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Thema.
| Samstag, 8. November 2014 | Seite 3
Zehn, zwölf Millionen Einwohner? Wann ist die Schweiz besiedelt?
Leben in der Konservenbüchse
Von Markus Somm
Beim Joggen neulich im
Wald – das Wetter war prächtig – kamen mir unablässig
Leute entgegen. Spaziergänger mit Hund, Kinder, Familien mit Kinderwagen oder
ohne, Singles, Velofahrer,
andere Läufer, auch ein Auto,
das vorsichtig vordrang, ein
Liebespaar, schliesslich ein Pferd mit Reiterin: Es
kam mir vor, als rannte ich im Central Park in New
York an einem schönen Sonntagmorgen. Fühlte
ich mich urban? War ich in der Zukunft angekommen?
Manche Schweizer, besonders oft, wenn sie
noch nie im Ausland gelebt haben, singen derzeit
Hymnen auf die Verdichtung. Wer die Aussicht
einer Schweiz mit zwölf Millionen Einwohnern
nicht von vornherein feiert, muss sich fragen lassen: Sind Sie verwöhnt? Warum beanspruchen
Sie so viel Raum? Geht es nicht in einer kleineren
Wohnung? Wozu ein Garten?
Anschwellendes Gestöhne
In einem Interview mit dem Zürcher TagesAnzeiger hat sich der Basler Stadtentwickler
Thomas Kessler vor Kurzem Gedanken zu Fragen
der Zuwanderung und zum Eindruck der zunehmenden Dichte gemacht, den manchen Einheimischen beschäftigt. Kessler kann das nicht
verstehen.
«Das Problem der Schweiz ist nicht die Anzahl
ihrer Einwohner. Auch nicht die Zunahme der
Wohnbevölkerung. Im Vergleich zur Generation
unserer Urgrosseltern sind das alles sehr moderate Entwicklungen. Das allgemeine Gestöhne
über die Zuwanderung, die Hektik und die
raschen Veränderungen unserer Zeit sind die
Wohlstandsprobleme von Verwöhnten.»
Nun habe ich durchaus Sympathie für Aussagen, wonach wir uns in einem Zeitalter der Dekadenz befinden, doch frage ich mich: Wer ist hier
verwöhnt? Soviel ich weiss, lebt Kessler selber
nicht in einem verdichteten Wolkenkratzer, sondern in einem hübschen Reihenhaus im Basler
Gellert-Quartier. Ist auch er ein Opfer der bürgerlichen Ideologie, die er im gleichen Interview
diagnostiziert? Auf die Frage des Journalisten,
(der in einem kleinen Dorf im ländlichen Baselbiet aufgewachsen ist), ob die Schweizer den
Traum nach einem Haus im Grünen aufgegeben
haben, entgegnet Kessler:
«Nein, der Nachkriegstraum vom Häuschen,
vom Auto und der Kleinfamilie ist in der Schweiz
noch lange nicht ausgeträumt. Diese Sehnsucht,
deren innerer Kern die Idealisierung des Bauernlebens ist, wurde über Generationen kultiviert
und in der Gesetzgebung festgeschrieben. Das
System stilisiert das Eigenheim im Grünen und
die Kleinfamilie zum Ideal.»
Allein in Tusculum
An dieser Aussage sind viele Dinge bemerkenswert. Glaubt Kessler tatsächlich, das «System»,
was immer das heissen mag, sei imstande, den
Menschen den «Traum» von einem Leben im Grünen einzureden? Cicero, einer der verschlagensten Politiker Roms, der Metropole des damaligen
Erdkreises, wünschte sich nichts sehnlicher als ein
Leben auf dem Land – selbst dann noch, als er
nicht mehr freiwillig in seiner Villa im ländlichen
Tusculum versauerte, weil seine Karriere in Rom
ins Stocken geraten war.
Wer die Lustschlösser des Adels im Ancien
Régime oder die Landsitze wohlhabender Tycoons
in Amerika bewundert, dem kann nicht entgehen,
wie alt und universal dieser angebliche Traum ist,
zu dem uns laut Kessler ein «System» und die bürgerlichen Parteien mit allerlei Vergünstigungen
verführt haben sollen. Wer reich war, leistete sich
Mini-Metropolen. nie in unserer geschichte konnte sich ein Ort mit den europäischen Metropolen messen (im Bild: grossbasler Rheinufer).
ein Haus in der Stadt und eine Villa auf dem
Land – das ist heute so, das war immer so.
Warum Menschen dies tun, ist eine interessante Frage. Vielleicht ist es trivial: Man schätzt
die Ruhe, die Natur und allenfalls eine weite Aussicht. Ist es so schwer zu erklären, warum ein
Haus am See schon immer als begehrenswert
galt – und warum die Reichen auf der ganzen
Welt zu allen Zeiten an die höheren Wohnlagen
strebten? Oben und unten ist uralt, soziale Hierarchien stellen sich für alle sichtbar auch in der
Topografie des Wohnens dar, seit Urzeiten. Es ist
die Sehnsucht nach der Pyramide. Hätte sich ein
Pharao je in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im
Stadtzentrum begraben lassen?
Was sich seit dem Zweiten Weltkrieg aber
geändert hat, ist nicht der Umstand, dass der
Traum vom Eigenheim sich plötzlich auch in den
Köpfen der Kleinbürger und Arbeiter festgesetzt
hätte, nein, zum ersten Mal in der Weltgeschichte
konnten sich jetzt auch einfache Leute ein Leben
auf dem Land leisten, ohne dass sie deshalb zu
Die Demokratisierung des
Besitzes erlaubt es auch dem
Büezer, ein eigenes Häuschen
zu erwerben.
Bauern werden mussten. Es war das Wirtschaftswunder – und die Demokratisierung des Besitzes
infolge des wachsenden Wohlstands, der es auch
dem Büezer erlaubte, ein eigenes Häuschen zu
erwerben, gerne auch mit einem Garten, den er
oder seine Frau mit der Hingabe eines königlichen
Gärtners im Park von Versailles pflegten.
Was ist daran auszusetzen, was ist daran
falsch – gerade aus einer linken Sicht, wie sie
Thomas Kessler, dem ehemaligen grünen Kantonsrat vertraut sein müsste?
Ermahnungen aus dem Grünen
Auch Simonetta Sommaruga, die Bundesrätin,
die im verschlafenen Freiamt im Aargau aufgewachsen ist, möchte die Schweiz neuerdings verdichten. «Unsere Städte dürfen durchaus noch
urbaner werden», sagte sie im Tages-Anzeiger:
«Der Begriff Verdichtung hat in der Schweiz einen
schlechten Ruf. Es herrscht noch immer die
falsche Vorstellung, Verdichtung heisse beengtes
Wohnen, wo man sich auf den Füssen herumsteht.
Zu Unrecht. Komfortables Wohnen mit Privatsphäre und hoher Lebensqualität gibt es nicht
bloss in Streusiedlungen und Häusern mit grossem Umschwung.» Sommaruga selber lebt aber in
einem Haus mit Umschwung am Hang des Gur-
tens, dem Ausflugsberg des verdichteten Bern.
Es hat etwas Hilfloses: Weil manche Linke, wie
etwa die Sozialdemokratin Sommaruga, spüren,
wie nervös die Menschen ob des grassierenden
Bevölkerungswachstums in diesem engen Land
geworden sind – weil sie das merken, suchen sie
verzweifelt nach Alternativen zur naheliegenden
Antwort darauf, die darin bestünde, die
Zuwanderung irgendwie zu regulieren – wie
es die Schweiz in ihrer Geschichte fast immer
getan hat.
Man hofft stattdessen unter anderem auf die
Verdichtung in unseren Agglomerationen – und
ignoriert, was doch jeder Schweizer weiss, der
sich hin und wieder im Ausland aufhält: Wir sind
ein kleines Land, das die kleinen Massstäbe
schätzt. Wir verzwergen gerne freiwillig. Wenn
wir können, dann verkleinern wir alles: unsere
Maschinen, unsere Uhren, gar unsere Wörter. Ein
Hüsli, ein Gärtli, ein Schätzli. Leben im Diminutiv.
Vielleicht kennen wir deshalb keine richtigen
Grossstädte. Nie in unserer Geschichte konnte
sich ein Ort mit den europäischen Metropolen
messen. Ende des 18. Jahrhunderts war Genf die
grösste Stadt in der heutigen Schweiz: Sie kam auf
30 000 Einwohner – während die zweite, Basel,
15 000 aufwies, wogegen Paris damals, kurz vor
der Revolution, bereits gegen eine halbe Million
Bürger zählte.
Dass sich Zürich, unsere derzeit bevölkerungsreichste Stadt, bis vor Kurzem Downtown Switzerland nannte, in der Hoffnung, irgendein Amerikaner hielte die kleine Stadt an der kleinen Limmat
für Manhattan: Es hat etwas Rührendes, es hat
etwas Peinliches. Man geniert sich, es auch nur
auszusprechen.
Falsches Bewusstsein
Wie verbreitet der Wunsch nach einem Eigenheim noch immer ist, offenbarte kürzlich das
Jugendbarometer der Credit Suisse: Mehr als
80 Prozent der jungen Befragten wünschen sich
ein eigenes Haus. 71 Prozent möchten eine Familie mit Kindern. So viele Opfer der bürgerlichen
Ideologie?
«Es handelt sich um eine angepasste, ja sogar
langweilige Jugend», kommentierte der linke
Soziologie-Professor Kurt Imhof die Ergebnisse
der Umfrage schlecht gelaunt – auch beim ihm
handelt es sich offenbar um einen jener Wissenschaftler, die es vorziehen, wenn sich die Wirklichkeit der Theorie anpasst und nicht
umgekehrt.
Wenn Thomas Kessler meint, seine Urgrosseltern hätten viel grössere Ausmasse der Zuwanderung gemeistert, während wir es bloss mit
«moderaten Entwicklungen» zu tun hätten, dann
irrt er sich. Ich weiss nicht, wo seine Urgrosseltern
gelebt haben, aber ich gehe davon aus, dass sie
etwa um 1870 geboren wurden und Kessler wohl
die Jahrzehnte von 1890 bis 1910 im Auge hat.
Tatsächlich zogen in jener Epoche sehr viele Ausländer in unser Land, was den Zeitgenossen umso
ungewöhnlicher erscheinen musste, als noch kurz
zuvor viel mehr Leute aus der Schweiz aus- als
eingewandert waren.
Der neue, folgenreiche Begriff
1888 ermittelte die eidgenössische Volkszählung eine Zahl von rund 240 000 Ausländern in
unserem Land, was im Vergleich zur Gesamtbevölkerung einer Quote von acht Prozent entsprach. Bis 1910 nahmen die Ausländer auf
550 000 zu und ihr Anteil war auf etwa 15 Prozent gestiegen. Unter den Einheimischen löste
dies bereits Unruhe aus – und es regte sich politischer Widerstand. Ohne sich dessen wohl
bewusst zu sein, prägte zu jener Zeit ein Sozialinspektor in Zürich einen neuen, folgenreichen
Begriff, indem er vor der «Überfremdung»
warnte. Wäre 1914 nicht der Erste Weltkrieg
ausgebrochen, wodurch die Zahl der Einwanderer rasch sank: Wir hätten vermutlich schon in
den Zwanzigerjahren über die ersten «Überfremdungs-Initiativen» abgestimmt. Heute leben
gegen zwei Millionen Ausländer in der Schweiz
und ihr Anteil beträgt rund 24 Prozent – das ist
sehr viel mehr, als Thomas Kesslers Urgrosseltern
je erfahren haben.
Wir brauchen Einwanderer – und wir verdanken ihnen einen bedeutenden Teil unseres Wohlstandes. Doch alles ist eine Frage des Masses. Die
Ecopop-Initiative, über die wir bald abstimmen,
ist ein untaugliches Mittel, die Einwanderung zu
steuern, weil sie viel zu unflexibel und planwirtschaftlich ist – ganz abgesehen davon, dass sie in
der Praxis nie die Ziele erreicht, die den Initianten vorschweben. Eine unveränderliche
Zuwachsrate der Immigration festzulegen ist
falsch. Diese Initiative ist mit Überzeugung
abzulehnen.
Wenn der Bundesrat aber glaubt, er könnte die
Schweizer dazu bewegen, in Wolkenkratzern und
verdichteten Städten zu wohnen – und wenn er
diesen paternalistischen Wunsch noch oft genug
wiederholt, dürfte er das Gegenteil dessen erreichen, was er anstrebt.
Unter dem Eindruck, man werde nicht ernst
genommen, werden die Schweizer dann jede Art
der Zuwanderung unterbinden wollen. Und aus
Trotz dürften sie jeder Initiative zustimmen, die
solches verspricht – sie mag noch so überrissen
oder weltfremd sein.
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