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2.7
1.1 Interpretationsansätze
Biografie
2.7Interpretationsansätze
2.7.1 Der Fluss – seine strukturelle Funktion
In seiner ausführlichen Analyse des
Romans, Siddhartha – Die Landschaft
der Seele betitelt, legt Theodore Ziolkowski besonderen Wert auf die Funktion des Flusses. Der
Fluss steht für die Vereinigung aller Gegensätze, für Stillstand
in der Bewegung und Vollendung (vgl. Kapitel 2.3.2):
Fluss = Stillstand
in der Bewegung
„Mit dem Fluss fand Hesse ein perfektes Symbol für seine eigene
Anschauung. Demians Abraxas, Harry Hallers Magisches Theater [im Roman Der Steppenwolf] und noch das Glasperlenspiel
sind alles Symbole für genau dieselbe Idee; aber es sind erfundene oder esoterische Symbole, die einer Erklärung bedürfen,
während das treffende und bezeichnende Symbol des Flusses
dem Leser sofort einleuchtet. Aber Hesse begnügt sich nicht
allein mit der symbolischen Funktion des Flusses. Er verwendet
ihn außerdem noch als zentrales strukturelles Element. (...) Nur
mit Hinblick auf den Fluss lässt sich überhaupt feststellen, dass
die drei Zeitabschnitte [1. Siddharthas geistiges Leben zuhause,
bei den Samanas und bei Buddha, 2. sein sinnliches Leben in der
Stadt und 3. sein Leben am Fluss] gleich lange dauern. Und der
Fluss, als das natürliche Symbol der Synthese, ist auch die natürliche Trennungslinie zwischen dem Reich des Geistes und dem
der Sinne. In beiden Bereichen versucht Siddhartha zu leben,
ehe er – am Ufer eben desselben Flusses – zur Synthese gelangt.
Was wir vor uns haben, ist daher, mit anderen Worten, eine Pro-
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undLeben
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Ishiguro:
und Werk
2.7 Interpretationsansätze
1.1 Biografie
jektion von Siddharthas innerer Entwicklung in den Bereich des
Raumes: in die Landschaft seiner Seele.”36
2.7.2 Siddhartha − Projektion der Innerlichkeit
Theodore Ziolkowski weist zudem auf
Ähnlichkeiten mit Hesses
eine entscheidende Ähnlichkeit des
Roman Demian
Siddhartha mit dem drei Jahre zuvor
erschienenen Roman Demian hin. In beiden Werken hat die
erzählte äußere Handlung eine symbolische Bedeutung, ist eine
Projektion der inneren Entwicklung der Protagonisten:
„Die Handlung ist, wie im Demian, auch hier fast ganz nach
innen verlegt: das Aufregende dieses von außen so heiter-ruhigen
Werkes spielt sich allein im Kopf Siddharthas ab. Es wäre völlig
verfehlt, dieses Werk nach den Kriterien des traditionellen, realistischen Romans zu beurteilen. (...) In beiden Werken gibt es
eine Schicht, auf der realistisch erzählt wird, aber als Ganzes ist
das eine wie das andere die symbolische Projektion eines inneren
Bildes und nicht der Versuch, die äußere Realität mimetisch
einzufangen. Gleich seinen Helden, die zwischen Natur und
Geist schwanken, fühlt sich auch Hesse als Erzähler im Konflikt
zwischen der Neigung zum realistischen und der zum lyrischen
Stil. Mit Siddhartha hat er ein Äußerstes an symbolisch-lyrischer Erzählweise erreicht; sein nächstes größeres Werk aber,
Der Steppenwolf, wird in der Beschreibung der Charaktere, im
Dialog der Handlung näher an den Realismus herankommen als
alles andere, was Hesse je geschrieben hat.”37
36 Ziolkowski, in: Michels (Hrsg.), Materialien Bd. 2, S. 143−145.
37 Ebd., S. 158.
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undLeben
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1. Textanalyse
Kazuo Ishiguro:
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1.1 Interpretationsansätze
Biografie
2.7.3 Die Kreissymbolik
Reso Karalaschwili untersucht die
Bedeutungsebenen des Kreis- und
Spiralsymbols im Kontext der Gesamtkomposition des Siddhartha:
Ganzheit und Glück
„Wenn wir Siddharthas Entwicklung graphisch darstellen, so bekommen wir einen Kreis. Die Entwicklung fängt am Flusse an
und endet am selben Fluss (…). Die gleiche Beobachtung macht
auch der Komparatist38 an der McGill University Adrian Hsia,
indem er ausdrücklich darauf hinweist, dass Siddhartha vom Ich
ausgeht und zum Ich zurückkommt und sich somit im Kreise
bewegt. Die Kreisform in Siddharthas Entwicklung wird übrigens
auch durch die Gesamtzahl der Kapitel (Zwölf) unterstrichen,
deren grafische Entsprechung auch der Kreis sein kann.
Die symbolische Bedeutung des Kreises ist nicht einheitlich. Einerseits ist er, auch in südostasiatischen Kulturen, ein Totalitätssymbol mit kosmisch-übergeordnetem Charakter und einem
deutlichen Bezug zur Transzendenz39. Man denke nur an die
zahlreichen Mandalas40 des Ostens, denen eine Kreisform zugrunde liegt und die in ihrer Struktur sämtlich ,metaphysische
Qualitäten’ aufweisen. In diesem Fall sollte der Kreis fast ausschließlich als das Ganzheitssymbol und eine complexio oppositorum41 betrachtet werden, welche alle Gegensatzpaare (…) in
einer divinatorischen42 Einheit der höchsten Ordnung und Har38 Komparatistik: vergleichende Literatur- oder Sprachwissenschaft.
39 Transzendenz: In der Philosophie das Überschreiten der Grenzen der Erfahrung, des Bewusstseins, des Diesseits.
40 Ein Mandala ist das Bild einer abstrakten, verzierten Kreisstruktur, die in indischen Religionen
als Meditationshilfe dient.
41 Complexio oppositorum: Verknüpfung der Gegensätze.
42 Divinatorisch: seherisch, hellsichtig.
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Textanalyse
undLeben
-interpretation
1.2.Kazuo
Ishiguro:
und Werk
2.7 Interpretationsansätze
1.1 Biografie
monie vereinigt. Andererseits aber ist der Kreis ein Analogon43 des
Rades und speziell des Glücks- und Lebensrades, welches das Auf
und Ab des Lebens und die ewige Wiederkehr der Dinge und Geschehnisse veranschaulicht. Dafür gibt es im Sanskrit sogar einen
speziellen Begriff – Sansara (samsāra), dem in den hinduistischen
sowie in den buddhistischen Texten eine enorme Rolle zukommt.
Für die Struktur der indischen Dichtung Hesses sind die beiden
Bedeutungen der Kreisform von einer gewissen Relevanz. Insofern
wir von dem Roman, bzw. von Siddharthas Lebensweg, als von
einer Ganzheit sprechen, welche die Gegensätze in einer höheren
Einheit verbindet, kommt die erste Bedeutung des Kreises zur
Geltung, welche übrigens auch mit der Gesamtintention des
Werkes und seiner bipolaren Anordnung übereinstimmt. Sobald
wir aber einzelne Lebensstadien in Siddharthas Entwicklung, welche ebenfalls geschlossene Einheiten darstellen, getrennt betrachten, tritt die Symbolik des Kreises von einer anderen Seite auf
und weist auf die unschöpferische Wiederholung des Gleichen,
auf das Ausschöpfen der fortschreitenden Potenzen einer Lebensform und auf die daraus folgende Unmöglichkeit der seelischen
Erneuerung hin. Dabei stellt es sich heraus, dass auch die dargestellten Lebensphasen in ihrer Souveränität und Geschlossenheit
eine Kreisform haben und dadurch die Weiterentwicklung der
Figur im Rahmen der gegebenen Phase ausschließen.
Diese Entwicklung wird erst durch die Form der Spirale zum
Ausdruck gebracht, in die der Kreis umschlägt, sobald wir die
Struktur des Romans nicht mehr von oben, sondern von der
Seite her als eine kontinuierliche Zusammensetzung einzelner
Phasenkreise betrachten. Denn jedes Stadium in Siddharthas
Entwicklung stellt einen geschlossenen Kreis dar, wo die Schlusspointe sich gewissermaßen mit dem Ausgangspunkt deckt und die
43 Analogon: gleichartiger Fall.
2.
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