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Ludwig Fels Stmnmheim Der Knast schaut von weitem eher wie ein

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Ludwig Fels
Stmnmheim
Ich könnte diese Betrachtung den
Überlebenden der deutschen Rechtsprechung widmen, wenn bewiesen
wäre, daß sie überleben.
D
er Knast schaut von weitem eher wie ein altertümliches
Kraftwerk aus. Näherkommend verflüchtigt sich dieser
Eindruck allerdings, und irritiert gewahrt man, daß sich ein
seltsam stahlfarbener Beton aus dem in ruppige Würfel gesägten Komplex herausschält. Beim ersten Mal, da glaubt man
auch hinterher noch einen kurzen Augenblick daran, die
Wohnblöcke einer besonders häßlich mißratenen Trabantenstadt vor sich zu haben. Dann spürst du die mutwillig angelegten Kurven der Straße, siehst den Lampenverhau, künstlichen Tag in der strahlenden Nacht, die Betonmauern mit
neonfunkelnden Dornengirlanden, vergitterte Sichtblenden,
Schlagbäume, Felder und Äcker. Ich muß, verzeiht!, an den
Bauern denken, dem dieser Boden gehört, der anbaut so dicht
im Schatten dieser gigantischen Kälte und Stille, Furchen
pflügt, ohne die Stahltüren zu erschüttern. Was da wächst und
ihm gedeiht, davon dringt kein Geruch durch die Mauem,
und kein Hauch Natur ist in den Zellen zu schmecken.
Der Name Stammheim verstärkt die Wucht der Gebäude.
Der Kopf rast, denkt dahinter, denkt Hochsicherheitstrakt,
Langzeitexekution, die Namen, die Freund und Feind kennen, denkt: Die herrschende Klasse, die es gibt, beseitigt
klammheimlich ihre angeblichen Feinde des Volkes. Nirgendwo ist das Denken machtloser und gefährlicher als vor
Stammheim, und auch die Dämmerung, die der Alkohol hervorruft, bietet keinen Schutz. Wen würde es wundern, wäre
Stammheim unterirdisch angelegt worden? Vorgesorgt wäre
zumindest dadurch, daß die Lebenslänglichen strafverschärfend den Atomkrieg überleben müßten! Es ist so gut wie unmöglich, sich der Strafanstalt zu nähern: eine ganze Wohnsiedlung wurde in das Justizdenkmal einbezogen, unpassierbar gemacht. Die Anlieger werden von Posten kontrolliert,
bevor sie ihre Häuser betreten dürfen, überall an den Straßenrändern stehn weißgestrichene Betonwürfel, mit Stahltüren
versehn, und jeder wirkt wie ein Mittelding zwischen Garage
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und Bunker. Nichts weiteres und nichts anderes als Schutzräume stellen sie dar, gebaut für die Wachmannschaften, die
bei Gefangenentransporten die Straßen absperren, Überfalle,
Anschläge erwartend. Wer in ihrem Umkreis wohnt, für den
ist es schädlich zu wissen, wie man das Wort Freiheit fehlerlos
schreibt.
Ich bin dagegen, daß der Erdboden diese Bauten hält. Ich
bin gegen die Altäre der Justiz. Stammheim ist das Grabmal
einer politischen Sehnsucht. Heute verlangt der Staat Demonstrationsgebühren: zwischen Gewerkschaftsmitgliedern und
Hausbesetzern unterschiedlich gestaffelt. Und falls dich ein
Polizist erschießt in Ausübung seines Bearntentums, bekommt sein Polizeihund einen Tag Sonderurlaub als Belohnung, den er natürlich in Begleitung seines Herrchens verbringen darf, damit es nicht gar so auffällig wirkt. Aber die
Gewalt ist härter, lauter, lacht öfters: sich ins Schlagstöckchen. Und ziehn, zücken, zeigen, recken wir die Fäustchen,
sendet man unverzüglich Agenten des Provokantenturns an
die Sozialfront. Die lehren uns dann das stilvolle Tragen der
rosa Brillen und den Genuß des Schweinsohrenlabsals, und
sie lehren uns auch, wie man Bücher gegen Bomben tauscht
und wie man sich den Schädel kahlrasiert und die Lederjacke
voll Silbernieten trommelt. Und wenn du Pech hast, schießt
man dir beim Verlassen der Bank dein Sparkassenbuch aus
der Hand. Jeder macht sich lustig und es gibt nichts mehr zu
lachen. Und die in Notwehr leben, die hassen auch die Friedhofswärter.
Stammheim, ein deutsches Wort, ein Bollwerk gegen die
Geschichte von der Entwicklungsfähigkeit der Demokratie in einer vergeblichen Landschaft gelegen. Es ist Abend, schon
Nacht. Überall um mich her wird jetzt in die Kiste geglotzt wie
in die weite Welt, während ich den Winter wie die äußerste
Mauer eines Gefängnisses fühle und hinter allen Mauern die
Asche alter Gluten.
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Seele and Geist
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