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...wie ich das Chinesische Neujahr in Singapur erlebte - birgit

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...wie ich das Chinesische Neujahr in Singapur erlebte
Singapur, Januar / Februar 2005
Nach der offiziellen Eröffnung der „fünften Jahreszeit“, den Wochen vor dem Chinesischen
Neujahr, war Chinatown nicht mehr zu retten – bzw. die Unbesonnenen, die sich dorthin begaben. Zu meiner Verteidigung: Ich wusste ehrlich nicht, was mich dort erwarten würde. Zum
Glück war ich erst in den frühen Abendstunden dort, als die Sonne schon recht tief stand.
Trotzdem habe ich jetzt eine lebhafte Vorstellung, was der Spruch "ein Bad in der Menge
nehmen" tatsächlich bedeutet =) Die Luftfeuchtigkeit ist ja schon so recht hoch, aber in dem
Gewühl bei gut 90%. In den umliegenden Shopping-Malls hatte man das Gefühl, die Klimaanlagen würden nicht funktionieren - eine Hitze! In den Straßen habe ich zum Teil komplett
die Orientierung verloren - ein gänzlich verändertes Straßenbild in den kleinen Gassen von
Chinatown. Überall neue Verkaufsstände und Angebote - in einer Straße, die zuvor total uninteressant da leer war, tobte auf einmal das Leben in Form einer bunten Ansammlung von
Ständen - und Tausenden von Leuten! AARRGHH!
Vorsatz für Chinese New Year: Gehe nicht nach Chinatown vor dem 8. Februar 05 (in der
Nacht vom 8. zum 9. ist der offizielle Jahresbeginn für die Chinesen). Da kriegen mich keine
zehn Pferde mehr hin! Allerdings konnte ich einige interessante Beobachtungen machen, die
mit dem Chinesischen Neujahr zusammenhängen:
Top 10 - Woran erkennt man, dass Chinese New Year bevorsteht:
Platz 10: Es gibt überall super-sonder-spezial-Angebote - und die gesamte Orchard Road ist
mit einkaufenden Leuten nur so überfüllt. (Hintergrund: Eine Arbeitskollegin erzählte mir,
dass die Chinesen das Neue Jahr mit neuen Dingen beginnen, d.h. es wird eine komplette
neue Garderobe angeschafft und auch Möbel, Handys, Frisuren - alles neu!)
Platz 9: Auf einigen Linienbussen sind neuerdings lustige Kappen angebracht, die chinesisch anmuten. Vorher waren an deren Stelle Santa Claus Mützen...
Platz 8: Die Farbe Rot dominiert - natürlich in Verbindung mit Gold. (Hintergrund: in der chinesischen Tradition die Farbe für Glück)
Platz 7: Es gibt noch mehr Absperrungen (sprich: HIER sollst du langlaufen!) und Ordner in
den MRT-Stationen (U-Bahn), vorrangig rund um Chinatown - zur Bewältigung der Menschenmassen vermutlich auch empfehlenswert...
Platz 6: Überall hört man jetzt Chinese New Year Songs, natürlich auf Chinesisch. Und
trotzdem kann ich sagen, dass es nur etwa vier verschiedene Lieder gibt. Ich weiß nicht, warum das so sein muss, aber die Interpreten können alle nicht singen. Erinnert ein wenig an
Karaoke-Versuche. Als ich letzte Woche fast anderthalb Stunden bei der Fußpflege war,
wurde ich pausenlos damit beschallt - ergo: ich kann die vier Lieder fast mitsingen, auf Chinesisch! Da lobe ich mir doch Jingle Bells & Co...
Platz 5: Sämtliche Chinesen scheinen entweder an einer Massenhysterie zu leiden oder sind
kollektiv "high" - mit einem leicht starren Grinsen auf den Lächeln ziehen sie durch die Gegend - und schieben stoisch die Leute vor sich her. So ein Schupsen und Drängeln habe ich
bislang noch nie erlebt (ok. das Anstellen für die Visakontrolle, um von Malaysia wieder nach
Singapur zu gelangen, einmal ausgenommen).
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Platz 4: Mein favourisierter Obsthändler in Chinatown hat seine Preise glatt verdoppelt. Jetzt
kosten meine geliebten Honig-Mangos 3 Euro (für 4 Stück). Räuberei! Da lobe ich mir doch
Carrefour: Eine ganze Papaya für 0,80 Euro und eine halbe Wassermelone für 0,70 Euro...
Platz 3: Es wird an jeder Ecke Kitsch verkauft, besonders in Chinatown. Jeder zweite Laden
bzw. Stand verkauft Neujahrs-Deko (natürlich in Rot), Kekse und Süßigkeiten oder traditionelle Klamotten. Die übrigen Läden verkaufen Elektronik-Waren, Möchte-gern-Antiquitäten
und Souvenir-Kram. Die restlichen Stände verkaufen frische Kokosnüsse (vorzugsweise aus
Thailand) oder anderen Esskram oder sind gleich ein richtiges Restaurant. Viel mehr gibt es
zur Zeit in Chinatown nicht zu sehen - abgesehen von den Menschenmassen...
Platz 2: Die Straßen in Chinatown sind nur noch halb so breit. Jeder Laden hat jetzt zu seinem Vorbau noch einen extra Stand. Ergo: die Fußgänger-Passagen sind jetzt in etwa zwei
Meter breit, wo sich noch knapp vier ausgewachsene Personen nebeneinander bewegen
können - bzw. geschoben werden können...
Platz 1: Es gibt mehr Chinesen als Touristen in Chinatown... =)
Der große Höhepunkt war natürlich am Abend vor den offiziellen Neujahrs-Feiertagen (praktisch wie in Europa der Silvesterabend). Annett, eine Freundin aus Deutschland, die mich
einige Tage in Singapur besucht hatte, und ich wagten uns in das Gedränge in Chinatown.
Mann, so viele Menschen auf einmal !! Annett hat dann auch gleich nach dem Feuerwerk
(also: Böller in ohrenbetäubender Lautstärke) aufgegeben und wir traten den Rückzug an.
Ein Gewühle ohne Ende. Und dabei gab’s noch nicht einmal die versprochenen Schnäppchen an den Straßenständen – nach dem Start des Neuen Jahres sollte man die ganzen
Feiertags-Artikel sehr viel günstiger bekommen. Naja, vielleicht nicht gleich direkt danach...
=)
Den nächsten Tag starteten wir bereits nach Bali zu unserem Kurztrip – und entkamen so
den weiteren Feiertags-Ausschweifungen. Zumindest fast: Auch um meinen Appartmentblock herum gibt es Straßen – und Chinesen, die sich dann gern in kleinen Gruppen
zusammentun und auf der Ladefläche kleiner Transporter traditionelle Musik machen, oder
was sie dafür halten. Ich für meinen Teil kann das nicht immer ertragen, zum Beispiel nicht
mit einem Kater... =)
Zurück aus Bali ging’s direkt zu Jean, einer Arbeitskollegin, und ihrer Familie. Sie hatte mich
und Annett eingeladen, das Chinesische Neujahr mit ihrer Familie zu feiern. Während wir auf
Bali waren, hatte sich der Plan noch ein wenig geändert – es waren auch noch jede Menge
Schulfreunde ihres Mannes dabei sowie ihre Eltern und ich weiß nicht wer noch. Ein supervolles Haus bzw. Wohnung. Und es gab jede Menge leckere Dinge zu essen – aber viel Mühe hatte Jean damit nicht, eher ihre Nanny. Unglaublich, aber hier hat jeder, der etwas auf
sich hält, eine Haushaltshilfe-Schrägstrich-Kindermädchen. Jean hat sogar eine sog. Live-inMaid, d.h. sie wohnt direkt mit der Familie zusammen – in einer Mietwohnung. Das sollten
sie mal bei uns einführen... =)
Der Abend war superlustig. Wir wurden natürlich bestaunt wie die Paradisvögel und waren
sofort immer im Gespräch. Und das Beste: Jeans Ehemann ist irgendwie selbst noch ein
Kind =) Sie haben nachher Black Jack gespielt – auch die Kinder – um Geld. Und es ging
hoch her dabei. Kein Wunder, dass Glücksspiel verboten ist in Singapur – viel zu gefährlich,
vor allem für Chinesen... =)
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Und dann noch eine Lektion in Sachen Chinesen und ihre Kinder: Wir fragten nach den vielen Pokalen, die so achtlos auf dem Fernseher standen, und erfuhren, dass Jeans Sohn der
Chinese Chest Champignon Singapurs in seiner Altersstufe ist. Oh, haben wir da aufgedreht
und gemeint, dass allein dafür schon eine eigene Vitrine her müsste... =) Für Jean war das
so nicht weiter wichtig – eine deutsche Mutter hätte immer sofort mit ihrem Sohn angegeben,
oder nicht ?? =)
Das schöne am Chinesischen Neujahr ist – es dauert fast zwei Wochen lang =) Nicht so wie
bei uns, nach dem 1.1. ist wieder alles beim Alten. Nein, in den darauffolgenden Tagen trifft
man sich mit allen Familienmitgliedern und Freunden zum gemütlichen Essen. Und es gibt
besondere Speisen zu dieser Zeit, die Glück bringen sollen. Meine Arbeitskolleginnen haben
mich sogar zu einem solchen Essen mitgenommen. In der Mittagspause ging’s zu einem
traditionellem chinesischen Restaurant, wo das glückbringende Menü bestellten. Den Anfang
macht ein spezieller Salat, der direkt am Tisch vom Kellner zubereitet wird. Jedes Mal, wenn
der Kellner eine neue Zutat hinzufügt, wünscht er den Gästen etwas Gutes für das neue Jahr
– viel Glück, viel Gesundheit usw. Natürlich auf Chinesisch, ich ließ mir das dann aber übersetzen. Anschließend nehmen alle am Tisch die Stäbchen und mischen den Salat – und dabei gibt’s auch wieder Glückwünsche. Also, da kann eigentlich gar nichts mehr schief gehen... =)
Am darauffolgenden Samstag Abend traf ich mich mit meinen beiden Mitbewohnerinnen (wir
haben hier schnell wechselnde Belegschaft - ich erspare euch Namen und Einzelheiten). Wir
wollten uns die "traditionelle" Parade zum Chinesischen Neujahr ansehen - Chingay. Aber
das war nicht irgendeine Parade: "Asia's grandest street and float parade" - mal wieder typisch Singapur! =) Naja, ich war nicht sonderlich begeistert. Wir mussten knappe 1,5 Stunden warten, bis die ersten Festwagen erschienen (offizieller Beginn war 19 Uhr). Die ganze
Zeit über gab es Motivitationsversuche der Massen - ziemlich nervig. Weil vor allem total
sinnlos. Der typische Singapurianer steht da mit verschränkten Armen und harrt der Dinge,
die da kommen mögen - und vor allem mit recht kritischem Blick. Geräusche von jubelnden
Massen, die aus den Lautsprechern dröhnten, kamen allesamt von Band - was geringfügig
grotesk war, wenn man die abwartenden, ruhigen Menschen rundherum gesehen hat =)
Als es dann endlich losging, fanden die meisten Tanz-Aktionen etc. nur vor den vereinzelt
stehenden Tribünen (mit zahlenden oder sonstigen VIP-Gästen) statt. Gut, wir standen
gleich neben einer solchen Sitzreihe - und konnten trotzdem nicht viel erkennen. Völlig entnervt trat ich dann den Rückzug an - bei der Fernsehübertragung saß man wenigstens in der
ersten Reihe =) Für den Abschluss der Veranstaltung hatten sich die Organisatoren etwas
Besonderes ausgedacht: Die Menschen sollten auf der Straße feiern und tanzen (a la Love
Parade). Das ging total daneben, kaum einer der Zuschauer machte mit. Am nächsten Tag
fand ich auch den (vermutlichen) Grund heraus: Auf "Tanzen auf der Straße" gibt es ein
Strafgeld - in Höhe von ca. 2.500 Euro! (Zum Vergleich: sich nackt in der Öffentlichkeit zu
zeigen kostet nur 250 Euro, ein Zehntel - öffentliches Tanzen muss unglaublich GEFÄHRLICH sein =) ). Kein Wunder, dass sich niemand traute... =)
Sonntag Nachmittag traf ich mich mit Maggie zu einem Spaziergang durch den Chinesischen
Garten. Geringfügig kitschig dekoriert wegen des Chinesischen Neujahrs ist der Park so
ganz nett, aber nicht wirklich außergewöhnlich. Leider war die Bonsai-Ausstellung schon
geschlossen. Aber viel eher hätte ich mich auch nicht aus dem Haus getraut - im Moment
stöhnt hier alles unter einer Hitze-Welle. Es ist ungewöhnlich heiß für diese Jahreszeit, wenn
man das überhaupt so sagen kann =) 34 Grad und mehr - im Schatten. Zum Glück war ich
während der Regenzeit in Singapur, den Sommer hätte ich nicht überstanden. Und damit
geht die fünfte Jahreszeit in Singapur nach etwa sieben Wochen endgültig zu Ende...
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Seele and Geist
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