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Kapitel 1 Der Hinterhalt „Wie wäre es, wenn du mal etwas zum

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Kapitel 1
Der Hinterhalt
„Wie wäre es, wenn du mal etwas zum Unterricht beitragen und meine Frage beantworten würdest
Zane?“ schallte die schrille Stimme meiner Lehrerin aufgebracht durch den kleinen Klassenraum
und riss mich aus meinem erholsamen Halbschlaf. Mein Blick schwenkte gemächlich vom Fenster
zurück zu dieser kleinen, nervigen Frau, deren Halsschlagader mich zu erschlagen drohte. Mit
gekreuzten Armen und ihrer altmodischen Dauerwelle stand Frau Genen vorwurfsvoll vorm Pult
und funkelte mich wütend an. „Also?“ wiederholte sie und zog dabei ihre gezupften Augenbrauen
hoch, sodass sich ihre Stirn in eine exakte Nachbildung der Rocky Mountains verwandelte. Mal
wieder zweifelte ich daran, ob sie wirklich erst 28 war, wie sie es uns weiß machen wollte. „Wenn
sie aufhören ihr richtiges Alter zu vertuschen, dann gerne liebe Frau Genen.“ erwiderte ich träge
und ignorierte das Kichern und Lachen, das durch die Klasse schwappte. „Das bringt dir ein
weiteres Mal die Hausordnung ein! Damit wären wir beim 8. Mal.“ fauchte sie und ein siegreiches
Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. „Ach kommen Sie! Erst acht Mal? Ich wollte eigentlich
meinen Rekord vom letzten Jahr brechen, aber wenn sie nicht mitarbeiten wird das ein hartes Stück
Arbeit.“ meckerte ich mit einer gehörigen Portion Sarkasmus. Irgendwo von hinten zischte Lia, eine
gute Freundin von mir, zwischen zusammengepressten Zähnen ein „Übertreibs nicht!“ hervor,
während der Rest der Klasse in Gelächter ausbrach. Bevor die Lehrerin etwas erwidern konnte,
meinte ich noch unwirscht: „Es war übrigens ein 3/8 Takt.“ Frau Genens Schultern bebten und alles
was sie erwidern konnte war ein: „Wir sprechen uns noch!“ Dann kehrte sie mit vor Wut zitternder
Stimme zu ihrem monotonen Vortrag über ungerade und gerade Taktarten zurück. Ich schüttelte den
Kopf, wunderte mich über ihre Unfähigkeit eine elfte Klasse zu unterrichten und schaute dann
wieder aus dem Fenster. Die Wolken türmten sich vor dem Himmel auf und verschlangen gierig
jedes Anzeichen, das es überhaupt eine Sonne gab. Ein mulmiges Gefühl, als ob irgendetwas die
Schule beobachtete breitete sich in meinem Magen aus. Wahrscheinlich, ja sogar höchst
wahrscheinlich war ich der einzige, dem es so ging. Ich spürte es schon den ganzen Morgen, auch
wenn es jetzt besonders deutlich, trotzdem flüchtig war. Ich hasste solche Vorahnungen. Nicht nur,
dass sie furchtbar unangenehm waren und die Lehrer es dann meistens zu spüren bekamen, nein
normalerweise stellten sie sich am Ende auch noch als zumindest teilweise zutreffend heraus.
Dieses Mal sollte es keine Ausnahme sein.
Das ersehnte Schellen beendete die Stunde und entließ uns ins Wochenende. Ich seufzte erleichtert,
schwang mir meine Tasche auf den Rücken und wartete geduldig auf Lia. Sie warf mir einen ihrer
typischen das-wird-dich-noch-einmal-den-Kopf-und-Kragen-kosten-Blicke zu und folgte mir dann
aus dem Klassenzimmer. Zum Glück blieb einer ihrer belehrenden Vorträge aus, stattdessen
unterhielten wir uns über unwichtigen Kram bis sich unsere Wege vor der Schule trennten. „Tut mir
Leid, aber ich werde heute einen anderen Weg nehmen. Ich muss noch etwas für meine Eltern
besorgen und ein paar Nachforschungen betreiben.“ meinte ich zu ihr. Sie seufzte: „Schon wieder?
Können deine Eltern nicht mal ihre faulen Hintern selbst bewegen?“ „Anscheinend nicht. Tut mit
wirklich Leid.“ lachte ich und verabschiedete mich mit einem warmherzigen Winken. Ich ging in
die entgegengesetzte Richtung und verschwand nach wenigen Schritten unbemerkt in einer engen
Seitenstraße. Ich folgte ihrem Verlauf einige Meter und nahm dann eine Abzweigung in eine dunkle
Gasse. Missmutig legte ich den Kopf in den Nacken und spähte mit zusammengekniffenen Augen
eine Hauswand hinauf. Eigentlich wusste ich nicht, wofür dieses Gebäude gebaut wurde, ich
vermutete es war eine alte Fabrik, aber es war verlassen und zudem das höchste Haus im Umkreis
der Schule. Somit gab es keinen geeigneteren Ort, um die Umgebung ungestört in genaueren
Augenschein zu nehmen, auch wenn einem die dunklen, leeren Fenster einen gruseligen Schauer
über den Rücken jagen konnte. Mein Blick wanderte langsam wieder runter und dann zur Seite zu
einer schäbigen kleinen Feuerleiter, die sich bis zum Dach durchzog. Ein erschöpftes Seufzen
entglitt mir. „Es hilft ja doch nichts. Ist immerhin ein gutes Training.“ murmelte ich mir selbst
aufmunternd zu und schlenderte lustlos weiter die Gasse entlang, bis ich direkt unter der Leiter
stand. Mit einem einzigen beherzten Sprung erreichte ich die letzte Sprosse und zog mich mit einem
Ruck immer weiter hoch. Das rostige Metall schnitt mir in die rauen Hände und während ich
kletterte, kroch dessen Kälte langsam durch meinen Fingerspitzen in meinen ganzen Körper. Das
flaue Gefühl in meiner Magengegend wurde immer stärker, was definitiv nicht an der Höhe lag.
Egal wie sehr ich versuchte es zu ignorieren, irgendwie gelangte es immer wieder zurück in mein
Bewusstsein. Mittlerweile befand ich mich schon über den benachbarten Dächern und kletterte
unbeirrt weiter die Leiter entlang. Da mir nun der Schutz der anderen Häuser fehlte, kannte der
Wind kein Erbarmen. Eisig peitschte er mir ins Gesicht, fuhr mir unter die Kleidung und jagte mir
einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. „Verflucht, irgendetwas wird heute dafür bluten
müssen!“ fluchte ich düster, als ich durchgefroren das Dach erreichte.
Etwas härter als ich es eigentlich wollte, schmiss ich meine Schultasche direkt neben die Leiter und
ließ meinen Blick vorsichtig über das Dach schweifen. Alles war wie immer. Vor mir am anderen
Ende der rechteckigen Fläche sprossen 2 graue Schornsteine von mehreren Metern Durchmesser
aus dem Boden hervor und überdeckten alles mit ihren gigantischen Schatten. Von der Mitte aus
etwas nach rechts versetzt waren ein paar Treppen, die zu einem Durchgang führten. Zumindest
musste es früher so gewesen sein. Heutzutage kam man nicht weiter als 3 Schritte und stand dann
vor einer massiven Wand aus Trümmern der alten Decke. Ich hatte versucht sie zu beseitigen, um
eventuell einen bequemeren Weg hier hoch zu finden, aber nach 3 Tagen harter Knochenarbeit, 20
Beulen am Kopf durch herunterfallende Steine und kaum einen Fortschritt hatte ich es aufgegeben.
Nachdem ich mich versichert hatte, dass es keine bösen Überraschungen geben würde und mein
ungutes Gefühl völlig unbegründet war, schlenderte ich zum Rand des Daches, stieg auf die
Sicherheitsmauer und ließ meinen Blick über die Dächer der Stadt wandern. Mit einem genervten
Seufzen, schloss ich die Augen und erweckte die Kräfte, die tief in mir schliefen. Die vertraute
Energie durchströmte mich, füllte mich aus und vertrieb jegliche unangenehme Kälte. Mein ganzer
Körper kribbelte und für einen kleinen Moment fühlte ich mich so lebendig wie noch nie zuvor.
Langsam öffnete ich wieder meine Augen, doch der Anblick, der sich mir bot vertrieb jedes noch so
kleine Hochgefühl. Ungläubig wanderten meine Augenbrauen hoch und mit tonloser Stimme fragte
ich den Wind: „Ihr wollt mich doch wohl verarschen oder?“ Missmutig blickte ich in die andere
Richtung und stellte erleichtert fest, dass ich dort keine mehr entdecken konnte. Mein Blick
wanderte zurück und trotz meiner wärmenden Kraft fröstelte ich. Ich zählte mindestens 20 dieser
verdammten schwarzen Nebelwolken. Sie schwebten alle im unmittelbaren Umkreis der Schule,
manche waren in ständiger Bewegung, andere verharrten still auf einem Fleck. „Das wird ein
äußerst langer Tag.“ murmelte ich und versuchte mir die Positionen aller Wolken zu merken. Mit
einem Seufzen wandte ich mich ab, um meine Tasche zu holen. Und das gerade noch rechtzeitig. In
dem Moment, in dem ich mich umdrehte schoss plötzlich etwas von der Größe einer Bulldogge aus
dem verschütteten Durchgang auf mich zu. „Wie zum...?“ fluchte ich überrascht, doch das Wesen
gab mir keine Möglichkeit auszusprechen. Mit einem Brüllen riss es sein Maul auf und sprang mich
gefletschten Zähnen an. Ich rettete mich im letzten Augenblick mit einer geschickten Rolle zur
Seite. Seine messerscharfen Klauen erwischten mich trotzdem und ich spürte, wie es meine Seite
entlang der Rippe aufschlitzte. Warmes Blut tränkte meine Kleidung und ein atemraubender
Schmerz brachte mich aus dem Gleichgewicht. Meine Knie knickten ein, die klaren Züge der Welt
verschwommen vor meinen Augen. Nichtsdestotrotz wirbelte mit dem Kopf zu dem Untier herum
und entdeckte es mit gierigem Blick seine blutige Klaue leckend auf der Sicherheitsmauer stehen.
Instinktiv beschwor ich meine Magie herauf, streckte meine Hand aus und entlud einen
unspektakulären, aber wirksamen Schockwellenzauber. Er traf den überraschten Dämonen genau
auf dem Kopf und schleuderte ihn in einem hohen Bogen das Dach herunter. Schon im Flug begann
er sich zu dematerialisieren. Ich bezweifelte, dass von ihm noch was übrig sein würde, wenn er den
Boden erreichte.
Schnell legte ich meine Hand auf die Wunde und rief erneut die Mächte in mir an. Eine dicke,
dunkle Flüssigkeit bildete sich unter meiner Hand, die ich so schnell ich konnte über meine
Verletzung fließen ließ. Fast sofort trat eine erleichternde Milderung des Schmerzes ein. Ein
erleichtertes Seufzen entglitt mir. Doch nachdem der Schmerz meinen Verstand wieder freigegeben
hatte, verfluchte ich mich selbst für meine halsbrecherische Dummheit und mein Kopf wirbelte zu
dem Durchgang aus dem das Vieh gekommen war. Alle meine Nerven waren bis zum zerreißen
gespannt und ich erwartete jede Sekunde einen neuen Angriff. Ich kniff die Augen zusammen und
schärfte meinen Blick so gut ich konnte. Aber da war nichts. Nichts außer die Dunkelheit des
Ganges, die meine Augen ohne Probleme zu durchdringen vermochten. Doch das beruhigte mich
nicht im geringsten. Nein es bewirkte eher das komplette Gegenteil. „Ich hätte ihn nicht übersehen
können... Oder war er vielleicht...? Nein... Dann wäre er nicht so leicht gestorben“ grübelte ich
fluchend und ließ meinen Blick, erneut ohne Erfolg, über das Dach wandern. Verwirrt beendete ich
meinen provisorischen ersten Hilfe Zauber und ging in die Hocke, wobei ich vorsichtshalber, um
nicht das Gleichgewicht zu verlieren, mit den Fingerspitzen den Boden berührte. Ich sammelte und
konzentrierte meine Kraft bis ich sie nicht mehr in mir halten konnte. Ein dichter schwarzer Dampf
strömte aus mir heraus, der sich kreisförmig um mich ausbreitete. Mir wurde schwindelig, als ich
meine Kräfte so explosionsartig freisetzte und kippte beinahe zur Seite weg. Ich konnte mich gerade
noch halten, atmete einmal tief durch und setzte den Zauber fort. Erst umschmiegte der Dampf
meine Füße und kroch langsam meine Beine hoch, doch von einen auf den anderen Augenblick
schoss er wie eine gigantische Flutwelle am Boden entlang und färbte das gesamte Dach
pechrabenschwarz. Eine gigantische Fülle von Eindrücken und Informationen strömten auf mich
ein, als mein Zauber langsam in alles, was auf dem Dach war, in jedes Molekül, jedes Atom
vordrang und sie analysierte. Fast sofort erkannte ich die Fußspuren des Dämons, der mich
angegriffen hatte und verfolgte sie bis zu dem verschütteten Durchgang zurück. Und da fand ich
was ich suchte. An der Decke klebten der eindeutige Beweis, das es kein Zufall gewesen sein
konnte.
Wenn ein Zauber gewirkt wird, dann muss der Wirker diesem Zauber eine gewisse Menge seiner
magischen Energie zuweisen, um ihn wirken zu können. Sollte er ihm einen zu hohen Betrag
zugewiesen haben, wird trotzdem die gesamte Kraft für diesen Spruch verbraucht. Unter
Umständen kann es ihn verstärken, aber in den meisten Fällen wird nur eine festgelegte Menge an
Energie gebraucht. Aber da die überschüssige Kraft nicht einfach verschwinden kann, wird sie nach
Vervollständigung des Zaubers in Form von winzigen Ablagerungen, die charakteristische
Merkmale des Wirkers tragen, zwischen den einzelnen Atomen der beteiligten Stoffe oder in der
Luft abgelegt.
Und so war es auch hier. Zwar konnte ich die übrigen Partikel an einer Hand abzählen, aber sie
waren da und bewiesen, dass auf die Decke erst kürzlich ein Zauber gewirkt wurde. „Es musste sich
wohl um einen Teleportationsspruch gehandelt haben.“ folgerte ich und stand langsam auf. Ich
schaute mich noch einmal vorsichtig um, überprüfte erneut die Informationen, die mir mein eigener
Zauber lieferte und rief ihn dann beruhigt, dass ich vorerst in Sicherheit war, zurück. Als ob der
Dampf ein Eigenleben hatte setzte er sich auf meinen Befehl hin in Bewegung und floss zurück zu
mir. Er kletterte an mir hoch, mit tiefen Zügen atmete ich ihn ein und mit jedem Atemzug kehrte ein
großes Stück meiner Kraft zu mir zurück. Nach einem kurzen Zögern drehte ich dem Durchgang
den Rücken zu und hielt nochmal Ausschau nach den verräterischen Nebelwolken. Ich zählte durch
und stellte besorgt fest, dass eine verschwunden war. „Ich werde in nächster Zeit vorsichtiger sein
müssen...“ flüsterte ich mir selbst zu, wandte mich von dem tristen Anblick der Stadt ab, kletterte
ohne weiteres Murren die Leiter herunter und begab mich auf die Jagd.
Kapitel 2
Unter Freunden
Der Köder war gelegt, der Dämon war ahnungslos und ich hatte keine Lust mehr. Ungeduldig saß
ich auf einem kleinen Dach und wartete darauf, dass meine Beute endlich verstehen würde, dass sie
nur noch um die Ecke biegen müsste, um in meine Falle zu tappen. Wachsam folgten meine Auge
dem unförmigen Körper über die Straße und ich wartete nur noch auf den richtigen Augenblick.
„Put put put kleines Dämonchen, sei nicht so schüchtern.“ flüsterte ich leise. Meine Augen
verengten, mein Körper spannte sich, als es langsam immer näher kam und es nur noch 2 Schritte
von der tödlichen Falle entfernt war. Ich hatte eine beträchtliche Menge roher magischer Energie in
einem Pentagramm, das ich auf den Boden gezeichnet hatte, konzentriert und es anschließend mit
einem einfachen Zauber in einer Hülle aus Dunkelheit vor den Augen des Dämons verborgen.
Ich hatte das Warten auf dem unbequemen Dach satt und verfluchte das Mistvieh mit bösen
Blicken. Doch gerade da sprang es vor und stand nun mitten im Pentagramm. Mit einer gewissen
Genugtuung ließ ich die Falle zuschnappen. Die gelagerte Energie wurde von mir explosionsartig
freigelassen und sofort darauf entzündet. Gleichzeitig glimmte das Pentagramm, das nicht nur als
Medium für die Magie, sondern auch als Schutz zur Schadenbegrenzung wirkte, in einem dunklen
Rotton auf. Innerhalb der Zeichnung breiteten sich geräuschlose schwarze Flammen aus und
verzehrten unbarmherzig das glibbrige Fleisch des Dämons. Er versuchte sich zu wehren, aber mein
Zauber war zu stark für ihn und nach wenigen Sekunden war nichts weiter als ein dunkler Fleck von
ihm übrig. „Geht doch.“ brummte ich und erhob mich vom kalten Boden des Dachs. Ich streckte
mich genüsslich, nur um dann mit einem genervten Seufzen zum bewölkten Himmel aufzuschauen.
„Warum sind sie heute so hartnäckig? Und vor allem warum sind es so viele?“ fragte ich mich und
stellte frustriert fest, dass ich noch mehr als die Hälfte erlegen musste. „Geez wenn das so weiter
geht bin ich morgen früh noch beschäftigt.“ fluchte ich mit einem schnellen Blick auf meine
Armbanduhr. Ich sprang das Dach herunter, dämpfte meinen Fall mit einem schnellen Zauber, ging
zurück zur Straße und hielt nach weiteren Nebelwolken Ausschau, die mir die Anwesenheit der
Höllenwesen ankündigten. Ich meinte weit entfernt, im Schatten eines großen Gebäude eine zu
erkennen und wollte mich gerade so schnell es ging dorthin begeben, als eine vertraute Stimme an
mein Ohr drang: „Hey Zane, wart mal kurz!“ Überrascht drehte ich mich um und entdeckte Teito,
der mir eifrig zuwinkte, im Schlepptau von Lia und ihrer Freundin Suri. Sie kamen zu mir gelaufen
und ich konnte ein herzhaftes Lachen nicht unterdrücken, als ich einen verdächtigen Abdruck auf
Teitos Backe entdeckte. Passend dazu hielt Suri eine sichere Distanz zu ihm und warf ihm
mörderische Blicke zu. „Du konntest es mal wieder nicht lassen! Du hast echt Glück, das sie dich
noch nicht umgebracht hat.“ begrüßte ich den breitschultrigen und groß gewachsenen schwarz
haarigen Jungen, den ich als meinen besten Freund betitelte, grinsend. Er rieb sich mit einem
gespielt unschuldigen Gesichtsausdruck die rote Backe und beugte sich dann zu meinem Ohr. „Na
wenigsten krieg ich ein paar weibliche Rundungen zwischen meine Finger, im Gegensatz zu einem
gewissen jemand.“ flüsterte er mir provozierend ins Ohr. „Außerdem...“ fuhr er, dann nach einer
kleinen Pausen und einem kühlen Blick von mir, fort, „glaub ich mittlerweile, dass je öfters ichs
mache, desto mehr...“ Doch ich hörte ihm nicht weiter zu, ging an ihm vorbei und begrüßte die
beiden Mädchen. „Was hat euch beide denn bitte den Verstand gezwirbelt mit IHM alleine weg zu
gehen? Da ist doch schon von Anfang an klar, was passieren wird.“ Im Hintergrund meckerte Teito
meinen Rücken an: „Zane was soll das? Das ist wichtig verdammt! Ich dachte wir wären Freunde.“
Aber nicht nur ich, auch Lia und Suri schenkten ihm keine Beachtung. „War eigentlich auch nicht
so geplant. Er ist uns über den Weg gelaufen und klebt seitdem wie eine Klette an uns.“ kicherte Lia
schulterzuckend. „Das ist gar nicht lustig! Ihr habt gut reden, euch begrabscht dieser verfluchte
Lüstling ja nicht!“ fauchte Suri und stemmte eingeschnappt die Hände in ihre Hüften.
Beschwichtigend hob Lia die Hände und versuchte sie beruhigen: „War doch nur halb so wild. Es
war diesmal doch nur die Hüfte... Er ist doch gar nicht weiter gekommen. Erinnere dich daran, wo
er dir unter den Rock gefasst hat.“ Meine Lippen formten bei ihrem unbeholfenen
Beschwichtigungsversuch, der im Grunde alles nur noch schlimmer machte, ein breites Grinsen. Ich
warf einen kurzen Blick über die Schulter auf den Übeltäter, der plötzlich verstummte. Lachend sah
ich, dass sich wieder dieser typisch verträumte Ausdruck auf sein Gesicht geschlichen hatte. Ich
hätte schwören können, dass er Lia beim Wort nahm und seine Erinnerungen an diesen Augenblick
erneut durchlebte. Und das verräterische Zucken seiner Mundwinkel verriet, dass er es
offensichtlich genoss. Ich wandte meinen Blick wieder zu den beiden Mädels. Suri hatte sich, wie
ich es erwartet habe, nicht davon beruhigen lassen und funkelte nun Lia böse an. Auch wenn ich
wusste, dass es nicht die feine Art war, die ganze Situation zwang mich einfach dazu: „Genau Suri,
Lia hat Recht. Du solltest dich nicht anstellen! Nach so vielen Malen solltest du dich eigentlich
schon daran gewöhnt haben, nicht wahr Teito?“ Lachend kam er hinter meinem Rücken hervor,
legte mir seinen Arm auf die Schulter und stützte sich auf mir ab: „Himmel Arsch und Zwirn solch
wahre Worte bin ich gar nicht von dir gewohnt Zane!“ Überrascht, dass er das für bare Münze
nahm, warf ich ihm einen skeptischen Blick. Bei Suri konnte ich ja verstehen, dass sie in ihrer
Empörung die Ironie nicht verstand, scharlachrot anlief und mich mit tödlichen Blicken beschoss,
aber Teito war normalerweise bei solchen Späßen immer ganz vorne dabei. Wenigstens Lia schien
es verstanden zu haben. Nach wenigen Momenten steckte sie mich mit ihrem herzhaften Lachen an,
was uns die verdutzten Blicke der anderen einheimste. Das Lachen tat gut. Die Anspannung und
Erschöpfung der vorhergehenden Stunden fiel von mir ab und nachdem ich mich wieder beruhigt
hatte, legte sich ein seeliges Lächeln auf mein Gesicht. Plötzlich brummte Teito ein trockenes „Du
sarkastisches Arschloch.” in mein Ohr. Ich drehte mich zu ihm um und schaute ihm in die Augen, in
denen ich dieses vertraute belustigte Funkeln erkannte. „Geez, ich dachte du rallst es gar nicht
mehr.“ lachte ich und diesmal schlossen sich alle, auch Suri, mir an. „Warum seid ihr eigentlich
hier? Ist ja nicht die feinste Gegend.“ fragte ich nachdem wir uns alle einigermaßen beruhigt hatten
und ließ meinen Blick über die dreckigen Häuser und die leeren Gassen schweifen. „Wir wollen
eine Freundin von mir bei ihrer Arbeit besuchen.“ erklärte Suri nun wieder gut gelaunt. Lia nickte
zustimmend und ergänzte mit einem lauernden Unterton in der Stimme: „Du solltest sie eigentlich
kennen mein Lieber... Sie ist die Neue in der Stufe unter uns.“ „Wir haben eine Neue auf der
Schule...?“ fragte ich vorsichtig nach einem kurzen Zögern. „Tse! Ich hab sie dir auf dem Schulhof
gezeigt du Dummkopf!“ meckerte sie lachend und gab mir einen leichten Klaps auf den Hinterkopf.
„Ach so... Ich habe trotzdem keine Ahnung von wem ihr redet.“ gestand ich und kratzte mich
unschuldig am Kopf. „War so klar! Du wirst dich glaub ich niemals ändern oder?“ kicherte meine
beste Freundin und fragte dann: „Kommst du mit? Sie arbeitet in einem China Restaurant gleich
hier um die Ecke. Wir wollten da eine Kleinigkeit futtern und dann wieder verschwinden.“ Die
Erwähnung der Worte „Restaurant“ und „futtern“ weckte plötzlich das Ungeheuer, das sich mein
Magen schimpfte. „Ganz vergessen... Meine Magie zerrt nicht nur an meiner Kraft.“ dachte ich und
zur Bestätigung ertönte ein lautes, forderndes Knurren. Die anderen hörten es ebenfalls und mit
einem Lachen meinte Teito voller Elan: „Na dann ists wohl beschlossene Sache! Auf zum
Restaurant!“ „Ach und seit wann magst DU chinesisches Essen?“ „He? Also....“ erwiderte er
ausweichend und ich ließ mit einem Seufzen den Kopf fallen. „Verstehe... Seitdem es dort gut
aussehende Bedienungen gibt, richtig?“ tippte ich und sein Grinsen verriet mir mehr als ich wissen
brauchte. „Siehst du? Du musst mitkommen und ihn unter Kontrolle halten!“ bettelte Suri mit
einem ernsthaft besorgtem Gesichtsausdruck. Ich gab mich geschlagen und freute mich, dass ich
mein Geld mitgenommen hatte. „Okay okay, ich komme mit.“
Die beiden Mädchen gingen vor und ich wollte ihnen gerade folgen, als Teito mich an der Schulter
festhielt und mich todernst anstarrte. „Was ist?“ fragte ich verwundert. „Also, Suri mag es
eindeutig, wenn ich ihr...“ Doch ich ließ ihn wieder nicht ausreden, befreite mich mit einer
geschickten Drehung aus seinem Griff und schlenderte den Mädchen hinterher. „Man Zane! Das ist
wichtig! All meine Theorien sind wahr verdammt!“ Ich schaute über die Schulter zu ihm zurück
und erwiderte trocken: „Selbst wenn, du weißt, dass mich diese Theorien nicht interessieren.“ „Grr
wenn du so weiter machst, glaub ich irgendwann noch, dass du tatsächlich schwul bist!“ fluchte er
aufgebracht und beeilte sich wieder mit mir auf eine Höhe zu kommen. Schmunzelnd fragte ich:
„Weil ich einen dieser -Matrix- Mäntel trage?“ „Verdammt du weißt genau was ich meine! Du
interessierst dich einfach kein Stück für Frauen. Das ist nicht normal.“ Ich zuckte mit den Schultern
und erwiderte: „Hab einfach noch keine gefunden die mich interessiert.“ In Gedanken fügte ich
noch hinzu: „Und selbst wenn ich eine finden würde, ich hätte nicht die nötige Zeit für sie...
Außerdem wäre es zu gefährlich. Ich kann sie nicht vor meinem anderen Leben beschützen.“
Kapitel 3
Reika
Wie üblich gab sich Teito mit meiner knappen Antwort zu diesem Thema nicht zufrieden und
bombardierte mich Fragen über meine Traumfrau und was sie alles mitmachen müsste. Und wie
immer erwiderte ich auf Fragen, die das Äußere betrafen nur ein knappes Schulterzucken gepaart
mit dem kleinen Satz „Der Gesamteindruck muss stimmen.“ und über alles andere schwieg ich
mich aus. Die beiden Mädels waren offensichtlich froh darüber, dass Teito nun an mir klebte und sie
in Ruhe ließ. Sie unterhielten sich, kicherten und verliefen sich mindestens 3 Mal bevor wir endlich
vor dem Restaurant standen. Sie schoben das auf die vor kurzem eingesetzte Dämmerung und
musterten nun den Laden genauer.
Von außen machte es keinen vertrauenerweckenden Eindruck. Die Schaufenster waren, wenn man
von den halb verwelkten Blumen mal absah, schmucklos und dreckig. Eine dieser typisch
chinesichen Paplaternen, ich glaub man nennt sie Andon, hing über dem Eingang und verbreitete
ein fahles Licht. Lia und Suyi blieben in einigem Abstand vor der Tür stehen und warfen sich
gegenseitig skeptische Blicke zu. „Was ist los?“ fragte ich, obwohl ich die Antwort schon erahnen
konnte. „Der Laden... sieht nicht gerade freundlich aus.“ murmelte Lia und schaute uns unschlüssig
an. Suyi zog mit einem Ausdruck leichten Unbehagens die Schultern hoch und meinte nur: „Ich bin
mir sicher, dass es der Laden ist, indem Reika arbeitet.“ Mit einem Seufzen und nach einem
weiteren heftigen Knurren meines Magens machte ich einen Schritt vorwärts bis ich zwischen den
beiden stand, legte ihnen meine Hände auf den Rücken und schob sie neben mir her. Erschrocken
stieß Lia einen unterdrückten Schrei aus und Suyis Hand zischte aus Reflex nur wenige Millimeter
an meiner Backe vorbei. „Zane! Du sollst uns nicht immer so erschrecken!“ fauchten beide
gleichzeitig, während sie neben mir her stolperten. „Dann sollt ihr nicht immer so ängstlich sein.
Verdammt mal ehrlich. Ihr hängt fast täglich mit Teito rum und habt mehr Angst vor dem Laden, als
vor ihm?“ brummte ich gut gelaunt. Von hinten vernahm ich ein halb fluchendes halb lachendes
„Das habe ich gehört Zane... Aber wo du Recht hast, hast du Recht!“. Ich schob die Mädchen mehr
oder weniger freiwillig durch die Tür, dicht gefolgt von Teito.
Wir befanden uns in einem dunklen Raum mit 3 rechteckigen Tischen. Von der Architektur
unterschied der Raum sich stark von dem zwar schäbigen, aber dennoch modernen, äußeren
Erscheinungsbild. Ich fühlte mich in der Zeit zurück versetzt und betrachtete staunend die
regelmäßig angeordneten Balken, die die Decke stüzten. Sie waren mit unauffälligen chinesichen
Schriftzeichen versehen, die beim ersten oberflächlichen Betrachten einfach in der unebenen
Struktur des Holzes untergehen konnten. Der Rest der Dekoration war ebenso schlicht und typisch.
An den Wänden hingen farblose Gemälde von Kirschblüten, alten Sagen und Fabelwesen, die sich
auch in Schnitzereien, die überall im Raum verteilt waren, wiederfanden. Links von uns waren die
matten Schaufenster mit ihren halb verwelkten Blumen und uns gegenüber führte ein schmaler
Gang zu einem weiteren Raum, der komplett im Dunkeln lag. „So und nun?“ flüsterte Lia kleinlaut.
Doch ehe ich etwas erwidern konnte, tippte mir Teito auf die Schulter. Fragend schaute ich ihn an
und er deutete mit seinen funkelnden und plötzlich äußerst lebendigen Augen nach rechts. Ich folgte
seinem Blick und musste mich erstmal ein gutes Stück nach hinten beugen, da mir einer der Balken
die Sicht versperrte. Doch dann musste ich mich beherrschen nicht laut los zu prusten. Rechts von
uns tat sich ein weiterer, breiter Flur auf und ungefähr in dessen Mitte befand sich an der Wand eine
kleine Öffnung. Ein Mädchen war gerade dabei dort hinein, oder hinaus zu kriechen, genau konnte
ich es nicht sagen, da ich zu sehr damit beschäftigt war meinen aufkeimenden Lachanfall zu
unterdrücken. Sie wand sich hin und her, und so pendelten Teitos Augen im gleichen Rhythmus, wie
ihr, wie ich fairer Weise doch zugeben musste, äußert knackiger Hintern immer wieder von rechts
nach links und umgekehrt. Ich spürte die fragenden Blicke der anderen beiden auf mir, riss mich
zusammen und schluckte das Lachen mühsam herunter. Ich scheuchte die beiden etwas weiter in
den Raum rein, sodass auch sie das Mädchen sehen konnten. Plötzlich fragte Suyi besorgt: „Reika?!
Bist du das?“ Erschrocken zuckte ihre Freundin zusammen und ein schmerzhaftes „Dong“ gefolgt
von gedämpften Flüchen ertönte. Langsam kroch sie rückwärts heraus und gab damit Teitos
gierigen Blicken neues Futter. Suyi hatte sich bereits neben die Öffnung gekniet und wartete
geduldig auf den Kopf ihrer Freundin. Mit einem erleichterten Aufatmen zog Reika ihren blonden
Schopf aus dem Loch und lächelte uns mit roten Wangen verlegen an. Doch dann passierte etwas,
das keiner von uns erwartet hätte. Suyi schrie plötzlich panisch auf, fiel hinten über und krabbelte
so schnell sie konnte einige Schritte von ihrer Freundin weg. Bei mir schrillten sofort die
Alarmglocken, mein Körper spannte sich an und die Magie fing in meinem Inneren fing an zu
brodeln. Als Lia dann auch noch einen Schrei ausstieß und sich hinter meinen Rücken drängte, hätte
ich beinahe meine Kräfte eingesetzt, wenn ich gewusst hätte was los ist. Auch Teito hatte die Fäuste
hoch gerissen und blickte aufmerksam in dem Laden umher. Doch dann entdeckte ich den kleinen
Verursacher des ganzen Aufruhrs. Mein Lachen klang in dieser Situation etwas befremdlich, aber es
verscheuchte den Ausdruck von blankem Entsetzten in Reikas klaren blauen Augen. Ich beruhigte
die tosenden Wellen der Magie in mir und lachte Lia und Suyi vorwurfsvoll an: „Ich hab doch
gesagt ihr sollt nicht immer so ängstlich sein.“ Mit einem beruhigenden Lächeln hockte ich mich
vor Reika hin und forderte freundlich: „Halt mal bitte kurz still.“ Sie nickte schüchtern und als Lia
verängstigt flüsterte, dass ich bloß vorsichtig sein soll und dass das Ding giftig aussieht, konnte ich
sehen wie sich ihr Kehlkopf einmal hochzog und geräuschvoll wieder absenkte. „Keine Angst, die
beiden haben einen ungeheuren Hang zur Übertreibung.“ lachte ich, hob langsam meine Hände,
legte eine vorsichtig auf ihren Kopf und spürte dabei ihre weichen Haare. Ein leichter, angenehmer
Kirschenduft kitzelte meine Nase, als ich mich ein Stückchen weiter vorbeugte um ihn besser in
Augenschein nehmen zu können. Mit meiner anderen Hand stupste ich den Übeltäter sanft an. Als
er sich ruckartig bewegte und einen Weg aus der Verstrickung mit ihren Haaren suchte, zuckte
Reika überrascht zusammen und atmete erschrocken tief ein. Ich spürte wie ein Schauer sie
durchlief und stellte überrascht fest, dass sie selbst keine Anstalten machte in Panik zu verfallen,
obwohl sie mittlerweile wissen sollte was da auf ihrem Kopf saß. Da war ich anderes von den
Mädchen, die ich kannte, gewöhnte. Beruhigend flüsterte ich: „Hab ihn gleich. Brauchst dir keine
Sorgen machen.“ Ich stupste ihn nochmal sanft an und diesmal schaffte er es halbwegs sich aus sein
Fesseln zu befreien und setzte seine haarigen Beine auf meine offene Handfläche. Langsam
krabbelte er weiter und letztendlich hob ich meine Hand und betrachtete die Handteller große
Spinne. Sie war wirklich eklig. Haarige und lange Beine, 8 deutlich zu erkennende, weiße Augen,
bedrohliche Greifzangen und ein besorgniserregendes Muster aus dunklen Tönen auf ihrem dicken
Hinterteil. Als Reika den kleinen Racker entdeckte, wich ein Großteil der Farbe aus ihrem Gesicht
und sie entließ ihren Atem hörbar. Nur das Rot ihrer Wangen glühte weiterhin, als sie ein
erleichtertes „Danke.“ flüsterte. „Immer wieder gerne.“ erwiderte ich, drehte mich um und machte
mich auf den Weg zurück zur Tür. Suyi und Lia betrachteten mich argwöhnisch und drängten sich
so dicht sie konnten an die Wand. „Nun stellt euch nicht an.“ lachte ich und blieb provokativ vor
ihnen stehen. Die Farbe wich nun auch aus ihren Gesichtern und sie befahlen mir, das Ding sofort
rauszuschmeißen. Mit einem sadistischen Lächeln hob ich die Spinne etwas höher und hielt sie auf
ihrer Augenhöhe. Und wie als hätte das Krabbeltierchen meine Absichten erahnt, hob es in dem
Moment seine vorderen Beine an und tastete blind in die Richtung der Mädchen. Lia zuckte mit
einem spitzen Schrei zusammen und Suyi holte schon wieder mit ihrer Hand aus. „Ach ihr seid echt
kaltherzig. Da will der Kleine neue Freundschaften zu euch wunderschönen Geschöpfen schaffen
und ihr weist ihn absolut desinteressiert ab.“ seufzte ich vorwurfsvoll, duckte mich lachend unter
Suyis Ohrfeige hinweg und verließ das Restaurant. Ich setzte die Spinne in einer kleine Nebenstraße
ab und winkte ihr zum Abschied.
Als ich zurück kam, hatten sich die Mädchen wieder beruhigt und unterhielten sich mit Reika, die
mittlerweile aufgestanden war und sich mit den Händen durch die hüftlangen, rosenblonden Haare
kämmte. Auch wenn sie nicht alle Spinnenweben und Staubfäden erwischte, kam ich nicht
drumherum sie für einen kurzen Augenblick einfach nur bewundernd anzustarren. Sie trug ein eng
anliegendes, rotes chinesisches Kleid, das ihre weiblichen Rundungen und ihren schlanken, aber
kurvenreichen und sportlichen Körper perfekt betonte. Es ließ ihre Arme komplett frei und endete
ein gutes Stück über ihren Kniekehlen. Ich wettete, dass Teito von diesen Beinen nicht genug
bekommen würde. Dann war es noch mit aufwendigen Blumenmustern bestickt, die farblich
hervorragend zu dem Rosenblond ihrer Haare, dem Blau ihrer Augen und dem knalligen Rot
passten.
Nicht zuletzt wegen ihren weichen Gesichtszügen und ihrem angenehmen Duft, musste ich mir
eingestehen, dass ich sie äußerst anziehend fand. Sie hatte genau das, was ich als den richtigen
Gesamteindruck bezeichnete. Doch dann riss ich mich selbst aus meinen Träumereien und schallte
mich einen Narren. „Denk gar nicht erst dran! Das macht mein Leben noch komplizierter als es
ohnehin schon ist.“ dachte ich zähneknirschend und lenkte meine Aufmerksamkeit auf das
Gespräch.
Kapitel 4
Unerwartete Begrüßung
„Dein Chef wollte das?“ fragte Suyi ungläubig, während sie Reika dabei half die Spinnenweben aus
ihrem Haar zu fischen. Sie nickte müde und erklärte: „So halb. Er hat gesagt, wenn ich es machen
würde bekäme ich für die nächsten Monate mehr Lohn.“ „Und deswegen kriechst du mit diesem
natürlich speziell dafür gefertigtem Kleid einfach so in diese Öffnung, um dich heimlich mit denen
Spinnenfreunden zu unterhalten?“ fragte ich mit unüberhörbarem Sarkasmus, da ich den Anfang der
Unterhaltung nicht bekommen hatte. Doch anstelle mich, wie Lia und Suyi es gerne taten, mit bösen
Blicken zu strafen, lächelte sie schwach. „Solange es nur kleine Spinnen sind und nicht
irgendwelche gruseligen Dämonen, die einfach aus der Dunkelheit auftauchen, braucht man sich
doch nicht zu fürchten oder?“ erwiderte sie mit einem seltsamen Unterton. Sie blickte mir direkt in
die Augen und urplötzlich ergriff mich ein erdrückendes Gefühl. Ich wollte weg von ihr. Angst hatte
ich keine, aber ich wollte weg. Eine unerklärliche Gewissheit, das sie mich nicht berühren dürfte
kam in mir auf. Instinktiv rührte sich die Magie in mir, bereit mich jederzeit zu verteidigen. Sie
durchströmte mich und da konnte ich es sehen. Ohne Zweifel. In ihren Augen waren die gleichen
magischen Partikel, wie ich sie auf dem Dach gefunden hatte. „Sie war es. Sie hat mich
angegriffen.“ folgerte ich unausweichlich und ein beklemmendes Gefühl der Sorge ergriff mich.
„Wehe sie zettelt jetzt hier einen Kampf an...“ dachte ich wütend und warf einen schnellen
Seitenblick zu meinen Freunden, die uns beide schweigend ansahen. „Da hast du Recht. Vor allem
die Dämonen, die einen aus dem Hinterhalt angreifen sind nervig. Nicht bedrohlich aber äußerst
nervig.“ erwiderte ich kalt und lud die Luft um sie herum mit feinen Partikeln des schwarzen
Dampfes auf, die sie unmöglich hätte erkennen können. Ich konnte die magischen Pulse in ihrem
Körper spüren und stellte dann beruhigt fest, dass ihre Kraft mir nicht annähernd gefährlich werden
könnte. Trotzdem blieb dieses unangenehme Gefühl, dieser Drang nicht von ihr berührt zu werden,
bestehen und verstärkte sich, als sie sich vorbeugte und mich wütend fixierte. „Vielleicht hast du
Recht, aber immerhin behalten sie noch die Reste ihrer Menschlichkeit!“ Ich schnalzte verärgert mit
der Zunge und meinte: „Geez. Anstatt über so etwas zu diskutieren solltest du uns lieber einen Tisch
anbieten. Ich verstehe warum dein Chef dich da rein geschickt hat! Irgendetwas musst du ja tun um
deinen Lohn zu verdienen.“ Der Zorn funkelte in ihren Augen, als sie sich auf der Stelle umdrehte
und uns mit einer kalten Geste bedeutete ihr zu folgen.
„Sag mal was war das gerade eben?“ fragte mich Teito ernst und legte mir freundschaftlich eine
Hand auf die Schulter. Mit sanftem Druck bremste er mich und zog mich neben ihn. „Unwichtig.“
seufzte ich und schallte mich selbst einen Narren mich auf diese Andeutungen von Reika
eingelassen zu haben. Es war dumm gewesen. „Das hat sich aber gar nicht so angehört. Kennt ihr
euch?“ bohrte er mit gedämpfter Stimme, damit die anderen uns nicht hörten, weiter nach. Doch ich
schüttelte nur niedergeschlagen den Kopf. „Tut mir Leid Teito... Das ist ne Sache die nichts mit
euch anderen zu tun hat und von der ihr auch nichts wissen solltet.“ „Immer noch?“ „Immer noch.“
flüsterte ich traurig und wünschte mir in diesem Moment ihm alles zu erzählen. Aber das durfte ich
nicht. „Nun gut. Du steckst in irgendeiner verdammten Scheiße, aber willst nicht, dass wir damit
hingezogenen werden... Und das schon seit Jahren. Du bist echt ein Dickschädel. Egal wie oft ich
dich frage, ich kriege immer die gleiche Antwort.“ beklagte sich Teito und zeigte mir dabei ein
schwaches Grinsen. Auf meine Lippen schlich sich ebenfalls ungewollt ein schwaches Lächeln, als
ich mich an den Unfall vor mehreren Jahren erinnerte. „Ich weiß zwar nicht was damals geschehen
ist... Aber ich werde nicht das Gefühl los, das du mich gerettet hast. Ich wurde angegriffen und du
hast dem Ding eins übergebraten.“ grübelte Teito und beobachtete mich dabei schon fast brüderlich.
Ich legte den Kopf in den Nacken, starrte kurz gedankenverloren die Decke an, weckte wieder die
Magie in mir und schaute ihm dann geradewegs in seine blauen Augen. Und da war sie. Diese
Kraft, die damals den Dämon angelockt hatte und Teitos Leben in Gefahr brachte. Sie befand sich
in einem tiefen Schlummer, wie bei vielen Menschen und daher konnte er sie nicht selbst
verwenden.
Dennoch war es ihm möglich gewesen die unförmigen und durchsichtigen Konturen seines
Angreifers zu erkennen, wozu mindestens ein geschlossener und aktiver Magiekreislauf im Körper
vorhanden gewesen sein musste, was wiederum bedeutete, dass seine Kräfte kurz vor dem
erwachen waren. Ich besiegte den Dämonen, aber danach befand mich in einer unangenehmen
Zwickmühle. Ich brachte es nicht über mich sein Gedächtnis zu manipulieren, aber ich wollte ihn
auch nicht in den gleichen Kampf, in dem ich mich seit Jahren befand, hineinziehen. Also begnügte
ich mich damit seine aufkeimenden Kräfte zu versiegeln und die Läufe der Magie zu unterbrechen,
damit er nie wieder die Aufmerksamkeit der Dämonen auf sich ziehen würde.
Ich wusste nicht ob es funktionieren würde, aber es war definitiv ein Versuch wert und bis heute
hatte sich mein Plan als erfolgreich herausgestellt. „Na ja wie auch immer.“ meinte Teito, als er
begriff, dass ich ihm nichts genaueres mehr sagen würde. „Warst du nicht ein wenig zu gemein zu
ihr? Ich mein hallo? Dir so eine Schönheit zu vergraulen ist nicht die beste Strategie du Idiot.“
witzelte er und schaute demonstrativ auf Reikas Hintern. Ich gluckste und schwieg. „Auf eine
Schönheit die mich hinterrücks angreift kann ich verzichten.“ flüsterte ich mehr zu mir selbst als zu
Teito, dessen Aufmerksamkeit komplett auf Reikas Erscheinung ruhte und somit glücklicherweise
nicht mitbekam, was ich murmelte.
Wir erreichten einen weiteren Raum, der weitaus geräumiger als der Eingangsraum und auch sehr
viel gepflegter und sauberer war. Wir setzten uns an einen dunklen Tisch, direkt unter einem
prächtigen Leuchter und Reika reichte uns, nicht ohne mir einen vernichtend boshaften Blick zu
zuwerfen, die Speisekarte. Ich studierte gedankenverloren das mickrige Angebot, während ich ihre
Augen in meinem Rücken spürte. „Warum hat sie mich angegriffen?“ fragte ich mich verwundert.
„Wieso meinte sie, dass ich meine Menschlichkeit verloren hätte? Sind nun neuerdings auch
Menschen meine Feinde? Hat sie einen packt mit den Dämonen geschmiedet?“ Doch ich wusste,
dass mein Gegrübel zu nichts führen würde und entschloss mich daher dafür, sie nach Feierabend
abzupassen und ihr einige Antworten zu entlocken. Es war die einzige Möglichkeit keine voreiligen
Schlüsse zu ziehen. „Hast du dir was ausgesucht Zane?“ fragte mich Lia, die links neben mir saß
vorsichtig und riss mich damit aus meinen Gedanken. „Hmm? Was? Äh ja hab ich.“ murmelte ich
und schloss die Speisekarte. Nach wenigen Momenten kam Reika wieder und nahm unsere
Bestellungen auf. Zu den anderen war sie freundlich und ihre Stimme hatte einen warmen und
herzlichen Klang, aber, als ich als letzter übrig war, wurde sie kalt und hasserfüllt. Provokativ
schaute sie mir direkt in die Augen und dieses Gefühl, so weit weg von ihr wie nur möglich zu
kommen, kehrte zurück und stellte meinen Magen auf den Kopf. Ausdruckslos bestellte ich meine
Brutzelpfanne und fühlte erleichtert wie dieser äußerst unangenehmer Drang verschwand, sobald sie
außer Sichtweite war. Ich würde definitiv später wiederkommen um einige Antworten zu
bekommen.
Kapitel 5
Miasma
Ich spürte die verständnislosen Blicke der andere auf mich ruhen, als wir auf das Essen warteten.
Eine unbehagliche Stille hatte sich zwischen uns ausgebreitet. Mein Gewissen meldete sich
schimpfend zu Wort, aber mir fiel nichts gescheites ein, um die Stille zu brechen. Meine Gedanken
kreisten einfach noch zu sehr um die jüngsten Ereignisse. Und ich machte mir Sorgen. Richtige
Sorgen. Bis jetzt war es mir noch nie passiert, dass ich von Menschen angegriffen wurde. „Was ist
sie? Was sind ihre Ziele?“ fragte ich mich immer wieder, wohl wissend, dass ich darauf alleine
durch Grübeln keine Antwort bekommen würde.
Doch dann atmete Suyi plötzlich lautstark aus, schaute mich vorwurfsvoll an und fragte mich
tadelnd: „Sag mal hast du dich Teitos Fantasien angeschlossen oder warum habt ihr euch gerade so
gegenseitig angefahren?“ Ich zuckte mit den Achseln und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich
habe ehrlich gesagt nicht die geringste Ahnung.“ antwortete ich wahrheitsgemäß und schaute ihr
dabei direkt in die Augen. „Ach komm das glaub ich dir nicht! Normalerweise geht sie nie so
schnell in die Luft. Irgendwas musst du doch getan haben?“ bohrte sie hartnäckig nach. Ich zuckte
wieder ratlos mit den Schultern und murmelte dann mit einem gequälten Lächeln: „Wenn du es
unbedingt wissen willst, musst du sie gleich selber fragen.“ „Die Antwort ist ganz einfach!“ rief
plötzlich eine wütende Stimme hinter mir. Ich drehte meinen Kopf und Reika stand mit dem Tablett
auf dem unsere Getränke standen hinter mir. „Ach ist sie das?“ fragte ich ruhig und zog
erwartungsvoll die Augenbrauen hoch. „Du existierst!“ fauchte sie und knallte das Tablett so auf
den Tisch, dass der Inhalt der Gläser überschwappte. „Äußerst aufschlussreich...“ erwiderte ich und
konnte nicht verhindern, dass sich ein sarkastischer Unterton in meine Antwort schlich.
Unbeeindruckt schaute ich sie direkt an und entdeckte in ihren Augen den Ausdruck lodernder Wut
und tiefen Hasses. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich wahrscheinlich auf der Stelle tot
umgefallen.
Es entstand eine unangenehme Stille, bis sich Reika plötzlich schwungvoll auf der Stelle umdrehte.
Ihre langen Haare wirbelten umher, peitschten mir ins Gesicht und mit energischen Schritten
verschwand sie wieder in der Küche. Ein erschöpftes Seufzen entglitt mir und ich ließ meinen Blick
über die verwirrten Gesichter meiner Freunde schweifen. Ich zuckte erneut mit den Schultern und
beteuerte: „Ausnahmsweise bin ich wirklich mal unschuldig. Ich habe genauso wenig Ahnung wie
ihr.“ „Das werden wir noch sehen! Ich werde mich später mal mit ihr unterhalten. Dann wird sich
wohl herausstellen was du angestellt hast.“ meinte Suyi und bedachte mich mit einem seltsamen,
abschätzenden Blick. Ich hob abwehrend die Hände. „Gerne! Ich würde wirklich gerne wissen, was
ich ihr getan habe, dass sie so extrem gut auf mich zu sprechen ist.“ murmelte ich nachdenklich.
„Was es auch war, es muss auf jeden Fall richtig schlimm gewesen sein. So wie sie reagiert hat...“
sinnierte Lia und schaute dabei abwechselnd zu mir und dann zu Suyi. Plötzlich warf Teito mit
einem breiten Grinsen ein: „Ich wusste es!“ „Du wusstest was?“ fragte ich vorsichtig und musterte
ihn neugierig mit einer gewissen Vorahnung. „Du tust immer nur so als ob du meine Theorien
ignorieren würdest, aber in Wirklichkeit führst du Versuche an lebendigen Exemplaren durch.“
lachte er mit einem bedeutungsvollem Unterton. „W-was? Das meinst du doch jetzt nicht ernst?!“
fragte ich aufgebracht. „Aber es wäre eine Erklärung.“ flüsterte Lia kleinlaut und bewirkte damit,
dass mich Suyi mit einem bösen Blick bedachte. „Stimmt das?“ rief sie aufgebracht aus. „Nein
natürlich nicht! Im Gegensatz zu Teito besitze ich einen Hauch von Taktgefühl!“ wehrte ich mich
entrüstet. „Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass Zane so etwas tun würde... Er ist viel zu
feige dafür.“ kam mir Lia mit einem frechen Grinsen zur Hilfe. Ich warf ihr einen mehr oder
weniger dankbaren Blick zu und wollte gerade den Mund aufmachen und ihr Recht geben, als Teito
mir zuvorkam: „Blablabla wie auch immer. Was immer ihr meint.“ An seinem breiten Grinsen
konnte ich jedoch genau erkennen, dass er mir kein Wort glaubte und an seiner Überzeugung
festhielt. In meinem Stolz angekratzt, warf ich ihm einen das-kriegst-du-noch-zurück-Blick zu und
war erleichtert, als er dann das Thema wechselte. „Sach mal Zane, hast du schon die neue DotA
Version ausprobiert?“ Seine Frage wurde von dem lauten Stöhnen der Mädchen begleitet, dass wir
beide geflissentlich ignorierten. „Nein hatte noch keine Zeit dazu.“ „Noob. Ich sag dir Earthshaker
ist jetzt so imba...!“ Aber er wurde durch die genervte Stimme Suyis unterbrochen. „Teito kannst du
eigentlich noch über was anderes reden als über irgendwelche doofen Computerspiele?“ „Ihr
Weiber versteht doch eh nichts davon. Das ist ein Männergespräch.“ meckerte er und trotz der
Zankerei zwischen den beiden wurde die Atmosphäre langsam, aber sicher immer entspannter und
fröhlicher. Ich schaute schnell zu Lia, die die beiden schon alarmiert beobachtete. In einem kleinen,
gespannten Moment, nutzte sie die entstandene Stille und fragte schnell: „Habt ihr schon von
diesem neuen Kinofilm gehört?“ Zögerlich hörte Suyi damit auf Teito und mir aufgebrachte Blicke
zu zuwerfen und wandte sich ihrer Freundin zu. „Ja der soll total süß sein. Da müssen wir unbedingt
mal reingehen.“ „Süß? Hört sich ja sehr spannend an.“ meinte ich skeptisch und auch mein anderer
männlicher Mitstreiter runzelte ebenfalls missmutig die Stirn. Doch Suyi ignorierte uns und
schwärmte ungestört weiter: „Es geht um eine hoffnungslose Beziehung zwischen einem Deutschen
und einer Jüdin, während der Nachkriegszeit. Quasi ein modernes Romeo und Julia. Und die
Kritiken sind auch alle unglaublich gut.“ „Anstatt ins Kino zu gehen, sollten wir uns lieber darüber
unterhalten, wie ich die Weltherrschaft an mich reißen kann!“ warf Teito plötzlich in die Runde,
was mich lauthals zum prusten brachte. „Wenn du die jemals bekommen solltest wirst du eh nichts
mehr beherrschen können... Jeder Mensch, egal ob mit gesundem Menschenverstand oder ohne,
würde sich in dem Augenblick, in dem du die Macht bekommst, selbst umbringen!“ fauchte Suyi
und wir anderen lachten zustimmend. „Nein jetzt mal im Ernst. Ich würde die Welt verändern...
Natürlich braucht das seine Zeit und ich würde erst Deutschland unter meine Kontrolle bringen und
es nach meinen Vorstellungen gestalten, bevor ich meine Macht auf die gesamte Welt ausdehne.“
erklärte er todernst. „Nur dafür müsstest du die Demokratie überrennen und vollkommen
einstampfen...“ überlegte ich laut, wurde jedoch von Reika, die unsere Bestellungen zum Tisch trug,
unterbrochen. Sie würdigte mich keines Blickes und verteilte die herrlich duftenden Gerichte. Mit
einer abweisenden Kälte fragte sie, ob wir noch was haben möchten und verschwand dann wieder in
der Küche. Ich machte mir keine Gedanken mehr über ihr seltsames Verhalten und stürzte mich mit
knurrendem Magen auf meine Brutzelpfanne. Während des Essens unterhielten führten Teito und
ich noch kurz die politische Diskussion über seine Pläne weiter, bis sie von den genervten Mädchen
unterbunden wurde. Unser Thema wechselte zur Schule und dem neusten Klatsch und Tratsch. So
erfuhr ich unter anderem, dass unsere Schulschlampen auf der letzten Party wohl mal wieder so
hacke gewesen waren, dass sie mit allen möglichen Typen rumgeleckt haben und sich am nächsten
Tag an rein gar nichts mehr erinnern konnten. Ich fand es immer wieder lustig, wie sich die
Mädchen, vor allem Lia, so über diese Partyluder aufregen konnten. Ich mochte sie zwar selbst
nicht besonders, aber genau deswegen waren sie mir auch absolut egal.
Teito war, wie immer, als erstes fertig und fragte mich nach der Uhrzeit. „Ist schon kurz nach neun.“
antwortete ich nach einem kurzen Blick auf meine Armbanduhr und stopfte mir den letzten
Hühnerbruststreifen in den Mund. Zufrieden lehnte ich mich zurück und schaute gedankenverloren
zur Decke. „Bald ists Zeit... Ich werde sie heute Abend noch abpassen.“ nahm ich mir vor und
seufzte erschöpft. „Ich wünschte, dass wäre nie passiert. Ich habe ein schlechtes Gefühl dabei.“
„So... Sind alle fertig?“ fragte Lia und fischte, genauso wie Suyi, ihr Portmonee aus ihrer
Handtasche. „Sicher.“ antworten Teito und ich fast synchron und holten unsere Geldbörsen aus den
Hosentaschen. Suyi holte Reika und wir bezahlten unsere Bestellung.
Dabei bat ich Teito gerade so laut, dass auch mein neuer Feind alles mitbekam und sich vorbereiten
konnte. „Würdest du die beiden bitte nach Hause begleiten? Ich muss noch eine wichtige Sache
erledigen.“ „Was? Du lässt mich mit diesen beiden Quälgeistern alleine? Himmel, Arsch und Zwirn,
deinen Terminplan will ich nicht haben.“ meckerte er. Ich lächelte ihn entschuldigend an und fragte:
„Also? Machst du es?“ „Sicher... Aber dafür schuldest du mir was.“ „Dank dir.“ lachte ich und
wandte mich dann von ihm ab, um zu bezahlen. Als ich Reika das Geld gab, schaute ich ihr direkt in
die Augen. Sie waren schön, aber ihr Ausdruck war hasserfüllt und eine Spur arroganter
Überlegenheit hatte sich in das tiefe Blau ihrer Pupillen geschlichen. Eine spürbare Spannung
entstand zwischen uns, die ich aber nach wenigen Augenblicken abbrach, indem ich ihr die Scheine
in die Hand drückte und ihr den Rücken zu drehte. „Gehen wir?“ fragte ich die anderen mit einem
gespielten Lächeln und ging schon einige Schritte vor. Suyi unterhielt sich noch kurz mit Reika,
doch dann kam auch sie und wir verließen gemeinsam das kleine Restaurant.
Wir gingen einige Meter gemeinsam, diskutierten über die Qualität des Essens und kamen zu dem
Ergebnis, das wir noch des öfteren dort hingehen werde. Wir kamen an einer dunklen Kreuzung an,
wo ich mich dann verabschiedete: „Ich wünsch euch noch einen schönen Abend. Seid vorsichtig auf
dem Weg. Zu dieser Zeit treiben sich gerade hier einige zwielichtige Gestalten herum.“ „Das sagst
du uns? Pass lieber auf sich selber auf, du bist hier der Schlapschwanz, der ganz alleine unterwegs
ist.“ brummte Teito und Lia stimmte ihm besorgt zu: „Er hat Recht. Sei bitte vorsichtig, ja?“ „Mach
dir um mich keine Sorgen. Ich komme schon klar.“ beruhigte ich sie lachend und fragte mich, was
sie sagen würde, wenn sie alles über mich wissen würde. Ich verabschiedete mich noch ein weiteres
Mal und ging dann in die entgegengesetzte Richtung, wie die anderen. Ich nahm einen
verschlungenen Pfad durch die Gassen, vorbei an Ansammlungen von Mülleimern, mehreren
betrunkenen Obdachlosen und ein paar Jugendlichen, die meinte mich von der anderen Straßenseite
aus beleidigen zu müssen. Ich ignorierte sie und stand innerhalb weniger Minuten vor dem
Restaurant. Meine Uhr sagte mir, dass es bereits kurz vor zehn war. „In einer Viertelstunde hat sie
Feierabend. Ich muss mich vorbereite.“ murmelte ich in die Nacht und begann die Magie in mir zu
wecken. Gekräftigt durch die leckere Brutzelpfanne, webte ich meinen Zauber und versah das
Gebiet um den Ausgang des Restaurants mit einer, im Moment noch schlafenden, Barriere. Dann
nutzte ich meine Kraft, um alles, was sich in der Barriere befand, vor den Sinnen normaler
Menschen zu verbergen. „Sie wird mir antworten geben.“ dachte ich düster, zog meinen Mantel
enger, um mich vor der schneidenden Kälte zu schützen, versteckte mich in den Schatten der
Gassen und wartete geduldig bis sie kommen und meine Falle tappen würde. Eine halbe Stunde
verging, bis plötzlich die Tür geöffnet wurde und mein Opfer erschien. Anscheinend hatte sie
meinen Zauber nicht bemerkt und trat nichts ahnend über die Barriere. Jetzt gab es für sie kein
Entkommen mehr. Ich ließ die Magie strömen und trat aus den Schatten. Eine bläulich
schimmernde Wand erhob sich und schloss uns beide in einer Kuppel ein. Reika blieb erschrocken
stehen und starrte die Barriere an, die uns von der normalen Welt abschnitt. Dann entdeckte sie
mich und der Hass kehrte auf ihr hübsches Gesicht zurück. „Was hast du getan?!“ fauchte sie und
starrte mich mit zusammengekniffenen Augen an. „Ich habe nur die Bedingungen für eine
ungestörte Unterhaltung erfüllt. Keiner wird uns belauschen oder sehen können.“ Nicht ohne mich
aus den Augen zu lassen, ging sie langsam zu der Barriere und berührte sie vorsichtig mit einer
Hand. Ihre Berührung hatte eine kleine Entladung magischer Energie zufolge, die ihr einen
überraschten und schmerzhaften Schrei entlockte. „Und natürlich wirst du solange hier drin
eingeschlossen bleiben, bis ich Antworten auf meine Fragen bekommen habe.“ ergänzte ich mit
einem freundlichen Lächeln. Sie starrte mich nur wütend an und ballte ihre Hände zu zitternden
Fäusten. „Nun da wir uns wohl verstehen, will ich mal anfangen. Warum hast du mich
angegriffen?“ Ich meinte eine Spur von Überraschung in ihrem eiskalten Blick erkennen zu können,
aber sie schwieg und ich konnte fühlen, wie sie ihre eigene Kraft sammelte. Ich war gespannt, was
sie vorhatte. Viel blieb ihr ja nicht übrig, entweder versuchte sie die Barriere zu zerstören und zu
fliehen, oder sie griff mich direkt an. Ich bereitete mich vor und war äußerst überrascht, als sie
plötzlich den gleichen Teleportzauber wirkte, mit dem sie mich schon einmal in den Hinterhalt
gelockt hatte. Sie verschwand aus meinem Blickfeld und tauchte sofort dicht hinter mir wieder auf.
Ich hatte kaum Zeit zu reagieren und nutzte meine Magie um ein inneres Schutzschild aufzubauen,
damit ihr unvermeidbarer Treffer keinen Schaden anrichten würde. Doch was dann kam überraschte
mich noch sehr viel mehr. Sie umarmte mich von hinten. Ich spürte ihren warmen Körper und ihre
Hände, die sich auf meine Brust legten. Doch als ich mich aus ihrer Umarmung befreien wollte,
musste ich erschrocken feststellen, dass ich mich nicht bewegen konnte. Eine unsichtbare Kraft
lähmte jeden einzigen Muskel. Fieberhaft überlegte ich, was gerade passiert, doch da spürte ich es.
Eine leuchtende Kraft, die allmählich immer stärker wurde und in mich eindrang, ging von Reikas
Körper aus. Langsam breitete sie sich in mir aus und jeder Teil von mir, der von diesem Leuchten
erfüllt wurde, fühlte sich verloren an. So als gehörte er nicht mehr mir, als wäre meine Bindung zu
ihm einfach aufgehoben worden. Und da wurde mir klar, in welcher Gefahr ich mich befand. Sie
besaß eine Kraft, die keine Magie war. Sie fühlte sich uralt und mächtig an und gab mir ein Gefühl
der Hilflosigkeit. Doch dann erwachte eine ungeheure Wut in mir und ich kämpfte mit all meiner
Macht gegen diese seltsame Kraft an. Explosionsartig entluden sich meine Kräfte und verdrängte
sie restlos aus meinem Körper. Ein ungeheurer Schmerz breitete sich in den Teilen, die von ihr
angegriffen worden waren, aus und beraubte mich beinahe meiner Kontrolle über meinen Verstand.
Es entstand eine Schockwelle von roher Energie, als sie meinen Körper verließ. Reika wurde, mit
einem spitzen Schrei, von ihr erfasst und drohte mit voller Wucht gegen die Barriere geschleudert
zu werden, was wahrscheinlich ihren Tod bedeutet hätte. Ich zähmte meine Wut, drängte meinen
Schmerz beiseite und webte erneut einen schnellen Zauber. Blitzschnell wurde die gesamte Barriere
von schwarzem Dampf erfüllt, der sich, kurz bevor Reika gegen das bläuliche Kraftfeld geprallt
wäre, verfestige und sie aus dem Flug heraus fing und etwa einen Meter über der Erde festhielt.
„Was in drei Teufelsnamen war das?“ brummte ich keuchend und beobachtete sie sorgfältig. Doch
sie hörte mir nicht zu. Verängstigt starrte sie auf den schwarzen Dampf, der sich um ihren Körper
wand und ihr jegliche Möglichkeit nahm sich zu bewegen. „W-was ist das?“ fragte sie mit zitternder
Stimme, während sie verzweifelt versuchte gegen den Zauber anzukämpfen. Ein schiefes Lächeln
schlich sich auf mein Gesicht. „Nichts besonderes. Nur die manifestierte Dunkelheit meiner Seele.
Oder wenn du auf einen Namen bestehst. Miasma.“
Kapitel 6
Ein neuer Feind
Eine Sekunde starrte sie mich entsetzt an, bevor sie durch wildes Zappeln versuchte dem Miasma zu
entkommen. Ich kratzte mich am Kopf. „Wann wird sie wohl merken, dass es aussichtslos ist?“
fragte ich mich selbstsicher und beobachtete sie gespannt. Nach mehreren vergeblichen Versuchen,
schien sie begriffen zu haben, dass mit Kraft alleine nicht weit kommen würde, also versuchte sie es
mit ihren magischen Kräften, die mir zuvor so sehr zugesetzt haben. Aber ich war nicht umsonst so
selbstsicher. Sobald sie versuchte eine größere Menge Energie zu konzentrieren, nutzte ich mein
Miasma, um die Kreisläufe der Magie schon im Ansatz zu unterbrechen. Bei ihrer geringen Stärke,
würde sie sich niemals aus meinem Griff befreien können. Trotzdem versuchte sie es immer wieder.
Und jedes Mal unterbrach ich ihren Zauber. Langsam nahm ihr Gesicht den Ausdruck tiefer
Verzweiflung an und durch die Informationen, die mir mein Miasma lieferte, wusste ich, dass sie
angefangen hatte zu zittern.
Ich fühlte mich einfach nur beschissen. Schon die ganze Zeit über rebellierte mein Gewissen und
schallte mich ein Macht missbrauchendes Schwein. Aber was hätte ich tun sollen? Hätte ich mich
nicht gewehrt, würde ich keine Antworten bekommen, wäre ich nicht in der Lage diejenigen, die ich
zu beschützen geschworen habe, weiterhin von den Dämonen fernhalten. Ich wusste zwar nicht,
was es für ein Zauber gewesen war, aber sie war sich sicher mich damit besiegen zu können. Was
hätte ich anderes tun können, als mich zu wehren? Als dafür zu sorgen, dass ich weiterhin die
Menschen vor den Kreaturen der Hölle beschützen kann?
Doch da riss mich Reika aus meinen Gedanken. Sie hatte ihren Widerstand aufgegeben, fast ihre
gesamte Energie war verbraucht und sie ließ ihren Kopf hängen, sodass es mir nicht möglich war
ihr Gesicht zu sehen. Trotzdem kam mir die Erkenntnis zugeflogen. Aber ihre Landung war hart
und ließ mein Gewissen vor Grauen gegen die Wände meines Geistes hämmern. Sie versuchte es zu
unterdrücken, aber ihre Schultern zuckten verdächtig und auch ihr Atem wurde immer
unbeständiger. Zudem hätte ich schwören können, dass ich im blauen Schimmer der Barriere etwas
feuchtes auf ihrem Gesicht glitzern gesehen hätte. Ich biss mir auf die Lippe. Egal wie sehr ich es
versuchte, ich kam nicht drumherum mich schuldig zu fühlen. Ich hatte die gesamte Situation von
Anfang an verabscheut, aber ich hätte nie daran gedacht, dass es mich so mitnehmen würde. Was
war ich denn für ein Kerl? „Einer, der seine Macht über andere benutzt, um ein Mädchen zum
heulen zu bringen.“ antwortete ich mir brummend, mit knirschenden Zähnen. „Trotzdem war es
nötig... Wie zum Teufel hätte ich sie denn beruhigen sollen? Solange sie denkt, dass sie mich
besiegen kann, wird sie niemals auch nur ein ernsthaftes Wort mit mir wechseln.“ beruhigte ich
mein aufgebrachtes Gewissen, während ich Reika langsam und äußerst sacht auf den Boden sinken
ließ. Kurz nachdem ihre zitternden Beine den Boden erreichten, löste ich das Miasma von ihr. Sie
sank sofort auf ihre Knie, hielt den Kopf gesenkt und stützte sich mit beiden Armen auf dem Boden
ab. Ihre Schultern zuckten und glänzende Tränen tropften zu Boden. Ihr Anblick nagte an mir. Ich
wartete etwa eine Minute, bis sie sich wieder beruhigt hatte und die Tränen versiegten. Ich wollte
sie nicht noch mehr demütigen, als ich es ohnehin schon getan habe.
Langsam und mit bedächtigen Schritten ging ich zu ihr. Als ich vor ihr stand und schweigend auf
sie herab sah, setzte sie sich aufrecht hin und starrte meine Füße hasserfüllt mit einem traurigen und
erwartungsvollen Blick an. Es verwirrte mich. „Was zum Henker denkt sie eigentlich, was ich bin?“
wunderte ich mich. Ich wartete etwa eine halbe Minuten, aber als sie nichts sagte, ergriff ich
schließlich das Wort: „Was glaubst du, soll ich jetzt mit dir machen?“ Ich beobachtete verblüfft, wie
sie die Hände auf ihrem Schoß zu zitternden Fäusten ballte. „Reicht es nicht, dass du gewonnen
hast? Bring es einfach zu Ende.“ flehte sie mit zitternder Stimme und ich spürte, dass sie kurz vorm
Weinen stand. Verwirrt ging ich in die Hocke, damit sich unsere Gesichter auf einer Höhe befanden.
„Du scheinst mehr zu wissen als ich...“ setzte ich nach sorgsamer Wahl meiner Worte an, wurde
aber abrupt von ihr unterbrochen. „Jetzt spiele nicht mit mir! Was soll ich denn noch machen? Ich
flehe dich an quäle mich nicht so.“ flehte sie, während sie ihren Kopf hob und mir direkt in die
Augen schaute. Schweigend musterte ich ihr blasses Gesicht, die erschöpften Züge, die mit Tränen
gefüllten Auge, deren Ausdruck sich verändert hatte. Dieser Hass, der mir so perplex war, glühte
immer noch in ihnen, wurde aber von einer dicken Schicht Angst überdeckt. Ich erinnerte mich an
ihre Anspielung im Restaurant und fragte in einem sanften und versöhnlichen Ton: „Du glaubst
wirklich, ich will dir deine Seele stehlen?“ „Was denn sonst? Ihr Batakis seid doch alle gleich. Ich
hasse dich! Ich hasse euch alle!“ „Um ehrlich zu sein, habe ich nicht die geringste Ahnung wovon
du gerade redest. Batakis? Sind das japanische Bockwürste?“ fragte ich mit einem schwachen
Lächeln und musste schmunzeln, als ich ihren verblüfften Gesichtsausdruck sah. „D-Du lügst
oder?“ fragte sie verunsichert. „Warum sollte ich? Wenn ich dir irgendwas antun wollte, hätte ich
das schon längst getan.“ beruhigte ich sie, stand auf und hielt ihr eine Hand entgegen. „Alles was
ich will, sind Antworten. Wieso hasst du mich so sehr? Was sind Batakis? Und was um alles in der
Welt war diese Kraft, die du vorhin eingesetzt hast?“ erklärte ich lächelnd. „Ich traue dir nicht...
Warum hältst du mich so lange hin?“ fragte sie mich wieder, ignorierte meine helfende Hand und
rappelte sich von alleine wieder auf. Unsicher stand sie mir gegenüber, ihren Körper hatte sie
schützend mit ihren Armen umschlungen und schaute mir wieder in die Augen. „Im Restaurant ists
mir gar nicht aufgefallen... Sie ist ja fast so groß wie ich.“ schoss es mir plötzlich durch den Kopf.
Verärgert schob ich diese unwichtige Erkenntnis beiseite und konzentrierte mich auf das
Wesentliche.
Seufzend warf ich die Hände in die Luft und schüttelte resignierend den Kopf. „Okay... Da du
anscheinend eine eingefleischte Zicke bist, will ich deinem Wunsch nachkommen und dir deine
Seele nehmen... Aber erst wenn du mir Antworten auf meine Fragen gegeben hast. Bist du jetzt
glücklich?“ Belustigt sah ich einen Zornes Funken in ihren Augen auf blitzen, als sie zu ihrer
Erwiderung ansetzte. „Ich weiß nicht warum sich Suyi mit dir abgibt. Du bist ein verdammtes
Arschloch!“ „Wahrscheinlich weil ich der einzige bin, der Teito halbwegs im Zaum halten kann...“
schmunzelte ich, verfehlte aber damit mein Ziel. Der jähe Anflug von Wut verblasste in ihren
Augen und zurück blieb wieder nur die Angst. „Was wirst du jetzt mit mir machen? Ich glaub kaum,
dass du das Risiko eingehen wirst mich leben zu lassen, nachdem ich weiß, was du bist.“ „Arghh.“
rief ich aus und raufte mir spielerisch die Harre. „Du bist wirklich ein schwieriger Fall. Was ist so
schwer daran zu verstehen, dass ich dir nichts tun will? Selbst ein Grundschüler würde das
verstehen.“ mopperte ich und warf ihr dabei einen genervten Blick zu. Diesmal war meine
Provokation erfolgreich. Aufgebracht stach sie mir mit ihrem Zeigefinger in die Brust und setzte
gerade zu einer gehässigen Erwiderung an, als etwas total unerwartetes passierte. Urplötzlich spürte
ich außerhalb der Barriere drei Dämonen mit unglaublicher Geschwindigkeit auf uns zu kommen.
Ich hatte gerade noch genug Zeit Reika am Handgelenk zu packen und zur Seite mitzureißen. Sie
stieß einen ängstlichen und überraschten Schrei aus und versuchte sich panisch aus meinem Griff zu
befreien. Ihre langen Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in meinen Arm und in mein Gesicht.
Trotzdem schaffte ich es irgendwie sie solange festzuhalten, bis wir gemeinsam auf den feuchten
Boden landeten und eine kleine Strecke zusammen schlitterten. Gerade als ich ihr Handgelenk
losließ, sprengten die drei Dämonen die Barriere mit einem ohrenbetäubenden Kreischen und
landeten dort, wo wir einen Augenblick vorher noch gestanden hatten. Ein blendendes blaues Licht
glühte für eine Sekunde auf, blendete mich und Reika und erlosch dann mitsamt dem Zauber, der
uns vor der Außenwelt abschirmte. Mit einem Fluch auf den Lippen sprang ich auf, wirbelte zu den
Kreaturen herum und nahm die Umgebung mithilfe meines Miasmas in genaueren Augenschein.
Das Glück schien mir hold zu sein. Keine Menschenseele war weit und breit zu sehen. Alle Fenster
waren geschlossen oder mit Brettern zugenagelt. Niemand würde etwas mitbekommen, wenn ich es
schnell beenden könnte. Die Dämonen waren nicht sehr groß, höchstens zwei Meter dreißig, aber
trotzdem wusste ich, dass sie mächtig waren. Sehr mächtig. Nicht nur, weil sie die Barriere spielend
zerstört haben, sondern auch weil sie alle unverkennbare menschliche Züge hatten. Solche
Dämonen tauchen normalerweise nur sehr selten auf, das letzte Exemplar hatte ich vor einem Jahr
zurück in die Hölle geschickt und es beunruhigte mich, dass gleich drei auf einmal vor mir standen.
Ihre dämonisch glühenden Augen, die bereits den Ansatz von menschlichen Pupillen hatten, waren
starr auf mich gerichtet. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken herab. „Das wird hart werden.“
murmelte ich mehr zu mehr selber, als zu Reika, die plötzlich dicht hinter mir stand und über meine
Schulter zu ihnen lugte. Ihre Augen waren weit aufgerissen und sie hauchte fast wie erstarrt:
„Nein... Nein... Das kann nicht sein! Wir sind tot, wir werden unsere Seelen verlieren...“ Doch ehe
ich sie beruhigen konnte, ertönte plötzlich ein sägendes und furchtbar lautes Geräusch, das von
einem der Dämonen auszugehen schien. Ich brauchte ein bisschen, aber dann hörte ich plötzlich so
etwas ähnliches wie eine Stimme aus dem Geräusch heraus. Auch sie verzehrt klang und mir das
Gefühl gab, das mein Trommelfell in tausende Fetzen gerissen werden würde „Hörst du es?“ fragte
ich Reika, die nur schwach nickte und einen Namen flüsterte: „Satsubas...“ Die Stimme und damit
auch das Sägen, nahm an Lautstärke zu und wir verstummten: „Finsternis des Himmels übergebe
das Mädchen und lebe oder kämpfe und werde unser.“
Kapitel 7
Der erste Sieg
Überrascht zog ich eine Augenbraue hoch und ärgerte mich, dass ich absolut nichts von dem
verstand, was gerade vor sich ging. Ich drehte den Kopf und musterte Reika, die immer noch hinter
meinem Rücken stand. Ihr Gesicht ist noch blasser geworden, ihre Knie zitterten unaufhörlich und
selbst die feinen Haare auf ihren Armen hatten sich aufgestellt. Alles in allem sah sie aus, als würde
sie jeden Moment bewusstlos zusammen klappen. Ich wandte mich wieder den Dämonen zu und
fragte mit fester Stimme: „Ihr wollt ihre Seele richtig? Aber warum? Besonders schmackhaft schien
sie mir nicht zu sein.“ Ich glaubte ein tiefes Grollen zu hören, bevor ich wieder das Sägen vernahm.
„Lass sie allein und lebe.“ „Geez, irgendwie bin ich heute Abend nur von Vollidioten umgeben! Erst
eine kleine Zicke, die die Bedeutung von „Ich tue dir nichts!“ nicht versteht und jetzt drei
Dämonen, die nicht einmal wissen wie man auf eine Frage antwortet.“ beschwerte ich mich
spottend und erreichte, was ich wollte. Die Höllenwesen wurden wütend und die Luft lud sich
förmlich mit ihrem unermesslichen Zorn auf. Das Sägen erklang wieder, diesmal aber war es sehr
viel schriller und malträtierte unbarmherzig meine Trommelfelle: „Wir geben dir eine letzte Chance.
Übergebe sie uns und lebe!“ Eigentlich wollte ich ihnen eine weitere spöttische Bemerkung an den
Kopf werfen, aber ich wurde von Reika abgelenkt. Sie trat plötzlich hinter mir hervor und wollte an
mir vorbei, zu den Dämonen gehen. Rasch schnellte meine Hand vor, packte sie an der Schulter und
zwang sie stehen zu bleiben. Überrascht fragte ich: „Was soll denn das jetzt werden?“ Sie drehte
den Kopf leicht zu mir herum und ich sah, wie ihr die Tränen stumm an den Wangen runter liefen.
„Ist das nicht offensichtlich?“ flüsterte sie mit brüchiger Stimme, „Ich werde mich deinen
dämonischen Verbündeten ausliefern... Ich bin verloren.“ „Geez! Du bist wirklich die sturste
Person, die mir jemals begegnet ist! Ich habe dir doch gesagt, dass ich dir nichts tun will. Ich will
nur Antworten.“ fluchte ich aufgebracht und riss sie mit sanfter Gewalt an der Schulter herum, um
ihr in die rotgeränderten Augen zu schauen. „Und wenn du noch ein einziges Mal sagst, dass
irgendwelche Dämonen meine Verbündeten sind, lass ich dich durch meine ganz persönliche Hölle
wandern! Ich bin kein Dämon. Ich bin kein Seelenfresser. Vielleicht bin ich ein Bataki, was auch
immer das ist, aber ich bin keiner der Bösen! Hast du es jetzt verstanden?“ erklärte ich ihr, bemüht
meine aufkommende Wut zu unterdrücken. Man konnte mich alles schimpfen, aber nicht einen
Verbündeten der Dämonen. Sie fing an zu schluchzen und schlug die Hände vor ihr Gesicht. „Selbst
wenn das die Wahrheit sein sollte, kann ich nicht entkommen. Es ist einfach nur hoffnungslos.
Alleine würde ich nicht einmal gegen einen von ihnen ankommen. Es sind Satsubas.“ jammerte sie.
„Alleine?“ fragte ich und dabei schlich sich ein bedeutungsvolles Lächeln auf mein Gesicht. Es
dauerte einen Augenblick, bis sie verstand. Sie ließ die Hände sinken und starrte mich ungläubig an.
„D-das kann nicht dein Ernst sein?“ stotterte sie, während ein schwacher Schimmer der Hoffnung
ihren Augen neues Leben verlieh. Mein Lächeln wurde breiter. „A-aber sie sind zu dritt! Du wirst
keine Chance haben!“ stieß sie hervor und versuchte sich loszureißen. Aber ich hatte mich bereits
entschieden und ließ sie nicht los. „Tut mir Leid Reika, aber ich kann deine Selbstmordgedanken
nicht akzeptieren.“ entschuldigte ich mich und lächelte sie beruhigend an. Ehe sie protestieren
konnte, umgab sie der schwarze Dampf komplett von Kopf bis Fuß, verhärtete sich und bildete eine
kugelförmige Barriere, die sie vor den meisten Angriffen schützen sollte. Fassungslos sank sie auf
die Knie, drückte ihre Hände an die harte Wand und starrte mich verwirrt an. Ich lächelte ihr ein
letztes Mal zu und wandte mich dann wieder der dämonischen Brut zu. Ein unmenschlicher Schrei
hallte über die Straße und brachte meine Ohren unangenehm zum Piepen. „Ist das die Antwort der
Finsternis des Himmels?“ Ich antwortete nicht direkt und schaute gedankenverloren zum Himmel
hinauf. Gerade zogen die letzten Wolken vorbei und enthüllten einen klaren, wunderschönen
Sternenhimmel. Schon seit ich klein war habe ich diesen Anblick geliebt. Es war als hätte ich eine
unerklärliche Verbindung, einen geheimen Bund, mit ihm geschlossen. Und so spürte ich, wie ein
neuer Stern sich zu dem funkelnden Meer gesellte und seine Pracht vergrößerte, was ich mit einem
zufriedenen Lächeln quittierte.
Ich ließ meine Aufmerksamkeit zu den Dämonen zurück wandern und spürte auf Anhieb ihre
Spannung. „Ihr nanntet mich die Finsternis des Himmels... Ein netter Name, dem ich doch gerecht
werden muss, oder?“ meinte ich leichthin und entfesselte die Kraft, die tief in meiner Seele wohnte.
Aus meinem Körper quill dickflüssiges Miasma, das sich um meine Füße herum ausbreitete und in
wenigen Sekunden fast die komplette Straße bedeckte. Doch, noch ehe es meine drei Gegner
erreichte, stoben diese mit unglaublicher Geschwindigkeit auseinander und versuchten mich zu
umzingeln. Einer versuchte in meinen Rücken zu gelangen, während die beiden verbleibenden
direkt auf mich eindrangen. Aber so einfach wollte ich es ihnen nicht machen. Ich versah das
Miasma mit einer beträchtlichen Menge Energie auf und erschuf so eine Art magisches Minenfeld,
das auf die Berührung der Dämonen reagierte. Jedes Mal, wenn sie einen Schritt auf dem Miasma
taten, entlud sich die angestaute Energie in einer ohrenbetäubenden und vernichtenden Explosion,
die ausgereicht hätte jeden einfachen Dämon mit einem einzigen Treffer auszulöschen. Dunkler
Rauch stieg an den Explosionsorten auf und vernebelte sowohl mir, als auch meinen Gegnern die
Sicht. Blitzschnell breitete er sich, genau wie das Miasma über dem gesamten Kampffeld aus und
raubte allen die Übersicht. Allerdings behinderte er nicht den Informationsfluss, den mir mein
Miasma beständig zuschickte und mich über alles, ihre Bewegungen, die Beschaffenheit der Straße,
alle Schlaglöcher und ungeschickt platzierten Mülleimer in Kenntnis setzte.
Trotz dieses Minenfeldes, das ich erschuf, rannten sie unbekümmert weiter, ignorierten die
Explosionen und kamen mir immer näher. „Wäre auch zu einfach gewesen... Dann will ich euch
mal testen“ murmelte ich mit einem amüsierten Lächeln und erhöhte ruckartig die Ladung des
Miasmas. Eigentlich hatte ich nicht erwartet, dass es was ändern würde, aber plötzlich spürte ich
wie einer von den zwei, die mich von vorne angreifen wollten, ins Schlingern geriet und kurz darauf
mit ungeheurer Wucht, die eine nicht minder wuchtige Explosionen zur Folge hatte, auf den Boden
aufschlug.
Ohne das ich Befehle geben brauchte, reagierte das Miasma, wie von Geisterhand, bäumte sich
seitlich von dem Dämon auf und verschlang ihn komplett, ehe er wieder aufstehen konnte. Im
nächsten Moment drang es in seinen Körper ein und sandte mir die Informationen, die ich brauchte.
Wie ich vermutet hatte, war er stark... Aber ich hatte nicht erwartet, dass er so mächtig war. In
seinem dämonischen Körper verbarg er eine Kraft, die bestimmt das dreifache des normalen Wertes
überschritt. Nun wunderte mich es nicht mehr im geringsten, dass sie in der Lage waren einfach
durch die Explosionen hindurch zugehen. Im Gegenteil. Es wunderte mich, dass eine so geringe
Menge Energie es geschafft hatte ihn zum Fall zu bringen. „Wenn die anderen beiden über die
gleiche Menge an Kraft verfügen, stecke ich wirklich in der Klemme.“ sah ich düster ein und spürte
bereits, wie der Dämon mein Eindringen zu bekämpfen versuchte. Doch ich musste ihn loswerden.
Die anderen beiden waren schon gefährlich nahe und es war nur noch eine Frage von Sekunden , bis
sie mich erreichten. „Egal ob außergewöhnlich oder nicht, ihr habt immer noch die selbe
Schwachstelle.“ knurrte ich und stieß meine Magie mit brachialer Gewalt weiter in seinen Körper.
Der Widerstand wurde stärker je weiter ich mich seinem Konzentrationspunkt näherte. Er enthielt
die Seele eines Dämons, die alle magischen Aktivitäten steuerte und da sie keinen wirklichen
Körper, sondern nur ein Gebilde aus materialisierter Magie, besaßen, bedeutete die Zerstörung
dieses Punkts, der Seele, den sofortigen Tod des Dämons. Und dementsprechend versuchte mein
Gegner alles, was in seiner Macht stand, um ihn vor mir zu beschützen. Mein Vorstoß verlangsamte
sich, als er Barrieren aufbaute und sich zudem noch gegen den Griff meines Miasmas wehrte. Ich
brauchte meine ganze Konzentration und einen Großteil meiner Kraft, um die Schutzwälle zu
zerstören. Ich spürte wie die Magie an meinem Körper zehrte und die ersten Schweißperlen bildeten
sich auf meiner Stirn. Doch ich gab nicht nach. Ganz im Gegenteil, ich verstärkte meinen Druck
sprunghaft und durchbrach seine noch unvollständige Verteidigung. Er war einfach zu langsam für
mich. Schwer atmend spürte ich, wie ich seinen Konzentrationspunkt erreichte und ihn mit einem
einzigen magischen Schockzauber zerbrach. Sofort entglitt die verkümmerte Seele aus ihrem
Gefängnis und der entstellte Körper löste sich binnen weniger Millisekunden restlos auf. Ein
kleines Hochgefühl überkam mich, das jedoch schnell wieder verschwand, als ich das wütende
Sägen einer seiner Kameraden vernahm. Hektisch lenkte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die
verbleibenden Gegner und stellte erschrocken fest, dass sie nur wenige Meter von mir entfernt
waren. Schutz suchend nahm ich eine geduckte Haltung an. Sie kamen von rechts und links auf
mich zugeprescht, während sie von den beständigen Klängen der Explosionen begleitet wurden. Ich
hatte keine Zeit zu reagieren. Nach alledem war mein Körper der eines normalen Menschen. Ich
hätte niemals rechtzeitig ausweichen können. Ein beherztes „Shit“ entglitt mir, während mein Blick
hektisch von rechts nach links und wieder zurück fuhr. Erneut malträtierte das siegessichere Sägen
der Dämonen meine Trommelfelle, als sie plötzlich wenige Schritte vor mir, zeitgleich aus dem
schwarzen Rauch der Explosionen auftauchten. Doch dann gab ich meine geduckte Körperhaltung
auf, drückte meinen Rücken durch und murmelte gedankenverloren vor mich hin, während ich tief
in mich selbst ging: „Ich habe wohl keine andere Wahl...“
Kapitel 8
Die Macht der Finsternis
Ich brauchte nicht zu suchen, ich wusste wo es war. Tief in meiner Seele verborgen, hatte ich es
erschaffen, um einen Großteil meiner Kräfte zu versiegeln, damit sie keine machthungrigen
Dämonen mehr anlockten. Aber jetzt befand ich mich in einer Situation, in der mir das herzlich egal
sein konnte. Sie waren bereits da und standen kurz davor mich zwischen ihren Fäusten zu Brei zu
zermahlen. Ich löste das Siegel binnen weniger Sekundenbruchteile auf. Eine ungeheure Macht
durchflutete jede einzelne Faser meines Körpers, die Luft um mich herum verdunkelte sich und
tauchte meine direkte Umgebung in eine tiefe Finsternis, die dunkler war als die hereinbrechende
Nacht. Meine vor Erregung prickelnde Haut überzog sich mit einem pechschwarzen Film und
innerhalb kürzester verwandelte ich mich in ein verschwommenes Geschöpf der Schatten. Sofort
lud sich, sowohl das Miasma, das den Boden bedeckte, als auch die feinen Partikel in der Luft mit
einer ungeheuren Energie auf. Schwarze Blitze zuckten zwischen Luft und Boden hin und her und
gaben dabei ein verheißungsvolles Knistern von sich.
Ich sammelte einen winzigen Teil, der zu mir zurückgekehrten Kraft und konzentrierte sie auf
meine zweite schwarze Haut. Sofort spürte ich die Kraft, die mir dadurch zuteil wurde und binnen
weniger Millisekunden wich ich dem doppelseitigen Angriff, der Dämonen durch einen eleganten
Hechtsprung nach vorne aus. Ich hörte und spürte durch die Miasmapartikel in der Luft den
vernichtenden Zusammenprall ihrer Fäuste. Ruckartig drehte ich mich um. „Sie sind genau
gleichstark?“ fragte ich mich verblüfft, als ich die Informationen, die mir gesendet wurden
auswertete. Sie hatten beide im exakt gleichen Winkel mit der exakt gleichen Stärke zugeschlagen.
„Irgendwas stimmt hier nicht.“ grübelte ich weiter, doch mir blieb keine Zeit dem weiter
nachzugehen. Nachdem die Dämonen begriffen hatten, dass ich ihrem Angriff ausgewichen war,
stießen sie einen ohrenbetäubenden Schrei aus und setzten mir nach. Obwohl mich eine Wolke
absoluter Finsternis umgab, verloren ihre Hiebe nicht an Genauigkeit. Im Gegenteil. Sie fanden jede
Lücke in meiner Verteidigung und drängten mich ohne Unterlass immer weiter in die Defensive.
Zudem wurden ihre Schläge immer schneller und wuchtiger. „Verfluchte Scheiße... Sollte ein
Treffer sitzen und ich bin in ernsthaften Schwierigkeiten.“ schoss es mir durch den Kopf und mir
wurde klar, dass ich handeln musste. Jedoch wollte ich diese böse Vorahnung nicht ignorieren. Also
benutzte ich meine wieder erweckte Kraft, um eine schwache Verbindung zu jeglichem Miasma
aufzubauen, das in Form von Fallen und Sensoren über die ganze Stadt verteilt war. Kleine,
unsichtbare Fäden verbanden die Partikel mit meiner Seele und ich formte meinen Geist zu einer
Hand, mit der ich all diese Fäden auf einmal ergriff und mit einem groben Ruck zu mir zog. Doch
während ich mich auf meinen kleinen Zauber konzentrierte, vernachlässigte ich meine Verteidigung
für einen winzigen Moment, der mir beinahe das Leben gekostet hätte. Einer der Dämonen fand
eine Öffnung und ließ seine Faust mit brachialer Gewalt auf mein Gesicht zu sausen. Ich entging
dem Presslufthammer ähnlichen Schlag nur ganz knapp, indem ich eine blitzschnelle Bewegung zur
Seite machte. Nichtsdestotrotz streifte mich die Faust an der Schläfe. Ein schmerzhaftes Pochen,
das bei mir Schwindelgefühle auslöste, setzte ein und ich spürte eine warme Flüssigkeit an meinem
Gesicht herab laufen. Ich stieß einen schnellen, aber derben Fluch aus und musste mir eingestehen,
dass ich einen direkten Treffer niemals überleben würde. „Wie können sie immer stärker werden?
Das ist selbst für Dämonen nicht normal, verfluchte Scheiße!“ Doch ich hatte Glück im Unglück.
Gerade als ein weiterer Schlag auf mein Gesicht zu schnellte, nahm ich die letzten Tröpfchen
meiner Kraft auf. „Zeit zu Handeln!“
Ich stieß mich beherzt vom Boden ab und rief mein vervollständigtes Miasma an. Sofort verspürte
ich einen sanften Druck auf meiner vorderen Körperseite, als mich der schwarze Dampf ergriff und
mehrere Meter, fast schwebend, rückwärts von den überraschten Dämonen weg katapultierte. So
konnte ich einen Moment meine Verteidigung vernachlässigen und mich voll und ganz auf meinen
Zauber konzentrieren. „Geez, nach all den Jahren, hatte ich ganz vergessen, dass es viel mehr
Konzentration braucht, um solch eine Masse an Energie zu kontrollieren...“ fluchte ich innerlich
und hoffte inständig, dass es mir rechtzeitig gelingen würde den Spruch zu weben. Aber es sah
schlecht aus. Die Dämonen hatten ihre Überraschung schneller überwunden, als ich gehofft habe
und stürmten mir grollend nach. Sie hatten mich schon beinahe eingeholt. „Kack Dreck ich schaffs
nicht mehr...“ schoss es mir panisch durch den Kopf, als meine Gegner schon mehr als die Hälfte
der Distanz überbrückt hatten. „Sie werden immer schneller... Ich kann nicht mehr ausweichen.“
Fluchend unterbrach ich den Zauber und rief erneut mein Miasma an. Vergeblich versuchte ich es
dazu zu bringen die Beine der Dämonen zu umschlingen und sie mir vom Leib zu halten, aber durch
die schier unglaubliche Konzentration von Magie war es schwer zu kontrollieren. Zwar tat es, was
ich ihm befahl, allerdings viel zu langsam. Verzweifelt zog ich all meine magische Energie, all mein
Miasma in einen Punkt zusammen. Jeder auch noch so kleine Energietropfen, der in der Luft und
am Boden zurückgeblieben war, kehrte zu mir zurück. Dann bereitete ich mich innerlich darauf vor
eine vernichtende Schlagkombination einzustecken. Ich hoffte, dass es mir irgendwie gelingen
würden den Schaden zu reduzieren, indem ich mein Miasma in den Stellen, wo sich mich treffen
würden, zum Schild formen und so eventuell nur mit ein paar Knochenbrüchen davon kommen
könnte. Mit dem Mut der Verzweiflung schärfte ich meine Sinne so gut es ging und versuchte mich
zu beruhigen. Ich dachte nicht an die Schmerzen, die mir bevorstanden und konzentrierte mich
alleine auf die breiten Fäuste der Dämonen und das verräterische Zucken ihrer Muskeln. „Ich darf
hier nicht sterben!“
Doch urplötzlich schallte ein zugleich entsetzter und wütender Schrei über die Straße: „ZANE! Du
verfluchter Schlapschwanz, das ist deine Angelegenheit, also warum muss ich dir jetzt den Arsch
retten?!“ Teito kam wie aus dem Nichts aus einer kleinen Gasse, die direkt vor mir war, geschossen
und stürmte halsbrecherisch auf die Dämonen zu. Ich brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, was
er vorhatte, aber dann schrie ich verzweifelt: „Du verblödeter Wichsknödel! Hau ab du wirst
sterben! Verdammte Scheiße!“ Doch es war zu spät. Er war bereits gesprungen und zu meiner
Überraschung hatte er die Geschwindigkeit der Dämonen sogar richtig abgeschätzt und rammte sie
mit seiner Schulter. Und was mich noch viel mehr überraschte war, dass es wirklich funktionierte.
Ein schwacher Lichtblitz durchzuckte die Dunkelheit, als er den riesigen Dämon traf. Dieser Stieß
ein überraschtes Grollen aus, als er weg geschleudert wurde und den anderen im Flug mit sich riss.
Ein dumpfes Geräusch ertönte, als die beiden hart auf den Boden prallten und sich unter ihrem
eigenen Gewicht begruben. Da sah ich meine Chance. Entschlossen schoss mein Miasma vorwärts
und umklammerte die Körper der Dämonen. Obwohl ich all meine Kraft einsetzte, reichte es nicht,
um sie am Boden zu halten. „Sie sind wieder stärker geworden...“ stellte ich düster fest, aber ich
hatte auch nicht geplant sie, auf die gleiche Art und Weise wie ihren bereits dematerialisierten
Gefährten, zu erledigen. Es reichte vollkommen, dass es sie verlangsamte. Es gab mir genügend
Zeit mich zu sammeln. „Ihr werdet keinem Menschen mehr die Seele stehlen!“ schrie ich und
vollendete meinen Spruch. Zwischen allen Partikeln des Miasmas entstanden winzige schwarze
Strahlen konzentrierter Finsternis, die ein penetrantes Summen von sich gaben. Die Dämonen
befanden sich zwischen den abertausende Partikeln und die Strahlen brannten sich gnadenlos durch
ihr Fleisch. In ihrem Todeskampf gaben sie dämonische Geräusche von sich, die kein normaler
Mensch jemals beschreiben könnte. Doch dann hatten sich die schwarzen Strahlen bis zu ihrem
Konzentrationspunkt durchgebrannt und mit einer letzten Erhöhung der Energie durchbrachen sie
die Schutzwälle und beide Dämonen verstummten.
Kapitel 9
Ein Monster?
Die Ränder ihres Körpers begannen in einem grün gelben Schimmer zu leuchten, als die
Dematerialisierung langsam einsetzte. Zu langsam. Der Zauber hätte sie auf der Stelle in das ewige
Nichts befördern müssen. Ihre Konzentrationspunkte waren restlos zerstört, aber auf mir
unerklärliche Weise gelangten die gefangenen Seelen nicht aus ihren Körper heraus. Es schien mir
so, als ob sie von irgendetwas in die Dämonen hinein gedrückt wurden. Erschöpft rief ich erneut
mein Miasma an und drang in die toten Rest des magischen Fleisches ein. Ich spürte nichts. Nicht
die geringste Spur eines Zaubers, oder irgendeiner anderen Energie. Doch dann berührte ich mit
meinen feinen Miasmapartikeln die zitternden Seelen. Augenblicklich verspürte ich ein gewaltigen
Kraftstrom, der beständig auf die Seelen einströmte und sie zwang in den Körpern zu verweilen.
Geschockt begriff ich, was das bedeutete. Ich sammelte meine letzte Kraft und erschuf eine
kugelförmige Barriere, um die Seelen von diesem seltsamen Kraftstrom abzuschirmen. Ein
erschöpftes Stöhnen entglitt meiner rauen Kehle, als diese, mir unbekannte, Macht gegen meine
Barriere kämpfte und mit allen Mitteln versuchte wieder Kontakt zu den Seelen aufzubauen.
„Irgendjemand muss diesen Strom lenken...“ begriff ich, doch zu mehr war ich nicht in der Lage. Es
kostete den letzten Funken meiner Kraft dem unbeschreiblichen Druck, der auf der Barriere lastete
standzuhalten. Doch zu meinem Glück reagierten die Seelen schnell auf die schwachen Impulse der
Freiheit und drängten auf den kürzesten Weg aus den Körpern heraus. Der Adrenalinpegel in
meinem Blut nahm langsam ab und ich fing an die Nachwirkungen des Kampfes zu spüren. Meine
Knie wurden schwach, die Welt verschwamm vor meinen Augen und ich hatte mit einem
überraschend einsetzenden Schwindel zu kämpfen. Und natürlich fing mein Magen an verräterisch
zu rumoren und knurren. Trotzdem schaffte ich es irgendwie dem hartnäckigen Kraftstrom
standzuhalten und die Seelen langsam aus ihrem Gefängnis hinaus zu geleiten. Sobald diese aus
dem magischen Bann befreit waren und die Ränder der Dämonenkörper überschritten hatten, zogen
sie sich in sich selbst zusammen und verschwanden geräuschlos dorthin, wohin ich ihnen nicht
folgen konnte. Ein erlöstes Seufzen entglitt mir, ich taumelte einige Schritte zurück, stieß mit dem
Rücken gegen eine Wand, gab meinen erschöpften Knien nach und ließ mich mit geschlossenen
Augen im Schneidersitz auf den kalten Boden sinken. Ich versuchte das schmerzhafte Pochen, das
von meiner immer noch blutenden Schläfe ausging zu ignorieren und zwang mich meine hektische
Atmung zu beruhigen.
„Gehts dir gut?“ drang Teitos Stimme zu mir durch und übertönte das Rauschen des Bluts in meinen
Ohren. Ein dichter Nebel umschloss mein Gehirn, wodurch es mehrere Augenblicke dauerte, bis
mein Verstand die Bedeutung seiner Worte verstanden hatte. „Einigermaßen.... Ich seh bestimmt
schlimmer aus, als ich mich fühle.“ log ich und betastete vorsichtig meine rechte Schläfe.
Überrascht von dem plötzlichen Brennen, als ich die Wunde sanft mit meinen Fingern befühlte,
stieß ich ein genervtes Seufzen aus. Sie war größer als ich dachte. „Vielleicht sehe ich doch so
schlimm aus, wie ich mich fühle.“ brummte ich in Gedanken und öffnete dann mein linkes Auge.
Teito stand breitbeinig vor mir und schaute besorgt auf mich herab. „Kannst du stehen?“ „Ich kanns
versuchen.“ murmelte ich, brachte meine schwachen Beine in Position und stemmte mich dann mit
meiner verbleibenden Kraft hoch. Die Wand im Rücken bot mir zusätzlichen Halt im Kampf gegen
mein eigenes Gewicht, aus dem ich wenige Momente später als Sieger hervorging. Doch ich
bezweifelte, dass ich alleine gehen könnte. Nur durch das Aufstehen hatte sich meine Atmung
wieder beschleunigt und der Schwindel wurde stärker. Doch ehe ich in der Lage war Teito um Hilfe
zu bitten, tauchten plötzlich die verschwommen Umrisse von Reika in meinem eingeschränkten
Blickfeld auf. Sie stand rechts hinter Teito und starrte mich mit einem hasserfüllten und zugleich
verwirrten Blick an. Teito hatte sie ebenfalls bemerkt und sich halb zu ihr umgedreht. Doch bevor er
etwas sagen konnte, zischte sie mit zusammengepressten Zähnen und mit zittriger Stimmer: „Was
sollte das? Warum hast du mich beschützt?“ „Garantiert nicht, weil mir etwas an dir liegt. Aber an
anderen. Deswegen.“ antwortete ich knapp und hätte beinahe über die Verwirrung in ihrem Gesicht
geschmunzelt, wäre ihr unverständlicher Hass auf mich nicht so tierisch nervig. „Ihr seid doch alle
gleich! Du...“ „Ich was?!“ unterbrach ich sie energisch, als die Wut wieder in mir aufwallte. Ich
hatte es satt wie ein Monster behandelt zu werden. „Du verfluchter Bataki! Du Werkzeug der
Zerstörung und Dämonen!“ spie sie mir entgegen und fachte dabei meine Wut noch mehr an, aber
ich war zu erschöpft, um mit ihr zu streiten. „Schön. Wenn du mir jetzt auch noch erklären würdest,
was das alles zu bedeuten hat und warum ich ein Werkzeug sein soll, wäre ich schon mal einen
Schritt weiter.“ Skeptisch funkelte sie mich an, als ob sie überlegen würde, ob ich ihr eine Falle
stellen oder ihr Vertrauen erschleichen wollte. Doch dann entschied sie wohl, dass ich dazu
momentan nicht in der Lage war und erklärte mir mit vorsichtig gewählten Worten: „Batakis sind
alte Geschöpfe, die durch Experimente mit Dämonen im Osten entstanden sind... Sie wurden
damals als Waffen gezüchtet, aber irgendwann konnten sie fliehen und haben sich über die gesamte
Welt verteilt...“ Sie machte eine kleine Pause und als sie fort fuhr mischte sich eine verbitterte
Traurigkeit mit dem unterdrückten Zorn und ließ ihre Stimme noch mehr zittern als zuvor: „Wie
von ihren Schöpfern beabsichtigt, besaßen sie das Verlagen stärker zu werden und um dieses Ziel zu
erreichen fingen sie an menschliche Seelen zu absorbieren. Sie vererbten ihre Kraft an ihre
Nachkommen weiter, wobei die Mütter die Geburt meist nicht ohne den Verlust ihrer Seele
überstanden hatten und so überdauerten sie bis in die heutige Zeit, da nur wenige Menschen
existieren, die in der Lage sind, es mit den dämonischen Kräften der Batakis aufzunehmen.“
Schweigend verarbeitete ich ihre Worte. Sie trafen mich härter, als es der gesamte Kampf getan
hatte. „Bin ich wirklich solch ein Monster?“ fragte ich mich ungläubig in Gedanken. Doch dann
wurde sie plötzlich von Teito wütend angeknurrt: „Wer keine Ahnung hat sollte einfach mal die
Fresse halten! Du hast doch keine Ahnung wer Zane ist, also shut the fuck up und verzieh dich.“
Reika funkelte ihn wütend an, erwiderte aber nichts. Dann drehte sie sich nochmal zu mir um, warf
mir einen angeekelten Blick zu, drehte sich auf der Stelle um und verließ uns ohne ein weiteres
Wort. „Bitch!“ brummte Teito angriffslustig, während ihre klackenden Schritte immer leiser wurde,
bis sie letztendlich komplett verstummten. Dann schnappte er sich meinen Arm, legte ihn sich um
die Schultern und stützte mich schweigend, als wir uns langsam auf den Weg machten. „Er.. hat
vollkommen Recht... Es ist nicht wichtig was... sondern wer ich bin...“ stellte ich innerlich fest und
verspürte eine tiefe Dankbarkeit für meinen besten Freund. „Du hast mir heute echt den Arsch
gerettet.“ meinte ich mit einer Stimme, die nicht viel mehr war, als ein erschöpftes Flüstern. Teito
lachte, doch ich wusste, dass er damit nur seine Sorge kaschieren wollte: „Jetzt sind wir quitt!
Glaub ja nicht, dass ich mich jemals wieder so halsbrecherisch zwischen dich und einen Dämon
werfe.“ Die Ansätze eines Lachens entschlüpften meiner Kehle, die jedoch sofort von dem
pochenden Schmerz in meiner Schläfe erstickt wurden. Gequält stöhnte ich auf. „Ich muss
unbedingt diese Wunde versorgen.“ fluchte ich leise. „Keine Sorge wir sind gleich bei dir. Dann
können wir den Notarzt rufen oder so.“ „Keinen Arzt... So schlimm ist die Wunde nicht. Ich hab
schon Schlimmeres überstanden.“ meinte ich, bekam aber nur ein missmutiges Brummen als
Antwort. Dann folgte eine längere Stille, in der ich mich voll darauf konzentrieren musste nicht das
Bewusstsein zu verlieren. Diese verfluchte Wunde, war anscheinend wirklich gefährlicher, als ich
angenommen hatte.
Kapitel 10
Kein Erwachen
Nach wenigen Minuten, in denen ich mich nur auf Teitos regelmäßige Schritte konzentrierte, um
nicht das Bewusstsein zu verlieren, erreichten wir mein Haus. „So wir sind da.“ kommentierte Teito
und selbst in meiner angeschlagenen Verfassung konnte ich die Sorge aus seiner Stimme heraus
hören. „In der linken Manteltasche ist der Schlüssel...“ stöhnte ich, als er mich vorsichtig absetzte,
ungeschickt nach den Schlüssel angelte und schweigend die Tür öffnete. In der Zwischenzeit
versuchte ich aufzustehen, aber meine schwachen Beine verweigerten mir ihre Dienste. Dann stand
Teito wieder vor mir, schnappte sich meinen Arm, zog mich auf die Beine und half mir langsam die
Treppen zu erklimmen. Hinter uns fiel die Tür mit einem dumpfen Knall ins Schloss und die
vertraute Stille meines Heims senkte sich über uns. Doch plötzlich wurde ich von einem
außergewöhnlich grellem Licht geblendet, was sofort einen speerartigen Schmerz zur Folge hatte,
der sich unbarmherzig durch jede einzelne Gehirnzelle zu bohren schien. Obwohl ich ein
schmerzhaftes Ziehen an meiner Schläfe spürte, kniff ich meine Augen reflexartig zusammen, um
dem quälenden Licht zu entgehen. Mit einem schwachen, fluchenden Stöhnen protestierte ich:
„Willst du mich foltern? Du hättest mich wenigstens vorwarnen können.“ „Beschwer dich nicht...
Immerhin rette ich gerade deinen verdammten Arsch.“ knurrte er als Antwort und zog mich weiter
durch den Flur. Langsam öffnete ich mein rechtes Auge und versuchte mich zu orientieren. Gerade
gingen wir an der Tür zu meiner Küche vorbei, also waren es nur noch wenige Meter bis zum
Wohnzimmer. Doch gerade, als ich Teito sagen wollte, wo er das Desinfektionsmittel und die
Verbände finden würde, fing der Spiegel an der Wand meine Aufmerksamkeit. Geschockt
betrachtete ich mein Spiegelbild. Die Wunde war tatsächlich weitaus schlimmer, als ich es
befürchtet hatte. Sie klaffte wenige Zentimeter neben meinem linken Auge und ich meinte sogar das
schimmernde Weiß von Knochen erkennen zu können. Aber das schlimmste war der Blutstrom, der
einfach nicht stoppen wollte. Meine gesamte linke Gesichtshälfte war in ein tiefes rot getaucht, das
mir mittlerweile auch am Kinn hinunter tropfte und meiner schwarzen Kleidung blutrot
schimmernde Flecken verlieh.
Ich schloss die Augen und entfloh so dem entmutigenden Anblick meines Spiegelbilds. Schweigend
ließ ich mich von Teito ins Wohnzimmer tragen, wo er mich vorsichtig auf das Sofa sinken ließ.
Durch die Glastür, die gegenüber von meinem provisorischem Krankenbett hinaus zu meinem
kleinen, verwilderten Garten führte, fiel das milde Mondlicht herein und verlieh dem ganzen Raum
einen mysteriösen Schein. „Wo hast du die Verbände versteckt? Ich bin zwar kein Arzt, aber ich
glaube wir müssen die Blutung irgendwie stoppen.“ meinte Teito und wartete geduldig bis seine
Worte mich erreichten. „Im Badezimmer... Zweite Schublade unterm Waschbecken.“ antwortete ich,
während mich ein erneuter Schwindelanfall heimsuchte. Sobald er im Flur verschwand senkte sich
eine unheimliche Stille über den Raum. Die einzigen Geräusche, die ich vernahmen konnte, waren
mein eigener rasselnder Atem, das Rauschen des Bluts in meinen Ohren und das schwache Klopfen
meines Herzens. Wieder einmal drängte sich mir ein seltsames Gefühl auf. Wie auch heute Morgen
spürte ich ein paar fremder Augen auf mir ruhen, aber in meinem aktuellen Zustand war es mir
unmöglich mich auch nur alleine aufzusetzen, geschweige denn mein Miasma zu benutzen, um dem
Gefühl auf den Grund zu gehen. „Alles was ich tun kann, ist zu hoffen die Nacht zu überleben...“
stellte ich düster fest und fuhr mir mit meiner trockenen Zunge über die spröden Lippen. Doch dann
fing mein Bewusstsein plötzlich an in die Leere der Ohnmacht abzudriften. Vergeblich versuchte
ich mich der erlösenden Dunkelheit zu entziehen, aber sie ließ mich nicht los. Sie lockte mich mit
wortlosen Versprechen der Schmerzlosigkeit. Anfangs schaffte ich es noch mich ihr zu widersetzen,
aber sobald Teitos wiederkehrende Schritte hallend zu mir durchdrangen, gab ich ihr mit einem halb
erleichterten, halb besorgten Seufzen nach. Augenblicklich umgab mich eine alles verschlingende
Finsternis, die jeden Funken Licht, jedes auch noch so kleine Geräusch ausblendete und mich in mir
selbst versinken ließ. Doch damit sollte die Nacht noch kein Ende gefunden haben...
Wie ein ungestümes Monster fiel die Müdigkeit über mich her und wollte mich mit ihrer
überwältigenden Gewalt ins Reich der Träume ziehen. Erleichtert erwartete ich die erlösende
Schmerzlosigkeit, die mich endlich von diesen hämmernden Kopfschmerzen befreien würde. Doch
sie kam nicht. Zwar spürte ich noch wie mein Bewusstsein langsam in das Nichts des Schlafs
entglitt, doch dann entdeckte ich urplötzlich eine fremde Kraft. Blitzschnell drang sie in mich ein,
sie klammerte sich an meinen Geist und hielt ihn mit einem unerschütterlichen Griff fest. So
verhinderte sie, dass ich mich in den Schlaf flüchten konnte und gleichzeitig war es mir nicht mehr
möglich die Kontrolle über meinen Körper zurückzugewinnen. Ich war in einer Welt zwischen der
Traumwelt und der Realität gefangen. Ein tiefes Nichts umgab mich, das einzige, was ich noch
fühlen konnte war mein Körper. Egal wie sehr ich mich zu wehren versuchte, es nützte nichts. Ich
war einfach zu erschöpft, um mich aus dem eisernen Griff der fremden Kraft zu befreien. Ein
dumpfes Gefühl der Angst wandte sich um mein Herz und zog sich langsam, wie eine tödliche
Schlinge, zusammen. Ich war dem Eindringling in meinen Geist vollkommen ausgeliefert.
Die fremde Energie wurde immer größer und da entdeckte ich die Stelle, an der sie in mich
eindringen konnte. Die Wunde an meinem Kopf hatte anscheinend nicht nur meinen Körper,
sondern auch meinen Geist getroffen und hat dadurch eine Schwachstelle in meinem geistigen
Verteidigungswall geschaffen. Hätte mich der Kampf gegen die Satsubas nicht vollkommen
erschöpft, hätte ich das garantiert verhindern können, aber im Moment war ich so hilflos wie ein
Lamm umzingelt von einem Rudel hungriger Wölfe. Zwar konnte ich meinen Körper, den
pulsierenden Schmerz, das panische Hämmern meines Herzens noch spüren, aber ich hatte keine
Kontrolle mehr. Ich konnte nichts tun.
Plötzlich wallte eine ruhige, einnehmende Stimme durch meinen Geist und füllte mich bis in den
letzten Winkel meiner Seele komplett aus. „Lange habe ich dich gesucht... Und endlich habe ich
dich gefunden. Ich bin so froh. Endlich habe ich es erreicht... Mit dir werde ich erreichen, was ich
so sehr ersehne. Komm mit mir... Komm und bring mir die Dunkelheit, nach der ich mich so
sehne.“ Die Stimme lullte mich ein, liebkoste meinen Verstand und wollte mich verführen. Sie
weckte eine unbeschreibliche Sehnsucht in mir, die ich noch nie verspürt hatte. Ich wollte ihr
folgen, ihr vertrauen und ihr dienen. Sie war so süß, wie wohltuender Honig, der sich langsam über
meine seelischen Wunden legte und mich vergessen ließ. Vergessen... „Komm zu mir. Verschreib
dich mir. Diene mir. Und dann wirst du erkennen, dass es eine Lösung gibt. Eine Welt ohne
Kämpfe...“ Sie verstand mich. „Du willst doch nicht mehr kämpfen...“ „Nein... Ich hasse es zu
kämpfen.“ „Du willst endlich leben...“ „Leben?“ „Unter deines Gleichen, mit deinen Freunden...
Friedlich, bis ans Ende der Zeit.“ „Ein Traum... Das ist nichts weiter als ein unerfüllbarer Traum!“
„Aus Träumen entstehen Welten. Auch ich teile deinen Traum. Komm... Komm und lass uns in
unsere Welt leben. Warum sollten wir nicht glücklich werden?“ Plötzlich spürte ich für einen kurzen
Augenblick, das hinter diesen Worten etwas gefährliches steckt. Ein böser Wille. Schreckliche
Bilder aus meiner Vergangenheit blitzten vor meinem geistigen Auge auf. Alarmiert versuchte ich
der Stimme zu widerstehen, doch dann drang sie noch tiefer in mich ein. Sie lenkte meine Gefühle,
meine Gedanken und dann verschwanden die Bilder, noch ehe ich sie erkennen konnte. Und mit
ihnen jeglicher Zweifel. Nur diese unerklärliche, alles verzehrende Sehnsucht nach Frieden blieb in
mir zurück. Von ihr getrieben wollte ich nur noch eins. Der Stimme folgen. Ich wollte nicht mehr
kämpfen... Meine Träume leben. „Komm mein Junge... Bring mir die Dunkelheit.“ flüsterte die
betörende Stimme. Und ich gehorchte. Ich ging zu ihr. Ohne wirklich zu wissen was ich tat,
schickte ich meine Seele in den Kraftstrom. Sobald sie in den Strom eintauchte spürte ich es. Mein
Leben, meine Seele und meine Träume wurden langsam aufgelöst und neu zusammengesetzt. Ein
schwaches Gefühl der Angst kehrte in meinem Herzen ein, doch die Stimme schien durch mich
hindurch zu sehen und flüsterte beruhigend: „Du brauchst dich nicht zu fürchten. Am Ende erwartet
dich kein Schmerz, kein Zwang. Lass dich einfach treiben und ich werde dich in meinen Armen
wiegen.“ Die Angst verschwand und ich schickte meine Seele ohne zu zögern weiter in den Strom
hinein.
Doch plötzlich drang eine weitere Kraft in mich ein. Das Nichts, was mich vor wenigen
Sekundenbruchteilen noch umgeben hatte, war verschwunden und ein gleißendes Licht in seiner
reinsten Form, war an dessen Stelle getreten. Plötzlich schrie die Stimme, dass ich mich beeilen
sollte, doch es war zu spät. Mit einer überwältigenden Kraft übermannte es mich, verdrängte die
süße Melodie der Stimme aus meinem Geist und Seele und verschloss die Wunde in meinem
Verteidigungswall mit reiner, pulsierender Energie. Und dann spürte ich es. „Dieses Gefühl... Ich
kenne es... Ich... Nein! Wie? Was zum Teufel passiert hier?!“
Kapitel 11
Vom Licht bestohlen
Ich erinnerte mich ganz genau. Dieses durchdringende Gefühl, diese Verfremdung meines Körpers
und die aufkeimende, beklemmende Angst nie wieder mein eigener Herr zu sein. Ohne Zweifel. Es
war genau das selbe Gefühl, das ich gespürt hatte, als ich mit Reika gekämpft hatte. Nur war es
diesmal um ein vielfaches mächtiger und ließ mir keine Möglichkeit mich zu wehren. Die
Hilflosigkeit steigerte meine Angst langsam in Panik und ich spürte wie mein Herz immer schneller
in meiner Brust hämmerte und sich ein kalter Schweißfilm auf meiner Stirn bildete. Verzweifelt
kratzte ich die allerletzten Fünkchen meiner eigenen Energie zusammen und versuchte mich von
dem Licht abzuschirmen. Irgendwie gelang es mir sogar einen wackligen Schutzschild aufzubauen
und verhinderte so, dass sich dieses Gefühl der Ohnmacht bis in meine Seele ausbreitete.
Doch plötzlich nahm die Helligkeit des Lichts ab und alles was blieb war ein angenehmes und unter
anderen Umständen beruhigendes Glimmen. Das Ohnmachtsgefühl verschwand zwar nicht, aber es
hörte auf meine Seele zu bedrängen und beschränkte sich darauf meinen Körper zu kontrollieren.
Trotzdem wagte ich es nicht meinen Schutzschild zu senken, obwohl ich mich am Rande eines
kompletten geistigen Zusammenbruchs befand, denn meine letzte Kraft war aufgebraucht und der
Zauber fing an Energie aus meiner Seele zu ziehen.
Doch dann ertönte eine weitere, ätherisch anmutende Frauenstimme. Sie war nicht süß, nicht
umhegend, dafür aber ehrlich und besorgt: „Du solltest dich nicht wehren. Im Gegensatz zu dem
Dämon, vor dem ich dich gerade eben gerettet habe, will ich dich nicht ausnutzen.“ „Und das soll
ich glauben?“ erwiderte ich so bissig wie ich konnte. Die Stimme ließ ein erschöpftes Seufzen
ertönen: „Du änderst dich nie oder? Immer verschlossen, misstrauisch, einzelgängerisch und ein
Magnet für Ärger... Heute sowie auch in der Vergangenheit.“ „Wir kennen uns?“ fragte ich verblüfft
und für einen kleinen Augenblick ließ mich meine Neugierde meinen aktuellen Zustand vergessen.
Trotz der enormen Anstrengung, die mir der Zauber abverlangte, arbeitete mein Gehirn auf
Hochtouren. Wer war sie? Was zum Teufel weiß sie und wie konnte sie sich einfach so in meinen
Geist eindringen? Aber ich fand keine Antwort, also fragte ich: „Wir kennen uns?“ Ich vernahm ein
leises Lachen, aus dem ich überraschenderweise einen Hauch von Sehnsucht heraus hörte: „Du
mich vielleicht nicht, ich dich dafür umso besser... Und jetzt löse endlich den doofen Schutzwall
auf. Ich lass nicht zu, dass du deine Seele verlierst. Auch wenn ich dafür Gewalt anwenden muss.“
„Geez... Nichts als Ärger hat man mit euch Frauen...“ murmelte ich und bereitete mich mental
darauf vor meine Existenz, wie ich sie gewohnt war, aufzugeben. Das Schutzschild hätte ich nur
noch für maximal eine Minute aufrecht erhalten können, aber auch nur auf Kosten meiner Seele.
Schutzlos wie ich war, hatte ich einfach keine andere Möglichkeit. Ich beruhigte meinen
aufgewühlten Geist und löste schließlich mit einem resignierend Seufzen den Schutzwall auf.
Sobald der Schmerz verschwand, spürte ich wieder die alte Angst und Hilflosigkeit. Nichts würde
mich jetzt noch retten können. Zwar gefiel es mir gar nicht das alles einfach so hinzunehmen und
mich auzuliefern, aber noch schlimmer war für mich die Vorstellung meine Seele zu verlieren.
Niemals würde ich so wie ein Dämon werden.
Das Licht nahm wieder an Helligkeit zu und das Ohnmachtsgefühl fing an an sich auszubreiten.
Langsam kroch es die Ränder meiner ausgelaugten Seele hoch und sobald es meinen Kern erreichte
und ich eigentlich erwartet hätte, dass eine völlige Taubheit einsetzen würde, überfluteten mich
verschiedene Gefühle. Von einem Augenblick auf den anderen fing das Licht an eine übernatürliche
Hitze auszustrahlen, die jeden noch so kleinen Winkel meines Körpers, Geist und Seele erreichte.
Ich fühlte mich, als stünde ich in lichterlohen Flammen der Erlösung. Der Schmerz verschwand
zwar nicht und das Licht verschaffte auch keine Linderung, aber ich es gab mir etwas anderes,
etwas das mir viel wichtiger war. Es liebkoste die Wunden meiner geschundenen Seele, indem es
mir ein Gefühl der Bestätigung und Wertschätzung gab. „Was ich tue, ist richtig. Vielleicht bin ich
anders... Vielleicht bin ich ein Monster wie Reika es glaubt... Doch... Das ist egal. Nur weil ich eins
bin, heißt es nicht, dass ich wie eins handeln muss. Vielmehr kann mir dies die Stärke geben meinen
fast vergessenen Traum zu verwirklichen. Wie Teito schon sagte... Es zählt nur was ich sein will
und was ich tue, um dieses Ziel zu erreichen. Auch wenn ich des Kämpfens müde bin, ich hatte
mich bereits entschieden und dem Nachthimmel geschworen irgendwann die Gefahr, die den
Menschen durch die Dämonen droht, endgültig zu bannen... Und ich bin niemand, der sein Wort
einfach so bricht!“ grübelte ich und war dabei so in meinen Gedanken versunken, dass ich ganz
vergaß, dass ich nicht alleine war. „Das sind mal Worte, die ich gerne höre.“ lachte die Stimme
zurückhaltend und holte mich dadurch ins Hier und Jetzt zurück. Jetzt, wo ich eh nichts mehr zu
verlieren hatte und mein Recht der Kontrolle an sie abgetreten hatte, erwachte mein Wissensdurst
erneut und ich fragte neugierig: „Und was planst du jetzt mit mir anzustellen?“ Doch bevor ich eine
Antwort bekam, musste ich mir erstmal ein herzhaftes Kichern anhören. „Du scheinst dich ja
prächtig zu amüsieren.“ meinte ich trocken. „Tschuldige... Aber... Ach es ist einfach zu herrlich, was
der so harte und gefühlskalte Zane an heimlichen Fantasien hat.“ Wäre ich nicht in meinem eigenen
Geist gefangen, wäre ich jetzt bestimmt rot angelaufen: „Du scheinst ja doch nicht so viel über mich
zu wissen, wie du mir weiß machen wolltest.“ „Hmm... Das war mal so. Jetzt weiß ich wirklich
alles.“ flötete sie neckisch, wobei ich mir sicher war, dass sie sich erheblich glücklicher anhörte, als
zuvor. „Geez! Das ist immer noch mein Kopf, also steck dein Näschen gefälligst woanders rein!“
protestierte ich und fühlte mich plötzlich richtig nackt, als ich begriff, dass ich ihr nicht nur die
Kontrolle über meinen Körper und meine Kräfte gegeben habe. Um vom Thema abzulenken
wiederholte ich meine Frage: „Also? Was hast du jetzt mit mir vor?“ „Gar nichts.“ „Gar nichts?!“
wiederholte ich ungläubig. „Richtig. Ich wollte nur verhindern, dass dich wegen deiner eigenen
Schwächen an den Feind verkaufst. Jetzt, da ich dich gebunden habe, kannst du erst wieder
gebunden werden, wenn ich sterbe.... Und da bin ich zuversichtlich, dass es in absehbarer Zeit nicht
passieren wird.“ „Ach und wieso?“ Sie kicherte wieder und meinte dann wieder mit diesem
neckenden Unterton: „Weil ich dich habe. Sollte mir wirklich etwas zustoßen, würde ich wohl dafür
sorgen, dass du mir hilfst... Aber, bitte vertrau mir, das ist auch das einzige, was ich dir jemals
befehlen werde.“ „Gut... Warum machen wir dann nicht einen Deal?“ „Was meinst du?“ „Du
versprichst mir, mich niemals wie einen Sklaven zu behandeln und mir nie etwas befehlen, dafür
schwöre ich dir deine Bitten immer zu erfüllen.“ Eine gespannte Stille entstand. Ich fragte mich
wieso so lange brauchte, um zu antworten. Eigentlich müsste sie meine Gedanken doch kennen und
wissen, dass es lediglich eine simple Umformulierung für mich war. Wenn ich etwas schwöre, dann
ist es wie ein unausgesprochener Befehl für mich selbst. Mein Stolz ließ nicht zu, dass ich ein
niedliches Schoßhündchen war und gleichzeitig verbot er es mir gegen meine Versprechen zu
verstoßen. Und ich war mir sicher, dass sie es wusste. Warum zögerte sie? Steckte hinter dem
ganzen vielleicht doch mehr, als es den Anschein hat?
Endlich brauch sie die Stille und stimmte verunsichert zu: „In Ordnung... Aber falls dich
irgendwann mal jemand danach fragen sollte, ob du mir dienst oder nicht, dann erzähl ihm bitte
nicht die Wahrheit. Das wäre für mich wahrscheinlich ein Todesurteil... Ja?“ „Ich versteh zwar nicht
wieso und ich hab so ne Ahnung, das du mir das auch nicht erklären wirst, aber es ist wie ich bereits
sagte. Ich werde jede deiner Bitten erfüllen.“ Ich hörte ein erleichtertes Aufseufzen und nutzte den
Moment der Stille, um meine Neugierde zu befriedigen: „Also was war das jetzt genau? Du sagst,
du bist die Gute, aber wer bist du? Warum bist du so mächtig und kannst die gleiche Art von Magie
wirken wie Reika? Was war... diese Stimme vor der du mich gerettet hast? Und warum ist unser
kleiner Deal so gefährlich für dich? Verstößt er gegen irgendeinen behinderten Codex einer
geheimen Bruderschaft bei der du Mitglied bist? Wie kommt es, dass ich deine magische Energie
noch nie gespürt habe?“ „Wow du kannst ja sogar richtig gesprächig sein.“ scherzte sie, aber ich
ließ mich nicht so schnell abschütteln: „Ich glaube nachdem du meine neue Herrin geworden bist,
kann ich schon ein paar Antworten verlangen oder?“ Sie zögerte länger als zuvor, doch dann
antworte sie: „Bitte versteh, dass ich dir nicht alles erzählen kann, aber ein paar Sachen solltest du
wirklich wissen... Du weißt, du bist ein Bataki nicht wahr?“ „Ja... Mehr oder weniger. Ich vermute
du kennst die Version, die mir erzählt wurde, richtig?“ „Jap... Und das ist auch grob gesehen die
Wahrheit. Bataki waren Geschöpfe, die durch die Mischung unterschiedlicher natürlicher
Magiearten mit der Wissenschaft des alten Japans entstanden sind. Sie besitzen ungeheure Kräfte
und nutzen diese meist um noch mächtiger zu werden.“ Ich wollte protestieren, doch beachtete mich
nicht weiter und fuhr mit ihrer Erklärung fort. „Jedoch bist du ein Sonderfall. Du bist ein spezieller
Bataki, denn in deiner Blutlinie wurden die Dämonen, Naturgeister und Menschen vereint.
Deswegen besitzt du auch die Macht über eine der beiden grundlegenden Kräfte.“ „Die
Finsternis...“ „Genau. Und der Dämon, vor dem ich dich gerade gerettet habe, ist sich dessen
bewusst und hat dementsprechend versucht dich zu versklaven.“ „Aber weswegen? Warum gerade
mich? Meine Kräfte sind im Grunde nicht für den Kampf ausgelegt. Es gibt bestimmt viele Wesen,
die mächtiger sind als ich!“ „Ehrlich gesagt,weiß ich es nicht. Niemand weiß es. Und das ist es, was
mir Sorgen macht. Wir waren noch nie in einer Situation, in der wir nicht gewusst haben, was ein
Dämon denkt. Außerdem bin ich nicht wirklich so mächtig. Ich bin eine Chykoshi, eine Bändigerin.
Wir besitzen nur die Fähigkeit euch Batsukis an uns zu binden und euch zu befehligen. Mehr nicht.
Ohne Beschützer sind wir so gut wie wehrlos.“ erklärte sie mit einem verbitterten Unterton. „Und
warum habe ich dich dann nie gespürt? Eigentlich bin ich über jeden einzigen Menschen in dieser
Stadt, der Magie wirken kann, informiert. Warum nicht über dich?“ „Hast du dich nie gefragt,
warum die Dämonen dich nie direkt angegriffen haben? Deine Magie ist von anderer Natur, als die
von gewöhnlichen übernatürlichen Kreaturen. Genauso wie meine und die von dem Dämon, der dir
gerade einen Besuch abgestattet hat. Wir können uns nicht gegenseitig aufspüren, was zugleich
Segen und Fluch ist...“ „Ich verstehe... Und über den Dämon weißt du wirklich nichts?“ „Nichts,
was ich dir jetzt schon erzählen kann.“ meinte sie frech und ich hätte wetten können, dass sie mir in
diesem Moment die Zunge rausstrecken würde. „Und wer zum Teufel bist du jetzt?“ „Jemand, der
genauso wie du eine Fassade zu wahren hat. Also frag nicht weiter nach.“ meinte sie und schon
wieder vernahm ich ihrer Stimme eine Sehnsucht, die ich nur zu gut verstand. Ich wusste, wie
schrecklich es ist sein wahres Ich ständig hinter einer Mauer aus Lügen und Verblendungen
verstecken zu müssen. „Dann eine letzte Frage. Wenn du mich nicht aufspüren kannst, wie hast du
mich dann gefunden und vor allem woher hast du gewusst, dass ich angegriffen wurde?“ „Na das ist
aber eine dumme Frage. Wegen Satsubas natürlich... Das sind keine Dämonen, die man einfach mal
so übersehen kann.“ „Also hast du den ganzen Kampf gesehen?“ fragte ich erstaunt. „Nein ich kam
kurz bevor du dir die Wunde eingefangen hast... Und da hatte ich schon beschlossen dir zu folgen.
Die ganze Situation stank nämlich gewaltig.“ „Stimmt... Drei mächtige Dämonen, die
zusammenarbeiten, sind äußerst ungewöhnlich.“ „Genau... Außerdem... hab ich mir Sorgen um dich
gemacht... D-deine Kräfte sind wichtig und dürfen nicht in die falschen Hände fallen.“ Langsam
baute sich in mir ein Verdacht auf. Das Mädchen verhielt sich irgendwie seltsam. „Kann ich
verstehen, aber wie hast du es geschafft solch eine gewaltige Menge an Energie in meinen Körper
zu pumpen, um den Dämon rauszuwerfen? Reika brauchte dafür Körperkontakt und hat nicht
einmal ein viertel deiner Kraft aufbringen können.“ „Du hast es nicht gemerkt?“ fragte sie plötzlich
und ich war mir sicher, dass sie versuchte ihre Enttäuschung mit einem gespielt belustigten Ton zu
vertuschen. „Was soll ich nicht gemerkt haben?“ Ich wartete verwirrt auf eine Antwort, doch
plötzlich näherte sie meinen Geist wieder meinem Körper an. Ich gewann die Kontrolle zwar noch
nicht zurück, konnte dafür kehrte ein Großteil des Gefühls für meinen Körper zurück. Und da spürte
ich es. Zwei schlanke und weiche Hände hatten meine linke Hand ergriffen. Ein Schauer rieselte
mir über den Rücken, ich vermutete wegen der Überraschung. Ich fragte völlig verblüfft: „Du warst
die ganze Zeit hier?“ „Ja... Um deinen Freund brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Er schläft
tief und fest.“ „Wie bist du reingekommen?“ „Ich hab da so meine Mittel und Wege...“ antwortete
sie ausweichend und ehe ich sie mit noch mehr Fragen löchern konnte, erklärte sie
niedergeschlagen: „Ich muss jetzt leider gehen... Wenn alles nach Plan verläuft werden wir uns
wahrscheinlich nie wieder unterhalten können.“ „Aber...“ setzte ich an, doch sie unterbrach mich.
„Pst... Ich möchte dir noch etwas nehmen... Bitte sei mir nicht böse.“ Plötzlich spürte ich, wie
mehrere weiche Haare über mein Gesicht streichelten und dann erfuhr ich die wohl größte
Überraschung des gesamten Tages. Sie presste ihre warmen, weichen Lippen auf den meinen.
Wenige Augenblicke später tastete sich ihre Zunge schüchtern vor und forderte mich zu einem
sinnlichen Spiel auf. Es dauerte nur wenige Augenblicke, aber es bescherte mir einen
Empfindungsfiasko, der alle anderen Gedanken vertrieb. Das erste mal in meinem Leben wollte ich
einfach nur fühlen.
Doch nach wenigen Augenblicken löste sie ihre Lippen von mir und legte ihre Stirn auf die meine.
Mein Herz raste, mein Atem ging schwer und in diesem seltsamen Moment habe ich mir sogar mehr
gewünscht. Vielleicht war es nur meine Hoffnung als pubertierender Jugendlicher, der noch nie eine
Freundin gehabt hatte, aber ich glaubte, dass es ihr genauso erging. „Ich werde mich jetzt
verabschieden... Tut mir Leid.“ flüsterte sie mir mit zittriger Stimme ins Ohr und das letzte, was ich
von ihr spürte, war ein plötzlicher Anstieg der Energie und dann war sie verschwunden. Und mit ihr
auch das lodernde Feuer, das meinen Körper erfasst hatte, sowie die Blockade, die meinen Geist
vom Körper trennte. Alles war wieder normal. Ich konnte mich wieder bewegen und ganz langsam
kehrte mein Verstand wieder zu mir zurück.
„Geez... Die hat mir doch tatsächlich meinen ersten Kuss gestohlen.“ stellte ich trocken fest, ehe
mich der Schmerz, die Erschöpfung und die Müdigkeit überwältigten und diesmal ohne
Unterbrechung in das Reich der Träume zerrten.
Kapitel 12
Der Morgen danach
Frech fielen die Sonnenstrahlen durch das Fenster und weckten mich aus meinem traumlosen
Schlaf. Langsam öffnete ich die Augen und starrte gedankenverloren die Decke an, während ich
nachdenklich die Ereignisse der vergangenen Nacht Revue passieren. Ich betastete vorsichtig meine
Stirn und als ich die Wunde berührte, durchzuckte mich ein starker, aber erträgliche Schmerz. Mit
einem leisen Seufzen verbannte ich meine Hoffnung, das alles nur ein schlechter Traum gewesen
war: „Wäre auch zu schön gewesen...“ dachte ich träge und als ich meine Augen erneut geschlossen
hatte, spürte ich plötzlich eine verführerische Wärme auf meinen Lippen. Sofort riss ich meine
Augen auf und setzte mich ruckartig auf. Hektisch schaute ich mich in meinem Wohnzimmer um,
doch es war niemand hier. Ich atmete tief durch, um mein pochendes Herz zu beruhigen und
ermahnte mich flüsternd: „Geez, als ob ich nicht schon genug Probleme hätte... Mit... so etwas will
ich mich nicht auch noch rumschlagen müssen.“ „Hä...? Mit was?“ murmelte plötzlich eine
vertraute Stimme. „Teito?“ fragte ich und schaute mich verwundert um. Er war nirgends zu sehen.
„Was meinst du? Mit was willst du dich nicht rumschlagen?“ Da tauchte plötzlich sein Dickschädel
hinter der Sofalehne auf und sah mich mit einem total verschlafen Gesichtsausdruck an. Ich konnte
mir ein Grinsen nicht verkneifen und lachte: „Na nu? Wieso schläft denn der künftige Führer
Deutschlands und baldiger Weltherrscher aufm Boden hinter meinem Sofa?“ „Hals Maul und zeig
deinem Lebensretter mal ein bisschen mehr Respekt... Arschloch.“ brummte Teito, während er sich
den Kopf rieb und langsam auf die Beine kam. Mein Grinsen wurde mir aus meinem Gesicht
gewischt und ich wurde ernst. „Auch wenn du mir das Leben gerettet hast, war das wohl das
Dümmste, was du hättest tun können.“ „Jetzt spiel dich nicht so auf. Ich könnte das gleiche über
dich sagen! Warum zum Teufel hast du gegen diese... diese... diese Dinger gekämpft? Und jetzt sag
mir nicht, dass du dich in diese Reika verschossen hast!“ Ein spottendes Lachen entwich meiner
Kehle: „Nein das ist es nicht. Es ist eine Aufgabe, die ich mir selbst auferlegt habe...“ „Und wieso?
Was zum Teufel waren diese Dinger und warum waren sie hinter der Schlampe her? Wieso konnte
ich sie plötzlich sehen? Das Vieh, was mich damals angegriffen hatte, war doch auch so ein Ding
oder? Warum konnte ich es damals nicht sehen? Wieso konnte ich sie dann gestern sehen? Garh ich
hasse es, wenn ich nicht weiß, was in meinem Land vor sich geht!“ Ich atmete einmal tief durch,
um meine Gedanken zu ordnen und bemerkte dabei meine blutdurchtränkte Kleidung und meinen
malträtierten Körper. Schweigend schaute ich Teito an, der sich zu seiner vollen Größe aufgebaut
hatte und erwartungsvoll auf mich herab schaute. „Weißt du was?“ fragte ich seufzend und zuckte
dabei mit den Achseln. „Woher denn?“ antwortete er grimmig und verschränkte die Arme vor der
Brust. „Du musst unbedingt noch an deinem autoritären Auftreten arbeiten! Du hast so mehr
Ähnlichkeit mit einem riesigen, liebevollen Brummbär, als mit einem charismatischen Anführer!“
lachte ich, während ich meine Beine vom Sofa schwang und mich vorsichtig aufrichtete. Verdutzt
guckte er mich an, als ich an ihm vorbei ging. „Ich nehm erstmal eine schön heiße Dusche und
während des Frühstücks können wir uns dann ja unterhalten.“ „He... He warte mal! Was meinst du
damit? Liebevoller Brummbär? Bist du schwul oder so?!“ motzte er plötzlich los und folgte mir
moppernd in den Flur. Ich lachte ausgelassen und setzte meinen Fuß auf die erste Treppenstufe: „Na
das, was ich gesagt habe.“ „Dafür werde ich mich noch rächen. Das schwöre ich dir... Und für den
Wichsknödel auch!“ fluchte er und ward mir einen bösen Blick zu. „Tu was immer du nicht lassen
kannst! Am besten in der Zeit, in der ich Duschen bin.“ meinte ich lachend und verschwand nach
oben.
Ich rieb mir die Schläfe und folgte dem Flur. Zuerst ging ich in mein Zimmer, schnappte mir ein
paar frische Sachen und verschwand dann im Badezimmer. Ich schmiss die Kleider in eine Ecke,
bereitete mich innerlich auf einen schrecklichen Anblick vor und wagte einen Blick auf mein
Spiegelbild. Zwar hatte ich das Schlimmste erwartet, dennoch war ich kurz geschockt. Mein
Anblick war wirklich alles andere als angenehm. Meine sonst dunkel blonden Haare waren, hatten
die Farbe des getrockneten Bluts und pappten wie eine Woche alte Spaghetti aneinander fest.
Zudem hatte das Blut eine grausige Kruste gebildete, die sich über mein halben Gesicht und einen
Teil des Halses erstreckte. Die andere Hälfte war mit jede Menge Blutergüssen in allen erdenklichen
Farben übersät und ich konnte schwören, dass es unter der Blutkruste nicht anders aussehen würde.
Doch, was mich überraschte war der Grund dafür. Sorgfältig betrachtete ich die Wunde an meiner
Schläfe und stellte erstaunt fest, dass sie fast komplett verheilt war. Ungläubig beugte ich mich vor
und betastete vorsichtig die Ränder der Kruste ohne auf den Schmerz zu achten. „Was zum...?“
flüsterte ich überrascht und da drängte sich mir eine Vermutung auf. Schnell schob ich mein Shirt
hoch, betrachtete meinen Bauch und fand dort die Bestätigung. „Wie ich es mir dachte...“ murmelte
ich mit einem schwachen Lächeln, als ich die Wunde, die mir Reikas Schoßhündchen auf dem Dach
zugefügt hatte, unverändert vor fand. Meine geheimnisvolle Retterin schien wohl doch nicht alles
zu wissen. Beruhigt entledigte ich mich meiner Klamotten und stieg unter die Dusche. Ich schloss
die Augen und genoss den wohltuenden, heißen Strahl des Wassers, der meine Muskeln lockerte
und zusammen mit dem Schmutz die Anstrengung der Nacht fort wusch. Ich stieß ein erleichtertes
Seufzen aus und sog den warmen Wasserdampf tief in meine Lungen. Einige Zeit stand ich einfach
nur so da, dachte nichts und genoss diesen kurzen Moment der Entspannung. Doch dann kehrten
meine Gedanken wieder zu den letzten Ereignissen zurück. Unwillkürlich versteiften sich meine
Muskeln wieder und langsam öffnete ich meine Augen. „Wie ich sowas hasse...“ brummte ich, griff
nach dem Shampoo und leerte fast die halbe Tube, um auch die letzten Reste des hartnäckigen Bluts
aus meinen Haaren herauszuschrubben. Ich brauchte einige Zeit, aber als ich fertig war, prickelte
meine Haut und ich fühlte mich überraschend gut, obwohl ich langsam merkte, dass der
provisorische erste Hilfe Zauber für meine andere Wunde nicht mehr lange halten würde. „Geez
was hat die sich dabei nur gedacht?“ fragte ich mich, während ich die Wunde betrachtete. Sie war
nicht bedrohlich, und genäht werden, müsste sie auch nicht, aber sie war dennoch so tief, dass sie
ein Problem bekommen könnte, wenn sie sich entzünden würde. Kurzerhand holte ich das
Desinfektionsmittel, ein paar Verbände und eine Salbe, die ich liebevoll als mein „kleines
Wundermittel“ betitelte aus den Schubladen unter dem Waschbecken und machte mich dran sie zu
verbinden. Da es nicht das erste Mal war, das ich mich selbst zusammenflickte und schon einige
Übung darin hatte, ging der ganze Vorgang ratzefatz. Ich zog mir noch schnell was über und war
dann auch schon auf dem Weg nach unten.
In der Küche angekommen, begrüßte mich Teito mit einem beleidigten Blick und brummte:
„Himmel Arsch und Zwirn und ich dachte Frauen brauchen lange im Bad, aber du topst echt alles.“
Ich quittierte seine Bemerkung mit einem wurschten Schulterzucken und fing an auf die Pirsch nach
etwas Essbarem zu gehen. „Also? Was willst du wissen? Aber bitte eine Frage nach der anderen.“
murmelte ich, während ich mit knurrenden Magen den Inhalt meines Kühlschranks begutachtete.
Wobei ich allerdings feststellte, dass ich heute unbedingt noch Einkaufen gehen müsste. „Wie wärs
mit dem Anfang? Was genau sind das für Dinger, gegen die du gekämpft hast?“ Ich fischte die
letzten Reste der Wurst und des Käses heraus und warf sie auf den Tisch. „Diese Dinger sind
Dämonen. So nenn ich sie zumindest. Es sind mutierte, dem Wahnsinn verfallene Seelen, die
menschliche Seelen brauchen, um ihre Ziele zu erreichen.“ „Mutierte Seelen?“ wiederholte Teito
skeptisch und zog seine Augenbrauen hoch. „Jap mutierte Seelen... Oder anders ausgedrückt:
Seelen, die den natürlichen Kreislauf verlassen haben.“ „Aha und was ist das? Dieser natürliche
Kreislauf?“ Ich schnappte mir eine Packung Brot, sowie zwei Messer und setzte mich Teito
gegenüber an den Tisch. Mit einem gequälten Lächeln erwiderte ich: „Ich hab keine Ahnung. Einst
hat mir ein Dämon davon erzählt... Ich weiß also nicht einmal, ob das überhaupt die Wahrheit ist.
Aber damals hatte er keinen Grund mich anzulügen.“ „Hmm.. Und was sind das für Ziele?
Zerstörung der Menschheit oder was?“ schnaubte mein Freund, während er mir dabei zusah, wie ich
mir eine belegte Brotscheibe in den Mund schieben wollte. Doch bei seiner Frage und den damit
verknüpften Erinnerungen verging mir der Appetit und ich stoppte mitten in der Bewegung. Ich
legte eine Härte in meinen mörderischen Blick, die ich schon lange vergessen hatte und mahnte ihn
in einer Tonlage, die keinen Widerspruch erlaubte: „Mach darüber keine Scherze! Das hier ist keine
zweitklassige Zeichentrickserie in der die Guten immer als Sieger hervorgehen! Du wirst es
wahrscheinlich selbst bald erleben...“ Ich starrte ihn wenige Momente schweigend an, dann, ehe er
etwas erwidern konnte, fuhr ich mit gesenkter Stimme fort: „Jetzt da du sie sehen kannst... Ich
hoffe, dass ich es verhindern kann, aber es besteht eine nicht allzu kleine Wahrscheinlichkeit, das du
bald durch deine ganz persönliche Hölle gehen wirst.“ Verblüfft sah er mich an, doch anscheinend
schien er mir nicht so recht glauben zu wollen. „Meine persönliche Hölle? Pff meinst du darauf
wäre ich nicht vorbereitet? Ich bin der künftige Herrscher Deutschlands! Ich bin nicht so zimperlich
wie du.“ meinte er mit einem schelmischen Grinsen. Doch in mir stieg eine dumpfe Wut auf, die
meine Schläfe zum Pochen brachte. Gereizt biss ich in meine Schnitte und versuchte mich nur auf
das Kauen zu konzentrieren und somit die aufkeimenden Gefühle zu unterdrücken. Teito schien es
bemerkt zu haben, setzte eine fragende Miene auf, ging dann aber glücklicherweise nicht weiter
darauf ein. „Wie auch immer, was ist mit dieser Reika Schlampe? Was zum Teufel hat sie gegen
dich?“ Ich zwang mich meine Gedanken von meiner Vergangenheit loszureißen und antwortete ihm
mit einem leichten Schulterzucken: „Du weißt da genauso viel wie ich... Wie gesagt, habe ich nicht
die geringste Ahnung. Sie taucht plötzlich auf und versucht mich zu killen, weil ich anscheinend
eins dieser Bataki Dinger bin.“ Ich nahm noch einen Bissen von der Schnitte, obwohl ich keinen
Hunger mehr hatte. „Sehr seltsam... Und was ist mit mir? Wieso konnte ich die Dämonen sehen?“
„Weil du einer der wenigen Menschen bist, deren Seele in der Lage ist Magie zu erzeugen.“ erklärte
ich mit vollem Mund. „Und warum so plötzlich? Vorher war ich doch auch nicht in der Lage sie zu
sehen oder?“ „Eigentlich schon.“ „He? Was heißt hier eigentlich schon?“ „Damals, nachdem du von
dem Dämon angegriffen wurdest, hatte ich einen Zauber gesprochen, der deine Magiekreisläufe
getrennt hatte... Ich wollte nicht, dass du in diesen Kampf verstrickt wirst.“ gestand ich und
beobachte ihn sorgfältig. Mit einem Seufzen musste ich feststellen, dass genau die erwartet
Reaktion eintrat. „Was?! Verdammt Zane du bist echt ein verblödetes, sackgesichtiges Arschloch!
Ich...“ Doch ich unterbrach ihn mit ruhiger aber entschlossener Stimme: „Ich weiß, ich weiß. Du
willst in keiner Illusionswelt leben, richtig? Warte ab, bis du in deiner neuen Realität Fuß gefasst
hast und dann kannst du das Thema noch einmal ansprechen.“ Teito sah mich eine Weile
schweigend an, bevor er ebenfalls ein Seufzen ausstieß und mich weiter mit Fragen löcherte. „Und
was ist mit der Barriere passiert? Ich wette meine Kraft war so enorm, dass ich dein kleines
Blockädchen einfach so gesprengt habe richtig?“ Ein kleines Grinsen schlich sich auf mein Gesicht,
als ich sein Selbstvertrauen heraushörte. „Nicht ganz. Während dem Kampf habe ich meine
komplette Energie eingesetzt... Mit anderen Worten, ich habe jegliche Magie, die außerhalb von
meinem Körper war, zu mir zurück gerufen... Auch die Magie, die die Blockade deiner
Magiekreisläufe bewirkte hatte.“ Er machte ein enttäuschtes Gesicht und fragte: „Aber ich habe
doch eine realistische Chance wenigstens gegen einen von diesen Dämonen, wie wir sie gestern
bekämpft haben zu gewinnen oder?“ Das war eine gute Frage. Sanft weckte ich das schlafende
Miasma in mir und schickte es aus meinem Körper heraus, zu Teito. Er atmete ein paar wenige der
unsichtbaren Partikel ein und da konnte ich es spüren. Seine Kraft war tatsächlich außergewöhnlich
hoch, konnte sich aber mit der eines Satsubas wahrscheinlich nicht messen. Zumindest nicht, wenn
er nicht wusste, wie er sie einzusetzen hat. „Im Moment würdest du von einem Satsuba gnadenlos
zertrampelt werden.“ erklärte ich ihm wahrheitsgemäß. Er strafte mich mit einem missbilligenden
Blick, ließ aber nicht locker: „Im Moment? Das heißt doch später werde ich in der Lage sein sie zu
besiegen?“ Diesmal konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen: „Wenn du fauler Sack so weiter
machst wie bisher dann frühstens in 1000 Jahren! So etwas kommt nicht mit der Zeit, du musst
dafür etwas tun, das man Trainieren nennt. Du musst lernen deine Kräfte zu kontrollieren. Und das
ist mit Arbeit und Aufwand verbunden... Falls du die beiden Wörter noch nicht in deinen Wortschatz
aufgenommen haben solltest, sie bedeuten so viel wie...“ „Schon gut, schon gut! Himmel, Arsch
und Zwirn ich habs verstanden... Arschloch.“ unterbrach er mich zähneknirschend. Doch dann
wurde er plötzlich still und starrte mich gedankenverloren an. Fragend zog ich eine Augenbraue
hoch und erwiderte seinen Blick. Er schüttelte schwach den Kopf und fragte dann: „Ich hab mich
nur gefragt wie lange du das schon machst... Ich mein der Zwischenfall mit dem Dämon von damals
ist auch schon zwei Jahre her.“ Ich schluckte das letzte Stück meiner Schnitte runter und lehnte
mich nachdenklich in meinem Stuhl zurück und starrte irgendeinen Punkt an der Decke an.
„Eigentlich schon solange ich denken kann... Auch wenn ich bis vor etwa drei Jahren nicht gewusst
habe, was ich wirklich tat... Aber das ist eine andere Geschichte.“ „Du solltest froh sein... Ich bin
immer machtlos gewesen, aber du hast schon immer die Kraft gehabt die Menschen zu beschützen.“
Die Wut die immer noch in mir pochte, starb augenblicklich und wurde von Trauer und
Schuldgefühlen hinweg geschwemmt. Meine Hände fingen an zu zittern und ich spürte wie mein
Herz in einen ekelhaften Würgegriff dieser Gefühle geriet. Mit belegter Stimme erwiderte ich:
„Glaubst du das wirklich? Teito ich bin kein Superheld, der alles und jeden retten kann. Ohne deine
Hilfe hätte ich diesen Tag wahrscheinlich nicht einmal mehr erlebt!“ Überrascht über meine heftige
Antwort, setzte er zu einer Erwiderung an, doch plötzlich gab es einen lauten Knall aus Richtung
der Tür, der uns beide zusammen zucken und herum fahren ließ. „Was war das?“ fragte er
überrascht. Schwach vernahm ich ein Kratzen an der Haustür. „Das hat sich so angehört, als ob
jemand gegen die Haustür gerannt ist...“ meinte ich und kratzte mich am Kopf. Doch als ich den
unglücklichen Ausdruck auf seinem Gesicht und seine plötzliches Bestreben seine Jacke und
Schuhe anzuziehen bemerkte, erahnte ich böses. Als ich das Geräusch meines Türschlosses
vernahm wurde ich bestätigt und fuhr den Übeltäter mit gedämpfter Stimme an. „Du Idiot! Was hast
du ihr gesagt?“ Mit einer unschuldigen Miene sah er mich an und flüsterte: „Ich habe nur unser
Treffen für heute abgesagt... Weißt du? Kino und so. Und dann wollte sie nicht locker wissen und
hat immer weiter nachgefragt. Und irgendwie ists mir dann rausgerutscht, dass dir was passiert ist
und ich dir den Arsch retten musste.“ Derbe Flüche und Beleidigungen lagen mir auf der Zunge,
aber ich schluckte sie runter, als ich hörte, wie der Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde und
jemand den Flur entlang gestürmt kam. Mit einem Grinsen meinte Teito noch: „Denk dir was feines
aus, ich bin weg für heute.“ Dann, ohne mir eine Chance zu geben ihn aufzuhalten, flüchtete er in
den Flur und grüßte sie: „Moin moin, er ist der Küche.“ „Dafür werde ich dich leiden lassen Teito!“
schwor ich mir im Stillen und ging auf den Flur hinaus. Ich bereitete mich mental auf den
bevorstehenden Geduldsmarathon vor, atmete einmal tief durch und wollte gerade die einzige
Person, die außer mir und meinen Rabeneltern noch einen Schlüssel für das Haus besaß, grüßen, als
sie mich genau in dem Moment, als ich den Schritt in den Flur trat, gnadenlos umrannte.
Kapitel 13
Überlebe!
Sie war wohl genauso überrascht wie ich und stieß einen spitzen Schrei aus, als wir unser
Gleichgewicht verloren und zusammen zu Boden stürzten. Zwar hatte ich noch rechtzeitig reagiert
um das Schlimmste zu verhindern, aber trotzdem schlug mein Kopf hart auf den kalten Fliesen auf
und alles, was ich noch von ihr erkennen konnte, waren ihre rosenblonden Haare mit den
charakteristischen, glänzenden Strähnen, die je nach Umgebung ihre Farbe änderten. Laut dem Arzt
war es angeblich wegen irgendeinem haarlosen Gendeffekts der Fall, aber das raubte ihrem Anblick
keinen Funken ihrer ganz eigenen Magie.
Ein nervtötendes Klingen ertönte in meinen Augen und verstärkte den explosionsartigen Schmerz in
meinem Hinterkopf. Ich gab ein protestierendes Stöhnen von mir und versuchte die roten und
grünen Sterne, die quicklebendig vor meinen Augen tanzten, zu verscheuchen. Langsam wurde das
Klingen in meinen Ohren leiser und nach und nach kehrten meine restlichen Sinne zu mir zurück.
Mein Hinterkopf pochte immer noch so schmerzhaft, dass es mir die Tränen in die Augen trieb.
Sobald ich wieder in der Lage war einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen, dachte ich trocken:
„Und ich habe geglaubt, ich hätte es überstanden... Auf in den wirklichen Kampf!“ Noch bevor ich
meine Augen öffnete, hörte ich ein leises Stöhnen und spürte die langsame Bewegung ihres warmen
Körpers, der längs auf mir lag. Ihr Geruch stieg mir in die Nase, während meine Gedanken
erschöpft seufzten: „Jeder Junge... Nein jeder normale Junge träumt von so etwas, aber warum muss
es ausgerechnet mir immer wieder passieren?“ Ich wartete noch einen kleinen Augenblick, bis die
Kopfschmerzen auf ein erträglicheres Maß abgeklungen waren und öffnete dann zögernd die
Augen. Wie erwartet blickte ich direkt in ihre grünen Augen. Genauso wie ihre Haare, waren sie
von dem gleichen Gendeffekt betroffen, was sich durch einen meist ganz sanften und kaum
erkennbaren roten Schimmer, der sich über ihre ganze Pupille erstreckt, äußert. Wobei ich den
Verdacht hatte, dass es nicht immer das gleiche sanfte Rot war, sondern dass es sich ganz nach ihrer
Laune und Verfassung richtete. Es war mir schon mehrmals aufgefallen, auch wenn Teito und die
anderen ständig das Gegenteil behaupteten und mich als Farbenkrüppel abstempelten. Früher fand
ich das äußerst verdächtig und habe sie immer wieder mit meinem Miasma nach Spuren von Magie
abgesucht. Allerdings hatte ich nie etwas gefunden, egal wie gründlich ich gesucht hatte.
Obwohl unsere Gesichter nur wenige Zentimeter von einander entfernt waren, machte sie keine
Anstalten sich von mir runter zu bewegen und schaute mich nur mit diesem, für sie typischen,
besorgten und schuldigen Ausdruck an. „Tuts sehr weh?“ fragte sie flüsternd, wandte ihren Blick
aber nicht ab. „Du verbesserst dich! Letztes Mal hab ich mir während deiner stürmischen
Begrüßung den Kopf am Kühlschrank aufgeschlagen.“ brummte ich mit einem Hauch Sarkasmus.
Als sie rot anlief, ihren Kopf zur Seite drehte und eine beleidigte Schnute zog, verbesserte sie meine
Laune merklich. Ich wusste nicht wieso, aber ich konnte ihr einfach nicht nachtragend sein.
Eigentlich konnte ich das kaum jemanden, aber ihr ganz besonders nicht. „Also? Lässt du mich nun
nach diesem Attentat noch einmal aufstehen oder willst für den Rest des Tages auf mir liegen
bleiben?“ meinte ich lächelnd. Das Rot ihrer Wangen verdunkelte sich, während ihr Gesicht sich
langsam von meinem entfernte. Doch sie stand nicht auf, sondern setzte sich protestierend auf
meine Oberschenkel und schaute mich mit immer noch geröteten Wangen tadelnd an. „Was hast du
dir dabei nur gedacht? Alleine um die Zeit durch diese Gegend zu streifen! Bist du lebensmüde?“
schimpfte sie. „Immer das Gleiche...“ dachte ich und erwiderte dann mit einem unschuldigen
Lächeln: „Tut mir Leid, aber es ging nicht anders. Ich hatte etwas dringendes zu erledigen.“ „Immer
diese Ausreden! Immer wenn du etwas „wichtiges“ zu erledigen hattest, bist du am nächsten
Morgen halbtot! Weißt du eigentlich was, ich mir für Sorgen mache?“ zeterte sie, stemmte ihre
Hände energisch in die Hüften und biss sich auf ihre Unterlippe, während sie mich abwartend
fixierte. Ich stieß ein resignierendes Seufzen aus und antwortete in Gedanken: „Natürlich weiß ich
das... Und es tut mir wahnsinnig leid, nur leider habe ich keine andere Wahl. Ich wüsste nicht, wer
ich sein würde, wenn ich dir die Wahrheit sagen würde...“ Doch nach einem kurzen Augenblick der
Stille, der eine kleine Ewigkeit beinhaltete, in der wir uns nur gegenseitig in die Augen schauten,
antwortete ich stattdessen mit einem verschmitzten Lächeln: „Das brauchst du dir aber nicht. Du
weißt doch, ich sterbe nicht so schnell.“ Leider hatte ich nicht an ihre Reaktion gedacht, die sogar
heftiger als normalerweise ausfiel. „Ahhh! Du bist doch ein totaler Trottel! Der größte Vollpfosten
den es auf der Welt gibt! Warum mach ich mir eigentlich Sorgen?!“ Um ihre Worte zu
unterstreichen, stemmte sie ruckartig ihre Arme nach unten, um sie auf den Boden zu schlagen,
doch sie hatte offensichtlich vergessen, wo sie saß. Panisch wollte ich sie noch davon abbringen,
aber es war schon zu spät. Ein höllischer Schmerz brannte sich durch meinen Körper, trieb mir die
Tränen in die Augen und ließ reflexartig meinen Oberkörper hochschnellen. Ein schmerzverzerrtes
Stöhnen entglitt meiner Kehle und dann ließ ich mich wieder zurückfallen. Das Pochen in meinem
Hinterkopf verstärkte sich wieder und ich hoffte inständig, dass ich die nächsten Minuten überleben
würde. Ich öffnete ein Auge und warf meiner Peinigerin einen wütenden Blick zu. Ihr Gesicht nahm
einen geschockten Ausdruck an, als sie verstand, wo sie mich getroffen hatte und dann murmelte sie
hektisch mehrere Entschuldigungen: „T-tut mir Leid... I-ich... Das war keine Absicht! E-es... Wwarte ich hole dir etwas Eis zum Kühlen.“ Doch als sie ihren Sitz auf meinen Oberschenkeln aufgab
und aufstand, stützte sich sie auf meinem Bauch ab und fasste dabei genau auf die Wunde, die ich
vorhin erst versorgt hatte. Dadurch ergoss sich eine neue Schmerzwelle in meinen Körper und ich
stöhnte erneut auf. Außerdem meinte ich zu spüren, wie eine warme Flüssigkeit langsam den
Verband tränkte. Sie reagierte mit einem erschrockenen Schrei, dem ein weiterer Schwall
Entschuldigungen folgte.
Ich streckte alle Viere von mir und versuchte den Schmerz mit speziellen Atemübungen zu
beruhigen. Ganz langsam wurde er wieder erträglich und machte meine Gedanken frei. Und da
erkannte ich meine Chance. Sie stand gerade am Kühlschrank und schüttete meinen Vorrat an
Eiswürfeln in ein kleine Tüte und achtete nicht auf mich. Vorsichtig, um ja nicht ihre
Aufmerksamkeit zu erregen, wollte ich mich aufrichten, aber das Glück schien mir nicht hold zu
sein. Genau in dem Augenblick hatte sie wohl entschieden, dass sie genug Eis hatte, drehte sich zu
mir um und als sie erkannte, dass ich meine unsichere, liegenden Position ändern wollte, warf sie
mir einen Blick zu, der mich mitten in der Bewegung gefrieren ließ. „Ich bin noch nicht fertig mit
dir mein Lieber!“ meckerte sie und kam mit energischen Schritten auf mich zu. „Was habe ich nur
verbrochen?“ fragte ich mit einer Stimme, die nicht mehr viel mehr als ein Flüstern war. „Das weißt
du ganz genau!“ brauste sie auf, stellte mir ihren Fuß auf die Brust und nagelte mich so am Boden
fest. „Hey Lia...“ setzte ich an, um sie darauf hinzuweisen, dass ich kaum noch atmen konnte. Sie
unterbrach mich jedoch energisch: „Nichts da mit Hey Lia, du kannst dir deine Entschuldigungen
sonst wohin schieben!“ „Aber...“ „Diesmal gibts kein aber! Das geht schon immer so! Du musst
endlich mal etwas dagegen tun, sonst wirst du mich noch mal richtig kennenlernen!“ „Das ists aber
nicht...“ krächzte ich und bekam unweigerlich ein ungutes Gefühl bei ihrer Drohung. Wenn sie mich
schon so zurichten kann, ohne es überhaupt zu wollen, was würde dann passieren, wenn sie es drauf
anlegen würde? Ich glaube, das gehört zu den Sachen, über die ich mir lieber nicht vorstellen sollte.
„Was dann? Hast du dich endlich entschieden mir zu sagen, was du immer machst? Dann kann ich
dir vielleicht helfen und du würdest nicht immer so oft zusammengeschlagen werden!“ „Geez!
Darum geht es doch gar nicht!“ beschwerte ich mich, was mir einiges abverlangte und warf ihr
einen genervten Blick zu. „Ach und worum dann?“ fragte sie, zog erwartungsvoll die Augenbrauen
hoch und verstärkte ihren Druck auf meine Brust, wobei sich ihre Absätze noch weiter in meine
Brust bohrten. Zittrig hob ich eine Hand und deutete mit einem Finger auf ihren Fuß: „Keine...
Luft.“ hauchte ich, wobei ich ein wenig übertrieb, damit sie mir endlich eine Verschnaufpause
geben würde. Erleichtert merkte ich wie der Druck von meiner Brust verschwand und freute mich
meine Lunge noch einmal mit Luft füllen zu können. Nach einigen tiefen Atemzügen stand ich
mühselig auf und musterte Lia, die mir mit schuldbewussten Blick schweigend gegenüber stand.
„Hast du dich jetzt ausgetobt?“ fragte ich mit einem schwachen Lächeln, das sie nur mit einem
aufgebrachten Blick kommentierte. Mit einem energischen Schritt stand sie direkt vor mir und
bohrte mir ihren Zeigefinger in die Brust. Doch sie stand nicht still, sondern ging immer weiter
vorwärts und schob mich so vor ihr her, während sie schimpfte: „Es tut mir leid, aber du du hast es
trotzdem nicht anders verdient! Wieso kannst du nicht einmal Hilfe annehmen, wenn sie dir
angeboten wird?“ „Weil es Dinge gibt, die ein Mann einfach alleine tun muss.“ antwortete ich ihr
mit einem aufgesetzten Lächeln. „Du und ein Mann? Das ich nicht lache! Du bist ein kindlicher
Sturkopf, ein doofer Affe, ein besoffenes Trampeltier auf einem gigantischen Egotrip...“
Mittlerweile hatten wir das Wohnzimmer erreicht und sie hatte mich bis zum Sofa geschoben, wo
ich mich dankbar drauf fallen ließ. Sie stand vor mir und beugte sich zu mir herunter und bohrte mir
weiter den Zeigefinger in die Brust, während sie ihren Schimpfmarathon fortsetzte: „Ein Idiot, ein
totales Arschloch, ein zu heiß gebackener Arschkeks... und ein rücksichtsloser Sorgenbringer!“ Sie
warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, der seine volle Wirkung entfaltete. Sie hatte ja irgendwo
Recht und am liebsten hätte ich ihr auch die ganze Wahrheit offenbart, aber dann, vorausgesetzt,
dass sie mich nicht für verrückt erklärt, würde sie sich garantiert noch mehr Sorgen machen und so
wie ich sie kannte, würde sie anfangen sich nutzlos zu fühlen, weil sie nichts tun könnte. Als ich
ihrem Blick mit meinen eigenen Schuldgefühlen standhielt, stieß sie letztendlich ein resignierendes
Seufzen aus und murmelte mehr zu sich selbst, als zu mir: „Männer... Man hat immer nur Probleme
mit denen.“ Und sehr zu meiner Überraschung und Freude setzte sie sich dann direkt neben mir aufs
Sofa und hielt mir den Eisbeutel hin, ohne mich anzuschauen. Mit einem erleichterten Lächeln
nahm ich ihn dankend an und hielt ihn mir mit geschlossenen Augen direkt an die Schläfe. Das
kühlende Eis bewirkte wahre Wunder und schon nach wenigen, schweigenden Minuten, in denen
ich durchgehend ihren Blick auf mir spürte, war das schmerzhafte Pulsieren in meinem Hinterkopf
zu einem schwachen, gut erträglichen Pochen abgeklungen. Doch plötzlich spürte ich wie sich Lias
Hände unter mein Shirt schoben. Überrascht riss ich die Augen auf und schaute sie fragend an. Sie
presste ihre Lippen fest aufeinander und ihre Augen schimmerten verdächtig. Verwirrt folgte ich
ihrem Blick und musste missmutig feststellen, dass der Verband über der Wunde blutrot war. Die
Stille wurde unangenehm. Voller Unbehagen meinte ich beruhigend: „Keine Sorge. Die Wunde ist
nicht tief. Es ist wirklich nichts ernstes.“ Eigentlich hatte ich einen weiteren Wutausbruch erwartet,
aber es kam nicht. Ganz im Gegenteil. Ihre Stimme wurde dünn und das feuchte Schimmern wurde
immer deutlicher, als sie zittrig fragte: „Wieso kannst du es mir nicht einfach sagen? Vertraust du
mir nicht?“
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