close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

HAUTSCHUTZPLAN - Kahmann & Ellerbrock

EinbettenHerunterladen
sonntagszeitung.ch | 19. Oktober 2014
Hummler
Die andere Sicht von Peter Schneider
Anstand am
Olma-Stand
Der Alltag erteilt die besten Lektionen in angewandter Volkswirtschaftslehre. Da besuchten
wir in der vergangenen Woche die Olma in
St. Gallen – ein Herbst ohne das Bad in diesem
Gedränge und ohne die unvergleichlichen Gerüche wäre kein richtiger Herbst! – und begaben
uns in jene Halle, wo Käse, Molke, Quark, Schabziger und andere Leckereien dargeboten werden.
Am Stand eines Toggenburger Biskuitfabrikanten
musste man sich regelrecht durchwühlen, um
ans Ziel zu gelangen, nämlich zu den einzeln eingepackten süssen Stängeli, die in grossen Tonnen fürs Publikum zum Gratiskonsum bereitlagen.
Wir versuchten ein ordinäres Guetsli und dann
noch eine neue Sorte zum Vergleich und wollten
uns dem nächsten Stand zuwenden, als wir
neben uns einer Dame gesetzten Alters gewahr
wurden, die kaltblütig eine weit geöffnete Einkaufstasche, Hand voll um Hand voll, mit Stängeli
füllte. Nicht einmal auf mein «Hoppla, die haben
wohl Hunger zu Hause!» stellte sie ihren Raubzug
ein, sondern steckte sich schamlos gleich noch
drei Biskuits in den Mund.
Schamlos? Nein, vermutlich einfach angeboren.
Wenn etwas gratis zu haben ist, dann kann der
Mensch kaum anders – er muss sich den Bauch
vollschlagen. Das entspricht dem vererbten Verhalten unserer Vorfahren, der Sammler und Jäger.
Mammut erlegt – auf zur Schlacht am kalten Buffet! Bevor uns die Maden Konkurrenz machen.
Oder die Jäger aus der Nachbarhöhle. Oder Wölfe und Bären. Sitte und Anstand kamen als kulturelle Errungenschaften wohl erst auf, als die Versorgungslage mit Nahrungsmitteln etwas ausgeglichener wurde, das
heisst mit dem Anbau
von Getreide und dem
Halten von Zuchtvieh.
Ab und zu bricht unser
archaischer Charakter
durch, was von Marketingspezialisten durchaus provoziert wird,
wozu sonst gäbe es die
wunderbaren Degustationshallen, wo es ja
nicht nur Guetsli, sondern auch massenhaft Käse,
Kaffee, Wurst, Bier und Wein zu probieren gibt.
Das funktioniert dann so: Die Tausenden von Leuten, darunter auch wir, erinnern sich nach gehabtem Vergnügen der Wohltäter und kaufen dann,
anstatt einem Mammutgott zu opfern, brav von
ihren Marken im Supermarkt oder im Internet ein.
«Wenn etwas
gratis zu
haben ist,
kann
der Mensch
nicht
anders»
Allerdings hat die genetische Prädisposition
auch eine tragische Seite. Unsere Masslosigkeit
bei Dingen, die gratis zu haben sind, verunmöglicht der Gesellschaft den vernünftigen Umgang
mit öffentlichen Gütern. Man spricht in der Ökonomie von der «Tragik der Allmende» und meint
damit die unweigerliche Übernutzung, die mit für
den Einzelnen kostenlosen Gütern verbunden ist.
Die übliche Antwort der Gesellschaft, bei der die
Kosten dann eben schon anfallen, heisst Regulierung und Rationierung. Eine andere Antwort
bestände darin, den Gebrauch öffentlicher Güter
durch Preismechanismen einzuschränken, was
dank Internettechnologie heute in vielen Fällen
ohne weiteres möglich wäre. Das Handy ist ein
ideales Mittel, um den Zutritt individuell zu regeln
und um die Kosten dem Einzelnen zuzuordnen.
Ob solcherlei Problemlösung politischen Durchbruch erlangt? Obschon tausendmal effizienter,
da verursachergerechter als jede Regulierung
und Rationierung: Ich bezweifle es. Es muss –
vermutlich wiederum angeborene – Gründe geben, weshalb wir öffentliche Güter irgendwie
schätzen. Sonst wäre Roadpricing längst eingeführt, und sonst gäbe es die langen Schlangen
vor den kalten und warmen Buffets bei pauschalarrangierten Ferien nicht und auch keine
Degustationshalle an der Olma.
Konrad Hummler ist Verfasser der «Bergsicht»
und Strategieberater mehrerer Firmen.
Oh my God!
Komm ich jetzt in
die «Arena»?
Die Princess of Switzerland Laetitia Guarino
Foto: Gian Kaufmann/tilllate.com
Verantwortung lässt
sich nicht abschieben
Hoffte die Justiz, dass sich der Fall des Vergewaltigers Samir B. von alleine löst?
Man hätte ihn nicht ziehen lassen dürfen, findet Adrian Schulthess
Im Nachhinein ist man immer
schlauer. Dass der Marokkaner
Samir B. in der Schweiz Frauen
überfallen und sexuell nötigen
würde, konnten die Richter des
Zürcher Obergerichts nicht voraussehen, als sie ihn aus der Sicherheitshaft entliessen. Auch
nicht, dass er in Deutschland sieben Frauen vergewaltigen würde.
Sie wussten ja nicht einmal, dass
der 26-Jährige in Italien wegen eines Sexualdelikts bereits im Gefängnis war.
Doch manche Passagen des Urteils lesen sich, als ob die Richter
gewisse Entscheidungen B.s vorausgeahnt hätten. Sie sahen jedenfalls «keine Hinweise», dass «die
Adrian Schulthess,
Nachrichtenredaktor
Anwesenheit des Beschwerdeführers» beim anstehenden Gerichtsprozess «zwingend erforderlich wäre». Und: «Allein die Tatsache, dass der Beschwerdeführer bei
Fernbleiben an der Hauptverhandlung als unentschuldigt gelten
könnte», rechtfertige nicht, «ihn
weiter in Haft zu behalten». B. hatte in der Schweiz kein Bleiberecht,
keine Bekannten, keine finanziellen Mittel. Seine Flucht sei «im
konkreten Fall wohl möglich», anerkannte das Gericht sogar.
Schwingt da Hoffnung mit, dass
sich B. ins Ausland absetzt und somit die Schweizer Justiz nicht mehr
belastet? Immerhin ordnete das
Obergericht auch an, B. «zwecks
Prüfung von Fernhaltemassnahmen direkt dem Migrationsamt des
Kantons Zürich zuzuführen». Aus
den Augen, aus dem Sinn.
Samir B. ist das beste Beispiel,
dass die Abschiebetaktik nicht
funktioniert.
Dass er sich in der Schweiz und
Deutschland weitere Opfer holte,
konnte man vielleicht nicht voraussehen. Doch Fakt ist, dass eine
ganze Reihe Frauen eines der
schlimmsten Verbrechen erleiden
mussten, das man sich vorstellen
kann. Verbrechen, die sie nicht
hätten erleiden müssen, wenn die
Justiz ihre Verantwortung wahrgenommen hätte.
Justiz ― 9
Vorsicht, Vorbild!
Der Fall Rominger zeigt für Andreas Kunz, dass Sportler nicht
zu Heldenfiguren verklärt werden sollten
Zu unseren liebsten Idolen gehören Sportstars. Sie sind die Gladiatoren unserer Zeit, die Besten ihres Fachs, ehrenhaft in Sieg wie
Niederlage. Ihre Geschichten sind
moderne Märchen, in denen der
Held keine Herausforderung
scheut und jegliche Widrigkeit
überwindet – bis er auf ewig einen
Platz in den Herzen der Fans
erobert hat.
Es ist eine Win-win-Situation:
Der Sportler bekommt Aufmerksamkeit – und der Fan einen Massstab fürs Leben. Das Geschäft ist
lukrativ: Je grösser die Vorbildfunktion, je tiefer die Bewunderung der Anhänger, desto besser
dotiert sind die Verträge der Stars.
Andreas Kunz,
stv. Chefredaktor
Ist die Karriere vorbei, folgt jedoch allzu oft die Ernüchterung.
Für den Sportler, der mit seinem
Leben als ausgediente Heldenfigur nicht zurechtkommt. Und
für den Fan, der merkt, dass das
Bild seines Idols zu grossen Teilen
eine Inszenierung war.
Aus Märchen werden dann Tragödien. Und aus Überfiguren normale Menschen, die vielleicht mit
einem Suchtproblem oder einer
Depression kämpfen. Es ist traurig, sein einstiges Idol abstürzen
zu sehen. Und manchmal wird es
sogar richtig peinlich. Wie im Fall
des ehemaligen Giro-d’Italia- und
Vuelta-Siegers Tony Rominger.
Kämpfte er sich als Aktiver noch
willensstark über die höchsten Alpenpässe und verdiente damit als
Werbefigur Millionen, fehlt ihm
als Mann offenbar das Rückgrat,
zu einer Vaterschaft zu stehen und
sich freiwillig zu Unterhaltszahlungen zu verpflichten.
Wer ist nun schuld an der Enttäuschung über die einstigen Idole? Es sind wir Fans, die sich von
den Märchen verführen lassen. Die
daran glauben, dass Sportler, die
glorreich siegen, automatisch zum
Vorbild taugen.
Wer tatsächlich zum Idol taugt,
wird erst nach der Aktivzeit klar.
Noch besser aber hütet man sich generell davor, Sportler zu Vorbildern
zu verklären.
Schweiz ― 6
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
5
Dateigröße
85 KB
Tags
1/--Seiten
melden