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Ein Lauf wie eine vorbeiziehende Wolke - kath.ch

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Reportage:
Die wortlose Pilgerwanderung "LAufmerksamkeit" von Zürich bis nach Kappel:
Ein Lauf wie eine vorbeiziehende Wolke
Von Katharina Rilling / Kipa
Zürich, 8.6.07 (Kipa) "LAufmerksamkeit" steht für gemeinsames Wandern ohne Worte.
Der Pilgerlauf vom Grossmünster in Zürich bis zur Kirche Kappel am Albis wird von
dem reformierten Ehepaar Klara und David Künzler im Rahmen der Angebote des
„Hauses der Stille“ gratis angeboten. Kipa ist die sechs Stunden mitgewandert.
Noch darf gesungen werden: "Wechselnde Pfade, Schatten und Licht: Alles ist Gnade,
fürchte dich nicht". Der Kanon hallt von den Wänden der Krypta im Grossmünster wieder. Mit
einer Hand den persönlichen Wanderstein in die Mitte des Pilgerkreises gestreckt, die
andere auf die Schulter des Vordermannes gestützt, laufen die 13 Pilger den zuvor
eingeübten Pilgerschritt ab. Zwei Schritte vor, einen Schritt zurück – wieder und wieder im
Kreis.
Mit hochrotem Kopf und gesenktem Blick versuche ich als Neuling in Sachen
Pilgerwandern die neugierigen Zuschauer, die sich inzwischen im Raum eingefunden haben,
zu ignorieren. Die groteske Situation zwingt mich schliesslich zum Kichern. Peinlich berührt
und mit dem Gefühl schon jetzt versagt zu haben, schliesse ich mich nach dem
gemeinsamen Ritual dem Pilgerzug an.
Langer Weg ist das Ziel
Der Weg zwischen dem Grossmünster und dem "Haus der Stille" in Kappel ZH ist rund
20 km lang. Er kann unendlich lang werden, wenn man nicht reden darf, schiesst es mir
durch den Kopf. Sechs Stunden schweigend neben fremden Menschen herzulaufen – wo
liegt der Sinn? Soweit die anfänglichen Zweifel.
"Das ist eine Art der Meditation. Beim Wandern hilft der Rhythmus beim Nachdenken.
Und in der Gruppe fühlt man sich geborgen", verrät David Künzler, Organisator des
Pilgerlaufs und pensionierter Landarzt, zu Beginn. Man fühle die Aura der Menschen anders,
als wenn man mit ihnen rede. Ihn interessiere aber nicht wer ihm nachläuft. Ein Lauf sei
schliesslich wie eine vorbeiziehende Wolke. "Er kommt und geht".
An den Input denken
Heute kann Künzlers Frau nicht dabei sein, da sie gerade von einer Afrikareise
zurückgekommen ist. Sonst bietet das Ehepaar die Wanderung alle zwei Monate zusammen
an. Insgesamt laufen die beiden schon seit fünf Jahren schweigend – anfangs mit zwei
Mitarbeitern vom "Haus der Stille" in Kappel. Als das Projekt aufgegeben werden sollte,
übernahmen die beiden das Konzept, die Strecke und die Organisation für die "gute Sache".
Und an was denkt man, wenn man schweigt? Der Landarzt lacht herzhaft. "An dies und
das. Am Anfang geht mir das Eingangslied nach. Eigentlich will ich ja an den Input denken.
Aber das mache ich auch nicht immer."
Presseagentur Kipa, Einzelmeldung aus dem Tagesdienst
S. 2
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Den ersten von mehreren "Inputs", Gebete und Sinnsprüche aus der Alltagstheologie,
liest der pensionierte Landarzt aus Hausen am Albis beim Albisgüetli vor.
Bis dahin ist der Lauf kein bisschen entspannend. Wer hätte gedacht, dass das
Schweigen anstrengender ist, als das Laufen? Tausend Gedanken hämmern im Kopf herum,
um herausgelassen zu werden. Sie werden aber nur ansatzweise durch Zeigen auf
ungewöhnliche Gegenstände und Verziehen der Mundwinkel ausgedrückt. Es wundert
einen, dass in der Gruppe nicht mal ein bisschen getuschelt wird und ich empfinde die
Laufnachbarin so ohne Worte und vor Anstrengung verzerrtem Gesicht plötzlich als
unsympathisch und zickig.
Dann geht es aus Zürich heraus und den Albis hinauf. Das soll der kräftezehrendste Teil
des Tages werden, wie Künzler vorwarnt. Die Anstrengung wirkt aber angenehm. Man fasst
weniger Gedanken und hört einfach nur zu: Dem Klacken der Walkingstöcke, dem Ratschen
der Trekkinghosen und dem Wald. Man geniesst auf einmal, dass die Füsse schmerzen und
die schweisstreibende Sonne brennt. Und man fragt sich, warum man das nicht schon früher
gemacht hat: Einfach nur zu Laufen. Ich beobachte die anderen - im Gegensatz zu Künzler
frage mich, warum sie mitlaufen und wer sie sind.
Und letztendlich doch: Die beiden einzigen Männer der Gruppe, Vater und Sohn,
tuscheln beim Mittagessen auf der Krete miteinander – ihre Banknachbarin setzt sich
demonstrativ weit weg. Ich muss schmunzeln. Dem Organisator entgeht das sicher nicht:
"Ich hoffe immer, dass nicht so viel geplaudert wird". Aber ein Schulmeister oder General,
der die Leute zu Recht weist, wolle er auch nicht sein. So sieht er den Schweigemarsch
einfach als Angebot, das die Menschen annehmen können. Ausserdem mache er das vor
allem auch für sich selbst.
Manchmal, wenn niemand kommt, läuft er alleine die Strecke ab und liest sich laut
dieselben Texte vor wie jedes Mal. Da könne es schneien oder regnen. "Dafür muss man
aber schon irgendwie süchtig sein", gibt er zu.
Süchtig sind wohl die wenigsten. Viele Pilger versprechen zwar wieder zu kommen,
machen es aber nicht. Meist sind es bis zu zehn ältere Frauen die mitlaufen. Männer sind
immer in der Minderzahl. Ob alle den Berg hinauf kommen? Der Weg ist lang und das
Tempo recht schnell.
"Man muss endlich einmal nicht reden"
"Ich habe mir die Wanderung nur zugetraut, weil ich wusste, dass ich meinen Mann
anrufen kann, wenn ich müde bin und er mich mit dem Auto einsammelt", gesteht die Pilgerin
mit den Walkingstöcken nach dem Schweigeerlebnis. Ihr Name ist Ruth Vecellio und die
Angst vor ihrem ersten Schweigelauf war unbegründet: Die 68-jährige lief noch vor den
Jüngsten der Gruppe gleich hinter dem Organisator mit und hatte am Tag darauf nicht
einmal Muskelkater.
Die pensionierte Finanzverwalterin aus Geroldswil ZH ist eine Sportskanone: Jahrelang
gab sie Leiterkurse im Sportfach Tennis und wandert oft auch alleine. An dem wortlosen
Pilgerlauf hat sie gereizt, dass sie trotz Gemeinschaft einmal nicht reden muss. "Ich habe
mich an dem Tag ganz frei und leicht gefühlt. Zwar habe ich die anderen gespürt, aber ohne
Verpflichtungen – man konnte sich treiben lassen."
Nach der ruhigen Wanderung habe für sie ihr Sprechen eine ganz andere Bedeutung
bekommen, es sei nun bewusster. Ausserdem sehe man beim Schweigen andere Dinge von
der Umwelt, als während dem Reden.
Sie ist eine der Wenigen, die während des gesamten Tages kein einziges Wort verloren
haben – vielleicht sogar die Einzige.
Presseagentur Kipa, Einzelmeldung aus dem Tagesdienst
S. 3
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Kein Lauf wie der andere
"Es gibt eigentlich immer etwas anderes", schmunzelt Organisator Künzler, wenn er an
die Pannen der bisherigen Wanderungen denkt. "Einer der zu schnell ist, einer der nicht
mehr will und sich ausklingt oder eine" Künzler legt eine dramatische Redepause ein und
prustet los: "eine, die Bärlauch suchen geht." Schweigen scheint unbeschwert und glücklich
zu machen. Und der pensionierte Arzt fügt hinzu: "gesund. Wer meditiert wird angeblich
weniger krank."
Diesen Samstag verliert die Gruppe zwei Frauen. Während die anderen, vom rasanten
Tempo erledigt, im Bauernladen Kuchen kaufen, marschiert der Pilgeranführer zurück, um
die Verlorengegangenen zu suchen. Er findet sie im Restaurant – sie wollen nachkommen.
Reden nach fünf Stunden Stille
Nach der Aufregung scheint sich die Motivation zu Schweigen mehr und mehr
aufzulösen. Was zuerst als ein etwas lauteres Stöhnen oder ein geflüstertes "Ich kann auch
nicht mehr" zu hören ist, endet kurz vor dem Ziel in heiterem Geplauder ohne schlechtes
Gewissen. Beim Abstieg nach Kappel, dort wo Zwingli die Schlacht und sein Leben verlor,
werden heiter Erfahrungen ausgetauscht. Die anfängliche "Zicke" erweist sich als
sympathisch.
So war das zwar nicht ganz gedacht, aber fünf Stunden Stille scheint den meisten zu
reichen. Und da Schweigen auch gelassen macht, sieht Künzler darüber hinweg und sagt im
Nachhinein zufrieden: "Die eine verlorene Frau schrieb mir noch einen Brief mit
Dankesworten für die Wanderung". Und die andere Verlorene habe ihn auch nicht böse
angeschaut. "Ist doch gut gelaufen." Er grinst.
Hinweis: Informationen unter 044 764 04 72 (Künzler) oder dkkuenzler@bluewin.ch
Hinweis für Redaktionen: Zu diesem Beitrag sind kostenpflichtige Bilder erhältlich.
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Fr. 80.-, ab dem zweiten Bild zum gleichen Anlass Fr. 60.-.
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(kipa/khr/job)
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