn;
als Mann und Frau schuf er sie.
28
Und Gott segnete sie, und es war gut.
(...)
7. Platon: Das Gastmahl (Symposion)
Zuvörderst nun muß ich euch über die menschliche Natur und die
Schicksale
unterrichten,
die
sie
erlitt.
Unsere
ehemalige
Naturbeschaffenheit nämlich war nicht dieselbe wie jetzt, sondern von
ganz anderer Art. Denn zunächst gab es damals drei Geschlechter unter den
Menschen, während jetzt nur zwei, das männliche und das weibliche;
damals kam nämlich als ein drittes noch ein aus diesen beiden
zusammengesetztes hinzu, von welchem jetzt nur noch der Name übrig ist,
während es selber verschwunden ist. Denn Mannweib war damals nicht
bloß ein Name, aus beidem, Mann und Weib, zusammengesetzt, sondern
auch ein wirkliches ebenso gestaltetes Geschlecht; jetzt aber ist es nur
noch ein Schimpfname geblieben. Ferner war damals die ganze Gestalt
jedes Menschen rund, indem Rücken und Seiten im Kreise herumliefen,
und ein jeder hatte vier Hände und ebenso viele Füße und zwei einander
durchaus ähnliche Gesichter auf einem rings herumgehenden Nacken, zu
den beiden nach der entgegengesetzten Seite von einander stehenden
Gesichtern aber einen gemeinschaftlichen Kopf, ferner vier Ohren und
zwei Schamteile, und so alles übrige, wie man es sich hiernach wohl
vorstellen kann. Man ging aber nicht nur aufrecht wie jetzt, nach welcher
Seite man wollte: sondern, wenn man recht schnell fort zu kommen
beabsichtigte, dann bewegte man sich, wie die Radschlagenden die Beine
aufwärts gestreckt sich überschlagen, so, auf seine damaligen acht Glieder
gestützt, schnell im Kreise fort.
14
Es waren aber deshalb der Geschlechter drei und von solcher Beschaffenheit, weil das männliche ursprünglich von der Sonne stammte, das weibliche von der Erde, das aus beiden gemischte vom Monde, da ja auch der
Mond an der Beschaffenheit der beiden anderen Weltkörper teil hat; eben
deshalb waren sie selber und ihr Gang kreisförmig, um so ihren Erzeugern
zu gleichen. Sie waren daher auch von gewaltiger Kraft und Stärke und
gingen mit hohen Gedanken um ...
Zeus nun und die übrigen Götter hielten Rat, was sie mit ihnen anfangen
sollten, und sie wussten sich nicht zu helfen; denn sie wünschten nicht, sie
zu töten und ihre ganze Gattung zugrunde zu richten, gleichwie sie einst
die Giganten mit dem Blitze zerschmettert hatten - denn damit wären ihnen
auch die Ehrenbezeugungen und Opfer von den Menschen gleichzeitig
zugrunde gegangen -, noch auch durften sie sie ungestraft weiter freveln
lassen.
Endlich nach langer Überlegung sprach Zeus: »Ich glaube ein Mittel gefunden zu haben, wie die Menschen erhalten bleiben können und doch ihrem Übermut Einhalt geschieht, indem sie schwächer geworden. Ich will
nämlich jetzt jeden von ihnen in zwei Hälften zerschneiden, und so werden
sie zugleich schwächer und uns nützlicher werden, weil dadurch ihre Zahl
vergrößert wird, und sie sollen nunmehr aufrecht auf zwei Beinen gehen.
Wenn sie uns aber dann auch noch fernerhin fortzufreveln scheinen und
keine Ruhe halten wollen, dann werde ich sie von neuem in zwei Hälften
zerschneiden, so daß sie auf einem Beine hüpfen müssen wie die Schlauchtänzer.« Nachdem er das gesagt, schnitt er die Menschen entzwei, wie
wenn man Beeren zerschneidet, um sie einzumachen, oder Eier mit Pferdehaaren. Wen er aber jedesmal zerschnitten hatte, dem ließ er durch Apollon
das Gesicht und die Hälfte des Nackens umkehren nach der Seite des
Schnittes zu, damit der Mensch durch den Anblick seiner Zerschnittenheit
gesitteter würde, und befahl ihm dann, das übrige zu heilen. Apollon kehrte also das Gesicht um, zog die Haut von allen Seiten nach dem, was jetzt
Bauch heißt, hin und band sie dann, indem er eine Öffnung ließ, welche
man jetzt bekanntlich Nabel nennt, wie einen Schnürbeutel mitten auf
demselben zusammen. Und die meisten übrigen Runzeln glättete er und
fügte so die Brust zusammen, indem er sich dabei eines ähnlichen Werkzeuges bediente, wie der Holzfuß der Schuhmacher, auf welchem sie die
Falten des Leders ausglätten: einige wenige aber ließ er zurück, nämlich
eben die um den Bauch und den Nabel, zum Denkzeichen der einst erlittenen Strafe.
Als nun so ihr Körper in zwei Teile zerschnitten war, da trat jede Hälfte
mit sehnsüchtigem Verlangen an ihre andere Hälfte heran, und sie schlangen die Arme um einander und hielten sich umfaßt, voller Begierde, wieder
zusammenzuwachsen, und so starben sie vor Hunger und Vernachlässigung
ihrer sonstigen Bedürfnisse, da sie nichts getrennt von einander tun mochten.
15
16
8. Rollenwechsel
In den letzten Jahren hat sich – zusätzlich zu den schon seit den 70er Jahren bekannten Drag Queens – ein völlig neues Phänomen innerhalb der Cabaret-, Theater und Clubkultur (und im Speziellen in der schwul-lesbischen
Kultur) entwickelt:
Frauen, die Männer spielen und sich 'Drag Kings' nennen.
Der Begriff 'Drag King' (Frauen in Männerkleidung/-rollen) wird als Pendant zur 'Drag Queen' (Männer in Frauenkleidern/-rollen) benutzt. (to drag
= schleppen, tragen, u. a. gegengeschlechtliche Kleidung tragen)
Ein 'Drag King' ist nach einer Definition von Judith Halberstam "a performer who makes masculinity into his or her act". Mit Drag Kings und
Drag Queens sind folglich Menschen gemeint, die mit der ihnen von der
Gesellschaft zugewiesenen Geschlechterrolle nicht einverstanden sind. Sie
lehnen das binäre Geschlechtersystem - wie es in unserer Gesellschaft gelebt und gefordert wird - ab und versuchen, das öffentliche Interesse auf
den gängigen Geschlechterdiskurs zu lenken. Auf diese Weise setzen sie
sich für eine freie Wahl der Geschlechtsidentität ein. Im Gegensatz zu
Transsexuellen, welche ihre äussere Erscheinung ihrem Fühlen anzupassen
versuchen, ist das Annehmen einer neuen Geschlechtsidentität für Kings
und Queens vielmehr ein Spiel und nach Lust und Laune variabel: Drag
Kings tragen nicht täglich Männerkleider und sehnen sich auch nicht danach, Männer zu sein. Sie verkleiden sich meist nur für den Auftritt und
geniessen den Rollenwechsel für eine Nacht.
Drag Kings haben sich zu starken PerformerInnen entwickelt, welche sich
mit den Thematiken Identität und Repräsentation von Frauen in der Gesellschaft beschäftigen und für ihre Ideen eigene Darstellungsformen entwickeln. Diese gehen von klassischen Playback-Nummern schmieriger Macho-Typen über Boy-Group-Choreographien bis hin zu Künstlerinnen, die
sich übers Theater mit Stereotypen von Weiblichkeit und Männlichkeit
auseinandersetzen.
9. Michèle Roten: Brüste: ja oder nein?
Sandra trägt ein schwarzes Kleid und eine Fellmütze, an den Schläfen
baumeln zwei kleine Zöpfchen, und sie hat einen Schnauz. Er geht bei den
Mundwinkeln nach unten, die Enden rollen sich ein. Sandra hat die TransGender-Party von Radio Lora mitorganisiert, wir sind an der Kalkbreitestrasse 4 in einem besetzten Haus, und Sandra sagt, dass das Besondere an
dieser Party sei, dass viele Leute hier sind, die mit den Geschlechterrollen
spielen, und dass es für einmal mehr Frauen als Männer habe.
17
Tatsächlich. Viele Frauen mit kurzen Haaren, Frauen in Hosen, Frauen in
Röcken, das sind Männer. Männer mit langen Haaren und Hosen, Männer
mit kurzen Haaren, das sind Frauen. Frauen küssen Frauen, die wie Männer
aussehen, küssen Männer, die wie Männer aussehen, küssen Männer, die
wie Frauen aussehen, küssen Frauen küssen Frauen. Man beginnt sich an
scheinbar Eindeutiges zu halten, Brüste zum Beispiel, Frauen mit Brüsten,
Männer mit Brüsten, Männer ohne Brüste in Latextops. Frauen ohne Brüste
in weiten T-Shirts. Eine Frau mit Brüsten und kurzen Haaren tanzt mit einem Fussball. Ein Mann, der so weiblich aussieht, dass er ein Mann sein
muss, mit langen braunen Haaren, glitzerndem Trägertop, engem Jupe,
knochigen Schultern, tanzt so wild, dass man eventuelle sekundäre Geschlechtsmerkmale nicht ausmachen kann. Er ist ein Mädchen, ein richtiges, das sich einfach anzieht wie ein Mädchen. Normal halt. Was normal
ist und was nicht, was echt, was nicht, was Frau, was Mann, kann man bald
nicht mehr sagen in diesem magischen Theater der Geschlechter. Ist sie
eine Frau, weil sie keinen Schwanz hat? Oder er eine Frau, weil er lackierte Fingernägel hat und sich verhält wie eine Frau? Wie verhält sich denn
eine Frau? Ist es das?
Irgendwann drückt mir Sandra eine «Anleitung zum Drag-KingCrossdressing» in die Hand. Wenn Frauen mal Mann sein wollen, dann
geht das so. Such dir einen Typ Mann aus. Rockmusiker, Anwalt, Automechaniker. Die Brust wegschnüren. Einen Penis in die Hose, ein ausgestopftes Kondom, eine Socke, links oder rechts, nicht in die Mitte. Die Hoden
sind vernachlässigbar, obwohl Männer der Autorin erzählt haben, «dass
diese eine stärkere Präsenz haben, weil die Eier, im Gegensatz zum eingepackten Penis, runterhängen und ihr eigenes Gewicht haben». Haare mittelscheiteln. Schnurrbart ankleben, Koteletten, Augenbrauen tuschen, Tränensäcke verstärken. Männerschuhe anziehen, das ist wichtig, weil die sind
breiter, robuster, «Männerschuhe geben dir das Gefühl, mit beiden Beinen
auf der Erde zu stehen und den Raum unter deinen Füssen zu besitzen».
Aufhören zu lächeln, Arroganz und Entschiedenheit ausstrahlen, niemals
entschuldigen, alles ankucken, als ob es dir gehört. So gehen, als ob ein
Radius von einem Meter um dich dein Territorium ist. Sitzen mit gespreizten Beinen, «deine Eier brauchen schliesslich Luft zum Atmen!», hinten im
Sessel, nicht auf dem Rand. Langsam sprechen, denn «jedes Wort, das du
aussprichst, ist ein Juwel der Weisheit». Und nicht vergessen: Männlichkeit wird vorausgesetzt, bis das Gegenteil bewiesen ist! So ist es also, ein
Mann zu sein. So ist es also, keine Frau zu sein.
18
Der Abend endet in einer Identitätskrise. Das binäre System der Geschlechter zerbröckelt. Plötzlich ist es mir unangenehm, die Norm, das
Klischee zu bedienen, dass meine Frisur zur Muschi passt, immerhin trag
ich Hosen und flache Schuhe. Was bin ich denn nun? Wahrscheinlich ein
lesbischer Junge mit Brüsten. Ist ja auch egal.
19
10. Glossar
Androgynie
Geschlechtliche Uneindeutigkeit; die beiden Pole männlich und weiblich
kommen in einer androgynen Person zusammen. (griech. anär = Mann, gyne = Frau)
Bio-Boy / Bio-Girl / Cisfrau / Cismann
Soziales und anatomisches Geschlecht stimmen überein.
Crossdressing
sich klischeehaft gegengeschlechtlich kleiden
Drag
Styling als das andere Geschlecht (to drag = schleppen; in diesem Sinne:
Männer, die Frauenkleidung tragen oder umgekehrt)
Drag King
Frau, die sich männlich gibt und mit männlichen Attributen – wie Bart,
ausgestopfte Hose, abgebundene Brust – ausgestattet ist. Oft ist der Rollenwechsel nur für kurze Zeit (z. B. Shows).
Drag Queen
männliches Pendant zum Drag King
intersexuell / Hermaphrodit
körperlich nicht genau einem Geschlecht zuordnungsbar
Passing
in der Öffentlichkeit als das Geschlecht durchgehen, das man biologisch
nicht ist
Queer
Sammelbegriff für alles, was von heterosexuell und cissexuell abweicht
transgender
zwischen den Geschlechtern stehend, weder männlich noch weiblich
transidentisch
seine Identität zwischen den Geschlechtern finden (dt. für transgender)
20
transsexuell / Transfrau / Transmann
geschlechtlich anders emfindend als das biologische Geschlecht
(FtM = Female to Male, MtF = Male to Female)
Transvestit
Transvestiten finden es lustvoll, die Kleidung des Gegengeschlechts zu
tragen.
Tomboy
„Wildfang“, Mädchen, das jungenhafte Züge hat
11. Literaturliste
Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am
Main: Edition Suhrkamp.
Halberstam, Judith (1998): Female Masculinity. Duke University Express.
Hertzer, Karin (1999): Mann oder Frau - Wenn die Grenzen fließend werden. Ariston-Verlag.
Igigaray, Luce (1991): Ethik der sexuellen Differenz. Frankfurt am Main:
Edition Suhrkamp.
Jagose, Annamarie (2001): Queer Theory - Eine Einfuehrung. Berlin:
Querverlag.
Krass, Andreas (2003): Queer Denken. Frankfurt am Main: Edition Suhrkamp.
Lehnert, Gertrud (1997): Wenn Frauen Männerkleider tragen - Geschlecht
und Maskerade in Literatur und Geschichte. dtv.
Schröter, Susanne (2002): FeMale – Über Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.
Strunk, Marion (2002): Gender Game. Tübingen: Konkursbuch Verlag
Claudia Gehrke.
Wex, Marianne (1980): Weibliche und männliche Körpersprache als Folge
partiarchaler Machtverhältnisse. Frankfurt : Frauenliteraturvertrieb.
21
22
In eigener Sache
„Momente“ erscheinen unregelmässig regelmässig: Wann immer uns etwas
bewegt, beschäftigt, begeistert, herausfordert und sich dies in schriftlicher
Form be-greifen lässt, versuchen wir eine neue Nummer zu gestalten. So
entstehen jährlich mehrere Ausgaben zu ganz unterschiedlichen Themen
(vgl. Impressum).
Gerne schicken wir Ihnen unsere „Momente“ auch nach Hause. Mit untenstehendem Talon können Sie uns Ihre Koordinaten mitteilen, so dass wir
Ihnen die Neuerscheinungen zukommen lassen können.
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zHd. Sekretariat / „Momente“
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3006 Bern
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