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GEBEL WIE GABEL - Master of Arts in Design

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GEbel wie GAbel
Alltagsobjekte als Inspirationsquelle.
Hochschule Luzern, Design & Kunst
Master of Arts in Design – MA-Thesis
Jane Gebel, Fritschistrasse 4, CH-8003 Zürich
Januar 2010
Heft 1
Inhaltsverzeichnis
Heft 1, theoretischer Teil
5 Einleitung
7
9
13
25
Assoziationsbildung mit Alltagsobjekten
Alltägliche Verwendung
Kunst
Design
35 Kreativ-Methoden
37 Nutzen der Kreativ-Methoden
41 Osborn-Checkliste
43 Mind-Map
Einleitung
Als Designerin bin ich immer auf der Suche nach Inspiration. Sei es für ein GestaltungsKonzept, eine Illustration oder auch für das Thema dieser Arbeit. Durch das tägliche
Arbeiten am Computer suche ich die Inspiration oft im Internet. Es ist so praktisch, einfach
ein Wort eingeben und per Knopfdruck eröffnet sich eine scheinbar unendliche Welt von
Informationen. Aber die Masse an ungefiltertem Bild- und Textmaterial kann überfordernd
und einschüchternd sein. Immer zu sehen, was zu einem Thema bereits gemacht wurde, ist
im ersten Moment motivierend, hemmt aber auch die eigene Kreativität. Deshalb möchte
ich in dieser MA-Thesis untersuchen, wie ich mich für gestalterische Arbeiten inspirieren
lassen kann.
Es lässt sich nicht rational erklären, was genau inspirierend ist. Denn die Inspiration wirkt
wie eine Art Erleuchtung, und wird als eine Beflügelung der Fantasie erlebt.1 Meist ist
etwas inspirierend, das nichts mit der Aufgabe oder der Problemstellung zu tun hat. Es kann
eine Verknüpfung von zwei unterschiedlichen Dingen entstehen, die dann eine Lösung für
das Problem ergeben. Diese Verknüpfung ist eine Assoziation. Alles was wir sehen, riechen
und spüren, löst unweigerlich eine Assoziation aus, die immer individuell und bei jeder
Person verschieden ist.2 Sie erinnert zum Beispiel an etwas Erlebtes oder Erfahrenes und
kann Emotionen und Bilder auslösen. Ein berühmtes Beispiel hierzu findet sich bei Proust.
Er beschreibt in seinem Werk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit auf mehreren Seiten
den Duft von in Tee getunkten Madeleines, «deren Geschmack auf der Zunge augenblicklich
in die Kindheit zurückversetzt.»3
Ich bin auf der Suche nach einer Inspirationsquelle, die wie das Internet, einfach zu erreichen
ist. Etwas, dass uns tagtäglich umgibt und immer vorhanden ist. Etwas, dass greifbar vor der
Nase liegt und völlig normal erscheint, aber dem wir vielleicht kaum Beachtung schenken.
Doch genau in dieser scheinbaren Banalität findet sich vielleicht eine passende Inspirationsquelle. Denn wie schon Jenny4 sagte, steckt gerade im Gewohnten die Überraschung.5
Der Alltag, den wir als normal, routiniert und gewöhnlich erleben, bietet sich somit als passende Inspirationsquelle an. Er besteht aus Handlungen, wie essen, trinken oder schlafen
und jede dieser Handlungen ist mit Objekten verbunden. Zum Beispiel Gebrauchsobjekte,
wie die Gabel oder der Stuhl. Aber auch Verbrauchsobjekte, wie Nahrungs- und Putzmittel.
Sie alle werden als selbstverständlich und normal wahrgenommen und die meisten gehören
zur Deckung der täglichen Grundbedürfnisse. Durch den direkten Kontakt sind manche
Alltagsobjekte mit uns persönlich verwachsen und wir führen mit ihnen eine Art Beziehung.6 Sie prägen und beeinflussen individuelle Erfahrungsgeschichten und erinnern an
1
Vgl. Duden 2007.
2
Vgl. Brunner 2008, S. 224–225.
3
Selle 1997, S. 246.
4
Peter Jenny ist Gestalter und war Dozent an der ehm. Kunstgewerbeschule Zürich,
Mitgründer der F+F Zürich und Professor an der ETH Zürich.
5
Vgl. Jenny 2005, S. 4.
6
Vgl. Selle 1997, S. 20.
5
Erlebtes, verbinden die Vergangenheit mit der Gegenwart.7 All das sind ideale Voraussetzungen für Assoziationen. Denn je vertrauter uns etwas erscheint, je mehr wir darüber wissen und etwas damit verbinden, desto einfacher bildet unser Gehirn Verknüpfungen mit
Erinnerungen.
Alltagsobjekte bergen ein enormes Potential für vielfältige Assoziationen und liefern somit die Grundlage für Inspirationen. Wie aber kann dieses Potential genutzt werden? Um
bewusst Assoziationen zu bilden, können Kreativ-Methoden sehr hilfreich sein. Sie geben
Anstoss für ungewohnte Gedankengänge und Verknüpfungen. Der Horizont des Denkens
wird erweitert und es entstehen ungewohnte Lösungen und Ideen.8 Sie dienen als Werkzeuge, um Assoziationen hervorzulocken und bieten ein strukturiertes Gerüst in einer intuitiven
Phase des Designs.
Ziel dieser Arbeit ist es, aufzuzeigen, wie Alltagsobjekte in Verbindung mit Kreativ-Methoden als Inspirationsquelle genutzt werden können. Sie könnte auch als eine Art Anleitung
oder Grundlage für andere Designer dienen, die nach einer neuen Quelle für Inspiration
suchen. Auch ich erhoffe mir, in Zukunft diese Möglichkeit zu nutzen, um mich für gestalterische Arbeiten inspirieren zu lassen.
Die MA-Thesis besteht aus einem theoretischen und praktischen Teil und ist in drei Hefte
aufgeteilt. Das erste Heft enthält den theoretischen Teil. In diesem werde ich in den ersten
beiden Kapiteln aufzeigen, wie Alltagsobjekte Assoziationen bilden und wie diese Assoziationen mit Hilfe von Kreativ-Methoden bewusst ausgelöst werden. Die dabei entstandenen Erkenntnisse dienen als Grundlage für den praktischen Teil (Heft 2). In diesem werden
ausgewählte Kreativ-Methoden auf ein Alltagsobjekt angewandt. Die dabei entstandenen
Assoziationen werden als Inspirationsquelle für die gestalterische Arbeit genutzt und visuell umgesetzt. Das dritte Heft enthält den letzten Teil mit Schlusswort und Bibliographie. Es
werden der schriftliche und praktische Teil der Arbeit aufeinander bezogen, Reflektiert und
die Ergebnisse aufgezeigt.
7
Vgl. Selle 1997, S. 79, 90, 121.
8
Vgl. Brunner 2008, S. 1.
Assoziationsbildung mit
Alltagsobjekten
In diesem Kapitel wird anhand dreier verschiedener Gebiete aufgezeigt, wie Alltagsobjekte
zu Assoziationen führen: zuerst in ihrer alltäglichen, direkten Verwendung wie dem Benutzen und Besitzen; dann anhand von Werken aus der Kunst, wo die Alltagsobjekte den Rezipienten in einer indirekten Verwendung begegnen. In der Kunst werden sie durch verschiedene Anwendungen zu Trägern einer Aussage. Um dies aufzuzeigen wurden exemplarisch
sechs Werke von unterschiedlichen Künstlern und Künstlerinnen aus dem 20. Jahrhundert
und dem letzten Jahrzehnt, ausgewählt. Sie stehen stellvertretend für Werke mit ähnlicher
Verwendung von Alltagsobjekten. Zuletzt wird die Assoziationsbildung mit Alltagsobjekten
im Design aufgezeigt. In diesem Bereich dienen Alltagsobjekte vor allem als Gestaltungsmittel. Dazu wurden fünf aktuelle Arbeiten aus dem Bereich Grafik-Design ausgewählt.
Bei den Beispielen aus Kunst und Design wird nur die statische, visuelle Form der Assoziationsbildung betrachtet. Bewegung oder Ton, die für die Assoziationsbildung natürlich auch
eine entscheidende Rolle spielen, werden im Rahmen dieser Arbeit ausgeschlossen.
7
Abb. 01
8
Alltägliche Verwendung
Das Benutzen von Alltagsobjekten macht diese zum Träger einer Bedeutung und lösen so
Assoziationen aus. Assoziationen entstehen durch die Handlung mit dem Objekt. So assoziieren wir den Stuhl automatisch mit dem Sitzen. Dies ist sein Sinn und Zweck und die
ihm zugedachte Funktion. Die Benutzer können Alltagsobjekten aber auch unbewusst neue
Funktionen zuschreiben und diese so umnutzen. Dieser Vorgang wird als selbstverständlich
wahrgenommen und geschieht vor allem bei solchen Alltagsobjekten, die der Deckung von
Grundbedürfnissen dienen. So ist es für uns logisch, die Jacke über den Stuhl zu hängen,
aber es ist uns nicht bewusst, dass wir den Stuhl so zum Kleiderbügel oder zu einer Garderobe umfunktionieren. Alltagsobjekte werden auf diese Weise aus ihrer ursprünglichen
Funktion gelöst und zweckentfremdet, sie haben deshalb oft mehrere Funktionen: einerseits diejenigen, die ihnen bei der Entwicklung zugedacht wurden, also ihr Sinn und Zweck,
und andererseits diejenigen, die sie durch ihre individuelle Benutzung und Umnutzung erhalten. Es wird deutlich, dass jedes Alltagsobjekt aus zwei Perspektiven betrachtet werden
muss: die der Entwicklung und die der Benutzung. Wie Alltagsobjekte benutzt werden, ist
der Phantasie ihrer Benutzer überlassen. Aber besonders die Form und Materialität eines
Objektes regen zum Assoziieren und Umnutzen an.9 Der Stuhl gleicht, dank seiner Lehne
und Sitzfläche, zum Beispiel einer Garderobe oder einer Ablagefläche. Dies wird auch anhand der abgebildeten Beispielen auf der linken Seite sichtbar.
Nicht nur das Benutzen, sondern auch das Besitzen beeinflusst die Assoziationsbildung.
Um dies zu erläutern, wird der Fokus vom Alltagsobjekt auf das Objekt im Allgemeinen
erweitert. Der Besitz von Objekten hat einen starken Einfluss auf uns. Dieser wird völlig unterschätz, da viele Objekte uns so vertraut sind. Dabei beeinflussen sie sogar unser Denken
und Handeln und sollen laut Csikszentmihalyi sogar einen determinierenden Einfluss auf
die persönliche Entwicklung haben.10 Und auch Selle argumentiert ähnlich: «Zeige mir, was
du besitzt und wie du damit umgehst und ich sage dir, wer du bist oder sein möchtest.»11 Das
Besitzen von Objekten, gibt den Menschen Hoffnung, jemand zu sein. Sie identifizieren sich
mit ihnen und projizieren ihr Selbst in die Welt der Dinge. «Werte, Liebe und Menschen lassen sich nicht besitzen. Deshalb brauchen wir Dinge, in denen sich Zuneigung verdichtet, die
uns die Verlustgefahr des Zwischenmenschlichen erträglich machen. […] In unterschwelliger Panik, niemand zu sein, hoffen sie [die Menschen], durch Dinge jemand zu werden.»12
Besonders Kinder haben ein unstillbares Begehren zu Objekten: «Kinder lieben Dinge. Sie
begehren sie, schamlos, unersättlich und unbedingt. Kinder staunen über Gegenstände,
wünschen sie sich jeden Tag als Geschenk. Sie weinen bitterlich, wenn Dinge verloren gehen oder ihnen weggenommen werden, sie lassen sich durch Dinge sogar gefügig machen.
Kindern wird das Ding zur Welt. Sie haben eine unverkrampft libidinöse Beziehung
9
Vgl. Brandes/Stich/Wender 2009, S. 58, 124, 183f.
10 Vgl. Csikszentmihalyi 1989, S. 8, 35.
11 Selle 1997, S. 104.
12 Seelig/Stahel 2004, S. 352.
9
Yoon, JeongMee:
«The Pink & Blue Project»
(2005-ongoing)
Der Fotograf JeongMee Yoon
visualisiert das Klischee,
dass Mädchen mit Pink und
Jungs mit Blau assoziiert
werden und gleichzeitig die
Beziehung zu Objekten.
Auch scheinen sich die Kinder
in einer Welt von Objekten
zu verlieren.
Abb. 02
10
zu Objekten, die ihnen ebenso rätselhaft wie anziehend erscheinen.»13 Diese von Seelig und
Stahel aufgeführten Beispiele illustrieren, dass der Besitz von Objekten einen derart grossen
Einfluss auf unsere Persönlichkeit, auf unser Leben, ja sogar auf unseren Stellenwert in der
Gesellschaft haben kann, was unweigerlich auch die Assoziationsbildung beeinflusst und
ins Unerschöpfliche wachsen lässt.
Alltagsobjekte laden zum Assoziieren ein. Durch ihren Sinn und Zweck wie durch das
Benutzen erinnern sie zwangsläufig an eine Tätigkeit. Auch das Umnutzen kann als eine
assoziative Reaktion gedeutet werden. Denn hier erinnert die Form oder das Material an
ein Objekt mit ähnlicher Funktion. Es kann also gesagt werden, dass Alltagsobjekte in vielerlei Hinsicht zu assoziativen Gedanken führen können. Wichtig erscheit mir die Erkenntnis, dass zwar alles um uns herum Assoziationen auslösen kann, doch je persönlicher die
Bindung zu einem Objekt ist, umso individueller und vielfältiger sind die Verknüpfungen
mit Erinnerungen.
13 Seelig/Stahel o.o.A., S. 328.
11
Duchamp, Marcel:
«Fountain» (1917)
Abb. 03
12
Kunst
In der Kunst, besonders in der Malerei, finden Alltagsobjekte immer wieder Verwendung.
Man denke an die monumentalen Stillleben des Barocks oder die plakative Darstellung von
Produkten im Pop-Art. Auch in den letzten beiden Jahrzehnten waren Alltagsobjekte immer wieder ein beliebtes Darstellungsmittel. Sie werden auf unterschiedliche Art und Weise zum Träger einer Bedeutung bzw. zum Auslöser von Assoziationen oder sie dienen zur
Vermittlung eines Inhaltes.
Marcel Duchamp arbeitet mit dem Alltagsobjekt in seiner reinen Form. Mit seinen Readymades ästhetisiert er das unscheinbar Banale. Er löst das Objekt aus seinem gewohnten
Umfeld, deklariert es zu einem Kunstobjekt und macht es so zur Kunst. Es bekommt eine
neue Funktion und der Künstler beeinflusst so die Aussage des Objektes.14 Die Veränderung
der Aussage ist die Arbeit des Künstlers. Dies bedarf einer Methodik, die je nach Künstlern
individuell und subjektiv ist. Sie kann aus psychologischem, sozialem oder politischem Interesse entstehen.15 Die Künstler sehen das Objekt aus einem bestimmten Blickwinkel. Dieser ist geprägt durch verschiedene Einflüsse wie Erinnerungen, Erfahrungen und Wünsche.
Je nach Blickwinkel bekommt das Objekt einen neuen Sinn. Ein Zitat von Jenny gibt dazu
ein passendes Beispiel: «Ein Kind zeigt dem Anderen sein Flugzeug. Mit Rädern aus Plastik
und sogar einer Tür zum öffnen. Das andere Kind hat nur ein Stück Holz. «‹Mein Flugzeug
ist schöner als deines›, sagt das erste Kind. ‹Aber meins ist ein Auto, wenn ich will.›»16 So
wie das Stück Holz ein Auto, ist in den Augen Duchamps das Pissoir ein Kunstobjekt. Aber
Duchamp geht noch einen Schritt weiter. Für ihn ist: «[…] bis zur Grenze des Verstandes
ausgetragen [...] jedes Bild ein Ready-made. Wer zerreibt die Farbe und stellt die Leinwände
her? Nicht der Künstler! Auf diese Weise betrachtet, ist das Ready-made eine Erweiterung –
ein Akzeptieren von dem, was schon wahr ist. Jedes Gemälde ist ein Ready-made in diesem
Sinne.»17 Der Träger eines Gemäldes, in diesem Fall die Leinwand, ist also nach Duchamps
Auffassung selbst schon ein Kunstobjekt.
14 Vgl. Russo 2000, S. 7–8.
15 Vgl. Seelig 2007, S. 13.
16 Jenny 2000, S. 16.
17 Stauffacher 1992, S. 66.
13
Shabazi, Shirana:
«Farsh-08-2004» (2004)
Abb. 04
14
Shabazi, eine junge Zürcher Fotokünstlerin, arbeitet, ähnlich wie in Duchamps Zitat, mit
dem Träger als Kunstobjekt. Sie verwendet das Alltagsobjekt auf verschiedenen Ebenen
gleichzeitig. Der geknüpfte Teppich zeigt von ihr fotografierte Stillleben. Nicht nur das Abbild des Stilllebens, sondern auch der Teppich selbst wird hier zum Kunstobjekt. Sie benutzt
Alltagsobjekte, in diesem Fall die Objekte im Stillleben und auch den Teppich, als Träger
einer Bedeutung. Durch das Objekt als Träger wird es auch hier zweckentfremdet und
assoziativ neu aufgeladen. Und auch die Fotografie selbst verändert die Aussage des
abgebildeten Objektes. Denn: «[d]ie Fotografie verwandelt das Objekt in ein Zeichen seiner
selbst. Obwohl es materiell abwesend ist, kann das Objekt eine eigensinnige und zuweilen
rätselhafte Qualität annehmen, unabhängig von der funktionalen Absicht der Fotografie.»18
Die Fotografie des Teppichs wird zum vierfachen Träger: das Stillleben der Früchte, die
Fotografie des Stilllebens als Vorlage für die Teppichknüpfer, der Teppich als Kunstobjekt,
und schliesslich das Foto vom Teppich.
18 Seelig/Stahel 2004, S. 264.
15
Fischli/Weiss:
«Die Wurstserie.» (1979)
Serie von 10 Fotografien
Abb. 05
16
Die Fotografie in der Konzept-Kunst, wie zum Beispiel bei Fischli/Weiss, dient als Mittel zur
Dokumentation. Das Werk wird, durch das Abbild auf der Fotografie, zugänglich gemacht
und bekommt eine künstlerische Gültigkeit.19 Fischli/Weiss inszenieren in ihren Werken
Alltagsobjekte. Mit präziser Beobachtung auf das alltäglich Banale verschieben sie in ihren
Kunstwerken die Perspektiven der Wirklichkeit.20 In der Wirklichkeit, also im Alltag, werden Alltagsobjekte nur als das, was sie sind, betrachtet. Fischli/Weiss verleihen den Alltagsobjekten in ihren Werken fast mystische und geheimnisvolle Bedeutungen. Sie geben ihnen
einen symbolischen Wert, so dass man ihnen auf diese Weise viel mehr Aufmerksamkeit
schenkt, als wenn sie im Museum ausgestellt wären.21
In ihrer ersten gemeinsamen Arbeit Die Wurstserie, verwandeln sie Alltagsobjekte zu Berglandschaften oder Städten. Die Assoziationsbildung wird in diesem Beispiel von den Künstlern
beeinflusst, da eine eindeutige Übersetzung, zu einem bereits gespeicherten Bild, geschieht.
19 Vgl. Seelig 2007, S. 18.
20 Vgl. Curiger/Fischli/Weiss 2006, S. 6
21 Vgl. Curiger/Fischli/Weiss o.o.A., S. 15.
17
Fischli/Weiss
«Equilibres – Stiller Nachmittag» (1984–85/87)
Ca. 45 verschiedene Fotografien, farbig und
schwarz-weiss, Hoch- und Querformate
Abb. 06
18
Bei dem Werk Equilibres – Stiller Nachmittag, lassen sie mehr Spielraum für individuelle
Assoziationen. Es sind skurrile und sinnlose Gebilde, die irritieren und belustigen. 22 Wichtig
bei der Betrachtung dieses Werkes ist die Bereitschaft, etwas neu und anders zu sehen. 23
Fantasie spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Werke von Fischli/Weiss wirken oft sehr naheliegend und einfach. Aber «[d]ie am schwierigsten zu fassenden Bilder, die eine aktive
Interpretation und Ergänzung am stärksten fordern, sind jene, die am einfachsten und offensichtlichsten scheinen. Denn es gibt nie eine absolute Trennung von Fantasie und Wirklichkeit, weder von Bildern noch von Objekten.»24 Diese Fantasie bildet die Grundlage für
Assoziationen.
22 Curiger/Fischli/Weiss o.o.A., S. 97.
23 Jenny 2000, S. 16.
24 Seelig/Stahel 2004, S. 265.
19
Abb. 07
Fischli/Weiss
«Der Lauf der Dinge» (1985–87)
Film, 16mm, Ton, 30 Min.
20
Beim Werk Der Lauf der Dinge wird den Objekten ein Eigenleben eingehaucht, was auf diese
Weise Assoziationen hervorrufen. Es handelt sich um eine Videoaufnahme von Objekten
die wie in Kettenreaktion in Bewegung gesetzt werden. «Der Film will nichts, doch die Leute
[…] denken an Müll, Gewalt, Verschmutzung, Erschöpfung und Verzweiflung, […] »25 Aber
die Darstellung der Objekte im Der Lauf der Dinge unterscheidet sich zum Werk Equilibres –
Stiller Nachmittag und Die Wurstserie. Es wird mit der Form und Materialität der Objekte
gearbeitet. Das Objekt selbst wird unterstrichen und nicht als Metapher für etwas anderes
benutzt. Das Objekt bleibt das, was es ist.26
Es braucht also nicht zwingend die Darstellung und Überführung zu etwas Bestehendem, um
gedankliche Verknüpfungen bzw. Assoziationen zu bilden. Denn Alltagsobjekte vermitteln
schon allein durch ihre Inszenierung einen Inhalt, der sich auf die individuellen Erinnerungen jedes einzelnen Rezipienten beruft. Aber die Künstler können die Richtung der Assoziationen lenken, je nach dem wie stark die Inszenierung an ein eingeprägtes Bild erinnert.
25 Curiger/Fischli/Weiss o.o.A., S. 214
26 Vgl. Curiger/Fischli/Weiss 2006, S. 214–215.
21
Abb. 08
Wurm, Erwin
«One Minute Sculpture» (1997)
Die Serie ist seine bekannteste Arbeit.
Menschen die Skulpturen aus sich und
Alltagsobjekten bilden und diese Position
eine Minute lang halten.
22
Die Werke von Fischli/Weiss haben immer etwas Unbeschwertes und Zugängliches. Auch
Erwin Wurm spielt mit dieser Leichtigkeit. Er nimmt in seinen Werken das Lächerliche auf
die Schippe, macht es zum Thema und provoziert damit die Heiterkeit. In einem Interview
beschreibt er, wie er mit Zynismus und Humor, den schweren Dingen im Leben entgegentritt. Er arbeite mit starken Bildern und Ikonen aus unserer Zeit. Diese Ikonen sind aggressiv,
laut und nehmen sich oft viel zu wichtig, was schrecklich traurig sei. Denn er mag lieber
dumme ehrliche Menschen, als kluge dumme, hochnäsige. Er will in seinen Arbeiten die
Doppeldeutigkeit vom Lachen und Weinen darstellen und arbeitet mit allen Materialien die ihn umgeben. Das Material, im folgenden Beispiel die Alltagsobjekte, spiegeln die
Themen der heutigen Gesellschaft wieder. Laut Erwin Wurm spricht seine Arbeit: «[...] vom
ganzen Dasein des Menschen: die Physik, die Spiritualität, die Psychologie und die Politik.»27
Gleichzeitig ist er aber auch einfach am Gewöhnlichen des Alltagslebens interessiert.28
Er verwendet, im Gegensatz zu den bisher erwähnten Werken der anderen Künstler, das
Alltagsobjekt in einer weiteren Form. Und zwar inszeniert mit Menschen. Er überführt das
Objekt so in eine weitere Dimension, in dem er die Benutzer der Objekte in seine Werke
einbindet. Mensch und Alltagsobjekt werden aus ihrem eigentlichen Kontext gelöst und erhalten eine neue Funktion. Nicht nur das Objekt, sondern auch der Mensch wird zum Träger
einer Bedeutung und Vermittler von Assoziationen.
Das scheinbar Banale und Naheliegende spielt in allen aufgezeigten Werken eine entscheidende Rolle. Und dennoch thematisieren die Künstler in ihren Werken auch komplexe und
ernsthafte Inhalte. Alltagsobjekte sind in ihrem gewohnten Kontext nicht zwangsläufig Träger einer Aussage. Sie sind Werkzeuge des alltäglichen Gebrauchs. In einem neuen Kontext
dargestellt, werden Alltagsobjekte, zu Werkzeugen, die einen Inhalt vermitteln und so zur
Projektionsfläche des Betrachters werden. Der neue Kontext wird vom Künstler geschaffen
aber die Interpretation entsteht durch die individuelle Assoziation der Rezipienten. Den
Künstlern steht es frei, beispielsweise «[...] bestehende Bezüge aufzulösen und auszulöschen, um den entleerten Objekten in einem quasi anarchistischen Akt neue Bedeutung
zuzuschreiben.»29 Die Künstler besitzen die Macht zu entscheiden, was die Rezipienten in
ihren Werken sehen oder assoziieren sollen.
27 Wurm 2006, S. 52.
28 Wurm o.o.A., S. 111.
29 Seelig 2007, S. 114.
23
Stills aus dem TV-Spot «Chrome»
für Google (2009),
Agentur: LHB Labs, London/New York
Abb. 09
24
Design
Auch im Design finden Alltagsobjekte, besonders in den letzten Jahren, immer mehr Verwendung. Es zeichnet sich ein Trend ab, wonach ein Verlangen nach Echtem, Authentischem
und Anfassbarem, besteht.30 Die bisherige Illusion, ermöglicht durch die Computertechnologie (wie Special-Effects oder Bildretuschen), wird dem Rezipienten wieder genommen.
Man bekommt die Chance, hinter die Kulissen zu sehen, was im folgenden Beispiel wortwörtlich realisiert wurde:
In diesem Werbespot für Google Chrome, wird durch das Schwenken der Kamera, den
Rezipienten eine neue Dimension eröffnet. Anfangs sieht es aus, als handle es sich um einen
echten Laptop, auf dem Ballone zu sehen sind. Es ist aber eine echte Installation, was erst
durch den Kameraschwenk deutlich wird.
Alltagsobjekte dienen im Design als Wiedererkennung für die Rezipienten und als Mittel für
die Umsetzung und nicht wie in der Kunst als Träger einer Bedeutung oder eines Inhaltes.
Sie ersetzen die Rolle der Protagonisten und rücken so in den Vordergrund. In folgenden
Beispielen, die exemplarisch für Arbeiten mit Alltagsobjekten der letzten Jahren stehen, ist
dieser Rollentausch gut erkennbar.
30 Page 2009, S. 36.
25
Abb. 10
Stills aus TV-Spot «Breakfast für Becel»
für Orange (Jahr unbekannt),
Agentur: RBG6, Stockholm.
Abb. 11
Stills aus dem TV-Spot «The Room»
für Re:member (Jahr unbekannt),
Agentur: RBG6, Stockholm.
26
Diese Arbeiten haben einen durchgehenden Stil. Als Protagonisten dienen Alltagsobjekte,
die mit Stop-Trick Animation oder mit 3-D Animation zum Leben erweckt werden. Die
Arbeiten wirken dadurch sehr haptisch und realistisch. Das gibt dem beworbenen Produkt,
dank der Wiedererkennung, eine persönliche Bindung. Die Inszenierungen erinnern an die
Werke von Fischli/Weiss, aber ohne die Übersetzung, über das Objekt als Träger, einer Aussage. Die Alltagsobjekte dienen in erster Linie als Gestaltungsmittel, spielen aber dennoch
mit der assoziativen Wirkung, die sie durch den neuen Kontext erhalten.
27
Abb. 12
Plakatkampagne für das
Züricher Theater Spektakel 2009
Agnetur: TBS Identity, Zürich
28
Die Werbekampagne für das Züricher Theater Spektakel, ist ein aktuelles Beispiel mit
Alltagsobjekten. Hier wurden Installationen mit Alltagsobjekten und Menschen errichtet.
Wie bei Erwin Wurm, findet eine Inszenierung mit Benutzer und Alltagsobjekten statt. Die
Objekte dienen hier nicht nur als Mittel für die Umsetzung, sie werden zum Vermittler eines
Inhaltes. Laut der Werbezeitschrift Persönlich «[...] arbeitete die Zürcher Agentur [TBS Identity] mit den Künstlern Geoffrey Cottenceau und Romain Rousset zusammen. Das Lausanner
Duo inszeniert auf seinen Fotografien auf humorvolle und skurrile Art und Weise Szenen
der improvisierten Verwandlung und trifft damit eines der Grundthemen des diesjährigen
Festivals [...]».31 Vielleicht sind es berühmte Theaterstücke, deren Namen die Installationen
darstellen sollen, oder aber einfach nur theatralische Inszenierungen. Auf jeden Fall regen
diese Bilder die Phantasie und das Assoziieren an.
31 persönlich.com, Zürcher Theater Spektakel 2009.
29
Abb. 13
Julien Vallée
«Young designer’s Youth» Print Magazine 2007
30
Julien Vallée ist Trendsetter der sogenannten Raumgrafik und zeigt uns mit seinen Illustrationen und Fotografien «[…] die Welt einfach so, wie sie ist – eben nur ganz anders.»32 Seine
Arbeiten widmen sich wieder dem ehrlichen Handwerk. «Da werden Alltagsobjekte mit
Liebe zu ungewohnten Situationen oder Landschaften dekoriert, dass sie fast wie von selbst
wunderbare Geschichten erzählen.»33 In dieser Arbeit benutzt Vallée Alltagsobjekte als
Hintergrundmuster und gleichzeitig für die Darstellung von textlichem Inhalt. Es dient als
Darstellungsmittel und die eigene Objektsprache wird nicht beachtet. Die Assoziationsbildung ist daher nicht so stark wie bei der Plakat Kampagne des Zürcher Theater Spektakels.
32 Page 2009, S. 39.
33 Page 2009, S. 36.
31
Werbekampagne
für Migros Budget 2010
Agentur: Jung von Matt,
Zürich
Abb. 14
32
Die neuste Plakatkampagne für die Migros Produktreihe Budget arbeitet auch mit der Identifikation und der Zweckentfremdung. Hier wird mit einem weiteren Element, der Typografie, gearbeitet. Die Werbezeitschrift Persönlich berichtet: «In fadengeraden TV-Spots, auf
Plakaten und Anzeigen erfahren wir nach dem ruinösen Weihnachtskaufrausch, wofür die
günstigen Produkte von M-Budget auch sonst noch zu verwenden wären. Willkommene
Tipps für den Weg aus dem finanziellen Januarloch.»34
Dank der Headline wird den Produkten eine neue Funktion zugewiesen. Die Produkte werden so für die Kampagne zweckentfremdet oder können vom Konsumenten umgenutzt
werden. Die Kampagne regt die Phantasie und Assoziationsbildung der Rezipienten an.
Im Design werden Alltagsobjekte wie in der Kunst, aus ihrem gewohnten Umfeld gelöst und
zweckentfremdet. Aber sie dienen, im Gegensatz zur Kunst meist nur als Darstellungsmittel
und nicht zur Vermittlung eines Inhaltes. Das Design lässt sich oft von der Kunst inspirieren, aber die Umsetzungen sind meist nur oberflächlich, dekorativ. Wie dies am Beispiel
der Arbeiten von Vallée ersichtlich ist. Designs, die aber bewusst mit der Assoziationsbildung arbeiten, wirken interessanter und tiefgründiger. Für alle aber gilt, dass Alltagsobjekte
ideale Gestaltungsmittel sind, um dem beworbenen Produkt ein vertrautes und nicht überhebliches Image zu verleiten.
34 persönlich.com, Migros Budget 2010.
33
KreativMethoden
Das erste Kapitel zeigt auf, das Alltagsobjekte Träger einer Bedeutung, Vermittler einer Aussage oder Mittel zur Darstellung sein können. Sie regen die Betrachter zum Assoziieren an
und verbinden so persönliche Erinnerungen mit dem Design oder dem Kunstwerk. Dies
beweist, dass Alltagsobjekte mehr sein können, als nur ihren Sinn und Zweck erfüllen. Mit
ihnen wird ein allgemeiner und persönlicher Inhalt verbunden und sind deshalb Grundlagen
zahlreicher Assoziationen. In diesem Kapitel wird aufgezeigt, wie Assoziationen ausgelöst
und gesammelt werden können. Dies dient als Anleitung für den praktischen Teil.
Assoziationen können mit Kreativ-Methoden bewusst hervorgerufen und als Inspiration
genutzt werden. Das Vorgehen kann völlig intuitiv sein, oder aber man greift auf bestimmte
Kreativ-Methoden zurück. In der Recherche für diese Arbeit habe ich mich mit verschiedenen Kreativ-Methoden auseinander gesetzt und auf folgende zwei Kriterien geprüft:
Erstens, muss es möglich sein, die Methode alleine anzuwenden, also nicht in einer Gruppe,
da nur ich allein den praktischen Teil durchführen werde. Es wurde nachgewiesen, dass es
für das bewusste Aktivieren kreativer Denkvorgänge keine Gruppe braucht.35 Als zweites
Kriterium müssen die Methoden auf Alltagsobjekte anwendbar sein und nicht von einer
konkreten Problemstellung ausgehen. Um die Alltagsobjekte bewusst, also systematisch
und analytisch zu betrachten, eignet sich besonders die Osborn-Checkliste. Die daraus entstandenen Assoziationen stelle ich mit der Mind-Map Methode dar. Mit ihr sind auch wieder
neue Assoziationsbildungen möglich.
35 Bono 1996, S. 48.
35
Abb. 15
36
Nutzen der Kreativ-Methoden
Design, also das Gestalten von Produkten und Objekten, ist in den Augen der meisten nichtDesigner aber auch Designer selbst, ein kreativer, schöpferischer, gar mystischer Akt des
Entwerfens. Aber jedes Design ist das Ergebnis eines Prozesses, der aus verschiedenen
Phasen besteht. Diese Phasen sind Teil der Methodologie. Sie ist die wissenschaftliche Lehre der Methoden und wird heute in fast allen Bereichen des Designs angewendet.36 Das
Buch Visuelle Forschung von Noble und Bestley, zeigt dies am Beispiel Grafik-Design auf. Es
beschreibt, dass Methoden ein praktisches Werkzeug im Designprozess sind. Die Methoden
selbst, sind meist systematische oder gesetzmässige Vorgehens- oder Handlungsweisen.37
Erst durch die Methodologie wurde das Design überhaupt als Disziplin akzeptiert. 38 Designer
stellen mit ihrer Arbeit demzufolge ebenfalls Behauptungen bzw. Hypothesen auf. In einer
Präsentation müssen sie beispielsweise Beweise liefern, um eine Hypothese zu untermauern. Mit der Methodologie können Designer die Entscheidungen «[…] besser begründen,
das visuelle Vokabular glaubhafter darstellen und eine sorgfältiger getestete und damit
wahrscheinlich erfolgreichere Arbeit abliefern.»39
Methoden werden grundsätzlich angewendet, um Gedanken oder die Phantasie anzuregen. Sie sind analytisch-systematisch oder intuitiv-kreativ ausgelegt.40 Vom Aufbau sind
sie verschieden, aber das Ergebnis ist bei allen das Gleiche. Sie setzen Assoziationen frei,
geben Denkanstösse, die aufrütteln und anregen, um aus starren Wahrnehmungsmustern
auszubrechen.41 Dies ist wichtig, weil: «[…] der direkte Weg zum Ziel, […] auch der Nächste,
der Naheliegenste, aber auch gleichzeitig der Ausgetretenste und Banalste [ist].»42 Und eine
passende Weisheit im Zen-Buddhismus sagt: «Wenn du in Eile bist, mache einen Umweg».43
Der Umweg ist sozusagen der Prozess, der Weg zum Ziel und die Methode unterstützt ihn.
Was ich aus eigner Erfahrung sagen kann, bestätigt auch Bürdek: «Ist in der Ausbildung
der Prozess des Entwerfens wichtiger als das Ergebnis, so verhält es sich in der Praxis
genau umgekehrt.»44 Ideal wäre es ein Mittelweg für die Praxis zu finden, der den Prozess
mit einbezieht und das Ergebnis so vielleicht verbessert. Dafür müsste der Prozess, also das
Gehen, rationalisiert und effizienter gestaltet werden, um so auch genügend Spielraum für
die Phantasie zu finden.
36
Die Methodologie findet besonders im Industrial Design ihre Anwendung. Nach dem 2. Weltkrieg, als die Wirtschaft wieder
zu florieren begann, war man im Industrial Design bemüht, wissenschaftliche Methoden in den Design-Prozess zu integrieren,
um damit in der Industrie akzeptiert zu werden. In den sechziger Jahren wurde an der Hochschule für Gestaltung Ulm die
Lehre der Methodologie angewendet. Das logisch, systematische Denken wurde dadurch geschult und das Design somit prak-
tisch lernbar. Vgl. Bürdek 1991, S. 118–119.
37 Vgl. Noble/Bestley 2005, S. 20.
38 Vgl. Bürdek o.o.A., S. 119.
39 Noble/Bestley o.o.A., S. 70.
40 Vgl. Wack 1998, S. 79.
41 Vgl. Bono 1996, S. 37.
42 Vgl. Jenny/Billeter/Killer/Loderer 2005, S. 27.
43 Zit. nach Jenny/Billeter/Killer/Loderer 2005, S. 27.
44 Vgl. Bürdek o.o.A., S. 119.
37
Abb. 16
Jenny, Peter:
Bissstudien aus dem Buch
Bildrezepte 1996.
38
Einige Designer würden hier intervenieren und behaupten, dass Kreativ-Methoden sie in
ihrer Kreativität nur hindern.45 Aber mit dem folgenden kurzen Ausschnitt aus dem Ausstellungskatalog Var veder l‘aria. Die Luft sichtbar machen zur Ausstellung von Bruno Munari,
machen Lichtenstein und Häberli mit folgendem Zitat deutlich, was Design ist und dass sie
selbst auch eine Methode sein kann: «Die Phantasie ist die Begabung mit den meisten Freiheiten. Sie braucht sich nicht wirklich um die Realisierbarkeit oder das Funktionieren dessen zu kümmern, was sie sich ausgedacht hat. Sie ist frei zu denken, was immer sie will, auch
das Absurdeste, Unglaublichste, Unmöglichste. […] Auch die Kreativität ist eine zielgerichtete Anwendung der Phantasie, oder eher von Phantasie und Erfindungsgabe zusammen.
Kreativität ist unerlässlich im Bereich des Designs, vorausgesetzt man versteht den Begriff
Design als Methode des Entwerfens, eine Methode, die – obwohl frei, wie die Phantasie – zu
den exakten Methoden gehört, wie das Erfinden. Sie vereint alle Aspekte eines Problems,
nicht nur Idee und Phantasie, nicht nur Funktion und Erfindung, sondern auch psychologische, soziale, wirtschaftliche und menschliche Aspekte. Design wäre demnach der Entwurf
eines Objektes, eines Symbol, eines Ambiente, die Entwicklung einer neuen Didaktik oder
einer Entwurfmethode, mit deren Hilfe eine Lösung für gesellschaftliche Bedürfnisse usw.
gesucht werden kann.»46 Und auch Jenny argumentiert zu Gunsten der Kreativ-Methoden
im Design: «Die Angst, rezepthaft zu befolgen, was eigentlich individueller Erfindungsgabe zugeschrieben werden müsste, verliert dann ihren Stachel, wenn das Rezept darauf abzielt, gerade das Individuelle, das Unverwechselbare zu erleichtern oder überhaupt erst zu
ermöglichen.»47 Es fällt wohl leichter die Methode als Rezept zu betrachten und nicht als
theoretische Vorlage. Wie bei einem Kochrezept müssen Methoden lediglich als Hilfestellung betrachtet werden, die individuell ergänzt oder abgeändert werden können.
45 Vgl. Jenny 1996, S. 7.
46 Lichtenstein/Häberli 1995, S. 154.
47 Jenny 1996, S. 8.
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ASPEKT
FRAGEN, STICHWORTE
Anders verwenden
Wofür lässt es sich sonst noch verwenden?
Wie lässt es sich anders einsetzen?
Wie lässt es sich nutzen, wenn es modifiziert ist?
Wie lässt es sich umfunktionieren?
In welchen anderen Kontext lässt es sich stellen?
Anpassen
Was ist ihm ähnlich?
Inwiefern haben sich die Umstände/Bedingungen geändert?
Wie kann es an die Veränderungen angepasst werden?
Modifizieren
Was lässt sich verändern, abwandeln, umgestalten
(z.B. Bedeutung, Farbe, Bewegung, Klang, Geruch, Geschmack,
Form, Struktur)?
Entsteht daraus etwas Neues, Sinnvolles, Interessantes?
Vergrössern
Was lässt sich hinzufügen (vergrössern, verdoppeln)?
Wie kann man es stärker (stabiler, höher, breiter, schwerer, dicker,
länger, schneller) machen?
Zusatz, Zugabe, Bonus? Qualität erhöhen, wertvoller machen?
Übertreiben?
Verkleinern
Was lässt sich entfernen? Was kann man weglassen?
Wie wird es kleiner (leichter, niedriger, flacher, schmaler, dünner,
kürzer, langsamer)?
Wie auf das Wesentliche reduzieren?
Ersetzen
Was lässt sich ersetzen? Andere Zeit, anderer Ort?
Was lässt sich austauschen? Anderes Ziel, andere Zielgruppe?
Anderes Material? Andere Funktion? Andere Eigenschaft?
Anders anordnen
Was lässt sich anders anordnen, umbauen?
Wie lässt sich die Reihenfolge ändern
(nach vorn, hinten, oben oder unten)?
wGestalt verändern? Ursache-Wirkung umkehren?
Komponenten austauschen?
Umkehren
Was wäre das Gegenteil, das Gegenstück?
Von hinten nach vorn drehen? Es auf den Kopf stellen?
Innenseite nach aussen?
Wie lässt sich das Gegenteil erreichen?
Flüssig statt fest? Weich statt hart? Langsam statt schnell? Rückwärts statt vorwärts? Das Ende an den Anfang?
Plus statt Minus? Positiv statt Negativ? Vorteil statt Nachteil?
Aussen statt innen? Freund statt Feind?
Kombinieren
Was lässt sich neu kombinieren (vermischen, verbinden)?
Welche Varianten können dadurch entstehen? Ein Mix?
Hilfsmittel kombinieren?
Osborn-Checkliste
Die Osborn-Checkliste wurde von Alex Osborn (1888–1966) 1963 entwickelt. Er war ein
amerikanischer Philosoph und Gründer einer grossen Werbeagentur. Seine Methode zielt
darauf ab, das Denken auszuweiten, in verschiedene Richtungen zu lenken und das Problem
von mehreren Blickwinkeln zu betrachten. Durch den Einsatz von bestimmten Fragen, wird
der Gegenstand (in meinem Fall das Alltagsobjekt) systematisch untersucht und von verschiedenen Perspektiven durchleuchtet.48 Das Ziel ist es, durch Beantworten dieser Fragen,
naheliegende aber auch total abstrakte Assoziationen im Bezug auf das Objekt auszulösen.
Die aufgeführte Liste der Fragen wurde aus dem Buch Kreativer Denken von Brunner übernommen.49 Gewisse Fragen wurden teilweise angepasst oder weggelassen. Das es steht immer für den Gegenstand.
48 Vgl. Brunner 2008, S. 266.
49 Vgl. Brunner o.o.A., S. 271–273.
41
Abb. 17
Mind-Map nach Tony Buzan
Abb. 18
Illustration eines Rhizom’s
42
Mind-Map
Die Osborn-Checkliste löst Assoziationen aus, die mit Hilfe der Mind-Map Methode aufgenommen und skizziert werden sollen. In den meisten Fällen, werden die Assoziationen einfach der Reihe nach in Listenform aufgeschrieben. Aber diese Form ist «der Arbeitsweise des
Geistes zuwider».50 Die Brüder Buzan begründen in Das Mind-Map Buch diese Behauptung
wie folgt: «Durch das fortwährende Herausreissen einer Idee aus ihrem Zusammenhang
hemmen sie den natürlich Denkprozess und töten ihn schliesslich ab. Listen behindern die
freie Assoziation des Gehirns, bremsen sie bis zur Stagnation ab und errichten enge Denkstrukturen, die die Wahrscheinlichkeit verringern, dass Kreativität und Erinnerungen frei
fliessen können.»51 Im Gegensatz dazu ist die Darstellungsform des Mind-Maps ideal und
entspricht der Arbeitsweise des Gehirns: assoziieren, verknüpfen, vernetzen.52 Denn das
Denkmuster des Gehirns ist wie eine riesige Assoziationsmaschine.53 Methoden regen unsere Gedanken zum Assoziieren an. Und «wenn man erst begreift, dass man alles mit allem
assoziieren kann, findet man fast augenblicklich Assoziationen, vor allem wenn man einen
weiteren Anreiz gibt.»54 Der Anreiz ist in meinem Fall die Osborn-Checkliste.
Das Mind-Map ist sozusagen die Darstellungsform von gesammelten Ideen. Es ähnelt einem
verästelten Baum oder einem Wurzelgeflecht55 und erinnert an ein Rhizom.56 In der Mitte
jedes Mind-Maps steht eine Information, als Zeichnung/Skizze in einer Kugel. Von der Kugel
gehen Haken oder Linien aus. Sie stellen eine Assoziation dar und dienen sozusagen als
Datenbank.57 Auf jedem Haken steht ein Begriff und die Linie des Hakens ist so lange wie
der Begriff selbst. Die Linien des Hakens sind nie gerade, immer geschwungen wie bei einer
Wurzel.58 Sie strahlen vom Mittelpunkt aus wie beim radialen Denken.59 Dies sind die für
die Arbeit, bzw. den praktischen Teil, relevanten Hinweise.
50 Buzan 2002, S. 86.
51 Buzan ebd.
52 Brunner 2008, S. 223.
53 Buzan o.o.A., S. 56.
54 Buzan 2002, S. 87.
55 Vgl. Brunner 2008, S. 223.
56 «Ein Rhizom ist ein vielwurzelig verflochtenes System […]. Rhizomatisch ist ein Begriff in der Philosophie und im Poststruk-
turalismus: […] es verweben sich Einheit und Vielheit ineinander, und weder existiert das eine vor oder über dem anderen,
noch hebt das eine das andere auf. Keines gibt es ohne das andere.» fremdwort.de 2009.
57
Vgl. Buzan o.o.A., S. 53.
58 Vgl. Buzan o.o.A., S. 96.
59 Vgl. Buzan o.o.A., S. 57.
43
Abb. 19
Jenny, Peter:
Illustration entstanden aus den Bissstudien (Abb. 16),
aus dem Buch Bildrezepte 1996.
44
Kreativ-Methoden sind meiner Meinung nach als Leitplanke und Stütze im gestalterischen
Arbeitsprozess zu verstehen und geben einen Anstoss oder einen Einstieg in ein neues Projekt.
Assoziationen bilden sich mit oder ohne Kreativ-Methoden, aber mit ihrer Hilfe, können sie
bewusst in eine bestimmte Richtung gelenkt werden. Sie sollen als Wegweiser und nicht als
Bestimmung gesehen werden. Viele Designer behaupten, sie gehen nur intuitiv an eine
Arbeit heran. Ich denke aber, dass alle Designer intuitiv eigene (Kreativ-)Methoden anwenden
und diese den oben erwähnten Methoden in irgendeiner Form ähnlich sind. Das ist jedoch
eine Behauptung, die nur im eigenen Arbeitsprozess selbstreflektierend bestätigt oder
widerlegt werden kann. Wichtig aber ist die Erkenntnis, dass keine Kreativ-Methode gestalten
oder das Potential einer Idee erkennen kann. Dies ist und bleibt Aufgabe der Designer und
resultiert aus deren Fähigkeiten. «Diese Fähigkeit basiert auf der individuellen Intention des
Designers […]»60 Und: «Die Fähigkeit, den Wert oder Nutzen einer Idee zu erkennen, ist an
sich eine kreative Handlung. Wenn eine Idee neu ist, muss man sich ihre Auswirkung bildlich
vorstellen können. Menschen die imstande sind, eine Idee mittels Visualisierung zu entwickeln, verdienen genau soviel Anerkennung wie der Ideenproduzent selbst.»61
60 Noble/Bestley 2005, S. 20.
61 Vgl. Bono 1996, S. 46.
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