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Martina Kenk, Dipl.-Päd. Wie tragen Kommunikation und - TUHH

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M. Kenk: Abstract für die Tagung Netzwerke und Kommunikation: komplementäre Perspektiven? Hamburg-Harburg, 1.-2.10.2009
Martina Kenk, Dipl.-Päd.
Wie tragen Kommunikation und Interaktion zur Wissensdistribution und zu Lernprozessen
in Forschungsnetzwerken bei?
Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF),
Schloßstr. 29, 60486 Frankfurt, kenk@dipf.de
In meinem Dissertationsprojekt beschäftige ich mich mit der Bedeutung sozialer Netzwerke für die
Qualifikation von NachwuchswissenschaftlerInnen in der empirischen Bildungsforschung. Allein
der Promotionsort stellt schon wichtige Weichen für die Karriere von NachwuchswissenschaftlerInnen: größere Karrierechancen hat der Nachwuchs aus den führenden Fakultäten (vgl. Röbken 2009).
Wie wirken sich soziale Netzwerke von DoktorandInnen auf ihren Erfolg in der Qualifikationsphase
und anschließenden Forschungstätigkeit aus? Mein Fokus richtet sich auf die Wissensdistribution,
die Lernprozesse und die Zusammenhänge zwischen der Nutzung sozialer Ressourcen, der methodischen und fachlichen Qualifikation und dem beruflichen Verbleib.
Mit der Methode der sozialen Netzwerkanalyse wird ein Forschungsnetzwerk analysiert: das DFGSchwerpunktprogramm „Bildungsqualität von Schule“, das im Zeitraum von 2000-2006 in
Deutschland durchgeführt wurde. Von 140 Mitgliedern hatten 38 eine Professur inne. Die Nachwuchsgruppe bestand aus 26 Promovierten und 76 DoktorandInnen. In den ca. 30 Projekten waren
ForscherInnen aus den Disziplinen der Psychologie, Erziehungswissenschaften und den Fachdidaktiken vertreten. Durch die Mitgliedschaft in diesem Forschungsprogramm hatten die beteiligten ForscherInnen die Möglichkeit, untereinander in Kontakt zu treten und sich bei Zusammenkünften über
ihre Forschungsarbeiten und ihre Erkenntnisse auszutauschen. Insbesondere im Rahmen der Nachwuchsförderung und durch die methodische und fachliche Fortbildung fanden hier Interaktions- und
Kommunikationsprozesse statt, durch die Wissen ausgetauscht wurde, das wiederum zu Lernprozessen beitrug. Diese sozialen Ressourcen bildeten die Grundlage für die Netzwerke von DoktorandInnen, die sie zur Bewältigung ihrer Forschungsarbeiten wie auch für ihr weiteres berufliches Fortkommen nutzen konnten.
Im Beitrag für die Tagung werden theoretische Ansätze für die Netzwerkforschung und zum erziehungswissenschaftlichen Thema des Lernens diskutiert. Es sollen Annahmen entwickelt werden,
um folgende Leitfragen zu beantworten: Wie kommunizieren Akteure in Forschungsnetzwerken?
Wie tragen Interaktionen zur Produktion, Nutzung und Austausch von Wissen bei? Welchen Beitrag leisten diese Kommunikations- und Interaktionsereignisse zu den Lernprozessen?
Bei der Analyse von Gemeinschaften richtet sich der Fokus auf die Kommunikationsprozesse,
durch die sich „communities“ herausbilden. Die Interaktionen in Gemeinschaften dienen der Diskussion über gemeinsame Bedeutungen und Ziele, doch ebenso über soziale Aspekte der „community“: Zugehörigkeit, Rollen und Hierarchien, Regeln und Sanktionen. Der Prozess der Vernetzung
und die Veränderungen eines Netzwerkes im Verlauf der Zeit geschehen durch fortlaufende Kommunikations- und Interaktionsprozesse, in denen Relationen erneuert werden. Unterschiedliche
Kommunikationszusammenhänge und Kontexte charakterisieren die Netzwerke und die Funktionen
der Relationen (z.B. fachliche und methodische Beratung, Informationsaustausch, Hilfestellungen –
sowohl zwischen Gleichgestellten wie auch zu ExpertInnen).
Wie sich „communities“ in einem großen Forschungsnetzwerk herausbilden, entwickeln und auch
nach dem Ende des Programms fortbestehen und von Nutzen für den Nachwuchs sind, soll theoretisch modelliert werden. Als erste Perspektive dienen theoretische Bezugspunkte der Netzwerkforschung. Ihr Ziel ist das Verständnis sozialer Beziehungen und der Einbettung von Akteuren in ein
Gesamtnetzwerk oder ein soziales System. Ein soziologischer Bezugspunkt ist der Begriff des sozialen Kapitals von Bourdieu, der zum Verständnis der sozialen Ressourcenverteilung in Netzwerken
beiträgt. Indem Akteure einer Gruppe zugehörig sind, haben sie tatsächlich oder potentiell Zugang
zu Ressourcen, die auf einem Netz von Beziehungen beruhen. Die Beziehungsnetze sind die Produkte von Investitionsstrategien, die auf den Aufbau und Bestand der Kontakte zielen und aus denen potentiell Ressourcen von Nutzen sein können. Soziale Kontakte setzen gegenseitiges Kennen
und auch Anerkennung voraus. Durch ständigen Austausch, der Zeichen von Anerkennung umfasst,
entstehen dauerhafte Beziehungen, die eine Gruppe bilden und z.T. auch institutionalisiert werden.
M. Kenk: Abstract für die Tagung Netzwerke und Kommunikation: komplementäre Perspektiven? Hamburg-Harburg, 1.-2.10.2009
Der Profit aus Beziehungsnetzen – also der Umfang des Sozialkapitals – hängt von der Größe des
Netzwerks wie auch des Sozialkapitals der Netzwerkmitglieder ab. Da ökonomisches Kapital (Zeit,
Geld) investiert wird, ist für die Nutzung des Sozialkapitals auch die Kenntnis der Beziehungen und
die Kunst, diese zu nutzen, notwendig, um ökonomische Investitionen profitabel zu machen.
Ein weiterer Ansatz erwächst aus der strukturelle Handlungstheorie von Burt, der die Wechselwirkung zwischen dem sozialen Kontext und der individuellen Handlung analysiert. Er versteht soziales Kapital als Vorteile, die durch die Position einer Person in einer Beziehungsstruktur entstehen
(vgl. Burt 1997). Akteure in vermittelnder Funktion bilden soziale Netzwerke, die „Löcher“ in sozialen Strukturen überbrücken, wodurch sie Informationsvorteile und neue Perspektiven generieren.
In dichten Netzwerken ist der Informationsfluss jedoch „kurzgeschlossen“, da die meisten Informationensquellen redundant sind. Geschlossene Netzwerke, in denen sich alle kennen, schaffen soziale
Bedingungen zur Förderung gegenseitigen Vertrauens. Um den Informationsfluss zu maximieren,
sollten redundante Informationsnetzwerke minimiert und die Anzahl der überbrückten strukturellen
Löcher gesteigert werden. Die Schließung und Überbrückung ergänzen sich, wenn Vertrauen und
Angleichung im geschlossenen Netzwerk dazu beitragen, die Informationsvorteile freizusetzen, die
durch Vermittlung entstehen – im Sinne einer strukturellen Autonomie (vgl. Burt 2005).
Als lerntheoretischer Ansatz dienen die Arbeiten von Lave und Wenger, die das Lernen durch Arbeitspraktiken als „situated learning“ beschreiben. Dieser Wissenserwerb ist als sozialer Prozess in
die „communities of practice“ eingebunden. Individuen, die mit gleichem Ziel an gemeinsamen
Aktivitäten teilnehmen und eine gemeinsame Identitat durch ihre Beteiligung an diesen Praktiken
schaffen und erleben, bilden eine „community of practice“. Dort haben die Mitglieder die Möglichkeit, sich über ihre sozialen Relationen Zugang zu Informationen zu verschaffen, die sie sonst in
expliziten Informationsquellen recherchieren müssten. Darüber hinaus bieten ihnen die anderen
Mitglieder aufgrund ihrer Erfahrungen auch implizites Wissen und Unterstützung. Wenn durch eine
solche Beratung Fehler vermieden werden, lässt sich die Lernkurve verkürzen. Zusätzlich bietet die
„community of practice“ den Raum für offenen Austausch und Diskussionen, woraus neue Kapazitäten und Ressourcen entstehen können. Mit dem Begriff der „legitimate peripheral participation“
beschreiben Lave und Wenger, wie Neueinsteiger sich zu erfahrenen Mitgliedern und ggf. „alten
Hasen“ – den ExpertInnen – in einem gemeinsamen Projekt oder einer „community of practice“
entwickeln. Zunächst nehmen Neulinge an der Gemeinschaft teil, indem sie einfache und risikoarme Aufgaben übernehmen, die produktiv und nützlich für die Gemeinschaft sind und deren Ziele
dienen. Durch Randaktivitäten werden sie mit den Aufgaben, dem Wortschatz und den organisatorischen Prinzipien der Gemeinschaft vertraut. Ihre Teilnahme entwickelt sich graduell zu immer zentraleren Formen in der Funktionsweise der Gemeinschaft. Die Mitgliedschaft ist abhängig von den
Formen der Teilnahme, zu denen Neulinge Zugang haben. Indem Neulinge die Praktiken von ExpertInnen direkt beobachten können, verstehen sie den breiteren Kontext, in den ihre eigenen Bemühungen verortet sind und erlangen implizites Wissen. Dagegen haben die Neulinge, die von ExpertInnen separiert sind, nur eingeschränkten Zugang zu deren Instrumenten und der Gemeinschaft
und dadurch nur eingeschränkte Möglichkeiten. Auch in einem Forschungsnetzwerk erhalten die
NachwuchswissenschaftlerInnen Zugang zu sozialen Ressourcen des Netzwerks: den Erfahrungen
der ExpertInnen, ihrem impliziten Wissen und erhalten Unterstützung und Beratung für ihre eigenen Forschungsarbeiten.
Die dargestellten theoretischen Zugänge sollen zum genaueren Verständnis der Kommunikation
und der sozialen Ressourcennutzung zum Wissenserwerb in Forschungsnetzwerken beitragen.
Literatur
Bourdieu, P. (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Kreckel, R. (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. Göttingen, Otto Schwartz & Co., S. 183-198.
Burt, R. (1997): The Contingent Value of Social Capital. In: Administrative Science Quarterly 42, S. 339-365.
Burt, R. (2005): Brokerage and Closure: An Introduction to Social Capital. New York: Oxford University Press.
Lave, J. / Wenger, E. (1991): Situated Learning: Legitimate Peripheral Participation, Cambridge University Press
Röbken, H. (2009): Karrierepfade von Nachwuchswissenschaftlern in der Erziehungswissenschaft. In: Zeitschrift für
Pädagogik, 55, H. 3, S. 430-451.
Wenger, E. (1998): Communities of Practice: Learning, Meaning, and Identity, Cambridge University Press
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Bildung
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