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DIE ZEIT - Wie man sich in Deutschland im Verein gesellt

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DIE ZEIT − Wie man sich in Deutschland im Verein gesellt
willmann
DIE ZEIT
09/2004
Wie man sich in Deutschland im Verein gesellt
Das Land steht still, nur bei den Vereinen gibt es noch Wachstum: Jedes Jahr werden mindestens 15000 neue
e. V. gegründet. Was treibt ihre Mitglieder? Zu Besuch bei vier Vereinen rund ums Auto
Von Urs Willmann
Früh am Morgen hat es auf dem Possen geschneit. Der Hügel, 440 Meter hoch, liegt südlich von
Sondershausen im Thüringer Harz. Wildschweine grunzen im Gehege, Hirsche fressen von Spaziergängern
hingeworfene Kastanien, die Bären schlafen der richtige Ort für ein Vereinstreffen. Fünfzig Menschen aus
der Republik haben sich zum sportlich−festlichen Wettstreit eingefunden. Das 3. Wintertreffen des
Trabantclubs Sondershausen hat Trabi−Freunde aus Sachsen, Thüringen und Franken angelockt. © Collage:
Jochen Klein für DIE ZEIT
Im weiteren Tagesverlauf wird es darum gehen, Zylinderköpfe zu stapeln, Bälle durch rostige
Metallfassungen von Scheinwerferlampen zu schießen und aus einem Kanister exakt zwei Liter
Ersatzflüssigkeit in einen Blechtank zu schütten. Auch der diesjährige Meister im Anlasserstemmen will
ermittelt sein. Die Königsdisziplin aber ist im himmelblauen Vereinsvehikel zu bewältigen. Am Heck des
Wettkampftrabis 600 Kubikzentimeter, Baujahr 1962 klebt das internationale Landeskennzeichen der
DDR. Im Zweitakter mit Handschaltung gilt es, vier Schwierigkeiten zu meistern: die Strecke von 50 Metern
in exakt 15 Sekunden zurücklegen; der Länge nach über ein schmales, langes Holzbrettchen rollen;
zentimetergenau vorwärts einparken; zentimetergenau rückwärts einparken. Jetzt gurgelt der Anlasser. Ein
Röcheln, dann ein Röhren. Eine ölig blaue Wolke steigt in die morgendliche Luft. Sie will sagen: Los gehts!
Trifft der Deutsche einen Deutschen, ist fast mit Sicherheit ein Verein dabei. Bereits wenn der Deutsche in
den Spiegel schaut, beträgt die Wahrscheinlichkeit 60 Prozent, dass das Gegenüber Mitglied eines Vereins ist.
574359 eingetragene Vereine (e.V.) zählte 2003 das Register, 29658 mehr als 2001 ein jährliches
Wachstum von 2,8 Prozent. Wäre unsere Wirtschaft nur auch so produktiv! Es gibt für alles Vereine und
Vereine für alles, den sprichwörtlichen Kaninchenzüchter−Verein ebenso wie den Bundesverband für die
Rehabilitation der Aphasiker e. V., den Eine Welt e. V., den Dritte Welt e. V., den Phantastische Welten e. V.
Zum Gründen reichen drei Personen. Sinkt die Zahl unter drei, wird einem e. V. die Rechtsfähigkeit
entzogen, sagt das Recht. Auf über 14 Millionen Kraftfahrer hat es seit 1903 der ADAC gebracht. Der
Allgemeine Deutsche Automobilclub e. V. ist der größte Verein im Land. Was nicht verwundert. Denn macht
ein Interesse das Wesen einer Nation aus (Kleingärtnern, Kegeln, Karneval), gründen sich dazu bevorzugt
Vereine. Und das typischste Artefakt Deutschlands ist zweifellos das Auto.
So lässt sich das Verbindende und Unterschiedliche am deutschen Vereinsleben am allerbesten am Objekt
Auto studieren. Nirgendwo bricht sich deutsche Wirklichkeit vielfältiger als in den Vereinen rund ums Auto.
Neben dem Marktführer ADAC gibt es markenfixierte Vereinigungen wie den OPEL−Gäng Pirmasens e. V.,
typenorientierte Grüppchen wie den Corvette Club NRW, aggregatsbezogene (Adler−Motor−Veteranen−Club
e.V.) und funktionsspezialisierte Autovereine (Taxiverband Deutschland e. V.). Natürlich gibt es neben den
Männer− die reinen Frauenvereine wie den Deutschen Damen Automobilclub (DDAC). Die Gegenbewegung
formiert sich in Vereinen wie autofrei leben! e. V. und Autofreies Wohnen e. V. Und wer unter die Räder
geraten ist, organisiert sich im Unfallopfer−Netz e. V.
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DIE ZEIT − Wie man sich in Deutschland im Verein gesellt
Normalerweise findet Vereinsleben vorwiegend abends statt außer es stehen besondere Anlässe an. Der
jährliche Wettkampftag des Trabantclubs Sondershausen ist ein solcher. Doch warum muss man sich dazu im
Winter treffen, im Schnee? Im Sommer sind schon an jedem Wochenende überall Trabi−Treffen. Da
kommst du als Veranstalter in den Markt nicht rein, sagt Sven, Vorstandsmitglied des Trabantclubs. Er
zwängt sich auf den Beifahrersitz des Wettkampftrabis. Dort erklärt er dem unsicheren Neuling das verehrte
Vereinsobjekt. Da ist die Handschaltung. Hier der Rückwärtsgang. Kupplung ist wie überall. Vorsicht: Keine
Bremsverstärkung! Fahr mal zum Üben rückwärts bis zum Start! Denn auch der Reporter darf am
Wettkampf teilnehmen. Dem Sieger winkt ein 15 Zentimeter hoher lächelnder Kunststoffschneemann mit
Weihnachtsbaum, roter Mütze und Glocke.
Während auf dem Possen die Trabi−Freunde um Punkte kämpfen, sammelt sich am Nachmittag der
Landesclub Berlin des Deutschen Damen Automobilclubs e. V. im Grunewald. Einmal im Monat treffen sich
die DDAC−Damen im Wintergarten eines Tennisclubs zur Trockenrallye am grünen Tisch. Die vor dem
Clubheim geparkten Limousinen sind zwar stattliche Vehikel. Aber im Winter macht es keinen Spaß, damit
über kalte und dunkle Landstraßen zu rollen. Zur großen Frühjahrsrallye im Mai und zu den kleinen Rennen
an Sommerabenden treten die Damen natürlich im Automobil an. Jetzt aber liegen Straßenkarte, Buntstifte
und die Lupe mit Licht auf dem Tisch bereit.
Vereinsmeierei als Akt der Freiheit
Die Vereinsmeierei ist nicht so typisch deutsch, wie Deutsche gern behaupten, sagt Hermann Bausinger,
Autor des Buchs Typisch deutsch. Der emeritierte Tübinger Volkskundeprofessor verweist auf Wales. Dort
heißt es: Wo drei Waliser zusammenkommen, gründen sie ein Komitee. Auch der Durchschnittsamerikaner
pflegt sich in mehreren vereinsähnlichen Gesellschaften zu organisieren. Eine globale Erscheinung sind
Vereine aber keineswegs. In Indien und Afghanistan ist die Möglichkeit den meisten nicht gegeben. Dort
haben Sie Kasten und Stämme, sagt der Soziologe Dieter H. Jütting, Direktor des Instituts für Sportkultur
und Weiterbildung der Universität Münster. Er versucht das Phänomen wissenschaftlich anzugehen. Es lasse
sich nicht auf Grüppchen mit dem Kürzel e. V. reduzieren. Jütting verwendet Bezeichnungen wie freiwillige
Vereinigung oder soziale Formation. Sich im Verein zu organisieren ist ein Akt der Freiheit, sagt er. Diese
Freiheit gebe es nicht überall. Vereine seien neben Stiftungen und anderen Non−Profit−Organisationen
elementarer Bestandteil des Dritten Sektors, der Staat und Markt ergänzt. In vormodernen, tribalen,
sozialistischen oder religiösen Gesellschaften, sagt Jütting, ist ein Dritter Sektor nicht oder nur rudimentär
vorhanden. Er ist ein Phänomen des Westens.
Im Damen−Automobilclub gibt es erst einmal Kaffee und Kuchen. Der Betulichkeit gilt die maximale
Konzentration, denn bevor die Rallye startet, sind die 70− und 80−jährigen Mitglieder noch mit dabei.
Allerdings fehlt die Älteste, die 95−Jährige. Wie geht es ihr? Man redet. Anekdoten, Familiäres, Gebrechen.
Eine Neue feiert ihren Einstand mit Sekt: Regina Caspers, 43−jährig. Über Monate hinweg war die
Kunsthändlerin als Gast an Vereinsabenden der Automobildamen geladen, quasi als Mitglied auf Probe.
Offensichtlich ist sie dabei couragiert nach außen getreten. Dass eine an den Gesprächen aktiv teilnimmt,
wird erwartet von Damen, die in einen Verein aufgenommen werden möchten, der, 1926 von Lucy Elisabeth
Freifrau von Linsingen gegründet, auf seiner Ehrenmitgliederliste Margarete von Hindenburg und Berta Benz
aufführen kann.
Das langjährige Mitglied Claudia Kraußer arbeitete noch bei DaimlerChrysler, als ihre Vorgesetzten, natürlich
mit Hintergedanken, sprachen: Toller Verein, dieser Damen−Autoclub, Sie treten doch bei? Schließlich
entsprechen die Damen exakt der kaufkräftigen Zielgruppe des Autoherstellers. Kraußer schaffte die
Aufnahme. Ich hätte austreten können, als ich selbstständig geworden bin, sagt sie. Da gefiel es ihr aber
schon zu gut. So wichtig ist der Unternehmensberaterin der Verein, dass sie nach ihrer Hochzeitsnacht in der
Frühe aufgestanden ist, um eine Rallye nicht zu verpassen.
DIE ZEIT
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DIE ZEIT − Wie man sich in Deutschland im Verein gesellt
Im Verein, sagt Vereinsforscher Jütting, gesellen sich soziale Aktivisten zum geldlosen Austausch von
Leistung und Kommunikation. Das führe zu sozialem Reichtum. Er hat dies am Beispiel zweier Städte,
Gronau und Borken, untersucht und ist dabei auf ein lebendiges Netzwerk von 800 Organisationen gestoßen,
in das 63000 Personen eingebunden sind und das sich ständig wandelt und erneuert. Auf keinen Fall können
seine Ergebnisse das gerne in der Öffentlichgkeit gezeichnete Bild eines engen, rückwärts gewandten, in
Ritualen erstarrten Vereinslebens bestätigen. Diese Gewissheit führt er auf Wirkungen zurück, die von
Vereinen und ihren Mitgliedern ausgehen. Er bündelt sie in drei Theoreme: Vereine erzeugen kostengünstig
Güter und Leistungen, sie leisten einen wichtigen Beitrag zur sozialen Integration der Mitglieder, und sie sind
institutioneller Ausdruck einer aktiven demokratischen Gesellschaft.
Bei uns wird niemand fallen gelassen, sagt Claudia Kraußer vom Damen−Automobilclub. Zum
Vereinsleben gehört, dass wir uns um die Alten kümmern. Die Seniorinnen sind bei der großen Rallye stets
als Zaungäste dabei. Im Vereinsjargon heißen sie dann Schlachtenbummler. Das neue Mitglied Regina
Caspers ist hingerissen: Wenn die alten Damen von früher erzählen, kann ich stundenlang zuhören.
Kraußer erklärt, was es für die Aufnahme in die ehrenwerte Runde braucht: Die Dame braucht Sinn für
Gemeinschaft, muss an Kunst interessiert sein, dem gesellschaftlichen Umgang entsprechen und einen
gewissen Bildungsstand besitzen. Letztes Jahr, erzählt die Vorsitzende der Berliner Autodamen, Gesina
Müller−Steineck, hätten sie zwei abgelehnt. Die eine schrieb schon im ersten Brief ,Hallöchen. Da wusste
ich gleich: Die passt nicht. Niveau muss man schon haben.
Das Vereinsobjekt hat ein Imageproblem
Im Corvette−Club−NRW sind andere Dinge wichtig. Wer gerne in einem Chevrolet Corvette sitzt, ist dabei.
Im Verein kriege ich Techniktipps und Hilfe bei der Ersatzteilbesorgung, sagt Ulrich. Heribert freut sich,
via Verein tief ins Thema reinzukommen. Das Thema trägt er auf einem Foto im Geldbeutel mit sich
herum: Meine Corvette.
Es ist fünf nach acht. Vereinstreffen im Hopfenstübchen des Restaurants Kockshusen in Essen. Man sitzt auf
Barhockern und erzählt. Ulrich sagt, er habe eine C1 für Rallyes und eine C5 für den Alltag. Natürlich
weiß jedes Vereinsmitglied, was die Abkürzungen bedeuten. Der Reporter muss aufgeklärt werden: Es gibt
fünf Corvetten, alle aus Kunststoff gefertigt. C1 ist das älteste, C5 das neuste Modell. Das Auto, das
gemeinhin als Zuhälterschlitten bekannt geworden ist, sei die C3. Präsident Norbert, im beigen Hemd mit
aufgenähter Corvette−Fahne, spricht in diesem Zusammenhang von einem Imageproblem der Corvette.
Auch hier stellt sich ein neues Mitglied vor: Ich bin Hubraumfanatiker, habe eine eigene Werkstatt. Ich fahre
auch Motorrad. Und meine Frau auch. Dann informiert Präsident Norbert über die Planung der
Jahreshauptversammlung. Datum und alles Weitere stünden bald im Internet: Es wird keine Post
verschickt. Einer am Tisch fragt, ob das rechtens sei. Ein Zweiter sagt: Nur, wenn alle einverstanden sind.
Ein Dritter: Wenn Norbert einverstanden ist, sind alle einverstanden.
Vereinsmeierei ist Geben und Nehmen und daher nicht zu verwechseln mit Altruismus. Letztlich gewinne,
wer sich engagiert, soziales Prestige, sagt Vereinsforscher Jütting. Er kann nicht verhehlen, ein Fan seiner
Forschungsobjekte zu sein: Eine tolle Erfindung! Und was für eine tolle Demokratieschule: Ich muss
keinen ermorden, ich kann ihn einfach abwählen. Ich verleihe Macht auf Zeit. Seine Studien haben zwar
gezeigt, dass die meisten Vereine stark hierarchisch strukturiert sind mit exponierten ersten Vorsitzenden ,
aber 85 Prozent der Vereine gaben an, die Ämterbesetzung erfolge demokratisch. Nur 15 Prozent besetzen
ihre Ämter durch informelle Absprachen.
Jochen Böhme zählt seinen Verein zu den 15 Prozent. Was da läuft, hat mit Demokratie nichts zu tun. Er
ist sich nämlich nicht sicher, ob er überhaupt noch Mitglied des Vereins Unfallopfer−Netz ist. Juristisch
betrachtet, vermutlich schon. Doch die Vorsitzende hat ihn vor zwei Tagen gefeuert. Kann sie das? Böhme ist
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DIE ZEIT − Wie man sich in Deutschland im Verein gesellt
durcheinander. Die Stimmung im Verein ist sehr schlecht, sagt er, während er seinen Wagen durch den
Kreis Ravensburg in Schwaben steuert. Dennoch wolle er seiner Vereinsarbeit weiter nachgehen. Sinn und
Zweck des Vereins sei schließlich, Opfer von Unfällen zu beraten, wenn Haftpflichtversicherer nicht für
Schäden am Lebendigen aufkommen wollen.
Böhme hält in seinem Referat inne, als er sein Auto auf den Besucherparkplatz eines Wohnquartiers in
Baienfurt steuert. Vorsichtig steigt er aus, eine Cervicalstütze hält seinen Kopf gerade. Ein Schleudertrauma.
Dann späht er im Schein der Straßenlampe nach der Hausnummer von Frau L. Seit einem Jahr berät Böhme,
als Leiter der Selbsthilfegruppe Bad Saulgau, Frau L. Sie hatte, genauso wie er, Schwierigkeiten mit ihrem
Anwalt. Mittlerweile haben beide einen anderen, denselben.
Psychoterror auf der Vereins−Homepage
Der Unfallopfer−Netz e. V. steht beispielhaft für einen weiteren Aspekt der Vereinsarbeit, jenseits von
Folklore, Geselligkeit oder Sozialprestige: In vielen Vereinen geht es um Selbsthilfe. Das hat tiefe historische
Wurzeln. Das Mittelalter war noch nicht um, da entstanden Schützengesellschaften, zum Schutz der Städte.
Und mit ihren Schützenfesten erfanden sie ein bürgerliches Gegenstück zu den Turnieren der Adligen, sagt
Bausinger. Doch die Armee machte zivile Waffenträger praktisch überflüssig. Als Traditionsvereine aber
haben sich viele Schützengesellschaften am Leben gehalten. Das Muster, analog den strammen Stadtschützern
Defizite mit organisierter Selbsthilfe zu beseitigen, hat sich bewährt. Wo Politik, Gesetzgeber und Wirtschaft
beim Organisieren des Zusammenlebens nicht hinkommen, springen Vereine oder vereinsähnliche
Organisationen in die Bresche. Der Weiße Ring e. V. hilft Opfern der Kriminalität. 2002 wurde der Verein zur
Unterstützung der Überschwemmungsopfer der Hochwasserkatastrophe 2002 ins Vereinsregister eingetragen.
Der Helfer Jochen Böhme war vor drei Jahren frühmorgens von einem Betrunkenen gerammt worden. Um zu
seinem Recht zu kommen, schloss sich Böhme dem Opferhilfe−Verein an und gründete 2003 die
Selbsthilfegruppe Bad Saulgau. Diese findet man auf der offiziellen Vereinsseite im Internet nicht mehr (die
zornige 1. Vorsitzende hat Böhme und Bad Saulgau gelöscht). Schaut man dort ins öffentliche Forum, wird
man Zeuge eines unschönen vereinsinternen Hickhacks. Von schlimmen Vorwürfe ist da zu lesen. Hat sich
die 1. Vorsitzende privat aus der Vereinskasse bedient? Sind 500 Euro für den Transport eines Computers ein
angemessener Spesenbetrag? Ist die Vorsitzende psychisch in der Lage, den Verein zu führen? Von Krieg,
Schmutz, Psychoterror, Hetzkampagne, Diktatur ist die Rede. Wer den hässlichen Streit verfolgen will, muss
sich beeilen. Alle paar Stunden löscht die Vorsitzende missliebige Wortmeldungen. Böhme sinnt darüber
nach, einen neuen Verein zu gründen: Adrasteia e. V., benannt nach der griechischen Göttin der
Gerechtigkeit. Aber da steht er schon vor der Tür von Frau L. Die braucht jetzt seinen Rat. Die Hilfe geht vor.
Er klingelt. Frau L. hat ihn erwartet. Sie kämpft seit zehneinhalb Jahren gegen die Allianz−Versicherung.
Zeiten, Krisen, Moden und Politik bringen stets neue Vereinstypen hervor. Die ersten entstanden im 18.
Jahrhundert. Das revolutionär Neuartige an den Vereinsgründungen war, dass diese über alle
gesellschaftlichen Schranken, sei es des Standes oder der beruflichen sowie auch konfessionellen Bindungen,
hinweg erfolgten und insofern gesellschaftlichen Wandel erst ermöglichten, schreibt die
Politikwissenschaftlerin Annette Zimmer von der Universität Münster in ihrem Buch Vereine Basiselemente
der Demokratie.
Würstchen gegen Riesen
In der Frühgeschichte des Vereinswesens ist das 19.Jahrhundert von entscheidender Bedeutung. Da setzte die
bis heute maßgebliche Welle der Vereinsgründungen ein, sagt der Volkskundler Bausinger.
Gesangsvereine machten vielerorts den Anfang, dann folgten Turnvereine, und beide waren wichtige Träger
der liberalen Bewegung. In ihnen formierte sich Widerstand gegen die undemokratische
Herrscherwillkür. Die karitativen Vereine kamen mit der Industrialisierung. Die Arbeiterbewegung gründete
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DIE ZEIT − Wie man sich in Deutschland im Verein gesellt
Konsum− und Bildungsvereine, Kunstinteressierte etablierten Kulturvereine, und Verschönerungsvereine
kämpften für den Bau von Parkanlagen und Aussichtstürmen. Gemeinsam mit anderen erreichte der Einzelne
mehr.
Das Unfallopfer−Netz ist ein Kind des Internet. In den Foren tauschte man Erfahrungen aus, dann gründete
man den Verein. Noch immer ist das Internet die Basis. Dort sind, mit Hilfe eines Passworts, 15000 Seiten
Informationen einsehbar. Wer sich durchloggt bis zu den Schwarzen Listen, erfährt, welcher Arzt gepfuscht,
welcher Gutachter versagt und welcher Anwalt Opfer im Stich gelassen hat. Diese Aufzeichnungen helfen,
dass andere schneller ans Ziel kommen, sagt Böhme. Die Gegner seien fast immer die Haftpflichtversicherer
des Unfallverursachers. Da kämpft stets ein kleines Würstchen gegen einen Riesen.
Währenddessen erhitzen sich im Hopfenstübchen die Köpfe. Der Kellner schleppt Essen heran.
Corvetten−Präsident Norbert siehts und wettert: Wir hatten letztes Mal besprochen, dass während des
offiziellen Teils nichts gegessen wird. Sonst kriegt wieder einer das Entscheidende nicht mit. Er erkennt,
dass es zu spät ist. Die Teller dampfen auf den Tischen. Norbert ist ohnehin unzufrieden mit seinem Volk.
Seit Oktober bitte er im Internet (www.corvette−club−nrw.de) um Vorschläge zur Saisoneröffnungsfahrt.
Seit Oktober habe ich nichts gehört! Besser sieht es im Hinblick auf eine zweite Ausfahrt aus. Die
anvisierte Kneipe, verkündet Norbert, hat Parkplätze ohne Ende. Im Sommer, sagt Kai, würden sie mit
ihren Corvetten nur in Kneipen Halt machen, auf deren Parkplätzen die Autos auch gesehen werden. Jeder
will auffallen, weiß Kai: Sonst können wir ja gleich wie die Chinesen rumlaufen, im blauen Anzug.
Auf dem Thüringer Possen ist es nach Abschluss der Wettfahrt höchste Zeit, die Wintertauglichkeit der
anwesenden Fahrzeuge zu prüfen. Welcher Trabi ist am besten gerüstet für Schnee und Eis? Auch in dieser
Disziplin vergibt der Verein jährlich einen lächelnden Schneemann. Schließlich heißt Trabant treuer
Wegbegleiter, Gefährte, erklärt Daniel, der Vorsitzende des Trabantclubs Sondershausen. Das soll der Trabi
auch im Winter sein. Und werde er ewig bleiben. Daniel ist 30 Jahre alt und im Trabi groß geworden.
Genau wie die anderen im Club. Da alles aus dem Osten nach der Wende kaputtgeredet worden ist, sind
die 87500 auf Deutschlands Straßen verbliebenen Trabis zu Symbolträgern geworden. In den Fanclubs
gedeiht der Stolz. Wir zeigen: Was aus dem Osten kommt, hat Bestand. Warum soll man wegwerfen, was
einen so lange begleitet hat und läuft und läuft und läuft?, sagt Daniel. Oliver aus Oelsnitz ergänzt: Mit
Politik hat das nichts zu tun. Genauso wenig macht Mike für seine Leidenschaft ideologische Gründe
geltend. Er fährt Trabi aus Spaß an der Freude.
Nun zündet Daniel die Taschenlampe an und stapft dem Lichtkegel hinterher durch den Schnee, von Karre zu
Karre. Winterreifen? Winterreifen sind dran. Türschlossenteiser? Auch da. Dann will er von Yvonne
aus Mühlhausen wissen: Wo ist der Eiskratzer? Da nehme ich die Musikkassette. Der Juror notiert.
Sand und Schneeketten fehlen. Mehr Wintertauglichkeitspunkte scheint Jana aus Delitzsch zu holen:
Gulaschsuppe und Kocher im Kofferraum. Autokarte der DDR. Allerdings fehlen Besen und Schaufel.
Pluspunkte gibt es für den Wodka. Sonderzubehör, sagt Daniel und macht weiter Notizen. Oliver aus
Oelsnitz winkt mit Handschuhen (Ohne gehts nicht!), langen Unterhosen und Freifahrriemchen (eine
evolutionäre Vorstufe der Schneeketten). Leider findet die Lampe mit Wackelkontakt gerade in diesem
wichtigen Moment gar keinen Kontakt. Wird also Gerry das Rennen machen? Gerne erklärt der Delitzscher
dem Laien das Wirkungsprinzip seines geheimnisvollen Salzsäckleins: Einfach über die Scheiben reiben,
dann beschlägts nicht!
Im Grunewald haben sich die Damen vom DDAC in ihre Tisch−Rallye vertieft. Start in Güterfelde. Gudrun
Sikatzis, im Vereinsamt Sportwartin, berechnet einen 34−Grad−Winkel, zieht eine Gerade. Gemeint ist wohl
die Kreuzung hier oben, murmelt sie und kontrolliert mit der Lupe. Dann zeichnet sie eine Straßenstruktur
von der Vorlage auf eine Klarsichtfolie und sucht die entsprechende Straße mit Abzweigung auf der
Landkarte. Da landen wir ja in der Walachei!, sagt sie.
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DIE ZEIT − Wie man sich in Deutschland im Verein gesellt
In Baienfurt redet sich Frau L. in Rage: Kriminell! Sie meint damit abwechslungsweise Anwälte,
Gutachter, Ärzte. Das Unfallopfer weiß zu kämpfen. 20000 Euro hat sie für einen Anwalt aus dem Fenster
geschmissen. Der hat, außer teure Stunden aufzuschreiben, nichts unternommen. Du wirst beschissen von
hinten bis vorn. Bei ihrem Unfall gingen kaputt: Fersenbein, Nasenbein, Brustkorb. Beim Aufzählen der
beschädigten Lendenwirbel beschleunigt sie mit Abkürzungen: L3, L4, L5. Der Bruch von S1 (erster
Steißbeinwirbel) bewirkte eine halbseitige Lähmung. Schließlich kommt die Rede auf Lumbalischialgie und
eine Kausalität im Zusammenhang mit Delta−v. In der Not wird der organisierte Laie zum Experten. Wir
sind Fortgeschrittene, sagt Frau L. In zehneinhalb Jahren hat sie einen 50−prozentigen Behinderungsgrad
erstritten, genießt Steuervorteile, profitiert von vergünstigten Eintrittskarten. Trotzdem rät ihr Böhme, weiter
voll durchzuziehen. Er selbst ist mit seiner traumatischen Schädigung eines Auges und einer Instabilität der
Halswirbelsäule noch in der vorgerichtlichen Phase und noch immer bei 20 Prozent. Da liegt noch was
drin. Er beugt sich mit Frau L. über bunte Bilder, die er hat anfertigen lassen: sechs Scanneraufnahmen von
einem gesunden Hirn. Dann legt er Aufnahmen hin, auf denen schwarze Flecken zu sehen sind: Meins.
Schließlich zieht er einen Bogen mit Hirnbildern hervor, auf denen noch mehr Störzonen sind: Alzheimer.
Das Denkorgan des 46−jährigen Böhme, so ist aus der Bilderreihe zu schließen, liegt in der Mitte zwischen
gesund und Alzheimer. So was versteht sogar ein Richter, sagt er voller Zuversicht.
Training wider das Männerklischee
Um halb neun schaut Sportwartin Gudrun Sikatzis von ihrer orangen Zickzacklinie auf, die sie in den
vergangenen Stunden auf die kopierte Karte gemalt hat. Ist es das Schloss in Stern? Stimmt, dort ist das
Ziel. Die Trockenrallye ist zu Ende. Die Frauen haben, wie sie ihr Vereinswirken stets zu nennen pflegen,
gearbeitet. Damit sind sie bestens trainiert, wenn im Frühling die Saison im Freien beginnt. Claudia
Kraußer schildert die harten Bedingungen bei den verschiedenen Outdoor−Wettkämpfen: Die Parkelektronik
wird abgeschaltet. Handybenutzung ist verboten. Beim Navigationssystem wird die CD rausgenommen.
Aber die Wildnis hat ihre Tücken. Auf einer Rallye, die durch ein neues Bundesland führte, blieb Gesina
Müller−Steineck, die Berliner Vorsitzende, mit ihrem Mercedes im Morast stecken. Ein Bauer zog mich mit
dem Wartburg raus. Seither trage ich weder Lackschuhe noch Röcklein. Müller−Steineck schwört auf gutes
Schuhwerk.
Im Corvette−Club überlassen die Frauen den Männern das schwere Gerät. Isabelle, die Freundin von Kai,
sagt: Ich hab nicht mal die Kupplung drücken können. Und: Ich habe Angst, das Auto gegen die Wand zu
setzen. Dann hätte Kai keine Freundin und kein Auto mehr. Und doch ist sie ihm eine Hilfe. Jedes Jahr führt
der Urlaub das Paar dorthin, wo es Ersatzteile gibt: in die USA. Das letzte Mal schleppten sie eine 80 Pfund
schwere Hinterachse mit nach Hause. Teilen Frauen das Hobby, gibts weniger Reibereien, sagt Präsident
Norbert, der froh ist, dass in seinem Club ein Drittel Frauen sind (auch wenn keine von ihnen Corvetten
lenkt). Über Frauen freut sich stets auch das Vereinsmitglied Ulrich: Ich fahre meine Rallyes immer mit
Beifahrerinnen. Frauen sind geduldig, wollen nicht selber fahren und können gut Karten lesen.
Wir beherrschen auch das Einparken und sind schnell unterwegs, sagt Claudia Kraußer. Ihr Blick lässt
keinen Zweifel zu, dass die motorisierten Frauen vom DDAC dem Männerklischee von der unbedarften
Lenkerin in keiner Weise entsprechen. Dafür wird trainiert. Auf dem Programm der Deutschen Damen Rallye
im Mai steht immer das Gymkhana. Im anspruchsvollen Parcours werden nicht nur Millimeterarbeit beim
Parken und Kurvenbeherrschung im Hütchenslalom verlangt, sondern es wird auch ermittelt, wer seine Räder
fehlerfrei durch eine schmale Spurengasse lenken kann.
Unter den Trabi−Fans herrscht mittlerweile Hochstimmung. Eine starke Truppe seid ihr!, ruft Daniel in den
Saal und schreitet zur Preisverleihung. Den Pokal in der Kategorie Weiteste Anreise im Trabi holt sich
Oliver. 212 Kilometer hat er von Oelsnitz in Sachsen nach Sondershausen pannenfrei zurückgelegt. In der
Kategorie Bestes Winterfahrzeug hat der Wodka im Kofferraum nicht ausgereicht. Jana wird Zweite. Ihr
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DIE ZEIT − Wie man sich in Deutschland im Verein gesellt
Vater Gerry (mit dem Salzsäcklein zur Scheibenpflege) war nicht zu schlagen. Um 21.50 Uhr verkündet
Daniel den Sieger in der Königsdisziplin Geschicklichkeitsfahren. Eine Sensation habe sich ereignet:
Gewonnen hat jemand, der nie zuvor in einem Trabi gesessen hat! Alle schauen her: Der Journalist? Kann
gar nicht sein. Daniel brüllt: Gewonnen hat ein Schweizer! Gejohle. Der Große Preis für
Zweitakt−Ostkultur geht an ein Bergvolk. Ich schließe den Schneemann in meine Arme, mein Herz. Dann
stellen sich alle Sieger zum Foto auf. Blitzlicht, fast ein Gewitter. Und aus den Boxen röhrt es: We are the
Champions.
In Baienfurt erzählt Unfallopfer Böhme: Ich war früher Turniertänzer. Aber Tango mit Schleudertrauma?
Tango, wo du den Kopf hin− und herschleuderst? Nach seinem Unfall habe er manchmal vergessen, die
Kinder von der Schule abzuholen. Zwiebeln sind mir in der Pfanne verkohlt. Ich bin vergesslicher als meine
83−jährige Mutter. Bei Treffen im Verein, sagt er, hilft manchmal auch nur das Reden. Frau L. erzählt,
dass sie, seit sie im Verein sei, spüre: Ich bin nicht allein. Dann sagt sie zum Schluss noch einen Satz, über
den Böhme lachen muss: Wer sich nicht wehrt, wird überfahren, und wir sind schon überfahren worden.
Nadelbäume sind Vereinsfeinde
Die Corvette ist einfach brutaler, maskuliner. Da musst du arbeiten beim Fahren, sagt Norbert. Ulrich teilt
die Begeisterung: Eine Fahrmaschine, brachiale Gewalt! Später wird erneut das Parkplatzproblem
debattiert. Was gibt es da bei Vereinsausflügen nicht alles zu berücksichtigen! Asphalt, nicht Asche, Dreck
oder Rasen, sagt Präsident Norbert. Und: Keine Bäume. Blühende Linden, harzende Nadelbäume gehören
zu den schlimmsten Feinden des Kunststoffauto−Fahrers. Mit Wasser geht das nicht ab. Musst du polieren.
Die brutalen Corvetten sind empfindliche Geschöpfe. Fallen Regentropfen, fährt Kai seine Corvette sofort an
den Straßenrand und ruft den Abschleppdienst an. Die Unterseite seines Fahrzeugs könnte nass und schmutzig
werden. Der fährt nicht mehr ruhig, der fährt mit Wolkensuchgerät, sagt Norbert über seinen Kameraden.
Dann ist der Vereinsabend im Hopfenstübchen zu Ende. Draußen auf der Straße verschwindet eine C5
krachend in der Nacht. Präsident Norbert hat ihr ein wenig nachgelauscht: Schöner Ton. Dann schließt er
die Türen seines eigenen Autos auf. Er fährt im Winter ein praktisches Fahrzeug, mit einem robusten
Stahlrohrkäfig hinter den Sitzen. Für meinen Rottweiler, sagt er beim Einsteigen. Dann drückt er einen
Knopf, klack. Die Türen sind zentralverriegelt. Norbert fährt nach Bochum.
Auch bei den Damen ist Feierabend. Die 39jährige Claudia Kraußer äußert zum Abschied einen kräftigen
Satz: Seit ich in diesem Verein bin, habe ich keine Angst mehr vor dem Altwerden.
Mitternacht auf dem Possen. Neuschnee hat die Winterfahrzeuge wie in Watte gepackt. Drinnen aber wird
noch der Sieg gefeiert. Mit Kräuterschnaps. Mit Bier. Mit Nord−Gold−Eierlikör. Von den Klopfer−Schnäpsen
gibt es ein ganzes Sortiment, zum Beispiel Sahnelikör mit Whisky. Dann wird Rockmusik aufgelegt. Zu
Status Quo kommen Luftgitarren zum Einsatz. Polonaise muss sein. Die Uhr geht gegen vier, als der DJ zu
Dschingis Khan greift. Ein wild gewordener Haufen stürmt in die Mitte des Saals. Arme legen sich um
Schultern, im Kreis wirft jeder die Beine hoch, links, rechts, und alle singen: Moskau, Moskau! Wirf die
Gläser an die Wand, Russland ist ein schönes Land, Ho ho ho ho ho, hey Moskau, Moskau!
Um fünf machen sich die Letzten auf. Sie stapfen durch den Neuschnee zu den Baracken und kämpfen sich in
die Schlafsäcke. Im Lauf der verbliebenen Nacht wird der Vereinsabend zu Erinnerung. Morgen ist bald.
Dann wird im ganzen Körper der Kater die Krallen ausfahren und der Schneemann noch immer lachen.
Nächste Woche im Leben
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