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Ach wie gut, dass man heut weiß …

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Prof. Dr. Anthony D. Ho
Expertenthema
Ärztlicher Direktor der Abteilung Hämatologie,
Uniklinik Heidelberg.
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Morbus Waldenström
Ach wie gut,
dass man heut’ weiß …
»Sie haben Krebs, aber eine Behandlung ist noch nicht notwendig und sinnvoll.«
Diesen scheinbar merkwürdigen Satz hören viele der von Morbus Waldenström
Betroffenen. Heißt Krebs denn nicht automatisch Operation, Chemo- und
Strahlentherapie? Signal sprach mit Professor Dr. med. Anthony D. Ho, Ärztlicher
Direktor der Medizinischen Klinik V der Uniklinik Heidelberg.
Morbus Waldenström ist eine maligne Lymphomerkrankung. An welcher Stelle des Immunsystems
entsteht der Krebs?
Weitere Infos:
Deutsche Leukämieund Lymphomhilfe
Thomas-Mann-Str. 40
53111 Bonn
Tel.: 0228/33 88 92 00
www.leukaemie-hilfe.de
Kontakt:
Beim Morbus Waldenström vermehren sich sogenannte B-Lymphozyten ungezügelt. B-Lymphozyten sind Teil des zellulären Abwehrsystems unseres Körpers und bilden Antikörper
gegen bakterielle und virale Krankheitserreger.
Die B-Lymphozyten beim Morbus Waldenström
produzieren eine ansteigende Zahl von IgMAntikörpern.
Prof. Dr. Anthony D. Ho
Ärztlicher Direktor der
Medizinischen Klinik V der
Uniklinik Heidelberg,
Abt. Hämatologie
und Onkologie.
Das klingt doch eigentlich positiv, wenn jemand
mehr Abwehrzellen im Blut hat. Warum ist es
nicht gut, wenn sich Immunzellen ungehemmt
vermehren? Und warum sinkt dadurch die körperliche Abwehr, statt dass sie steigt?
Seine speziellen
Forschungsgebiete sind die
Stammzelltransplantation
und die Behandlung
von Leukämien
und Lymphomen.
Tel.: 06221/56 8000-80 01
Fax: 06221/56 58 13
E-Mail: sekretariat.ho@
med.uni-heidelberg.de
Signal 1/08
Die veränderten B-Lymphozyten bei Morbus
Waldenström produzieren IgM, die nicht funktionstüchtig sind. Es wird dadurch eine Menge Lebensenergie in die Produktion von »Taugenichtsen« verschwendet. Lebensenergie, die
dann für andere Teile des Abwehrsystems nicht
zur Verfügung steht. Im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung spielt zudem noch ein
Platzproblem eine Rolle. Die überhand neh-
menden veränderten B-Lymphozyten verdrängen andere Immun- und Blutzellen aus ihren
Produktionsbereichen wie Knochenmark, Milz
und Lymphknoten.
Welche Symptome sind typisch für Morbus Waldenström und wie wird er meistens erkannt?
1944 beschrieb der schwedische Internist
Waldenström erstmals die Symptome der Erkrankung mit Nasen-, Zahnfleisch- und Netzhautblutungen. Ursache für die Blutungen war
eine Erhöhung des IgM. IgM ist ein sehr großes
Eiweißmolekül. Tritt es vermehrt auf, verändert
es die Viskosität des Blutes, das Blut wird dicker
und die Mikrozirkulation wird beeinträchtigt.
Dies hat wiederum Folgen für die Blutgerinnung, da die Eiweißklumpen das Anheften und
miteinander Verkleben der Blutblättchen bei
Verletzungen verhindern. Allerdings treten diese Symptome erst bei einer fortgeschrittenen
Erkrankung auf. Die meisten Betroffenen werden im Rahmen von Routineuntersuchungen
eher zufällig mit der Diagnose konfrontiert.
Selten einmal ist auch die Abklärung einer
Lymphknotenvergrößerung oder, wenn sich IgM
an Nervenscheiden anlagert, einer peripheren
Neuropathie mit Ameisenlaufen und Brennen
der Gliedmaßen Auslöser für die Diagnosestellung.
Welche Untersuchungen sind zur weiteren Diagnosesicherung und Therapieplanung notwendig?
Nach Entdecken des erhöhten IgM muss
die Diagnose durch eine Knochenmarkuntersuchung oder bei vergrößerten Lymphknoten eine Lymphknotenbiopsie gesichert werden.
Die Therapie besteht zunächst oft nur aus
Abwarten. Wäre es nicht besser, gleich zu
versuchen, die Krebszellen zu »vernichten«, als abzuwarten, bis es nicht mehr
anders geht? Denn maligne bedeutet ja,
die Erkrankung schreitet fort und führt
unbehandelt irgendwann zum Tod?
Man muss das ein bisschen differenziert
betrachten. Nicht alles, was als maligne
klassifiziert wird, ist auch sofort und allumfassend böse. Der Morbus Waldenström ist in den meisten Fällen zum
Glück ein eher kleines Teufelchen, mit
dem man sehr lange leben kann. Oft
wird er auch erst bei Patienten jenseits
der 60 diagnostiziert. Gelernt haben wir
in den letzten mehr als 40 Jahren, dass
der Schaden bei den Behandlungsmaßnahmen chronischer lymphatischer Erkrankungen, zu denen der Morbus
Waldenström gehört, durch eine vorschnelle aggressive Therapie oft größer
ist als der Nutzen. Die veränderten Zellen teilen sich hierbei sehr langsam.
Chemotherapien aber greifen vor allem
schnell teilende Zellen an. So trifft man
mit einer zu frühen Chemotherapie
eher die Zellen der Magenschleimhaut
und normale Abwehrzellen als die
krankhaft veränderten B-Lymphozyten.
Darüber hinaus hat man beobachtet,
dass sich der Körper gerade bei den
langsam wachsenden Lymphomen
selbst mit der Erkrankung auseinandersetzt und das Wachstum der bösartigen
B-Zellen in Schach hält.
Gibt es eine Heilungschance? Und wann
spricht man von Heilung?
Eine wirkliche Heilung gibt es derzeit
noch nicht. Wenn eine Chemotherapie
notwendig ist, kombiniert man heute
mit Rituximab, einem biotechnologisch
hergestellten Antikörper, der sich gezielt gegen B-Lymphomzellen richtet.
Hiermit erzielt man inzwischen große
Erfolge. In Heidelberg prüfen wir darüber hinaus die Gabe von Rituximab
als Erhaltungstherapie über 2–3 Jahre.
Und dies scheint einen Erfolg zu bringen, der tatsächlich so etwas wie eine
Heilung, zumindest aber eine langfristige Remission bewirken kann.
Was können Betroffene außerhalb der
Schulmedizin noch tun, um mit einer
solchen Diagnose möglichst gut zu leben
und eventuell sogar eine Heilung zu
unterstützen?
Alles, was die Lebenskräfte stärkt, kann
nützlich sein. Bewiesen ist der Nutzen
vor allem für körperliche Aktivität, aber
auch Wirkstoffe in bestimmten Nahrungsmitteln, wie grünem Tee oder Rotwein befinden sich in klinischen Studien.
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Wo können Betroffene Rat und Hilfe
finden? Gibt es spezielle Zentren, die sich
mit dieser seltenen Erkrankung befassen
und Studien, die von Betroffenen eingesehen und in Anspruch genommen
werden können?
Wir hier in Heidelberg haben den
Morbus Waldenström gezielt in unsere
Forschung einbezogen und von daher
einige Erfahrung. Häufig werden wir
von Betroffenen auch zu Zweitmeinungen befragt. Die meisten Unikliniken befassen sich intensiv mit Lymphomerkrankungen. Morbus Waldenström ist allerdings eine sehr seltene
Art, weswegen die Erfahrungen speziell
mit dieser Erkrankung sehr unterschiedlich sind.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Text und Interview:
Dr. med. Sabine Tettenborn
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Kategorie
Gesundheitswesen
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