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Das Studium und das Leben: Was uns nicht - germanistika.NET

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alleMANIAK
Zeitschrift der Germanistikstudierenden, Juni 2011, Ausgabe 18
Das Studium und das Leben:
Was uns nicht umbringt, macht uns stärker!
Im Interview:
Arno Camenisch
Porto 2011
Thomas Bernhard:
Österreichs Lieblings-Staatsfeind
Studieren ist nicht immer einfach
Wie bringen Sie Ihr Studium, Ihre Familie und Ihre
finanzielle Situation miteinander in Einklang?
Karin Žunič, Ana Lunder
kennenlernen und neue Freundschaften schließen. Wir Studenten sind eng
miteinander verbunden; wir gehen zusammen essen, Kaffee trinken und manchmal
gehen wir am Abend zusammen aus.
H
eute, wenn man mit dem Studium
beginnt, denkt man nicht nur an
Partys und Spaß, sondern auch an
alle Kosten, die das Studium mit sich bringt.
Schon vor dem Beginn des Studiums steht
man sehr unter Druck – wo werde ich wohnen? Wie viel Geld werde ich monatlich
ausgeben? Hängt alles nur von meinen
Eltern ab? Ich muss unbedingt arbeiten!
Doch nach dem neuen Bologna-System
muss man den ganzen Tag an der Uni
sein und alle Vorlesungen regelmäßig besuchen, oder man kann nicht zur Prüfung
antreten. Die großen Pausen zwischen den
Vorlesungen
sind
eigentlich
Zeitverschwendung. Man kann nicht nach
Hause gehen und lernen, weil man nicht
genug Zeit hat und darum wartet man im
Café und macht nichts. Wo ist denn die
Zeit für die Arbeit, wenn man das Studium erfolgreich beenden möchte? Mit unseren 20 Jahren sind wir schon junge Erwachsene, aber noch immer finanziell von
unseren Eltern abhängig. Wenn man ein
Ein Vorteil ist auch, dass man mit den
Referaten und Hausaufgaben einige Prozente oder Pluspunkte bei der Prüfung bekommt. Auch weil es so viel regelmäßige
Arbeit gibt, gibt es vor der Prüfung weniger
zu lernen – wenn man bei den Vorlesungen
anwesend ist. Die Ferien können so länger sein und man kann mehr Zeit mit der
Familie verbringen.
guter Student sein will, kann man nur am
Wochenende arbeiten, damit verdient man
aber nicht genug Geld, um sich selbst zu
finanzieren. Stipendien bekommt nicht
jeder, darüber hinaus sind die Stipendien
zu klein, um völlig auszureichen.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch
positive Dinge. Weil man viel Zeit an
der Uni verbringt, kann man viele Leute
Es ist allgemein bekannt, dass die Studenten ihre schlechte Situation heute ständig bejammern. Man muss sich darüber
im Klaren sein, dass die Zeiten auch für
die anderen, zum Beispiel für die Arbeiter
und Pensionisten, schlecht sind. Wichtig
ist, dass wir auf dem Boden der Realität
bleiben, uns bemühen, gute Resultate zu
bekommen und positiv denken, damit wir
glücklich und gesund bleiben. Wo ein Wille
ist, ist auch ein Weg!
STUDIEREN IST NICHT IMMER EINFACH
Die Wahrheit hat die Neigung, früher oder später ans Licht zu kommen!
Ajda Jonak
D
as Leben eines Studenten, der sich
in der Flut von fehlenden Informationen, neuen Regeln und immer größer werdenden Hindernissen des
neuen Bologna-Systems verloren hat, ist
schon längst kein Zuckerschlecken mehr.
Wir zerbrechen uns den Kopf, sind fleißig,
die meisten auch sehr lernfähig, halten
den Mund, obwohl dies meist am schwierigsten sein kann, wir befolgen die Regeln
und trotzdem sind wir es, die den Kürzeren
ziehen: eine Prüfung zu wenig oder sogar zu
viel im ersten Jahr absolvieren, im zweiten
Jahr dann herausfinden, dass man das
Jahr wiederholen muss, weil einem dann
eine Prüfung aus dem zweiten Studienjahr
fehlt, die man theoretisch schon im ersten
Jahr abgelegt hat, wo aber zum »Glück«
dieser Studenten
ein Strich gezogen wird, was
natürlich bedeutet, dass man im
Endeffekt schon
verloren hat, bevor
man richtig angefangen hat. Nicht
nur, dass man
wegen eines bürokratischen Hindernisses das ganze Jahr verliert, man ist auch keinesfalls im Stande eine
Arbeitsstelle zu finden, da man keine drei
Stunden bei den Vorlesungen versäumen darf und der „geniale“ Stundenhplan
anscheinend für jemanden geschrieben
worden sein muss, der gar kein Privatleben haben darf. Man sollte wohl nur an
sein Studium denken, keinen Gedanken
an andere Dinge
verschwenden,
aber trotzdem die
Zeit haben, über
all die Geschehnisse auf der Welt
von morgen, jetzt
und gestern auf
dem Laufenden zu
sein. Manchmal
steht man kurz davor auszurasten, wenn man irgendwo eine
Arbeitsstelle findet, die man langfristig gesehen gar nicht haben will und ohne die man
zwar theoretisch, praktisch gesehen jedoch
nicht überleben kann. Allen, die auf hohen
Positionen sitzen, auf uns herabblicken,
mörderisch gemein grinsen und uns Tag für
Tag das Leben mit ihren »Verbesserungen«
versüßen, möchte man sagen: “Wozu!?“
Doch dann kommt man wieder zur Vernunft und man sieht, dass man mit dem
Abbruch des Studiums nicht bedeutend viel
erreichen kann, dass die Leute, die auf uns
herabblicken, wegen eines Studenten weniger bestimmt nicht vom Stuhl fallen. Man
wird sich bewusst, dass man die Ausbildung
eigentlich braucht, um diejenigen eines
Tages selber vom Stuhl zu schubsen und
dafür zu sorgen, dass es für die nachkommenden Generationen leichter sein wird.
Das Leben allein ist schon kein Zuckerschlecken, das Studium muss es nicht auch
noch schlimmer machen. Es gibt nicht viele,
die die Kraft aufbringen, die Steine, die
ihnen in den Weg gelegt werden, aufzuheben und so weit weg zu werfen, dass sie keine
Menschenseele jemals entdecken wird.
Viele scheitern daran und nehmen sich im
schlimmsten Fall sogar ihr junges Leben.
Studieren ist nicht immer einfach
Anita Banko
D
er Übergang vom Gymnasium zur
Universität ist ein großer Schritt,
der für viele ein Wendepunkt in
ihrem Leben darstellt. Viele ziehen von Zuhause weg und müssen selbständig werden.
In ihrem neuen Zuhause gibt es keinen vollen Kühlschrank mehr, den man einfach
plündern könnte. Sie müssen sich selber
etwas „fangen“, um zu überleben und nicht
darauf warten, dass ihnen alles auf einem
silbernen Tablett serviert wird. Das Studentenleben stellt sie auf die Prüfung, ob
sie dazu fähig sind sich mit einem Problem allein auseinanderzusetzen und dabei
eine richtige Entscheidung zu treffen. Das
Studium verändert ihre Weltansicht, ihre
Art des Denkens und es vermittelt uns
allerlei Kompetenzen, die als Voraussetzung für unsere Zukunft dienen. Aber es
gibt auch negative Erfahrungen, die eben
Teil des Studiums sind. Beginnen wir mit
dem Stundenplan: die Fächer sind über
den ganzen Tag zerstreut und es gibt viele
Lücken zwischen den einzelnen Lehrveranstaltungen. So verlieren die Studierenden
allmählich die Motivation. Darüber hinaus
hat man gar keine richtige Freizeit. Man ist
praktisch den ganzen Tag an die Fakultät
„gebunden“; es ist schwer zu glauben, aber
manchmal erfordert es schon Köpfchen und
taktisches Geschick, sich so durch das Leben und den Stundenplan durchzubeißen.
Dann folgt schon das zweite Hindernis:
die finanzielle Situation. Manchen verursacht das keine Probleme und sie gleiten
sorglos durch das Studium und auch durch
das Leben. Aber viele andere Studenten
bedrückt gerade dieses Problem, das in
manchen Fällen den entscheidenden Faktor
darstellt. Es gibt auch Beispiele, wo einige
aus finanziellen Gründen das Studium abbrechen mussten, weil es einfach nicht
möglich war die Kosten zu decken. Einige
haben dann das Studium später fortgesetzt,
aber was ist mit den anderen, die diese
Möglichkeit nicht hatten? Auf die
Frage „Was wäre, wenn sie ...“ findet sich leider keine Antwort. Wer
also aus einer finanziell schwachen
Familie kommt, für den ist es eigentlich
selbstverständlich ein anderes Einkommen
zu suchen. Ein Job während der Vorlesungszeit und auch in den Ferien ist eine wichtige
oder sehr wichtige Einnahmequelle. Es ist
nicht nur das Geld, das sie bei der Arbeit
verdienen, sie sammeln hier auch Erfahrungen und Wissen, die sie später sicherlich
irgendwo anwenden können. Man weiß ja
nie, was das Leben bringt und deswegen ist
es ratsam, alle Möglichkeiten, die einem angeboten werden, sinnvoll zu nutzen. Denn
heutzutage bekommt man sehr selten eine
zweite Chance und die Konkurrenz wird
immer hartnäckiger – also muss man sein
Bestes geben um besser zu sein. Das Studium ist praktisch gesehen eine Schlacht, wo
nur die Erfinderisch(st)en, Ausdauernd(st)
en und Erfahren(st)en den Kampf für sich
entscheiden können. Sie werden viel Blut
und Wasser schwitzen müssen um sich
ihren Traum zu erkämpfen, aber das gehört
eben zum Studienleben. Also keine Müdigkeit vortäuschen und ran an die Arbeit!
Studieren und Finanzen
Brigita Noč, Marjana Vrabec
D
as Studium beginnt für die
meisten von uns mit einem großen
Schritt in die Selbstständigkeit.
Als erstes zieht man in eine größere Stadt,
wo das Studentenleben erstmals beginnt.
Die erste finanzielle Sorge, die schon am
Anfang entsteht, ist die Wohnung. Diese
sind meistens überteuert für das, was sie
zu bieten haben. Manchmal wollen einen
die Mieter in irgendein Loch stecken, das
sie Wohnung nennen, ohne normale Bedingungen, nach dem Motto “Du bist ja
Student, zum Essen hast du sowieso Gutscheine, daher brauchst du ja keine Küche“,
und das noch für eine hohe Monatsmiete.
Zum Glück gibt es noch Studentenwohnheime, in denen man das Nötige zum günstigen Preis bekommt und außerdem kann
man dort auch noch Freunde fürs Leben
finden.
Wenn man endlich ein Dach über dem
Kopf hat, macht man sich Gedanken über das Essen und Trinken.
Heutzutage ist ja gesunde Ernährung Thema Nummer eins. Man muss fünf Mahl-
2 alleMANIAK
zeiten am Tag haben, mindestens dreimal
sollten Obst und Gemüse darunter sein.
Leider sieht aber die Realität anders aus. Bei
den ganzen obligatorischen Vorlesungen,
Übungen und Seminaren kann man sich
glücklich schätzen mal genug Zeit zu einem
normalen Mittagessen zu haben. Finanziell
gesehen hat man zwar die subventionierten
Essensgutscheine, die einem helfen Geld
zu sparen, aber auch die werden immer
teurer, besonders in den Restaurants, die
wirklich frisches und gesundes Essen anbieten. Wenn man nicht genug Geld hat
um jeden Tag ungefähr vier Euro nur für
das Mittagessen auszugeben, bleiben einem
mehr oder weniger nur noch Fastfood-Restaurants zur Auswahl.
Nachdem man sich mit den lebenswichtigen
Kosten abgeplagt hat, kommt man auf die
Uni. Man schlendert von einer Vorlesung
zur anderen und nach jeder hat man größere
Kopfschmerzen. Bei jedem Kurs braucht
man neue Bücher und andere Materialien,
sowieso verbringt man die Hälfte seiner
Studienzeit im Kopierladen nebenan,
wo sich wieder neue Bücher und Schriften zum Kopieren und Bezahlen befinden.
Wenn man nicht aus einem reichen Eltern-
haus kommt, hat man nur noch den einen
Gedanken im Kopf: Wie komme ich zu
Geld? Und da geht ein Licht an, es gibt ja die
Arbeit für Studenten. Ach ja, „študentsko
delo“, wo man für vier Euro pro Stunde
oder noch weniger alles macht, was einem
der Arbeitgeber sagt. Egal, ob ich nun für
mein Studium büffle wie ein Irrer, Wissen
wird ja in unserer Zeit nicht gerade hochgeschätzt. Aber ohne Arbeit kann man leider
nicht über die Runden kommen. Das ist
halt die grausame Realität. Und mit dem
neuen Bologna-Programm ist nicht mal
diese Arbeit möglich. Die Studenten sind
ja nicht alt genug um selbst zu entscheiden, bei welchen Vorlesungen sie zu sitzen
haben. Man muss fast 12 Stunden pro Tag
auf der Uni sitzen und wenn man nach
Hause kommt, noch Seminararbeiten, Essays und Hausaufgaben schreiben. Es ist so
unmöglich nebenbei noch zu arbeiten oder
irgendetwas anderes zu machen.
Unter dem Strich gesehen ist es sehr
schwierig das Studium und die finanzielle
Lage miteinander in Einklang zu bringen.
Meistens hat man nur für das Eine genug
Zeit, sonst leidet das Andere zu sehr darunter. Und wenn man es schon irgendwie
schafft die beiden zu kombinieren, hat
man am Ende keine Zeit mehr für sich
oder seine Freunde. Es ist traurig, dass man
heutzutage der Meinung ist, das Studenten
nur für das Studium leben sollten. Dabei
sollte diese Zeit eine der schönsten sein, wo man neue Menschen
kennen lernt, auf Reisen geht und
Lebenserfahrungen sammelt und das
schafft man nicht, wenn man dreiviertel seiner Zeit auf der Uni verbringt.
STUDIUM UND DER REST DES LEBENS
Studium und der Rest des Lebens
Diplomierte Penner!
Mein All-Tag?
Z
uerst einmal – ist er wirklich
MEIN All-Tag? Vielleicht ein
klitzekleiner Teil von dem, was wir
unter Freizeit verstehen, jedoch Freizeit
bedeutet »frei sein«, bin ich das?
Klemen Murn
Im Titel steht MEIN Alltag, der ganze Tag,
jedoch wenn ich noch einmal kurz darüber
nachdenke...
Ja ich habe Freizeit, Zeit, in der ich indirekt über das Studium nachdenke, und
zwar, welche Stunde ich auslassen sollte, um Kleingeld zu verdienen, aber ich
bleibe immer und immer wieder vor einem
Scheideweg stehen. Soll ich ein wenig Geld
verdienen und die nächsten Tage sorglos
erwarten oder bei den Vorlesungen anwesend sein in der Hoffnung das Studium
zu beenden? Soll ich vielleicht den anderen
Weg wählen und mir eine feste Anstellung suchen – aber: wie soll das gehen,
in diesen Zeiten, wo alles zugrunde geht?
Ich drehe mich im Kreise und komme
nicht weiter, bisher ist mein Leben beinahe
»auf Blumen gebettet gewesen«, ohne Sorgen kann ich bei meinen Eltern leben; doch
ich frage mich: ist das überhaupt MEIN
Leben? - Wegen Bologna muss jede sogar
früher unwichtige Sache genauestens überlegt werden, um später an das gewünschte
Ziel zu gelangen: eine falsche Entscheidung
genügt und wir ziehen den Kürzeren. Bologna mit den vollgestopften Stundenplänen
bringt uns die Tage durcheinander, aber
dennoch: ist es wirklich so schwer? Ja, ist es
und so wird es weiterhin bleiben.
Bolognesische Fachidioten und positive Erfahrungen, seit
ich Student bin
Wahlfächer, die das nicht sind! Freizeit,
die das nicht ist! Zukunft, die das nicht
ist! Kompetenzen, die das nicht sind!
Diplomierte Penner!
Neue Kandidaten für den Arbeitslosenmarkt! Wir wissen alles und nichts! Wir
werden nicht ernst genommen! Mit vierzig werden wir noch bei unseren Eltern
wohnen. Ich bleibe ewiger Student, weil
ich sonst nicht weiß, was ich im Leben
tun soll. Berufsstudent.
Während der letzten Jahre wurde an den
meisten europäischen Universitäten die
Bologna-Reform eingeführt, was sowohl
Studenten als auch Professoren wesentlich geprägt hat. Die neuen Studienrichtungen, weitere Wahlmöglichkeiten der
Fächer und die Kompatibilität zwischen
den Universitäten sind auf den ersten
Blick einige bedeutende Vorteile, die aber
auch einige Nachteile mit sich bringen.
Janez Hromc, Vida Lipušček, Bojana Ovtar
Gregor Dovč
Als die Bolognareform eingeführt wurde,
wurde diese Idee von allen bejubelt. Die
Politiker erzählten nur von den Vorteilen,
die diese Reform mit sich bringen würde,
aber niemand wusste, wie sich das in der
Realität abspielen würde.
Als das „Bolognazahnrad“ ins Drehen kam,
zeigten sich aber auch die Nachteile, die
sich jetzt unmöglich ignorieren lassen.
Wegen der Anwesenheitspflicht kann das
heutige Studium mit dem Unterricht am
Gymnasium verglichen werden. Hier zählt
nicht mehr die Leistung, sondern das Erscheinen bei den Veranstaltungen. Nach
diesem Prinzip werden die Studenten auch
benotet. Für einige Studienprogramme
sind drei Jahre einfach zu kurz, deswegen
können die Bologna-Diplomanten oder
„Bolognamaturanten“ jene Jobs nicht bekommen, die den Diplomanten des alten
Programms zur Verfügung stehen.
Auch die Freizeit leidet sehr unter den
alltäglichen Pflichten an der Universität.
Erholung gibt es nur, wenn man sich die
Zeit zum Ausruhen einfach nimmt und
einige Pflichten „vergisst“. Ferien kann
man nur genießen, wenn man die Zähne
zusammenbeißt und alle Prüfungen am ersten Termin macht. Dann bleiben einem
vielleicht noch sechs Wochen um sich von
dem ganzen Ballast zu befreien.
Wenn man vor der Immatrikulation auf die
Universität steht, werden einem vor allem
viele positive Erfahrungen vor Augen gehalten, z. B. wie sich das Studium mit der
Bologna-Reform zu etwas sehr Positivem
entwickelt hat, was einerseits zwar stimmt, doch werden andere negative Erfahrungen meistens verschwiegen. Begriffe wie
das weltweit einheitliche Studiensystem,
viele Wahlfächer, eine kürzere Studienzeit
und verschiedene Austauschmöglichkeiten
werden - wenn die Rede vom BolognaProzess ist – sicherlich am häufigsten
genannt. Gewiss sind diese auch einigermaßen gerechtfertigt. Niemals früher hatten die Studenten so viele Möglichkeiten,
wie z. B. ein Semester an einer ausländischen Universität zu studieren und
statt an der Universität in der Heimat
dort sogar einige Prüfungen abzulegen,
Freundschaften mit anderen Mitstudenten
aus der ganzen Welt zu schließen oder beim
Lernen von einer Fremdsprache in Verbindung mit einem Muttersprachler zu treten.
Aber wenn man ein reales Bild von der
Bologna-Reform bekommen will, muss
man auch die negativen Veränderungen in
Betracht ziehen. Immer wenn die BolognaReform Erwähnung findet, werden die
meisten Studenten die Nase rümpfen und
eine Liste von negativen Erfahrungen mit
dem Bologna-Prozess aufzählen, wobei die
meisten Anmerkungen berechtigt wären.
Die Anwesenheitspflicht gilt nicht nur bei
den Übungen, sondern auch bei den Vorlesungen und damit haben wir weniger
Zeit für Studentenjobs und andere Freizeitaktivitäten. Die kürzere Studienzeit
bringt auch oberflächliches Lernen statt
vertieften Studiums mit sich und diese
sind wahrscheinlich die herausragendsten
negativen Erfahrungen, die mit dem Begriff Bologna-Reform verbunden werden.
Wenn man einen Strich unter die Reform zieht, zählen nicht nur Erfahrungen, die man während seines
Studiums macht, sondern sind von
größerer Bedeutung diejenigen, die man
während seines Studiums in anderen
Bereichen sammelt wie z. B. verschiedene
berufliche oder private Erfahrungen, die
für unser späteres Leben wichtig sind.
Sport als Ventil für Stress an der Uni
I
ch trainiere Handball und fahre
jeden Tag von Ljubljana nach Celje
zum Training. Das alles nimmt mir
etwa vier Stunden meiner täglichen
Freizeit. Es ist nicht immer leicht Studium und Sport zu kombinieren, ohne dass
dabei eines von beiden zu kurz kommen
würde. Nun erzähle ich euch meine Geschichte oder meinen ganz normalen
Tagesablauf.
Zala Bojovič
»Oh mein Gott, es ist schon 7:20 Uhr (der
Wecker sollte mich eigentlich um 6:45 Uhr
wecken, aber ich habe den Wecker schon
etwa zwanzig Mal für fünf Minuten verstellt) und ich muss um 8:00 Uhr auf der
Uni sein.«
Endlich falle ich in meinem Pyjama aus
dem Bett, stolpere über die Bücher, die
wir für »Obdobja in tradicije« lesen müssen und die ich gestern dort auf dem Boden
liegen ließ, falle fast auf die Nase, denn
meine Beine funktionieren noch nicht
richtig und das Training gestern war auch
nicht ohne, halte mich gerade noch an der
Kommode fest, bevor ich auf den Boden
plumpse. Zuerst zum Waschbecken und
vor den Spiegel, mein Gesicht und meine
zusammengeknüllten Augen waschen, die
Beißerchen bürsten, damit sie schön weiß
strahlen und mich noch anziehen. Jetzt nur
noch frühstücken (klar - im Stehen und im
Durchs- Zimmer- Jagen und Suchen von
Sachen für die Fächer, die ich heute noch
habe), denn man muss noch die Tasche für
die Uni vorbereiten und darf nichts vergessen. Schnell Jacke und Kappe anziehen, die
Treppen runterspringen - und jetzt habe
ich nur noch 15 Minuten um bis zur Uni
zu sprinten; aber klar, es ist schon 7:50 Uhr
und ich bin praktisch schon fünf Minuten
zu spät dran.
Etwa drei Minuten nach acht komme ich
vor der Uni angestürmt, wo Kristina und
Tjaša auf den Treppen auf mich warten mit einem Lächeln im Gesicht, das nichts
Gutes bedeuten kann. Sie teilen mir mit,
dass die ersten drei Stunden ausfallen und
dass die Profesorin das fünfzehn vor 8:00
Uhr auf »Obvestila« auf der Internetseite
der Germanisten bekanntgegeben hat.
Also war alles für die Katz!!! Für die Katz!!!
Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!!!! Zuerst war ich
sehr, sehr, sehr sauer, denn ich ging heute
Morgen durch die Hölle, um rechtzeitig im
Klassenzimmer zu sein und dann fällt es
einfach aus...
Das nächste Mal, wenn wir dann die
Stunden nachholen müssen, hört man
nicht einmal eine Entschuldigung dafür,
dass dieser Stundenausfall so spät mitgeteilt
wurde ... und dass wir wegen nichts aufstehen mussten .... Ich hasse es am Morgen
spät dran zu sein, man muss dann alles so
schnell machen und etwa zehnmal die Nerven dabei verlieren. Nach etwa zehn Minuten von Herumgrunzen und Schimpfen
bin ich nicht mehr sauer und wir beschließen einen Kaffee trinken zu gehen.
Jetzt haben wir fünf Stunden frei und dann
wieder Uni. Also Entspannung steht jetzt
auf dem Programm, ein bisschen quatschen, Informationen über die Fächer austauschen und dann etwas essen gehen. Nach
dem Mittagessen fängt die Uni wieder an.
Man kommt mit so einem schweren Magen ins Klassenzimmer, dass man am liebsten einschlafen würde, aber das geht ja
nicht, es folgen drei Stunden Unterricht
und hohe Konzentration ist gefragt. Nach
den drei Stunden noch zwei Stunden Vorlesung, die man dann aber vorzeitig verlas-
sen muss, um nachhause zu laufen und die
Sachen fürs Training zu packen – dann das
Auto auf dem Parkplatz suchen, schnell alle
Mitspielerinnen am anderen Ende von Ljubljana abholen und die Fahrt geht weiter
nach Celje.
Weil man nicht zu spät kommen will, fährt
man ein bisschen über dem Tempolimit.
Schnell sich in der Garderobe umziehen,
aufs Spielfeld gehen und startklar fürs
Training sein. Es folgen hoher körperlicher Einsatz und volle Konzentration.
Nach dem Training duschen, anziehen
und die Fahrt geht zurück nach Ljubljana.
Alle
Mitspielerinnen
wieder
»abtransportieren« und etwa um 23:50 Uhr
fällt man voll kaputt ins Bett und schläft
ein. Am nächsten Tag fast das Gleiche,
nur dass man länger schlafen, ein paar
Hausaufgaben machen und den Tag
ein bisschen »easier« beginnen kann.
Also - es ist nicht einfach, aber es geht beides
miteinander zu kombinieren. Man muss es
nur wollen und mit ein bisschen Hilfe von
Mitschülern und Professoren schafft man es
auch.
alleMANIAK 3
ALUMNIPORTAL DT.
Alumniportal Deutschland
Eine globale Idee wird zu einer Erfolgsgeschichte
G
espräch mit Gerd HönscheidGross (GIZ, ehem. InWEnt),
ehemaliger Gesamt-Projektleiter
des Alumniportal Deutschland. Gerd
Hönscheid-Gross ist der Vater und Ideenleiter des Internetprojekts Alumniportal
Deutschland bei der deutschen Organisation GIZ, die sich mit internationaler
Entwicklungs- und Weiterbildungsarbeit
und interkulturellem Dialog beschäftigt.
Tanja Petrič
Gerd Hönscheid-Gross der Ende 2010
aus dem Team ausgeschieden ist, war sicherlich einer der aktivsten und viel beschäftigten Mitglieder des Fachteams vom
Portal. Seine vielfältigen Erfahrungen, die er erfolgreich
in das öffentliche Netzwerk integrierte, hat er in der ganzen
Welt gesammelt, besonders
bei seiner langjährigen Entwicklungsarbeit in Afrika und
Asien. Die Internet-Plattform
Alumniportal
Deutschland,
die zurzeit auf einer virtuellen
Ebene mehr als 28.000 registrierte Nutzer verbindet, wurde
2008 offiziell ins Leben gerufen.
Wie würden Sie das Alumniportal Deutschland beschreiben, wenn Sie nur einen
Satz zu Verfügung hätten?
Gut, dass wird dann aber ein
längerer Satz: Das Alumniportal Deutschland ist das zentrale Portal der Bundesrepublik
Deutschland für alle Ausländer,
die in Deutschland studiert oder
sich fortgebildet haben oder die
von einer deutschen Organisation in ihrem Heimatland (oder auch
Drittland) für mehr als 3 Monate gefördert
wurden.
Aus welcher Idee erwuchs das Alumni-
portal Deutschland? Welche Funktion
hatten Sie dabei? Was war Ihre Rolle bei
der Entstehung des Portals?
Nur die Deutschland-Alumni, die in
den Genuss einer Förderung durch eine
deutsche Organisation kamen, können an
einem Alumniprogramm dieser Organisation – soweit ein solches besteht - teilnehmen. Das sind jedoch nur ca. 20%.
Der überwiegende Teil der DeutschlandAlumni hat das Studium oder die Fortbil-
4 alleMANIAK
dung in Deutschland selbst finanziert. Das
Alumniportal Deutschland spricht erstmals
alle Deutschland-Alumni an. Die Idee zur
Schaffung eines solchen zentralen Alumniportals wurde von mir im Jahr 2005 in ein
Netzwerk verschiedener deutscher Stipendienorganisationen eingebracht und fand
dort viel Unterstützung. Daraufhin habe
ich mich erfolgreich um die Bewilligung
entsprechender Mittel beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (BMZ) bemüht.
Im Internet gibt es mittlerweile sehr
viele soziale Netzwerke. Wie unterscheidet sich das Alumniportal Deutschland
von anderen ähnlichen Netzwerken (z.B.
Facebook, Twitter oder MySpace)? Was
kann bei Alumniportal Deutschland den
Nutzern angeboten werden, was es bei
anderen Netzwerken nicht gibt?
Das Alumniportal Deutschland ist ein
qualifiziertes soziales Netzwerk, d.h. es
spricht die besonderen Kontaktbedürfnisse
der Deutschland-Alumni an. Es bietet
über die Funktionen eines sozialen Netzwerkes hinaus, Zugang zu vielen weiteren
Angeboten für Alumni. Über 20 deutsche
Organisationen stellen Stipendien und
Fortbildungen in Deutschland und im
Ausland, e-learning-Kurse, Veranstaltungen vor Ort, eine Job- und Auftragsbörse
bereit. Schließlich bietet es auch Kontakte
zu anderen Deutschland-Alumni sowie Firmen und Organisationen weltweit, die ein
Interesse an Deutschland-Alumni haben.
Das können andere soziale Netzwerke nicht
bieten.
Warum ist es den deutschen Institutionen
überhaupt wichtig, ihre Alumni zu verbinden? Was bringt das für Deutschland
und was für Alumni bzw. das Mutterland
des jeweiligen Alumnus?
Deutschland-Alumni sind gut ausgebildete Experten, die als “Botschafter
Deutschlands” die politischen, wirtschaftlichen, entwicklungspolitischen, kulturellen
und wissenschaftlichen Interessen in der
Zusammenarbeit zwischen Deutschland
und ihren Ländern fördern können. Das
faszinierende am Alumniportal Deutschland
ist, dass alle beteiligten Akteure davon profitieren – Deutschland, die Heimatländer der
Alumni, die beteiligten Organisationen und
schließlich auch die Deutschland-Alumni
selber.
Welche Segmente des Portals sind für Studierende am interessantesten und nützlichsten und warum?
Die Möglichkeit, internationale, regionale
oder auch lokale Kontakte zu knüpfen, von
anderen lernen zu können und Zugang zu
professionellen Informationen zu erhalten
sind wichtige, im Portal zu findende Segmente. Deutschland-Alumni können sich
im sozialen Netzwerk zu Kompetenzgruppen zusammenschließen, schnell andere
Deutschland-Alumni, mögliche Anstellungsträger oder Auftraggeber finden, die
für sie von Interesse sind. Dies fördert die
persönliche Entwicklung und eröffnet zudem neue professionelle Chancen.
Welche gesellschaftlichen, politischen
und/oder kulturellen Ziele werden mit
dem Projekt verfolgt?
Es geht darum, mit dem Alumniportal
Deutschland einen konkreten Beitrag zu
den Millenniumszielen zu leisten und die
internationale Zusammenarbeit im Hinblick auf die globalen Herausforderungen
zu fördern.
Wer finanziert die Plattform und welche
Fachkräfte stehen dahinter? Ist das Pro-
jekt befristet? Wenn ja, wie wird es weitergehen?
Der
Aufbau
des
Alumniportals
Deutschland wird vom Bundesministerium
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung bis 2013 finanziert und von
anderen Ministerien, wie dem Auswärtigen
Amt und dem Ministerium für Bildung
und Forschung unterstützt. Die Umsetzung
erfolgt über ein dezentral arbeitendes Team
von 13 Fachkräften. Für die Zeit nach der
Aufbauphase wird ein neues Geschäftsmodell entwickelt.
Sie waren von Anfang an beim Projekt
dabei. Wie bewerten Sie die Entwicklung
des Portals? Was sind die größten Erfolge
und vielleicht auch Tiefpunkte, bei dem
man sieht, dass man einige Dinge noch
weiterentwickeln muss? Was wird am
Portal gerade in dieser Zeit entwickelt
bzw. verbessert?
Der Aufbau eines Alumniportals für alle
Deutschland-Alumni mit der Kernfunktionalität eines sozialen Netzwerks erfordert
sehr viel Entwicklungsarbeit. Diese hat jetzt
angefangen, sich auszuzahlen: wöchentlich
registrieren sich ca. 250 – 350 Personen,
Tendenz steigend. Das Portal
wird also von den DeutschlandAlumni angenommen und erfüllt zunehmend seine Ziele.
Schwierigkeiten bereitete am
Anfang die Tatsache, dass neben den schon existierenden
Alumniportalen deutscher Organisationen und Universitäten,
ein weiteres Portal dazu kam.
Einige haben in dieser Phase
den Unterschied und vor allem den Mehrwert des Alumniportals Deutschland nicht
aus-reichend erkannt. Das ist
heute weit weniger der Fall.
Die Weiterentwicklung des
Portals ist eine ständige
Herausforderung. So wollen
wir in Zukunft ein optionales Webinar-Tool fest in unsere Community-Funktionen
integrieren und die Inhalte
des Portals auch für Smartphones zugänglich machen.
In letzter Zeit wurde die Arbeit am Portal
mit den Schulungen der Multiplikatoren
auch teilweise auf andere Länder erweitert. Welche Idee steckt dahinter? Was ist
ein „Multiplikator/-in“ und was soll er/
sie bewirken?
Wir wollen über solche Multiplikatoren
die Einführung des Portals in unseren
Partnerländern fördern. Multiplikatoren
stehen als Ressourcepersonen für lokale
Organisationen zur Verfügung, z.B. bei
Konferenzen, Seminaren und Workshops,
sie unterstützen die Netzwerkarbeit und
beantworten Fragen von Alumni.
PORTO PUZZLE
Porto Puzzle 2011
Eine Reportage über das GLEMA Intensiv-Programm »Wissen im Mittelalter«
Anamarija Topoljski
Ines Škvorc
er Ozean wurde schon bei den
Griechen als Ursprung der Welt,
der Götter und aller anderen
Gewässer angesehen. Für mich waren der
Atlantische Ozean und die Küste Portos
der Ursprung eines neuen Gefühls, das mir
Slowenien nicht geben kann. Man ist überwältigt, wenn ein so riesiges Weltmeer vor
einem liegt, man kommt sich so klein und
machtlos vor, aber kurz danach überkommt
einen ein Gefühl der Freiheit, der Wärme
(obwohl es wegen des Windes ziemlich kalt
sein kann), man ist ergriffen angesichts der
Schönheit der Natur - ein Gefühl, das nur
schwer in Worte zu fassen ist ...unter einem
Sand, Muscheln und vor allem schöne
Steine, wie ein Geschenk des Ozeans - ein
richtig geiles Souvenir, viel besser als der
übrige touristische Krimskrams, der überall
verkauft wird. Auch die Möwen schienen
freundlich zu sein, manchmal hatte ich das
Gefühl, dass sie überhaupt keine Scheu vor
der Kamera haben. Je näher man kam, desto geschickter stellten sie sich in Pose, wie
echte Profis.
Am Strand
entlang spazieren, sich
das
strömende, klare,
in der Sonne
glitzernde
Wasser oder
den Sonnenuntergang
anschauen,
das empfand
ich als die allerbeste Beschäftigung in den
freien Stunden des GLEMA IPs. Relaxen,
alles um sich herum beobachten und daraus neue Energie für die nächsten Vorlesungen tanken, das war meine Devise.
Auch die Stadt an sich ist sehr schön, vor
allem die schmalen, langen Straßen wirken
so mysteriös, aber auch lebendig und man
kann sich zu jeder Straße eine neue Geschichte ausdenken. Sehenswürdigkeiten
gibt es viele, aber irgendwie hat man das
Gefühl, dass sie alle sehr ähnlich sind oder
zumindest nach demselben alten Muster
verfallen. Das macht sie aber nicht unschön
oder uninteressant, im Gegenteil, spannende Geschichten verbergen sich dahinter, die die Stadt Porto mit ihrer Umgebung
schon Jahrtausende mit sich trägt und die
sie prägen. Mich hat am meisten die Aussicht von Gaia fasziniert: Porto liegt einem
zu Füßen und man hat einen weiten
Überblick über die ganze Stadt, von oben
nach unten, von links nach rechts und
man versteht nur zu gut, warum Porto
zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.
Es war Freitag, der 18. März 2011. Endlich
war es so weit! Wir - Anamarija, Andreja,
Kaja, Mojca und ich – reisten nach Porto.
Wir hatten uns schon sehr gefreut. Die
Reise begann in Brnik, von wo aus wir mit
Adria Airways nach über Frankfurt nach
Porto flogen. Die Reise war ein wenig anstrengend, doch es lohnte sich. Als wir in
Porto ankamen, warteten schon einige
Studenten von dort schon auf uns und
begleiteten uns bis zu unserem Hotel. Die
Fahrt dauerte etwa 45 Minuten. Das Hotel,
in dem wir übernachteten, heißt Tuela und
war wirklich sehr nett. Das Frühstück war
fantastisch. Am ersten Tag ruhten wir uns
aus und waren gespannt auf den neuen Tag.
Voll Erwartung gingen wir zur dortigen
Uni, die nur ca. Fünf Minuten zu Fuß vom
Hotel entfernt liegt. Dort trafen wir Prof.
Greenfield, den Koordinator des GLEMA
- (German Literature in the European
Middle Ages) Intensiv-Programms, der
uns den Ablauf der kommenden Tage erklärte. Schon am Sonntag besichtigten wir
die Stadt.
Über die
bekannte,
von Gustav Eiffel
erbaute
Brücke
führt der
Weg zur
Stadt Vila
Nova de
G a i a .
Dort erzählte uns Herr Greenfield Interessantes
über die Geschichte dieser Stadt und auch
über den Transport des Portweins. Die
Bezeichnung Portwein lässt vermuten,
dass er in Porto produziert wird, allerdings trifft dies nicht zu, er wird vielmehr in
Vila Nova de Gaia gekeltert. Nur an diesem
Tag hat es in dem sonst eher nassen Porto
nicht geregnet. Kein Wunder – haben wir
doch die Sonne mit uns dorthin gebracht!
An den folgenden Tagen besuchten
wir mit großem Eifer die Vorlesungen, Seminare und Gastvorträge und
konnten unseren Horizont mit dem
Wissen über das Mittelalter erweitern.
D
Andreja Bole
Kaja Obreza
Unsere tägliche Routine begann mit
einem kurzen Spaziergang vom Hotel
bis zur Faculdade de Letras, wo das IP
2011 veranstaltet wurde. Der Weg zum
Lesesaal, in dem alle Vorlesungen stattfanden, führte durch die Uni-Cafeteria,
wo ein Pult mit superbreiter Auswahl
an Süßigkeiten stand, was wir in der
Pause hoch zu schätzen wussten. Einmal
im Lesesaal, stieg die Neugier, was das
Rahmenthema »Wissen im Mittelalter«
uns zu bieten hat. Es begann mit einer
auf den ersten
Blick
einfachen Frage
Was weiß das
volkssprachliche Mittelalter über
die Antike?,
die eine konstruktive
Diskussion –
anfangs nur
seitens der Studenten aus Deutschland
– zur Folge hatte. Zum Vertiefen der
Kenntnisse und zum Abrunden jedes
einzelnen Studienthemas dienten die
Seminare. Überraschenderweise nahm
der Wissensdrang der Teilnehmer auch
nach zehn Tagen kein Ende, von allen Seiten wurden die Professoren mit
Fragen und Bemerkungen regelrecht
»bombardiert«. Sehr akademisch! Das
niveauvolle Programm mit einer Liste
von eminenten Professorennamen,
wie z.B. Volker Mertens, war ein Volltreffer! Und die mehrere Stockwerke
hohe Universitätsbibliothek mit intimen »Inseln« zum Lesen oder Studieren mit einem Blick auf den DouroFluss - ein nicht zu verpassendes und
das Studium bereicherndes Erlebnis!
Immer wenn man die Gelegenheit bekommt, irgendwohin reisen zu können,
kann man es kaum erwarten, ans Ziel zu
gelangen. Man wünscht sich die Zeit
verginge schneller. Doch wenn man weiß,
dass man bald nach Hause fährt, wünscht
man sich genau das Gegenteil. Die Zeit
müsste langsamer vergehen. Der letzte
gemeinsame Abend sollte also etwas Besonderes sein, so dass man ihn leichter
für immer in Erinnerung behält. Für uns
war er es sicherlich. Für alle GLEMA Teilnehmer wurde in
einem englischen
Oporto Cricket
Club ein exquisites
Abendessen organisiert,
wozu man nur
»uau«
sagen
konnte. Mit neuen Kollegen und
Freunden
aus
aller Welt und
einem köstlichen Apperitiv in der Hand
plaudern zu können war schon etwas
Besonderes. Man kann natürlich nicht
erwarten, dass man alle Kontakte aufrecht erhalten kann, doch zumindest
einige davon bleiben lange oder für immer. Schön zu wissen, dass sich Menschen
von Portugal bis weit nach Mongolien,
von Südafrika bis Deutschland für dasselbe Fachgebiet interessieren. Und wo
immer in der Welt sie sich gerade jetzt
befinden, um ihre Erfahrungen und ihr
Wissen über die mittelalterliche Literatur
weiter zu sammeln, halten sie vielleicht
in demselben Moment wie ich und du
dasselbe Reclam-Büchlein in der Hand.
alleMANIAK 5
ARNO CAMENISCH
Interview mit Arn
A
rno Camenisch wurde 1978 in
einem kleinen Dorf namens Tavanasa im Kanton Graubünden
geboren. Camenisch studierte Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule in Biel, wo er auch lebt. Er schreibt
in zwei Sprachen, in Deutsch und Rätoromanisch. Sein Werk umfasst Lyrik,
Prosa und Bühnenstücke. Er hat bis
jetzt drei Bücher veröffentlicht, das erste
Prosawerk war ernesto ed autras manzegnas, das 2005 erschienen ist. Es folgte
sein zweisprachiges, mit mehreren Preisen ausgezeichnete Buch, Sez Ner im
Jahre 2009 und das im letzten Jahr erschienene Werk Hinter dem Bahnhof.
Der junge Schweizer Autor beehrte im
März dieses Jahres auch Slowenien.
Nach einem Symposium zur Exophonie in Maribor besuchte er auch Ljubljana und gab eine Lesung an der
Fakultät, bei der die Hörer in den Genuss seiner klangvollen Sprache kamen,
die charakteristisch für seine Bücher ist.
Der deutsche und vor allem der romanische Text waren ein Hochgenuss, den
man sich nicht entgehen lassen durfte.
Marija Lorbek
Sie sind in Tavanasa, Kanton
Graubünden geboren. Könnten Sie
mir in ein paar Sätze über Ihren Heimatort erzählen und beschreiben,
wie und wo Sie aufgewachsen sind?
Aufgewachsen bin ich in einem kleinen
Dorf in Graubünden in den Schweizer
Alpen. Der Kanton Graubünden ist der
größte Kanton in der Schweiz, aber es
gibt wenige Leute, die dort leben. Das
Dorf, in dem ich gelebt habe, war wirklich
klein, es hatte vielleicht 60 Einwohner.
Interessant an Graubünden ist, dass wir
drei Sprachen haben. Im Kanton wird
Deutsch, Italienisch und Romanisch geredet. Bis zum 16. Lebensjahr lebte ich im
Dorf und dann zog ich für fünf oder sechs
Jahre in die Hauptstadt des Kantons, Chur.
Welche Sprache haben Sie zuerst erlernt
(Deutsch oder Sursilvan-Rätoromanisch)?
In der Familie haben wir immer Romanisch geredet. Weil die Sprache nur von so
wenigen Leuten gesprochen wird, wächst
man schon zweisprachig auf. Also im Dorf
gab es Leute, die zum Teil nur Deutsch
konnten. Der Grund dafür ist, zum Teil,
der Tourismus und andererseits auch das
Fernsehen. Auch ich war ein Fernsehkind.
6 alleMANIAK
Welche Sprache, würden Sie sagen, ist
Ihre Muttersprache? Welche Sprachen
haben Sie in der Schule gelernt? Gab es
einen Unterschied zwischen der geschriebenen und der gesprochenen Sprache?
Ich würde sagen, ich habe zwei Muttersprachen. Die erste ist Romanisch und die
zweite Muttersprache ist Deutsch. In der
Schule lernten wir im gleichen Maße beide
Sprachen, Romanisch und Deutsch, und
später haben wir auch Französisch gelernt.
Was die gesprochene Sprache betrifft, gibt
es zum einen das Schweizer Deutsch und
das wird in der Schule so nicht gesprochen,
denn man verwendet Hochdeutsch. Das
Schweizer Deutsch sprechen die Leute lediglich untereinander und es wird in der
Schule nicht gesprochen, also wird Schweizer Deutsch als Umgangssprache benutzt.
Wann haben Sie sich entschlossen
Schriftsteller zu werden bzw. haben
Sie gemerkt, dass Sie gerne schreiben? Was waren Ihre ersten Werke
(Gedichte,
Prosa,
Bühnenstücke)?
Als Kind habe ich nie geschrieben, nichts
gelesen, wir hatten auch keine Bücher zu
Hause. Von meiner Familie hat niemand
studiert, es waren alles Handwerker oder
sie arbeiteten in der Landwirtschaft. Sie
arbeiteten mit den Händen und es ist
schon ganz exotisch, dass ich dann studiert habe. Aber es liegt immer an dem
Kosmos, aus dem man gewachsen ist,
was aus einem wird. Wir hatten zu Hause
auch nur ein paar Bilderbücher mit
Dirndln, und das war schon alles. Wie
gesagt war ich mehr ein Fernsehkind.
Richtig angefangen mit dem Schreiben hat
es, als wir mit Freunden zusammen bei einer
Flasche Bier saßen und aus Freude anfingen
zu reimen – und zwar auf Romanisch. Da
hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass
ich richtig Freude an der Sprache hatte. Aus
dieser Moralität heraus ist dann das Schreiben entstanden. Ich habe mit ungefähr
zwanzig angefangen effektiv zu schreiben.
Das Schreiben war ein Steigerungslauf,
ich schrieb immer mehr und mehr. Zu
der Zeit schrieb ich nur auf Romanisch
und zwar Prosa, poetische Prosa. Ich habe
mich 2007 entschieden, mich drei Jahre
nur dem Schreiben zu widmen. Als ich
an der Kunsthochschule studierte, habe
ich vor allem auch geschrieben. Während
dieser Zeit entstanden auch die beiden
Bücher Sez Ner und Hinter dem Bahnhof.
Es hat sich irgendwie gelohnt alles
auf eine Karte zu setzen und jetzt
mache ich nur das: ich schreibe.
Gab es einen besonderen Grund, wieso Sie
ausgerechnet nach Biel gingen um zu studieren? Biel ist sozusagen am anderen Ende
der Schweiz. Vermissen Sie Ihre Heimat?
Es war kein großer Unterschied zwischen
Graubünden und Biel, denn ich war vor
meiner Studienzeit für fünf Jahre im Ausland. Ich war zwei Jahre auf Reisen durch die
ganze Welt und habe dann drei Jahre in Madrid gelebt. Von Madrid aus kam ich dann
nach Biel; es war also kein großer Sprung.
Ich weiß nicht, ob ich meine Heimat vermisse. Manchmal. Ich habe eher Sehnsucht, aber ich kann auch nicht zu lange in
Graubünden sein. Nach ein paar Tagen will
ich da wieder weg. Es ist so eine Ambivalenz. Ein ambivalentes Gefühl, das ich auch
zur Heimat habe; sagen wir mal so, Sehnsucht nach der geographischen Heimat.
Ich fühle mich eigentlich ganz wohl in Biel
und damit, was ich arbeite. Biel ist gut erschlossen, ich bin viel auf Reisen und von
Biel aus sind die Wege kürzer. In Biel leben
ungefähr 60.000 Leute und offiziell ist es
eine zweisprachige Stadt, aber es werden
mehr als 100 Sprachen gesprochen; die
Stadt ist also sehr multikulturell. Und die
Sprachgrenze, Deutsch-Französisch, geht
eigentlich durch Biel hindurch. Es sind Spannungsgebiete, und es so entstehen
Reibungsflächen
zwischen
den Sprachen. Man weiß nie,
reden die Leute im Café oder
auf der Post Französisch oder
Deutsch. Ich mag das. Ich
spreche die Leute dann immer
auf Französisch an, weil ich
Französisch sehr gerne spreche.
Sie schreiben in zwei
Sprachen – es geht nicht
um Übersetzungen, sondern
um originale Werke. Wieso?
Grundsätzlich ist es immer
eine Frage des Gefühls, ob ich
auf Deutsch schreibe oder auf
Romanisch. Es entscheidet
das Gefühl. Und dann gibt es
das Buch Sez Ner, das 2009
raus kam. Ich habe es zu-erst
auf Deutsch geschrieben und
dann neu geschrieben auf
Romanisch. Das heißt, es ist
die gleiche Geschichte, inhaltlich ist es eine Übersetzung, aber ich habe anders
mit der Sprache gearbeitet.
Jede Sprache hat ihre eigenen
Charakteristika und braucht
einen anderen Zugang. Ich
frage mich, wie ich mit dem
Deutschen arbeite. Für mich
sind z.B. Klang und Rhythmus sehr wichtig, wenn ich mit dem Text
arbeite. Auch beim romanischen Text beschäftigt mich die Frage, wie ich mit der
Sprache arbeiten will; die Wörter sind
kürzer, die Sprache hat viele Diphthonge
und die Wörter enden oft auf einen Vokal,
auch sind die klanglichen Aspekte anders.
Wenn wir z.B. Ihr Buch Hinter dem
Bahnhof nehmen, verwenden Sie im
Buch viele Wörter, die an den Dialekt
aus der slowenischen Region Koroška
und andere an Österreich grenzende
Regionen erinnern – Wörter, die wegen
der geographischen Nähe zu Österreich
aus dem Deutschen hergeleitet wurden
((Auto)Garascha, Meters, Glasschiba, Ceffemaschina, Pedalas, Zückerli,
fertic, Cigarettas, Pensel, Pistola, ...).
Das ist eigentlich auch das Prinzip beim
Deutschen. Das Romanische liegt ja an der
Grenze zum Deutschen. Ich sage, meine
Bücher sind immer auch eine Reflexion
über die Sprache. Eine Geschichte, die ich
erzähle, ist das Vehikel, eine Reflexion. Und
wenn man sich den Text, der deutsch ist, ansieht, ist er natürlich romanisch eingefärbt.
Wenn man den Text umdreht, sozusagen
wie bei der Photographie, bekommt man
das Negativ. Im romanischen Text kommen
dann phonetisch geschriebene deutsche
Wörter vor, die als Lehnwörter agieren.
Es ist eine Reflexion darüber, wie sehr die
rätoromanische Sprache bereits durch
deutsche Wörter durchsetzt ist. Letztendlich geht es mir immer auch um den Klang
und Rhythmus, um die Musikalität und um
den Sound in einem Text, einem Gebiet.
Zum Beispiel im Grenzgebiet Österreich:
ihr sagt ja auch „rikvertc“ und wir sagen
auch immer „Rückspiegel“, obwohl wir ein
Wort im Romanischen dafür haben. Aber
das ist die Umgangssprache. Das ist es, was
mich interessiert: Wie reden die Leute?
Es gibt auch viele Leute, die im romanischen Gebiet Deutsch reden. Die
Sprachgrenze verläuft ja nicht streng.
In welcher Sprache schreiben Sie
mehr, lieber oder öfter, und wieso?
Ich schreibe in beiden Sprachen gerne,
weil ich mich in beiden zu Hause fühle.
Wenn ich plötzlich keine Lust mehr hätte,
in der einen oder der anderen Sprache
zu schreiben – ich muss immer Freude
daran haben – wenn ich die nicht mehr
hätte, dann würde ich nicht schreiben.
Ich schreibe jetzt mehr auf Deutsch. Das
ist auch ein bisschen die existenzielle Komponente. Weil ich nur schreibe und nichts
anderes mache als das literarische Schreiben, muss ich auch ein gewisses Publikum erreichen. Darum ist es natürlich,
dass ich mehr auf Deutsch schreibe; aber
sehr kontinuierlich auch auf Romanisch.
Die rätoromanischen Sprachen teilen
sich in fünf Gruppen und sie wurden
bis 2001 auch in Schulen unterrichtet.
Nun hat man eine Kunstsprache, das Rumantsch Grischun (Bündner Romanisch)
als einzige Schriftsprache an den Schulen eingeführt. Was denken Sie darüber?
ARNO CAMENISCH
Arno Camenisch
Die Situation sieht momentan so aus, dass
nur in einigen Gemeinden Rumantsch
Grischun als Einheitssprache unterrichtet wird und in den meisten Gemeinden werden immer noch die Idiome (so
nennen wir die fünf anderen Sprachen)
unterrichtet. Und die sind sich sehr ähnlich. Es gibt keine großen Unterschiede.
Ich persönlich finde Rumantsch Grischun
literarisch uninteressant, weil diese Sprache
niemand spricht, sie existiert nur auf dem
Papier und wird nur gelesen. Sie ist nicht
spannend, denn sie wandelt nicht. Das
Schöne an der Umgangssprache ist, wenn
die Menschen reden, wandeln die Wörter,
die Sprache bewegt sich. Ich persönlich bin
der Meinung, dass das Ganze schon eine
heikle Situation ist, weil die Existenz der Rätoromanen nicht von der Sprache abhängt.
Im Berufsleben verläuft alles in Deutsch.
Und wenn man jetzt sagt, wir müssen jetzt
Rumantsch Grischun einführen, das nicht
akzeptiert ist, reden, dann kommt es dazu,
dass die Leute auf Deutsch ausweichen.
Wenn man also sagen will, wir wollen Kontinuität, wir wollen das Romanische fördern, pflegen, dann führt der Weg
vielleicht wirklich über die Idiome. Das
andere, das Romantsch Grischun, funktioniert nicht. Das hat sich in den letzten
Jahren gezeigt. Da ist zu viel Widerstand.
Finden Sie, dass die Sorgen, dass die
fünf rätoromanischen Sprachen (Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Puter und
Vallader) mit der Zeit vergessen werden,
begründet sind? Ist der Grund, wieso
Sie in Sursilvan schreiben auch der,
dass sich die Sprache erhalten soll?
Die Sprecher des Rätoromanischen nehmen sowieso ab. Aber das, fast schon als
Diktat eingeführte, Romantsch Grischun
beschleunigt es. Ich sehe mich auch nicht
als Erhalter der Sprache. Ich frage mich:
Wie ist die Sprache? Was kann ich mit
der Sprache machen? Wie wandelt diese
Sprache? Man muss diese Sprache einfach
leben, man muss sie sprechen, schreiben
und sie gebrauchen, so lange sie existent ist.
Es ist eine Frage der Haltung, des Bewusstseins. Welche Haltung haben wir zum
Romanischen? Was ist uns die Sprache wert?
Was denken Sie, schätzen
die Leute Rätoromanisch? Sind sie stolz auf
ihre Sprache? Wollen
sie die Sprache an ihre
Kinder weiter geben?
Ich glaube, in den letzten
20 oder 30 Jahren ist sehr
viel passiert. Die Situation hat sich verändert,
man hat ein Bewusstsein
entwickelt, es haben sich
auch ein Stolz und eine
Freude an der Sprache entwickelt. Zum anderen ist
es auch eine Frage der Identifikation, dass die Leute
auch sagen, ja, ich komme
aus diesem Gebiet, dies
ist meine Sprache, damit
bin ich aufgewachsen.
Viele Leute ziehen weg
aus diesem Gebiet, aus
Graubünden, das sehr
wenig besiedelt ist und
auch wenig Möglichkeiten
bietet für das Berufsleben.
Die größte romanische Gemeinde in der Schweiz ist
Zürich und dort verlaufen
der ganze Alltag und das
Berufsleben in Deutsch,
was auch dazu führt, dass
die Sprache allmählich an
Bedeutung verliert. Ich
glaube, das ist die Realität.
Worüber schreiben Sie in Ihren Werken? Und wieso schreiben Sie darüber?
Mein Hauptthema ist das Zwischenmenschliche: wie gehen die Menschen miteinander um, was für eine Sprache haben sie,
wie kommunizieren sie. Mich interessieren
natürlich die Eigenheiten aus der Gegend, aus der ich komme, weil ich das am
besten kenne. Ich glaube, beim Schreiben
hat man das eine Potenzial, eine Chance,
dass man das schreibt, was man sehr gut
kennt. Man kann dann sozusagen eine
Stufe weiter gehen, die man nicht erreichen würde, wenn man nur recherchieren
würde. Die andere Frage ist natürlich das
Setting, wo setze ich die Szene an, um
meine Fragen, die ich habe, zu besprechen.
Größer gefasst geht es in meinen Texten
immer auch um Macht. Die Macht spielt
eine große Rolle. Aber auch das gehört
zum Zwischenmenschlichen. Der Mensch
und seine Handlungen, die Abgründe des
Menschen sind es, die mich interessieren.
einfach nicht. Man muss auch hart dafür
arbeiten, sonst ergibt das nichts. Zum anderen ist es auch eine Frage der Disziplin.
Man hat keinen Chef, der wartet, dass man
um 8 Uhr im Büro ist und auch das macht es
schwierig. Ich stehe jeden Tag um 6 Uhr auf
und fange direkt an zu arbeiten. Was heißt arbeiten? Schreiben ist ein Teil, also das aktive
Schreiben. Aber auch Lesen ist ein wichtiger Teil, wenn man schreibt. Zum Teil sind
auch organisatorische Sachen wichtig, vor
allem die Lesereisen, das Lesen und Lesungen machen. Die Arbeit ist sehr vielfältig.
Wenn ich an einem Buch schreibe,
dann brauche ich eine ruhige Zeit an
einem Ort, an dem ich sehr gerne bin
und wo ich arbeiten kann. Ich brauche
einen geregelten Tagesablauf: am Morgen aufstehen, Kaffee, Tabak und hopp.
Schreiben Sie für sich selbst oder für die/
den Leser?
Ich frage mich nie: was will die Leserschaft?
Ich muss schon bei mir bleiben. Natürlich schreibt man auch für das Publikum,
denn man will das Publikum erreichen.
Ich will es mal so sagen: ich frage mich
nicht, was die Leserschaft von mir will,
ich gebe ihr das, was ich ihr geben will.
Man sagt, Sie erzählen keine Geschichten – sondern schreiben fragmentarisch, gewähren Einblicke in
die alltäglichen Dinge (z.B. in Sez
Ner), Sie kreieren Bilder des alltäglichen Lebens. Stimmen Sie dem zu?
Es stimmt, dass ich eine sehr bildhafte
Sprache habe. Was mich interessiert, sind
auch die filmischen Komponenten. Ich
suche, wenn möglich, eine starke Bildsprache, denn das ist das wirkliche Leben. Ich würde auch sagen, dass ich nicht
nach Plot schreibe, ich überlege mir nicht
die phantastischen Hollywood-Szenen.
Mich interessieren im Text auch die Randfiguren, nicht nur die, die alles können.
Figuren, die ihre Stärken haben und auch
ihre Schwächen. Schön, wenn man dazu
stehen kann, dass man Schwächen hat,
oder dass man Schwächen zugeben kann.
Geht es Ihnen um das Gesagte oder
um den Gebrauch der Sprache an sich?
Wenn ich sagen würde, es geht mir nur um
die Sprache, dann wäre das eine Ausrede. Es
geht mir immer auch um das Gesagte und
um die Sprache. Beides ist mir sehr wichtig.
Sie kommen gerade vom Symposium
zur Exophonie (Heimat – Heimatland
– Heimatliteratur) Was bedeutet für Sie
Ihre Heimat, Ihr Heimatort? Ich formuliere es so: Gut, dass man nicht vergisst, aus
welchem Loch man gekrochen ist.
Sie haben eine Reihe an verschiedenen
Auszeichnungen für Ihre Arbeit bekommen! Über welche Auszeichnung bzw. welchen Preis haben Sie
sich am meisten gefreut und wieso?
Es ist immer schön, wenn es passiert, dass
die Arbeit, die man macht, anerkannt
wird. Das sind immer schöne Momente,
weil das Schreiben etwas sehr Einsames
ist und man nie weiß, wird man davon
leben können oder nicht. Man ist immer
unsicher. Und wenn ein Preis kommt, ist
es immer etwas Schönes. Natürlich sind
alle Preise sehr schön, aber ein ganz besonderer Moment für mich war, als ich
den ZKB Schillerpreis erhalten habe. Das
war wichtig, etwas ganz, ganz Spezielles.
Egal, ob ich etwas bekomme oder nicht,
hat sich meine Arbeit gelohnt. Aber
es ist sehr schön für einen Schriftsteller zu merken, dass das, was man macht,
für jemand anderes wichtig wird und
jemanden berührt, es etwas auslöst.
Man kriegt manchmal Briefe, in denen steht,
dass das Buch sie sehr berührt hätte, und man
wird sich dessen bewusst, dass Kunst bewegt.
Als erfolgreicher Schriftsteller und ehemaliger Student am Literaturinstitut
haben Sie bestimmt sehr viel gelesen.
Welche sind Ihre drei Lieblingswerke
und welche drei Autoren sollte jeder
Student der Germanistik gelesen haben?
Oh, das kann ich nicht beantworten.
Ich selber lese regelmäßig, aber ich bin
ein sehr langsamer Leser, weil ich jedes
Wort drei Mal lese – vermutlich. Aus jedem Buch, auch wenn es schlecht war,
bleibt was hängen. Aber jeder muss sich
alleine entscheiden, was er lesen möchte.
Sind Sie in der Lage immer und überall
zu schreiben oder haben Sie einen besonderen Ort/Zeit, der Sie inspiriert?
Am liebsten schreibe ich zu Hause. Schreiben ist vor allem auch Arbeit. Ich glaube,
wenn jemand Talent dafür hat, genügt das
alleMANIAK 7
THOMAS BERNHARD
Thomas Bernhard
Konferenz zur gesellschaftlichen und politischen Bedeutung der Literatur
Ö
turpreises ganz ironisch und im Bernhardschen Stil die Redensart „Bescheidenheit ist
eine Zier, doch kommt man weiter ohne
ihr“ zitieren, denn Bernhard vergleicht den
Staat Österreich mit einem Gebilde, das
fortwährend zum Scheitern verurteilt ist
und dessen Volk als geistesschwach und als
Geschöpfe der Agonie. Wie man in seinem
Werk Meine Preise lesen kann, verließ der
damalige Unterrichtsminister Theodor
Piffl-Prečević wütend, mit hochrotem
Gesicht und die Fäuste schüttelnd, den
Saal. So wurde Thomas Bernhard als der
Große Österreichische Staatsbeschimpfer geboren, wie die Frankfurter Allgemeine
Matej Meža Zeitung ihn am Tag danach nannte.
Zeit seines Lebens erhielt er noch viele
In jedem Falle hat sein Schaffen - sein andere Preise, wie u.a. im Jahre 1970 den
Œuvre, für viel Aufmerksamkeit und Georg-Büchner-Preis und zwei Jahre später
Empörung gesorgt. Hochschullehrer, den Franz-Grillparzer-Preis für sein Werk
Bürgermeister, Minister, die Kirche, Öster- Ein Fest für Boris.
reich und noch viele andere mussten unter Im Nachhinein kritisierte er im Werk
seinem Schreib- und Sprachstill so man- Meine Preise vor allem die damalige Michen Tadel ertragen. So
nisterin Herbeschreibt er zum Beispiel Ich spreche die Sprache, die nur ich al- ta Firnberg
in seinem Werk Helden- lein verstehe, sonst niemand, wie jeder wegen ihrer
platz die Hochschullehrer nur seine eigene Sprache versteht; und die A r r o g a n z
als äußerst primitiv und glauben, sie verstünden, sind Dummköpfe g e g e n ü b e r
ahnungslos und bezeich- und Scharlatane.
B e r n net sie als Nazis. Über sein
hard,
zuLand hat er folgende Worte geschrieben: Es mal sie während der Preisverleihung auch
ist eine Lüge, zu sagen, dass dieses Land ein noch eingeschlafen war und schnarchte.
schönes Land ist, denn es ist in Wahrheit ein Doch Thomas Bernhard war oft unerbittliumgebrachtes.
cher gegen sich selbst als gegen die verhasIst Bernhard ein missverstandener Künstler, sten Politiker und Funktionäre. So schrieb
der mit seinem Schaffen für viel Aufregung er nach der Verleihung des Grillparzerin der konservativen österreichischen Ge- Preises: Ich bin geldgierig, ich bin charaktersellschaft gesorgt hat? Einerseits könnte los, ich bin selbst ein Schwein. Er wollte die
man die Frage mit „Ja“ beantworten, denn Auszeichnung nicht annehmen, tat es aber
laut Gadamer zeichnen sich Kunstwerke trotzdem, mit der Begründung, besser er,
dadurch aus, dass ihr Gehalt erst im Laufe als dass das Geld talentlose Dummköpfe
der Überlieferungsgeschichte erschlossen erhalten würden.
werden kann. Jedoch hat Bernhard für
sein Schaffen schon zeit seines Lebens viele Am 9.2. 1931 wurde Bernhard als uneheliPreise und Auszeichches Kind in Heerlen
Ich
bin
geldgierig,
ich
bin
charaknungen bekommen
(Holland) geboren.
und bei den Preis- terlos, ich bin selbst ein Schwein. Nach seinen ersten
verleihungen, die er
Jahren dort, kam er im
so sehr verabscheute,
Jahre 1932 mit seiner
für mancherlei Aufregung gesorgt. So er- Mutter nach Österreich. Sein Großvater
hielt er im Jahre 1965 für seinen Roman Johannes Freumbichler war ein halbwegs
Frost, der ihm den endgültigen Durchbruch erfolgreicher Schriftsteller, der im Jahre
brachte, den Litera1937 den Österturpreis der Freien Der Mensch verweigert sich der Störung reichischen StaatHansestadt Bremen durch den Störenfried. Ein solcher spreis erhielt, was
und im Jahre 1968 Störenfried bin ich zeitlebens gewesen, aber auch sein einden
Österreich- und ich werde immer der Störenfried ziger Erfolg bleiischen
För- sein und bleiben, als welcher ich im- ben sollte. Die
derungspreis
für mer von meinen Verwandten bezeichnet Beziehungen seines
Literatur. Bei der worden bin […]. Ich habe immer gestört, Großvaters zur liVerleihung
des und ich habe immer irritiert. Alles, was terarischen
Welt
Bremer Literaturermöglichten Bernich schreibe, alles was ich tue, ist Störung
preises wies er für
hard einen Einund Irritierung.
seine Verhältnisse
blick in eine Künnoch bescheiden dastlergesellschaft, in
raufhin, dass die Zeit der Märchen unwied- der Schriftsteller wie zum Beispiel Thomas
erbringlich vorbei und aus einer Welt voller Mann, Stefan Zweig oder Ödon von HorMärchen eine entsetzliche Welt entstanden vath verkehrten. In seinen Texten lassen
sei, womit er Bezug auf das Märchen von sich sowohl viele Begegnungen als auch
den Bremer Stadtmusikanten nimmt und Freundschaften mit Dichtern und Denkern
Bremen als eine kleinbürgerliche unzu- aus der u.a. deutschen, spanischen, englismutbar sterile Stadt bezeichnet und noch chen und russischen Literatur nachweisen.
immer (samt Deutschland und Öster- Am 12. Februar 1989 starb Bernhard infolge
reich) als das fürchterlichste Territorium einer Lungeninfektion an Herzversagen.
der Geschichte ansieht, so könnte man bei
Ich nehme das Geld, weil man dem
der Verleihung des Österreichischen Literasterreichs Lieblings-Staatsfeind,
Österreichs berühmtester Nestbeschmutzer, Österreichs „enfant terrible“ oder mit Österreich „verfreundete“ Virtuose des Schimpfens
und Zeterns und Stänkerns. Das sind
nur einige Namen, die man mit Thomas
Niclaas Bernhard und seinem Schaffen
in Verbindung bringt. Oder wie Matthias Schitz schreibt, war Bernhard
preisgekrönt und verleumdet, verehrt und
geschmäht. Vielleicht traute sich Thomas
Bernhard nur zu sagen und zu schreiben,
was andere nicht hören und sagen wollten.
Staat jedes Geld abnehmen solle
8 alleMANIAK
Anlässlich des 80. Geburtstags von Thomas
Bernhard hat in Ljubljana vom 16. bis
18. Februar 2011
eine
internationale
Konferenz mit dem
Titel Zur gesellschaftlichen und politischen Bedeutung der
Literatur
stattgefunden. Drei Tage
lang hielten Wissenschaftler
aus
Deutschland,
Österreich, den USA,
dem Iran, Italien und
Slowenien im Rektorensaal der Universität
Ljubljana interessante
und detaillierte Vorträge. Sowohl der österreichische Botschafter
Dr. Erwin Kubesch als
auch der Botschafter
der
Bundesrepublik
Deutschland Werner
Burkart trugen mit
ihrer
Anwesenheit
sehr positiv zur Bedeutung der Konferenz. Als Höhepunkt
könnte
man
die
Lesung von Andreas
Maier ansehen, die
am zweiten Tag statt
fand. Er beschäftigte
sich in seiner Dissertationsarbeit zwar mit
Thomas
Bernhard,
hielt jedoch keinen
Vortrag über ihn und
sein Schaffen. Wahrscheinlich ist er momentan mit dem
Schreiben an seinem
neuen Buch zu beschäftigt. Der Leiter
der Konferenz Doz.
Dr. Johann Georg Lughofer hat so zusammen
mit seinem Organisationsteam also eine
sehr angenehme und
erfolgreiche Konferenz
vorbereitet.
DER SLOWENE UND SEIN AUTO
Der Slowene und sein Auto
Eine Reportage
D
er fünfjährige Nejc ist außer sich
vor Freude. Er sitzt hinten in einem
nagelneuen Audi. Noch ein paar
Minuten und es geht richtig los. Heute fahren
er und seine Mutti und Papa ans Meer! Sein
Papa ist nämlich der beste Autofahrer der
Welt! Er hat keine Angst unglaublich schnell
zu fahren, und er kann alle anderen doofen
Autos überholen. Manchmal ärgert er sich
über andere, dumme und langsame Fahrer
und er hat recht. Das einzige, was Nejc ein
bisschen traurig macht, ist, dass er noch lange
nicht vorne sitzen kann. Wenn er nur vorne
sitzen könnte! Er könnte dann alles ganz
genau sehen! Und lernen! Denn sein Vater
ist im Auto unschlagbar wie ein griechischer
Gott!.... So beginnt die Liebesgeschichte von
einem Slowenen und seinem Auto.
Katarina Plevel
In der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts
gab es auf slowenischen Straßen mehr als
21.000 Tote – Autofahrer, Fußgänger, Beifahrer, Radfahrer ... Das ist sogar so viel wie
die Einwohnerzahl einer größeren slowenischen Stadt. Dazu gab es auch 360.000
Verletzte. Letztes Jahr zum Beispiel kam es
von Januar bis September schon zu über
15.000 Verkehrsunfällen, 140 Menschen
starben und mehr als 8.000 wurden verletzt. Slowenien ist tatsächlich eines der
gefährlichsten Länder in Europa, was den
Straßenverkehr anbelangt.
Die häufigste Ursache von Unfällen ist in
Slowenien, sowie europaweit, die zu hohe
Geschwindigkeit. Sie ist die Ursache für
über 40 Prozent aller Unfälle mit Todesfolge. Mag. Bojan Žlender erklärt diesen
Zustand damit, dass »die Menschheit unfähig ist, die Geschwindigkeit als eine objektive Gefahr zu sehen.« Wir alle sehen
zwar die Höhe als eine Gefahr, denn niemand würde 10 Meter tief springen, obwohl seine Geschwindigkeit dabei ungefähr
45 km/h wäre. Würde man aber gefragt,
was wäre, wenn man mit 45 km/h gegen
eine Betonwand fahren würde, wäre die
Antwort wahrscheinlich: »Das wäre nicht
so gefährlich.« Die zweite Ursache nach der
zu hohen Geschwindigkeit ist der Alkohol, besonders in Slowenien. Ungefähr ein
Fünftel der Verursacher der Autounfälle
steht unter Alkoholeinfluss. Nach der Meinung der Forscher ist die Wahrscheinlichkeit,
dass ein Fahrer mit 0,5 Promille im Blut
einen Unfall verursacht, zweimal so groß,
als wenn er keinen Alkohol getrunken hätte.
Nejc ist endlich 12 Jahre alt! Jetzt kann er
im Auto vorne neben seinem Vater sitzen und
alles genau beobachten. Er unterstützt seinen
Vater beim Überholen, denn das ist immer
adrenalingeladen und spannend. Er bewundert ihn, denn keine Gefahr ist ihm zu groß,
obwohl er manchmal gefährlich fährt. Das
alles erzählt er auch seinen Mitschülern, die
dabei vor Neid erblassen. Inzwischen hat die
Familie wieder ein neues Auto bekommen.
Zwar fährt man jetzt nicht mehr ans Meer,
aber es lohnt sich trotzdem. Sie haben jetzt
nämlich schon einen BMW. Für die Zukunft
aber hat der Vater den Wunsch, einen Mercedes zu kaufen.
Das Auto. Das wichtigste Statussymbol der
Slowenen. So ist es nicht verwunderlich,
dass schon fast jeder zweite Slowene ein
Auto besitzt. Und wenn man in Betracht
zieht, dass es in Slowenien auch Kinder
und Jugendliche gibt, die noch kein Auto
besitzen können, dann kann man sagen:
Fast jeder Erwachsene in Slowenien besitzt
ein Auto. Manchmal sind in minderbemittelten Stadtgegenden, wo alte Wohnblöcke
stehen, erstaunlich gute Autos
zu sehen. Denn
was die Wahl des
Autos angeht, hält
sich der Slowene
an das Motto:
»Je größer, desto besser!« und
manchmal auch
an den Slogan:
»Made in Germany.«
Sprichwörtlich ist auch
die slowenische
»Nachbarliebe«.
Wenn ein Nachbar ein neues
Auto kauft, ist das
ein mächtiger Schock für einen Slowenen.
Seine Reaktion darauf kann man sich vorstellen: Er kauft sich auch ein neues Auto und zwar ein besseres. Er wird’s ihm schon
zeigen! Wenn der Beleidigte sich aber im
Moment kein Auto leisten kann, dann hat
er immer ein paar Sätze bei der Hand, mit
denen er seinen Nachbarn in den Dreck
ziehen kann: »Er hat’s sowieso auf Kredit
gekauft! Und jetzt hat er nichts zum Essen!«
zum Skifahren) und sie sparen überall, wo
es möglich ist, besonders bei den Lebensmitteln. Sie kontrollieren sich gegenseitig,
ärgern sich, machen einander Vorwürfe
und sind unglücklich.
sollten auf den Straßen als Fahrer verboten
werden. Der Einzige, der ein Auto fahren
kann, ist der tapfere Mann, der gut überholen und schnell fahren kann. Das nennt
man dann mit Stolz „dynamisch fahren“.
Nejc ist 18 Jahre alt. Die Fahrprüfung hat er
mit links bestanden. Der schriftliche Teil war
sowieso kinderleicht, denn man konnte auch
von den anderen abschreiben. Der praktische
Teil war auch
kein Problem,
denn der Fahrlehrer ist ein
guter Freund
seines Vaters.
Jetzt kann er
den
BMW
seines
Vaters
fahren und er
nimmt
auch seine Freunde
mit, um ihnen
zu zeigen, was
für ein ausgezeichneter
Fahrer er ist.
Zwei Jahre muss
er zwar vorsichtig fahren und darf kein Alkohol im Blut
haben, dann aber hat er wirklich freie Fahrt.
Was ihn jedoch auf die Palme bringt, sind die
anderen Autofahrer. Schon sein Vater hat ihm
gesagt, dass Frauen und alte Leute nicht fahren
können. Auch die Fußgänger sind ihm ein Dorn
im Auge. Und erst die Radfahrer! Es ist kein
Wunder, dass sich Vater im Auto so oft ärgert!
Was auch sehr interessant zu beobachten
ist, ist die Beziehung des slowenischen Autofahrers zu den Polizisten. Der Slowene
rast und wütet, solange die Straße polizeifrei ist, sobald aber ein Polizist da steht,
wird er zu einem ausgezeichneten und vorsichtigen Fahrer. Der Slowene kann zwar
gut, vorsichtig und ungefährlich fahren,
aber nur, wenn ein Polizist ihn kontrolliert
und er Gefahr läuft, eine Strafe bezahlen zu
müssen.
In Slowenien gibt es eine Unmenge von
Menschen, die sich ein zu teures Auto
leisten, aber nicht im Stande sind es zu
bezahlen. Solche intelligenten Individuen
gibt es überall in Europa, aber in Slowenien
Im slowenischen Straßenverkehr ziehen
diejenigen den Kürzeren, die nicht vom
Blech geschützt sind: Fußgänger, Radfahrer
und Motorradfahrer. Im letzten Jahr starben bei Verkehrsunfällen in acht Monaten
bereits 16 Fußgänger. Sowieso gelten diese
in den Augen der wackeren slowenischen
ist diese Gruppe ganz weit verbreitet und
kann deswegen auf die ganze Bevölkerung
Einfluss nehmen. Jener obengenannte
kluge Slowene kaufte seinen neuen Audi
natürlich auf Kredit und muss jeden Monat
genau darauf achten, wie viel Geld er ausgibt, damit genug für den Kredit übrig
bleibt. Und das neue Auto verwandelt
sich so vom süßen erfüllten Traum zum
monatlichen Albtraum. Die ganze Familie
ist davon betroffen: Sie können sich keinen
Urlaub mehr leisten (weder ans Meer noch
Autofahrer als minderwertige Menschengruppe. Jeder Slowene, der respektiert
werden will, muss ein Auto fahren. Züge,
Busse oder Fahrräder werden nur von den
Dummen und den Armen benutzt. Wer
mit dem Zug zur Arbeit fährt, ist seltsam.
Umweltschutz ist einem durchschnittlichen
Slowenen ein eher unbekannter Begriff, der
nur den komischen Hippies zugeschrieben
wird. Der Slowene hält auch nicht viel von
Frauen und älteren Leuten im Auto. Diese
können überhaupt nicht gut fahren und
Nejc ist 20. Er gilt jetzt als erwachsener Autofahrer und die Strafen sind nicht mehr so
streng für ihn. Das gefällt ihm. Jetzt kann er
so wie sein Vater fahren. Das bedeutet, dass er
überholen und so schnell fahren kann, wie er
will. Denn ohne ein bisschen Adrenalin ist das
Autofahren kein Genuss! Eines Abends trinkt
er vor der Fahrt ein Bier. Er darf jetzt nämlich
trinken. Nach diesem Bier sagt er sich: »Ich
bin ja noch ganz nüchtern. Ich kann mir noch
eins leisten, oder?« Dann braust er davon. Die
Straßen sind leer, es ist Nacht, er kann schneller fahren. Und schneller. Und noch schneller.
Zu selbstbewusst und mutig beschließt er, in
der Mitte der Straße zu fahren. Wieso auch
nicht, sie ist leer. 180 km/h. Ein Auto mit
zwei Menschen. Es kracht. Stille. Dunkelheit.
Jemand stirbt.
Der berühmte Schriftsteller und Nobelpreisträger Ivo Andrić hat einmal gesagt:
»Wenn Sie jemanden in kurzer Zeit relativ
gut kennen lernen wollen, dann setzen Sie
sich mit ihm als sein Beifahrer ins Auto.«
Tatsächlich fährt ein durchschnittlicher
Slowene sein Auto nervös, aggressiv und
fast selbstmordsüchtig. Aber warum?
Mit dem neuen Gesetz aus dem Jahr 2008
wurden die Regeln und Strafen im Straßenverkehr verschärft. Hinter jedem Busch steht
ein Polizeiwagen, man misst die Geschwindigkeit und fängt die Nachtvögel, um ihr Alkohol im Blut zu messen. Trotzdem erinnern
slowenische Straßen streckenweise an einen
Schlachthof.
Unsere klugen Politiker zerbrechen sich alle
paar Jahre ihre schön frisierten Köpfe und
kommen immer wieder zur Einsicht, die
Lösungen dieses Problems seien zweierlei:
Repression und Technologie. Was die Repression angeht, heißt es, dass noch mehrere
Büsche mit Polizisten besetzt werden sollten,
was dann zu sichereren Straßen führen sollte.
Technologie ist die zweite, neuere Lösung.
Das Land wird als eines der Ersten in der Europäischen Union alle Autos mit Satellitennavigation (GPS-System) ausrüsten. Wenn
die Behörde weiß, wo sich ein Slowene in
einem bestimmten Moment befindet, kann
sie auch ausrechnen, wie schnell er fährt. Weil
jene Behörde auch die Geschwindigkeitsbeschränkung vorgeschrieben hat, weiß sie
auch, wann er zu schnell fährt. Dann kann
sie ganz automatisch jedes Mal, wenn jemand
zu schnell fährt, ihm einfach eine Zahlkarte
nachhause schicken. Ganz einfach. Ob das
unsere Straßen sicherer macht, wird erst die
Zukunft zeigen.
Erwin Ringl war ein Psychiater und Neurologe, der die Charaktereigenschaften der ehe-
alleMANIAK 9
EINE ABSURDITÄT, DIE KEINE GRENZEN KENNT
maligen Völker der Habsburger Monarchie
untersuchte. Seinen Forschungen zufolge
sind die Slowenen neurotisch. Der gleichen
Meinung war auch Dr. Trstenjak, der in
allen Slowenen noch eine weitere Eigenschaft
sieht: ein starkes Schuldgefühl. Und die ideale Form, dieses Schuldgefühl zu verstärken,
ist ein zu teures Auto. Solange der Slowene
seinen Kredit abzahlen muss, besonders
wenn er deswegen auf andere, angenehme
Sachen verzichten muss, ist er nervös und
fühlt sich schuldig. Und das zeigt sich auch
in seinem nervösen und aggressiven Fahren.
Einer anderen Erklärung nach geht es bei einigen Autofahrern, die immer wieder Unfälle
verursachen, um eine versteckte Form von
Selbstmord. (Hintergrundwissen: Slowenien
hat eine der höchsten Selbstmordraten in Eu-
ropa.) Diese Menschen haben keinen Erfolg
im Leben und wenn sie einen Unfall haben,
bemitleidet man sie und ihre Erfolglosigkeit
beachtet keiner mehr. Aber diese Erklärung
ist nur in wenigen Fällen wahrscheinlich.
Nach kurzem Nachdenken ergibt sich noch
eine andere Erklärung. Die Slowenen waren
in der Vergangenheit oft ein unterworfenes
Volk, jemandes Diener also, und das ist
eine Tatsache. Sie sind daran gewöhnt, jemandem zu dienen, zu gehorchen und sich
nicht aufzuregen. Sie schlucken alles, weil sie
freundlich und gefällig wirken wollen. Aber
das hat ihre Grenzen. Ein Slowene ist bei der
Arbeit gefällig und gehorsam, denn natürlich darf er dem Chef nicht opponieren. Er
ist zu Hause gefällig und gehorsam, denn die
Eltern muss man respektieren und sollte sich
ihnen nicht entgegensetzen. Und dann geht
der Slowene mit seinem Auto auf die Reise.
Wundert es da noch irgendjemanden, warum
Slowenen aggressiv, nervös und selbstmordsuchend fahren? So viel angehäuften Stress
muss man irgendwie und irgendwo abladen
und die Straßen sind dafür ideal, denn der
Fahrer ist fast anonym und mit Blech geschützt.
Nejc ist im Krankenhaus. Sobald er wieder gesund ist, geht er für ein paar Jahre ins Gefängnis. Er wird jene Nacht nie vergessen. Er wird
auch nie wieder ein Auto fahren.
Das alles ist das Spiegelbild der slowenischen
Verkehrskultur. Repression und Technologie
werden nicht helfen, die Toten wiederzube-
leben oder neue Opfer zu verhindern. Es wäre
nötig, von Anfang an eine Kultur des Fahrens
zu pflegen. Vom Kindersitz auf dem Rücksitz
bis zum Fahrersitz im eigenen Auto. Regeln
kann jeder lernen, doch die Verantwortung,
die der Autofahrer den anderen Beteiligten
im Verkehr gegenüber trägt, kann nur durch
das ganze Leben und von Anfang an anerzogen werden: so sollten der Vater dem Sohn,
der Fahrlehrer dem Lernenden, die anderen
Autofahrer den Fahranfängern ein Beispiel
sein. Doch solange die Behörde sowie die
Autofahrer das nicht einsehen bzw. einsehen
wollen, sieht die Zukunft auf slowenischen
Straßen eher schwarz aus.
Eine Absurdität, die keine Grenzen kennt
D
er September nähert sich
seinem Ende. Es ist also die
Zeit gekommen, langsam die
Sachen zu packen und sich auf den Weg
zu machen. Ab geht´s nach Slowenien
und zwar für vier Jahre.
Nataša Hrabar
Die Nachricht darüber konnte jedoch
nicht ohne Kommentare bleiben. Die
meisten waren natürlich negativ, was mich
gar nicht überrascht hat. Eine solche Reaktion habe ich sozusagen erwartet, denn
ich weiß, was die Menschen aus meiner
Heimatstadt über Slowenien denken.
Slowenien ist vielen Kroaten ein Dorn
im Auge, aber ich bin mir sicher, dass es
auch einige Slowenen gibt, die so über die
Kroaten denken.
So eine Einstellung kann ich jedoch nicht
nachvollziehen, denn die beiden Länder
sind seit eh und je Nachbarn und meiner
Meinung nach sollte zwischen Nachbarn
ein gutes Verhältnis herrschen. Die Spannung zwischen den beiden Ländern gibt
es schon seit längerer Zeit, aber diese hat
sich in den letzten paar Jahren durch die
Uneinigkeit in Bezug auf den Verlauf der
Grenze noch verschärft. Keines der beiden
Länder will nachgeben und immer wieder
tauchen neue „Probleme“ auf. Man hat
das Gefühl, dass die Regierungen immer
neue Gründe für Streit suchen. Es ist also
die beste Zeit, um in ein nicht so beliebtes
Land zu ziehen.
Verräter?
Das Studium ist für viele die beste Zeit
ihres Lebens gewesen. Egal wo man studiert, wird man sicher eine tolle Zeit haben, die man nicht so leicht vergessen
wird. Wenn man in ein fremdes Land
studieren geht, sind die Eindrücke umso
stärker. Doch, was für ein Wunder, auch
dagegen haben einige etwas einzuwenden.
Wenn man ins Ausland geht, um dort
zu studieren, ist es in Ordnung, solange
es nicht Slowenien ist. Denn nur Verräter gehen freiwillig nach Slowenien.
Kann man jemanden, der ins Ausland
geht, um dort zu studieren, einen Verräter nennen? Die meisten würden sagen – nein. Aber nicht in Bol. Dort sind
10 alleMANIAK
alle, die mit Slowenen befreundet sind,
in einer Hinsicht Verräter. Ich hätte mich
nicht gewundert, wenn das von alten, ungebildeten Menschen käme. Aber dass ein
akademisch gebildeter Mensch über eine
solche Aussage überhaupt nachzudenken
vermag, hat mich vom Hocker gerissen.
Doch das schlimmste kommt noch. Wenn
der Sommer kommt, kommen auch viele
Slowenen, meistens Windsurfer, weil Bol
einer der besten Spots ist. Dann stört es
keinen, dass fast ganz Slowenien da ist,
solange sie Geld ausgeben. Dann entdecken auf einmal alle ihre „Liebe“ zu den
Slowenen. Wenn es also um Geld geht,
vergessen sie einfach ihre Überzeugungen.
Darüber, was die Menschen alles für Geld
machen würden, kann man in vielen Zeitungen lesen. Aber irgendwie nimmt man
es nicht wahr, bis man es dann selbst erlebt. Darum war ich also dermaßen überrascht, weil ich nicht glauben konnte, dass
die Menschen so falsch sein können. Man
kann dieses „Phänomen“ natürlich nicht
verallgemeinern, weil nicht alle so denken. Aber man sieht es den meisten an,
dass sie damit nicht zufrieden sind. Das
hat mir wenigstens die Augen geöffnet.
Am meisten hat mich jedoch die Tatsache gewundert, dass viele von diesen
Menschen regelmäßig nach Slowenien in
Skiurlaub fahren. Dann gibt es keine Probleme, dann sind alle wieder miteinander
befreundet. Wenn man aber nach Hause
kommt, wird wieder ganz schön über die
Nachbarn gespottet, als ob nichts gewesen
wäre.
Die ersten Tage in Ljubljana
Obwohl ich traurig war, hat es mich auch
irgendwie gefreut endlich „da raus“ zu
sein. In Ljubljana hat mich ein ganz anderes Leben erwartet. In Ljubljana angekommen, wurde ich schon sehnlichst
von meinem Onkel und seiner Familie
erwartet. Eigentlich war es ihre brillante
Idee, ich solle in Ljubljana studieren. Die
ersten Tage waren komisch, um es nett
auszudrücken.
Als der ganze Umzugsstress vorüber war,
habe ich mir einen Stadtplan geschnappt
und mich auf den Weg in die Stadt
gemacht. Alleine, versteht sich. Ich wollte die Stadt kennenlernen, noch bevor die
Vorlesungen beginnen. Doch nach kurzer
Zeit habe ich gemerkt, dass es nicht so einfach wird, wie ich es mir vorgestellt habe.
Ich musste zugeben, dass ich fremde Hilfe
brauchte, doch hatte ich Angst jemanden
etwas auf Kroatisch zu fragen. So kam es,
dass ich Englisch gesprochen habe. Aber
dann klingelte mein Handy, es war meine
Mama. Jetzt sahen mich alle blöd an und
haben gelacht. Da habe ich bemerkt,
dass es hier niemanden stört, dass ich aus
Kroatien komme. Die meisten waren eigentlich davon begeistert. Was für eine
Erleichterung!
Da man Ljubljana nicht als eine Großstadt
bezeichnen kann, habe ich die wichtigsten
Sachen schon nach ein paar Tagen auswendig gewusst. Doch der Umgang mit
den Menschen fehlte. Ich habe mich alleine gefühlt und konnte es kaum erwarten,
dass die Vorlesungen endlich beginnen.
An der Uni waren alle mehr als freundlich
und wollten mir helfen und dann kam die
bisher größte Überraschung – sie wollten,
dass ich auf Kroatisch spreche. Ich dachte
mir nur: „Hä? Was soll das denn?“. Seit
diesem Moment wusste ich, dass ich hier
sicher eine gute Zeit mit tollen Menschen
haben werde. Und so war es dann auch.
Wir sind doch alle gleich.
Die Jahre vergingen und ich lernte das
Land und die Menschen immer besser
kennen. Heute kann ich mit Sicherheit
sagen, dass sich die Slowenen nicht viel
von den Kroaten unterscheiden. Anders
könnte es auch nicht sein, wenn man
bedenkt, dass wir seit Jahrhunderten
nebeneinander leben. Jedes Land hat
natürlich seine Besonderheiten, das kann
man nicht abstreiten. Aber so große Unterschiede findet man nicht. Vielleicht
gibt es ja doch welche, doch ich habe sie
nicht gefunden. Es sind immer die Kleinigkeiten, die den Unterschied machen,
aber daraus kann man doch keine Philosophie entwickeln. Wir ähneln uns mehr, als
dass dem einen oder dem anderen gefallen
mag. Man sollte sich eigentlich darüber
freuen können, ein neues Land und eine
neue Kultur kennenlernen zu dürfen.
Was mich gewundert hat, ist der, meiner
Meinung nach, eher fragliche Musikgeschmack. Folkmusik (Ceca & Co.) aus
Kroatien, Bosnien und Serbien ist hier mehr
als beliebt, obwohl das nur wenige zugeben.
Was für ein Wunder, dass diese Musik auch
in Kroatien mehr als populär ist. Obwohl
manche das nicht als Musik bezeichnen
würden, ist es eine Sache, die uns verbindet.
Wenn man auf die Straße geht, findet man
dort junge, gut gelaunte Menschen, die sicher nichts Besseres zu tun haben, als mit
jemanden zu streiten. Und das ist in beiden
Ländern so. Natürlich findet sich ab und zu
ZEIT FÜR POESIE
einer, der sich die ganze Situation etwas extremer zu Herzen nimmt, aber das sind nur
seltene Fälle,
Man kann sich dann nur fragen, wie es zu
solchen Verhältnissen kommen konnte. Die
Antwort ist nicht unter den „kleinen Menschen“ zu suchen, sondern bei „denen da
oben“.
über die man streitet. Am Ende des Artikels schreibt der Autor dann noch, dass
der Wal dorthin schwimmen wird, wo er
hergekommen ist, noch bevor die internationalen Gerichte erklären, zu welchem
Land er gehört und dass die Slowenen
und die Kroaten überhaupt nicht merken werden, dass mit dem Wal auch die
so zu einigen, dass beide Seiten zufrieden
sind. Fremde Hilfe muss her und die haben
wir auch bekommen, doch schon wieder
stimmt etwas nicht. Irgendeiner muss hier
ein wenig nachgeben, sonst ist die Lösung
der Probleme noch lange nicht in Sicht.
Ich habe das Gefühl, die Kroaten sind
zu stolz, etwas von ihrem Territorium
Janez
Wie absurd die ganze Situation ist, zeigt
auch das folgende Beispiel: vor ungefähr
einem Jahr hat sich ein Wal in die Adria verirrt. Und natürlich wurde gleich wieder gestritten, zu welchem Land der Wal gehört.
Die Slowenen haben ihn „Janez“ benannt
und behaupteten, er gehöre ihnen. Da haben sich auch die Kroaten gemeldet und
„schwups“ wurde schon wieder gestritten.
Auch die armen Tiere mussten da mit hineingezogen werden.
Am 1. April 2009 ist in einer slowenischen Zeitung ein Artikel erschienen,
der diese Situation auf ironische Art und
Weise beschreibt. Dieser Artikel wurde
von einem kroatischen Journalisten, Boris
Dežulović, verfasst. Darin erwähnt er unter anderem auch die Zeit, in der wir alle
ohne irgendwelche Probleme zusammenlebten. Denn damals kannte man das Wort
„Scherz“ nicht, der 1. April war der einzige
Tag, an den man scherzen „durfte“. Jetzt in
der Zeit der liberalen Demokratie nehmen
alle alles sehr ernst, obwohl alles wie ein
großer Scherz aussieht. An einer Stelle in
dem Artikel führt er einige Argumente an,
die beweisen sollen, zu welchem Land der
Wal gehört: „Die Slowenen haben starke
Argumente. (...) Der Wal ist also rational,
er spart und ist praktisch - er muss Slowene
sein. (...) Starke Argumente haben natürlich auch die Kroaten. (...) Der Wal hat
also ein großes Herz, aber ein kleines Gehirn, er ist der Größte und der Älteste auf
der Welt- kein Zweifel, dass er aus Kroatien
ist.“ Das war natürlich nicht ernst gemeint, es sollte nur die Situation ein wenig
karikiert darstellen. Und meiner Meinung nach ist ihm das auch gelungen.
Denn an diesem Beispiel kann man sehen, dass es wirklich Dummheiten sind,
Darüber lässt sich diskutieren, aber jetzt,
in dieser Zeit, brauchen wir die EU mehr
als sie uns. Wir sind nicht in der Position,
eigene Forderungen zu stellen, denn sonst
wird man uns ganz abschaffen. Insbesondere nach der Finanzkrise sollte man sich
darüber ein wenig den Kopf zerbrechen.
Man muss etwas tun und nicht nur leere
Versprechungen machen. Diese Gewohnheit ist unter den Politikern beider Länder
offensichtlich sehr beliebt. Doch auch sie
sollten sich endlich klar machen, dass die
Menschen genug davon haben, denn sie
wissen, dass daraus sowieso nichts wird.
„...jer su se carevi igrali rata...“
liberale Demokratie verschwunden ist.
Wenn man diesen Artikel liest, wird einem
bewusst, dass es auf der Welt viele wichtigere Sachen gibt, über die man sprechen
(und nicht streiten, wie in diesem Fall) sollte. Ich stelle mich nicht auf die Seite der
Kroaten, aber auch nicht auf die Seite der
Slowenen. Ich will nur sagen, dass man sich
hier wie ein Erwachsener verhalten sollte.
Bedauerlicherweise habe ich oft das Gefühl,
dass die beiden Länder von Kleinkindern,
die in Körpern von Erwachsenen stecken,
geführt werden.
Was bringt uns die Zukunft?
Die Situation, in der wir uns befinden, ist
auf keinen Fall einfach, das muss man zugeben. Die Frage ist, was soll jetzt noch
kommen? Denn offensichtlich sind die
beiden Regierungen nicht im Stande, sich
an Slowenien abzutreten und dass die
Slowenen ihre Position in der EU ausnützen, um das zu bekommen, was ihnen
noch fehlt. Da kann man sich nur fragen,
wie lange sie dieses Spiel noch spielen wollen? Sie stört es vielleicht nicht, dass hier
solche Verhältnisse herrschen. Nein, weil
sie es gut haben. Nur wenige sind sich bewusst, dass darunter das kleine Volk leidet,
dass das Volk genug von den Spielchen hat.
In der letzten Zeit war immer mehr darüber
zu hören, dass die Menschen mit der Regierung nicht zufrieden sind. Darüber
braucht man sich nicht zu wundern. Denn
die Position, in der wir sind, zwingt uns zu
einem Kompromiss mit Slowenien. Wir
brauchen die EU, obwohl sich das manche nicht eingestehen wollen. Viele denken, dass sie uns nur ausnützen wird und
dass wir nichts von ihr bekommen werden.
Der oben genannte Titel ist ein Zitat
aus dem Lied “Ratnik paorskog srca” von
dem serbischen Sänger Đorđe Balašević.
Übersetzt heißt es „...weil die Zaren Krieg
gespielt haben...“.
Meiner Meinung nach beschreibt dieses
Zitat sehr gut die Situation, die hier herrscht. Bis „die da oben“ merken, dass es
so nicht weiter gehen kann, wird es nicht
besser werden. Solange sie nichts dagegen
unternehmen, werden die Menschen immer wieder solche Sprüche liefern, obwohl
sie es meistens nicht so meinen. Solange die
Spielchen nicht aufhören, werden wir zwei
verfeindete Länder bleiben.
Vor ein paar Monaten habe ich mich mit
einem Seemann unterhalten. Er hat die
ganze Welt bereist und ist mit vielen Menschen in Kontakt gekommen. Irgendwie
sind wir gerade auf dieses Thema zu sprechen gekommen. Er sagte mir, dass viele
Menschen über uns lachen, weil die Situation echt lächerlich geworden ist. Obwohl
sie alles von außen betrachten und sie das
gar nicht angeht, können sie nicht verstehen, dass man so weit gehen kann.
Nach alldem kann man nur an die „Zaren“ appellieren, dass sie endlich vernünftig
werden und dieser Absurdität endlich ein
Ende setzten, denn irgendjemand muss es
tun. Wenn nicht sie, dann halt jemand, der
mehr Talent dafür hat.
Zeit für Poesie
DER KRAKEN VON FF
Žiga Mohar, Matic Medja
Ich erwache in eine Routine
diese Wände sind meine Zelle
dieses lieblose Leiden – ich lebe
Leere Gespräche ohne Inhalt
Aufrichtigkeit ist lange weg
das moderne Leben ertränkt
mich langsam
Ich stürme durch die Aula
versuche mich zu verstecken
doch der Kraken findet mich
Ich sehe kein Entrinnen
kein weißes Licht in Sicht
der Kraken packt mich am Kragen
ich versinke in der Tiefe
alleMANIAK 11
DEZEMBERNACHT
Zeit ist Gott.
Melancholie, die logische Konsequenz.
Rote Augen sehen dem Winde entgegen,
wie er Erinnerungen fortspült.
Und jedes Gefühl zerfließt mit dem Ausklang meines Gedankens,
der Erinnerung,
die jenes Leben überdauert,
und doch in Der Zeit stehen blieb.
Doch Zeit gibt es nicht.
Wir haben sie verkauft auf dem roten Teppich
als wir eilten Mensch zu werden.
IN TEMPUS VERITAS
Matej Meža
BRENNENDES WASSER
Eine Sternschnuppe fällt
In einen Wunschbrunnen,
ein Gefühl des Menschen,
brennendes Wasser.
Siehst du es?
Fühlst du es?
Sonne und Wind und Kälte.
Im Leidenserwarten an die Zukunftserinnerung.
Es friert mich.
Es ist heiß.
Es kommt nun der Wind.
Jetzt können wir träumen.
Ich bin eine Illusion,
du - ein glücklicher Gedanke.
Ironisch … wir wären ein ideales Paar.
Dezembernacht
D
ezember, der 16.
Die
Straßenlaternen,
wie
Schutzengel, erhellen meinen
Weg durch diese kalte Dezembernacht.
Die Straße sollte mit Schnee bedeckt sein.
Sie ist bloß kalt und nass. Meine Fußschritte
sind leise, kaum auf dem Asphalt zu hören.
Ich sehe meinen Atem, wie er sich langsam
in die Luft hebt und vor meinen Augen
verschwindet. Er ist genau so vergänglich
wie diese Tage. Langsam ziehe ich über die
Hauptstraße zurück in meine Wohnung.
Ich sehe in ein Autofenster und schaue tief
in meine Augen. Kein Schimmern ist mehr
zu sehen, kein Glück oder Freude, bloß
Müdigkeit und Enttäuschung. Das Feuer
in ihnen ist schon fast erloschen. Der Geist
neben mir lächelt. Ach, Erinnerungen, wie
ich euch hasse, doch zugleich seid ihr das
Einzige, was mich am Leben hält. Wie gerne ginge ich in der Zeit zurück und würde
alles anders machen. Warum war ich so ein
Idiot? Ich hab´ echt einen Dachschaden.
Ich hätte sie nicht gehen lassen dürfen. Ich
stand bloß da und sah zu, wie sie langsam
vor mir verschwand. Erinnere ich mich
noch an ihr Gesicht? Will ich mich überhaupt an sie erinnern? Der Schmerz trifft
ins Herz. Ich gehe weiter. Den ganzen Tag
auf der Uni verbracht. Es kümmert mich
nicht. Die Tage sind zur Routine geworden,
Tag ein, Tag aus dieselbe Scheiße. Ist das
Leben nicht zu kurz, um es auf diese Weise
zu verbringen? Ich gehe etwas schneller.
Wenn ich heute zu Hause bleibe, sterbe ich.
***
Zwei Stunden später. Der alte Opel rast
durch die Straßen der Stadt, fährt vüber
gelbe Ampeln und schreit sein Lied in die
Nacht. Das Radio spielt irgendwas Härteres,
irgendwas Bekanntes. Etwas hundertmal
Gehörtes. Nichts Neues. Ich schaue, wie
die Regentropfen die Fensterscheibe treffen
und hinunterfließen. Sie sind vergänglich.
Genau wie diese Tage. Ich sehe eine junge
Frau, wie sie auf den Bus wartend an der
Bushaltestelle steht. Sie ist nass, genau wie
diese Straßen. Doch es scheint ihr egal zu
sein. Sie hat ein Lächeln im Gesicht. Das
Auto fährt weiter. Die Musik wird leise
gestellt. Mein Mitbewohner erzählt einen
Witz. Wir lachen. Das Auto rast weiter.
***
Das Auto hält endlich an. Es wird leise. Wir
steigen aus der Todeskutsche aus. Der Himmel ist pechschwarz. Das Gebäude leuchtet
wie eine große Weihnachtsdekoration. Wir
sind am Ziel angelangt. Wir gehen heute
Abend ins Kino. Der Film fängt erst in
einer Stunde an. Wie üblich kaufen wir
Karten für noch einen Hollywood QuasiBlockbuster, der bestimmt wie alle anderen
überbewertet ist. Wir gehen noch etwas
essen, wenn wir schon mal hier sind. Wir
brauchen gar nicht lange zu überlegen, die
Fast-Food-Bude wie üblich. Nach fünf Minuten sitzen wir am Tisch, es stinkt nach
altem Frittieröl und Putzmittel. Das Essen
schmeckt wie immer. Leer. Doch jetzt ist
es mir schon egal. Es wird ein guter Abend
werden. Den Tag werde ich vergessen, die
Sorgen können sich zum Teufel scheren
und meine Erinnerungen können für
einen Abend Pause haben. Ich entspanne.
Wir lachen. Wir essen und trinken. Wir
lachen noch mehr. Die Zeit vergeht wie
im Flug. Die Vorstellung beginnt in Kürze.
***
12 alleMANIAK
Matej Meža
Jemand geht weg
Und was bleibt, ist nur die Erinnerung,
die Erinnerung des Moments.
Matic Medja
Auf dem Weg zum Kinosaal gehen wir
an einem Skateshop vorbei. Einen kurzen
Blick kann ich auf die neuen Bretter werfen. Doch zwischen all diesem Holz sehe
ich eine junge Frau. Mit einem alten Staubsauger saugt sie den Boden. Sie ist auf ihre
besondere Art wunderschön. Nein, sie ist
mehr als wunderschön, sie ist eine Göttin
unter uns Sterblichen. Ihr blondes Haar
ist zu einem Pferdeschwanz gebunden.
Sie braucht keine ausgefallene Frisur um
schön zu sein. Sie ist ihr eigener Friseur.
Kein Make-Up ist auf ihrem Gesicht zu
sehen. Sie braucht sich nicht hinter einer
Pudermaske zu verstecken. Denn sie hat
keine Angst. Sie weiß, wer sie ist und versteckt es nicht. Sie ist stolz drauf. Sie trägt
keine schreienden Klamotten. Kein ausgefallenes Top. Keine überteuerte Jeans.
Der schwarze Kaputzenpuli macht den
Trick. Sie braucht mit ihrer Figur nicht
anzugeben. Sie ist selbstsicher. Sie schert
sich nicht um die Schönheitsstandards, die
diese kranke Modewelt uns einredet. Sie
braucht keine hohen Stiefel. Die abgetragenen Turnschuhe sind gemütlich. Sie ist so
schlicht. So einfach. So perfekt. Wir gehen
weiter. Der Film wartet auf niemanden.
***
Ich sitze im Kinosaal. Die unsichtbare
Wand zwischen der Wirklichkeit und der
Fiktion ist heute Nacht so dick. Ich kann
mich nicht konzentrieren. Ich schließe
die Augen. Sie steht vor mir. Sie streckt
ihre Hand nach mir aus. Sie will mich
retten. Verdammt, ich habe es wieder verbockt. Warum habe ich nichts gesagt?
Warum habe ich ihr nicht einfach gesagt, wie wunderschön sie ist? Der Film
geht zu Ende. Wir gehen zum Auto. Sie
ist weg. Sie ist so vergänglich. Genau
wie diese Tage. Wie dieses Leben selbst.
Impressum
alleMANIAK, Zeitschrift der Germanistikstudenten
Oddelek za germanistiko s skandinavistiko
in nederlandistiko
Aškerčeva 2, 1000 Ljubljana, Slowenien
E-mail: allemaniak@gmail.com
Nummer 18, Juni 2011
Die Redaktion der Zeitschrift
alleMANIAK bedankt sich herzlich bei
allen, die zu dieser Aufgabe beigetragen
haben; bei unseren Journalisten und Journalistinnen, Interviewpartnern und ProfessorInnen und bei Matej Meža, der für die
Computerverarbeitung gesorgt hat. Ein besonderer Dank geht an Christiane Leskovec
Redek und an Tanja Skralovnik.
Chefredakteurin:
Marija Lorbek (marijayuki@gmail.com)
Mentorin:
Suzana Kerin
Computerverarbeitung:
Matej Meža
Zu dieser Nummer haben beigetragen:
Anita Banko, Zala Bojovic, Andreja Bole,
Gregor Dovč, Nataša Hrabar, Janez Hromc,
Ajda Jonak, Vida Lipušček, Marija Lorbek,
Ana Lunder, Matic Medja, Matej Meža,
Žiga Mohar, Klemen Murn, Brigita Noč,
Kaja Obreza, Bojan Ovtar, Tanja Petrič,
Katarina Plevel, Ines Škvorc, Anamarija
Topoljski, Marjana Vrabec, Karin Žunič.
Dank an:
Christiane Leskovec Redek und Kristian
Donko.
Die Beiträge der Zeitschrift alleMANIAK
werden nicht honoriert. Die AutorInnen
übernehmen die Verantwortung für ihre
Artikel. Die Nummer 18 erschien in einer
Auflage von 500 Exemplaren.
Izid številke so omogočili: ŠOFF, ŠSFF,
Oddelek za germanistiko Filozofske
fakultete.
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Seele and Geist
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